<?xml version="1.0" encoding="iso-8859-1"?>
<rdf:RDF 
  xmlns:rdf="http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#"
  xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
  xmlns:cc="http://web.resource.org/cc/"
  xmlns="http://purl.org/rss/1.0/"
  xmlns:mn="http://usefulinc.com/rss/manifest/"

         xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
>

  <channel rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de:80/rsslabel/11">
    <title>sz-magazin.de - Das Prinzip</title>
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//labels/anzeigen/11</link>
    <description>Alle Texte zu dem Label Das Prinzip auf sz-magazin.de</description>
    <image rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//img/jetztxml/szmagazin.gif" />
    <items>
      <rdf:Seq>
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/30131" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/30025" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29954" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29877" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29780" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29746" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29685" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29631" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29569" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29520" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29449" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/1021" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29368" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29269" />
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29103" />
      </rdf:Seq>
    </items>
  </channel>

  <image rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//img/jetztxml/szmagazin.gif">
     <title>sz-magazin.de</title>
     <url>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//img/jetztxml/szmagazin.gif</url>
     <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//labels/anzeigen/11</link>
     <dc:description>Alle Texte zu dem Label Das Prinzip auf sz-magazin.de</dc:description>
  </image>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/30131">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/30131</link>
    <title>Händewaschen</title>
    <description>&lt;p&gt;Manche &amp;Auml;rzte sagen, die Schweinegrippe lasse sich tats&amp;auml;chlich mit wenigen Handgriffen besiegen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/18852.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Jetzt drangsalieren sie uns wieder, die allgegenw&amp;auml;rtigen Propagandisten des H&amp;auml;ndewaschens, vom Vorsteher des Gesundheitsamts um die Ecke bis zum US-Pr&amp;auml;sidenten. Die &amp;Auml;rzte des Robert-Koch-Instituts, Deutschlands oberste Seuchen- und Schweinegrippenbek&amp;auml;mpfer, haben sich unter der Parole &amp;raquo;Wir gegen Viren&amp;laquo; sogar einen besonders furchterregenden Film ausgedacht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;B&amp;ouml;se Keime h&amp;uuml;pfen darin in Windeseile durch die ganze Stadt, von Mensch zu Aufzugsknopf, von Geldschein zu Hand, von T&amp;uuml;rklinke zu Hosent&amp;uuml;rl &amp;ndash; bis ein erl&amp;ouml;sender Wasserstrahl, gepaart mit sch&amp;auml;umender Seife, diesem Staffellauf des Grauens ein Ende setzt. In seiner p&amp;auml;dagogischen Strenge erinnert der Spot sehr an die fr&amp;uuml;he Kindheit, an den Ordnungsruf der Mutter, bevor das Essen auf den Tisch kam, oder an die gelegentlichen Enth&amp;uuml;llungsberichte auf RTL, wo die Reporter eine versteckte Kamera auf der M&amp;auml;nnertoilette installieren und die Waschbecken-Verweigerer dann drau&amp;szlig;en einer strafenden Befragung unterziehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Gute daran ist nat&amp;uuml;rlich, dass das H&amp;auml;ndewaschen eine sichtbare, nachvollziehbare, sinnlich erfahrbare und &amp;auml;u&amp;szlig;erst handfeste Angelegenheit ist, w&amp;auml;hrend die Bakterien, Viren und Keime, die man damit bek&amp;auml;mpft, vollkommen unsichtbar bleiben &amp;ndash; genauso abstrakt wie die Ansteckungsgefahr selbst. Ohne das H&amp;auml;ndewaschen w&amp;auml;re das Ringen um die Gesundheit eine sehr virtuelle Sache: auf der einen Seite eine kaum einsch&amp;auml;tzbare Bedrohung, auf die man manchmal mit Panik, manchmal eher mit Schulterzucken reagiert, und auf der anderen Seite Impfstoffe oder Grippemittel, die in ihrer echten oder nur vermeintlichen Wirksamkeit ungef&amp;auml;hr so undurchschaubar sind wie das Virus selbst. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W&amp;uuml;rden sie im Ernstfall irgendwem n&amp;uuml;tzen &amp;ndash; au&amp;szlig;er den Chemiekonzernen, die sie millionenfach und milliardenteuer verkauft haben? Wie viel einfacher scheint es da doch, gelegentlich zum n&amp;auml;chsten Wasserhahn zu gehen und wieder ein paar Bastarde in die Kanalisation zu sp&amp;uuml;len! Unabh&amp;auml;ngige Experten, wie der britische Arzt und Epidemiologe Tom Jefferson, werfen der Pharmaindustrie inzwischen sogar eine &amp;raquo;Sehnsucht nach der Pandemie&amp;laquo; vor &amp;ndash; und erkl&amp;auml;ren, regelm&amp;auml;&amp;szlig;iges H&amp;auml;ndewaschen sei viel wirksamer als jedes Medikament. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das trifft sich nat&amp;uuml;rlich mit unserer menschheitsgeschichtlichen Erfahrung. F&amp;uuml;hlte sich nicht schon Pontius Pilatus gleich wesentlich besser, nachdem er seine H&amp;auml;nde in Unschuld gewaschen hatte? Und lassen nicht allerlei rituelle Waschungen, die man aus diversen Religionen kennt, auf eine jahrtausendealte Weisheit schlie&amp;szlig;en? Gut m&amp;ouml;glich. Ganz so einfach ist die Sache aber trotzdem nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wer sich n&amp;auml;mlich vorgenommen hat, den Viren an den eigenen H&amp;auml;nden endlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken, kommt schnell auf einen merkw&amp;uuml;rdigen Trip: Von jeder T&amp;uuml;rklinke grinst dich das B&amp;ouml;se an, beim Stehen in der U-Bahn w&amp;uuml;rdest du pl&amp;ouml;tzlich lieber umfallen, als dich an die sicherlich total verseuchte Haltestange zu klammern, und im B&amp;uuml;ro stehst du wegen st&amp;auml;ndiger Ausfl&amp;uuml;ge zur Toilette schon im Verdacht der Arbeitszeitverk&amp;uuml;rzung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der reinigenden Kraft des H&amp;auml;ndewaschens steht nicht umsonst auch die Pathologie des Waschzwangs gegen&amp;uuml;ber. Im schlimmsten Fall endet man wie Jack Nicholson in Besser geht&amp;rsquo;s nicht: mit einem Schrank voller Seifenst&amp;uuml;cke und kerngesund, aber leider unausstehlich im sozialen Zusammenleben. Und ehrlich gesagt: Die Wilden von Stadiontoilette und Autobahnrastst&amp;auml;tte, die nach dem Pinkeln noch mal korrigierend ans Gem&amp;auml;cht greifen, ihre H&amp;auml;nde aber niemals mit Wasser benetzen w&amp;uuml;rden &amp;ndash; strahlen sie nicht auch eine eigent&amp;uuml;mliche Vitalit&amp;auml;t aus? Erst im st&amp;auml;ndigen Nahkampf mit Schmutz und Viren, wir erinnern uns, erw&amp;auml;chst dem Menschen seine Widerstandskraft. Dreck reinigt den Magen? Was nicht t&amp;ouml;tet, h&amp;auml;rtet ab? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ach was, Schluss jetzt. Ich muss n&amp;auml;mlich auch ganz dringend von meiner Computertastatur weg, auf der laut britischen Mikrobiologen bis zu f&amp;uuml;nfmal mehr Keime hausen k&amp;ouml;nnten als auf einem durchschnittlichen Toilettensitz.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Foto: dpa&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Händewaschen</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Kniebe</dc:creator>
    <dc:date>2009-08-06T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/30025">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/30025</link>
    <title>Plattpfirsich</title>
    <description>&lt;p&gt;In dieser Frucht steckt die zentrale Sehnsucht unserer Zeit.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/18764.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Schon wieder China, ist das aber deprimierend, gibt es denn gar nichts mehr, was nicht aus China kommt? Dieser Pfirsich zum Beispiel, der so sch&amp;ouml;n zerknautscht mitteleurop&amp;auml;isch aussieht, als sei er in all den grausamen, blutigen Jahrhunderten geformt, in denen aus Kriegen und Schlachten dieser Kontinent in seiner heutigen Kultur erwuchs, dieser Platt-&lt;br /&gt; pfirsich also, der so eindeutig altmodisch aussieht, dass er heute schon wieder modern ist &amp;ndash; warum kann der nicht einfach aus einem schattigen Tal irgendwo in der Auvergne stammen, wo ihn so um das Jahr 1640 herum ein Bauer mit schweren Holzschuhen, dem die Milch gerade mal wieder sauer geworden ist, erfindet, einfach so, weil die Welt eben Plattpfirsiche braucht? Aber nein, aus China kommt er, fast 4000 Jahre ist er alt und nat&amp;uuml;rlich ist er dort auch noch das Symbol der Unsterblichkeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wikipedia, eine der im Vergleich armen Erfindungen unserer westlichen Kulturbl&amp;uuml;te, die gerade mal 500 Jahre dauerte, wei&amp;szlig; dann auch noch, dass in der daoistischen Mythologie Xiwangmu, die &amp;raquo;K&amp;ouml;nigmutter des Westens&amp;laquo;, diese Pfirsiche in einem entlegenen Bergtal anbaut, &amp;raquo;wo sie nur alle tausend Jahre reif werden&amp;laquo;: Tja, und diese Zeit ist nun wohl eben wieder gekommen &amp;ndash; &amp;raquo;it&amp;rsquo;s all about China&amp;laquo;, grummelte vor ein paar Jahren der weise, alte Norman Mailer, dessen rotes Gesicht selbst ein wenig an einen immerhin sehr runden Pfirsich erinnerte. Was damals noch etwas schrullig wirkte, ist heute banale Wahrheit. Und wie zum Hohn auf unsere welkende westliche Welt tauchen nun auf einmal &amp;uuml;berall diese verwachsenen, flachen Fr&amp;uuml;chte auf, die doch eigentlich aussehen wie das obstgewordene Rothenburg ob der Tauber.