Süddeutsche Zeitung Diskothek
Das Musikblog von Johannes Waechter

"It's always good to know what went down before you, because if you know the past, you can control the future." - Bob Dylan

15. Januar 2010

Bobby Charles: Abschied eines Eigenbrötlers

Am 28. April 2007 stehe ich voller Erwartung vor einer der kleineren Bühnen beim Jazz & Heritage Festival in New Orleans und warte auf den Auftritt des legendären Sängers und Songwriters Bobby Charles, bekannt für Songs wie “See You Later Alligator” – und für seine schratige Menschenscheu.

Schließlich kommen die Musiker auf die Bühne, darunter Dr. John, Marcia Ball und Sonny Landreth. Aber wo ist Bobby Charles? Vorne am Bühnenrand sitzt ein Mann mit grauem Bart am E-Piano, aber sieht Charles nicht ganz anders aus? (Bei dem Mann handelte es sich um David Egan, wie ich später erfuhr.) Ein Hit nach dem anderen ertönt, ohne dass ihr Urheber erscheint; und obwohl es ein gutes Konzert ist, überwiegt danach die Enttäuschung. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass Bobby Charles im letzten Moment abgesagt hatte und allein fernmündlich anwesend war – sein Manager stand neben der Bühne und ließ den zu Hause weilenden Charles per Handy am Konzert teilhaben.

Dies wäre die letzte Gelegenheit gewesen, Bobby Charles auf der Bühne zu sehen, denn gestern ist er im Alter von 71 Jahren in Abbeville, Louisiana gestorben. (Hier der Nachruf der Times-Picayune.) Der R&B verliert damit erneut eines seiner Originale, denn obwohl Charles kein besonders umfangreiches Werk hinterlässt, hat er doch eine ganze Generation von Musikern aus Louisiana mit seinem Songwriting beeinflusst.

Legendär die Geschichte seines ersten Hits “See You Later Alligator”. Hier der Text aus der SZ-Diskothek: “Bobby Charles ist erst siebzehn, als er für seine Schülerband in Abbeville, Louisiana, den Song ‘See You Later Alligator’ verfasst. Ein Musikhändler erkennt das Hitpotenzial des Stücks und vermittelt einen Kontakt zu Leonard Chess. Da der Plattenboss jedoch nicht den weiten Weg von Chicago nach Louisiana kommen kann, singt Charles ihm das Lied am Telefon vor – und wird prompt unter Vertrag genommen. In einem Studio in New Orleans nimmt er das Lied auf. Als er kurz darauf erstmals nach Chicago reist, ist die Überraschung groß: ‘Als Leonard mich sah, sagte er nur ‘Motherfucker!”, erzählte Charles später. ‘Ich erwiderte: ‘Wie bitte?’ Er rief: ‘Du bist ja gar nicht schwarz!’ Ich sagte: ‘Das weiß ich.’”

Charles schrieb noch einige weitere R&B-Hits, darunter “Walking To New Orleans” und “I Don’t Know Why I Love You (But I Do)”, der großen Karriere stand allerdings seine Abneigung gegen die Musikindustrie im allgemeinen und gegen Tourneen im besonderen im Weg. Dennoch brachte er 1972 ein Meisterwerk zustande: das Album Bobby Charles, eingespielt mit Hilfe von Rick Danko von The Band. Nach Jahren der Suche habe ich dieses unglaublich stimmungsvolle, warme Album vor einigen Monaten endlich aufgetrieben und darauf einen Abschiedsgruß für den verstorbenen Bobby Charles entdeckt: den wunderbaren Song “I Must Be In A Good Place Now”, hier gecovert von Vetiver.

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1 Kommentar »

  1. [...] R.I.P.: Bobby Charles (1938-2010): Abschied eines Eigenbrötlers [...]

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