Süddeutsche Zeitung Magazin

09. September 2009

"Die Beatles haben den Rock'n'Roll zerstört"

Pünktlich zum Erscheinen des neu gemasterten Beatles-Katalogs kommt der US-Autor Elijah Wald mit einem Buch auf den Markt, das einen neuen, provokanten Blick auf die Fab Four aus Liverpool und ihre Bedeutung für die Popmusik wirft. Die Beatles hätten den Rock'n'Roll zerstört, behauptet Wald, und von einer integrierten zu einer rein weißen Musik gemacht; der Zorn vieler Beatles-Fans dürfte ihm gewiss sein. Ein Gespräch über die Folgen der "British Invasion" und über eine neue Methode, Popgeschichte zu schreiben.

Von Johannes Waechter
beatles2Pünktlich zum Erscheinen des neu gemasterten Beatles-Katalogs kommt der US-Autor Elijah Wald mit einem Buch auf den Markt, das einen neuen, provokanten Blick auf die Fab Four aus Liverpool und ihre Bedeutung für die Popmusik wirft. Die Beatles hätten den Rock'n'Roll zerstört, behauptet Wald, und von einer integrierten zu einer rein weißen Musik gemacht; der Zorn vieler Beatles-Fans dürfte ihm gewiss sein. Ein Gespräch über die Folgen der "British Invasion" und über eine neue Methode, Popgeschichte zu schreiben.

Vor fünf Jahren hat der amerikanische Musiker und Autor Elijah Wald schon einmal ein Buch veröffentlicht, das für großes Aufsehen sorgte. In Escaping The Delta – Robert Johnson and the Invention of the Blues legte er dar, dass das Bild vom Bluessänger als Schmerzensmann, der am Straßenrand einsam von Sünde und Vergebung singt, eine Projektion weißer Fans ist, die nichts mit der Lebensrealität der Bluesmusiker vor dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat.

Sein neues Buch trägt den provokanten Titel How The Beatles Destroyed Rock'n'Roll und ist eine Geschichte der amerikanischen Popmusik von 1900 bis 1970, bei der es nicht um nur um die großen Helden und ihre Meisterwerke geht, sondern darum, welche Musik in diesen Dekaden tatsächlich populär war und wie sie ihre Hörer erreichte. Das Bild, das sich dabei ergibt, hat mit dem bekannten Jazz- und Pop-Kanon oft erstaunlich wenig zu tun. Walds Buch regt dazu an, neu über Popmusik nachzudenken und hätte viele Ansatzpunkte für ein Interview enthalten. Da heute jedoch der neu gemasterte Beatles-Katalog erscheint, beginne ich aber mit jener Gruppe, die in englischen Zeitungen gerade wieder als "still the best ever" bezeichnet wird.

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Elijah Wald, in Ihrem neuen Buch stellen Sie die These auf, die Beatles hätten den Rock’n’Roll zerstört. Sind Sie schon von wütenden Beatles-Fans angegriffen worden?

Nur von solchen, die das Buch nicht gelesen haben. Wer das Buch liest, merkt schnell, dass ich die Beatles keineswegs hasse. Außerdem haben John Lennon und Paul McCartney beide ganz ähnliche Dinge gesagt wie ich in dem Buch. Den beiden war vollkommen klar, dass sie selbst entscheidend daran beteiligt waren, den Rock’n’Roll der Fünfziger zu Grabe zu tragen. Beide haben das bedauert und oft eine gewisse Nostalgie für die Musik ihrer Jugend zum Ausdruck gebracht. Ich bin also gewiss kein Beatles-Gegner.

Sie schätzen jedoch ihr Frühwerk höher ein als die zweite Hälfte ihres Schaffens, als die Beatles sehr bewusst versuchten, der Popmusik den Rang von ernstzunehmender Kunst zu verleihen.

