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Das Musikblog von Johannes Waechter

"It's always good to know what went down before you, because if you know the past, you can control the future." - Bob Dylan

28. April 2009

Die Auferstehung des Sir Lattimore Brown

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Sir Lattimore Brown? Selbst Menschen, die sich für Soulmusik-Kenner halten, wissen mit diesem Namen nicht viel anzufangen. Bis vor einigen Wochen hatte auch ich nur eine vage Ahnung davon, dass sich hinter diesem – zugegebenermaßen einprägsamen – Namen ein ultra-obskurer Deep-Soul-Sänger verbirgt. Doch dann stieß ich in den Soul-Blogs The B-Side und Stepfather of Soul auf Lattimore Browns Musik und Story – und beides ist ausgesprochen faszinierend. Ein ausführlicher Artikel über seine Lebensgeschichte findet sich hier (bitte lesen, lohnt sich wirklich!).

Von mir nur so viel: Sir Lattimore Brown, geboren 1931, hatte in den Siebzigern einige sehr gesuchte Singles aufgenommen, aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesungen. In bitterer Armut lebte er in Biloxi, Mississippi, kam fast beim Hurrikan Katrina ums Leben und lag schließlich 2007 in einem Krankenhaus in Jackson, Mississippi, depressiv und von Wahnvorstellungen geplagt. Als er einer Krankenschwester erzählte, dass er früher Sänger gewesen sei, glaubte diese ihm zuerst nicht. Aber dann googelte sie seinen Namen und stieß auf jene Soulfans, die oben genannte Blogs betreiben. So kamen Ereignisse in Gang, die schließlich dazu führten, dass Sir Lattimore Brown gestern in New Orleans nach vielen, vielen Jahren sein Bühnencomeback feierte.

Ich war dabei und muss sagen, dass ich selten so ein bewegendes Konzert gesehen habe. Der Rahmen passte, denn die Banks Street Bar, in der alles stattfand, ist genauso funky wie die Musik von Sir Lattimore. Wiley & The Checkmates, seine Backing Band, verstanden seine Musik und spielten einen knackigen R&B-Groove. Und Sir Lattimore selbst zeigte sich auch mit 78 Jahren der Aufgabe gewachsen, sein Publikum nach alter Soul-Schule zu begeistern.

Mit Hut und Nadelstreifen kam er auf die BĂĽhne und begann gleich mit seinem Mini-Hit “Shake & Vibrate”. Danach sang er einige R&B-Klassiker, schnelle Tanznummern und Deep-Soul-Balladen. Er traf dabei nicht immer den Ton, aber die emotionale Intensität seiner Performance war auĂźergewöhnlich: Man merkte, dass er selbst nicht mehr damit gerechnet hatte, in seinem Leben noch einmal auf der BĂĽhne zu stehen; nun blĂĽhte er auf und sog aus dem Jubel und der Anerkennung des Publikums neue Lebenskraft. Gleichzeitig erwies er sich aber als Entertainer, der nichts vergessen hatte: Er dirgierte Band und Publikum auf eine Weise, die zeigte, wie sehr ihm das Showbusiness in den Knochen steckt.

Mit “Shake & Vibrate” hatte das Konzert begonnen, mit demselben Song hörte es auf. ZurĂĽck blieben ein begeistertes Publikum und ein glĂĽcklicher alter Mann, der erfahren hatte, dass jene Kunst, die er selbst schon lange abgehakt hatte, allen Widerständen zum Trotz auch heute noch lebendig ist. Ein Dokumentarfilm ĂĽber Sir Lattimore Brown und sein Konzert sollen folgen, mehr dazu bei Gelegenheit an dieser Stelle.

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1 Kommentar »

  1. Wem es zu lange dauert bzw. zu teuer ist, Singles von (Sir) Lattimore Brown zu kaufen: es gibt eine schöne LP-Zusammenstellung “Everyday I Have to Cry” auf Charly LP 1157 (GB) (1986) mit seinen Sound Stage 7 Singles sowie zwei schwer zu findende japanische LPs, Vivid Sound LP 7002 und “Deep Soul Classics Vol.1” P-Vine PLP 316. Dann noch die Original-Zusammenstellung” This Is Lattimore’s World” Seventy-7 LP 106 (1977). Alles Material von 1965 bis 1968.
    Zu SEHEN und hören ist (Sir) Lattimore Brown auf THE BEAT !!!! Vol.1 Bear Family DVD 20126 (2 Titel); THE BEAT !!!! Vol.4 Bear Family DVD 20129 (2 Titel); THE BEAT !!!! Vol.5 Bear Family DVD 20130 (1 Titel).

    Kommentar von Norbert Hess, Berlin — 11. Mai 2009 @ 11:16

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