Süddeutsche Zeitung Magazin

Reise Design | Heft 06/2013

Stockholm

Die Donna Leon von Stockholm heißt: Håkan Nesser: Ein Gespräch über die seltsame Liebe der Deutschen zu schwedischen Krimis.

Von Max Fellmann

Stadtschreiber
Ganz Europa ist verrückt nach Schwedenkrimis. Ein bedeutender Autor ist Håkan Nesser. Der kommt eigentlich aus Uppsala, hat gerade sieben Jahre in New York und London gelebt und wohnt erst seit ein paar Monaten in Stockholm. Bevor wir mit unseren Fragen anfangen, hat erst mal er eine.




Håkan Nesser: Sie wollen ausgerechnet im Winter über Stockholm sprechen? Es ist jetzt total ekelhaft, Schnee, Matsch, ständig dunkel!

SZ-Magazin: Warum sind Sie dann wieder nach Schweden gezogen?
Ich bin nun mal Schwede. Heimat, verstehen Sie? Und in Amerika ist man als Schwede ein Exot, die sagen immer, ah, Herr Nesser, bei Ihnen gibt es doch so gute Schokolade! Und die schönen Berge . . . ! Dann muss ich erklären, dass es um ein anderes Land mit »Schw-« geht. Dafür habt ihr Deutschen allerdings erstaunlich präzise Vorstellungen von Schweden.

Haben wir?

Ich glaube, es gibt in Deutschland zwanzig Bücher von mir – und auf 18 davon ist  auf dem Cover ein rotes Holzhäuschen mit weißen Fensterrahmen abgebildet.

Gefällt uns halt.

Ja, aber Schweden ist schon ein bisschen mehr als das. Ich habe mich oft gefragt, warum die Deutschen die schwedischen Krimis so mögen. Ich glaube, es liegt an Astrid Lindgren. Ihr wachst auf mit Bullerbü und Pippi Langstrumpf, und dann müsst ihr euch nicht groß umstellen, wenn ihr später Krimis lest. Genauso ist es mit den Touristen: Die Deutschen kommen gern nach Schweden, weil es hier fast wie zu Hause ist. Aber eben nur fast.

Was an Schweden haben Sie im Ausland vermisst?
Meine Leibspeisen natürlich. Zimtschnecken – die müssen Sie in Stockholm unbedingt essen! Und Hering.

In Schweden gibt es doch diesen alten Hering in der Dose, die man kaum öffnen kann …

Surströmming. Den meine ich nicht! Völlig widerlich. Wenn man die Dose öffnet, stinkt es so bestialisch, eine Latrine ist nichts dagegen. Meistens wird empfohlen, die Dose unter Wasser zu öffnen. Meine Frau liebt das Zeug. Ich sage, was soll der Unsinn, das ist verfaulter Fisch – sie sagt, der ist nicht verfault, der ist fermentiert!

Früher lebten Sie in Uppsala, jetzt in Stockholm. Wie lässt es sich an?

Ich liebe es! Eine Stadt, die nahezu auf dem Wasser schwebt. Einmalig.

Dafür ist es meistens kühl, auch im Sommer. Trotzdem sieht man hier bei jedem Wetter Menschen mit kurzen Hosen herumlaufen.
Das sind alles deutsche Touristen.

Wie bitte?
Im Ernst! Kurze Hosen: deutsche Touristen. Gut angezogene Touristen: Italiener.

Ihre drei Lieblingsorte in Stockholm?
1. Besichtigen Sie das Stadshuset, das ist das Gebäude, in dem die Nobelpreispartys stattfinden. Ein atemberaubender Bau. Und er liegt toll am Wasser.
2. Spazieren Sie durch Södermalm im Süden von Stockholms Zentrum, ein ehemaliges Arbeiterviertel. Da leben all die Schriftsteller und Künstler, da gibt es Cafés und kleine Läden, ganz wunderbar. Einfach rumlaufen, Sie werden es lieben.
3. Skeppsholmen. Das ist gleich beim Palast um die Ecke. Da gibt’s gute Museen, vor allem aber ist es eine sehr grüne Insel. Ein Platz der Ruhe mittendrin. Dort gibt’s auch ein sehr schönes Hotel, das heißt einfach auch »Skeppsholmen«. Darin fühlen Sie sich wie auf dem Land.



Cooles Szenevolk in Södermalm (links) oder kurzhosige Touristen aus Deutschland (rechts)? Die Wahrheit liegt dazwischen: romantische Gassen und fast mediterranes Flair im Herzen der Stadt. Hier noch einige Tipps für die Stadt.:

Brücken
Vor allem große Autobrücken, für kleine Stege ist das Wasser zu gewaltig. In dieser Stadt steht man alle paar Meter vor einem riesigen Meeresarm oder See – und muss ständig Umwege gehen. Aber keine Sorge: Man kann Stockholm gut erlaufen, man sollte nur wandertaugliche Schuhe anziehen.

Gondeln
Keine schmalen Boote mit singenden Ringelhemdchenträgern, aber Ausflugsboote, und die nicht zu knapp. Großartig sind vor allem die Touren, die auch raus in die Schären gehen, die steinige, zerklüftete Insellandschaft. Nur ein paar Kilometer außerhalb Stockholms sieht es schon aus wie am Ende der Welt.

Was muss man unbedingt vermeiden?

Februar.

Essen
Bitte einmal im »Nytorget Urban Deli« (Nytorget 4, Tel. 0046/8/59 90 91 80, www.urbandeli.org) vorbeischauen, mitten in Södermalm. Unschlagbare Kombination aus Restaurant und Geschäft: Wem die tollen Fischgerichte und die vielen vegetarischen Angebote schmecken, der kann hier zum Regal gehen und sich alle Zutaten (und noch viel mehr) für die Küche zu Hause kaufen.

Schlafen
Wer immer schon mal in einem Museum übernachten wollte: Das »Victory Hotel« (Lilla Nygatan 5, Tel. 0046/8/50 64 00 00, www.victoryhotel.se, DZ ab 195 Euro) liegt absolut zentral in Gamla Stan, dem alten Stadtkern – und beherbergt eine gigantische Sammlung von Seefahrts-Memorabilien. Wie Urlaub auf dem Schiff, aber ohne das lästige Schwanken. UNBEDINGT Håkan Nesser empfiehlt: Nachts, wenn die Touristen weg sind, durch Gamla Stan spazieren, lauter ehrwürdige Kirchen und schiefe Häuser. Bei Tag ist er eine überlaufene Puppenstube, bei Nacht entwickelt der Ort eine ganz eigene Magie. Und dann wirkt Gamla Stan mit seinen engen Gassen wirklich ein bisschen wie Venedig.

Auf keinen Fall
Håkan Nesser warnt: Die Einkaufsstraße Drottninggatan ist grauenhaft, nur seelenlose Modeketten und Einheitszeug. Diese Art von Fußgängerzone finden Sie in jeder großen Stadt, dafür müssen Sie nicht extra nach Stockholm reisen.




Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39473