Süddeutsche Zeitung Magazin

Die Gewissensfrage | Heft 34/2014

Die Gewissensfrage

Ist es unmoralisch eine Firma im Internet an den Pranger zu stellen, die nach fragwürdigen Methoden Bewerber aussucht und ablehnt?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger

»Bei der Bewerbung für ein Praktikum wurde ich nach äußerst fragwürdigen Auswahlmethoden abgelehnt. Zunächst war ich enttäuscht, fand aber bald darauf eine wesentlich erfüllendere Tätigkeit. Dennoch würde ich die Firma für ihr unfaires Vorgehen gern in sämtlichen Onlineportalen kritisieren. Ist das okay, auch wenn ich von der Absage profitiert habe?« Jens H., Kiel





Onlinebewertungen erfreuen sich großer Beliebtheit, sind aber leider häufig auch problematisch. Versucht man eine Kategorisierung der Fehlbeurteilungen, stehen ganz oben die Fälle, bei denen Konkurrenten mit falschen Tatsachen versuchen, Mitbewerber zu schädigen. Sehr bald danach käme aber auch schon die große Gruppe der augenscheinlich verkehrten Kriterien oder Kritiker: etwa ein Strandliebhaber, der sich im Bergurlaub langweilt, oder ein Gast, der im Chinalokal die Auswahl der Speisen bemängelt, weil es nur asiatische Gerichte gibt, oder im vegetarischen Restaurant das Fehlen von Fleisch. Dabei kommt es zu Überschneidungen mit der zulässigen Berufung auf subjektive Kriterien wie dem Geschmack. Wenn ich dem Knoblauchrestaurant »Zur leckeren Zehe« eine vernichtende Note im Bereich Geschmack gäbe, wäre das zwar korrekt, weil es mir nicht geschmeckt hat, aber falsch, weil ich Knoblauch nicht mag und deshalb dieses Lokal nicht bewerten sollte. Dennoch könnte auch ich dort objektive Kritik üben, käme das Etablissement etwa auf die Idee, im Zahnärzteblatt für seinen günstigen Mittagstisch zu werben. So, wie Sie es schildern, wäre es daher falsch, wenn Sie die Firma online kritisieren - soweit es auf Portalen geschieht, die sinngemäß heißen wie www.dingediemeinlebenbessermachten.de oder www.thankyouforpushingmeforward.com. Bei www.dankefuerdie-chance. de würde es zwiespältig, da müssten Sie differenzieren, um welche Chance es ging: die, einen Praktikumsplatz zu bekommen, oder die, sich weiterzuentwickeln. Auf Webseiten wie www.praktikumsvergabe.de oder www.fairerarbeitgeber.de hingegen wäre Ihre sachliche (!) Kritik an der Firma am richtigen Ort und auch angebracht. Da fällt mir ein, ich muss noch nachsehen, ob es neue Einträge auf www.meinelieblings-moralkolumne.org gibt.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/42082