Süddeutsche Zeitung Magazin

26. June 2010

Ein Atom-Cocktail, bitte!

Vietnam, Atombombe, Kalter Krieg: Zwei neue CD-Boxen demonstrieren, wie geistreich die Popmusik früher gesellschaftliche Entwicklungen kommentierte. Warum hat sie das inzwischen verlernt?

Von Johannes Waechter
atom1Vietnam, Atombombe, Kalter Krieg: Zwei neue CD-Boxen demonstrieren, wie geistreich die Popmusik früher gesellschaftliche Entwicklungen kommentierte. Warum hat sie das inzwischen verlernt? atom2

Da hat es Bumm gemacht: Die US-Armee zündet auf ihrem Testgelände in Nevada eine Atombombe.

Ich habe hier schon häufiger die Frage gestellt, warum die Popmusik heute so wenig mit dem Alltag zu tun hat. Lange war es so, dass politische Ereignisse, gesellschaftliche Entwicklungen und selbst neue Erfindungen automatisch in Popsongs thematisiert wurden. Es gibt unzählige Lieder über Auto, Fernsehen und Telefon; auch der Computer hat, als er ab Mitte der Siebziger in Gebrauch kam, noch etliche Künstler inspiriert. (Nicht immer zum besten, wie Neil Youngs bizarres Album Trans beweist.)

Demgegenüber ist die Anzahl der Songs, die von neueren Erfindungen wie Handy oder Internet handeln, relativ gering – obwohl diese Technologien unser aller Leben stark verändert haben. Noch auffälliger ist das Schweigen des Pop, wenn es um neuere soziale Entwicklungen geht. Finanzkrise, Klimawandel, Krieg am Golf und in Afghanistan – das sind alles Dinge, die viele Menschen beschäftigen. Warum fällt dem Pop so wenig dazu ein?

Die Tatsache, dass der Pop früher stärker mit der Lebensrealität seiner Hörer interagierte, wurde mir nun wieder bewusst, als ich mich mit zwei großen Bear-Family-Boxen beschäftigt habe: zum einen mit Next Stop Is Vietnam. The War On Record 1961-2008, zum anderen mit Atomic Platters. Cold War Music From The Golden Age Of Homeland Security. (Diese Box erschien bereits vor fünf Jahren und wurde nun erneut herausgebracht.)

Die Atomic-Platters-Box untersucht, wie sich Atombombe und Kalter Krieg in der Popkultur niedergeschlagen haben. Auf vier CDs enthält sie über hundert Songs, zwischen den Liedern sind kurze Civil Defense Spots zu hören, in denen Stars wie Bing Crosby, Bob Hope und Johnny Cash erklären, wie man einen Atomangriff überlebt. Außerdem sind zwei Doku-LPs und neun Lehrfilme enthalten, mit denen die Amerikaner auf die richtigen Verhaltensweisen im Fall einer russischen Attacke eingeschworen werden sollten. ("Learn what part of the house will give you the best shelter. This normally would be an area away from windows. Usually an inside hallway or basement is best.")

Ersteinmal erstaunt die Fülle der Materials. Ob Country, Jazz, Gospel, Rockabilly, Pop oder R&B – in nahezu allen Genres scheint es in den Vierzigern und Fünfzigern Atomsongs gegeben zu haben. Es waren keineswegs nur irgendwelche obskuren Provinzlinge, die sich diesem Thema widmeten. Auch Stars wie Doris Day, Bill Haley, Hank Williams und Bo Diddley sind hier zu finden, und Songs wie "Fujiyama Mama" oder "This Cold War With You" kamen hoch in die Charts.

Interessant ist nun, auf welche Weise der Pop das Wissen um diese furchterregende neue Waffe verarbeitete, die das Potenzial zu noch nie dagewesener Zerstörung hatte. In der Countrymusik gab es wenige Adornos, und so finden sich hier keine philosophischen Generalabrechnungen, dafür aber eine Fülle von Ideen, Emotionen und unterhaltsamen Atomwitzen, die in der Regel jedoch dabei erfolgreich gewesen sein dürften, die Angst vor dem atomaren Inferno zu mildern.

