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    <title>sz-magazin.de - Außenpolitik</title>
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    <title>Ein Körnchen Wahrheit</title>
    <description>&lt;p&gt;In einem Dorf in der &amp;auml;rmsten Region Indiens hat  ein Kleinbauer eine Weltrekordmenge Reis geerntet &amp;ndash; ohne D&amp;uuml;nger, ohne  Pestizide. Hat der Mann tats&amp;auml;chlich das Geheimnis des Anbaus entdeckt?  Und: K&amp;ouml;nnte seine Methode den Hunger in der Welt besiegen?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;Als Sumant Kumar, ein Kleinbauer aus dem Dorf Darveshpura im Nordosten Indiens, sich im vergangenen Jahr an die Reisernte machte, konnte er sein Gl&amp;uuml;ck kaum fassen. Zwar waren die Wetterbedingungen besonders gut gewesen, und er wusste auch, dass sich die vier, f&amp;uuml;nf Tonnen pro Hektar Land, die er sonst geerntet hatte, durchaus steigern lie&amp;szlig;en. Doch diesmal schienen jeder Halm schwerer und jedes einzelne Korn gr&amp;ouml;&amp;szlig;er als sonst zu sein, und als der Ertrag schlie&amp;szlig;lich auf den alten Waagen des Dorfes gewogen wurde, war er regelrecht schockiert. Kumar, ein scheuer junger Bauer aus dem Bezirk Nalanda im bettelarmen Bundesstaat Bihar, hatte es geschafft, seinem Feld am Ufer des Flusses Sakri erstaunliche 22,4 Tonnen Reis pro Hektar abzuringen &amp;ndash; ohne jeden Kunstd&amp;uuml;nger und ohne den Einsatz von Sch&amp;auml;dlingsbek&amp;auml;mpfungsmitteln. Das war Weltrekord. Und eine gro&amp;szlig;artige Nachricht in einer Welt, in der Reis das Grundnahrungsmittel f&amp;uuml;r mehr als H&amp;auml;lfte der Menschheit ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kumars Ergebnis war besser als jene 19,4 Tonnen, die der chinesische Agrarwissenschaftler Yuan Longping erzielt hatte, der immerhin &amp;raquo;Vater des Reises&amp;laquo; genannt wird. Es &amp;uuml;bertraf sowohl die Resultate des von der Weltbank finanzierten &amp;raquo;International Rice Research Institute&amp;laquo; auf den Philippinen als auch die aller europ&amp;auml;ischen und US-amerikanischen Unternehmen, die gentechnisch ver&amp;auml;nderte Reissorten entwickelt haben. Doch nicht nur Sumant Kumar blamierte die Profis, auch Krishna, Nitish, Sanjay und Bijay, seine Freunde und Konkurrenten in Darveshpura, hatten alle mehr als 17 Tonnen  pro Hektar erzielt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Dorfbewohner, wechselhaftem Klima ausgesetzt und l&amp;auml;ngst daran gew&amp;ouml;hnt, in schlechten Jahren hungern zu m&amp;uuml;ssen, feierten ihren Triumph. Doch die agrarwissenschaftlichen Institute des Bundestaates schenkten ihnen lange keinen Glauben, die Bauern von Nalanda wurden der Schummelei bezichtigt. Erst als sich der oberste Landwirtschaftsbeamte Bihars, selbst ein Reisbauer, mit einem Erkundungsteam nach Nalanda aufmachte und Sumants Ernte pers&amp;ouml;nlich best&amp;auml;tigte, wurde der Rekord anerkannt. Das Dorf, um das sich bis dahin nie jemand gro&amp;szlig; gek&amp;uuml;mmert hatte und in dem die meisten Bewohner noch nicht einmal Elektrizit&amp;auml;t hatten, war pl&amp;ouml;tzlich ber&amp;uuml;hmt, wurde mit einer neuen Betonbr&amp;uuml;cke, einer Bank und dem Anschluss ans Stromnetz belohnt. Sumant war zum Helden geworden, der Pre-mierminister lie&amp;szlig; es sich nicht nehmen, ihn pers&amp;ouml;nlich zu begl&amp;uuml;ckw&amp;uuml;nschen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das h&amp;auml;tte auch schon das Ende der Geschichte sein k&amp;ouml;nnen &amp;ndash; wenn es Sumants Freund Nitish nicht ein halbes Jahr sp&amp;auml;ter geschafft h&amp;auml;tte, den Weltrekord f&amp;uuml;r Kartoffelernten zu brechen, und kurz danach Ravindra Kumar, ein Kleinbauer in einem nahe gelegenen Dorf, den Landesrekord f&amp;uuml;r Weizen &amp;uuml;bertraf. Seitdem gilt Darveshpura als &amp;raquo;Indiens magisches Dorf&amp;laquo;. Unz&amp;auml;hlige Wissenschaftler, Entwicklungshelfer, Bauern, &lt;br /&gt; Beamte und Politiker bem&amp;uuml;hen sich, sein Geheimnis zu ergr&amp;uuml;nden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Untersuchungen des Bodens ergaben, dass er hier ungew&amp;ouml;hnlich reich an Silizium ist, doch der Grund f&amp;uuml;r die Rekordernten ist eine Anbaumethode, die &amp;raquo;System of Rice &lt;br /&gt; Intensification&amp;laquo; (SRI) genannt wird. Sie bewirkt dramatische Ertragssteigerungen bei Weizen, Kartoffeln, Zuckerrohr, Tomaten, Knoblauch, Auberginen und vielen anderen Nutzpflanzen und wird als eine der bedeutsamsten landwirtschaftlichen Entwicklungen der letzten f&amp;uuml;nfzig Jahre gefeiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Traditionellerweise wird Reis angebaut, indem drei bis vier Wochen alte Sch&amp;ouml;&amp;szlig;linge in B&amp;uuml;scheln in die Erde gepflanzt und die Felder geflutet werden, um den Reis st&amp;auml;ndig mit Wasser zu versorgen und das Unkraut niederzuhalten. Bei der SRI-Methode werden die Sch&amp;ouml;&amp;szlig;linge schon nach acht bis zw&amp;ouml;lf Tagen und noch dazu einzeln in die Erde gesetzt, der Abstand zwischen ihnen ist gr&amp;ouml;&amp;szlig;er, zudem wird der Boden trockener gehalten, was das Wachstum bef&amp;ouml;rdert. Das Unkraut muss deshalb von den Bauern gej&amp;auml;tet werden &amp;ndash; das wiederum bel&amp;uuml;ftet den Boden. Kurzum: Durch die SRI-Methode werden die Wachstumsbedingungen verbessert, mit weniger Saatgut lassen sich h&amp;ouml;here Ertr&amp;auml;ge erzielen; allerdings ist das Verfahren arbeitsaufwendiger.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; W&amp;auml;hrend die sogenannte gr&amp;uuml;ne Revolution, die in den Siebzigerjahren Indien Hungersn&amp;ouml;te ersparte, auf verbessertem Saatgut, teuren Pestiziden und chemischen D&amp;uuml;ngern beruhte, verspricht die neue Methode langfristige und nachhaltige Erfolge ohne zus&amp;auml;tzliche Investitionskosten. In einer Zeit, in der ein Siebtel der Menschheit hungert und das Angebot an Reis die Nachfrage nur noch zwanzig Jahre stillen kann, falls es nicht entweder zu einer signifikanten Abnahme der Weltbev&amp;ouml;lkerung oder zu deutlich gesteigerten Produktionszuw&amp;auml;chsen kommt, werden in die SRI-Methode gro&amp;szlig;e Hoffnungen gesetzt. Selbst eine nur drei&amp;szlig;igprozentige Steigerung der Ernten von Kleinbauern k&amp;ouml;nnte f&amp;uuml;r deutliche Entspannung sorgen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Kleinbauern von Nalanda haben Samen der deutschen Firma Bayer benutzt, die keinen Bio-Kriterien entsprechen. Aber die SRI-Methode kann mit jedem Samen zum Einsatz kommen. &amp;raquo;Die Bauern brauchen weniger Saatgut, weniger Wasser und weniger Chemie, also weniger Investitionen, aber sie bekommen mehr&amp;laquo;, sagt Dr. Surendra Chaurassa vom Landwirtschaftsministerium in Bihar. &amp;raquo;Das ist revolution&amp;auml;r.&amp;laquo; Die Resultate im Bundesstaat haben seine Hoffnungen &amp;uuml;bertroffen: Die &amp;uuml;berschaubare Investition, ein paar Hundert Bauern in der neuen Anbaumethode zu unterweisen, habe in der Region die Ernteertr&amp;auml;ge um 45 Prozent gesteigert.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Es gibt keine Patente, Abgaben oder Lizenzgeb&amp;uuml;hren.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59871.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Die Urspr&amp;uuml;nge der SRI-Methode liegen in den fr&amp;uuml;hen Achtzigerjahren. Auf Madagaskar studierte der franz&amp;ouml;sische Jesuitenm&amp;ouml;nch und Agraringenieur Henri de Laulanie, wie im Hochland Reis angebaut wurde. Seine Erkenntnisse wurden von Norman Uphoff, dem Leiter des International Institute for Food, Agriculture and Development an der Cornell University, in gro&amp;szlig;em Stil popularisiert. Uphoff war 1983 nach Madagaskar gereist, um sich pers&amp;ouml;nlich vom Erfolg der SRI-Methode zu &amp;uuml;berzeugen: Bauern, die auf traditionelle Weise durchschnittlich zwei Tonnen Reis pro Hektar geerntet hatten, kamen nun auf acht Tonnen. 1997 begann Uphoff, unterst&amp;uuml;tzt von einer 15-Millionen-Dollar-Spende eines anonymen Milliard&amp;auml;rs, aktiv f&amp;uuml;r die Anwendung von SRI in Asien zu trommeln, wo mehr als 600 Millionen Menschen unter Mangelern&amp;auml;hrung leiden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Es ist das exakte Gegenteil der ersten gr&amp;uuml;nen Revolution der Siebzigerjahre&amp;laquo;, sagt Uphoff. &amp;raquo;Damals glaubte man, man m&amp;uuml;sse das Saatgut und die N&amp;auml;hrstoffe im Boden ver&amp;auml;ndern, um die Ertr&amp;auml;ge zu steigern &amp;ndash; etwas, wof&amp;uuml;r ein hoher &amp;ouml;kologischer Preis zu entrichten ist. Aber im 21. Jahrhundert muss sich die Landwirtschaft &amp;auml;ndern. Land und Wasser werden knapper, an vielen Orten wird das Klima unwirtlicher. Die SRI-Methode gibt Millionen von Betrieben eine M&amp;ouml;glichkeit, mit schwieriger werdenden Bedingungen &lt;br /&gt; besser zurechtzukommen. Und es profitieren vor allem die Bauern selbst: Es gibt keine &lt;br /&gt; Patente, Abgaben oder Lizenzgeb&amp;uuml;hren.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit nunmehr vierzig Jahren, sagt Uphoff, ist die Wissenschaft besessen davon, Saatgut zu ver&amp;auml;ndern und k&amp;uuml;nstliche D&amp;uuml;nger zu verwenden. &amp;raquo;Immer geht es blo&amp;szlig; um Gene, Gene, Gene &amp;ndash; und damit sind bestenfalls Ertragssteigerungen von f&amp;uuml;nf bis zehn Prozent zu erzielen. Nie hat man sich damit besch&amp;auml;ftigt, wie man den Anbau selbst optimieren kann. Wir haben die Landwirtschaft in eine Industrie verwandelt und dabei ihre biologischen Wurzeln vergessen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dem stimmt nicht jeder zu. Einige Wissenschaftler monieren, es gebe nicht &lt;br /&gt; ausreichend Kontrolluntersuchungen &amp;uuml;ber die Wirksamkeit der SRI-Methode. &amp;raquo;Bei SRI handelt es sich um nichts anderes als bestimmte Anbaupraktiken, von denen viele seit langer Zeit bekannt sind und auch empfohlen werden&amp;laquo;, sagt Achim Dobermann, Abteilungsleiter f&amp;uuml;r Forschung am International Rice Research Institute. &amp;raquo;Ich denke nicht, dass man von einem Wunder sprechen sollte. Wann immer die Prinzipien von SRI von unabh&amp;auml;ngigen Experten untersucht wurden, unterschieden sich die Resultate von jenen, die von NGOs und anderen SRI-Verfechtern gemeldet wurden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dominic Glover, ein englischer Forscher an der Wageningen University in den Niederlanden, glaubt, dass es sich um eine Art Glaubenskrieg handelt. &amp;raquo;Experten neigen nun einmal dazu, ihre jeweiligen &amp;Uuml;berzeugungen zu verteidigen&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Aber in vielen Regionen haben Bauern SRI-Methoden ausprobiert und sie dann wieder aufgegeben &amp;ndash; &amp;uuml;ber die Gr&amp;uuml;nde gibt es keine Studien. SRI ist gut f&amp;uuml;r Kleinbauern, die von ihren Familienangeh&amp;ouml;rigen unterst&amp;uuml;tzt werden, aber f&amp;uuml;r Anbau in gro&amp;szlig;em Stil eher nicht geeignet. Die Rekordernten, von denen berichtet wird, haben weniger mit einer magischen Methode zu tun als mit einer g&amp;uuml;nstigen Arbeitsteilung im Familienverbund, landwirtschaftlichen F&amp;auml;higkeiten und Achtsamkeit. Bisher hat es noch keiner geschafft, einen Weg zu finden, wie man maschinell einzelne Sch&amp;ouml;&amp;szlig;linge pflanzt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch einige gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Bauern in Bihar behaupten, SRI sei l&amp;auml;ngst nicht so m&amp;uuml;hsam, wie eingewandt wird. &amp;raquo;Nur bei der ersten Anwendung von SRI ist die Methode arbeitsintensiver&amp;laquo;, sagt Santosh Kumar, der in Nalanda auf 15 Hektar Reis und Gem&amp;uuml;se anbaut. &amp;raquo;Danach wird es einfacher, und mittlerweile helfen uns einige Innovationen.&amp;laquo; In seinen Anfangstagen wurde SRI von Wissenschaftlern und Geld-gebern abgetan oder verunglimpft, aber in den vergangenen Jahren hat das System zunehmend an Glaubw&amp;uuml;rdigkeit gewonnen. Uphoff sch&amp;auml;tzt, dass weltweit schon vier bis f&amp;uuml;nf Millionen Bauern die Methode anwenden, die mittlerweile von Beh&amp;ouml;rden in China, Indien, Indonesien, Kambodscha, Sri Lanka und Vietnam propagiert wird.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sumant, Nitish und 100 000 andere SRI-Bauern in Bihar wollen mit ihrer Anbauweise weitere Rekorde brechen. Die Arbeit, junge Sch&amp;ouml;&amp;szlig;linge einzeln auf die Felder zu pflanzen, ist eine Qual f&amp;uuml;r den R&amp;uuml;cken, aber angespornt von den Ergebnissen des letzten Jahres ist ihr Optimismus grenzenlos. Im Januar besuchte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreistr&amp;auml;ger Joseph E. Stiglitz Nalanda und zeigte sich begeistert vom Potenzial der neuen Methode. &amp;raquo;Ihr seid besser als die Wissenschaftler&amp;laquo;, versicherte er den Bauern, &amp;raquo;Agronomen aus aller Welt sollten hierherkommen, um sich inspirieren zu lassen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bihar, ehemals Indiens &amp;auml;rmster Staat, ist pl&amp;ouml;tzlich Zentrum dessen, was die &amp;raquo;neue Graswurzelrevolution&amp;laquo; genannt wird, mit Musterd&amp;ouml;rfern, Forschergruppen und NGOs, die alle studieren, wie sich die neuen Methoden auf den Anbau aller m&amp;ouml;glichen Nutzpflanzen auswirken. Der Bundesstaat wird im n&amp;auml;chsten Jahr f&amp;uuml;nfzig Millionen Dollar investieren, aber westliche Regierungen und Stiftungen halten sich zur&amp;uuml;ck, weil sie es immer noch vorziehen, in Hightech-Forschung zu investieren. Der Agronom Anil Verma kann das nicht nachvollziehen: &amp;raquo;Die Bauern wissen, dass SRI funktioniert, aber es ist auch wichtig, dass man sie ausbildet&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Unser gr&amp;ouml;&amp;szlig;tes Problem besteht darin, dass wir sehr viel mehr Interessenten haben, als wir ausbilden k&amp;ouml;nnen. Wenn irgendein Wissenschaftler oder ein Unternehmen mit einer Technologie ank&amp;auml;me, die eine Produktivit&amp;auml;tssteigerung von f&amp;uuml;nfzig Prozent ohne Mehrkosten fast garantieren k&amp;ouml;nnte, w&amp;uuml;rde es daf&amp;uuml;r den Nobelpreis geben. Doch wenn junge Bauern aus Bihar so etwas schaffen, bekommen sie daf&amp;uuml;r nichts. Mir ist das egal. Mir reicht es, wenn ich sehe, dass arme Bauern nun genug zu essen haben.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;em&gt;&amp;copy; Guardian News &amp;amp; Media Ltd 2013; aus dem Englischen von Peter Praschl&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Ein Körnchen Wahrheit</dc:subject>
    <dc:creator>John Vidal</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-20T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Der Klicksbringer</title>
    <description>&lt;p&gt;Die Thail&amp;auml;nder lieben ihren K&amp;ouml;nig Bhumibol. Und wen liebt er? Seinen Fotoapparat.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Bei Bildern von m&amp;auml;chtigen Menschen lohnt ein Blick auf die Details: Was f&amp;uuml;r Kleidung tragen sie? Mit welchen Dingen umgeben sie sich? Schon bei alten &amp;Ouml;lgem&amp;auml;lden von K&amp;ouml;nigsfamilien oder P&amp;auml;psten ist jede Kleinigkeit voller Bedeutung: Eine Krone steht f&amp;uuml;r die Sonne, Zeichen von Lebenskraft und Fruchtbarkeit. Und wer eine purpurfarbene Robe tr&amp;auml;gt, ist besonders m&amp;auml;chtig &amp;ndash; die Farbe war in der Antike Kaisern und hohen Priestern vorbehalten. Doch schaut man sich Bilder des thail&amp;auml;ndischen K&amp;ouml;nigs Bhumibol Adulyadej an, wundert man sich. Er ist einer der reichsten Monarchen der Welt und seit 1946 an der Macht &amp;ndash; aber wenn er sich in der &amp;Ouml;ffentlichkeit zeigt, kommt er daher wie ein bescheidener Tourist: Seine Macht demonstriert er nicht mit Edelsteinen oder Gold, sondern mit einem Fotoapparat, den er fast &amp;uuml;berall dabeizuhaben scheint. Warum nur? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vom thail&amp;auml;ndischen Palast erf&amp;auml;hrt man nicht viel &amp;uuml;ber die k&amp;ouml;nigliche Knipserei, nur dass Bhumibol als kleiner Junge von seiner Mutter eine Kamera geschenkt bekommen hat. Seitdem dokumentiert der K&amp;ouml;nig mit seinen Bildern das Leben in seinem Reich. Fast jeden, den er trifft, portr&amp;auml;tiert er. In den Vierzigerjahren, damals war er noch ein junger Prinz, soll er sogar als professioneller Fotograf f&amp;uuml;r eine Zeitung gearbeitet haben. Selbst auf einem Geldschein ist Bhumibol mit seiner Kamera abgedruckt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun k&amp;ouml;nnte man das Hobby leicht abtun: Andere Monarchen spielen Polo oder gehen jagen, K&amp;ouml;nig Bhumibol macht eben Fotos. Aber so einfach ist es nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der thail&amp;auml;ndische K&amp;uuml;nstler Tiane Doan Na Champassak hat Bilder des K&amp;ouml;nigs mit seiner Kamera gesammelt und ein kleines Buch zu dem Thema herausgegeben, er hat es &lt;em&gt;The King of Photography&lt;/em&gt; genannt, und beim Betrachten muss man schmunzeln, weil der K&amp;ouml;nig darin zwar nett, aber auch ein wenig t&amp;auml;ppisch aussieht. In Thailand ist das Buch nie erschienen, denn es k&amp;ouml;nnte viel &amp;Auml;rger bringen: Alles, was man als Kritik am K&amp;ouml;nig verstehen k&amp;ouml;nnte, ist dort streng verboten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Erst im Januar wurde ein Journalist zu zehn Jahren Gef&amp;auml;ngnis verurteilt, weil er es gewagt hatte, in der &amp;Ouml;ffentlichkeit die Macht des K&amp;ouml;nigs infrage zu stellen. Darum will Champassak alle Fragen am liebsten per Mail beantworten, da kann er die Worte genauer abw&amp;auml;gen, und er stellt gleich klar: &amp;raquo;Ich werde mich auf keinen Fall kritisch &amp;uuml;ber den K&amp;ouml;nig &amp;auml;u&amp;szlig;ern.&amp;laquo; Lieber erkl&amp;auml;rt er, dass der Monarch am liebsten Kameras der Firma Canon verwende, die er auch dann nicht ablege, wenn seine Diener den mittlerweile 85-j&amp;auml;hrigen Regenten im Rollstuhl schieben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Viele Thail&amp;auml;nder verehren ihren K&amp;ouml;nig beinahe abg&amp;ouml;ttisch, sie sch&amp;auml;tzen die Volksn&amp;auml;he, die er zeigt, wenn er seine Untertanen fotografiert, statt ihnen nur vom Thron aus zuzuwinken. Der K&amp;ouml;nig gilt in seiner Heimat als sehr talentierter Fotograf &amp;ndash; was aber auch damit zusammenh&amp;auml;ngen k&amp;ouml;nnte, dass niemand es wagt, seine Bilder zu kritisieren. Und sehen kann man seine Schnappsch&amp;uuml;sse kaum: Die meisten seiner Fotos werden unter Verschluss gehalten. In Thailand gibt es zwei Museen, die die k&amp;ouml;niglichen Fotos ausstellen, &amp;raquo;aber ich wurde rausgeworfen, weil ich versucht habe, die Bilder von der Wand abzufotografieren&amp;laquo;, sagt Champassak. Waren sie denn gut? &amp;raquo;Ich kann nichts zur Qualit&amp;auml;t sagen.&amp;laquo; Auf die Frage, was passieren w&amp;uuml;rde, wenn jemand &amp;ouml;ffentlich sagte, dass die Bilder des K&amp;ouml;nigs vielleicht doch nicht das Werk eines genialen Fotografen seien, hat Champassak eine kurze Antwort: &amp;raquo;Das gibt jede Menge &amp;Auml;rger.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fotos aus dem Buch &amp;raquo;The King of Photography&amp;laquo; von Tiane Coan Na Champassak.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der Klicksbringer</dc:subject>
    <dc:creator>Till Krause</dc:creator>
    <dc:date>2013-04-25T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39803">
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    <title>Land in Flammen</title>
    <description>&lt;p&gt;Auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki liegen  unermessliche Bodensch&amp;auml;tze. Jetzt f&amp;uuml;hrt der Streit um die Funde fast zu  einem B&amp;uuml;rgerkrieg. Eine Geschichte &amp;uuml;ber Habgier, Korruption, Gewalt -  und die Milliarden, die Griechenland retten k&amp;ouml;nnten.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Die Beamten des Staatsschutzes wollten Namen von Theologis Bantis. Die Namen der vierzig Vermummten, die in der Nacht zum 17. Februar in Skouries im Osten der Halbinsel Chalkidiki mehrere Fahrzeuge und B&amp;uuml;rocontainer des Goldf&amp;ouml;rder-Unternehmens Hellas Gold in Brand gesteckt und das Sicherheitspersonal bedroht hatten. Sachschaden: 900 000 Euro. Knapp neun Stunden wurde der 19-J&amp;auml;hrige Ende Februar von f&amp;uuml;nf Beamten gleichzeitig verh&amp;ouml;rt. Er durfte in dieser Zeit weder seine Eltern sprechen noch einen Anwalt konsultieren, behauptet Bantis, bekam nichts zu essen oder zu trinken, musste mehrere Stunden in einem fensterlosen Raum aufrecht stehen, oft im Dunkeln ausharren, weil die Beamten den Raum verlie&amp;szlig;en und das Licht ausschalteten. Er wurde gesto&amp;szlig;en, geohrfeigt und psychisch unter Druck gesetzt. &amp;raquo;&amp;rsaquo;Sag uns die Wahrheit oder wir pr&amp;uuml;geln dich windelweich!&amp;lsaquo;, schrien sie&amp;laquo;, erinnert sich Bantis. &amp;raquo;Sie postierten sich in den Ecken des Raumes und begannen mich herumzusto&amp;szlig;en, bis ich die Orientierung verlor.&amp;laquo; Dabei war Bantis kein Verd&amp;auml;chtiger, er wurde nur als Zeuge vernommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit dem Brandanschlag l&amp;auml;dt die ortsans&amp;auml;ssige Polizei, unterst&amp;uuml;tzt von Mitarbeitern des Staatsschutzes und Spezialeinheiten der Anti-Terrorbek&amp;auml;mpfung, t&amp;auml;glich mehrere Bewohner der Gemeinde Aristoteles als Zeugen vor. Mehr als 150 Personen waren es bis Ende M&amp;auml;rz. In der Gemeinde geht das Ger&amp;uuml;cht um, der Staatsschutz besitze eine Liste mit mehr als 800 Namen von Personen, die noch vernommen werden sollen. Doch behandelt man so Zeugen in einem Mitgliedsstaat der Europ&amp;auml;ischen Union? Weshalb schickt die griechische Regierung den Staatsschutz in die l&amp;auml;ndliche Region? Und vor allem: Warum ver&amp;uuml;ben Vermummte einen Brandanschlag auf ein Unternehmen, das Milliarden Euro in Griechenland investieren will?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Osten der Halbinsel Chalkidiki im Norden Griechenlands ist ein mit Aleppokiefern, Eukalyptusb&amp;auml;umen und Zypressen bewaldetes h&amp;uuml;geliges Gebiet mit B&amp;auml;chen und Fl&amp;uuml;ssen, umrahmt vom Blau der &amp;Auml;g&amp;auml;is. In den Sommermonaten bev&amp;ouml;lkern Touristen die K&amp;uuml;stenorte der Gemeinde Aristoteles, benannt nach dem antiken Philosophen, der hier geboren wurde. Die etwa 20 000 Einwohner leben vom Tourismus, der Landwirtschaft und seit Jahrtausenden vom Abbau der tonnenweise vorhandenen Bodensch&amp;auml;tze: Gold, Silber, Kupfer, Mangan und Magnesit. Der Legende nach hat schon Alexander der Gro&amp;szlig;e seine Kriegsz&amp;uuml;ge mit dem Gold aus Aristoteles finanziert. Und um genau diese Bodensch&amp;auml;tze schwelt seit Ende der Achtzigerjahre ein erbittert ausgetragener Konflikt. Damals gelangte giftiges Cyanid, das zum Herausl&amp;ouml;sen des Goldes aus dem Gestein verwendet wurde, ins Meer und ins Grundwasser. Seitdem protestieren die Bewohner immer wieder gegen den Abbau. Der Grund f&amp;uuml;r die aktuelle Eskalation: In Skouries, dem Schauplatz des Brandanschlags, soll eine alte Goldmine wieder in Betrieb genommen und vergr&amp;ouml;&amp;szlig;ert werden. Von achtzig auf 700 Meter Durchmesser. Unter Tage werden Stollen in einer Gesamtl&amp;auml;nge von 25 Kilometern gegraben &amp;ndash; in einer Tiefe von bis zu 770 Metern. Obendrein sollen in Skouries zwei Abfallbecken entstehen &amp;ndash; wof&amp;uuml;r, bleibt offen. Mehrere Dutzend Holzf&amp;auml;ller sind bereits t&amp;auml;glich im Einsatz, um das Gel&amp;auml;nde zu roden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit jeweils 3000 Einwohnern sind die Orte Ierissos und Megali Panagia die Epizentren des Widerstands. Ierissos liegt an der Stra&amp;szlig;e zur M&amp;ouml;nchsrepublik Athos, Ziel Tausender Touristen. Bei der Fahrt durch das Dorf sehen sie aufgeh&amp;auml;ngte Transparente: &amp;raquo;Cyanid und Arsen sind der Gewinn aus dem Goldabbau&amp;laquo; oder &amp;raquo;Das Gold haben viele geliebt &amp;ndash; den Krebs keiner&amp;laquo;. Im Caf&amp;eacute; &amp;raquo;Elys&amp;eacute;e&amp;laquo; an der langen Strandpromenade sitzt mehr als ein Dutzend Mitglieder der B&amp;uuml;rgerinitiative zum Stopp des Goldminen-Projekts um ein paar zusammengeschobene Tische. Thanassis Kromidas, Handwerker von Beruf, ein Mittf&amp;uuml;nfziger mit Bart, holt eine dicke gr&amp;uuml;ne Akte aus seiner Tasche. Seit 18 Jahren k&amp;auml;mpft er gegen die geplante Goldgewinnung. Er verweist auf den Super-Gau im Januar 2000, als im rum&amp;auml;nischen Baia-Mare der Damm einer Golderz-Aufbereitungsanlage brach. Gro&amp;szlig;e Mengen Natriumcyanid flossen in die Donau. Erdboden und Fl&amp;uuml;sse wurden vergiftet, Tausende toter Fische trieben an deren Oberfl&amp;auml;che. Es war die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Umweltkatastrophe Osteuropas seit dem Reaktor-Unfall 1986 in Tschernobyl. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die F&amp;ouml;rderung von Gold war in Griechenland bisher unbedeutend. Nur etwa eine halbe Tonne j&amp;auml;hrlich wurde bis zuletzt gef&amp;ouml;rdert. Doch das soll sich &amp;auml;ndern. Griechenland will ab 2015 zu Europas gr&amp;ouml;&amp;szlig;tem Goldproduzenten aufsteigen. Vom Zwerg schlagartig zur Nummer eins. Skouries und der etwa zehn Kilometer entfernte Ort Olympia weisen zusammen 250 Tonnen an Goldvorkommen auf, weitere Funde nicht ausgeschlossen. Mit einer Jahresproduktion von zw&amp;ouml;lf Tonnen k&amp;ouml;nnte Griechenland Finnland vom Spitzenplatz in Europas Goldproduktion verdr&amp;auml;ngen. Den Wert der im Boden lagernden Sch&amp;auml;tze beziffert Hellas Gold auf etwa 22 Milliarden Euro. Zwei Milliarden Euro will das Unternehmen in den kommenden 25 Jahren investieren. Auf diesen Zeitraum ist das Projekt angelegt. Sein Versprechen lautet: kein Cyanid, umweltschonende Methoden zur Erzgewinnung, Wiederaufforstung der abgeholzten W&amp;auml;lder und Vollbesch&amp;auml;ftigung in der Gemeinde Aristoteles. Und trotzdem: Das Misstrauen in der Bev&amp;ouml;lkerung ist gro&amp;szlig;, der Widerstand ist heftig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kostas Georgantzis, Pressesprecher der Hellas Gold, pr&amp;auml;sentiert in seinem spartanisch eingerichteten B&amp;uuml;ro eine 19-seitige Liste, in der nahezu jede Attacke auf Mitarbeiter oder Fahrzeuge des Unternehmens mit Datum, Fotos und Begleittexten dokumentiert ist. Es sind Bilder ausgebrannter oder besch&amp;auml;digter Autos, von der Polizei sichergestellter Molotowcocktails, Fotos von mit Kn&amp;uuml;ppeln bewaffneten Demonstranten, rot umkreist. &amp;raquo;Seit M&amp;auml;rz vergangenen Jahres verging kaum ein Monat, in dem es nicht zu Gewalttaten gegen unsere Mitarbeiter oder Eigentum der Hellas Gold gekommen ist&amp;laquo;, sagt Georgantzis. Vor ihm liegt in einem durchsichtigen Plastikkasten ein Gesteinsbrocken &amp;ndash; er schimmert golden. &amp;raquo;Unsere Mitarbeiter haben Angst. Angst um ihr Leben.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;&lt;/span&gt;Da unten gibt es nur den Tod.&lt;span&gt;&amp;laquo;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58685.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; An dem Konsortium Hellas Gold sind der kanadische Goldf&amp;ouml;rderer Eldorado Gold Corporation mit 95 Prozent sowie der einheimische Bauriese Ellaktor mit f&amp;uuml;nf Prozent beteiligt. Ellaktor geh&amp;ouml;rt dem einflussreichen Bobolas-Clan. Chef dieses Clans ist der Oligarch Georgios Bobolas, 80, dem eine lukrative N&amp;auml;he zu den griechischen Regierungen des vergangenen Jahrzehnts nachgesagt wird. Ob Autobahnen, Br&amp;uuml;cken oder Stadien: Ellaktor ergatterte nicht nur im Vorfeld der Olympischen Spiele 2004 in Athen vom griechischen Staat einen Gro&amp;szlig;auftrag nach dem anderen. Aber die Staatsschuldenkrise hat die &amp;ouml;ffentlichen Gelder f&amp;uuml;r Bauinvestitionen versiegen lassen. Mit dem Gold von Chalkidiki winken Ellaktor und dem Bobolas-Clan, der unter anderem auch Eigent&amp;uuml;mer der &amp;uuml;berregionalen Zeitung&lt;em&gt; Ethnos &lt;/em&gt;und des gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten griechischen Privatsenders Mega-Channel ist, aber wieder Gewinne. Riesengewinne. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es geht bei diesem Streit also nicht nur um Fragen des Umweltschutzes. Auch gegen den Bobolas-Clan und seine guten Verbindungen bis in oberste Kreise der Athener Regierung richtet sich die Wut der B&amp;uuml;rger von Aristoteles. Sie haben es satt, dass eine kleine Gruppe einflussreicher Familien nach Gutsherrenart das Land und seine Sch&amp;auml;tze unter sich aufteilt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Megali Panagia ist ein Bergdorf. Vom Ortskern blickt man &amp;uuml;ber gr&amp;uuml;ne H&amp;uuml;gel bis hinunter ans Meer. Knapp 3000 Menschen leben hier, etwa 150 sind bei Hellas Gold besch&amp;auml;ftigt. Die Abbaugrube in Skouries liegt nur wenige Kilometer den Berg hinauf. Im Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ckscaf&amp;eacute; der Pappas gibt es Bl&amp;auml;tterteigkuchen, gef&amp;uuml;llt mit Fetak&amp;auml;se, und griechischen Mokka, die Sonne scheint, es ist so ruhig, dass man den Wind durch die &amp;Auml;ste der B&amp;auml;ume wehen h&amp;ouml;rt. Seitdem der Staatsschutz seine Zivilbeamten in die umliegenden D&amp;ouml;rfer der Gemeinde entsandt hat, werden Fremde mit un&amp;uuml;blicher Zur&amp;uuml;ckhaltung oder gar mit Argwohn betrachtet. Ioannis Adrachtas, 91, hat den Zweiten Weltkrieg und den griechischen B&amp;uuml;rgerkrieg zwischen 1946 und 1949 als Soldat miterlebt und auch die Zeit der Junta &amp;raquo;erfahren m&amp;uuml;ssen&amp;laquo;, wie er sagt. Seine Enkelin Helena wurde vor Tagen als Zeugin vorgeladen. &amp;raquo;Sie musste eine DNA-Probe und Fingerabdr&amp;uuml;cke abgeben&amp;laquo;, emp&amp;ouml;rt sich der alte Mann kopfsch&amp;uuml;ttelnd. &amp;raquo;Das haben wir alles dem Bobolas-Clan und seinem Athener Kl&amp;uuml;ngel zu verdanken.&amp;laquo; Der Veteran st&amp;uuml;tzt sich mit beiden H&amp;auml;nden auf seinen Gehstock. &amp;raquo;Mein Vater war Minenarbeiter und ist wie viele seiner Kollegen elend an einer Staublunge verreckt. Ich habe vier T&amp;ouml;chter, acht Enkel und zwei Urenkel&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt er. &amp;raquo;Keiner in meiner Familie arbeitet f&amp;uuml;r Hellas Gold. Daf&amp;uuml;r habe ich gesorgt. Griechenland soll seinen Reichtum oberhalb der Erdoberfl&amp;auml;che nutzen, nicht den Reichtum unterhalb. Da unten gibt es nur den Tod.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Etwa 1200 Menschen arbeiten zurzeit f&amp;uuml;r Hellas Gold, alle wohnen in der Gemeinde Aristoteles. Oberster Repr&amp;auml;sentant der Gemeinde und ein vehementer Bef&amp;uuml;rworter des Projekts ist Oberb&amp;uuml;rgermeister Christos Pachtas. Mit seinem m&amp;auml;chtigen Schnurrbart sieht er ein bisschen aus wie ein gealterter Charlie Chaplin. &amp;raquo;In den n&amp;auml;chsten f&amp;uuml;nf Jahren werden hier 5000 Arbeitspl&amp;auml;tze geschaffen. Davon mindestens 3000 Jobs im Umfeld der Goldgewinnung und nicht direkt bei Hellas Gold. Das bedeutet Vollbesch&amp;auml;ftigung. Wo gibt es das noch in Griechenland?&amp;laquo;, fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen und l&amp;auml;sst seine rhetorische Frage f&amp;uuml;r Sekunden in der einsetzenden Stille wirken. Es ist das Argument, das kaum jemand bestreitet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ihm pflichtet der Gewerkschaftschef der Bergleute Angelos Deligiovas, 45, bei. &amp;raquo;Ohne Arbeit geht es nicht. Sollen wir in den Hotels der Region 500 Euro im Monat verdienen &amp;ndash; und das nur wenige Monate im Jahr? Wir sollten froh sein, dass in der Krise neue Jobs geschaffen werden!&amp;laquo; Der Vater zweier Kinder arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb, f&amp;uuml;r 1400 Euro netto im Monat. Sein Kollege Georgios Xefteris, 49, steht nach getaner Arbeit in voller Bergmannmontur mit Wathose, Helm, Grubenlampe und Gummistiefeln neben ihm. &amp;raquo;Das ist mein Leben. Ich will, dass auch meine Kinder hier Arbeit finden.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es sind Bergarbeiter wie Deligiovas oder Xefteris, die Pachtas in seinem Handeln best&amp;auml;tigen. &amp;Uuml;berdies will Hellas Gold der Gemeinde jedes Jahr drei Millionen Euro spenden. Kein Pappenstiel bei einem Gemeindeetat von j&amp;auml;hrlich zehn Millionen. Aber was passiert mit der Umwelt? Pachtas: &amp;raquo;Hellas Gold hat sich verpflichtet, die Natur in einem besseren Zustand zur&amp;uuml;ckzulassen, als es jetzt der Fall ist. Daf&amp;uuml;r f&amp;uuml;llen sie eine &amp;Ouml;ko-Kasse mit 50 Millionen Euro, &amp;uuml;ber die wir verf&amp;uuml;gen k&amp;ouml;nnen. Glauben Sie mir, wir k&amp;ouml;nnen hier alle ruhig schlafen.&amp;laquo; Und wie steht es um die Ger&amp;uuml;chte, dass sich der Bobolas-Clan mit Schmiergeldzahlungen die Gunst der Regierenden erschleicht? Darauf will Pachtas keine Antwort geben. &amp;raquo;Kein Kommentar!