23. February 2010
Johnny Cash erhebt sich aus dem Grab
Über sechs Jahre nach seinem Tod erscheint "Ain't No Grave", ein neues Album von Johnny Cash. Auf den in seinen letzten Lebensmonaten entstandenen Aufnahmen meditiert der "Man in Black" über sein Leben, den Tod und den Wunsch nach Erlösung. Dabei entstand ein musikalisches Testament von nahezu biblischer Wahrhaftigkeit.
Von Johannes Waechter

Über sechs Jahre nach seinem Tod erscheint
Ain't No Grave, ein neues Album von Johnny Cash. Auf den in seinen letzten Lebensmonaten entstandenen Aufnahmen meditiert der "Man in Black" über sein Leben, den Tod und den Wunsch nach Erlösung. Dabei entstand ein musikalisches Testament von nahezu biblischer Wahrhaftigkeit.
"Johnny Cash is the new Tupac. Dude can’t stay dead." Das hat ein
Rolling-Stone-Leser
unter einen Artikel geschrieben, in dem es um das neue Cash-Album
Ain't No Grave geht, das am Freitag erscheint. Ich muss sagen, da ist was dran. Johnny Cash starb am 12. September 2003. Seitdem sind fünf CDs mit bisher unveröffentlichtem Material erschienen. Im Tode scheint Cash ebenso produktiv zu sein wie zu Lebzeiten.
Ain't No Grave (American/Universal) enthält elf neue Stücke und ist gerade mal 32 Minuten lang. Das Material, kurz vor Cash Tod aufgenommen, hätte also locker noch auf die Fünf-CD-Box
Unearthed gepasst, die einige Monate nach seinem Tod erschien. Doch obwohl das neue Album somit der Ruch der Geldschneiderei umweht, kann ich mich seiner Kraft nicht entziehen. Bob Dylan hat in seinem Nachruf auf Johnny Cash die Bedeutung des "Man in Black" so beschrieben: "In plain terms, Johnny was and is the North Star; you could guide your ship by him – the greatest of the greats then and now." Deutlich, oder?
Was mir an dem neuen Album besonders gut gefällt: Anders als bei den anderen, von Rick Rubin produzierten Alben muss Cash hier keine blöden Songs von Depeche Mode und Nine Inch Nails singen, sondern darf sich auf traditionelle Country- und Gospelnummern konzentrieren. (Einziger Ausrutscher: ein Lied von Sheryl Crow.) Zwar hat er sich auch diese Popsongs zu eigen zu machen gewusst; die tiefere Wahrheit, die er immer wieder aufs neue in den alten Countrysongs fand, entdeckte er dort jedoch nicht.
Johnny Cash, Rick Rubin (mit Bart) und der Gitarrist Smokey Hormel bei den Aufnahmen zu "Ain't No Grave".
Schon auf dem Album
My Mother's Hymn Book, ebenfalls postum erschienen, tauchte er wieder tief ins traditionelle Repertoire ein. Ähnliches geschieht nun auf
Ain't No Grave. Symptomatisch dafür steht der Titelsong, im Original eines der besten Beispiele für traditionelles
holiness preaching.
Die bekanntesten Versionen des Titels "Ain't No Grave Gonna Hold My Body Down" stammen von der flamboyanten Gospelblues-Shouterin Sister Rosetta Tharpe und dem aus Kentucky gebürtigen Prediger
Brother Claude Ely, ab 1950 populär bei Pfingstler-Gemeinden im amerikanischen Süden. Obwohl der sterbende Cash nicht mehr in der Lage war, mit dem Feuer dieser Darbietungen mitzuhalten, merkt man ihm doch die Verbundheit mit dieser Auferstehungshyme an – mit dem Glauben, für den sie steht und der Musiktradition, aus der sie kommt.
Auch die restlichen Songs kreisen um die Themen Abschied, Gottvertrauen und Übertritt zu einem Ort, wo der Tod seinen Stachel verloren hat. In seinen letzten elf Liedern schließt Cash Frieden mit der Welt, fest entschlossen, mit einem "Satisfied Mind" von der Bühne abzutreten. Der Ton des Albums ist oft elegisch, wie bei Kris Kristoffersons "For The Good Times" und Cashs Eigenkomposition "I Corinthians 15:55", die sich auf eine Bibelstelle bezieht; mehrmals bricht die Stimme des kranken Mannes, der sein letztes bisschen Lebenskraft in diese Aufnahmen investierte.
In den Händen kleinerer Künstler kann so ein musikalisches Testament schnell banal oder pathetisch wirken, doch Cash schafft es, zu zentralen Fragen des Leben in einer Sprache Stellung zu nehmen, die einfach, würdig und wahrhaftig ist. Fast scheint es, als würde Johnny Cash nicht nur bildlich aus dem Grab steigen, sondern sich auch ganz reell über die kommerziellen Hintergedanken erheben, die diese CD begleiten.
Erneut kann ich nur Bob Dylan zitieren, der es besser gesagt hat, als ich es könnte: "If we want to know what it means to be mortal, we need look no further than the Man in Black." Im Tode erscheinen seine Spiritulität und seine Musik unzerstörbar.
Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/2040/johnny-cash-erhebt-sich-aus-dem-grab/