Süddeutsche Zeitung Magazin

29. December 2009

The Baseballs im Interview: "In Finnland sind wir auf der Eins"

Sie tragen Elvis-Tollen und covern Hits von Jay-Z und Rihanna im Rock'n'Roll-Stil: Mit dieser Idee haben die Baseballs in diesem Jahr nicht nur in Deutschland erstaunliche Erfolge gefeiert, inzwischen stehen sie auch in Polen und Finnland an der Spitze der Charts. Im Interview analysieren die Baseballs die Gründe ihres Aufstiegs und erzählen ausführlich von ihrem großen Idol – Elvis Presley.

Von Johannes Waechter
baseballs2Sie tragen Elvis-Tollen und covern Hits von Jay-Z und Rihanna im Rock'n'Roll-Stil: Mit dieser Idee haben die Baseballs in diesem Jahr nicht nur in Deutschland erstaunliche Erfolge gefeiert, inzwischen stehen sie auch in Polen und Finnland an der Spitze der Charts. Im Interview analysieren die Baseballs die Gründe ihres Aufstiegs und erzählen ausführlich von ihrem großen Idol – Elvis Presley.baseballs1

Digger, Basti und Sam (v.l.n.r.) bilden zusammen die Baseballs.

Glückwunsch, ihr seid eine der Überraschungsbands des Jahres 2009. Euer Album Strike ging im Sommer ohne größere Promo in die Charts, seitdem tourt ihr permanent mit immer größerem Erfolg.

Basti: Wir hätten nie damit gerechnet, dass wir direkt in die Top Ten einsteigen. Das hat uns überrascht, aber auch sehr gefreut.

Woran lag’s?

Digger: Zum Teil bestimmt daran, dass wir eine recht große Zielgruppe ansprechen, von jung bis ganz alt.

Sam: Und es war auch so, dass das Album zum richtigen Zeitpunkt herauskam. In Zeiten von Schweinegrippe und Finanzkrise haben sich anscheinen viele Menschen gefreut, die Alltagsprobleme mit Gute-Laune-Musik beiseite schieben zu können.

Ihr seid nun auch im Ausland recht erfolgreich, oder?

Basti: Den ersten richtigen Erfolg hatten wir in der Schweiz, da haben wir schon Platin erreicht. In Finnland sind wir seit sieben Wochen mit Album und Single auf der Eins. Polen geht auch schon gut los. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass Rock’n’Roll eine internationale Musik ist, die überall gehört wird, und dass die Songs, die wir im Rock’n’Roll-Stil machen, Welthits sind.

Warum ist der Rock’n’Roll-Sound der Fünfziger so langlebig, während viele andere musikalische Stile längst verschwunden sind?

Basti: Ich denke, das hat mit den Ursprüngen dieser Musik zu tun. Viele verschiedene Stile flossen im Rock’n’Roll zusammen – Gospel, Blues, Country –, und das hat ihn sehr widerstandsfähig gemacht. Außerdem weckt der Rock’n’Roll in unserer schnelllebigen Welt eine gewisse Sehnsucht nach den Fünfzigern, als manches noch einfacher war. Beim Rock’n’Roll kann man sich, wenn man die Augen zumacht, ganz leicht vorstellen, wie diese Musik gemacht wird; bei der aktuellen Musik im Radio funktioniert das schon lange nicht mehr. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Rock’n’Roll auf der Bühne eine Menge hermacht. Wenn Lady Gaga mit ihrem Funkmikro über die Bühne rennt, braucht die doch drei Milliarden Effekte, damit die Bühne überhaupt ausgefüllt wird. Wir können mit unserer vierköpfigen Band genauso viel los machen, ganz ohne Effekte.

Ihr seid alle erst Mitte zwanzig, Elvis könnte euer Opa sein. Wie seid ihr in den Achtzigern und Neunzigern, als ganz andere Musik angesagt war, zu Rock’n’Roll-Fans geworden?

Sam: Bei mir war mein älterer Bruder dafür verantwortlich. Mit sechs habe ich in seiner Plattensammlung rumgestöbert und eine Elvis-Platte entdeckt. Ich fand das Cover so cool, dass ich die Platte anhören wollte. Schon beim ersten Song –

Welcher war das?

Sam: "That's Alright Mama".

Ein perfekter Einstieg!

Sam: Ja, so habe ich die Liebe zum Rock'n'Roll entdeckt. Ich weiß noch, wie ich vor den Boxen saß und einfach dachte: Wow.

