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    <title>sz-magazin.de - Politik</title>
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    <title>Zäh la vie</title>
    <description>&lt;p&gt;Eine Frau k&amp;auml;mpft sich durch: Rachida Dati wurde ber&amp;uuml;hmt als  Justizministerin unter Nicolas Sarkozy. Ganz Frankreich r&amp;auml;tselte, wer  der Vater ihrer Tochter ist. Jetzt sitzt sie im EU-Parlament, hat aber  schon das n&amp;auml;chste Ziel vor Augen - B&amp;uuml;rgermeisterin von Paris.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58209.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Lockerlassen, das ist nicht ihre Sache. Rachida Dati sitzt in ihrem B&amp;uuml;ro im Europaparlament in Stra&amp;szlig;burg und telefoniert. Es ist Mittwoch. Sie m&amp;ouml;chte sich f&amp;uuml;r Freitag verabreden, gesch&amp;auml;ftlich, und zwar dringend. Aber das Gespr&amp;auml;ch l&amp;auml;uft nicht so, wie sie sich das vorgestellt hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie sei immer sehr fr&amp;uuml;h auf den Beinen, zwitschert sie in den H&amp;ouml;rer, k&amp;ouml;nne morgens um sieben da sein, kein Problem. Das klingt nicht wie ein Vorschlag. Das klingt wie ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Sieben Uhr drei&amp;szlig;ig also. Perfekt&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Au revoir, bis Freitag.&amp;laquo; Sie legt auf, guckt triumphierend in die Runde. Bingo! Lucie und Philip, ihre Assistenten, l&amp;auml;cheln. Sie teilen das enge Stra&amp;szlig;burger B&amp;uuml;ro mit ihr und wissen: Wenn Rachida Dati etwas will, kriegt sie es. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meistens jedenfalls. Den Job als Europaabgeordnete wollte Rachida Dati urspr&amp;uuml;nglich nicht so recht. So schien es jedenfalls im Jahr 2009, als Frankreichs damaliger Pr&amp;auml;sident Nicolas Sarkozy sie als Justizminis-terin abs&amp;auml;gte und nach Br&amp;uuml;ssel be-ziehungsweise Stra&amp;szlig;burg schickte. Doch wenn man sie jetzt fragt, ob sie ihm das verziehen hat, schnaubt sie nur. &amp;raquo;Da gibt&amp;rsquo;s nichts zu verzeihen. Ich habe ein Buch geschrie- ben, wenn Sie also darin nachlesen m&amp;ouml;chten, wie ich Europaabgeordnete wurde: Ich habe ein Kind bekommen und wollte mit der Politik aufh&amp;ouml;ren. Nicolas Sarkozy musste mich dazu &amp;uuml;berreden, ins Europaparlament zu gehen. Er riet mir dazu, weil es ein ruhigeres Mandat sei, das mir Zeit geben w&amp;uuml;rde, mein Leben neu zu ordnen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Tatsache ist, dass Rachida Dati am f&amp;uuml;nften Tag nach der Geburt ihrer Tochter im Januar 2009 wieder ins B&amp;uuml;ro der Justizministerin st&amp;ouml;ckelte. Im taillierten Kost&amp;uuml;m. F&amp;uuml;nf Tage nach einem Kaiserschnitt. Den Franzosen stockte der Atem. Das konnte man schon so interpretieren, dass sie Angst um ihren Job hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ganz Frankreich regte sich damals auf. Nun w&amp;uuml;rde sie auch noch den Frauen in den R&amp;uuml;cken fallen, hie&amp;szlig; es. Wer w&amp;uuml;rde sich jetzt noch leisten k&amp;ouml;nnen, nach der Geburt des Kindes l&amp;auml;nger als ein paar Tage der Arbeitsstelle fernzubleiben? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ach, wissen Sie, mir hat man immer Vorw&amp;uuml;rfe gemacht, egal was ich getan oder nicht getan habe&amp;laquo;, sagt sie und winkt ab. &amp;raquo;Als ich schwanger war, hie&amp;szlig; es, oh, l&amp;agrave;, l&amp;agrave;, wir werden bald keine Justizministerin mehr haben. Oder: Sie verdient einen Haufen Geld, und sie wird nichts mehr daf&amp;uuml;r tun. Als ich aber sofort wieder ins B&amp;uuml;ro ging, hie&amp;szlig; es, oh, l&amp;agrave;, l&amp;agrave;, was f&amp;uuml;r eine Rabenmutter!&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie lacht laut und jovial, aber da ist ein bitterer Unterton. Wenn man sie fragt, ob man sich daran gew&amp;ouml;hnt, immer attackiert zu werden, antwortet sie mit einem &amp;raquo;Bof&amp;laquo; - was soll&amp;rsquo;s, egal. Denkt kurz nach. Sagt dann: &amp;raquo;Anfangs hat mich das sehr verletzt. Dann habe ich begriffen: Ich bin eine &amp;ouml;ffentliche Figur, da steht das sozusagen in der Packungsbeilage.&amp;laquo; Sie bl&amp;auml;st die Wangen auf, st&amp;ouml;&amp;szlig;t die Luft aus und sagt wieder: &amp;raquo;Bof.&amp;laquo; Achselzucken. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In ihrer Zeit als Justizministerin setzte Rachida Dati Sarkozys Refor-men und Ziele - mehr Regeln und h&amp;auml;rtere Strafen zum Beispiel, besonders bei r&amp;uuml;ckf&amp;auml;llig gewordenen kriminellen Jugendlichen - mit gro&amp;szlig;em Engagement durch. Und wurde heftig kritisiert, f&amp;uuml;r ihre harsche Amtsf&amp;uuml;hrung, ihre Radikalit&amp;auml;t und Selbstherrlichkeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Oft posierte Dati h&amp;uuml;bsch angezogen f&amp;uuml;r die franz&amp;ouml;sische Presse. Als sie ihre Tochter bekam, r&amp;auml;tselte das Land, wer der Vater sein k&amp;ouml;nnte. Dati sagte nichts. Nur, dass sie eben &amp;raquo;ein kompliziertes Privatleben&amp;laquo; habe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zu jener Zeit wurde sie unbequem f&amp;uuml;r Sarkozy. Auch weil seine neue Ehefrau, Carla Bruni, die sch&amp;ouml;ne Ministerin wohl nicht so gern in seiner N&amp;auml;he sah. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anfang 2009 willigte Dati ein, nach zwei Jahren als Ministerin auszuscheiden. Die Reaktionen waren h&amp;auml;misch. Auch wenn sie beim ersten Treffen so tut, als sei sie cool genug, das an sich abperlen zu lassen - diese Erfahrungen haben sie nicht unber&amp;uuml;hrt gelassen. Von jeder Frage f&amp;uuml;hlt sie sich angegriffen und antwortet schnell, ruppig, bockig, schnippisch. Manchmal ist das witzig. Aber sie greift keinen Faden auf, l&amp;auml;sst kein Gespr&amp;auml;ch entstehen. Wie ein Tennisspieler, der den Gegner mit dem ersten Return ausschalten will und nicht versteht, dass man nur ein paar B&amp;auml;lle schlagen m&amp;ouml;chte, um sich aufzuw&amp;auml;rmen und aneinander zu gew&amp;ouml;hnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r Rachida Dati ist jede Begegnung mit anderen Menschen ein Match. Sie macht einen Punkt, lehnt sich zur&amp;uuml;ck, wartet auf die n&amp;auml;chste Frage, knallt die Antwort zur&amp;uuml;ck wie einen Schmetterball. Sie bietet nichts an, kein Thema, kein Getr&amp;auml;nk. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie ist zierlicher als erwartet. Und unauff&amp;auml;lliger angezogen: schwarzer Rollkragenpullover, dunkle Jeans, schmaler, schwarzer Mantel. Perlenohrringe. Da kann keiner was sagen, sie passt ins Europaparlament. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vor Kurzem hat sie wieder reichlich Presse bekommen, und wieder war der Ton s&amp;uuml;ffisant. Sie hat den Mann, den sie als Vater ihrer mittlerweile vierj&amp;auml;hrigen Tochter bezeichnet, auf Unterhalt verklagt. Der Mann hei&amp;szlig;t Dominique Desseigne, ist 68 Jahre alt und meistens braungebrannt. Er besitzt 16 Luxushotels, 90 Restaurants, 39 Spielcasinos, bestreitet die Vaterschaft und lehnt einen Test ab. Seinen Anwalt hat er mitteilen lassen, dass Dati w&amp;auml;hrend der Aff&amp;auml;re mit ihm acht weitere Liebhaber gehabt habe, darunter ein Bruder Sarkozys, der fr&amp;uuml;here spanische Regierungschef Jos&amp;eacute; Maria Aznar, ein Konzernchef, ein Minister, ein Fernsehmoderator und so weiter. Eine 42-j&amp;auml;hrige Frau, die angeblich neun Aff&amp;auml;ren hat, ist schon mal ungew&amp;ouml;hnlich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Niemals aufgeben. Nicht nachgeben.&amp;laquo; &lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58211.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;2007 war Dati Sarkozys gro&amp;szlig;e Hoffnungstr&amp;auml;gerin: eine sch&amp;ouml;ne Frau, die sich von ganz unten nach ganz oben gearbeitet hatte.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vier Jahre hat Dati den Namen des Mannes nicht genannt. Warum jetzt?&lt;br /&gt;Ganz falsche Frage. &amp;raquo;Das werde ich Ihnen nicht sagen. Dar&amp;uuml;ber rede ich mit niemandem. Und alles, was dazu geschrieben wurde, ist falsch.&amp;laquo; Die schwarzen Augen blitzen. Stille. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Philip r&amp;auml;uspert sich. Er sagt, dass nicht mehr viel Zeit sei, um 13 Uhr werde abgestimmt. Auf der Tagesordnung stehen: mehr Transparenz und Fairness bei den Ratings; die verschiedenen M&amp;ouml;glichkeiten zur Zusammenfassung von Schulden, auch jenseits der Eurobonds. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dati l&amp;auml;chelt verbindlich und sagt: &amp;raquo;Dann machen wir mal weiter mit dem Interview.&amp;laquo; &lt;br /&gt;Soll hei&amp;szlig;en, sie erwartet die n&amp;auml;chste Frage. Was kann sie nicht ertragen an anderen Menschen? &amp;raquo;Nonchalance. Dann k&amp;auml;mpft man nicht mehr.&amp;laquo; Sieht sie sich als Einzelk&amp;auml;mpferin? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Gar nicht. Einzelk&amp;auml;mpfe sind zerst&amp;ouml;rerisch. Und wenn man versagt, ist es auch besser, nicht allein zu sein damit. Es kann sogar sch&amp;ouml;n sein, zusammen zu scheitern.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Was sind ihre St&amp;auml;rken? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Z&amp;auml;h sein. Hartn&amp;auml;ckig. Belastbar sein, das halte ich f&amp;uuml;r eine St&amp;auml;rke. Niemals aufgeben. Nicht nachgeben, auch das.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und ihre Schw&amp;auml;chen? &amp;raquo;Niemals aufgeben. Nicht nachgeben.&amp;laquo; Sie grinst. &amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Um es von der Vorstadt in Chalon-sur-Sa&amp;ocirc;ne im franz&amp;ouml;sischen Burgund bis ins franz&amp;ouml;sische Justizministerium zu schaffen, musste Dati z&amp;auml;h sein. Sie war das zweite von zw&amp;ouml;lf Kindern. Vater und Mutter, er marokkanischer Maurer, sie algerische Hausfrau, konnten nicht lesen und nicht schreiben. &amp;Uuml;ber ihre Eltern spricht Rachida Dati nur gut: &amp;raquo;Sie haben nie gerufen: Kinder, Essen! Sie haben uns alle mit Namen gerufen, einen nach dem anderen, und uns nie verwechselt. Das war toll, denn in so einer gro&amp;szlig;en Familie hat man nicht viel Eigenes. Man schl&amp;auml;ft zu viert in einem Zimmer, zu dritt in einem Bett, das Licht brennt irgendwie immer. Aber jeder hatte sein Regal mit seinen Sachen oder seine Kiste. Keiner ging an die Sachen der anderen. Das war Ehrensache. Das strukturiert Kinder.&amp;laquo;&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Eltern, die muslimischen Glaubens waren, schickten ihre T&amp;ouml;chter auf ein katholisches M&amp;auml;dchengymnasium: Le Devoir, zu Deutsch Pflicht oder Aufgabe und verinnerlicht von Rachida Dati. Mit 16 fing sie an, neben der Ausbildung zu jobben, erst im Supermarkt, dann als Hilfspflegerin und Putzfrau im Krankenhaus, schlie&amp;szlig;lich als Kosmetikverk&amp;auml;uferin f&amp;uuml;r Avon. Ihr gro&amp;szlig;er Traum: &amp;raquo;Ich wollte frei sein&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Unabh&amp;auml;ngig. Die Mittel dazu haben.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Trotzdem lie&amp;szlig; sie sich mit 25 Jahren von ihren Eltern verheiraten. Weil es ihnen so wichtig war. Die Ehe hielt nur kurz. Danach suchte Dati, die Jura studierte, Kontakt zu wichtigen Leuten. &amp;raquo;Dati war eine freie Frau, die bei ihren Beziehungen zu M&amp;auml;nnern deren N&amp;uuml;tzlichkeit im Blick hatte&amp;laquo;, erinnert sich der Fernsehproduzent Mohamed Mebtoul. Er kennt sie seit zwanzig Jahren und meint das nicht b&amp;ouml;se. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Taktik hat funktioniert: Der fr&amp;uuml;here konservative Justizminister Albin Chalandon vermittelte Dati ihre erste Stelle beim &amp;Ouml;lkonzern Elf Aquitaine. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie sagt, dass sie sich vor allem an erfolgreichen Frauen orientiert. &amp;raquo;Die Frauen, von denen wir h&amp;ouml;ren, sind gro&amp;szlig;e Ausnahmen. Sie sind niemals banal. Dann w&amp;uuml;sste man nichts von ihnen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Simone Veil ist eine dieser Ausnahmefrauen. Die ehemalige franz&amp;ouml;sische Sozialministerin wurde zu Datis Mentorin und empfahl ihr eine zus&amp;auml;tzliche Richter-Ausbildung, die Dati 1999 in Bordeaux abschloss. &amp;raquo;Ich habe viele Menschen kennengelernt&amp;laquo;, hat Simone Veil einmal &amp;uuml;ber Rachida Dati gesagt. &amp;raquo;So eine habe ich noch nie erlebt, sie ist au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnlich.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Sie verlangt viel von sich, also verlangt sie auch viel von anderen.&amp;laquo; &lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58213.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Die  franz&amp;ouml;sische Ex-Justizministerin Rachida Dati kann gut austeilen und  gut einstecken.Der Gesichtsausdruck einer entschlossenen Frau: Wenn  Rachida Dati - hier in ihrem schmucklosen B&amp;uuml;ro im Stra&amp;szlig;burger  Europaparlament - etwas will, kriegt sie es meistens auch.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gleich 13 Uhr. Auf zw&amp;ouml;lf Zentimeter hohen Louboutins federt die Au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnliche munter wie eine Sportlehrerin durch die lichten Flure des Europaparlaments zur Abstimmung, gr&amp;uuml;&amp;szlig;t nach rechts und nach links, strahlt die Kollegen aus schwarz schimmernden Augen an. Die perfekte B&amp;uuml;hne f&amp;uuml;r sie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Philip und Lucie bleiben im kleinen B&amp;uuml;ro zur&amp;uuml;ck und seufzen matt. Sie erz&amp;auml;hlen, dass Dati nichts lieber macht als arbeiten. Weder Essens- noch Schlafenszeiten interessieren sie besonders. Sie kann durchmachen und regeneriert sich in k&amp;uuml;rzester Zeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber es ist spannend mit ihr, sagt Lucie. Sie ist unkompliziert. Sie sagt, was sie denkt. Sie ist gut im Delegieren. Sie vertraut ihren Leuten, &amp;uuml;bertr&amp;auml;gt ihnen Verantwortung. Und sie nimmt sie &amp;uuml;berall mit hin, um sie wichtigen Leuten vorzustellen. Vielleicht weil sie wei&amp;szlig;, wie n&amp;uuml;tzlich das sein kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Stimmung im gemeinsamen B&amp;uuml;ro ist meistens locker, auch in Br&amp;uuml;ssel, sagen beide. Solange man belastbar ist. Sehr belastbar. &amp;raquo;Sie verlangt viel von sich&amp;laquo;, sagt Philip. &amp;raquo;Also verlangt sie auch viel von anderen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Drei Wochen sp&amp;auml;ter steht Rachida Dati im Rathaus des 7. Arrondissements von Paris und h&amp;auml;ngt Grundschulkindern Medaillen um, die sie beim Schachturnier am Nachmittag gewonnen haben. &amp;raquo;Bravo&amp;laquo;, sagt sie zu jedem Kind und klatscht lahm in die H&amp;auml;nde. Vierzig Mal geht das so, mehr f&amp;auml;llt ihr nicht ein dazu. Ein paar Eltern m&amp;ouml;chten Fotos von ihren Kindern mit ihr machen. Dati legt einem Kind nach dem anderen die H&amp;auml;nde auf die Schultern und l&amp;auml;chelt in die Kamera. Ein bisschen m&amp;uuml;de wirkt selbst das. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Seit 2008 ist Rachida Dati B&amp;uuml;rgermeisterin des 7. Arrondissements von Paris. Sie &amp;uuml;bt das Amt neben ihren anderen T&amp;auml;tigkeiten aus. Das &amp;raquo;7e&amp;laquo;, das von den Invalides &amp;uuml;ber das Mus&amp;eacute;e d&amp;rsquo;Orsay bis zum Eiffelturm reicht, ist schick, teuer, konservativ. Es war Sarkozys Idee, seine popul&amp;auml;re Aufsteigerin und Integrationsfigur f&amp;uuml;r Immigranten zur B&amp;uuml;rgermeisterin ausgerechnet dieses Viertels zu machen. &amp;raquo;Der Wahlkampf war unheimlich hart&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;aber dann habe ich sehr gut abgeschnitten, mit sechzig Prozent der Stimmen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wenn man fragt, wie sie es als alleinerziehende Mutter geschafft hat, den Posten der Justizministerin mit dem der B&amp;uuml;rgermeisterin zu kombinieren, gibt sie eine ihrer strategischen Lieblingsantworten: &amp;raquo;Fragen Sie doch mal die Fabrikarbeiterin. Oder die Kassiererin, die alleinerziehend ist. Ich habe Leute, die f&amp;uuml;r mich arbeiten. Das k&amp;ouml;nnte alles ohne mich laufen. Die Kassiererin hat keine Leute, die etwas f&amp;uuml;r sie erledigen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ihr B&amp;uuml;ro im Rathaus ist ungef&amp;auml;hr zehnmal so gro&amp;szlig; wie das in Stra&amp;szlig;burg, und sie hat es f&amp;uuml;r sich allein. Riesige Fenster mit Blick in den Garten - das Rathaus des 7. Arrondissements ist das einzige in Paris mit Garten. Lackierter Holztisch, lederbezogene Schreibtischsessel, an der Wand h&amp;auml;ngt eine Luftaufnahme von Paris. Es sieht so aus, als sei das einzige Pers&amp;ouml;nliche in diesem Raum ihre Handtasche. Keine Familienbilder, private Fotos im beruflichen Umfeld lehnt Rachida Dati ab. &amp;Uuml;berhaupt interessieren Fotos sie nicht besonders, sagt sie. Das sei eine Art von Sentimentalit&amp;auml;t, mit der sie nichts anfangen k&amp;ouml;nne. Sie fotografiert nie, nicht einmal ihr Kind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dati hat ihre Tochter Zohra genannt, nach ihrer Mutter. &amp;raquo;Damit m&amp;ouml;chte ich sie lebendig halten.&amp;laquo; Ihre Mutter ist 2001 gestorben. Den Vater sieht sie mindestens zweimal im Jahr, sagt sie. Im Sommer und zur Weihnachtszeit. Da trifft sich die ganze Familie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das m&amp;uuml;ssen f&amp;uuml;nfzig Leute sein.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Mehr. Ich habe fast f&amp;uuml;nfzig Neffen und Nichten. Wir sind nicht viel weniger als hundert Leute an Weihnachten. Wir legen Matratzen auf den Boden. Wir sind ja daran gew&amp;ouml;hnt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dati hatte schon viele Neffen und Nichten, als sie Zohra bekam. Sie war 43. &amp;raquo;Es war keine Obsession, ein Kind zu kriegen. Aber es war ein Wunsch. Es hat mich vervollst&amp;auml;ndigt, dieses Kind zu haben&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Meine Tochter ist das Wichtigste in meinem Leben. Sie ist das beste Antidepressivum, das es gibt. Man denkt, nichts ist mehr schlimm. In ihren Augen ist alles s&amp;uuml;&amp;szlig;, lustig und interessant. Sie laugt dich aus, aber sie heitert das Leben auch sehr auf.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Datis Stimme klingt rau, wenn sie angespannt ist. Jetzt wird sie weicher. Sie taut auf, wenn es um ihr Kind geht. Stolz berichtet sie, wie gut ihre Tochter sich durchsetzen kann. Wie oft sie recht hat. Wie sie ihre Mutter dazu zwingt, sich auf sie zu konzentrieren und nicht nebenher zu mailen oder Nachrichten zu gucken. Und dass sie, Dati, nicht in Kindersprache mit ihrer Tochter spricht, weil sie das schrecklich findet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Als ich schwanger war, hat man mir gesagt: Dein Leben wird sich total &amp;auml;ndern. Du wirst dich &amp;auml;ndern. Nichts &amp;auml;ndert einen mehr als ein Kind.&amp;laquo; Sie lacht, fast unbek&amp;uuml;mmert. &amp;raquo;Es stimmt nicht. Ein Kind ver&amp;auml;ndert dich nicht. Es bringt Dinge ans Licht, die in dir schlummern. Ein Kind macht dich empfindlicher, vielleicht &amp;auml;ngstlicher, dankbarer. Aber es macht keinen anderen Menschen aus dir. Ich denke allerdings auch nicht, dass wir beide eins sind. Sie ist ein eigenes Wesen. Es ist ihr Kindergarten, nicht unserer. Ihr Schnuller, ihr Teller. Ich w&amp;uuml;rde nie von ihrem Teller essen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dati ist die einzige B&amp;uuml;rgermeisterin in Paris, die in dem von ihr verwalteten Arrondissement lebt. Sie liebt das Viertel, so wie sie alles liebt, was elegant und glamour&amp;ouml;s ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Arbeitstage sind auch in Paris lang, aber keine gro&amp;szlig;e Herausforderung. Viel kann man nicht ausrichten als B&amp;uuml;rgermeister eines Arrondissements. &amp;raquo;Wenn sich in meinem Viertel ein B&amp;uuml;rgersteig verbreitern soll, entscheide ich das. Bei der Stra&amp;szlig;e muss ich mich an den B&amp;uuml;rgermeister von Paris wenden&amp;laquo;, sagt sie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der B&amp;uuml;rgermeister von Paris wird n&amp;auml;chstes Jahr gew&amp;auml;hlt. Rachida Dati w&amp;uuml;rde das gern werden. Eine Art Boris Johnson f&amp;uuml;r Paris. In letzter Zeit hat sie Johnsons Amtsf&amp;uuml;hrung ein paar Mal &amp;ouml;ffentlich gelobt. Sie kennt ihn zwar nicht, sagt sie, aber sie findet ihn originell. Eine Ausnahmeerscheinung. &amp;raquo;Das ist angenehm, das kommt in der Politik ja nicht so oft vor.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine Ausnahmeerscheinung ist Dati ebenfalls. Was noch f&amp;uuml;r sie spricht, als B&amp;uuml;rgermeisterin von Paris? Sie sagt, dass die Linken eine Politik gemacht haben, die gegen alles ist. &amp;raquo;Gegen Autos. Gegen die Mittelklasse. Junge gegen Alte. Die Bewohner der Arrondissements im Osten gegen die im Westen. Arm gegen Reich. Ich w&amp;uuml;rde versuchen, wieder mehr Miteinander nach Paris zu bringen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vers&amp;ouml;hnliche T&amp;ouml;ne. Dazu schl&amp;auml;gt die Standuhr in ihrem B&amp;uuml;ro sieben Mal. Der letzte Termin des Tages steht an: mit den G&amp;auml;rtnern besprechen, was gepflanzt wird. Drau&amp;szlig;en, bei f&amp;uuml;nf Grad. Sie zieht ein Gesicht. Nicht so ihr Ding. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie entschuldigt sich kurz und erscheint zwei Minuten sp&amp;auml;ter im anderen Outfit wieder: Statt des schwarzen Hosenanzugs f&amp;uuml;r die Fotos mit den Kindern tr&amp;auml;gt sie jetzt Jeans und einen pinkfarbenen Lacoste-Pullover. Passend zu den Fr&amp;uuml;hlingsblumen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Rachida Dati&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Leben und Streben:&lt;/strong&gt; Rachida Dati ist sehr zielorientiert. Bereits im Jahr 1996 kn&amp;uuml;pfte die Juristin erste Kontakte zu Nicolas Sarkozy. 2002 bewarb sie sich bei ihm, der damals franz&amp;ouml;sischer Innenminister war, und war in seinem Stab zust&amp;auml;ndig f&amp;uuml;r Einwanderungsfragen und Verbrechenspr&amp;auml;vention. Dann wurde Sarkozy Chef der liberal-konservativen UMP. 2006 trat Dati der Partei bei, wurde Sprecherin seines Wahlkampfteams. Als Sarkozy am 6. Mai 2007 zum franz&amp;ouml;sischen Pr&amp;auml;sidenten gew&amp;auml;hlt wurde, machte er sie zur Justizministerin: der vorl&amp;auml;ufige H&amp;ouml;hepunkt ihrer Karriere. &lt;/em&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Zäh la vie</dc:subject>
    <dc:creator>Gabriela Herpell</dc:creator>
    <dc:date>2013-04-03T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Kein gutes Zeichen</title>
    <description>&lt;p&gt;Schon mit ihren Logos wollen Terroristen  Angst und Schrecken verbreiten. Aber die Symbole, die sie daf&amp;uuml;r  verwenden, sind nicht immer der Knaller.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57097.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Artur Beifuss, 29, hat in Syrien und &amp;Auml;gypten Arabisch studiert  und f&amp;uuml;r die UNO jahrelang Gr&amp;uuml;nde und Auswirkungen des internationalen  Terrorismus analysiert. Er lebt in Berlin. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;(Foto: Ralf Zimmermann)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Herr Beifuss, in Ihrem Buch haben Sie die Logos von mehr als 65 Terrororganisationen analysiert. Was hat Sie am meisten &amp;uuml;berrascht?  &lt;br /&gt;Artur Beifuss:&lt;/strong&gt; Die Qualit&amp;auml;tsunterschiede. Bei manchen Gruppen, etwa der Hisbollah (Logo 25), war ein Profi am Werk, die haben sogar eine Abteilung f&amp;uuml;r Fan-Artikel. Andere Logos sehen aus, als h&amp;auml;tte sie irgendein Freak in einem Hinterzimmer oder in einer Seitenh&amp;ouml;hle konstruiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gibt es einen Zusammenhang &amp;nbsp;- je professioneller das Logo, desto effektiver die Organisation? &lt;/strong&gt;&amp;nbsp;  &lt;br /&gt;Nein, denn Terroristen sind ja vor allem Profis an der Waffe, nicht am Computer. Auch wenn du ein schlechtes Logo hast, bist du trotzdem vielleicht ein guter Terrorist und kannst professionell Bomben legen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Logo von al-Qaida sieht eher unscheinbar aus&lt;/strong&gt;. &lt;br /&gt;Die verwenden nur eine schwarze Flagge mit dem Glaubensbekenntnis des Islam. Damit unterscheiden sie sich kaum von anderen Terrororganisationen. Auch wenn es zynisch klingt - ein Markenprofi w&amp;uuml;rde wohl sagen: Zwei brennende T&amp;uuml;rme w&amp;auml;ren ein Top-Logo f&amp;uuml;r al-Qaida. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wof&amp;uuml;r brauchen Terrororganisationen &amp;uuml;berhaupt ein Logo?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Egal ob Terroristen, Luxusmarken oder Coca-Cola: Bei Logos geht es vor allem um ein Versprechen. So steht &amp;uuml;ber dem einen &amp;raquo;Enjoy&amp;laquo; und &amp;uuml;ber dem Hisbollah-Logo eben &amp;raquo;Die Partei Gottes wird siegreich sein&amp;laquo;. Bei manchen Organisationen muss man sich aber schon fragen, ob sie sich mit dem Logo wirklich einen Gefallen tun. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Tiger der Tamil Eelam (Logo 11) sieht zum Beispiel alles andere als bedrohlich aus - eher wie eine Comicfigur. Das Logo repr&amp;auml;sentiert am Ende nicht St&amp;auml;rke, sondern man bekommt Mitleid mit dem seltsamen Tier. Am meisten lachen musste ich aber bei der Islamischen Turkestan-Partei (Logo 2). Dort steht links neben dem Logo tats&amp;auml;chlich &amp;raquo;Turkistam&amp;laquo;, nicht Turkestan. Entweder wurde das in Eile gemacht oder der Terrorist hat eine Rechtschreibschw&amp;auml;che. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Farbe des Terrors ist Ihrem Buch nach Rot?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ja, vor allem wenn es kommunistisch-sozialistischer Terror ist, da haben sich einfach Farbmuster etabliert. Im Islam dagegen ist die Farbe des Kampfes zumeist Schwarz. Beliebt ist auch Gr&amp;uuml;n. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Terrorlogos sind oft ziemlich &amp;uuml;berfrachtet, da sind so viele Symbole drin, dass es irgendwann verwirrend wird. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Woher hatten Sie die Logos?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Wir haben einfach genau hingeschaut, wenn Terroristen &amp;ouml;ffentlich auftreten - bei Pressekonferenzen, Videonachrichten oder offiziellen Kommuniqu&amp;eacute;s. Doch erst mal mussten wir kl&amp;auml;ren, welche Organisation &amp;uuml;berhaupt als terroristisch eingestuft wird. Unsere Quelle waren die offiziellen Datenbanken der EU, der USA, Indiens, Russlands und Australiens - aber fast jedes Land hat seine eigenen Listen, was als Terror gilt und was nicht. Der konservative US-Politiker Pat Buchanan sagte mal: &amp;raquo;Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitsk&amp;auml;mpfer.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;em&gt;(Illustrationen aus dem Buch &amp;raquo;Branding Terror&amp;laquo; von Artur  Beifuss und Francesco Trivini Bellini; mit freundlicher Genehmigung von  Merrell Publishers Limited;)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Kein gutes Zeichen</dc:subject>
    <dc:creator>Marco Maurer (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-02-28T17:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Erwin, wie tief willst du noch sinken?</title>
    <description>&lt;p&gt;Solche Fragen muss sich Erwin Huber jetzt von Parteifreunden gefallen lassen. Als Politiker hat er fast alles erreicht, war CSU-Generalsekret&amp;auml;r und Parteichef. Aber er hat sich entschlossen, noch einmal f&amp;uuml;r den bayerischen Landtag zu kandidieren &amp;ndash; als einfacher Abgeordneter. Warum tut er sich das an?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55051.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Zwei Diener vor dem Herrn: Erzengel Michael und CSU-Mann Huber, am Eingang der Pfarrkirche Reisbach.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Kartell der Verdienstvollen sitzt vorne am Tisch. Drei Herren in dunklem Anzug. Drei Herren jenseits der 60. Drei Herren, die wissen, was sie wollen: keine &amp;Uuml;berraschungen. Als Erstes steht der altgediente Landrat auf. Geschlossenheit, sagt er, darauf komme es an. Eigentlich m&amp;uuml;sse die CSU gar keinen Wahlkampf machen, man k&amp;ouml;nne doch &amp;uuml;berall die Fr&amp;uuml;chte ihrer erfolgreichen Politik sehen. Und der Mann, der das m&amp;ouml;glich gemacht habe, m&amp;uuml;sse wieder in den Landtag, der Beste, das sei doch klar. &amp;raquo;Ich bin dankbar, Erwin, dass du dich wieder bereit erkl&amp;auml;rt hast, zu kandidieren.&amp;laquo; Dann erhebt sich der langj&amp;auml;hrige Kreisvorsitzende. Er fragt: &amp;raquo;Gibt es weitere Bewerber?&amp;laquo; Er wartet genau zwei Sekunden. Es gibt keine. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist Anfang November und es ist der wichtigste Tag in diesem Jahr f&amp;uuml;r Erwin Huber. Es geht um seine Zukunft, vielleicht sogar sein Leben, auf jeden Fall um den Sinn seines Lebens. Er will noch einmal in den Landtag, noch einmal f&amp;uuml;nf Jahre in die Politik. Es sitzen 150 CSU-Mitglieder im Saal des &amp;raquo;Gasthauses K&amp;ouml;ck&amp;laquo; in den niederbayerischen Weiten hinter Landshut. Sie sollen ihn nominieren &amp;ndash; und dort hinten im Saal scharren sie schon mit den F&amp;uuml;&amp;szlig;en. Die Jungen, Hungrigen, Ehrgeizigen, von der Frauen Union, von der Jungen Union, all diese Zweiten B&amp;uuml;rgermeister, die riechen, dass man jetzt wieder etwas werden kann in der CSU. Denn die Umfragen stehen gut f&amp;uuml;r die bayerische Regierungspartei, vielleicht kann sie sogar die absolute Mehrheit zur&amp;uuml;ckgewinnen. Doch da vorne steht Huber, seit 34 Jahren im Landtag, Ex-Generalsekret&amp;auml;r, Ex-Finanzminister, Ex-Wirtschaftsminister, Ex-Staatskanzleichef, Ex-Parteichef. 66 Jahre alt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer es gut mit ihm meint, hat ihm abgeraten, noch einmal anzutreten. Wer ihn sch&amp;auml;tzt, will nicht h&amp;ouml;ren, wie seine Parteifreunde tuscheln, warum er ihnen das antue. Eine langj&amp;auml;hrige Vertraute hat ihn entgeistert angestarrt und spontan gefragt: &amp;raquo;Erwin, wie tief willst du noch sinken?&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Ich bin s&amp;uuml;chtig&amp;laquo;, hat er geantwortet. &amp;raquo;Es gibt f&amp;uuml;r mich nichts Sch&amp;ouml;neres als Politik.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie sitzen da hinten im Saal, mit dem unterdr&amp;uuml;ckten Grimm derer, die nicht wagen aufzumucken. Dann spricht Huber. Er braucht jetzt einen coolen Spruch. Einen, der den Kritikern klarmacht, warum nur er infrage kommt f&amp;uuml;r den Landtag, trotz allem. Er sagt: &amp;raquo;Jugend ist keine Garantie f&amp;uuml;r Innovation.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hinten &amp;auml;chzen sie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Huber war vor ein paar Tagen im Kino. Er hat den neuen &lt;em&gt;James Bond &lt;/em&gt;gesehen. Und er hat bei Bond abgeschaut, wie man im Job &amp;uuml;berlebt, obwohl man durch die Tauglichkeitstests f&amp;auml;llt. Bond sagt das mit der Jugend und der Innovation zu seinem neuen Waffenmeister &amp;raquo;Q&amp;laquo;, einem milchgesichtigen Computer-Nerd. Huber aber sagt ihn zu einem Saal voll ehrgeiziger Nachwuchspolitiker.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wir Jungen sind dann nicht innovativ, oder?&amp;laquo;, mault ein st&amp;auml;mmiger Kerl aus der Jungen Union. &amp;raquo;Das will er uns doch sagen, der James Bond von Reisbach.&amp;laquo; Aus Reisbach stammt Huber. Ein ganz Schneidiger sagt: &amp;raquo;Huber hat viele T&amp;uuml;ren ge&amp;ouml;ffnet, aber jetzt schl&amp;auml;gt er auch viele T&amp;uuml;ren zu. Es geht doch nicht, dass immer die eine Stimme gegen Seehofer von Huber kommt. Das bringt uns nichts.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es sind die Gleichen, die sonst &amp;uuml;ber Resopalplatten-glatte Berufspolitiker klagen, &amp;uuml;ber Partei-Klone, die ihre Meinung den Umfragen anpassen. Und die die gro&amp;szlig;en kantigen M&amp;auml;nner aus l&amp;auml;ngst vergangener Zeit r&amp;uuml;hmen, einen Franz Josef Strau&amp;szlig; oder einen Willy Brandt.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann stimmen sie ab. 108 Stimmen k&amp;ouml;nnte Huber bekommen, er bekommt 87. Es ist, als halte der Saal den Atem an. Das war nicht vorgesehen. Zwei, drei Abweichler &amp;ndash; gewiss. Aber 21? Schnell nimmt Huber die Wahl an. Er packt den Blumenstrau&amp;szlig; ein, den sie ihm geben. Keine Diskussionen jetzt. Er ist nominiert. Die Wahl des CSU-Mannes bei der Landtagswahl im Herbst 2013 ist nur noch Formsache. Hinten im Saal sitzen zerknirscht die Jungen. H&amp;auml;tten Sie doch aufstehen sollen?  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nein, sagt Christian Fertl, 28 und Chef der Jungen Union im Landkreis. &amp;raquo;Das bin ich dem Erwin schuldig, dass der jetzt noch sein Lebenswerk vollenden kann. Ich mag dem Erwin noch in zehn Jahren in die Augen schauen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Denn Erwin Huber ist in einer empfindlichen Phase. In der Rehabilitierungsphase. Er ist von ganz oben gekommen, tief gefallen und an einem Punkt gelandet, wo andere aufgegeben h&amp;auml;tten. &amp;raquo;Ich habe nicht bei null angefangen, sondern weit unter null&amp;laquo;, sagt er. Man konnte es sehen: Bei seinem 60. Geburtstag &amp;ndash; als Minister &amp;ndash; quoll der &amp;raquo;Schlappinger Hof&amp;laquo; in seiner Heimat Reisbach &amp;uuml;ber vor G&amp;auml;sten. Beim 65. Geburtstag war wieder der ganze Saal festlich gedeckt, aber die H&amp;auml;lfte der Tische blieb leer. Dazwischen lag der Milliardenskandal der Landesbank, die die marode K&amp;auml;rntner Bank Hypo Alpe Adria gekauft hatte &amp;ndash; und Huber &amp;uuml;bernahm als Finanzminister die Verantwortung. Und dazwischen lag der Verlust der absoluten Mehrheit f&amp;uuml;r die CSU &amp;ndash; nach 46 Jahren. Da ist Huber auch als Parteivorsitzender zur&amp;uuml;ckgetreten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vier Jahre lang rackert Huber jetzt schon, um wieder hochzukommen. Er will die Scharte von 2008 auswetzen, die &amp;raquo;Schmach&amp;laquo; der Wahlniederlage. Er, der Mann, der die CSU liebt wie kein anderer, hat es nicht geschafft, ihre absolute Mehrheit in Bayern zu verteidigen. Er musste zusehen, wie Horst Seehofer der Vorsitzende seiner Partei wurde, dieser Partei, &amp;uuml;ber die Huber wacht wie ein eifers&amp;uuml;chtiger Vater &amp;uuml;ber seine pubertierende Tochter. Und ausgerechnet mit dem Hallodri Seehofer hat sich seine CSU eingelassen. Mit dem Mann, von dem Huber einmal sagte, er werde noch auf dem Sterbebett die Hand heben, um Seehofer zu verhindern. Und nun, da ist Huber sicher, treibt Seehofer der CSU die Seele aus.