19. February 2010
Senator Mellencamp?
Mit einer Internet-Kampagne soll John Mellencamp dazu bewegt werden, für den vakanten Senatssitz seines Heimatstaats Indiana zu kandidieren. Absurdes Polit-Theater? Oder könnte der bodenständige Rocker tatsächlich den Sprung nach Washington schaffen?
Von Johannes Waechter

Mit einer Internet-Kampagne soll John Mellencamp dazu bewegt werden, für den vakanten Senatssitz seines Heimatstaats Indiana zu kandidieren. Absurdes Polit-Theater? Oder könnte der bodenständige Rocker tatsächlich den Sprung nach Washington schaffen?
Zusammen mit Willie Nelson (rechts) organisiert John Mellencamp seit vielen Jahren das Festival Farm Aid, mit dessen Erlösen amerikanische Bauern unterstützt werden.
In den USA läuft seit einigen Tagen eine Kampagne, mit der John Mellencamp zum Politiker gemacht werden soll. Fans des Karohemden-Rockers haben sich
auf Facebook zusammengeschlossen und fordern, er solle im Herbst für den Senatssitz in seinem Heimatstaat Indiana kandidieren. Der bisherige Amtsinhaber, der Demokrat Evan Bayh, hat Anfang der Woche überraschend angekündigt, nicht erneut zu kandidieren. Nun befürchten viele, der Sitz könne den Republikanern in die Hände fallen.
Mellencamp hat sich noch nicht zum Ansinnen seiner Fans geäußert; dennoch wird die Idee bereits intensiv diskutiert. Gegen seine Kandidatur spräche natürlich der Mangel an politischer Erfahrung, allerdings ist Mellencamp durchaus ein meinungsstarker und recht progressiver Teilnehmer am politischen Geschehen. In den Achtzigern kritisierte er Ronald Reagan, und nach 2003 trat er als entschiedener Gegner der Irak-Kriegs an die Öffentlichkeit. Viele seiner Songs handeln vom Los des kleinen Mannes, und in Indiana, wo er bis heute wohnt, ist er ausgesprochen populär. Kurz: Die Idee, ihn zur Kandidatur zu bewegen, lässt sich nicht von vornherein als Irrsinn abtun.
John Nichols von
The Nation gefällt die Idee jedenfalls: "In fact, he might be just enough of an outlier to energize base votes and to make independent voters look again at the Democratic column." Auch Brent Budowsky ist dafür: "This is a truly inspired idea", schreibt er bei
The Hill. "John Mellencamp would make an outstanding and even brilliant United States senator and represents exactly the spirit and soul the Democratic Party should stand for."
Weniger begeistert ist Patrick Goldstein von der
LA Times. "I can't say that I'm especially enthusiastic about the party turning to showbiz non-pros in its desperate search for a viable candidate." Viele Kommentatoren glauben, die Republikaner würden sich insgeheim bereits die Hände reiben, da ein unerfahrener und – für amerikanische Verhältnisse – relativ linker Kandidat leicht zu schlagen sei.
Ich persönlich hielt die ganze Kampagne zuerst für reichlich bizarr, muss inzwischen aber sagen, dass es dem US-Senat wohl tatsächlich gut täte, von einem Außenseiter wie Mellencamp aufgemischt zu werden. (Was er dort ausrichten könnte, wäre eine andere Frage.) Mellencamp ist bekennender Fan von Woody Guthrie – dessen Geist und Weltsicht wird in der von den Interessen der Reichen und Großkonzerne dominierten US-Politik dringend gebraucht.
Dass Mellencamp dann keine Platten mehr machen könnte, wäre zu verschmerzen, oder? Seine Musik hat mich nie sonderlich interessiert, allerdings sei hier nicht verschwiegen,
dass mir Marc Ribot im Oktober von einer "fantastischen Session" erzählt hat, die er mit John Mellencamp in den Sun Studios in Memphis gespielt habe, unter Ägide des Produzenten T-Bone Burnett. Diese Platte sollte wohl noch erscheinen, dann kann Mellencamps Polit-Karriere beginnen.
Fotos: AP
Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/2033/senator-mellencamp/