Süddeutsche Zeitung Magazin

Kino/Film/Theater | Heft 45/2012

Emma mit der Ruhe

Sie ist erst 22. Und seit 13 Jahren ein Star mit allem, was dazugehört: umjubelte Auftritte, verrückte Fans, Spekulationen über ihr Liebesleben. Dabei würde Emma Watson einfach gern rausfinden, wie ein normales Leben aussehen könnte - und nebenbei nur das tun, wozu sie sich berufen fühlt: schauspielern.

Von Ariel Leve



Auf den ersten Blick sieht man: Emma Watson ist nicht mehr Harry Potters beste Freundin.

Könnte bitte jemand Emma Watson daran erinnern, wie wunderbar ihr Leben ist? Dass sie, mit 22, seit 13 Jahren ein Filmstar ist? Dass sie zwar nicht mehr unerkannt Bus fahren, dafür aber über rote Teppiche schreiten, für Modefirmen Kleider entwerfen, lukrative Modelverträge unterschreiben und auch sonst jede Menge glamourösen Spaß haben kann? Dass nie ein Foto von ihr auftauchte, auf dem sie betrunken aus einer Diskothek torkelt, kein Ex-Freund je irgendwelche Intimiäten über sie an den Boulevard verkauft hat? Und dass sie trotz ihres Weltruhms und ihres Reichtums von den Menschen geliebt wird? Ein märchenhaftes Leben, wie gesagt, das müsste auch sie begreifen. Allerdings sollte das schnell passieren, denn Emma Watson schluchzt gerade in ihr Rührei. Und ich bin schuld daran. Weil ich zu unserem Interview in einem New Yorker Hotel ein Buch namens Emma Watson: The Biography mitgebracht habe, verfasst von einem Autor, der die Schauspielerin kein einziges Mal getroffen hat, aber in aller Ausführlichkeit erzählt, wie es sich anfühlt, Emma Watson zu sein. Ich hatte nichts Böses im Sinn, ich wollte nur einen Beleg dafür zücken, mit welchen Absurditäten man es zu tun bekommt, sobald man weltberühmt ist. Doch sie sah ihr Porträt auf dem Buchumschlag und brach in Tränen aus. Meistens, sagt sie später, macht ihr so was nichts mehr aus, aber an diesem Tag eben doch. An diesem Tag ist da bloß wieder das Gefühl der Hilflosigkeit ihrem Ruhm gegenüber.

»Ich lese diese Seiten, und sie haben nichts mit meinem wirklichen Leben zu tun, damit, wie ich bin«, sagt sie. »Es ist reine Erfindung, aber mein Gesicht prangt auf dem Cover.«

Dann erzählt sie, wie ihr in New Orleans, wo sie sich wegen Dreharbeiten aufhielt, just dieses Buch unter die Nase gehalten wurde, »von einem Mädchen, elf oder zwölf, das ein Autogramm von mir wollte. Ich finde es immer irritierend, dass es für Menschen wichtig geworden ist, zu wissen, wie Emma Watson ist.«

Sie spricht gelegentlich über sich selbst in der dritten Person. Das zeigt auch, wie groß manchmal der Abstand zwischen ihr und dem Bild geworden ist, das sich die Öffentlichkeit von ihr macht. Tatsächlich, sagt sie, fühlt sie sich oft, als hätte sie drei Identitäten: die fiktive Emma, die wirkliche Emma, dazu noch die Filmfigur, die sie jeweils gerade spielt. Seit sie neun war, war das vor allem Hermine Granger, die beste Freundin Harry Potters.