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Ich bin ein hochtoleranter Mensch, Erwin, aber es gibt Grenzen.&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55053.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Das Wasser aus dem Brunnen, das Helma Huber ihrem Mann auf das Gesicht streicht, soll Augenleiden heilen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seehofer ist mal eben aus der Atomkraft ausgestiegen. Er hat zugestimmt, dass die Wehrpflicht abgeschafft wird. Er will die Studiengeb&amp;uuml;hren wieder streichen. Er hat die dritte Startbahn am M&amp;uuml;nchner Flughafen infrage gestellt und den Ausbau der Donau in Niederbayern &amp;ndash; alles, wof&amp;uuml;r die CSU und Huber standen. &amp;raquo;Der Donauausbau kommt so sicher wie der Transrapid&amp;laquo;, feixen sie in der CSU. Auch der ist l&amp;auml;ngst gescheitert. Auch der war ein Lieblingsprojekt von Huber. Und das Schlimmste: Es scheint voranzugehen mit der Partei &amp;ndash; trotz dieses Seehofers. Und selbst wenn der Chef sie pers&amp;ouml;nlich heruntermacht, sie &amp;raquo;Gl&amp;uuml;hw&amp;uuml;rmchen&amp;laquo; nennt und &amp;raquo;vom Ehrgeiz zerfressen&amp;laquo; wie gerade jetzt  vor Weihnachten, trauen sie sich nicht mehr aufzumucken. Nur er. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es war im Fr&amp;uuml;hjahr 2011, die CSU-Granden hatten sich in Passau versammelt &amp;ndash; wo der Aufruhr tobte. Ein Zukunftsrat aus Professoren hatte Seehofer geraten, nur noch die Zentren zu f&amp;ouml;rdern. Randgebiete wie Niederbayern sollten sich nach &amp;Ouml;sterreich orientieren. Der Ministerpr&amp;auml;sident war nach Passau gekommen, um die Leute zu beruhigen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Da steht Huber auf. &amp;raquo;Wir wollen nicht die Lieferanten von Pendlern an die Zentren sein und der Rest gesch&amp;uuml;tzte Natur. Da muss Gerechtigkeit her&amp;laquo;, ruft er Seehofer zu. Der ganze Saal applaudiert. Und Seehofer, der Kritik sonst ironisch abtropfen l&amp;auml;sst, wirkt pl&amp;ouml;tzlich angefasst, eisig: &amp;raquo;Ich bin ein hochtoleranter Mensch, Erwin, aber es gibt Grenzen. Ich nehme das nicht mehr hin.&amp;laquo; Die beiden stehen sich auf Armesl&amp;auml;nge gegen&amp;uuml;ber. Alles reibt ihm Seehofer hin, was seine Vorg&amp;auml;ngerregierung, er meint Huber, nicht geschafft hatte. Und sagt dann in den Saal: &amp;raquo;Es geht nicht um den Zukunftsrat.&amp;laquo; Huber kritisiere &amp;raquo;aus anderen Gr&amp;uuml;nden&amp;laquo;. Aus pers&amp;ouml;nlichen, will das hei&amp;szlig;en, weil Huber seinen Absturz nicht verkraftet habe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vielleicht, weil der Aufstieg so schwer war.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Erwin Huber kommt aus einer Zeit, die er selbst eine &amp;raquo;untergegangene Welt&amp;laquo; nennt. Als in Bayern noch die Hinterw&amp;auml;ldler wohnten und die h&amp;ouml;here Schule den Kindern des Lehrers, des Doktors und des B&amp;uuml;rgermeisters vorbehalten war. Wer kein Land hatte, kein Sach, z&amp;auml;hlte nichts. Erwin Huber vereinte alles in sich, was in den Augen der Gesellschaft nichts wert war: Seine Mutter war eine Tagel&amp;ouml;hnerin, er selbst ein uneheliches Kind, der Hof war abgebrannt. Heute ist die Zufahrt dazu von Moos &amp;uuml;berwuchert, nur der alte Birnbaum davor ragt noch in die H&amp;ouml;he. Es ist alles, was von seiner Kindheit geblieben ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Mutter ging im Winter von Bauernhof zu Bauernhof zum N&amp;auml;hen. Oft hatte sie den Buben dabei. &amp;raquo;Was willst mit deinem Bankert?&amp;laquo;, raunzten die Bauern. Sp&amp;auml;ter, wenn seine Freunde Ferien hatten, stand er in der Konservenfabrik, Essiggurken einlegen. Dazuverdienen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Familie fand bei einem Bauern Unterschlupf, zwei Zimmer, ohne Strom, Petroleumlampen. Er war lange nicht mehr dort. Im November ist er hingefahren, zum ersten Mal nach 20 Jahren, und hat seinen wei&amp;szlig;en BMW auf den Hof gelenkt. Der Altbauer ist schon ganz schwach auf den Beinen und erinnert sich nur dunkel: &amp;raquo;Ihr habt&amp;rsquo;s kein Land net g&amp;rsquo;habt&amp;laquo;, sagt er mit hoher Altm&amp;auml;nnerstimme. &amp;raquo;Wir haben &amp;uuml;berhaupt nix g&amp;rsquo;habt&amp;laquo;, sagt Huber. Vor drei Jahren haben sie das alte Geb&amp;auml;ude abgerissen, wo die Familie Huber wohnte. &amp;raquo;A ganz a kloans Zimmer war das, ohne Heizung. War net schad drum.&amp;laquo; Huber bem&amp;uuml;ht sich, aber mehr ist aus dem Bauern nicht rauszukriegen. Der alte Mann geht ins Haus. Huber bleibt auf dem leeren Platz stehen, wo er seine Jugend verbracht hat. In seiner Vergangenheit. Aber nirgendwo k&amp;ouml;nnte er fremder sein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Gymnasium konnte sich die Mutter nicht leisten. Der Sohn ging auf die Realschule, er machte den besten Abschluss, mit einem Schnitt von 1,17. Dann ging er zum Finanzamt. Und machte wieder die beste Pr&amp;uuml;fung &amp;ndash; diesmal in ganz Bayern. Note 1, Platzziffer 1. &amp;raquo;Das Steuerrecht&amp;laquo;, sagt Huber heute noch fast liebevoll, &amp;raquo;hat mir viel Freude gemacht.&amp;laquo; Sie haben den jungen Steuerinspektor dann nach M&amp;uuml;nchen geholt, er veranlagte die gro&amp;szlig;en Aktiengesellschaften und GmbHs und sp&amp;uuml;rte doch immer: Die anderen haben Abitur, er nicht. Auf dem Abendgymnasium machte er das Abitur nach. Er schaffte es mit der Note 1,6. Und dann studierte er Volkswirtschaft, auch nebenher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Es ist ein Stachel in ihm.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55055.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Huber, etwas verdeckt, spricht zum Tag der Deutschen Einheit, der mit dem Todestag von Frant Joseph Strau&amp;szlig; zusammenf&amp;auml;llt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist ein Stachel in ihm. Er will es den anderen zeigen. Er, der Hinterw&amp;auml;ldler. Niederbayern, das war f&amp;uuml;r viele in M&amp;uuml;nchen gleichbedeutend mit: Raufen, Saufen, Messerstechen. Huber machte aus dem Makel sein Markenzeichen. &amp;raquo;Die niederbayerische Heimat Niederbayern&amp;laquo; kam in jeder seiner Reden vor. &amp;raquo;Wir waren das Armenhaus&amp;laquo;, sagt Erwin Huber. &amp;raquo;Jetzt, im September 2012, haben wir hier 2,9 Prozent Arbeitslosenquote, die geringste in ganz Bayern.&amp;laquo; Besser als M&amp;uuml;nchen und Oberbayern. Nat&amp;uuml;rlich hat das was mit ihm zu tun, dem ehemaligen Finanz-, dem ehemaligen Wirtschaftsminister. Er hat ihnen hier Umgehungsstra&amp;szlig;en ohne Zahl gebracht, jede Dorferneuerung durchgeboxt und jede Firmenansiedlung. Er hat dem Landstrich sogar einen neuen Namen gegeben: &amp;raquo;Aufsteiger-Region&amp;laquo;. So wie er aufgestiegen ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und doch h&amp;auml;lt ihn Niederbayern fest. Es hat ihn nie entkommen lassen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist nicht nur seine Sprachf&amp;auml;rbung &amp;ndash; auch ein Wolfgang Sch&amp;auml;uble spricht Badisch, ein G&amp;uuml;nther Oettinger spricht Schw&amp;auml;bisch. Es ist sein Habitus. Au&amp;szlig;erhalb Bayerns gilt Huber als Inkarnation des schwarzen Wadlbei&amp;szlig;ers, dessen Horizont h&amp;ouml;chstens bis Dingolfing reicht. Und selbst in M&amp;uuml;nchen sagen sie in seiner CSU, dass &amp;raquo;so einer&amp;laquo; halt nicht ankommt bei der aufgekl&amp;auml;rten Bev&amp;ouml;lkerung. Dass er da schnell peinlich wirkt, vor allem im Fernsehen. Sie packen ihn gern in den politischen Kom&amp;ouml;dienstadl, als d&amp;uuml;mmlich-servilen Diener seines Herrn. Und sind erstaunt, wenn sie ihn dann pr&amp;auml;zise &amp;uuml;ber die Details von Steuerreformen sprechen h&amp;ouml;ren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Reisbach, 3. Oktober. Es ist eine w&amp;uuml;rdige Feier, die Feier zur Deutschen Einheit in Hubers Heimatgemeinde, die immer auch eine Erinnerung an den Todestag von Franz Josef Strau&amp;szlig; ist. Theo Waigel ist gekommen, der fr&amp;uuml;here Bundesfinanzminister und CSU-Chef. Die Fahnen wehen, die Musikkapelle spielt. Waigel hat &amp;uuml;ber die Einheit geredet, &amp;uuml;ber FJS und die Segnungen des Euro. Und er hat mal eben den CSU-Generalsekret&amp;auml;r Alexander Dobrindt abgewatscht, der die Euro-Granden &amp;raquo;Falschm&amp;uuml;nzer&amp;laquo; und &amp;raquo;Zwerge&amp;laquo; genannt hat. Jenen Mann, der Sch&amp;uuml;tzenk&amp;ouml;nig in Pei&amp;szlig;enberg ist und sich wegen der Aussicht vom Hohen Pei&amp;szlig;enberg (988 Meter) gro&amp;szlig;en Weitblicks r&amp;uuml;hmt.  &amp;raquo;Wenn der Dobrindt am Hohen Pei&amp;szlig;enberg steht, denkt er, das ist der Nanga Parbat&amp;laquo;, sagt Waigel. Es ist ein sch&amp;ouml;ner Tag.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie sitzen jetzt im &amp;raquo;Schlappinger Hof&amp;laquo;, der Theo und der Erwin, Parteikameraden seit den Achtzigerjahren, und Waigel wird grunds&amp;auml;tzlich. &amp;raquo;Du h&amp;auml;ttest damals nie vom Finanzministerium in die Staatskanzlei zur&amp;uuml;ckgehen d&amp;uuml;rfen&amp;laquo;, sagt Waigel. &amp;raquo;Wenn man einmal Herr ist, macht man nicht mehr den Knecht.&amp;laquo; Huber hebt die H&amp;auml;nde, als wolle er sich entschuldigen. Er wei&amp;szlig; ja, dass Waigel recht hat, aber er konnte Edmund Stoiber, dem damaligen Ministerpr&amp;auml;sidenten, keinen Wunsch abschlagen. Er stand immer zwischen Waigel und Stoiber, die sich in hoffnungsloser Rivalit&amp;auml;t verbunden waren. &amp;raquo;Das war das b&amp;ouml;seste Telefonat, das ich je mit dir gef&amp;uuml;hrt habe&amp;laquo;, setzt Waigel nach. &amp;raquo;Da habe ich dir fast die Freundschaft gek&amp;uuml;ndigt.&amp;laquo; Huber war 1998 Finanzminister, er liebte das Amt. Aber Stoiber wollte, dass Huber seine rechte Hand in der Staatskanzlei wird, h&amp;ouml;chster Diener seines Herrn.  Huber grinst Waigel an, er wei&amp;szlig;, dass der ihn nicht versteht. &amp;raquo;Gro&amp;szlig;knecht ist doch auch ein guter Posten&amp;laquo;, sagt Huber. &amp;raquo;Du bist einfach zu anst&amp;auml;ndig&amp;laquo;, sagt Waigel. &amp;raquo;H&amp;auml;ttest du mal auf mich geh&amp;ouml;rt.&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Dann w&amp;auml;re mein Leben anders verlaufen&amp;laquo;, sagt Huber. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann m&amp;uuml;sste er nicht hier stehen und den Leuten erkl&amp;auml;ren, warum er unbedingt wieder in den Landtag will. Dann h&amp;auml;tte er eine Freiheit gewinnen k&amp;ouml;nnen, wie sie Waigel hat, wie sie auch ein Heiner Gei&amp;szlig;ler hat. Zwei, die wie Huber im vollen Lauf gestoppt wurden, aber den Absprung schafften. Waigel, Finanzfachmann wie Huber, der f&amp;uuml;r Siemens um die Welt flog, um sicherzustellen, dass bei Gesch&amp;auml;ften nicht geschmiert wird. Heiner Gei&amp;szlig;ler, der als CDU-Generalsekret&amp;auml;r holzte wie Huber, nun aber als Freigeist gilt, als Schlichter und Vermittler in verfahrenen Situationen wie dem Bahnhofsbau von Stuttgart. Waigel und Gei&amp;szlig;ler &amp;ndash; beide sind sie Ikonen des Eigensinns, die Lust am Widerspruch haben und ihre Partei nicht mehr brauchen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Huber aber braucht seine Partei. Er kann nicht von ihr lassen. &amp;raquo;Er will sich und anderen beweisen, dass er noch zu den St&amp;uuml;tzen der CSU geh&amp;ouml;rt&amp;laquo;, sagt Waigel. &amp;raquo;Er braucht die n&amp;auml;chsten f&amp;uuml;nf Jahre, um mit sich ins Reine zu kommen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Manche waren &amp;uuml;berrascht von meiner Kandidatur&amp;laquo;, sagt Huber am Ende der Einheitsfeier. &amp;raquo;Wohlmeinende haben gesagt: Mach&amp;rsquo;s dir halt ein bisschen sch&amp;ouml;ner. Geh auf Reisen, spann aus.&amp;laquo; G&amp;uuml;nther Beckstein war so einer. Der fr&amp;uuml;here Ministerpr&amp;auml;sident hatte Huber geraten, sich zur&amp;uuml;ckzuziehen &amp;ndash; so wie er selbst. &amp;raquo;Wenn man ganz oben war, f&amp;auml;ngt man nicht noch mal ganz unten an&amp;laquo;, sagt Beckstein. Und Huber sagt: &amp;raquo;Aber f&amp;uuml;r mich gibt es halt nichts Sch&amp;ouml;neres als Politik.&amp;laquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist die Wahrheit. Eine bittere Wahrheit.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In seiner Heimat gibt es an der Kapelle der Heiligen Wolfsindis einen Brunnen, dem heilende Kr&amp;auml;fte nachgesagt werden. Jedes Mal, wenn Huber dort ist, benetzt er sich die Augen. Das Wasser soll einen scharfen Blick geben. Huber tr&amp;auml;gt keine Brille, aber sonst n&amp;uuml;tzt es nichts. Wenn es um ihn selbst geht, versagt seine Urteilskraft. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Also macht sich Huber klein &amp;ndash; er, der fr&amp;uuml;her als gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrender  Ministerpr&amp;auml;sident galt. Geht am  Donnerstagmorgen brav in den  Wirtschaftsausschuss des bayerischen Landtags und k&amp;uuml;mmert sich jetzt um  Rauchmelder. K&amp;auml;mpft in seinem Wahlkreis f&amp;uuml;r die Erhaltung des  Krankenhauses in Landau, die dritte Autobahnausfahrt f&amp;uuml;r Dingolfing und  den Kreisverkehr in Eichendorf. Selbst der SPD-Landrat aus seinem  Heimatkreis sagt: &amp;raquo;So ein Ende hat ihm keiner gew&amp;uuml;nscht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;So ein Ende hat ihm keiner gew&amp;uuml;nscht.&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55057.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Als Kandidat f&amp;uuml;r den Landtag muss sich Huber nun wieder um kommunale Krankenh&amp;auml;user oder Umgehungsstra&amp;szlig;en k&amp;uuml;mmern und durch die D&amp;ouml;rfer Niederbayerns tingeln, wo seine politische Karriere vor 45 Jahren als Kreisvorsitzender der Jungen Union begann.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es gibt Menschen, die sagen, Huber sei eben wie ein alter Rockstar, der immer weiter auf Tour gehen m&amp;uuml;sse. Auch wenn er nicht mehr in den gro&amp;szlig;en Hallen spielt, sondern auf der Weihnachtsfeier der Kreissparkasse. Und der ja vielleicht ein Revival erlebt, irgendwann, zum Kult wird wie die Spider Murphy Gang. Diese Menschen meinen: Vielleicht ist Huber gl&amp;uuml;cklich, so wie es ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Fr&amp;uuml;her war er der Herr der Reformen: Verwaltungsreform, Steuerreform, Forstreform. Er war der Mann, den Angela Merkel als Kanzleramtschef haben wollte. Erst als er ablehnte, wurde es Thomas de Maizi&amp;egrave;re. Es w&amp;auml;re mutig gewesen, ins Kanzleramt zu gehen, vielleicht verwegen. Er h&amp;auml;tte zwischen Merkel und Stoiber zerrieben werden k&amp;ouml;nnen. Er ist nicht gegangen. Er ist wieder einmal loyal gewesen. &amp;raquo;Ein Vers&amp;auml;umnis&amp;laquo;, sagt er heute. &amp;raquo;Ein Mangel in meiner Vita.&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Er hat kein Macht-Gen&amp;laquo;, sagt eine Freundin. &amp;raquo;Wenn&amp;rsquo;s um ihn selbst geht, k&amp;auml;mpft er nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Erwin Huber hat sich im Sommer Gedanken gemacht &amp;uuml;ber sein Leben, er hat einen Essay geschrieben, in der nun untergegangenen &lt;em&gt;Financial Times Deutschland&lt;/em&gt;. &amp;raquo;Das Schwerste in der politischen Karriere ist der Abschied&amp;laquo;, schrieb er. Er sei keiner, der Golf spielen gehe oder in der &amp;uuml;berf&amp;uuml;llten Loge der Elder Statesmen Platz nehme. Er wolle sich auch nicht verbittert zur&amp;uuml;ckziehen. Er wolle einfach weitermachen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Huber ahnt selbst, dass es nur noch bergab gehen kann. Er wird nach der Wahl im Herbst auch den Vorsitz des Wirtschaftsausschusses im Landtag verlieren, ein J&amp;uuml;ngerer ist da vorgesehen, er wird bald nur noch Hinterb&amp;auml;nkler sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bayerischer Landtag, abends, kurz vor 22 Uhr. Das Plenum diskutiert wieder einmal &amp;uuml;ber den Ausbau der Donau. Die CSU ist bereits leise vom Ausbau abger&amp;uuml;ckt, nur Huber k&amp;auml;mpft noch. So wie seit Jahrzehnten. &amp;raquo;Die Zeit der Betonmischer ist abgelaufen!&amp;laquo;, rufen die Gr&amp;uuml;nen. &amp;raquo;Nur der alte General Huber versucht die Bataillone um sich zu versammeln. Das hat die ewig junge Donau nicht verdient.&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Machen Sie kein Gaudium draus&amp;laquo;, sagt Huber. Er redet &amp;uuml;ber Hochwasserschutz, Wirtschaftsf&amp;ouml;rderung, Verkehrswege. Er hat alle Zahlen parat, alle Varianten. Der Umweltminister, sein Parteifreund, l&amp;auml;chelt milde.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Huber ist noch immer im Macher-Modus. Steht um 5.30 Uhr auf, checkt zuerst seine Mails. Simst. Wenn er mal fr&amp;uuml;her von M&amp;uuml;nchen heimkommt, fragt er, ob noch irgendwo eine Veranstaltung ist. Dann geht er hin. Andere geben irgendwann Ruhe. Er nicht. &amp;raquo;Am liebsten h&amp;auml;tte er drei Termine am Tag&amp;laquo;, sagt seine Frau. Wenn am Sonntag das Telefon klingelt, frotzelt sie: &amp;raquo;Dann ist der Tag ja gerettet.&amp;laquo; Es ist die gleiche Frau, die nach 33 Jahren Ehe sagt, sie sei eigentlich noch in den Flitterwochen &amp;ndash; so wenig habe sie ihn gesehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Helma Huber ist gelernte Bankkauffrau, die beiden Kinder stehen l&amp;auml;ngst im Beruf. Sie sind nicht angewiesen auf den Abglanz der Macht. Frau Huber h&amp;auml;lt Abstand zu &amp;raquo;denen da oben&amp;laquo;. &amp;raquo;Ich will mit den Leuten absolut nichts zu tun haben&amp;laquo;, sagt sie. Mit den Leuten, die ihren Mann fallen lie&amp;szlig;en im Jahr 2008.  Die Hubers haben Freunde. Ein Familienleben. Hobbys. Aber gegen die Politik kommt das alles nicht an. &amp;raquo;Er ist nicht zu bremsen. Ich bin da machtlos&amp;laquo;, sagt Helma Huber ergeben. Er aber sagt: &amp;raquo;Wenn ich mich in der Fraktion melde und sehe, dass der eine oder andere blass wird, hat es sich schon gelohnt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Helma Huber kennt ihren Mann und sie liebt ihn nicht nur. Sie mag ihn. &amp;raquo;Ich sehe, wie gut ihm das tut, wenn die Leute auf ihn zukommen, wenn er was f&amp;uuml;r sie tun kann&amp;laquo;, sagt sie. Dann seufzt sie kurz. Sie macht sich Sorgen um ihn. Aber das l&amp;auml;sst man sich in ihrer Gegend nicht anmerken. Bevor sie jetzt zu pers&amp;ouml;nlich wird, steht sie lieber schnell auf.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Huber steht im Saal des &amp;raquo;Gasthauses K&amp;ouml;ck&amp;laquo;, er h&amp;auml;lt seine Nominierungsrede. Die Passage &amp;uuml;ber James Bond ist l&amp;auml;ngst verklungen. Er setzt zum Schlussakkord an. Seine Augen gl&amp;auml;nzen, er gibt ein Versprechen. Er sagt: &amp;raquo;Ich werde bis zum letzten Tag, bis zur letzten Nacht dienen.&amp;laquo; Er k&amp;ouml;nnte auch sagen: bis zum letzten Atemzug. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie der Knecht, der auf dem Hof rackert, bis er nicht mehr kann.  &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Erwin, wie tief willst du noch sinken?</dc:subject>
    <dc:creator>Annette Ramelsberger</dc:creator>
    <dc:date>2013-01-07T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>»Alle Meinungen, die Claudia vertritt, halte ich für falsch« – »Geht mir genauso mit dir!«</title>
    <description>&lt;p&gt;Claudia Roth und G&amp;uuml;nther Beckstein waren mal erbitterte Gegner. Heute  sind sie Freunde, jenseits aller Parteigrenzen. Und haben sich eine  Menge zu sagen. Vor allem zur Frage, wie sehr man bei den Niederlagen  des anderen mitleidet.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin: Frau Roth, Herr Beckstein, Sie beide sind seit vielen Jahren befreundet. Wie ungew&amp;ouml;hnlich ist diese Freundschaft in der Politik? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;G&amp;uuml;nther Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich sage mal: Alle Meinungen, die Claudia Roth vertritt, halte ich f&amp;uuml;r falsch.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Claudia Roth:&lt;/strong&gt; Geht mir genauso mit dir!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Und um ehrlich zu sein: Die Art, wie sie &amp;ouml;ffentlich argumentiert, so emotional, die regt mich auf. Das nervt mich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Genau das soll&amp;rsquo;s!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Aber ich respektiere sie, weil sie authentisch ist und das, was sie sagt, auch so meint. Sie ist der Pr&amp;uuml;fstein meiner Toleranz. Ich nehme sie sehr ernst, was ich nicht mit jedermann mache.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und Sie, Frau Roth, was m&amp;ouml;gen Sie an Herrn Beckstein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Der G&amp;uuml;nther bleibt sich treu, das sch&amp;auml;tze ich. Da gibt es andere in der CSU, die legen eine hohe Flexibilit&amp;auml;t an den Tag, da wei&amp;szlig; man nicht, woran man ist. Vielleicht ist es das, was uns verbindet: die Treue zu Auffassungen. Aber unsere Freundschaft hat erhebliche Irritationen in meiner Partei ausgel&amp;ouml;st. Und in G&amp;uuml;nthers Partei. Ich erinnere mich an eine schlimme Rede von Stoiber, in der es sinngem&amp;auml;&amp;szlig; hie&amp;szlig;: Das wird dem Beckstein auch nichts n&amp;uuml;tzen, dass er sich mit der duzt. Und ich hab E-Mails gekriegt: Wie kannst du jemanden duzen, der Kinder abschieben wollte? Das alles wirft aber eher ein Licht auf die anderen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trotzdem w&amp;uuml;rde man Sie beide nicht zusammenbringen. Sie haben sich fr&amp;uuml;her ja regelrecht bek&amp;auml;mpft.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein: &lt;/strong&gt;Aber es gibt auch vieles, was uns verbindet: Sie ist nicht Anh&amp;auml;ngerin vom FC Hollywood, sondern vom FC Augsburg. Ich bin N&amp;uuml;rnberg-Fan. Sie ist aus Schwaben, was mir mentalit&amp;auml;tsm&amp;auml;&amp;szlig;ig liegt: Ich komme aus dem Fr&amp;auml;nkischen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Stimmt, da muss man zusammenhalten, gegen Oberbayern. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Toleranz hei&amp;szlig;t ja nicht, unterschiedliche Meinungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Toleranz hei&amp;szlig;t, auch bei seinen Standpunkten zu bleiben, sie nicht ohne Weiteres zur Disposition zu stellen. Sich ernsthaft mit der anderen Meinung zu besch&amp;auml;ftigen. Sonst kapiert man den anderen ja &amp;uuml;berhaupt nicht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Wir f&amp;uuml;hren keine Freundschaft, bei der man sich jeden Tag sieht oder st&amp;auml;ndig telefoniert. Aber wir k&amp;ouml;nnen etwas unter vier Augen besprechen und m&amp;uuml;ssen nicht bef&amp;uuml;rchten, das morgen in der Zeitung zu lesen. Oder dass es sofort per SMS weiterverbreitet wird.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein: &lt;/strong&gt;Stimmt, da besteht ein Vertrauensverh&amp;auml;ltnis.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie haben Sie beide sich besser kennengelernt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Das war beim Jubil&amp;auml;umsfest der &lt;em&gt;S&amp;uuml;ddeutschen Zeitung&lt;/em&gt; 2005 in M&amp;uuml;nchen. Ein Riesenauflauf. Kurz nach der Bundestagswahl. Wir hatten gut abgeschnitten, aber es kam dann die gro&amp;szlig;e Koalition an die Regierung. G&amp;uuml;nther Beckstein befand sich im internen Wettstreit um den n&amp;auml;chsten bayerischen Ministerpr&amp;auml;sidenten. Da kam er auf mich zu, mit viel Presse drum herum, und sagte, jetzt kennen wir uns so lange, er m&amp;ouml;chte mir das Du anbieten. Ich war schockiert und habe spontan gesagt: &amp;raquo;Aber Sie wollen doch was werden, Herr Beckstein!&amp;laquo; Weil ich dachte: Was wird das ausl&amp;ouml;sen in seinem Umfeld!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber Sie haben das Du angenommen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Ja, das habe ich. Das war wie raus aus dem ideologischen Sch&amp;uuml;tzengraben. Kurz danach waren wir eingeladen zu einer Sendung bei Sabine Christiansen und haben nat&amp;uuml;rlich komplett unterschiedliche Meinungen vertreten. Es ging um die Sicherheitsbeh&amp;ouml;rden. In der Maske haben wir uns &amp;uuml;berlegt: Sollen wir uns siezen?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich habe gesagt: Wir siezen uns, aber mit Vornamen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Und dann hat er sich in der Sendung m&amp;auml;chtig aufgeregt und gesagt: Claudia, was erz&amp;auml;hlst du da f&amp;uuml;r einen Mist &amp;hellip; Da war&amp;rsquo;s raus.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Und du darauf: G&amp;uuml;nther, jetzt bist du aber still!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Dann kamen die E-Mails.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Herr Beckstein, warum haben Sie ihr damals das Du angeboten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein&lt;/strong&gt;: F&amp;uuml;r mich ist Claudia Roth eine ganz starke Marke. Ich hatte damals in der Tat h&amp;ouml;chste Ambitionen. F&amp;uuml;r mich war es wichtig, auf jemanden zuzugehen, der einen wesentlichen Teil Bayerns darstellt und gr&amp;uuml;n ist. Damals haben wir die Gr&amp;uuml;nen ja noch als Terroristen abqualifiziert &amp;hellip; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Wir waren doch keine Terroristen, G&amp;uuml;nther!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Fr&amp;uuml;her haben wir die Gr&amp;uuml;nen ethisch nicht ernst genommen. Ihr wart unser Feindbild. Ich sage nur Chaostage oder Wackersdorf, das ich ganz schlimm in Erinnerung habe. Da wurde mit Stahlkugeln auf Polizisten geschossen &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; &amp;hellip; und auf uns wurde eingepr&amp;uuml;gelt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich war im Hubschrauber und habe mir das von oben angeschaut. Seit ich die Claudia kenne, hat sich bei mir einiges ge&amp;auml;ndert. Ich nehme die Gr&amp;uuml;nen jetzt ernst. Sie sind zwar von der Sozialisation her v&amp;ouml;llig anders als ich, aber im Prinzip wollen sie im Zusammenleben der Menschen was gestalten, was vern&amp;uuml;nftig ist. Dass sie vor der Atompolitik sprichw&amp;ouml;rtlich Angst gehabt haben, erschien mir v&amp;ouml;llig lebensfremd damals.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Was du da beschreibst, war genau meine politische Sozialisation! Auf der einen Seite die Staatsmacht im Hubschrauber und mit Wasserwerfern, auf der anderen Seite die, die was Gutes wollen, aber kriminalisiert werden. In Brokdorf wurden Tieffl&amp;uuml;ge auf uns Demonstranten gemacht, der Staat zog sein Visier runter gegen uns. Diese Konfrontation gibt es heute nicht mehr. Und der G&amp;uuml;nther war einer der Ausl&amp;ouml;ser dieses Wandels. Ich vielleicht auch. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich wollte bei aller Unterschiedlichkeit deutlich machen, dass ich Respekt vor einer solchen Politik und Pers&amp;ouml;nlichkeit habe. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Du hast gesagt: Es soll ein Zeichen sein, dass du dich, falls du Ministerpr&amp;auml;sident werden w&amp;uuml;rdest, f&amp;uuml;r einen anderen Umgang mit uns Gr&amp;uuml;nen einsetzen w&amp;uuml;rdest. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Noch klingt Ihre Freundschaft ziemlich nach Parteitaktik.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Nein. Ich fand die Claudia sehr sympathisch. In einem anst&amp;auml;ndigen Abstand, sage ich jetzt mal. Es gef&amp;auml;llt mir, dass sie so spontan ist. Das liegt mir. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Vielleicht kamen wir uns auch n&amp;auml;her, weil wir &amp;uuml;ber all die Jahre so viel miteinander zu tun hatten, immer wieder. Konfrontativ, hart in der Sache, aber auch vertrauensvoll. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;N&amp;auml;he entsteht, wenn man den anderen ernst nimmt.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54703.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Gr&amp;uuml;nen hatten mal ein Plakat, auf dem stand: Beckstein w&amp;uuml;rde auch Jesus abschieben.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Das betrachte ich heute noch als eine Gemeinheit!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Der Innenminister Beckstein war unser Feindbild. Zwei Dinge haben das bei mir relativiert: Die CSU hatte eine ziemlich unterirdische Anti-T&amp;uuml;rkei-Kampagne gef&amp;uuml;hrt. Beckstein aber hatte gute Beziehungen zu &amp;ouml;rtlichen t&amp;uuml;rkischen Vereinen und machte deutlich: Die geh&amp;ouml;ren dazu! Ein andermal wollten wir mit Rot-Gr&amp;uuml;n ein neues Zuwanderungsgesetz, da hat er gesagt: Ihr m&amp;uuml;sst es ein Jahr vor der Wahl einbringen, so lange kann ich mich bewegen. Das war ein offenes Angebot. Bei konkreten humanit&amp;auml;ren Einzelf&amp;auml;llen konnte man bei ihm anrufen und was erreichen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Unter der Voraussetzung, dass es nicht &amp;ouml;ffentlich wird. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Das war mit ihm deutlich anders als mit Otto Schily!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Unsere Ausl&amp;auml;nderpolitik war damals total paralysiert. Ich wollte zeigen, dass man sich auch bewegen kann. Leute in den Kirchen und bei Pro Asyl haben sich unter hohem pers&amp;ouml;nlichem Einsatz engagiert. Die wollte ich pro Staat haben, nicht gegen Staat. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wann wurde aus dieser symbolischen Freundschaft auch eine pers&amp;ouml;nliche? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; N&amp;auml;he entsteht, wenn man den anderen ernst nimmt. Wenn man offen reden kann. Was ich nicht mal mit manchen Parteimitgliedern machen w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Stichwort: doppelte Staatsb&amp;uuml;rgerschaft, die ich bef&amp;uuml;rworte, G&amp;uuml;nther aber rigoros ablehnt. Ich stehe aber jetzt nicht auf und sage: Was mache ich noch hier?! Man muss reden. Und mit ihm mache ich das gerne. Wer h&amp;auml;tte gedacht, dass heute 71 Prozent der Unionsanh&amp;auml;nger f&amp;uuml;r die Homoehe sind?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sind Sie f&amp;uuml;r die Homoehe, Herr Beckstein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich war einer derjenigen, die nach Karlsruhe gegangen sind. Heute wei&amp;szlig; ich: Die systematische Diskriminierung der Homosexuellen war eine schlimme Verirrung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Geht es bei Ihrer Freundschaft immer nur um Politik?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Eigentlich schon.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth: &lt;/strong&gt;Und um Fu&amp;szlig;ball! Da haben seine Parteifreunde ihm mal was angetan. G&amp;uuml;nther war Ministerpr&amp;auml;sident und kam zum Spiel nach Augsburg. Augsburg hat die Farben Rot und Gr&amp;uuml;n. Das gef&amp;auml;llt mir nat&amp;uuml;rlich. Kommt der G&amp;uuml;nther mit einem Schal, an den unten noch zwei Zentimeter in Schwarz nachgestrickt waren. So peinlich! &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ist echte Freundschaft &amp;uuml;ber die Parteigrenzen hinweg &amp;uuml;berhaupt m&amp;ouml;glich?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Eher sogar als innerhalb der Partei. Angenommen, ich stehe am Abgrund und bin im Begriff runterzufallen. Ein Freund w&amp;uuml;rde mich auf eigene Gefahr retten. Ein politischer Freund wirft einen hinunter. In einer Partei hat man gemeinsame Interessen, aber man liebt sich nicht. Da herrscht Wettbewerb. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Nat&amp;uuml;rlich gibt es Leute in meiner Partei, denen f&amp;uuml;hle ich mich nahe. Aber so richtig enge, pers&amp;ouml;nliche Freundschaften kann ich an einer Hand abz&amp;auml;hlen. Es gibt welche, die merken, wenn es dir nicht gut geht, ohne dass du etwas sagst. Die dann f&amp;uuml;r dich kochen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Als Frau Roth die Politband &amp;raquo;Ton Steine Scherben&amp;laquo; managte, da waren Sie, Herr Beckstein, gerade auf dem Weg ins Innenministerium. Hatten Sie nie eine rebellische Phase?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich bin heute noch rebellisch! Es ist ja bekannt, dass ich mal bei einer Stra&amp;szlig;enblockade der Jungen Union in N&amp;uuml;rnberg mit dabei war. Protest gegen den Abriss des Mauerdenkmals. Aber das waren sehr brave Veranstaltungen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Innerhalb der Partei warst du schon eine Art Rebell.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Sagen wir mal so: Als ich junger Abgeordneter war, habe ich nicht immer darauf geachtet, was karrieref&amp;ouml;rderlich ist. Ich war zum Beispiel gegen den Kreuther Trennungsbeschluss, der 1976 die Abspaltung der CSU von der CDU markierte. Strau&amp;szlig; hatte damals alle wissen lassen, wer nicht f&amp;uuml;r mich ist, also f&amp;uuml;r die Trennung, der ist mein Todfeind.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Die CSU versucht ja nach wie vor, uns krampfhaft in eine bestimmte Ecke zu stellen. Vor ein paar Jahren gab es ein spektakul&amp;auml;res CSU-Plakat, das mich bei einer Sitzblockade in Gorleben zeigte. In meiner Partei hie&amp;szlig; es nur: Claudia, da bist du aber gut getroffen! Das hat uns eher gen&amp;uuml;tzt. Die plumpe Diffamierung funktioniert eben heute nicht mehr. Oder Stuttgart 21, da hie&amp;szlig; es vom Dobrindt, die Gr&amp;uuml;nen haben Steine geworfen. Dann stellte sich heraus, dass es Kastanien waren.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Leiden Sie beide mit dem anderen, wenn es mal nicht so l&amp;auml;uft?