Vor zwei Wochen habe ich meine größten Pop-Flops gepostet, nun folgen die meiner Meinung nach schönsten, intensivsten Pop-Momente des Jahres 2009. Dies soll keine normale Liste der besten Alben sein, davon gibt es schon genug, es ist vielmehr eine subjektive Aneinanderreihung von musikalischen Erlebnissen, die mich dieses Jahr beschäftigt und bewegt haben.
1. Die Wiederveröffentlichung des Beatles-Katalogs

Was die meisten traditionellen Medien aus diesem Ereignis gemacht haben, war enttäuschend: viel Blabla und ausgesprochen oberflächliche Beurteilungen des Klangs der neu gemasterten Beatles-CDs. Viel intensiver und klüger beschäftigten sich die Fans mit dem Thema: In zahlreichen Blogs (zum Beispiel hier) wurde intensiv über den Sound der CDs diskutiert, und zwar nicht nur in Allgemeinplätzen, sondern ausgesprochen detailliert (der Gitarrensound bei “Blackbird”, die unglaublich geschichteten Harmonien bei “Because” etc.) Mich hat es sehr gefreut, dass die klanglichen Feinheiten einer CD-Reihe auch in Zeiten von MP3 und iPod noch ein Thema sein können, das die Menschen bewegt, und ich vermute, dass der 09.09.09 als jener Tag in Erinnerung bleiben wird, an dem die HiFi-Kultur zum letzten Mal eine über ihre Nische hinausreichende Breitenwirkung entfalten konnte. (Mein Fazit lautet übrigens, dass die neuen CDs nicht besser klingen als meine Blue-Box-LPs, was zugegeben auch daran liegt, dass mein Plattenspieler besser ist als mein CD-Spieler.)
2. Let’s Change The World With Music von Prefab Sprout
Die Musik auf dieser CD gefällt mir natürlich auch, obwohl sie ein wenig darunter leidet, dass Paddy McAloon alles alleine produziert und keinen großen Wert auf Soundqualität gelegt hat. Grandios finde ich aber die in den Texten enthaltenen Beschwörungen der Macht der Musik: “I love music / She holds the keys / To unlock heartaches and silver stardust memories”, singt McAloon. Oder: “I love music / She knows how / To bring the past into the here and now”. Oder: “Her jewels are brighter than my eyes can bear / Yes, she is something to die for”. Oder: “Sweet gospel music / Carry this boy away from danger / If your heart is heavy / If your heart is stone / May you hear them – they are angels / They may be singing about a throne / About a peace, in the never-known”. Das religiöse Pathos mag nicht jedermanns Sache sein; aber es ist meines Erachtens total berechtigt, da ich ebenso wie Paddy McAloon glaube, dass der Musik eine spirituelle Kraft innewohnen kann, die mit Worten nicht mehr zu fassen ist.
3. Die Klamotten von Lady Gaga
Lady Gaga weiß, dass Pop auch Spektakel, Glamour und Sex ist. Aus diesem Wissen hat sie dieses Jahr erstaunliche Erfolge mit etlichen Chartrekorden gemacht. Ihre Musik finde ich eher uninteressant, aber ihre Persönlichkeit finde ich erfrischend und ihre Outfits und Masken, ihre gesamte visuelle Präsentation, teilweise spektakulär. “Ich bin besessen von SM-Mode, sexuellen Masken. Außerdem fasziniert mich der Gedanke, dass das Visuelle die Musik in den Schatten stellen kann”, hat sie mir im Sommer gesagt. Das ist ihr bereits gelungen.
4. Kai Degenhardt und seine Album Weiter draußen
Diese Platte ist schon im Herbst 2008 erschienen, aber da ich sie erst dieses Jahr gehört habe, nehme ich sie mit auf meine Liste. Kai Degenhardt ist der Sohn von Franz-Josef Degenhardt, wie sein Vater versteht auch er sich als linker Liedermacher, aber seine Interpretation dieses alten musikalischen Formats ist neu und einzigartig. Statt anzuklagen, beschreibt er einfach, und das mit einer Präzision und poetischen Meisterschaft, die ich bei keinem anderen deutschen Poptexter erkennen kann. Hier einige Passagen aus dem Titelstück, das in einer Fußgängerzone spielt: “Der Folkrocksänger rockt akustisch Kurt Cobain und Silbermond / In seinem Drewermann-Pullover riecht er wie ein nasser Hund”. Oder: “Der Fernsehphilosoph mit dem Nutztier-Proletariat / Und dem Beutelratten-Schnorres kommt aus dem Bahnhof gerannt / Taxi und weg, und Polizisten Kuranyi-Bärte im Gesicht / Gehen zu McDonald’s, holen sich Royal TSe mit Pommes frites.” Ich habe mich in diesem Blog schon des öfteren darüber gewundert, dass alltägliche Beobachtungen und Geschichten in der Popmusik kaum noch eine Rolle spielen; umso erfreuter war ich, mit Kai Degenhardt jemand zu entdecken, der dieses aussterbende Format meisterlich beherrscht und in dessen Beschreibungen ein kritisches, intelligentes und umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit entsteht.
