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Fluchtachterl

Österreichblog von Wolfgang Luef

Fluchtachterl  8 Kommentare

Erklär mir Österreich

Fragen, die ich als Auslandsösterreicher nicht mehr hören kann: Die Hassliebe zu Deutschland, die dunklen Keller und eine Urban Legend aus dem Straßenverkehr.

Von Wolfgang Luef

Vor ein paar Wochen habe ich damit begonnen, eine Liste zu machen – mit Fragen, die mir Kollegen über Österreich stellen. Inzwischen bin ich damit auf der vierten Seite angekommen. Manche der Fragen kommen immer wieder, andere habe ich nur wenige Male oder gar nur einmal gehört – halte sie aber für absurd genug, um sie festhalten zu müssen. Manchmal frage ich mich, wie es jemandem gehen muss, der aus einem wirklich exotischen Land ins neugierige Deutschland zieht. Nauru vielleicht, oder Mikronesien. Nicht auszudenken. Die am häufigsten gestellte Frage meine Herkunft betreffend hat eigentlich weniger mit Österreich als mit Deutschland zu tun. Sie lautet:

Mögt ihr uns? (Manchmal auch als “Ihr mögt uns nicht, oder?” beziehungsweise “Warum mag uns Deutsche bei euch eigentlich keiner?“)

Meine Antwort darauf lautet meist ungefähr so: “Nein, also, naja…” Und ich bin mir gar nicht sicher, ob es darauf eine eindeutigere Antwort gibt. Nur ein paar Fakten: Viele von uns nennen euch “Piefke”, und zwar weil ein preußischer Militärkapellmeister vor 150 Jahren in Gänserndorf eine Parade veranstaltet hat. Heute hat der Mann sogar ein Denkmal. Wir haben irgendwann beschlossen, dass wir im Nationalsozialismus euer erstes Opfer waren und manche glauben das immer noch. Wir freuen uns, dass alle Welt Hitler für einen Deutschen hält und Beethoven für einen Österreicher.  Wenn nicht so viele von euch nach Österreich in Urlaub fahren würden, gäbe es im Westen des Landes wohl kaum Ferienjobs, und kein Mensch hätte Lust, Skilehrer zu werden. Schwäbisch ist für die meisten Österreicher nicht von Sächsisch zu unterscheiden und vielfach ist euer Ruf heutzutage nur deshalb schlecht, weil ihr an unseren Universitäten den einen oder anderen Hörsaal verstopft. Und wer wie ich ein paar Jahre in eurer Mitte lebt, der beginnt, euch zu mögen. Übrigens bin ich mir sicher, dass es ein Deutscher in Österreich sehr viel schwerer hat als umgekehrt, wie ein lesenswertes Buch von Eva Steffen zeigt.

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Warum werden in letzter keine Kinder mehr aus Kellern befreit? Habt ihr dazugelernt oder versteckt ihr sie nur besser?

Also gut, das fällt wohl zunächst mal in die Kategorie “Mittellustiger Witz”. Und genau so, in dieser Formulierung, habe ich sie nur ein einziges Mal gehört: Von dem Kollegen, der nebenan den Redaktionsblog schreibt. Dem scheint das aber ernst gewesen zu sein, er hat meine Antwort wie zum Beweis sogar auf Facebook gepostet. Sie lautete: Beides.

Lassen wir den mittellustigen Witz mal beiseite: Das Keller-Klischee ist seit Prikopil und Fritzl wohl verbreiteter, als man (zumal als Österreicher) denkt. Mir fällt da die Twitter-Posse um das US-Label Kenneth Cole ein. Die Leute von Kenneth Cole haben sich auf Twitter an einem – bestenfalls halblustigen – Witz über die Revolution in Ägypten versucht. Tausende Menschen würden dort die Straßen bevölkern, weil der Designer eine Frühlingskollektion herausgebracht habe. Der misslungene Scherz wurde netztypisch auf Twitter hundertmal persifliert. Welche Länder und Ereignisse hätte Cole noch mit seiner Frühjahrskollektion verwitzeln können? “Menschen in Hiroschima, ihr werdet schmelzen!”, hieß es da. Oder: Alle Schwulen hätten den Iran verlassen, um in Dubai die Kollektion zu kaufen. Oder eben: “Österreichische Väter, habt ihr ein Mädchen im Keller? Dann heitert es mit einem Zweiteiler auf.” Von wegen Mozart, Habsburg oder Lederhose: Der Keller ist das neue Österreich-Klischee.