Ihre Tränen zeigen, dass sie noch immer nicht abgehärtet genug ist für die Konsequenzen, die sich daraus ergeben: »Als es mit den Harry-Potter-Filmen losging, war ich eine Neunjährige, die in Interviews darauf bestand, dass sie bloß spielte. Bis mir auffiel, dass Journalisten doch immer wieder wissen wollten, wie sehr ich Hermine ähnelte, und irgendwann beschloss, das Spiel mitzumachen, weil es so schließlich bequemer für alle Beteiligten war.«

Tatsächlich waren manche Parallelen unübersehbar: Hermine und Watson waren beide eifrige, ein wenig altkluge Mädchen mit dem Ehrgeiz, gute Zensuren zu bekommen und jeden zufriedenzustellen. Doch im Unterschied zu ihrer Filmfigur ist Watson eine sehr gefühlsbetonte Person, und nicht immer kann sie das verbergen.

Denkt sie denn selbst, dass sie die Konstitution eines Filmstars hat? »Ich glaube nicht. Aber ich habe das Zeug, eine gute Schauspielerin zu sein. Ich mag meinen Beruf in den Augenblicken, in denen ich mich auf ihn beschränken darf. Was mir schwerfällt, ist dieses seltsame Zwischenreich zwischen dem Schauspielerinnen- und dem Berühmtsein.«

Watson wuchs nicht in einer Showbusiness-Familie auf – ihre Eltern sind beide Anwälte –, und so konnte sie niemand auf die Aufmerksamkeits-Stürme vorbereiten, die über ihr Leben hereinbrachen. Jetzt, nach den insgesamt acht Harry-Potter-Filmen, bei denen sie mitspielte, hat sie sich einen radikalen Neustart vorgenommen: »Ich hatte keine Lust, in eine dieser Jane-Austen-Kostümrollen zu schlüpfen. Ich wollte einfach nicht in Korsetts geschnürt werden, die ich nie wieder ablegen kann.«



Als Teenager Sam verdreht Emma Watson in Vielleicht lieber morgen diesem Jungen den Kopf.

Vielleicht lieber morgen, die Verfilmung des gleichnamigen Jugendromans von Stephen Chbosky, der in Deutschland dieser Tage anlief, erzählt vom Erwachsenwerden an einer typisch amerikanischen Highschool in Pittsburgh. Watson spielt darin ein rebellisches Mädchen, das extrovertiert, kompliziert und verwundet ist und wenig Hemmungen hat, sich in die üblichen Teenager-Dummheiten zu stürzen.

Hat sie keine Angst davor, dass die Menschen sie nicht mehr so mögen könnten wie als Hermine? »Es ist mir nicht wichtig. Diesen Film zu drehen, war eine der wichtigsten Entscheidungen, die ich getroffen habe. Dieses eine Mal geht es mir nicht darum, wie andere mich finden, kommt es mir nicht auf die Bestätigung von außen an.«

Sie hat sich dafür entschieden, die Art von Ruhm, die mit den Harry-Potter-Filmen verbunden war, zu meiden und sich Rollen in Independent-Filmen statt in Blockbustern auszusuchen. Sie hatte einen kleinen Auftritt in My Week with Marilyn, und neben Vielleicht lieber morgen drehte sie The End of the World mit Seth Rogen und The Bling Ring, bei dem Sofia Coppola Regie führt.

Sie hofft, dass mit solchen Filmen eine andere, für sie verträglichere Form des Erfolgs verbunden ist: »Als Kind musste ich mir über meine Entscheidungen ja nicht den Kopf zerbrechen. Deswegen muss ich mich jetzt immer wieder daran erinnern, dass ich als Erwachsene Freiheiten habe. Ich empfand es fast wie eine Offenbarung, als mir klar wurde, dass ich in Interviews Fragen nicht beantworten muss, wenn ich nicht will. Als wohlerzogenes englisches Mädchen neige ich zwar dazu, mich über die Maßen zu entschuldigen, wenn so etwas vorkommt, aber ich merke, dass ich über mein Leben selbst bestimmen kann.«

Manchmal stürzt sie das in Schwierigkeiten, vor allem, seit sie an der renommierten Brown University auf Rhode Island studiert. Einerseits will sie nichts anderes als eine Studentin sein, und zwar eine besonders fleißige, damit bloß niemand auf die Idee kommt, dass sie durch etwas anderes als durch ihre eigenen Leistungen vorankommt. Andererseits lässt es sich nicht vermeiden, dass ihr Studium immer wieder mit ihrem Beruf kollidiert. Während ihres ersten Jahrs an der Uni waren die Harry-Potter-Dreharbeiten immer noch nicht beendet.

