Süddeutsche Zeitung Magazin

24. July 2009

Liebe, Hass, silberne Regentropfen: Jochen Distelmeyers Solo-Debüt

Jochen Distelmeyer startet in seine Solokarriere. Ein paar Auftritte hat der ehemalige Blumfeld-Sänger bereits absolviert, ein erster neuer Song kursiert im Netz, doch die wichtigste Frage lautet: Wie wird sich Distelmeyers Solo-Album Heavy anhören, das Ende September erscheint? Ich weiß es – ein erster Höreindruck.

Von Johannes Waechter
jochendistelmeyer2Jochen Distelmeyer startet in seine Solokarriere. Ein paar Auftritte hat der ehemalige Blumfeld-Sänger bereits absolviert, ein erster neuer Song kursiert im Netz, doch die wichtigste Frage lautet: Wie wird sich Distelmeyers Solo-Album Heavy anhören, das Ende September erscheint? Ich weiß es – ein erster Höreindruck.  jochendistelmeyer1

Im September erscheinen neue Alben von Pearl Jam, Jay-Z und Mariah Carey, ein neuer Madonna-Song kommt heraus, das Gesamtwerk der Beatles wird wiederveröffentlicht und Leonard Cohen feiert seinen 75. Geburtstag. Doch all diese Ereignisse verblassen, so scheint es, neben dem Comeback von Jochen Distelmeyer: Am 25. September bringt der ehemalige Blumfeld-Sänger Heavy (Columbia) auf den Markt, sein erstes Solo-Album, und im Netz rumort es schon jetzt gewaltig.

Es begann vergangene Woche mit drei Aufwärm-Gigs und einem Festival-Auftritt. Die Taz schickte einen Reporter zum Auftakt-Konzert in Hannover, der von einem "Christian-Anders-haften, psychedelischen Rausschmeißersong" berichtete; auch in Blogs wie Popkulturjunkie und Ruhrbarone wurde über die Shows geschrieben. Beim verregneten Auftritt auf dem Melt war erneut ein Taz-Reporter vor Ort, diese Redaktion scheint eine Schwäche für Distelmeyer zu haben.

Seit vergangener Woche wird auf Distelmeyers Homepage der Song "Wohin mit dem Hass" gestreamt, auch dazu gab es schon zahlreiche Reaktionen. "Konventionelles Schlagzeug, konventionelle Gitarren und Distelmeyers Klassensprecherstimme, klingt Produktions-fett und — teuer", heißt es bei Dorfdisco, auch Knickknack sieht den Song eher kritisch: "Das Image als unzufriedener Jugendlicher kann und will ich Jochen Distelmeyer schon lange nicht mehr abnehmen, dafür klingt seine Stimme inzwischen zu sehr nach Rolf Zuckowski und zu wenig nach Sturm und Drang." Im Rolling-Stone- Forum widmet sich gar ein eigener Thread dem Für und Wider des Distelmeyer-Comebacks.

Heute hatte ich erstmals Gelegenheit, das Distelmeyer-Album zu hören. Ich weiß, es kommt erst in zwei Monaten raus, und normalerweise bringt es nichts, so weit im voraus über eine Platte zu schreiben. Aber da das Thema schon jetzt so viele beschäftigt, mich eingeschlossen, möchte ich einen ersten Höreindruck wiedergeben. Der lautet: fantastisch! Ich finde die Platte von vorne bis hinten gelungen und in vielen Aspekten noch besser als die letzten, auch schon starken Blumfeld-Platten.

Mir scheint, Distelmeyer wächst in eine Rolle hinein, wie sie in England Figuren wie Paddy McAloon, Morrissey und Elvis Costello ausfüllen: Pop-Virtuosen, die ihre Wurzeln in der Indie-Kultur haben, deren Beschränkungen aber hinter sich lassen konnten. Heavy ist intelligent, aber nicht verschroben und verkopft, im Gegenteil: Hier ist nichts abgegriffen oder sperrig, Musik und Texte haben eine emotionale Frische, die vom ersten Song an einen mitreißenden Sog entfaltet.

Mich beeindruckt vor allem die Bandbreite der Platte: Sägender Indie-Rock ist dabei, Liebesballaden, eine Art Kinderlied, ein Acapella-Stück. Es geht um Liebe, gescheiterte Liebe, Identitätsfindung, die Kanalisierung von Unzufriedenheit, das Glücksversprechen der Popkultur; und all das wird in einer reichen Sprache formuliert, deren Motive ebenso aus der Natur wie aus der Bibel und dem Alltag in den Vororten von Hamburg kommen.

Selbst gesanglich hat sich Distelmeyer meines Erachtens noch einmal gesteigert: Die Angewohnheit, immer wieder Silben ohne Betonung vertröpfeln zu lassen, macht er durch besonders feine, detailreiche Gesangsmelodien wett. Es gibt also tatsächlich viele Gründe, sich auf Heavy zu freuen – möge die Zeit bis zum 25. September schnell vorübergehen. Hier noch das Tracklisting:

1. Regen
2. Wohin mit dem Hass?
3. Er
4. Lass uns Liebe sein
5. Bleiben oder gehen
6. Hinter der Musik
7. Nur mit Dir
8. Hiob
9. Jenfeld Mädchen
10. Murmel

Foto: Nic Frechen

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/1106/liebe-hass-regenwetter-jochen-distelmeyers-solo-debut/