Süddeutsche Zeitung Magazin

08. Februar 2013

Nummer Eins der Kostüme: Frau

Die beliebtesten Faschingskostüme von erwachsenen Kindern sind Piraten und Frauen. Die beliebtesten Kostüme von den Kindern unserer Autorin sind: General Grievous und Boba Fett. Was ist da schief gelaufen? So ziemlich alles!

Von Nataly Bleuel


Mütter, das haben Sie sicher auch schon mitbekommen, vergleichen sich andauernd. Es ist ein großer Wettbewerb in unserem Land, Spieglein Spieglein an der Wand – wer ist die perfekte Mutter im Land? Wer hat mehr Kinder? Wen hat es trotzdem nicht aus dem Beruf gekegelt? Wer kocht nebenher noch Marmelade von Bio-Khaki aus dem eigenen Garten? Und wer sieht dabei aus wie Claudia Schiffer nach der siebten Entbindung? All diese Anstrengungen können mit einem Streich zunichte gemacht werden: im Fasching.

Man ist extra um fünf aufgestanden. Man hat extra ein Buch gekauft, das "Große Buch vom Schminken" und hat eine Miezekatze, eine Zuckerschnecke, eine Tigerkatze oder einen „Hell’s Angel“ (sic!) auf das Kindergesicht gepinselt. Und es noch rasch in irgendeinen wilden Fetzen gesteckt. Man ist stolz. Und dann betritt man zum Jahrmarkt der Eitelkeiten mit seinem Kind an der Hand den Laufsteg in Kita oder Schule. Und muss feststellen: Die anderen sind ja tausend Mal schöner als wir! Sie haben seit Wochen sämtliche Bastel- und Heimhandwerkermärkte der Stadt durchkämmt. Sie haben ihre Großmütter, Tanten und Cousinen für Näharbeiten eingespannt. Sie haben Nächte lang Kostüme geschneidert. Ihre Kinder sehen aus, als sollten sie sich in der Samba-Schule von Rio bewerben. Und ihre Mütter als Kostümbildnerinnen bei der Komischen Oper. Man sagt: „Wow, wie hast du denn das geschafft, du tolle Mutter!“ Und denkt: „Dir kratz ich die Augen aus, du blöde Angeberin!“

Ein einziges Mal habe ich den Wettkampf aufgenommen und ein Tigerfell-Kostüm genäht. Meine Jungs waren klein, ich übernächtigt und die Bastelei brachte mich an den Rand des Nervenszusammenbruchs. Dafür mussten meine beiden Jungs das Kostüm so lange tragen, bis sie so raus gewachsen waren und nicht mehr wie wilde Tiger aussahen. Sondern wie Riesenbabys, die aus einem getigerten Strampler ragen. Trotzdem: Dieses Kostüm hat über Jahre mein schlechtes Gewissen beruhigt. Irgendwann sagten meine Jungs dann, sie wünschten sich nur eines im Leben: coole Faschingskostüme. Eines von General Grievous und eines von Boba Fett. Bloß nicht selbst genäht! Sondern gekauft. „Das ist viel schöner.“ General-Grievous zu 79 Euro 90. Und Boba Fett zu 89 Euro 90.

Ich habe versucht, meinen Kindern beizubringen, dass der Karneval nicht dazu da ist zu zeigen, ob und wie viel Geld man hat. Oder ob und wie perfekt man als Mutter ist. Das hat sie natürlich nicht interessiert. Und auch nicht, dass alle anderen in der Schule auch als General Grievous und Boba Fett kommen wollten. Es geht also in unserem großstädtischen Kinderfasching, das habe ich schließlich begriffen, gar nicht um das ausgefallenste, phanasievollste Kostüm. Um Individualismus. Sondern darum, das zu tragen, was die anderen auch alle cool finden. Um Statussymbole.

Nun hat mir meine Freundin vom Fasching ihres Sohnes in der Waldorf-Schule in einem beschaulichen Ort am Rande der Stadt erzählt. Ihr Sohn gehe als Thor. Thor?! Sie habe Tage lang an dem Hammer gebastelt, mit dem der germanische Ober-Gott seine Donner schmettert. „Mit echtem Leder und so.“

Ich weiß nicht. Muttersein überfordert mich manchmal. Ich wär dann gern Mann. Einer von denen, die sich im Fasching als Frau verkleiden und sich scheckig lachen über die irre Kostümierung. „Frau“ ist nach Polizist und Pirat angeblich eines der beliebtesten Faschingskostüme von Männern. Bestimmt könnte man ne Menge Kohle machen mit dem Kostüm "Perfekte Mutter". Aber von der Stange. Zu 89,90. Auf gar keinen Fall selbst gebastelt!

Foto: Olga Sapegina/Fotolia.com

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/nummereins/3283/nummer-eins-der-kostume-frau/