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber wie geht das? Wer entscheidet, dass es nicht mehr die Nektarinen sind, die wir essen wollen, eine in ihrer Mutation diffus moderne Frucht, die zwar nicht, wie oft angenommen, aus einer Kreuzung von Pfirsich und Pflaume entstanden ist &amp;ndash; daf&amp;uuml;r aber, wie Sigrid L&amp;ouml;ffler gesagt h&amp;auml;tte, daf&amp;uuml;r aber dezidiert spa&amp;szlig;gesellschaftsm&amp;auml;&amp;szlig;ig wirkte, weil die Nektarine saftiger war als der gemeine Pfirsich und daf&amp;uuml;r noch den Vorteil hatte, dass die glatte Haut nicht so pelzig war, wenn man hineinbiss? Ein Obst f&amp;uuml;r uns Frucht-Hedonisten, eine Z&amp;uuml;chtung aus unserer Zeit also, obwohl die Nektarine auch, das war klar, urspr&amp;uuml;nglich aus China stammt, aber richtig beliebt erst in den Neunzigerjahren wurde, auf dem Umweg &amp;uuml;ber, ja, die &lt;br /&gt; ehemalige Weltmacht USA. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Plattpfirsich, der deutlich intensiver im Geschmack ist als ein runder Pfirsich und auch Bergpfirsich hei&amp;szlig;t oder Weinbergpfirsich, weil er von Winzern in Spanien oder Frankreich als Schattenbaum zwischen die Reben gesetzt wurde, sendet dagegen ein ganz anderes Signal: Wir erleben die R&amp;uuml;ckkehr des alten Adels und des Antikobstes. Der Trend geht zur Fruchtfolklore. Der Plattpfirsich ist damit ein weiteres Zeichen f&amp;uuml;r den Sprung in der Sch&amp;uuml;ssel, die wir Moderne nennen, das Pendant der gesellschaftlichen Sehnsucht nach einer Art Manufaktum-Moderne, in der das Handgemachte mehr wiegt als das industriell Hergestellte, in der Spuren, Geschichte, das Alte wichtiger sind als das Neue, Erfundene, K&amp;uuml;nstliche. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Was nat&amp;uuml;rlich, wie so vieles im antimodernen Diskurs, hilflos falsch ist, denn ein Zur&amp;uuml;ck gibt es nicht mehr: Die Weinbergpfirsiche, die wir im Supermarkt kaufen k&amp;ouml;nnen, sind moderne weiterentwickelte Z&amp;uuml;chtungen, wie Gabriele Bastian erkl&amp;auml;rt, Chefredakteurin des in diesen Fragen unbestechlichen Fruchthandel Magazins. Aber es ist eben wie so oft in diesen Tagen, da sucht man etwas in Dingen oder auch Menschen und geheimnist etwas in sie hinein, was von wenig Realit&amp;auml;t begleitet wird. Aus einem Wirtschaftsminister, der mehr Haare hat als seine &amp;auml;lteren Kollegen, was er durch die Extratube Gel noch betont, und der seinen Job gut macht oder weniger gut, wird dann auf einmal ein Freiherr, der sogar ein &amp;raquo;freier Herr&amp;laquo; ist. Ja, und der Kaiser kommt auch rasch wieder. In diesem Sinn ist der Weinbergpfirsich so etwas wie &amp;raquo;von und zu Pfirsich&amp;laquo;.&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Plattpfirsich</dc:subject>
    <dc:creator>Georg Diez</dc:creator>
    <dc:date>2009-07-30T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29954">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29954</link>
    <title>Deutsch</title>
    <description>&lt;p&gt;Kampf der Kulturen: Jahrzehnte rangen selbst ernannte Sprachpfleger und Freiheitsk&amp;auml;mpfer um die richtigen Worte.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/18551.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Der Kampf um die Rechtschreibreform f&amp;uuml;hlte sich von Anfang an zwei Traditionen verpflichtet: der Sprachpflege und dem Krieg. Insofern ist es konsequent, dass sich die schrittweise Einf&amp;uuml;hrung der Reform in den letzten zehn Jahren stets an einem 1. August vollzog. F&amp;uuml;r die Wahl dieses Kalendertags findet sich nirgendwo eine offizielle Begr&amp;uuml;ndung, doch der Blick auf zwei historische Ereignisse erhellt den Beschluss. Am 1.8.1911 starb Konrad Duden und am 1.8. 1914 begann der Erste Weltkrieg.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kaum ein Ereignis hat in der j&amp;uuml;ngeren Vergangenheit derart heftige Kontroversen hervorgerufen wie die Auseinandersetzung um das korrekte Deutsch. Es war von einem &amp;raquo;sprachlichen B&amp;uuml;rgerkrieg&amp;laquo; die Rede, der sich zwischen den Initiatoren und den Gegnern der Reform entz&amp;uuml;ndet habe. Trommelfeuer aus Beispielen und Musters&amp;auml;tzen prasselten von einem Lager ins andere, um die Dominanz der eigenen Position durchzusetzen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So &amp;uuml;berzeugend diese Beispiele im Einzelfall auch sein m&amp;ouml;gen: Das Vergebliche beider Anschauungen liegt in der Annahme, dass eine Sprache wie das Deutsche ein in sich stimmiges Gebilde sei, zur&amp;uuml;ckf&amp;uuml;hrbar auf eine urspr&amp;uuml;ngliche Logik. Ein besonders leidenschaftlicher Gegner der Reform beklagt in seinen Schriften seit Jahren die Vielzahl &amp;raquo;unvern&amp;uuml;nftiger&amp;laquo; Korrekturen &amp;ndash; und genau in diesem Begriff liegt vielleicht der ganze Irrtum der Sprachpflege: dass sie einer Sprache eine zugrunde liegende &amp;raquo;Vernunft&amp;laquo; beimisst, so als h&amp;auml;tte sie der Weltgeist selbst hervorgebracht. Doch ist das Deutsche nicht einfach ein unreglementierbares Geflecht, von Millionen von Sprechern &amp;uuml;ber Jahrhunderte hinweg variiert und ver&amp;auml;ndert? Jede Systematisierung, jede Regulierung ist der unm&amp;ouml;gliche Versuch, dieses bewegliche System zu domestizieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und geht das, was man &amp;raquo;Sprachgef&amp;uuml;hl&amp;laquo; nennt, nicht oft genug auf einen ganz willk&amp;uuml;rlichen Ursprung zur&amp;uuml;ck? So wie etwa das sch&amp;ouml;ne Gesetz &amp;raquo;Trenne nie &amp;rsaquo;s-t&amp;lsaquo;, denn es tut den beiden weh!&amp;laquo; Jeder, der diesen Imperativ im Deutschunterricht der Grundschule verinnerlicht hatte, sp&amp;uuml;rte irgendwann tats&amp;auml;chlich einen fast nat&amp;uuml;rlichen Bund zwischen den beiden Buchstaben, als ob sie vom Anbeginn der deutschen Sprache an zusammengeh&amp;ouml;rten. Wie ern&amp;uuml;chternd war dann die Information, dass diese orthografische Regel in Wahrheit mit den technischen Gegebenheiten des Buchdrucks zu tun hat; &amp;raquo;s&amp;laquo; und &amp;raquo;t&amp;laquo; bildeten im Bleisatz fr&amp;uuml;her eine zusammengesetzte Ligatur und konnten deshalb beim Setzen einer Zeile nicht geteilt werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn der Typus des Sprachpflegers heute vor allem Borniertheit ausstrahlt, dann auch deshalb, weil der Impuls seiner Bem&amp;uuml;hungen im ersten Moment so r&amp;auml;tselhaft bleibt. Ist es wirklich die Liebe zum Deutschen an sich, die ihn antreibt? Nein, eher zeigt sich bei allen Reformern und ihren Gegnern, dass der Kampf um das richtige Deutsch ein Vehikel ist im Kampf um die richtigen politischen und gesellschaftlichen Anschauungen. Jedes Manifest gegen die Popularit&amp;auml;t der Anglizismen etwa &amp;ndash; Wolf Schneider nennt sie in seinem letztem Buch tats&amp;auml;chlich &amp;raquo;Missgeburten&amp;laquo; &amp;ndash; weist auch auf das Unbehagen gegen&amp;uuml;ber der amerikanischen Kultur hin, gegen&amp;uuml;ber der Sph&amp;auml;re des Pop oder der Computertechnik, aus der die &amp;uuml;bernommenen W&amp;ouml;rter stammen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein &amp;auml;hnlicher Interessentransfer ist in den Auseinandersetzungen um die korrekte Orthografie sichtbar: Die Initiatoren der aktuellen Reform haben ihren Vorschlag, warum man k&amp;uuml;nftig &amp;raquo;bel&amp;auml;mmert&amp;laquo; statt &amp;raquo;belemmert&amp;laquo; schreiben solle, damit begr&amp;uuml;ndet, dass der &amp;raquo;gesunde Menschenverstand&amp;laquo; den Ausdruck von dem Wort &amp;raquo;Lamm&amp;laquo; herleite; man wolle mit der Korrektur einen volksnahen, demokratischen Zugang zum Deutschen gew&amp;auml;hrleisten. Sprachreform ist immer Gesellschaftsreform, was sich besonders deutlich auch in den jahrzehntelangen Versuchen der DDR zeigte, die Gro&amp;szlig;schreibung im Deutschen abzuschaffen. Die Ambition bestand darin, einen Sozialismus der Schrift herzustellen, die Herrschaft des gro&amp;szlig;geschriebenen &amp;raquo;Hauptwortes&amp;laquo; zu brechen. Man muss also immer vorsichtig sein, wenn es, mit fast philatelistischer Anmutung, um Sprachpflege geht. Dort wo vom Deutschen die Rede ist, steht jederzeit etwas Grunds&amp;auml;tzlicheres zur Debatte.&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Deutsch</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Bernard</dc:creator>
    <dc:date>2009-07-23T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29877">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29877</link>
    <title>Briefmarke</title>
    <description>&lt;p&gt;Nur noch eine Nummer im System: Unsere schlimmsten Bef&amp;uuml;rchtungen sind wahr geworden.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/18452.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Neulich habe ich eine Briefmarke per SMS bestellt. Es ging &amp;uuml;berraschend einfach. Ich tippte das Wort &amp;raquo;Brief&amp;laquo; in mein Handy und schickte es an eine Service-Telefonnummer, die ich in einer bunten Brosch&amp;uuml;re der Post entdeckt hatte. Sekunden sp&amp;auml;ter kam die Antwort-SMS: &amp;raquo;Handyporto f&amp;uuml;r einen Standardbrief&amp;laquo;, las ich dort, dann folgte eine Serie von zw&amp;ouml;lf Ziffern. &amp;raquo;Bitte schreiben Sie die Zahlen wie dargestellt anstelle der Briefmarke auf!&amp;laquo; Rechts oben auf den Umschlag, wo ich normalerweise die Marke hingeklebt h&amp;auml;tte, malte ich nun also in Sch&amp;ouml;nschrift einen Zahlenblock: Erst 9000, darunter 3834, darunter 8879. Es sah &amp;auml;u&amp;szlig;erst seltsam aus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dazu schrieb ich die Adresse meiner Mutter, der ich schon lange keinen Brief mehr geschickt hatte. Meine Mutter ist meine Testperson f&amp;uuml;r alle irrsinnigen Neuerungen des modernen Lebens. Heimlich war ich &amp;uuml;berzeugt, dass dieser Brief niemals ankommen w&amp;uuml;rde. Denn es ist ja doch ein Wahnsinn, was aus der Briefmarke inzwischen geworden ist. All diese kunterbunten afrikanischen Paradiesv&amp;ouml;gel, all diese wuchtigen Marx- und Lenin-K&amp;ouml;pfe aus der DDR, diese ganzen winzigen Fenster, durch die meine kindliche Fantasie fr&amp;uuml;her so gern in exotische L&amp;auml;nder und fremde Welten hinausgeflogen ist &amp;ndash; heute lassen sie sich auf zw&amp;ouml;lf simple Ziffern reduzieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Grunde ein hochphilosophischer Vorgang: Denn diese Zahlen verk&amp;ouml;rpern nat&amp;uuml;rlich nicht die Briefmarke selbst, nicht einmal ihre grafische Repr&amp;auml;sentation. Die lie&amp;szlig;e sich per SMS auch gar nicht verschicken. Sie sind in etwa das, was Platon die reine Idee der Briefmarke genannt h&amp;auml;tte. Ihrem Wesen nach transportiert so eine Marke ja nichts anderes als Information. Seht her, sagt sie: Hier hat jemand mittels Vorkasse f&amp;uuml;r eine Leistung bezahlt, f&amp;uuml;r die Bef&amp;ouml;rderung einer standardisierten Sendung von A nach B. Daf&amp;uuml;r reichen zw&amp;ouml;lf Ziffern offenbar aus. Alles andere ist, informationstechnisch wie auch transzendentalphilosophisch gesprochen, Firlefanz.