Süddeutsche Zeitung Magazin

Wissen | Heft 50/2017

Das Null-Problem

Weil sich das Klima ändert, steigen die Meere - das weiß heute jedes Kind. Doch der Meeresspiegel ist keine fixe Größe: Fast jedes Land versteht darunter etwas anderes.

Von Von Rainer Stadler





Pro Jahrhundert zwanzig bis achtzig Zentimeter. Einen Meter bis zum Jahr 2100. Vier Meter bis 2300. Szenarien, wie der Klimawandel den Meeresspiegel anschwellen lässt, gibt es wie Sand am Meer. Was diese Studien nicht beantworten: welchen Meeresspiegel eigentlich? Es gibt nämlich nicht den Meeresspiegel. In Genua ist er um 28 Zentimeter niedriger als in Amsterdam, aber um gut zwei Meter höher als im belgischen Ostende.

Den preußischen Vermessungsbeamten fiel das Phänomen schon vor 150 Jahren auf: Von der Nordseeküste aus machten sie sich mit Messlatten auf den Weg, um an den Ufern die Höhen quer durch Europa zu bestimmen. Als sie am Mittelmeer ankamen, stellten sie fest, dass der Pegel vierzig Zentimeter unter dem deutschen Meeresspiegel lag. Kann es sein, dass Wasser die Weltmeere nicht so gleichmäßig und glatt füllt wie die heimische Badewanne? Und wenn ja, wen stört das?

Zum Beispiel die Ingenieure, die 2004 die Hochrheinbrücke in Laufenburg errichteten. Sie sollte Deutschland mit der Schweiz verbinden. Dummerweise beziehen sich die Deutschen bei ihren Höhenangaben heute auf den Meeresspiegel von Amsterdam, die Schweizer aber auf den von Marseille. Prompt verfehlten sich die Brückenhälften beim ersten Annäherungsversuch um einen halben Meter.

Die Klimaforschung muss nicht nur mit zwei verschiedenen Meeresspiegeln umgehen, sondern mit Hunderten. Klar, die Gletscher schmelzen, auch die Eisschilde in Grönland und in der Antarktis. Trotzdem steigt der Meeresspiegel nicht überall. Vor Kanada und Skandinavien sinke er sogar, weil das Land sich hebe, erklärt der Münchner Geowissenschaftler Reinhard Rummel. Nach dem Ende der Eiszeit vor 10 000 Jahren verschwand auch dort das Eis, und seitdem steigen die von der Last befreiten Landflächen auf, um einen Zentimeter pro Jahr. Das werde noch 10 000 Jahre so weitergehen, sagt Rummel. Deshalb fällt ein klimabedingter Anstieg des Pegels von zwei, drei Millimetern jährlich dort kaum ins Gewicht. Für Aussagen über die globalen Folgen des Klimawandels braucht es aber eine Art durchschnittlichen globalen Meeresspiegel. Man könnte auf die Idee kommen, ihn einfach aus dem Weltall zu bestimmen, mittels GPS. Das Problem dabei: die Erdanziehung. In manchen Regionen der Erde ist sie stärker, in manchen schwächer. So entstand zum Beispiel im Indischen Ozean eine Delle von bis zu hundert Metern Tiefe. Ein Teil des Wassers wird dort sozusagen – Geowissenschaftler wie Rummel würden das nie so sagen, weil alles viel komplizierter ist – von der Umgebung angezogen, wo die Schwerkraft stärker wirkt. Satellitenmessungen ergaben, dass unser Planet mit solchen Dellen, aber auch Beulen übersät ist. Darauf verkündeten Forscher, die Erde sei keine Kugel, sondern eine Kartoffel: Indem das Wasser sich an einigen Stellen der Erde verbeult, passt es sich an diese Schwerkraftunterschiede der Erde an. So seltsam es klingt: Eine Murmel würde auf der Kartoffel wie auf einer glatten, ebenen Tischfläche gleichmäßig dahinrollen. Und so entspricht diese Kartoffel, die Wissenschaftler dann doch lieber Geoid nennen, annähernd dem Meeresspiegel. Daraus ließe sich eine Art durchschnittlicher Meeresspiegel errechnen, als Bezugswert für Aussagen über den Klimawandel. Obendrein eignet sich das Geoid als globales Nullniveau, von dem aus man die Höhe jedes Orts der Erde bestimmen kann.





Der tatsächliche Meeresspiegel weicht aber oft etwas vom Geoid ab. Schuld daran sind Wind und Wetter, die das Meer auftürmen, wie sich bei jeder Sturmflut in Hafenstädten beobachten lässt. Auch Schwimmer im Ärmelkanal spüren diesen Einfluss, wenn sie von Dover in Richtung Calais unterwegs sind, denn dabei überwinden sie nicht nur 32 Kilometer in der Länge, sondern auch neun Zentimeter bergauf. Große Strömungen wie der Golfstrom führen zu Wölbungen und Dellen im Meer, ebenso die Gezeiten oder die Mündungen von Flüssen. Steigende Wassertemperaturen lassen Meerespegel schwellen, weil Wasser sich ausdehnt, wenn es wärmer wird. Praktisch alle diese Einflüsse können aber herausgerechnet werden, jedenfalls mit etwas Geduld. Es braucht genug Daten, um den Meerespegel unabhängig von Gezeiten, Wind und Wetter zu bestimmen. Genauer gesagt, Daten über einen Zeitraum von 18,6 Jahren, sagt der Münchner Geowissenschaftler Rummel.

Diese Daten gibt es inzwischen. So spricht nichts dagegen, dass sich die Wissenschaft in den nächsten Jahren auf ein globales Höhensystem einigt – und auf einen Durchschnittswert des Meeresspiegels, als Referenz für alle Pegel weltweit. Anhand dieses Werts ließe sich feststellen, wo und um wie viele Millimeter jährlich der Meeresspiegel nun global steigt.

Dass auch die lokalen Behörden diesen Wert übernehmen, bezweifelt Rummels Forscherkollege Thomas Gruber allerdings. Denn ein durchschnittlicher Meeresspiegel bedeutet, dass es auch Küstenregionen gibt, die unter Normalnull liegen. »Niemand lebt gern unter null«, sagt Gruber. Als Kanada vor vier Jahren sein Höhenreferenzsystem änderte, fanden sich einige Küstenbewohner unterhalb des Meeresspiegels wieder und hatten plötzlich Schwierigkeiten, eine Versicherung für ihr Haus zu finden. In Florida büßen Immobilien in solcher Lage schon seit Längerem massiv an Wert ein.


Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/46729