Süddeutsche Zeitung Magazin

11. Januar 2013

Buddha im Bademantel

Jeff Bridges (aka The Dude) und Zenmeister Bernie Glassman entdecken im Kultfilm "The Big Lebowski" die Grundlagen des Buddhismus.

Von Michaela Haas

Das gelöste LÀcheln eines geborenen Buddhisten? Schauspieler und "Dude" Jeff Bridges. (Foto: dpa)

Als der Schauspieler Jeff Bridges bei einem Abendessen in Santa Barbara auf den Zenmeister Roshi Bernie Glassman trifft, ĂŒberrascht der ihn mit einer ungewöhnlichen Frage: Ob Bridges denn wisse, dass der "Dude” - seine Darstellung eines Althippies in der Coen-BrĂŒder-Komödie The Big Lebowski - von Buddhisten fĂŒr einen Zenmeister gehalten werde? Der Dude ein Buddhist? Bridges glaubt zuerst an einen Scherz, schliesslich spielt er als Lebowski einen abgehalfterten Loser mit Schwabbelbauch und Jesusbart, der sich vorwiegend von Wodka, Kahlua und Joints ernĂ€hrt und dessen Radius sich auf den Weg zwischen KĂŒhlschrank und Bowling-Bahn beschrĂ€nkt.

Doch, doch, sagt Glassman, der erste verrĂ€terische Hinweis sei doch schon der Name der Regisseure, die Coen-BrĂŒder. Ein Koan, erklĂ€rt Glassman, ist schliesslich ein Zen-RĂ€tsel, das dazu anhĂ€lt, in simplen Worten zu einer tieferen Wahrheit zu fĂŒhren; The Big Lebowski sei voll von solchen RĂ€tseln. “HĂ€?” fragt Bridges noch einmal in bester bĂ€riger Dude-Manier: “Was zur Hölle erzĂ€hlst du denn da? Der Dude redet doch im ganzen Film nicht ĂŒber Buddhismus.” Bernie Glassman widerspricht und zitiert die schönsten SprĂŒche des Dude: ‘The Dude abides" (“Der Dude verweilt”) oder "Mann, das ist doch bloss deine Meinung" – beides sei klassischer Zen.

Zwei Buddhas: Der "Dude" und sein Freund Walter in "The Big Lebowski". (Foto: dpa)

Bridges, 64, und Glassman, 74, schildern diese Begegnung bei einem Abend der Library Foundation in Little Tokio, einem Stadtteil von Los Angeles. Seit dem ersten Treffen vor mehr als zehn Jahren hat sich zwischen Bernie Glassman, einem ehemaligen Flugzeugingenieur jĂŒdischer Abstammung aus Brooklyn, und dem Oscar-gekrönten Filmschauspieler Bridges eine tiefe Freundschaft, gar Bruderschaft, entwickelt. Sogar körperlich sehen sich die beiden immer Ă€hnlicher. Beide tragen die langen, grauen Haare mit einem Gummiband zurĂŒckgeschlungen, beide nuscheln bedeutsam in ihre grauen VollbĂ€rte wie Sokrates auf Dope, und beide lĂŒmmeln sich lĂ€ssig in ihren braunen Ledersesseln, nur unterbrochen von innigen Umarmungen. Es sei eine Freundschaft, die ihnen beiden viel bedeute, sagt Bridges. UnĂŒbersehbar ist, dass die beiden viel Spass miteinander haben. Er habe Bridges eine MeditationsĂŒbung gegeben, die er jeden Morgen ausfĂŒhren mĂŒsse, enthĂŒllt Glassman: “Jeden Morgen muss er in den Spiegel schauen und laut ĂŒber sich selbst lachen.”