5. Becks Record Club
Im Juni hat Beck auf seiner Website ein Experiment namens Record Club gestartet: Er trifft sich mit befreundenten Musikern (zum Beispiel Leslie Feist, Wilco, Devendra Banhart) und covert an einem einzigen Tag ohne viele Proben ein klassisches Album; die Ergebnisse kann man sich dann auf seiner Website anhören. Los ging’s mit The Velvet Underground & Nico, dann kam ein Album von Leonard Cohen, dann Skip Spence. Mir gefallen die Spontanität und Spielfreude des ganzen Projekts, die unkommerzielle Natur, und der kreative Umgang mit der musikalischen Vergangenheit, unter dem impliziten Motto “Backwards To The Future”.
6. K’naans Mixtape-Projekt The Messengers
Mein Lieblingsnewcomer: der somalisch-kanadische Rapper K’naan. (Okay, er ist schon seit ein paar Jahren aktiv, aber dieses Jahr schaffte er den Durchbruch.) Im Frühjahr erschien seine exzellente Platte Troubadour (ich habe ihn damals auch interviewt), im September brachte er dann ein spektakuläres Mixtape namens The Messengers heraus, auf dem er sich mit Musikern beschäftigt, die eine Message haben: Fela Kuti, Bob Marley und Bob Dylan. (Hier kann man es runterladen.) Das Teil ist voller großartiger Songs und irrer Samples, und ich prophezeie, dass wir im Jahr 2010 sehr viel mehr von K’naan hören werden.
7. Bob Dylans Weihnachtsalbum Christmas In The Heart
Ich habe etwas gebraucht, um mit diesem Album warm zu werden, aber inzwischen finde ich es großartig. Mir scheint, dass Dylan Christmas In The Heart mehr von sich preisgibt als auf jedem anderen Album seit World Gone Wrong, und seine aufrichtige Begeisterung für die Weihnachtsgeschichte mit all ihren spirituellen und sozialen Implikationen ist die Wärmequelle, die jedes einzelne Stück zum Funkeln bringt. Selbst mit den Schlittenglöcklein habe ich meinen Frieden gemacht.
Fotos: Getty, DPA, AP, Universal, EMI
Who's been talkin?
Auf sieben Moment komme ich nicht, aber Pop ist nicht tot, denn wie heisst es bei Superpunk so schön: “Rock‘n‘Roll Will Never Dead”.
Moment 1. Ein Mann der seit mehr als drei Jahrzehnten den immergleichen Song aufnimmt, kann nichts falsch machen. Denn der Sog ist gut. Da Herrn Childish Musik schon immer zu wenig war, hat er ja unzählige Bücher geschrieben, ebenso viele Bilder gemalt und ist immer wieder der giftige Stachel, welcher dem fetten Mainstreamarsch ab und zu ein wenig piekst. Hat er sich vor wenigen Jahren noch den Unmut von Herrn Jack White zugezogen, so hat er dieses Jahr der Kunst im allgemeinen den Kampf angesagt und die Art Hate Week veranstaltet. Mit an Bord sein alter Spezl James Cauty, der ja mit KLF seiner Zeit das Popspektakel ad absurdum führte. Mehr Pop geht nicht:
http://www.youtube.com/watch?v=4NwwsGKjrck
und http://www.arthate.com
Werdet Mitglied!!!
