SŘddeutsche Zeitung Magazin

31. Januar 2013

Klick! Mich! An!

Welche Themen interessieren die Deutschen am meisten? Die TU Darmstadt hat es herausgefunden. Hier die - etwas ├╝berraschenden - drei Artikel, die im Jahr 2012 am h├Ąufigsten von Lesern empfohlen wurden.

Von Boris Herrmann
Mal angenommen, es w├Ąre Sinn und Zweck dieser Kolumne, m├Âglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen, dann l├Ąge in dieser Woche nichts anderes als die Versuchung nahe, das Thema Sexismus um eine gewagte These weiterzudrehen. Es soll in dieser Kolumne aber nicht um billige Effekthascherei gehen, sondern um die Wahrheit. Und die Wahrheit ist offenbar: Die Deutschen interessieren sich vor allem f├╝r Konzeptkunst. Und zwar massenhaft. Es gibt im Grunde nur zwei Themen, f├╝r die sich die Deutschen noch brennender interessieren: Rechtsprechung und ungesch├╝tzter Sex. Dazu sp├Ąter mehr. Zun├Ąchst m├╝ssen wir notgedrungen noch ein wenig bei der Kunst verweilen. Das sind wir der Wahrheit schuldig.

Die TU Darmstadt war so flei├čig, die Online-Artikel der wichtigsten deutschen Nachrichten-Seiten nach ihrem Teilungsgrad in sozialen Netzwerken zu sortieren. Sie untersuchte: Was wurde im Jahr 2012 wie oft bei Facebook geliked und geteilt, was wie oft bei Twitter retweeted? Diese Art der Qualit├Ątskontrolle will darstellen, was die Leute wirklich interessiert.

Platz 3: die fliegende Katze (Foto: Reuters)

Und man muss schon sagen, wenn sich die Darmst├Ądter Forscher nicht verz├Ąhlt haben, dann f├Ârderten sie Erstaunliches zutage. Auf Rang Drei der meistgeteilten Artikel des vergangenen Jahres liegt ein Text ├╝ber den niederl├Ąndischen K├╝nstler Bart Jansen, der f├╝r die St. Art Gallery in Amsterdam einen sogenannten Quadrocopter entwickelte. 37000 Leser haben eine diesbez├╝gliche Kunstkritik auf Spiegel Online ihren Facebook-Freunden empfohlen. Das stellt allemal ein Achtungserfolg dar f├╝r die um Klicks ringende Feuilletonisten-Branche.
Ein Quadrocopter geh├Ârt zur Familie der Multicopter, er ist der komplexere Bruder des Helicopters, da er von vier Rotoren betrieben wird. Jansen hat f├╝r sein Modell gewisserma├čen einen alten Freund wiederverwertet, weshalb die Kollegen von Spiegel online die zugegebenerma├čen nicht sehr feuilletonistische ├ťberschrift w├Ąhlten: "Mann baut Hubschrauber aus toter Katze". Nach Angaben des K├╝nstlers h├Ârte das Tier, bevor es von einem Auto ├╝berrollt wurde, auf den klangvollen Namen "Orville Wright". Der gute alte Flugzeugpionier aber h├Ątte wahrscheinlich nur m├╝de gel├Ąchelt, wenn er dem Amsterdamer Jungfernflug des nach ihm benannten "Orvillecopters" beigewohnt h├Ątte. Obgleich sich an jeder Pfote ein Propeller drehte, hob Jansens Modelflugk├Ątzchen lediglich ein paar Zentimeter vom Boden ab.



