20. January 2010
Max Raabe im Interview: "Die Zeit ist schneller, die Musik langsamer geworden"
Gerade erschien "Übers Meer", das erste Solo-Album von Max Raabe. Erneut widmet sich der Berliner Bariton darauf seinem Lebensthema, den geistreichen Liedern der Zwanzigerjahre. Im Interview spricht er über die Stärken dieses Repertoires, das Musikleben in der Weimarer Republik und seinen Ausflug in die Welt der Kunstpfeifer.
Von Johannes Waechter

Gerade erschien
Übers Meer, das erste Solo-Album von Max Raabe. Erneut widmet sich der Berliner Bariton darauf seinem Lebensthema, den geistreichen Liedern der Zwanzigerjahre. Im Interview spricht er über die Stärken dieses Repertoires, das Musikleben in der Weimarer Republik und seinen Ausflug in die Welt der Kunstpfeifer.
Herr Raabe, gerade ist Übers Meer erschienen, Ihr erstes Solo-Album. Haben Sie das Palast-Orchester in den Urlaub geschickt?
Nein. Seit 1994 gebe ich gelegentlich Solo-Konzerte, begleitet von Christoph Israel am Klavier, und wir haben auch schon mal eine Platte herausgebracht, allerdings einen Konzertmitschnitt. Jetzt wollte ich eine ganz intime, kleine Form wählen, so entstand diese Solo-Scheibe. Aber mit dem Palast-Orchester geht es natürlich weiter, vor kurzem haben wir unser neues Live-Programm vorgestellt, ab Ende Januar sind wir wieder auf Tour.
Mit dem Palast-Orchester haben Sie schon über zwanzig Platten gemacht, überwiegend mit alten Liedern, und auch auf Ihrem neuen Album singen Sie ausschließlich Lieder aus der Zeit der Weimarer Republik. Gibt es eigentlich ein unerschöpfliches Reservoir an solchen Titeln?
Früher hatte ich die Sorge, irgendwann nichts mehr zu finden. Aber man wird immer wieder fündig. Das ist ganz erstaunlich. Ich habe keine Ahnung, woher diese Fülle kommt, aber es hat zu der Zeit natürlich wahnsinnig viele Filme und Revuen gegeben, Theaterproduktionen und Kabarett-Inszenierungen, für die immer wieder Stücke geschrieben worden sind.
Es ist also kein Ende abzusehen.
Nein. Das wäre tragisch, wenn das zu Ende ginge. Wir haben zwar schon vierhundert Titel im Orchesterprogramm und könnten mit diesem Repertoire noch lange auftreten, aber es ist natürlich mein Ehrgeiz, immer wieder neue Entdeckungen zu präsentieren.
Die alte Musik ist ihr Lebensthema, sie haben schon viel darüber gesprochen. Trotzdem nochmal die Frage: Was hatten die Lieder damals, das sie inzwischen verloren haben?
Einen etwas sarkastischen Blick auf die großen alten Themen der Menschheit, vor allem die Liebe und das Verlassenwerden. Die Doppeldeutigkeit und der Textwitz in den alten Liedern sind ganz anders als heute. Ich schätze besonders den schwarzen Humor, den man in Reinform gerade in Liedern aus den späten Zwanzigern und frühen Dreißigern findet. Für meine Solo-Scheibe habe ich die Ironie nun aber mal außen vor gelassen und eher feinsinnige, warme Töne gesucht.
Bei einigen Stücken auf Ihrer Platte, zum Beispiel "Irgendwo auf der Welt", fiel mir auf, dass bei der Mischung von Melancholie und feinem Humor schnell eine besondere Tiefe entsteht.
Das sehe ich genauso. Die Tiefe liegt in diesen Titeln. Man muss gar nicht so auf die Tube drücken, um sie zum Vorschein zu bringen.
Wie kam es, dass damals so viele geistreiche, niveauvolle Songs entstanden?
Es gab einen Stamm von Textdichtern, die sich gegenseitig hochgeschaukelt haben. So kommt mir das jedenfalls aus der Distanz vor.
Und die Komponisten?
Das Musikleben war schnell. Man hat sehr zügig produziert. Vor allem in Berlin musste immer wieder neues Repertoire geschaffen werden. Hilfreich dabei war, dass die Musiker regelmäßig aufgetreten sind: Die Routine und die Selbstverständlichkeit ist natürlich eine ganz andere, wenn man abends gleich die Reaktion des Publikums auf ein neues Lied testen kann.
Von den politischen Problemen dieser Zeit erzählen die Lieder wenig, aber manchmal schwingt doch eine Ahnung von Wirtschaftskrise und Weimarer Endzeitstimmung darin mit.