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Einmal hab ich mich furchtbar aufgeregt: Da war der G&amp;uuml;nther gerade Ministerpr&amp;auml;sident und gab einen Neujahrsempfang, dein erster Empfang mit deiner Frau, erinnerst du dich? Es war kalt, die Schlange sehr lang, ich hab mich ganz normal angestellt, und ich glaube, ich stand zweieinhalb Stunden. Ich hab dann zum G&amp;uuml;nther gesagt, wei&amp;szlig;t du eigentlich, was da drau&amp;szlig;en f&amp;uuml;r eine miese Stimmung ist? Man h&amp;auml;tte den Leuten Tee bringen oder dir sagen m&amp;uuml;ssen, Herr Beckstein, reden Sie nicht mit allen so lang, lassen Sie die Leute durch und halten Sie eine Rede an alle. Da haben seine eigenen Leute ihn nicht informiert. Die haben ihn ins Messer laufen lassen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Das war eine Fehleinsch&amp;auml;tzung meiner Leute. Das war keine b&amp;ouml;se Absicht. &lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Ich bin mir da nicht so sicher. Ich fand den Umgang mit dem Politiker G&amp;uuml;nther Beckstein in seiner eigenen Partei ziemlich sch&amp;auml;big. Wie jemand allein verantwortlich gemacht wird f&amp;uuml;r eine Wahl, die nicht so gut ausging, wie man es gewohnt war. Da geht&amp;rsquo;s zum Teil schon brachial zu. Ich bin da &amp;uuml;berhaupt nicht objektiv, sondern wirklich Freundin. Und denke, was glauben die eigentlich? Soll ich da mal hin, und peng?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Herr Beckstein, wie haben Sie die Urwahl der Gr&amp;uuml;nen mitbekommen, als Frau Roth nur 20 Prozent bekam? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein&lt;/strong&gt;: Ich war total &amp;uuml;berrascht, dass Frau G&amp;ouml;ring-Eckardt die meisten Stimmen unter den Frauen bekam. Dass Claudia so schlecht abschnitt, hat mich sehr getroffen. So gemein kann eine Partei also mit ihrer Vorsitzenden umgehen, war mein erster Gedanke. Da lebt Claudia f&amp;uuml;r diese Partei, sie wird als Vorsitzende f&amp;uuml;r jede Arbeit gebraucht, dann diese Klatsche, ungerecht. Aber ich dachte auch, schau an, die Gr&amp;uuml;nen werden auch in Deutschland ein St&amp;uuml;ck b&amp;uuml;rgerlich, Herr Kretschmann l&amp;auml;sst gr&amp;uuml;&amp;szlig;en.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Erst einmal danke ich dir von Herzen f&amp;uuml;r deinen wunderbaren Beitrag auf heute.de, wo du mich zum Weitermachen ermuntert hast. Das hat mich wirklich ber&amp;uuml;hrt. Es war nicht bitter, dass ich verloren habe, sondern wie. Umso mehr hat mich der Zuspruch auf dem Parteitag bei meiner Wiederwahl als Parteivorsitzende gefreut. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Das Macho-Denken&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54705.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn Sie beide Artikel &amp;uuml;ber sich lesen, m&amp;uuml;ssen Sie oft ordentlich einstecken. Verbindet Sie das?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; &amp;Uuml;ber Claudia ist ja so von oben herab geschrieben worden, als wenn sie ein dummes M&amp;auml;uschen w&amp;auml;re. Dabei ist sie jemand, der mit gro&amp;szlig;er Ernsthaftigkeit f&amp;uuml;r Dinge einsteht. Ich habe oft gesagt, dass man so mit jemandem nicht umgehen kann. Da hab ich nie die leiseste Hemmung gehabt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie erkl&amp;auml;ren Sie sich diese H&amp;auml;me?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Das liegt schon daran, dass die Gr&amp;uuml;nen so lange kriminalisiert wurden. Hinzu kommt das Macho-Denken: allein dass sie blond ist und h&amp;uuml;bsch aussieht. Da glauben die Leute, dass sie keinen Verstand hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie, Herr Beckstein, werden in den Medien eher von der linken Seite angegriffen, Sie dagegen, Frau Roth, am liebsten vom eigenen Milieu.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Es sind bestimmte M&amp;auml;nner, die so eine Person wie mich &amp;uuml;berhaupt nicht ertragen k&amp;ouml;nnen. Bei Wiglaf Droste war das so schlimm, dass politische Freunde wie J&amp;uuml;rgen Trittin gesagt haben, bitte lies heute diesen Artikel nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber dann liest man ihn doch erst recht, oder nicht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Nein, den Text habe ich dann wirklich nicht gelesen, erst sp&amp;auml;ter. Das war &amp;uuml;bel. &lt;strong&gt;Beckstein&lt;/strong&gt;: Das war unter aller Sau! &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kennen Sie das auch, Herr Beckstein, &amp;raquo;friendly fire&amp;laquo;? Vom &lt;em&gt;Bayernkurier &lt;/em&gt;beispielsweise?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein: &lt;/strong&gt;Ich will mich da nicht beschweren. Bis zu meiner Wahl 2008 hat mich der Bayernkurier freundlich begleitet. Was mich sehr besch&amp;auml;ftigt, ist, wie die DVU meinen alten Vater mal instrumentalisiert hat, als er schon 90 war und nicht mehr alles mitgekriegt hat. Aber im Parteibereich ist die Solidarit&amp;auml;t bis 2008 gro&amp;szlig; gewesen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Ich bin ja wirklich nicht CSU-nah, aber wenn ein Bischof, der jetzt der Chef der Inquisition in Rom ist, sagt, in Bayern darf kein Protestant Ministerpr&amp;auml;sident werden, rege ich mich auf. Das ist eine Intrige. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie halten Sie diese Angriffe aus? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Fr&amp;uuml;her fand ich es unm&amp;ouml;glich, dass Kanzler Kohl sagte, am Montag lese ich den &lt;em&gt;Spiegel&lt;/em&gt; nicht. Jetzt verstehe ich es. Bei mir achten Mitarbeiter darauf, dass ich bestimmte Sachen nicht zu lesen kriege. Wenn es um Einsatz f&amp;uuml;r Muslime geht, bist du die Fatima. Als ich G&amp;uuml;nther mal erz&amp;auml;hlt habe, was da f&amp;uuml;r Drohungen kamen, zum Beispiel ins Haus meiner Eltern, hat er sich daf&amp;uuml;r eingesetzt, dass das BKA kam und guckte, wie man mein Haus sichern k&amp;ouml;nnte. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Das hatte allerdings gar nichts mit Freundschaft zu tun, sondern mit der Amtspflicht. Wenn jemand so angegriffen wird, muss der Staat ihn sch&amp;uuml;tzen. Ich habe meinen Leuten gesagt: Stellt euch vor, das w&amp;auml;re ich, dann wisst ihr, mit welcher Intensit&amp;auml;t ihr das aufzukl&amp;auml;ren habt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was waren das f&amp;uuml;r Drohungen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Tage- und n&amp;auml;chtelang anonyme Anrufe, da hat mein Vater noch gelebt. Das war f&amp;uuml;r ihn das Schlimmste. Wochenlang kam jeden Tag irgendein Paket, aus dem Pornoshop, Waffenzeugs, da kriegst du einen Schuhkarton. und da ist Schei&amp;szlig;e drin. Was da mit meiner Mutter los war! Das war richtiger Terror, sogar in die Praxis meiner Schwester kamen Drohbriefe. Dann bin ich aus Babenhausen weggezogen, nach Augsburg.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Herr Beckstein, wie haben Sie Ihren R&amp;uuml;cktritt verkraftet? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich reagiere v&amp;ouml;llig anders als Roth. Ich lese alles, habe immer alles gelesen, habe mich auch furchtbar ge&amp;auml;rgert dr&amp;uuml;ber, aber ich habe die F&amp;auml;higkeit, die Gef&amp;uuml;hle einfach abzuschalten und nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das geht, einfach so?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Das ist keine Temperamentsfrage, das kann man lernen. Der Innenminister ist ja vielen Bedrohungen ausgesetzt. Entweder lernt man, damit umzugehen, oder es ver&amp;auml;ndert das Leben auf unangenehme Art. Meine Kinder sind allein in die Schule gegangen, denn Kinder von Politikern sind in Deutschland nie attackiert worden. Wir wollten ein normales Leben f&amp;uuml;hren. Die Gefahr, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, ist gr&amp;ouml;&amp;szlig;er als bei einem Attentat. Das sage ich, obwohl ich Wolfgang Sch&amp;auml;uble bestens kenne. Und Lafontaine auch miterlebt habe. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Roth: &lt;/strong&gt;Angst habe ich auch keine. Nur vor Kakerlaken in Afghanistan. Aber ich habe keinen Schutzschild gegen Kr&amp;auml;nkungen. G&amp;uuml;nther, gab&amp;rsquo;s f&amp;uuml;r dich jemals eine Situation, in der es dir reichte? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich versuche zwar, als Christ zu leben. Aber das Alte Testament, Auge und Auge, Zahn um Zahn, wird von mir hoch verehrt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Also du gehst in die Offensive? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ja! Jede Gemeinheit wird mit einer gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren Gemeinheit beantwortet. &lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Da muss ich mal Nachhilfe nehmen. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich hab mich schon unfair angegriffen gef&amp;uuml;hlt und mit Unversch&amp;auml;mtheiten geantwortet, sodass meine Frau mir den Marsch geblasen hat. Das hat mir dann auch wieder gutgetan. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Bei mir ging es so an die Substanz, an die eigene Wertsch&amp;auml;tzung, die Achtung vor mir selber. Da habe ich mich gefragt, wie lang tust du dir das noch an? Parteitag in Rostock, Afghanistan-Entscheidung, f&amp;uuml;r uns eine der schwierigsten. Heribert Prantl hat in der SZ geschrieben: &amp;raquo;Gr&amp;uuml;n, Gr&amp;uuml;n, Olivgr&amp;uuml;n.&amp;laquo; Fritz Kuhn bat mich, im Bundesvorstand die Rede f&amp;uuml;r den Einsatz zu halten. Das muss die Roth von links machen, dachte er. Ich sollte die innerparteiliche Opposition &amp;uuml;berzeugen. Aber es war eine meiner schwersten Reden, ein unglaublicher Druck: Wie schaffe ich es, dass die Partei sich nicht spaltet? Ich hab bis morgens um f&amp;uuml;nf im Hotelzimmer gearbeitet, um sieben kam Frithjof Schmidt, ein echter Freund, dem hab ich die Rede vorgelesen. Ab acht kamen st&amp;auml;ndig Anrufe von Parteifreunden, die mir Mut zugesprochen haben. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Und das kam Ihnen verd&amp;auml;chtig vor?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Allerdings. Da dachte ich, da muss was in der Zeitung stehen. Auf der Titelseite der TAZ war ein Foto von mir im knatschroten Samtkleid aus Bayreuth, und meine pinkfarbene Stola dar&amp;uuml;ber hatten sie gr&amp;uuml;n koloriert. Drunter stand: &amp;raquo;Die Gurke des Jahres.&amp;laquo; Die ganzen Delegierten hatten die TAZ in der Hand. Da hab ich gesagt, nein, ich kann da nicht raus. Meine Mutter rief an und regte sich dar&amp;uuml;ber auf, dass die eingef&amp;auml;rbte Stola nicht harmonieren w&amp;uuml;rde. Irgendwie bin ich dann doch auf die B&amp;uuml;hne. Aber an dem Tag habe ich mir wirklich &amp;uuml;berlegt hinzuwerfen. Am n&amp;auml;chsten Tag kam eine Eilsendung von einer Gurkenfirma aus dem Spreewald: dass die Gurke etwas ganz Tolles sei.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Wenn ich gekr&amp;auml;nkt oder beleidigt bin, sagt meine Frau zu mir, ach, sei doch nicht so wehleidig, was hast du anderen schon angetan? Es besch&amp;auml;ftigt mich bis heute, dass ich die Stichwahl in der OB-Wahl in N&amp;uuml;rnberg verloren habe, obwohl ja N&amp;uuml;rnberg immer Rot war und ich das erste Mal &amp;uuml;berhaupt in die Stichwahl gekommen bin. Meine Frau hat schon damals gesagt, jetzt f&amp;uuml;hr dich nicht so auf, in der Demokratie geh&amp;ouml;rt das dazu, dass einer verliert. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wer sagt Ihnen so was, Frau Roth?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Das ist das Problem: Wenn ich nach Hause komme, wartet da niemand auf mich, mit dem ich gleich den Tag durchsprechen kann. Daf&amp;uuml;r habe ich meine Familie, meine Schwester, meine engen Freunde. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Ich bin dankbar, dass ich so jemanden habe. Meine Frau himmelt mich nicht an, ist kritisch, sie ertr&amp;auml;gt das ganze Leben mit, das ich ihr aufzwinge, aber sie ist auf meiner Seite. Wenn meine Frau mit zu Veranstaltungen gegangen ist, hat sie gesagt, was schlecht war. Und manchmal hat sie mich au&amp;szlig;erordentlich gelobt, was sich so anh&amp;ouml;rte: Heute warst du gar nicht mal schlecht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist die Partei auch Familie?&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Die Partei ist eher Heimat. Ein entscheidender Teil meines Lebens. Ich habe sie ja auch mitpr&amp;auml;gen k&amp;ouml;nnen. Aber Familie ist etwas anderes. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein: &lt;/strong&gt;Familie ist eine andere Dimension. Familie bedeutet, dass man zu jemandem steht, auch wenn er etwas ganz Falsches macht. Angenommen, eines meiner Kinder w&amp;uuml;rde Drogen nehmen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Oder einen Gr&amp;uuml;nen heiraten. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Es gibt noch Schlimmeres. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Roth:&lt;/strong&gt; Einen Katholiken. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Genau. Man w&amp;uuml;rde immer zur Familie stehen. Ich w&amp;uuml;rde es aber f&amp;uuml;r gef&amp;auml;hrlich ansehen, wenn man das in der Partei genauso halten w&amp;uuml;rde. Da muss man streiten. Daf&amp;uuml;r sorgen, dass es korrekt zugeht. Es ist notwendig, dass nicht Freundschaften oder Seilschaften eine Partei pr&amp;auml;gen, sondern der Wettstreit um Qualit&amp;auml;t. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Von Ihnen, Frau Roth, wei&amp;szlig; man, dass Sie weinen k&amp;ouml;nnen. Wie ist das mit Ihnen, Herr Beckstein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckstein:&lt;/strong&gt; Aus Zorn heule ich lieber nicht. Aber nie vergessen werde ich den 9. November, als die Mauer gefallen ist. Ich war an der Spitze eines ungeheuren Trabbi-Stroms in Hirschberg/ Rudolphstein. Als wir am bayerischen Grenz&amp;uuml;bergang gehalten haben, sind mir wildfremde Menschen in die Arme gefallen. Da war ich zu Tr&amp;auml;nen ger&amp;uuml;hrt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Claudia Roth&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;beruft sich gern auf ihre wilden Zeiten als Managerin      der Polit-Rockband &amp;raquo;Ton Steine Scherben&amp;laquo; von 1982 bis 1985. Sie      lebte in der &amp;raquo;Scherben&amp;laquo;-Kommune in Fresenhagen. Was sie auch noch war: Als Kind      linksliberaler Eltern 1955 in Ulm geboren, geh&amp;ouml;rte sie zun&amp;auml;chst den      Jungdemokraten an. Nach dem Abitur (Note 1,7) studierte sie Theaterwissenschaft      in M&amp;uuml;nchen, arbeitete von 1975 bis 1977 als Dramaturgin an den St&amp;auml;dtischen      B&amp;uuml;hnen Dortmund und gr&amp;uuml;ndete mit Freunden ein freies Theater.      1985 bewarb sie sich als Pressesprecherin der gr&amp;uuml;nen Bundestagsfraktion.      1989 wurde sie ins Europ&amp;auml;ische Parlament gew&amp;auml;hlt, wechselte      1998 in die Bundespolitik und geh&amp;ouml;rt seit 2001 zur Parteispitze      der Gr&amp;uuml;nen. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Dr. G&amp;uuml;nther Beckstein&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;praktizierte 15 Jahre lang als      Rechtsanwalt in seiner eigenen Kanzlei, promovierte 1975 zum Dr. jur.      und ist seit 1973 Mitglied der CSU. 1988 wurde der gl&amp;auml;ubige Protestant      Beckstein Staatssekret&amp;auml;r des Innern, ab 1993 Staatsminister      f&amp;uuml;r Inneres in Bayern unter Edmund Stoiber. Beckstein galt als      Hardliner, denn er bef&amp;uuml;rwortete den gro&amp;szlig;en Lauschangriff und stand      f&amp;uuml;r ein scharfes Asylrecht. Seit 2001 war er Stoibers Stellvertreter und von 2007 bis 2008 kurzfristig sein Nachfolger als      Ministerpr&amp;auml;sident&lt;br /&gt;von Bayern. &lt;/em&gt;&amp;nbsp;   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Alle Meinungen, die Claudia vertritt, halte ich für falsch« – »Geht mir genauso mit dir!«</dc:subject>
    <dc:creator>Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-12-19T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39041">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39041</link>
    <title>Ich und er</title>
    <description>&lt;p&gt;Oskar Lafontaine und Gerhard Schr&amp;ouml;der: H&amp;ouml;chste      Zeit, dass sich die zwei Kontrahenten aussprechen. Doch zum Treffen kam      nur einer.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54521.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&amp;Uuml;ber Lafontaine wurde oft gesagt, er sitze zwischen allen St&amp;uuml;hlen. Jetzt      l&amp;auml;sst er extra einen frei - aber kein Gerhard Schr&amp;ouml;der in Sicht.   Doch, es funktioniert noch immer, das Lafontaine-Ph&amp;auml;nomen. Sogar im Nahversuch. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Oskar Lafontaine sitzt vor wei&amp;szlig;-gest&amp;auml;rktem Tischtuch in Saarbr&amp;uuml;ckens feinstem Italiener, dem &amp;raquo;Roma&amp;laquo; in der Hafenstra&amp;szlig;e. Vorspeise: &amp;raquo;Duetto vom Thunfischtatar und Schwertfischcarpaccio&amp;laquo;. Dazu gut gek&amp;uuml;hlten Sancerre und eine mittelgro&amp;szlig;e Lafontainsche Ereiferung &amp;uuml;ber das Wort Staatsschuldenkrise: &amp;raquo;Was f&amp;uuml;r ein L&amp;uuml;genwort! Wir haben doch keine Staatsschuldenkrise. Wir haben eine Bankenkrise, die eine gewaltige Umverteilung von unten nach oben bedeutet. Gewinne werden privatisiert, Schulden sozialisiert!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Schon in seinen Jugendjahren hat er Texte dazu verfasst, dass Sprache von den Machtstrukturen bestimmt ist, und wie man mit den Begriffen auch die Logik und die Ideologie &amp;uuml;bernimmt, solche Sachen. Aber jetzt erst sieht er die Zusammenh&amp;auml;nge wirklich ganz deutlich, sagt er.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Arbeitnehmer und Arbeitgeber, damit f&amp;auml;ngt es ja schon an. Die, die ihre Arbeit geben, werden als Arbeitnehmer bezeichnet. Da gibt es dann also den Arbeitgeber, den g&amp;uuml;tigen Patron, der gibt dir die Arbeit. Danke, lieber Onkel, hast mir die Arbeit gegeben. In Wahrheit gebe ich dem ja meine Arbeit. Und er gibt mir nur einen Teil des Geldes, das mir zusteht. Den Rest sackt der ein. Solange wir Kapitalismus sagen, werden wir nicht verstanden. Wenn wir aber sagen, wir leben in einer Gesellschaft, in der eine Minderheit dadurch reich wird, dass sie die Mehrheit f&amp;uuml;r sich arbeiten l&amp;auml;sst, dann kapieren das die Leute.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Lafontaine-Ph&amp;auml;nomen geht so: Man ist kein bisschen Sympathisant der Linken, eigentlich auch nicht einmal mehr SPD-W&amp;auml;hler, seitdem die SPD gar nicht mehr sozialdemokratisch ist. Dann spricht Oskar Lafontaine im Fernsehen oder, noch besser, in einem Saal, neokeynesianistisches, vulg&amp;auml;rmarxistisches Zeug, wie man zur Abwehr gerne denkt. W&amp;auml;hrend er aber spricht, muss man andauernd nicken. Viele, denen das neoliberale Zeitalter Verstand und Herz noch nicht ganz kaltgemacht hat, haben sich schon dabei ertappt. Willy Brandt hat nach einer Rede von Lafontaine einmal gesagt: &amp;raquo;Es war, als ob man Jesus &amp;uuml;ber die Saar hat kommen sehen.&amp;laquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es funktioniert in S&amp;auml;len noch besser als in Talkshows. Und im Nahversuch also auch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und jetzt soll das aus und vorbei sein? Weil Oskar Lafontaine nur noch hier im Saarland eine Weile den Oppositionsf&amp;uuml;hrer gibt f&amp;uuml;r die Linken? F&amp;uuml;r eine kleine Landespartei in einem Bundesland, das 7000 Einwohner weniger hat als K&amp;ouml;ln? Mit diesem kleinen B&amp;uuml;ro im Landtagsflur ganz hinten rechts? Mit der neuen, jungen Frau, Sahra Wagenknecht. Und einem kleinen Privathaus, das schon fast nicht mehr in Deutschland liegt? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Von der Terrasse aus kann man nach Frankreich r&amp;uuml;berblicken. Napoleon von der Saar im Austragsh&amp;auml;usl. Unvollendet. Gescheitert. N&amp;auml;chstes Jahr wird er 70. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und es gibt kein Zur&amp;uuml;ck mehr in die Bundespolitik?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Nach menschlichem Ermessen nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was immer das hei&amp;szlig;t: nach menschlichem Ermessen. Aussehen und argumentieren tut er vollkommen anders: fit, entspannt, angriffslustig, gesund.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gesund? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Es war ja Krebs, wissen Sie ja. Wenn man die Prostata bei der Operation ganz rauskriegt, und es ist nichts durchgekommen, passiert da nichts. Da ist man auf der sicheren Seite.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es kommt die Hauptspeise, der Babysteinbutt. Sieht gut aus. Es kommen die Honora-tioren der Stadt. Lafontaine kennt offenbar  jeden in diesem Lokal. Sie n&amp;auml;hern sich respektvoll, freundschaftlich, fast h&amp;ouml;fisch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir wollen &amp;uuml;ber die SPD reden. Muss sich Geschichte eigentlich immer wiederholen? Aufgestellt wird ein Kandidat der Mitte wie Peer Steinbr&amp;uuml;ck, mit der Idee, dass der mehr W&amp;auml;hler fischt als ein Linker. Ist der Kandidat dann gew&amp;auml;hlt und Kanzler, schaltet die SPD-Linke um auf Opposition und bek&amp;auml;mpft ihren eigenen Kanzler als viel zu rechts. So haben sie es mit Hermann M&amp;uuml;ller-Franken gemacht in der Weimarer Republik, mit Helmut Schmidt in der Bonner Republik, mit Gerhard Schr&amp;ouml;der in Berlin. Bei den letzten beiden hatte Oskar Lafontaine entscheidenden Anteil am Geschehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Aber mit Steinbr&amp;uuml;ck wird es nicht so kommen. Weil er gar nicht Kanzler wird. Weil die SPD ja keine Strategie mehr daf&amp;uuml;r hat, den Kanzler zu stellen. Weil sie sich festgebissen hat in der Ablehnung der Linken. Es ist ja auch ziemlich gleichg&amp;uuml;ltig, ob Steinbr&amp;uuml;ck der Kanzler ist oder Angela Merkel. Steinbr&amp;uuml;ck k&amp;ouml;nnte genauso gut in der CDU sein. Dieses Urteil mache ich mir nicht leicht, ich habe sein letztes Buch sorgf&amp;auml;ltig studiert. Da gibt es keinen Unterschied. Steinbr&amp;uuml;ck ist lebendiger als Redner, rhetorisch besser. Aber die Rechnung, wir stellen jetzt einen Mann auf, der dasselbe erz&amp;auml;hlt wie Merkel, und dann werden wir gewinnen, wird nicht aufgehen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zum Wohl. Weiter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Die SPD wird ein Ergebnis unter 30 bekommen und deutlich auf Platz zwei landen. Dann kann sie den Vizekanzler stellen. Und wenn sie mit der FDP was versucht, dann kann sie sich endg&amp;uuml;ltig verabschieden als sozialdemokratische Partei, was sie nach meiner Ansicht l&amp;auml;ngst getan hat. Die Ernsthaftigkeit, etwas durchsetzen zu wollen, fehlt ja v&amp;ouml;llig. Schr&amp;ouml;der wollte zumindest noch die Macht. Er war ja auf seine Art, das hat mir immer imponiert, auch ehrlich. Einmal habe ich zu ihm gesagt: Was willst du eigentlich? Sag mir mal, was du eigentlich willst. Da sa&amp;szlig;en wir, so wir jetzt hier sitzen, zu zweit, und es ging um inhaltliche Dinge. Und seine Antwort war: &amp;rsaquo;Ich will die Macht und die Kohle.&amp;lsaquo; Die Macht und die Kohle. So war der. Und das ist ja auch, was ich an ihm gesch&amp;auml;tzt habe. Er hat in dieser etwas merkw&amp;uuml;rdigen Brutalit&amp;auml;t immer gesagt, was er denkt und will. Er war bereit, jede Volte zu schlagen, um die Macht zu erreichen. Seitdem er weg ist, sind die Nachfolger noch nicht einmal dazu in der Lage.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gerhard Schr&amp;ouml;der also. Gerhard Schr&amp;ouml;der und Oskar Lafontaine, noch ein nicht zu Ende erz&amp;auml;hltes Kapitel sozialdemokratischer Geschichte. Leider bekommt man die beiden einfach nicht an einen Tisch. Eines Tages wird es ausgehen wie bei Willy Brandt und Helmut Schmidt. Dann gewinnt am Ende der, der l&amp;auml;nger lebt. Deutungshoheit nennt man das.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Dabei haben wir es versucht.&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54523.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Einst waren wir K&amp;ouml;nige: Oskar Lafontaine und Gerhard Schr&amp;ouml;der im August      1997, w&amp;auml;hrend eines Waldspaziergangs im Saarland. Hier entstand die      Legende einer M&amp;auml;nnerfreundschaft, die es in Wahrheit nie gab. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dabei haben wir es versucht. &lt;em&gt;ZEITmagazin &lt;/em&gt;und &lt;em&gt;SZ-Magazin&lt;/em&gt; haben gemeinsam die alten Konkurrenten Oskar Lafontaine und Gerhard Schr&amp;ouml;der um ein Treffen gebeten. Geplant war ein Wiedersehen, ein Gespr&amp;auml;ch &amp;uuml;ber die K&amp;auml;mpfe, die vielleicht ja lang genug her sein k&amp;ouml;nnten. Waren sie nicht. Schr&amp;ouml;der hat sofort abgesagt, mit einem sehr n&amp;uuml;chternen Brief. Kein Interesse, auch nach Jahren nicht. Lafontaine hat zugesagt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Neulich an der Universit&amp;auml;t G&amp;ouml;ttingen h&amp;auml;tte es beinahe einen Showdown gegeben. Der Verein f&amp;uuml;r Socialpolitik hatte Schr&amp;ouml;der eingeladen, &amp;uuml;ber &amp;raquo;10 Jahre nach der Agenda 2010&amp;laquo; zu sprechen. Und der Arbeitskreis Real World Economics hatte am gleichen Tag Oskar Lafontaine eingeladen zum Thema &amp;raquo;10 Jahre Agenda 2010: Eine kritische Bestandsaufnahme&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als die Studenten sagten, Lafontaine k&amp;ouml;nne ja erst mal r&amp;uuml;ber in den anderen H&amp;ouml;rsaal gehen zu Schr&amp;ouml;der, hat er gedacht: Ja, okay, das mache ich. Und wenn ich reinkomme, gehe ich mal zu ihm hin und gebe ihm die Hand. Er wollte Schr&amp;ouml;der einfach provozieren. Dann hat er aber nicht gesehen, dass der schon vorne in der ersten Reihe sa&amp;szlig;. Also hat er sich hinten in die Reihe 13 rechts an den Rand gesetzt und gewartet, dass Schr&amp;ouml;der reinkommt. Der stand aber pl&amp;ouml;tzlich vorne auf und hielt seine Lobrede auf die eigene Agenda. Einen Halbsatz hat er in Richtung seines ehemaligen Parteichefs und Finanzministers gesagt: Leider verliere man &amp;raquo;den einen oder anderen Unterst&amp;uuml;tzer&amp;laquo;, das m&amp;uuml;sse man in Kauf nehmen, wenn man als Reformer unpopul&amp;auml;re Entscheidungen trifft. Kein Gru&amp;szlig;, kein Augenkontakt, kein Austausch der Argumente.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Lafontaine sagt: &amp;raquo;Er wird sich mir nicht stellen, weil er wei&amp;szlig;, er kommt argumentativ nicht durch.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hat er denn da in G&amp;ouml;ttingen nur Zorn empfunden oder sich auch mal den folgenden Gedanken erlaubt? Wenn Gerd Schr&amp;ouml;der und ich noch mal zusammen rank&amp;ouml;nnten zur n&amp;auml;chsten Bundestagswahl, wir w&amp;uuml;rden es schon rei&amp;szlig;en. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Oskar Lafontaine sieht aus wie fr&amp;uuml;her, wenn er lachen muss, wie vor 20 Jahren. Dann sagt er: &amp;raquo;Gut. Wenn das die Frage ist: Ja. Ich glaube, das w&amp;uuml;rden wir. Wir waren ein gutes Wahlkampfgespann. Schr&amp;ouml;der ist ein exzellenter Wahlk&amp;auml;mpfer mit hervorragenden Qualit&amp;auml;ten. Die Klarsicht, das anzuerkennen, muss man sich behalten, auch nach Zerw&amp;uuml;rfnissen. Erg&amp;auml;nzt mit meinen F&amp;auml;higkeiten w&amp;uuml;rden wir in jedem Fall &amp;hellip;&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Man kann sehen, wie sehr er sich jetzt zur&amp;uuml;cknehmen muss, um den Satz so zu vollenden: &amp;raquo;&amp;hellip; die viel gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren Chancen haben als die jetzigen F&amp;uuml;hrungspersonen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann stochert Lafontaine ein bisschen ratlos in seinem Babysteinbutt herum und sagt: &amp;raquo;Gerd Schr&amp;ouml;der hat in mir immer den &amp;auml;lteren Bruder gesehen. Das w&amp;uuml;rde er heute zwar bestreiten, aber daf&amp;uuml;r gibt es gen&amp;uuml;gend Zeugen. Dann kam das Trommelfeuer der Medien: Schr&amp;ouml;der ist der Schauspieler auf der B&amp;uuml;hne und Lafontaine der Regisseur dahinter, der alles macht. Und das hat er nat&amp;uuml;rlich nicht verkraftet, was ich menschlich sogar verstehe, aber trotzdem politisch nicht billige. Und dann kam die Kehrtwende hinter meinem R&amp;uuml;cken, regelrecht hinter meinem R&amp;uuml;cken.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein Bruderkrieg also. Ein Kindheitsmuster? Oskar Lafontaine hat einen &amp;ndash; um wenige Minuten erstgeborenen &amp;ndash; Zwillingsbruder Hans. Im Saarland erz&amp;auml;hlen die Klassenkameraden noch heute davon, wie der vergleichsweise kurzbeinige Oskar die 400 Meter im Wettkampf unbedingt schneller laufen wollte als sein langbeiniger Zwillingsbruder. Lafontaine, das ist das Komische, glaubt heute noch, dass er tats&amp;auml;chlich auch der Schnellere war. M&amp;ouml;glicherweise gibt es ja so etwas wie den Politik anfeuernden, aber auch sch&amp;auml;digenden Wiederholungszwang, den Bruder niederk&amp;auml;mpfen zu m&amp;uuml;ssen: Reinhard Klimmt, Rudolf Scharping, Gerhard Schr&amp;ouml;der, Gregor Gysi &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich habe einen entscheidenden Fehler gemacht. In dem Moment, wo Schr&amp;ouml;der die Kanzlermacht hatte, waren mir die Karten aus der Hand genommen. Jetzt konnte er die Partei steuern und nicht mehr ich.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Da ist einer so lange und so erfolgreich in der Politik. Und kann nicht antizipieren, was Richtlinienkompetenz bedeutet in der Mediendemokratie?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Lafontaine sp&amp;uuml;rt sofort, wenn sein Gegen&amp;uuml;ber etwas nicht glauben oder nicht fassen kann. Und sagt: &amp;raquo;Ja, da kann man sich heute dr&amp;uuml;ber lustig machen, aber es war so. Ich war der Meinung &amp;ndash; und das war mein Irrtum &amp;ndash;, weil ich ihn zum Kanzler gemacht habe, wird er mir gegen&amp;uuml;ber im Sinne von Kameradschaftsehre sein Versprechen halten: Die wichtigen Entscheidungen machen wir gemeinsam.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; So wie sie es sich im Restaurant &amp;raquo;Ritter St. Georg&amp;laquo; in Braunschweig versprochen hatten?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Lafontaine nickt zufrieden. Er redet gern mit Menschen, die solche Details wissen, weil sie offenbar seine B&amp;uuml;cher gelesen haben. Und er benutzt seltsame Vokabeln: Kameradschaftsehre. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Als ich erlebt habe, wie er, sobald er Kanzler war, sich nicht mehr mit mir abgestimmt hat, war mir klar, wie es enden w&amp;uuml;rde.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seither ist Lafontaine links und hat immer recht. 2008, als Peer Steinbr&amp;uuml;ck im Bundestag sagte, der Finanzkapitalismus ist an die Wand gelaufen, die Dinge werden sich &amp;auml;ndern. Da hat er gesagt: Der Finanzkapitalismus ist zwar an die Wand gelaufen, aber ansonsten wird sich nichts &amp;auml;ndern, weil sich die neoliberalen Denkstrukturen &amp;uuml;ber Jahrzehnte halten. Neulich bei Maischberger ging es um den Euro. Da wurde Kohl eingespielt, 1998 im Bundestag: Der Euro ist stabil, alle Bef&amp;uuml;rchtungen sind Geschw&amp;auml;tz. Lafontaine hat nach Kohl gesprochen und ziemlich genau die jetzige Entwicklung prognostiziert. Auch bei der Wiedervereinigung hat er sich aus dem Fenster geh&amp;auml;ngt gegen die Mehrheitsmeinung. War links und behielt recht. Aber Politik haben die anderen gemacht. Weil er die Nerven verloren hat, ausgerastet ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Denkt er heute manchmal, er h&amp;auml;tte bleiben sollen trotz allem, h&amp;auml;tte versuchen sollen, die Dinge in seinem Sinn zu beeinflussen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ja, denke ich. Kann sein. Vielleicht w&amp;auml;re das besser gewesen. Dass das spontan war, ist teilweise richtig. Aber wenn der Kanzler &amp;uuml;ber die &lt;em&gt;Bild&lt;/em&gt;-Zeitung sagt, er kann die Politik des Finanzministers nicht mehr mittragen, gibt es ja nur zwei M&amp;ouml;glichkeiten: Entweder er geht oder der Finanzminister geht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Wenn er geblieben w&amp;auml;re ...&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54535.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;(Illustration: Antonio Prohias/E.C. Publications, Inc.)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und was w&amp;auml;re, wenn er geblieben w&amp;auml;re? Mehr linke Politik als heute? Erlaubt er sich solche Gedanken? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Nat&amp;uuml;rlich erlaube ich mir solche Gedanken. Wenn ich geblieben w&amp;auml;re, dann w&amp;auml;re sicher das eine oder andere korrigiert worden. Aber wie weit h&amp;auml;tte ich mich verbiegen m&amp;uuml;ssen? Es war ja bei meinem R&amp;uuml;ckzug schon erkennbar, in welchem Umfang das neoliberale Gedankengut die SPD verseucht hatte. Ich h&amp;auml;tte kaum eine Chance gehabt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und dann die Idee, &amp;uuml;ber die Partei der Linken die SPD wieder zu mehr sozialdemokratischer Politik zu bewegen. Hat nur ganz kurz funktioniert. Auch aus der Traum.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Das war ja mein Projekt&amp;laquo;, sagt er. Und dann, nach einer Weile: &amp;raquo;Das ist mein Projekt. Wir sind nur bei Weitem nicht so weit gekommen, wie ich das gerne h&amp;auml;tte.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In diesem seltsamen, etwas traurigen Augenblick kommt der S&amp;auml;nger Udo J&amp;uuml;rgens an Lafontaines Tisch, gut gelaunt, mit Gefolge: Er begr&amp;uuml;&amp;szlig;t Lafontaine. Sie plaudern eine Weile. Der Espresso wird kalt. Udo J&amp;uuml;rgens sagt schlie&amp;szlig;lich: &amp;raquo;Vollkommen unver&amp;auml;ndert! Wie beim letzten Mal, als wir uns sahen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und erst, als Udo J&amp;uuml;rgens schon fast wieder weg ist, sagt Lafontaine: &amp;raquo;Du aber auch. Unver&amp;auml;ndert!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gerade noch die Kurve bekommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was h&amp;auml;lt er von dem folgenden Gedanken? Vielleicht leidet die SPD immer schon an einer maskierten Schizophrenie, an dem unaufl&amp;ouml;sbaren und leider auch ewig unbehandelten Widerspruch zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik, daran, dass man als Juso vehement genau die sozialromantischen These vertritt, die man auf der Stelle vergessen und verraten muss, sobald man irgendwo praktische Verantwortung &amp;uuml;bernimmt. Vielleicht hatten Oskar Lafontaine und Gerd Schr&amp;ouml;der diese Schizophrenie ganz gut und geschickt heilsam unter sich aufgeteilt, auch die Wahlkampfthemen Innovation und Gerechtigkeit. Vielleicht &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Schr&amp;ouml;ders Agenda-Reformen waren schlicht ein Programm zur Verarmung der Mehrheit. Die Zahlen sind ja eindeutig.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber dem Land geht es doch sehr viel besser als allen um uns herum.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Gro&amp;szlig;e L&amp;uuml;ge. Wir haben, Zitat Schr&amp;ouml;der, &amp;rsaquo;den besten Niedriglohnsektor&amp;lsaquo;, das sind acht Millionen Menschen, die schlechte Arbeitsbedingungen haben. Wir haben einen 20-prozentigen Kaufkraftschwund der Renten. So was verkaufen Sozialdemokraten als Erfolg, da kann man sich nur noch an den Kopf fassen. Die SPD hat mit der SPD, in der ich gro&amp;szlig; geworden bin, nichts mehr zu tun.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es gibt eine Zeile bei Franz Josef Degenhardt: &amp;raquo;Aus Rache ist er reich geworden. In der Oberstadt &amp;hellip;&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Bourdieu hat geschrieben, dass der Aufsteiger nur dann aufsteigen kann, wenn er die Klasse, aus der er kommt, verr&amp;auml;t. Ich glaube, dass Gerd Schr&amp;ouml;der im tiefsten Inneren wei&amp;szlig;, dass er eigentlich seine eigene Herkunft verraten hat. Er ist ja so wie ich gro&amp;szlig; geworden, in noch schw&amp;auml;cheren Verh&amp;auml;ltnissen. Und er m&amp;uuml;sste irgendwann doch mal daran denken, dass seine Mutter, die ja Putzfrau war, heute noch schlechtere Arbeitsverh&amp;auml;ltnisse h&amp;auml;tte als damals. Ich muss ja nur zu Aldi gehen. Dann sehe ich den Niedriglohnsektor. Dann sehe ich die Niedrigrenten. Ich sehe, wie die jede Nudelschachtel dreimal umdrehen und &amp;uuml;berlegen, ob sie sie wirklich kaufen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Letzte Woche hatte Oskar Lafontaine ein Gespr&amp;auml;ch mit einem Rentner aus dem Dorf, in dem er neuerdings wohnt. Der hat ihm erst zugestimmt in vielen Dingen. Und dann hat er gesagt: &amp;raquo;Aber Sie wissen ja, von der Familie her, dass wir immer schwarz w&amp;auml;hlen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Lafontaine hat gesagt: &amp;raquo;Nee, wei&amp;szlig; ich nicht. Sie haben mir doch gerade erz&amp;auml;hlt, dass die Partei, die Sie immer w&amp;auml;hlen, Ihnen die Rente k&amp;uuml;rzt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Da hat der Mann gelacht und gesagt: &amp;raquo;Ja, eigentlich haben Sie recht. Wir sind wie die Schafe, die wir fr&amp;uuml;her hielten. Wenn ich gepfiffen habe, sind die Schafe gekommen. Und wenn ich sie dann zum Metzger geschickt habe, sind sie ganz fr&amp;ouml;hlich da reingegangen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Da war es dann also wieder, das Lafontaine-Ph&amp;auml;nomen.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt; &amp;#10163; Das Gegenst&amp;uuml;ck bei den Kollegen/Konkurrenten f&amp;auml;llt leider aus: Gerhard      Schr&amp;ouml;der war unter keinen Umst&amp;auml;nden zu einem Gespr&amp;auml;ch bereit. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Ich und er</dc:subject>