&amp;laquo; Als ihm vor Kurzem eine franz&amp;ouml;sische Journalistin in seinem B&amp;uuml;ro die Frage stellte, ob er auch selbst Zahlungen erhalten habe, hat er das Interview abgebrochen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist wie so oft in einem verh&amp;auml;rteten kommunalen Streit, in dem nicht mehr miteinander, sondern nur noch &amp;uuml;bereinander gesprochen wird. Die einen legen zweitausendseitige Umweltstudien vor, in denen geschrieben steht, dass kein Cyanid verwendet wird und weder die Umwelt noch das Grundwasser zerst&amp;ouml;rt oder verseucht werden. Die anderen tun die Studie als Propaganda ab, engagieren ihrerseits Experten, die das Gegenteil behaupten, und organisieren Demonstrationen. Mitte M&amp;auml;rz dieses Jahres marschierten mehr als 18 000 Menschen durch Griechenlands zweitgr&amp;ouml;&amp;szlig;te Stadt Thessaloniki, um gegen den Goldabbau zu protestieren. Sogar der Abgeordnetenrat der hundert Kilometer entfernten Stadt befasst sich mit der Auseinandersetzung. Zwei Tage nach der Demonstration liefern sich Experten beider Seiten im Rathaus Thessalonikis ein stundenlanges Rededuell. Dabei kommen mehrere interessante Details zur Sprache:&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Griechenland muss sich entscheiden.&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58687.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Im Juli 2011 gab der gerade ernannte griechische Umweltminister Georgios Papakonstantinou in einer seiner ersten Amtshandlungen gr&amp;uuml;nes Licht f&amp;uuml;r das Umweltvertr&amp;auml;glichkeitskonzept der Hellas Gold. Ein Meilenstein f&amp;uuml;r die geplante Gro&amp;szlig;investition. Papakonstantinous Vorg&amp;auml;ngerin im Umweltressort, Tina Birbili, erst 2009 zur Ministerin berufen, hatte das Projekt noch vehement blockiert &amp;ndash; bis sie 2011 ihren Posten r&amp;auml;umen musste. Sie arbeitet nun bei der OECD in Paris. Und schweigt zum Thema. Papakonstantinou hingegen, der zurzeit unter Verdacht steht, die Namen von Verwandten aus einer Datei mit mutma&amp;szlig;lichen griechischen Steuers&amp;uuml;ndern gel&amp;ouml;scht zu haben (Papakonstantinou leitete das griechische Finanzministerium von 2009 bis 2011), verteidigt seine damalige Unterschrift: &amp;raquo;Griechenland muss sich entscheiden: Will es wirtschaftliches Wachstum? Will es seine Bodensch&amp;auml;tze verwerten? Falls nicht, sch&amp;ouml;n. Aber dann werden wir das einzige Land in Europa sein, das seine Bodensch&amp;auml;tze nicht abbaut. K&amp;ouml;nnen wir uns das leisten?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Leisten konnte es sich aber der de facto bankrotte griechische Staat vor gerade einmal zehn Jahren, die F&amp;ouml;rderrechte im Wert von mehreren Milliarden Euro f&amp;uuml;r alle Vorkommen in Aristoteles und Umgebung auf einer Fl&amp;auml;che von 31 700 Hektar f&amp;uuml;r l&amp;auml;ppische elf Millionen Euro an Hellas Gold zu verh&amp;ouml;kern. Und das ging so: Im Dezember 2003 &amp;uuml;bernahm der griechische Staat im Rahmen eines au&amp;szlig;ergerichtlichen Vergleichs mit dem Goldf&amp;ouml;rderunternehmen TVX Hellas, dem damaligen Inhaber der Sch&amp;uuml;rfrechte, die Kontrolle &amp;uuml;ber die Lagerst&amp;auml;tten. TVX Hellas hatte das Projekt wegen andauernder Proteste der Anwohner aufgegeben. Der griechische Staat verkaufte jedoch die Lagerst&amp;auml;tten ohne &amp;ouml;ffentliche Ausschreibung noch am selben Tag und zum selben Preis an Hellas Gold, ein Unternehmen, das erst drei Tage zuvor gegr&amp;uuml;ndet worden war. Miteigent&amp;uuml;mer der damaligen Hellas Gold war angeblich auch der Bobolas-Clan. Kurz danach erwarb die kanadische Firma European Goldfields 95 Prozent des Kapitals von Hellas Gold. Bei einer Buchpr&amp;uuml;fung wurde der Marktwert des Unternehmens, das lediglich jene Sch&amp;uuml;rfrechte vorzuweisen hatte, auf etwas mehr als 400 Millionen Euro gesch&amp;auml;tzt, also das 36-fache des Preises, den der griechische Staat verlangt hatte. Der Bobolas-Clan hielt damals &amp;uuml;ber sein Bauunternehmen Ellaktor auch gleichzeitig Anteile von knapp zwanzig Prozent an der European Goldfields. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Februar 2012 gelang der kanadischen Eldorado Gold Corporation schlie&amp;szlig;lich die freundliche &amp;Uuml;bernahme der European-Goldfields-Aktien zum stattlichen Preis von 2,2 Milliarden Euro. Die letzte Preissteigerung erkl&amp;auml;rt sich durch die Genehmigung aus dem griechischen Umweltministerium, die im Juli 2011 durch die Unterschrift von Georgios Papakonstantinou erfolgte. In den jeweiligen Verk&amp;auml;ufen stets inbegriffen: das uneingeschr&amp;auml;nkte Recht, &amp;uuml;berall dort nach Gold zu graben, wo ein Vorkommen nachgewiesen wird. Das bedeutet: Hellas Gold kann auf einer Fl&amp;auml;che von 317 Quadratkilometern im Grunde so viele 700-Meter-Gruben ausheben, wie man in Kanada als profitabel erachtet. Pikantes Detail: Die F&amp;auml;den des Deals im Jahr 2003 zog im Hintergrund der damalige Staatssekret&amp;auml;r im Athener Ministerium f&amp;uuml;r Wirtschaft und Finanzen. Sein Name: Christos Pachtas, der jetzige B&amp;uuml;rgermeister von Aristoteles. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Damit wird der Streit um die Goldmine in Skouries von einem Provinzproblem zu einem nationalen Politikum. Er steht beispielhaft f&amp;uuml;r das griechische System aus Misswirtschaft, Anarchismus und der Unf&amp;auml;higkeit der politischen Akteure, eine Region zu befrieden, die sich im Grunde gl&amp;uuml;cklich sch&amp;auml;tzen kann, alles im &amp;Uuml;berfluss zu besitzen: eine wundersch&amp;ouml;ne Landschaft, Sonne, Meer &amp;ndash; und dar&amp;uuml;ber hinaus auch noch Bodensch&amp;auml;tze mit Milliardenwert. Griechenlands Wirtschaft befindet sich im sechsten Jahr der Rezession, die Arbeitslosenrate kratzt an der 30-Prozent-Marke, bei den unter 26-J&amp;auml;hrigen liegt sie bei etwa sechzig Prozent. Weimarer Verh&amp;auml;ltnisse. Die Regierung muss Erfolge vorweisen; auch um die Kreditgeber der Troika milde zu stimmen. Es steht viel auf dem Spiel. Nicht zuletzt die Frage, ob Griechenland trotz aller Kredite und Sparma&amp;szlig;nahmen Teil der Eurozone bleiben kann. Dabei ist das Gold der Chalkidiki f&amp;uuml;r die Samaras-Regierung mehr als ein Lichtstrahl im Tunnel. Von dieser und anderen ausl&amp;auml;ndischen Investitionen h&amp;auml;ngt ab, ob sie den wirtschaftlichen Umschwung schafft. Zum Beispiel im benachbarten Thrakien, wo man ebenfalls auf Goldvorkommen gesto&amp;szlig;en ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch in Thrakien ist die kanadische Eldorado Gold Corporation am Werk. Und Samaras hat k&amp;uuml;rzlich in einem Interview mit dem &lt;em&gt;Wall Street Journal&lt;/em&gt; etwas voreilig geprahlt: &amp;raquo;Die Attacke in Skouries werden wir nicht tolerieren. Wir werden ausl&amp;auml;ndische Investitionen um jeden Preis besch&amp;uuml;tzen. Und wir werden die Genehmigungen f&amp;uuml;r Thrakien innerhalb von zehn Tagen erteilen.&amp;laquo; Doch sein eigener Parteikollege, Vangelis Lambakis, B&amp;uuml;rgermeister von Alexandroupoli in Thrakien, sprach sich kurz darauf gegen das Projekt aus. In einem beeindruckend offen gef&amp;uuml;hrten Gespr&amp;auml;ch mit dem kanadischen Botschafter in Griechenland, der f&amp;uuml;r die Investition aus dem eigenen Land werben wollte, sagte Lambakis: &amp;raquo;Die B&amp;uuml;rgermeister Thrakiens hat es noch nie gejuckt, was in Athen entschieden wird. Es k&amp;uuml;mmert uns schlicht nicht. Solange Cyanid im Goldabbau verwendet wird, stehen wir zu unserem Nein.&amp;laquo; Samaras sah sich gezwungen, das Goldprojekt in Thrakien zu stoppen. Stattdessen r&amp;uuml;ckten in Aristoteles Spezialeinheiten der Staatsschutzes und der Anti-Terrorbek&amp;auml;mpfung an. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In erster Linie traf das von oben angeordnete &amp;raquo;Sch&amp;uuml;tzen der ausl&amp;auml;ndischen Investitionen um jeden Preis&amp;laquo; die B&amp;uuml;rger des Ortes Ierissos. Bei einem Demo-Einsatz Anfang M&amp;auml;rz warfen Polizeikr&amp;auml;fte laut Zeugenaussagen bis zu f&amp;uuml;nfzig Tr&amp;auml;nengasgranaten in die Menge, die am Ortsrand mit brennenden Reifen ein Bollwerk errichtet hatte. Das Tr&amp;auml;nengas gelangte auch in die Schule des Ortes. Mehrere Sch&amp;uuml;ler mussten &amp;auml;rztlich versorgt werden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als im Caf&amp;eacute; &amp;raquo;Elys&amp;eacute;e&amp;laquo; der Name Pachtas f&amp;auml;llt, geht ein Raunen durch die Runde. Das Gemeinwohl, der Schutz der Umwelt seien ihm egal, rufen die Gold-Gegner. F&amp;uuml;r sie stecken Pachtas, der Bobolas-Clan, die Athener Regierung und Hellas Gold alle unter einer Decke. &amp;raquo;Denen geht es nur um ihren eigenen Profit&amp;laquo;, sagt Goldgegner Kromidas. &amp;raquo;Aber das lassen wir uns nicht l&amp;auml;nger gefallen.&amp;laquo; Gegen die fragw&amp;uuml;rdigen Deals aus der Vergangenheit k&amp;ouml;nnen Kromidas und seine Mitstreiter jedoch nichts mehr ausrichten. &amp;raquo;Das ist ein Teil unserer griechischen Geschichte, erstklassiger Anschauungsunterricht f&amp;uuml;r Klientelpolitik&amp;laquo;, seufzt Kromidas. Deshalb richtet sich die Kritik der Goldgegner auch auf die Zukunft ihrer Region, auf Fragen des Umweltschutzes und des wirtschaftlichen Aufschwungs. In ihren Augen ist die Goldf&amp;ouml;rderung ein gigantischer Job-Vernichter: in der Landwirtschaft, im Tourismus. &amp;raquo;Wer will denn schon an einem Ort Urlaub machen, an dem Mondlandschaften entstehen und niemand sicher sein kann, dass Trinkwasser und Meer sauber sind?&amp;laquo;, fragt Kromidas. Auch er l&amp;auml;sst seine Frage in der Stille wirken. Die verbalen Waffen der Bef&amp;uuml;rworter und Gegner gleichen sich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und der Brandanschlag? &amp;raquo;Das war keine gute Aktion, wir verurteilen Gewalt&amp;laquo;, sagt Kromidas. Allerdings sagt er auch: &amp;raquo;Aber was erwarten die denn, wenn uns wie im Oktober vergangenen Jahres bei einer friedlichen Demonstration im Wald von Skouries die Polizei pl&amp;ouml;tzlich mit Tr&amp;auml;nengas einh&amp;uuml;llt, Jagd auf uns macht und uns die Kn&amp;ouml;chel bricht?&amp;laquo; Einer der j&amp;uuml;ngeren Teilnehmer des Treffens, der seinen Namen nicht nennen will, sagt pl&amp;ouml;tzlich: &amp;raquo;Wir werden f&amp;uuml;r unsere Berge und W&amp;auml;lder, f&amp;uuml;r unser Trinkwasser und unsere Gesundheit k&amp;auml;mpfen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann haben wir hier den ersten Toten zu beklagen. Aber dann geht unser Krieg erst richtig los!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Land in Flammen</dc:subject>
    <dc:creator>Alexandros Stefanidis und Ferry Batzoglou</dc:creator>
    <dc:date>2013-04-15T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39765">
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    <title>Der Anti-Konflikt-Herd</title>
    <description>&lt;p&gt;Brennstoff zum Heizen und Kochen ist rar in Kenia. M&amp;uuml;ll dagegen gibt es  viel zu viel. Das brachte den kenianischen Architekten Jim Archer auf  eine z&amp;uuml;ndende Idee.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;Der Ofen, auf dem ihr Reistopf brodelt, sagt die Frau, das ist nicht einfach nur ein Ofen. Es ist so etwas wie ein Herd der Verst&amp;auml;ndigung. &amp;raquo;Bei den Wahlen dieses Jahr haben wir zusammen gekocht, statt uns die K&amp;ouml;pfe einzuschlagen.&amp;laquo; Dorkas Atieno, 28 Jahre, Friseurin, lacht, w&amp;auml;hrend sie im Reis r&amp;uuml;hrt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Ofen, sie nennen ihn &amp;raquo;Community Cooker&amp;laquo;, steht im Freien auf einem kleinen Grundst&amp;uuml;ck in Karagita, einer rund 30 000 Einwohner starken H&amp;uuml;ttensiedlung im Herzen der kenianischen Blumenindustrie. Hier leben Menschen aus allen Teilen des Landes &amp;ndash; was auch hei&amp;szlig;t: Angeh&amp;ouml;rige aller Ethnien. Eine Mischung voller Sprengkraft. Nach den Wahlen vor f&amp;uuml;nf Jahren gingen pl&amp;ouml;tzlich Banden verschiedener Volksgruppen aufeinander los, weil der Verlierer der Wahl sich um den Sieg betrogen f&amp;uuml;hlte. Karagita war einer der Orte des Landes, an denen die Gewalt am schlimmsten w&amp;uuml;tete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dorkas Atieno geh&amp;ouml;rt dem Volk der Luo an. Sie kocht meistens Reis, Bohnen, Fisch aus dem Victoriasee, w&amp;auml;hrend die Kikuyu-Frauen eher Sojabohnen, Maisbrei oder S&amp;uuml;&amp;szlig;kartoffeln zubereiten. An den Tagen rund um die Wahlen dieses Jahr, Anfang M&amp;auml;rz, standen die Frauen gemeinsam um den Ofen, gaben sich gegenseitig zu probieren, was sie gerade kochten. &amp;raquo;In diesen Tagen war mir klar&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;dass wir nie wieder aufeinander losgehen werden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Noch eine Besonderheit: Ihr Reis, ihre Bohnen und ihre Freundschaft zu den Kikuyu-Frauen &amp;ndash; all das gart auf Hitze, die nicht von teurer Holzkohle oder von Kerosin befeuert wird wie die anderen, oft &amp;uuml;bel riechenden Feuer der Stadt. Ihr Feuer ist 800 Grad hei&amp;szlig; und fast geruchsfrei. Gen&amp;auml;hrt wird es von sorgf&amp;auml;ltig ausgew&amp;auml;hltem M&amp;uuml;ll.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Erfinder&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er ist Mitgr&amp;uuml;nder eines der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Architektenb&amp;uuml;ros in Kenias Hauptstadt Nairobi: Jim Archer, 75, halblanges sch&amp;uuml;tteres Haar, knorrige Nase. Er sitzt in seinem B&amp;uuml;ro im gr&amp;uuml;nen, kolonial gepr&amp;auml;gten Westen der Stadt, die offene Fl&amp;uuml;gelt&amp;uuml;r f&amp;uuml;hrt in einen Garten. Im Vorraum stehen all die internationalen Design-Preise, die er f&amp;uuml;r den Community Cooker gewonnen hat: einen mit einfachsten Mitteln zusammengemauerten und geschwei&amp;szlig;ten Ofen, der M&amp;uuml;ll in Hitze verwandelt. &amp;raquo;Als N&amp;auml;chstes erzeugen wir damit noch Strom&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;und K&amp;uuml;hlenergie. Zum Beispiel f&amp;uuml;r Leichenh&amp;auml;user, damit haben wir hier in Kenia ein echtes Problem.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mitte der Siebzigerjahre war Archer, Sohn britischer Einwanderer, f&amp;uuml;r zehn Jahre ins Nachbarland Uganda gegangen, anschlie&amp;szlig;end drei Jahre nach England, und als er nach dieser langen Zeit in sein Geburtsland Kenia zur&amp;uuml;ckkehrte, sah er &amp;uuml;berall diese Unmengen M&amp;uuml;ll. &amp;raquo;Ich erkannte mein Land nicht wieder&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;fr&amp;uuml;her war es das sch&amp;ouml;nste und sauberste auf Erden.&amp;laquo; Zugleich sah er, wie schwer es vielen Leuten fiel, sich die t&amp;auml;gliche Ration Holzkohle oder Kerosin zum Kochen zu leisten. Er fragte sich: K&amp;ouml;nnte man nicht beide Probleme gemeinsam l&amp;ouml;sen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An der Wand seines B&amp;uuml;ros h&amp;auml;ngt die allererste Ideenskizze. Oben, am Ende des Schornsteins, eine gekritzelte Rauchwolke, daneben ein Pfeil und ein dick eingekreistes Wort: &amp;raquo;nasty!&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;uuml;bel. &amp;raquo;Was ich v&amp;ouml;llig untersch&amp;auml;tzt hatte&amp;laquo;, sagt Archer, &amp;raquo;die Schwierigkeit, den M&amp;uuml;ll auf &amp;uuml;ber 800 Grad zu erhitzen &amp;ndash; sodass er verbrennt, ohne giftigen Rauch in die Umgebung zu blasen.&amp;laquo; Ein Amerikaner wollte ihm ein computergesteuertes System aufschwatzen, er hat ihn davongejagt. &amp;raquo;Sobald etwas schwierig instandzuhalten ist, wird es in den Slums fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter aufgegeben, und dann hat man einfach einen weiteren Haufen Schrott, der vor sich hinrostet.&amp;laquo; Seine Faustregel f&amp;uuml;r die Ideenfindung: &amp;raquo;Wenn man ein Problem nicht mit einem St&amp;uuml;ck Schnur, Draht oder einem Schwei&amp;szlig;brenner beheben kann, dann will ich nichts davon wissen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Der M&amp;uuml;llkocher soll zum Herz einer gr&amp;uuml;nen Oase in der Arbeitersiedlung werden.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58395.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der M&amp;uuml;ll-Manager&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;David Musyoka, 43 Jahre alt, technischer Leiter des Community Cooker, &amp;ouml;ffnet eine Klappe, stopft ein paar zerrissene Kartonst&amp;uuml;cke in den Ofen. &amp;raquo;Das hier ist das ganze Geheimnis&amp;laquo;, sagt er. Dann dreht er behutsam einen Hahn auf, Wasser beginnt &amp;uuml;ber ein d&amp;uuml;nnes Rohr in die z&amp;uuml;ngelnden Flammen zu tropfen. Ein zweiter Hahn: tr&amp;ouml;pfchenweise z&amp;auml;he schwarze Fl&amp;uuml;ssigkeit; altes Motoren&amp;ouml;l, nach g&amp;auml;ngiger Lehrmeinung zu nichts mehr zu gebrauchen, in Kenia deshalb oft in B&amp;ouml;den und B&amp;auml;chen entsorgt. Es zischt, faucht und spratzelt, die Mischung aus Alt&amp;ouml;l und Wasserdampf feuert den Brand an wie ein Turbolader, katapultiert die Temperatur von l&amp;auml;ppischen 200 auf &amp;uuml;ber 800 Grad. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es war ein Junge aus Kibera, dem gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Slum von Kenias Hauptstadt Nairobi, dem die Macher des Community Cooker die zentrale Innovation verdanken. Ich wei&amp;szlig;, wie wir das Problem l&amp;ouml;sen, hatte er zu Jim Archer gesagt, als der gerade an einem Prototyp t&amp;uuml;ftelte, und zeigte ihm, wie er Rohre und andere Teile zweifelhafter Herkunft aus Kupfer, Messing, Aluminium einschmilzt, um das Metall anschlie&amp;szlig;end auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Archer gab ihm den Spitznamen &amp;raquo;Firebox Francis&amp;laquo;. Seit der Gewaltwelle nach den Wahlen vor f&amp;uuml;nf Jahren hat sich Firebox Francis offenbar in sein Heimatdorf zur&amp;uuml;ckgezogen, geht nicht mehr ans Telefon &amp;ndash; doch seine Idee lodert t&amp;auml;glich im M&amp;uuml;llofen weiter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit einem langen Stab stopft David Musyoka den M&amp;uuml;ll, der &amp;uuml;ber eine geschlossene Rampe in den Ofen rutscht, in die Brennkammer. &amp;raquo;Wir sind immer noch am Experimentieren&amp;laquo;, sagt er. Derzeit verfeuern sie vor allem Plastikabf&amp;auml;lle von einer Fairtrade-Farm in der N&amp;auml;he, die den Bau des Cookers finanziert hat; nicht alle davon taugen als Brennstoff. Es ist ein bisschen wie bei der Papst-wahl. Schwarzer Rauch: Die richtige Wahl ist noch nicht getroffen. Wei&amp;szlig;er bis farbloser Rauch: hurra. In einer Ecke t&amp;uuml;rmen sich leere Plastikschachteln f&amp;uuml;r Erdbeeren, &amp;raquo;die sind einfach geschmolzen und an der Ofenwand festgeklebt&amp;laquo;, sagt David Musyoka, &amp;raquo;ich werde den Leuten von der Farm sagen, dass sie die nicht mehr bringen sollen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er zeigt auf das Grundst&amp;uuml;ck au&amp;szlig;erhalb des Zauns, wo der Boden fetzenweise mit Papier und Plastik &amp;uuml;bers&amp;auml;t ist. &amp;raquo;In ein paar Monaten wird diese Stadt unglaublich sauber sein&amp;laquo;, sagt er. Ab Ende April sollen die st&amp;auml;dtischen M&amp;uuml;llsammler den Ofen beliefern und daf&amp;uuml;r einen Zusatzverdienst bekommen, &amp;raquo;das wird sie enorm motivieren&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf dem Grundst&amp;uuml;ck rund um den Cooker keimt Gras, junge B&amp;auml;umchen sprie&amp;szlig;en, mit ein wenig Fantasie kann man hier einen kleinen Park entstehen sehen. &amp;raquo;Die Leute in Karagita k&amp;ouml;nnen schlie&amp;szlig;lich einen Ort gut gebrauchen, an dem sie sich erholen k&amp;ouml;nnen&amp;laquo;, sagt David Musyoka. Der M&amp;uuml;llkocher, so der Plan, soll nach und nach zum Herz einer gr&amp;uuml;nen Oase in der Arbeitersiedlung werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Unternehmer&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er ist gelernter Journalist und dozierte zwischenzeitlich an einer Akademie, ehe diese pleiteging. Wie so viele Kenianer muss er sich jetzt mit Gelegenheitsjobs durchschlagen: Peter Mutahi, 35, hat als Rosenpfl&amp;uuml;cker gearbeitet, sp&amp;auml;ter auf Baustellen, inzwischen hat er von einem Bekannten gelernt, wie man kleine Kuchen backt. Morgens kauft er Mehl, &amp;Ouml;l, Hefe und Zucker &amp;ndash; und fr&amp;uuml;her auch noch Holzkohle, um seinen Ofen anzufeuern. Nachmittags verkauft er die K&amp;uuml;chlein in den Stra&amp;szlig;en von Karagita.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er &amp;ouml;ffnet eine Klappe an der Seite des Community Cooker: Unter den Kochplatten gibt es auch einen Backofen, der bislang noch selten genutzt wird, aber das scheint sich jetzt zu &amp;auml;ndern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Peter Mutahi hebt ein Blech voller K&amp;uuml;chlein heraus, stellt es vor sich ab. &amp;raquo;Das Ding funktioniert besser, als ich gedacht h&amp;auml;tte&amp;laquo;, sagt er aufgekratzt. Er ist heute probeweise mit einem kleinen Eimer voll Teig gekommen, hat ein paar Dutzend Kuchen gebacken, &amp;raquo;die Qualit&amp;auml;t ist verbl&amp;uuml;ffend&amp;laquo;, sagt er und bricht einen davon in der Mitte auseinander. &amp;raquo;Morgen komme ich mit der dreifachen Menge Teig wieder, ich glaube, die werden mich hier jetzt jeden Tag sehen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor einer Woche erst hat er den Community Cooker entdeckt, als er die Stra&amp;szlig;e hinablief. &amp;raquo;Ich war erst skeptisch&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;da stand dieses Ding mit dem hohen Schornstein, aus dem oben Rauch rauskam. Keine Ahnung, was das sollte.&amp;laquo; Er ging aufs Grundst&amp;uuml;ck, und dort erkl&amp;auml;rten sie ihm, dass der Ofen mit M&amp;uuml;ll befeuert werde. H&amp;auml;tten sie nicht hinzugef&amp;uuml;gt, dass er probeweise gern v&amp;ouml;llig gratis backen d&amp;uuml;rfe, w&amp;auml;re es wohl bei dem einen Besuch geblieben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich glaube, das Ding wird mein Business wirklich zum Wachsen bringen&amp;laquo;, sagt er jetzt. &amp;raquo;Wenn ich jeden Tag das Geld f&amp;uuml;r die Holzkohle spare, kann ich mir vielleicht sogar etwas zur&amp;uuml;cklegen. Und wer wei&amp;szlig; &amp;ndash; wom&amp;ouml;glich kann ich es mir dann eines Tages sogar wieder leisten, als Journalist zu arbeiten.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der Anti-Konflikt-Herd</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Zick</dc:creator>
    <dc:date>2013-04-05T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39619">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39619</link>
    <title>»Sie wollten uns zerstören. Aber wir haben überlebt«</title>
    <description>&lt;p&gt;Die meisten Frauen, die im Bosnienkrieg Opfer sexueller Gewalt wurden, reden bis heute nicht dar&amp;uuml;ber. Aus Scham. Und aus Angst vor der Reaktion ihres eigenen Volkes. Doch jetzt sprechen die ersten - denn die Welt soll sich erinnern an ihre Schicksale.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Den Leuten in Bosnien w&amp;auml;re es lieber gewesen, die Frauen h&amp;auml;tten den Mund gehalten. Der Krieg steckt allen noch in den Knochen. Jeder ist damit besch&amp;auml;ftigt, wieder auf die Beine zu kommen, da ist kein Platz f&amp;uuml;r Mitgef&amp;uuml;hl. Und was die Frauen zu erz&amp;auml;hlen haben, taugt auch nicht zur Legende. Hasija war 18, als sie von Soldaten abgeholt wurde. Es regnete leicht an jenem Morgen im Mai 1992, sie wollte sich schnell eine Jacke &amp;uuml;berziehen, aber die M&amp;auml;nner schubsten sie raus. &amp;raquo;Sie haben mich beschimpft und bedroht. Dann haben sie mich in die Schule gebracht. Da fing die Party an&amp;laquo;, sagt sie bitter und starrt auf die wei&amp;szlig;e Tischdecke. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Als ich aufwachte, war ich nackt und voller Blut&amp;laquo;, sagt Asmira*. &amp;raquo;In einer Ecke des Zimmers hockte meine Schwiegermutter mit meinen Kindern im Arm. Ich fragte, wer mich ausgezogen hatte. Meine Schwiegermutter weinte und sagte, du wei&amp;szlig;t doch, was geschehen ist.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich kannte die M&amp;auml;nner, die mich gefangen genommen und vergewaltigt haben&amp;laquo;, sagt Sebiha, scharf geschnittenes, zorniges Gesicht. &amp;raquo;Vor dem Krieg haben sie in meinem Restaurant gegessen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Einen meiner Vergewaltiger habe ich vor drei Jahren auf der Stra&amp;szlig;e gesehen&amp;laquo;, sagt Amra*. &amp;raquo;Ich habe ihn angezeigt. Es ist nichts passiert.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Sie wollten, dass wir serbische Babys kriegen&amp;laquo;, sagt Enisa. &amp;raquo;Sie wollten uns zerst&amp;ouml;ren. Aber wir haben &amp;uuml;berlebt. Und jetzt sind wir laut. Anfangs haben wir die Fenster zugemacht, damit niemand h&amp;ouml;rt, was wir sagen. Jetzt lassen wir sie ge&amp;ouml;ffnet.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57835.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Foto: Enisa, die K&amp;auml;mpferin, spricht im Namen aller Frauen, die sexuelle Gewalt im Krieg erlebt haben.)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die f&amp;uuml;nf Frauen sprechen aus, was viele andere Frauen in Bosnien bis heute niemandem gesagt haben, nicht ihren Freunden, nicht ihren Angeh&amp;ouml;rigen, nicht ihren Ehem&amp;auml;nnern. Manchmal sind die Frauen es auch leid, dass immer nur sie sagen, was geschehen ist, vor Gerichten, Staatsanw&amp;auml;lten, Menschenrechtlern, Journalisten. Doch sie tun es. Damit sich etwas &amp;auml;ndert im Land. Sie wollen geachtet werden daf&amp;uuml;r, dass sie &amp;uuml;berlebt haben. Nicht verachtet. In jedem Krieg werden Frauen vergewaltigt. Immer steckt dahinter die Absicht, sie zu erniedrigen und f&amp;uuml;r die eigenen M&amp;auml;nner unbrauchbar zu machen. Ein Verbrechen, das noch nachwirkt, wenn die Truppen das Land l&amp;auml;ngst verlassen haben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Bosnienkrieg, der von 1992 bis 1995 andauerte, wurden dem Europarat zufolge 20 000 Frauen Opfer sexueller Gewalt und Folter. Die meisten der T&amp;auml;ter waren bosnisch-serbische und serbische Soldaten, die meisten der Opfer muslimische Bosnierinnen. Von Tag eins des Krieges an wurden so viele Frauen wie m&amp;ouml;glich so oft wie m&amp;ouml;glich vergewaltigt, in &amp;raquo;Einzel-, Gruppen- und Dauervergewaltigungen&amp;laquo;, wie Human Rights Watch die Verbrechen klassifizierte. Im Juni 2001 deklarierte der Internationale Strafgerichtshof f&amp;uuml;r das ehemalige Jugoslawien auf der Basis der Prozesse in Den Haag Vergewaltigung im Krieg als Kriegstaktik und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In den ersten acht Kriegsmonaten &amp;uuml;berrollten die bosnisch-serbischen Armee-Einheiten von Radovan Karadzic und die paramilit&amp;auml;rischen Truppen Milosevics die l&amp;auml;ndlichen Gebiete Bosniens, die im Osten und Nordosten an Serbien und im Norden an Kroatien grenzen. &amp;Uuml;ber zwei Millionen muslimische und kroatische Bosnier und Bosnierinnen mussten ihre Heimat verlassen. Die Soldaten gingen &amp;uuml;berall nach einem &amp;auml;hnlichen Muster vor: Sie nahmen ein Dorf unter Beschuss, vertrieben die muslimische oder kroatische Zivilbev&amp;ouml;lkerung aus ihren H&amp;auml;usern, die sie pl&amp;uuml;nderten und niederbrannten. Dann trennten sie M&amp;auml;nner und Frauen. Die M&amp;auml;nner, die nicht fl&amp;uuml;chten konnten, wurden in Lager gebracht; viele wurden gefoltert, viele get&amp;ouml;tet. Die Frauen wurden in Lager, Keller, Schulen, Caf&amp;eacute;s, Hotels, Fabriken, Bars gebracht; sie wurden gefoltert, sexuell missbraucht, viele geschw&amp;auml;ngert. In einer patriarchalischen Gesellschaft wie der bosnischen ist eine Frau, die im Krieg vergewaltigt wurde und &amp;uuml;berlebt hat, nicht zu bemitleiden, sondern eine Schande. &amp;raquo;Die Frau ist die S&amp;auml;ule in der bosnischen Familie&amp;laquo;, sagt Saliha Duderija, Vizeministerin f&amp;uuml;r Menschenrechte und Fl&amp;uuml;chtlinge in Bosnien und Herzegowina. &amp;raquo;Sexuelle Gewalt bringt diese S&amp;auml;ule zum Einst&amp;uuml;rzen.&amp;laquo; &lt;br /&gt; &lt;code&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;object classid=&quot;clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000&quot; width=&quot;500&quot; height=&quot;281&quot; codebase=&quot;http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0&quot;&gt;&lt;br /&gt;
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&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;/code&gt;&lt;em&gt;Video:&amp;nbsp;Wir konnten nur einen Teil der dunklen Portr&amp;auml;ts, die Armin Smailovic von im Bosnienkrieg vergewaltigten Frauen aufgenommen hat, im Heft abbilden. Also zeigen wir&amp;nbsp;Ihnen die vielen anderen digital. Dazu erz&amp;auml;hlt Smailovic von seinen Begegnungen mit den Frauen, deren Schicksale ihn zu diesem Werk inspiriert haben. Und von der Freundschaft,&amp;nbsp;die sich zwischen ihm und drei dieser Frauen entwickelt hat. Smailovic ist als Kind bosnischer Eltern in Deutschland aufgewachsen und lebt heute in M&amp;uuml;nchen und Sarajewo.&lt;strong&gt; &amp;nbsp; &amp;nbsp;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Ich flehte um meinen Tod ist der Titel einer Sammlung von Protokollen bosnischer Frauen, die Kriegsvergewaltigungen zum Opfer gefallen waren und lieber gestorben w&amp;auml;ren, als ihren M&amp;auml;nnern, V&amp;auml;tern, Br&amp;uuml;dern und S&amp;ouml;hnen wieder unter die Augen treten zu m&amp;uuml;ssen. Auch Enisa, Hasija, Sebiha, Amra und Asmira wollten lange lieber tot sein als lebendig. &amp;raquo;Bei jedem Streit wirft mein Mann mir vor, dass ich mich habe vergewaltigen lassen&amp;laquo;, sagt Amra. &amp;raquo;Als wir geheiratet haben, hat er mir gesagt, ich sei nicht schuld daran und er k&amp;ouml;nne damit leben. Aber er kann es nicht.&amp;laquo; Ihr kleines Gesicht ist eingerahmt von einem Berg dunkler Haare. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In Brezovo Polje, dem einzigen muslimischen Dorf in der Gegend, fielen die ersten Sch&amp;uuml;sse am 30. April 1992. Amra war 21. &amp;raquo;Wir wurden in die n&amp;auml;chste Stadt gebracht und zusammengepfercht wie im Ghetto. Am 17. Juni holten die Soldaten die M&amp;auml;nner zwischen 16 und 80 Jahren aus den H&amp;auml;usern und transportierten sie ab. Mit uns Frauen fuhren sie tagelang in Bussen durch die Berge. St&amp;auml;ndig wurde geschossen. Sp&amp;auml;ter erfuhren wir, dass die Soldaten uns als Schutzschilde benutzt hatten. Es gab nichts zu essen. Die alten Frauen hatten bald keine Kraft mehr. Schlie&amp;szlig;lich kamen wir an einen Ort, in dem wir in eine Baracke gesperrt, nacheinander aufgerufen und vergewaltigt wurden. Ich hatte mehr Angst um meine Mutter als um mich selbst.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amra nimmt Tabletten gegen Depressionen. Manchmal muss sie sich zwingen, nicht alle auf einmal zu nehmen. Ihren Mann hat sie bald nach dem Krieg kennengelernt. Es ist keine gute Ehe. Sie haben Zwillinge, S&amp;ouml;hne, 17 Jahre alt. Amra ist abh&amp;auml;ngig von ihrem Mann, weil sie nicht mehr voll arbeiten kann. In ihrer Heimat war sie in einer Textilfabrik angestellt. Heute wohnt sie in Tuzla. Vor einem Jahr hat sie angefangen, die Vereinigung &amp;raquo;Nas Glas &amp;ndash; Unsere Stimme&amp;laquo;, aufzubauen, f&amp;uuml;r Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Inzwischen ist sie froh, &amp;uuml;berlebt zu haben. &amp;raquo;Das zeigt, dass die bosnische Frau stark ist. Dass der Plan, unser Volk zu vernichten, nicht aufgegangen ist.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nichts traumatisiert tiefer als eine Vergewaltigung, sagen Psychologen. &amp;raquo;Die Opfer empfinden die Tat meist nicht als sexuelle Handlung, sondern als extreme und dem&amp;uuml;tigende Form der Gewaltaus&amp;uuml;bung gegen ihre Person und ihren K&amp;ouml;rper, die mit starken Todes&amp;auml;ngsten verbunden ist&amp;laquo;, schreibt die Regensburger Milit&amp;auml;rsoziologin Ruth Seifert. Hasija wei&amp;szlig; nicht, was ihre Mutter in der Gefangenschaft durchgemacht hat; sie hat nie dar&amp;uuml;ber geredet. Hasija ist die Einzige aus der Familie, die bekennt, dass sie vergewaltigt wurde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57831.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Foto: Das Land, das Hasijas Familie geh&amp;ouml;rt, liegt brach. Manchmal verirrt sich ein wildes Pferd hierher.)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich habe 1996 vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Sarajewo ausgesagt, anfangs nicht unter meinem Namen. Sie haben mir angeboten, mich in ein anderes Land zu bringen, in die USA oder nach Kanada. Aus Sicherheitsgr&amp;uuml;nden. Aber nur mich. Und ich wollte doch mit meiner Familie zusammenbleiben.&amp;laquo; Ihre Mutter, die um die 60 ist, sieht uralt aus. &amp;raquo;Sie hat zu viele Menschen verloren&amp;laquo;, sagt Hasija. &amp;raquo;Nun ist sie bed&amp;uuml;rftig wie ein Kind. Wenn es nichts zu tun gibt, r&amp;auml;ume ich ihre Kleider aus dem Schrank, damit sie sie wieder einr&amp;auml;umen kann. Sie muss sich n&amp;uuml;tzlich f&amp;uuml;hlen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Von den sechs Kindern der Mutter haben vier &amp;uuml;berlebt. Der &amp;auml;lteste Sohn  starb im Krieg, eine Tochter, drei Jahre alt damals, ist bis heute  vermisst. Als nach dem Krieg die Leiche ihres Mannes gebracht wurde,  verlor Hasijas Mutter ihre Lebenskraft. Da war ihre j&amp;uuml;ngste Tochter  zwei. Als &amp;Auml;lteste wurde Hasija zum Familienoberhaupt. Sie wusch und  kochte und putzte bis tief in die Nacht. &amp;raquo;Vielleicht war das gut f&amp;uuml;r  mich so, denn ich hatte keine Zeit, daran zu denken, was mit mir los  war. Wie ich das finanziell gemacht habe, wei&amp;szlig; ich nicht. Manchmal bin  ich sehr m&amp;uuml;de. Dann weine ich. Es ist auch wichtig, traurig zu sein,  denke ich.