08. March 2010
Ein Oscar für die Countrymusik
Erst "Ray", dann "Walk The Line", nun "Crazy Heart" – der Oscar, den Jeff Bridges für seine Darstellung eines versoffenen Countrysängers bekommen hat, zeigt, dass Rootsmusiker die wahren Helden der amerikanischen Kultur sind.
Von Johannes Waechter

Erst
Ray, dann
Walk The Line, nun
Crazy Heart – der Oscar, den Jeff Bridges für seine Darstellung eines versoffenen Countrysängers bekommen hat, zeigt, dass Rootsmusiker die wahren Helden der amerikanischen Kultur sind.
Crazy Heart hat zwei Oscars erhalten, ist aber kein wirklich herausragender Film. Vor allem weil die Liebesgeschichte zwischen der Journalistin Jean (Maggie Gyllenhall) und dem Countrystar Bad Blake (Jeff Bridges) mehr schlecht als recht funktioniert. Dass sich die propere
working mom mit dem schmierigen Sänger einlässt, dass dieser dann plötzlich zum Ersatzopa ihres kleinen Sohns werden möchte, dass er schließlich, vom Blick in die traurigen Kinderaugen geläutert, nach vielen versoffenen Jahrzehnten von der Flasche lässt – all das ist holzschnittartige Hollywood-Dramaturgie, wie man sie aus vielen durchwachsenen Filmen kennt.
Aber dann gibt es ja noch die Musik.
Crazy Heart ist voll davon, und sämtliche Qualitäten, die der Film dann doch vorweisen kann, hängen mit Countrymusik zusammen. Zu den Höhepunkten des Films gehören zum Beispiel die Auftritte von Bad Blake: Anfangs spielt er in einer Bowling Bahn, dann in mehreren Bars, in großen Freiluftheatern und zu Hause auf dem Sofa. Überraschenderweise entfaltet Jeff Bridges ein beträchtliches musikalisches Charisma, und auch die Songs, die er singt – die meisten geschrieben von T-Bone Burnett, Stephen Bruton und Ryan Bingham –, sind exzellent. Völlig zu recht erhielten T-Bone Burnett und Ryan Bingham den Oscar für den besten Filmsong, ihre Nummer "The Weary Kind" hat etwas von der schmerzlichen Wahrhaftigkeit eines Hank-Williams-Songs.
Vor allem liefert die Countrymusik aber das mythische Grundgerüst des Films. Die Figur des Bad Blake ist an echte Stars wie Merle Haggard, Kris Kristofferson und Townes Van Zandt angelehnt, sie bezieht sie sich aber auch auf den Archetypus des Countrysängers, der auf ewig verstrickt bleibt in whiskygeschwängerte Tristesse, schnelle Liebschaften und die Last eines gnadenlosen Tourneeplans, der ihn zwingt, sich täglich auf's Neue in Bewegung zu setzen und irgendeine ferne Bar am Ende eines Highways anzusteuern. Es sind diese seit Jahrzehnten in unzähligen Songs besungenen, mythischen Versatzstücke, aus denen Jeff Bridges die Kraft für seine außergewöhnliche Darstellung zieht.
Auffällig: Da war er nicht der erste. In den vergangenen Jahren haben erstaunlich viele Schauspieler mit Portraits von US-Rootsmusikern Oscars gewonnen. Los ging's mit Jamie Foxx, der 2005 für seine Darstellung von Ray Charles ausgezeichnet wurde. Im Jahr darauf bekam Reese Witherspoon einen Oscar, die in der Johnny-Cash-Filmbio
Walk The Line die Rolle von June Carter spielte. 2007 war Jennifer Hudson dran, sie erhielt den Oscar für ihre Rolle in
Dreamgirls, in dem es um Motown und den R&B der Sechziger ging. (Und 2008 wurde die Französin Marion Cotillard geehrt, die in der Filmbio
La Vie en Rose die französische Chanteuse Édith Piaf gespielt hatte.)
Der Countrysänger, der blinde R&B-Star, die Souldiva – warum sind das inzwischen die oscarverdächtigen Großrollen, mit denen sich Schauspieler ein Denkmal setzen können? Ich glaube, das liegt daran, dass Musiker wie Johnny Cash, Ray Charles oder Miles Davis, dessen Leben gerade verfilmt wird, mittlerweile die wahren Helden der amerikanischen Kultur sind. In einer Glitzerwelt, in der vieles korrumpiert und entwertet wurde, bleibt die bluesbasierte Rootsmusik in der Wirklichkeit verankert und hat sich ihre Ausdrucksstärke bewahren können. Sie ist ein Korrektiv zur Hohlheit des medialen Dauerfeuers und steht für eine nachhaltige Methode der musikalischen Kommunikation. Manchmal gibt sie dem Film etwas von diesen Qualitäten ab.
Der exzellente Soundtrack von "Crazy Heart" ist bei Blue Rose erschienen. Darauf finden sich Klassiker von Waylon Jennings, Buck Owens und Townes Van Zandt, aber auch mehrere von Jeff Bridges, Ryan Bingham und Colin Farrell gesungene Original-Songs.
Fotos: dpa, afp
Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/2088/ein-oscar-fur-die-countrymusik/