    <dc:creator>Evelyn Roll</dc:creator>
    <dc:date>2012-12-10T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38687">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38687</link>
    <title>Hört, Hört!</title>
    <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;&amp;Auml;hm&amp;laquo;, &amp;raquo;Nihilistischer P&amp;ouml;belhaufen&amp;laquo; oder&amp;raquo;Europ&amp;auml;ischer Rettungsschirm&amp;laquo;: Die Bundestags-Stenografen schreiben immer noch jedes Wort mit, das im Parlament f&amp;auml;llt. Zu Besuch bei Menschen, die es ganz genau nehmen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r Horst K&amp;ouml;hler war der 23. Mai 2009 ein Freudentag. Zum zweiten Mal war er zum Bundespr&amp;auml;sidenten gew&amp;auml;hlt worden. Am Ende seiner Ansprache hob er den Blick hinauf zur Besuchertrib&amp;uuml;ne, wo seine Frau sa&amp;szlig;, und sagte: &amp;raquo;Dir, Eva, m&amp;ouml;chte ich Danke sagen. Jede Stunde mit dir ist ein Geschenk.&amp;laquo; In allen Berichten &amp;uuml;ber die Rede wird dieser Satz zitiert. Tatsache aber ist: K&amp;ouml;hler hat den Satz nie gesagt.  &amp;raquo;Jede Stunde ist ein Geschenk mit dir.&amp;laquo; Diesen Satz hat er gesagt, grammatikalisch h&amp;ouml;chst fragw&amp;uuml;rdig.&amp;nbsp;An jenem 23. Mai 2009 sa&amp;szlig; Dr. B&amp;auml;rbel Heising mit Block und Bleistift im Bundestag und stenografierte K&amp;ouml;hlers Rede mit. Schon beim Mitschreiben, sagt sie heute, &amp;raquo;wusste ich, dass ich diesen Satz &amp;auml;ndern w&amp;uuml;rde&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Schreibtisch von Frau Heising in ihrem Reichstagsb&amp;uuml;ro wirkt so poliert, als wischte jemand alle paar Stunden Staub. Es ist kurz nach zwei Uhr, in einer halben Stunde werden Stenografen beginnen, bei ihr Texte abzuliefern, die sie kontrollieren wird. Zw&amp;ouml;lf Jahre lang hat sie als Stenografin gearbeitet, dann zw&amp;ouml;lf Jahre als Revisorin. Im letzten Jahr ist sie zur Endredakteurin aufgestiegen, der verantwortungsvollsten Aufgabe beim Stenografischen Dienst. Auf Heisings Visitenkarte steht &amp;raquo;Stenographischer Dienst&amp;laquo; mit &amp;raquo;ph&amp;laquo;. Auf den Karten ihrer Kollegen ist das Wort mit &amp;raquo;f&amp;laquo; geschrieben. Beruhigend, denkt man sich, dass auch bei Stenografen Raum ist f&amp;uuml;r Uneinheitlichkeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Aufgabe von Dr. Heising ist es, an diesem 159. Sitzungstag des Parlaments einen letzten strengen Blick auf die Redeprotokolle zu werfen, bevor sie gedruckt und archiviert werden. Die promovierte Germanistin sagt: &amp;raquo;Wir arbeiten mit Netz und doppeltem Boden.&amp;laquo; In gewisser Weise ist Heising der doppelte Boden. (Vermutlich w&amp;uuml;rde sie diesen Satz nicht durchgehen lassen.) Menschen wie Heising sorgen daf&amp;uuml;r, dass kein Wort verloren geht und dass die S&amp;auml;tze einen Feinschliff bekommen, denn viele Abgeordnete, Minister, Kanzler und Pr&amp;auml;sidenten reden, als g&amp;auml;be es keine Logik im Satzbau.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Heising und ihre Kollegen schreiben mit, wenn Angela Merkel redet, und wissen dann schon, dass sie an ihrer Rede mehr feilen m&amp;uuml;ssen als am Beitrag des parlamentarischen Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrers der FDP-Fraktion J&amp;ouml;rg van Essen. Ein Stenograf, der um Anonymit&amp;auml;t bittet, sagt: &amp;raquo;Die Sprache der Bundeskanzlerin, ja, also, die Bez&amp;uuml;ge der W&amp;ouml;rter der Bundeskanzlerin liegen manchmal neben der Norm.&amp;laquo; In den Protokollen der Stenografen werden die ungl&amp;uuml;cklichen Formulierungen der Kanzlerin auf Norm gebracht. Derselbe Stenograf freut sich, wenn van Essen vors Mikrofon tritt: &amp;raquo;Er beherrscht die freie Rede und tr&amp;auml;gt sch&amp;ouml;n gegliedert vor.&amp;laquo;  &lt;br /&gt; Stenografen verlieren selbst bei Schnellrednern nie den Anschluss: Ihre Kurzschrift, f&amp;uuml;r deren Beherrschung man mindestens zwei Jahre braucht, erm&amp;ouml;glicht ihnen das. Ein &amp;raquo;B&amp;laquo; etwa sieht aus wie der Griff eines Regenschirms. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Protokolle, die Heising und ihre meist studierten Kollegen anfertigen, werden im Keller des Bundestages archiviert. Wie lange? Heising lacht und sagt: &amp;raquo;Bis der Keller voll ist.&amp;laquo; Im vergangenen Jahr fertigten die Stenografen 8805 DIN-A-4-Seiten Protokoll an, aneinandergelegt sind das fast zwei Kilometer Papier. Sogar die Bl&amp;ouml;cke werden aufgehoben &amp;ndash; falls jemand behauptet, er habe dieses und jenes nie gesagt. &lt;br /&gt; An Tagen wie diesen, wenn Heising Texte lesen muss, die sich mit Globalisierung, Finanzkrisen und genmanipuliertem Gem&amp;uuml;se besch&amp;auml;ftigen, nimmt sie keine Zeitung mehr zur Hand und auch kein Buch. Sie geht dann nach der Arbeit spazieren oder einfach schlafen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Sie bildet inzwischen auch Stenografen-Anw&amp;auml;rter aus. Viele junge Menschen interessierten sich f&amp;uuml;r den Beruf. Ach ja? Im Zeitalter von Internet und E-Books? Heising versteht die &amp;Uuml;berraschung nicht: &amp;raquo;Im Bundestag geht es um das wirkliche Leben. Hier werden Entscheidungen getroffen, die jeden B&amp;uuml;rger betreffen.&amp;laquo; Dann klopft es an der T&amp;uuml;r. Hereingereicht wird ein erster Protokoll-Baustein vom Vormittag. &lt;br /&gt; Abgeordnetenreden, die unter anderem von Waltraud Plickert und Detlef Peitz stenografiert wurden. Plickert ist Stenografin, Peitz Revisor. An Sitzungstagen sind immer 16 Stenografen im Einsatz und acht Revisoren. Revisoren sind eine Art Kontrollinstanz. Sie schreiben auch mit &amp;ndash; aber nur, um sicherzustellen, dass die Stenografen richtig mitgeschrieben haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Um 10.30 Uhr Verabredung mit den Revisoren im B&amp;uuml;ro von Peitz. An der Wand h&amp;auml;ngt eine gro&amp;szlig;e Uhr, sie geht zwei Minuten vor, absichtlich. Stenografen schreiben jeweils immer f&amp;uuml;nf Minuten mit, Revisoren 25 Minuten. Ihre Aufgabe ist es, die Stenos von f&amp;uuml;nf Stenografen zu einem Ganzen zusammenzuf&amp;uuml;gen. Den Text erhalten dann Endredakteure wie B&amp;auml;rbel Heising. Es ist ein R&amp;auml;derwerk. Jeder hat die Uhr im Blick. Und jeder hat Ersatzkugelschreiber dabei. Frau Plickert an diesem Freitag zwei, Herr Peitz drei. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Heute ist Plickert f&amp;uuml;r vier F&amp;uuml;nf-Minuten-Intervalle eingesetzt. Viermal wird sie f&amp;uuml;nf Minuten lang auf einem Hocker sitzen, ohne Lehne und Armst&amp;uuml;tzen. Stenografen sollen sich ja nicht ausruhen. Um 11.30 bis 11.35 Uhr ist sie dran, um 12.55 bis 13.00 Uhr, 14.20 bis 14.25 Uhr, 15.45 bis 15.50 Uhr. Klingt nach nicht viel. Tats&amp;auml;chlich ist sie mit jedem F&amp;uuml;nf-Minuten-Intervall ungef&amp;auml;hr 80 Minuten besch&amp;auml;ftigt, bis sie ihren Text beim Revisor abliefert. Die Texte m&amp;uuml;ssen verglichen und kopiert und auch den Rednern vorgelegt werden. Es kann vorkommen, dass sich ein Redner beschwert und sagt, das habe er so nicht gesagt. Dann wird um W&amp;ouml;rter gefeilscht. Meistens aber sind die Redner froh, dass sie korrigiert werden.&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Unsere Gef&amp;uuml;hle d&amp;uuml;rfen wir nicht zeigen, wenn uns etwas aufregt&amp;laquo;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div&gt;Fragt man Detlef Peitz, ob Stenografen von den Abgeordneten wahrgenommen w&amp;uuml;rden, sagt er: &amp;raquo;Eigentlich nicht.&amp;laquo; Stenografen d&amp;uuml;rfen keine Mienen verziehen, nicht Missfallen &amp;auml;u&amp;szlig;ern, nicht Zustimmung signalisieren. &amp;raquo;Unsere Gef&amp;uuml;hle d&amp;uuml;rfen wir nicht zeigen, wenn uns etwas aufregt&amp;laquo;, sagt Peitz. Untereinander spreche man aber &amp;uuml;ber Redebeitr&amp;auml;ge und frage: &amp;raquo;Wie kommt der denn da drauf?&amp;laquo; Auch aufs &amp;Auml;u&amp;szlig;ere m&amp;uuml;ssen Stenografen achten. Sie d&amp;uuml;rfen nicht in Jeans und kurzem Hemd mitschreiben, sondern m&amp;uuml;ssen Anzug und Krawatte tragen. Frauen sind im Sommer R&amp;ouml;cke erlaubt. An diesem Tag, im Aufzug auf dem Weg zum Plenarsaal, pr&amp;uuml;ft Peitz im Spiegel des Aufzugs, ob seine Krawatte auch ja richtig sitzt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die meisten Abgeordneten schauen &amp;uuml;ber die Stenografen hinweg. Nur manchmal suchen sie deren Augen. Wenn sie eine Rede mit Kommentaren quittieren und der Stenograf nicht mitbekommt, wer das gesagt hat, hebt der Zwischenrufer seine Hand. Dann steht im Protokoll etwa: &amp;raquo;Sie &amp;Uuml;belkr&amp;auml;he!&amp;laquo; Eine b&amp;ouml;se Wortsch&amp;ouml;pfung des fr&amp;uuml;heren SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner aus dem Jahr 1970, die er dem damaligen CDU-Abgeordneten J&amp;uuml;rgen Wohlrabe entgegengeschleudert hatte.  Und der am&amp;uuml;santeste Satz? Detlef Peitz &amp;uuml;berlegt nicht lange. Ein Verkehrsminister hatte vor ein paar Monaten gesagt: &amp;raquo;Die Verkehrstoten m&amp;uuml;ssen halbiert werden.&amp;laquo; Peitz hat den Satz dann auf Norm gebracht: &amp;raquo;Die Zahl der Verkehrstoten muss halbiert werden.&amp;laquo; &lt;br /&gt; Manche empfinden Stenografen als Anachronismus, schlie&amp;szlig;lich lasse sich heute alles digital sichern. Andere aber preisen sie als Ged&amp;auml;chtnis der Republik. Generalisten m&amp;uuml;ssen sie sein und &amp;uuml;ber ein hohes Sprachgef&amp;uuml;hl verf&amp;uuml;gen, Hoch- schulabsolventen sind gern gesehen, und sie m&amp;uuml;ssen &amp;uuml;ber die Finanzkrise Bescheid wissen, &amp;uuml;ber die Vorg&amp;auml;nge in Syrien. Sie m&amp;uuml;ssen auch verstehen, was gemeint ist, wenn von Linux-Tauschb&amp;ouml;rse die Rede ist und von Gandhi. Bundespr&amp;auml;sident Joachim Gauck zitierte in seiner Antrittsrede Mahatma Gandhi: &amp;raquo;Nur ein Mensch mit Selbstvertrauen kann Fortschritte machen.&amp;laquo; Ob Gandhi das wirklich gesagt hat und, wenn ja, wirklich genau so, auch das m&amp;uuml;ssen Stenografen &amp;uuml;berpr&amp;uuml;fen. Seit elf Jahren notiert Peitz die W&amp;ouml;rter anderer Menschen. Was er daraus gelernt hat? &amp;raquo;Mir ist klar geworden, dass es im Leben nie eine einfache L&amp;ouml;sung gibt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Waltraud Plickert wei&amp;szlig;, wie viele Minuten sie braucht, um von ihrem B&amp;uuml;ro zum Stenografen-Tisch zu laufen. Weil sie im B&amp;uuml;ro des Kollegen Peitz sitzt, schl&amp;auml;gt sie noch eine Minute drauf. Um 11.20 Uhr begibt sie sich auf den Weg zu ihrer ersten F&amp;uuml;nf-Minuten-Schicht. Sie geht immer ein bisschen fr&amp;uuml;her, damit sie sich in die Reden einh&amp;ouml;ren kann. Wolfgang Gehrcke von der Linken spricht gerade &amp;uuml;ber Globalisierung.&lt;br /&gt; Um 11.28 Uhr nimmt Plickert Platz, neben ihrer Kollegin, die um 11.30 Uhr aufh&amp;ouml;ren wird. Plickert sagt: &amp;raquo;Wir &amp;uuml;bernehmen immer am Ende eines Satzes, nie mittendrin.&amp;laquo; Plickert klopft sanft mit der linken Hand auf den Stenografentisch, ein Zeichen f&amp;uuml;r die Kollegin, dass sie jetzt &amp;uuml;bernimmt. Plickerts erster Steno-Satz an diesem Tag scheint kein Ende nehmen zu wollen. Im Feinschliff lautet er so: &amp;raquo;Ich denke, wenn man Globalisierung gestalten will, muss man auch einmal dar&amp;uuml;ber nachdenken, wie man verhindern kann, dass auf pflanzliche und menschliche Gene Patente erhoben werden, wie man verhindern kann, dass Nahrungsmittel zu Spekulationsobjekten werden, wie man weltweit die Bodenreform bef&amp;ouml;rdern kann, wie man die Privatisierung von Wasser und anderen Gemeinschaftsg&amp;uuml;tern verhindern kann.&amp;laquo; Im Original ist der Satz nicht wirklich sinnvoll. Plickert hat Ordnung in ihn gebracht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach den f&amp;uuml;nf Minuten geht Plickert mit ihrem Block zur&amp;uuml;ck in ihr B&amp;uuml;ro, wo schon eine Schreibkraft wartet, der sie das Steno diktiert. Als Plickert der Schreibkraft den Bandwurmsatz von Gehrcke diktiert, schaut sie auf ihr &lt;br /&gt; Stenogramm und das Manuskript und h&amp;ouml;rt zum Abgleich die Audioaufnahme. Es dauert einen Moment, bis sie den Satz entwirrt hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Anachronistisch? Plickert widerspricht: &amp;raquo;Wir sind keine Dinosaurier. Die Technik konnte uns bis jetzt nicht &amp;uuml;berfl&amp;uuml;ssig machen.&amp;laquo; Sp&amp;auml;ter wird in ihr Manuskript noch der Zwischenruf von Manfred Grund einflie&amp;szlig;en, den kein Mikrofon aufgenommen hat. Frau Plickert hat geh&amp;ouml;rt (und gesehen), dass der CDU-Abgeordnete gespottet hatte, &lt;br /&gt; ob zu Gehrckes &amp;raquo;Gestaltungspartnern&amp;laquo; auch Menschen in Nordkorea geh&amp;ouml;rten? H&amp;auml;tte sie Grunds Gesicht nicht erkannt, h&amp;auml;tte sie sich Notizen gemacht (Glatze, bartlos, CDU/CSU) und im Gesichterarchiv nachgeschaut. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Um 12.07 Uhr hat Plickert die f&amp;uuml;nf Minuten von 11.30 bis 11.35 Uhr fertig protokolliert. Das B&amp;uuml;ro von Gehrcke hat keine Einw&amp;auml;nde gegen die Korrekturen von Plickert gehabt. Um 12.55 Uhr wird sie erneut f&amp;uuml;r f&amp;uuml;nf Minuten mitschreiben. Sie kann jetzt ein Brot essen und auf die Toilette gehen, f&amp;uuml;r die Bundestagskantine reicht die Zeit nicht. &lt;br /&gt; Ihr Tag wird lang. Waltraud Plickert eliminiert F&amp;uuml;llw&amp;ouml;rter wie &amp;raquo;schon&amp;laquo;. F&amp;uuml;gt &amp;raquo;ein-&amp;laquo; hinzu, wenn jemand sagt: &amp;raquo;Ich will mal sagen.&amp;laquo; Streicht &amp;raquo;letzten&amp;laquo;, wenn jemand sagt: &amp;raquo;Wir haben die letzten vergangenen Jahre &amp;hellip;&amp;laquo; Manchmal, sagt sie, schaue sie abends nach dem Dienst Talkshows an &amp;ndash; und schleife im Kopf die Redebeitr&amp;auml;ge der G&amp;auml;ste fein.&lt;br /&gt; Auf dem Nachhauseweg wird sie sp&amp;auml;ter ihr H&amp;ouml;rbuch weiterh&amp;ouml;ren, einen Krimi, denn auf lesen hat sie dann keine Lust mehr. Genau wie Detlef Peitz. Mit einer Ausnahme. &amp;raquo;Lesen kann ich dann noch den Sportteil in der Zeitung &amp;uuml;ber die neuesten Probleme bei Hertha BSC.&amp;laquo;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;
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</description>
    <dc:subject>Hört, Hört!</dc:subject>
    <dc:creator>Thorsten Schmitz</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-24T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37939">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37939</link>
    <title>Auf ein Wort, Frau Merkel</title>
    <description>&lt;p&gt;Wer ist dieser Mensch, der unser      Land regiert? Wie tickt die Frau, die sie die m&amp;auml;chtigste Frau der Welt      nennen? Wir haben bekannte Deutsche gebeten, der Bundeskanzlerin jeweils      eine Frage zu stellen. Heikle Fragen und pers&amp;ouml;nliche Fragen, kluge Fragen      und freche Fragen. Fragen, die ihr jeder von uns gern schon mal stellen      wollte. Jetzt hat die Kanzlerin geantwortet.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49365.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;WIR SEHEN SIE JEDEN TAG. Wir sehen, wie sie in Br&amp;uuml;ssel f&amp;uuml;r den Euro      k&amp;auml;mpft, in Paris Fran&amp;ccedil;ois Hollande umarmt und in Bayreuth walk&amp;uuml;renhaft ins      Festspielhaus einzieht. Seit sieben Jahren sehen wir sie so oft, dass wir      sie zu kennen meinen: Die einen sagen, sie sei neugierig, raffiniert und      hochintelligent, die anderen finden sie zu k&amp;uuml;hl, zu passiv, zu rational,      wieder andere behaupten, sie habe einen wundervollen Humor, vor allem wenn      man mit ihr allein sei. Wer also ist sie? Die Wahrheit ist: Niemand kennt      Angela Merkel wirklich - au&amp;szlig;er vielleicht ihr Mann und ihre B&amp;uuml;roleiterin.      Die Wahrheit ist aber auch: Wir w&amp;uuml;rden sie gern besser kennen, schlie&amp;szlig;lich      will sie auch n&amp;auml;chstes Jahr wieder zur Kanzlerin gew&amp;auml;hlt werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das      Weltgeschehen ist verwirrend wie lange nicht: Schuldenkrise, Energiewende,      Syrienkrieg. Neulich warf Bundespr&amp;auml;sident Gauck der Kanzlerin vor, dass      sie ihre Entscheidungen nicht gut genug erkl&amp;auml;re. Die Menschen verst&amp;uuml;nden      nicht mehr, was vor sich gehe. Die Folge: Sie wenden sich ab. Oder werden      w&amp;uuml;tend. Offenbar sehnen wir uns nach Erl&amp;auml;uterungen, vor allem aber m&amp;ouml;chten      wir verstehen, was diese Frau bewegt, die jeden Tag im Parlament, im      Flugzeug, in Hinterzimmern Dinge beschlie&amp;szlig;t, die unser &amp;ndash; und, ja, auch      ihr eigenes &amp;ndash; Leben betreffen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir haben Prominente gebeten, der      Kanzlerin Fragen zu stellen, K&amp;uuml;nstler, Sportler, Unternehmer, Politiker &amp;ndash;      sie alle sollten sich &amp;uuml;berlegen, was sie schon immer von der      Bundeskanzlerin wissen wollten. Wir haben uns Ehrlichkeit gew&amp;uuml;nscht. Und      Mut. Keine Fragen, mit denen vor allem der Fragesteller gl&amp;auml;nzen m&amp;ouml;chte. Wir bekamen insgesamt 37 Fragen und schickten sie ins Kanzleramt: Was      ist Ihr gr&amp;ouml;&amp;szlig;tes Opfer f&amp;uuml;r die Nation? Wie ist der Geruch Ihrer Kindheit?      W&amp;auml;re Politik einfacher, wenn sie nicht &amp;ouml;ffentlich w&amp;auml;re? Was sch&amp;auml;tzen Sie      an Hannelore Kraft? Tolle Fragen. Die Kanzlerin erbat sich ein paar Tage      Zeit, dann schickte sie ihre Antworten. Manche sind &amp;uuml;berraschend,      andere frotzelig, lustig, r&amp;uuml;hrend. Alle sind knapp und ganz klar. So ist      sie halt, unsere Kanzlerin.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49291.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Iris Berben &lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Schauspielerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie ist der Geruch Ihrer Kindheit?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kiefern und      Heu und im Herbst der Duft der Kartoffeln im Kartoffeld&amp;auml;mpfer.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49293.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Ulrich Wickert&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Journalist&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Als Kind habe ich nach      Ansicht meiner Eltern Schundliteratur gelesen, also Micky-Maus- und Pete-Heftchen. Sie auch?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das war mit meinen Eltern kein Thema.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49295.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Philipp Lahm&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Fu&amp;szlig;baller&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gibt es etwas, auf das Sie heute verzichten m&amp;uuml;ssen?      In anderen Worten: Was ist Ihr gr&amp;ouml;&amp;szlig;tes pers&amp;ouml;nliches Opfer f&amp;uuml;r      die Nation?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich muss darauf verzichten, unerkannt einkaufen zu gehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;Roger Willemsen, Reinhold Beckmann, Dieter Nuhr, Maria-Elisabeth Schaeffler und Oli Dittrich.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49297.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Roger Willemsen&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Schriftsteller&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn Sie ein &lt;em&gt;Doppelleben&lt;/em&gt; f&amp;uuml;hren k&amp;ouml;nnten:      Welches w&amp;auml;re das zweite?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r diese Vorstellung habe ich keine      Zeit und keine Neigung.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49299.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Reinhold Beckmann&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Moderator&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was sch&amp;auml;tzen Sie an Hannelore Kraft?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dass      sie sich auch f&amp;uuml;r Fu&amp;szlig;ball interessiert.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49301.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Dieter Nuhr &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Kabarettist&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was empfindet man in Ihrer Position      st&amp;auml;rker: Macht oder Ohnmacht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weder noch, sondern die st&amp;auml;ndige      Aufforderung, Probleme zu l&amp;ouml;sen. Und Zeitknappheit.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49303.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Maria-Elisabeth Schaeffler&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Unternehmerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben erfolgreich ein      naturwissenschaftliches Studium absolviert und als Physikerin      gearbeitet. Trauern Sie angesichts der Tatsache, dass in der Politik die rationalen      und pragmatischen L&amp;ouml;sungen gegen&amp;uuml;ber Polemik und Emotionalit&amp;auml;t h&amp;auml;ufig den      K&amp;uuml;rzeren ziehen, nicht der Physik und ihrer Rationalit&amp;auml;t hinterher?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gute      Politik setzt auf L&amp;ouml;sungen, die der Wirklichkeit standhalten. So ist es      auch in der Wissenschaft.   &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49305.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Olli Dittrich &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Schauspieler&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Beim G8-Gipfel 2006 in Russland blieb      George W. Bush im Vor&amp;uuml;bergehen &amp;uuml;berraschend hinter Ihrem Sessel stehen und      knetete mit beiden H&amp;auml;nden ziemlich grob Ihre Schultern. Eine      infantile Aktion ohne jeden Anstand, ohne jeden menschlichen Respekt. Was      haben Sie in diesem Moment gef&amp;uuml;hlt und gedacht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dass George Bush      einen Scherz machen wollte.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;Peter Gauweiler, Anne-Sophie Mutter, und Harry Rowohlt, Alice Schwarzer und Andrea Petkovic&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49307.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Peter Gauweiler&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;CSU-Politiker&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie lange wollen Sie gegen die absolute      Mehrheit der deutschen Bev&amp;ouml;lkerung die Euro-Rettungsschirm-Politik      fortsetzen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Den Ausgangspunkt der Frage teile ich nicht, ansonsten      versuche ich den Menschen zu zeigen, welch gro&amp;szlig;e Bedeutung der Euro f&amp;uuml;r      unser aller Leben hat.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49309.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Anne-Sophie Mutter &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Geigerin &lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn Sie nicht auf W&amp;auml;hlerstimmern R&amp;uuml;cksicht nehmen m&amp;uuml;ssten: Welche politischen Konsequenzen hielten Sie heute im Hinblick auf die demografischem Entwicklung in unsererm Land f&amp;uuml;r absolut notwendig &amp;ndash; beispielsweise im Bereich der Bildung, der Altersvorsorge und des Gesundheitswesens?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In der Demokratie ist es immer notwenig, W&amp;auml;hlerinnen und W&amp;auml;hler zu &amp;uuml;berzeugen. Das gilt f&amp;uuml;r die Rente mit 67 im Jahre 2029 bis hin zu der Tatsache, dass wir heute alle ein Leben lang lernen m&amp;uuml;ssen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49311.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Harry Rowohlt&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Schriftsteller&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie w&amp;uuml;rden Sie reagieren, wenn Sie jemand      aus alter Gewohnheit &amp;raquo;Liebe Genossin Merkel&amp;laquo; anspr&amp;auml;che?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich bin      auch fr&amp;uuml;her nicht so angesprochen worden und w&amp;uuml;rde sagen: &amp;raquo;Es muss sich um      eine Verwechslung handeln.&amp;laquo;   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49313.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Alice Schwarzer&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Publizistin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum sollten Frauen Sie 2013 w&amp;auml;hlen? Sie      verdanken Ihren Sieg 2009 nicht zuletzt den jungen Frauen, die zum      ersten Mal stark CDU gew&amp;auml;hlt haben. Gerade sie wurden in den vergangenen      Jahren von der Politik Ihrer Regierung arg entt&amp;auml;uscht. Haben Sie gute      Nachrichten, ehrliche Versprechen f&amp;uuml;r 2013?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dass es den meisten Menschen      in Deutschland 2013 besser geht als 2009 und dass ich das auch f&amp;uuml;r die      n&amp;auml;chste Legislaturperiode bis 2017 im Vergleich zu 2013 erreichen m&amp;ouml;chte.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49315.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Andrea Petkovic &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Tennisprofi&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie einen Witz &amp;nbsp;auf Lager?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, immer.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;Maria H&amp;ouml;fl-Riesch, Jonas Kaufmann, Alfons Schuhbeck, Boris Becker und Frank Bsirske&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49317.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Maria H&amp;ouml;fl-Riesch&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Skifahrerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn Sie in Ihrem Dienstwagen auf      der Autobahn unterwegs sind und es keine Geschwindigkeitsbegrenzung      gibt - wie schnell darf Ihr Fahrer dann fahren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;So schnell, wie er es f&amp;uuml;r angemessen      h&amp;auml;lt.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49319.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Jonas Kaufmann&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Operns&amp;auml;nger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie lautet Ihr Konfirmandenspruch?      Und bedeutet er Ihnen heute noch etwas?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&amp;raquo;Nun aber bleiben Glaube,      Hoffnung, Liebe, diese drei, am gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten aber ist die Liebe&amp;laquo; (Paulus,      1 K 13,13). Er leitet mich im Umgang mit den Menschen, denen ich      begegne.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49321.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Alfons Schuhbeck&lt;/strong&gt;&lt;em&gt; Koch&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum vermeiden Sie Fotos, auf denen Sie      bei einem Genuss, Hobby oder Ausgleichssport zu sehen sind?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beim      Essen und Trinken hat man mich schon oft fotografiert, ansonsten m&amp;ouml;chte      ich mir ein wenig Privatheit erhalten. &amp;nbsp;   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49323.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Boris Becker&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Ex-Tennisprofi&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wen w&amp;uuml;rden Sie gern zu einer      Dinnerparty einladen und warum?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dinnerpartys veranstalte ich nicht. Aber zu      einem Abendessen w&amp;uuml;rde ich gern einmal Vicente del Bosque einladen.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49325.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Frank Bsirske &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Gewerkschafter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W&amp;uuml;rden Sie eine Versicherung      abschlie&amp;szlig;en, die Sie nicht mehr k&amp;uuml;ndigen k&amp;ouml;nnen?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Frage hat      sich mir noch nie in der Realit&amp;auml;t gestellt.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;Christoph Maria Herbst, Claudia Roth, Jan Ullrich, Marietta Slomka und Alexander Dibelius&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49327.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Christoph Maria Herbst&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Schauspieler&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie sehen Ihre Ventile aus, um Druck      abzulassen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wandern, kochen, lachen.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49329.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Claudia Roth &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Gr&amp;uuml;nen-Politikerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nervt es Sie eigentlich auch,      dass bei Frauen in der Politik immer noch Frisur, Kleidung, Halskette      und jede Gef&amp;uuml;hlsregung bewertet werden - ganz anders als bei      M&amp;auml;nnern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es ist Teil meines Lebens geworden.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49331.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Jan Ullrich&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Ex-Radprofi&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In der DDR wurden wir als Kinder einer      sportlichen Fr&amp;uuml;hsichtung unterzogen. Es ging darum, spezifische      F&amp;auml;higkeiten und Voraussetzungen sowie anatomische und physiologische      Besonderheiten festzustellen. Ich sollte Leichtathlet werden, kam dann      aber zum Radsport und schlie&amp;szlig;lich zum Sieg der Tour de France. Sie      haben es zur ersten deutschen Bundeskanzlerin geschafft. Zu welcher Erkenntnis      ist man nach der sportlichen Sichtung bei Ihnen gelangt? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich war      erkennbar so wenig begabt, dass man mich f&amp;uuml;r keine Sportart f&amp;uuml;r      geeignet hielt.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49333.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Marietta Slomka&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Nachrichtensprecherin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&amp;Uuml;ber das Miteinander in der Politik      haben Sie vor Jahren in einem Interview mit der Fotografin Herlinde      Koelbl gesagt: &amp;raquo;Fairness? K&amp;ouml;nnen Sie abhaken.&amp;laquo; Woran, glauben Sie,      liegt das? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Zitat bezieht sich auf eine Frage zu einer speziellen      Situation, und zwar den Grenzwert&amp;uuml;berschreitungen bei Castortransporten,      die im Fr&amp;uuml;hjahr 1998 &amp;ouml;ffentlich wurden. Damals sagte ich: &amp;raquo;Es gab aber      auch Oppositionspolitiker, die aus Gr&amp;uuml;nden&lt;br /&gt;des Wahlkampfes      gnadenlos waren. Fairness k&amp;ouml;nnen Sie da v&amp;ouml;llig abhaken.&amp;laquo;      Das war also eine Ausnahmesituation, die ansonsten die Regel best&amp;auml;tigt,      denn ich habe oft einen fairen Umgang erfahren und bem&amp;uuml;he mich auch      meinerseits um Fairness.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49335.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Alexander Dibelius&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Finanzmanager&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie sind studierte und      promovierte Physikerin und wissen als Naturwissenschaftlerin      wahrscheinlich besser als viele andere um die Potenziale und Risiken      der friedlichen Nutzung von Kernkraft. Warum glauben Sie nicht, dass      es wichtig ist, am Hochtechnologiestandort Deutschland bei der Entwicklung      und sinnvollen Nutzung dieser Technologie voranzugehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil es eine      Technologie ist, bei der ein Restrisiko unabsehbare Folgen hat.