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bevor wir jetzt zu lange dar&amp;uuml;ber nachdenken, ob das nicht auch wahnsinnig traurig ist und ob wir bereits auf dem Highway in eine H&amp;ouml;llenwelt ohne jeden &amp;Uuml;berschuss an sinnloser Sch&amp;ouml;nheit unterwegs sind, bewundern wir doch lieber die gigantische Reduktionsleistung, die im Handyporto ebenfalls steckt. Seit den ersten Versuchen der M&amp;auml;chtigen, die schriftliche Kommunikation ihrer Untertanen zu kontrollieren, hat sich das Postwesen &amp;uuml;ber Jahrhunderte hinweg zu immer gr&amp;ouml;&amp;szlig;erer Bedeutung aufgebl&amp;auml;ht. Die Bef&amp;ouml;rderung standardisierter Sendungen war schlie&amp;szlig;lich strengste Staatsaff&amp;auml;re, es gab Postminister, jeder Gang zum Postschalter war ein Verwaltungsakt, jede F&amp;auml;lschung einer Briefmarke eine Urkundenf&amp;auml;lschung. In seinen Briefmarken zeigte noch der kleinste Zwergstaat sein Gesicht, idealisierte die K&amp;ouml;pfe seiner Herrscher, machte Propaganda und feierte seine Gedenktage. Im Grunde bis heute: Aktuell fordert die CSU sogar eine Sondermarke f&amp;uuml;r Helmut Kohl. Die Idee, ihn bald durch zw&amp;ouml;lf nackte schlanke Zahlen zu ersetzen: Ist das nicht auch ein ungeheurer Fortschritt?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber ach, die Briefkultur: Wo klebten nicht &amp;uuml;berall diese bunten Marken drauf? Auf den Liebesbriefen der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Dichter, auf den Ideen der bedeutendsten Wissenschaftler &amp;ndash; es ist uferlos. Auch in dieser Hinsicht wird einem schwindelig, wenn man &amp;uuml;ber das SMS-Porto nachdenkt: Da laufen nun die komplexesten elektronischen Botschaften quer durchs Land, auch im Postamt muss ja zuerst ein Zentralrechner angefunkt werden, damit ich meinen pers&amp;ouml;nlichen Briefmarken-Code f&amp;uuml;r einen Standardbrief nur einmal verwende und nicht etwa zehnmal &amp;ndash; und alles nur, damit man wie vor hundert Jahren ein St&amp;uuml;ck Papier &amp;uuml;bers Land schicken kann. Was im &amp;Uuml;brigen funktioniert. &amp;raquo;Diese komischen Zahlen in deiner Handschrift sehen merkw&amp;uuml;rdig aus&amp;laquo;, sagte meine Mutter am Telefon, gleich am n&amp;auml;chsten Morgen. &amp;raquo;Aber daneben klebt ein offizielles Logo der Post. Da war ich mir gleich sicher, dass alles seine Richtigkeit hat.&amp;laquo;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Briefmarke</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Kniebe</dc:creator>
    <dc:date>2009-07-16T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29780">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29780</link>
    <title>Porsche</title>
    <description>&lt;p&gt;Kann einem so ein Auto peinlich sein? Unm&amp;ouml;glich. Bei der Firma Porsche ist es anders.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/18299.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Was hat es zu bedeuten, wenn die ehemalige Erfolgsmarke Porsche in der Zeitschrift der ehemaligen Volkspartei SPD eine Anzeige schaltet? &amp;raquo;Keine Angst&amp;laquo;, steht da, zu sehen ist ein Flitzer, der durch die Schatten einer n&amp;auml;chtlichen Gro&amp;szlig;stadt schie&amp;szlig;t. &amp;raquo;Wir bleiben auf der linken Spur.&amp;laquo; Das ist &lt;br /&gt; von so einer ehemaligen Ironie getragen, als sei Gerhard Schr&amp;ouml;der noch Kanzler und Peter Hartz Vorstandsmitglied von VW.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Um das Jahr 2000 herum h&amp;auml;tte dieser Scherz auch vielleicht noch funktioniert, als Werbung eine Art Leitkultur des Landes war, als die Autofirma Sixt sexistische Witze machte und Harald Schmidt es lustig fand, Polen Autodiebe zu nennen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ironie war damals eine Waffe, weil die Sicherheiten und Sichtweisen, die da attackiert wurden, fest gef&amp;uuml;gt schienen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Heute, ein paar Kriege und zwei Wirtschaftskrisen sp&amp;auml;ter, machen deutsche Familienfirmen fast im t&amp;auml;glichen Rhythmus Pleite, und die einzige Sicherheit ist, dass sich Wendelin Wiedeking und Ferdinand Pi&amp;euml;ch auch weiter so auff&amp;uuml;hren werden, als seien sie Hauptdarsteller der ARD-Serie &lt;em&gt;Verbotene Liebe&lt;/em&gt;: Der Kampf um Porsche ist die Wirtschaftsgeschichte der BRD als Seifenoper.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie beginnt, wie viele deutsche Schmonzetten, im Dunkel des Dritten Reiches, als Ferdinand Porsche den KdF-Wagen baute. Sie erhebt sich bald flei&amp;szlig;ig und verschwitzt aus den Ruinen, es werden auch wieder Panzer gebaut, &amp;raquo;Leopard&amp;laquo; hei&amp;szlig;t der, an dem die Firma Porsche mitarbeitet. Wohlstand wird die neue Ideologie, und Porsche wird ihr Propagandist: Tennisclub statt Taubenz&amp;uuml;chterverein, Elite statt Gemeinschaft. Am Ende haftet in der alten BRD allem Erfolg etwas diffus Schw&amp;auml;bisches an. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch nun scheint es, als ob in wenigen Monaten all das zerf&amp;auml;llt, was in mehr als siebzig Jahren entstanden ist. Eine Dekonstruktion der BRD wie im Zeitraffer. Und die Raffgier und der absolute Machtwille der Chefs als Motor des Ganzen. Pi&amp;euml;ch auf der Terrasse seines Hauses am W&amp;ouml;rthersee, fiese Tricks wie unter ganz gew&amp;ouml;hnlichen Erbschleichern, Wiedekings Monstergehalt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am Ende kommt dann auch noch, wie in jedem schlechten Drehbuch, ein Deus ex Machina angefahren, in diesem Fall ganz besonders exotisch, der reiche Scheich aus Katar als Retter vor der Pleite.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Keine Sorge also? Man kann ja schon froh sein, dass Porsche nicht gleich seinen kleinen Autozweig einstellt und sich ganz aufs wundersame Geldvermehren mit Aktien und Optionen konzentriert. Die &lt;em&gt;Financial Times&lt;/em&gt; jedenfalls nannte die Firma im M&amp;auml;rz einen Hedgefonds, die Ingenieursfirma war eine Investmentbank geworden. Etwa sechzig Millionen Euro brachten die Autos in die Kassen, knapp sieben Milliarden flossen durch andere und derart dubiose finanzielle Transaktionen, dass ein paar richtige Hedgefonds &amp;uuml;berlegten, ob sie Porsche nicht gleich verklagen sollten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mittlerweile ist der Verkauf ziemlich eingebrochen, fast ein Drittel weniger Autos hat Porsche in den ersten neun Monaten des Steuerjahres abgesetzt, und die ganzen Banken, die Porsche noch vor ein paar Monaten durch seine Kursspielereien ziemlich dumm aussehen lie&amp;szlig;, haben nun nat&amp;uuml;rlich keine Lust, dem Unternehmen mit Krediten zu helfen. Und so wandte sich Porsche an den Staat, obwohl man dessen Hilfe ja immer abgelehnt hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber auch die KfW-Bankengruppe, die als Kredit-&lt;br /&gt; anstalt f&amp;uuml;r Wiederaufbau noch sechzig Jahre nach Kriegsende den &amp;raquo;Wiederaufbau&amp;laquo; im Namen tr&amp;auml;gt, wollte nicht einspringen. Die SPD in Baden-W&amp;uuml;rttemberg war &amp;uuml;brigens daf&amp;uuml;r, dass Porsche einen KfW-Kredit bekommt. Was aber sicher nichts mit der Anzeige im &lt;em&gt;Vorw&amp;auml;rts&lt;/em&gt; zu tun hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auf der linken Spur also? Was w&amp;auml;re das denn heute, im post-ideologischen und Postwohlstands-Deutschland? Rechte Spur, Standspur? Wer &amp;uuml;berholt da noch wen? Und wer h&amp;auml;ngt wen ab? Der &amp;Ouml;ko-Renner Tesla ist attraktiver als alle Benzin-Bomber. Ein Miniland wie Katar steigt zum Hoffnungstr&amp;auml;ger auf. Und welchen Einfluss hat all das auf die fragile Psyche der Porschefahrer? Wenn Sie einen sehen, seien Sie nett zu ihm, er hat es nicht leicht. Lassen Sie ihm einfach die Vorfahrt. Vorw&amp;auml;rts!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Porsche</dc:subject>
    <dc:creator>Georg Diez</dc:creator>
    <dc:date>2009-07-09T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29746">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29746</link>
    <title>Öffentliches Sterben</title>
    <description>&lt;p&gt;Blutigste Sterbeszenen im Kino lassen uns kalt. Umso mehr erschauern wir bei Youtube-Videos von realem Sterben.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/18191.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Unmittelbar dabei zu sein, wenn ein menschliches Leben endet, geh&amp;ouml;rt zu den tiefgreifendsten Erfahrungen unserer Existenz. So tiefgreifend, dass der moderne Mensch diese reale Situation m&amp;ouml;glichst vermeidet. Der Umgang mit dem Tod wird ausgeblendet, an Spezialisten wie &amp;Auml;rzte und Krankenpfleger delegiert. Als vermitteltes, fiktional nachempfundenes Unterhaltungserlebnis dagegen ist die Sterbeszene umso allgegenw&amp;auml;rtiger. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Zahl der inszenierten, meist gewaltsamen Todesf&amp;auml;lle, die man beispielsweise an einem einzigen Fernsehabend zu sehen bekommt, &amp;uuml;bersteigt jede F&amp;auml;higkeit unseres Mitleidens oder Mitf&amp;uuml;hlens bei Weitem. Solches Sterben ber&amp;uuml;hrt uns in der Regel nur noch auf der Ebene der Anerkennung einer schauspielerischen oder inszenatorischen Leistung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aufnahmen des realen Sterbens, die uns als Handyvideo, als Webcam-Aufzeichnung, als Nachrichtenfilm oder als Fotografie erreichen, nehmen eine Mittelstellung zwischen diesen Extremen ein. Das Entsetzen, das gerade ein unerwarteter, sinnloser oder brutaler Tod darin ausl&amp;ouml;sen kann, ist virulent, es kann sogar &amp;uuml;berw&amp;auml;ltigend sein. So ist die Entscheidung vieler Menschen zu verstehen, das Internetvideo vom Tod der iranischen Studentin Neda Agha-Soltan bewusst nicht anzusehen &amp;ndash; auch wenn es einen Wendepunkt im Freiheitskampf der Iraner markiert, auch wenn es seit mehr als einer Woche die Welt in Aufruhr versetzt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Noch h&amp;auml;rter scheint es, sich der Wirkung diverser Enthauptungsvideos, die von Al-Qaida-Terroristen ins Netz gestellt wurden, auszusetzen. Obwohl das Geschehen in allen F&amp;auml;llen undeutlicher, weniger blutig und weiter entfernt sein mag als jede Spielfilmszene &amp;ndash; allein das Wissen, dass hier im Moment der Aufnahme wirklich ein Leben zu Ende ging, hebt die Wirkung dieser Bilder &amp;uuml;ber alle anderen hinaus. Darin liegt auch eine dunkle Faszination.