»Ich wollte neu anfangen, aber so entschieden, wie ich mir das vorgestellt habe, funktionierte das nicht. Ich kann ja nicht gut die Seite aus mir schneiden, die eine Schauspielerin und eine öffentliche Person ist. Ich muss akzeptieren, dass beides zu mir gehört.«

Dann wäre da noch ihr Reichtum. Ihr persönliches Vermögen wird auf über 30 Millionen Euro geschätzt, doch als dieses Thema zur Sprache kommt, macht Watson dicht. »Die Menschen scheinen zu glauben, dass mein Geld das Interessanteste an mir ist. Als ich 13 oder 14 war, hat mich ein Journalist gefragt, ob mein Erfolg bedeute, dass ich nie wieder in meinem Leben für Geld arbeiten müsse, und natürlich habe ich das bejaht. Aber was davon blieb, war der Satz ›Ich muss nie wieder etwas für Geld tun‹. Seitdem glauben viele, dass ich nicht dankbar genug für das Glück bin, das ich habe. Wenn ich sage, dass Geld keine besondere Rolle in meinem Leben spielt, kommt das manchen hochmütig vor.«





In den Harry-Potter-Filmen (oben Teil 1) spielt Emma Watson die stets strebsame Hermine.

»So wie ich gerade lebe, brauche ich nicht viel. Das Haus, in dem ich wohne, habe ich gemietet. Wenn ich reise, wird das von den Filmfirmen bezahlt. Ich habe ein einziges Auto, und zwar ein billiges, weil ich eine fürchterliche Fahrerin bin und deswegen nichts Teures zu Schrott fahren will. Im Wesentlichen gebe ich also mein Geld für mein Telefon und meinen Laptop aus. Es ist nicht so, dass ich es für eine Selbstverständlichkeit halte, Geld zu haben, aber ich brauche gerade wirklich nicht viel. Das wird sich sicher ändern, wenn ich eine Familie gründe und mir ein Haus kaufe und darüber nachdenken muss, welche Ausbildung meine Kinder bekommen sollen.«

Hin und wieder, erzählt Watson, lässt sie sich von einer Freundin begleiten, damit sie mitbekommt, was sie alles durchmacht. »Ich nahm eine Freundin aus England zu einer dieser Filmpreis-Verleihungen mit. Sie ging zusammen mit mir über den roten Teppich, und als wir es endlich ins Gebäude geschafft hatten, zitterten ihre Hände vor Aufregung. Freundinnen erinnern mich daran, wie verrückt das Leben oft ist, das ich führe.«

Ihr Terminplan ist voll. Ende nächsten Jahres beginnt sie mit den Dreharbeiten zu Die Schöne und das Biest, und sie berät sich mit dem Regisseur Guillermo del Toro. Sie selbst hat sich del Toro als Regisseur ausgesucht – ein Zeichen nicht nur für ihren Geschmack, sondern auch dafür, wie mächtig sie inzwischen in der Branche ist.

Ist es je vorgekommen, dass ihr etwas in ihrer märchenhaft scheinenden Karriere nicht gelungen ist, frage ich sie. Nicht beruflich, sagt sie. Aber es gab doch sicher Enttäuschungen? »Ja«, sagt sie mit weicher Stimme, »es gab sie. Lange Pause. »Es gab diesen einen Moment, in dem ich gemerkt habe, wie zerbrechlich und menschlich ich bin.« Noch eine Pause. »Als ich mir an der Uni eine Auszeit nahm. Ich war so fertig, dass ich wie ein Gespenst aussah. Da habe ich endlich begriffen: Nein, Emma, du kannst nicht zwei Filme drehen, an deinem Abschluss arbeiten, durch die Welt fliegen, um Werbung zu machen. Ich will das nicht zu sehr vertiefen, aber ich bin bei einer alleinerziehenden berufstätigen Mutter aufgewachsen. Und auch mein Vater, bei dem mein Bruder und ich viel Zeit verbrachten, hatte einen sehr anstrengenden Vollzeitjob. Ich glaube, das alles hat mich stark gemacht.«

