Süddeutsche Zeitung Magazin

07. Februar 2013

Pferdemist vor Gericht

Wie sich ein TĂ€ter zum Opfer stilisiert: R&B-SĂ€nger Chris Brown muss sich dem Vorwurf stellen, er habe beim Ableisten seiner Sozialstunden geschummelt – hinterher jammert sein Anwalt, Brown sei von den StaatsanwĂ€lten "gefoltert" worden.

Von Michaela Haas

Chris Brown vor Gericht. (Foto: Reuters)

Dass Chris Brown ausgerechnet jetzt wieder vor Gericht muss, kommt ihm zeitlich ungelegen. Fast muss man befĂŒrchten, dass die BezirksstaatsanwĂ€ltin von Los Angeles den Veranstaltungskalender ihrer eigenen Stadt nicht kennt. Weiß sie denn nicht, dass am Sonntag die Grammys verliehen werden und Chris Brown und Rihanna beide nominiert sind? Da hat Brown Besseres zu tun, als stundenlang in einem Gerichtssaal zu hocken, fĂŒr so eine renommierte Preisverleihung muss doch geprobt werden! Sein Verteidiger fand dann auch gleich die richtigen Worte dafĂŒr, was von diesem Gerichtstermin zu halten sei: “Pferdescheisse!”

Jawohl, dieser Mist stinkt in der Tat zum Himmel. WofĂŒr war denn die Vorladung ĂŒberhaupt schon wieder? Man verliert ja leicht den Überblick. Ging es um den Diebstahl des iPhones, das Brown letztes Jahr einer Verehrerin in Miami aus der Hand riss, nachdem diese damit Fotos von ihm geschossen hatte? Ach so, wĂ€hrend sie unsereins schon mit GefĂ€ngnis drohen, wenn wir einen Strafzettel nicht bezahlen, weigerten sich die StaatsanwĂ€lte in Florida, Browns Ausraster weiter zu verfolgen, der Diebstahl war ihnen zu "geringfĂŒgig." War es wegen der PrĂŒgelei mit SĂ€nger Frank Ocean auf einem Parkplatz in West Hollywood vom 27. Januar? Angeblich sollen Brown und seine Kumpane Ocean nicht nur ĂŒbel zugerichtet, Brown soll ihm sogar gedroht haben: “Wir können dich auch hochgehen lassen.” Nein, dafĂŒr war die Vorladung auch nicht. Obwohl unbestritten ist, dass Brown als erster zuschlug, will Ocean nicht Anzeige erstatten. “Vergebung, auch wenn sie schwer fĂ€llt, ist Weisheit. Ich will Frieden”, sagte der weise Ocean, und die Sheriffs wollen den Fall zu den Akten legen. Oder war es fĂŒr seinen Auftritt bei der Sendung “Good Morning America” vor zwei Jahren, als er einen Stuhl durch ein Fenster schmetterte, weil ihm eine Frage der Moderatorin nicht gefiel? Nein, daraus auf eine Neigung zu GewaltausbrĂŒchen zu schliessen, wĂ€re völlig falsch, schliesslich kamen dabei nur ein Stuhl und ein Fenster zu Schaden.

Bei der Vorladung diese Woche ging es wieder einmal um Browns Attacke auf Rihanna im Januar 2009. Ja, die Bilder von Rihanna mit dem blutig gehauenen Auge waren dramatisch, er hatte sie gewĂŒrgt und geschlagen, aber bitte, das Blut ist lĂ€ngst getrocknet, die Wunden sind verheilt, und Rihanna erschien sogar Arm in Arm mit ihm zum Gerichtstermin – so schlimm kann es also nicht gewesen sein. Brown wurde damals fĂŒr die PrĂŒgelattacke zu fĂŒnf Jahren auf BewĂ€hrung und 180 Tagen Sozialdienst verurteilt, das sollte doch genĂŒgen.

Aber natĂŒrlich ist es fĂŒr einen Superstar nicht einfach, 180 Tage Zeit zum Putzen und MĂŒllsammeln zu finden, das weiß jeder, der verfolgt hat, wie Lindsay Lohan und Naomi Campbell einst ihre Sozialstunden ableisteten. Brown gab zum Beispiel an, er hĂ€tte an einem Tag zwischen 10.00 Uhr und 18.00 Uhr MĂŒll gesammelt, tatsĂ€chlich bestieg er bereits um 16.00 Uhr ein Privatflugzeug nach Cancun. An einem anderen Tag las er angeblich in Richmond, Virginia, MĂŒll auf, aber dummerweise fotografierten ihn Paparazzi zeitgleich 100 Meilen entfernt in Washington, wo er eine Benefizveranstaltung fĂŒr behinderte Jugendliche moderierte.