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dieser Effekt l&amp;auml;sst sich immer wieder beobachten: Selbst unbewegte Schnappsch&amp;uuml;sse &amp;ndash; Robert Capas &lt;em&gt;Loyalistischer Soldat im Moment seines Todes&lt;/em&gt; aus dem Spanischen B&amp;uuml;rgerkrieg oder Eddie Adams&amp;rsquo; Aufnahme der Exekution eines Vietcong-Offiziers in Saigon 1968 &amp;ndash; sind auf diese Weise Teil des kollektiven Bildged&amp;auml;chtnisses geworden. Gesichter des Todes, jene makabre Filmkompilation t&amp;ouml;dlicher Unf&amp;auml;lle aus den Siebzigerjahren, schlug voyeuristisches Kapital aus dem Schauereffekt genauso wie die urbane Legende vom &lt;em&gt;Snuff&lt;/em&gt;-Horrorfilm &amp;ndash; angeblich werden Darsteller bei den Dreharbeiten get&amp;ouml;tet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neben k&amp;uuml;hler Missachtung gibt es blo&amp;szlig; zwei Strategien, diesen Schrecken zu bannen: einmal durch die Entlarvung als F&amp;auml;lschung, wie in &lt;em&gt;Gesichter des Todes&lt;/em&gt; &amp;ndash; alles nur gespielt! Selbst gegen Robert Capa wurden posthum (unbewiesene) Vorw&amp;uuml;rfe erhoben, er habe sein ber&amp;uuml;hmtestes Foto gestellt. Einen Fake haben wohl auch die Live-Zuschauer im Internet beim angek&amp;uuml;ndigten Medikamenten-Selbstmord des amerikanischen Studenten Abraham Biggs 2008 vermutet &amp;ndash; der aber starb wirklich vor laufender Webcam. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In solchen F&amp;auml;llen, wenn der Tod des gezeigten Menschen tats&amp;auml;chlich erwiesen ist, kann der Vorwurf der Inszenierung die Wucht der Bilder noch immer schw&amp;auml;chen. Auf diese zweite Strategie setzt das iranische Regime im Fall Neda Agha-Soltan. Der staatliche Fernsehsender Khabar jedenfalls behauptete drei Tage nach der Erschie&amp;szlig;ung, das Video sei gestellt &amp;ndash; es sei offensichtlich, dass diejenigen, die die Aufnahmen machten, auf etwas gewartet h&amp;auml;tten und das Ganze dann aus mehreren Winkeln gefilmt h&amp;auml;tten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So absurd der Versuch wirkt, hier eine Art Filmkritik ins Spiel zu bringen und die inszenatorische Handschrift eines Regisseurs (der gleichzeitig Auftraggeber eines Mordes sein m&amp;uuml;sste) zu &amp;raquo;entlarven&amp;laquo;, so sehr entspricht dies doch der Dualit&amp;auml;t der Sterbeszene in unserer Kultur. Ein Mord, bei dem Millionen Menschen mitgef&amp;uuml;hlt haben, als h&amp;auml;tten sie ihn selbst gesehen, soll damit in eine dieser fiktionalen Szenen verwandelt werden, die wir im Fernsehen nur noch mit einem Schulterzucken quittieren: der sch&amp;auml;ndliche Plan einer brutalen Diktatur, der nicht gelingen wird.&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Öffentliches Sterben</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Kniebe</dc:creator>
    <dc:date>2009-07-02T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29685">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29685</link>
    <title>Walkman</title>
    <description>&lt;p&gt;Der Walkman mache Menschen zu Autisten, hie&amp;szlig; es fr&amp;uuml;her; heute haben wir uns an selbstbezogene iPod-H&amp;ouml;rer gew&amp;ouml;hnt.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/17939.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Der erste Walkman wurde von der Firma Sony am 1. Juli 1979 in Tokio verkauft. Ins Bewusstsein der Jugendlichen Europas gelangte er ein Jahr sp&amp;auml;ter, durch eine Szene in dem franz&amp;ouml;sischen Erfolgsfilm &lt;em&gt;La Boum&lt;/em&gt;. Auf einer Party bekommt Vic von ihrem Ex-Freund Mathieu unbemerkt den Kopfh&amp;ouml;rer seines Walkmans aufgesetzt. Das Rock-&amp;rsquo;n&amp;rsquo;-Roll-St&amp;uuml;ck aus den Boxen der Stereoanlage wird von der Ballade &lt;em&gt;Reality&lt;/em&gt; &amp;uuml;bert&amp;ouml;nt, dem Titelsong des Films. Eng umschlungen tanzen sie ein letztes Mal zu dem vertrauten Lied, inmitten der umherh&amp;uuml;pfenden Partyg&amp;auml;ste. Alles, worum es beim Auftauchen des Walkmans vor drei&amp;szlig;ig Jahren ging, ist in dieser kurzen Szene enthalten: Pl&amp;ouml;tzlich war da ein winziges Ger&amp;auml;t, das den Benutzer abkapselte von den Eindr&amp;uuml;cken und T&amp;ouml;nen der Umgebung. Und der Film feiert diese Abkapselung, den Triumph der selbstbez&amp;uuml;glichen &amp;uuml;ber die &amp;auml;u&amp;szlig;ere Welt, indem die Tonspur Vics Wahrnehmung &amp;uuml;bernimmt; auch der Zuschauer h&amp;ouml;rt nur noch das St&amp;uuml;ck aus dem Walkman.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;An der freiwilligen Isolation seiner Benutzer hat sich noch viele Jahre nach dem Siegeszug des Apparates vehemente Kulturkritik entz&amp;uuml;ndet. Immer tauchten dabei dieselben Schlagw&amp;ouml;rter von der &amp;raquo;Vereinzelung&amp;laquo; und dem &amp;raquo;Autismus&amp;laquo; der jungen Musikh&amp;ouml;rer auf. Woher genau r&amp;uuml;hrte dieses hartn&amp;auml;ckige Irritationspotenzial des Walkmans? Die Gr&amp;uuml;nde d&amp;uuml;rften vor allem mit der spezifischen Sinneswahrnehmung des H&amp;ouml;rens zu tun haben, das, wie es bei dem Kulturphilosophen Georg Simmel noch unumst&amp;ouml;&amp;szlig;lich hei&amp;szlig;t, &amp;raquo;seinem Wesen nach &amp;uuml;berindividualistisch&amp;laquo; ist. Man kann sich T&amp;ouml;nen in einem Raum nicht entziehen; zudem l&amp;auml;sst sich das Ohr, anders als alle anderen Sinnesorgane, nicht schlie&amp;szlig;en oder kurzzeitig au&amp;szlig;er Kraft setzen. Der Skandal des Ger&amp;auml;ts bestand genau darin, diese beiden Gesetze des H&amp;ouml;rens, das Gemeinschaftliche und das Offene, zu &amp;uuml;bertreten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Heute ist der Walkman, von einem verzweifelten Wiederbelebungsversuch als Handy-Modell abgesehen, ein Relikt der Mediengeschichte. Endg&amp;uuml;ltig verdr&amp;auml;ngt wurde er bekanntlich durch den iPod, dessen stille Etablierung &amp;ndash; ohne jedes kulturkritische St&amp;ouml;rger&amp;auml;usch &amp;ndash; auch demonstriert, wie sehr man sich inzwischen an die Figur des selbstbezogenen Musikkonsumenten in der &amp;Ouml;ffentlichkeit gew&amp;ouml;hnt hat. Die Plakate in M&amp;uuml;nchner U-Bahnen mit dem legend&amp;auml;ren Slogan &amp;raquo;Aus dem Walkman t&amp;ouml;nt es grell &amp;ndash; dem Nachbarn juckt&amp;rsquo;s im Trommelfell&amp;laquo; sind seit Langem abgeh&amp;auml;ngt; die optimierten Rauschfilter der Mp3-Player haben die Schwelle zur Au&amp;szlig;enwelt beruhigt. Und auch die H&amp;ouml;rer selbst beherrschen die Kulturtechnik inzwischen perfekt: W&amp;uuml;rde es einem iPod-Benutzer noch passieren, sein Gegen&amp;uuml;ber versehentlich viel zu laut anzusprechen, wie es in fr&amp;uuml;hen Walkman-Zeiten st&amp;auml;ndig geschah? Nein, der &amp;Uuml;bergang vom Kopfh&amp;ouml;rer zu zweigeteilten Ohrst&amp;ouml;pseln hat l&amp;auml;ngst dazu gef&amp;uuml;hrt, dass simultanes Reden und Musikh&amp;ouml;ren keine Probleme mehr verursacht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zwanzig Jahre lang war der Walkman Gegenstand eines Urheberstreits: Ein deutscher Erfinder hatte sich kurz vor der Pr&amp;auml;sentation des Ger&amp;auml;ts in Japan eine Art &amp;raquo;Musikg&amp;uuml;rtel&amp;laquo; mit Kopfh&amp;ouml;rer patentieren lassen, der dem Sony-Apparat erstaunlich &amp;auml;hnelte. Erst im Jahr 2004 einigte man sich auf eine Entsch&amp;auml;digungszahlung. In diesem Zusammenhang muss aber auch der schizophrene Sprachstudent Louis Wolfson erw&amp;auml;hnt werden, dessen Lebensgeschichte durch den Philosophen Gilles Deleuze bekannt geworden ist. Wolfson wollte die englische Muttersprache in sich systematisch abt&amp;ouml;ten und entwickelte eine Apparatur, um sich in der &amp;Ouml;ffentlichkeit zu isolieren: ein &amp;raquo;an ein tragbares Tonband angeschlossenes Stethoskop, dessen B&amp;uuml;gel er entfernen oder wieder aufsetzen, dessen Klang er lauter oder leiser stellen&amp;laquo; konnte. &amp;raquo;Wenn es stimmt&amp;laquo;, schreibt Deleuze, &amp;raquo;dass er diese Vorrichtung von 1976 an entwickelt, weit vor dem Auftauchen des &amp;rsaquo;Walkmans&amp;lsaquo;, kann man annehmen, dass er &amp;ndash; wie er sagt &amp;ndash; dessen wahrhafter Erfinder ist.&amp;laquo; Die offizielle Geschichte des Walkmans kennt diesen Namen nicht. Doch wirkt heute nicht jeder laut redende Passant, den erst die Kabel seiner Freisprechanlage vom Verdacht der Schizophrenie entlasten, wie ein Nachfahre Wolfsons?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Foto: dpa&lt;/em&gt;</description>
    <dc:subject>Walkman</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Bernard</dc:creator>
    <dc:date>2009-06-25T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29631">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29631</link>
    <title>Lady Gaga</title>