Platz 2: Bordo oder Porto oder Bordeaux? Foto: dpa

Die Protagonistin der zweitbeliebtesten Nachricht des Jahres 2012 war ├╝berhaupt nicht in der Luft. Dabei hatte sie 294 Euro f├╝r ihr Flugticket nach Bordeaux ausgegeben. Sp├Ąter behauptete die Dame mit s├Ąchsischer Sprachf├Ąrbung jedoch, sie habe ├╝berhaupt nie die Absicht gehabt, Bordeaux zu besuchen. Sie habe ihrem Reiseb├╝ro vielmehr aufgetragen, einen Flug nach Porto zu buchen. 42000 Facebook-Nutzer sowie 1136 Twitterer nahmen Anteil an der Berichterstattung ├╝ber den daraus resultierenden Rechtsstreit vor dem Amtsgericht Bad Cannstatt. Leider gibt der ebenfalls auf Spiegel Online erschienene Artikel keinen Aufschluss dar├╝ber, weshalb die Kl├Ągerin ihr sch├Ânes Heimatland Sachsen ├╝berhaupt so dringend in Richtung Bordugal verlassen wollte. Nach SZ-Informationen soll sie damals ausgesagt haben: "Ich gonnde d├Ąhn Dial├Ągd nich m├Ąhr erdraachn!"

Apropos Spiegel Online: Neuerdings mehren sich die Anzeichen, dass es auch den Focus noch gibt. In der gedruckten Ausgabe der M├╝nchner Illustrierten hat neulich unter anderem die Skifahrerin Maria H├Âfl-Riesch erl├Ąutert, weshalb sie gegen die Frauenquote ist. Wenn man sie richtig verstanden hat, zeigt gerade das Beispiel der Frauenabfahrt, dass es auch ohne Frauen-Quote geht. Focus Online hatte bereits einige Monate zuvor ein beeindruckendes Lebenszeichen abgegeben - mit dem meistgeteilten Artikel des Jahres 2012 (79000 empfahlen das).

Platz 1: Hat diese Frau eventuell eine lockere Einstellung zum Thema Liebe? Foto: dpa

Der erl├Ąuterte so anschaulich wie klischeefrei, weshalb Menschen mit T├Ątowierungen und Piercings zu Alkoholmissbrauch und ungesch├╝tztem Sex neigen. Der Verfasser berief sich auf eine Studie der Universit├Ąt Bretagne-S├╝d. Demnach hat der offenbar sehr umtriebige Psychologie-Professor Nicolas Gu├ęguen an vier Samstagabenden 1260 Frauen und 1710 M├Ąnner beim Verlassen bretonischer Vergn├╝gungslokale befragt, ob sie t├Ątowiert oder gepierct seien. Anschlie├čend lie├č er sie in ein R├Âhrchen blasen. Nach der vierten feuchtfr├Âhlichen Nacht verk├╝ndete Gu├ęguen: "Das ist das erste Mal, dass wir in Frankreich einen Zusammenhang zwischen Tattoos, Piercings und Alkoholkonsum herstellen konnten!" Wie oft in der Geschichte der Grande Nation zuvor schon versucht wurde, diesen Zusammenhang herzustellen, sagte Gu├ęguen allerdings nicht. Ebenfalls im Ungewissen blieb, wie er mithilfe seines R├Âhrchens herausfand, dass Menschen mit sieben oder mehr Piercings zur Risikogruppe der Kondom-Verweigerer zu rechnen sind.

 

Fr├╝her, als sich nur Piraten, Schwerverbrecher und Heavy-Metal-Schlagzeuger ihre Lieblingsmotive in die Haut ritzen lie├čen, h├Ątten solche Nachrichten die Menschen wohl kaum in Wallungen versetzt. Inzwischen soll aber selbst im kunstinteressierten Deutschland jeder vierte Normalsterbliche unter 35 t├Ątowiert sein. Alles potenzielle Komas├Ąufer und Geschlechtskranke, wenn man Gu├ęguen glaubt.

 

Bleibt die Frage, weshalb ausgerechnet der Focus mit diesem Thema durchstartete wie Orville Wright? Ein Bericht zur Gu├ęguen-Studie in der Online-Ausgabe des Metal Hammer wurde lediglich von 227 Lesern weiterempfohlen. Deutlich mehr Widerhall fand dort eine Untersuchung, die zu dem Ergebnis kam: "Alkohol schmeckt besser bei lauter Musik."

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/nummereins/3259/klick-mich-an/