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Es ist auch wichtig, traurig zu sein.&amp;laquo;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57833.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Foto: Die rituelle Waschung - einer der wenigen Momente der Ruhe f&amp;uuml;r Hasija)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hasija schl&amp;auml;ft im Wohnzimmer, zusammen mit einer ihrer Schwestern, zwischen kunstvoll aufgeschichteten W&amp;auml;schebergen. Das Bett der Mutter steht in der K&amp;uuml;che, die kleinste Schwester und der Bruder teilen sich das Schlafzimmer. Das Haus ist die vierte Station der Familie seit dem Krieg. Es ist winzig. Mein Traumhaus, sagt Hasija. Es hat einen Garten, da kann sie Gem&amp;uuml;se anbauen. Sie lacht, und man sieht eine L&amp;uuml;cke zwischen den vorderen Schneidez&amp;auml;hnen, mit der sie jung aussieht, fast kindlich. Wenn sie &amp;uuml;ber die N&amp;auml;chte in der Schule redet, weicht die Farbe aus ihrem Gesicht, ihre Augen werden stumpf. &amp;raquo;Wir haben auf dem Beton geschlafen, ohne Decken, ohne M&amp;auml;ntel. Wie die Sardinen lagen wir nebeneinander. Aber wir konnten nicht hinaus, nur wenn sie uns geholt haben, um Mitternacht oder ein Uhr morgens. Muss ich mehr sagen? Es f&amp;auml;llt mir so schwer. Die Soldaten kamen mit der Taschenlampe. Ich war die J&amp;uuml;ngste im Raum, sie haben mich oft geholt. Das sind meine ersten Erfahrungen gewesen. Ich habe alle M&amp;auml;nner gehasst.&amp;laquo; Hasija hat auch nach dem Krieg nie eine Beziehung zu einem Mann gehabt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Frauen leiden langfristig unter den Folgen der Vergewaltigungen. Die h&amp;auml;ufigsten Symptome sind Ess-, Angst- und Schlafst&amp;ouml;rungen, Waschzwang, Ekel vor Sexualit&amp;auml;t, Aggressivit&amp;auml;t, Reizbarkeit, Depressionen. Viele haben chronische Unterleibsschmerzen oder sind wegen nicht behandelter Verletzungen und Infektionen unfruchtbar; wenn sie physisch noch in der Lage sind, Kinder zu bekommen, haben sie meist den Wunsch dazu verloren. Damit ist der Fortbestand eines Volkes gef&amp;auml;hrdet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vor vier Uhr morgens findet Enisa keine Ruhe. Sie sitzt auf ihrem Balkon in Sarajewo und raucht. Oder guckt Tennis im Fernsehen, das hilft auch. Enisas Mann wurde mit vielen anderen am 23. April 1992 ins Gef&amp;auml;ngnis in Foca im Nordosten Bosniens gebracht. Sp&amp;auml;ter erfuhr sie, dass man ihn hingerichtet und in die Drina geworfen hat, die man den roten Fluss nannte, so rot war sie vom Blut der Leichen. Sie weint, wenn sie von ihrem Mann spricht. Ihre T&amp;ouml;chter hat Enisa allein durchgebracht. Tiefe R&amp;auml;nder haben sich unter ihre Augen in die Haut gegraben, das rot gef&amp;auml;rbte Haar ist am Ansatz grau. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Mai 1992 besetzten die Wei&amp;szlig;en Adler, eine serbische paramilit&amp;auml;rische Einheit, Foca. Ein ehemaliger Arbeitskollege ihres Mannes, bosnischer Serbe, kam zu Enisa ins Krankenhaus, in dessen Verwaltung sie besch&amp;auml;ftigt war, ein guter Job. &amp;Uuml;berhaupt war es ein gutes Leben bis dahin. Der Mann brachte Enisa in die Sporthalle Partizan, nur 100 Meter entfernt vom Polizeipr&amp;auml;sidium. Er meinte, dort sei sie sicher. Sicher insofern, sagt sie zynisch, dass sie nicht entkommen konnte. Sie schlief auf dem Boden zwischen 60 anderen Frauen und M&amp;auml;dchen. &amp;raquo;In der Partizan-Halle holten sich die Soldaten eine von uns, wann immer sie wollten. Und nicht alle kamen wieder. M&amp;uuml;tter mussten zusehen, wie ihre T&amp;ouml;chter geschlagen und vergewaltigt wurden. T&amp;ouml;chter mussten zusehen, wie ihre M&amp;uuml;tter vergewaltigt wurden. Wir haben nat&amp;uuml;rlich damals nicht gewusst, dass alle muslimischen Frauen in Bosnien vergewaltigt werden sollten. Auf die Idee w&amp;auml;ren wir nie gekommen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57837.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;(Foto: Das Innere der Halle von Trnopolje. Die Kriegsopfer w&amp;uuml;nschen  sich, dass das Lager zur Gedenkst&amp;auml;tte wird. Danach sieht es aber nicht  aus.)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eines Nachts leuchtete ihr wie so oft ein Mann mit der Taschenlampe ins Gesicht und schubste sie aus der Halle. Drau&amp;szlig;en sagte er: &amp;raquo;Schnell, geh nach Hause zu deinen Kindern.&amp;laquo; Es war der Bruder des Mannes, der sie gefangen genommen hatte. Enisas braune Augen werden wieder feucht, diesmal vor R&amp;uuml;hrung. Sie nestelt eine weitere Zigarette aus der Packung, sie raucht viel. &amp;raquo;Das klingt verr&amp;uuml;ckt, oder? Verr&amp;uuml;ckt wie dieser ganze Krieg. Ich hasse die Serben nicht. Sie waren meine Nachbarn, einer von ihnen hat mich festgenommen, einer von ihnen hat mich gerettet. Aber ich ertrage nicht, dass Leute behaupten, es habe diese Vergewaltigungen nicht gegeben. Und dass sie sagen, stellt euch nicht so an, ist doch schon so lange her. Es kann nur eine Vers&amp;ouml;hnung geben, wenn die Menschen einsehen, dass diese Dinge geschehen sind und die Wirkung dieser Taten anh&amp;auml;lt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;2005 hat Enisa ihre Geschichte zum ersten Mal unter ihrem Namen erz&amp;auml;hlt und ihr Gesicht gezeigt. Danach hat sie anonyme Anrufe bekommen. Die Nacht wird dich fressen, hat einer gesagt. Sie hat gesagt, wenn du Eier hast, dann komm her und guck mir in die Augen. Seitdem redet Enisa erst recht, auf Kongressen in Istanbul, Br&amp;uuml;ssel, Hamburg. Manchmal braucht sie eine Pause. Dann verbringt sie ein paar Wochen bei Verwandten auf dem Land in der N&amp;auml;he von Foca. Durch lichte Buchenw&amp;auml;lder f&amp;auml;hrt man dorthin, passiert gelegentlich einen kleinen Hof, davor von Hand geschichtetes Heu. Rote Schilder warnen noch vor Minen. Enisas Schwager m&amp;auml;stet H&amp;uuml;hner und mahlt sein Mehl selbst. Enisa hilft, wo sie kann. Am Ende eines langen Arbeitstages badet sie im M&amp;uuml;hlbach, wie sie es als Kind getan hat. In den N&amp;auml;chten schl&amp;auml;ft sie gut. Vielleicht, sagt sie, k&amp;ouml;nnte sie eines Tages dort wohnen. Aber niemals mehr in Foca selbst. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist f&amp;uuml;r fast alle Frauen undenkbar, an den Ort zur&amp;uuml;ckzukehren, an dem sie vergewaltigt wurden, obwohl das ihre Heimat war. Das war Teil des Plans: Die Frauen sollten mit ihren Familien fliehen und niemals mehr den Wunsch versp&amp;uuml;ren, zur&amp;uuml;ckzukommen. Sebiha hat ihr Haus in Kozarac wieder bezogen. Sie hat Kissen aus Kunstfell auf den Sofas verteilt, damit es gem&amp;uuml;tlich wird. F&amp;uuml;r den Boden hat sie kein Geld, ein alter Teppich liegt auf dem Estrich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Es kann heilsam sein solche Erlebnisse bis ins kleinste, grausame Detail zu schildern.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57827.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Foto: Das Lager Trnopolje, in dem Sebiha gefangen war)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Um uns herum ist jetzt alles serbisch&amp;laquo;, sagt Sebiha, &amp;raquo;die Berge, die H&amp;auml;user, der Boden. Nur der Himmel nicht.&amp;laquo; Sie wirkt stolz, k&amp;auml;mpferisch, aber auch grimmig. &amp;raquo;Die M&amp;auml;nner, die diese Verbrechen begangen haben, laufen hier frei herum&amp;laquo;, sagt sie. Bis zum Krieg f&amp;uuml;hrte sie ein Restaurant in Kozarac, in dem Serben, Kroaten und Moslems verkehrten. In einer Nacht im Mai 1992 brachten bosnisch-serbische Truppen den Ort in ihre Gewalt, Tausende M&amp;auml;nner und Frauen sollen get&amp;ouml;tet worden sein. Die anderen wurden in die drei umliegenden Lager getrieben: Omarska, Keraterm, Trnopolje. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sebiha durchlief alle drei Lager, mal war sie mit ihren Kindern, einem Enkel und ihrem Mann zusammen, dann wurde sie wieder von ihnen getrennt. In Den Haag hat Sebiha gegen einen ihrer Vergewaltiger ausgesagt. Der Mann, der vor dem Krieg Gast in ihrem Restaurant gewesen war, wurde zu 24 Jahren Haft verurteilt, aber nicht wegen der Vergewaltigungen, sondern wegen anderer Kriegsverbrechen. So wie in den meisten Prozessen in Den Haag. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im August 1992 floh Sebiha mit ihrer Familie in einem der ersten Transporte des Internationalen Roten Kreuzes von Trnopolje nach Kroatien. Von dort gingen sie nach Deutschland. Sebiha arbeitete 15 Jahre in der Altenpflege in M&amp;uuml;nchen. Ihr Mann starb 1999, seine Nieren wurden schon in der Gefangenschaft gesch&amp;auml;digt. Ihr Sohn hat Diabetes, ihre Tochter zu hohen Blutdruck, ihre andere Tochter leidet unter Schlaflosigkeit. Die Kinder erinnern sich gut an den Krieg. Aber sie wollen nicht dar&amp;uuml;ber reden, nie. Zu ihrer Mutter sagen sie, lass es doch endlich ruhen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57839.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Foto: Einmal in der Woche geht Sebiha zum Friseur. Das ist ihre gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Freude.) &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&amp;nbsp; 	        &lt;br /&gt;Es kann heilsam sein, sagen Psychologen, solche Erlebnisse bis ins kleinste, grausame Detail zu schildern: Je &amp;ouml;fter man etwas wiederholt, desto unempfindlicher wird man gegen die Erinnerungen. Die amerikanische Psychologin und Traumatologin Yael Danieli schreibt: &amp;raquo;Wo r&amp;uuml;ber nicht gesprochen wird, kann nicht zur Ruhe kommen. Und wenn es nicht zur Ruhe kommt, wird es weiter schw&amp;auml;ren, von Generation zu Generation.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Asmira erz&amp;auml;hlt alles, minuti&amp;ouml;s, auch, dass sie vor den Augen ihres Mannes vergewaltigt wurde. Ihre H&amp;auml;nde zittern dabei, sie fragt nach einem Glas Wasser. Seit 1988 ist sie mit ihrem Mann zusammen, bis heute. Ihr Sohn ist 1990 geboren, ihre Tochter 1991. Am 31. M&amp;auml;rz 1992 fiel Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, Anf&amp;uuml;hrer der Serbischen Freiwilligengarde, in Bijeljina ein. In der ersten Nacht setzten seine Soldaten Asmira so zu, dass sie das Bewusstsein verlor. Am n&amp;auml;chsten Morgen war ihr Mann weg und die Soldaten brachten elf andere junge Frauen ins Haus. Jeden Tag kamen M&amp;auml;nner und vergewaltigten die Frauen. Nach ein paar Wochen wurde Asmira in ein anderes Haus gebracht, in dem sie Arkan zur Verf&amp;uuml;gung stehen musste. Sie magerte ab, verfiel k&amp;ouml;rperlich. Eines Tages wollte Arkan sie nicht mehr. Sie durfte zu ihren Kindern zur&amp;uuml;ckkehren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Die anderen elf Frauen waren noch dort. Es ging immer weiter. Sie haben uns mit Flaschen penetriert. Sie haben uns die Br&amp;uuml;ste zerschnitten. Sie haben die Hand meiner Tochter auf die hei&amp;szlig;e Herdplatte gelegt, weil sie schrie. Da bin ich in eine Art Koma gefallen. Ich war total apathisch, mir hat nichts mehr etwas ausgemacht. Das ging so bis April 1993. Da kam ein Mann und kaufte mich den Soldaten ab. Ein Serbe. Er kannte meine Eltern. Er brachte mich mit meinen Kindern nach Tuzla. Er hat mich gerettet.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In Tuzla stellte sich heraus, dass Asmira, die nur noch 41 Kilo wog, im sechsten Monat schwanger war. Die &amp;Auml;rztin sagte, sie sollte das Kind kriegen und weggeben, aber Asmira wollte das Kind nicht. Die &amp;Auml;rztin erkl&amp;auml;rte sich bereit, das Kind im Mutterleib zu t&amp;ouml;ten. 1994 fand Asmira ihren Mann wieder. Zuerst konnte sie ihm nicht in die Augen sehen. Er k&amp;uuml;sste die Kinder, dann sie. Er sagte, er w&amp;uuml;rde sie nie fragen, was passiert sei. Und dass es nicht ihre Schuld sei. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch Asmira nimmt Medikamente gegen Depressionen. In den ersten Jahren nach dem Krieg hat sie dreimal versucht, sich umzubringen, und war immer wieder in der Psychiatrie. Zwischen 1999 und 2006 bekam sie wegen ihres Gesundheitszustands eine Unterst&amp;uuml;tzung von 18 Euro im Monat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Februar 2006 gewann die Regisseurin Jasmila Zbanic f&amp;uuml;r ihren Spielfilm &lt;em&gt;Grbavica &amp;ndash; Esmas Geheimnis&lt;/em&gt; den Goldenen B&amp;auml;ren auf der Berlinale. Die Hauptfigur, Esma, wurde im Krieg von Tschetniks geschw&amp;auml;ngert. Sie zog das Kind auf und sagte, der Vater sei im Krieg umgekommen. Die Tochter, ein Teenager mittlerweile, sp&amp;uuml;rt, dass etwas nicht stimmt. Durch den internationalen Erfolg des Films geriet die Regierung von Bosnien und Herzegowina, in der drei Pr&amp;auml;sidenten jeweils eine der gro&amp;szlig;en Volksgruppen repr&amp;auml;sentieren, unter Druck. Sie hatte elf Jahre nach Kriegsende immer noch nichts getan f&amp;uuml;r die Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden waren. Nun versprach sie ihnen den Status als Kriegsversehrte, eine Invalidenrente von bis zu 225 Euro monatlich und Hilfsangebote: &amp;Auml;rzte, Therapeuten, Wohnungen, Arbeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch die wirtschaftliche Situation des ganzen Landes ist weiterhin schlecht. So schlecht, dass unklar ist, wovon die Leistungen bezahlt werden sollen. Ein zweites Problem: Im serbischen Teil Bosniens, in der Republika Srpska, werden diese Pl&amp;auml;ne kaum umgesetzt. Dort m&amp;uuml;ssen die Frauen nachweisen, dass sie k&amp;ouml;rperlich zu 60 Prozent versehrt sind. Wie es ihrer Seele geht, fragt niemand. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Saliha Duderija, Vizeministerin f&amp;uuml;r Menschenrechte und Fl&amp;uuml;chtlinge in Bosnien und Herzegowina, k&amp;auml;mpft seit Jahren darum, ein Gesetz durchzusetzen, nach dem die Frauen in jeder Stadt, jedem Bezirk, jedem Dorf des Staats das Recht auf den Status als zivile Opfer des Krieges haben und damit auf Gelder und entsprechende Hilfsangebote. Unterst&amp;uuml;tzt wird sie darin von Mitarbeitern des Bev&amp;ouml;lkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) in Sarajewo. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Ministerin betont, dass in den Hilfseinrichtungen vor Ort, gerade auf dem Land, Menschen sitzen m&amp;uuml;ssen, die etwas von der Situation verstehen. &amp;raquo;Die Frauen kommen ja nicht vorbei und sagen, hallo, ich bin im Krieg vergewaltigt worden. Sie sagen, dass es ihnen nicht gut geht, sie schlecht schlafen, kein Selbstwertgef&amp;uuml;hl haben, nicht arbeiten k&amp;ouml;nnen. Da muss jemand sein, der wei&amp;szlig;: Diese Frau ist Opfer sexueller Gewalt. Und der dann das Richtige tut.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im vergangenen Jahr lief wieder ein Film &amp;uuml;ber die Vergewaltigungen im Bosnienkrieg in den Kinos, die Regisseurin war Angelina Jolie. &lt;em&gt;In the Land of Blood and Honey&lt;/em&gt; hat ein gro&amp;szlig;es internationales Publikum gesehen. Die Frauen in Bosnien sind froh &amp;uuml;ber diesen Film. Denn jedes weitere Wort, das &amp;uuml;ber das Thema in der &amp;Ouml;ffentlichkeit gesprochen wird, ist ein Schritt in eine bessere Zukunft. In der die Frauen sich nicht mehr fragen lassen m&amp;uuml;ssen, warum sie sich haben vergewaltigen lassen. &amp;raquo;Denn wir haben nichts Schlimmes getan&amp;laquo;, sagt Enisa. &amp;raquo;Uns ist Schlimmes angetan worden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>»Sie wollten uns zerstören. Aber wir haben überlebt«</dc:subject>
    <dc:creator>Gabriela Herpell</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-13T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Keim der Hoffnung</title>
    <description>&lt;p&gt;Bevor Afghanistan in Staub und Blut versank, war es ein bl&amp;uuml;hendes Land.  Aber wer hinter die zerbombten Mauern blickt, findet auch heute noch  Orte des Friedens. Ein Besuch bei den G&amp;auml;rtnern von Kabul.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;  &lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Keim der Hoffnung</dc:subject>
    <dc:creator>Lalage Snow (Protokolle und Fotos)</dc:creator>
    <dc:date>2013-01-04T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Ein Land hebt ab</title>
    <description>&lt;p&gt;Unser Autor war nur ein paar Jahre weg. Aber als der &lt;em&gt;SZ&lt;/em&gt;-Korrespondent  jetzt nach China zur&amp;uuml;ckkehrte, war pl&amp;ouml;tzlich alles anders. Beobachtungen  aus einem Reich, das seine Mitte nicht mehr findet.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit Peking ist das so eine Sache. Ich muss an den Spruch eines Freundes denken: Da bist du ein Jahr weg, kommst wieder, und Peking ist verschwunden. Stattdessen steht da eine neue Stadt, und die nennt sich wieder Peking. Ich war sieben Jahre weg. Kurz vor dem Landeanflug: mongolisches Grasland, Sandd&amp;uuml;nen, sanft gefaltet wie das goldene Betttuch eines Buddhas, dann die Berge, kurz ist die Gro&amp;szlig;e Mauer zu sehen, Bollwerk gegen die Barbaren, die einfach immer dr&amp;uuml;berstiegen, wenn es ihnen passte. Gleich kommt die Stadt. &amp;raquo;Temperature 32 degrees. Clear sky&amp;laquo;, sagt der Pilot. Das darf man nicht w&amp;ouml;rtlich nehmen, er will wohl sagen: Es regnet nicht. Die gelb-braune Decke, durch die das Flugzeug st&amp;ouml;&amp;szlig;t, kommt mir bekannt vor. Auch sonst verleugnet sich Peking nicht v&amp;ouml;llig. Der Taxifahrer am Flughafen, der mir mit einem stummen Nicken bedeutet, meine Koffer selbst in den Kofferraum zu wuchten, und der dann zwei trockene Fl&amp;uuml;che ausst&amp;ouml;&amp;szlig;t, als er mein Ziel erf&amp;auml;hrt. Soll hei&amp;szlig;en: zu nah. Er ist umsonst zwei Stunden Schlange gestanden. Sein Tag ist im Arsch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Welcome back!&amp;laquo; Tiancheng, der alte Freund, der halb in Peking, halb in Kanada lebt, seit einigen Jahren jetzt schon, sein Englisch ist noch nicht viel besser geworden. &amp;raquo;Komm!&amp;laquo;, und pl&amp;ouml;tzlich ist es, als sei ich nie weg gewesen. Die n&amp;auml;chsten zwei Wochen wird mich Tiancheng jeden Abend in ein anderes Lokal schleppen und jeden Tag Punkt zw&amp;ouml;lf anrufen, ob ich schon zu Mittag gegessen habe. Au&amp;szlig;erdem mit Vermietern verhandeln, mir Handwerker besorgen und mich vor den falschen Nudell&amp;auml;den warnen. Wie fr&amp;uuml;her. Wer in China Freunde hat, f&amp;auml;llt weich. &amp;raquo;Aah&amp;laquo;, sagt Tiancheng. &amp;raquo;Mala tang, shui zhu yu &amp;ndash; manche Dinge &amp;auml;ndern sich nie.&amp;laquo; Mala tang, das ist ein pfefferscharfer Hotpot, shui zhu yu, das ist der &amp;raquo;in Wasser gekochte Fisch&amp;laquo;, eine Explosion aus Fisch und Chilis. Dazu ein wenig Sellerie mit wei&amp;szlig;er Lilienknolle und Wasserspinat mit Knoblauch. Nicht gleich zulangen. Tief durchatmen. Chiligeschw&amp;auml;ngerte Luft, das kitzelt in der Nase, als rauche der Nachbar einen Joint. Angekommen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hinterher ist mir, als sp&amp;uuml;rte ich noch tagelang die Detonationen der Fischh&amp;auml;ppchen in meinen Eingeweiden. Aber ich werde die Erinnerung an diesen ersten Abend auch wegen der Worte von Tiancheng nicht los: &amp;raquo;Das Herz sitzt nicht mehr, wo es sein soll. Es h&amp;uuml;pft den Leuten davon. Mal hierhin, mal dorthin, immer da, wo&amp;rsquo;s ihnen am meisten nutzt.&amp;laquo; Tianchengs H&amp;auml;nde versuchen vergeblich die zwischen unseren Sch&amp;uuml;sseln umherh&amp;uuml;pfenden Herzen einzufangen. Er imitiert die Pumpger&amp;auml;usche: &amp;raquo;Badumm, badumm, badumm.&amp;laquo; Dann klopft er sich an die linke Brust: &amp;raquo;Nur da ist leer.&amp;laquo; Die Dongzhimen ist wie fr&amp;uuml;her in ein Meer roter Laternen getaucht, &amp;raquo;Geisterstra&amp;szlig;e&amp;laquo; nennen sie die Pekinger, hier kann man auch um drei Uhr morgens noch Krebse essen. Vor einem Lokal steht ein Flachbildschirm, mitten auf dem Gehsteig, es l&amp;auml;uft eine bekannte Show: Die Reporterin interviewt gerade einen zum Tode Verurteilten, was er sich dabei gedacht habe, seine Mutter umzubringen. Der junge Mann antwortet nur stockend, sp&amp;auml;ter sieht man ihn zu seiner Hinrichtung trotten, die Kamera h&amp;auml;lt drauf. Es schaut kaum einer hin. Die Krebse, der bet&amp;auml;ubende Sichuanpfeffer, deshalb sind die Leute hergekommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Obsession der Chinesen mit dem Essen, sie ist geblieben. Haben ja auch das beste. Mittags und abends, zweimal am Tag die Fahrkarte zum Gl&amp;uuml;ck. Einmal brauche ich eine Kopie meines Passes. Tiancheng und ich schl&amp;auml;ngeln uns einem Schild folgend durch ein G&amp;auml;sslein, vorbei an einem daoistischen Wahrsager und einem Laden, der einem &amp;ndash; f&amp;uuml;r den neugeborenen Sohn, f&amp;uuml;r die Firma &amp;ndash; gl&amp;uuml;ckbringende Namen sucht, dann stehen wir in einem Copyshop, der eigentlich nur eine Ecke des Wohnzimmers der Familie ist. Die Frau kommt an die T&amp;uuml;r geeilt mit einer dampfenden Sch&amp;uuml;ssel in der Hand, macht meine Kopien und fragt nebenbei, ob wir denn auch schon gegessen h&amp;auml;tten. &amp;raquo;Ja&amp;laquo;, sagen wir. Dann blickt sie auf und wendet sich an Tiancheng: &amp;raquo;Kann der denn essen?&amp;laquo;, fragt sie. Sie meint: Kann der Ausl&amp;auml;nder denn unser chinesisches Essen essen? Aber das sagt sie nicht. Sie sagt: Kann der denn essen? So, als k&amp;auml;me ihr gar nicht in den Sinn, das, was wir Ausl&amp;auml;nder sonst so zu uns nehmen, als &amp;raquo;Essen&amp;laquo; zu bezeichnen. Ein paar Tage sp&amp;auml;ter fiel einer meiner Lieblingss&amp;auml;tze, als die Frau eines Freundes all die Seufzer am Tisch beiseite fegte und in trotziger Vorfreude auf das bestellte Sichuan-Essen quer durch den ganzen Raum rief: Bu la, bu geming. &amp;raquo;Isses nicht scharf, isses nicht revolution&amp;auml;r.&amp;laquo; Beim selben Essen fiel dieser Satz: &amp;raquo;Wie gerne w&amp;uuml;rden wir dieses Land lieben. Aber sie lassen uns nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das ist wie fr&amp;uuml;her: Die Leute tanzen fr&amp;uuml;hmorgens und sp&amp;auml;tabends auf dem Gehsteig, auf kleinen Pl&amp;auml;tzen. Tango, Walzer, Cha-Cha-Cha. Noch immer laufen manche r&amp;uuml;ckw&amp;auml;rts durch Parks und Stra&amp;szlig;en, weil das angeblich das Gehirn trainiert. &amp;Uuml;berhaupt, die kleinen &amp;Uuml;berraschungen, die Peking an jeder Ecke bereith&amp;auml;lt. Der Alte, der sich beim Joggen durch die Stra&amp;szlig;en mithilfe eines Drahtk&amp;auml;figs einen Ball auf den Kopf geschnallt hat. Die ondulierte Dame im Caf&amp;eacute;, die Interessierten verlegen kichernd vorf&amp;uuml;hrt, wie ihr ebenfalls ondulierter Pudel Pekingoper singt. Huhu Huuuu. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und das ist neu: Man muss im Supermarkt nun eigens um Plastikt&amp;uuml;ten bitten; die fr&amp;uuml;her ganzj&amp;auml;hrig in ein Kleid aus Plastikfetzen geh&amp;uuml;llten Alleeb&amp;auml;ume sind damit Vergangenheit. Die Rikschas fahren jetzt elektrisch, man kann sie nun also mieten, ohne sich gleich als menschenschindender Kolonialherr zu f&amp;uuml;hlen. Die Pekinger, die noch vor Kurzem raufend und Hiebe verteilend die Busse st&amp;uuml;rmten, stehen in den neuen U-Bahnen nun Schlange, ganz diszipliniert und so, als h&amp;auml;tten sie es schon immer getan. Der bei der Begr&amp;uuml;&amp;szlig;ung laut ausgerufene Satz: Ni pang le, &amp;raquo;Du bist aber dick geworden&amp;laquo;, ist mit einem Mal nicht mehr als Kompliment gemeint. Schleichende Verwestlichung? Es gibt andere Anzeichen: In den &amp;ouml;ffentlichen Toiletten gibt es immer mehr Sitzklos. Und: Die jahrtausendelang laktoseintoleranten Chinesen essen mit einem Mal K&amp;auml;se. Es gibt sogar Snackl&amp;auml;den, die nichts anderes verkaufen: ges&amp;uuml;&amp;szlig;ten Frischk&amp;auml;se. &amp;raquo;K&amp;auml;seessen ist doch eine alte Pekinger Tradition&amp;laquo;, sagt meine Vermieterin, die ein paar Sch&amp;auml;lchen als Willkommensgeschenk serviert. &amp;raquo;Na ja, eine neue alte chinesische Tradition&amp;laquo;, erg&amp;auml;nzt ihr Mann auf meinen erstaunten Blick hin. Das n&amp;auml;mlich hat sich nicht ge&amp;auml;ndert: das ebenfalls jahrtausendealte Talent der Chinesen, Neues blitzschnell zu absorbieren und schon im n&amp;auml;chsten Moment als Ureigenes zu verkaufen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Wirbelsturm, der jeden Stein in diesem Land und in dieser Stadt umgedreht hat, er hat auch meine Freunde nicht unber&amp;uuml;hrt gelassen. Es ist, als tr&amp;auml;fe ich keinen, der sich nicht in den sieben Jahren meiner Abwesenheit neu erfunden h&amp;auml;tte. Tiancheng, der damals Antiquit&amp;auml;ten nach Nordamerika verkaufte, arbeitet gerade als Regieassistent beim Film. Der Dichter ist pl&amp;ouml;tzlich Maler. Daf&amp;uuml;r ist die Malerin buddhistische Nonne und betreibt im S&amp;uuml;dwesten eine Schule f&amp;uuml;r tibetische Kinder. Die einstige Drehbuchschreiberin hat Abschied genommen vom Fernsehen und missioniert nun f&amp;uuml;rs Christentum. Der Untergrund-Rock-&amp;rsquo;n-Roller wurde nicht nur zum bekannten Musiker, er ist jetzt ein ebenso bekannter Mikroblogger und Aktivist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Manche Dinge &amp;auml;ndern sich nie. Mang Ke zum Beispiel. Mang Ke ist heute 62, und wieder hat er eine neue Frau an seiner Seite. Wieder ist sie in ihren Zwanzigern, wieder ist sie h&amp;uuml;bsch und klug, hat lange Haare und Kunst studiert, oder in diesem Fall: Kunst-geschichte. Und wieder erwartet Mang Ke ein Kind. Sein viertes. Mang Ke ist Dichter. War Dichter. Nicht irgendein Dichter, sondern, f&amp;uuml;r Leute, die sich f&amp;uuml;r Poesie interessieren, eine Legende. Vor mehr als drei Jahrzehnten gab der junge Mang Ke mit seinem Freund Bei Dao das Untergrundmagazin &lt;em&gt;Heute&lt;/em&gt; heraus. Mao Zedong war gerade gestorben, es war die Zeit der &amp;raquo;Mauer der Demokratie&amp;laquo;, die jungen Dichter entrissen den Tyrannen die von diesen lebend begrabene Sprache und f&amp;uuml;llten sie wieder mit Seele und Blut. Bei Dao ging sp&amp;auml;ter ins Ausland, wurde immer wieder als Kandidat f&amp;uuml;r den Nobelpreis genannt. Mang Ke, Pekinger mit Leib und Seele, blieb. Er lie&amp;szlig; sich seine B&amp;uuml;cher weiter verbieten und seine Mahlzeiten und den Erguotou, den Pekinger Schnaps, von den Freunden bezahlen, die nach und nach alle zu Geld kamen. Die Abende mit Mang Ke endeten regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig in fr&amp;ouml;hlichen Bes&amp;auml;ufnissen, bei denen das Leben gegen alle Widrigkeiten gefeiert wurde. Und bei einem wie Mang Ke nahmen die Widrigkeiten kein Ende. Pl&amp;ouml;tzlich mussten Schulgeb&amp;uuml;hren f&amp;uuml;r die Kinder bezahlt werden, verlangten die Frauen von ihm eine eigene Wohnung. K&amp;ouml;nnen wir nicht leben wie andere auch?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie gesagt, als ich ging, war Mang Ke noch Dichter. Jetzt komme ich wieder, und Mang Ke ist Maler. Ein &amp;raquo;bemerkenswert erfolgreicher&amp;laquo; Maler, wie die neue Ausgabe des &lt;em&gt;Historischen Lexikons der modernen chinesischen Literatur&lt;/em&gt; von Li-Hua Ying vermerkt. Mang Ke, du? Ein Maler? Wie kam denn das? Mang Ke kichert sein heiseres Raucherkichern. &amp;raquo;Kann ich eine?&amp;laquo;, fragt er und h&amp;auml;lt eine Schachtel Zigaretten hoch. Seine hochschwangere Frau sitzt daneben, die Geburt ist schon zwei Tage &amp;uuml;berf&amp;auml;llig. Rauchen? Neben ihr? Mang Ke winkt ab. &amp;raquo;Ach, der Smog hier ist viel schlimmer.&amp;laquo; Dann z&amp;uuml;ndet er sich eine an und erz&amp;auml;hlt. Von dem Druck. Vom Geld, das er dringend brauchte. Von dem Freund, der ihn auf die Idee brachte: Schau dich um, wer hier &amp;uuml;ber Nacht reich geworden ist, wem die Ausl&amp;auml;nder die Werke aus der Hand rei&amp;szlig;en. Maler, nat&amp;uuml;rlich. Der Freund kaufte ihm Pinsel und Tuben und Leinwand. Dann legte Mang Ke los. Zu seiner ersten Ausstellung lud er alle seine reichen Freunde ein. Danach konnte er sich die Wohnung kaufen. &amp;raquo;Ich sag dir, meine Bilder verkaufen sich nicht schlecht, echt. Au&amp;szlig;erdem mal ich schnell: Drei Tage f&amp;uuml;r ein Bild, dann hat sich das. Ach, Gedichtb&amp;auml;nde, wer kauft denn das noch? Zehn Jahre schreibst du an einem, daf&amp;uuml;r kriegst du dann mit etwas Gl&amp;uuml;ck 20 000 Yuan (2500 Euro), wenn er nicht sowieso verboten wird. Und meine Bilder? Schau, das letzte hat mir einer f&amp;uuml;r 50 000 Yuan abgekauft. Eigentlich m&amp;uuml;sste ich noch schneller malen. Ich bin mit 20 Bildern im R&amp;uuml;ckstand: So viele Leute haben mir alle schon das Geld f&amp;uuml;r ein Bild gegeben. Mir geht&amp;rsquo;s nicht schlecht jetzt. Wir k&amp;ouml;nnen anst&amp;auml;ndig leben. Ich kann den Unterhalt f&amp;uuml;r die Kinder bezahlen. Blo&amp;szlig; selbst wohnen wir noch immer zur Miete. Jedes Mal, wenn ich mich scheiden lasse, kriegen meine Ex-Frauen die Wohnung und alles andere, beim letzten Mal blieben mir kaum 10 000 Yuan.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Harmonie&amp;laquo; und &amp;raquo;Stabilit&amp;auml;t&amp;laquo; sicherstellen&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54913.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Anfangs malte er Naives, dann kippte er ins Impressionistische, heute sind es gro&amp;szlig;e bunte Strichlandschaften: ein russischer Birkenwald im Herbst, dachte ich, als ich ins Atelier trat. Mang Ke ist erfrischend ehrlich. Er w&amp;uuml;rde einen Teufel tun, sagt er, und sich selbst einen Maler nennen. &amp;raquo;Ich pinsel halt so vor mich hin. Hauptsache, es bringt Geld.&amp;laquo; K&amp;uuml;rzlich schaute ein Polizeibeamter vorbei. Der 18. Parteitag der KP stand vor der T&amp;uuml;r, zu solchen Gelegenheiten klappert Chinas Polizei alle ihre Pappenheimer ab, &amp;raquo;Harmonie&amp;laquo; und &amp;raquo;Stabilit&amp;auml;t&amp;laquo; sicherstellen. &amp;raquo;Ein sehr freundlicher Beamter. Fragte, was ich so vorh&amp;auml;tte die n&amp;auml;chsten Tage und ob er mir behilflich sein k&amp;ouml;nnte.&amp;laquo; Mang Ke grinst. &amp;raquo;Die KP hat alles verbockt hier. Aber meine politische Zeit ist eh vorbei. Die Mauer der Demokratie 1978, dann der Platz des Himmlischen Friedens 1989, das war&amp;rsquo;s. Ich mach nichts mehr. Bringt doch eh nix.&amp;laquo; Letztes Jahr war er auf Kuba und hatte dort eine Ausstellung seiner Bilder. Die Regierung hatte ihn eingeladen, zur Vernissage kamen Ra&amp;uacute;l Castro und Camilo Guevara, der Sohn von Che. &amp;raquo;Das ist ja mal wirklich ein sozialistisches Land, dieses Kuba, holla&amp;laquo;, sagt Mang Ke. &amp;raquo;Ihr Deutschen habt doch auch einen Sozialstaat, oder? Siehst du, da seid ihr um einiges sozialistischer als wir hier. Sozialismus in China? Was f&amp;uuml;r ein Witz. Wir sind doch hier kapitalistischer als der Kapitalismus.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Zeitschrift &lt;em&gt;Hurun&lt;/em&gt; erstellt j&amp;auml;hrlich eine Rangliste der reichen Chinesen. 2006 z&amp;auml;hlte das Magazin in China 15 Dollar-Milliard&amp;auml;re. Heute sind es 251. Eine Bekannte berichtet von der Klage reicher Freunde: &amp;raquo;&amp;Uuml;berall dieses neue Geld, schrecklich, all die Leute, die erst die letzten drei Jahre reich geworden sind.&amp;laquo; Wer hier sein Verm&amp;ouml;gen vor 2009 gemacht hat, der z&amp;auml;hlt zum alten Geld. Reich werden vor allem die mit den guten Beziehungen zur Partei. Im Ausgehviertel Sanlitun sind es vom Apple-Shop zum Nespressoladen nur ein paar Schritte. Hier parken sie auf dem Gehsteig: Lamborghini, Porsche Cayenne, Maybach, viele ohne Nummernschild. Kein Polizist wird es wagen, sie anzuhalten und zu befragen. Ein junger Mann f&amp;auml;hrt auf seiner Harley vor, ebenfalls ohne Nummernschild. Wir bewundern das Motorrad. Und die Zulassung?, frage ich. Der stolze Fahrer schaut irritiert. Zulassung? &amp;raquo;F&amp;uuml;r so ein Motorrad gibt&amp;rsquo;s in Peking keine Zulassung, das wisst ihr doch.&amp;laquo; Ja, und die Polizei? &amp;raquo;Was soll mit der sein?&amp;laquo; Macht die nicht Probleme? &amp;raquo;Das h&amp;auml;ngt vom Fahrer ab&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;In meinem Fall &amp;ndash; nein.&amp;laquo; China ist reich geworden. Und arm geblieben. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist hier so gro&amp;szlig; wie kaum irgendwo anders auf der Welt. Und irgendwo zwischendrin h&amp;auml;ngen Menschen wie meine Freunde. Bei uns w&amp;uuml;rde man sie Mittelschicht nennen. Und wo verorten sie sich selbst? &amp;raquo;Mitten im Niemandsland&amp;laquo;, sagt eine.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meinungen:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;Keiner hier f&amp;uuml;hlt sich sicher. Keiner. Der Wandel ging zu schnell. Ihr in Deutschland, ihr lebt. Wir hier? Wir laufen um unser Leben.&amp;laquo; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Catherine Du, PR-Managerin.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Wir haben ein Gef&amp;uuml;hl der Krise in dem Moment, da wir auf die Welt kommen. Wir f&amp;uuml;hlen uns bedroht und den Rest unseres Lebens k&amp;auml;mpfen wir. F&amp;uuml;r uns selbst. Das Einzige, was uns bleibt, um uns abzulenken, ist das Essen.&amp;laquo; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Zhang Lan, die Gr&amp;uuml;nderin und Besitzerin von &amp;raquo;South Beauty&amp;laquo;, einer schicken Restaurantkette.