Watson wurde 1990 in Paris geboren und zog erst 1995, nach der Trennung ihrer Eltern, nach England. Sie und ihr jüngerer Bruder Alex lebten bei ihrer Mutter in Oxford, aber besuchten häufig ihren Vater in London. Durch die Wiederverheiratung ihrer Eltern bekamen die beiden gleich fünf neue Geschwister.

Jetzt kommt eine Frau an den Tisch, um Watson daran zu erinnern, dass gleich das Vorgespräch für die Letterman-Show stattfinden soll, die am Nachmittag aufgezeichnet wird.

Sie ist schon einige Male in der Show gewesen und immer noch nervös, weil Letterman keine Rücksicht auf Absprachen nimmt, sondern fröhlich jede Frage stellt, die ihm gerade durch den Kopf geht. »Das letzte Mal, als ich da war, hatte kurz zuvor Daniel Radcliffe (der Harry-Potter-Schauspieler) eingestanden, dass er alkoholabhängig gewesen war, und ich hatte gebeten, nicht dazu befragt zu werden. Natürlich machte sich Letterman einen Spaß daraus, es dennoch zu tun.« Und natürlich wird er sie auch an diesem Nachmittag zu ihrem Liebesleben aushorchen wollen, ein Thema, das in Interviews mit Watson sonst tabu ist. Sie selbst hat darüber immer nur spärlich Auskunft gegeben, etwa, wie schwer es für sie immer war, sich mit jemandem zu verabreden.

Als ich sie darauf anspreche, muss sie lachen. »Das habe ich gesagt, als ich zwölf war, und seitdem wird das ständig wiedergekäut. Wer hat denn bitte mit zwölf nicht Schwierigkeiten mit Verabredungen?« Sie wurde mit einem Kommilitonen in Oxford fotografiert, aber sagt nicht, was sie mit ihm verbindet.

»Ich weiß einfach, dass Prominenz alles kompliziert macht. Man kann sich nicht wirklich aussuchen, in wen man sich verliebt, aber bisher habe ich es immer geschafft, mich für Männer zu interessieren, die ich an der Uni oder jedenfalls nicht in der Filmwelt kennengelernt habe.

Als unsere Interview-Zeit zu Ende geht, sagt sie noch: »Ich weiß, wann ich meine Rüstung anlegen muss, und normalerweise bin ich ziemlich gut darin. Aber der Mensch unter dieser Rüstung hat keine besonderen Fähigkeiten, bloß weil er berühmt ist oder eine Menge Geld verdient hat. Ich bin wie jeder andere. Ich versuche herauszufinden, wie das geht – das Leben.«

Emma Watson
Klar, sie ist weltberühmt als Engländerin, die in den acht erfolgreichsten englischen Filmen der letzten Jahre spielte, deren Vorlagen die derzeit berühmteste englische Schrifstellerin lieferte. Und doch, dass Watson in Paris geboren wurde und dort fünf Jahre lebte, merkt man, wenn man ihren Namen genauer betrachtet: Emma Charlotte Duerre Watson. Und so begann ihre Weltkarriere: Sie spielte Schultheater, gewann mit sieben den ersten Preis beim Gedicht-Vorlesewettbewerb, ihr Theaterlehrer meldete sie beim Casting zu Harry Potter an, wo sie sich gegen 4000 Bewerberinnen durchsetzte. Ihre Gagen stiegen enorm, allein zwischen 2007 und 2008 verdiente sie 5,5 Millionen US-Dollar. Seit 1. November läuft Vielleicht lieber morgen in den Kinos.

Fotos: dpa, dapd, Reuters




Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/38819