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;David Kross, Erzbischof Robert Zollitsch, Markus Kavka, Clemens Schick und Eckart von Hirschhausen&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49337.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;David Kross &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Schauspieler&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Welchen Film haben Sie am h&amp;auml;ufigsten      gesehen? Und was ist Ihr Lieblingsfilm?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jenseits von Afrika, aber das wechselt.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49339.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Erzbischof Robert Zollitsch&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Vorsitzender der deutschen      Bischofskonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was macht Ihnen Freude?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mit anderen Menschen      interessante Gespr&amp;auml;che zu f&amp;uuml;hren, bei denen ich etwas aus Lebensbereichen      erfahre, die f&amp;uuml;r mich neu sind.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49341.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Markus Kavka&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Moderator&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was war der gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Mist, den Sie als      Jugendliche je gebaut haben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mit einem neuen Trainingsanzug aus einem      Westpaket in eine harzige Baumh&amp;ouml;hle zu kriechen.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49343.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Clemens Schick&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Schauspieler&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie erkl&amp;auml;ren Sie Ihren russischen      Kollegen, dass Homosexualit&amp;auml;t keine Krankheit ist?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir k&amp;ouml;nnen nur      versuchen, die Achtung f&amp;uuml;r jeden einzelnen Menschen vorzuleben, ungeachtet      seiner Herkunft, seines Glaubens oder seiner Pers&amp;ouml;nlichkeit, und f&amp;uuml;r      diese Haltung in aller Welt eintreten.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49345.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Eckart von Hirschhausen&lt;/strong&gt;&lt;em&gt; Kabarettist&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Worin zeigt sich Ihr Sinn f&amp;uuml;r      Humor?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wer mag denn seinen eigenen Sinn f&amp;uuml;r Humor beurteilen? Ich kann      jedenfalls&lt;br /&gt;immer noch herzlich lachen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;Daniela Katzenberger, Katja Riemann, Brigitte Hobmeier, Tim M&amp;auml;lzer und Kurt Kr&amp;ouml;mer&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49347.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Daniela Katzenberger&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Unternehmerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Warum sind die Sprit-Preise so hoch?      Ich w&amp;uuml;rde mich &amp;uuml;ber eine Antwort freuen, die sogar ich      nachvollziehen kann.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil Erd&amp;ouml;l, aus dem Benzin und Diesel hergestellt werden, ein knappes Gut ist.   &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49349.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Katja Riemann&lt;em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Schauspielerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wovor haben Sie Angst?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bei einem Gewitter      ungesch&amp;uuml;tzt zu sein.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49367.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Brigitte Hobmeier&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Schauspielerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In Sophokles&amp;rsquo; Antigone sagt der Chorder      Weisen an einer Stelle sinngem&amp;auml;&amp;szlig;: Der wahre Charakter eines Menschen zeigt      sich erst, wenn er an der Macht ist. Was sagen Sie dazu?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das ist eine      Aussage aus einer Zeit, in der im Wesentlichen M&amp;auml;chtigen eine      literarische&lt;br /&gt;Aufmerksamkeit zukam.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49353.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Tim M&amp;auml;lzer&lt;/strong&gt;&lt;em&gt; Koch&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W&amp;auml;re Politik einfacher, wenn sie nicht so &amp;ouml;ffentlich      w&amp;auml;re?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dann w&amp;auml;re es keine Politik in der Demokratie, und ich w&amp;auml;re      keine Politikerin.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49355.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Kurt Kr&amp;ouml;mer &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Komiker&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;K&amp;ouml;nnen Sie mir das Datum nennen, an dem ich morgens die      Zeitung aufschlage und die &amp;Uuml;berschrift &amp;raquo;Die NPD ist verboten!&amp;laquo;      lese? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, aber ich hoffe auf den Tag, an dem ich lese, dass den Rechtsextremisten      der Nachwuchs ausgeht. Darauf m&amp;uuml;ssen wir hinarbeiten.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;Johannes Ponader, Charlotte Knobloch, Thomas Struth und Susanne Klatten&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49357.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Johannes Ponader&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Piraten-Politiker&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Stellen Sie sich vor, ich      werde Ihr Nachfolger. Welche drei Dinge geben Sie mir als Tipps mit      auf den Weg?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Luthers Bibel&amp;uuml;bersetzung Spr 16,18. &amp;raquo;Wer zu Grunde gehen      soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49359.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Charlotte Knobloch&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Pr&amp;auml;sidentin der Israelitischen Kultusgemeinde      M&amp;uuml;nchen und Oberbayern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was l&amp;auml;sst sich einfacher in 160      Zeichen erkl&amp;auml;ren: die Relativit&amp;auml;tstheorie, die Liebe, oder      warum es wichtig ist, w&amp;auml;hlen zu gehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Manchmal muss ich darauf bestehen,      dass es Dinge gibt, die nicht mit 160 Zeichen zu erkl&amp;auml;ren sind. F&amp;uuml;r die      Liebe braucht man gar kein Schriftzeichen.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49361.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Thomas Struth&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Fotograf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was ist Ihr politischer Traum?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dass Deutschland und      Europa stabil, erfolgreich und der Welt gute Partner sind.   &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49363.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;Susanne Klatten&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Unternehmerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn Sie frei w&amp;auml;hlen k&amp;ouml;nnten: An      welchem Ort w&amp;uuml;rden Sie morgen Fr&amp;uuml;h gern aufwachen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zu      Hause in der Uckermark.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Auf ein Wort, Frau Merkel</dc:subject>
    <dc:creator>Kerstin Greiner, Tobias Haberl und Robert Iwanetz (Redaktion)</dc:creator>
    <dc:date>2012-08-13T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37987">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37987</link>
    <title>Wie ist der Geruch ihrer Kindheit?</title>
    <description>&lt;p&gt;Wer ist dieser Mensch, der unser      Land regiert? Wie tickt die Frau,  die sie die m&amp;auml;chtigste Frau der Welt      nennen? Wir haben bekannte  Deutsche gebeten, der Bundeskanzlerin jeweils      eine Frage zu  stellen. Heikle Fragen und pers&amp;ouml;nliche Fragen, kluge Fragen      und  freche Fragen. Fragen, die ihr jeder von uns gern schon mal stellen       wollte. Ein Auszug aus dem heutigen SZ-Magazin.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Wir sehen sie jeden tag. Wir sehen, wie sie in Br&amp;uuml;ssel f&amp;uuml;r den Euro      k&amp;auml;mpft, in Paris Fran&amp;ccedil;ois Hollande umarmt und in Bayreuth walk&amp;uuml;renhaft ins      Festspielhaus einzieht. Seit sieben Jahren sehen wir sie so oft, dass wir      sie zu kennen meinen: Die einen sagen, sie sei neugierig, raffiniert und      hochintelligent, die anderen finden sie zu k&amp;uuml;hl, zu passiv, zu rational,      wieder andere behaupten, sie habe einen wundervollen Humor, vor allem wenn      man mit ihr allein sei. Wer also ist sie? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Wahrheit ist: Niemand kennt      Angela Merkel wirklich - au&amp;szlig;er vielleicht ihr Mann und ihre B&amp;uuml;roleiterin.      Die Wahrheit ist aber auch: Wir w&amp;uuml;rden sie gern besser kennen, schlie&amp;szlig;lich      will sie auch n&amp;auml;chstes Jahr wieder zur Kanzlerin gew&amp;auml;hlt werden. Das      Weltgeschehen ist verwirrend wie lange nicht: Schuldenkrise, Energiewende,      Syrienkrieg. Neulich warf Bundespr&amp;auml;sident Gauck der Kanzlerin vor, dass      sie ihre Entscheidungen nicht gut genug erkl&amp;auml;re. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir haben Prominente gebeten, der      Kanzlerin Fragen zu stellen, K&amp;uuml;nstler, Sportler, Unternehmer, Politiker -      sie alle sollten sich &amp;uuml;berlegen, was sie schon immer von der      Bundeskanzlerin wissen wollten. Wir bekamen insgesamt 37 Fragen und schickten sie ins Kanzleram. Die Kanzlerin erbat sich ein paar Tage      Zeit, dann schickte sie ihre Antworten. Manche sind &amp;uuml;berraschend,      andere frotzelig, lustig, r&amp;uuml;hrend. Alle sind knapp und ganz klar. So ist      sie halt, unsere Kanzlerin.     &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hier sehen Sie einige Fragen und Antworten, das gesamte Interview k&amp;ouml;nnen Sie heute &lt;a href=&quot;/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;im Magazin in der S&amp;uuml;ddeutschen Zeitung&lt;/a&gt; nachlesen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49565.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Schauspielerin Iris Berben: &quot;Wie ist der Geruch Ihrer Kindheit?&quot;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Angela Merkel: &quot;Kiefern und Heu und im Herbst der Duft von Kartoffeln im Kartoffeld&amp;auml;mpfer.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49571.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Moderator Reinhold Beckmann: &quot;Was sch&amp;auml;tzen Sie an Hannelore Kraft?&quot;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Angela Merkel: &quot;Dass sie sich auch f&amp;uuml;r Fu&amp;szlig;ball interessiert.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49567.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Moderator Markus Kavka: &quot;Was war der gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Mist, den Sie als Jugendliche je gebaut haben?&quot;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Angela Merkel: &quot;Mit einem neuen Trainingsanzug aus einem Westpaket in eine harzige Baumh&amp;ouml;hle zu kriechen.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49563.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ex-Tennis-Profi Boris Becker: &quot;Wen w&amp;uuml;rden Sie gern zu einer Dinnerparty einladen und warum?&quot;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Angela Merkel: &quot;Dinnerpartys veranstalte ich nicht. Aber zu einem Abendessen w&amp;uuml;rde ich gern einmal Vicente del Bosque einladen.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49575.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Operns&amp;auml;nger Jonas Kaufmann: &quot;Wie lautet Ihr Konfirmandenspruch?      Und bedeutet er Ihnen heute noch etwas?&quot;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Angela Merkel: &quot;Nun aber bleiben Glaube,      Hoffnung, Liebe, diese drei, am gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten aber ist die Liebe&amp;laquo; (Paulus,      1 K 13,13). Er leitet mich im Umgang mit den Menschen, denen ich      begegne.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49573.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Schauspielerin Katja Riemann: &quot;Wovor haben Sie am meisten Angst?&quot;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Angela Merkel: &quot;Bei einem Gewitter ungesch&amp;uuml;tzt zu sein&quot;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die 31 &amp;uuml;brigen Fragen stehen heute im &lt;a href=&quot;/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Magazin in der S&amp;uuml;ddeutschen Zeitung&lt;/a&gt;. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Wie ist der Geruch ihrer Kindheit?</dc:subject>
    <dc:creator></dc:creator>
    <dc:date>2012-08-10T16:51:00+01:00</dc:date>
  </item>

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    <title>Die blonde Gefahr</title>
    <description>&lt;p&gt;Boris Johnson ist ein Ph&amp;auml;nomen: Der      Londoner B&amp;uuml;rgermeister legt einen peinlichen Auftritt nach dem      anderen hin &amp;ndash; und trotzdem (oder gerade deshalb) lieben ihn alle.      Jetzt fragt sich ganz England, wie er wohl die Olympischen Spiele      versauen wird.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48649.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Am Morgen nach seiner Wiederwahl zum B&amp;uuml;rgermeister von London machte sich Boris Johnson zum Joggen auf. Er sah aus, als h&amp;auml;tte er sich im Dunkeln angezogen. Seine Socken passten nicht zusammen, &amp;uuml;ber seinem T-Shirt mit dem Slogan &amp;raquo;Love London&amp;laquo; trug er eine pilzfarbene Fleecejacke, aber am unglaublichsten waren seine Seiden-Shorts: marineblau mit neonpinkfarbenem Bund und einem chinesischen Drachen auf der Vorderseite. Ganz offensichtlich hatte er das Teil verkehrt herum angezogen. Das groteske Outfit war ein klassischer Boris Johnson &amp;ndash; selbstvergessen, schlampig, aber gut gelaunt und unwiderstehlich komisch. F&amp;uuml;r solche Auftritte liebt ihn die britische &amp;Ouml;ffentlichkeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn am 27. Juli die Olympischen Sommerspiele er&amp;ouml;ffnet werden, wird die ganze Welt auf London blicken. Doch als B&amp;uuml;rgermeister von Europas gr&amp;ouml;&amp;szlig;ter Stadt hat sich Boris &amp;ndash; er ist der einzige Politiker im K&amp;ouml;nigreich, den jeder beim Vornamen nennt &amp;ndash;  l&amp;auml;ngst verewigt. Er hat sich eine neue Version der legend&amp;auml;ren Doppeldecker-Busse ausgedacht (den &amp;raquo;Boris Bus&amp;laquo;), die chronisch verstopfte Stadt mit Leihfahrr&amp;auml;dern versorgt (den &amp;raquo;Boris Bikes&amp;laquo;) und denkt dar&amp;uuml;ber nach, den &amp;uuml;berlasteten Flughafen von Heathrow durch einen neuen zu ersetzen, f&amp;uuml;r den er in der Themse eine Insel aufsch&amp;uuml;tten lassen will (&amp;raquo;Boris Island&amp;laquo;). Seine Wiederwahl hat ihn zum beliebtesten Konservativen Gro&amp;szlig;britanniens gemacht, und bei den Buchmachern gilt er als wahrscheinlichster Nachfolger des derzeitigen Premierministers David Cameron.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Grund f&amp;uuml;r seinen Erfolg liegt aber weniger in seinen Taten als in seinem Charakter. Andrew Gimson, einer von Johnsons Biografen, meint: &amp;raquo;Johnson hat eine Begabung, die man in der Politik kaum je antrifft: Er macht den Menschen bessere Laune. Selbst Leute, die ihn nicht gew&amp;auml;hlt haben, fangen an zu l&amp;auml;cheln, wenn sie ihn sehen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der 48-J&amp;auml;hrige ist ber&amp;uuml;hmt f&amp;uuml;r erfrischend witzige Statements. F&amp;uuml;r seine Partei warb er mit dem Versprechen: &amp;raquo;Wenn Sie die Konservativen w&amp;auml;hlen, bekommt Ihre Frau gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Br&amp;uuml;ste und Sie haben bessere Chancen auf einen BMW M3.&amp;laquo; Auf die Frage, ob er je Drogen genommen habe, antwortete er: &amp;raquo;Man hat mich einmal Kokain probieren lassen, aber w&amp;auml;hrend des Schnupfens musste ich niesen, deswegen ging nichts die Nase hoch. Kann gut sein, dass es sowieso Puderzucker war.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dank seines un&amp;uuml;bersehbaren Blondschopfs kann sich Johnson nicht durch London bewegen, ohne auf Schritt und Tritt von Menschen belagert zu werden. Seine Mitarbeiter erz&amp;auml;hlen, dass sie immer 15 Extraminuten in seinen Terminplan einbauen, weil ihn so viele Leute auf der Stra&amp;szlig;e ansprechen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Anfang des Jahres habe ich ihn bei Wahlkampfauftritten begleitet und miterlebt, wie er die Menschen f&amp;uuml;r sich gewinnt: Im Westlondoner Vorort Chiswick h&amp;auml;lt ihm ein Mann ein Buch zum Signieren unter die Nase &amp;ndash; die Autobiografie seines Labour-Konkurrenten Ken Livingstone. Johnson stutzt kurz und schreibt dann: &amp;raquo;Dieses Buch ist kompletter Mist, Ihr Boris Johnson.&amp;laquo; Der Labour-Anh&amp;auml;nger lacht schallend.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ken Livingstone selbst ist wahrscheinlich der Einzige, der sich nicht &amp;uuml;ber seinen Nachfolger am&amp;uuml;sieren kann. &amp;raquo;Labour-W&amp;auml;hler sagen, dass sie f&amp;uuml;r ihn stimmen, weil er sie zum Lachen bringt&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt er. &amp;raquo;Boris Johnson ist jemand, der ungef&amp;auml;hr mit zehn herausgefunden hat, dass man sogar mit einen Mord davonkommen kann, wenn man diesen strubbeligen Knuddel-Charme kultiviert.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Ach du liebe Schei&amp;szlig;e, Boris, was machst du denn hier?&amp;laquo;&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48651.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Sp&amp;auml;ter am Tag st&amp;uuml;rzt im Zug ein Gesch&amp;auml;ftsmann auf Johnson zu. Es sei verr&amp;uuml;ckt, strahlt er, aber gerade habe er auf seinem iPad einen Podcast mit ihm geh&amp;ouml;rt, und schon sei der B&amp;uuml;rgermeister da. Es handelte sich dabei um eine Radiosendung mit Johnsons Lieblingsmusik, eine f&amp;uuml;r ihn sehr charakteristische Mischung: &lt;em&gt;Here Comes The Sun &lt;/em&gt;von den Beatles (optimistisch), &lt;em&gt;Start Me Up&lt;/em&gt; von den Rolling Stones (sexy) und Bachs &lt;em&gt;Matth&amp;auml;us-Passion&lt;/em&gt; (kultiviert). Sein absolutes Lieblingsst&amp;uuml;ck, sagt Johnson, sei aber Beethovens F&amp;uuml;nfte: &amp;raquo;Sehr, sehr gut, wenn man eine Autobahn entlangrast.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ungew&amp;ouml;hnlich an ihm ist auch sein lockerer Umgang mit einer speziell britischen Obsession &amp;ndash; der Klassenfrage. W&amp;auml;hrend die meisten Politiker ihre privilegierte Herkunft herunterzuspielen versuchen, versteckt Johnson seine adelige Abstammung nicht &amp;ndash; und ist dennoch bei der Arbeiterklasse beliebt. Als er sich einmal mit einem TV-Team bei einer Drogenrazzia blicken lie&amp;szlig;, begr&amp;uuml;&amp;szlig;te ihn der &amp;uuml;berraschte Verd&amp;auml;chtige mit dem unsterblichen Satz: &amp;raquo;Ach du liebe Schei&amp;szlig;e, Boris, was machst du denn hier?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zum Ende des Wahlkampftages absolviert Boris noch ein Fotoshooting. Alles bestens, bis er unvermutet unterbricht, um seine Brieftasche aus dem Jackett zu ziehen. Erst danach darf der Fotograf weitermachen. &amp;raquo;So sehe ich weniger fett aus&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;alter Trick. Und meine Brieftasche ist nun mal wirklich fett &amp;hellip;&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Danach erkl&amp;auml;rt er, was seiner Meinung nach die Gr&amp;uuml;nde f&amp;uuml;r seine Beliebtheit seien: Nicht die kessen Spr&amp;uuml;che, sondern dass er B&amp;uuml;rokratie abgebaut, bei der Polizei keine Personalk&amp;uuml;rzungen gemacht und Milliarden f&amp;uuml;r eine neue Bahnverbindung aufgetan habe. Er wolle den &amp;Auml;rmsten helfen und die Londoner nach den Krawallen im letzten Jahr wieder einigen. &amp;raquo;Wir leben in harten Zeiten, es geht um ernste Dinge, und deswegen bin auch ich sehr ernsthaft.&amp;laquo; Doch weil Johnson nicht aus seiner Haut kann, macht er noch einen Scherz und beginnt Schillers Sentenz &amp;raquo;Ernst ist das Leben&amp;laquo; zu zitieren, um in Gel&amp;auml;chter &amp;uuml;ber seine drollige deutsche Aussprache zu verfallen und nach der H&amp;auml;lfte aus dem Satz auszusteigen, der ja mit &amp;raquo;heiter die Kunst&amp;laquo; endet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r einen offenkundig typischen Oberklasse-Engl&amp;auml;nder hat Alexander Boris de Pfeffel Johnson einen &amp;uuml;berraschenden ethnischen Hintergrund. 1964 in New York geboren, witzelt er, er sei wie Supermarkthonig &amp;raquo;ein Produkt aus vielen St&amp;ouml;cken&amp;laquo;. Als er f&amp;uuml;r eine Fernsehsendung der BBC seine famili&amp;auml;ren Wurzeln erkundete, erfuhr man, dass auch t&amp;uuml;rkische Muslime und deutsche Aristokraten zu seinen Vorfahren geh&amp;ouml;ren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Johnson besuchte das Elite-Internat Eton, anschlie&amp;szlig;end die Oxford University. An der Uni begann seine politische Laufbahn, als Pr&amp;auml;sident der legend&amp;auml;ren (und bestens vernetzten) Oxford Union Debating Society; zur gleichen Zeit begann seine Karriere als notorischer Fremdg&amp;auml;nger. Seine erste Frau Allegra hatte er an der Uni kennengelernt und ein Jahr sp&amp;auml;ter geheiratet (um den Ehering in typischer Boris-Manier eine Stunde nach der Zeremonie zu verschusseln), doch schon nach ein paar Monaten hatte er eine so ernsthafte Aff&amp;auml;re, dass er Allegra eines Tages aus heiterem Himmel um eine &amp;raquo;schnelle Scheidung&amp;laquo; bat. &amp;raquo;Ich fragte, ob die andere schwanger sei&amp;laquo;, erinnert sich Allegra: &amp;raquo;Er sagte: &amp;rsaquo;Ja. Wie hast du das herausgefunden?&amp;lsaquo;&amp;laquo; Seine Geliebte Marina wurde bald seine zweite Frau, zusammen bekamen die beiden vier Kinder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach dem Studium arbeitete Johnson einige Jahre als Journalist, 2001 wurde er zum ersten Mal ins Parlament gew&amp;auml;hlt. Doch statt sich im Unterhaus hervorzutun, trat er lieber in TV-Comedy-Sendungen auf oder als Fahrzeugtester im Automagazin &lt;em&gt;Top Gear&lt;/em&gt;. Nebenbei wurde er Herausgeber des konservativen Politmagazins &lt;em&gt;The Spectator&lt;/em&gt;, das wegen Johnsons Hang zu schl&amp;uuml;pfrigen Geschichten bald &amp;raquo;The Sextator&amp;laquo; genannt wurde. 2004 geriet sein politischer Aufstieg ins Stocken, nachdem er Michael Howard, den damaligen Vorsitzenden der Konservativen, &amp;uuml;ber seine au&amp;szlig;ereheliche Aff&amp;auml;re mit der New Yorker Korrespondentin des Spectator belogen hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Meine Chancen, Premierminister zu werden, sind ungef&amp;auml;hr so gro&amp;szlig; wie jene, Elvis auf dem Mars zu finden. &amp;laquo;&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48653.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; 2008 dann die gro&amp;szlig;e &amp;Uuml;berraschung: Johnson schlug Ken Livingstone und wurde B&amp;uuml;rgermeister der traditionell eher von der Labour-Partei regierten britischen Hauptstadt. Einer der Gr&amp;uuml;nde f&amp;uuml;r seinen Erfolg war der Vorsprung bei den Frauen, die ihn f&amp;uuml;r seinen ansteckenden Optimismus lieben. Oder wie er selbst es ausdr&amp;uuml;ckt: &amp;raquo;M&amp;auml;nner, die Frauen lieben, werden von Frauen geliebt.&amp;laquo; Seine Biografin Sonia Purnell f&amp;uuml;gt an: &amp;raquo;Manche M&amp;auml;nner sind f&amp;uuml;r Boris&amp;rsquo; Charme ebenso empf&amp;auml;nglich wie Frauen, weil er die Sorte Leben f&amp;uuml;hrt, von der sie nur tr&amp;auml;umen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dazu geh&amp;ouml;ren weiterhin seine Aff&amp;auml;ren. Im vergangenen Jahr setzte ihn seine Frau Marina wie eine &amp;raquo;streunende Katze&amp;laquo; vor die T&amp;uuml;r, nachdem eine Geliebte Johnsons f&amp;uuml;nftes Kind geboren hatte. Dass ihm seine Eskapaden bisher politisch kaum geschadet haben, liegt dabei vor allem daran, dass Johnson nie den Versuch unternommen hat, die Menschen &amp;uuml;ber Moral zu belehren. Seine Antwort auf die Frage, ob er jemals Sex mit einem Mann gehabt h&amp;auml;tte: &amp;raquo;Bis jetzt noch nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Johnson scheint zu wissen, dass sein politischer Erfolg vor allem davon abh&amp;auml;ngt, wie sehr es ihm gelingt, das Wahlvolk zu verf&amp;uuml;hren. Bei einem Strategietreffen Anfang des Jahres habe er gesagt: &amp;raquo;Die &amp;Ouml;ffentlichkeit will umworben werden. Der einzige Spa&amp;szlig;, den sie hat, besteht darin, dass ein Politiker alle vier Jahre vor ihr herumkriechen muss. Sie will, dass er sich richtig ins Zeug legt.&amp;laquo; So erz&amp;auml;hlt es jedenfalls einer seiner engsten Berater.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dieses Verst&amp;auml;ndnis des politischen Gesch&amp;auml;fts hat Johnson beliebter als David Cameron gemacht, und es gibt nicht wenige, die ihm zutrauen, den Premierminister zu beerben. Johnson selbst spielt seine Aussichten, je in Downing Street Nummer 10 einzuziehen, noch nach Kr&amp;auml;ften herunter. &amp;raquo;Meine Chancen, Premierminister zu werden, sind ungef&amp;auml;hr so gro&amp;szlig; wie jene, Elvis auf dem Mars zu finden. Oder dass ich als Olive wiedergeboren werde.&amp;laquo; Niemand glaubt ihm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Weil Johnson in Amerika geboren wurde, witzeln seine Freunde, k&amp;ouml;nne er eines Tages sogar als US-Pr&amp;auml;sident kandidieren. Als Barack Obama Gro&amp;szlig;britannien besuchte, war auch Johnson beim Staatsbankett zu Gast. &amp;raquo;W&amp;uuml;rden Sie mir bitte einen Scheck &amp;uuml;ber f&amp;uuml;nf Millionen Dollar ausstellen?&amp;laquo;, fragte Johnson den verbl&amp;uuml;fften US-Pr&amp;auml;sidenten &amp;ndash; eine Anspielung auf die Tatsache, dass sich die US-Botschaft weigert, f&amp;uuml;r ihre Diplomaten-Fahrzeuge die in London &amp;uuml;bliche Maut zu bezahlen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; W&amp;auml;hrend seines Wahlkampfs hatte Johnson sich bem&amp;uuml;ht, seine Witzeleien ein wenig im Zaum zu halten, doch schon zur Bootsprozession auf der Themse zu Ehren des 60. Thronjubil&amp;auml;ums der Queen war er wieder in bestechender Form. Johnson kommentierte das Spektakel im Londoner Nieselregen mit dem trockenen Satz: &amp;raquo;Wie D&amp;uuml;nkirchen, nur etwas spa&amp;szlig;iger.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein n&amp;auml;chster gro&amp;szlig;er Auftritt wird in ein paar Tagen sein, wenn die Olympischen Spiele er&amp;ouml;ffnet werden. Niemand scheint daf&amp;uuml;r geeigneter als Johnson. Als er vor vier Jahren bei der Schlusszeremonie vom w&amp;uuml;rdig dreinblickenden Pekinger B&amp;uuml;rgermeister das Olympische Banner bekam, schwenkte er es sogleich wie ein Krieger unter Aufputschmitteln. Die chinesische &amp;Ouml;ffentlichkeit war konsterniert &amp;uuml;ber Johnsons Auftritt. Er hatte es nicht einmal geschafft, das Jackett &amp;uuml;ber seinem m&amp;auml;chtigen Bauch zuzukn&amp;ouml;pfen, obwohl ihn ein Offizieller im Stadion auf den Etikettefehler aufmerksam gemacht hatte: &amp;raquo;Zuerst griff ich instinktiv nach dem Knopf&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlte er sp&amp;auml;ter, &amp;raquo;aber dann dachte ich: Ihr k&amp;ouml;nnt mich alle mal.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fotos: afp, dpa, getty&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die blonde Gefahr</dc:subject>
    <dc:creator>Paul Waugh</dc:creator>
    <dc:date>2012-07-23T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37803">
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    <title>Was gesagt werden muss</title>
    <description>&lt;p&gt;Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, die      Fakten schonungslos auszusprechen. Gut, dass wir uns da auf die Politik      verlassen k&amp;ouml;nnen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48625.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Russland ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Vladimir Putin, &lt;em&gt;Russischer Premier, M&amp;auml;rz 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Frankreich ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Christian Lagrade, &lt;em&gt;Direktorin des Internationalen W&amp;auml;hrungsfonds, Mai 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Portugal ist nicht Griechenland, Spanien ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Jean-Claude Trichet, &lt;em&gt;Pr&amp;auml;sident der Europ&amp;auml;ischen Zentralbank, Mai 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Spanien ist nicht Griechenland. Aber Griechenland ist, wo es ist, wegen einer Politik wie der Zapateros in Spanien.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Mariano Rajoy, &lt;em&gt;Spanischer Oppositionsf&amp;uuml;hrer, Mai 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Ungarn ist nicht in der gleichen Situation wie Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Olli Rehn, &lt;em&gt;EU W&amp;auml;hrungskommissar, Juni 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Ungarn ist ganz offensichtlich nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Gy&amp;ouml;rgy Matolcsy, &lt;em&gt;Ungarischer Wirtschaftsminister, Juni 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Spanien ist weder Irland noch Portugal.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Elena Salgado, &lt;em&gt;Spanische Finanzministerin, November 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Weder Spanien noch Portugal sind Irland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Angel Gurria, &lt;em&gt;OECD-Generalsekret&amp;auml;r, November 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Irland ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Angela Merkel, &lt;em&gt;Deutsche Budneskanzlerin, November 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Griechenland ist nicht Irland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Giorgios Papakonstantinou, &lt;em&gt;Griechischer Finanzminister, November 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Irland liegt nicht in griechischem Territorium.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Brian Lenihan, &lt;em&gt;irischer Finanzminister, November 2010&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Irland ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Michael Noonan, &lt;em&gt;Irischer Finanzminister, Juni 2011&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Frankreich ist nicht Griechenland und auch nicht Italien.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Barry Eichengreen, &lt;em&gt;Amerikansicher Wirtschaftsprofessor, August 201&lt;/em&gt;1)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Italien ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Rainer Br&amp;uuml;derle,&lt;em&gt; FDP-Fraktionschef, August 2011&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Italien ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Silvio Berlusconi, &lt;em&gt;Italienischer Premier, Oktober 2011&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;Ouml;sterreich ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Karlheinz Kopf, &lt;em&gt;Fraktionschef der &amp;Ouml;sterreichsichen Volkspartei, November 2011&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Italien ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Christian Lindner, &lt;em&gt;FDP-Generalsekret&amp;auml;r, November 2011&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Portugal ist nicht Griechenland und wird es auch nicht sein.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Antonio Saraiva, &lt;em&gt;Chef des portugiesischen Industrieverbandes, Februar 2012&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Spanien ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Richard Youngs, C&lt;em&gt;hef des Think Tanks FRIDE in Madrid, Mai 2012&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Portugal ist nicht Griechenland.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Pedro Passos Coelho, &lt;em&gt;Portugiesischer Premier, Juni 2012&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Italien ist nicht Spanien.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Ed Parker, &lt;em&gt;Senior Director der Rating-Agentur Fitch, Juni 2012)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Griechenland ist nicht Argentinien.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Yiannis Stournaras, &lt;em&gt;Griechischer Wettbewerbsminister, Juli 2012)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Deutschland ist nicht Simbabwe.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Paul Casson, &lt;em&gt;Fondsmanager von Henderson Global Inverstors, Juni 2012)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Spanien ist nicht Uganda.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;(Mariano Rajoy, &lt;em&gt;Spanischer Ministerpr&amp;auml;sident, Juni 2012&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Uganda will gar nicht Spanien sein.&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&amp;laquo;&lt;/strong&gt; (Asuman Kiyingi, &lt;em&gt;Au&amp;szlig;enminister Ugandas, Juni 2012&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fotos: Getty Images, fotolia&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Was gesagt werden muss</dc:subject>
    <dc:creator>Wolfgang Luef</dc:creator>
    <dc:date>2012-07-19T17:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Die 90-jährige Hildegard Hamm-Brücher</title>
