Süddeutsche Zeitung Magazin

20. Dezember 2012

Das beste Blog der Welt: ein Jahresrückblick

Viele Kritiker lieben Superlative. So entstehen die besten Kunstwerke der Welt. Und was brachte 2012?

Von Nataly Bleuel
Die "Geschlechtertürme" von San Gimignano – Symbol der männlichen Jagd nach Superlativen? (Foto: dpa)

 

Seit ich zwei Jungen habe, weiß ich: Der Komparativ ist eine anthropologische Konstante, der Mann kann nicht ohne Konkurrenz überleben. Sie ist sein Motor. Morgens werde ich täglich mit dem Satz geweckt: „Ich geh zuerst die Treppe hoch!“. Am Frühstückstisch dann: „Er nimmt sich mehr Müsli als ich!“ Und zur Zeit vor dem Adventskalender: „Er hat eine Brausetüte mehr!“ – „Dafür hat er einen Center-Shock!“ Die Lieblingslektüre meiner Söhne ist das Guinness-Buch der Rekorde.

Als ich meinen Freund, den späteren Vater meiner Söhne, kennen lernte, wunderte ich mich noch: dass er mir, als hätte er den Baedeker inhaliert, Reiseziele mit Superlativen schmackhaft zu machen versuchte. Statt beispielsweise mit leckeren Speisen, abgefahrenen Drinks und Drogen oder meinetwegen mit Sonnenuntergängen, Kerzendinner und Abenteuerausflügen. Wir sollten beispielsweise in die Stadt mit dem „höchsten Turm der Welt“ fahren, wahlweise in die „mit dem schiefsten“ oder die mit den „meisten Türmen“. Das ist San Gimignano: 15 Geschlechtertürme gibt es da. Die heißen so. Und das sagt mehr als ich hier ausführen muss. Mann und Superlativ – der eine geht nicht ohne den anderen.

Vor einiger Zeit schon fiel mir auf: Es gibt auch Kritiker, die nicht ohne Superlativ können. Bestimmt gab es sie auch schon zu Barock-Zeiten, aber eine richtige Superlativ-Welle überschwemmte seit den Neunzigern den Pop. Oasis waren die „beste Band der Welt“, wahlweise auch Blur oder, so habe ich es erst kürzlich bei einem in die Jahre gekommenen Kritiker gelesen: The Who.

Wow!

Anfangs irritiert einen das natürlich. Ich dachte: Das kann der doch nicht einfach so behaupten! Wo bleibt die Analyse? Wo die Argumente, vielleicht sogar Belege? Und erst die Vergleiche! Die beste Band der Welt – von allen, die es jemals gab, auf der großen weiten Welt, in ihrer langen Geschichte? Oder nur die beste Band der Welt, die der Kritiker kennt? Und wenn ja: Wie können dann Oasis, Blur und The Who gleichzeitig die besten Bands der Welt sein?

Aber ich bin ja so naiv. Und romantisch. Ja, wir Frauen...

„Kritiken“ in Frauenmagazinen funktionieren ja eher so: „wunderschön!“, „herrlich!“, „hinreißend!“. Auch da werden selten Argumente und Analysen beigebracht. Sondern Aufschreie. Es ist mir deshalb wichtig, an dieser Stelle zu betonen, dass es hier um Prinzipien geht. Natürlich gibt es auch männliche Aufschreier. Und Superwomen.

Dem Superlativiker geht es nicht so sehr um die Kritik. (Also, ich meine: die konstruktive.) Sondern um seinen Geschlechterturm. Mir scheint: Wer sich nicht traut, „die beste Band der Welt“ zu sagen, der hat einfach nicht den höchsten. Und darf nicht mitspielen. So funktionieren große Teile der Kulturkritik und des Feuilletons. Um nicht zu sagen: die größten.

2012 geht zu Ende. Zeit für einen Rückblick. Was bleibt bestehen? Am höchsten, am schiefsten, am meisten? Wer war der Größte? Schauen wir doch mal:

BESTE MUSIK 2012:

„Wenn man sich die Idee erst mal aus dem Kopf geschlagen hat, dass es je wieder Popmusik geben wird, die einem wirklich originär neu vorkommt und nicht wie schon oft zuvor gehört, dann kann man sich auch gleich wieder einen Schallplattenspieler kaufen. Das beste Album des Jahres, um es als Vinylplatte aufzulegen, wäre dann Kill For Love von den Chromatics (Italians Do It Better).“ Dirk Peitz in der Welt am Sonntag

„Nun liefert ein 25-jähriger Rapper aus ebendiesem Compton das beste HipHop-Album des Jahres.“ Jonathan Fischer über Good Kid, M.A.A.D City von Kendrick Lamar

„Wenn Sie sich oder ihren Lieben zum Weihnachtsfest dann auch noch eine schöne repräsentative Schallplattenbox unter den Tannenbaum legen wollen, dann greifen Sie zu Trilogy; in dieser Box befinden sich die drei besten Platten des Jahres.“ Die Frankfurter Rundschau über The Weeknd

Kendrick Lamar, bester HipHop-Newcomer des Jahres. (Foto: Universal)

BESTE SERIE 2012:

"Homeland ist die derzeit beste Serie der Welt." Nicolas Paalzow, Geschäftsführer von Sat.1

BESTE ENTWICKLUNGEN 2012:

„Ein neues Windows, Spiegelreflexkameras mit Vollformatsensor und das Retina-Display von Apple: Das sind die besten Entwicklungen des Jahres 2012.“ Andreas Hirstein in der NZZ am Sonntag

BESTER THRILLER-SCHREIBER DER WELT 2012:

„The Kings of Cool von Don Winslow, dem wohl besten Thriller-Schreiber der Welt“ David Blieswood in der Welt am Sonntag

BESTES BUCH DER WELT:

„Das beste Buch der Welt? Thomas Bernhards Alte Meister - ohne jeden Zweifel.“ Robert Scheer in der Welt

„Das beste Buch der Welt? Homers Ilias. What else?“ Vea Kaiser in der Welt

"Das beste Buch der Welt? Michail Bulgakows Der Meister und Margarita." Tèa Obrecht in der Welt

„Das beste Buch der Welt? Gehen von Thomas Bernhard.“ Constantin Göttfert in der Welt

UND DER SONDERSUPERLATIV FĂśR DEN BESTEN ROMANTITEL 2012:

„Der Preis für den besten Romantitel geht in diesem Jahr an Gabriele Riedle: Überflüssige Menschen.“ Steffen Martus in der Berliner Zeitung



 

 

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/nummereins/3105/der-beste-blog-der-welt-zum-jahresruckblick/