Süddeutsche Zeitung Magazin

14. Februar 2013

Die Nummer Einsen der Popkultur: Die Ewig-Morgigen

105 Jahre alte Facebook-Nutzer, eine 72 Jahre alte DJane und Heino singt Rammstein: Woran soll die Jugend heutzutage eigentlich noch erkennen, dass sie die Jugend ist?

Von Boris Herrmann
Edythe Kirchmaiers Hochzeitsfoto. Sie hat es mit 105 auf Facebook gepostet.

Neulich hat die Facebook-Nutzerin Edythe Kirchmaier ein paar private Fotos hochgeladen. Sie stammen von einer offenbar sehr kurzweiligen Party. Kirchmaier trĂ€gt auf den Bildern eine blaue Pappkrone und lacht, als habe sie gerade eine Flasche Champagner auf Ex geleert. Dabei wurde nur Mineralwasser ausgeschenkt, wenn die Beweisfotos nicht trĂŒgen. Umso besser, denn die Dame ist spĂ€ter anscheinend noch mit dem Auto nach Hause gefahren. Von der Feier ihres 105. Geburtstages.

Es heißt, Edythe Kirchmaier sei nicht nur die Ă€lteste in Kalifornien registrierte Autofahrerin, sondern auch die Ă€lteste Facebook-Nutzerin der Welt. Als der FirmengrĂŒnder Mark Zuckerberg geboren wurde, war sie 76 Jahre alt. Dann zogen noch einmal knapp drei Jahrzehnte ins Land, bis Kirchmaier vor wenigen Wochen endlich ihre soziale Netzwerk-Ader entdeckte. Laut amerikanischer Medienberichte hatte sie zunĂ€chst Probleme, ihren Account zu eröffnen, weil es gar nicht möglich war, bis zu ihrem korrekten Geburtsdatum, dem 22.01.1908, zurĂŒck zu scrollen. Inzwischen hat Facebook seine Software allerdings dem allgemeinen Anstieg der Lebenserwartung angepasst. Anmelden können sich jetzt alle Junggebliebenen, die nach dem 31.12.1904 geboren wurden.

DJ Ruth Flowers am Plattenteller

Man kann davon ausgehen: Wenn es solch ein Angebot gibt, gibt es auch eine Nachfrage. Da die Menschen immer Ă€lter werden, aber zumindest hierzulande nur bis 67 arbeiten dĂŒrfen, mĂŒssen sie sich in der zweiten HĂ€lfte ihres Lebens nun mal anderweitig verdingen. Viele scheinen das Problem dadurch zu lösen, dass sie einfach wieder jĂŒnger werden. Wahrscheinlich gibt es inzwischen mehr Facebook-Omas als Werther’s-Echte-Opas, die in Pantoffeln vor dem Kachelofen sitzen und vom Kriege erzĂ€hlen. Im Grunde ist auch nicht das Geringste dagegen einzuwenden, wenn der ein oder andere Ewig-Gestrige zum Ewig-Morgigen wird. Das Problem ist bloß: Woran soll die Jugend heutzutage eigentlich noch erkennen, dass sie die Jugend ist?

DafĂŒr war ursprĂŒnglich einmal die sogenannte Popkultur zustĂ€ndig. Aber selbst die stellt sich mehr und mehr in den Dienst des demografischen Wandels. Im Grunde spricht die Popkultur ja mittlerweile dieselbe Zielgruppe an wie die Brettspiele von Ravensburger: alle von 6 bis 99.

Am Freitag erklimmt hochoffiziell ein 74-JĂ€hriger SchlagersĂ€nger namens Heino die Spitze der deutschen Album-Charts. Zum ersten Mal ĂŒbrigens in seinem bewegten schwarzbraun-nussigen Leben. Es sei ihm von Herzen gegönnt, denn die Idee, die Lieblingslieder jener jungen HĂŒpfer nachzuspielen, die ihn am meisten verachten, hat Charme. Heino hat mit seinem SpĂ€twerk sogar das 55-jĂ€hrige Nachwuchs-Talent Matthias Reim („Verdammt, ich lieb' dich“, „Verdammt, ich hab' nix“) von der Tabellenspitze verdrĂ€ngt. Das neue Heino-Album heißt „Mit freundlichen GrĂŒĂŸen“, und die leiten wir gerne weiter nach Dresden, wo am Wochenende im Kraftwerk-Club DJ Ruth Flowers am Plattenteller steht. Die Britin ist 72 Jahre alt und trĂ€gt eine Ă€hnliche Rockersonnenbrille wie Heino. FrĂŒher war sie OperettensĂ€ngerin. Seit ein paar Jahren geht sie mit ihren House-Samples auf Welttournee.

Heino.

Ist es ein Wunder, dass die Kids die Orientierung verlieren, wenn die Rentner ihnen allerorten vorleben, wie man erfolgreich jung sein kann? Um heutzutage noch Teil einer jugendlichen Jugendbewegung zu sein, reicht es ja nicht einmal mehr aus, sich mit einem Joint in die hinterste Ecke des Schulhofs zu verziehen. Neulich erwischte die Polizei bei einer Verkehrskontrolle einen 74-jĂ€hrigen Rentner mit zwei Kilogramm Haschisch. Es hieß, der Mann stehe im Verdacht, das Zeug aus den Niederlanden nach Deutschland geschmuggelt zu haben, um es in der Region NĂŒrnberg zu verticken. Die erfolgreiche US-Serie Breaking Bad lebt bekanntlich von der abstrusen Idee, wie ein etwa 50-jĂ€hriger Chemielehrer zum besten Dealer von New Mexiko aufsteigt. Die RealitĂ€t ist offenbar: In NĂŒrnberg verteilen 74-JĂ€hrige die Drogen.

FĂŒr die Jugend der Welt ist es grundsĂ€tzlich kein schlechtes Signal, dass der Papst nun fristgerecht zum Monatsende gekĂŒndigt hat. Wenigstens ein Ă€lter Herr, der sich zu seinem Alter bekennt, möchte man meinen. Wobei auch nicht mit letzter Gewissheit auszuschließen ist, dass er es nur getan hat, um mehr Zeit zum Twittern zu haben.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/nummereins/3309/die-nummer-einsen-der-popkultur-die-ewig-morgigen/