Süddeutsche Zeitung Magazin

31. July 2009

Warum ist Jimmie Rodgers unsterblich?

Der Countrysänger Jimmie Rodgers, gestorben 1933, gilt als Figur aus der fernen musikalischen Vergangenheit. In einem faszinierenden neuen Buch weist der amerikanische Autor Barry Mazor nun aber nach, dass Rodgers dennoch unser Zeitgenosse ist.

Von Johannes Waechter
jimmie_rodgersDer Countrysänger Jimmie Rodgers, gestorben 1933, gilt als Figur aus der fernen musikalischen Vergangenheit. In einem faszinierenden neuen Buch weist der amerikanische Autor Barry Mazor nun aber nach, dass Rodgers dennoch unser Zeitgenosse ist. Ein Gespräch über Schweineschmalz, jodelnde Zwerge und die unzerstörbare Kraft von Jimmie Rodgers' Musik.

Barry Mazor, in Ihrem Buch Meeting Jimmie Rodgers argumentieren Sie, dass der Countrysänger Jimmie Rodgers bis heute relevant ist – obwohl er bereits 1933 starb. Was ist der Grund für diese Langlebigkeit?

Jimmie Rodgers war einer der ersten Popstars, der sich so verhielt, wie wir es bis heute von Popstars erwarten. Bei ihm fängt alles an: Er hat darüber gesungen, wo er herkam, was er erlebt hatte, in der Sprache der Gegend, aus der er stammte. Alles, was er tat, war deutlich von seiner Persönlichkeit, seinem Charakter geprägt. Heute ist das normal, aber damals war es eine ganz neue Art, sich als Musiker zu präsentieren.

Seine ersten Aufnahmen entstanden 1927. War es denn damals nicht üblich, persönliche Lieder zu singen?

In der Tin Pan Alley in New York, wo die meisten populären Songs entstanden, versuchte man, universell zu sein, indem man Lieder über möglichst allgemeingültige Gefühle schrieb. Im Gegensatz dazu war Jimmies Musik ganz und gar spezifisch: Es ging um ihn, und er sang so, wie er wollte. Er hatte auch andere Themen als die meisten übrigen Songschreiber: Es ging um Leben und Tod, Gefängnis, seine Arbeit bei der Eisenbahn, seine Tuberkulose-Erkrankung, sogar um Schweineschmalz. Dabei hat Jimmie die bis heute nachwirkende Entdeckung gemacht, dass man auch mit solchen spezifischen Themen eine universelle Wirkung erzielen kann.

Wie wichtig war für ihn der Blues?

Entscheidend. Jimmie war in der Blues-Community präsent, und viele Eigenheiten seiner Musik haben vorher schon im Blues zirkuliert: die Tendenz, das Material zu personalisieren, die Tendenz zu einer gewissen Aggressivität, Offenherzigheit und Körperlichkeit. Ich glaube, wenn man damals die Leute gefragt hätte, wer Jimmie Rodgers ist, hätten sie gesagt, das ist der Varieté-Star, der all diese Bluesnummern singt.

Sein bekanntestes Markenzeichen ist der Jodel. Wie ist er darauf bloß gekommen?

Im amerikanischen Varieté gab es eine Jodel-Tradition. Schwarze und weiße Entertainer haben das schon lange vor ihm gemacht. Entscheidend aber ist: Keiner hat so gejodelt wie er. Wie er sich den Jodel angeeignet und für seine Musik passend gemacht hat, ist für mich ein Beweis seiner Genialität.

In Ihrem Buch kommt Jimmie Rodgers als recht bodenständiger Typ rüber.

Er hat auch im größten Erfolg immer die Verbindungen zu seiner Heimat in den US-Südstaaten aufrecht erhalten und für die einfachen Leute vom Land gesungen. Er hat zum Beispiel in vielen Kleinstädten gespielt, in denen kein anderer Star aufgetreten ist. Die Menschen dort wurden ihm nie fremd; er ist für sie eingetreten.

Heute würde man sagen: Er hat sich seine street credibility bewahrt.

Ja, das schien in seinem Wesen zu liegen. Auch in dieser Hinsicht war er eine Ausnahme: Sein Freund Gene Austin, der ebenso wie Jimmie aus einer armen Südstaaten-Familie stammte, hat bei der ersten Gelegenheit Frack und Zylinder angezogen und ist vorzugsweise in Nachtclubs aufgetreten.

Viele seiner Songs hat Jimmie Rodgers als Solo-Performer eingespielt, aber er hat auch mit Hawaii-Bands oder Jazz-Bands aufgenommen. Bei einer legendären Session traf er sogar auf Louis Armstrong! Was würden Sie geben, um bei diesem Ereignis dabeisein zu können?

Ha, das wäre was! Mein Buch beginnt mit einer Beschreibung jener Folge von Johnny Cashs TV-Show, in die Cash Louis Armstrong eingeladen hatte, um diese Session nachzuspielen. Und ich durfte etwas hören, was wahrscheinlich nie veröffentlicht werden wird: eine vierzigminütige Aufnahme der gemeinsamen Probe von Cash und Armstrong. Daraus geht hervor, dass sich Louis Armstrong auch 40 Jahre später immer noch sehr genau an die Session mit Rodgers erinnert hat. Dieses Zusammentreffen am 16. Juli 1930 war eine Sternstunde der amerikanischen Musik. Die Leute wundern sich immer noch, dass es überhaupt passiert ist, weil Country und Jazz so wenig miteinander zu tun haben. Da sieht man mal wieder, wie wenig diese ganzen Kategorien bedeuten.

