Süddeutsche Zeitung Magazin

10. January 2012

Gefährliche Kurven: Norah Jones und ihre Countryband The Little Willies

Mit ihrer Spaßband The Little Willies covert Norah Jones auf dem Album For The Good Times ein Dutzend Countrysongs. Bei den Balladen glänzt sie dabei wie gewohnt, die schnelleren Nummern wollen jedoch nicht recht zünden. Die Suche nach den Gründen verrät viel über die Countrymusik.

Von Johannes Waechter


Aus ihrer Liebe zur Countrymusik hat Norah Jones nie ein Hehl gemacht. Sie wuchs in Texas auf, in der Plattensammlung ihrer Mutter standen Johnny Cash und Dolly Parton neben Ray Charles. Als ich sie vor zwei Jahren interviewt habe, hat sie die Countrymusik unumwunden als ihr musikalisches Fundament bezeichnet und von Willie Nelson geschwärmt, mit dem sie schon etliche Duette gesungen hat. (Willie gab ihr die Komplimente hier zurück.) Willie Nelson stand auch Pate für ihr Nebenprojekt The Little Willies – eine zusammen mit New Yorker Freunden gegründete Spaßband, mit der sie Countrysongs covert. Bereits 2006 erschien das Debüt der Little Willies, letzte Woche ist nun ihr zweites Album herausgekommen.

Wie schon das Debüt besticht auch For The Good Times (Milking Bull/EMI) durch die geschmackvolle Songauswahl. Countryklassiker wie "Jolene", "Lovesick Blues" und "For The Good Times" sind dabei, gefreut habe ich mich aber auch über Red Simpsons "Diesel Smoke, Dangerous Curves" und Loretta Lynns "Fist City". Einen ungewöhnlichen Titel schlug außerdem Norah Jones' Mutter vor: "Fowl Owl On The Prowl", geschrieben von Quincy Jones, zu finden auf dem Soundtrack von In The Heat Of The Night. Alles in allem eine runde Sache – trotzdem zündet das Album nicht so richtig. Warum?

Der Grund, warum For The Good Times eher ein laues als ein heißes Album ist, liegt meines Erachtens darin, dass man in der Countrymusik erwartet, dass sich die Sänger mit ihren Liedern identifizieren und dass sich gewagte Coverversionen deshalb viel schneller falsch anhören als in anderen Genres. Kein Problem stellen dabei die Liebeslieder dar, denn solche Gefühle kennt jeder. Norah Jones ist eh eine tolle Balladensängerin, ihre Version von Kris Kristoffersons "For The Good Times" ist der Höhepunkt des Albums. Schwieriger wird es bei Loretta Lynns "Fist City", in dem die Sängerin einer anderen Frau Prügel androht, wenn diese nicht von ihrem Mann lasse. Bei der coalminer's daughter Lynn klingt das überzeugend, bei Norah Jones eher ein bisschen lächerlich.



Vollends absurd wirkt schließlich die Coverversion des Truckersongs "Diesel Smoke, Dangerous Curves", in dem ein Lastwagenfahrer sein Gefährt mit schwerem Schädel eine kurvige Straße entlangsteuert, dabei an die gefährlichen Kurven seiner letzten Damenbekanntschaft zurückdenkend. Im Original von Red Simpson riecht man förmlich die Abgase, bei den Little Willies weiß man nicht, ob das nun Ironie sein soll oder nicht und reagiert mit Schulterzucken.

Möglicherweise gelingt es den Little Willies live etwas besser, der rauen Honky-Tonk-Atmosphäre der von ihnen gecoverten Originale nahe zu kommen. For The Good Times legt jedoch nahe, dass mehr zur Countrymusik gehört als Texte und Melodien und dass es immer schwerer wird, sich diese Songs zu erschließen, je weiter die Milieus, die sie hervorgebracht haben, in der Vergangenheit verschwinden.

Zum Vergleich: Hier die Originalversionen von "Diesel Smoke, Dangerous Curves" und "Fist City":

http://www.youtube.com/watch?v=ROOyZ8_9ZFw

http://www.youtube.com/watch?v=g5iQDZm9jbM

Und das sind die Little Willies mit Dolly Partons "Jolene":

http://www.youtube.com/watch?v=JenCMaADtMQ

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/musikblog/3787/gefahrliche-kurven-norah-jones-und-ihre-countryband-the-little-willies/