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PromiLeaks

Life is a beach. Der ironische Seitenblick auf Stars und Sternchen

PromiLeaks  14 Kommentare

„Liebes Wikipedia, ich bin Philip Roth“

Wie ein berühmter Schriftsteller, eine ehemalige Präsidentengattin und andere Promis gegen das Internet um ihre Würde kämpfen.

Von Michaela Haas

Unzufrieden mit Wikipedia: der amerikanische Autor Philip Roth. (Foto: Reuters)

Philip Roth, einer der wichtigsten amerikanischen Autoren der Gegenwart, meldet sich selten in eigener Sache zu Wort. Was er zu sagen hat, sagt er in der Regel in seinen Büchern. Umso überraschender ist ein offener Brief, den der Pulitzer-Preisträger auf der Webseite des New Yorker veröffentlicht hat: „Liebes Wikipedia, ich bin Philip Roth“, so beginnt der 2.655 Worte lange Wutanfall. Er habe kürzlich zum ersten Mal den Wikipedia-Eintrag zu seinem Roman Der menschliche Makel gelesen, schreibt Roth und moniert: “Der Eintrag enthält eine ernsthafte Falschbehauptung, die ich bitte zu entfernen. Diesen Punkt hat Wikipedia nicht aus der Welt der Wahrhaftigkeit, sondern aus dem Gefasel des literarischen Klatsches – es steckt darin kein Körnchen Wahrheit.“

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Was den Meister nun bewog, die Öffentlichkeit zu suchen, war die Reaktion Wikipedias auf seinen Wunsch, den Eintrag zu korrigieren. „Als ich Wikipedia bat, diese und zwei weitere Falschaussagen zu entfernen, schrieb der Wikipedia Administrator, dass ich, Roth, keine glaubwürdige Quelle sei.” Laut Roth beschied der Administrator dem Schriftsteller: „Ich verstehe Ihr Argument, dass der Autor die größte Autorität zu seinem eigenen Werk ist, aber wir verlangen weiterführende Quellen.“ Damit sah der erboste Roth keine andere Möglichkeit mehr, als im renommierten New Yorker einen Hilfeschrei zu formulieren: „Ich wusste nicht, was ich sonst noch hätte unternehmen können.“ Fehlt noch, dass er hinzugefügt hätte: Mein Buch gehört mir.

Vielleicht ist das der Kampfesschrei im Zeitalter des Internets: Nicht mehr gegen die Fremdbestimmung des eigenen Körpers zu protestieren, sondern gegen die Fremdbestimmung des eigenen Werks, der eigenen Identität im Netz, gar der öffentlichen Lesart des eigenen Lebens. Welche Quelle könnte glaubwürdiger sein als der Autor selbst? Etwa ein Literaturkritiker, ein Reporter, ein Freund? Wer darf die Geschichte des eigenen Ichs schreiben? Wie Bettina Wulff derzeit feststellt, ist es ungemein schwer, die Herrschaft über das eigene Leben im Internet zu erlangen, wenn falsche Behauptungen einmal im Umlauf sind, millionenfach verbreitet, bevor der Betreffende überhaupt davon erfährt.

Bei Roths Roman ist die Sachlage noch verhältnismässig einfach: Wikipedia behauptete, Der menschliche Makel sei inspiriert worden von dem Leben des Schrifstellers und Literaturkritikers Anatole Broyard. “Diese unterstellte Behauptung wird in keiner Weise durch Fakten untermauert”, klärt Roth im New Yorker auf. “Der menschliche Makel wurde vielmehr durch eher unglückliche Ereignisse im Leben meines inzwischen verstorbenen Freundes Melvin Tumin inspiriert, eines Soziologie-Professors in Princeton.“ Detailliert rechnet Roth vor, dass er insgesamt längstens 30 Minuten in der Gegenwart Broyards verbracht hat, und er belegt, dass Ereignisse in Tumins Leben die Wendungen in der Karriere des Romanhelden Coleman Silk inspirierten. Es ist vielleicht eine besondere Ironie von Roths Internet-Schicksal, daß Der menschliche Makel auf einer Lüge basiert, gar einer fundamentalen Lebenslüge eines der Protagonisten, der sich eine fiktionale Biographie erschafft, die letztlich im vorzeitigen Tod endet.

Im wirklichen Leben verursachte Roths Brief sofort einen solchen Sturm der Entrüstung, daß sich Wikipedia beeilte, die umstrittene Passage innerhalb von Stunden zu korrigieren und durch Auszüge aus Roths Brief zu ersetzen. Mit diesem Erfolg aber ist Roth eine Ausnahme, die er nur seinem Status, seiner Glaubwürdigkeit und der Tatsache zu verdanken hat, dass er Wikipedia gründlich blamierte.

