Süddeutsche Zeitung Magazin

Familie | Heft 28/2011

»Deutsche Frauen sagen nie das, was sie wirklich denken«

Die Männer in diesem Land haben es nicht leicht: Viele von ihnen finden deutsche Frauen zu hartherzig. Zu anstrengend, zu bestimmend. Deshalb heiraten sie immer häufiger Osteuropäerinnen oder Asiatinnen. Und werden, man muss es so sagen, tatsächlich glücklicher.

Von Karoline Amon

Zhanna. Nachts, in seinem Hotelzimmer in Weißrussland, grübelt Bernd, ob er sich verliebt hat. Und darüber, was passieren würde, wenn er – nur mal angenommen – Zhanna nach Deutschland kommen ließe. Was werden seine Söhne sagen, die Freunde, die Nachbarn? Bernd hat sich vor dem Hotel von Zhanna verabschiedet, kein Kuss, nur ein stilles Einvernehmen, dass sie sich wiedersehen werden am nächsten Tag.

Zhanna kommt mit einer Freundin, zu dritt besichtigen sie die Innenstadt von Mogilev. Zhanna erklärt ihm alles auf Englisch, sie spricht gut. Bernd beobachtet sie. Sie ist Mitte 30, berufstätig, geschieden, eine Tochter, die sie allein großzieht. Eine interessante Frau mit langen Haaren, feminin angezogen mit kurzem Rock, enger Bluse und hohen Schuhen. Ganz normal für Zhanna, so normal wie für die meisten weißrussischen Frauen. Ungewöhnlich in Bernds Augen. Aber es gefällt ihm. Sehr.

Bernd ist schon lange auf der Suche. Er ist Geschäftsmann, sieht nicht schlecht aus und verdient ganz gut. Seine Ehe mit einer Deutschen ist vor zehn Jahren gescheitert. Zehn Jahre hat er meist im Lokal gegessen, die Gebrauchsanleitung für den Herd zu Hause liegt immer noch im unbenutzten Backofen. An den Wochenenden tigerte Bernd von Frau zu Frau.

Er sagt, die »endlosen Diskussionen« hätten ihm die Freude an den Frauen vermiest. Keine Zärtlichkeit, keine Liebe. Bernd gibt die deutschen Frauen auf, sie sind einfach nicht sein Ding. Dann gibt ihm ein Freund einen Tipp, der ihn erst ins Internet, dann nach Mogilev und schließlich geradewegs ins Standesamt führt.

Interfriendship.de, eine Partnerbörse, ist spezialisiert auf Frauen aus Osteuropa. Auf der Startseite können Männer erst mal gucken – umsonst. Fotos von Frauen aus Russland sind dort zu sehen, aus der Ukraine, demnächst auch aus Polen. Sie zeigen Olga, 35 Jahre alt, zwei Kinder, oder Svetlana, 39 Jahre alt, ein Kind. Für das Foto haben sie die Haare schön frisiert, dezentes Make-up. Sie suchen einen Mann – einen deutschen. Zhannas Foto gefiel Bernd sofort, er machte Nägel mit Köpfen. Ein kurzer Briefwechsel, und schon war Bernd unterwegs.

100 000 deutsche Männer haben ein Passwort für die Seite Interfriendship.de, 10 000 von ihnen sind zurzeit aktiv und schauen auf Olga, Svetlana oder Dana. Tatsächlich sind viel mehr Männer auf der Suche, denn im Internet gibt es viele Adressen für jene, die sich nach einer Frau aus Osteuropa umsehen. Und alle hoffen sie, eine Osteuropäerin bringe ihnen die Liebe zurück.

Laut Statistischem Bundesamt haben 1989 rund 16 000 Männer eine Ausländerin geheiratet, 2007 waren es fast 25 000. An erster Stelle stehen dabei die Polinnen, gefolgt von Thailänderinnen und Ukrainerinnen. Dramatischer aber als diese Zahlen ist der Imagewandel, der sich vollzogen hat: Osteuropäerinnen gelten nicht mehr als Notlösung für einen tumben Mann, der lieber eine Deutsche gehabt hätte, aber leider keine abgekriegt hat. Und der, naiv, wie er nun mal ist, jetzt von einer Russin abgezockt wird. Auch jene werden weniger, die automatisch annehmen, eine Thailänderin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, sei aus dem Katalog geordert oder per Bumsbomber aus Pattaya geholt worden.