    <description>&lt;p&gt;Diese Frau wei&amp;szlig; &amp;uuml;ber Montaigne Bescheid, hei&amp;szlig;t eigentlich Stefani und stellt unser Bild vom Popstar auf den Kopf.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/17789.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Sind jetzt nicht mal mehr Popstars doof? Kann man sich denn auf gar nichts mehr verlassen? Haben alle die recht, die der beliebten b&amp;uuml;rgerlichen Erregungsdroge &amp;raquo;Kulturpessimismus&amp;laquo; verfallen sind? Was kommt noch alles auf uns zu, wenn sich eine Frau, die ihre Br&amp;uuml;ste meistens nur m&amp;uuml;hsam im Zaum halten kann und mit platinblonder Per&amp;uuml;cke Partyexzesse feiert, auch noch zu Montaigne &amp;auml;u&amp;szlig;ert? &amp;raquo;Was wir Missgeburten nennen&amp;laquo;, schreibt Montaigne in den &lt;em&gt;Essais&lt;/em&gt;, &amp;raquo;sind f&amp;uuml;r Gott keine, da er in der Unermesslichkeit seiner Sch&amp;ouml;pfung all die zahllosen Formen sieht, die er darin aufgenommen hat.&amp;laquo; Lady Gaga, die damals noch den Namen Stefani Germanotta trug und an der New York University Musik studierte, folgerte daraus 2004, dass wir &amp;raquo;in unserer nackten Gestalt, wie in unserer deformierten, nicht nur unsere Verletzlichkeit, unsere Haut, unsere Narben und unsere Genitalien ausstellen. Sondern auch unsere Geheimnisse.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein paar Jahre und einige Millionen Platten und Dollar sp&amp;auml;ter zeigt Lady Gaga, was sie damit meint. Im Video zu ihrem Hit &lt;em&gt;Just Dance&lt;/em&gt; robbt sie auf einem Plastikkillerwal herum und spielt sonst das ungezogene und ziemlich ausgezogene M&amp;auml;dchen. Im Video zu ihrem zweiten Hit &lt;em&gt;Poker Face&lt;/em&gt; schmust sie mit ein paar Riesenhunden, tanzt als eine Mischung aus Kleopatra und Bond Girl in einem blauen Badeanzug herum und fr&amp;ouml;nt dem Gruppensex. Und in ihrem Video zu ihrer neuen Single &lt;em&gt;Love Game&lt;/em&gt; fassen sich die M&amp;auml;nner in der U-Bahn dauernd an den Schritt, w&amp;auml;hrend sie sehr breitbeinig dasitzt, bevor sie in einer Tiefgarage auf ein paar Autos klettert und schlie&amp;szlig;lich einen Polizisten vernascht. &amp;raquo;Der soziale K&amp;ouml;rper und vor allem der nackte K&amp;ouml;rper&amp;laquo;, schrieb Stefani Germanotta 2004 in Bezug auf Montaigne, &amp;raquo;ist notwendigerweise eine sexuelle Sache.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Schon richtig, kann man da nur sagen, und ziemlich heutig, aber erkl&amp;auml;rt das schon ihren Erfolg? Was also hat es zu bedeuten, dass diese 23-j&amp;auml;hrige New Yorkerin, die mit vier Jahren Klavier lernte, mit elf auf die ber&amp;uuml;hmte Juilliard School gehen sollte und sich dann doch f&amp;uuml;r die katholische Privatschule Convent of the Sacred Heart entschied, die erste Erfolge underground feierte und heute diesen Riesenruhm reitet ganz &amp;uuml;ber Grund &amp;ndash; dass Lady Gaga also mit ihrem Elektro-Disco-Pop, der an Queen und David Bowie geschult ist und nat&amp;uuml;rlich auch Madonna eine Menge schuldet, weltweit auf Platz eins steht? Ist Lady Gaga nur eine weitere Britney Spears oder Christina Aguilera? Oder kann es sein, dass sich die Barbiepuppen emanzipiert haben? Der &lt;em&gt;New Yorker&lt;/em&gt; berichtet jedenfalls, Lady Gaga rede gern &amp;uuml;ber Kommunismus und Rilke. Sie selbst sagt, in einer Art Andy-Warhol-Crash-Kurs, dass sich &amp;raquo;heute jeder ber&amp;uuml;hmt f&amp;uuml;hlen kann&amp;laquo;. Wie &amp;raquo;nicht dumm&amp;laquo; ist Lady Gaga also, das fragt zu Recht der &lt;em&gt;New Yorker&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist schwer, aus der Distanz eine Antwort darauf zu finden. Aber man kann immerhin erst einmal das doch sehr post-ironische Selbstbewusstsein von Lady Gaga konstatieren, das weniger mit Britney Spears zu tun hat und mehr mit solchen Erotik-Irritatorinnen wie den S&amp;auml;ngerinnen Peaches oder Beth Ditto &amp;ndash; Frauen, die sehr souver&amp;auml;n &amp;uuml;ber ihr Image, ihren K&amp;ouml;rper, ihre Sexualit&amp;auml;t bestimmen: Peaches, indem sie die aggressive m&amp;auml;nnliche Sexualit&amp;auml;t einfach umdreht und gegen die M&amp;auml;nner wendet, Beth Ditto indem sie ihr eigenes, schwergewichtiges Sch&amp;ouml;nheitsideal definiert. Lady Gaga hat gerade im &lt;em&gt;Rolling Stone&lt;/em&gt; erkl&amp;auml;rt, sie werde nicht nur inspiriert von sch&amp;ouml;nen Frauen, sie sei auch bisexuell, was ihr Freund &amp;raquo;etwas unangenehm&amp;laquo; finde. Aber was soll man auch erwarten von einer Frau, die schon fr&amp;uuml;h wusste, dass &amp;raquo;Kunst entsteht, wenn die nat&amp;uuml;rlichen und die k&amp;uuml;nstlichen K&amp;ouml;rper befreit werden&amp;laquo;. Montaigne sagte dazu: &amp;raquo;Was wider die Gewohnheit geschieht, nennen wir wider die Natur. Doch es gibt nichts, &amp;uuml;berhaupt nichts, was nicht gem&amp;auml;&amp;szlig; der Natur gesch&amp;auml;he.&amp;laquo; Auch nicht doof f&amp;uuml;r einen Philosophen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Foto: Reuters&lt;/em&gt;</description>
    <dc:subject>Lady Gaga</dc:subject>
    <dc:creator>Georg Diez</dc:creator>
    <dc:date>2009-06-18T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29569">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29569</link>
    <title>Festnetz</title>
    <description>&lt;p&gt;Das Telefon mit W&amp;auml;hlscheibe repr&amp;auml;sentierte fr&amp;uuml;her f&amp;uuml;r die g&amp;auml;ngige Kommunikationstechnik, heute steht es f&amp;uuml;r Privatsph&amp;auml;re und ausgew&amp;auml;hlte Gespr&amp;auml;chspartner.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/17519.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang befremdet, fast ein wenig emp&amp;ouml;rt. &amp;raquo;Woher hast du denn meine Festnetznummer?&amp;laquo;, fragte der fr&amp;uuml;here Arbeitskollege, der seit einigen Monaten in einer anderen Stadt wohnte. Das Gespr&amp;auml;ch in den eigenen vier W&amp;auml;nden empfand er als &amp;Uuml;bertretung, als ungeh&amp;ouml;rigen Einbruch in die Privatsph&amp;auml;re, obwohl er sich mit dem Anrufer gut verstand und sie immer noch regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig &amp;uuml;ber Handy oder B&amp;uuml;roapparat telefonierten. Und auch als er sich wieder an den Moment erinnerte, in dem er seine neue Festnetznummer herausgegeben hatte, war ihm das Unbehagen weiterhin anzumerken. &amp;raquo;Komisch, ich war mir sicher, dass diese Nummer nur meine Eltern und meine Freundin haben. Ich bin fast erschrocken im ersten Moment.&amp;laquo; So routiniert er seit vielen Jahren mit seinem Mobiltelefon umging (er war einer der Ersten gewesen, die das Ger&amp;auml;t nur noch im Vibrationsmodus benutzten, sodass er oft mitten in einer Unterhaltung im Caf&amp;eacute; oder auf dem B&amp;uuml;roflur einen Anruf entgegennahm, ohne dass es sein Gegen&amp;uuml;ber bemerkte, und noch weiterredete, w&amp;auml;hrend er schon das Handy am Ohr hatte), so wichtig ihm also die st&amp;auml;ndige Gespr&amp;auml;chsbereitschaft am Mobiltelefon war, so zur&amp;uuml;ckhaltend, fast scheu reagierte er jetzt auf diesen Anruf zu Hause.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Noch lange nach der Etablierung des Handys galt das Festnetz als der eigentliche, f&amp;uuml;r alle verf&amp;uuml;gbare Anschluss, eingetragen im &amp;ouml;ffentlichen Telefonbuch. Das Handy dagegen wurde von den meisten weiterhin als zweite Nummer wahrgenommen, als exklusiver &amp;Uuml;berschuss an Kommunikationsf&amp;auml;higkeit. Erst in j&amp;uuml;ngster Zeit hat sich vor allem unter jenen, die auf ihre Zeitgenossenschaft achten, eine ganz andere Hierarchie ergeben. Dank Pauschaltarifen und optimiertem Empfang ist das Handy zum Universalanschluss geworden, unterwegs und in der eigenen Wohnung. Das alte Festnetz dagegen wird mehr und mehr zum privaten Refugium. Das erkl&amp;auml;rt auch, warum so viele Menschen inzwischen ihren Anrufbeantworter abgeschafft haben. Der Apparat wirkt &amp;uuml;berfl&amp;uuml;ssig, altbacken, denn es geht zu Hause ja gerade nicht mehr darum, so gut wie m&amp;ouml;glich erreichbar zu sein. Entlang der Kupferdr&amp;auml;hte des Festnetzes verl&amp;auml;uft heute vielmehr die Manufaktum-Linie der Telekommunikation: eine altehrw&amp;uuml;rdige, hochwertige Leitung, die nur noch f&amp;uuml;r ausgesuchte Gespr&amp;auml;chspartner vorgesehen ist.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt; Die neue soziale Bedeutung des Festnetzes stimmt mit seiner &amp;ouml;konomischen Bedeutung &amp;uuml;berein. Denn das ehemalige Grundgesch&amp;auml;ft hat sich auch in den Berechnungen der Telefonkonzerne zum Exklusivprodukt gewandelt. Prepaid-Cards und Super-Flatrates sorgen heute daf&amp;uuml;r, dass jeder zehnte deutsche Haushalt nur noch mobil telefoniert. Wobei die Treue zum Festnetz mit dem Wohlstand steigt: In der untersten Einkommensklasse verzichtet sogar ein Viertel aller Kunden auf den Anschluss in der Wohnung. Das Festnetz muss man sich inzwischen leisten &amp;ndash; und wer das tut, hat ohnehin nicht in erster Linie den Telefon-, sondern den damit einhergehenden Internet-Zugang im Blick. Wenn die Deutsche Telekom k&amp;uuml;rzlich vermeldete, dass sie die Festnetzanschl&amp;uuml;sse in den kommenden Jahren fl&amp;auml;chendeckend modernisieren wolle, dann geschieht das vor allem aus der Sorge um den Breitband-Internet-Markt heraus. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das &amp;raquo;Festnetz&amp;laquo;: Vor einem guten Jahrzehnt, als diese Technik f&amp;uuml;r die allermeisten noch die einzig denkbare M&amp;ouml;glichkeit des Telefonierens war, gab es die Bezeichnung noch gar nicht. Dann h&amp;ouml;rte man von den Pionieren des Mobiltelefons im Bekanntenkreis zum ersten Mal S&amp;auml;tze wie: &amp;raquo;Ich bin zu Hause, du kannst mich auch auf dem Festnetz anrufen.&amp;laquo; Wort und Sache stehen seitdem in paradoxem Verh&amp;auml;ltnis zueinander: Der Begriff etablierte sich im Sprachgebrauch in dem Ma&amp;szlig;e, in dem die Kommunikationstechnik an Bedeutung verlor. Nun scheint sich der Telefonanschluss zu Hause mehr und mehr zu einem Luxusaccessoire zu entwickeln. Fr&amp;uuml;her bekamen Prominente oder Opfer von Bel&amp;auml;stigungen eine Geheimnummer zugewiesen, die nur an wenige Vertraute &amp;uuml;bermittelt wurde und nicht im Telefonbuch auftauchte. Bald wird jede Festnetznummer eine Geheimnummer sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Foto: dpa&lt;/em&gt;</description>
    <dc:subject>Festnetz</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Bernard</dc:creator>
    <dc:date>2009-06-11T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29520">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29520</link>
    <title>Til Schweiger</title>
