Süddeutsche Zeitung Magazin

16. January 2010

Streit um Bob Dylans Meisterwerk

Vor genau 35 Jahren erschien Bob Dylans Album "Blood On The Tracks", das viele für sein bestes halten. Kurz vor der Veröffentlichung griff der unberechenbare Sänger damals noch einmal ins eigentlich schon fertige Werk ein - seitdem streiten seine Fans darüber, ob er das besser gelassen hätte.

Von Johannes Waechter
dylan_bloodVor genau 35 Jahren erschien Bob Dylans Album Blood On The Tracks, das viele für sein bestes halten. Kurz vor der Veröffentlichung griff der unberechenbare Sänger damals noch einmal ins eigentlich schon fertige Werk ein - seitdem streiten seine Fans darüber, ob er das besser gelassen hätte.dylan_76_2

Da Bob Dylan in den vergangenen Jahrzehnten unermüdlich Musik gemacht hat, könnte man fast jeden Tag im Kalender zum Dylan-Feiertag erklären; irgendein Jubiläum würde sich schon finden. Einige Daten ragen jedoch heraus, zum Beispiel der 17. Januar. Im Jahr 1975, vor genau 35 Jahren, erschien an diesem Tag Blood On The Tracks, eines von Dylans größten, wirkungsmächtigsten Alben. Wegen der poetischen Dichte der Songtexte und der schmerzlichen Intensität der musikalischen Darbietung wurde es sofort als außergewöhnliches Werk erkannt. Dennoch gibt es seit 35 Jahren Streit um das Album: Nicht wenige Fans behaupten, Dylan habe durch eine Fehlentscheidung in letzter Minute sein eigenes Meisterwerk ruiniert.

Die Geschichte beginnt im Sommer 1974, als Dylan von seinem charismatischen Zeichenlehrer künstlerisch revitalisiert wird und in schneller Folge ein gutes Dutzend neue Songs schreibt, Songs, die wegen der Tiefe der offenbarten Gefühle in seinem auch damals schon umfangreichen Werk ohne Beispiel sind. Im September nimmt er die Songs in einem New Yorker Studio auf, zu spartanischer musikalischer Begleitung: akustische Gitarre, Bass, Orgel. Zufrieden mit den Resultaten übergibt er die Bänder an seine Plattenfirma, die entscheidet, das Album noch im Dezember zu veröffentlichen.

Irgendwann im Herbst fährt Dylan nach Minnesota und spielt seinem Bruder David eine Testpressung des Albums vor. Der Bruder scheint kritisiert zu haben, dass das Album recht spartanisch klinge, und Dylan entscheidet spontan, fünf Songs des Album nochmal neu aufzunehmen, diesmal mit kompletter Band. Hastig werden in einem Studio in Minneapolis neue Sessions anberaumt; Bruder David stellt Kontakt zu einheimischen Musikern her, die ihr Glück wahrscheinlich kaum fassen können

Als das Album am 17. Januar 1975 herauskommt, enthält es zur Hälfte neu aufgenommene Songs. Schon Wochen später erscheint jedoch das erste Bootleg mit den originalen "New York versions" der entsprechenden Lieder, und seitdem wird die Frage, ob Dylan klug oder irrig handelte, als er die Songs neu aufnahm, recht kontrovers diskutiert. Hier sind zum Vergleich die beiden Versionen von "Idiot Wind", zuerst New York, dann Minneapolis:

Tja, was ist besser? Salomonisch würde ich sagen, dass wir uns freuen sollten, von diesem fantastischen Song zwei so gute Versionen hören zu können, aber wenn man die beiden Aufnahmen tatsächlich gegenüberstellen will, wird man wohl konstatieren, dass die New-York-Version nackter, geheimnisvoller und dadurch ein klein wenig eindringlicher ist, während die Minneapolis-Version mehr Drive und Wut hat, was stellenweise fast beängstigend klingt. (In diesem Aspekt wird sie von der Live-Version auf Hard Rain noch weit übertroffen.)

Vergleicht man jedoch nicht einzelne Songs, sondern die beiden Versionen des kompletten Albums, so kann man meines Erachtens nur zu dem Ergebnis kommen, dass Dylan die richtige Entscheidung getroffen hat: In der letztlich gewählten Form ist Blood On The Tracks lebendiger und abwechslungsreicher als die düstere, sehr introspektive Original-Version. Zu demselben Schluss kommt auch der WDR-Journalist Thomas Mense, dessen hörenswertes Radiofeature über diese Periode in Dylans Karriere heute abend ab 23.05 auf WDR 3 gesendet wird. Meines Erachtens der richtige Weg, um in diesen Jahrestag hineinzugleiten!

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/1900/streit-um-bob-dylans-meisterwerk/