Süddeutsche Zeitung Magazin

Fernsehen | Heft 05/2013

Zweite Heimat

Sie war ein Filmstar – jetzt spielt Claire Danes in der Serie Homeland die Rolle ihres Lebens. Ihr Fall zeigt: Fernsehen ist heute oft das bessere Kino.

Von Peter Praschl





Eine Frau kommt nach Hause, schmeißt ihre Handtasche hin, schabt sich die Hochhackigen von den Füßen, zieht sich die Strumpfhose aus und das Top über den Kopf, rennt ins Bad, fährt sich mit einem Waschlappen zwischen die Beine, schrubbt sich den Nachtbelag von den Zähnen, aus der Aspirindose schüttelt sie eine Kapsel mit etwas Stärkerem als Aspirin, dann sitzt sie schon wieder im Auto. Ihr Ziel: die CIA. Bloß 40 Sekunden dauert das alles, eine Frau, die sich auf dem Weg von einem One-Night-Stand ins Büro frisch macht, doch dabei erfährt man alles Nötige über sie: dass es ihr nicht gut geht, dass sie eine Manikerin ist, nervös, aufgeputscht und gleichzeitig elend müde, von etwas anderem als einer Nacht mit zu wenig Schlaf.

Da ist es wieder, das Claire-Danes-Gesicht. Kein Gesicht, wie andere Menschen eines haben, sondern eine Bühne, auf der Muskeln, Nerven, Stirnfalten, Mundwinkel und Augenbrauen auftreten. Alle reden sie gleichzeitig, rasend schnell und ziemlich oft nicht miteinander – um das alles dechiffrieren zu können, müsste man es in Zeitlupe sehen.

So ist es jedes Mal, wenn sie spielt, es ist etwas, was nur sie kann. Als sie in Romeo + Julia, dem Film, der sie mit 16 zum Weltstar machte, neben dem toten Romeo aufwachte, brauchte sie von Verwirrung zu bodenloser Trauer bloß drei Sekunden, in Shopgirl brachte sie in drei Blicken so viele Gefühle unter wie viele Schauspieler nicht in ihrem Lebenswerk. Am virtuosesten ist ihr Gesicht aber, wenn sie weint. Die Lider flattern, das Kinn zittert, die Unterlippe vibriert, die Augen zucken – es ist eine Symphonie von Mikrobewegungen, auf die sie sich so gut versteht, dass sie als die größte lebende Weinerin gilt. Im Internet gibt es Weblogs, die nicht mehr tun als Fotos der weinenden Claire Danes zu sammeln, und auf Youtube eine Montage, in der von ihren Auftritten alles weggeschnitten wurde bis auf ihre Heulattacken; es ist ein großartiger Film.

Diesmal gehört Danes Gesicht Carrie Mathison, Zentrum der Fernsehserie Homeland, die seit Herbst 2011 in den USA läuft und ab 3. Februar von Sat.1 ausgestrahlt wird. Mathison ist eine bipolare CIA-Agentin – bis vor wenigen Jahren hätte man ihren Zustand »manisch-depressiv« genannt, und er ist das Beste, was sich je ein Regisseur für Claire Danes ausgedacht hat. Bipolar zu sein bedeutet: fürchterlichen Stimmungsschwankungen unterworfen zu sein, von elend verzweifelt bis unerträglich aufgekratzt. In der einen Stunde ist alles bleiern schwer, in der nächsten rennen die Gedanken, stürzen Sätze aus dem Mund, und das Einzige, was das Hin und Her der Emotionen halbwegs zähmen kann, sind Medikamente. Es muss grauenhaft sein, wenn man so drauf ist. Es ist grandios, dass Claire Danes so drauf sein darf, von jeher eine Schauspielerin, durch die mehr Gefühle rasen, als ein einzelner Mensch üblicherweise erträgt.