David Glowsky hat Fragebögen an deutsche Ehemänner und ihre thailändischen oder osteuropäischen Frauen verschickt. Glowsky, Soziologe an der Freien Universität Berlin, wollte wissen, welcher deutsche Mann sich für eine Partnerin aus Osteuropa oder Fernost entscheidet: Die meisten sind älter als dreißig, und vierzig Prozent waren schon mal verheiratet, sie haben ein sicheres, wenn auch nicht üppiges Gehalt. Ihnen spielt das »ökonomische Gefälle der Herkunftsländer« eine »attraktivere, rund acht Jahre jüngere Partnerin« in die Arme.

Inzwischen hat nicht mehr die Osteuropäerin oder Asiatin ein Imageproblem, sondern die deutsche Frau. Sie gilt häufig als hart, unnachgiebig, uncharmant. Das bestätigen auch die Untersuchungen David Glowskys, des Soziologen aus Berlin: Deutsche Frauen sind emanzipiert, ihr Beruf ist ihnen wichtig. Männer dagegen bevorzugen die traditionelle Rollenverteilung: Die Frau darf klüger und schöner sein als sie, jedoch nicht gern selbstständiger.




Rolf und seine ukrainische Frau Natalya. Sie betreibt in Essen eine Partnervermittlung für Männer, die eine Frau aus der Ukraine suchen.


Eigentlich hatte Rolf, heute 56, gar nicht vor, eine Ukrainerin kennenzulernen. Es ist ihm einfach so passiert. Auf einer privaten Reise nach Kiew verliebte er sich in seine Übersetzerin. Seit acht Jahren sind die beiden verheiratet und haben drei Kinder. Vielleicht war alles doch kein Zufall, denn zum Zeitpunkt der Reise konnte Rolf seine Ehe und seine deutsche Frau längst nicht mehr aushalten: »Sie war immer so ichbezogen, die Familie war ihr egal.« Mit Natalya, 21 Jahre jünger, sagt Rolf, gehe er durch dick und dünn. Natalya betreibt in Essen die Partnervermittlung »Ukraine Natalya« speziell für deutsche Männer, die auf der Suche sind nach einer ukrainischen Frau. Wenn Rolf, Angestellter in einer Versicherung, Zeit hat, hilft er seiner Frau in der Agentur oder hütet die Kinder.

Auch Rolf ist angekommen, hat seinen Platz gefunden bei Natalya. »Bei den deutschen Frauen ist es ja so: Die brauchen eigentlich keine Männer mehr – keine Männer, die sie auch beschützen, sie unterstützen, die sie versorgen müssen.«

Rolf ist enttäuscht. Auch Thomas ist enttäuscht. Viele deutsche Männer sind enttäuscht – von den deutschen Frauen: zu anspruchsvoll, zu schlecht gelaunt, zu kompliziert, zu schlampig angezogen, zu viele Bedingungen, zu wenig Sex.

Rolfs Frau Natalya hat durch die Arbeit in der Agentur viel über die Bedürfnisse deutscher Männer gelernt und viel über die Wünsche und Hoffnungen osteuropäischer Frauen. Ukrainerinnen, sagt Natalya, erwarten von einem deutschen Mann vor allem, dass »er ihr Blumen bringt, ihr die Tür aufhält, sie einfach glücklich macht«. Wünsche, die deutsche Frauen eher belächeln – die aber zeigen, wie hart der Alltag dieser Frauen daheim ist.