Moment 2. Nachdem 2009 mit der traurigen Nachricht eingeläutet wurde, dass Ron Ashton verpufft ist, kam die Ankündigung von Iggy Pop, zusammen mit James Williamsen, Ashtons Bruder und Mike Watt die komplette Raw Power Platte in London Anfang Mai 2010 zur Aufführung zu bringen, für mich so überraschend, wie dass der TSV 1860 2010/2011 die deutsche Meisterschaft, nach dem unmöglichen Aufstieg 2010 gewinnt. Da Sucide das Vorprogramm beschreiten und ihr erstes Album zu Besten geben werden, ist das Ticket organisiert und einem Ausflug auf die Insel steht nichts mehr im Wege.
http://www.youtube.com/user/joeb457#p/u/8/KPSlkkuku3Q
Moment 3. Wiederentdeckt. Keine Ahnung wie, aber Billie Holiday hat sich nicht nur in meinen Ohren festgesetzt, sondern auch mein Herz im Sturm erobert. Dank der zwei Boxen „Lady Day – The Complete Billie Holiday On Columbia (1933-1944), zehn CDs für knapp 20 Euro und „The Complete Commodre & Decca Masters“, drei CDs für den doppelten Preis. Ein Traum die Frau.
http://www.youtube.com/watch?v=-dX0pdsLVb0&feature=related
Moment 4. Live hat es wohl in den vergangenen 25 Jahren, keine Band gegeben, die die Wiedergeburt des R‘n’R so verkörperte, wie die Black Lips. Sexy, unbedarft, gefährlich und immer am Rand des Abgrunds taumelnd. Öffentliches Urinieren, sich ebenso zu übergeben, Zungenküsse … alles in allem Körperflüssigkeiten GALORE. Auf Albumlänge manchmal etwas ermüdend, aber auf 7inch und live die Macht. Kein Wunder, schließlich sind die Vier auch 300 Tage im Jahr auf Tour:
http://www.youtube.com/watch?v=rBtMO5k65Dg&feature=related
Moment 5. Da neben Herrn Ashton auch Lux Interior, Vic Chesnutt und viele andere verpufften, bin ich froh über alle die noch leben. Leben den Lebenden und Don’t Forget The Joker
http://www.youtube.com/watch?v=BB7YhbM4K80&feature=related
Moment 6: Tristan Egolf “Monument für John Kaltenbrunner. Zwar schon ein paar Jahre alt, aber von Herrn J. empfohlen und geschenkt bekommen. Danke Tim. Pflichtlektüre für alle Totengräber des Pop, es gibt nur ein Leben, deshalb weiger‘ ich mich aufzugeben.
Amen und aus. Guten Rutsch und nur das Beste für 2010
Kai
Kommentar von Kai aus Murnau — 31. Dezember 2009 @ 14:02
Zum Thema Bob Dylan Weihnachtsalbum muss ich leider hier anmerken, dass es bei Gebrauch komplett versagt hat. Ich hatte es am Heiligabend beim Weihnachtsbaum schmücken eingelegt und Dylan hat so genervt, dass ich auf Wunsch meiner Tochter die John Denver und die Muppets auflegen musste.
(Natürlich tue ich dem guten Bob hier sicher Unrecht aber das stört ihn sicher nicht)
Kommentar von Axel — 2. Januar 2010 @ 23:44
Ein Pop-Aspekt, der von allen Übersehen wurde.
Am 25.6 traten Michael Jackson und Sky Saxon gemeinsam ab. Mal abgesehen davon, dass ihre Nachnamen sich reimen, vereint beide dass sie zu ihrer Zeit ein enormes musikalisches Innovationspotential entwickelt haben. Sky Saxon war der erste Langhaarige in Kalifornien hat den Garagenbeat/punk erfunden und war Vorbild von Jim Morrison. Nach eigenen Angaben hat er auch Flowerpower erfunden, was aber schon einen gewissen Realitätsverlust durch Drogen zugeschrieben werden kann. Zu Jackson muss ich hier nicht sagen. Leider ist Sky Saxon der verdiente Erfolg versagt geblieben.
Kommentar von Axel — 2. Januar 2010 @ 23:50
Nun ja, dass das Ableben von Michael Jackson in der Rubrik “Meine sieben schönsten Pop-Momente 2009″ nicht zu finden ist erscheint mir jetzt eher logisch! (wenn mir seine Musik auch nicht unbedingt liegt)
Kommentar von C. Osenberg — 1. Februar 2010 @ 14:58
Sky Saxon ist immer noch mein Idol. Möge er in Frieden ruhen!
Kommentar von Porno Deluxe — 17. Februar 2010 @ 14:29