Süddeutsche Zeitung Magazin

24. Januar 2013

Die Nummer Eins des Schlagers: Andrea Berg - Frau ohne Eigenschaften

Es gibt einige große Rätsel im Universum, die sich jedem Lösungsversuch entziehen. Darunter auch die Frage, warum Andrea Berg eigentlich so populär ist.

Von Nataly Bleuel
Andrea Berg in ihrer großen Fernsehshow, die unter dem Titel "Andrea Berg – die 20 Jahre Show" ausgestrahlt wurde. (Foto: dpa)

Wir so rum gezappt, Samstag abend, läuft eine Frau über den Bildschirm, die offenbar eine große Show im Ersten macht.

Mein Freund: „Wer ist denn die?“

Ich: „Keine Ahnung, wie ein Star wirkt sie nicht.“

Eher wie die Frau, die beim Après-Ski neben einem an der Theke hängt. Und in einer Boutique Rock-Gören-Leder-Hosen und Shirts mit Glitzer-Applikationen verkauft. Nett, unauffällig, harmlos. Mit der kann man Hüttengeist trinken. Aber wieso läuft die da über Bühne und Bildschirm, als müsste man sie kennen?

Weiter gezappt, Fernseher ausgeschaltet, Frau vergessen. Drei Tage später eine Pressemeldung mit Foto: „Nach Mega-TV-Quote jetzt auch an der Spitze der Charts“. Ha! – Die Frau ohne Eigenschaften! Und da steht über sie: „Mit ihrer ersten eigenen TV-Show in der ARD erreichte Deutschlands erfolgreichste Sängerin eine beeindruckende Quote von 6,39 Millionen Zuschauern und einen Marktanteil von 19,7 Prozent.“ Außerdem sei „der Krefelderin“ mit „Abenteuer – 20 Jahre Andrea Berg“ zum siebten Mal ein Nummer-Eins-Erfolg in den Charts geglückt.

Das interessiert mich jetzt. Ich habe schon mitbekommen, dass der Schlager den Samstagabend beherrscht, nicht nur im Segment 75 plus. Aber andere haben Samtaugen und RehhĂĽften und oft gebleichtes Stroh auf dem Kopf, so dass man sie auch ohne Ton in Tausendstelsekundenschnelle zum Wegzappen erkennen kann.

Aber: Was hat diese Frau?

Ich frage meinen besten Freund. Der kann Roland Kaiser im Vollrausch rückwärts singen, kennt sämtliche Klar-Namen von Christian Anders, jedes Yellow-Press-Detail von allen Schlagersängern des Universums, und er legt in einem Szene-Club das „Schlagerkarussel“ auf. Er seufzt tief und sagt: „Das haben sich schon viele Menschen vor dir gefragt – und keine Antwort gefunden.“ Sie singe weder "romantisch", noch habe sie irgendein Merkmal, das sie originell mache. Der ewige Discofox mache sie eben auf jedem Feuerwehrball tanzbar und der modernisierte Sound aus der Rhythmusmaschine in der Techno-Großraumdisco. Ihr einziger Wiedererkennungswert sei ihre "etwas rauchzarte Altstimme", die "seichte Poesie ihrer von Leidenschaft und Wahnsinn und Betrug durchzogenen Textbausteine" und ihre "schlampige Erotik".

"Und das reicht zum Superstar?" - "Tja,", sagt der Experte und dass er eine einzige Besonderheit im Zusammenhang mit Andrea Berg beobachtet habe: „Jeder kennt sie - sogar junge Hetero-Männer, die normalerweise HipHop hören, fahren auf sie ab, und zwar wenn sie in einem weinseligen Zustand sind. Dann können die jede Liedzeile.“

„Wahnsinn!“, rufe ich, „aber woher denn?“

„Keine Ahnung“, sagt mein Experte und erwähnt noch: Andrea Berg habe sogar die Beatles übertrumpft, ihr Best-of-Album habe mehr als sechs Jahre - "ganz genau 319 Wochen" - in den Charts gestanden.

Ich schaue mir Andrea Berg an, wie die Massen mit ihr 1000 Mal belogen  singen. Ich schaue mir Andrea Berg an, im Duett mit Lionel Richie. Ich kann nichts, gar nichts Besonderes an ihr finden. Nicht mal ein Tattoo oder ein Piercing. Was - laut einer vom Focus zitierten Studie - auf besondere "Warnsignale" hinweisen könnte: Alkoholmissbrauch und die Neigung zum ungeschützten Sex. Dieser Artikel war übrigens im letzten Jahr einer der meist geteilten auf Facebook. Weil er so dusselig ist? Oder weil wir uns so langweilen?

„Wahrscheinlich steckt Andrea Berg in jedem von uns“, sage ich zu meinem Experten.

„Du solltest dich betrinken und wir gucken, ob Andrea Berg auch aus dir raus kommt.“

Der absolute Mangel an Originalität ist gleich bedeutend mit dem Durchschnitt, räsonniere ich, und Andrea Berg ist eben der kleinste gemeinsame Nenner aller Deutschen. So wie Günther Jauch. "Sie wären unser ideales Königspaar", sage ich zu dem Schlagerfan. Er sagt: Roland Kaiser wäre ihm lieber. Ich weiß nicht, wofür ich mich, müsste ich wählen, entscheiden würde: für die Langeweile oder die Dusseligkeit. Aber eines weiß ich sicher: Dieser Text wird mit diesen Zutaten - Andrea Berg, Piercings, Sex, Saufen - der meistgeteilte, der es je in die Charts geschafft haben wird.



 

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/nummereins/3219/die-nummer-eins-des-schlagers-frau-ohne-eigenschaften/