    <description>&lt;p&gt;Wie geht das: den M&amp;auml;nnern ebenb&amp;uuml;rtig sein &amp;ndash; ohne Quote? Ein Gespr&amp;auml;ch &amp;uuml;ber Aufm&amp;uuml;pfigkeit und falsch verstandenen Feminismus.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42779.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt; &lt;br /&gt;SZ-Magazin: Von Journalisten werden Sie st&amp;auml;ndig als Grande Dame der deutschen Politik bezeichnet. Was ist der Unterschied zwischen einer Dame und einer Frau? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hildegard Hamm-Br&amp;uuml;cher:&lt;/strong&gt; Ach, Dame oder Frau, das ist mir gar nicht so wichtig. Wenn die Menschen das Gef&amp;uuml;hl haben, dass eine Frau eigenst&amp;auml;ndig ist und f&amp;uuml;r eine Sache einsteht, sagen sie halt Dame. Ich habe das nie kultiviert, im Gegenteil, ich bin immer gegen den Strom geschwommen, wollte aber trotzdem h&amp;uuml;bsch dabei aussehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das ist ja gerade das Damenhafte: streitbar, aber elegant.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Finden Sie? Trotzdem, f&amp;uuml;r mich ist das keine Auszeichnung, es macht mich weder hochm&amp;uuml;tig noch eitel. Die Feministin Gloria Steinem hat mal gesagt: Eine emanzipierte Frau hat vor der Ehe Sex und danach einen Beruf. Dann bin ich emanzipiert, obwohl ich zwischen dem Sex und dem Beruf keinen Zusammenhang sehe. Ich war in den F&amp;uuml;nfzigerjahren bestimmt nicht die Einzige, die Sex vor der Ehe hatte. Der Krieg hatte doch alles durcheinandergebracht, die Bindungen, die Gef&amp;uuml;hle. Viele Frauen hatten einen Lebensgef&amp;auml;hrten, weil ihre M&amp;auml;nner nicht aus dem Krieg zur&amp;uuml;ckkamen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Als Ihr Sohn 1955 zur Welt kam, waren Sie noch nicht mit Ihrem Mann verheiratet. Ein Skandal?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es war noch schlimmer. Er war noch nicht mal von seiner ersten Frau geschieden. Stellen Sie sich das mal vor, ein nicht geschiedener, katholischer CSU-Politiker und diese l&amp;auml;stige, aufm&amp;uuml;pfige Ketzerin aus der FDP, das w&amp;auml;re ein Kn&amp;uuml;ller gewesen. Damals galt ja noch ein rigides Scheidungsrecht: War der Mann der Ehebrecher, hatte er keine Chance auf Scheidung, wenn die Frau es nicht wollte. Trotzdem war ich wild entschlossen, dieses Kind zu bekommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie konnten Sie die Schwangerschaft verheimlichen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;W&amp;auml;hrend der letzten Schwangerschaftswochen habe ich bei meinem Bruder in Holland gelebt, die ersten Monate wuchs mein Sohn bei meiner Schwester auf, bis wir 1956 endlich heiraten konnten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie haben Sie sich eigentlich in Ihren Mann verliebt? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir haben uns im M&amp;uuml;nchner Stadtrat kennengelernt. Er war bei der CSU, aber sehr progressiv, und hat sich daf&amp;uuml;r eingesetzt, dass M&amp;uuml;nchen sozialer und frauenfreundlicher wurde. Gemeinsam haben wir das erste Apartmenthaus f&amp;uuml;r alleinerziehende, berufst&amp;auml;tige M&amp;uuml;tter aufgebaut, mit Kindergarten im Erdgeschoss.&amp;nbsp; &lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben sich nie einem Fraktionszwang unterworfen, haben f&amp;uuml;r Bildung und Gleichberechtigung gek&amp;auml;mpft und immer &amp;ndash; auch gegen Widerst&amp;auml;nde &amp;ndash; Ihre Meinung vertreten. Welche Politikerin aus dem Jahr 2012 erinnert Sie an die Hildegard Hamm-Br&amp;uuml;cher von fr&amp;uuml;her?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Claudia Roth. Die ist mutig und l&amp;auml;sst sich nicht kleinkriegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42773.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Die promovierte Chemikerin Hildegard Hamm-Br&amp;uuml;cher im Jahr 1948. Da   war      sie 27 Jahre und zog f&amp;uuml;r die FDP in den M&amp;uuml;nchner Stadtrat ein. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die gro&amp;szlig;e Dame der Liberalen erkennt sich in der FDP-Hasserin Claudia Roth wieder?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vergessen Sie nicht, dass ich 2002 wegen der antisemitischen Einlassungen M&amp;ouml;llemanns aus der FDP ausgetreten bin, nach 54 Jahren. Vor zwei Jahren sa&amp;szlig; ich f&amp;uuml;r die hessischen Gr&amp;uuml;nen in der Bundesversammlung und habe f&amp;uuml;r Gauck, nicht f&amp;uuml;r Wulff, als Bundespr&amp;auml;sidenten gestimmt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und es st&amp;ouml;rt Sie nicht, dass die Gr&amp;uuml;nen permanent &amp;uuml;ber die FDP schimpfen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aber nein, in meinem Alter kann ich ganz unbefangen mit den komischen Parteiritualen umgehen. Au&amp;szlig;erdem, sagen Sie mir doch eine Frau aus einer anderen Partei, die positiv aus dem Rahmen f&amp;auml;llt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sahra Wagenknecht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die kenne ich nicht gut genug. Sie sieht gut aus, ist gebildet, aber sie h&amp;auml;tte einen Sozialismus entwickeln m&amp;uuml;ssen, der sich st&amp;auml;rker von dem der DDR abgrenzt. Ursula von der Leyen f&amp;auml;llt mir noch ein, die traut sich was, vor der habe ich Respekt, aber sonst? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Also doch die Frauenquote?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auf keinen Fall, mit einer Quote w&amp;uuml;rden wir uns doch wieder in ein Ghetto begeben. Es geht darum, dass M&amp;auml;nner und Frauen wirklich ebenb&amp;uuml;rtig sind, und wenn es so weitergeht, werden sie das auch, und zwar ganz nat&amp;uuml;rlich. Die qualifizierten M&amp;auml;nner werden weniger, die qualifizierten Frauen werden mehr, die Entwicklung l&amp;auml;sst sich nicht aufhalten. Also mir w&amp;auml;re es zuwider gewesen, in ein Amt zu kommen, weil die Quote es will.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was macht Sie so sicher, dass die echte Gleichberechtigung kommen wird?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wer heute jammert, hat vergessen, wo wir angefangen haben. Ich habe jahrelang daf&amp;uuml;r gek&amp;auml;mpft, dass Frauen im Symphonieorchester mitspielen oder die gehobene Beamtenlaufbahn einschlagen durften, das muss man sich mal vorstellen. Auf einer Wahlveranstaltung in Amberg wurde ich mal von einer Frau beschimpft: &amp;raquo;Pfui Teufel&amp;laquo;, hat sie geschrien, &amp;raquo;wie kann man was anderes sein als sein Mann?&amp;laquo; F&amp;uuml;r mich ist der Aufstieg der Frauen die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te gesellschaftspolitische Leistung der Bundesrepublik. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben mal gesagt, dass Sie mehr f&amp;uuml;r die Frauen getan haben als Alice Schwarzer. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Alice Schwarzer hat tapfer gek&amp;auml;mpft und viel erreicht, aber sie respektiert nicht, dass man das, wor&amp;uuml;ber man redet und schreibt, auch selbst tun muss. Mein Einwand ist also, dass sie es nicht gewagt hat, selbst in die Politik zu gehen, und teilweise eine &amp;Uuml;berheblichkeit gegen&amp;uuml;ber den Frauen ausstrahlt, die es probiert haben. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir brauchen Frauen wie Alice Schwarzer, aber wir brauchen auch Frauen, die die Bretter bohren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Jeder Mensch braucht Bew&amp;auml;hrungsproben.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42775.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Hildegard Hamm-Br&amp;uuml;cher im Jahr 1962 mit ihren beiden Kindern      Florian und Miriam Verena.&amp;nbsp; &lt;/em&gt; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;Ihnen blieb gar nichts anderes &amp;uuml;brig. Sie haben als junges M&amp;auml;dchen beide Eltern verloren. Wie war das?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Als mein Vater an einem eitrigen Blinddarm starb, war ich zehn. Ein Jahr sp&amp;auml;ter starb meine Mutter an einem Tumor, es war ein schmerzhafter und qualvoller Tod. Es hat lange gedauert, bis ich diesen Einschnitt in mein Kinderleben wirklich begriffen habe. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sind Sie zusammengebrochen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &amp;Uuml;berhaupt nicht. Als &amp;Auml;lteste von f&amp;uuml;nf Geschwistern musste ich sofort funktionieren. Ich wei&amp;szlig; noch, dass ich die naive Vorstellung hatte, dass meine Eltern mir vom Himmel aus zuschauen, ob ich meine Sache gut mache. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie kamen dann von Berlin zu Ihrer Gro&amp;szlig;mutter nach Dresden. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, das waren reiche Leute. Ihr Mann hatte eine gro&amp;szlig;e Malzfabrik aufgebaut, war aber schon verstorben. Als wir Waisenkinder auf einmal vor der T&amp;uuml;r standen, hat sie ihr ganzes Haus umgekrempelt, sogar unsere Kinderm&amp;ouml;bel lie&amp;szlig; sie holen, damit wir uns wie zu Hause f&amp;uuml;hlten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und dann kam die zweite Katastrophe.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, nach den N&amp;uuml;rnberger Gesetzen von 1935 war sie J&amp;uuml;din, obwohl sie l&amp;auml;ngst konvertiert war und uns streng evangelisch erzogen hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wurden Sie diskriminiert?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, auf einmal wurde ich nicht mehr zu den Schwimmwettk&amp;auml;mpfen zugelassen, obwohl ich immer eine sehr gute Schwimmerin gewesen war. Auch ins Schullandheim durfte ich nicht mehr mit. 1942 nahm sich meine Oma dann das Leben. Sie sollte nach Theresienstadt deportiert werden, dabei konnte sie nur noch mit zwei St&amp;ouml;cken gehen und sich nicht mal mehr selbstst&amp;auml;ndig an- und ausziehen. Der Selbstmord meiner Oma und die Hinrichtung der Studenten der Wei&amp;szlig;en Rose haben mich zu dem Vorsatz gef&amp;uuml;hrt, dass ich, sollte ich diesen Irrsinn &amp;uuml;berleben, mein Leben lang daf&amp;uuml;r k&amp;auml;mpfen w&amp;uuml;rde, dass so was nicht mehr passieren kann.&amp;nbsp; &lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Krieg, die Armut &amp;ndash; fehlen jungen Menschen heute solche Erlebnisse?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schwierige Frage, weil man sie ihnen ja kaum w&amp;uuml;nschen kann. Aber es stimmt schon, das Leben ist heute zu wenig herausfordernd. Jeder Mensch braucht Bew&amp;auml;hrungsproben. Ob man sie besteht oder nicht, ist gar nicht entscheidend, aber wenn es &amp;uuml;berhaupt keine gibt, entsteht eine gef&amp;auml;hrliche L&amp;uuml;cke. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie lange waren Sie mit Ihrem Mann verheiratet? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;52 Jahre. Nur Helmut Schmidt und Loki haben es noch l&amp;auml;nger geschafft. Die halten den Rekord. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42777.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;1994 war Hamm-Br&amp;uuml;cher &amp;ndash; hier neben ihrem Mann Erwin Hamm &amp;ndash; FDP-Kandidatin      f&amp;uuml;r das Amt der Bundespr&amp;auml;sidentin. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was ist das Geheimnis einer so langen Ehe?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dass sie nie in einen Trott verfallen ist, weil ich st&amp;auml;ndig engagiert war und &amp;uuml;berlegen musste, wie wir den Alltag mit den beiden Kindern hinkriegen. Papa kommt von der Arbeit nach Hause und kriegt erst die Hauspantoffeln, dann das Essen vorgesetzt &amp;ndash; das ist t&amp;ouml;dlich f&amp;uuml;r eine Ehe.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht haben Ihre Kinder gelitten, und Sie haben es nicht gemerkt? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich kann mit meinen Kindern heute gut &amp;uuml;ber diese Zeit sprechen. Und ja, sie haben mich oft vermisst, aber sie haben gelernt, dass ihre Mutter das tut, was ihr auch wichtig ist, und sie nicht davon ausgehen k&amp;ouml;nnen, dass jeden Tag automatisch die Betten gemacht sind. Meine Tochter wurde mal auf einem Kindergeburtstag gefragt, von wem sie eigentlich erzogen werde, wenn die Mutter als Staatsministerin st&amp;auml;ndig unterwegs ist. Wissen Sie, was sie geantwortet hat? &amp;raquo;Bei uns zu Hause wird nicht erzogen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihr Mann ist 2008 im Alter von 98 Jahren gestorben. Sp&amp;auml;ter haben Sie in einem Interview gesagt: &amp;raquo;Die L&amp;uuml;cke will und will sich nicht schlie&amp;szlig;en.&amp;laquo; Schlie&amp;szlig;t sie sich allm&amp;auml;hlich?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sie schlie&amp;szlig;t sich nie, aber das ist kein Verh&amp;auml;ngnis, das kann man schon ertragen.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In welchen Momenten merken Sie das besonders? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn ich allein bin. Meine Kinder sind so lieb und k&amp;uuml;mmern sich um mich &amp;ndash; aber allein zu leben, das kann hart sein. Wenn man wei&amp;szlig;, dass niemand da ist, mit dem man spontan und vertraut reden kann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Erwin Hamm, der Name Ihres Mannes, steht noch auf dem Klingelschild.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich betreibe keinen Kult, ich spreche auch nicht mit ihm oder so. Aber wir haben auf seinem Grab ein Obstb&amp;auml;umchen gepflanzt, genau so eines, wie er es vor dem Fenster seines Arbeitszimmers stehen hatte. Laut Friedhofsverwaltung d&amp;uuml;rfen auf dem Friedhof zwar keine Obstb&amp;auml;ume gepflanzt werden, aber f&amp;uuml;r irgendwas muss es ja gut sein, dass ich Ehrenb&amp;uuml;rgerin der Stadt M&amp;uuml;nchen bin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Lieber Gott, mach, dass es bald zu Ende geht!&quot;]&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42771.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt; Mitte: 1970 beim Skifahren auf der Zugspitze. Auf dem Skianorak: eine     Wahlwerbung,      die f&amp;uuml;r die FDP mehr als zehn Prozent der Stimmen     verhei&amp;szlig;t. &lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sind immer noch sehr engagiert und erheben Ihre Stimme, erst neulich wieder sa&amp;szlig;en Sie bei G&amp;uuml;nther Jauch. Kommen Sie nicht los von der Politik?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Letztes Jahr habe ich mir bei einem Sturz den linken Oberschenkelhalsknochen gebrochen. Seitdem habe ich jeden Vorsitz und alle Kuratorien abgesagt. Behalten habe ich nur zwei, drei &amp;Auml;mter, die mir sehr wichtig sind, zum Beispiel den Co-Vorsitz im F&amp;ouml;rderverein &amp;raquo;Demokratisch Handeln&amp;laquo;, den ich mitgegr&amp;uuml;ndet habe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Also k&amp;ouml;nnen Sie jetzt endlich ausschlafen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Haben Sie eine Ahnung! Ich wache jede Nacht gegen drei Uhr auf. Ich mache mir dann ein Brot und einen Kaffee, hole die Zeitung von drau&amp;szlig;en, lege mich zur&amp;uuml;ck ins Bett und lese. Gegen f&amp;uuml;nf Uhr werde ich wieder m&amp;uuml;de, dann schlafe ich weiter, bis ich aufwache. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie waren S&amp;uuml;ddeutsche Meisterin im Schwimmen. Machen Sie noch Sport?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich wippe jeden Morgen auf dem Trampolin. Fr&amp;uuml;her bin ich gern ins Bad nach Gr&amp;uuml;nwald, um mich im Warmwasser zu bewegen, aber das geht nicht mehr, weil sich sofort die Blase meldet. Auch Radfahren ist mir mittlerweile zu riskant, daf&amp;uuml;r fahre ich noch Auto.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nicht Ihr Ernst.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Doch, doch. Keine weiten Strecken, zum Supermarkt oder zur U-Bahn. Vor Kurzem war ich beim Arzt und habe mein Sehverm&amp;ouml;gen und meine Reaktionsschnelligkeit testen lassen. Alles in Ordnung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Schauen Sie fern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nur Nachrichten und Parteitage auf Phoenix. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Politische Talkshows? &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die kommen so sp&amp;auml;t, da bin ich schon im Bett. Au&amp;szlig;erdem sind die ziemlich ausgelatscht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Schreiben Sie E-Mails, zum Beispiel an Ihr gro&amp;szlig;es Vorbild Helmut Schmidt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe mein ganzes letztes Buch selbst auf dem Computer geschrieben, das geht also noch, aber E-Mails sind mir zu anstrengend. Mir hat mal jemand eine Adresse eingerichtet, aber da muss man ja mehrmals am Tag nachschauen, nein, da mache ich nicht mehr mit.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Also telefonieren Sie mit dem Altkanzler?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir sind beide &amp;uuml;ber 90, das h&amp;ouml;rt auf. Aber er ist ein Freund, den ich bis heute unendlich bewundere, ja fast anhimmle. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie wirken so neugierig und heiter. Sind Sie nie melancholisch oder niedergeschlagen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Es gibt Momente, in denen ich traurig bin. Wenn ich merke, dass ich nicht mehr richtig lesen kann zum Beispiel. Dann sage ich mir: Lieber Gott, vielen Dank f&amp;uuml;r das sch&amp;ouml;ne Leben, aber mach, dass es bald zu Ende geht. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Keine Angst vor dem Ende? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich bin eine fr&amp;ouml;hliche Christin. Und Sie kennen doch das Gedicht von Rilke: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich &amp;uuml;ber die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. So ist es auch bei mir. Ich bin nicht verzagt, sondern gelassen, und habe keine Angst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;---&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bio:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hildegard Hamm-Br&amp;uuml;cher&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;* 11. Mai 1921&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wer nur ein paar Kapitel ihres letzten Buches &quot;Und dennoch...&quot; liest, kann nachvollziehen, was     Hildegard Hamm-Br&amp;uuml;cher erlebt, durchlitten, geleistet hat.&lt;br /&gt;Geboren 1921 in Essen, verlor sie fr&amp;uuml;h ihre Eltern, wurde als Halbj&amp;uuml;din diskriminiert, studierte Chemie in M&amp;uuml;nchen &amp;ndash; wo sie sich im Umfeld der Wei&amp;szlig;en Rose bewegte &amp;ndash; und ging 1948 in die Politik: eine 27-j&amp;auml;hrige, idealistische, unbeugsame Frau unter lauter m&amp;auml;chtig arroganten M&amp;auml;nnern. Sp&amp;auml;ter sa&amp;szlig; sie im Bayerischen Landtag und im Bundestag, war Staatsministerin im Ausw&amp;auml;rtigen Amt unter Genscher, 1994 sogar FDP-Kandidatin f&amp;uuml;r das Amt des Bundespr&amp;auml;sidenten. Hamm-Br&amp;uuml;cher bekam so viele Auszeichnungen und Ehrungen, man kann sie hier nicht aufz&amp;auml;hlen. Man muss mit dieser Frau sprechen, um zu kapieren, wie sich unser Land seit dem Zweiten Weltkrieg ver&amp;auml;ndert und verbessert hat. Mittlerweile ist sie 90 Jahre alt, verwitwet und l&amp;auml;ngst nicht mehr in der FDP, aber sie k&amp;auml;mpft weiter &amp;ndash; f&amp;uuml;r demokratisches Denken, Frauenrechte und Frieden. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die 90-jährige Hildegard Hamm-Brücher</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Haberl (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-03-14T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Die 100-jährige Clare Hollingworth</title>
    <description>&lt;p&gt;Die Angst hat sie immer vom Sterben abgehalten, sagt die ehemalige Kriegsreporterin.      Am liebsten w&amp;uuml;rde sie gleich wieder losziehen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42787.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;&lt;br /&gt;Hundertj&amp;auml;hrige Kriege, die gibt es. Von hundertj&amp;auml;hrigen Kriegsberichterstattern h&amp;ouml;rt man dagegen selten. Viele Reporter, die sich, nur mit Notizblock und Kamera bewaffnet, auf die Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts begaben, kamen auf ihnen fr&amp;uuml;h ums Leben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Foreign Correspondents&amp;rsquo; Club in Hongkong h&amp;auml;ngen die Portr&amp;auml;ts von einigen der ber&amp;uuml;hmtesten: Robert Capa (starb mit 40 Jahren im 1. Indochina-Krieg), Larry Burrows (kam 44-j&amp;auml;hrig bei einem Hubschrauberabsturz in Laos ums Leben), Kyoichi Sawada (mit 34 in Vietnam gestorben). &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An diesem Nachmittag im Januar 2012 sitzt Clare Hollingworth im Clubsessel unter den Bildern ihrer Kollegen und spitzt die Ohren. Die alte Dame mit dem grauen Dutt und den pinkfarben lackierten Fingern&amp;auml;geln kommt nicht nur zum Teetrinken her. Sie ist seit Jahren blind, aber sie h&amp;ouml;rt noch recht gut, und im ber&amp;uuml;hmtesten Presseclub Asiens kann man immer eine gute Geschichte aufschnappen und so mitkriegen, was in der Welt passiert. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Frau Hollingworth, Sie haben sich als Kriegsreporterin st&amp;auml;ndig in Gefahr begeben. Haben Sie nie Angst gehabt? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clare Hollingworth: Angst? Ich habe mehr Angst, in einem Aufzug stecken zu bleiben, als vor irgendwas sonst. Das ist mir einmal passiert, und ich habe eine Stunde gebraucht, um da wieder rauszukommen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;1946 sind Sie dem Terroranschlag auf das &amp;raquo;King David&amp;laquo;-Hotel in Jerusalem ganz knapp entkommen. Stimmt es, dass Ihre Mutter Sie daraufhin enterben wollte?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sie hat gesagt: &amp;raquo;Clare, du machst uns ungl&amp;uuml;cklich, wenn du dich immer in Gefahr begibst.&amp;laquo; Ich habe geantwortet: &amp;raquo;Ja, aber mich mache ich gl&amp;uuml;cklich damit.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Und nun sind gerade Sie 100 Jahre alt geworden. Wie haben Sie das geschafft? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich habe in meinem Leben zu viele gef&amp;auml;hrliche Situationen erlebt. Aber die Gefahr reizt mich immer noch, und das wird sich bis zu meinem Tod auch nicht &amp;auml;ndern. Ich sage Ihnen eins: Wenn heute hier ein Krieg ausbricht, dann werde ich mich auf die Beine machen, um dabei zu sein. Kriege sind so interessant. Sehr interessant.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42785.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;C&lt;/em&gt;&lt;em&gt;lare Hollingworth Anfang der Sechzigerjahre vor einem Jagdbomber      der Royal Air Force in Aden. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was ist an Kriegen interessant?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Frage, wer gewinnt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Aber warum wollen Sie mit 100 Jahren noch einmal an die Front? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich will ich nicht, dass Menschen sterben. Aber ich m&amp;ouml;chte noch einmal K&amp;auml;mpfe sehen. Die Angst sp&amp;uuml;ren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wieso? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil die Angst mich vom Sterben abh&amp;auml;lt. Sagt jedenfalls mein Arzt. Na ja, er sagt nicht, dass sie mich ganz davor bewahrt, aber dass sie den Tod hinausz&amp;ouml;gert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Clare Hollingworth war die erste Reporterin, die am 1. September 1939 den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aus Polen meldete. Knapp eine Woche zuvor war die 27-J&amp;auml;hrige vom Londoner &amp;raquo;Daily Telegraph&amp;laquo; als Journalistin angeheuert und nach Kattowitz geschickt worden. Kaum in Polen angekommen, wagte sie sich mit der Dienstlimousine des britischen Generalkonsuls ins deutsche Grenzgebiet vor, wo sie, zwischen Hindenburg und Gleiwitz, ein Gro&amp;szlig;aufgebot getarnter Wehrmachtspanzer entdeckte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am 31. August unternahmen auf Hitlers Befehl SS-M&amp;auml;nner in Zivil einen fingierten Angriff auf den deutschen Sender Gleiwitz &amp;ndash; eine von mehreren Aktionen, die als Vorwand f&amp;uuml;r den Truppeneinmarsch in Polen dienten. Am 1. September war es so weit. Hollingworth rief die britische Botschaft in Warschau an und meldete die deutsche Invasion. Ihre Landsleute wollten ihr nicht glauben &amp;ndash; bis sie den Telefonh&amp;ouml;rer aus dem Fenster hielt. Das Donnern deutscher Panzerketten &amp;uuml;berzeugte die Briten. Hollingworth setzte noch schnell einen Bericht f&amp;uuml;r ihre Zeitung ab und brachte sich mit einer abenteuerlichen Flucht vor den Deutschen in Sicherheit. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie haben unvorstellbare Grausamkeiten erlebt und dar&amp;uuml;ber geschrieben, zum Beispiel das Massaker der Eisernen Garde an den Juden von Bukarest 1941. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Das war grauenhaft. Die Eiserne Garde war eine faschistische, antisemitische Partei, die mit dem Kriegseintritt Rum&amp;auml;niens die Juden umbrachte.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Wenn die M&amp;auml;nner mich nicht ins Bett kriegen wollten, haben sie mich wie einen der ihren behandelt&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42791.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Als junge Frau, im Jahr 1931, bevor sie &amp;uuml;berhaupt journalistisch t&amp;auml;tig      wurde. &lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie lebt man mit solchen Erinnerungen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich mache kein Aufhebens darum, dass ich Kriegsreporterin war. Wenn jetzt jemand hier reink&amp;auml;me und mich erschie&amp;szlig;en w&amp;uuml;rde, k&amp;ouml;nnte ich nichts daran &amp;auml;ndern. Aber wenn er einen anderen in diesem Raum erschie&amp;szlig;en w&amp;uuml;rde, k&amp;ouml;nnte ich eine gro&amp;szlig;e Geschichte dar&amp;uuml;ber schreiben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Muss man sich immer gleich in die Schusslinie werfen, um als Reporter an gro&amp;szlig;e Geschichten zu kommen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich gebe Ihnen einen Rat, junger Mann: Wann immer Sie irgendwo eine Gefahr sehen und es ist noch niemand da, st&amp;uuml;rzen Sie sich drauf, und gehen Sie hin. Und wenn schon wer da ist, sagen Sie ihm: Warten Sie, ich werde sehen, ob ich Ihnen helfen kann. Wo leben Sie? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In Deutschland. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ah, sehr gut. Dann gehen Sie in die n&amp;auml;chste Kneipe oder ein Caf&amp;eacute;, einen Ort, wo die Leute frei sprechen, und fragen Sie: &amp;raquo;Wer hier war im letzten Krieg?&amp;laquo; Geben Sie eine Runde aus, und die Leute werden reden. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie halten es mit Hemingway, Alkohol hilft immer? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Immer. Haben Sie es schon mal ausprobiert? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie meinen: an mir?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Haben Sie schon mal Leute eingeladen und ihnen dann zu viel eingeschenkt? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Gelegentlich, aber verraten Sie es niemandem. Kriegsreporter gelten ja als legend&amp;auml;re Etappens&amp;auml;ufer. Wie war das als einzige Frau unter all den M&amp;auml;nnern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Manchmal habe ich viel getrunken, vor allem franz&amp;ouml;sischen Wein, manchmal nicht. Wenn ich schlechte Laune hatte, weil meine Geschichte nicht rechtzeitig in der Redaktion ankam, habe ich viel getrunken. Wenn sie mich nicht ins Bett kriegen wollten, haben die M&amp;auml;nner mich wie einen der ihren behandelt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie waren ja verheiratet. Sie haben sogar fr&amp;uuml;h geheiratet, aber darauf bestanden, Ihren Geburtsnamen im Pass zu f&amp;uuml;hren. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, ich war eine der ersten Frauen in England, die nach der Heirat ihren M&amp;auml;dchennamen im Pass weiterf&amp;uuml;hren durften. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum war das wichtig f&amp;uuml;r Sie? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil ich es scheu&amp;szlig;lich gefunden h&amp;auml;tte, erst einen Namen zu haben und dann einen anderen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W&amp;uuml;rden Sie sich als Feministin bezeichnen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, ich bin nur ich. Ich tue, was ich f&amp;uuml;r richtig halte &amp;ndash; oder was besser f&amp;uuml;r mich ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aus Ihrer pers&amp;ouml;nlichen Erfahrung eines Jahrhunderts: Wiederholt sich die Geschichte, oder k&amp;ouml;nnen wir aus ihr lernen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Wir m&amp;uuml;ssen aus ihr lernen, auch wenn das manchmal schmerzhaft ist. Ich habe viele L&amp;uuml;gen geh&amp;ouml;rt in meinem Leben, und ich war so bl&amp;ouml;d, die L&amp;uuml;gen, die man mir erz&amp;auml;hlt hat, in einem Buch aufzuschreiben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie meinen, man muss erst mal begreifen, was wahr und was unwahr ist, und lernt daraus? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Buch mit den L&amp;uuml;gen habe ich hier im Keller aufbewahrt, aber jemand hat es weggeworfen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Welche L&amp;uuml;gen meinen Sie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hier verl&amp;auml;sst Clare Hollingworth das Thema und erz&amp;auml;hlt stattdessen von den &amp;raquo;zwei t: typewriter and toothbrush&amp;laquo;, Schreibmaschine und Zahnb&amp;uuml;rste, die alles seien, was sie f&amp;uuml;r ihre Arbeit brauchte. Nach dem Krieg machte sie den Pilotenschein und entlarvte den britischen Geheimagenten Kim Philby als russischen Spion. Sie begleitete Frankreichs Pr&amp;auml;sidenten de Gaulle auf Besuch in Algerien und a&amp;szlig; mit dem chinesischen Premier Zhou Enlai in Peking. Sechs Jahrzehnte berichtete sie aus Krisen- und Kriegsregionen, vom Balkan, aus Pal&amp;auml;stina, Algerien, Vietnam, China. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42789.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
         &lt;em&gt;1968 als Korrespondentin des &quot;Daily Telegraph&quot; in Saigon. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Schlafen Sie immer noch mit dem Pass unterm Kopfkissen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Aber sicher, ich bin immer bereit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Glauben Sie, Sie hatten einen Schutzengel auf den Schlachtfeldern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich glaube an Gott, aber ich denke, er hat genug andere Leute, um die er sich k&amp;uuml;mmern muss. Ich hoffe nur, dass er mich noch ein paar Jahre leben l&amp;auml;sst. Ich bete jeden Tag daf&amp;uuml;r. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche Vorteile hat das Alter?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bis jetzt habe ich keine entdeckt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ihren Humor zumindest haben Sie nicht verloren, oder? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Gl&amp;uuml;ck, dass es wenigstens etwas gibt, was ich nicht verloren habe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;---&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bio:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Clare Hollingworth&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;* 10. Oktober 1911&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bevor die      Britin eine der gro&amp;szlig;en Kriegsreporterinnen des 20. Jahrhunderts wurde,      schickten ihre Eltern sie auf die Hauswirtschaftsschule. Aber das Leben      als Hausfrau auf dem Lande war nichts f&amp;uuml;r sie. Sie studierte      slawische Sprachen in London und Zagreb, fing als Reporterin beim      &quot;Daily Telegraph&quot; in London an und meldete im September 1939 aus Polen      als Erste den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. 1936 heiratete sie zum      ersten Mal, lebte ab 1945 aber mit einem Kollegen zusammen, den sie      1952 heiratete, nachdem ihr erster Ehemann ein Jahr zuvor die      Scheidung eingereicht hatte. Der Grund: &amp;raquo;desertion&amp;laquo; &amp;ndash; was      auch Fahnenflucht bedeutet. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die 100-jährige Clare Hollingworth</dc:subject>
    <dc:creator>Malte Herwig (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-03-09T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36975">
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    <title>Stillstand</title>