Mit ukrainischen Männern sei nichts anzufangen, allzu viele führten sich wie Paschas auf, meint Natalya: Sie kümmern sich nicht um die Familie, hocken nur auf dem Sofa, gucken fern und lassen die Frauen arbeiten gehen. Nebenbei hält sich jeder zwei bis drei Freundinnen, das gilt als normal – und wenn das einer Frau nicht passt, dann kann sie ja gehen.

Osteuropäische Frauen haben gelernt, ihre Probleme und ihr Leben allein zu meistern. Sie gehen arbeiten, sie bringen ihre Familie durch – wenn es sein muss, auch allein. Diese Frauen sind es vor allem, die sich auf die Suche nach einem netten Mann machen, toll muss er gar nicht aussehen, es reicht, wenn er nett zu ihnen ist und ihnen das Gefühl gibt, nicht allein zu sein. Dafür bekommt ein deutscher Mann eine Menge: eine meist praktisch veranlagte Frau, die ihn sicher durch die Wirren des Alltags leitet, zu ihm steht, sich nicht zu schade ist, beim Bäcker putzen zu gehen, um ihren Teil beizusteuern. Und sie ist auch noch dankbar.

Auf Frauen aus Osteuropa trifft noch etwas zu, was es in Deutschland so gut wie nicht gibt: Es macht ihnen nichts aus, von oben nach unten zu heiraten. Viele von ihnen haben in ihrem Heimatland studiert, heiraten hier Männer, die keinen Hochschulabschluss haben, und sind bereit, einen Job anzunehmen, der ihrer Ausbildung nicht entspricht. Das imponiert deutschen Männern.

Hier heiratet eine Krankenschwester zwar einen Oberarzt, eine Oberärztin jedoch keinen Pfleger. Und weder Krankenschwester noch Oberärztin würden im Normalfall putzen gehen, damit die Leasing-Rate fürs Auto bezahlt werden kann.





Daniel mit seiner thailändischen Frau Yuphin und der gemeinsamen Tochter. Die Feste im Münchner Wat-Thai-Tempel feiert er gern mit.


Daniel ist gern beim Tempelfest. Manche Ehemänner liefern ihre Frauen nur vor dem Wat-Thai-Tempel ab und fahren dann gleich weiter. Daniel nicht. Sooft es geht, hilft er seiner Frau Yuphin, die thailändischen Feste vorzubereiten. Der Wat-Thai-Tempel ist ein großes Einfamilienhaus in Münchner Stadtteil Giesing mit schmiedeeiserner Eingangstür und Veloursteppichen, ein bisschen Neureichenchic aus den Siebzigerjahren. Im Wohnzimmer steht der goldene Buddha-Altar, brennende Kerzen drum herum, es duftet nach Orchideen. Im großen Keller des Hauses proben Thailänderinnen den Tanz für das Fest zu Buddhas Geburtstag, barfuß auf dem Veloursteppich. Junge und ältere Thai-Frauen falten die Hände über dem Kopf, das sieht auf Anhieb anmutig aus. Daniel steht mittendrin. In Bermudas und Poloshirt sieht er aus wie ein Tourist, der sich in Bangkok verlaufen hat. Doch statt die Kamera vor dem Auge hat er das Handy am Ohr. Daniel ist Servicetechniker. Mit seinem Kollegen am Telefon muss er lauter sprechen wegen der Musik. Yuphin kommt erst später in den Tempel. Ihre Arbeit als Hauswirtschafterin in einem Altenheim hat sie aufgehalten.
 
Yuphin war schon mal mit einem Deutschen verheiratet, bevor sie Daniel traf. Sie sah in dieser Ehe damals die einzige Möglichkeit, ihre beiden Söhne zu versorgen, die in Thailand geblieben sind – thailändische Männer fallen sehr oft als Ernährer der Familie aus, sie kümmern sich nicht. Doch Yuphins erster deutscher Mann hielt sie wie im Käfig, terrorisierte sie mit seiner Eifersucht. Sie ließ sich scheiden, lernte dann erst Deutsch und suchte sich einen Job, schickte regelmäßig Geld zu ihrer Mutter und ihren inzwischen erwachsenen Söhnen nach Thailand. In einer Karaoke-Bar lernte sie Daniel kennen, einen Freund ihrer Freundin. Seit sieben Jahren ist Yuphin Daniels Frau, sie haben eine Tochter.