Das Kluge an Homeland: Der Zustand seiner Heldin ist nicht bloß eine dieser Marotten, mit denen seit einiger Zeit Fernsehserienhelden ausgestattet werden, sondern eine Sicht auf die Welt. Weil Carrie Mathison alles nur durch den Filter ihrer verschobenen Gefühle wahrnimmt, wittert sie Gefahren, an die ihre Geheimdienstkollegen nicht einmal hypothetisch dächten. Sie ist keine Analytikerin, obwohl das ihr Beruf ist, sie wägt nicht ab, sondern hat stattdessen manische Hellsichtigkeiten. Und deshalb weiß sie ganz einfach, und lässt sich davon nicht abbringen: Der Marine, der in Afghanistan nach acht Jahren Gefangenschaft befreit wurde, ist kein Kriegsheld, sondern ein Terrorist. Gebrochen, gehirngewaschen, zum Feind übergelaufen. Und seine Befreiung ist nicht der Aufklärungsarbeit der Geheimdienste zu verdanken, sondern ein Manöver eines Al-Qaida-Anführers namens Abu Nazir. Die amerikanische Öffentlichkeit soll sich im Glauben wiegen, dass sie einen Helden bekommt. In Wahrheit bekommt sie einen, der sich eines Tages in ihrer Mitte in die Luft sprengen wird. Natürlich glaubt niemand in der CIA Carrie. Was nicht bedeutet, dass sie nicht recht hat.

Das ist die Ausgangskonstellation von Homeland, einer Serie, die es mit ihren ersten beiden Staffeln geschafft hat, sowohl die Kritiker zu begeistern als auch für hohe Einschaltquoten zu sorgen, etwas, was kaum je gelingt, die Werbersaga Mad Men zum Beispiel wurde trotz aller Hymnen, die über sie geschrieben wurden, nie zum Massenerfolg. Homeland ist so etwas wie 24 für Erwachsene: genauso spannend, genauso unzuverlässig, wenn es um die Frage geht, ob die Guten wirklich gut sind, genauso beunruhigt von der Weltlage, aber moralisch und politisch mehrdimensionaler, deutlich besser geschrieben und bis in alle Nebenrollen grandios gespielt. Einer der glühendsten Fans ist übrigens Barack Obama. Wenn Michelle und die beiden Mädchen am Samstagnachmittag zum Tennis gehen, hat er einmal erzählt, schütze er unaufschiebbare Staatsgeschäfte vor, doch in Wahrheit setze er sich im Oval Office vor einen Fernseher und ziehe sich Homeland rein.




Wie es nach zwei Staffeln weitergeht, weiß noch niemand, doch wenigstens weiß man mittlerweile, dass es mit Claire Danes weitergeht. Sie hat eine Woche vor Weihnachten ein Kind bekommen, und in den Monaten davor hatten die Homeland-Süchtigen sich vor einer Babypause gefürchtet. Doch in der ersten Januarwoche gab es Entwarnung: In einem Interview sagte sie, sie könne sich nicht vorstellen, auf ihre Arbeit zu verzichten. Die Erleichterung war umso größer, als in Danes Karriere Auszeiten nichts Ungewöhnliches sind. 1998 hatte sie den ganzen Krempel hingeschmissen, um zwei Jahre lang Psychologie zu studieren (und ein Leben mit Partys, Verantwortungslosigkeit und Freundschaften mit Gleichaltrigen nachzuholen, zu dem sie nie gekommen war, weil sie schon mit 16 Heldin einer Fernsehserie gewesen war). Und nachdem sie 2009, mit 31, den britischen Schauspieler Hugh Dancy geheiratet hatte, dauerten ihre Flitterwochen anderthalb Jahre. Einer der Gründe dafür: Die Rollen, die man ihr anbot, sagten ihr nichts. Schließlich hatte sie sich vorgenommen, nur noch Frauen zu spielen, die eine Geschichte selbst vorantrieben, statt die Geschichten von Männern auszubaden, Frauen, die smart sind und nicht ihre Brüste herzeigen müssen. Offensichtlich schaffte Hollywood es nicht mehr, sich für eine seiner talentiertesten Schauspielerinnen das Richtige auszudenken.