Digger: Bei mir lief’s über die Filme. Als ich sechs, sieben war, liefen immer am Wochenende in der ARD die alten Elvis-Filme, jeden Samstag einer. Die haben wir immer beim Kaffeetrinken geguckt, und ich war total begeistert von dem Herrn dort mit der fantastischen Stimme. Ich stand eher auf die romantischen Nummern und habe dann von meinen Eltern auch eine Kassette bekommen mit seinen größten Love-Songs.

Elvis hat ja ziemlich viele Filme gemacht, ich glaube zwischen dreißig und vierzig. Welcher ist der beste?

Digger: Ich finde Jailhouse Rock sehr geil, wegen der Stelle, wo er den Schlag auf den Kehlkopf kriegt und sich nicht mehr traut zu singen. Dann stellt er sich das erste Mal wieder ans Klavier, und seine Stimme klingt noch sanfter als vorher.

Sam: Man kann zu den Elvis-Filmen sagen – 31 waren es übrigens –, dass die besten in den Fünfzigern entstanden sind: Love Me Tender, Jailhouse Rock, King Creole und Loving You. Als Schauspieler wird Elvis oft unterschätzt, aber in diesen Filmen merkt man, dass er doch recht gut war. Wenn er bessere Drehbücher bekommen hätte, hätte er der Nachfolger von James Dean oder Marlon Brando werden können.

Müsst ihr Elvis oft gegen Leute verteidigen, die ihn für eine Art Witzfigur halten?

Basti: Es gibt tatsächlich viele Leute, die eher den Elvis aus der letzten Phase im Kopf haben, mit diesen glitzernden Jumpsuits. Das ist  schade. Wenn man solche Leute trifft, versucht man schon, das Augenmerk darauf zu lenken, dass Elvis sehr viel für die Musik getan hat.

Was sagt man eigentlich in der Rockabilly-Szene zu eurem Erfolg?

Basti: Wir wollen unsere Musik an möglichst viele Leute herantragen, auch durch Fernsehen, Radio und Internet. Das widerspricht der Philosophie der Rockabillys, die ihre Musik als Subkultur sehen, die vor dem Mainstream bewahrt werden muss. Das ist eine kleine Gemeinschaft, die nun das Gefühl hat, wir wollten uns in ihre Kultur einmischen. Das ist aber absolut nicht unsere Intention. Umso mehr freuen wir uns, wenn es dann doch Leute aus der Szene gibt, die das gut finden, was wir machen.

Ein Vorwurf dürfte sein, dass ihr keine eigenen Songs schreibt oder Rock’n’Roll-Klassiker nachspielt, sondern aktuelle Pophits covert.

Basti: Songs auf den Fünfzigern wollen wir ganz bewusst nicht nachspielen, die sind einfach nicht zu toppen. Was das Covern aktueller Hits angeht: Es geht uns darum, diese Hits so klingen zu lassen, dass jemand aus der älteren Generation sagt, oh, das könnte aber ein Song aus den Fünfzigern sein.

Dieses Konzept hat eine begrenzte Lebensdauer. In fünf Jahren könnt ihr nicht mehr mit dieser Masche kommen.

Basti: Stimmt. Und wir sind auch nicht die ersten, die diese Idee hatten, da gab es ja schon Leute wie Dick Brave oder The Bosshoss. Für uns ist das eine Methode, den Rock’n’Roll wieder ins Gespräch zu bringen. Im zweiten Schritt sagen wir dann, ok, jetzt wisst ihr wieder, wie Rock’n’Roll klingt – jetzt kommen wir mit eigenen Songs.

Eine besondere Stärke eures Sounds ist der Harmoniegesang. Ich habe die romantische Vorstellung, dass ihr im Tourbus alte Gospelsongs singt, während ihr nachts durch Deutschland rauscht.

Digger: Kommt gelegentlich vor. So hat's Elvis ja auch gemacht, der hat sich nach Konzerten in seiner Hotelsuite ans Klavier gesetzt und mit seinen Freuden Gospelsongs gesungen.

Ausgefeilter Chorgesang ist als Stilmittel leider aus der Popmusik verschwunden.

Basti: Ja, bei den meisten Popsongs, die man im Radio hört, sind die Gesangsharmonien nicht mehr gut aufeinander abgestimmt.

Letzte Frage: Wie werdet ihr den 8. Januar verbringen – Elvis’ 75. Geburtstag?

Sam: Wir werden uns Elvis-Filme anschauen –

Digger: – alle 31 –

Sam: – und bei jedem Song, den wir mitsingen, an Elvis denken.

Fotos: Sven Sindt

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/1837/the-baseballs-im-interview-in-finnland-sind-wir-auf-der-eins/