Süddeutsche Zeitung Magazin

Die Gewissensfrage | Heft 04/2013

Die Gewissensfrage

Ist es heutzutage noch angebracht, einem Niesenden ›Gesundheit!‹ zu wünschen, oder verstößt man damit gegen neueste Benimmregeln?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger

»Nach den neuesten Benimmregeln soll man einem Nieser nicht mehr lauthals ›Gesundheit!‹ wünschen. Wenn ich nun meinen Chef durch die offene Tür ins Vorzimmer niesen höre, möchte ich mich daran halten. Andererseits weiß er von der Änderung vielleicht noch gar nichts. Natürlich möchte ich bei ihm auch nicht unhöflich wirken, zumal er auf Gesundheitszurufe von Kollegen äußerst wohlwollend reagiert. Was raten Sie?« Esther K., Aachen



Jahreswechsel bringen ja oft Veränderungen mit sich. So auch 2013: Führerscheine, auf deren Fotos man bisher oft bewundern kann, wie Greise in der Jugend ausgesehen haben, sollen nur mehr 15 Jahre gelten. Die Rundfunkgebühr heißt jetzt Rundfunkbeitrag. Dafür fällt die Praxisgebühr weg. Und passend dazu ist auch der Ruf »Gesundheit« offenbar schon vor Längerem bei einem Etikettewechsel in Benimmbüchern nicht nur entfallen, sondern sogar in Ungnade gefallen.

Zu Recht? Für den Brauch, einem Niesenden »Gesundheit« zu wünschen, finden sich in der einschlägigen Literatur verschiedene Begründungen: Die eine besagt, dass der Teufel ein großes Register habe, in dem er gelegentlich lese, und jedes Mal, wenn er einen Namen ausspreche, müsse der Betreffende niesen. Deshalb wünsche man demjenigen Glück, weil er sonst dem Teufel gehöre. Eine andere führt es auf die Pestzeit zurück, in der man glaubte, das Niesen sei das erste Symptom der Seuche und alle würden daran sterben, denen man nicht sofort Gesundheit wünsche. Und schließlich würden, ebenso wie beim Gähnen, auch beim Niesen Seelenstoffe aus dem Menschen herausfahren oder umgekehrt Böses in ihn hinein. Da tut
Gesundheit freilich Not.

Nun weiß ich nicht, inwiefern Ihr Chef des Teufels ist oder von allen guten Geistern verlassen. Ob aus seiner offenen Zimmertüre ein Pestilenzhauch durch die Firma weht, er womöglich eine seuchenartige Plage darstellt. Oder ob am Ende von Ihrem Vorzimmer dämonische Kräfte ausgehen, was ja in dem einen oder anderen Betrieb der Fall sein soll. So jedoch nichts davon zutrifft, sehe ich tatsächlich keinen zwingenden Grund dafür, die neueste Etikette zu verletzen und »Gesundheit« zu rufen. Es sei denn, Ihr Chef freut sich darüber. Dann allerdings kann man es mit gutem Grunde tun; und zwar unabhängig davon, ob er nun Ihr Vorgesetzter ist oder nicht. Denn alles zwischenmenschliche Verhalten sollte sich meines Erachtens vor allem an einer Regel orientieren: Es soll das Miteinander verbessern. Und wenn sich jemand darüber freut, dass man ihm Gesundheit wünscht, auch wenn er nicht die Pest, sondern lediglich etwas in die Nase bekommen hat, hielte ich es für unsinnig, es nur deshalb nicht zu tun, weil man sich unbedingt an Benimmbücher halten möchte. Oder kurz: Wohlbefinden schlägt Regelwerk.

Quelle:

Paul Sartori, niesen I, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (10 Bände). Hrsg. v. Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer. Mit einem Vorwort von Christoph Daxelmüller, Berlin / New York, Walter de Gruyter, 1987. Band 6 Spalte 1072-1074 Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Originalausgabe (Handwörterbuch zur deutschen Volkskunde, herausgegeben vom Verband deutscher Vereine zur deutschen Volkskunde, Abteilung I, Aberglaube) erschienen 1927 bis 1942 bei Walter de Gruyter & Co, vormals G.J. Göschen'sche Verlagshandlung - J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung - Georg Reimer - Karl J. Trüber - Veit & Comp., Berlin und Leipzig



Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39397