Ich glaube nicht mal, dass diese Entwicklung schlecht war. Aber sie ist ein entscheidender Wendepunkt der Popgeschichte. In meinem Buch ziehe ich eine Analogie zwischen den Beatles und Paul Whiteman, der in den Zwanzigern zum mit Abstand erfolgreichsten Jazz-Bandleader wurde. Viele Leute werfen Whiteman vor, er habe den Jazz in Musik verwandelt, die durch und durch weiß war, weil sie sich von ihrem originalen, schwarzen Rhythmus entfernt und stattdessen Elemente der europäischen Klassik aufgenommen habe. Ich denke, genau dasselbe kann man über die Beatles sagen.

Das Streichquartett bei "Yesterday" wird tatsächlich bis heute als eine der großen Errungenschaften der Beatles gefeiert.

Viele Leute fanden es unglaublich positiv, als die Beatles klassischer wurden. Ich bin in den Sechzigern aufgewachsen und weiß noch genau, dass die Kritiker Rock’n’Roll damals durch die Bank für Schrott hielten; erst die Beatles hätten daraus ernsthafte Kunst gemacht. Dass die Beatles eine Annäherung zwischen dem Rock’n’Roll und der klassischen Popmusik bewirkt haben, lässt sich nicht bestreiten. Ob das gut oder schlecht war, ist allerdings Ansichtssache.

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Was ist mit der Frage der Hautfarbe? Haben die Beatles den Rock’n’Roll Ihrer Ansicht nach in ein weißes Genres verwandelt?

Hier gebe ich dann doch ein Werturteil ab: ja, leider. Ursprünglich war der Rock’n’Roll das gemischtrassigste Musikgenre, dass es je in den USA gab. Die amerikanische Popmusik war niemals wieder so integriert wie in dem Jahr, bevor die Beatles nach Amerika kamen. Nach nur einem Jahr war alles anders: Die Beatles hatten im Rock’n’Roll die Rassentrennung eingeführt, unabsichtlich natürlich, und schwarz und weiß auseinander dividiert.

Wie das?

Als die britische Invasion begann, haben die weißen Kids fast nur noch die britischen Bands angehört. Anders die schwarzen Kids: Die haben sich nicht für britische Bands interessiert – weil die Schlagzeuger zu schlecht waren. Wenn man in der Welt von Motown und James Brown lebte, wenn einem Rhythmus wichtig war, konnte man mit den Beatles und ihren Nachfolgern einfach nichts anfangen. Viele britische Bands haben übrigens unumwunden zugegeben, dass sie auf diesem Gebiet Defizite hatten.

Und von da an strebten weiße und schwarze Musik unwiderruflich auseinander?

Ich möchte diese Spaltung nicht allein den Beatles in die Schuhe schieben, sie hätte vielleicht auch ohne sie stattgefunden. Die Grundlage meiner Thesen ist, dass sich die Technik geändert hat und dass Schallplatten begannen, Live-Bands zu ersetzen. Die Beatles waren die populärste Band der Welt, aber nach 1966 weigerten sie sich aufzutreten und machten nur noch Platten. So etwas gab es vorher noch nie. Es war der Beginn der Welt, in der wir seitdem leben.

Was hat das mit der Rassentrennung zu tun?

1930 war es doch noch so: Wenn ein Weißer gerne Fletcher Hendersons Jazz hören wollte, hat er in der Regel eine weiße Band – wie die von Benny Goodman – dazu gebracht, Fletcher Hendersons Arrangements zu spielen. Die Rassentrennung war natürlich nichts Gutes, aber sie hatte zur Folge, dass die weißen Bands die schwarzen Stile lernen mussten – und umgekehrt. Es gab jahrzehntelang einen ständigen Austausch zwischen schwarzer und weißer Musik, und nicht diese Trennung, mit der wir seit über dreißig Jahren leben, wo HipHop fast ausschließlich schwarz ist und Rock fast ausschließlich weiß. Für beide Seiten ist diese Trennung schlecht.

Vor diesem Hintergrund wirkt es bizarr, dass wir die Rockmusik der späten Sechziger als progressive gesellschaftliche Kraft verklären.