    <description>&lt;p&gt;Seit der Loveparade-Katastrophe ist Duisburgs Oberb&amp;uuml;rgermeister Adolf Sauerland      eigentlich nicht mehr haltbar. Jetzt droht ihm die Abwahl. Ein letzter      Versuch, den Mann zu verstehen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/41413.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Hier ist Sauerland in seiner Lieblingsd&amp;ouml;nerbude. Mit dem Besitzer ist er befreundet, das Essen, sagt er, schmecke ihm dort ausgezeichnet. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Man kann nicht sagen, dass Adolf Sauerland auf der Flucht ist vor den B&amp;uuml;rgern seiner Stadt. Aber auf der Hut ist er schon. Es sind nur wenige Meter vom Rathaus bis zur Gesch&amp;auml;ftsstelle der CDU in der Fu&amp;szlig;g&amp;auml;ngerzone, die man auch ganz gut zu Fu&amp;szlig; gehen k&amp;ouml;nnte. &amp;raquo;Fahren geht schneller&amp;laquo;, sagt Adolf Sauerland. Aber bequemer ist es eben auch, so hinter der Scheibe durch eine Stadt zu fahren, in der er schon mit Ketchup bespritzt wurde. In der ihm der Tod gew&amp;uuml;nscht wurde. Adolf Sauerland muss sich in Acht nehmen vor den Menschen der Stadt und dem, was sie &amp;uuml;ber ihn erz&amp;auml;hlen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sauerland, 56, hat abgenommen in den Weihnachtsferien und tr&amp;auml;gt einen sch&amp;ouml;nen Anzug an diesem Dienstag Ende Januar, nicht eines seiner Jacketts, die &amp;uuml;ber ihm h&amp;auml;ngen wie ein Regenmantel, die ihn noch breiter und kleiner werden lassen. Die Leute in der Fu&amp;szlig;g&amp;auml;ngerzone schauen, als er um die Ecke biegt, es ist keine Abscheu zu lesen in ihren Gesichtern, eher ein Staunen, so als ob jemand pl&amp;ouml;tzlich auftaucht, den man vor allem aus dem Fernsehen kennt, &amp;uuml;ber den so viel B&amp;ouml;ses geschrieben wurde in den Zeitungen und im Internet. Adolf Sauerland versp&amp;uuml;rt keine Neigung, an diesem Tag f&amp;uuml;r weiteren Gespr&amp;auml;chsstoff zu sorgen. Vor dem Aufzug, der ihn nach oben zur CDU-Gesch&amp;auml;ftsstelle bringen soll, warten schon zwei Menschen, die kleine Kabine kommt. &amp;raquo;Fahren Sie nur&amp;laquo;, sagt Sauerland zu den anderen. &amp;raquo;Mit mir sind wir zu schwer. Dann bimmelt es wieder, und morgen steht es in der Zeitung.&amp;laquo; Er lacht nicht, als er das sagt, er tut sich nicht leid. Es ist wohl Routine geworden, auf der Hut zu sein vor seiner eigenen Stadt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er ist seit vielen Jahrzehnten in der Politik, hat klein angefangen in der Bezirksvertretung, er wei&amp;szlig;, wie das ist, sich hinzustellen und gegen andere anzutreten, auszuteilen und einzustecken, Wahlkampf zu machen also. Diesmal ist es aber anders, weil er da ja ganz allein  steht auf der B&amp;uuml;hne, weil die Duisburger beim Abwahlbegehren am Sonntag nicht zwischen ihm und einem anderen entscheiden k&amp;ouml;nnen, weil es nur um ihn geht. Die Gegner brauchen 92 000 Stimmen, ein Viertel aller Wahlberechtigten. Eine Abwahl Sauerlands ist schwierig, seine Gegner m&amp;uuml;ssten mehr Menschen mobilisieren, als Sauerland bei der letzten Wahl ihre Stimme gaben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In diesen Tagen f&amp;auml;hrt man durch eine Stadt, in der &amp;uuml;berall die Plakate kleben, die einen Neuanfang wollen ohne ihn. In der aber kein einziges f&amp;uuml;r ihn wirbt. Man h&amp;ouml;rt und liest, was seine Gegner &amp;uuml;ber ihn denken, und bekommt den Eindruck, als gebe es kaum Menschen, die ihn auch ganz gern m&amp;ouml;gen, wenigstens als Mensch. Es ist schwer, in diesen Tagen und Wochen kein Mitleid mit Adolf Sauerland zu bekommen. Wahrscheinlich ist genau das auch sein Kalk&amp;uuml;l. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Juli 2010 starben 21 Menschen bei der Loveparade in Duisburg. Damals diskutierten die Stadt und auch das ganze Land &amp;uuml;ber Adolf Sauerland: Wie einer so hei&amp;szlig;en k&amp;ouml;nne, der so lange nach dem Krieg geboren wurde? Warum er noch im Amt ist, nach all den Toten? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Manchmal sieht es so aus, als bestrafe sich da einer selbst, indem er so lange im Amt bleibt, indem er es ertr&amp;auml;gt, dass knapp 70 000 Menschen ihre Unterschrift gaben, damit das Abwahlbegehren m&amp;ouml;glich wurde und nun gegen ihn abgestimmt werden kann. Die letzten 18 Monate in Duisburg Adolf Sauerland zu sein war wahrscheinlich eine viel schlimmere Strafe, als ein Gericht sie jemals aussprechen w&amp;uuml;rde, sollte es Sauerland f&amp;uuml;r schuldig befinden f&amp;uuml;r Fehler bei der Organisation der Loveparade. Warum also tut sich jemand das an? Den Hohn, den Spott. Und worum geht es dabei? Um Duisburg, so wie Sauerland es immer wieder sagt? Oder nur um ihn? Ist es der Kampf eines Einzelnen, der die ganze Stadt als Geisel nimmt? Vor Kurzem begann die Staatsanwaltschaft auch noch wegen des Verdachts der Vorteilsnahme gegen Sauerland zu ermitteln, es geht um ein Bauprojekt im Innenhafen, zwei Immobilienentwickler hatten gro&amp;szlig;z&amp;uuml;gig an die CDU gespendet.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/41419.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
         &lt;em&gt;Adolf Sauerland am Steuer. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn man mit Sauerland ins Gespr&amp;auml;ch kommen will, dann sagt sein Sprecher immer erst einmal, dass das wirklich schwierig sei und die Texte der Vergangenheit nicht eben dazu beigetragen h&amp;auml;tten, dass man Hoffnung habe auf ein ausgewogenes Bild. Man werde die Sache also noch einmal diskutieren.  &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Der erste Sohn in der Familie wurde immer Adolf genannt&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/41417.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Eine Woche sp&amp;auml;ter, Anfang Dezember, l&amp;auml;dt Sauerland dann erstmals in sein Eckzimmer im Rathaus, mit Holzvert&amp;auml;felung und einem kleinen Laptop auf dem ansonsten recht leeren Schreibtisch. Wenn dieses Zimmer etwas aussagen soll &amp;uuml;ber Sauerland, dann, dass hier geschafft und wegentschieden wird. Sauerland hat gerade Feuerwehrm&amp;auml;nner f&amp;uuml;r Jahrzehnte im Dienst geehrt und f&amp;uuml;r jeden einzelnen ein paar Worte gefunden. Jetzt sitzt er in seinem Zimmer und witzelt sich in Fahrt. Erst muss sein Sprecher herhalten und dann ein paar Leute vom MSV, und pl&amp;ouml;tzlich ist man ganz ernst beim Adolf angelangt, obwohl danach gar niemand gefragt hat. Der erste Sohn in der Familie wurde immer Adolf genannt. Und der Vater habe eben damit nicht aufgeh&amp;ouml;rt, nur weil der Krieg zu Ende war. Es ist wohl eine Art Entschuldigung, so wie sich Sauerland f&amp;uuml;r so vieles entschuldigt hat in den vergangenen Monaten. Er hat sich f&amp;uuml;r die Toten auf der Loveparade entschuldigt und daf&amp;uuml;r, dass die Entschuldigung nicht fr&amp;uuml;her kam. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Sache mit dem Vornamen sei nie ein Thema gewesen in all den Jahren, sagen seine Freunde. Nicht privat und nicht &amp;ouml;ffentlich. Es ist jetzt Januar, Sauerland sitzt in einem kleinen Zimmer der CDU-Gesch&amp;auml;ftsstelle, vor ihm ein Teller Mettbr&amp;ouml;tchen und eine Brosch&amp;uuml;re, die die Erfolge seiner Amtszeit auflistet. Eigentlich wollte er ja keinen Wahlkampf machen, hatte die CDU-W&amp;auml;hler zum Boykott aufgerufen. Nun hat die CDU aber offenbar gemerkt, dass viele b&amp;uuml;rgerliche und &amp;auml;ltere W&amp;auml;hler sich sonntags generell auf den Weg machen, wenn ein Wahllokal ge&amp;ouml;ffnet hat, weil man das eben so macht. Ob dies der Grund gewesen sei f&amp;uuml;r den Strategiewechsel, will ein Journalist von Sauerland wissen. &amp;raquo;Wollen die Menschen ihr Kreuzchen f&amp;uuml;r den Adolf machen?&amp;laquo;, fragt er. Adolf Sauerland hebt den Zeigefinger. Obacht. &amp;raquo;Sauerland, bitte&amp;laquo;, so solle man ihn nennen. &amp;raquo;Nicht, dass da ein falscher Zungenschlag reinkommt.&amp;laquo; Jetzt muss er sich auch schon f&amp;uuml;r seinen Vornamen entschuldigen. Dann verl&amp;auml;sst er das Geb&amp;auml;ude, versteckt ein K&amp;auml;sebr&amp;ouml;tchen hinter dem R&amp;uuml;cken, damit die Kameras es nicht sehen und die Leute nicht anfangen zu reden. Das Leben als Kampf. So sieht er es selber ja auch. Nicht nur nach der Loveparade. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;In Duisburg m&amp;uuml;ssen sie immer k&amp;auml;mpfen. Der Charakter der Stadt pr&amp;auml;gt auch die Menschen&amp;laquo;, sagt Sauerland. Er kommt aus Walsum, ist verheiratet und hat vier Kinder. Die Eltern haben in Walsum ein kleines Schreibwarengesch&amp;auml;ft mit einem Reiseb&amp;uuml;ro, in dem auch der SPD-Fraktionschef bis heute seine Urlaube bucht. Die H&amp;auml;user sind niedrig, die Stra&amp;szlig;en eng, alles musste seinen Zweck erf&amp;uuml;llen. Die Region boomte nach dem Zweiten Weltkrieg, weil Deutschland die Energie f&amp;uuml;r den Aufschwung brauchte und man sie hier im Boden fand. Die letzte Zeche in Walsum hat vor drei Jahren dichtgemacht. Im &amp;raquo;Walsumer Hof&amp;laquo;, seinem Stammlokal, gehe es abends schon mal hoch her, hat er gesagt, es gebe einen guten Wacholderschnaps. Dabei hat er einem zugezwinkert. Sauerland selbst trinkt aber meist gar nichts an solchen Abenden oder h&amp;ouml;chstens ein Gl&amp;auml;schen. Es gibt guten Fisch im &amp;raquo;Walsumer Hof&amp;laquo; &amp;ndash; und wenn Sauerland abends zu Gast ist, hat das wenig zu tun mit Freizeit, dann kommen dort Menschen an seinen Tisch, die etwas wollen, seinen Rat oder seine Hilfe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Tritt man wieder vor die T&amp;uuml;r des Gasthofs, dann schaut man direkt auf den riesigen K&amp;uuml;hlturm eines Kohlekraftwerks, das nun dort steht, wo fr&amp;uuml;her das Bergwerk war. Die Kohle kommt nun aus fernen L&amp;auml;ndern, mit dem Boot an die Anlegestelle ein paar Meter weiter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Strukturwandel nennen sie das, was im Ruhrgebiet passiert, die Schlie&amp;szlig;ung der Zechen und Hoch&amp;ouml;fen. Duisburg hat eine Arbeitslosigkeit von zw&amp;ouml;lf Prozent und in den vergangenen 35 Jahren fast ein Viertel seiner Bev&amp;ouml;lkerung verloren. An vielen Ecken sieht es so aus wie in der DDR kurz nach der Wiedervereinigung. Die Zust&amp;auml;nde dort besch&amp;auml;ftigen bis heute das ganze Land, weil gleiche Lebensbedingungen zu einer moralischen Frage geworden sind, zur Frage &amp;uuml;ber das Gelingen der Einheit. Fr&amp;uuml;her gab es hier wenigstens noch den Schimanski-&lt;em&gt;Tatort&lt;/em&gt;, und manchmal schaute &lt;em&gt;Wetten, dass ..?&lt;/em&gt; in der Rhein-Ruhr-Halle vorbei. Man hatte das Gef&amp;uuml;hl, Anschluss zu haben an das Land. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Rhein-Ruhr-Halle verkam allm&amp;auml;hlich, und auch sonst ging nicht viel voran. Im Jahr 2004 haben sie Sauerland zum Oberb&amp;uuml;rgermeister gew&amp;auml;hlt, der erste von der CDU seit f&amp;uuml;nfzig Jahren. Er fing an, durch Duisburg zu wirbeln, beauftragte den Architekten Sir Norman Foster damit, einen Masterplan f&amp;uuml;r die Innenstadt zu entwerfen. Sauerland war kein schlechter Oberb&amp;uuml;rgermeister. Die Loveparade sollte zeigen, dass Duisburg wieder ganz oben mitspielte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jetzt steht die Stadt in einer Linie mit Eschede und Winnenden. Orten, denen ein gro&amp;szlig;es Ungl&amp;uuml;ck widerfahren ist. Eschede und Winnenden konnten nichts daf&amp;uuml;r. Bei Duisburg liegen die Dinge anders. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Die Gedenkfeiern haben ohne ihn stattgefunden, die Gedenktafeln wurden ohne ihn enth&amp;uuml;llt&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/41415.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
         &lt;em&gt;Einer der seltenen &amp;ouml;ffentlichen Auftritte des Duisburger      Oberb&amp;uuml;rgermeisters:&lt;br /&gt;Adolf Sauerland bei der Einweihung einer      t&amp;uuml;rkischen B&amp;auml;ckerei. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen elf Mitarbeiter der Stadt, der Oberb&amp;uuml;rgermeister geh&amp;ouml;rt bisher nicht dazu. Seinen Gegnern geht es aber vor allem darum, wie sich Sauerland verhalten hat nach der Trag&amp;ouml;die. Er ist bis heute ein Stadtoberhaupt geblieben, das keinen Zugang gefunden hat zum schlimmsten Ereignis in Duisburgs j&amp;uuml;ngerer Geschichte. Der irgendwie am Rande steht und sich im besten Falle daf&amp;uuml;r rechtfertigt, warum er bisher so versagt hat bei der Aufarbeitung. Die Gedenkfeiern haben ohne ihn stattgefunden, die Gedenktafeln wurden ohne ihn enth&amp;uuml;llt. Viele Opfer wollen ihn nicht treffen. Welchen Sinn also hat es, Oberb&amp;uuml;rgermeister zu sein, wenn man nicht da sein kann f&amp;uuml;r seine Stadt?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sauerland holt jetzt ein wenig Luft in seinem B&amp;uuml;ro. Nun, Ende Januar, das letzte Gespr&amp;auml;ch mit ihm, eine gute Stunde lang. &amp;raquo;Ich wollte nichts tun, was die Angeh&amp;ouml;rigen verletzen k&amp;ouml;nnte. Die Betreuer der Opfer und Angeh&amp;ouml;ririgen haben gesagt, dass eine Begegnung mit mir als ganz schwierig empfunden wird.&amp;laquo; Die Begegnung mit seiner ganzen Stadt ist auch schwierig geworden. Man sieht ihn nur noch selten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie soll so jemand den Heiler spielen, den die Stadt jetzt braucht? Einen, der die richtigen Worte findet f&amp;uuml;r ein Gemeinwesen, das die Katastrophe bis heute nicht wirklich aufgearbeitet hat. Duisburg fehlen die Worte und einer, der sie ausspricht. &amp;raquo;Die Stadt ist immer noch wie gel&amp;auml;hmt&amp;laquo;, sagt der Vorstandsvorsitzende eines gro&amp;szlig;en Konzerns der Stadt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gel&amp;auml;hmt war er selbst, sagt Sauerland. In den Wochen nach der Loveparade. &amp;raquo;Das war damals wie unter einer Dunstglocke. Ich sah die Realit&amp;auml;t. Ich konnte aber die Gedanken nicht gerade richten.&amp;laquo; Andere in der Stadt sind sich sicher, dass sie es mit einem Oberb&amp;uuml;rgermeister zu tun hatten, der selbst traumatisiert war. Nach einem Jahr wurde es zumindest insoweit besser, als dass Sauerland in eine Phase trat, in der er selbst erkannte, dass er als Oberb&amp;uuml;rgermeister nicht das geleistet hatte nach der Katastrophe, was die Menschen von ihm erwarten. Zum Jahrestag entschuldigte er sich auf allen Kan&amp;auml;len. Zur Gedenkfeier ging er wieder nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/41421.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
         &lt;em&gt;Das Rathaus von innen, Sauerland schaut nach drau&amp;szlig;en; das war vor seiner      Weihnachtsdi&amp;auml;t, die B&amp;auml;ume sind noch gr&amp;uuml;n. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In den folgenden Monaten wurde Sauerland wieder selbstbewusster, wurde vielleicht wieder mehr zu dem, der er vorher war. Das Abwahlbegehren kam ihm ganz recht. Man kann das Ganze auch als eine Befreiung sehen f&amp;uuml;r ihn. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Am Anfang war diese Abwahlbewegung ja eine rein b&amp;uuml;rgerschaftliche, deren Motive ich verstehen kann&amp;laquo;, sagt Sauerland. &amp;raquo;Heute muss man blind sein, um nicht zu sehen, dass da unheimlich viel Politik dahinter ist. Dadurch ist die Situation f&amp;uuml;r mich auch einfacher zu handeln.&amp;laquo; Er muss jetzt nicht mehr nur einstecken, er kann jetzt auch austeilen. Schlie&amp;szlig;lich gehe es jetzt ja um einen Parteienstreit, nicht mehr um die Toten auf der Loveparade und die Gef&amp;uuml;hle der Angeh&amp;ouml;rigen. So sieht er es.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Der politische Gegner instrumentalisiert die Abstimmung. Ich bleibe im Amt, bis man mir nachweist, dass in meinem Bereich Fehler gemacht wurden&amp;laquo;, sagt Sauerland. Er meint immer noch den Bereich, der juristisch nachpr&amp;uuml;fbar ist, zumindest einigerma&amp;szlig;en. Die Planungen der Loveparade. Darum geht es aber eigentlich gar nicht. Es geht um sein Verhalten danach.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sauerland wusste, wie man Gewerbegebiete plant und wie man mit den Menschen an der Bude schnackt. &amp;Uuml;ber Fu&amp;szlig;ball oder den Pegel des Rheins. Auf etwas wie die Loveparade war er nicht vorbereitet. Niemand war auf so etwas vorbereitet. Aber wenn so ein Ungl&amp;uuml;ck passiert, wachsen die einen &amp;uuml;ber sich hinaus. Die anderen werden kleiner, als sie es waren. Das muss man nicht einmal als Vorwurf sehen. Sauerland wei&amp;szlig; es auch selbst. &amp;raquo;Ich kann nicht sagen, was man macht, weil solche Katastrophensituationen so spezifisch sind. Ich kann jetzt sagen, was man nicht macht in einer Situation, im Nachhinein.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Nachhinein wei&amp;szlig; Sauerland vieles besser, ist einsichtig. Er hat aber keine Idee, wie er in Zukunft mit dem zentralen Thema der Stadt umgehen soll. Es spielt auf Zeit, setzt darauf, dass die Menschen ihn als Opfer sehen. Er leidet, wahrscheinlich auch jede Nacht, so wie er es erz&amp;auml;hlt. Es ist aber die Frage, ob er mit den Opfern leidet. Oder doch nur mit sich selbst. Damit, dass ihm das passiert ist. Seit eineinhalb Jahren spricht Duisburg &amp;uuml;ber ihn, spaltet die Meinung zu ihm die Stadt. Ist es das wert?  Viele fragen sich, was Adolf Sauerland sich eigentlich erhofft von seinem Kampf. Ob er glaubt, dass eine gescheiterte Abwahl etwas &amp;auml;ndern wird? Dass er bis 2015 im Amt bleibt und seine Gegner irgendwann umschwenken, seine Standhaftigkeit bewundern? Das ist wohl sein Kalk&amp;uuml;l. &amp;raquo;Ich hoffe, dass der ein oder andere mich in Zukunft differenzierter sieht. Dass der ein oder andere sich f&amp;uuml;r geschriebene Artikel entschuldigt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bis dahin, so sieht es aus, muss die Stadt sich gedulden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Stillstand</dc:subject>
    <dc:creator>Bernd Dörries</dc:creator>
    <dc:date>2012-02-10T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Das bessere Bagdad</title>
    <description>&lt;p&gt;Nach acht Jahren Krieg gegen den Terror sind die letzten amerikanischen      Truppen aus dem Irak abgezogen. Und wo beginnt jetzt das neue Leben?      Ausgerechnet in Erbil, mitten im Gebiet der ewig unterdr&amp;uuml;ckten Kurden.      Porsche, Marriott und Brioni sind schon da - ein Besuch in der      heimlichen Hauptstadt des Irak.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nachts, wenn die Soldaten mit ihren Kalaschnikows von den Toren abgezogen sind und nur eine silberne Mondsichel &amp;uuml;ber dem br&amp;ouml;ckeligen Bollwerk wacht, wird die alte Zitadelle von Erbil zur Geisterstadt. Dann verschlie&amp;szlig;t Mohammed Qadr Ali dort oben die T&amp;uuml;r seiner kleinen Backsteinh&amp;uuml;tte, schaltet den Fernseher ein, und die Belagerung beginnt aufs Neue.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Diesmal sind es die Horden Dschingis Khans, die im TV gegen die Mauern der Zitadelle anrennen, die wenige Meter hinter Alis Gem&amp;uuml;segarten stehen. Das war vor knapp 800 Jahren, und es lief nicht gut f&amp;uuml;r die Mongolen. Sie mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Alexander der Gro&amp;szlig;e hatte mehr Gl&amp;uuml;ck. Er machte im Jahre 331 vor Christus einen Bogen um die Zitadelle und schlug den persischen K&amp;ouml;nig Dareios den Dritten in der Nachbarschaft. Die Schlacht von Arbela wurde zwar nicht im Fernsehen gezeigt, aber immerhin von Jan Brueghel dem &amp;Auml;lteren gemalt. Gerade sind die letzten Amerikaner abgezogen, und in der Stadt zu F&amp;uuml;&amp;szlig;en der alten Zitadelle hat ein Bauboom begonnen. Der Kontrast k&amp;ouml;nnte gr&amp;ouml;&amp;szlig;er nicht sein: Unten in der Millionenstadt werden Luxushotels und Shoppingmalls aus dem Boden gestampft. Oben auf dem H&amp;uuml;gel lebt Mohammed Qadr Ali mit seiner Familie, sie halten als letzte Zitadellenbewohner die Stellung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der H&amp;uuml;gel macht von au&amp;szlig;en nicht viel her. Ein knapp drei&amp;szlig;ig Meter hoher Schichtkuchen, auf dem einige Hundert halb verfallene Lehmh&amp;auml;uschen von einem br&amp;ouml;ckeligen Wall umgeben werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber er ist uralt. Die Zitadelle von Erbil ist laut UNESCO die &amp;auml;lteste kontinuierlich bewohnte St&amp;auml;tte der Menschheit. In 8000 Jahren lebten hier, in diesem weltfernen Winkel  im Norden Iraks: Sumerer, Babylonier, Assyrer, Perser, R&amp;ouml;mer, Mongolen, Araber, Ottomanen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Kurde Mohammed Qadr Ali zog erst 1976 auf die Zitadelle von Erbil. Da dr&amp;auml;ngten sich bereits Hunderte von Familien in den engen Gassen und H&amp;auml;usern. Es wurden immer mehr, als Saddam Hussein begann, massenweise kurdische D&amp;ouml;rfer dem Erdboden gleichzumachen, und die &amp;Uuml;berlebenden in die Provinzhauptstadt Erbil fl&amp;uuml;chteten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die reichen Familien waren l&amp;auml;ngst in die Stadt gezogen und hatten sich weitl&amp;auml;ufige Villen gebaut, als man sich in der Stadtverwaltung bewusst wurde, welch historischen Schatz man hier verk&amp;uuml;mmern lie&amp;szlig;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bereits im letzten Jahrhundert wurde renoviert, doch nicht immer mit gl&amp;uuml;cklicher Hand. In den F&amp;uuml;nfzigerjahren riss man die mittelalterliche Moschee ab und setzte ein Beton-Gotteshaus an ihre Stelle. 1979 lie&amp;szlig; Saddam an der S&amp;uuml;dseite ein Riesentor im neo-babylonischen Stil errichten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der 1775 gebaute Hamam wurde   um 1980 &amp;raquo;grundsaniert&amp;laquo; &amp;ndash; es blieb kein Stein auf dem anderen. Die Hausbesetzer schlie&amp;szlig;lich mauerten in den alten B&amp;uuml;rgerpal&amp;auml;sten ohne R&amp;uuml;cksicht auf die Architekturgeschichte drauflos oder lie&amp;szlig;en die Wohnh&amp;auml;user verfallen. Hafenstra&amp;szlig;e auf Irakisch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; 2006 zog man bei der Stadtverwaltung die Notbremse: Innerhalb von drei Tagen wurden alle Zitadellenbewohner zwangsumgesiedelt. Daf&amp;uuml;r gab es 4000 Dollar und ein Vorstadthaus f&amp;uuml;r jede Familie. Nur Mohammed Qadr Ali blieb oben, denn man brauchte ihn.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; W&amp;auml;hrend seine Frau im Gem&amp;uuml;segarten Tomaten pfl&amp;uuml;ckt, sitzt das Familienoberhaupt im wallenden Beinkleid mit Kummerbund beim alten Feigenbaum, st&amp;uuml;tzt die H&amp;auml;nde auf die Knie und erz&amp;auml;hlt, warum er als Letzter hier oben die Stellung halten muss. &amp;raquo;Es war nicht meine Entscheidung, es war meine Pflicht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Da ist einmal der riesige graue Wassertank neben seinem Haus, den die britischen Besatzer in den Zwanzigerjahren auf die Zitadelle gestellt haben und der regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig gewartet werden muss.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und da ist, was den heutigen Stadtv&amp;auml;tern noch viel wichtiger schien, die jahrtausendealte Tradition, die nicht abrei&amp;szlig;en durfte. &amp;raquo;Ist es nicht sch&amp;ouml;n, dass man hier eine Familie wohnen l&amp;auml;sst und nicht irgendwelche Museumsw&amp;auml;rter?&amp;laquo;, fragt der Gro&amp;szlig;vater stolz. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Besonders komfortabel kann es nicht sein im Bungalow unter dem Wassertank, jedenfalls nicht f&amp;uuml;r eine neunk&amp;ouml;pfige Familie. &amp;raquo;Aber wir vertreten die Menschen, die viele Tausend Jahre hier lebten&amp;laquo;, ruft Alis &amp;auml;ltester Sohn Rebwar begeistert und wippt den kleinen Reder, die dritte Generation, auf seinem Knie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mein Haus, mein Wassertank, meine Zitadelle. 8000 Jahre Tradition. Sie waren nicht von Anfang an dabei, die Kurden, und es lief nicht immer gut f&amp;uuml;r sie. Aber jetzt scheinen sie zum ersten Mal in der Geschichte angekommen zu sein.  &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Erbil ist keine zerbombte Mondlandschaft, sondern eine Gro&amp;szlig;baustelle&quot;]&lt;br /&gt; Die Stra&amp;szlig;e in die Zukunft des Irak ist frisch planiert und gut gesichert. Wer vom Flughafen Erbil ins Zentrum der kurdischen Millionenstadt im Nordirak f&amp;auml;hrt, muss Betonsperren umkurven, drei Checkpoints passieren und zwischendurch das Taxi wechseln. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann geht die Fahrt auf offener Stra&amp;szlig;e weiter, vorbei an in die Ebene hingew&amp;uuml;rfelten H&amp;auml;userkl&amp;ouml;tzchen, zwischen denen Geb&amp;auml;udegerippe emporragen. An den Kreuzungen weisen Schilder den Weg: Bagdad (350 Kilometer), Mossul (90 Kilometer), Kirkuk (95 Kilometer). Namen, die sich eingebrannt haben ins westliche Ged&amp;auml;chtnis als Namen f&amp;uuml;r nichts Gutes. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Den Namen der Stadt Erbil aber kennt im Westen kaum einer. Freunden, denen man von der Reise erz&amp;auml;hlt, entlockt er bestenfalls ein Achselzucken. Das wilde Kurdistan kennen die meisten nur von Karl May und den Irak aus der &lt;em&gt;Tagesschau&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zum Gl&amp;uuml;ck gibt es die Experten vom Ausw&amp;auml;rtigen Amt. Da fragt man einfach mal ganz offen. &amp;raquo;In Bagdad kann jeder Depp einen Terroranschlag ver&amp;uuml;ben&amp;laquo;, skizziert ein deutscher Diplomat die Sicherheitslage. &amp;raquo;In Mossul muss man schon gutes Mittelma&amp;szlig; sein. In Erbil ein richtiger Profi.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Pl&amp;ouml;tzlich ein dumpfes Wummern in der Ferne. &amp;Uuml;ber den D&amp;auml;chern steigt eine d&amp;uuml;nne, schwarze Rauchs&amp;auml;ule auf. Es sieht nicht gut aus auf den ersten Blick. Aber wir sind ja nicht hierhergefahren, um dem ersten Blick zu vertrauen, diesem allabendlichen Fernsehbilderblick auf blutverschmierte Leichen, zerfetzte Autos und b&amp;auml;rtige Terrorpaten im Irak, der sich seit 2003 fest in die Netzhaut eingebrannt hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was auch immer der &amp;raquo;Krieg gegen den Terror&amp;laquo; in den letzten acht Jahren hier vor Ort bewirkt hat &amp;ndash; in den K&amp;ouml;pfen westlicher Fernsehzuschauer hat er Verheerungen hinterlassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Man muss sich im hellen Mittagslicht der irakischen Dezembersonne erst den Nebel aus den Augen waschen, den die Amerikaner den &amp;raquo;Fog of War&amp;laquo; nennen, Nebel des Krieges, dessen t&amp;auml;uschende Wirkung schon Clausewitz kannte. Man muss genau hinsehen, hinter die einge&amp;uuml;bten Bilder, die sich einem unwillk&amp;uuml;rlich auf die Augen legen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn der Schleier weg ist, sieht man: Erbil ist keine zerbombte Mondlandschaft, sondern eine Gro&amp;szlig;baustelle. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kempinski, Marriott, Sheraton, Hilton, an allen Ecken und Enden wummern Presslufth&amp;auml;mmer, pfl&amp;uuml;gen Bagger die Landschaft um. Moderne Hotelkomplexe und glitzernde Shoppingmalls, erstanden auf Ruinen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Noch sind nicht alle angekommen. Die schwarze Rauchs&amp;auml;ule &amp;ndash; kein Anschlag auf eine Polizeistation, sondern auf die Umwelt: schon wieder einer, der im Vorgarten seinen Hausm&amp;uuml;ll verbrennt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Dat k&amp;uuml;tt noch&amp;laquo;, sagt Nihad Qoja und lacht. Der Mann, der sogar noch das Dosenpfand im Irak einf&amp;uuml;hren k&amp;ouml;nnte, sitzt in einem gro&amp;szlig;en B&amp;uuml;ro im Rathaus von Erbil und gibt sich nachsichtig mit seinen Landsleuten. &amp;raquo;Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit 2004 ist der Kurde mit deutschem Pass und rheinischem Zungenschlag hier B&amp;uuml;rgermeister. Er hat korrupte Apparatschiks gefeuert, Gr&amp;uuml;nstreifen anlegen lassen und seinen Mitb&amp;uuml;rgern die deutsche DIN-M&amp;uuml;lltonne in ihre irakischen Vorg&amp;auml;rten gestellt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Umweltschutz im Krisenstaat &amp;ndash; geht es deutscher? Der 53-J&amp;auml;hrige zupft ein paar B&amp;uuml;roklammern aus der Spielzeugm&amp;uuml;lltonne auf seinem Schreibtisch: &amp;raquo;Ich musste mich hier auch erst integrieren.&amp;laquo; Alle drei Monate f&amp;auml;hrt er f&amp;uuml;r zwei Wochen nach Bonn, wo seine Familie lebt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Die Deutschen sind hier mit am beliebtesten&amp;laquo;, sagt der HSV-Fan Qoja. Gestern war er auf dem Konzert einer deutschen Hip-Hop-Band, die von &amp;uuml;ber tausend irakischen Sch&amp;uuml;lern begeistert gefeiert wurde. &amp;raquo;Aber als Investoren spielen sie leider noch im Mittelfeld.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das soll sich jetzt endlich &amp;auml;ndern.  Volkswagen und Audi haben bereits eine Niederlassung. Das Porsche-Zentrum Erbil &amp;ouml;ffnet in diesen Tagen. Im Schaufenster stehen ein feuerroter 911er Carrera GTS und zwei Cayenne-Gel&amp;auml;ndewagen zu je 100 000 Dollar. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Die Leute hier glauben, dass deutsche Autos von den G&amp;ouml;ttern gemacht werden&amp;laquo;, schw&amp;auml;rmt der H&amp;auml;ndler, der auch am Freitag lieber in der Niederlassung arbeitet, als in die Moschee zu gehen. Nat&amp;uuml;rlich, der Imam sieht das nicht gern. &amp;raquo;Aber wir haben hier alle H&amp;auml;nde voll zu tun.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Noch gibt es Anlaufschwierigkeiten beim Import. Im Hinterhof stehen zwei Cayenne-Wagen mit eingeschlagenen Heckscheiben. Get&amp;ouml;nte Autofenster sind im Irak aus Sicherheitsgr&amp;uuml;nden verboten. Statt sich lange mit Rechtsbelehrungen aufzuhalten, griff der irakische Zollbeamte gleich zum Hammer. &amp;raquo;Macht nichts&amp;laquo;, freut sich der Porscheh&amp;auml;ndler, &amp;raquo;dem Kunden war&amp;rsquo;s egal.&amp;laquo; &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Die Armleuchter haben statt Schulen lauter Moscheen gebaut&quot;]&lt;br /&gt; Es gibt ein deutsches Generalkonsulat in Erbil, eine deutsche Schule und einen &amp;raquo;Deutschen Hof&amp;laquo;: deutsche Schnitzel, deutsches Bier und ein schwarz-rot-gold gestrichenes Wachh&amp;auml;uschen, das eher zur Dekoration dient als zum Schutz. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am anderen Ende der Stadt hat 2010, als die Wirtschaft in Deutschland gerade den Bach runterging, das deutsche Wirtschaftsb&amp;uuml;ro aufgemacht. Auf dem Gel&amp;auml;nde steht eine Betonstele, in die ein irakischer Steinmetz mit liebevoll-zittriger Hand einen Satz Hegels gemei&amp;szlig;elt hat: &amp;raquo;Der Mensch ist, was er als Mensch sein soll, erst durch Bildung.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;Ouml;l, Gas, Eisenerz: Kurdistan ist reich an Bodensch&amp;auml;tzen. Rund ein Viertel des irakischen Wirtschaftsaufkommens stammt aus dem Norden. Ausl&amp;auml;ndische Investoren m&amp;uuml;ssen weder Umsatz- noch Mehrwertsteuer zahlen. Ab 2013 wird die Nabucco-Pipeline gebaut, die j&amp;auml;hrlich drei&amp;szlig;ig Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Zentraleuropa pumpen soll. Geld haben sie hier genug, aber Fachwissen fehlt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Die Armleuchter haben statt Schulen lauter Moscheen gebaut&amp;laquo;, &amp;auml;rgert sich der B&amp;uuml;rgermeister &amp;uuml;ber seine Landsleute. Neulich berichteten die Zeitungen von einer Grundschule mit 58 Kindern in einer Klasse, die alle Mohammed hie&amp;szlig;en. &amp;raquo;Der Lehrer brauchte f&amp;uuml;r jedes Kind einen eigenen Code.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Lehrer war Nihad Qoja selbst einmal. Das war 1979, im gleichen Jahr, als sich Saddam Hussein zum Staatspr&amp;auml;sidenten ernennen lie&amp;szlig; und begann, sein eigenes Volk zu tyrannisieren. Vor allem die Kurden im Norden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der junge Sportlehrer Nihad Qoja arbeitete f&amp;uuml;r den Widerstand. W&amp;auml;hrend Verwandte bei den kurdischen Peschmerga-Rebellen in den Bergen k&amp;auml;mpften, druckte er heimlich Flugbl&amp;auml;tter gegen die Baath-Partei. Als er zwei Jahre sp&amp;auml;ter aufzufliegen drohte, wurde er gerade noch rechtzeitig gewarnt und floh nach Bonn. Er studierte, schlug sich als Dolmetscher, Kellner und Taxifahrer durch. &amp;raquo;1985 habe ich Willy Brandt gefahren.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Chauffeur im Machtzentrum der Bonner Republik, das kann ein Politikstudium ersetzen. Vielleicht ist damals in dem Exilkurden Nihad Qoja der friedliche und pragmatische Politiker erwacht, der sein geschundenes Land aufbauen wollte wie die Deutschen nach 1945 ihr Wirtschaftswunder und ihre Demokratie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Da stand seinen Landsleuten das Schlimmste noch bevor. Zehntausende Kurden wurden in den Achtzigerjahren w&amp;auml;hrend der ber&amp;uuml;chtigten &amp;raquo;Anfal&amp;laquo;-Kampagne get&amp;ouml;tet, vertrieben, in Foltergef&amp;auml;ngnisse gesteckt, ihre D&amp;ouml;rfer von Saddams Milit&amp;auml;r mit Senfgas beschossen und dem Erdboden gleichgemacht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; 1991 erhoben sich die Kurden gegen den irakischen Diktator, den die Amerikaner nach dem Zweiten Golfkrieg in Bagdad zur&amp;uuml;ckgelassen hatten wie bestellt und nicht abgeholt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann brach ein Bruderkrieg zwischen Masud Barzanis Demokratischer Partei Kurdistans (DPK) und Dschalal Talabanis Patriotischer Union Kurdistans (PUK) aus, in dessen Verlauf die DPK 1996 Erbil eroberte. Die Artillerienarben sind noch heute am gro&amp;szlig;en Tor der Zitadelle von Erbil zu sehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als US-Truppen 2003 in den Irak einmarschierten, schlugen sie ihr Quartier vor den Toren der Stadt auf. Dass Deutschland, sein Land, den Irakkrieg der Amerikaner nicht unterst&amp;uuml;tzt hat, versteht Qoja bis heute nicht, nach allem, was der Diktator an seinem Volk verbrochen hat: &amp;raquo;Saddam war selbst eine Massenvernichtungswaffe.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch seitdem ist etwas Erstaunliches passiert: W&amp;auml;hrend der S&amp;uuml;dirak immer tiefer in B&amp;uuml;rgerkrieg und Bombenterror versinkt, stabilisiert sich die Lage im Norden zusehends. Im restlichen Irak sterben jeden Monat rund 200 Menschen durch Terror. In Kurdistan hat es seit 2007 keinen Anschlag mehr gegeben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer die neu ausgebaute Stra&amp;szlig;e von Erbil &amp;uuml;ber Kusanjaq durch die kurdischen Berge nach Sulaimaniya nimmt, f&amp;auml;hrt an einer der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Zementfabriken des Nahen Ostens vorbei. Das Werk arbeitet an der Kapazit&amp;auml;tsgrenze. Hier werden die Bunkerw&amp;auml;nde und Panzersperren hergestellt, die man im S&amp;uuml;den zum Schutz gegen Terroranschl&amp;auml;ge braucht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Seit 2005 ist Erbil sicher&amp;laquo;, erinnert sich Qoja. Im gleichen Jahr wurde der Erbil International Airport eingeweiht &amp;ndash; auf einer Fl&amp;auml;che so gro&amp;szlig; wie der Frankfurter Flughafen. Lufthansa und Austrian fliegen t&amp;auml;glich dorthin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Autonomieregion hat ein eigenes Parlament, eine eigene Armee und sogar eine eigene Flagge. Ein Quasi-Staat f&amp;uuml;r die Kurden &amp;ndash; das gr&amp;ouml;&amp;szlig;te staatenlose Volk der Erde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Na ja, unsere Nationalhymne ist zu nationalistisch&amp;laquo;, wirft der B&amp;uuml;rgermeister entschuldigend ein. &amp;raquo;Wir &amp;uuml;berlegen, das jetzt zu &amp;auml;ndern. Hier leben ja schlie&amp;szlig;lich auch andere Minderheiten.&amp;laquo; Das Nebeneinander funktioniert ganz gut. Im christlichen Stadtteil Ankawa stehen Weihnachtsb&amp;auml;ume in den Wohnzimmern, und der Bischof von Erbil f&amp;auml;hrt ohne Bodyguard zum Gottesdienst. