Süddeutsche Zeitung Magazin

Das Beste aus aller Welt | Heft 06/2013

Das Beste aus aller Welt

Bald soll es Autos ohne Fahrer geben, die sich selber durch den Verkehr steuern. Unser Kolumnist ist beeindruckt und wünscht sich auch Pferdeturniere ohne Pferde und die Tour de France ohne Fahrräder.

Von Axel Hacke



Wenn ich alles richtig verstanden habe, wird es nicht mehr lange dauern, bis eines der großen Paare der Weltgeschichte für immer getrennt wird: das Auto und sein Fahrer. Schon jetzt besitzen viele Menschen in großen Städten keinen eigenen Wagen mehr; sie nehmen sich einen, wenn sie ihn brauchen: bei einem der vielen Carsharing-Unternehmen, die ihre Autos in den Straßen geparkt haben. Das ist ein hervorragender Gedanke, wenn auch ungewohnt für Leute meiner Generation, in deren Kindheit die ersten gesprochenen Wörter oft nicht »Mama« oder »Papa« waren, sondern »Brumm-brumm«.

Die Scheidung des Autos vom Fahrer wird aber noch viel weiter gehen, dahin nämlich, dass das Auto gar keinen Fahrer mehr benötigt. Längst haben, wie ich dem Spiegel entnehme, einerseits sowohl Mercedes oder Volkswagen als auch andererseits Google Techniken entwickelt, die es schon in fünf Jahren ermöglichen werden, serienreife Fahrzeuge anzubieten, die sich selbst über unsere Straßen chauffieren, während jener Mensch, der sich einst »Fahrer« nannte, ein gutes Buch liest oder eine Magazin-Kolumne.

Das hat etwas Kränkendes, denn das Auto ist immer noch etwas anderes als ein Geschirrspülautomat, dessen Dienste wir ohne jeden Verlust an Selbstbewusstsein annehmen. War das Kraftfahrzeug nicht immer eine Art Erweiterung unserer Persönlichkeit? Machte es Besitzer und Fahrer nicht zu mehr, als sie eigentlich waren? Und nun soll es weder Besitzer noch Fahrer mehr geben? Nun sollen wir ein Auto besteigen in dem Gefühl, das wir darin nicht mehr wirklich gebraucht werden? In einem Gefühl von, wie soll ich sagen: Nutzlosigkeit?

Interessant ist aber nun Folgendes: dass der Prozess der Trennung einst selbstverständlich verbundener Paare längst auch anderswo viel weiter fortgeschritten ist, als wir denken. In den USA finden zum Beispiel seit Jahren mit zunehmendem Erfolg Springreit-Turniere ohne Pferde statt, sogenannte »horseless horse shows«: Junge Menschen bezwingen dort einen Spring-Parcours zu Fuß. Sind nicht in Wetten, dass..? schon zwei Mal Menschen solo gegen die Kombination Reiter und Pferd angetreten? Ja, so ist es, einmal 1983, wenn ich mich recht entsinne. Und dann wieder 2011. Da gewann das Paar Mensch/Tier nur noch sehr knapp.

Eine bestechende Idee, denn warum soll man ein Pferd den Strapazen des Sports aussetzen, wenn der Mensch diese doch auch allein bewältigen kann? Sehr gespannt bin ich nun, wie es sein wird, wenn dieser Grundgedanke bald auch auf das Dressurreiten ausgeweitet wird und die ersten von uns in graziös-gezügelten Traversalen, Piaffen und Pirouetten über den Sand der Dressur-Vierecke schweben. Und mit welcher Freude werden wir sehen, wie muskulöse Herren, vor einen Sulky gespannt, in elegantem Trab von einer automatischen Peitsche gezüchtigt die Rennbahnen umkurven!

Überhaupt scheint der Sport das angemessene Feld zu sein für die Pioniere dieser Bewegung: Viele fragen sich schon lange, warum sich Menschen den Anstrengungen des Schachs aussetzen, wenn es längst Computer gibt, die viel besser spielen. Mensch und Schachbrett – eine im Grunde groteske Paarung! Wie ich übrigens auch finde, dass man im Radsport aus der absurden Doperei die einzig wahre Konsequenz ziehen sollte: Radrennen ohne Radler. Oder könnte es die angemessene Strafe für Lance Armstrong sein, dass er die Tour de France allein und ungedopt zu Fuß bewältigen muss? Auch in der Leichtathletik wäre Doping ja sinnlos, wenn Kugelstoßer nicht mehr schwere
Kugeln herumwuchten müssten. Wenn es Speerwurf ohne Speer gäbe.

Alles könnte so leicht sein.

Außerdem bin ich sehr gespannt auf die Entwicklung der Formel 1 in Zeiten, in denen Herr Vettel in einem Carsharing-Fahrzeug ohne Lenkrad und Gaspedal mit automatischer Abstandsregulierung durchs Autodrom saust.


Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39483