Süddeutsche Zeitung Magazin

09. November 2009

Die sieben schlimmsten Wende-Songs

So erfreulich der Mauerfall vor zwanzig Jahren war, so grausam sind viele der Lieder, die damals ertönten. Pathetische Balladen, peinliche Hymnen – hier sind die sieben schlimmsten Lieder der Wende.

Von Johannes Waechter
klaus_meineSo erfreulich der Mauerfall vor zwanzig Jahren war, so grausam sind viele der Lieder, die damals ertönten. Pathetische Balladen, peinliche Hymnen – hier sind die sieben schlimmsten Lieder der Wende.

Wer eine Revolution macht, hat wichtigeres zu tun, als sich um hochwertige musikalische Untermalung zu kümmern. Trotzdem ist es schade, dass nahezu sämtliche Lieder über Mauerfall und Wende eher unerträglich sind – was Funk und Fernsehen leider nicht davon abhält, in Jubiläumszeiten "Wind Of Change" als Endlosschleife zu senden. Hier sind also, aus gegebenem Anlass, meine sieben schlimmsten Wende-Lieder.

1. Scorpions: "Wind Of Change"

Es gibt nur wenige eherne Gesetze der Popkultur, eines davon lautet: Alle Songs, in denen jemand pfeift, sind Schrott! Der beste Beweis dafür ist "Wind Of Change", die grausame Glasnost-Ballade der Scorpions. Der Song entstand nach einem Auftritt der Band in Moskau im Sommer 1989, war jedoch beim Fall der Mauer noch nirgendwo zu hören; er erschien erst 1990 auf den Scorpions-Album Crazy World. Später wurde er vom ZDF zum "Jahrhunderthit" gewählt und bescherte den Scorpions nicht nur massive Verkäufe, sondern auch einen Einladung in den Kreml zum Fototermin mit Gorbi. Vielen anderen Menschen bescherte "Wind Of Change" ein Gefühl, das am ehesten mit einer Mischung aus Migräne und Zahnschmerzen vergleichbar ist.

2. Westernhagen: "Freiheit"

Westernhagen verkneift es sich zu pfeifen, aber dafür pfeift's gehörig durch Metapherngebälk seiner 1987 veröffentlichten Grölhymne: Der Text ist so vage gehalten, dass er eigentlich auf alles passt. Freiheit? Klar, warum nicht?! Auf jeden Fall besser als keine Freiheit, oder? Bloß die Dudenredaktion dürfte gegen die Zeile "Freiheit ist die einzige die zählt fehlt" Einspruch erheben.

3. David Hasselhoff: "Looking For Freedom"

Bei MTV scheint es noch Menschen mit Herz zu geben! Als vergangene Woche in Berlin die "European Music Awards" verliehen wurden, durfte auch der längst abgehalfterte David Hasselhoff mitmischen. Im Glitzeranzug kam er auf die Bühne und schrie "Freedom" in Publikum. Immerhin lässt sein Auftritt auf einen historischen Lernprozess schließen. Während er früher behauptete, die Mauer ganz alleine zum Einsturz gebracht zu haben, sagte er nun: "The East Germans are responsible for the wall coming down". Zum Glück ging das Mitleid von MTV nicht so weit, ihn "Looking For Freedom" auch noch singen zu lassen.

4. Karat / Peter Maffay: "Über sieben Brücken musst du geh'n"

Da der Song tatsächlich im Osten und im Westen zum Hit wurde, ist ihm eine gesamtdeutsche Note nicht abzusprechen. Das macht den arg pathetischen Text ("Manchmal wünsch' ich mir mein Schaukelpferd zurück") und die klischeehafte musikalische Inszenierung aber auch nicht besser. 1990 sangen Peter Maffay und Karat-Sänger Herbert Dreilich den Song dann erstmals gemeinsam, kürzlich kam es bei Carmen Nebel erneut zum Gipfeltreffen Maffay-Karat; statt des inzwischen verstorbenen Herbert Dreilich sang nun sein Sohn Claudius, wobei er und Maffay auffallend schlecht mit dem Playback zurande kamen.

5. Pink Floyd: "Another Brick In The Wall"

Obwohl Pink Floyds The Wall absolut gar nichts mit der Berliner Mauer zu tun hat, ließ sich Roger Waters die Chance nicht entgehen, seinen Songzyklus im Juli 1990 nahe des Brandenburger Tors als Bühnenspektakel zu inszenieren. Hunderttausende kamen, die Diskrepanz zwischen "Wir sind das Volk" und "We don't need no education" blieb jedoch nicht unbemerkt: Das Soundtrack-Album verkaufte sich auffallend schlecht.

6. Nena: "Wunder geschehn"

Mit diesem Song begann Nena 1989 ihre Solo-Karriere, vier Tage nach dem Mauerfall tauchte er – oh Wunder – in den deutschen Charts auf. Die Zeile "Wunder geschehen / Ich hab's gesehen" passte damals tatsächlich wie die Faust aufs Auge, die Zeile "Was auch passiert / Ich bleibe hier" entsprach eher nicht der Stimmung in der DDR.

7. Kaoma: "Lambada"

"Lambada" stand im Herbst 1989 zehn Wochen lang auf Platz eins der bundesdeutschen Charts. Der Westen begrüßte die Schwestern und Brüder aus dem Osten also mit einem hampeligen Tanz und einem belanglosen Stück Plastik-Pop – ein gutes Sinnbild für die schöne neuen Konsumwelt. Vom "Lambada" hat man seit den Zeiten von Egon Krenz zum Glück nicht mehr viel gehört.

Einverstanden? Gibt es noch schlimmere Wende-Hits? Oder sollte gar einer dieser Songs gar nicht so schlimm sein, wie ich behaupte?

Foto: ddp

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/1620/die-sieben-schlimmsten-wende-songs/