Süddeutsche Zeitung Magazin

Das Beste aus aller Welt | Heft 47/2017

Verschwörung gegen Wolfsburg

Ein durchfahrender Schnellzug, ein Ölscheich mit hochfliegenden Plänen und eines der großen Geheimnisse unserer Zeit.  

Von Von Axel Hacke



Bill Gates will eine Stadt in der Wüste von Arizona gründen, 180 000 Einwohner soll sie haben und Belmont heißen. Der saudische Kronprinz Salman möchte auch eine Stadt bauen, mehr als halb so groß wie die ganze Schweiz. Neom wird ihr Name sein, am Roten Meer soll sie liegen (also auch in der Wüste) und 500 Milliarden Dollar kosten. Lang ist’s her, dass auch in Deutschland eine neue Stadt aus dem Boden gestampft wurde. Man denkt an nach dem Krieg erbaute Vertriebenenstädte wie Neugablonz, Traunreut oder Stadtallendorf, auch an Stalinstadt, das zusammen mit dem Eisenhüttenkombinat Ost 1950 südlich von Frankfurt/Oder errichtet wurde, »die erste sozialistische Stadt« der DDR; heute heißt sie Eisenhüttenstadt. Ich kann keine Auskunft geben darüber, ob der Ort aussieht, wie er heißt. Ich war nie da.

Wo wäre bei uns denn auch Platz für etwas groß Angelegtes? Wir haben keine Wüsten, das halbe Land ist schon zugeteert und mit Gewerbe-Quadern überhäuft, eines Tages wird Deutschland eine einzige Stadt sein. Wäre es möglich, die »Stadt des nie in Betrieb gegangenen Willy-Brandt-Flughafens bei Berlin« zu bauen, mit den bereits dort stehenden Gebäuden als Einkaufszentrum? Wolfsburg, die jüngste deutsche Großstadt, hieß auch mal »Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben« und erfuhr erst nach dem Krieg eine Umbenennung. Heute liegt Fallersleben bei Wolfsburg, aber was nützt das schon? Gerade hat wieder ein ICE, der dort halten sollte, nicht dort gehalten, sondern erst in Stendal. Schon 2011 geschah das drei Mal, Ende 2016 noch mal. Nun wieder.

Keiner weiß: warum? Nirgends geschieht dies, nur in der »Stadt der immer wieder mal nicht haltenden ICEs«.

Ist Wolfsburg mit fast achtzig Jahren zu jung? Dauert es ein Jahrhundert, bis Lokführer sich eine Stadt dauerhaft merken können? Haben Eisenbahner einen unbewussten Widerwillen gegen eine Autostadt?

In der Welt las ich einen Artikel über ICE-Bahnhöfe in Deutschland. Da stand, der zwischen München und Garmisch-Partenkirchen verkehrende ICE stoppe in Tutzing, Murnau und von Dezember an auch in Weilheim. Minuten vor Garmisch dann noch mal: in Oberau.

Oberau hat 3245 Einwohner. Es gibt nur einen Ort mit ICE-Bahnhof, der kleiner ist, Züssow in Vorpommern, da leben 1436 Menschen. Bedenkt man, dass es ICEs mit 750 Sitzplätzen gibt und so ein Zug, wenn der Rest der Passagiere steht, 1500 Leute transportieren dürfte, könnte man Züssow mit einem einzigen Zug evakuieren. Dies geschah jedoch nie. Und ebenfalls nie hörte man, an Oberau oder Züssow sei ein Zug ungeplant vorbeigefahren.

In Wolfsburg geschieht es immer wieder.

Der Welt-Reporter versuchte herauszufinden, warum Oberau überhaupt einen ICE-Bahnhof hat, jedoch: Nirgendwo gab es eine wirklich schlüssige Erklärung. Nicht einmal der Amtsleiter des Rathauses konnte ihm helfen, er sagte: »Wir haben nicht darum gebeten, dass bei uns ICEs halten.« Wolfsburg aber bittet darum. Auch die Fahrgäste, die in Wolfsburg aussteigen möchten, bitten darum, mehr noch: Viele Menschen wollen Wolfsburg verlassen, auch sie haben die dringende Bitte, ein Zug möge sie verlässlich aufnehmen.

Dies ist ein Rätsel, eines der großen Geheimnisse der Welt wie die Suche nach Atlantis, der Verbleib des Bernsteinzimmers oder die Frage, wie und warum Waschmaschinen Socken fressen. Es gibt nur eine Lösung: Wolfsburg muss samt Volkswagenwerk neu gebaut werden, wie Belmont und Neom: the town formerly named Wolfsburg – und zwar zwischen Oberau (künftig Wolfsburg-Nord), wo alle ICEs halten, und Garmisch (dann Wolfsburg-Süd), wo Minuten später die ICE-Strecke unterhalb der sogenannten Zugspitze endet, sodass es keinerlei Fluchtmöglichkeiten gibt.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/46644