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Geh&amp;ouml;rt es zur Definition von Mittelschicht, dass man sich sicher f&amp;uuml;hlt und keine Sorgen machen muss? Wenn ja, dann gibt es hier keine Mittelschicht. Keiner f&amp;uuml;hlt sich sicher, nicht die ohne und nicht die mit Geld. Jeder w&amp;uuml;nscht sich Stabilit&amp;auml;t und keiner findet sie. Keiner traut dem anderen &amp;uuml;ber den Weg und alle zusammen trauen der Regierung nicht. Jeden kann es jederzeit treffen.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Du Ming*, &amp;Uuml;bersetzerin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das ist das Erstaunlichste: Allen meinen Freunden geht es materiell besser als vor sieben Jahren. Alle sind sie gemeinsam mit ihrem Land ein St&amp;uuml;ck wohlhabender geworden, sie haben sich Wohnungen und Autos gekauft, sie fahren in den Urlaub in die Grenzprovinz Yunnan, aber auch nach Thailand oder Berlin. Und alle, ausnahmslos, sind sie pessimistischer als damals. Verunsichert. Weil sie nun etwas zu verlieren haben? Weil ihre Erwartungen gestiegen sind? In den Gesellschaften Europas kam mit dem materiellen Aufstieg das Gef&amp;uuml;hl der Sicherheit. Hier nicht. Weil die Menschen keine Garantien haben, keine Gerichte, die sie sch&amp;uuml;tzen, keine Politiker, die sich ihnen verpflichtet f&amp;uuml;hlen. Sie sind wohlhabender, sie haben mehr pers&amp;ouml;nliche Freiheiten als je zuvor, und wahrscheinlich haben auch diese Freiheiten zur Verunsicherung beigetragen: Mehr als 500 Millionen surfen im Internet, die Flut der Informationen ist auch in China inzwischen gewaltig: die einst abgeschottete Gesellschaft ist mit einem Mal durchtr&amp;auml;nkt von Skandalen, Ger&amp;uuml;chten, Halbwahrheiten &amp;ndash; geblieben ist die Gewissheit, dass man nie die ganze Wahrheit erf&amp;auml;hrt, und der Schreck dar&amp;uuml;ber ist ungleich gr&amp;ouml;&amp;szlig;er als fr&amp;uuml;her.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Von au&amp;szlig;en mag China noch nie so reich, so m&amp;auml;chtig und so unaufhaltbar gewirkt haben wie heute. Aber in der Mitte des Landes trifft man auf viele Menschen, die sich und ihr Land in einer tiefen Krise sehen, in einer gesellschaftlichen wie moralischen, die das System und den Rahmen, den dieses System ihnen pers&amp;ouml;nlich zum Leben l&amp;auml;sst, f&amp;uuml;r so zerbrechlich halten wie vielleicht nie seit Ende der Achtzigerjahre. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jeder t&amp;auml;nzelt. Keiner h&amp;auml;lt ruhig. Ist das Dynamik? Vielleicht. Vor allem aber verr&amp;auml;t es Nervosit&amp;auml;t.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Essen. &amp;raquo;Des Volkes Himmelreich&amp;laquo; (alter Spruch). &amp;raquo;F&amp;uuml;r die Chinesen das, was f&amp;uuml;r Europ&amp;auml;er der Sex ist&amp;laquo; (der Kolumnist Liu Qi). Thema Nummer eins damals. Thema Nummer eins heute. Blo&amp;szlig;: Damals waren es Gespr&amp;auml;che voller Lust und Sinnlichkeit. Heute ist auch die Konversation &amp;uuml;bers Essen ein Quell von Furcht und Misstrauen: Todbringendes Milchpulver, mit Schwermetall vergifteter Reis, mit Antibabypillen gro&amp;szlig;gezogener Speisefisch, in den Restaurantk&amp;uuml;chen recyceltes krebserregendes Alt&amp;ouml;l &amp;ndash; all die Skandale der letzten Jahre haben das Thema Essen f&amp;uuml;r viele Chinesen zum Symbol daf&amp;uuml;r gemacht, was alles schiefl&amp;auml;uft in ihrem Land: die Profitgier der Einzelnen, die keine Skrupel mehr kennen, die Machtbesessenheit der Partei, die keine unabh&amp;auml;ngige &amp;Uuml;berwachung zul&amp;auml;sst, die Intransparenz des Systems, das vor allem dem Wohl einer auserw&amp;auml;hlten Kaste von Privilegierten dient. Die Nachricht von den organischen Lebensmitteln, die sich die Reichen nach Hause liefern lassen, die von den Hightech-Luftreinigern, die in den Hallen der Macht in Zhongnanhai selbst den Feinstaub aus der Luft filtern, die Pekinger haben sie wohl vernommen. Ist es so weit gekommen, dass selbst gesundes Essen und saubere Luft nur mehr den M&amp;auml;chtigen zustehen? Die Menschen h&amp;ouml;ren, dass ihr Land zweitgr&amp;ouml;&amp;szlig;te Wirtschaftsmacht der Erde geworden ist, und sie sehen, dass sie sich die Wohnungen in ihrer Stadt nicht mehr leisten k&amp;ouml;nnen. Sie h&amp;ouml;ren von den Tausenden Kilometern Schienen f&amp;uuml;r neue Hochgeschwindigkeitsz&amp;uuml;ge, und sie sehen einen dieser Z&amp;uuml;ge entgleisen und viele in den Tod rei&amp;szlig;en, weil das Eisenbahnministerium ein Hort der Korruption ist. Sie h&amp;ouml;ren die Regierung Peking als &amp;raquo;Weltstadt&amp;laquo; preisen und sie sehen eine sonderbare Mischung aus Tokio und Pj&amp;ouml;ngjang plus Supersmog plus Dauerstau, die die Zeitschrift Foreign Policy soeben &amp;raquo;unbewohnbar&amp;laquo; genannt hat. Sie lesen die roten Banner vom &amp;raquo;Aufbau der Zivilisation&amp;laquo; und vom &amp;raquo;Moralischen Pekinger&amp;laquo; und sie sehen blinden Konsum und die Jagd nach Geld, denn das sind die Dinge, die die Partei dem Volk erlaubt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zuoxiao Zuzhou ist Rockmusiker. Er ist einst aus dem S&amp;uuml;den nach Peking gekommen, aus der Provinz Jiangsu. &amp;raquo;Ein Hippie war ich&amp;laquo;, sagt er. Aufgewachsen ist er bettelarm, die Schule brach er ab. Besondere Kennzeichen: Schlapphut, Gitarre und ein Gesang, der oft mehr tiefes R&amp;ouml;hren ist. Bevor ich China 2005 verlie&amp;szlig;, spielte Zuzhou in kleinen Bars und Clubs vor oft nicht mehr als 20 Leuten. Wenn du so erfolglos warst, dass sich die Polizei nicht f&amp;uuml;r dich und deine klugen Texte interessierte, dann nannte man das damals dixia, &amp;raquo;Untergrund&amp;laquo;. Wir haben eine Essensverabredung. Ein Kleinwagen f&amp;auml;hrt vor, Zuzhous Freundin sitzt am Steuer, seine kleine Tochter, vier Jahre alt, ist auch dabei. Eigentlich dachte ich, wir gingen bei uns um die Ecke in ein Lokal. &amp;raquo;Bist du verr&amp;uuml;ckt?&amp;laquo;, sagt Zuzhou. &amp;raquo;Hier in der Gasse? Du kannst hier nicht einfach so essen gehen. Die Zeiten sind vorbei. Viel zu riskant. Wir fahren zum Restaurant eines Freundes&amp;laquo; &amp;ndash; ans andere Ende der Stadt &amp;ndash; &amp;raquo;da wei&amp;szlig; ich genau, was sie uns vorsetzen.&amp;laquo; Seine Freundin nickt heftig. &amp;Auml;hnliche Debatten hatte ich seither &amp;ouml;fter mit chinesischen Bekannten. Sp&amp;auml;ter sitzen wir um einen runden Tisch: Shrimps mit Drachenbrunnen-Teebl&amp;auml;ttern, zarte frittierte Bambussprossen, in Fenchel gekochte Saubohnen. &amp;raquo;Jetzt bist du also zur&amp;uuml;ck in Peking, Ma Kai&amp;laquo;, sagt Zuzhou, Ma Kai ist mein chinesischer Name. &amp;raquo;Wieso eigentlich? Wo wir doch alle hier weg wollen: der Dreck, den sie Luft nennen, was sie mit unseren Lebensmitteln anstellen &amp;hellip; Dass es so weit kommt? Du kannst nicht mehr atmen, du kannst nichts mehr essen. Gruselig ist das. Zwei T&amp;ouml;chter habe ich jetzt, die Kleine ist zwei Jahre alt. Ich kann der Kleinen ja nicht mal mehr Milchpulver geben. Klar, ich k&amp;ouml;nnte die importierten Sachen kaufen, wie es so viele tun. Aber selbst da wissen wir ja nicht, ob nicht alles gef&amp;auml;lscht ist.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Ich m&amp;ouml;chte nicht, dass sie in so einem Land aufwachsen.&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54915.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Zuoxiao Zuzhou muss nicht mehr in kleinen Bars spielen. 2010 gab er in Peking vor 20 000 Leuten ein ausverkauftes Konzert. Der junge Rennfahrer und Autor Han Han, wahrscheinlich Chinas bekanntester Blogger, schrieb damals &amp;uuml;ber Zuzhous Lieder: &amp;raquo;Ich habe viele sch&amp;ouml;ne Gegenden gesehen und viele sch&amp;ouml;ne M&amp;auml;dchen getroffen. Mich ber&amp;uuml;hrt so leicht nichts. Aber er, er hat mich wirklich ber&amp;uuml;hrt.&amp;laquo; Zuzhou komponiert auch Filmmusik, zuletzt f&amp;uuml;r den neuen Film von Zhang Ziyi, Chinas ber&amp;uuml;hmtester Schauspielerin. Vor allem aber schreibt er nicht l&amp;auml;nger nur Lieder. Er schreibt Mikroblogs, ist zum Freund des K&amp;uuml;nstlers und Rebellen Ai Weiwei geworden. Seither verhindert die Polizei jeden seiner Auftritte. Wie ist das passiert? Wo kam er her, der politische Zu-zhou? &amp;raquo;Ich bin nicht politisch&amp;laquo;, sagt Zuzhou. &amp;raquo;Ich schreibe als Mensch, der menschlich sein und Menschlichkeit sehen will. Darum geht&amp;rsquo;s. Wie Menschen hier behandelt werden.&amp;laquo; Bekannt geworden ist er in den Jahren nach 2006. &amp;raquo;Die Leute haben meine Texte entdeckt und sich darin wiedererkannt. Ich habe ja immer wieder auch &amp;uuml;ber Dinge gesungen wie das Heim, das einem die Regierung abrei&amp;szlig;t, und die Leute merkten: Das geht uns was an!&amp;laquo; Dann sagt Zuzhou, er wolle f&amp;uuml;r seine Frau und seine zwei T&amp;ouml;chter eine neue Heimat im Ausland suchen. &amp;raquo;Ich m&amp;ouml;chte nicht, dass sie in so einem Land aufwachsen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit diesem Wunsch ist er nicht allein. In einem Bericht der HSBC-Bank sagten 60 Prozent der befragten Chinesen mit einem Monatseinkommen &amp;uuml;ber 12 000 Yuan (1500 Euro) und einem Verm&amp;ouml;gen von mindestens 500 000 Yuan, sie planten, in den n&amp;auml;chsten zehn Jahren China zu verlassen. Am liebsten Richtung Australien, Singapur, Hongkong oder Kanada. Wer kann, will weg &amp;ndash; sieht so eine Erfolgsgeschichte aus? &amp;raquo;Fr&amp;uuml;her war die Erziehung der Kinder Grund Nummer eins f&amp;uuml;r den Wunsch auszuwandern&amp;laquo;, schreibt der Soziologe Sun Liping von der Pekinger Qinghua-Universit&amp;auml;t. &amp;raquo;Im letzten Jahr war es zum ersten Mal der Wunsch nach Sicherheit.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Suche nach Gl&amp;uuml;ck. Kurz vor dem Parteitag der KP gingen Reporter des Staatssenders CCTV auf die Stra&amp;szlig;e und fragten die Passanten, wie gl&amp;uuml;cklich sie seien. Der im Internet meistgefeierte Dialog der Serie war der mit einem sichtlich verbl&amp;uuml;fften Wanderarbeiter: &amp;raquo;Bist du gl&amp;uuml;cklich?&amp;laquo; Seine Antwort: &amp;raquo;Ich hei&amp;szlig;e Zeng.&amp;laquo; (&amp;raquo;Bist du gl&amp;uuml;cklich?&amp;laquo; wird auf Chinesisch &amp;auml;hnlich ausgesprochen wie der Satz: &amp;raquo;Hei&amp;szlig;t du Fu?&amp;laquo;) Ein anderer Dialog, mit einem 73-j&amp;auml;hrigen Flaschensammler: &amp;raquo;Bist du gl&amp;uuml;cklich?&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Ich h&amp;ouml;re schlecht.&amp;laquo; Oder ein Stra&amp;szlig;enk&amp;uuml;nstler in Chengdu: &amp;raquo;Bist du gl&amp;uuml;cklich?&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Zahl mir was, ich hab nicht genug Renminbi.&amp;laquo; Schnell kursierte ein neuer Begriff im Netz: bei xingfu, &amp;raquo;gl&amp;uuml;cklich gemacht werden&amp;laquo;. Ihr wollt Gl&amp;uuml;ck in die Gesellschaft tragen, fragte hernach ein Teilnehmer der Online-Debatte: &amp;raquo;Wie w&amp;auml;r&amp;rsquo;s denn, wenn ihr uns mit euren Parolen vom &amp;rsaquo;harmonischen China&amp;lsaquo; verschont und uns stattdessen Gleichheit, Gerechtigkeit und einen Rechtsstaat gebt?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In diesem Land, hatte Zuzhou gesagt, versuchten die Leute heute, mit allen Mitteln den anderen auszustechen. &amp;raquo;Eine Sorte von Menschen aber, die kriegt richtig Probleme hier: n&amp;auml;mlich die, die ehrlich und selbstlos handeln.&amp;laquo; Der liberale Autor Murong Xuecun ver&amp;ouml;ffentlichte am 25. Juli dieses Jahres, ich war gerade gelandet in Peking, einen leidenschaftlichen &amp;raquo;Appell f&amp;uuml;r ein sanfteres China&amp;laquo;. Es war an dem Tag der popul&amp;auml;rste Text auf Sina Weibo, Chinas Version von Twitter. 36 000 Nutzer leiteten den Text weiter, 8000 kommentierten ihn, bevor er &amp;raquo;harmonisiert&amp;laquo; wurde, das ist in China Netzslang f&amp;uuml;r: gel&amp;ouml;scht. Murong Xuecun schreibt von dem einen Vorteil, den man als B&amp;uuml;rger Chinas hat: Es falle einem immer leicht, Theorie und Realit&amp;auml;t auseinanderzuhalten. &amp;raquo;Theoretisch haben wir ein paar Rechte, in der Praxis existieren sie nicht. Theoretisch sind unsere Einkommen gestiegen, aber wenn du zum Markt kommst, siehst du, dass du dir nicht einmal das Fleisch leisten kannst. Theoretisch haben sich ein paar Leute erhoben, in Wirklichkeit sind sie noch immer auf ihren Knien. Theoretisch haben wir ein paar Berge versetzt, in Wirklichkeit sind wir einfach in ein Loch gefallen.&amp;laquo; Am st&amp;auml;rksten ist der Text da, wo er beschreibt, wie der autorit&amp;auml;re Staat, wie Willk&amp;uuml;r und Gehirnw&amp;auml;sche das Volk korrumpieren: &amp;raquo;Sie haben die Gesellschaft brutalisiert und unsicher gemacht.&amp;laquo; Zu solchen Schl&amp;uuml;ssen kommen beileibe nicht nur Parteikritiker. Das KP-Magazin &lt;em&gt;Studienzeit &lt;/em&gt;konstatierte vor Kurzem in einem viel beachteten Res&amp;uuml;mee der letzten zehn Jahre gar den &amp;raquo;moralischen Kollaps&amp;laquo; der Gesellschaft und warnte: &amp;raquo;Wir alle sollten erf&amp;uuml;llt sein von einem Gef&amp;uuml;hl der Krise.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Diesem Land&amp;laquo;, sagt Tiancheng, &amp;raquo;ist der Kompass verloren gegangen.&amp;laquo; Er stochert in dem Hotpot, in dem noch ein paar St&amp;uuml;ckchen Fischfilet herumschwimmen. &amp;raquo;Mala tang, shui zhu yu, manche Dinge &amp;auml;ndern sich nie. Aber diese Gier &amp;hellip;&amp;laquo; Er z&amp;auml;hlt auf: der Nachbar, der einen Poller auf die &amp;ouml;ffentliche Stra&amp;szlig;e nagelt, um sich so einen privaten Parkplatz zu sichern. Die Firmen, die die Milch vergiften f&amp;uuml;r ein paar M&amp;uuml;nzen mehr. Die &amp;Auml;rzte, die du bestechen musst, wenn du operiert werden m&amp;ouml;chtest. Die Lehrer, denen du einen &amp;raquo;Umschlag&amp;laquo; &amp;uuml;berreichen musst, wenn dein Kind nicht benachteiligt werden soll. Dutzende von Menschen, die achtlos an einem Kleinkind vor&amp;uuml;bergehen, das schwer verletzt auf der Stra&amp;szlig;e liegt. &amp;raquo;Waren wir nicht fr&amp;uuml;her stolz darauf, dem anderen zu helfen? Waren wir nicht das Land der Junzi, der Edlen?&amp;laquo; Aber, meint Tiancheng dann, er k&amp;ouml;nne die Leute auch verstehen. &amp;raquo;Die da oben, die sich eigentlich um sie k&amp;uuml;mmern sollten, die tun das nicht, die raffen selbst, so viel sie k&amp;ouml;nnen, also k&amp;uuml;mmern sich die Leute unten auch nicht um andere. Diese Leute haben ja nichts au&amp;szlig;er ihrem Gewissen, also verkaufen sie halt das.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nat&amp;uuml;rlich ist das nicht die ganze Wahrheit. Als ich einmal im Regen mit meinem Fahrrad an der Kreuzung stand, da kam einer und schenkte mir einen Regenschirm. Einfach so. Und als im Sommer gewaltige Regenf&amp;auml;lle die Hauptstadt unter Wasser setzten und mehr als 70 Menschen ertranken, da tauchten mit einem Mal &amp;uuml;berall Menschen auf, die ihre Privatwagen als Taxis zur Verf&amp;uuml;gung stellten, die die ganze Nacht durchfuhren, Menschen ins Krankenhaus oder nach Hause brachten, ohne einen Cent zu nehmen. Und doch: Wenn die Menschen einander heute solche Geschichten erz&amp;auml;hlen, dann tun sie das mit dem Ausdruck gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Erstaunens, als seien sie ein Echo aus fernen Zeiten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was tun? Eine gl&amp;uuml;ckliche Frau, ein gute Flasche Rotwein, eine Schale knusprigen H&amp;uuml;hnchens, versteckt unter einem Berg von scharfen Paprika &amp;ndash; was sonst?, sagt Mang Ke, der Malerdichter. Selbst menschlich sein, sagt Zuzhou, der Musiker. Das Denken nicht aufgeben, sagt Tiancheng, und das F&amp;uuml;hlen nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann gibt es da noch Zhang Xiaolin* und Dong Lei*, die beide das selbst in die Hand nehmen, die Sache mit den Werten. Xiaolin, die Freundin aus Shanghai, schrieb auch Gedichte, verdiente ihr Geld aber mit Fernseh-Drehb&amp;uuml;chern. Nachdem ich wegging, stieg sie ein in den Handel mit Jadesteinen, verdiente viel Geld. Dann entdeckte sie Gott. &amp;raquo;Diese Gesellschaft hat keinen Weg und kein Ziel. Die Regierung hat den Menschen die Religion genommen und den Kommunismus geschenkt, jetzt ist der Kommunismus tot, und die Menschen haben keine Hoffnung mehr&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Also musst du ihnen den Glauben bringen.&amp;laquo; Sie ist nun Christin und tr&amp;auml;gt heimlich Bibeln in Bauernd&amp;ouml;rfer, der Staat sieht das nicht gern. &amp;raquo;Die Leute saugen das auf, das ist unglaublich&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Fr&amp;uuml;her habe ich mich unter angeblichen Freunden getummelt, die wollten dir ans Leder, wenn du auch nur eine Sekunde nicht aufgepasst hast. Heute arbeite ich mit Menschen, die geben ihr Leben f&amp;uuml;r andere.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein paar Tage sp&amp;auml;ter treffe ich Dong Lei, auch er ein alter Trinkkumpan. Ein sanfter, nachdenklicher Mann aus dem Nordosten, all die Jahre auf der Suche nach der richtigen Frau, nach einer Familie. Dong Lei machte damals schon Gesch&amp;auml;fte, die mir oft ein R&amp;auml;tsel waren. Fast jedes Mal, wenn ich ihn traf, hatte er ein neues Projekt, ein neues Auto und eine neue Handynummer. Kurz bevor ich China verlie&amp;szlig;, hatte er gerade in einen Schlachthof investiert und beriet einen gro&amp;szlig;en staatlichen Verlag. Dong l&amp;auml;dt uns ein in ein Restaurant in einem der Glast&amp;uuml;rme am zweiten Ring. &amp;raquo;Ah&amp;laquo;, sagt das Empfangsfr&amp;auml;ulein, als wir Dongs Namen nennen: &amp;raquo;Pr&amp;auml;sident Dong&amp;laquo;. Dann geleitet sie uns vorbei an einem Springbrunnen samt k&amp;uuml;nstlichem Eispalast in ein Separee, wo wir uns auf samtbezogenen Sesseln niederlassen. Decke und W&amp;auml;nde sind mit einer silbernen Tapete beschlagen, auf dem Tisch steht eine mit Wasser gef&amp;uuml;llte Glassch&amp;uuml;ssel, in der P&amp;auml;onienbl&amp;uuml;ten und Kerzen in Rosenform schwimmen. In der Ecke l&amp;auml;uft stumm ein Fernseher: Rolex, Prada, Herm&amp;egrave;s, Dior, Ferrari &amp;ndash; Werbung f&amp;uuml;r alles, was die Klientel des Lokals interessieren k&amp;ouml;nnte. Dong Lei kommt, er bestellt bescheiden. Keine Seegurke, keine Haifischflossen, keine Schildkr&amp;ouml;ten, die die Karte so anpreist, ein wenig Gem&amp;uuml;se, Doufu, Huhn, in Sojasauce eingelegte Ente. Dong hat gerade eine neue Firma gegr&amp;uuml;ndet. Er erz&amp;auml;hlt von seinem ersten Kunden. Einem Selfmade-Unternehmer aus Wuhan, der mit scharfen Entenh&amp;auml;lsen reich wurde, der neueste Modesnack in China. &amp;raquo;Der Mann knallt nach dem Essen einfach so seinen Teller auf den Tisch&amp;laquo;, Dong Lei macht es vor. &amp;raquo;Wir werden ihm beibringen, wie man den Teller sanft absetzt. Wir werden ihm beibringen, wie man Wein trinkt. Wie man mit Messer und Gabel isst.&amp;laquo; Dong Lei nimmt einen Schluck Tee, dann sagt auch er das, was sich wie ein roter Faden durch all meine Gespr&amp;auml;che zog: &amp;raquo;China hat seine Werte verloren. Das ist unser gr&amp;ouml;&amp;szlig;tes Problem. Wir brauchen ein neues Wertesystem, aber Religion erlaubt die Regierung nicht.&amp;laquo; Dong Lei ist Unternehmer, er zog seine eigenen Schlussfolgerungen: &amp;raquo;Ich dachte mir: Warum nicht einfach bei den Manieren anfangen? Wir machen aus Chinas Neureichen einen neuen Adel. Wir lassen aus Europa Adelige einfliegen &amp;ndash; da gibt&amp;rsquo;s doch heute einige, die Geld n&amp;ouml;tig haben, oder? &amp;ndash; und bringen den Unsrigen Manieren bei.&amp;laquo; Dong Lei holt sein iPhone hervor und spielt einen Videoclip ab, der im Netz die Runde machte. Man sieht einen reichen Chinesen im Fond seiner Limousine, der sich von seiner Sekret&amp;auml;rin eine teure Flasche franz&amp;ouml;sischen Rotweins reichen l&amp;auml;sst. &amp;raquo;Gie&amp;szlig;en Sie mir da noch Sprite rein&amp;laquo;, befiehlt der Mann. &amp;raquo;Aber, aber&amp;laquo;, tadelt ihn die Sekret&amp;auml;rin: &amp;raquo;Die Europ&amp;auml;er haben Jahrhunderte gebraucht, um den Zucker aus dem Wein zu entfernen, und Sie wollen ihn wieder reinkippen?&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Aaah&amp;laquo;, macht der Mann und &amp;uuml;berlegt: &amp;raquo;Dann geben Sie mir einfach ein Glas Sprite.&amp;laquo; Dong Lei lacht. &amp;raquo;Unsere F&amp;uuml;hrer sagen, wir leben im &amp;rsaquo;Sozialismus mit chinesischen Besonderheiten&amp;lsaquo;. Nun, wir schaffen einen &amp;rsaquo;Adel mit chinesischen Besonderheiten&amp;lsaquo;.&amp;laquo; Pr&amp;auml;sident Dong tupft sich mit der Serviette den Mund ab. &amp;raquo;Und auf dem Weg dahin kn&amp;ouml;pfen wir ihnen ihr Geld ab.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Die Menschen.&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54921.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
TIANCHENG (48)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Maler und M&amp;ouml;belrestaurator stammt aus -einer      alten Pekinger Familie, sein Urgro&amp;szlig;vater war einmal einer der reichsten      Chinesen. Tiancheng zog vor Jahren nach Vancouver, kommt aber von      Peking nicht los. Im Moment sucht er wieder ein Atelier in der Stadt.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54923.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
MANG KE (62)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Dichter und Malerhat ein Faible f&amp;uuml;r Japan, ist      aber Pekinger mit Leib und Seele und anderswo nicht &amp;uuml;berlebensf&amp;auml;hig.      Heute so trinkfest wie damals, wenn auch immer &amp;ouml;fter Rotwein statt Erguotou      (Pekinger Teufelszeug).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54925.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
        ZUOXIAO ZUZHOU (42)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Eigentlich kann er gar nicht singen&amp;laquo;,      stellte sein Freund Ai Weiwei einmal fest. Zuzhou kam einst mit      nichts als einer Gitarre nach Peking und ist heute einer der      originellsten Liedermacher des Landes.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;*Namen von der Redaktion ge&amp;auml;ndert&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Ein Land hebt ab</dc:subject>
    <dc:creator>Kai Strittmatter</dc:creator>
    <dc:date>2012-12-24T11:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38735">
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    <title>»Ein größenwahnsinniges Irrenhaus«</title>
    <description>&lt;p&gt;Wer in New York die Pr&amp;auml;sidentschaftswahlen gewinnt, dar&amp;uuml;ber mussten sie      nicht diskutieren. Trotzdem hatten die zehn leidenschaftlichen New      Yorker, die wir zum Gespr&amp;auml;ch &amp;uuml;ber ihre Stadt eingeladen haben, genug zu      besprechen: die Mietpreise, Verhaftungen wegen Biertrinkens auf der      Stra&amp;szlig;e, Rassismus und die Z&amp;auml;hmung ihrer Stadt. Am Ende traten dann noch      alle 4800 Dollar mit F&amp;uuml;&amp;szlig;en. New York? New York!&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mitte Oktober in New York: Das &amp;raquo;Standard Hotel&amp;laquo; im Meatpacking District ist ein viel besuchter Betonklotz am Ufer des Hudson River, mit Fenstern, die ein bisschen matt aussehen. Drinnen ist alles hell und gro&amp;szlig;z&amp;uuml;gig, auf dem Boden gl&amp;auml;nzen runde Fliesen aus Bronze, wir werden von &amp;uuml;berfreundlichen Bedienungen empfangen: Wir haben einen Tisch im Nebenraum des Restaurants reserviert, er wird &amp;raquo;The Wine Room&amp;laquo; genannt, weil hier in vergitterten Schr&amp;auml;nken die teuren Weine lagern. Wir haben zehn New Yorker eingeladen, um &amp;uuml;ber die anstehende Pr&amp;auml;sidentenwahl, die Stadt und das Leben zu reden. Richard Sennett, Soziologe, Philosoph und Professor an der New York University, erscheint als Erster p&amp;uuml;nktlich um zw&amp;ouml;lf. Er sieht aus, wie man sich einen New Yorker Intellektuellen vorstellt: runde Nickelbrille, wei&amp;szlig;er Haarkranz, dunkles Sakko.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Richard Sennett:&lt;/strong&gt; Oh, ich dachte, wir w&amp;auml;ren heute mehrere Leute? Warum treffen wir uns ausgerechnet hier? Vor 50 Jahren habe ich ganz in der N&amp;auml;he gewohnt, da stand dieses merkw&amp;uuml;rdige Touristenhotel noch nicht hier. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Wir dachten, das Hotel gilt als hip. Und wir brauchten einen ruhigen Nebenraum, um unsere G&amp;auml;ste fragen zu k&amp;ouml;nnen, ob New York immer noch so ist, wie wir es uns in Deutschland vorstellen: teuer, traumatisiert, aber die f&amp;uuml;hrende Weltstadt, deren Bewohner geschlossen hinter Pr&amp;auml;sident Barack Obama stehen.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Daf&amp;uuml;r h&amp;auml;tten wir uns auch bei mir im B&amp;uuml;ro an der Uni treffen k&amp;ouml;nnen. Bis in die Neunzigerjahre waren hier im Meatpacking District tats&amp;auml;chlich lauter Schlachth&amp;ouml;fe, nachts gingen hier die Transvestiten auf den Strich. Aber es gab auch g&amp;uuml;nstige Wohnungen f&amp;uuml;r K&amp;uuml;nstler und Studenten. Heute ist es ein teurer, langweiliger Touristenort. Diese Geschichte wiederholt sich st&amp;auml;ndig. Der Tourismus ist die bedeutendste Industrie f&amp;uuml;r New York. Gleich hinter der Finanzindustrie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Noch bevor Richard Sennett sich Wasser zu trinken bestellt, hat Aaron Brown den Raum betreten. Der Hedgefonds-Manager mit grauem Vollbart tr&amp;auml;gt ein leuchtend rotes Hemd zur lilafarbenen Lederjacke. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aaron Brown:&lt;/strong&gt; Inzwischen d&amp;uuml;rfte der Tourismus noch bedeutender sein als der Finanzsektor. Seit der Finanzkrise 2007 haben ja viele Banker ihre Jobs verloren.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Wo haben Sie denn Ihr B&amp;uuml;ro?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Im Norden, in Greenwich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Oh, dieser Kerl ist ja gar kein echter New Yorker! Er arbeitet in Connecticut.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Fast die ganze Finanzbranche ist von der Wall Street und der Madison Avenue nach Greenwich gezogen. &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Warum denn?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Firmen brauchen viele gering qualifizierte Mitarbeiter, die k&amp;ouml;nnen sich keine Wohnungen in der N&amp;auml;he Manhattans mehr leisten. Nur kleine Firmen mit hoch qualifizierten Leuten sind noch dageblieben. Au&amp;szlig;erdem muss man in Connecticut weniger Steuern zahlen. Wer Geld hat, wohnt in Manhattan und f&amp;auml;hrt nach Greenwich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Diese Schweinehunde sind fein raus. Dabei mag ich Manhattan gar nicht besonders: Es ist zu einer riesigen Shoppingmall verkommen, das Leben und Wohnen findet heute woanders statt. In Queens und Brooklyn. Ich bin nicht gl&amp;uuml;cklich dar&amp;uuml;ber. Manhattan besitzt nur noch teilweise eine lebendige Kultur.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Ich muss Manhattan in Schutz nehmen. Ich wohne in der Gegend von der Juilliard School, man l&amp;auml;uft dort st&amp;auml;ndig irgendwelchen Musikern &amp;uuml;ber den Weg. Andere Universit&amp;auml;ten in Manhattan sind auch toll. Studenten aus aller Welt pr&amp;auml;gen das Gesicht vieler Stra&amp;szlig;enz&amp;uuml;ge. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;12.10&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Filmemacherin Kelly Anderson betritt den &amp;raquo;Wine Room&amp;laquo;. Sie tr&amp;auml;gt ein T-Shirt mit der Aufschrift &amp;raquo;My Brooklyn&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Wo leben Sie denn?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kelly Anderson:&lt;/strong&gt; Sieht man doch: Sunset Park, Brooklyn. Gef&amp;auml;llt mir gro&amp;szlig;artig. Manhattan ist f&amp;uuml;r Filmemacher viel zu teuer. &amp;Uuml;ber Mid-Brooklyn habe ich gerade einen Dokumentarfilm gedreht. Dar&amp;uuml;ber, wie auch dort alle Leute mit wenig Geld wegziehen m&amp;uuml;ssen, weil die Stadt ein riesiges Einkaufszentrum bauen lie&amp;szlig;. Der B&amp;uuml;rgermeister hat dort aus einem Wohnviertel kurzerhand ein Gesch&amp;auml;ftsviertel gemacht. Er hat sich dem Willen gro&amp;szlig;er Baufirmen gebeugt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; In meiner Gegenwart d&amp;uuml;rfen Sie ruhig das Wort Kapitalist gebrauchen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Ach, bei den Baufirmen handelt es sich leider in den seltensten F&amp;auml;llen um echte Kapitalisten, das Gesch&amp;auml;ft ist viel zu korrupt, mit fairem Wettbewerb hat das nichts zu tun. Aber wenn etwas schiefl&amp;auml;uft, sind nat&amp;uuml;rlich die Kapitalisten schuld. Dabei sind es Stadtverwaltung und Baufirmen, die das Blaue vom Himmel versprechen, aber alles vergessen, sobald die Bagger kommen. An der 72. Stra&amp;szlig;e sollte der U-Bahnsteig erweitert werden, damit sich die Bewohner der vielen neuen Apartments nicht gegenseitig auf die Gleise dr&amp;auml;ngeln. Nichts passierte. Nur ein neues Warnschild wurde aufgeh&amp;auml;ngt. Bis heute ist es der gef&amp;auml;hrlichste U-Bahnhof in New York.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Die Immobilienbranche hat eine m&amp;auml;chtige Lobby in der Stadtverwaltung. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; New York war bankrott in den Siebzigerjahren, das schuf ein Klima, in dem jede Investition willkommen war. So sind viele verpfuschte Geb&amp;auml;ude entstanden. H&amp;ouml;he war pl&amp;ouml;tzlich das Einzige, was z&amp;auml;hlte. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Die Renovierung des Grand Central Terminal finde ich recht gelungen. Aber Sie haben schon recht: Nach 1920 entstanden kaum noch sch&amp;ouml;ne H&amp;auml;user in Manhattan.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Ein paar Dinge haben sie gut hinbekommen: Die Piers hat man sch&amp;ouml;n renoviert, der Zugang zum Wasser wurde an vielen Stellen verbessert. Und auch die Fu&amp;szlig;g&amp;auml;ngerzone am Times Square war eine gute Idee, f&amp;uuml;r New York auch sehr neu. Trotzdem ziehen immer mehr Menschen weg aus Manhattan.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett: &lt;/strong&gt;Fr&amp;uuml;her hatten junge K&amp;uuml;nstler gar keine Wahl, sie mussten einfach hierherkommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Manhattan viel mehr kleinere Galerien als heute, auch mehr Konzerts&amp;auml;le. Berufsmusiker arbeiteten in Kirchen, w&amp;auml;hrend der wei&amp;szlig;e alte Geldadel Oper und Philharmonie kontrollierte. Das hat sich alles ge&amp;auml;ndert. Die Kirchen sind als Kulturveranstaltungsort weggefallen, junge T&amp;auml;nzer und Musiker tun sich schwer, noch bezahlbare &amp;Uuml;bungsr&amp;auml;ume zu finden. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Ich h&amp;ouml;re immer noch von jungen Leuten, die nach New York kommen und nach Inspiration suchen. M&amp;uuml;sste das nicht von der Stadt unterst&amp;uuml;tzt werden? Brown: Die Stadt unterst&amp;uuml;tzt nur die Disneyfizierung, Touristen sollen die gro&amp;szlig;en Broadway-Theater und Konzertb&amp;uuml;hnen besuchen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Mein Sohn ist Bildhauer, er lebt in London und sagt: Dort werden auch unbekannte K&amp;uuml;nstler gekauft, in New York nur die gro&amp;szlig;en Namen. Die entscheidende Frage ist doch, ob sich eine Stadt mit einer lebhaften Kulturszene vom Tourismus abh&amp;auml;ngig machen darf? Ich glaube: nein. Wenn eine Stadt nur noch aus Ladenketten besteht, gehen alle Jobs fl&amp;ouml;ten, wenn die Touristen nicht mehr kommen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Solche L&amp;auml;den bringen doch auch Jobs, gerade f&amp;uuml;r &amp;auml;ltere Arbeiter mit geringer Qualifikation, die sich sonst schwertun.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Zuerst habe ich Sie f&amp;uuml;r einen linken Banker gehalten, jetzt stellt sich heraus: Sie sind einfach nur romantisch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;12.30 &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Geht ja gut los. Die ersten drei G&amp;auml;ste scheinen sich gut zu verstehen und reden munter drauflos. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Worauf wollt ihr eigentlich hinaus mit diesem Interview?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; W&amp;uuml;rde ich auch gern wissen. Ich muss leider bald gehen, ich habe heute Nachmittag noch eine Vorlesung zu halten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin:&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;Zun&amp;auml;chst mal w&amp;uuml;rden wir gern wissen: Sind wir Touristen schuld, dass New York so teuer ist?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Auch. Hier ist einiges schiefgelaufen in den letzten Jahren. Chicago zum Beispiel hat die Finanzkrise viel besser weggesteckt als New York, weil es dort nicht so eine Monokultur gibt, die nur aus Bankern und Tourismus besteht. In New York ist die Zahl der Banker in den letzten f&amp;uuml;nf Jahren um neun Prozent gefallen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Ach, es gab eh zu viele von uns. Was mich wundert: Eigentlich h&amp;auml;tten die Mieten sinken m&amp;uuml;ssen, als die Banker ihre Jobs verloren. Aber Manhattan wird einfach nicht billiger. Die reichen Leute behalten ihre Wohnungen, auch wenn sie woanders arbeiten. Und es gibt immer noch gen&amp;uuml;gend reiche Ausl&amp;auml;nder, die sich am Central Park was kaufen wollen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Als junger K&amp;uuml;nstler w&amp;uuml;rde ich heute nach Berlin ziehen. Oder Athen. 