Ansonsten ist das Internet ein Spielfeld, in dem jeder seine Theorien über andere meist ungestraft ausprobieren kann. „Drei Viertel dessen, was ich über mich im Internet lese, ist erfunden“, sagte die australische Popdiva Kylie Minogue kürzlich, „ich rege mich längst nicht mehr darüber auf.“

Wer sich über heimtückische Internetlügen ärgert, wie Bettina Wulff, generiert noch mehr Aufmerksamkeit für die falschen Tatsachen, die man doch eigentlich aus der Welt schaffen wollte. Das ist der sogenannte Streisand-Effekt, benannt nach der Schauspielerin, die 2003 einen Fotografen auf 50 Millionen Dollar Schadensersatz verklagte, weil er eine Luftaufnahme ihrer kalifornischen Villa ins Internet stellte. Der Erfolg war durchschlagend: Das Bild, das Barbra Streisand aus dem Internet radieren wollte, wurde eines der meistgeklickten. Ein Bild der Strandvilla, meine Güte, das hätte sonst vielleicht nur einige eingefleischte Fans interessiert, aber plötzlich wurden Millionen neugierig, was denn die Streisand da unbedingt geheim halten wollte, und jeder kannte nun ihre Privatadresse.

Die ehemalige Präsidentengattin Bettina Wulff will Google verklagen, damit die Begriffe „Prostituierte”, Rotlichtvergangenheit“ und „Escort“ nicht mehr automatisch auftauchen, wenn jemand ihren Namen googelt. Google wiederum beruft sich darauf, die Auto-Vervollständigungsfunktion werde von der Arithmetik der User-Nachfrage bestimmt. (Siehe dazu auch die Berichterstattung in der SZ.) Dass die Google-Recherchen zu Bettina Wulffs Vorleben nach den umfassenden Medienberichten vom Wochenende um ein Vielfaches in die Höhe schnellen werden, ist die Ironie des Versuchs, eben diese Verbindung aus der Welt zu schaffen. Das Internet ist ein Spiegel, aber eben nicht unbedingt der Wahrheit.

Die Google-Zensur haben vor Wulff schon öfters Prominente versucht, außer den chinesischen Machthabern und einigen mächtigen Lobby-Gruppen ist sie aber nur wenigen gelungen. Der amerikanische Politiker Rick Santorum etwa versuchte vergeblich, die Neu-Definition seines Namens aus der Google-Suche zu löschen. Nachdem der konservative Politiker mit einigen schwulenfeindlichen Äusserungen auf Stimmenfang gegangen war, rächte sich ein Internet-Aktivist mit einer sogenannten „Google-Bombe“. Er rief einen Wettbewerb aus, den Namen Santorum neu zu definieren. Seither ist Santorum eine “schaumige Mischung aus Gleitgel und Fäkalien, die manchmal ein Nebenprodukt von Analsex ist.” Diese Definition taucht beim Googeln von „Santorum“ bis heute an prominenter Stelle auf. Santorums Gegner jubeln, es sei ihnen gelungen Santorums “Namen in Scheisse zu verwandeln. Buchstäblich. Der Versuch, den Namen ‘Santorum’ in seine reine, unveränderte Urform zurückzuverwandeln, wird viel Zeit kosten.”

Im wunderbaren neuen Bradley-Cooper-Film The Words (der in Amerika gerade anlief, aber in Deutschland noch nicht zu sehen ist) klaut ein erfolgloser Jungschreiberling (Bradley Cooper) dem alten Gärtner (Jeremy Irons) ein autobiographisches Buchmanuskript, das so großartig ist, dass der Jungspund damit seinen großen Durchbruch feiert. Aber der Junge kennt das Geschriebene eben nur aus zweiter Hand, und der alternde Schriftsteller gibt seinem jungen Konkurrenten auf den Weg: “Du musst dich zwischen Leben und Fiktion entscheiden. Die beiden sind sich nah, aber sie berühren sich nie.“ Der Untertitel des Films lautet vielsagend: “Es gibt mehr als einen Weg, ein Leben zu nehmen.” Natürlich gewinnt am Ende die Fiktion, die Lüge. Wahr wird im Zeitalter des Internets, was oft genug wiederholt wird.

Kommentare

  • Mickimaus

    Der ganze Aktionismus von Frau Wulff dient lediglich der Reklame für ihr Buch und bald wird sie auch bei Jauch in der Talkshow auftauchen …

  • Willi

    Dass ein Fehler bei Wikipedia etwas anderes ist als Klatschseiten über Kylie Minogue und das wiederum etwas anderes als die Googlesuche, sollte eigentlich schon vor Jahren überall angekommen sein.