Nur eine missgĂŒnstige BezirksstaatsanwĂ€ltin kann daraus konstruieren, es gebe “signifikante Ungereimtheiten, die bestenfalls schlampige Dokumentierung und schlimmstenfalls betrĂŒgerische Berichte” nahelegen. FĂŒr Fans ist klar, dass Brown das Unmögliche möglich gemacht hat: gleichzeitig MĂŒll sammeln und anderswo Behinderten helfen, das muss ihm erst mal einer nachmachen.

Mit etwas Wohlwollen lĂ€sst sich alles aufklĂ€ren. 500 Stunden gemeinnĂŒtzige Arbeit leistete Brown beispielsweise im Kinderheim von Tappahannock, Virginia. Das liegt abgelegen auf dem Land, da kann natĂŒrlich nicht jeden Tag ein Sheriff nachprĂŒfen, ob Brown wirklich die Böden blank wienert, wie es in seiner Akte steht. Also macht es Sinn, Browns eigene Mutter zu bitten, die AktivitĂ€ten ihres Sohnes zu dokumentieren. Schliesslich war seine Mutter dort jahrelang Direktorin. Dumm nur, dass sie offensichtlich vergaß, dem zustĂ€ndigen Hausmeister Bescheid zu sagen. Der hat nun der BezirksstaatsanwĂ€ltin erzĂ€hlt, er putze die Böden seit acht Jahren selbst. Dass jemals ein anderer die Böden geputzt habe, habe er nicht bemerkt.

Ist doch logisch: Wenn der Mann jedes Mal zu 180 Tagen Putzen verurteilt wird, wenn er jemanden verprĂŒgelt, dann kommt er doch gar nicht mehr zum Singen ("Don't Judge Me")! "Ein Tag in meiner Haut ist ein Tag in der Hölle!", jammerte ein gewisser "ChrisRealBrown" kĂŒrzlich auf seinem Instagram-Account. "Ich bin ein menschliches Wesen und ehrlich gesagt denke ich, dass ich Respekt verdiene." (Es bestehen allerdings Zweifel daran, ob es sich beim Absender wirklich um den 'real' Brown handelt.)

Respekt! Genau! Gerade sehr reiche, sehr erfolgreiche und sehr berĂŒhmte MĂ€nner sollte man nicht urplötzlich mit der Aussicht erschrecken, sie könnten einmal nicht ungestraft davon kommen, wenn sie jemand anderen blutig schlagen. Die Disziplinarmaßnahmen sollte man der Mutter des TĂ€ters, seiner Freundin und seinen Kollegen ĂŒberlassen, die wollen schliesslich nur sein Bestes. Die Drohungen der Staatsanwaltschaft, Brown ins GefĂ€ngnis zu schicken, wenn er sich nicht bessert, sind in diesem Zusammenhang völlig fehl am Platz. Browns Anwalt hat die StaatsanwĂ€lte dementsprechend als "paranoid" und "schizophren" beschimpft. Bei einer Pressekonferenz nach der Anhörung wĂŒtete er, noch nie sei einer seiner Klienten von der Staatsanwaltschaft derart "gefoltert" worden.

In der Tat, aus gegebenem Anlass erinnern wir an vergleichbare FĂ€lle aus der jĂŒngeren Vergangenheit: Mel Gibson wurde wegen einer PrĂŒgel-Attacke auf seine Ex-Freundin zu 16 Stunden Sozialdienst verurteilt. Er durfte seinen Dienst bei einer Kinderhilfsorganisation ableisten, die seine Frau leitete. Er liess sich also einfach zwei Tage lang lĂ€chelnd mit bedĂŒrftigen Kindern in Malibu fotografieren, und alles war gut. Charlie Sheen musste als Strafe dafĂŒr, dass er seine damalige Frau Brooke Mueller zu Weihnachten 2009 in Aspen verprĂŒgelt und mit einem Messer bedroht hatte, im örtlichen Theater eine Frage- und Antwort-Sitzung mit SchauspielschĂŒlern bestreiten. Es soll recht vergnĂŒglich gewesen sein.

Dass derart drakonische Strafen fĂŒr so geringfĂŒgige Vergehen wie das VerprĂŒgeln einer Frau verhĂ€ngt werden, lĂ€sst nur einen Schluss zu: Die StaatsanwĂ€lte hoffen, ihre Lieblings-Stars möglichst bald wieder live mit neuen Delikten vor sich zu sehen. Die Strategie hat dann auch bisher bei allen sehr gut funktioniert.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/blogs/promileaks/3413/der-browne-pferdemist/