Süddeutsche Zeitung Magazin

05. May 2009

Aaron Neville und Rance Allen im Kampf um die Gospelkrone

Von Johannes Waechter
rance2Post aus Amerika (V): Nur selten kann man in Europa die feurige Gospelmusik der US-Südstaaten erleben. Beim JazzFest in New Orleans trafen nun zwei außergewöhnliche Gospelsänger aufeinander: Aaron Neville und Rance Allen. Wer kam dem Himmel näher?

Vielleicht hat es der eine oder andere Leser dieses Blogs schon gemerkt: Ich habe eine Schwäche für Gospelmusik. Ich finde, dass die Gospelsongs von Aretha Franklin, Sam Cooke oder Johnny Cash die bekannteren Hits dieser Künstler oft noch übertreffen; und in ihrer feurigen Ekstase sind Gruppen wie die Mighty Clouds Of Joy, die Violinaires oder die Swan Silvertones den großen R&B-Charismatikern wie James Brown und Otis Redding mindestens ebenbürtig.

So war ich bei meinem Besuch auf dem New Orleans Jazz & Heritage Festival ziemlich oft im "Gospel Tent". In diesem Zelt – es passen zirka achthundert Menschen hinein – wird Südstaaten-Gospel in seiner reinsten Darreichungsform gespielt. Es treten Familiengruppen wie die Coolie Family auf, in denen mehrere Generationen gemeinsam Jesus preisen, ekstatisch jubilierende Riesenchöre und ältere Herren wie die Zion Harmonizers, die schon nach wenigen Minuten im Dienste des Herrn schweißgebadet sind. Allen Gruppen ist das hohe Tempo der Musik gemeinsam, die stetige Widerholung der Kernbotschaft, die Intensität des oft kaum noch steigerungsfähigen Gesangs und das solide R&B-Fundament.

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Aaron Neville auf dem JazzFest in New Orleans; links sein Bruder Charles am Saxofon.

Am vergangenen Wochenende kam es nun zum Aufeinandertreffen zweier Topstars der Gospelszene. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen spielten im Gospelzelt Aaron Neville, der honigsüße Leadsänger der Neville Brothers, der seit einigen Jahren auch Gospelplatten macht; und Rance Allen, der mit einigen Platten auf Stax und Truth die Gospelmusik in den Siebzigern für moderne Funksounds öffnete und seitdem von Soul-Fans als ein Sänger verehrt wird, der selbst Aretha Franklin an die Wand singen könnte.

Bei Aaron Nevilles Auftritt am Samstag nachmittag drängten so viele Menschen ins Gospelzelt, dass die Feuerwehr schon drohte, die Veranstaltung abzublasen. Das Publikum erlebte dann, wie der Sänger eine Art Greatest-Hits-Programm der Besinnungsmusik spielte. "Amazing Grace", das "Ave Maria" und "I Saw The Light" waren dabei, aber auch Pophits wie "Bridge Over Troubled Water", "Morning Has Broken", "Stand By Me" und "If I Had A Hammer". Echte Gospelsongs? Fehlanzeige! Zwar hatte Nevilles routinierter Auftritt einige gelungene Momente; im großen und ganzen demonstrierte seine Songauswahl aber vor allem seinen andauernden Kampf um Anerkennung als Mainstream-Sänger.

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Rance Allen bei seinem Auftritt im Gospel-Zelt; links sein Bruder Steve.

Ganz anders Rance Allen. Der 60-jährige Sänger lieferte eine extrem beeindruckende Show ab und zeigte, wie die Vokaltechnik der Gospelmusik Grundlage des Soul geworden ist, wie sich der Gospel aber trotzdem noch ein Restreservoir an vokaler Extrem-Ekstase bewahrt hat, das weltliche Sänger sich nicht einzusetzen trauen.

Allen hüpfte wie eine Gummiball auf die Bühne und gab gleich von Anfang an Vollgas. Mit seinem Hit "Miracle Worker" ging es los, und Allen schrie und jubilierte, klagte, schmeichelte und predigte; mühelos wechselte er dabei vom growl im Falsett. Darüberhinaus zeigte er sich als erstklassiger Entertainer, der zwar an der Ernsthaftigkeit seines christlichen Anliegens keinen Zweifels ließ, die Ekstase des Publikum mit Witzen und Tanzeinlagen aber noch weiter zu steigern wusste. Für mich als Soulfan war der Auftritt der Rance Allen Group somit ein Höhepunkte einer Reise, in deren Verlauf ich schon einige musikalische Sternstunden erleben konnte.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/573/aaron-neville-und-rance-allen-im-kampf-um-die-gospelkrone/