    Daraus einen Artikel über den “Kampf gegen das Internet” zu machen ist ungefähr so sinnvoll wie einen “Kampf gegen das Telefon” aus einer kaputten Zeitansage, einer Drohung auf einem Anrufbeantworter und einem Klatschtelefonat zu stricken.

  • Klaus

    Kann ich bestätigen. Ich bin seit fast 40 Jahren Mitarbeiter eines bekannten Künstlers und ich war EIN MAL in Wikipedia, weil mich ein Fan auf einen Fehler dort aufmerksam gemacht hatte. Es war schrecklich.
    Schrecklich falsch, was ich da las: Vermutungen, Hoffnungen, Rätselraten, Wunschdenken, alles als Tatsache angeboten. Saftige Fehler, kleine Fehler… alles war vertreten.
    Ich bin seitdem nicht mehr reingegangen in Wiki…
    .
    Der Mythos ist wahrer geworden als die Wirklichkeit.
    Gerade in der Kunst.

  • Holger

    Wie wäre es denn, wenn wir wieder mehr Zeit mit Menschen und weniger Zeit in Maschinen verbringen…? Dieses ganze Spektakel zeigt doch nur, dass den meisten Menschen wichtiger ist, was irgendwo auf der Welt passiert, als das Leben und Schicksal der Freunde und Nachbarn. Ich bin mir nicht nur nicht sicher, dass der technische Fortschritt uns wirklich gut tut, sondern ich bin mir sehr sicher, dass wir mit all den Errungenschaften evolutionstechnisch nicht mithalten und umgehen können.

  • Nicholas

    Die Empörung von Philip Roth zeigt im Wesentlichen nur sein völliges Unverständnis für die Mechanismen von Wikipedia. Und dieser Artikel ist auch nicht wirklich geeignet in diesem Bereich Aufklärung zu verlangen. Es gibt nicht “die Wikipedia” die Artikel schreibt oder sich beeilt Fehler zu korigieren. Wikipedia ist nur eine technische Plattform, es sind Millionen Nutzer die die Inhalte liefern. Es gibt keine zentrale Redaktion. Jeder kann beitragen. Man sieht einen Fehler in einem Wikipedia Artikel und dann korrigiert man ihn.
    Dieses System bedingt aber notwendigerweise, dass man öffentlich einsehbare Quellen angeben muss. Nur so kann die Richtigkeit von Aussagen durch Dritte überprüft werden. Ein Brief an irgendwelche Administratoren ist keine öffentliche nachprüfbare Quelle. Wenn Philip Roth also etwas in Wikipedia korrigiert haben möchte, dann soll er doch einfach den Artikeln ändern. Er hat dafür zwei Möglichkeiten, entweder er löscht die ursprüngliche Behauptung, weil sie sich offensichtlich nicht belegen lässt. Oder er veröffentlicht auf seiner Webseite ein öffentliches Statement zum Buch und referenziert dieses dann als Quelle. Alle anderen Benutzer können die Quelle verifizieren und jeder wird die neue Version akzeptieren. Überhaupt kein Drama.
    Und hätte P. Roth in irgendeinem Interview einfach nur erwähnt, was die wahre Hintergrundgeschichte zu dem Buch ist, hätte es mit grosser Wahrscheinlichkeit nur Minuten gedauert, bis irgendein Nutzer es von selbst korrigiert hätte.

  • Lele

    @Will: Natürlich (und hoffentlich!) sind Klatschseiten etwas anders als Wikipedia. Das macht es aber nur umso schlimmer. Wikipedia ist (oder soll) eine ernst zu nehmende Enzyklopädie sein, in der man schnell auf zumindest belegtes Wissen zugreifen kann. Hinzu kommt, dass bei Googlesuchen sehr oft Wikipedia in den ersten 10 Einträgen der Ergebnisliste steht. Das heißt, wenn etwas falsches auf Wikipedia steht, was möglicherweise auch noch durch irgendwelche dubiosen Quellen “belegt” ist (wer macht sich schon die Mühe, jede Quelle auf Glaubwürdigkeit zu testen, zumal, wenn es sich dabei um Fachwissen, wie Literaturwissenschaft, handelt), dann wird das eher als “Wahrheit” akzeptiert als irgendwelcher Inhalt von Klatschseiten oder anderen Internetquellen.

    Weiterhin ist Wikipedia inzwischen sehr beliebt (siehe Statistisches Bundesamt: 72% der Internetuser über 10 Jahren benutzen Wikipedia), was die Ausbreitung falscher Angaben sehr begünstigt, gerade dann, wenn es sich um bekannte Personen aus dem öffentlichen Leben handelt.

