Süddeutsche Zeitung Magazin

Die Gewissensfrage | Heft 02/2013

Die Gewissensfrage

Darf man die von Bekannten zugesendeten Babyfotos, Hochzeitsbilder, Kommunionsfotos einfach wegwerfen? Oder muss man solche Bilder als Andenken aufbewahren?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger

»Ich bekomme immer wieder Fotos geschickt, als Dank für ein Geschenk zur Hochzeit, Taufe, Kommunion. Oder auch süße Babybilder von glücklichen Eltern. Diese Fotos wandern nach dem Anschauen direkt in den Papierkorb, weil ich keine Lust habe, einen Berg Fotos zu verwalten. Dennoch habe ich jedes Mal Skrupel: Wenn die Absender wüssten, was ich mit ihren Fotos mache!« Ulla B., Hagen


»Dies Bildnis ist bezaubernd schön, / Wie noch kein Auge je gesehn! / Ich fühl es, wie dies Götterbild / Mein Herz mit neuer Regung füllt.« Bei dieser Regung handelt es sich um Liebe, und der verfällt Tamino in der Oper Die Zauberflöte, nachdem er das Bild Paminas, der Tochter der Königin der Nacht, erblickt. Vermutlich haben Eltern genau das im Sinn, wenn sie Fremden Bilder ihrer Kinder schicken: Die Bedachten mögen in genau derselben Liebe entbrennen wie die Eltern selbst. Denn der restliche Informationsgehalt dieser Bilder ist – speziell bei den beliebten Neugeborenenfotos – eher gering. Die ehrlichste Antwort auf die häufig gestellte Frage, wem das Neugeborene denn ähnlich sehe, ist meines Erachtens weder Vater noch Mutter, sondern: anderen Neugeborenen.

Das wäre eine Erklärung für Ihre Skrupel und könnte ein Grund sein, die Bilder aufzuheben. Wenn Liebe oder wenigstens Zuneigung zu den Abgebildeten besteht, möchte man die nicht wegwerfen – im doppelten Sinne.

Ich glaube jedoch, dass es anthropologisch wesentlich tiefer reicht. Eine Darstellung repräsentiert den Dargestellten – speziell bei Menschen –, ein Porträt lässt den Porträtierten präsent sein. Nicht umsonst wird in der Schöpfungsgeschichte der biblische Mensch von Gott aus Erde nach dessen, Gottes, Ebenbild geformt. Und aus dieser Gottebenbildlichkeit leitet die Theologie denn auch eine besondere Stellung des Menschen ab bis hin zu den Menschenrechten. Umgekehrt kennen manche Religionen ein Bildnisverbot, das teils die Gottheiten, teils alle Menschen umfasst.

Entsprechendes findet sich auf dem Gebiet des Aberglaubens: Nicht nur die Voodoo-Religion mit ihren Puppen, fast jede Kultur kennt den Bildzauber, die Invultuatio, bei dem das, was einem Bildnis angetan wird, auf den Abgebildeten wirken soll, positiv wie negativ. Grund-lage ist der Glaube an die Verbindung zwischen Bild und Dargestellten. Eine Verbindung, die wegen der Lebensähnlichkeit bei der Fotografie als besonders eng empfunden wird. Das Foto im Mülleimer schickt also gefühlt den Menschen hinterher.

Jedoch nur, wenn Sie an Magie glauben. Falls nicht, können Sie die Bilder ohne Skrupel wegwerfen. Sie sind schließlich nicht das Hauptstaatsarchiv. Und selbst das wählt sehr genau aus, was es aufbewahrt.

Quellen:

Wolfgang Amadeus Mozart (Musik), Emanuel Schikaneder (Text), Die Zauberflöte, KV 620 uraufgeführt in Wien am 30.9.1791. Es gibt eine Vielzahl von Inszenierungen, vom Bühnenbild her wohl am bekanntesten das von Karl Friedrich Schinkel 1816 in Berlin. Eine klassische Aufnahme ist die von Karl Böhm dirigierte mit den Berliner Philharmonikern und Fritz Wunderlich als Tamino aus dem Jahr 1965, die bei der Deutschen Grammophon erhältlich ist.

Susan Sonntag, Über Fotografie, Fischer Taschenbuch Verlag 1980

Rudolf Preimesberger, Hannah Baader, Nicola Suthor (Hrsg.), Portrait. Geschichte der klassischen Bildgattungen in Quellentexten und Kommentaren Band 2, Eine Buchreihe herausgegeben vom Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin. Reimer Verlag Berlin 1999 Darin insbesondere: Rudolf Preimesberger, Einleitung, S. 13ff.; Rudolf Preimesberger, Der Jahwist: Die erste Effgies (9. Oder 8. Jhdt v. Chr.), S. 65 ff.; Nicola Suthor, Roland Barthes: Wie das Licht eines Sterns / Die Wiederkehr der Toten (1980), S. 452ff.

Walter Groß, Josef Ernst, Leo Scheffczyk, Karl-Wilhelm Ernst, Michael Figura: Gottebenbildlichkeit. In: Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Auflage. Bd. 4, Freiburg 1995, Sp. 871–878.

Jacob Jervell, Henri Crouzel, Johann Maier, Albrecht Peters: Bild Gottes I-IV. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 6, de Gruyter, Berlin/New York 1980, S. 491–515.

Wolfgang Brückner: Überlegungen zur Magietheorie. Vom Zauber mit Bildern. In: Leander Petzoldt (Hrsg.): Magie und Religion. Beiträge zu einer Theorie der Magie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1978, S. 404–419

Leander Petzodt, Magie: Weltbild, Praktiken, Rituale, Verlag C.H.Beck, München 2011, S. 24

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (10 Bände). Hrsg. v. Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer. Mit einem Vorwort von Christoph Daxelmüller, Berlin / New York, Walter de Gruyter, 1987. Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Originalausgabe (Handwörterbuch zur deutschen Volkskunde, herausgegeben vom Verband deutscher Vereine zur deutschen Volkskunde, Abteilung I, Aberglaube) erschienen 1927 bis 1942 bei Walter de Gruyter & Co, vormals G.J. Göschen'sche Verlagshandlung - J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung - Georg Reimer - Karl J. Trüber - Veit & Comp., Berlin und Leipzig Darin: Walter Anderson, Photographie, Band 7, Spalte 19-20 F. Pfister, Bild, Bildzauber, Band 1, Spalte 1282-1298



Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39335