Vorsicht. Die Tatsache, dass ein Großteil des Rock nun keine Tanzmusik mehr war und für ein weißes, gebildetes Publikum gemacht wurde, ist keine Kritik der Musik, sondern eine Beschreibung. Es ist nicht per se schlecht, dass der Rock zu einer Art leicht verdaulicher Klassik wurde; aber es ist eine Tatsache, dass die Rockmusik damit etwas ganz anderes war als zehn Jahre zuvor. Ich versuche, als Historiker zu schreiben, nicht als Kritiker. Persönlich mag ich "I Want To Hold Your Hand" viel lieber als Sergeant Pepper. Aber ich versuche bestimmt nicht, irgendjemand von diesem Standpunkt zu überzeugen.

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Bevor Elijah Wald Autor und Pop-Historiker wurde, hat er jahrelang als Gitarrist gearbeitet, spezialisiert auf Folk und Blues.

Das ist ehrenwert, aber ungewöhnlich. Viele Bücher über die Rock- und Jazz-Geschichte bestehen aus einer Aneinanderreihung von Geschmacksurteilen.

Das ist ein großes Problem – nicht nur in der Popmusik. Auch Kunstgeschichte wird auf diese Weise geschrieben. Dafür gibt es natürlich Gründe: So kann man argumentieren, dass es keinen Grund gibt, sich an schlechte Kunst zu erinnern. Ich glaube aber, dass man auch die schlechte Kunst kennen muss, um die gute zu verstehen. Wenn man so tut, als hätten Louis Armstrong und Duke Ellington in einer anderen Welt gelebt als Paul Whiteman und Guy Lombardo, dann wird man ihre Musik nie verstehen. Ich finde es vollkommen nachvollziehbar, wenn jemand sagt, Louis Armstrong sei großartig und Guy Lombardo Mist. Aber Guy Lombardos Royal Canadians waren Louis Armstrongs Lieblingsband! Und wenn man ihn verstehen will, muss man darüber nachdenken, warum ihm diese Musik so gut gefallen hat. Das ist es, was ich mit meinem Buch verändern möchte: Es geht nicht nur darum, was mir persönlich gefällt, sondern darum, genau zu untersuchen, was tatsächlich passiert ist – um dadurch die Musik besser zu verstehen.

Der Popkritiker sitzt in der Regel alleine in seinem Zimmer und ergötzt sich an seinen tollen Scheiben, hat aber keine Beziehung zu ihrer eigentlichen Funktion als Tanzmusik.

Es ist in der Tat "der Popkritiker": Die Popgeschichte wird von Männern geschrieben. Aber es sind Frauen, die darüber entscheiden, welche Bands populär werden. Die meisten Jazz- und Rockschreiber sind nicht nur weit entfernt vom Mainstream der Musik – sie hassen ihn! Da machen sie gar kein Hehl draus. Viele Rockkritiker sind der Ansicht, dass Mainstreampop Musik für Doofe ist. Das ist eine gefährliche Einstellung! Es ist, wie wenn sie über Deutschland in den Zwanzigern schreiben würden und Hitler weglassen, weil sie ihn nicht mögen.

Kommen wir nochmal zu den Beatles zurück. In den Sechzigern hat sich die Gruppe gelegentlich darüber geärgert, dass Schlagzeug und Bass auf ihren Platten nicht laut genug seien. Nun kommen die Remasters heraus. Ich bin sehr gespannt, wie sie sich anhören werden.

Nun, die beiden letzten Beatles-Mitglieder, die noch leben, sind ja die Rhythmusgruppe.

Aber Ringo swingt nicht wie Benny Benjamin, der legendäre Motown-Drummer.

Ja, aber das hat er auch nicht versucht. Ringo war ein sehr effektiver Drummer. Ich mag sein Schlagzeugspiel. Wenn die Beatles "Papa’s Got A Brand New Bag" gespielt hätten, wäre das lächerlich gewesen, aber sie haben es nicht gemacht. Ringo ist ein guter Schlagzeuger, sicherlich besser als die meisten britischen Drummer. Wenn man aufspringen und herumhüpfen will, hat der Schlagzeuger seine Arbeit gemacht, und ich möchte immer noch herumhüpfen, wenn ich "I Want To Hold Your Hand" höre.

Fotos: AP (2), Sandrine Sheon

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/1393/die-beatles-haben-den-rocknroll-zerstort/