    <description>&lt;p&gt;Eigentlich kann er ja was, der Schweiger Til. Schade nur, dass er sein Talent verplempert. Jetzt auch noch mit einer Castingshow.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/17336.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Foto: ap&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Selbst Menschen, die Til Schweiger wohlgesonnen sind, warten grunds&amp;auml;tzlich eher nerv&amp;ouml;s auf seinen n&amp;auml;chsten Schritt. Man wei&amp;szlig; nie, was da kommen wird &amp;ndash; und oft genug gibt es &amp;Uuml;berraschungen der eher befremdlichen Art. Neulich zum Beispiel: Da hatte Deutschlands erfolgreichster Frauenschwarm nicht nur eingewilligt, einen Werbespot f&amp;uuml;r den Ganzk&amp;ouml;rper-Rasierer einer bekannten Elektrofirma zu drehen, sondern er f&amp;uuml;hlte sich auch bem&amp;uuml;&amp;szlig;igt, seine &amp;Uuml;berzeugung in Sachen Haarlosigkeit in einem gro&amp;szlig;en Magazin-Interview zu verbreiten. Er &amp;raquo;finde es besser ohne&amp;laquo;, bekannte er in Bezug auf das eigene Brusthaar &amp;ndash; und trat f&amp;uuml;r die Gleichberechtigung der Geschlechter ein: &amp;raquo;M&amp;auml;nner wollen, dass Frauen glatt rasiert sind, und tragen selber einen Busch.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In einer Weise entspricht das nat&amp;uuml;rlich seinem Image. F&amp;uuml;r eine doch erstaunlich hohe Anzahl weiblicher Kinog&amp;auml;nger in diesem Land ist Til Schweiger tats&amp;auml;chlich erst einmal ein Lustobjekt. Sie lieben es, wenn er einen zwar verantwortungslosen, aber doch irgendwie charmanten Hallodri spielt, der zum Beispiel halb bekleidet in eine riesige Sahnetorte hinabst&amp;uuml;rzt. Der sogenannte Money-Shot ist dann nat&amp;uuml;rlich sein nackter Hintern, der lustig aus der Sahne herausragen darf &amp;ndash; perfekt ausgeleuchtet und selbstverst&amp;auml;ndlich glatt wie ein Babypopo. &amp;Uuml;ber diesen Aspekt seiner Popularit&amp;auml;t muss Til Schweiger gut Bescheid wissen &amp;ndash; die Szene aus &lt;em&gt;Keinohrhasen&lt;/em&gt;, von der hier die Rede ist, hat er schlie&amp;szlig;lich selbst inszeniert. Mit solchen Sp&amp;auml;&amp;szlig;en verkauft er bis zu 6,2 Millionen Kinokarten, wovon gef&amp;uuml;hlte 6,1 Millionen an weibliche Wiederholungst&amp;auml;ter gehen, die das alles zweimal, dreimal oder noch &amp;ouml;fter sehen m&amp;uuml;ssen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hier enden seine Ambitionen aber nat&amp;uuml;rlich nicht. Mit den doch recht stattlichen Gewinnen aus seinen Hallodrifilmen, in denen der Hallodri am Ende nat&amp;uuml;rlich bekehrt wird &amp;ndash; auch &lt;em&gt;Barfuss&lt;/em&gt; und davor schon &lt;em&gt;Knockin&amp;rsquo; On Heaven&amp;rsquo;s Door&lt;/em&gt; kann man dazuz&amp;auml;hlen &amp;ndash;, f&amp;uuml;hlt er sich l&amp;auml;ngst wie ein deutscher Mini-Mogul nach dem Muster seines Vorbilds Bernd Eichinger. Mit eigener Produktionsfirma und einem Kreis enger Vertrauter macht er entschlossen &amp;raquo;sein Ding&amp;laquo; &amp;ndash; und wehe, man kommt ihm da mit Einw&amp;auml;nden oder gar mit Kritik. Den Kollegen von der Filmakademie beispielsweise, die ihn im letzten Jahr aus formalen Gr&amp;uuml;nden nicht f&amp;uuml;r den Deutschen Filmpreis nominieren wollten, k&amp;uuml;ndigte er emp&amp;ouml;rt die Gr&amp;uuml;ndung eines eigenen, vom Publikum gew&amp;auml;hlten Filmpreises an. Den wird es jetzt vielleicht geben, vielleicht auch nicht &amp;ndash; Til Schweiger ist aber l&amp;auml;ngst nicht mehr dabei, vermutlich weil&amp;rsquo;s eben doch viel Arbeit macht und der Zorn inzwischen verraucht ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein neuestes Ding, die Castingshow &lt;em&gt;Mission Hollywood&lt;/em&gt;, die ab 8. Juni bei RTL l&amp;auml;uft, klingt auch wieder schwer befremdlich. Zw&amp;ouml;lf M&amp;ouml;chtegern-Starlets wollen nach Hollywood oder zumindest ins deutsche Kino, Schweiger l&amp;auml;sst sie ber&amp;uuml;hmte Filmszenen vorspielen oder Kuss-Szenen proben, liest ihnen die Leviten und wirft sie der Reihe nach raus &amp;ndash; genau wie Heidi Klum ihre Models. Wie Klum nennt er seine Kandidatinnen auch gern &amp;raquo;die M&amp;auml;dchen&amp;laquo;, sich selbst sieht er &amp;raquo;vor allem als Mentor&amp;laquo;. Was steckt da nun wieder dahinter? Angeblich Schweigers Traum, eine Schauspielakademie zu gr&amp;uuml;nden. Wo bliebe die Schauspielkunst auch ohne ihn! Bei so viel Gr&amp;ouml;&amp;szlig;enwahn vergisst man leicht, dass er eini-ge Dinge wirklich beherrscht: Zum Beispiel hat er durchaus ein Gef&amp;uuml;hl f&amp;uuml;r Kinobilder; Schauspielerinnen wie Johanna Wokalek und Nora Tschirner kann er als Regisseur sehr gut f&amp;uuml;hren; und selbst als Verleiher seines inzwischen interessant zerfurchten Gesichts funktioniert er mitunter perfekt &amp;ndash; ganz aktuell als einer der &lt;em&gt;Inglourious Basterds&lt;/em&gt; bei Quentin Tarantino. Nur: Immer dann, wenn er es gerade allen Zweiflern gezeigt hat, f&amp;uuml;hlt er den offenbar unwiderstehlichen Drang, sich im n&amp;auml;chsten Schritt wieder zum Deppen zu machen.</description>
    <dc:subject>Til Schweiger</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Kniebe</dc:creator>
    <dc:date>2009-06-04T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29449">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29449</link>
    <title>Hofpfisterei</title>
    <description>&lt;p&gt;Wer sagt, die Zeit der Ideologien sei vorbei, irrt. Schon die Wahl des Brotes ist eine Frage der Weltanschauung.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/17079.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Es war ein besonderer Moment in der kurzen, wechselvollen Geschichte von Berlin-Mitte. Drau&amp;szlig;en in der Rosenthaler Stra&amp;szlig;e herrschte jene stilvolle Verwahrlosung, die diesen Teil der Stadt so anziehend macht f&amp;uuml;r die jungen Schweden und Schweizer und Schwaben, die dort leben oder feiern oder shoppen. Drinnen in der B&amp;auml;ckerei herrschte jene selbstverst&amp;auml;ndliche Zuvorkommenheit, die einem so fremd wie vertraut erscheint, wenn man l&amp;auml;nger als drei Jahre aus Stockholm, Z&amp;uuml;rich oder B&amp;ouml;bingen fort ist und nun in Berlin lebt, wo man t&amp;auml;glich mit dem Problem konfrontiert wird, wie man an anst&amp;auml;ndiges Brot herankommen soll. Blau auf Wei&amp;szlig; und bayerisch selbstbewusst war auf das Banner vor dem Gesch&amp;auml;ft das Wort &amp;raquo;Hofpfisterei&amp;laquo; geschrieben. Und schon bald standen all die Drehbuchschreiber, Schauspieler und Journalisten hier Schlange, f&amp;uuml;r die eine Butterbreze reicht, um ihre kreative Berlinexistenz mit ein wenig Geschmacksb&amp;uuml;rgertum zu verbinden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Geschichte der M&amp;uuml;nchner Hofpfisterei ist lang und wechselvoll, aber dass sie einmal das &amp;raquo;Boombrot&amp;laquo; f&amp;uuml;r Berlin backen, wie die &lt;em&gt;Tageszeitung&lt;/em&gt; meint, oder zur &amp;raquo;ersten nationalen Biob&amp;auml;ckerkette&amp;laquo; aufsteigen w&amp;uuml;rde, wie die &lt;em&gt;Zeit&lt;/em&gt; analysiert, das h&amp;auml;tte noch vor Kurzem niemand gedacht. Bis ins Jahr 1331 kann man diese Geschichte zur&amp;uuml;ckverfolgen. 1984 entschied sich die heutige Besitzerfamilie Stocker, dass sie ihr Brot rein &amp;ouml;kologisch herstellen wollte. Mit Erfolg. 150 Filialen gibt es mittlerweile bundesweit. Und Ende vergangenen Jahres wurde die erste Hofpfisterei in Berlin er&amp;ouml;ffnet, etwas mehr als zwei Monate, nachdem in New York die Bank Lehman Brothers zusammengekracht war: Die Finanzkrise und der Kapitalismus im weiteren Sinn bilden, wie so oft in diesen Tagen, auch in diesem Fall den Deutungsrahmen, weil mal wieder dringend die Frage entschieden werden muss, wie das gute und das gerechte Leben zu vereinbaren sind &amp;ndash; oder eben das gute und das gerechte Brot, ohne hier biblisch werden zu wollen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dass nun ein Traditionsunternehmen wie die Hofpfisterei eine Antwort auf diese Frage liefern soll, ist zumindest &amp;uuml;berraschend, bislang besch&amp;auml;ftigte das eher die sogenannten alternativen Milieus, die freilich l&amp;auml;ngst in der sogenannten Mitte der Gesellschaft angekommen sind. In der Anfangsphase der Gr&amp;uuml;nen in den Achtzigerjahren war jedenfalls klar, dass das gerechte Brot wichtiger war als das gute, und so schmeckte dann auch das, was man in &amp;Ouml;ko-B&amp;auml;ckereien kaufen konnte. Nach der Wende verschwand das Brot eine Weile aus dem gesellschaftspolitischen Diskurs, bis die Frage anders wieder aktuell wurde mit der rot-gr&amp;uuml;nen Regierungskoalition 1998. Das Gerechte und das Gute schlossen sich nun nicht mehr aus, dazu musste man nur Gerhard Schr&amp;ouml;der anschauen mit Brioni und Zigarre. Er war eine fr&amp;uuml;he Karikatur jenes kritischen Hedonismus, den der amerikanische Soziologe Paul H. Ray 2000 in seinem Buch &lt;em&gt;The Cultural Creatives&lt;/em&gt; identifizierte. &amp;raquo;Lohas&amp;laquo; nannten die Trendforscher diese Gruppe dann so lange, bis sie es schlie&amp;szlig;lich selbst nicht mehr h&amp;ouml;ren konnten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Etwas von der Widerspr&amp;uuml;chlichkeit dieses Begriffs, ein Akronym f&amp;uuml;r &amp;raquo;Lifestyle of Health and Sustainability&amp;laquo;, durchzieht nun auch das Projekt Boom-Hofpfisterei. Damit die Brote so schmecken, wie sie schmecken, muss der Sauerteig in M&amp;uuml;nchen hergestellt werden, wegen der Mikroben, der Luftfeuchtigkeit und des Luftdrucks, wie das Unternehmen sagt. Deshalb werden die dicken &amp;ouml;kologischen Laibe zu 60 Prozent in M&amp;uuml;nchen fertig gebacken und dann mit dem Laster nach Karlsruhe, N&amp;uuml;rnberg oder Berlin gefahren, wo sie ihre fabelhafte Kruste bekommen. Immerhin lernen die Lasterfahrer energieeffizient zu fahren, wie man betont. Es muss also, mit anderen Worten, dauernd und manchmal bis an die Grenze der Albernheit neu justiert werden, das Verh&amp;auml;ltnis zwischen gut und gerecht. F&amp;uuml;r die Gr&amp;uuml;nen bedeutete das einen jahrelangen Konflikt zwischen Fundis und Realos. F&amp;uuml;r die Berliner hei&amp;szlig;t es erst einmal, dass sie endlich gutes Brot haben.&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Hofpfisterei</dc:subject>
    <dc:creator>Georg Diez</dc:creator>
    <dc:date>2009-05-28T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/1021">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/1021</link>
    <title>Sudoku</title>