Eindeutig in der Minderheit sind die Protestsongs; Sam Hinton's "Old Man Atom", bereits 1950 veröffentlicht, ist da eine überraschend progessive Ausnahme. Eine kritische Haltung zur Bombe nehmen allerdings auch etliche Gospelsongs ein, die daran erinnern, dass – Atom hin oder her – Jesus immer noch die größte Power habe. Besonders gut gefällt mir "Jesus Hits Like An Atom Bomb", ein Klassiker der Pilgrim Travellers.

Durchaus üblich war es damals auch, Songs direkt an Politiker zu adressieren, zum Beispiel an Josef "Joe" Stalin. Schade, dass der sowjetische Diktator Hank Williams' "No, No Joe" oder Arthur Smiths "Mr. Stalin You're Eating Too High On The Hog" bestimmt nie gehört hat. Und dass Nikita Chruschtschow zu Bo Diddleys "Mr. Khrushchev" durch den Kreml tanzte, darf ebenfalls bezweifelt werden.

Meist ist der Ansatz aber leichter. Oft wird "atomic" oder "radioactive" nur als neuer Kraftausdruck, als positiver Bewerter verwendet, so bei "Atomic Baby", "Atomic Cocktail", "Radioactive Mama" oder "You Hit Me Baby Like An Atomic Bomb". Bill Haley fantasiert in "Thirteen Women (And Only One Man In Town)" darüber, dass nach einem Atomschlag mehr Frauen für ihn übrig bleiben würden, und der obskure R&B-Performer H-Bomb Ferguson, führte gar die Bombe im Namen, um maximale Durchschlagskraft zu signalisieren; sein bekanntester Titel hieß dann konsequenterweise "Rock H-Bomb Rock".

Im Rückblick mögen manche solche Texte vielleicht als naiv oder zynisch empfinden. Ich finde eher, dass sich in solchen Atomwitzen eine der größten Stärken der Popkultur offenbart, nämlich die Fähigkeit, den Alltag humoristisch oder dramatisch zu verarbeiten und dadurch Spannungen zu entschärfen und Probleme zu erleichtern. Pop kann, das zeigt dieses Box auf eindrucksvolle Weise, das Leben auch in als bedrohlich empfundenen Zeiten lebenswerter zu machen.

Das gleiche gilt für eine zweite, noch imposantere Bear-Family-Box, die kommende Woche erscheint. Ich habe sie noch nicht gehört, was man darüber lesen kann, klingt jedoch ausgesprochen vielversprechend: Next Stop Is Vietnam. The War On Record 1961-2008 enthält auf 13 CDs über 300 Songs zum Vietnamkrieg. Einige der größten Pop-Ikonen sind dabei, zum Beispiel Bob Dylan, John Lennon, Marvin Gaye, Johnny Cash, Bruce Springsteen, Simon & Garfunkel und The Doors. Die Box enthält neben vielen Protestsongs aber auch etliche patriotische Hymnen und spiegelt so den intensiven Streit über Für und Wider des Engagements in Südostasien, der die USA zehn Jahre lang beschäftigte und die US-Gesellschaft nachhaltig veränderte.

Wird man in zwanzig Jahren genug Songs für eine Box über den Golfkrieg oder die Finanzkrise zusammenbekommen? Ich bezweifle das und habe einige Vermutungen über die Gründe für dieses Schweigen, zum Beispiel ein popkulturelles Klima, in dem das deutliche Wort als uncool und altmodisch emfpunden wird, und eine generelle Entwicklung hin zu hedonistischer Beliebigkeit, die auch den Pop nicht verschont. Aber eigentlich verstehe ich es auch nicht und freue mich über jeden Gedanken zu diesem Thema.

Nachtrag: Gerade habe ich einen interessanten Artikel aus Kanada gefunden, der sich mit demselben Thema beschäftigt.

Fotos: AP

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/2324/ein-atom-cocktail-bitte/