    Ja, ein Artikel, der für die Tücken, und in diesem Fall auch Gefahren im Zusammenhang mit dem Schutz privater Informationen und der Verbreitung von Falschinformationen, sensibilisiert ist durchaus angebracht, gerade wenn Seiten wie Wikipedia davon betroffen sind. Genauso wie man sich darüber Gedanken machen sollte, dass nicht alles, was durch den Höhrer schallt, das Gelbe vom Ei ist.

    Das soll nicht heißen, dass man all das abschaffen sollte, es soll nur verdeutlichen mit welcher Vorsicht man das Wissen, welches im Internet verbreitet wird, z.B. über Online-Enzyklopädien, genießen muss. Nicht jedem ist das klar.

  • Ludwig

    Ich bin Mitglied in einem Verein.

    Im Wikipedia-Artikel über uns steht, daß ein NPD-Funktionär bei uns Mitglied sei – was definitiv nicht stimmt.
    Aber selbst unser Vereinsvorstand kann nichts machen:
    Unsere Internen Vereinsunterlagen über unsere eigenen Mitglieder seien keine von Wikipedia als zuverlässig akzeptierten Quellen…

    Es gibt dagegen mehrere Bücher geschrieben von einer “Initiative gegen Rechts”, in welchen steht, daß diese Person bei uns Mitglied sei.
    Offensichtlich hat das einer mal geschrieben und nachfolgende Authoren haben immer wieder davon abgeschrieben, so daß jetzt nicht mehr nachvollziehbar ist, wann ursprünglich die Falschmeldung in die Welt gesetzt wurde.

    Sämtliche Korrekturversuche bei Wikipedia wurden mit Verweis auf “diverse dieser Bücher” als “Quelle” abgebügelt.

  • Ela

    Was ist der Unterschied zwischen Textanalysen im Deutschunterricht und Wikipedia? Lediglich der, dass Missinterpretationen, wüste Spekulationen und allerlei mehr aus der Sparte “Was wollte uns der Autor damit sagen?” nun öffentlich und für jedermann lesbar sind, während sie sonst in Heften oder Ordnern vor sich hin gammeln.
    Ich habe trotz oder vielleicht wegen Deutsch-Leistungskurs nie verstanden, wie sich jemand erdreisten kann, die Texte eines Autors nach eigenem Gusto zu interpretieren und dann auch noch als “Wahrheit hinter den Worten” darzustellen und diesen Mumpitz an Schüler und Leser weiterzugeben, ohne den Autor jemals zur Richtigkeit befragt zu haben.

  • Winfried

    Wenn irgendein Bockmist mal die erste Sichtung in der Wikipedia überstanden hat, ist er praktisch nicht mehr zu korrigieren. Anders lautende Quellen werden geleugnet oder als unzuverlässig erklärt. Keine 3 Minuten später ist die Korrektur zurückgesetzt von irgendwelchen Leuten, die offenbar nur die laufend eingehenden Änderungen überwachen.

  • FritzKatzfusz

    das internet ist kein rechtsfreier raum. verleumdungen im Internet müssen mit höheren Strafen belegt werden… wie wärs mit Internetentzug?

  • Wüstenfisch

    Bei allem Respekt für die Thesen der Autorin, aber gewisse Grenzen müssen doch gewahrt werden und da finde ich die Position Googles schäbig. Sowohl bei Bettina Wulff als auch und gerade bei Santorum – ja, auch Homophobe genießen Menschenwürde – sollte selbige egwahrt werden; mit meinungsfreiheit im Sinne des Grundgesetzes haben derlei Verleumdungen nichts zu tun. Das Traurige: Aus urheberrechtlichen Gründen zensiert Google ohnehin längst.

  • Bonaventura | Philip Roth und die biographische Wahrheit

    [...] er damit die übliche Sturzflut hoch kompetenter Leserbriefe und Föjetong-Kommentare (vgl. auch hier) aus, was aus seiner Sicht wahrscheinlich nervenschonender [...]

  • Der Artikel gefällt mir

    Stellen wir uns vor Jesus kommt noch einmal auf die Erde und will die Bibel korrigieren, weil er ja selber dabei war. Autorenschaft, Urheberrecht und so. Oder will den Papst aus dem Vatikan werfen, weil keiner seiner Nachfolger in einem Pallast leben sollte!

    Und dann hat er das alles geschafft, ohne dass sie ihn als Ketzer auf einen Scheiterhaufen stellen – und er will dann auch noch die Google Einträge ändern und wird als Quelle nicht anerkannt!

  • Vivien

    Volle Zustimmung zu Nicholas. Der Artikel zeugt schlicht von Unverständnis der Regelungen der Wikipedia. Man sollte von Journalisten wirklich erwarten, diese Mechanismen durchschauen zu können, immerhin nutzt Ihr die Plattform doch immer wieder gerne als Ausgangspunkt für Eure Recherchen, wenn ihr nicht gleich aus ihr zitiert …