Süddeutsche Zeitung Magazin

18. Dezember 2012

Balla, balla

In der Debatte um freien Zugang zu Waffen in Amerika liegen gerade die zielsichersten Promis am weitesten daneben.

Von Michaela Haas

Kim Kardashian: Bang, bang! Photo: Twitter

In Amerika ist es einfacher, sich ein Gewehr als ein Auto zu besorgen. Wer ein Auto kaufen will, muss immerhin vorher eine praktische und theoretische FahrprĂĽfung ablegen, das Auto zulassen und registrieren, aber in manchen Bundesstaaten wie Texas oder South Carolina gibt es eine AK-47 geschenkt dazu, wenn man ein Fahrzeug kauft.

Das Massaker an 20 Grundschulkindern und sieben Erwachsenen in Newtown, Connecticut, am vergangenen Freitag entfachte eine leidenschaftliche Debatte ĂĽber die amerikanische Verherrlichung von Waffen. Adam Levine, Christina Aguilera und andere Stars gedachten der Opfer von Newtown mit einem bewegenden "Halleluja"-Chor:

httpv://www.youtube.com/watch?v=IO64urOFNaY

Sänger wie Justin Bieber, Rihanna oder Miley Cyrus riefen dazu auf, für die Opfer zu beten, bekannte Aktivisten wie Mia Farrow, Michael Moore und Susan Sarandon nutzten das allgemeine Entsetzen, um ein striktes Waffenkontrollgesetz zu fordern.

Mia Farrow (@MiaFarrow) tweetete: “Waffenkontrolle ist nicht länger umstritten. Sie ist unerlässlich.” Filmemacher Michael Moore (@MMFlint) forderte: “Wir gedenken dieser toten Kinder am besten, indem wir strenge Waffenkontrollen, kostenlose psychiatrische Dienste und Gewaltfreiheit zur Politik machen”; Moore hat sich bekanntlich in seinem Oscar-gekrönten Dokumentarfilm Bowling for Columbine mit dem Massaker an zwölf Schülern und einem Lehrer 1999 an einer Schule in Colorado auseinandergesetzt und dokumentierte den amerikanischen Leichtsinn im Umgang mit Waffen, indem er sich in einer Bank ein Jagdgewehr aushändigen ließ, das es als Willkommensgeschenk zur Kontoeröffnung gab.

httpv://www.youtube.com/watch?v=cglnvXzitOQ

Aber auffällig still sind all die Stars, die sich in der Vergangenheit mit starken Sprüchen für freien Zugang zu Waffen hervorgetan hatten und die das Tragen von Waffen als "Teil der amerikanischen Kultur" feiern. Wie wäre es nun mit etwas mehr als reflexhaften Betroffenheits-Tweets?

Kim Kardashian (@KimKardashian) rief zwar ebenfalls zum Beten auf, hatte aber erst im November ein Foto von sich per Twitter verbreitet, das sie auf einem Schiessstand in Miami zeigte, mit den Worten: “Bang Bang”, und “Einbrecher, aufgepasst!”

“Gran Torino”-Held und Hollywood-Cowboy Clint Eastwood gilt seit langem als knorziger Fürsprecher der Waffenlobby; regelmäßig mokiert er sich über die Forderungen nach strengeren Tauglichkeitstests und Backgroundchecks vor dem Waffenkauf. Eastwood erzählt gerne, "Waffenkontrolle" bedeute für ihn: “Wenn irgendwo eine Waffe ist, möchte ich sie im Griff haben.”

Dass Haudegen wie Clint Eastwood, Tom Selleck, Robert De Niro oder Donald Trump stolz auf ihre Waffen und ihre Mitgliedschaft bei der Waffenlobby NRA (National Rifle Association) sind, mag nicht verwundern, aber andere Promis hätte ich eher für pazifistischer gehalten. Whoopi Goldberg, Country-Star Miranda Lambert und Marc Anthony sind ebenfalls langjährige Mitglieder der NRA - hätte ich nicht gedacht.

