Süddeutsche Zeitung Magazin

06. Dezember 2012

Nummer Eins im Advent: Der kleinste Weihnachtsbaum der Welt, an dem ein Kettensägenmassaker angerichtet wird

Manche Menschen bleiben im Advent am liebsten zuhause. Weil sie nicht schon wieder in einen Weihnachtsmarkt geraten wollen.

Von Nataly Bleuel


Jippie, es weihnachtet wieder sehr! AllĂŒberall auf den Tannenspitzen, in VorgĂ€rten, hinter Fensterscheiben sieht man es blitzen, dass einem schummrig wird. Und landauf landab, wo sich in StĂ€dten und Gemeinden öffentliche PlĂ€tze auftun, auf denen sich Buden zaubern und BĂ€ume aufrichten lassen, siedeln sich wieder WeihnachtsmĂ€rkte an wie wuchernde Schwammpilze.

Das war mal anders, noch vor einigen Jahren. Wenn man im Norden des Landes landete, wollte es einem einfach nicht adventös ums Herz werden, denn fast nirgends gab es einen Christkindlmarkt. Und man begann sich nach dem vom MĂŒnchener Marienplatz zu sehnen. Obwohl er vor Ort nur furchtbar war, kommerziell und klaustrophob. In Berlin wollten sie einem sogar schnöde JahrmĂ€rkte mit Achterbahnen und Teufelskarussel als „Weihnachtsmarkt“ unterjubeln.

Das hat sich geĂ€ndert. Überall. In Berlin gibt es jetzt auf nahezu jedem öffentlichen Platz einen Weihnachtsmarkt, wie in Affing, Peine und Zwönitz auch. Als sie das letzte Mal gezĂ€hlt wurden, waren es 2.500 MĂ€rkte in Deutschland, und das ist auch schon wieder elf Jahre her, als die deutschen Schausteller und Marktkaufleute mal eine Weihnachtsmarktforschung gemacht haben.

Mit den MĂ€rkten lĂ€sst sich eine Menge Geld machen, zwei, drei Milliarden Euro Umsatz schĂ€tzt man. Am besten verdienen die GlĂŒhweinverkĂ€ufer, circa 50.000 Euro macht ein Stand die Saison. Am schlechtesten verdienen die Leute hinter den StĂ€nden, manchmal bis runter zu 1 Euro 30 die Stunde. Viele Kommunen haben die Organisation der MĂ€rkte an Privatunternehmer vergeben, und profitieren dennoch: an die 30 Euro lĂ€sst ein Mensch fĂŒr den Besuch eines Marktes springen, auch fĂŒr die umliegenden GeschĂ€fte und Verkehrsmittel.

Der Weihnachtsmarkt erscheint den Gemeinden offenbar als Werbung der Superlative: Es gibt nicht einfach nur den „Àltesten Weihnachtsmarkt Deutschlands“ sondern:  den „ersten Unter-Tage-Weihnachtsmarkt Deutschlands“, die „grĂ¶ĂŸte Lebend-Tierkrippe Europas“, die „grĂ¶ĂŸte Kerze der Welt“, die „grĂ¶ĂŸte mit der KettensĂ€ge geschnitzte Krippe“ und den „weihnachtlichsten Weihnachtsmarkt“. Und ein Weihnachtsmarkt-Quiz  zu all den sich hinter den Superlativen verbergenden Orten. Und eine Facebook-Umfrage zum schönsten Weihnachtsmarkt 2012 (an der Spitze momentan: Goslar und Monschau, auf dem letzten Platz: Montreux – bieten Sie mit!).

Es ließe sich in der Liste der Weihnachtsmarkt-Rekorde aber vielleicht auch ein Funken fĂŒr einen erfreulichen Gegentrend erkennen: die Schrumpfung des Weihnachtsmarktswahnsinns - am Vorbild des kleinsten Weihnachtsbaums der Welt.

Der kleinste Weihnachtsbaum der Welt ist eine 14 Millimeter kurze Kunstfichte aus dem Modellbahnzubehör. Die Christbaumkugeln haben einen Durchmesser von einem Millimeter und das goldene Ding auf der Weihnachtsbaumspitze hat einen Maßstab von 1:500. Leider ließ sich das goldene Ding nur von wenigen Betrachtern mit bloßem Auge als Posaunen blasender Engel erkennen. Daran wird gearbeitet.

Wo der kleinste Weihnachtsbaum der Welt steht, wird hier nicht verraten. Ist ein Advents-Quiz. Und jetzt suchen Sie den mal bitte auf den WeihnachtsmÀrkten in Ihrer Umgebung. Belohnung: eine Reise zum kleinsten Ostermarkt der Welt.

Foto: dpa

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/nummereins/3033/nummer-eins-im-advent-der-kleinste-weihnachtsbaum-der-welt-an-dem-ein-kettensagenmassaker-angerichtet-wird/