Süddeutsche Zeitung Magazin

Technik | Heft 02/2014

Daumen hoch

Selbst auf Smartphone-Tastaturen sind die Buchstaben angeordnet wie auf Schreibmaschinen vor 150 Jahren. Das soll sich jetzt ändern.

Von Wolfgang Luef




Während ich diesen Text schreibe, verschwende ich Zeit. Nicht, weil ich trödeln würde. Es sind meine Hände. Allein für die ersten paar Zeilen mussten meine Finger einen halben Meter Distanz zurücklegen. Am meisten der linke Mittelfinger: Der musste 41 Mal tippen, vom E zum D zum C und zurück. Man kann sich das im Netz für jeden Satz ausrechnen lassen - wenn man mit Zehn-Finger-System schreibt.

Schuld für die Zeitverschwendung ist meine Tastaturbelegung, Sie wissen schon: ASDF und so weiter. Die Tastatur, die ich (und wahrscheinlich auch Sie) benutzen, nennt man QWERTZ, nach den Buchstaben in der oberen Reihe links. QWERTZ ist vor allem eines: umständlich. Ihr Erfinder Christopher Sholes hat sie 1868 entwickelt, damit sich die Typenhebel, die kleinen Hämmerchen an der mechanischen Schreibmaschine, nicht verhaken. Dafür mussten die häufigsten Buchstaben weit voneinander entfernt sein. Die Finger sollten lange Wege zurücklegen. Sholes wollte die Menschen vor 150 Jahren beim Tippen bremsen. Warum schreiben also immer noch alle mit QWERTZ?

»Es braucht etwa dreißig Stunden, ein neues System zu lernen«, sagt der Mathematiker Antti Oulasvirta vom Max-Planck-Institut für Informatik. »Unsere Erfahrung ist: Die Zeit nimmt sich keiner.« Oulasvirta weiß, wovon er spricht. Er hat selbst bereits bessere, sogenannte Layouts erfunden. Jüngst stellten er und eine Forschergruppe KALQ vor, ein Tastatursystem für große Smartphones und Tablets (bit.ly/ 1d4l4OB): Wenn wir mit zwei Daumen in ein Display tippen, ist QWERTZ nämlich besonders ungeeignet. Der linke Daumen muss viel mehr tun als der rechte - Abwechslung wäre schneller und würde Sehnenscheidenentzündungen vorbeugen. Schon nach 13 Stunden Training waren alle Probanden (in englischer Sprache) mit zwei Daumen schneller als mit QWERTZ. Eine Revolution? Von wegen. Gerade einmal 1000 Menschen weltweit nutzen KALQ, schätzt Oulasvirta.

»Es ist eben nur für das Tippen mit zwei Daumen in Englisch optimiert«, sagt der Wissenschaftler. Sein nächstes Projekt zielt höher. In ein paar Monaten möchte er eine neue Tastatur vorstellen, die in jeder Sprache und auf jedem Gerät besser funktioniert als QWERTZ. Das gab es bis jetzt nicht - alle Alternativ-Layouts waren auf einzelne Sprachen zugeschnitten. »Bei 26 Buchstaben gibt es mehr Möglichkeiten, sie anzuordnen, als Sterne im Universum«, sagt er. »Das ist höllisch kompliziert. Aber mein Layout wird bis zu zehn Prozent schneller sein als QWERTZ.« Die Erfolgschancen? Oulasvirta überlegt kurz und zitiert August Dvorak, der in den 1930er-Jahren ein Layout entwickelte, das viel schneller war als QWERTZ. Sein Projekt scheiterte. Am Sterbebett habe er gesagt: »Ich wollte die Welt verändern. Nur wollte die Welt das nicht.«

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/41405