Glassman ist ein Clown, aber ein ernst zu nehmender. Er leitet Obdachlosenretreats in der Bronx und meditiert mit seinen SchĂŒlern unter anderem in Auschwitz und Ruanda. Seine Organisation, die Zen Peacemakers, ist weltweit an sozialen Brennpunkten aktiv. Er hat sogar eine erfolgreiche BĂ€ckerei gegrĂŒndet, die jedem einen Job gibt, der einen haben will. Glassman interessiert sich sehr dafĂŒr, Buddhismus zeitgemĂ€ss und relevant zu machen, und er findet, dass The Big Lebowski genau das leistet. “Der Film nimmt eine ganze Reihe von Problemen aufs Korn, die wir im Zen-Training ansprechen.” Wenn jeder dem anderen seine Meinung lasse, statt ihm dafĂŒr den Kopf einzuschlagen, sei der Weltfriede schnell hergestellt, sagt Glassman. Der Dude ist ein Pazifist, der die Welt lieber umarmt, statt sie nieder zu boxen, und der sich selbst nicht so wichtig nimmt, wenn er im Bademantel zum Bowling schlurft - beides seien Grundlagen des Buddhismus. Das erste Gebot in Glassmans Zen-Gemeinschaft lautet "Nicht wissen". Auch das, scherzt Glassman halb ernst, verkörpere der Dude perfekt.

Aus ihren GesprĂ€chen haben Glassman und Bridges nun ein Buch gemacht: The Dude and the Zen Master ist gerade in Amerika erschienen und hat wohl als das ungewöhnlichste buddhistische Buch der Welt zu gelten. Genau wie der Film steckt es voller KraftausdrĂŒcke, aber eben doch auch voller skurriler Wahrheiten und Weisheiten. Es ist wie der Dude selbst: Das GesprĂ€ch mĂ€andert ein wenig, aber es enthĂŒllt auch ĂŒberraschende persönliche Einblicke und Ansichten, etwa ĂŒber Jeff Bridges’ langjĂ€hrige Ehe mit seiner Frau Sue, seine Filmarbeit mit GrĂ¶ĂŸen wie Francis Ford Coppola und Sidney Lumet und seine Verehrung fĂŒr seinen verstorbenen Vater Lloyd. Der habe ihm das “Spassbeiten” (“Plorking”) beigebracht, sagt Bridges: die Verbindung von Spass und Arbeit.

Stirn an Stirn: Zenmeister Bernie Glassman und Schauspieler Jeff Bridges. (Foto: Alan Kozlowski)

Glassman und Bridges teilen nicht nur ihr Faible fĂŒr tiefschĂŒrfenden Blödsinn, sondern auch ihren Einsatz fĂŒr soziale Projekte. Die wenigsten wissen, dass Bridges bereits 1983 die Stiftung End Hunger Network gegrĂŒndet hat; die Orgnisation möchte erreichen, dass keine Kinder in den USA mehr Hunger leiden mĂŒssen. Nicht zufĂ€llig findet die Veranstaltung in Los Angeles nur einen Strassenblock entfernt von der berĂŒchtigten Skid Row statt, der grössten Ansammlung Obdachloser in ganz Amerika. Gemeinsam betreiben Bridges und Glassman eine Armenspeisung, die es darauf anlegt, Obdachlosen wieder zu einem Job und einer Bleibe zu verhelfen. Jeff Bridges drĂŒckt seine Verpflichtung, den Ärmsten zu helfen, so aus: “Wir sind alle Dudes."

Bridges zelebriert den Dudeismus, indem er zum Beispiel seine Band “The Abiders” genannt hat und davon schwĂ€rmt, er habe kĂŒrzlich vor einem “Meer aus Dudes” gespielt. Aus dem Dudeismus ist lĂ€ngst eine eigene Religion geworden, komplett mit einem “Take it Easy Manifesto”, Lebowski-Festen und der Ordinierung in der Kirche der Latter Day Dudes. Ernst gemeint ist das nicht, aber doch so schrĂ€g, dass es einem modernen Zenmeister gefallen wĂŒrde. Was der Dude zu seiner Ernennung zum Zenmeister sagen wĂŒrde, will eine junge Zuschauerin in Los Angeles schließlich noch wissen. Da enthĂŒllt Bridges den buddhistischen Ehrentitel, den ihm sein Freund gegeben hat: “Der Dudely Lama!” So endet der Abend wie es sich fĂŒr einen Zen-Abend gehört: mit schallendem GelĂ€chter. Und Hollywood hat ein neues spirituelles Oberhaupt.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/promileaks/3217/der-buddha-im-bademantel/