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In den Spirituosenl&amp;auml;den und Bars von Ankawa begegnet man auch muslimischen Kurden, und viele Frauen gehen unverschleiert auf der Stra&amp;szlig;e. In Saudi-Arabien verbreiten muslimische Kleriker die Irrlehre, dass Frauen hinterm Lenkrad zu Lesben werden. In Erbil florieren Chauffeurdienste wie &amp;raquo;Pink Taxi&amp;laquo;. Und am Tor des Frauen-Fuhrunternehmens h&amp;auml;ngt ein Schild: &amp;raquo;Now hiring female drivers&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als im Sommer ein paar Imame einen Gesetzentwurf zum Verbot von h&amp;auml;uslicher Gewalt und Genitalverst&amp;uuml;mmelung als unislamisch kritisierten, fand Kurden-Pr&amp;auml;sident Masud Barzani eine salomonische L&amp;ouml;sung: Er unterzeichnete das Gesetz nicht, legte aber auch kein Veto ein, sodass es nach ein paar Wochen automatisch in Kraft trat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zugegeben, sie k&amp;ouml;nnen auch anders. Im Dezember z&amp;uuml;ndeten fanatisierte Jugendliche nach dem Freitagsgebet Alkoholshops in der Grenzstadt Zaxo an. Tags darauf ging im Gegenzug ein B&amp;uuml;ro der islamischen Partei in Flammen auf. Diesmal griffen die Beh&amp;ouml;rden nicht ein wie noch im Sommer in Sulaimaniya, als bei monatelangen Protesten gegen Korruption und Beh&amp;ouml;rdenschlendrian acht Demonstranten und zwei Polizisten zu Tode kamen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch ein Arabischer Fr&amp;uuml;hling ist in Kurdistan kaum vorstellbar, wo der lange Winter des Missvergn&amp;uuml;gens schon mit Saddam endete und man sich nur zu gut bewusst ist, wie prek&amp;auml;r der kurdische Aufschwung inmitten dieser Krisenregion ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Die Sicherheit kommt zuerst und dann die Sauberkeit&amp;laquo;, sagt Ahmed Majidi und schreitet zufrieden die blitzblanke Auffahrt seiner Shoppingmall ab. &amp;raquo;Ich habe erst mal allen erz&amp;auml;hlt, das wird eine Lagerhalle&amp;laquo;, freut sich der 61-J&amp;auml;hrige. Die 2009 er&amp;ouml;ffnete Majidi Mall ist das erste Einkaufszentrum im Irak und wirkt wie ein Raumschiff aus Dubai oder Hamburg-Poppenb&amp;uuml;ttel. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Die Besatzer sind weg, aber die Besucher noch nicht da&quot;]&lt;br /&gt; An guten Tagen sollen bis zu 50 000 K&amp;auml;ufer kommen. An diesem Mittag ist es leerer, und Multimillion&amp;auml;r Majidi tr&amp;auml;gt pers&amp;ouml;nlich die Kennzahlen vor: hundert Millionen Dollar Baukosten, 70 000 Quadratmeter Fl&amp;auml;che, 230 Meter L&amp;auml;nge, 400 000 verschiedene Produkte. Die Boutiquen in den Stockwerken sind vom Feinsten. Sogar aus Bagdad reisen sie an, um hier bei Chopard, Zegna, Brioni und Benetton einzukaufen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das dezente Brioni-Jackett von der Stange, das Majidi auftr&amp;auml;gt, kostet 5500 Dollar. Wer zum Teufel soll sich das im Irak leisten? In seinem modernen B&amp;uuml;ro im obersten Stock wundert sich Majidi &amp;uuml;ber die Frage. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Schlie&amp;szlig;lich hat auch er mal klein angefangen. Damals, 1977, als er aus einem vier Quadratmeter gro&amp;szlig;en Loch im Basar am Fu&amp;szlig; der Zitadelle von Erbil Stoffe verkaufte. Drei Jahre sp&amp;auml;ter machte er bereits mehrere Millionen Dollar Profit und Gesch&amp;auml;fte in aller Welt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jetzt, da Saddam weg ist, sollen seine Landsleute es Majidi nachmachen. Sind sie nicht alle Selfmademen, diese Kurden, die sich nach Jahrtausenden als Spielball fremder Gro&amp;szlig;m&amp;auml;chte durch Z&amp;auml;higkeit und Mut und List einen eigenen Platz erobert haben, hier in der uralten Stadt Erbil? &amp;raquo;In f&amp;uuml;nf Jahren werden wir f&amp;uuml;nf Millionen Menschen sein in Erbil. Erbil wird die Hauptstadt des Irak werden.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und w&amp;auml;hrend Ahmed Majidi im obersten Stockwerk der ersten Shoppingmall Iraks die Baupl&amp;auml;ne f&amp;uuml;r zwei weitere Einkaufszentren, ein Krankenhaus und einen Vergn&amp;uuml;gungspark studiert, steht der B&amp;uuml;rgermeister Nihad Qoja in seinem B&amp;uuml;ro am Fu&amp;szlig; der alten Zitadelle vor einer Wandkarte.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf dem Masterplan f&amp;uuml;r die Stadtentwicklung von Erbil legen sich elf Ringstra&amp;szlig;en in konzentrischen Kreisen um die alte Zitadelle. Vom Industrieviertel bis zum Golfplatz findet man alles, was man aus modernen Metropolen kennt: Luxusapartments, Park-and-Ride-Areale, sogar eine Grand-Prix-Rennstrecke und ein Kurdistan-Museum vom Zickzack-Architekten Daniel Libeskind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Oben, in der Zitadelle, wo Mohammed Qadr Ali als Einziger &amp;uuml;brig geblieben ist, sollen die alten B&amp;uuml;rgerh&amp;auml;user renoviert werden und dann Boutique-Hotels, Restaurants und traditionelle Werkst&amp;auml;tten einziehen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Computersimulation auf dem Masterplan zeigt eine restaurierte Zitadelle, die hinter ultramodernen Hochhauskomplexen verschwindet. Ein w&amp;uuml;ster Architektentraum aus Glas und Stahl, austauschbar und k&amp;uuml;nstlich. Der B&amp;uuml;rgermeister winkt ab. Das geht dann doch zu weit. Sie wollen hier kein zweites Dubai. &amp;raquo;Das ist f&amp;uuml;r uns kein Vorbild. Erbil hat Geschichte.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er muss es wissen. Nihad Qoja selbst wurde in der alten Zitadelle geboren. Sie lebten zu acht in einem winzigen Haus. Qojas Vater war Automechaniker und besa&amp;szlig; einen Fiat Cinquecento. &amp;raquo;Der passte grade noch durch die schmalen Gassen.&amp;laquo; Im Winter beheizte ein &amp;Ouml;lofen das kleine Zimmer, wo sie mit Matratzen auf dem Boden schliefen. &amp;raquo;Komm, ich zeige es dir.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das bescheidene Haus ist halb verfallen, aber da steht noch der alte Maulbeerbaum im Hof, unter den Qojas Eltern den Neugeborenen vor 53 Jahren legten und zum ersten Mal fotografierten. Als Saddam noch herrschte, durfte Qoja aus Sicherheitsgr&amp;uuml;nden keinen Kontakt zu seiner Familie im Irak haben. Das Foto war lange die einzige Erinnerung an die Heimat. &amp;raquo;Ich habe es oft angeschaut.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als er 2003 zum ersten Mal zur&amp;uuml;ckkehrte, konnte er sein Geburtshaus zun&amp;auml;chst nicht finden. Da lebten fast tausend Familien in der Zitadelle, die meisten Fl&amp;uuml;chtlinge aus dem Rest-Irak. &amp;raquo;Ich habe es schlie&amp;szlig;lich an der T&amp;uuml;r erkannt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit der Evakuierung 2006 begannen die Aufr&amp;auml;umarbeiten. Das Hochkommissariat f&amp;uuml;r die Wiederbelebung der Zitadelle hat ein Budget von 15 Millionen Dollar f&amp;uuml;r die notwendigsten Arbeiten bekommen. Man hat den Schutt aus den Gassen ger&amp;auml;umt, St&amp;uuml;tzpfeiler aufgerichtet und Absperrb&amp;auml;nder mit kleinen Totenk&amp;ouml;pfen und der Aufschrift &amp;raquo;Caution&amp;laquo; vor Hauseing&amp;auml;nge gespannt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer sich davon nicht abschrecken l&amp;auml;sst, kann im d&amp;auml;mmerigen Inneren die verfallene Pracht osmanischer B&amp;uuml;rgerpal&amp;auml;ste der vorletzten Jahrhundertwende bewundern: Kastendecken, Stuckornamente und reich verzierte Nippes-Nischen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Schon kommen die ersten irakischen Touristen und besuchen das Teppichmuseum, das tags&amp;uuml;ber im Schatten von Mohammed Qadr Alis Wassertank seine Tore &amp;ouml;ffnet. Gegen&amp;uuml;ber ein Souvenirladen mit Antiquit&amp;auml;ten neueren Datums. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sogar Saddam-Teller gibt es dort. &amp;raquo;F&amp;uuml;r die amerikanischen Touristen&amp;laquo;, sagt der Ladenbesitzer l&amp;auml;chelnd. Die Kurden sind pragmatisch, und sie sind Optimisten. Vor zwei Wochen sind die letzten US-Truppen aus dem Irak abgezogen. Die Besatzer sind weg, aber die Besucher noch nicht da. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch in Mohammed Qadr Alis Haus auf der alten Festung nimmt die Belagerung in dieser Nacht irgendwann ein Ende. Die Mongolen m&amp;uuml;ssen sich noch vor Morgengrauen geschlagen geben und ziehen ab. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kurz vor sieben Uhr schickt dann die Sonne ihre ersten Strahlen &amp;uuml;ber die eingefallenen D&amp;auml;cher der Zitadellenstadt, und ihr letzter Bewohner steht wie jeden Morgen auf, um nach dem Rechten zu sehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ist das nicht einsam, so allein zu Haus? Wie lang werden sie hier oben noch leben? &amp;raquo;F&amp;uuml;r immer&amp;laquo;, sagt der alte Kurde und blickt &amp;uuml;ber den Feigenbaum und die Gartenmauer und den Wassertank und die kurdische Flagge &amp;uuml;ber den Zinnen der alten Festung hinweg in die Ferne. &amp;raquo;F&amp;uuml;r immer, Inschallah.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Info:&lt;br /&gt;Je nach Sch&amp;auml;tzung umfasst das Volk der Kurden 30 bis 40 Millionen Menschen. Die Mehrheit &amp;nbsp;ist in der T&amp;uuml;rkei angesiedelt. Im Norden des Irak, in der &amp;raquo;Autonomen Region Kurdistan&amp;laquo;, leben knapp f&amp;uuml;nf Millionen Kurden, etwa 1,2 Millionen davon in der Hauptstadt Erbil. Die Region ist etwas kleiner als die Schweiz.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</description>
    <dc:subject>Das bessere Bagdad</dc:subject>
    <dc:creator>Malte Herwig</dc:creator>
    <dc:date>2012-02-06T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Der böse Geist des Bankenviertels</title>
    <description>&lt;p&gt;Vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren, eigentlich k&amp;ouml;nnte ganz      London das Jubil&amp;auml;um feiern &amp;ndash; aber den wenigsten ist nach Feiern zumute.      Weil der Kapitalismus immer mehr Menschen Angst macht. Und keiner hat      besser beschrieben als Dickens, wie sie aussieht, die Armut, die heute so      vielen droht. Ein Stadtspaziergang durch eine Vergangenheit, die einiges      &amp;uuml;ber die Zukunft verr&amp;auml;t. &amp;nbsp;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;1 Threadneedle Street, Bank of England. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Drachen sch&amp;uuml;tzen die City of London, wo sich 500 Banken und Finanzfirmen auf gut zwei Quadratkilometern zwischen Tower und St Paul&amp;rsquo;s Cathedral, der ber&amp;uuml;hmten Square Mile, ballen. Die gusseisernen Drachen stehen auf Steinsockeln und markieren das Gebiet, auf dem Kaufleute seit bald tausend Jahren mehr Rechte genie&amp;szlig;en als im Rest der Stadt London. Wirtschaftliche Freiheiten, die auch David Cameron, der englische Premier, gegen europ&amp;auml;ische Pl&amp;auml;ne einer Finanztransaktionssteuer zu verteidigen sucht. Die K&amp;ouml;nigin muss sich traditionell anmelden, wenn sie aus der City of Westminster in die City of London fahren will, dem neben Hongkong wichtigsten Finanzplatz der Welt. Die ans&amp;auml;ssigen Banken, Finanzfirmen und Anwaltskanzleien w&amp;auml;hlen einen eigenen B&amp;uuml;rgermeister. Es gibt nur mehr wenige Menschen, die sich in der City eine Wohnung leisten k&amp;ouml;nnen, bei Quadratmetermieten bis zu hundert Euro. Tags&amp;uuml;ber lenken Banker, Fondsmanager und Anw&amp;auml;lte in der City Globalisierung, Finanzkrise und Hedgefonds, abends stehen sie in den Pubs. Nach elf ist die City wie ausgestorben. Die letzten Demonstranten der Occupy-Bewegung legen sich vor St Paul&amp;rsquo;s Cathedral ins Zelt. Mitten in der City zeigt das Museum of London eine gro&amp;szlig;e Ausstellung &amp;uuml;ber einen Schriftsteller, der Banken verachtete: Charles Dickens. Die Drachen und David Cameron haben das nicht verhindert.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Weihnachtsgeschichte&lt;/em&gt;, erschienen 1843. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein amerikanischer Fabrikbesitzer soll damals f&amp;uuml;r seine Arbeiter einen zus&amp;auml;tzlichen Urlaubstag eingef&amp;uuml;hrt haben, nachdem er Dickens&amp;rsquo; &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Eine_Weihnachtsgeschichte+Charles_Dickens_und_Werner_Blaebst/142937.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Weihnachtsgeschichte&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; gelesen hatte. Karl Marx lobte: Dickens hat die sozialen Missst&amp;auml;nde deutlicher aufgezeigt als jeder Politiker. Dickens kritisierte die Kinderarbeit, die fehlenden Bildungsm&amp;ouml;glichkeiten f&amp;uuml;r die Armen, die Zust&amp;auml;nde im Gef&amp;auml;ngnis, die Korruption im Kapitalismus, die Geldgier der Banken, die Ungleichheit vor Gericht, die Inkompetenz der Regierenden, den Sensationsjournalismus und &amp;ndash; nach seinen Lesereisen in den USA &amp;ndash; auch die Demokratie, f&amp;uuml;r die er die Menschheit nicht reif genug hielt. Die sozialen Reformen in England w&amp;auml;ren wohl auch ohne seine B&amp;uuml;cher geschehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;1 Fleet Street, Royal Bank of Scotland. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Londoner City f&amp;uuml;rchtet sich vor dem Toten. Eine Handvoll Banker haben wir um ein Gespr&amp;auml;ch &amp;uuml;ber Charles Dickens gebeten. Nur einer wollte reden: ein Angestellter der Royal Bank of Scotland, der Freund eines Bekannten der Fotografin, der nur noch die Erlaubnis eines Vorstands einholen wollte, reine Formsache, sagte er. Aber die Royal Bank of Scotland wurde im Zuge der Finanzkrise verstaatlicht, die Nerven liegen blank, der Vorgesetzte verbot dem Banker das Interview. Dickens&amp;rsquo; Name ist in der City of London zum Reizwort geworden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;150 London Wall, Museum of London, 9. Dezember 2011 bis 10. Juni 2012. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich lebt Dickens. Er hat das moderne englische Weihnachten gepr&amp;auml;gt, mit Tannenbaum und Truthahn. Jeder seiner 15 Romane spielt irgendwann in London, die Stadt hat alle seine Romanhelden magisch angezogen. London kommt heute gar nicht umhin, Charles Dickens zu ehren, mit gro&amp;szlig;er Ausstellung, mit Radio- und Fernsehsendungen. London feiert seinen 200. Geburtstag &amp;ndash; und f&amp;uuml;rchtet doch seinen Namen: &amp;raquo;Dickens&amp;rsquo;sche Verh&amp;auml;ltnisse&amp;laquo; sind ein gefl&amp;uuml;geltes Worte &amp;uuml;berall auf der Welt, ein Synonym f&amp;uuml;r bittere Armut, f&amp;uuml;r eine Gesellschaft mit gro&amp;szlig;er Kluft zwischen Arm und Reich, f&amp;uuml;r Manchesterkapitalismus. &amp;raquo;Wie bei Dickens&amp;laquo; kann auch bedeuten: aus dem Viktorianischen Zeitalter stammend, altmodisch, antiquiert, nostalgisch; man kann das Wort sogar im Sinn von sentimental gebrauchen, aber meist bedeutet es: h&amp;auml;sslich. Der Ausdruck &amp;raquo;Dickens&amp;rsquo;sche Verh&amp;auml;ltnisse&amp;laquo; wird so oft benutzt wie selten in den 142 Jahren seit dem Tod des Schriftstellers. Eine ganze Reihe von Leuten warnt inzwischen vor der R&amp;uuml;ckkehr dieser Verh&amp;auml;ltnisse in London. Der englische Autor Tony Parsons sah sie bereits vor zwei Jahren wiederkehren. Das war vor den Unruhen und Pl&amp;uuml;nderungen im August, vor der Kreditklemme in der Finanzwelt diesen Winter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es muss schwierig sein f&amp;uuml;r die Verantwortlichen im Londoner Rathaus und die zust&amp;auml;ndige PR-Agentur &lt;a href=&quot;http://www.visitlondon.com/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;visitlondon.com&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;: einen Dichter zu feiern, ohne zugleich an bittere Armut zu erinnern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;London-Hampstead. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wer hat keine Angst, &amp;uuml;ber Dickens zu reden? Tony Parsons, der Schriftsteller? Zwei Stunden nach einer E-Mail-Anfrage antwortet er:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Lieber Lars,&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; die Kluft zwischen Reich und Arm ist gewaltig in London. Ich wohne in Hampstead, in einer Stra&amp;szlig;e mit privatem Sicherheitsdienst. Jede Nacht patrouilliert hier ein Ex-Soldat aus Nepal, zwei H&amp;auml;user haben ihren eigenen Gurkha, der Hausbesetzer vertreiben soll (die beiden H&amp;auml;user stehen leer, sind nach meiner Sch&amp;auml;tzung zwischen zehn bis 15 Millionen Pfund wert, je nachdem wie sehr sie der Frau irgendeines russischen Milliard&amp;auml;rs gefallen werden). London ist ein Magnet f&amp;uuml;r Geld.&lt;/em&gt; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist immer noch eine gro&amp;szlig;artige Stadt zum Leben, solange man nicht arm ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Stadt ist voll von pr&amp;auml;chtigen privaten Schulen und furchtbaren staatlichen, die man verl&amp;auml;sst, ohne lesen oder schreiben gelernt zu haben, ohne mit der einen Million gut ausgebildeter Arbeitskr&amp;auml;fte aus dem Osten konkurrieren zu k&amp;ouml;nnen. Deswegen leben hier eine Million Jugendlicher zwischen 16 und 24 von der Wohlfahrt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dickens f&amp;auml;nde ganz bestimmt gen&amp;uuml;gend Stoff zum Schreiben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Polizei hat Angst, nach einer Pr&amp;uuml;gelei vor ein Menschenrechtskomitee gezerrt zu werden. Mit den Unruhen im August wurden sie zu keinem Zeitpunkt fertig. Die Gangs behielten vergangenen Sommer vier N&amp;auml;chte lang das Kommando &amp;uuml;ber die Stra&amp;szlig;en. Die Stadtverwaltung war nahe daran, die Armee zu Hilfe zu rufen, was niemals zuvor auf britischem Boden passierte. Es k&amp;ouml;nnte schon bald so weit kommen. Die soziale Kluft ist ein Grand Canyon. Die Gl&amp;uuml;cklichen spazieren in Parks und schicken ihre Kinder auf wunderbare Schulen, die Ungl&amp;uuml;cklichen wollen uns den Hals durchschneiden und die HD-Breitbildfernseher stehlen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich habe mir ein paar Leichtmetall-Schlagringe besorgt. Ich erwarte, dass ich sie fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter brauchen werde. Die meisten kaufen sich Baseballschl&amp;auml;ger &amp;ndash; das sind die Kuscheldecken in Zeiten der Angst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Beste Gr&amp;uuml;&amp;szlig;e, Tony&lt;/em&gt; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; PS: Mein Lieblingsroman von Dickens ist &amp;raquo;&lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Grosze_Erwartungen+Charles_Dickens/6880132.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Gro&amp;szlig;e Erwartungen&lt;/a&gt;&amp;laquo;, wegen der Charaktere, der sprachlichen Sch&amp;ouml;nheit und weil es eine gro&amp;szlig;artige Erz&amp;auml;hlung &amp;uuml;ber soziale Mobilit&amp;auml;t ist, eine  Obsession der klassenbewussten Briten.&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Dickens ist aktueller denn je, weil er uns Mitleid mit den Armen lehrt&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;145 Fleet Street, das Pub &amp;raquo;Ye Olde Ceshire Cheese&amp;laquo;. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dickens ist stundenlang zu Fu&amp;szlig; gegangen. Von Kindheit an. Mit zw&amp;ouml;lf ging er ein halbes Jahr lang jeden Tag von Camden Town im Norden Londons drei Meilen zu der Fabrik an der Themse, in der er zw&amp;ouml;lf Stunden Schuhwichse anr&amp;uuml;hrte. Er musste die Schulden seines Vaters begleichen, den die Banken deswegen ins Gef&amp;auml;ngnis gesteckt hatten. Sp&amp;auml;ter, dann schon wohlhabend, verlie&amp;szlig; er manchmal seine Stadtwohnung um elf Uhr nachts und machte sich auf den Weg nach Kent zu seinem Landhaus, das er im Morgengrauen erreichte, es waren knapp f&amp;uuml;nfzig Kilometer. Dickens rannte eher, als dass er ging. Er litt an Schlaflosigkeit. Nachts schnappte er die vielen Dialekte seiner Romanfiguren auf, dachte sich die Handlung aus, merkte sich die Stra&amp;szlig;enz&amp;uuml;ge, folgte seinen Figuren in die &amp;auml;rmsten Stadtviertel und die verrufensten Lokale. Sie lagen au&amp;szlig;erhalb der alten Stadtmauer von Westminster City, dort wo die City of London entstand, das Bankenviertel. Im Pub &amp;raquo;Ye Olde Ceshire Cheese&amp;laquo; kennt man sogar Dickens Lieblingstisch: im Erdgeschoss neben dem Kamin. Jedes Pub, das nur alt genug ist, r&amp;uuml;hmt sich seiner regelm&amp;auml;&amp;szlig;igen Besuche. Kaum ein Ort in der Stadt, den Dickens nicht kannte, den er nicht wenigstens gekannt haben k&amp;ouml;nnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;U-Bahnstation Temple. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Touristen suchen Dickens&amp;rsquo; Spuren heute auf sauberen Stra&amp;szlig;en. &amp;raquo;Dickens Walk&amp;laquo; hei&amp;szlig;en die Spazierg&amp;auml;nge auf verschiedenen Routen durch die Londoner City vorbei an Banken, B&amp;uuml;ros und Kanzleien. Jean Haynes f&amp;uuml;hrt jeden Freitag eine Gruppe durch die Stra&amp;szlig;en, &amp;uuml;ber die Dickens&amp;rsquo; Romanhelden und er selbst liefen. Sie tr&amp;auml;gt auf der Tour stilechte Kleidung aus dem vorletzten Jahrhundert. Treffpunkt ist der U-Bahnausgang Temple, halb drei nachmittags. Haynes zeigt die H&amp;auml;user jener Anwaltskammer, in der David Copperfield lebte, die Romanfigur, mit der Charles Dickens sich selbst beschrieben haben soll. Jean Haynes f&amp;uuml;hrt zur Kanzlei, in der &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Bleak_House+Charles_Dickens/4754971.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Bleak House&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; spielte, der Roman, in dem lediglich die Anw&amp;auml;lte profitierten, wenn die Menschen vor Gericht zogen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;An einigen Stellen auf der Dickens-Tour stehen noch alte Gaslaternen, die bis 1981 jeden Abend per Hand entz&amp;uuml;ndet wurden. Viele Seitenstra&amp;szlig;en und kleine Gassen sehen noch aus wie vor 150 Jahren. Haynes spielt auf dem Spaziergang sogar einige ber&amp;uuml;hmte Szenen vor wie den dramatischen Tod der jungen Nell in &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Der_Raritaetenladen+Charles_Dickens/6880136.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Der Rarit&amp;auml;tenladen&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jean Haynes ist 78 Jahre alt, ihr Lieblingsbuch von Dickens: &lt;em&gt;Eine Weihnachtsgeschichte&lt;/em&gt;, in der drei Geister den fr&amp;uuml;hkapitalistischen Geizkragen Scrooge zum Weihnachtsfan bekehren. Haynes geht seit zwanzig Jahren auf Dickens-Tour durch die Londoner City. Sie sagt: &amp;raquo;Dickens ist aktueller denn je, weil er uns Mitleid mit den Armen lehrt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lincoln&amp;rsquo;s Inn Fields, ein Park n&amp;ouml;rdlich von Fleet Street.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am Rande des Parks steht das ehemalige Privathaus von John Forster, der f&amp;uuml;r seinen besten Freund viele Partys nach Redaktionsschluss ausrichtete, auf denen Dickens aus seinen neuen B&amp;uuml;chern las. Dickens half selbst als 15-J&amp;auml;hriger in einer Anwaltskanzlei um die Ecke aus, Oliver Twist und David Copperfield lebten hier, und &lt;em&gt;Bleak House&lt;/em&gt; spielte in Lincoln&amp;rsquo;s Inn, der Roman ist Dickens&amp;rsquo; Abrechnung mit dem ungerechten Justizsystem. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;1 Pump Court, Rechtsanwaltskanzlei.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Tom Brown ist Anwalt geworden, nachdem er in seiner Jugend &lt;em&gt;Bleak House&lt;/em&gt; gelesen hatte, seine Kanzlei liegt heute nur einen Steinwurf entfernt vom Ort des Romangeschehens. Tom Brown kennt die sozialen N&amp;ouml;te der Stadt aus seinem Gerichtsalltag, er sagt: &amp;raquo;Trotz Kinderarmut, sozialem Druck, steigenden Mieten: Wir sind in London noch ein gutes St&amp;uuml;ck von Dickens&amp;rsquo;schen Verh&amp;auml;ltnissen entfernt, die Justiz ist gerechter geworden, auch Bildung, Gesundheitsversorgung und die Wohlfahrt. Aber das Gef&amp;uuml;hl sozialer Ungerechtigkeit ist sehr verbreitet, die Banker mussten eben nicht f&amp;uuml;r die Probleme bezahlen, die sie verursacht haben. Die Medien verst&amp;auml;rken das Gef&amp;uuml;hl. Deswegen glaubt jeder, dass wir auf dem besten Weg zu Dickens sind.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;23 Orchard Street, Rose Club. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Tom Brown meint wohl auch Meldungen wie die im &lt;em&gt;Evening Standard&lt;/em&gt;: Acht Hedgefondsbanker geben bei ihrer Weihnachtsfeier 71 000 Pfund f&amp;uuml;r 24 Flaschen Wodka und sechs Magnum-Flaschen Dom Perignon in einem Nachtclub aus. Um die Nachbartische in Weihnachtsstimmung zu versetzen, werfen sie mit 50-Pfund-Scheinen um sich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;19 &amp;ndash; 21 Great Marlborough Street, Court-house Doubletree. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fr&amp;uuml;her war das &amp;raquo;Courthouse Doubletree&amp;laquo; ein Gerichtsgeb&amp;auml;ude, heute ist es ein Hotel. In Zimmer 125 hatte Dickens 1835 seinen Schreibtisch stehen, auf dem er Gerichtsreportagen f&amp;uuml;r den &lt;em&gt;Morning Chronicle&lt;/em&gt; schrieb. Der Concierge, ein Italiener, h&amp;ouml;rt Dickens&amp;rsquo; Namen zum ersten Mal. Das Zimmer ist nat&amp;uuml;rlich renoviert, Dickens&amp;rsquo; Schreibtisch lange verschwunden, allein der Kamin k&amp;ouml;nnte 150 Jahre alt sein, er ist stillgelegt. Wie soll eine Spurensuche funktionieren, wenn die Spuren doch lange verwischt sind? Die Fenster von Dickens&amp;rsquo; altem Arbeitszimmer liegen zur Great Marlborough Street hinaus, gegen&amp;uuml;ber steht das gro&amp;szlig;e Luxuskaufhaus Liberty. Fr&amp;uuml;hmorgens rollt ein Obdachloser auf der Stra&amp;szlig;e seinen Schlafsack ein. Unweigerlich sp&amp;uuml;rt man bei diesem Bild Dickens&amp;rsquo; Atem hinter sich. Alles Einbildung, nat&amp;uuml;rlich, aber darum geht es ja bei Literatur: um Fantasie, mit der man einen anderen Blick auf die Wirklichkeit gewinnt.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Dickens war nicht geizig, aber er war geldgeil&quot;]&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;1 &amp;ndash; 3 Strand, die B&amp;uuml;ros der Immobilienfondsfirma Pramerica. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jeder will nach London, damals wie heute. 1851 hatte London drei Millionen Einwohner, in jenem Jahr lebten erstmals mehr Engl&amp;auml;nder in St&amp;auml;dten als auf dem Land, und London war die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Stadt der Welt. Seit 2010 leben erstmals weltweit mehr Menschen in St&amp;auml;dten als auf dem Land. Nach London dr&amp;auml;ngen Engl&amp;auml;nder und Immigranten aus den alten Kolonien und Schwarzafrika, ins East End, wo im n&amp;auml;chsten Sommer die Olympischen Spiele stattfinden. Die schlechten Viertel liegen im Osten. Das ist mit wenigen Ausnahmen auf der ganzen Welt so, wegen des Westwinds, der schlechte Luft aus Fabriken und vom Verkehr in den Osten weht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Georg von Hammerstein kauft europaweit H&amp;auml;user. Der Deutsche arbeitet bei einer gro&amp;szlig;en amerikanischen Immobilienfondsgesellschaft mit Sitz am Strand, der Stra&amp;szlig;e, die in jedem von Dickens&amp;rsquo; Romanen auftaucht. Gefragt sind bei ihm derzeit teure Immobilien in teuren St&amp;auml;dten wie London und Paris, auch wenn deren Preise enorm angezogen haben und die Renditen geringer ausfallen. Das Kapital sucht Sicherheit. West End, S&amp;uuml;dwesten, ein paar Stra&amp;szlig;enz&amp;uuml;ge im S&amp;uuml;dosten und nat&amp;uuml;rlich die City of London sind Londons gute Lagen, in denen Mieten und Preise weiter steigen. In Mayfair liegen die Ladenmieten heute bei tausend Euro pro Quadratmeter, das ist mehr als doppelt so hoch wie in der M&amp;uuml;nchner Maximilianstra&amp;szlig;e, bis zu 60 000 Euro kostet der Quadratmeter beim Kauf. Die Regel mit den teuren Westlagen und den g&amp;uuml;nstigen im Osten stimmt nur mehr bedingt: Das exklusive Clapham grenzt direkt an das Einwandererviertel Brixton Hill.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hammerstein kennt Dickens vor allem aus dem Musical &lt;em&gt;Oliver!&lt;/em&gt;. Das ist eine Kinderversion von &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Oliver_Twist+Charles_Dickens/4443216.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Oliver Twist&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, in der Rowan Atkinson sechs Monate lang die Rolle des liebensw&amp;uuml;rdigen Jugendbandenf&amp;uuml;hrers Fagin spielte. Hammerstein war mit jedem seiner vier Kinder in der Vorstellung, die Kinder kennen das Musical inzwischen auswendig. Das Reizwort Dickens verschreckt ihn nicht. Er sagt: &amp;raquo;London hat bereits Dickens&amp;rsquo;sche Verh&amp;auml;ltnisse. In Stadtteilen wie Tottenham h&amp;auml;tte ich Angst um meine Kinder. Es gibt immer weniger Arbeit f&amp;uuml;r immer mehr Menschen. Die mit Arbeit m&amp;uuml;ssen die ohne Arbeit immer st&amp;auml;rker unterst&amp;uuml;tzen. Bald wird sich zeigen, wie christlich wir wirklich sind.&amp;laquo; Hammerstein erz&amp;auml;hlt auch, dass viele englische Banker nie BWL studiert haben, sondern Kulturwissenschaften und Dickens. &amp;raquo;&amp;Auml;ltere Banker mit humanistischer Bildung sind weniger irrsinnige Risiken eingegangen als die jungen Computerkids aus Harvard.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;142 Holborn, Waterhouse Square. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die einzige B&amp;uuml;ste von Dickens in London zeigt einen Mann, der sein ganzes Leben lang &amp;auml;lter aussah, als er war. Seine merkw&amp;uuml;rdige Frisur, die die Geheimratsecken zu kaschieren versucht, verr&amp;auml;t ein gewisses Ma&amp;szlig; an Eitelkeit. Dickens war charismatisch, konnte Abendgesellschaften und Partys allein schmei&amp;szlig;en. Er war witzig. Er war sexy. Man merkte, wenn er einen Raum betrat. Aber er war nicht unbedingt sympathisch. Der moralisierende Dickens verlie&amp;szlig; seine Frau, mit der er zehn Kinder hatte, wegen einer 27 Jahre j&amp;uuml;ngeren Schauspielerin. Er schickte seine erwachsenen Kinder fort, weil er meinte, sein Reichtum k&amp;ouml;nne sie verderben. Dickens war nicht geizig, aber er war geldgeil und beschwerte sich &amp;uuml;ber zu geringe Lizenzgeb&amp;uuml;hren der Amerikaner. Er war reich und hatte Angst zu verarmen wie sein Vater. Dickens hatte Angst vor Dickens&amp;rsquo;scher Armut. Einer seiner T&amp;ouml;chter hat er erz&amp;auml;hlt, er w&amp;auml;re gern so gewesen wie die guten Menschen in seinen Romanen, habe es aber nur zu einem der schlechteren gebracht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Strand, King&amp;rsquo;s College. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;An englischen Universit&amp;auml;ten ist Dickens wieder in Mode. Die Vorlesungen sind voll. Sein Roman &lt;em&gt;Bleak House&lt;/em&gt; gilt Literaturwissenschaftlern als wegbereitend f&amp;uuml;r Kafkas &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Der_Prozess+Franz_Kafka/1636778.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Prozess&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, man hat den Dadaisten Dickens entdeckt. Clare Pettitt ist Professorin f&amp;uuml;r Viktorianische Literatur am King&amp;rsquo;s College, mit Spezialgebiet Dickens. Nicht einmal sie glaubt, sein ganzes Werk zu kennen: &amp;raquo;Viele journalistische Texte, die er unter Pseudonym schrieb, warten noch auf ihre Entdeckung.&amp;laquo; Ihr Lieblingsroman: &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Little_Dorrit+Charles_Dickens/4643459.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Little Dorrit&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, ein Fr&amp;uuml;hwerk, in dem Dickens die Geschichte seines Vaters verarbeitet, der nach einer Pleite im Gef&amp;auml;ngnis sa&amp;szlig;, bis sein zw&amp;ouml;lfj&amp;auml;hriger Sohn Charles seine Schulden abgearbeitet hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Viele von Pettitts Studenten gehen in die Wirtschaft. Die Literaturwissenschaftlerin findet das auch nur allzu normal: &amp;raquo;An Dickens kommt man nicht vorbei. Er hat ein Kompendium der modernen industrialisierten Welt geschrieben, die 1850 begann. Wir leben ja immer noch im 19. Jahrhundert.&amp;laquo; Dickens revolutionierte die Medien seiner Zeit: Alle seine Romane ver&amp;ouml;ffentlichte er in monatlichen Folgen, schon &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Die_Pickwickier+Charles_Dickens/6872716.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Die Pickwickier&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; erreichten eine erste Auflage von 40 000 St&amp;uuml;ck, f&amp;uuml;r damalige Verh&amp;auml;ltnisse eine riesige Zahl. Er kam als einer der allerersten Schriftsteller auf die Idee, auf Lesereisen zu gehen, die machten ihn reich. Er zeichnete gut, spielte leidlich Theater, arbeitete als Gerichtsreporter und politischer Kommentator. Ein Arbeitstier.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;13 A Gerrard Street, Experimental Cocktail Club. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dickens verbat sich ein Denkmal, er wollte allein durch seine B&amp;uuml;cher weiterleben. Am lebendigsten ist er demnach in Indien, wo wirklich noch jedes Schulkind seine Romane liest. In London setzt man sich &amp;uuml;ber Dickens&amp;rsquo; letzten Willen hinweg, an seinem 200. Geburtstag wird ein Denkmal enth&amp;uuml;llt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine Bar in Chinatown serviert Ginpunch nach einem Rezept aus &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+David_Copperfield+Charles_Dickens/4754673.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;David Copperfield&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, und dass das Rezept von Dickens bestehen bleiben wird, da ist sich der Barbesitzer Xavier Padovani sicher. Vor f&amp;uuml;nf Jahren fiel ihm das Buch &lt;em&gt;Drinking with Dickens&lt;/em&gt; in die H&amp;auml;nde, geschrieben hatte es einer von Dickens&amp;rsquo; Urenkeln. Das Buch listet s&amp;auml;mtliche Drinks und Spirituosen auf, die der Urgro&amp;szlig;vater entweder selbst trank oder in seinen Romanen trinken lie&amp;szlig;. Der Franzose Padovani schimpft &amp;uuml;ber den niedrigen Wasserdruck in London und die maroden Leitungen aus der Zeit von K&amp;ouml;nigin Victoria. Gin trank man damals als Antidepressivum, und man verd&amp;uuml;nnte das schmutzige Leitungswasser damit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Barmann wird am 7. Februar zu Ehren von Dickens das Wasser in seinem Club abschalten und stattdessen Gin durch die Leitung schicken.&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der böse Geist des Bankenviertels</dc:subject>
    <dc:creator>Lars Reichardt</dc:creator>
    <dc:date>2012-01-30T12:00:00+01:00</dc:date>
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