8000 amerikanische K&amp;uuml;nstler leben schon in Berlin. Und solche Leute br&amp;auml;uchte man eigentlich hier: K&amp;uuml;nstler oder Internet-Typen mit guten Ideen. Aber wenn man die in einen B&amp;uuml;roturm steckt, wird es ihnen nicht gut gehen. Sie brauchen kleine, g&amp;uuml;nstige R&amp;auml;ume, eine lebendige Stadt. So, ich muss jetzt los.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin:&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;Noch eine wichtige Frage: Wer wird die Pr&amp;auml;sidentschaftswahlen gewinnen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Falls Obama kein weiteres Eigentor schie&amp;szlig;t, wird er hoffentlich durchkommen. Dabei ist er eigentlich immer dann besonders gut, wenn er mit dem R&amp;uuml;cken zur Wand steht. Aber manches Mal wird man an der Wand eben erschossen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Den Zahlen nach kann er es schwerlich noch verlieren. Er f&amp;uuml;hrt in den sogenannten Swing States.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sennett:&lt;/strong&gt; Oh, du hast meinen Tag gerettet. Kelly, h&amp;auml;ttest du nicht Lust, mal meine Klasse zu unterrichten? Darf ich deine Karte haben? Auch deine, Aaron? Sehen Sie: So sind wir New Yorker: Wir networken st&amp;auml;ndig. Auf Wiedersehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;13.30&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/53059.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;13.30&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Kellner bringt Aaron Brown einen Salat mit Thunfisch. Und l&amp;auml;sst vorsorglich schon mal die Cocktailkarte da. Der Drink des Hauses, &amp;raquo;The Standard 69&amp;laquo;, mit Champagner, Gin und Himbeerp&amp;uuml;ree kostet zw&amp;ouml;lf Dollar, der Sundowner f&amp;uuml;r drei Personen 55 Dollar.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin:&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;Wie viel Geld braucht man in New York, um reich zu sein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Um ein komfortables Leben f&amp;uuml;hren zu k&amp;ouml;nnen, ein nettes Apartment mit G&amp;auml;stezimmer zu bewohnen, die Kinder rumfahren zu k&amp;ouml;nnen, sollte man schon 300 000 Dollar im Jahr verdienen. Da bleibt dann nichts &amp;uuml;brig, um es auf die hohe Kante zu legen. Aber junge Leute k&amp;ouml;nnen auch mit viel weniger Geld eine Nische finden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Glaube ich nicht. Ich habe eine Professorenstelle an einem College und musste immer weiter rausziehen aus der Stadtmitte Brooklyns. Ich wei&amp;szlig; wirklich nicht, wie das ein Busfahrer oder ein Polizist schaffen soll, wenn ich schon eine Stunde zu meiner Arbeit fahren muss. Ich frage mich: Kann eine Stadt existieren, wenn die meisten Bewohner sich st&amp;auml;ndig irgendwie arrangieren m&amp;uuml;ssen? Die Menschen, die die Stadt am Laufen halten, brauchen doch einen gewissen Mindeststandard zum Leben. Oh, mein Hummer-Sandwich kommt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin:&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;Ist New York noch so etwas wie ein Vorreiter f&amp;uuml;r die Welt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Nicht in dem Sinne, dass andere St&amp;auml;dte New York imitieren sollten &amp;ndash; wir brauchen nicht viele New Yorks, aber ich glaube, wir sind immer noch Trendsetter. Und wer sich mit den besten Leuten messen will, der muss nach New York kommen. Auf jedem Gebiet, ob es nun &amp;Auml;rzte oder Anw&amp;auml;lte sind, findet man hier Leute aus der ganzen Welt, die Spitzenklasse sind. New York ist auch immer noch der Ort, an dem man arm ankommen kann und den man reich verl&amp;auml;sst.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Das Klischee geht mir ganz sch&amp;ouml;n auf die Nerven. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Ich kenne eine Menge Leute, die genau das geschafft haben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;14.15&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Fotografin Rose Hartman kommt, sie ist etwas au&amp;szlig;er Atem und bestellt sofort Wasser mit Eis, Cranberry-Saft mit einem Schuss Orange (&amp;raquo;ganz wunderbar, wenn man mal keinen Alkohol trinken m&amp;ouml;chte&amp;laquo;) und das Hummer-Sandwich, das sie bei Kelly Anderson auf dem Teller entdeckt hat. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Rose Hartman:&lt;/strong&gt; Ich gr&amp;uuml;&amp;szlig;e alle und entschuldige mich f&amp;uuml;r meine Versp&amp;auml;tung.  Aber niemand konnte mir sagen, wo ich euch finde. Ich bin so froh, da zu sein. Ich muss sagen, ich hatte M&amp;uuml;he zu kommen. Ich bin ja so im Stress mit den vielen Interviews wegen meines neuen Buchs.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Was ist das f&amp;uuml;r ein Buch?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Es geht um spektakul&amp;auml;r aussehende Frauen, die etwas Interessantes auf die Beine gestellt haben: Donna Karan zum Beispiel.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Sie haben Firmenbosse fotografiert?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Nein, ich habe sagenhaft gut aussehende Frauen fotografiert, Firmenbosse sind das in den allerseltensten F&amp;auml;llen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rose Hartman tr&amp;auml;gt roten Lippenstift, einen locker gebundenen wei&amp;szlig;en Schal und die blonden Haare kurz. Sie redet laut und langsam. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman&lt;/strong&gt;: Kennen Sie das Foto von Bianca Jagger auf einem wei&amp;szlig;en Pferd? Das habe ich 1977 fotografiert, im &amp;raquo;Studio 54&amp;laquo;, dem Stammclub von Andy Warhol. New York zieht schon immer die sch&amp;ouml;nsten Models aus der ganzen Welt an. Wenn du es hier schaffst, schaffst du es &amp;uuml;berall. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anderson verdreht die Augen und murmelt vor sich hin.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Ich lebe ja schon im West Village, seit Kennedy erschossen wurde, 1963. Glauben Sie es oder nicht: Damals gab es doch tats&amp;auml;chlich noch Schilder, auf denen stand: &amp;raquo;Wohnung zu vermieten&amp;laquo;. Ich musste nicht einmal einen Makler bezahlen. Undenkbar heute. Ich lebe nur acht Minuten von hier, in einer der sch&amp;ouml;nsten Stra&amp;szlig;en der Stadt: Charles Street, gleich gegen&amp;uuml;ber von Sarah Jessica Parker, die vor Kurzem mit ihrem Mann dort eingezogen ist. Und meine Miete ist lange, lange nicht erh&amp;ouml;ht worden, deshalb kann ich mir die Wohnung &amp;uuml;berhaupt noch leisten. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; So viel Gl&amp;uuml;ck haben nicht viele. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Na ja, es gibt auch Schattenseiten in dieser Gegend. Manchmal klingelte es bei mir um vier Uhr morgens. Nat&amp;uuml;rlich galt das nicht mir, sondern zwei Prostituierten, die bei mir auf dem Stockwerk wohnten. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir das auf die Nerven ging. Es dauerte eine Weile, bis ich die beiden loswurde. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Der Stra&amp;szlig;enstrich spielte sich ja lange zwischen dem Holland- und Lincoln-Tunnel ab, wo die Leute schnell mit dem Auto wegkommen k&amp;ouml;nnen. In der Charles Street arbeiten wahrscheinlich nur teurere Prostituierte, die man in der Wohnung besuchen kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Gibt es Orte in New York, an denen Sie Angst haben? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Ich f&amp;uuml;hle mich &amp;uuml;berall sicher. Sogar in der U-Bahn.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Die einzigen Typen in der U-Bahn, die heute noch gef&amp;auml;hrlich aussehen, sind Zivilpolizisten.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Es gibt schon einige abgelegene, d&amp;uuml;stere, gef&amp;auml;hrliche Viertel in der Stadt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Heute macht noch in der miesesten Ecke ein &amp;raquo;Starbucks&amp;laquo; auf, und es gibt Bars &amp;uuml;berall. Keine Gefahr mehr. Nirgends. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Viertel werden erst sicher, sobald dort genug reiche Leute wohnen. Vorher k&amp;uuml;mmert sich die Polizei &amp;uuml;berhaupt nicht um solche Stadtteile. Ich kenne auch noch Menschen, die in echt miesen Gegenden wohnen, denen aber noch nie etwas passiert ist.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Bei mir in der teuren Upper West Side wurde auch ein paar Mal eingebrochen. Die Polizisten kamen dann zwei Tage sp&amp;auml;ter und haben mir zu verstehen gegeben, dass sie Wichtigeres zu tun haben. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Ist mir auch schon passiert. Ich glaube aber, das war ein Handwerker, dem ich mal vor Jahren den Schl&amp;uuml;ssel zu meiner Wohnung gegeben hatte. Heute ist mein Viertel so teuer, da passiert nichts mehr.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; In Crown Heights in Brooklyn gibt es schon noch Gewalt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman: &lt;/strong&gt;Ach was, da wird doch keiner, der dieses Interview liest, jemals hinfahren. Ich wette eine Million Dollar.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Unsinn! Es kommen viele Touristen nach Brooklyn. In Crown Heights steht das Brooklyn Museum. Und nebenan geht eine ziemlich gef&amp;auml;hrliche Gegend los.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Was ist das denn f&amp;uuml;r eine Veranstaltung hier? Sie reden ja so, als w&amp;auml;re Brooklyn ein Truppen&amp;uuml;bungsplatz. Ich sag euch jetzt mal was: Jede Menge Leute w&amp;uuml;rde alles daf&amp;uuml;r geben, wenn sie in New York leben d&amp;uuml;rften. Egal, wo ich hinkomme, immer hei&amp;szlig;t es: New York ist die tollste Stadt der Welt. Und jetzt klingt es so, als w&amp;auml;re hier alles ganz furchtbar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rose Hartman, die Society-Fotografin, hat ihr Hummer-Sandwich erst zur H&amp;auml;lfte aufgegessen, bestellt aber schon mal ein St&amp;uuml;ck Torte f&amp;uuml;r sp&amp;auml;ter. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Nicht furchtbar, aber der Unterschied zwischen reichen und armen Gegenden ist immer noch ziemlich frappierend. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Aber man wird hier nicht so einfach auf offener Stra&amp;szlig;e erschossen. Keine Ahnung, woher dieses Klischee kommt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Vielleicht wegen John Lennon?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Ach, h&amp;ouml;ren Sie doch auf. Den hat ein gest&amp;ouml;rter Einzelt&amp;auml;ter ermordet, das h&amp;auml;tte &amp;uuml;berall passieren k&amp;ouml;nnen. Mein Freund Gianni Versace wurde vor seinem Haus in Miami erschossen &amp;ndash; also wenn mich jemand nach einem gef&amp;auml;hrlichen Ort fragt, dann sage ich: Florida. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Anderson:&lt;/strong&gt; Sie haben ja recht, fr&amp;uuml;her war es gef&amp;auml;hrlicher in New York.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Wenn Sie wissen wollen, wie diese Stadt sich ver&amp;auml;ndert hat, m&amp;uuml;ssen Sie sich nur mal mein Viertel, das West Village, anschauen. Fr&amp;uuml;her gab es dort einen Schuster, einen Metzger, lauter kleine Gesch&amp;auml;fte. Heute sind da nur noch gro&amp;szlig;e Designer und nicht mal mehr ein Zeitungskiosk. Ich habe die New York Times inzwischen abonniert, aber am Wochenende wird sie mir immer aus dem Briefkasten geklaut.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Das macht sicher ihre Nachbarin Sarah Jessica Parker!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Ich werde ein Schild aufh&amp;auml;ngen: Wer meine Zeitung klaut, landet in der H&amp;ouml;lle.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;14.58&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kelly Anderson verl&amp;auml;sst die Runde. Sie l&amp;auml;sst uns eine DVD ihres Films da, &amp;raquo;vielleicht wollen Sie ja dr&amp;uuml;ber schreiben&amp;laquo;. Fast schon Halbzeit. Zwischenbilanz: Die G&amp;auml;ste verstehen sich gut, alle reden sich mit Vornamen an, jeder l&amp;auml;sst den anderen ausreden. H&amp;ouml;fliche New Yorker. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Auch an Sie die Abschiedsfrage: Wer wird die Wahl gewinnen?&lt;br /&gt; Anderson: &lt;/strong&gt;Obama. Aber es wird knapp.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amy Davidson, Politik-Redakteurin beim Magazin &amp;raquo;The New Yorker&amp;laquo; kommt herein. Eine zierliche, etwas streng aussehende Frau ganz in Schwarz. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Willkommen! Haben sie gut hergefunden?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Amy Davidson:&lt;/strong&gt; Ich bin erst nebenan bei einer Weinprobe gelandet. Auch nicht schlecht. Ich komme aus dem B&amp;uuml;ro und muss dort auch bald wieder hin. Was essen Sie denn da?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Ein Hummer-Sandwich. Sehr gut. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amy Davidson bestellt nur ein Wasser. Der Kellner bringt Aaron Brown seinen zweiten Eistee.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Ist Eistee &amp;uuml;berhaupt noch erlaubt hier? Der B&amp;uuml;rgermeister hat doch zuckerhaltigen Getr&amp;auml;nken den Kampf angesagt und Softdrinks ab einer gewissen Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e verboten.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Noch darf ich das trinken, ja. Das Verbot gilt nur f&amp;uuml;r gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Becher.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Wir haben schon einen komischen B&amp;uuml;rgermeister. Er hat irgendwie ein ziemliches Problem mit Softdrinks. Und jetzt, da er bei der n&amp;auml;chsten Wahl nicht noch mal antreten darf, kann er tun und lassen, was er will. Au&amp;szlig;erdem ist er ja steinreich. Wir Amerikaner neigen dazu, reichen Leuten mehr zu vertrauen. Die d&amp;uuml;rfen sogar ein bisschen verr&amp;uuml;ckt sein, und wir w&amp;auml;hlen sie trotzdem. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Das spricht dann ja f&amp;uuml;r Romney als n&amp;auml;chsten Pr&amp;auml;sidenten. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Schwer zu sagen, momentan ist es wieder ziemlich knapp. Aber Romney hat seinen Reichtum bisher nie wirklich zu einem Thema gemacht &amp;ndash; das k&amp;ouml;nnte ein Fehler sein. Denn irgendwie wirken reiche Leute f&amp;uuml;r viele Amerikaner glaubw&amp;uuml;rdig und unabh&amp;auml;ngiger von den Interessen anderer. Aber Romney kommt fahrig und unsouver&amp;auml;n daher. Er betrachtet sein Geld als Privatsache, dabei kommt er aus einer sehr privilegierten Familie. Wenn er sich als bodenst&amp;auml;ndiger Selfmademan darstellt, ist das einfach nur bizarr. So wie damals bei George Bush.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Das ist jetzt unfair. Bush hat nichts aus dem Geld seiner Familie gemacht, er hat die Chance seiner privilegierten Herkunft nicht richtig genutzt. Romney hat viel mehr Geld verdient als sein Vater. Er hat hart daf&amp;uuml;r gearbeitet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Wen werden Sie w&amp;auml;hlen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Das macht in New York eh keinen Unterschied &amp;ndash; in der Upper West Side ist jeder f&amp;uuml;r Obama. Dabei finde ich, dass er kein besonders guter Pr&amp;auml;sident war bisher. Er will es allen recht machen. Ich werde mich wohl erst in der Wahlkabine entscheiden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Das ist eine wirklich merkw&amp;uuml;rdige Situation hier in New York: Weil klar ist, dass Obama in diesem Bundesstaat die Mehrheit hat, findet hier kaum Wahlwerbung statt. Das lohnt sich einfach nicht, denn wir haben in Amerika ja das Prinzip der Wahlm&amp;auml;nner: Wenn ein Kandidat auch nur eine knappe Mehrheit hat, gehen alle Stimmen des Bundesstaats an ihn. Und allen ist klar, dass Obama gewinnen wird. Darum kommen die Kandidaten nur nach New York, um Geld von reichen Spendern einzusammeln. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Walter Gardner, der Chefportier des &amp;raquo;Waldorf Astoria&amp;laquo;-Hotels, kommt. Er hat das Kreuz eines Footballspielers und die Stimme eines Souls&amp;auml;ngers.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Hallo, willkommen, ich finde es toll, dass hier ein st&amp;auml;ndiges Kommen und Gehen herrscht. Los, bestell dir was zu trinken.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Walter Gardner:&lt;/strong&gt; Nein danke, ich muss erst mal richtig ankommen. Wor&amp;uuml;ber redet ihr gerade?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: &amp;Uuml;ber die Wahl.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Viele Leute sagen ja, dass New York eine Insel ist, die kaum etwas mit dem Rest des Landes zu tun hat. Aber ich finde, hier sieht man sehr viel Amerika auf sehr engem Raum. Die Wahl betrifft jeden hier, allein schon, weil der Pr&amp;auml;sident entscheiden kann, wie die Steuergelder verteilt werden. Wir neigen dazu, so zu tun, als ginge uns Amerika nichts an. Aber das ist falsch, auch wenn es ein typisches New-York-Gef&amp;uuml;hl ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Muss man in New York geboren sein, um sich als New Yorker zu f&amp;uuml;hlen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Nein, aber es hilft doch sehr. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Ich komme aus Chicago, bin aber seit fast 25 Jahren hier. Ich bin hergekommen, um Musiker zu werden. Und wollte nie wieder weg. Auch wenn viele Geb&amp;auml;ude echt gruselig sind. Habt ihr euch schon &amp;uuml;ber das neue Barclays-Stadion in Brooklyn unterhalten? V&amp;ouml;llig irre: Die haben da das teuerste Stadion Amerikas hingebaut und eine komplette Basketball-Mannschaft aus New Jersey gekauft, die jetzt  Brooklyn Nets hei&amp;szlig;en. Ich wohne ganz in der N&amp;auml;he, und die Gegend ist wie ausgestorben. Ich wollte dort mal ein Bier trinken gehen &amp;ndash; keine Chance. Man kriegt dort gerade mal einen Kaffee und einen Donut.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman: &lt;/strong&gt;Ich war noch nie dort. Warum auch? Es gibt so viele andere tolle Orte in der Stadt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Die Parks sind uns heilig &amp;ndash; keiner w&amp;uuml;rde auf die Idee kommen, einfach ein paar Quadratkilometer vom Central Park abzuknapsen, um dort ein B&amp;uuml;rohaus hinzubauen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Ich finde es toll, dass man im East River wieder Kajakfahren kann, ich sitze gern am Wasser und schaue den Leuten beim Bootfahren zu. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hartman steht auf und wirft sich ihren Schal um den Hals. Die Leute haben nicht viel Zeit. Sie erz&amp;auml;hlen ein paar Geschichten und ziehen dann weiter. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Hartman:&lt;/strong&gt; Ich muss los, ich habe heute Abend noch ein Interview mit einem franz&amp;ouml;sischen Magazin. Au revoir allerseits! &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Wisst ihr, was ich gerade gedacht habe: Ich glaube, wir alle leben in einem v&amp;ouml;llig unterschiedlichen New York. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Wie meinst du das?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Ich bin, glaube ich, der einzige Single hier am Tisch. Und habe ganz andere Ziele als die meisten hier: feiern, Leute kennenlernen, Musik machen. Die Stadt ist perfekt daf&amp;uuml;r: Ich bin offen f&amp;uuml;r alles, habe eine Menge ziemlich verr&amp;uuml;ckter Freunde und noch viel vor. Ihr habt Kinder, oder?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Ja, einen Sohn.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Zwei erwachsene Kinder. Beide hier aufgewachsen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Es ist eine gro&amp;szlig;artige Stadt f&amp;uuml;r Kinder, die Museen, die Parks, viele Spielpl&amp;auml;tze. Die Dinosaurier im American Museum of Natural History in der Upper West Side habe ich schon als Kind angeschaut. Und war mit meinem Sohn sehr oft da.   &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Und tolle Schulen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Wenn man genug Geld hat.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Mein Sohn und meine Tochter waren auf einer &amp;ouml;ffentlichen Schule, ich finde, eine Privatschule verdirbt den Charakter. Da ist man v&amp;ouml;llig ausgeklammert von den Problemen der normalen Bev&amp;ouml;lkerung. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Ich glaube, es ist toll, hier aufzuwachsen, weil man hier lernen muss, mit Menschen klarzukommen, die v&amp;ouml;llig anders sind als man selbst. Und man lernt eine Kultur kennen, die weit weg ist von den Klischees &amp;uuml;ber Amerika, wo jeder ein Auto hat und sich nur von Fast Food ern&amp;auml;hrt. In New York ist man vor allem eins: Fu&amp;szlig;g&amp;auml;nger.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Ich habe nicht mal ein Auto, ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal hinter dem Steuer sa&amp;szlig;. Sie sollten mal meine Freunde in anderen St&amp;auml;dten reden h&amp;ouml;ren. Die betrachten das als eine Art Makel. Vielleicht bin ich etwas zu begeistert, aber: Ich halte New York nach wie vor f&amp;uuml;r die beste Stadt, die es gibt. Ich k&amp;ouml;nnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;15.45&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/53063.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;15.45&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der S&amp;auml;nger Adam Green ist da. Mit Vollbart, Wuschelhaaren und Filzweste kommt er daher wie ein Hippie. Er ist in Deutschland ber&amp;uuml;hmter als in seiner Heimat, keiner der G&amp;auml;ste scheint ihn zu kennen, obwohl er auch in Amerika eine Goldene Schallplatte bekommen hat - f&amp;uuml;r 500.000 verkaufte Exemplare des Soundtracks zum Film &quot;Juno&quot;, an dem er mitgewirkt hat.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Adam Green:&lt;/strong&gt; Hallo zusammen, ich hei&amp;szlig;e Adam. Worum geht es gerade?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Dass New York die gro&amp;szlig;artigste Stadt der Welt ist.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Ist sie das denn?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Wo kommst du denn her, dass du so eine Frage stellst?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Ich bin in einem Vorort von New York aufgewachsen, in Westchester. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Tja, mein Freund, dann hast du wohl als Kind leider Pech gehabt. Wir haben uns eben drauf geeinigt, dass New York  ein Super-Spielplatz ist. Mit Dinosauriern.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Hey, Moment mal: Ich war als Kind st&amp;auml;ndig in New York, meine Mutter arbeitet im Museum of Natural History, ich bin quasi aufgewachsen mit den Dinos. Und als ich 17 war, sind meine Eltern zur&amp;uuml;ck in die Stadt gezogen. Eine Menge guter Musikclubs hat zu der Zeit leider gerade zugemacht. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; So wie zuletzt das &amp;raquo;CBGB&amp;rsquo;s&amp;laquo;, wo die ganzen gro&amp;szlig;en Punkbands ihre ersten Auftritte hatten. Da ist heute, glaub ich, ein Klamottenladen drin. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Oder hier im Meatpacking District: Da gab es mal einen Laden namens &amp;raquo;The Cooler&amp;laquo;, der war genial. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Hey, ihr h&amp;auml;ttet mal vor zehn Jahren in dieses Viertel kommen sollen. Da gab es hier lauter Transvestiten und jede Menge rohes Fleisch. Das muss f&amp;uuml;r euch Deutsche doch das Paradies sein. Wie St. Pauli in viel extremer. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Zu Musik f&amp;auml;llt mir hier vor allem Jazz ein, da ist New York immer ein Zentrum gewesen. Bei uns im &amp;raquo;Waldorf Astoria&amp;laquo; steht der alter Fl&amp;uuml;gel von Cole Porter im Foyer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Keiner trinkt Alkohol. Als sich ein Redakteur des &amp;raquo;SZ-Magazins&amp;laquo; ein Bier bestellt, schaut Amy Davidson etwas irritiert, aber sie muss ja auch bald wieder zur&amp;uuml;ck in die Redaktion. Als wir in die Runde fragen: &amp;raquo;Wer will etwas Interessanteres trinken als Wasser?&amp;laquo;, bestellt Amy Davidson einen Kaffee. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin:&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;Wer wohnt denn heute so im &amp;raquo;Waldorf Astoria&amp;laquo;?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Barack Obama und Touristen. Und so ziemlich alles dazwischen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Wie ist Barack Obama denn so?&lt;br /&gt;Gardner: Ich habe ihn noch nie getroffen. Wenn er ins Hotel kommt, wird das meist ziemlich abgeschirmt, seine Sicherheitsleute sind strikt. Einmal bin ich mit dem Personalaufzug in die Etage gefahren, in der Michelle Obama einquartiert war. Und sofort kam ein Typ mit Pistole am G&amp;uuml;rtel auf mich zu und hat mich gefragt, was ich hier zu suchen habe.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Habt ihr eine Liste oder so, welche Prominente gerade bei euch im Hotel sind? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Nein, die meisten Stammg&amp;auml;ste erkenne ich auch so. Und Staatschefs kommen ja meistens mit einer ganzen Entourage, die kann man gar nicht verpassen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Heute sehen doch viele Milliard&amp;auml;re nicht mehr aus wie Milliard&amp;auml;re &amp;ndash; wie unterscheidest du die von einem, der nur nach dem Weg fragen will?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Das stimmt, vor allem Leute, die im Internet reich geworden sind. Die sehen aus wie Studenten, mit ihren Kapuzenpullovern. Man denkt: Hey, was will der denn hier? Und dann stellt sich heraus: Der ist so ein reicher Online-Typ. Fr&amp;uuml;her hat man reiche Leute an ihrem Stil erkannt, an ihrem Auftreten, ihrer ganzen Art. Schon komisch: Heute, wo der Unterschied zwischen Arm und Reich so krass ist wie nie zuvor, sieht man es manchen Typen einfach nicht mehr an. Rein &amp;auml;sthetisch n&amp;auml;hern sich die Gesellschaftsschichten also an, w&amp;auml;hrend sie in Wirklichkeit kaum mehr etwas gemeinsam haben. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Typen wie du und ich k&amp;ouml;nnten reich sein, w&amp;auml;hrend der mit dem dicken Auto vor der T&amp;uuml;r in Wahrheit total verschuldet ist.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Und das ist ja l&amp;auml;ngst nicht alles &amp;ndash; schau dir mal an, wie sich Amerika ver&amp;auml;ndert hat. Noch vor 30 Jahren waren wir ein total verkrampftes Land. Und heute haben wir einen Schwarzen als Pr&amp;auml;sidenten, der die Homoehe gut findet. Das ist doch ein unglaublicher Schritt!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown&lt;/strong&gt;: Na ja, Obama hat immerhin fast vier Jahre mit sich gerungen, ehe er sich traute, &amp;ouml;ffentlich f&amp;uuml;r die Homoehe einzutreten. So mutig war das auch wieder nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rhonda Roland Shearer, K&amp;uuml;nstlerin, Sammlerin, M&amp;auml;zenin, betritt den &amp;raquo;Wine Room&amp;laquo;. Klassisches Intellektuellen-Outfit: ganz in Schwarz, mit Perlenkette und dunkler Hornbrille.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Ich muss gleich zur&amp;uuml;ck in die Redaktion. Es geht in dieser Stadt ja irgendwie immer um Arbeit. Habt ihr noch eine Frage?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Welche Spuren hat Obamas Amtszeit in New York hinterlassen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Viel Gutes nat&amp;uuml;rlich, er hat die Bankenkrise wieder halbwegs in den Griff bekommen. Aber eins nehme ich ihm &amp;uuml;bel: Ich finde, wie auch viele andere New Yorker, dass er Chalid Scheich Mohammed und anderen Drahtziehern der Terroranschl&amp;auml;ge vom 11. September hier in der Stadt den Prozess h&amp;auml;tte machen sollen, den M&amp;ouml;rdern von fast 3000 Menschen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Warum wird das nicht geschehen?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Aus Angst vor weiteren Terroranschl&amp;auml;gen. Und weil der Verkehr in Manhattan unter den Sicherheitsvorkehrungen zusammenbrechen w&amp;uuml;rde. Alles sicher berechtigt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Tr&amp;auml;umt ihr eigentlich auch noch manchmal von den Twin Towers?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Ich erinnere mich vor allem an die Totenstille in den U-Bahnen. Noch Wochen nach dem Anschlag. Keiner hat geredet, Kinder sind nicht herumgetobt wie sonst. Manchmal sind Menschen einfach so in Tr&amp;auml;nen ausgebrochen. Dann haben Fremde den Arm um sie gelegt und sie getr&amp;ouml;stet. Egal, wo ich hinkomme, sprechen mich die Leute immer noch auf den 11. September an, erz&amp;auml;hlen mir, wie sie den Tag erlebt haben. &lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Wor&amp;uuml;ber kaum jemand spricht, ist der Geruch, der danach monatelang &amp;uuml;ber der Stadt lag. Es hat &amp;uuml;berall verbrannt gerochen und wurde immer schlimmer, richtig ekelhaft.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Rhonda Roland Shearer: &lt;/strong&gt;Wie ein Geist, der durch Manhattan spukt. Ich habe es noch jahrelang gerochen, jetzt nicht mehr. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der vorletzte Gast, der Schriftsteller Darryl Pinckney, betritt das Zimmer, mit Hut und breitem L&amp;auml;cheln. Als wir ihn zu unserem Interview eingeladen haben, hat er sofort geantwortet: Ich komme gern &amp;ndash; und lasst mich raten: Es geht um Obama? Pinckney hat ein Buch &amp;uuml;ber seine Jugend als wohlhabender Schwarzer geschrieben und wenn er lacht (was er gern tut), sieht er dem Pr&amp;auml;sidenten nicht un&amp;auml;hnlich. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Hallo! Wir reden gerade vom 11. September.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Darryl Pinckney:&lt;/strong&gt; Ich setze mich erst mal. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Ich glaube, nichts hat die Stadt so ver&amp;auml;ndert wie dieser Anschlag. Ich hab mich noch Wochen sp&amp;auml;ter kaum getraut, mit meinen Freunden ein Bier trinken zu gehen. Da war immer die Frage: D&amp;uuml;rfen wir das jetzt wieder? D&amp;uuml;rfen wir Spa&amp;szlig; haben? Vorher war die Stadt ein gr&amp;ouml;&amp;szlig;enwahnsinniges Irrenhaus, &amp;uuml;berall Obdachlose, dauernd laute Partys auf den Stra&amp;szlig;en. Was der damalige B&amp;uuml;rgermeister Rudy Giuliani mit seinem harten Durchgreifen gegen jede Art von L&amp;auml;rm und Kriminalit&amp;auml;t versucht hat, hat der 11. September dann vollbracht: New York wurde zahm.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Das stimmt, so ein Trauma krempelt eine Stadt ziemlich um. Ich wohne ganz in der N&amp;auml;he von Ground Zero. Und ich vermisse die T&amp;uuml;rme. Ich fand sie wundersch&amp;ouml;n.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Shearer:&lt;/strong&gt; Und sie haben der Stadt etwas sehr Wichtiges gegeben: Orientierung. Egal, wo man war: Man konnte sie fast immer sehen und wusste dann, wo S&amp;uuml;den ist.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Ich kenne die B&amp;uuml;ros in den alten Zwillingst&amp;uuml;rmen sehr gut &amp;ndash; und was soll ich sagen: Sie waren furchtbar. Eng, stickig, keiner hat dort gern gearbeitet. Heute werden die T&amp;uuml;rme verkl&amp;auml;rt, aber als sie noch standen, hatten sie keinen guten Ruf. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Die Hafenbeh&amp;ouml;rde, der das World Trade Center geh&amp;ouml;rte, konnte die B&amp;uuml;ros nur schwer vermieten.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Davidson:&lt;/strong&gt; Also, ich habe nur gute Erinnerungen an die T&amp;uuml;rme. Ich habe sogar meinen Abschlussball im Restaurant dort oben gefeiert. Das ist ein gutes Schlusswort. Auf Wiedersehen, und viel Spa&amp;szlig; noch beim Gespr&amp;auml;ch, ich muss leider zur&amp;uuml;ck in die Arbeit.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Shearer:&lt;/strong&gt; Die Inkompetenz der Beh&amp;ouml;rden war unglaublich, sie waren schlecht vorbereitet. Anfangs gab es nicht mal Wasser oder Atemschutzmasken. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Und B&amp;uuml;rgermeister Giuliani war nur deshalb da, weil sein eigenes B&amp;uuml;ro ausgebombt war. Er konnte nirgendwo hingehen, deshalb trieb er sich da rum.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Shearer:&lt;/strong&gt; Er wollte mit diesem giftigen Zeugs nichts zu tun haben. Ich war jedenfalls mit all den Rettungsleuten da unten in den Tr&amp;uuml;mmern des World Trade Center und habe mit ansehen m&amp;uuml;ssen, wie sie Tausende menschliche &amp;Uuml;berreste in roten Plastikh&amp;uuml;llen weggeschafft haben. Als ich dann einen Lieferanten eines China-Restaurants gesehen habe, der Essen in einer roten Plastikt&amp;uuml;te brachte, wurde mir &amp;uuml;bel. Ich kann die Dinger erst jetzt langsam wieder sehen, ohne an tote Menschen zu denken. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Damals hing viel davon ab, wie schnell New York aufger&amp;auml;umt werden konnte. Das hat mich an all die B&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber die Bombardierung von Berlin und Dresden erinnert. Nur dass es hier ohne Vorwarnung geschah in einem Land, das nicht damit rechnete, jemals angegriffen zu werden, in einer Stadt, die sich f&amp;uuml;r international hielt, warum sollte die jemand angreifen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Hat irgendjemand in der Runde mal daran gedacht, aus New York wegzuziehen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Ich habe mal versucht, ein paar Leute zu &amp;uuml;berreden, nach Amsterdam zu ziehen. New York hie&amp;szlig; fr&amp;uuml;her mal New Amsterdam, und ich dachte mir, es w&amp;auml;re lustig, die Leute von New Amsterdam nach Old Amsterdam zu bringen. Ihr h&amp;auml;ttet h&amp;ouml;ren sollen, wie ich meinen Bassisten zu &amp;uuml;berreden versuchte: Wir k&amp;ouml;nnen alle r&amp;uuml;berholen und Orgien veranstalten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;16.20&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Walter Gardner bricht in schallendes Gel&amp;auml;chter aus und schl&amp;auml;gt sich auf die Schenkel.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gardner: Was f&amp;uuml;r ein Anreiz, Orgien zu veranstalten. Gro&amp;szlig;artig. Finde ich brillant. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Er zeigt auf Darryl Pinckney. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Darryl hier hat mir gerade erz&amp;auml;hlt, dass er mal verhaftet wurde, weil er Gras geraucht hat. Und das, kurz nachdem die T&amp;uuml;rme eingest&amp;uuml;rzt sind. Das ist doch verr&amp;uuml;ckt. Amerika hat solche Angst vor Marihuana. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Darryl Pinckney nickt und l&amp;auml;chelt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Wir haben vor einem Reggae-Club Gras geraucht, gleich neben der Polizeistation. Verdammt clever von uns. Sie haben mich zwei Tage zusammen mit 26 riesigen schwarzen Typen eingesperrt. Ich habe die ganze Zeit kein Wort gesagt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Brown:&lt;/strong&gt; Gute Strategie. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green&lt;/strong&gt;: Mich haben sie verhaftet, weil ich vor einer Kunstgalerie auf der Stra&amp;szlig;e Bier aus einer braunen Papiert&amp;uuml;te getrunken habe. Der Cop hat mir einen Strafzettel in die Hand gedr&amp;uuml;ckt. Als ich ihm sagte, dass ich am Tag der Verhandlung au&amp;szlig;er Landes sein w&amp;uuml;rde, erkl&amp;auml;rte er mir, ich solle aufs Gericht gehen und eine Verschiebung beantragen. Also bin ich da hin und habe gefragt, an wen ich mich wenden sollte, und der Cop sagte mir, ich k&amp;ouml;nne den Richter sehen oder ihm einen Brief schreiben. Im n&amp;auml;chsten Raum war ein lange Schlange, und da sa&amp;szlig; ein Beamter mit Stempel, der sagte mir, ich m&amp;uuml;sse auf jeden Fall an dem Tag erscheinen, andernfalls w&amp;uuml;rde man einen Haftbefehl auf mich ausstellen. Kann ich die Strafe nicht einfach jetzt zahlen? Nein! Kann meine Mutter kommen und sagen, dass ich schuldig bin? Nein! Ich habe geh&amp;ouml;rt, man kann dem Richter schreiben. Stimmt, aber der Richter muss den Brief nicht lesen. Also habe ich ihn gefragt: H&amp;ouml;r mal, Alter, wenn du an meiner Stelle w&amp;auml;rst und au&amp;szlig;er Landes, was w&amp;uuml;rdest du tun? Und er einfach: Keine Ahnung, alles k&amp;ouml;nnte klappen. Alles k&amp;ouml;nnte klappen! Das war ein kafkaesker Moment. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Mann, Du bist ein echter Komiker. Wie du die Geschichte erz&amp;auml;hlst. Zum Totlachen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Also musste ich mir einen Anwalt nehmen, nur damit der in meiner Abwesenheit vor Gericht sagen kann, dass ich schuldig bin, dieses verdammte Bier auf der Stra&amp;szlig;e getrunken zu haben. Die H&amp;ouml;chststrafe f&amp;uuml;r das ganze Fiasko waren 25 Dollar. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Warum hast du es nicht einfach ignoriert? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Keine Ahnung, ich dachte, man m&amp;uuml;sste die Bu&amp;szlig;e zahlen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner: &lt;/strong&gt;Du hast gedacht, die holen dich deswegen ab?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Ich wollte nicht, dass was in mein F&amp;uuml;hrungszeugnis kommt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner: &lt;/strong&gt;Alles klar, Mann. Das zeigt, dass Rudy Giuliani es geschafft hat, mit dem Trinken auf der Stra&amp;szlig;e Schluss zu machen. Fr&amp;uuml;her sind wir immer zum Washington Square Park mit einer riesigen Flasche Bier, haben ein paar Joints gedreht, uns an die Ecke gesetzt und den Jongleuren zugeschaut. Das war 1992, da war das noch v&amp;ouml;llig in Ordnung. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Damals war ich elf, aber ich habe das auch gemacht, am St. Mark&amp;rsquo;s Place. Wenn ich das heute versuchen w&amp;uuml;rde, dann w&amp;uuml;rde mich wahrscheinlich ein Cop innerhalb von f&amp;uuml;nf Minuten verhaften. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;17.00&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/53061.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;17.00&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Adam Green greift zur Cocktailkarte, studiert die Drinks und bestellt beim Kellner: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Ich nehm&amp;rsquo; den Rockefeller.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;In Windeseile ist der Kellner wieder da und stellt den Rockefeller und Eisw&amp;uuml;rfel auf silbernen Tabletts auf den Tisch: Rum, Apfelschnaps, Becherowka und Prosecco. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Was ist da drin? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Das Blut Christi. Was mache ich mit der Orangenschale? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Kellner beugt sich &amp;uuml;ber Adam Greens Schulter und souffliert: Drehen Sie die Orangenschale &amp;uuml;ber dem Glas aus, dann ein oder zwei Eisw&amp;uuml;rfel dazu, je nach Geschmack. In dem Moment betritt Mark Greif den Raum. Er unterrichtet an der New School University und hat das Magazin &amp;raquo;n+1&amp;laquo; mitbegr&amp;uuml;ndet. Pinckney, der Schriftsteller, und Greif begr&amp;uuml;&amp;szlig;en sich. Er sieht aus wie ein Streber aus gutem Hause, wird aber den &amp;uuml;brigen G&amp;auml;sten als Experte f&amp;uuml;r Hipster und andere Subkulturen vorgestellt. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Das ist ja spannend, ich habe mal versucht, eine eigene Subkultur mit dem Namen &amp;raquo;Schwuchteln&amp;laquo; zu gr&amp;uuml;nden. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mark Greif:&lt;/strong&gt; Wie bitte? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Meine Freunde und ich wurden als Kinder schikaniert, alle haben uns Kommunisten-Schwuchteln genannt. Da haben wir uns gedacht, wir gr&amp;uuml;nden eine neue Subkultur, indem wir den  psychischen Schmerz des Wortes umdrehen: Wir adeln das Wort &amp;raquo;Schwuchtel&amp;laquo;. Also hab ich gesagt, ich bin eine &amp;raquo;Schwuchtel&amp;laquo; und will mit meinen &amp;raquo;Schwuchtelfreunden&amp;laquo; abh&amp;auml;ngen und das Leben genie&amp;szlig;en. Ich sch&amp;auml;tze, so &amp;auml;hnlich k&amp;ouml;nnte das auch mit dem Hipster-Ding gelaufen sein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Alkohol beginnt zu wirken.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; So wie du das sagt, klingt es auf einmal ziemlich cool. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Und dann haben die Leute gesagt: Wir m&amp;ouml;gen dich, du Schwuchtel, und ich sagte: Danke sch&amp;ouml;n. Aber es hat sich nicht durchgesetzt.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif:&lt;/strong&gt; Du musst warten, bis der Zeitgeist so weit ist. Man kann selbst keine eigene Subkultur gr&amp;uuml;nden, man muss warten, bis sich etwas durchsetzt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Was ist mit Sea Punk? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif:&lt;/strong&gt; Ich habe keine Ahnung, was Sea Punk ist. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Kumpel, du musst &amp;ouml;fter ausgehen. Das sind die Leute, die ihre Haare gr&amp;uuml;n f&amp;auml;rben und T-Shirts mit Muscheln drauf tragen. Das ist eine Mikrokultur, echt. Es gibt jede Menge solcher Mikrokulturen in New York. Aber ich wei&amp;szlig;, was du meinst: Man kann so was nicht einfach selbst gr&amp;uuml;nden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Nachdem Richard Sennett die Runde verlassen hat, f&amp;auml;llt die Rolle des Kulturethnografen an Mark Greif, der auf Wunsch der anderen G&amp;auml;ste zu einem Zweiminuten-Referat &amp;uuml;ber Wesen und Geschichte des Hipsterismus anhebt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif:&lt;/strong&gt; Hipster glauben, dass ihr Musik- und Modegeschmack rebellisch sein kann. Pl&amp;ouml;tzlich gab es dank des Dotcom-Booms jede Menge neues Geld f&amp;uuml;r junge Leute, die nicht in den n&amp;auml;chsten Golfclub eintreten wollten. Die haben gesagt: auf keinen Fall, Mann, ich bin jung, ich bin ein Rebell. Diese jungen Reichen wollten Geld ausgeben, um mit Leuten abzuh&amp;auml;ngen, die in Bands spielten oder malten. Pl&amp;ouml;tzlich konnten die ganzen Bohemiens in der Kunstszene aus ihrem Hobby einen Beruf machen und den jungen Reichen Boheme vorspielen, die sich noch immer f&amp;uuml;r einen Teil davon hielten. Die Lower East Side und Williamsburg sind so was wie das Epizentrum der Hipster: Dort ging es los, heute findet man sie auf der ganzen Welt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Ich habe das Gef&amp;uuml;hl, dass ich als Teil dieser ironischen Hipster-Schwuchtel-Subkultur aufgewachsen bin. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Darryl Pinckney bestellt sich einen Kaffee und seufzt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney: &lt;/strong&gt;Die Leute hier sind zu jung und zu cool f&amp;uuml;r mich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Wir w&amp;uuml;rden gern noch einmal auf die Wahl zur&amp;uuml;ckkommen. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Mark, hast du die erste Fernsehdebatte zwischen Obama und Romney gesehen?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif: &lt;/strong&gt;Hab ich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Und hattest du den Eindruck, dass Romney sich so viel besser geschlagen hat als Obama? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif: &lt;/strong&gt;Nein, das war wirklich seltsam. Ich bin nat&amp;uuml;rlich voreingenommen, denn ich mag Romney nicht. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Er kann &amp;uuml;ber Steuerpl&amp;auml;ne fantasieren, so viel er will. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif:&lt;/strong&gt; Ich habe mir die Debatte angesehen, und meine Frau hat mich gefragt: Machst du dir Sorgen? Obama scheint so m&amp;uuml;de zu sein. Ich habe ihr gesagt: Der sollte m&amp;uuml;de sein, der arbeitet hart. Am n&amp;auml;chsten Tag hat mich mein Kollege gefragt: Was h&amp;auml;ltst du von dem Desaster? Ich dachte erst, er meint die Bauarbeiten im Erdgeschoss. Nein, Romney hat mir seltsamerweise &amp;uuml;berhaupt keine Sorgen gemacht. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Mich beunruhigen die Meinungsumfragen, die Romney vorn sehen. Ich glaube einfach nicht, dass ihm das helfen wird. Jetzt konzentriert er sich auf Ohio, ein Highschool-Freund von mir in Ohio sagt, er glaubt trotzdem nicht, dass er Ohio gewinnt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif:&lt;/strong&gt; Ich h&amp;auml;tte nie gedacht, dass er irgendwas gewinnt. Er kommt r&amp;uuml;ber wie &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; &amp;hellip;wie ein Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;cksdirektor. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif:&lt;/strong&gt; Ich habe in Massachusetts gelebt, als Romney dort Gouverneur war, und er schien in Ordnung zu sein, eine Art Technokrat. Ich glaube, dass es den W&amp;auml;hlern auf jeden Fall schwerf&amp;auml;llt, leidenschaftlich zu werden bei Leuten wie Romney. Na ja, ich habe das Vorhersagen aufgegeben, seit ich 2004 die Debatten von Bush sah und &amp;uuml;berzeugt war, dass er auf keinen Fall wiedergew&amp;auml;hlt w&amp;uuml;rde. Und er hat mit gro&amp;szlig;em Vorsprung die Wahl gewonnen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney: &lt;/strong&gt;Ich glaube, die Tatsache, dass Obama ein Schwarzer ist, sch&amp;uuml;rt schon gen&amp;uuml;gend Leidenschaft bei republikanischen W&amp;auml;hlern.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif:&lt;/strong&gt; Erinnerst du dich, wie die Leute vor ein paar Monaten anfingen zu sagen, wie verhasst Obama sei? Ich habe mich gefragt, wer ihn hassen sollte und warum, und der einzige Grund, der mir einfiel war, dass er schwarz ist. Wenn man mit Tea-Party-Leuten &amp;uuml;ber Obama spricht, dann scheint er f&amp;uuml;r sie einfach unvorstellbar zu sein. Sie haben keine Kategorien f&amp;uuml;r eine Person wie ihn. Sie verstehen nicht, wie er einen schwarzen Vater und eine wei&amp;szlig;e Mutter haben kann, sie verstehen nicht, wie er sich so elegant bewegen kann.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney: &lt;/strong&gt;Das ist sehr amerikanisch. Viele Wei&amp;szlig;e k&amp;ouml;nnen sich nur Schwarze vorstellen, die entweder besser oder schlechter gestellt sind als sie, aber nicht gleich. Die gehobene Mittelschicht ist ziemlich gut integriert, aber der untere Mittelstand und die Arbeiterklasse nicht. Wenn es ums Wohnen geht, ist das Land immer noch nach Rassen geteilt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Greif:&lt;/strong&gt; Wie in diesem Sketch des schwarzen Komikers Chris Rock, der von seiner teuren Wohngegend in New Jersey erz&amp;auml;hlt: Er ist einer von vier Schwarzen in der Nachbarschaft: Mary J. Blige, eine der gro&amp;szlig;artigsten R&amp;amp;B-S&amp;auml;ngerinnen, Jay-Z, einer der besten Rapper aller Zeiten, und Eddie Murphy, einer der komischsten Schauspieler der Welt. Und der wei&amp;szlig;e Nachbar von Chris Rock?  Ein ganz normaler Zahnarzt! Als Schwarzer musst du es bis ganz an die Spitze deines Berufs schaffen, um in einer reichen Gegend wohnen zu d&amp;uuml;rfen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;17.30&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Darryl Pinckney greift nach Hut und Schal und verabschiedet sich. Ein Kellner gibt uns zu verstehen, dass wir den Raum in einer halben Stunde verlassen m&amp;uuml;ssen, dann beginnt schon die n&amp;auml;chste Veranstaltung.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Einen Moment noch Darryl, wer gewinnt Ihrer Meinung nach die Wahl? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Pinckney &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;bleibt stehen und antwortet ohne Z&amp;ouml;gern:&lt;/em&gt; Obama. Ganz sicher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: W&amp;uuml;rden Sie Geld darauf wetten? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Pinckney:&lt;/strong&gt; Ja. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Tausend Dollar?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Darryl Pinckney dreht sich im T&amp;uuml;rrahmen noch einmal um und sagt leise: Alles, was ich habe, ist schon auf Obama gesetzt. Am Tisch sind Adam Green, Walter Gardner und Mark Greif &amp;uuml;brig geblieben. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin:&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;Eigentlich sollte Suzanne Vega heute auch kommen. Aber sie hat heute fr&amp;uuml;h leider abgesagt. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Bei ihr f&amp;auml;llt mir dieser wirklich tolle Song &lt;em&gt;Tom&amp;rsquo;s Diner&lt;/em&gt; ein. Ich mag den, weil man ihn a capella singen kann. Alle summen: dadadadi dadadadi dadadadidadadadi&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Gibt es den typischen New-York-Song? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Green: &lt;/strong&gt;Na ja, es gibt die Strokes. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Und die Nummer von Jay-Z. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Jay-Z ist schon ein toller New-York-Typ. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gardner:&lt;/strong&gt; Weil das die Yankees als Stadionhymne spielen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Und was ist mit dem Lied von Sinatra? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Walter Gardner &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;winkt ab:&lt;/em&gt; V&amp;ouml;llig andere Generation, Mann. New York, New York? Jetzt mal im Ernst: Das will doch keiner mehr h&amp;ouml;ren.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;17.57&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Kellner bringt die Rechnung. Wir zahlen mit Kreditkarte und stellen auf dem Weg nach drau&amp;szlig;en fest, dass die kleinen Bronzefliesen im Eingang des Restaurants in Wirklichkeit Ein-Cent-M&amp;uuml;nzen sind. &amp;raquo;Das ist Geld im Wert von 4800 Dollar&amp;laquo;, sagt die Bedienung, die aussieht wie ein Fotomodel. Sie l&amp;auml;chelt und sagt: &amp;raquo;Einen sch&amp;ouml;nen Abend noch &amp;ndash; genie&amp;szlig;t eure Zeit in New York!&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Eine pers&amp;ouml;nliche Frage noch, Adam: Sie sind der Urenkel von Franz Kafkas Verlobter Felice Bauer. Haben Sie irgendwelche Erinnerungsst&amp;uuml;cke an die beiden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Green:&lt;/strong&gt; Einen Briefumschlag mit Kafkas Unterschrift, das ist ein Familienerbst&amp;uuml;ck. Wollt ihr ihn sehen? Ich wohne nicht weit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;------------------&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;NACHTRAG: &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Unser gro&amp;szlig;es New York Interview haben wir am 9. Oktober 2012 gef&amp;uuml;hrt: Da war der Sturm Sandy noch kein Thema. Ein paar Tage nach dem Sturm haben uns die Teilnehmer E-Mails geschrieben, wie es ihnen geht, nachdem der Sturm mehr als 40 Menschen in der Stadt get&amp;ouml;tet und weite Teile New Yorks zeitweise lahm gelegt hat.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aaron Brown (Banker und Pokerspieler):&lt;/strong&gt; &quot;Mir geht's gut - mein Apartment liegt weit genug im Norden, wir hatten die ganze Zeit &amp;uuml;ber Strom, Wasser und Internet. Aber einige Freunde und Bekannte hatten weniger Gl&amp;uuml;ck - die haben wir bei uns in der Upper West Side einquartiert. Sogar ein paar Leute, die wir gar nicht kannten, haben zeitweise bei mir gewohnt - es gab genug Platz und Essen f&amp;uuml;r alle. Aber nicht jeder hatte ein eigenes Bett.&quot;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Amy Davidson (Redakteurin beim Magazin The New Yorker): &quot;&lt;/strong&gt;Unsere Wohnung liegt in der sogenannten Zone A - der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Gefahrenzone. Wir mussten also unser Apartment prophylaktisch evakuieren. Mein Sohn und ich - und unsere Katze - sind bei Freunden in der Upper West Side untergekommen, in der N&amp;auml;he der Columbia University. In unserer Wohnung gibt es immer noch keinen Strom und wir wissen noch nicht genau, wann wir wieder zur&amp;uuml;ck k&amp;ouml;nnen. Aber immerhin ist weder uns noch einem unserer Freunde etwas passiert. Und mein Sohn hat sich sogar ziemlich gefreut, dass die Schulen letzte Woche geschlossen waren.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mark Greif (Professor und Publizist): &lt;/strong&gt;Ich wohne in der Grand Street, dort gab es einen v&amp;ouml;lligen Stromausfall. Mein Handy und meinen Computer muss ich also im B&amp;uuml;ro aufladen. Man kann gut erkennen, wie sich Lower Manhattan ver&amp;auml;ndert hat: Dort wohnt kaum noch jemand, es gibt nur noch Gesch&amp;auml;fte - und die haben alle geschlossen. Nur ein paar Tante Emma L&amp;auml;den haben noch offen. Und man merkt, wie viele Arme Leute es in der Stadt gibt - ich bin mit ein paar von ihnen ins Gespr&amp;auml;ch gekommen, als wir zusammen f&amp;uuml;r Trinkwasser angestanden sind. So bl&amp;ouml;d es klingt: Der Sturm hat auch ein paar gute Seiten. Alles ist ruhig - und jetzt, wo das Internet nicht funktioniert, muss ich mich wieder auf B&amp;uuml;cher, Kerzen und handgeschriebene Notizen verlassen. Irgendwie gef&amp;auml;llt mir das sogar ein bisschen. Meine Lekt&amp;uuml;re: Kierkegaard und Durkheim. Bl&amp;ouml;d nur, dass Kerzen mittlerweile ein Luxusartikel geworden sind: Ich bin nach Brooklyn r&amp;uuml;bergelaufen, um mir eine zu kaufen - und alles was es gab, waren irgendwelche Duftkerzen f&amp;uuml;r zehn Dollar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Adam Green (Musiker und K&amp;uuml;nstler)&lt;/strong&gt;: (l&amp;auml;sst &amp;uuml;ber seine Managerin mitteilen): Es geht uns allen gut, auch wenn der Strom immer wieder ausf&amp;auml;llt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Rose Hartmann (Fotografin)&lt;/strong&gt;: Ich bin zur Zeit in Amsterdam.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kelly Anderson (Filmemacherin)&lt;/strong&gt;: Bei uns im Sunset Park in Brooklyn ist  alles okay, es gab keine &amp;Uuml;berschwemmungen und der Sturm hat kaum Sch&amp;auml;den angerichtet. Wir hatten immer Strom und sogar Internet. Das einzige, was mich betroffen hat, waren die Engp&amp;auml;sse beim Nahverkehr. Es f&amp;uuml;hlt sich komisch an, dass unser Leben hier so normal verl&amp;auml;uft, wenn in anderen Teilen der Stadt so eine Krisenstimmung herrscht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Ein größenwahnsinniges Irrenhaus«</dc:subject>
    <dc:creator>Malte Herwig, Till Krause, Lars Reichardt (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-11-02T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Viva La Revolu$ion</title>
    <description>&lt;p&gt;Der freie Handel war auf Kuba jahrzehntelang verboten. Jetzt haben die Castros      neue Gesetze erlassen &amp;ndash; und die Kubaner geben Vollgas: Sie er&amp;ouml;ffnen      Gesch&amp;auml;fte, gr&amp;uuml;nden Firmen, verdienen Geld. Eine Reise durch den      karibischen Kapitalismus.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Warnung &amp;ndash; hier kommt die &amp;ouml;deste Einleitung, die Sie je gelesen haben: Guillermo Portero kauft sich eine Wohnung. Der Friseur Gilberto Valladares stellt einen Lehrling ein. Luis Pelaez belegt einen BWL-Kurs. Ernesto Lopez f&amp;auml;hrt von Haus zu Haus und verkauft Brokkoli, Kr&amp;auml;uter und Tomaten. Rachel Carvajal hat ein Caf&amp;eacute; er&amp;ouml;ffnet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Banal? Aber was w&amp;auml;re, wenn diese Leute all die allt&amp;auml;glichen Dinge zum ersten Mal in ihrem Leben t&amp;auml;ten? Wenn jedes dieser kleinen Ereignisse in sich schon eine Revolution w&amp;auml;re? Eine Revolution in einem der letzten kommunistisch regierten L&amp;auml;nder?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist neun Uhr morgens, einer dieser Vormittage in der Karibik, an denen es so hei&amp;szlig; ist, dass sich das Gehirn anf&amp;uuml;hlt wie frittierte Calamares. Guillermo Portero ist das egal. Er ist kurz davor, sich den Traum zu verwirklichen, den er schon sein ganzes Leben lang hat: eine eigene Wohnung. Der 48-J&amp;auml;hrige steht im Garten einer Vierzimmerwohnung an der Calle Paseo in Havanna. Knapp &amp;uuml;ber 100 000 Dollar hat Portero daf&amp;uuml;r geboten, &amp;raquo;alles, was ich habe&amp;laquo;. Bekommt er den Zuschlag, will er die vorderen Zimmer als Wohnraum nutzen und die hinteren in ein Atelier und B&amp;uuml;ro umwandeln. &amp;raquo;Ich m&amp;ouml;chte Kleidung entwerfen und sie verkaufen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das w&amp;auml;re vor nicht mal einem Jahr noch v&amp;ouml;llig undenkbar gewesen. Genauer gesagt: illegal. Auf Kuba durfte man Wohnungen und H&amp;auml;user nur tauschen, aber nicht kaufen oder verkaufen. Gem&amp;auml;&amp;szlig; den Vorgaben der marxistischen Hardliner an der Staatsspitze war Besitz Diebstahl. Und der unabh&amp;auml;ngige Einzelhandel war gleich mit verboten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber Kuba ver&amp;auml;ndert sich. Drastisch. Zum ersten Mal seit der glorreichen Revolution / dem kommunistischen Staatsstreich* (*bitte je nach politischer Orientierung eine Variante streichen) vor 53 Jahren flirtet das Land mit dem Kapitalismus. Pr&amp;auml;sident Ra&amp;uacute;l Castro, der 2008 offiziell seinem Bruder Fidel ins Spitzenamt folgte, hat neue Gesetze erlassen, die es Unternehmern gestatten, Firmen zu gr&amp;uuml;nden und Handel zu treiben, sei es mit Kohlk&amp;ouml;pfen oder mit Eigentumswohnungen. &lt;em&gt;Actualizaci&amp;oacute;n&lt;/em&gt; &amp;ndash; Aktualisierung nennt das die kommunistische Partei. Der Begriff erfasst nicht mal ansatzweise die Bedeutung der Reformen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Joel Begu&amp;eacute; fasst es in gro&amp;szlig;e Worte: &amp;raquo;Sex! Was hier passiert, ist so aufregend wie Sex!&amp;laquo; Er lacht herzhaft &amp;uuml;ber seinen Vergleich, Schwei&amp;szlig; perlt in seinen schwarzen Schnurrbart. Begu&amp;eacute;, 43, ist der geborene Unternehmer. Jahrelang setzte er den G&amp;auml;sten in den staatseigenen Restaurants auf Kuba vor, was die Kommunisten unter Essen verstanden: z&amp;auml;hes, graues Schweinefleisch. Begu&amp;eacute; war stets &amp;uuml;berzeugt, dass er es besser konnte. Als dann die Regierung im vergangenen Jahr Gewerbelizenzen an Kleinunternehmer vergab, er&amp;ouml;ffnete er das Restaurant &amp;raquo;Habana Chef&amp;laquo; im eleganten Hauptstadtviertel Vedado.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gute Kritiken haben Begu&amp;eacute; so viele G&amp;auml;ste ins Haus getrieben, dass er bereits die H&amp;auml;lfte der 25 000 Dollar, die er sich f&amp;uuml;r die Er&amp;ouml;ffnung geliehen hat, zur&amp;uuml;ckzahlen konnte. Jetzt plant er ein zweites Restaurant in der Innenstadt von Havanna. Nur mit gro&amp;szlig;en Werbekampagnen muss er noch warten. Die Plakatw&amp;auml;nde sind auf Kuba den Wandgem&amp;auml;lden und Postern vorbehalten, die die Einwohner daran erinnern sollen, wie menschenunw&amp;uuml;rdig der Kapitalismus ist, dem Begue fr&amp;ouml;nt &amp;ndash; und den das Kabinett inzwischen f&amp;ouml;rdert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Diese Tafeln wirken l&amp;auml;ngst nicht mehr wie ein drolliger Anachronismus, eher wie Mahnmale eines fehlgeschlagenen Wirtschaftsexperiments. Wo man in Havanna auch hinsieht, tasten sich Unternehmer in kleinen Schritten an den Kapitalismus heran. Auf &amp;ouml;ffentlichen Parkpl&amp;auml;tzen tauschen Autoh&amp;auml;ndler Papiere und Nummernschilder gegen Bargeld. Auf Handzetteln an den B&amp;auml;umen entlang des Prado bieten Leute ihre Dienste als Parkw&amp;auml;chter oder Clowns f&amp;uuml;r Kindergeburtstage an. Kaum zu glauben, aber bis letztes Jahr war es verboten, als freiberuflicher Clown unterwegs zu sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und die Unternehmen? Manche wachsen so schnell, dass schon erste Konflikte entstehen. Die Englischlehrerin Rachel Carvajal, 27, f&amp;uuml;hrt das beliebte &amp;raquo;Caf&amp;eacute; Punto G&amp;laquo; (Caf&amp;eacute; G-Punkt) im Hinterhof ihres Hauses nahe der Calle G. Vor einigen Monaten stattete ihr ein gewisser Armando Puentes einen Besuch ab, der Mann hat um die Ecke ein Caf&amp;eacute; mit dem gleichen Namen er&amp;ouml;ffnet. Carvajal erz&amp;auml;hlt: &amp;raquo;Er schrie herum, dass er ein Recht auf den Namen h&amp;auml;tte, weil er in der Calle G wohnt. Ich w&amp;uuml;rde mir jetzt gern die Marke registrieren lassen, nur gibt es noch kein Markenrecht auf Kuba. Aber es war meine Idee und ich behalte den Namen auch. Schlie&amp;szlig;lich geht es ums Gesch&amp;auml;ft.&amp;laquo; Das h&amp;auml;tte Donald Trump nicht sch&amp;ouml;ner sagen k&amp;ouml;nnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vielleicht bringt Kuba ja bald einen eigenen Donald Trump hervor: An die 200 Studenten lernen zurzeit an der Universit&amp;auml;t, wie man sich Kapital beschafft, Gesch&amp;auml;ftspl&amp;auml;ne erstellt und G&amp;uuml;ter auf den Markt bringt. Der geistige Vater des Studiengangs ist der 37-j&amp;auml;hrige Pater Yosvany Carvajal, katholischer Priester aus Havanna. Er erkl&amp;auml;rt, dass seine Kirche &amp;ndash; die die Kommunisten einst bek&amp;auml;mpften &amp;ndash; die Wirtschaftsreformen der Regierung unterst&amp;uuml;tzt: &amp;raquo;Gott m&amp;ouml;chte, dass die Menschen erfolgreich und unabh&amp;auml;ngig sind. Vor ein paar Jahren noch wurde ein Unternehmer als kriminell erachtet, als Straft&amp;auml;ter. Heute nimmt man Gesch&amp;auml;ftsleute als F&amp;ouml;rderer der Gesellschaft wahr. Aber sie haben kein R&amp;uuml;stzeug. Also wollen wir ihnen beibringen, wie man ein Gesch&amp;auml;ft f&amp;uuml;hrt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zugegeben, auch zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer existiert das alte Kuba noch. Die Regierung kontrolliert die gro&amp;szlig;en Gesch&amp;auml;fte: &amp;Ouml;l und Bergbau, die Banken und die Telekommunikation, die medizinische Versorgung und den Tabakanbau. Allerdings k&amp;ouml;nnen Kubaner nun einen kleinen, rosafarbenen Ausweis beantragen, die &amp;raquo;Autorizaci&amp;oacute;n Para Ejercer el Trabajo por Cuenta Propia&amp;laquo; (Erlaubnis, auf eigene Rechnung zu arbeiten). Damit d&amp;uuml;rfen sie ein Gesch&amp;auml;ft gr&amp;uuml;nden und nach Belieben Leute einstellen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Geblieben ist eine Tradition: Auch die neuen Gesetze, die steuern, wer wo und wie einen Laden er&amp;ouml;ffnen darf, sind elend lang, h&amp;ouml;llisch kompliziert &amp;ndash; und gelegentlich bizarr. Die Sch&amp;ouml;nen und Kreativen in Havanna d&amp;uuml;rfen zum Beispiel jetzt als &amp;raquo;kost&amp;uuml;mierte Berufst&amp;auml;nzer&amp;laquo; ihren Lebensunterhalt verdienen, aber nur, wenn sich ihr Kost&amp;uuml;m an Benny Mor&amp;eacute; orientiert, einem kubanischen Schnulzens&amp;auml;nger der Vierzigerjahre. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Schrille Outfits hin oder her, Ra&amp;uacute;l Castros Botschaft ist deutlich: Plan A, der nackte Sozialismus, ist fehlgeschlagen. Es wird Zeit f&amp;uuml;r Plan B. Und der lockt auch G&amp;auml;ste ins Land. Der Brite Andrew Macdonald marschiert durch Havanna, eine halbe Milliarde Dollar in der Hosentasche. Er forscht nach Investitionsm&amp;ouml;glichkeiten f&amp;uuml;r seine anglo-kubanische Firma Esencia. Esencia restauriert Hotels und baut gerade auf 220 Hektar die erste Riesen-Golfanlage mit 900 Wohnungen in Carbonera, 100 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt. Dank der Reformen k&amp;ouml;nnten Ausl&amp;auml;nder vielleicht schon bald Villen kaufen &amp;ndash; zum ersten Mal seit der Revolution. Macdonald hat ein paar ber&amp;uuml;hmte Namen ins Boot geholt, die Hotelgruppe Aman Resorts, den Designer Terence Conran, er sagt: &amp;raquo;Kuba ist mit Abstand der gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Wachstumsmarkt f&amp;uuml;r die Touristikbranche in der Karibik. Weltweit z&amp;auml;hlt das Land zu den f&amp;uuml;nf wichtigsten Wachstumsm&amp;auml;rkten. Es dauert zwar ewig und drei Tage, bis hier was passiert, aber das Potenzial ist riesig.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt; Die Frage ist: Warum macht Kubas F&amp;uuml;hrung pl&amp;ouml;tzlich gemeinsame Sache mit Kapitalisten wie Macdonald? Weil Kuba nicht funktioniert. Nach dem Untergang des Zahlmeisters Sowjetunion im Jahr 1991 musste das Land den G&amp;uuml;rtel drastisch enger schnallen. Damals brachen die j&amp;auml;hrlichen Nettosubventionen von zwei Milliarden US-Dollar weg, ebenso wie die Exporteinnahmen, was die Wirtschaft Kubas um ein Drittel schrumpfen lie&amp;szlig;. Die Kubaner sind heute so arm wie seit Jahren nicht mehr. Das Lohnniveau liegt bei 50 Prozent von dem des Jahres 1989. Es gibt einen staatlichen Grundlohn von 20 Dollar im Monat, aber der reicht nat&amp;uuml;rlich kaum zum Leben. Die Angler am Malec&amp;oacute;n, der Meerespromenade in Havanna, fangen ihre Fische nicht zum Zeitvertreib. Es fehlen 1,6 Millionen neue Wohnungen, was dazu f&amp;uuml;hrt, dass die jahrhundertealten H&amp;auml;user in Havannas Altstadt zu &amp;uuml;berf&amp;uuml;llten Slums verkommen. Vor ein paar Monaten sind dort vier Jugendliche bei einem Hauseinsturz gestorben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Problem ist, dass der Staatssektor, der mehr als 80 Prozent der Wirtschaft und fast alle Dienstleistungen kontrolliert, chronisch ineffizient und v&amp;ouml;llig unrentabel arbeitet. Korruption und Amtsmissbrauch grassieren. Die Landwirtschaft funktioniert auch nicht, Kuba muss mehr als die H&amp;auml;lfte seiner Lebensmittel importieren. Und wenn eine Bananenrepublik nicht mal mehr Bananen produziert, ist klar, dass sich etwas &amp;auml;ndern muss.