Gerettet wurde sie vom Fernsehen. 2010 spielte sie im Fernsehfilm Temple Grandin so virtuos eine autistische Tierforscherin, dass sie mit einem Emmy und einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, eine deutliche Aufforderung, Danes bitte nicht mehr zu unterfordern.

Auch Homeland könnte im Kino nicht stattfinden: zu wenig Platz für einen Charakter, der so ausufernd und vieldimensional ist wie der von Carrie Mathison. Das Kino, sagt Danes, verlangt von Schauspielern, dass sie in 93 Minuten ein Riesenproblem lösen. Im Fernsehen dagegen bekommen sie die Zeit, jede Nuance eines Charakters zu erforschen, und dürfen noch Geschichten erzählen, die so undurchschaubar sind wie die Welt, in der sie spielen.

Danes ist nicht die Einzige, deren Talent vom lange abgesnobbten Fernsehen errettet wurde. Immer weniger Hollywoodstars finden es karriereabträglich, wenn sie sich für Fernsehserien verpflichten. Auf dem kleinen Schirm dürfen sie noch zeigen, was sie draufhaben, für ein Publikum spielen, das nicht vor allem aus Teenagern besteht. Zooey Deschanel zum Beispiel kann sich in der wunderbar sarkastischen Comedyserie New Girl viel besser ausleben als im Kino, Steve Buscemi in Boardwalk Empire vorführen, wie viel sein Knittergesicht erzählen kann, Laura Linney ist erst durch The Big C – eine Serie, die es schafft, Krebs witzig zu behandeln – wirklich zum Star geworden. Wie rasend komisch Alec Baldwin ist, weiß man erst durch seine Auftritte in der Sitcom 30 Rock, und Glenn Close durfte in Damages die Brillanz einer Frau zeigen, die dem Kino zu alt geworden worden war. Im Fernsehen haben sie noch Platz: die anstrengenden und intelligenten Frauen über 40, die Charakterköpfe, die schrägen Figuren, die epischen Geschichten. Die bessere Show bekommt man jetzt Zuhause, dort, sagt Claire Danes, wo man sich den Hintern nicht taub sitzen muss.

Für sieben Jahre hat sie sich verpflichtet, fünf Staffeln Homeland noch vor sich, wenn alles gut geht und die Quoten nicht wieder sinken. »Eine wahnsinnig lange Zeit, ich weiß. Als ich darüber nachdachte, ob ich das tun sollte«, erzählt sie, »habe ich mir gesagt: Ich habe die Wahl, darin eine Gefängnisstrafe zu sehen oder eine Lebensversicherung. Jedes Jahr kann ich etwas richtig Aufregendes tun. Das Angebot für die Serie kam am selben Wochenende, an dem ich für die Rolle der Sekretärin von J. Edgar Hoover vorgesprochen hatte. Und ich fragte mich: Will ich die Sekretärin einer unwiderstehlichen Person spielen? Oder will ich selbst eine verdammt unwiderstehliche Person spielen?« Die verdammt unwiderstehliche Claire Danes hat sich richtig entschieden.

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Claire Danes ist nicht die Einzige, die vom Fernsehen errettet wurde.
Eine Übersicht:




Glenn Close Tolle Schauspielerin mit einem Problem: leider zu alt für Hollywood. Also brilliert die mittlerweile 65-Jährige in der TV-Serie »Damages«.

Steve Buscemi Hat Charakter, sieht auch so aus: Das macht ihn sehr geeignet für die Hauptrolle in der grandiosen Fernsehsaga »Boardwalk Empire«.

Laura Linney Tolle Performances in anspruchsvollen Filmen wie »Die Truman Show«. Zum Star wurde sie erst mit der Krebs-Comedy »The Big C«.

Alec Baldwin Hollywood-Veteran, hat viel überlebt (seltsame Rollen, Kim Basinger, Überdruss) und erlebte einen zweiten Frühling in der Sitcom »30 Rock«.

Fotos: Reuters, Getty, afp



Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39439