Die amerikanische Faszination mit Waffen wäre nie möglich, wenn sich nicht auch glamouröse Stars und Hollywood-Idole mit Waffen schmückten – nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Privatleben. Hier eine kleine Auswahl aus einer langen Liste von Revolverhelden:

Brad Pitt und Angelina Jolie verdienten bekanntlich beide als Leinwand-Killer Millionen, sind aber privat als friedliebende Aktivisten bekannt. Selbst dieses Vorzeigepärchen kokettiert damit, dass sie Waffen im Wohnzimmer haben. Brad Pitt ("Killing Them Softly") sagte der britischen Zeitschrift Live: “Amerika ist ein Land, das mit Gewehren gegründet wurde. Es ist Teil unserer DNS. Es mag seltsam klingen, aber ich fühle mich besser, wenn ich eine Waffe habe. Ich fühle mich nicht wirklich sicher, wenn ich nicht irgendwo eine Waffe versteckt habe.”

Angelina Jolie bekannte vor einigen Jahren in der britischen Daily Mail: “Ich habe für unsere Sicherheit echte Waffen gekauft, wie wir sie in Tomb Raider benutzten. Brad und ich sind nicht gegen Waffen im Haus. Und ja, wir sind auch in der Lage, sie zu benutzen. Wenn Leute einbrechen und meine Kinder verletzen wollen, sehe ich kein Problem darin, sie zu erschießen.”

Joe Perry von Aerosmith prahlte bei Fox News: “Gewehre haben mich schon immer fasziniert. Ich bin in Amerika aufgewachsen, wo es Teil unseres Erbes ist, in unseren Gesetzen verankert ist. Ich war mein ganzes Leben lang von allen möglichen Waffen fasziniert, und als ich es mir leisten konnte, habe ich angefangen, Waffen zu sammeln.”

Schauspieler Christian Slater (der bereits mehrmals wegen Gewaltausbrüchen mit dem Gesetz in Konflikt geriet): “Es ist besser, ein Gewehr zu haben und es nicht zu brauchen, als ein Gewehr zu brauchen und keines zu haben.”

Die Argumentation der Waffennarren ist immer die gleiche: Je mehr Menschen bewaffnet sind, desto sicherer fühlen wir uns. Fröhlich ignorieren sie all die handfesten Zahlen, die deutlich nachweisen: In Ländern mit strengeren Waffengesetzen sterben deutlich weniger Menschen durch Schüsse, in Amerika dagegen haben Schulkinder ein wesentlich grösseres Risiko, erschossen zu werden, als in Deutschland. Denn umgekehrt geht der Schuss ins Auge: Je mehr Menschen unkontrolliert Zugang zu Waffen haben, desto unsicherer leben wir tatsächlich.

Ein Waffenlobbyist ging gar so weit, live in Piers Morgans Talkshow zu sagen, wenn die Direktorin der Grundschule in Newtown bewaffnet gewesen wäre, hätte sie das Massaker verhindern können.

httpv://www.youtube.com/watch?v=ObE-vEFVnww

Die Mutter des Amokläufers Adam Lanza war eine Waffenfanatikerin, die ihrem Sohn das Schießen beibrachte und semiautomatische Waffen besaß, wie sie eigentlich nur das Militär braucht. Nur weil sie ihre Waffensammlung zuhause aufbewahrte, konnte er an die drei Waffen gelangen, mit denen er in die Grundschule eindrang und Erstklässler mit einem Kugelhagel überzog.

Wie fast nach jedem Amoklauf aber meldet Amerika auch diesmal wieder: Die Waffenverkäufe sind seit dem Massaker nach oben geschossen. Clint, Angelina, Whoopi, Brad – wär’s jetzt nicht an der Zeit für besonnene Aussagen, die Tomb Raider im Wohnzimmer weniger verlockend klingen lassen?

Update: Na also, es geht doch! Beyoncé, Jennifer Aniston, Chris Rock, Jessica Alba, Cameron Diaz, Julianne Moore, Jamie Foxx und ein Dutzend weiterer Stars fordern mit der Initiative "Demand a Plan" dazu auf, Sturmgewehre zu bannen und Backgroundchecks vor dem Waffenkauf zur Pflicht zu machen.
httpv://www.youtube.com/watch?v=64G5FfG2Xpg
Nur die zielsicheren Stars sind wieder nicht dabei.

Quellen: Huffington Post, Live Magazine, Fox News.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/promileaks/3075/balla-balla/