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;Eher Gummiband als Breitband&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch es sind nicht allein Kubas Probleme im Inneren, die Ra&amp;uacute;l Castro Kopfschmerzen bereiten. Die Insel h&amp;auml;ngt am &amp;Ouml;ltropf Venezuelas. Noch unter Fidel hatte sich Kuba dem Pr&amp;auml;sidenten Hugo Ch&amp;aacute;vez gegen&amp;uuml;ber vertraglich verpflichtet, 40 000 &amp;Auml;rzte, Fachleute aus der Nachrichten- und Sicherheitsbranche und andere Arbeitskr&amp;auml;fte nach Caracas zu entsenden. Im Gegenzug liefert Venezuela &amp;Ouml;l im Wert von circa 3,5 Milliarden Dollar an Kuba &amp;ndash; stark verbilligt. Das sind etwa 115 000 Barrel pro Tag, rund zwei Drittel des kubanischen Verbrauchs. Zusammen mit anderen Investitionen l&amp;auml;ppern sich die Hilfsleistungen Venezuelas auf f&amp;uuml;nf Milliarden Dollar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch Ch&amp;aacute;vez, 58 Jahre alt, soll nach wie vor schwer krank sein. Jetzt hat die kubanische Regierung gro&amp;szlig;e Sorge, dass der Deal aufgel&amp;ouml;st werden k&amp;ouml;nnte, sollte Ch&amp;aacute;vez den Kampf gegen den Krebs verlieren. Dann wird alles noch viel schwieriger.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kein Wunder, dass Ra&amp;uacute;l Castro es eilig hat. &amp;Uuml;ber die n&amp;auml;chsten Jahre will er 20 Prozent der Staatsbediensteten &amp;ndash; eine Million Menschen &amp;ndash; entlassen. Die Hoffnung ist, dass sie in der neuen Privatwirtschaft unterkommen, w&amp;auml;hrend gleichzeitig die steigenden Steuereinnahmen die Staatskasse f&amp;uuml;llen. Zus&amp;auml;tzlich will das Kabinett den Bauern gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Anreize f&amp;uuml;r den Anbau und Verkauf von Nahrungsmitteln geben. Kleinbauern haben das Recht, 66 Hektar Land zu pachten &amp;ndash; statt bisher 13 Hektar; au&amp;szlig;erdem d&amp;uuml;rfen sie das Land ihren Kindern vererben und ihre Ertr&amp;auml;ge direkt an Privatkunden und Hotels verkaufen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wir m&amp;uuml;ssen das Ruder herumrei&amp;szlig;en, sonst fehlt uns die Zeit,  am Abgrund vorbeizusteuern, und wir gehen unter&amp;laquo;, hat Ra&amp;uacute;l Castro erkl&amp;auml;rt. Fidel selbst hat sich vor Kurzem vor einem amerikanischen Journalisten zu der Bemerkung hinrei&amp;szlig;en lassen, dass das Wirtschaftsmodell Kubas &amp;raquo;selbst f&amp;uuml;r uns keinen Zweck mehr hat&amp;laquo; (sp&amp;auml;ter behauptete er aber, er sei falsch zitiert worden).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Manche politischen Beobachter glauben, dass der Sinneswandel der Br&amp;uuml;der eher darauf abzielt, ihr Verm&amp;auml;chtnis zu bewahren. Ra&amp;uacute;l ist 81 Jahre alt, Fidel 86 und gebrechlich. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Manche sagen, den Kapitalismus in kleinen Dosen zuzulassen, sei der letzte Versuch, dem kubanischen Modell Leben einzuhauchen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die gro&amp;szlig;e Frage lautet, ob die Castros damit Erfolg haben werden. Taugen die Kubaner nach all den Jahren zum Kapitalismus? Wird die Privatwirtschaft funktionieren? Schon zweimal zuvor, in den Achtziger- und Neunzigerjahren, hatte das Kabinett die Privatwirtschaft liberalisiert, um das Wachstum anzuregen. Aber sobald die Menschen Geschmack daran fanden, wurden die Beschl&amp;uuml;sse kassiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch Enrique Nu&amp;ntilde;ez hat es damals getroffen. Der heute 43-J&amp;auml;hrige musste 2009 Havannas bekanntestes &lt;em&gt;paladar&lt;/em&gt; (eine Art Familienrestaurant) &amp;raquo;La Guarida&amp;laquo; schlie&amp;szlig;en, so sehr setzten ihm damalige Reglementierungen zu. Heute ist Nu&amp;ntilde;ez wieder im Gesch&amp;auml;ft. Die Fotos seiner ber&amp;uuml;hmtesten G&amp;auml;ste &amp;ndash; Jack Nicholson, Matt Dillon, Naomi Campbell &amp;ndash; h&amp;auml;ngen wieder an den maroden W&amp;auml;nden seines Lokals. Doch Nu&amp;ntilde;ez bef&amp;uuml;rchtet, dass die Regierung wieder Bedenken bekommt und zur&amp;uuml;ckrudert: &amp;raquo;Angeblich w&amp;uuml;nscht man sich, dass wir Existenzen gr&amp;uuml;nden, nur sind ihnen Begriffe wie &amp;rsaquo;Kapitalist&amp;lsaquo; oder &amp;rsaquo;Privatwirtschaft&amp;lsaquo; so verhasst, dass sie sie nicht mal in den Mund nehmen. Es ist immer nur die Rede von der &amp;rsaquo;nicht-staatlichen Wirtschaft&amp;lsaquo;.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jorge Fonseca dagegen glaubt an &amp;raquo;eine neue &amp;Auml;ra&amp;laquo;. Es gebe keinen Weg zur&amp;uuml;ck. 30 Jahre lang hat der Mann kubanische Gewichtheber auf internationale Wettk&amp;auml;mpfe vorbereitet, f&amp;uuml;r einen mageren Staatslohn. Heute hat er sich neu erfunden &amp;ndash; als Kubas bekanntester Personal Trainer. Seit den fr&amp;uuml;hen Morgenstunden steht er in einer Turnhalle in Vedado, um eine Gruppe von Kunden beim Training anzutreiben. In der Halle ist es schw&amp;uuml;lwarm, die Luft l&amp;auml;sst sich fast mit dem Messer schneiden. Fonsecas Einkommen hat st&amp;auml;rker zugelegt als der Bizeps seiner Kunden, er verdient jetzt fast 200 Dollar im Monat. Statt Geld vom Staat zu kassieren, zahlt er 20 Prozent Steuern. L&amp;auml;chelnd erkl&amp;auml;rt Fonseca seine Philosophie: &amp;raquo;Wenn man auf eigene Rechnung arbeitet, ist man viel sorgf&amp;auml;ltiger. Man strengt sich mehr an. Das Geld geh&amp;ouml;rt einem, aber man zahlt auch Steuern. Alle profitieren davon. Das ist der einzige Weg nach vorn.&amp;laquo; Die Zahl von M&amp;auml;nnern wie Fonseca in der Privatwirtschaft ist 2011 von weniger als 150 000 auf 358 000 gestiegen, hei&amp;szlig;t es beim staatlichen Statistikamt. Und es sollen noch viel mehr werden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das ist durchaus m&amp;ouml;glich, aber nur, wenn Kuba das grundlegende R&amp;uuml;stzeug entwickelt, das jede Konsumgesellschaft braucht. Die Banken vergeben kaum Kredite. Es gibt keinen Gro&amp;szlig;handel, der den Wareneinkauf verbilligt. &amp;raquo;Ich muss meine Vorr&amp;auml;te im Supermarkt zum vollen Preis kaufen&amp;laquo;, beklagt sich Rachel Carvajal, die Betreiberin des &amp;raquo;Caf&amp;eacute; Punto G&amp;laquo;. Die Kommunikationstechnik ist lausig, nur einer von zehn Kubanern hat ein Handy, eine viel geringere Quote als in den meisten anderen L&amp;auml;ndern der Karibik oder Lateinamerikas. Und die gl&amp;uuml;cklichen 500 000 B&amp;uuml;rger, die zu Hause oder im B&amp;uuml;ro Internetzugang haben, surfen im Schneckentempo. Yondainer Gutierrez, ein 24-j&amp;auml;hriger IT-Unternehmer, der gerade AlaMesa aufgebaut hat &amp;ndash; einen Online-Restaurantf&amp;uuml;hrer f&amp;uuml;r Havanna &amp;ndash;, spottet, dass man &amp;raquo;eher von Gummiband als von Breitband&amp;laquo; sprechen m&amp;uuml;sse.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nicht zu vergessen die allergr&amp;ouml;&amp;szlig;te H&amp;uuml;rde: 90 Meilen vor Havanna liegt die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Wirtschaftsmacht der Welt. Doch der freie Handel mit den USA ist noch immer nicht m&amp;ouml;glich. Das verhindert das Handelsembargo, das der US-Kongress auf dem H&amp;ouml;hepunkt des Kalten Krieges verh&amp;auml;ngt hatte, in der Hoffnung, so den Sturz Fidel Castros einzuleiten. Das Handelsverbot kostet Kuba j&amp;auml;hrlich Milliarden Dollar. Die gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten kubanischen Exportschlager &amp;ndash; &amp;raquo;Havana Club&amp;laquo;-Rum und Luxuszigarren &amp;ndash; k&amp;ouml;nnen schlecht den Weltmarkt beherrschen, wenn der Markt, der weltweit 40 Prozent ausmacht, sie ausgrenzt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Immerhin, Pr&amp;auml;sident Barack Obama hat die Einschr&amp;auml;nkungen f&amp;uuml;r amerikanische Kubareisende gelockert. Es gibt jede Woche 50 Fl&amp;uuml;ge aus New York, Tampa, Los Angeles, Atlanta, in K&amp;uuml;rze auch aus Washington. Unter den Ankommenden am Flughafen Jos&amp;eacute; Mart&amp;iacute; befinden sich nun auch einflussreiche Kunsth&amp;auml;ndler aus den USA. Die Preise f&amp;uuml;r kubanische Kunst h&amp;auml;tten sich in den letzten Jahren fast verdoppelt, berichtet Luis Miret, 53, der das f&amp;uuml;hrende Kunstauktionshaus Subasta Habana leitet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vielleicht werden aus den Kubanern ja wirklich gute Unternehmer. Vielleicht meint Ra&amp;uacute;l Castro, was er sagt. Vielleicht flie&amp;szlig;en die Kredite bald. Vielleicht lockert Pr&amp;auml;sident Obama die Einschr&amp;auml;nkungen noch weiter, wenn er f&amp;uuml;r eine zweite Amtszeit ins Wei&amp;szlig;e Haus einzieht. Doch selbst wenn alles gut l&amp;auml;uft, gibt es noch ein Riesenproblem. Kuba m&amp;ouml;chte ein Kunstst&amp;uuml;ck vollbringen, das bisher nur wenige L&amp;auml;nder geschafft haben: Die Castros wollen die Privatwirtschaft teilweise deregulieren und gleichzeitig eine straff gelenkte Staatswirtschaft erhalten. Drei Viertel der Wirtschaft bleiben trotz der j&amp;uuml;ngsten Reformen in staatlicher Hand. Viele sind der Meinung, Kuba werde nur ein Update vornehmen und den Sozialismus wieder tragf&amp;auml;hig machen. Zum Vergleich: Ehemalige kommunistische Staaten wie China oder Vietnam, die gl&amp;auml;nzend dastehen, sind heute fast vollst&amp;auml;ndig marktwirtschaftlich organisiert. Kritische Stimmen fordern, dass die Deregulierungen noch weiter vorangetrieben werden m&amp;uuml;ssten, sonst bleibe Kuba auf einer ungesunden Mischung aus Kommunismus ohne Staatssubventionen und Kapitalismus ohne Kapital hocken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; K&amp;ouml;nnte es also einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus geben? Einen guten Eindruck bekommt man bei einem Spaziergang durch die Altstadt von Havanna zur Calle Aguiar. Auf halber H&amp;ouml;he links findet sich eine dunkelbraune T&amp;uuml;r. &amp;Uuml;ber eine rissige Marmortreppe geht es hinauf in den zweiten Stock zu Artecorte, einem Friseursalon, den ein Mann mit Glatze betreibt. Gilberto Valladares, 42, hat seine Stelle im Hotel &amp;raquo;Habana Libre&amp;laquo; aufgegeben, um diesen Laden aufzumachen. Der wirft gutes Geld ab, doch Valladares beh&amp;auml;lt nicht alles f&amp;uuml;r sich. Einen Teil der Pesos gibt er f&amp;uuml;r die Ausbildung von Stra&amp;szlig;enkindern aus. Ein &amp;auml;hnliches Konzept wie Jamie Olivers Restaurant &amp;raquo;Fifteen&amp;laquo; &amp;ndash; nur mit Scheren statt K&amp;uuml;chenmessern. Au&amp;szlig;erdem unterst&amp;uuml;tzt Valladares eine Schule, f&amp;ouml;rdert K&amp;uuml;nstler und hat ein Caf&amp;eacute; aufgemacht. Der Antrag auf Er&amp;ouml;ffnung einer B&amp;auml;ckerei ist bereits gestellt. Und eine Pension w&amp;uuml;rde er auch noch gern betreiben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Valladares h&amp;auml;lt die Reformen f&amp;uuml;r &amp;raquo;gerechtfertigt und notwendig&amp;laquo;, aber er findet es wichtig, dass die Unternehmen moralisch einwandfrei operieren: &amp;raquo;Das Leben in Kuba hat gesellschaftlich und kulturell eine Menge zu bieten. Das d&amp;uuml;rfen wir nicht dem Raubtierkapitalismus opfern. Ich war in Miami. So will ich nicht leben. Die Menschen dort leben, um zu arbeiten. Ich betreibe hier ein gut gehendes Gesch&amp;auml;ft &amp;ndash; aber ich lebe auch gut.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&amp;Uuml;bersetzung: Stephan Klapdor&lt;br /&gt;&amp;copy; Bulls Press / News International / Sunday Times Magazine&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Viva La Revolu$ion</dc:subject>
    <dc:creator>John Arlidge</dc:creator>
    <dc:date>2012-08-29T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37581</link>
    <title>Die Rettung: Naht</title>
    <description>&lt;p&gt;Heimweh, Langeweile, Angst - um nicht durchzudrehen      entwerfen die deutschen Soldaten in Afghanistan lustige Uniform-Aufn&amp;auml;her.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Feldlager Kundus oder Masar-i-Scharif kann der deutsche Soldat wenig kaufen, was es in der Heimat gibt. Umgekehrt gibt es dort Dinge, die zu Hause schwer zu kriegen sind: etwa das sandfarbene T-Shirt, bei dem auf Brusth&amp;ouml;he das Abzeichen der ISAF sitzt, der internationalen Schutztruppe. Die R&amp;uuml;ckseite jedoch zeigt Soldaten, wie sie T&amp;uuml;ren eintreten, dazu der Satz: &amp;raquo;Wir machen Hausbesuche.&amp;laquo; Solche Motive finden sich auf Tassen, Stiften - und besonders h&amp;auml;ufig auf Aufn&amp;auml;hern. Die Soldaten tragen sie auf ihrer Freizeitkleidung, und so sind sie die soziologisch interessante Kehrseite der amtlichen Milit&amp;auml;rabzeichen geworden, seit die Heimat am Hindukusch verteidigt wird.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt; Daheim w&amp;auml;re der Soldat schlecht beraten, tr&amp;uuml;ge er auf der Uniform neben dem offiziellen ISAF-Sticker noch einen, der diese Abk&amp;uuml;rzung mit &lt;em&gt;I saw Americans fighting&lt;/em&gt; erkl&amp;auml;rt, ich sah Amerikaner k&amp;auml;mpfen. Soll hei&amp;szlig;en: Sobald es ernst wird, nehmen die Amis ohnehin nur sehr wenige Partner ernst, und dazu z&amp;auml;hlt bestimmt nicht die Bundeswehr. Das mag aufs&amp;auml;ssig klingen, ist aber - wie die Ank&amp;uuml;ndigung der Hausbesuche - von einer gewissen Freude und Ironie getragen, die dem deutschen Milit&amp;auml;r insgesamt doch eher fremd ist. Bei US-Einheiten begehrt sind eher Aufn&amp;auml;her aus dem Themenkomplex &amp;raquo;Schie&amp;szlig; erst, frag sp&amp;auml;ter&amp;laquo;, etwa: &amp;raquo;Falls ihr nicht wisst, was euch getroffen hat: Es waren wir.&amp;laquo; Oder der Klassiker: &lt;em&gt;When the going gets tough, the tough get going &lt;/em&gt;- wenn es hart auf hart geht, wird es Zeit, die H&amp;auml;rtesten der Harten in Marsch zu setzen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei der Bundeswehr dagegen dominieren andere Motivstr&amp;auml;nge. Einer davon setzt sich mit der Frage auseinander: Was tun wir hier eigentlich noch, wenn sich alle nur noch daf&amp;uuml;r interessieren, dass wir so bald wie m&amp;ouml;glich verschwinden? &amp;raquo;Akzeptieren ist einfacher als verstehen&amp;laquo; etwa ist von einer philosophischen Tiefe, die konkreteren Zielen abgeht: &amp;raquo;Good bye, Absurdistan &amp;hellip;&amp;laquo; Zumindest in Friedenskreisen wird man die Aufn&amp;auml;her gern zur Kenntnis nehmen: Sie deuten nicht gerade auf eine Militarisierung der deutschen Au&amp;szlig;enpolitik hin. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die Rettung: Naht</dc:subject>
    <dc:creator>Joachim Käppner</dc:creator>
    <dc:date>2012-05-28T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37385">
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    <title>Der Bürgermeister der Hölle</title>
    <description>&lt;p&gt;Bis vor Kurzem betrieb Mohamoud Ahmed Nur ein Internetcaf&amp;eacute; in London. Jetzt will er die gef&amp;auml;hrlichste Stadt der Welt retten: Mogadischu.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fotos: Jan Grarup (&lt;a href=&quot;http://noorimages.com/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;noor photo agency and foundation&lt;/a&gt;)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewehrkugeln haben die Mauern zerfressen, Granaten die Fassade aufgerissen. Das Dach: weggebombt. Vor den h&amp;ouml;hlenartigen &amp;Ouml;ffnungen der dreist&amp;ouml;ckigen Ruine im Zentrum von Mogadischu gehen Soldaten mit Schnellfeuergewehren in Stellung. Sie sollen den Mann sch&amp;uuml;tzen, der an diesem Morgen Ende Februar im dunklen Anzug zwischen Granattrichtern im Hof steht und l&amp;auml;chelt. Das ehemalige Regierungsgeb&amp;auml;ude werde wieder aufgebaut, sagt er, und in den neuen B&amp;uuml;ros w&amp;uuml;rden Mitarbeiter der Stadt schon bald wieder ihren Dienst verrichten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann fallen Sch&amp;uuml;sse. Haben sich Attent&amp;auml;ter in der Ruine versteckt? Aufst&amp;auml;ndische Islamisten? Die Soldaten rei&amp;szlig;en ihre Waffen von der Schulter, bilden einen sch&amp;uuml;tzenden Kreis um den Mann und dr&amp;auml;ngen ihn in einen schwarzen Gel&amp;auml;ndewagen. Zur Verst&amp;auml;rkung rasen Pick-ups mit aufgebockten Maschinengewehren heran, auf den Ladefl&amp;auml;chen hantieren Soldaten in Kampfanz&amp;uuml;gen mit Kalaschnikows, Panzerf&amp;auml;usten, Granatwerfern. Reifen drehen durch. Steine fliegen durch die Luft. Und der Konvoi jagt in einer Staubwolke davon.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Der Tod kommt, wenn er kommt&amp;laquo;, sagt Mohamoud Ahmed Nur wenig sp&amp;auml;ter und l&amp;auml;sst sich auf den Lederstuhl in seinem B&amp;uuml;ro fallen. &amp;raquo;Wenn du Angst hast, kannst du in Mogadischu nichts bewegen, mit Angst kannst du diese Gesellschaft nicht ver&amp;auml;ndern.&amp;laquo; Bis vor Kurzem f&amp;uuml;hrte der 57-J&amp;auml;hrige mit dem grauen Kinnbart ein Internetcaf&amp;eacute; in der Seven Sisters Road im Norden Londons. Jetzt f&amp;uuml;hrt er eine der gef&amp;auml;hrlichsten St&amp;auml;dte der Welt. Als B&amp;uuml;rgermeister von Mogadischu, der Hauptstadt Somalias.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach &amp;uuml;ber 20 Jahren B&amp;uuml;rgerkrieg und H&amp;auml;userkampf sieht das &amp;raquo;Stalingrad Afrikas&amp;laquo; aus wie eine gewaltige arch&amp;auml;ologische Grabungsst&amp;auml;tte. Zweieinhalb Millionen Menschen fristen ein Dasein in Ruinen. Ohne Strom, ohne sauberes Trinkwasser, ohne M&amp;uuml;llabfuhr und ausreichende medizinische Versorgung. In einer Stadt, in der man beim Gem&amp;uuml;seh&amp;auml;ndler um die Ecke f&amp;uuml;r ein paar hundert Dollar eine Panzerfaust kaufen kann und ausgefranste schwarze Flecken die letzten Bombenanschl&amp;auml;ge markieren. Alle paar Minuten krachen Sch&amp;uuml;sse.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als B&amp;uuml;rgermeister geh&amp;ouml;rt Nur zu einer &amp;Uuml;bergangsregierung, die zwar international anerkannt ist, aber nicht einmal 20 Prozent des Landes kontrolliert. Und das nur mithilfe der afrikanischen Friedensmission Amisom. 12 000 bis an die Z&amp;auml;hne bewaffnete Soldaten aus Uganda und Burundi liefern sich blutige Gefechte mit al-Shabaab, einer islamistischen Miliz, die sich k&amp;uuml;rzlich offiziell mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verb&amp;uuml;ndete und weite Teile Somalias kontrolliert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer etwas dagegen hat, dass al-Shabaab Bomben unter Marktst&amp;auml;nde legt, Kinos in die Luft jagt, Frauen steinigt und Dieben, Musikern oder Fu&amp;szlig;ballern die rechte Hand und den linken Fu&amp;szlig; abs&amp;auml;gt, landet auf der Abschussliste ihrer Killerkommandos. Ganz oben: B&amp;uuml;rgermeister Nur. Mit zwei Dutzend Bodyguards, einem Monatsetat von 150 000 Dollar, ein paar Computern und drei Olivetti-Schreibmaschinen will er Mogadischu, das H&amp;ouml;llenloch am Horn von Afrika, retten. Oder sterben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als ihm der somalische Pr&amp;auml;sident, ein Weggef&amp;auml;hrte aus Jugendzeiten, vor anderthalb Jahren den Job anbot, versammelte Nur seine Frau, sechs Kinder und acht Enkelkinder in der kleinen Mietwohnung in London, wohin er 1993 vor dem Krieg in Somalia geflohen war. Er erkl&amp;auml;rte ihnen, dass er von seiner Mission wom&amp;ouml;glich nicht zur&amp;uuml;ckkehren werde: &amp;raquo;Vielleicht h&amp;ouml;rt ihr in den Nachrichten bald, dass der B&amp;uuml;rgermeister von Mogadischu erschossen wurde.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt; &lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Fotos unserer Cover-Geschichte stammen vom d&amp;auml;nischen Fotografen Jan Grarup. Es war nicht seine erste Reise nach Somalia. In diesem Video spricht er &amp;uuml;ber seine Arbeit - und &amp;uuml;ber den Spagat zwischen N&amp;auml;he und Distanz, den es braucht, um Menschen in Krisengebieten zu portr&amp;auml;tieren.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Mogadischu ist sicherer als Kabul&quot;]&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/44813.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Seine Frau wollte ihn nicht gehen lassen. Seine Freunde hielten ihn f&amp;uuml;r verr&amp;uuml;ckt. Trotzdem sitzt Nur jetzt an diesem wurmstichigen Schreibtisch und arbeitet sich durch Stapel schriftlicher Hilferufe seiner B&amp;uuml;rger. Nicht weit vom Flughafen, wo im Oktober 1977 Sturmtrupps der deutschen Spezialeinheit GSG 9 die Geiseln an Bord der Lufthansa-Maschine Landshut aus der Gewalt pal&amp;auml;stinensischer Terroristen befreiten. Drau&amp;szlig;en vor dem B&amp;uuml;rgermeisteramt, hinter W&amp;auml;llen aus Sands&amp;auml;cken und Stacheldraht, satteln die Bodyguards ihr Waffenarsenal von den Pick-ups ab. Am Hauseingang ist ein Maschinengewehr aufgebaut. Vor der B&amp;uuml;rot&amp;uuml;r wacht ein Soldat in Gefechtsuniform mit einer Kalaschnikow. Auf Besucher in schusssicheren Westen reagiert der B&amp;uuml;rgermeister dennoch allergisch. &amp;raquo;Mogadischu ist sicher&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;sicherer als Bagdad oder Kabul.&amp;laquo; Seine Stadt bekomme zu Unrecht schlechte Presse.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit Rebellen 1991 den Diktator Siad Barre st&amp;uuml;rzten, gibt es im ostafrikanischen Somalia keine funktionierende Zentralregierung mehr. Nach dem Sieg der Warlords &amp;uuml;ber den verhassten General zerfielen die gro&amp;szlig;en Clans in Dutzende von Subclans. Ihre Milizen zerfleischten sich gegenseitig, trieben das Land immer tiefer ins Chaos und verwandelten Mogadischu, bis dahin eine wohlhabende Handelsstadt am Indischen Ozean, in eine Ger&amp;ouml;llw&amp;uuml;ste. Bis zu eine Million Tote hat dieser Krieg bisher gefordert. Meist Frauen, Kinder und Greise, die nicht schnell genug aus der Schusslinie kamen. Fast zweieinhalb Millionen Somalier wurden aus ihren H&amp;auml;usern vertrieben, beinahe ein Drittel der gesamten Bev&amp;ouml;lkerung. Eine Million Menschen flohen ins Ausland.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Republik Somalia ist an diesem Konflikt zerbrochen. Im Norden haben sich Somaliland und die Piratenhochburg Puntland abgespalten. S&amp;uuml;dlich davon wurden Fantasiestaaten ausgerufen: Himan &amp;amp; Heeb, Galmudug und Ahlu Sunna wal Jamaa - &amp;raquo;Anh&amp;auml;nger der Tradition und Gemeinschaft&amp;laquo; -, kurz ASWJ. Den Rest des Landes, gesch&amp;auml;tzte 60 Prozent, kontrolliert al-Shabaab. Die Schockwellen des somalischen Bebens ersch&amp;uuml;ttern weite Teile des afrikanischen Kontinents. Vom US-St&amp;uuml;tzpunkt in Dschibouti starten Drohnen und geheime Sonderkommandos nach Somalia, im Westen k&amp;auml;mpfen Truppen aus &amp;Auml;thiopien gegen al-Shabaab, im S&amp;uuml;den r&amp;uuml;cken kenianische Streitkr&amp;auml;fte vor. Auch der Rest der Welt f&amp;uuml;hlt sich von Somalia bedroht. Das Land gilt heute als Brutst&amp;auml;tte des islamistischen Terrorismus, ein Chaosstaat, in dem weltweit gesuchte Topterroristen abtauchen und international operierende Netzwerke ungest&amp;ouml;rt die n&amp;auml;chsten Anschl&amp;auml;ge vorbereiten k&amp;ouml;nnen. Die von Somalia ausgehende Gefahr f&amp;uuml;r die Sicherheit westlicher Staaten, warnen Experten, nehme in j&amp;uuml;ngster Zeit besorgniserregend zu.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist das konfuse Gemisch aus verfeindeten Clans und islamistischem Terror, das bisher jede Diplomatie und jede Intervention der Vereinten Nationen kl&amp;auml;glich scheitern lie&amp;szlig;. Der letzte Rettungsversuch des Westens endete 1993 f&amp;uuml;r die USA im gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Fiasko seit Vietnam. Zwei US-Kampfhubschrauber wurden &amp;uuml;ber dem Zentrum von Mogadischu abgeschossen, die K&amp;ouml;rper amerikanischer Soldaten vom Mob durch die Stra&amp;szlig;en geschleift. Der missgl&amp;uuml;ckte Einsatz, im Hollywood-Kriegsdrama &lt;em&gt;Black Hawk Down&lt;/em&gt; verfilmt, f&amp;uuml;hrte zum Abzug der amerikanischen Truppen aus Somalia. Seither hat die Welt Mogadischu aufgegeben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nicht so B&amp;uuml;rgermeister Nur. In den ersten Monaten seiner Amtszeit feuerte er reihenweise korrupte Angestellte, lie&amp;szlig; M&amp;uuml;ll einsammeln, die Kanalisation zumindest notd&amp;uuml;rftig reinigen und wild wuchernde B&amp;auml;ume in Kriegsruinen zu Brennholz verarbeiten. Einen Steinwurf von der Frontlinie zwischen Amisom und al-Shabaab lie&amp;szlig; er zwei &amp;ouml;ffentliche G&amp;auml;rten anlegen und eine Reihe von Laternen installieren, um die erste Stra&amp;szlig;e im zerbombten Zentrum zu beleuchten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Am Anfang k&amp;auml;mpft man noch um seine W&amp;uuml;rde.&quot;]&amp;nbsp; &lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/44815.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &amp;raquo;Waren Sie schon mal in einem afrikanischen Gef&amp;auml;ngnis, in einer dieser finsteren Betonzellen?&amp;laquo;, fragt Nur auf dem Sprung zum n&amp;auml;chsten Termin; vor seiner Flucht aus Somalia sa&amp;szlig; er in Mogadischu als Oppositioneller selbst hinter Gittern. Am Anfang k&amp;auml;mpfe man noch um seine W&amp;uuml;rde und klammere sich an die Hoffnung, die T&amp;uuml;r k&amp;ouml;nnte sich bald &amp;ouml;ffnen. Dann werde man allm&amp;auml;hlich m&amp;uuml;de, sinke zu Boden und schlafe irgendwann in seinen Exkrementen - und am Ende hoffe man auf gar nichts mehr.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Genau so ist es den Menschen hier ergangen&amp;laquo;, sagt Nur und eilt &amp;uuml;ber den Amtsflur zu seinem Dienstwagen. &amp;raquo;Nach 20 Jahren Gefangenschaft in ihrer Stadt haben sie ein Leben ohne Freude akzeptiert, ein Leben mit der Waffe an der Schl&amp;auml;fe, hungrig, schmutzig, bettelarm, ein Leben in Finsternis.&amp;laquo; Deshalb m&amp;uuml;sse er zun&amp;auml;chst &amp;raquo;die Mentalit&amp;auml;t der Menschen &amp;auml;ndern, ihre Art zu denken und zu empfinden&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie soll das gelingen? In einer kollektiv traumatisierten Stadt? Wo keine zehn Minuten ohne Sch&amp;uuml;sse vergehen und die Scheiben nachts im Artilleriefeuer zittern? Wo M&amp;uuml;tter vom Kriegsterror &amp;uuml;bergeschnappte Kinder an die Betten ketten, damit sie nicht im Ruinenlabyrinth verloren gehen? Jedes f&amp;uuml;nfte Kind stirbt hier an verseuchtem Trinkwasser. Staatliche Schulen gibt es nicht, Arbeit auch nicht. Und hinter jedem Mauerrest, in jedem noch so zerschossenen Betongerippe hausen Fl&amp;uuml;chtlinge in H&amp;uuml;tten aus Akazienge&amp;auml;st und Plastikfetzen - gefangen zwischen Krieg und Hunger. Wie um alles in der Welt will der B&amp;uuml;rgermeister die &amp;raquo;Mentalit&amp;auml;t&amp;laquo; dieser Menschen &amp;auml;ndern? &amp;raquo;Bei einer Transfusion pumpt man das Blut nicht mit Gewalt in die Venen des Patienten&amp;laquo;, sagt er; an den geschw&amp;auml;rzten Scheiben seines Gel&amp;auml;ndewagens zieht die Ruinenstadt vorbei. &amp;raquo;Er bekommt es Tropfen f&amp;uuml;r Tropfen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Deshalb joggt Mohamoud Ahmed Nur seit anderthalb Jahren nicht mehr durch den Park am Londoner Parliament Hill und sieht sich nach Feierabend nicht mehr die Spiele von Arsenal im Fernsehen an, sondern ist von fr&amp;uuml;h bis sp&amp;auml;t unterwegs in den Tr&amp;uuml;mmern seiner Stadt, sch&amp;uuml;ttelt unerm&amp;uuml;dlich H&amp;auml;nde, schlichtet Clan-Streitigkeiten, ber&amp;auml;t Gesch&amp;auml;ftsleute, sammelt Geld, findet aufmunternde Worte f&amp;uuml;r Kriegsversehrte und -waisen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Ihr seid die Zukunft Somalias&amp;laquo;, sagt er den Stra&amp;szlig;enkindern in einem von ihm initiierten Projekt. &amp;raquo;Aus jedem von euch kann ein Handwerker werden, ein Lehrer, sogar ein Minister.&amp;laquo; In einem Backsteinbau sitzen sie auf wackligen St&amp;uuml;hlen im Kreis. Ihre Kleider sind zerrissen, ihre K&amp;ouml;rper abgemagert. Sie ern&amp;auml;hren sich von Abf&amp;auml;llen und k&amp;auml;mpfen in Kriegsruinen mit verwilderten Hunden um ihre Schlafpl&amp;auml;tze. Nachts kommen die H&amp;auml;scher von al-Shabaab und sammeln sie mit vorgehaltener Waffe ein, um sie als Kindersoldaten zu verheizen. Und der B&amp;uuml;rgermeister sagt ihnen: &amp;raquo;Haltet euren K&amp;ouml;rper sauber. Wascht euer Hemd.&amp;laquo; Das wirkt abgehoben und naiv. Wie w&amp;auml;re es stattdessen mit einem Dach &amp;uuml;ber dem Kopf, Herr B&amp;uuml;rgermeister? Mit einer regelm&amp;auml;&amp;szlig;igen Mahlzeit? Er w&amp;uuml;rde gern mehr tun, sagt Nur, doch die Stadtkasse sei leer. Also vertraut er auf die Kraft seiner Worte. Tats&amp;auml;chlich d&amp;uuml;rsten die Menschen danach. Jahrzehntelang hat man auf sie geschossen, jetzt reicht ihnen einer die Hand, spricht zu ihnen, macht ihnen Mut.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Tropfen f&amp;uuml;r Tropfen&amp;laquo;, wiederholt der B&amp;uuml;rgermeister und streicht einem zerzausten Stra&amp;szlig;enjungen &amp;uuml;ber die Stirn; er strahlt und geht mit erhobener Brust aus dem Raum. &amp;raquo;In ein paar Jahren wird wieder gen&amp;uuml;gend frisches Blut in den K&amp;ouml;pfen und Herzen der Menschen sein, dann werden sie sich besser f&amp;uuml;hlen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Wir sehen dich. In zwei Minuten bist du tot.&quot;]&amp;nbsp; &lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/44817.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Die meisten B&amp;uuml;rger von Mogadischu hegen ein tiefes Misstrauen gegen jeden, der der &amp;Uuml;bergangsregierung nahesteht. Deren Mitgliedern werfen sie vor, sich die Taschen zu f&amp;uuml;llen und Somalia, laut Transparency International 2011 das korrupteste Land der Welt, den Milizen und Piraten zu &amp;uuml;berlassen. Nur der B&amp;uuml;rgermeister, da sind sich die Leute einig, ist &amp;uuml;ber jeden Zweifel erhaben. &amp;raquo;Ein Mann von Prinzipien&amp;laquo;, sagt Iman Icar; der Stellvertreter des Stadtoberhaupts war in Holland 16 Jahre lang als Sozialarbeiter t&amp;auml;tig. &amp;raquo;Er ist mit Leib und Seele loyal zu seinem Land, er hat eine Vision und setzt sie um.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wenn er etwas will, dann bei&amp;szlig;t er sich rein&amp;laquo;, sagt Shamis, die Frau des B&amp;uuml;rgermeisters, w&amp;auml;hrend sie in ihrem einfachen Haus das Essen auf den Tisch stellt. Jahrelang sah sie ihrem Mann zu, wie er in ihrer Londoner Wohnung bis sp&amp;auml;t in der Nacht vor dem Fernseher sa&amp;szlig; und mit den Tr&amp;auml;nen k&amp;auml;mpfte, wenn er all die Toten und Verst&amp;uuml;mmelten in Mogadischu sah, die Ruinen seiner Stadt. Nachdem er B&amp;uuml;rgermeister geworden war, verlor sie 20 Kilo. Wenn das Telefon klingelte, dachte sie: &amp;raquo;Jetzt haben sie ihn erschossen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach seinem Amtsantritt besuchte sie ihn. &amp;raquo;Ich konnte nicht schlafen&amp;laquo;, sagt die kleine Frau mit der modischen Brille, &amp;raquo;wegen der Sch&amp;uuml;sse und der Bomben.&amp;laquo; Aber in London fiel ihr die Decke auf den Kopf; ihre sechs Kinder sind erwachsen und l&amp;auml;ngst aus dem Haus. Schlie&amp;szlig;lich &amp;uuml;berwand sie sich und kehrte aus dem Exil nach Mogadischu zur&amp;uuml;ck, an die Seite ihres Mannes. &amp;raquo;Home is where your heart is&amp;laquo;, sagt sie, lacht, wird aber gleich wieder ernst. &amp;raquo;Ich wollte einfach nicht, dass er ohne mich stirbt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ortstermin im Zentrum von Mogadischu. Gut 300 M&amp;auml;dchen und Jungen erwarten den B&amp;uuml;rgermeister in der &amp;raquo;Schule des 21. Oktober&amp;laquo;. Seit Jahren findet hier kein Unterricht mehr statt. Alle staatlichen Schulen sind geschlossen. Die Geb&amp;uuml;hren f&amp;uuml;r Privatschulen &amp;ndash; 15 Dollar im Monat &amp;ndash; kann sich kaum eine Familie leisten. 95 Prozent der Kinder sind ohne Unterricht. Der B&amp;uuml;rgermeister geht durch ausgebombte Klassenzimmer, steigt &amp;uuml;ber den Schutt eingest&amp;uuml;rzter D&amp;auml;cher. Nerv&amp;ouml;s streifen die Blicke der Leibw&amp;auml;chter durch die dunklen G&amp;auml;nge, ideale Verstecke f&amp;uuml;r Attent&amp;auml;ter. Die N&amp;auml;he, die Nur t&amp;auml;glich zu den Menschen sucht, macht ihn besonders verwundbar. &amp;raquo;Diese Schule geh&amp;ouml;rt nun wieder uns&amp;laquo;, sagt er ins Mikrofon; der tragbare Lautsprecher verwandelt seine Stimme in ein Kr&amp;auml;chzen. &amp;raquo;Bald k&amp;ouml;nnen unsere Kinder hier wieder Lesen und Schreiben lernen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hinter der Schulhofmauer hatten Fl&amp;uuml;chtlinge ein improvisiertes Camp errichtet. Gesch&amp;auml;tzte 50 000 Menschen suchten bis vor Kurzem Zuflucht in meist zerst&amp;ouml;rten Regierungsgeb&amp;auml;uden, bis diese von der somalischen Armee und Polizei ger&amp;auml;umt wurden. &amp;raquo;Ein echter Fortschritt&amp;laquo;, sagt der B&amp;uuml;rgermeister, w&amp;auml;hrend auf der Stra&amp;szlig;e Sch&amp;uuml;sse krachen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wohin all die Menschen nach der R&amp;auml;umung gezogen sind, wei&amp;szlig; er nicht. Alternativen wurden ihnen nicht angeboten. Es hagelt Kritik von Hilfsorganisationen. &amp;raquo;Mogadischu ist nicht London&amp;laquo;, sagt die Leiterin einer somalischen NGO in einem der Fl&amp;uuml;chtlingslager, die von Neuank&amp;ouml;mmlingen aus ger&amp;auml;umten Geb&amp;auml;uden &amp;uuml;berrannt werden. &amp;raquo;Der B&amp;uuml;rgermeister ist ein Tr&amp;auml;umer, er war zu lange im Exil, er hat keine Ahnung, wie es hier an der Basis aussieht.