Yuphin hat all die Attribute, die deutsche Männer an Thai-Frauen mögen: Sie ist klein, zierlich, die Augen sind dunkel, die schwarzen Haare glänzen. Yuphin ist 44, sieben Jahre älter als ihr Daniel. Ihm macht das gar nichts aus. Er sagt, er war nicht auf der Suche nach einer, die jung ist und hübsch. Er wollte jemanden, für den das Geld »nicht immer an erster Stelle steht«, wie bei seinen deutschen Exfreundinnen. Für Yuphin wagte er den Schritt in die Ehe, denn sie ist »stabil und liebevoll zugleich« – bei seiner thailändischen Frau fühlt er sich »geborgen«.

Wenn Yuphin Zeit hat, will sie »auch etwas für Daniel machen, ihm ein schönes Essen kochen«. Das schätzt Daniel sehr. Und Zhanna hat gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland die Gebrauchsanweisung aus Bernds unbenutztem Backofen geholt, seither bäckt und brät sie. Das wiederum schätzt Bernd.

Rolf Pohl ist Sozialpsychologe an der Universität in Hannover, sein Forschungsobjekt ist der Mann an sich. Der Wissenschaftler hat herausgefunden, dass der Mann in seiner Sexualität »schwach und abhängig« ist und die Sexualität der Frau »als Bedrohung« empfindet wegen des möglichen Potenzverlustes. Pohl weiß es nicht genau, aber er vermutet, dass Frauen aus Osteuropa und Fernost die »Wunschposition der Männer« respektieren, und die besteht in einem »unkomplizierten sexuellen Verhältnis, das sich den Bedingungen des Mannes fügt«.

Nicht dass Daniel, Bernd oder Rolf mit ihren Frauen über Sex reden würden. Begriffe wie »Illusion der Kontrolle«, die der Sozialpsychologe Rolf Pohl als Motivation deutscher Männer annimmt, sind für sie böhmische Dörfer. Vielleicht würden sie stattdessen sagen, der Sex mit ihren Frauen sei herrlich unkompliziert.

Und was suchen deutsche Frauen? Nun, vor allem weiterhin deutsche Männer; laut Statistischem Bundesamt haben zwischen 1991 und 2009 insgesamt weniger deutsche Frauen einen ausländischen Mann geheiratet als umgekehrt, und wenn sie einen Nicht-Deutschen geheiratet haben, dann meist einen US-Amerikaner, also einen, der sehr ähnlich tickt wie der Deutsche. Partneragenturen, die mit der Vermittlung ausländischer Männer an deutsche Frauen Geld verdienen, sucht man vergebens.

Worüber man kurz vor Schluss noch nachdenken könnte: In den letzten Jahren gingen immer weniger deutsch-deutsche Ehen in die Brüche, dafür ließen sich immer mehr Deutsche von einer Ausländerin scheiden.

Denn natürlich gibt es deutsche Männer, die glauben, eine osteuropäische oder thailändische Frau sei ihre persönliche Verfügungsmasse – und das geht in der Regel schief, sagt Svenja Gerhard. Die Juristin und Familientherapeutin arbeitet beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften. Nach ihrer Erfahrung
scheitern diese Ehen, weil die Frauen in ihrer neuen Heimat selbstbewusster und schließlich flügge werden. Sie überlegen sich dann, »was ihnen am Leben gefällt oder nicht gefällt«.

Die deutschen Ehemänner können in so einem Fall schnell umdisponieren: Wenn die Ehe innerhalb der ersten beiden Jahre scheitert, greift Paragraf 31 des Aufenthaltsgesetzes – stammt die Frau aus einem Nicht-EU-Land, wird sie ausgewiesen.

Anmerkung: Der einleitende Absatz dieses Artikels wurde am 19.07.2011 auf Wunsch der darin vorgestellten Personen gestrichen.


Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/35993