    <description>&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schon wieder so ein Modeding aus Japan. Erstaunlich in seiner Unentrinnbarkeit. Fast alle gro&amp;szlig;en Tageszeitungen sind schon dabei, erst in England, dann in Amerika, jetzt bei uns. B&amp;uuml;cher in Millionenauflage, Hilfsprogramme im Internet, Downloads f&amp;uuml;rs Handy. Der neue Trend auf dem Markt f&amp;uuml;r gehobene Zeit-vernichtung. Wie Kreuzwortr&amp;auml;tsel, aber ohne Worte. Wie Mathematik, aber ohne Rechnen. Und echt global: Erstmals beschrieben von einem Schweizer Mathematiker, perfektioniert in den USA und in Australien, popularisiert von einem japanischen Verleger. Und jetzt: im Morgenflieger, im Abendflieger, in der S-Bahn, &amp;uuml;berall. Dahinter muss ein Prinzip stecken, das man nur spielend erforschen kann. Pers&amp;ouml;nliche Recherche, selbstverst&amp;auml;ndlich w&amp;auml;hrend der Arbeitszeit.&lt;br /&gt; Wer sein erstes Sudoku in Angriff nimmt, hat schon die Fakten im Kopf: dass es nur eine einzige Regel gibt; dass man statt Zahlen auch Symbole oder Farben verwenden k&amp;ouml;nnte; dass keinerlei Allgemeinbildung n&amp;ouml;tig ist, um die L&amp;ouml;sung zu finden. Alles klar: Zerstreuung f&amp;uuml;r PISA-Versager. Denksport f&amp;uuml;r Analphabeten. Ein Beweis mehr f&amp;uuml;r das schleichende Verschwinden aller kulturellen F&amp;auml;higkeiten.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Und dann? Dann schauen einen die Zahlenreihen, Zahlenspalten und Zahlenquadrate an und wollen gef&amp;uuml;llt werden. Jeder Hochmut verfliegt. Es wird komplex. So komplex, dass man die L&amp;ouml;sungswege zum Beispiel kaum beschreiben kann, ohne sie grafisch auf eine Serviette zu kritzeln.&lt;br /&gt; Was man dagegen beschreiben kann, ist der Grundsatz des Sherlock Holmes: Hat man alles Unm&amp;ouml;gliche ausgeschlossen, muss das, was &amp;uuml;brig bleibt, die Wahrheit sein. Dieses Prinzip liegt Sudoku zu Grunde. Man sucht das magische Feld, in das man alle denkbaren Ziffern NICHT eintragen darf &amp;ndash; bis auf eine. Die malt man dann fett ins K&amp;auml;stchen, lehnt sich zur&amp;uuml;ck und nippt am Tomatensaft. Dann sucht man den n&amp;auml;chsten logischen Fixpunkt, und so fort. Wenn jedes Feld eine offene Frage ist, dann gibt &lt;a href=&quot;http://www.sueddeutsche.de/app/spiele/sudoku/&quot; target=&quot;_self&quot;&gt;Sudoku&lt;/a&gt; eine eindeutige Antwort. Zwei richtige L&amp;ouml;sungen existieren nicht. Das ist sch&amp;ouml;n. Das hat was Beruhigendes und Endg&amp;uuml;ltiges. Das Leben selbst, dieses Jammertal der unbegrenzten M&amp;ouml;glichkeiten, diese ewige Grauzone des Durchwurstelns, funktioniert ja leider nicht immer so.&lt;br /&gt; Hier liegt der Kern des Rituals: Wer sein Sudoku hervorholt, flieht durchaus vor der Au&amp;szlig;enwelt. Manchmal. Sucht inneren Halt, klare Regeln und das hochbrisante Lustgef&amp;uuml;hl, die letzte noch m&amp;ouml;gliche Ziffer in das letzte noch freie Feld einzuf&amp;uuml;gen. Dieses Gef&amp;uuml;hl kann s&amp;uuml;chtig machen. Es kann, Gott bewahre, genauso lange dauern wie eine Runde Sex, sich am Ende aber befriedigender anf&amp;uuml;hlen. Bringt Sudoku also Autisten hervor, die in imagin&amp;auml;re Reinstr&amp;auml;ume der Logik fl&amp;uuml;chten? Ist der Sudoku-Spieler ein Ziffernhausmeister? Ein seelischer K&amp;auml;stchenblockwart? Ach nee. Nicht wirklich. Alles halb so schlimm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Viel eher ist er ein Mensch des Konjunktivs. Britische und amerikanische Forscher haben einen Zusammenhang nachgewiesen: Wo immer Sudoku popul&amp;auml;r wird, steigt der Verkauf von Bleistiften explosionsartig an. Es geht gar nicht anders. Weil man beim Spielen st&amp;auml;ndig eine Zahl &amp;uuml;bersieht und dann wieder viel radieren muss. Weil bei den schwereren Sudokus schnell der Punkt kommt, wo ein L&amp;ouml;sungsweg nur durch Ausprobieren weitergeht. So ein Blindflug kann, auch wenn er falsch ist, eventuell erst ganz am Ende auffliegen. Siehe auch: &lt;a class=&quot;content&quot; title=&quot;Folterwerkzeugen&quot; href=&quot;/texte/anzeigen/292&quot;&gt;Irak-Krieg&lt;/a&gt;, &lt;a class=&quot;content&quot; title=&quot;Gemischtes Doppel in Europas Politik: Angela Merkel und Nicolas Sarkozy&quot; href=&quot;/texte/anzeigen/3833&quot;&gt;Angela Merkel&lt;/a&gt;, Hartz IV. Auch die sind, wenn wir ehrlich sind, bisher nur mit Bleistift eingetragen.&lt;br /&gt; So wird Sudoku zum Symbol f&amp;uuml;r die gro&amp;szlig;en Strategien der Gegenwart: Am Anfang sieht es ganz gut aus, in der Mitte passabel, im letzten Drittel okay &amp;ndash; und am Ende hilft doch wieder nur der ganz gro&amp;szlig;e &lt;a class=&quot;content&quot; title=&quot;Radiergummi&quot; href=&quot;/texte/anzeigen/1620&quot;&gt; Radiergummi&lt;/a&gt;.</description>
    <dc:subject>Sudoku</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Kniebe</dc:creator>
    <dc:date>2009-05-24T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29368">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29368</link>
    <title>Wählen</title>
    <description>&lt;p&gt;Die Abstimmung &amp;uuml;ber unseren Pr&amp;auml;sidenten und das Europaparlament sind Auftakt zu einem einmaligen Wahlmarathon.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/16898.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Ich kenne einen, der macht sein Kreuz seit der ersten Bundestagswahl, an der er teilnehmen durfte, bei den Gr&amp;uuml;nen. Vor zwanzig Jahren, am Ende der Schulzeit, stand hinter dieser Wahl vielleicht sogar echte &amp;Uuml;berzeugung; die Gr&amp;uuml;nen waren die Einzigen im politischen Betrieb, deren Haltung und Auftreten ihm etwas zu sagen hatten. Doch diese Zustimmung lie&amp;szlig; sehr bald nach: Das ganze Menschen- und Weltbild der Partei, die emphatische Feier der Natur, die verk&amp;uuml;rzte Kultur- und Technikkritik kamen ihm immer naiver vor; au&amp;szlig;erdem besch&amp;auml;ftigte ihn mehr und mehr das Verh&amp;auml;ltnis von &amp;Auml;sthetik und Politik, die Frage, ob die richtigen Standpunkte wirklich in Sackleinen und mit hennarot gef&amp;auml;rbten Haaren vertreten werden konnten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es h&amp;auml;tte also in den letzten beiden Jahrzehnten Dutzende von Gelegenheiten gegeben &amp;ndash; Bundestags-, Landtags-, Kommunal- und Europawahlen &amp;ndash;, bei denen er seine damalige Entscheidung h&amp;auml;tte korrigieren k&amp;ouml;nnen. Und war in der politischen Praxis nicht ohnehin vollkommen deutlich geworden, dass es auf feste Positionen am allerwenigsten ankam, dass sich die Standpunkte im Wechsel von Oppositions- zu Regierungspartei und zur&amp;uuml;ck beliebig &amp;auml;ndern konnten? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Kreuze auf dem Zettel einmal probehalber an anderer Stelle zu machen  &amp;ndash; es w&amp;auml;re kaum eine weitreichendere Entscheidung als die eines Lottospielers. Und doch wird man in der Turnhalle der Grundschule, in der das Wahllokal untergebracht ist, jedes Mal wieder von einer seltsamen Ernsthaftigkeit und Feierlichkeit ergriffen. Als w&amp;uuml;rde der Akt des W&amp;auml;hlens an den Kern des eigenen Wesens r&amp;uuml;hren, als m&amp;uuml;sste in dem Moment, in dem man die Kabine betritt, jene abgekl&amp;auml;rte, distanzierte Haltung, die man der Parteipolitik gew&amp;ouml;hnlich entgegenbringt, f&amp;uuml;r einen Augenblick aufh&amp;ouml;ren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es hat daher etwas Passendes, dass die Wahllokale in Deutschland fast immer in Schulen errichtet werden. Die G&amp;auml;nge auf dem Weg in den zust&amp;auml;ndigen Klassenraum, die Erinnerungen, die von den Kinderzeichnungen &amp;uuml;ber den Kleiderhaken, von den Ger&amp;uuml;chen nach Schulspeisung, Turnbeuteln und Bohnerwachs hervorgerufen werden: Sie werfen den W&amp;auml;hler auf seine eigene Biografie zur&amp;uuml;ck, konfrontieren ihn mit seiner Vergangenheit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Beim Ausf&amp;uuml;llen der Wahlzettel sitzt man dann auf einem der niedrigen Holzst&amp;uuml;hle, wie schon vor Jahrzehnten, und das Kreuz an der falschen Stelle zu machen w&amp;uuml;rde sich gerade in dieser Umgebung wie eine folgenschwere &amp;Uuml;bertretung anf&amp;uuml;hlen, wie ein Verrat an der eigenen Lebensgeschichte. So logisch es w&amp;auml;re, einer Partei endlich die Stimme zu verweigern, deren ganzes Auftreten l&amp;auml;ngst nichts mehr mit der eigenen Lebenswelt zu tun hat: Im Akt des W&amp;auml;hlens scheinen sich &lt;br /&gt; diese Gedankenspiele zu verbieten. Das, was ansonsten in Gespr&amp;auml;chen &amp;uuml;ber Politik immer wieder zum Ausdruck kommt &amp;ndash; das Kokettieren mit entgegengesetzten Standpunkten, das provokante Ausprobieren von Anschauungen im vertrauten Milieu &amp;ndash;, weicht pl&amp;ouml;tzlich einer Befragung der innersten &amp;Uuml;berzeugungen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Genau in dieser Hinsicht ist vermutlich auch die Einrichtung der &amp;raquo;Wahlkabine&amp;laquo; zu verstehen, die Abgeschiedenheit des Einzelnen, auf die von den Wahlhelfern nach wie vor mit aller Sorgfalt geachtet wird. Ihre Funktion h&amp;auml;ngt weniger mit der Geheimhaltung des Vorgangs zusammen, mit der Uneinsehbarkeit von au&amp;szlig;en, als vielmehr mit jenem inneren Zustand, in den sie den W&amp;auml;hler bringt: Allein in dem engen, von Stellw&amp;auml;nden umschlossenen Raum soll er sein Gewissen offenbaren und ein politisches Bekenntnis ablegen. Die Wahlkabine ist eine Art Beichtstuhl des demokratischen Systems. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Noch immer entfaltet dieser Ort seine Macht &amp;ndash; auch wenn vor allem jene, die erst kurz vor Schlie&amp;szlig;ung der Wahllokale ihre Kreuze machen, gro&amp;szlig;e Zweifel haben m&amp;ouml;gen, ob es auf ihre Stimme wirklich noch ankommt. Man sucht noch seinen Personalausweis um viertel vor sechs, w&amp;auml;hrend im Fernsehen bereits die ersten Prognosen diskutiert werden. Im Hinblick auf das Wahlergebnis bleibt das Ausf&amp;uuml;llen des Stimmzettels also eher vermittelt und abstrakt. F&amp;uuml;r die eigene Biografie aber hat jede politische Wahl die unmittelbare Bedeutung der Selbstbefragung.</description>
    <dc:subject>Wählen</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Bernard</dc:creator>
    <dc:date>2009-05-21T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29269">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29269</link>
    <title>Landleben</title>
