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Fluchtachterl

Österreichblog von Wolfgang Luef

Fluchtachterl  4 Kommentare

Wenn sich Wutbürger fremdschämen

Die einen gehen auf die Straße und machen Lärm. Die anderen leiden still. Eine kleine Nachbetrachtung der deutschen und österreichischen Worte und Unworte des Jahres.

Von Wolfgang Luef

In jedem deutschsprachigen Land gibt es einen Verein, der einmal im Jahr ein paar Worte diskreditiert. Sprachwissenschafter rufen Begriffe zu Unworten aus – danach gelten die solcherart gescholtenen Wörter als verpönt. Niemand spricht gerne in Unwörtern. Seit gestern weiß man also, dass das Wörtchen „alternativlos“ in Deutschland künftig seltener zu hören sein wird.  Das ist wohl kein allzu großer Verlust. Es gibt schließlich eine Menge alternativer Wörter, die dasselbe sagen. Ob der Verlust von „extremer Unterauslastung“ (Liechtensteiner Unwort 2010) oder der „FIFA-Ethikkommission“ (Schweizer Unwort 2010) schmerzlicher ist, lässt sich von Deutschland aus kaum beurteilen. Ein wenig leid müsste es den Amerikanern eigentlich um Sarah Palins Wortschöpfung „refudiate“ (unnötigstes Wort der USA 2010) sein, oder um das anzügliche „gate rape“ für die entwürdigende Durchsuchung der Fluggäste am Gate (scheußlichstes Wort der USA 2010).

Als könnten die österreichischen Sprachwissenschafter eine Sache stoppen, indem sie erstmal den Namen dafür diskreditieren, wurde im Dezember die „humane Abschiebung“ zum Unwort ausgerufen. Dieses kreative Oxymoron stammt von der österreichischen Innenministerin. Sie reagierte damit auf Proteste von Menschenrechtsorganisationen gegen die Praxis, Kinder vor ihrer Abschiebung in Haft zu nehmen – etwas, das die Dame für alternativlos hält, künftig aber eben irgendwie humaner geschehen soll. Außer ihr hat diesen Begriff allerdings in Österreich kaum je ein Mensch verwendet. Noch bemerkenswerter ist die österreichische Wahl zum Wort des Jahres 2010: Fremdschämen.  Das ist zwar ein schöner Begriff und übrigens ganz und gar alternativlos, also ohne Synonym, doch auch in Österreich gibt es das Wort schon mehrere Jahre. Wieso also 2010? Vielleicht ist das Wählen der Worte und Unworte auch etwas wie ein Akt des Protests: Die Linguisten haben sich wohl im Angesicht der dämlichen Wortkombination von der humanen Abschiebung so sehr für ihre Innenministerin fremdgeschämt, dass ihnen keine andere Wahl blieb.

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Gerade im Vergleich zum Wutbürger  (Wort des Jahres in Deutschland 2010) bekommt die Entscheidung aber noch eine ganz neue Dimension. Sie war nämlich dezidiert politisch gemeint. Der Österreicher fremdschämt sich immer öfter für die Leistungen und Worte seiner Politiker, schreibt die Jury in ihrer Begründung, wodurch das Verantwortungsgefühl für politische Missstände sich verschiebt: vom jeweiligen Politiker auf den Einzelnen. Nichts anderes passiert ja mit dem Wutbürger, den es gegen politische Entscheidungen auf die Straße treibt. Auf schlechte Politik reagiert man offensichtlich in Wien und Salzburg ganz anders als in Berlin oder Stuttgart. Der Deutsche geht raus und macht Krach, der Österreicher bleibt daheim und leidet still. Beides reicht für ein Wort des Jahres. Womöglich ist das eine zu klischeehafte Interpretation. Aber auch irgendwie eine alternativlose.

Kommentare

  • Kritischergeist

    Alle Wörter aus dem Duden sowie alle Neuschöpfungen sind zur kostenlosen Benutzung auf eigene Verantwortung freigegeben. Deshalb gibt es keine Unwörter sondern nur Leute die Sprache zensieren wollen indem sie Begriffe tabuisieren möchten. Erfreulicherweise klappt dies aber nicht denn die selbsternannten Sprachzensierer gehen dem Volk am Arsch vorbei. Sprache ist lebendig und lässt sich außer in Diktaturen nicht unterdrücken.

  • valerie

    “Der Deutsche geht raus und macht Krach, der Österreicher bleibt daheim und leidet still.” Unbedingt nachlesen “Wir müssen reden” SZ-Magazin Jan 2010 in Wien. Wie die Historie der beiden Länder (dort 800 Jahre Herrschaft der katholischen Kirche und der Habsburger – hier Krach) auf ihre Insassen bis heute abfärbt …

  • Wolfgang Luef

    @valerie: Volle Zustimmung und danke für den Hinweis. Das Gespräch, das wir vor knapp mehr als einem Jahr im “Cafe Engländer” in Wien geführt haben, findet sich übrigens in voller länge hier: /texte/anzeigen/32370

  • Karl Schmidt

    Ich fand das Wort alternativlos unmöglich, gar falsch, da es im Leben nur wirklich wenig alternativlose Situationen gibt: Ich sitze vorm Fernsehrer und möchte ein Bier. Da ist es alternativlos, dass der Junge in den Keller rennt und mir eins holt. So weit so gut. Aber in der Politik? Stammt das Wort nciht gar aus dem Lateinischen und lautet übersetzt so etwas wie “verhandeln, Alternativen finden”? Frag nach bei Cicero.