Süddeutsche Zeitung Magazin

18. Dezember 2012

Die Nummer Eins der Bestattungsarten: die Mehrzwecktruhe

Der Tod ist selten Grund zur Freude - doch bei den "Bestattungs-Awards 2012" gab es viele glĂŒckliche Sieger. Wir prĂ€sentieren die Gewinner: vom "Friedhof des Jahres" bis zum erstaunlich vielseitigen "Sarg des Jahres".

Von Boris Herrmann
Arbeit zahlt sich vielleicht nicht immer aus in Deutschland. Ausgezeichnet wird sie aber trotzdem mit wachsendem Eifer. Es gibt inzwischen einen deutschen Call-Center-Award, einen Outsourcing-Award und diverse Tierfutterhersteller-Awards. Nicht zu vergessen sind ferner der renommierte Crystal-Cabin-Award fĂŒr die komfortabelsten Flugzeugsitz-Systeme sowie die Wahl zur WĂ€scherei des Jahres. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Der Mensch kann zu Lebzeiten praktisch keinen Finger mehr krĂŒmmen, ohne Gefahr zu laufen, dafĂŒr einen Branchenpreis zu erhalten. Und wenn vor diesem Hintergrund tatsĂ€chlich noch ein neuer Award erfunden wird, dann verdient das eigentlich schon wieder den nĂ€chsten Award. Zugegeben, die Gesellschaft fĂŒr Bestattungen und Vorsorge (GBV) genießt hier einen klaren Wettbewerbsvorteil. Der noch junge GBV-Award bezieht sich nĂ€mlich nicht auf das Leben im engeren Sinne, sondern auf das Leben danach. Und da sind durchaus noch Branchenpreis-Nischen frei.



(Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von www.bestattungen.de)

Die Bestattungs-Awards 2012 haben gerade einige Überraschungen zu Tage gefördert. Der malerische MĂŒnchner Waldfriedhof belegte in seiner Kategorie nur den zweiten Platz, obwohl er angeblich "einen Lebensraum" fĂŒr 104 Vogelarten und 17 SĂ€ugetierarten bietet. Der Friedhof des Jahres steht trotzdem in Hamburg-Ohlsdorf. Er beherbergt allein 1,4 Millionen Exemplare der SĂ€ugetierart Homo sapiens, die allerdings alle tot sind. (Die vollstĂ€ndige UrteilsbegrĂŒndung findet sich unter www.bestattungen.de).



Das kubische Design-GefĂ€ĂŸ "Abendgold" machte bei den Urnen das Rennen.



In der Preisklasse "Schönster Sarg" siegte dagegen ein ĂŒberaus schlichtes Modell aus geöltem LĂ€rchenfurnier. In der Laudatio heißt es: "Der Tod soll nicht dunkel und belastend wirken, sondern als ein Schritt in eine neue Zeit angesehen werden." Das klingt einleuchtend. Aber muss die letzte Truhe deshalb aussehen wie ein umgekipptes Ikea-Regal?

 

Wenn man die Jury beim Wort nimmt, und das sollte man ganz gewiss, denn ihr gehörte neben der PrÀsidentin der EuropÀischen Totentanz-Vereinigung auch der Mainzer Kardinal Karl Lehmann an, wenn man dieser ausgezeichnet besetzten Jury also Glauben schenkt, dann liegt in der optischen NÀhe zum Leichtbau-Möbel sogar sie die Zukunft der BegrÀbniskunst. Die Juroren suchten Deutschlands Supersarg vor allem deshalb aus, "weil er bereits zu Lebzeiten als Schrank genutzt werden kann".

 

Die Idee ist ebenso simpel wie einleuchtend: Socken raus, Opa rein, fertig ist Leichen-Laube. Der Trend geht mithin auch in jenseitigen Lifestyle-Fragen zur Zweitverwertung. Und wer beim Kauf des ersten Kinderzimmers darauf achtet, dass er auch noch im hohen Alter mit Bauchansatz in die Kommode passt, der kann theoretisch bis zum jĂŒngsten Tag mit einer einzigen Mehrzweckkiste auskommen.

 

Neulich hat eine polnische Diebesbande im brandenburgischen Hoppegarten einen Leichenwagen mit zwölf gefĂŒllten SĂ€rgen gestohlen. Die Polizei war zunĂ€chst davon ausgegangen, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Jetzt erhĂ€rtet sich der Verdacht, dass hier die sogenannte Billy-Regal-Mafia am Werk war.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/nummereins/3045/die-nummer-eins-der-bestattungsarten-die-mehrzwecktruhe/