    <description>&lt;p&gt;Scharenweise fl&amp;uuml;chten die St&amp;auml;dter aufs Land. Doch bl&amp;uuml;hende Blumen und summende Bienen machen Merkw&amp;uuml;rdiges mit ihnen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/16754.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Man kennt diese Geschichten. Von Ines und Stefan, Marina und Tom, Carla und Axel. Eines Tages, gern nach dem ersten oder zweiten Kind, r&amp;uuml;cken sie mit der Neuigkeit heraus: &amp;raquo;Wir haben uns da was gekauft.&amp;laquo; Der Tonfall ist etwas zu beil&amp;auml;ufig, aber das Leuchten in den Augen verr&amp;auml;t sie. Sie besitzen jetzt: einen alten Bauernhof. Ein kleines, renovierungsbed&amp;uuml;rftiges Landhaus. Eine Datsche mit riesigem Garten. Spontan haben sie sich entschieden. Das musste jetzt sein. Mit dem Auto ist man &amp;raquo;praktisch sofort da&amp;laquo;, was &amp;uuml;bersetzt eine Stunde Fahrzeit bedeutet. Nicht weit entfernt vom neuen Heim liegt ein See. Bei Carla und Axel war ein Traktor im Preis enthalten. Der Traum vom Landleben hat sie gepackt, allesamt, &amp;raquo;erst mal am Wochenende&amp;laquo;. Seitdem sind sie verschwunden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Oder nein, verschwunden sind sie nat&amp;uuml;rlich nicht. Sie sind halt nur drau&amp;szlig;en. Einmal haben wir so ein Haus sogar besucht. Alles wirkte einfach und improvisiert, aber wundersch&amp;ouml;n. Die Landstra&amp;szlig;e lag wie ausgestorben da. Die Bienen summten. Die Kinder sprangen herum. Man sp&amp;uuml;rte f&amp;ouml;rmlich, wie die l&amp;auml;stigen Stadtgedanken von einem abfielen, ins Gras plumpsten und dort von roten Riesenameisen gepackt und fortgeschleppt wurden. Im Zentrum des Universums stand dort pl&amp;ouml;tzlich eine rustikale, wunderbare Bauerneckbank von Ebay, bei der es eine absolute Katastrophe gewesen w&amp;auml;re, wenn jemand anders h&amp;ouml;her geboten h&amp;auml;tte. Was aber zum Gl&amp;uuml;ck nicht passiert ist. Au&amp;szlig;erdem ging es um die Sorgen der Milchbauern in der Umgebung. Und dann wieder um die Aus-, Um- und Anbauten, die demn&amp;auml;chst angepackt werden sollten, in Eigenarbeit, klar. So ein Tag auf dem Land ist dann auch schnell vorbei.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Sehnsucht nach diesem Lebensgef&amp;uuml;hl w&amp;auml;chst. Wie sonst w&amp;auml;ren zum Beispiel die geradezu absurden Auflagenspr&amp;uuml;nge zu erkl&amp;auml;ren, die das Magazin &lt;em&gt;Landlust&lt;/em&gt; von Quartal zu Quartal vermeldet? Plus sechzig, siebzig, achtzig Prozent im Vergleich zum Vorjahr, in einem Markt, in dem fast alle anderen Printmedien immer nur verlieren. Da liest man dann alle zwei Monate &amp;uuml;ber &amp;raquo;Holzfigurenschnitzen mit der Motors&amp;auml;ge&amp;laquo;, &amp;uuml;ber die Bachstelze, den &amp;raquo;quirligen Insektenj&amp;auml;ger&amp;laquo;, &amp;uuml;ber &amp;raquo;Bienen auf Wanderschaft&amp;laquo; und den Garten des Malers Max Liebermann. Es gibt keine Krisen, keine Pandemien, keine irgendwie dr&amp;auml;ngenden Probleme in dieser Welt. Allenfalls das Auftauchen des &amp;raquo;asiatischen Marienk&amp;auml;fers&amp;laquo;, der seine heimischen Br&amp;uuml;der einfach auffrisst, macht Sorgen &amp;ndash; und die Zunahme der h&amp;auml;sslichen Werbung im Blatt, wie die Leser in ihren Briefen erkennen lassen. Abonnent Peter N., mit den Zw&amp;auml;ngen des Gesch&amp;auml;fts vertraut, bittet flehentlich, &amp;raquo;doch eher den Preis anzuheben&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Den Birnbaum f&amp;auml;llen? Terrakotten kaufen? Das alte H&amp;uuml;hnergehege in einen Gem&amp;uuml;segarten umwandeln? Gl&amp;uuml;cklich ist, wer solchen Gedanken nachh&amp;auml;ngen kann und sonst nichts zu tun hat. So funktioniert der Traum, wenn man die Immobilienanzeigen unter dem Stichwort &amp;raquo;Umland&amp;laquo; liest und gedankenverloren &amp;raquo;direkt am See&amp;laquo; murmelt. Das Einzige, was dem Landleben wirklich noch fehlt, ist momentan der DSL-Anschluss. Ein bisschen Welt muss ja doch sein. Das hat aber auch die Bundesregierung schon l&amp;auml;ngst erkannt, aus den neuen Konjunkturpaketen flie&amp;szlig;en jetzt Millionen in den Netzausbau im l&amp;auml;ndlichen Raum, bald kann man Highspeed und Wireless vom Heuboden online gehen, aus dem Schweinestall, vom Cockpit des Traktors. Dann, ja dann h&amp;auml;lt auch uns nichts mehr in der Stadt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Oder doch? Alle, die schon gekauft haben, sind ja doch irgendwie merkw&amp;uuml;rdig drauf. Zumindest wenn man sie, selten genug, noch einmal in einer ruhigen Minute in der Stadtwohnung antrifft. &amp;raquo;Eigentlich m&amp;uuml;sste ich&amp;laquo;, beginnen sie dann: Nach der Arbeit noch mal rausfahren. Fliesen legen. Endlich die Wand einrei&amp;szlig;en. Irgendwie vorankommen. &amp;raquo;Sonst wird das nichts.&amp;laquo; Zu packen sei es, erkl&amp;auml;ren sie tapfer, keine Frage. Aber man m&amp;uuml;sse halt dranbleiben. Ines und Stefan, Marina und Tom, Carla und Axel, die auf dem Land ihr St&amp;uuml;ck Ruhe erworben haben, strahlen jetzt oft etwas ziemlich Gehetzes aus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Foto: dpa&lt;/em&gt;</description>
    <dc:subject>Landleben</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Kniebe</dc:creator>
    <dc:date>2009-05-14T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29103">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/29103</link>
    <title>Krebs</title>
    <description>&lt;p&gt;Wann immer diese Krankheit einen Prominenten befallen hat, wird sie mit einer merkw&amp;uuml;rdigen Lust vor uns ausgebreitet.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/15948.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Jede Zeit hat ihre Krankheit, und wenn man den Boulevard-Medien glauben darf, denen man immerhin zutrauen sollte, dass sie wissen, was die Menschen besch&amp;auml;ftigt, dann ist die Krankheit unserer Zeit der Krebs. An einem Tag war es der Regisseur Christoph Schlingensief, dessen Schicksal die Titelseiten besch&amp;auml;ftigte, am anderen Tag war es das Ehepaar Stolpe, dessen Auftritt bei &lt;em&gt;Maischberger&lt;/em&gt; so gro&amp;szlig; in der &lt;em&gt;Bild&lt;/em&gt;-Zeitung angek&amp;uuml;ndigt wurde wie sonst nur Steuererh&amp;ouml;hungen oder Flugzeugkatastrophen. Der Theaterregisseur Schlingensief gab auch noch ein ehrliches und ersch&amp;uuml;tterndes Interview bei Beckmann, sein Krebstagebuch &lt;em&gt;So sch&amp;ouml;n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!&lt;/em&gt; schnellte am Tag danach bei Amazon auf Rang sechs.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dass Krankheit die Menschen bewegt, ist nichts Neues. Neu ist, dass die nur entfernt boulevardeske &lt;em&gt;Frankfurter Allgemeine&lt;/em&gt; in der gleichen Woche vor einer Gesundheitsdiktatur warnte, es ging dabei um die Erfassung von Gen-Daten. Neu ist, dass Krankheit ein Politikum werden kann, weil das Verh&amp;auml;ltnis von Krankheit und Gesundheit in unserer fitnessversessenen Zeit noch einmal grunds&amp;auml;tzlich gekl&amp;auml;rt werden muss. Neu ist, dass gesellschaftliche &amp;Auml;ngste so direkt auf einzelne Personen konzentriert werden. Es war Michel Foucault, der sagte, der K&amp;ouml;rper sei der Ort der Politik. Heute ist der K&amp;ouml;rper dar&amp;uuml;ber hinaus ein Ort f&amp;uuml;r Projektionen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Krebs ist Angst, auf diesen Satz kann man das Wabernde und Wuchernde, das Unheimliche und Unsichtbare dieser Krankheit reduzieren. Krebs ist die Angst des Kranken, die aber auch die Umgebung erfasst. Die sich in die Beziehung zu Freunden und Familie frisst. Die sich ausbreitet, selbst wenn die Krankheit gestoppt ist. Irgendetwas bleibt immer, Krebs ist eine Angst, die einen nie mehr verl&amp;auml;sst. Krebs ist das Warten, auf die Werte, die der Arzt einem pr&amp;auml;sentiert, auf die Wiederkehr der Krankheit, die st&amp;auml;ndig droht. Krebs bef&amp;auml;llt nicht nur den K&amp;ouml;rper, Krebs frisst sich in den Alltag und in die Zeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Krebs ist aber auch eine Metapher. Bei keiner anderen Krankheit kommen die Menschen so sehr in Versuchung, sie zu erkl&amp;auml;ren, zu deuten, zu psychologisieren. Es gibt Krebsvarianten, in denen psychische Faktoren eine Rolle spielen, es gibt Krebsvarianten, die allein k&amp;ouml;rperlich sind und durch Gifte oder Strahlungen oder etwas ausgel&amp;ouml;st werden, f&amp;uuml;r das Schlingensief ein sch&amp;ouml;nes, trauriges Wort fand: das Nichts. Aus dem Nichts kommt diese Krankheit, sagte er bei &lt;em&gt;Beckmann&lt;/em&gt;, sie ist damit das ultimative R&amp;auml;tsel, und weil sie oft unerkl&amp;auml;rlich ist, wird sie mit Begriffen wie Schuld oder Strafe beladen, sehr viel h&amp;auml;ufiger etwa als der Herzinfarkt, als Diabetes, als Alzheimer oder Parkinson. Krebs ist ein Drama, ist ein Passionsspiel mit Schurken und Helden, mit Fallen und Tricks, mit List und T&amp;uuml;cke. Es ist der K&amp;ouml;rper, der sich gegen sich selbst, gegen uns wendet. Krebs ist darum die unheimlichste Krankheit, weil sie uns am n&amp;auml;chsten ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es gab eine Zeit, in der Krankheit nicht als Makel, sondern fast als Auszeichnung, als Distinktion verstanden wurde. Die Tuberkulose etwa, wie sie in sanatorienverliebten Romanen wie Thomas Manns &lt;em&gt;Zauberberg&lt;/em&gt; verkl&amp;auml;rt und verphilosophiert wurde. Oder die Syphilis, die k&amp;uuml;nstlerisch etwa in Voltaires &lt;em&gt;Candide&lt;/em&gt; ihr Abbild fand. Der Krebs ist anders. Obwohl er nicht ansteckend ist, f&amp;uuml;hrt er doch oft in die Isolation. Nach dem Fernsehauftritt der Stolpes hie&amp;szlig; es, sie seien &amp;raquo;mutig&amp;laquo; gewesen. Weil die Menschen nicht gern von Leiden und Tod erfahren? Oder weil die Menschen sich von ihnen abwenden k&amp;ouml;nnten? Wenn Krebs eine Krankheit ist, die ein R&amp;auml;tsel bleibt, dann ist es das Irrationale, das den Umgang damit pr&amp;auml;gt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Schlingensiefs Schicksal beschreibt da einen anderen m&amp;ouml;glichen Weg. Er schien oft wie der ewige Au&amp;szlig;enseiter des deutschen Kulturbetriebs. Nun wird dieser Ausgesto&amp;szlig;ene gerade durch seine Krankheit heimgeholt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Foto: ap&lt;/em&gt;</description>
    <dc:subject>Krebs</dc:subject>
    <dc:creator>Georg Diez</dc:creator>
    <dc:date>2009-04-29T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <rdf:Description rdf:ID="manifest">
    <mn:channels>
      <rdf:Seq>
        <rdf:li rdf:resource="http://sz-magazin.sueddeutsche.de:80/rsslabel/11" />
      </rdf:Seq>
    </mn:channels>
  </rdf:Description>

</rdf:RDF>