Vielleicht beantwortet ja der neue Film von Ulrich Seidl die Frage des Kollegen. Der Streifen soll der Beziehung zwischen den Österreichern und ihren Kellern auf den Grund gehen.

Kommen wir wieder zurück zu mittellustigen Witzen (ok, zugegeben, manchmal schon mehr als mittellustig):

Stimmt es, dass in Österreich Brillenträger beim Autofahren eine Ersatzbrille dabei haben müssen?

Das wollten in der Tat schon mindestens fünf deutsche Bekannte von mir wissen. Es scheint eine weit verbreitete urbane Legende über Österreich zu sein. Auf ungezählten deutschen Urlaubs-, und Reisewebseiten wird davor gewarnt: Habt in Österreich immer eine Ersatzbrille dabei! Nun, ich möchte nicht ausschließen, dass irgendwo ein gewiefter österreichischer Polizist einem Hut-tragenden Autofahrer mit Darmstädter Kennzeichen einmal 70 Euro in Bar für eine fehlende zweite Brille abgeknöpft hat. In der Straßenverkehrsordnung findet sich allerdings nichts dergleichen.

Beim nächsten Mal dann: Ist Liftjunge bei euch ein angesehener Beruf? Was habt ihr bloß mit Cordoba? Wie heißen Hunde bei euch? Wieso kann sich der Dosenheini zwei Formel-1-Teams leisten?

Kommentare

  • IchDuErSieEs

    Ein sehr schöner Beitrag, habe mich köstlich (auch über mich selbst) amüsiert! Okay, ich werde NIE (!!!) wieder Ösi sagen, versprochen – wenn die Fragen (und gern auch die Antworten) mal gesammelt hier erscheinen!

  • Wolfgang Luef

    Falls Sie noch eine Frage zu meiner Liste hinzufügen wollen: Sehr gerne!

  • Mark Lucid

    Ja, hat mich auch sehr erheitert.. Da mein Vater aus dem Land der Berge.. wird er wohl auch darüber einige Passagen beifügen können, ich weiß schon, wie es als Sohn eines Österreichers ist, in Deutschland aufzuwachsen..
    Bitte um Fortführung!!

  • Achim B.

    Den Artikel bitte einmal gegenlesen und noch einmal online stellen. »Euerer« gibt es vermutlich auch in Österreich nicht und dass ganze Worte in einem Satz fehlen, macht die Sache auch nicht einfacher zu lesen.

  • MN

    Die Ersatzbrille gab es tatsächlich einmal. In meinem Führerschein (ausgestellt 1992) ist ein Stempel: “Die ärztlich verordnete Brille ist zu tragen. Eine Reservebrille ist mitzuführen.” Der letzte Satz ist allerdings händisch durchgestrichen – offensichtlich wurde kurz zuvor das Gesetz geändert.

  • Wolfgang Luef

    Vielen Dank für die Anmerkungen. Jetzt sollte die Sache einfacher zu lesen sein.

  • Sepp Z.

    In meinen ersten Führerschein war hineingestempelt, dass ich beim Lenken eines Fahrzeugs Brille zu traghen und Reservebrille mitzuführen habe. Seit der Neuausstellung des Scheins – nein, nicht nach zeitweiliger Entziehung der Lenkerberechtigung, ich war nur dem Foto zum Glück immer unähnlicher geworden – fehlt dieser Passus. Und ich führe trotzdem eine Ersatzbrille mit, weil ich seh ja ohne den Stempel im Führerschein nicht besser.

  • MK

    also nur mal so, ich glaube nicht, dass man es als Deutsche/r in Österreich leichter hat, nein.
    Und als Deutsche in Österreich (in deinem Alter) kann ich ebenfalls die ganzen “Klischeefragen” nicht mehr hören, die man ständig durchkauen muss. Warum man z.B. keinen Dialekt spricht, ist jedes Mal eine Frage…und wirst du schlechter behandelt, weil du Österreicher bist? Scherze und Witze sind ja die eine Sache, aber was man in Wien erlebt, geht über Scherze weit hinaus. In Deutschland hält man die Geschichten für Märchen…. bis man selbst einmal in Österreich gelebt hat!