Natürlich spiegelt sich das ein bisschen wieder. Aber es wird nur selten eindeutig darauf Bezug genommen. Man hat damals versucht, die Leute abzulenken – das ist die hohe Kunst dieses Repertoires. Die Stücke sind geschrieben worden, um die Leute für die Dauer eines Films oder Konzerts in eine andere Welt zu transportieren. Diese Wirkung ist nach wie vor da. Ich finde es auch völlig korrekt, Musik zu machen, um die Leute aus dem Alltag zu reißen.
Die fragile gesellschaftliche Lage dürfte die Kreativität machmal beflügelt haben.
Ganz bestimmt. Jeder dieser Schreiber wollte erfolgreich sein, und der große Druck führte dazu, dass schnell etwas passierte.
Heuzutage arbeiten Musiker zwei Jahre an einem neuen Album.
Ja, das ist wohl war. Die Zeit ist schneller, aber die Musik langsamer geworden.
Sie selbst sind mit der Musik der Zwanziger sehr erfolgreich. Was finden Ihre Fans in Ihrer Musik?
Ich glaube, es ist dasselbe, was ich darin finde: Diese Eleganz, diese wunderbaren Kompositonen und eingängigen Melodien, die raffinierten Orchesterarrangements, die klugen Texte – und letztlich auch die Art und Weise, wie wir auf der Bühne agieren und all dies interpretieren.
Besonders schön auf der neuen Platte: Sie pfeifen! Das war in den Zwanzigern auch keine Seltenheit, oder?
Gepfiffen wurde früher tatsächlich viel, gerade mit diesem schnellen und engen Vibrato; das macht den Ton besonders anrührend. Aber das waren alles einzelne Kunstpfeifer. Ich habe noch keine Aufnahme aus dieser Zeit gefunden, auf der die Leute zweistimmig pfeifen, so wie jetzt Christoph Israel und ich. Wir kommen aus derselben Heimatstadt, wir kennen uns seit unserer Jugend, und schon damals haben wir zweistimmig gepfiffen, wenn wir spazieren gegangen sind.
Ein einfacher, aber unheimlich prägnanter Effekt.
Die einfachen und klaren Sachen sind oft die stärksten.
Lange hatte Klaus Meine von den Scorpions ein Monopol auf's Pfeifen, vielleicht ändert sich das nun.
Ich hoffe es!
Haben Sie eigentlich eine große Sammlung alter Schellackplatten?
Es ist keine Sammlung, sondern eher eine Ansammlung – zweihundert bis dreihundert Stück, auf mehrere Stapel verteilt. Aber ich habe Kontakt zu echten Sammlern, die mir gelegentlich ihre Entdeckungen präsentieren. So komme ich immer wieder an neue Titel.
Was sagen Sie zum Klang der alten Schellacks?
Das kommt drauf an, von Firma zu Firma war der Klang unterschiedlich. Einige haben einen ganz tollen, warmen Raum. Wenn man sie elektrisch abspielt, ist man verblüfft, wie stark sie klingen.
Schlagen Ihnen auch wildfremde Leute Songs aus dieser Zeit vor?
Ja, das ist so. In der Regel kenne ich das meiste davon, aber ein paar Sachen waren schon dabei, auf die ich nie gekommen wäre.
Nach dem Konzert klopfte ein altes Mütterchen an Ihre Garderobe, mit einer verstaubten Notenmappe unter dem Arm...
Das gab es tatsächlich einmal, vor zehn, fünfzehn Jahren. Da kam eine Cellistin zu uns, Lieselotte Neumann hieß die Dame, damals schon 95 und somit eine echte Zeitzeugin, die die Zwanziger als Erwachsene miterlebt hat. Die hat uns einen Haufen Noten geschenkt, das war wirklich klasse. Eine ganz tolle Frau.
Was erwidern Sie auf Vorwürfe, dass Sie in Ihrer Nische eine Nostalgie pflegen würden, die in keinster Weise zeitgemäß ist?
Das mit der Nische stimmt, aber zeitgemäß finde ich unsere Musik schon. Das sieht man vor allem bei den Konzerten, wo unser Repertoire Abend für Abend zündet. So wie Nikolaus Harnoncourt seinen Haydn auf den Punkt bringen will, versuchen wir, das Repertoire der Zwanziger in die Gegenwart zu holen und in seiner reinsten Form darzubringen.
Damit haben Sie es bis in die New Yorker Carnegie Hall geschafft. Fast unglaublich, oder?
Für jeden Musiker ist es das Größte, dort auftreten zu können! Glücklich wie die Kinder sind wir dort rumgesprungen! Ein so verwöhntes Publikum wie das New York Publikum auf seine Seite zu bekommen fand ich wirklich verblüffend; danach war ich selig. Und am 3. März spielen wir schon wieder in der Carnegie Hall.
Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/1910/max-raabe-im-interview-die-zeit-ist-schneller-die-musik-langsamer-geworden/