Süddeutsche Zeitung Magazin

Gesellschaft/Leben | Heft 35/2015

Ich seh's anders

Wenn man sich einmal an eine Welt ohne scharfe Kontraste gewöhnt hat, hält man sie mit Brille kaum noch aus. Findet jedenfalls unsere Autorin.

Von Von Gabriela Herpell





Als ich Straßennamen erst lesen konnte, wenn ich direkt unterm Schild stand, wusste ich, da stimmt was nicht. Der Augenarzt meinte, ich wäre immer schon kurzsichtig gewesen. Nur hätte die junge Muskulatur dafür gesorgt, dass ich es nicht gemerkt habe. Das wäre nun vorbei, aber alles nicht schlimm, minus eine Dioptrie auf dem einen Auge, minus eins Komma fünf auf dem anderen.

Ich bekam eine Brille. Das fand ich eigentlich ganz gut, denn es gibt mittlerweile ja Brillen, mit denen Menschen besser aussehen als ohne. Meine ist sehr schön. Ich freute mich darauf, auf der Autobahn wie früher schon von Weitem lesen zu können, wie viele Kilometer es noch sind. Oder am Meer Kormorane zu erkennen, die vorm Horizont ins Wasser eintauchen. Ich bezahlte, setzte meine Brille auf und ging. Nach ein paar Metern wusste ich, dass ich in meinem Leben noch nie scharf gesehen hatte: Meine alte Welt, in der alles organisch miteinander verbunden war, zerfiel in lauter Einzelteile.

Zum Beispiel der Baum. Er hatte immer einen Stamm, Äste, Blätter, klar. Aber jetzt hatte jedes Blatt eine Schraffierung, war anders geformt, scharf umrissen. Ich sah, welches hinter welchem hervorlugte und wie weit es vom nächsten entfernt war. Ich sah jeden einzelnen Ziegel auf dem Dach; und als ich am Abend nach Hause radelte, erkannte ich die Bücher in den Regalen der hell erleuchteten Wohnungen, an denen ich vorbeikam. Das war doll. Aber auch erschreckend. Die Kontraste. Das Licht. Die vielen Gesichter, glückliche und unglückliche, entspannte und wütende. Alles war in Bewegung, rauschte auf mich zu, wollte was von mir. So laut kannte ich die Welt nicht. Ein bisschen zurückhaltender war sie mir auch lieber. Ich nahm die Brille erst mal wieder ab.

Nun habe ich sie fast zehn Jahre. Ich trage sie selten. Eigentlich nur, wenn ich sie wirklich brauche. Beim Fernsehen, von weiter weg, denn dann kann ich mehr erkennen. Beim Eishockey, da kann ich jetzt den Puck verfolgen. Und wenn ich nachts mit Brille Auto fahre, sind die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos klein wie Stecknadelköpfe und blenden nicht.

Sonst überfordert die Brille mich. Wenn ich morgens noch müde aus dem Haus gehe, möchte ich in meine weich gezeichnete Welt eintauchen und nicht in diese helle, die mit den harten Kontrasten und klaren Konturen. Wenn ich abends nach der Arbeit mit dem Hund an der Isar entlanglaufe, reicht es mir, Leute in Grüppchen zu sehen, eingehüllt in Grillschwaden oder die Abenddämmerung.

Neulich war ich auf einer Party. Einer wirklich großen Party mit wirklich vielen Menschen, von denen ich einige kannte. Ich dachte, wenn ich die Brille aufsetze, kann ich sehen, wer so da ist. Das hat natürlich funktioniert, aber sonst hat nichts mehr gut funktioniert. Die innere Unruhe, die ich bei Partys sowieso habe, wurde noch schlimmer. Ich hatte Angst, mich umzuschauen, weil ich dachte, dass ich dann was unternehmen müsste: reagieren, lächeln, nicken, winken, hingehen, irgendwas.

Ich nahm die Brille wieder ab, die Gesichter versanken in Unschärfe, und ich konnte mich wieder auf die Leute in meiner Nähe konzentrieren. So wie ich es immer getan habe. Dann wurde es lustig.

Ich hab mal rumgefragt, Hausfrauentest. Nicht wenige Leute sind ähnlich moderat kurzsichtig wie ich und ziehen ihre Brillen auch kaum auf. Sie halten sich die Welt ein bisschen vom Leib, sagen sie selbst. Sie möchten nicht immer genau hinschauen. Doch manchmal setzen sie die Brille auf, um die Wirkung der Welt zu verstärken. Mache ich auch. Wenn der Himmel dramatisch ist oder man von der Neureuth aus über den Tegernsee bis nach Italien gucken kann. Dann sehe ich in Cinesmascope und 3-D. Den Effekt hätte ich nicht, wenn ich die Welt immer scharf sehen würde.



Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43472