Sie beschreiben ausführlich den großen Einfluss, den Rodgers nach seinem Tod auf die Entwicklung von Country, Folk und Rock’n’Roll hatte. Mich beeindruckt vor allem, dass es nicht irgendwelche zweitrangigen Figuren sind, die sich auf ihn beziehen, sondern die absoluten Top-Leute: Elvis, Woody Guthrie, Hank Snow, Ernest Tubb, Johnny Cash, Merle Haggard, Bob Dylan.

Ja, das ist erstaunlich. Er hat selbst Großes geleistet – und andere inspiriert, Großes zu tun. Er war ein wichtiges Vorbild – auch für Leute wie Elvis oder Hank Williams, die nie einen seiner Songs aufgenommen haben, deren Art, sich zu präsentieren, aber stark von Jimmie beeinflusst war. Seine Wirkung bestand auch darin, einen Freiraum zu schaffen, in dem seine Nachfolger Karriere als roots music heroes machen konnten.

Sie haben Jimmie Rodgers’ Einfluss aber auch an ein paar ungewöhnlichen Orten entdeckt.

Zum Beispiel bei Dopey, dem jodelnden Zwerg aus Walt Disneys Schneewittchen. Oder bei etlichen Sängern, die in den Fünfzigern in Sierra Leone zu jodeln angefangen haben. Auch die Geschichte von Toshio Hirano berührt mich, einem Japaner, der kein Englisch konnte und sich die Lieder von Jimmie Rodgers im Verlauf von zehn Jahren Silbe für Silbe erarbeitet hat. Ein weiteres Beispiel für die Kraft, die in diesen Liedern steckt.

Besonders gut finde ich Merle Haggards Tributalbum Same Train, Different Time.

In den ersten vierzig Jahren nach Jimmies Tod war Ernest Tubb sein größter Fürsprecher, in den letzten vierzig Jahren war es Merle Haggard. Merle hat mich sehr bei dem Buch unterstützt; die Menschen für Jimmie Rodgers zu begeistern, ist ihm bis heute ein Anliegen.

Bob Dylan hat 1997 einen Tribut-Sampler für Jimmie Rodgers initiiert und auch gleich selbst den Klappentext geschrieben.

Seine Liner Notes sind sehr bob-artig: ziemlich kryptisch und assoziativ. Aber ich glaube, dass es ihm im Kern um dasselbe geht wie mir: Er betont, dass Jimmies Musik Kraft spendet und ihre Hörer motiviert, selbst aktiv zu werden. Genau darüber rede ich auch in meinem Buch. Ich glaube, dass Bob Dylan ein tiefes Verständnis von Jimmies Musik hat.

In seiner Theme Time Radio Hour hat Dylan seine Hörer explizit dazu aufgefordert, alle Rodgers-Songs anzuhören. Nicht nur einige – alle! Fast schon ein Werbespruch für die Bear-Family-Box The Singing Brakeman, die sein Gesamtwerk enthält.

Da dieses Interview in Deutschland erscheint, ist es mir ein besonderes Anliegen zu sagen, wie wichtig Bear Family für meine Arbeit war. Nicht nur die Singing-Brakeman-Box, sondern auch die Box Let Me Be Your Sidetrack, die im vergangenen Jahr erschien und auf sechs CDs Rodgers-Coverversionen versammelt. Die Vielfalt dessen, was die Leute mit seinen Songs gemacht haben, spiegelt sich in dieser Box wieder. Die Qualität solcher Bear-Family-Veröffentlichungen ist wirklich einzigartig. Was sie machen, hat unschätzbaren Wert für alle, die Musik lieben.

Ein Fazit, das ich aus Ihrem Buch ziehe, lautet: Man versteht die Musik der Gegenwart besser, wenn man weiß, woraus sie entstanden ist.

Vielen Leuten ist es völlig egal, wo die Musik herkommt, die sie hören; es ist meiner Meinung nach völlig legitim, Pop auf diese Art zu genießen. Aber gleichzeitig kann es sehr gewinnbringend sein, Popsongs und ihre Geschichte auf spezifische Weise zu analysieren. Alles kommt irgendwoher, und die meisten Musiker bauen auf dem auf, was vor ihnen geschah. Einer der Punkte, den ich im Buch machen wollte, ist, dass man sich dessen nicht einmal bewusst sein muss. Man kann auch von Dingen lernen, die man gar nicht kennt.

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Barry Mazor (rechts) schreibt seit den Siebzigern über Countrymusik und prägte mit seinen Artikeln u.a. die Zeitschrift "No Depression". Sein Buch "Meeting Jimmie Rodgers. How America's Original Roots Music Hero Changed The Pop Sounds Of A Century" erschien im April bei der Oxford University Press.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/1163/warum-ist-jimmie-rodgers-unsterblich/