&amp;laquo; Die Kinder auf dem Schulhof und ihre Eltern sehen das anders. Sie freuen sich &amp;uuml;ber die Aussicht auf baldigen Unterricht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Priorit&amp;auml;ten des B&amp;uuml;rgermeisters sind klar: Schulen, Krankenh&amp;auml;user, Strom, sauberes Trinkwasser, Kanalisation, M&amp;uuml;llentsorgung. Doch mit einem Monatsetat von 150 000 Dollar &amp;ndash; gespeist aus 15 Prozent der Hafeneinnahmen Mogadischus &amp;ndash; sind Nurs Optionen in der kriegszerst&amp;ouml;rten Millionenstadt begrenzt. Hilfe aus dem Ausland? &amp;raquo;Wir brauchen Backsteine, Zement, Sand und Werkzeug, damit wir unsere H&amp;auml;user selbst wieder aufbauen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo; Demonstrativ krempelt er die &amp;Auml;rmel hoch, springt auf den R&amp;uuml;cksitz des Gel&amp;auml;ndewagens und jagt zum n&amp;auml;chsten Termin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Tatendrang und Optimismus des B&amp;uuml;rgermeisters wirken ansteckend. &amp;raquo;Endlich unternimmt mal einer was&amp;laquo;, freut sich der 24-j&amp;auml;hrige Farah, der in einer von Nurs Initiativen M&amp;uuml;ll in den Stra&amp;szlig;en einsammelt. &amp;raquo;Er zeigt uns, dass wir selbst etwas ver&amp;auml;ndern k&amp;ouml;nnen&amp;laquo;, sagt Aisha von den Mogadishu City Volunteers, Hunderte Freiwillige, die ihrer Stadt ohne Bezahlung wieder auf die Beine helfen wollen. &amp;raquo;Der B&amp;uuml;rgermeister ist unser Held.&amp;laquo; Aisha hat Nurs Gesicht auf ihr T-Shirt gemalt, er l&amp;auml;chelt, in einer Sprechblase &amp;uuml;ber seinem Kopf steht auf Somali: &amp;raquo;Du kannst es! Leg los!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r die einen ist er so etwas wie der Obama von Mogadischu, in den sie all ihre Hoffnungen setzen und den sie verehren wie einen Popstar - die anderen wollen ihm an den Kragen. Aus den unterirdischen Verliesen eines Geheimgef&amp;auml;ngnisses wird an diesem Morgen ein barf&amp;uuml;&amp;szlig;iger Mann zum Verh&amp;ouml;r gef&amp;uuml;hrt. Tags zuvor wurde Idriz Sheikh Abdifatah, 23, ein Radioh&amp;auml;ndler aus dem Umland, von der somalischen Polizei gefasst. Mit einem Auto voller TNT und einer Sprengstoffweste um die Brust. Er geh&amp;ouml;re zu al-Shabaab, sagt er mit fester Stimme. Mit seinem ordentlichen kurzen Haar, seinem blauen Hemd und den hochgekrempelten Jeans sieht Idriz so gar nicht wie ein Selbstmordattent&amp;auml;ter aus. Wo er die Bombe z&amp;uuml;nden wollte, sagt er nicht. Aber was den B&amp;uuml;rgermeister betrifft, ist er ganz klar: &amp;raquo;Erschie&amp;szlig;en! Enthaupten! Allah kann diesem Verr&amp;auml;ter nicht vergeben.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hat Idriz nicht auch Kinder? F&amp;uuml;r einen Moment wirkt er verunsichert. Doch er f&amp;auml;ngt sich gleich wieder und sagt: &amp;raquo;Eine Tochter. Aisha. Sie ist einen Monat alt.&amp;laquo; Und er, ihr Vater, will sich in die Luft sprengen? Auf einmal geht ein Strahlen &amp;uuml;ber sein Gesicht. &amp;raquo;Bald z&amp;uuml;nden wir unsere Bomben auch in Amerika und Europa.&amp;laquo; Ganz oben auf der Liste stehe England. &amp;raquo;Ich sprenge mich in London in die Luft und gehe direkt ins Paradies. Aisha wird gl&amp;uuml;cklich und stolz auf ihren Vater sein.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;95 Prozent der Kinder haben keinen Unterricht.&quot;]&amp;nbsp; &lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/44825.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Zu Hause in Mogadischu ist f&amp;uuml;r al-Shabaab der B&amp;uuml;rgermeister der meistgehasste Mann. 100 000 Dollar, behaupten Insider, sind auf seinen Kopf ausgesetzt. Warum, fragt man sich, ist er nicht l&amp;auml;ngst tot? Gegen einen Scharfsch&amp;uuml;tzen sind doch auch die besten Bodyguards machtlos. Und die &amp;Uuml;bergangsregierung ist nicht einmal in der Lage, ihre Minister vor Anschl&amp;auml;gen zu sch&amp;uuml;tzen. Verf&amp;uuml;gt Nur etwa &amp;uuml;ber einen besonderen Instinkt? Genie&amp;szlig;t er insgeheim Sympathien auch unter den Islamisten? Oder hat er bisher einfach nur jede Menge Gl&amp;uuml;ck gehabt? Der B&amp;uuml;rgermeister lebe noch, kann man in den Stra&amp;szlig;en von Mogadischu h&amp;ouml;ren, weil viele Menschen f&amp;uuml;r ihn beten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein rotes Handy klingelt. Eine Nachricht leuchtet auf dem Display auf: &amp;raquo;Wir sehen dich, du stehst vor deinem Haus, du tr&amp;auml;gst ein Khakihemd und eine Sonnenbrille und sprichst mit einem wei&amp;szlig;en Journalisten &amp;ndash; in zwei Minuten bist du tot.&amp;laquo; Heckensch&amp;uuml;tzen auf dem Nachbardach? Bombe im Gel&amp;auml;ndewagen? Sprengstoffg&amp;uuml;rtel um den Bauch der verschleierten Frau, die eben um die Ecke kommt? Am Ende bleibt es bei einer weiteren Drohung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der B&amp;uuml;rgermeister beantwortet sie im somalischen Fernsehen. &amp;raquo;Verkleidet euch nicht als Frauen, versteckt eure Waffen nicht unter ihren Gew&amp;auml;ndern&amp;laquo;, sagt er, den Blick direkt in die Kamera gerichtet. Die M&amp;ouml;rder sollen ihm gegen&amp;uuml;bertreten, ihm ins Gesicht sehen. &amp;raquo;Und dann bringt mich um, wenn ihr k&amp;ouml;nnt!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; 1954 im De Martino Hospital in Mogadischu geboren, verbringt Mohamoud Ahmed Nur die ersten Jahre seines Lebens als Nomadenjunge im Landesinneren, nahe der &amp;auml;thiopischen Grenze. Sein Vater besitzt 300 Ziegen und zehn Kamele. Er stirbt, als Ahmed f&amp;uuml;nf Jahre alt ist. Die Mutter gibt den Jungen zu einer Tante nach Mogadischu, aber die kann sich auch nicht um ihn k&amp;uuml;mmern, und so landet der kleine Ahmed f&amp;uuml;r die n&amp;auml;chsten zw&amp;ouml;lf Jahre im Waisenhaus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Basketball h&amp;auml;lt ihn am Leben. &amp;raquo;Ich war nicht gro&amp;szlig;, aber sehr schnell.&amp;laquo; 1972 wird sein Team somalischer Meister und Nur, der im Angriff spielt und die Nummer 7 tr&amp;auml;gt, in ganz Somalia ber&amp;uuml;hmt. Mit seiner knappen Gage finanziert er sich die Highschool. Mittlerweile hat das Milit&amp;auml;r unter General Siad Barre die Macht &amp;uuml;bernommen. Somalia wird ein sozialistisches Land. &amp;raquo;Von Anfang an hasste ich die Idee, dass der Staat die Verantwortung f&amp;uuml;r dein Leben &amp;uuml;bernimmt&amp;laquo;, sagt Nur heute. &amp;raquo;Ich wollte meine Ziele aus eigener Kraft erreichen, ich wollte nicht, dass die Regierung mich f&amp;uuml;ttert wie einen Hund.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er galt als reaktion&amp;auml;r, ging als &amp;raquo;Amerikafreund&amp;laquo; ins Gef&amp;auml;ngnis. Bevor er sein Geologiestudium beenden konnte, setzte er sich 1977 nach Saudi-Arabien ab. &amp;raquo;In meiner Basketballtasche waren zwei Hosen und drei Hemden&amp;laquo;, erinnert er sich. &amp;raquo;Ich lie&amp;szlig; mein ganzes Leben in Mogadischu zur&amp;uuml;ck.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kurz nach seiner R&amp;uuml;ckkehr nach Somalia brach der Krieg aus, 1993 flieht Nur, mittlerweile mit Shamis verheiratet und Vater von sechs Kindern, nach London. Die Zeiten sind nicht rosig. Shamis r&amp;auml;t ihm, St&amp;uuml;tze beim Sozialamt zu beantragen. Er weigert sich: &amp;raquo;Ich wollte kein Parasit der Gesellschaft sein, ich h&amp;auml;tte mich vor mir selbst geekelt.&amp;laquo; Stattdessen schlie&amp;szlig;t er an der University of Westminster in Business Management ab und gr&amp;uuml;ndet die Somali Speakers Association, welche die Diaspora in London noch heute in sozialen Fragen ber&amp;auml;t. Um &amp;uuml;ber die Runden zu kommen, macht Nur das Internetcaf&amp;eacute; in der Seven Sisters Road auf, nicht weit vom Finsbury-Park. Hinten Telefonkabinen, vorn Computer. An der Wand ein Hinweisschild: No Pornography!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Morgen nach der Kampfansage an die Islamisten im Fernsehen l&amp;auml;sst Nur seinen Fahrer an einem menschenleeren Kreisverkehr im Zentrum von Mogadischu anhalten. Aus Kriegsschutt ragt das Gerippe eines Turms wie ein knochiger Zeigefinger. Die Ruine des alten Parlaments. Symbol einer Totenstadt, einer gr&amp;uuml;ndlich gescheiterten Nation.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Noch bis vor Kurzem k&amp;auml;mpften hier Einheiten von Amisom und Soldaten der &amp;Uuml;bergangsregierung gegen al-Shabaab. Stra&amp;szlig;e um Stra&amp;szlig;e. Haus um Haus. Mann gegen Mann. Jahrelang kontrollierten die Islamisten - bis auf eine winzige Regierungsenklave - ganz Mogadischu. Dann verloren sie einige Viertel und traten im August einen &amp;raquo;taktischen R&amp;uuml;ckzug&amp;laquo; an den Stadtrand an. Seither operieren sie aus dem Untergrund. Mit Heckensch&amp;uuml;tzen und Bombenterror im Stil von al-Qaida.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Kreisverkehr springen die Bodyguards des B&amp;uuml;rgermeisters von den Pick-ups und schw&amp;auml;rmen mit ihren Kalaschnikows aus. Und Nur arbeitet sich durch das Ger&amp;ouml;ll der Parlamentsruine, als f&amp;uuml;hrte dort ein Weg zur&amp;uuml;ck in die Stadt seiner Jugend, die &amp;raquo;Perle Ostafrikas&amp;laquo; mit einer prachtvollen Seepromenade und Traumstr&amp;auml;nden am Indischen Ozean, mit gro&amp;szlig;z&amp;uuml;gig angelegten Stra&amp;szlig;en, Pl&amp;auml;tzen und G&amp;auml;rten und wei&amp;szlig; get&amp;uuml;nchten Bauten aus der italienischen Kolonialzeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Mogadischu war damals absolut friedlich und sicher, eine Crime-Zero-City&amp;laquo;, sagt Nur und reibt sich den Schwei&amp;szlig; von der Stirn. &amp;raquo;Freitags gingen wir an den Strand zum Schwimmen und abends ins Kino.&amp;laquo; Nebenan in der Casa dItalia trainierte er Basketball. &amp;raquo;Da war die Sporthalle, dort der Tennisplatz, der Nachtclub, die Bar, gleich dort dr&amp;uuml;ben dann die Universit&amp;auml;t, dort die Somali Bank und dort hinten Somali Airlines.&amp;laquo; Tr&amp;uuml;mmerhaufen. Zerschossene Art-d&amp;eacute;co-S&amp;auml;ulen. Aufgeplatzte Sands&amp;auml;cke auf orientalischen Balkonen. An einer vom Kugelhagel durchsiebten Wand im Erdgeschoss steht: &amp;raquo;Helft mir! Ich bin ein Kind!&amp;laquo; Daneben eine unbeholfene Zeichnung: M&amp;auml;nner richten Gewehre aufeinander. Wie aufgereihte Perlen h&amp;auml;ngen die Kugeln in der Luft,  am Boden liegen Menschen in verschmiertem, schwarzem Blut.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Mogadischu war damals wundersch&amp;ouml;n&amp;laquo;, sagt der B&amp;uuml;rgermeister pl&amp;ouml;tzlich leise und ger&amp;auml;t auf dem Ger&amp;ouml;llbrocken aus dem Gleichgewicht. Es ist, als k&amp;auml;mpften in ihm zwei Zeiten gegeneinander an, als zerrten ihn das Damals und das Heute in verschiedene Richtungen. Tr&amp;auml;nen stehen in seinen Augen. Dann f&amp;auml;ngt er sich wieder, ballt die F&amp;auml;uste und sagt mit fester Stimme: &amp;raquo;Das ist die Stadt, die ich wieder aufbauen werde.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Wir lieben usneren B&amp;uuml;rgermeister.&quot;]&amp;nbsp; &lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/44821.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Nach dem R&amp;uuml;ckzug von al-Shabaab ist dies nicht mehr reine Utopie, in Mogadischu gibt es erste Anzeichen einer Art von Normalit&amp;auml;t. In leer gefegte Todesstreifen kehrt allm&amp;auml;hlich Leben zur&amp;uuml;ck. Nicht zuletzt dank des unerm&amp;uuml;dlichen Wirkens von B&amp;uuml;rgermeister Nur wagen sich viele wieder auf die Stra&amp;szlig;e, r&amp;auml;umen Schutt aus H&amp;ouml;fen, bauen H&amp;auml;user auf, er&amp;ouml;ffnen kleine Gesch&amp;auml;fte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein Junge mit einer eiternden Narbe &amp;uuml;ber dem Auge gie&amp;szlig;t am Stra&amp;szlig;enrand ein B&amp;auml;umchen. &amp;raquo;Selbst gepflanzt&amp;laquo;, sagt er, w&amp;auml;hrend das Wasser aus dem Loch einer Plastikt&amp;uuml;te rinnt und von der durstigen Erde Mogadischus aufgesogen wird. &amp;raquo;Mein Baum. Auf den passe ich auf. Wenn er gro&amp;szlig; ist, schlafe ich in seinem Schatten.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hoffnung. Auf eine friedliche Zukunft. Doch die Frontlinie liegt nur wenige Kilometer die Hauptstra&amp;szlig;e hinunter. Am letzten Checkpoint namens X-Control trocknen Blutlachen auf dem Asphalt. Soldaten legen hier oft die Leichen get&amp;ouml;teter Al-Shabaab-K&amp;auml;mpfer aus, damit jeder sieht, was Aufst&amp;auml;ndische zu erwarten haben. Endlos ist die Karawane der Fl&amp;uuml;chtlinge aus den von al-Shabaab kontrollierten Gebieten, in die Amisom und Regierungstruppen vorr&amp;uuml;cken, um die Islamisten weiter zur&amp;uuml;ckzudr&amp;auml;ngen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wir fliehen vor den Raketen der Armee&amp;laquo;, sagt Hawa Ibrahim, eine junge Frau mit violettem Gesichtsschleier in einem &amp;uuml;berladenen Minibus. Al-Shabaab versteckt sich oft in Wohngebieten, um Frauen und Kinder als lebenden Schutzschild zu missbrauchen. Wenn die Armee dann angreift und ihre Raketen Zivilisten t&amp;ouml;ten, sch&amp;uuml;rt das auch die Wut auf den B&amp;uuml;rgermeister. Hawa: &amp;raquo;Allah wird ihn bestrafen.&amp;laquo; Ob er will oder nicht: Er geh&amp;ouml;rt zur &amp;Uuml;bergangsregierung und ist damit automatisch Partei.An der Frontlinie in der N&amp;auml;he des ehemaligen Tiermarktes - heute ein geisterhafter, lebensgef&amp;auml;hrlicher Ort - ducken sich Soldaten in ihren Lumpenuniformen hinter Sands&amp;auml;cken. Sie tragen verspiegelte Sonnenbrillen und Munitionsg&amp;uuml;rtel quer &amp;uuml;ber der Brust. Ihre Kalaschnikows und Raketenwerfer zeigen auf eine leere Stra&amp;szlig;e zwischen ausgebrannten, von den K&amp;auml;mpfen der vergangenen Tage zerschossenen H&amp;auml;usern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Auf den D&amp;auml;chern dort: Scharfsch&amp;uuml;tzen&amp;laquo;, fl&amp;uuml;stert Ahmed Ali, der Kommandant dieses Frontabschnitts, und z&amp;uuml;ndet sich eine Zigarette an. &amp;raquo;Ein falscher Schritt, und du bist tot.&amp;laquo; Al-Shabaab ist noch lange nicht besiegt, der Krieg nicht vorbei. Er lauert an den R&amp;auml;ndern Mogadischus auf seine Chance, in die Stadt zur&amp;uuml;ckzukehren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Kommandant nimmt einen langen Zug an seiner Zigarette. 65 Jahre ist er alt und mehr als sein halbes Leben bei der Armee. Der B&amp;uuml;rgermeister? &amp;raquo;Sehr guter Mann, ein echter Patriot&amp;laquo;, sagt er, rei&amp;szlig;t die Hacken zusammen und salutiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dass der Stadtvater, wie der alte Offizier behauptet, mit einer Pistole unter dem Kopfkissen und einer Kalaschnikow neben dem Bett schlafe, entspreche allerdings nicht der Wahrheit, sagt Shamis. Aber nachts wache ihr Mann st&amp;auml;ndig auf, den Kopf voller Pl&amp;auml;ne f&amp;uuml;r den n&amp;auml;chsten Tag. &amp;raquo;Ab vier Uhr morgens findet er dann keinen Schlaf mehr.&amp;laquo; In London ging Nur regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig joggen. Jetzt reicht es h&amp;ouml;chstens noch f&amp;uuml;r ein paar beengte Morgenrunden um das Haus, im Schatten stacheldrahtbewehrter Mauern. &amp;raquo;Dein Bauch wird dick&amp;laquo;, sagt Shamis nach dem Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck und schenkt ihrem Mann ein liebevolles L&amp;auml;cheln; wenn er morgens fortgeht, wei&amp;szlig; sie nie, ob er abends wieder zur&amp;uuml;ckkommt. &amp;raquo;Du hast graue Haare bekommen von all den Problemen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vermisst er London manchmal? &amp;raquo;Die Spiele von Arsenal und Parliament Question Time auf BBC1&amp;laquo;, sagt Nur und steigt in den schwarzen Gel&amp;auml;ndewagen. &amp;raquo;Und den Park am Parliament Hill. Das Gr&amp;uuml;n, die H&amp;uuml;gel, die Drachen am Himmel - wunderbar.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Alles, was Nur seit seinem Amtsantritt in Mogadischu erreicht hat, steht an diesem Tag auf dem Spiel. &amp;raquo;Vor genau einem Jahr habe ich ein Open-Air-Musikfestival organisiert&amp;laquo;, erkl&amp;auml;rt er im Zwielicht hinter den geschw&amp;auml;rzten Scheiben seines Wagens. &amp;raquo;Ein Ereignis, wie es die Menschen von Mogadischu seit Jahrzehnten nicht mehr erleben durften.&amp;laquo; Ein Zeichen habe er setzen wollen. F&amp;uuml;r einen Neuanfang. F&amp;uuml;r ein Leben in W&amp;uuml;rde, ohne Angst. Doch dann st&amp;uuml;rmten Bewaffnete auf den Platz und schossen in die Menge. Auf Befehl des Warlords Mohamed Dheere, des ehemaligen B&amp;uuml;rgermeisters. Er wollte seinen Nachfolger einsch&amp;uuml;chtern und um seine Popularit&amp;auml;t bringen. Vier Menschen starben. Darunter der Dirigent der Blaskapelle. &amp;raquo;Das war der schw&amp;auml;rzeste Tag meines Lebens&amp;laquo;, sagt Nur und k&amp;auml;mpft um seine Fassung. Genau ein Jahr nach der Katastrophe soll nun erneut ein Musikfestival stattfinden. &amp;raquo;Wenn wir uns einsch&amp;uuml;chtern lassen, werden wir nie etwas ver&amp;auml;ndern.&amp;laquo; Tausende sind gekommen. Auf dem nach allen Seiten offenen Platz warten sie in ihren Festtagskleidern seit den fr&amp;uuml;hen Morgenstunden auf die Botschaft des B&amp;uuml;rgermeisters, auf seine Visionen. Zwei Jahrzehnte lang haben sich die Bewohner der 16 Stadtdistrikte blutig bek&amp;auml;mpft. Jetzt halten sie sich an den H&amp;auml;nden, singen gemeinsam und tanzen. Auf ihren Plakaten steht &amp;raquo;al-Shabaab: M&amp;ouml;rder&amp;laquo; oder &amp;raquo;al-Shabaab wird enden wie Osama Bin Laden&amp;laquo;; dazwischen lassen Poster den B&amp;uuml;rgermeister hochleben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Poeten in wei&amp;szlig;en Gew&amp;auml;ndern und mit hennagef&amp;auml;rbten B&amp;auml;rten rezitieren Gedichte und drehen sich wie Derwische im Kreis. Die Musiker der Blaskapelle in ihren hellgr&amp;uuml;nen Uniformen und wei&amp;szlig;en Hosen schmettern einen Marsch. Und dann kommt der B&amp;uuml;rgermeister. Nicht in einem Panzerfahrzeug von Amisom. Nicht in seinem schwarzen Gel&amp;auml;ndewagen. Nein, zu Fu&amp;szlig;. Und ohne schusssichere Weste. Winkend und strahlend l&amp;auml;uft er auf dem Platz ein, und seine B&amp;uuml;rger jubeln ihm zu wie einem Fu&amp;szlig;ballstar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Zukunft!&amp;laquo;, ruft er ins Mikrofon. &amp;raquo;Frieden! Licht!&amp;laquo; Auf den D&amp;auml;chern klicken &amp;ndash; kaum h&amp;ouml;rbar im tosenden Applaus und bewegt nur von den Atemz&amp;uuml;gen wachsamer Soldaten - die Munitionsgurte an den L&amp;auml;ufen der Kalaschnikows. Jeden Moment kann in der Menge jemand eine Waffe ziehen. Oder einen Sprengstoffg&amp;uuml;rtel z&amp;uuml;nden. Doch das scheint die Leute nicht zu interessieren; sie h&amp;auml;ngen an den Lippen des B&amp;uuml;rgermeisters. Es ist, als m&amp;uuml;sse er die Normalit&amp;auml;t nur lange genug beschw&amp;ouml;ren, damit diese eintritt und alles wieder gut wird in Mogadischu. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wir lieben unseren B&amp;uuml;rgermeister!&amp;laquo;, kreischt eine Frau in der Menge, au&amp;szlig;er sich vor Freude; die anderen stimmen lautstark zu und schwenken somalische F&amp;auml;hnchen. &amp;raquo;Er muss weitermachen! Er hat mehr verdient! Pr&amp;auml;sident soll er werden! Pr&amp;auml;sident!&amp;laquo;&lt;br /&gt; Mohamoud Ahmed Nur hat andere Pl&amp;auml;ne. Beim Abendessen nach dem Festival verr&amp;auml;t er sie seiner Frau: &amp;raquo;Die Olympischen Spiele in Mogadischu.&amp;laquo; Er nimmt l&amp;auml;chelnd ihre Hand. &amp;raquo;2028 oder 2036 &amp;ndash; auf jeden Fall solange ich noch lebe.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der Bürgermeister der Hölle</dc:subject>
    <dc:creator>Michael Obert</dc:creator>
    <dc:date>2012-04-23T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36763">
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    <title>Radio Ratlos</title>
    <description>&lt;p&gt;Seit Jahrzehnten sendet eine Funkstation im tiefsten Russland      mysteri&amp;ouml;se Signale. Spionage? Raketentechnik? Aliens? Kein Mensch      kann erkl&amp;auml;ren, was sie bedeuten - aber mittlerweile h&amp;ouml;ren      Hunderttausende auf der ganzen Welt zu.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Von einem Wald n&amp;ouml;rdlich von Moskau aus sendete eine Kurzwellenstation Tag und Nacht unerkl&amp;auml;rliche Signale. Etwa zwischen 1982 bis 1992 handelte es sich dabei meistens um ein Piepen, sp&amp;auml;ter  waren es Brummt&amp;ouml;ne, in der Regel zwischen 21 und 34 pro Minute, jeder von ihnen knapp eine Sekunde lang &amp;ndash; wie ein n&amp;auml;selndes Nebelhorn, das durch den knackenden &amp;Auml;ther drang. Es hie&amp;szlig;, das Signal komme aus einem kleinen Milit&amp;auml;rst&amp;uuml;tzpunkt in der N&amp;auml;he eines Dorfes namens Povarovo. Nur sehr selten, vielleicht alle paar Wochen, wurde die Monotonie der r&amp;auml;tselhaften T&amp;ouml;ne von einer m&amp;auml;nnlichen Stimme unterbrochen, die Zahlen und W&amp;ouml;rter rezitierte, bei denen es sich oft um russische Vornamen handelte: &amp;raquo;Anna, Nikolai, Iwan, Tatjana, Roman.&amp;laquo; Doch meistens wurde die Sendezeit blo&amp;szlig; mit T&amp;ouml;nen bestritten, von denen man nicht wusste, was sie bedeuteten, und die einen deswegen fast verr&amp;uuml;ckt machen konnten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hin und wieder wechselten die Amplitude und die H&amp;ouml;he des Brummens oder die Intervalle zwischen den T&amp;ouml;nen. Doch zu jeder vollen Stunde strahlte der Sender verl&amp;auml;sslich zwei kurz aufeinanderfolgende Brummt&amp;ouml;ne aus. Keine der Umw&amp;auml;lzungen, die Russland im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges und in beiden Dekaden danach besch&amp;auml;ftigten, hat UVB-76, wie das Kennungssignal des Senders lautete, je daran gehindert, seinem geheimnisvollen Zweck nachzugehen. Und es gab viele Umw&amp;auml;lzungen: Michail Gorbatschow, die Perestroika, das Ende des Afghanistan-Krieges, die Implosion der Sowjetunion, das Ende der Preisbindung, Boris Jelzin, der Putschversuch, der erste Tschetschenienkrieg, die Oligarchen, die Finanzkrise, der zweite Tschetschenienkrieg, der Aufstieg des Putinismus. Und so kam es, dass eine kleine Gruppe von Kurzwellenenthusiasten, fasziniert vom Mysterium des &amp;raquo;Buzzers&amp;laquo;, wie sie die Station scherzhaft nannten, jedes seiner Signale dokumentierte. Auch f&amp;uuml;r sie wurde er zu einer fast tr&amp;ouml;stlichen Konstante, die mit metronomhafter Regelm&amp;auml;&amp;szlig;igkeit in ihrem Leben dr&amp;ouml;hnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann, am 5. Juni 2010, h&amp;ouml;rte das Brummen auf. Es gab keine Ank&amp;uuml;ndigung, keine Erkl&amp;auml;rung. Nur Stille.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am n&amp;auml;chsten Tag setzte die Ausstrahlung wieder ein, als ob nichts geschehen w&amp;auml;re. F&amp;uuml;r den Rest des Monats und im Juli verhielt sich UVB-76 fast wie immer. Es gab ein paar Abweichungen &amp;ndash; zum Beispiel Tonfolgen, die sich nach Morsecode anh&amp;ouml;rten &amp;ndash;, aber nichts Dramatisches. Mitte August wieder Stille. Das Brummen setzte erneut ein, h&amp;ouml;rte wieder auf, begann von Neuem.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am 25. August um 10.13 Uhr ging es auf UVB-76 v&amp;ouml;llig drunter und dr&amp;uuml;ber. Zuerst Stille. Dann h&amp;ouml;rte man Ger&amp;auml;usche, als w&amp;auml;re jemand im Raum. Es war, als st&amp;uuml;nde nach all den Jahren der D&amp;auml;mon hinter all dem Gepiepe, Gebrumme und Gedr&amp;ouml;hne kurz davor, sich zu erkennen zu geben. In der ersten Woche nach diesem Zwischenfall wurde die Ausstrahlung oft unterbrochen &amp;ndash; in der Regel von Schnipseln des &amp;raquo;Tanzes der kleinen Schw&amp;auml;ne&amp;laquo; aus Tschaikowskys &lt;em&gt;Schwanensee&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Abend des 8. September 2010 geschah etwas noch Dramatischeres &amp;ndash; einer der H&amp;ouml;rer sollte es sp&amp;auml;ter &amp;raquo;existenziell&amp;laquo; nennen. Um 8.48 Uhr abends Moskauer Zeit gab eine m&amp;auml;nnliche Stimme eine neue Kennung durch. Sie lautete &amp;raquo;Michail Dmitri Zhenya Boris&amp;laquo;. Das bedeutete, dass der Sender fortan MDZhB hei&amp;szlig;en sollte. Dieser Verlautbarung folgte eine der &amp;uuml;blichen nebul&amp;ouml;sen Botschaften von UVB-76 (oder MDZhB): &amp;raquo;04 979 D-R-E-N-D-O-U-T&amp;laquo;, gefolgt von einem langen Zahlenblock, danach &amp;raquo;T-R-E-N-E-R-S-K-I-Y&amp;laquo; und noch mehr Zahlen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bis vor wenigen Jahren w&amp;auml;ren die Mysterien eines russischen Kurzwellensenders nur von einer kleinen Gruppe von Radio-Nerds registriert worden. Doch im Juni 2010 &amp;ndash; nach der ersten Signalpause &amp;ndash; verkn&amp;uuml;pfte ein Este namens Andrus Aaslaid, seit seiner Kindheit vom Kurzwellenradio fasziniert, die Signale des russischen Brummers mit dem Internet. Seitdem kann man unter der Adresse UVB-76.net dem Gebrumme auch ohne Weltempf&amp;auml;nger folgen. Bald h&amp;ouml;rten Hunderttausende aus allen m&amp;ouml;glichen Ecken der Welt immer mal wieder in den Internet-Feed des Buzzers rein. Aaslaid hatte es geschafft, eines der seltensten Hobbys, die man sich vorstellen kann, f&amp;uuml;r das 21. Jahrhundert zu verj&amp;uuml;ngen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mittlerweile geh&amp;ouml;ren zu den Anh&amp;auml;ngern des Brummers Anarchisten, Hacker, Installationsk&amp;uuml;nstler, Leute, die an Au&amp;szlig;erirdische glauben, ein ehemaliger litauischer Kommunikationsminister oder ein Mann aus Virginia, der unter dem K&amp;uuml;rzel &amp;raquo;Room641A&amp;laquo; auftritt, eine Anspielung auf eine geheime Abh&amp;ouml;rstation der National Security Agency, die sich angeblich in einem Geb&amp;auml;ude des Telefonkonzerns A&amp;amp;T in San Francisco befinden soll (&amp;raquo;Ich interessiere mich f&amp;uuml;rs Zuh&amp;ouml;ren&amp;laquo;, teilte mir Room641A in einer E-Mail mit, &amp;raquo;und zwar f&amp;uuml;r alle seine Formen&amp;laquo;). Sie alle stehen im Bann dieses Signals, das nun wieder meistens blo&amp;szlig; vor sich hinbrummt. F&amp;uuml;r sie ist es zu einer Obsession geworden herauszufinden, welche Bedeutung sich hinter seinen r&amp;auml;tselhaften Mustern verbirgt, aber wahrscheinlich ist das Beste an diesem Geheimnis, dass es sich eben nicht dechiffrieren l&amp;auml;sst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie nicht anders zu erwarten, liegt die Geschichte des Buzzers im Tr&amp;uuml;ben: Vor ungef&amp;auml;hr 30 Jahren, hei&amp;szlig;t es, errichteten die Sowjets die Funkstation in der N&amp;auml;he von Povarovo, 40 Autominuten nordwestlich von Moskau. Zu jener Zeit war Leonid Breschnew noch am Leben, der Kreml beherrschte ein interkontinentales Reich, die Sowjettruppen bissen sich in Afghanistan die Z&amp;auml;hne aus. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde bekannt, dass Povarovo von der Armee kontrolliert wurde und dass alles, was dort geschah, h&amp;ouml;chster Geheimhaltung unterlag.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Kurzwellenenthusiasten entwickelten Theorien &amp;uuml;ber die Funktion&quot;] &lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt; Kurzwellenenthusiasten entwickelten alle m&amp;ouml;glichen Theorien &amp;uuml;ber die Funktion der Station innerhalb des milit&amp;auml;rischen Kommunikationsnetzes. Es handelt sich um einen vergessenen Knoten, lautete eine Hypothese, dessen urspr&amp;uuml;nglicher Zweck l&amp;auml;ngst in den Labyrinthen der B&amp;uuml;rokratie vergessen worden ist. Es sind Geheimsignale, meinten andere, Botschaften an russische Spione in ihren Operationsgebieten. Ein d&amp;uuml;sterer Erkl&amp;auml;rungsversuch brachte UVB-76 mit einer sowjetischen Wunderwaffe in Verbindung, die im Falle eines &amp;Uuml;berraschungsangriffs auf den Kreml eine Welle nuklearer Attacken gegen die USA ausl&amp;ouml;sen sollte. Die nicht ganz so sexy Hypothese, dass der Brummer mit seinen Signalen die Dicke der Ionosph&amp;auml;re testen sollte, fand dagegen kaum Anh&amp;auml;nger.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor Aaslaids Internet-Feed und den Ereignissen von 2010 verfolgten vermutlich nicht mehr als tausend Menschen das Treiben auf UVB-76. Einige unter ihnen hatten seit den Achtzigerjahren den Signalen zugeh&amp;ouml;rt, in Kellern, Garagen, Hobbyr&amp;auml;umen. Es war eine verschworene Gemeinschaft von Enthusiasten aus allen m&amp;ouml;glichen L&amp;auml;ndern, die einander oft nicht ihre Wohnorte verrieten oder nur unter Pseudonym miteinander kommunizierten, weil viele von ihnen Angst davor hatten, dass sich die Sowjets f&amp;uuml;r ihr Interesse am Brummer interessierten &amp;ndash; schlie&amp;szlig;lich konnte es ja sein, dass sie irgendeinem dunklen Geheimnis auf die Spur gekommen waren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Es war aufregend&amp;laquo;, sagt Ary Boender, 57, ein Anlageberater aus der N&amp;auml;he von Rotterdam. Er hat sich erstmals im Januar 1983 an das Signal von UVB-76 geh&amp;auml;ngt, aus reinem Zufall, wie er sagt. Beim Suchen nach einem Sender war unvermutet dieses seltsame Signal aus dem Empf&amp;auml;nger gedrungen, von dem er danach nie wieder loskam. Ganz &amp;auml;hnlich erz&amp;auml;hlen es viele Fans des Brummers: Es war sp&amp;auml;t, sie suchten eigentlich etwas anderes &amp;ndash; einen Wetterkanal, einen Seewetterbericht, ein wenig Funkverkehr im Luftraum &amp;ndash;, als pl&amp;ouml;tzlich UVB-76 im &amp;Auml;ther hing und ihre Aufmerksamkeit so sehr fesselte, dass ihnen nichts anderes &amp;uuml;brig blieb, als dem Signal zu folgen, das sich durch die kalte und verschneite Nacht einen Weg zu ihnen gesucht hatte. Was um alles in der Welt war das? &amp;raquo;Der Spa&amp;szlig; bestand immer darin herauszufinden, wer sie sind, von wo sie senden, was sie wollen&amp;laquo;, sagt Ary Boender.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor dem Internet erfuhren Kurzwellenenthusiasten voneinander durch fotokopierte Newsletter wie die &lt;em&gt;Monitoring Times&lt;/em&gt; oder Magazine mit kleiner Auflage wie &lt;em&gt;Popular Communications&lt;/em&gt; (Schlagzeile der Ausgabe vom Oktober 1985: &amp;raquo;Lauschangriff im Flugverkehr!&amp;laquo;). Wenn sich bei UVB-76 etwas Interessantes ereignete &amp;ndash; zum Beispiel wenn die Dauer der Piept&amp;ouml;ne sich von 1,9 auf 2,2 Sekunden verl&amp;auml;ngerte oder das Timbre der ausgestrahlten T&amp;ouml;ne sich ver&amp;auml;nderte &amp;ndash;, schrieben sie an ihre Nischenbl&amp;auml;tter oder wandten sich an andere in ihrer Kurzwellen-Community, um ihre Beobachtungen und Hypothesen zu teilen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Noch immer f&amp;uuml;hlt man sich beim H&amp;ouml;ren von UVB-76 wie in einer Welt, die seit Jahrzehnten nicht mehr existiert, vor allem, wenn man es sp&amp;auml;t in der Nacht tut und dabei in einem dunklen Keller sitzt, Kopfh&amp;ouml;rer &amp;uuml;bergest&amp;uuml;lpt, in einem Meer aus Kl&amp;auml;ngen treibend, die von nirgendwoher zu kommen scheinen &amp;ndash; all diese &amp;raquo;kleinen Reisen in die Fantasie&amp;laquo;, wie Room641A sich ausdr&amp;uuml;ckt, &amp;raquo;auf die man sich begibt, wenn man nachts um drei vor seinem Empf&amp;auml;nger sitzt und Radio Havanna im &amp;Auml;ther rauscht&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die meisten der UVB-76-&amp;Uuml;berwacher glauben, dass es sich um eine ungew&amp;ouml;hnliche Variante eines sogenannten Zahlensenders handelt. Dessen Zweck besteht darin, verschl&amp;uuml;sselte Nachrichten an Spione und Agenten auszustrahlen, und normalerweise kommen sie ihm nach, indem sie F&amp;uuml;nfergruppen von Zahlen senden, weil das die Identifikation von W&amp;ouml;rtern und S&amp;auml;tzen erschwert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zahlensender sollen schon seit dem Ersten Weltkrieg existieren, behauptet das amerikanische &amp;raquo;Conet Project&amp;laquo;, und werden nicht nur von Milit&amp;auml;rs und den Geheimdiensten aller m&amp;ouml;glichen Staaten betrieben, sondern etwa auch von Drogenschmugglern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jochen Sch&amp;auml;fer, Vorsitzender der deutschen Sektion einer Online-Gruppe namens Enigma 2000 (der erste Teil des Namens ist eine Abk&amp;uuml;rzung f&amp;uuml;r &amp;raquo;European Numbers Information Gathering and Monitoring Association&amp;laquo;), die Daten &amp;uuml;ber Zahlensender auf der ganzen Welt sammelt, sagt &amp;uuml;ber UVB-76: &amp;raquo;Es ist kein typischer Zahlensender, aber es ist einer.&amp;laquo; Normalerweise beginnen Zahlensender ihre Ausstrahlungen mit einem Identifikationssignal, sagt Sch&amp;auml;fer,  dem eine Kennmelodie folgt &amp;ndash; beim legend&amp;auml;ren britischen Kurzwellensender &amp;raquo;Lincolnshire Poacher&amp;laquo; waren es die ersten beiden Takte eines Volkslieds gleichen Namens &amp;ndash;, dann erst folgen die Zahlengruppen. &amp;raquo;UVB-76 ist anders&amp;laquo;, sagt Sch&amp;auml;fer. &amp;raquo;Die meiste Zeit gibt es nur diesen Brummton. Und die Botschaften kommen in unregelm&amp;auml;&amp;szlig;igen Abst&amp;auml;nden.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Diese Abweichungen lassen manche H&amp;ouml;rer von UVB-76 daran zweifeln, dass es sich um einen Zahlensender handelt. Ein Mann, der unter dem K&amp;uuml;rzel &amp;raquo;JM&amp;laquo; auftritt, ein europ&amp;auml;ischer Spitzenbeamter im Ruhestand, der sich jahrelang mit den sowjetischen Man&amp;ouml;vern besch&amp;auml;ftigt hat, westliche Rundfunksender zu st&amp;ouml;ren, ist davon &amp;uuml;berzeugt, dass UVB-76 den Zweck hat, Signale an Armeeeinheiten im Inland zu senden, nicht an Spione jenseits der Staatsgrenzen. F&amp;uuml;r ihn lassen viele Charakteristika des Senders &amp;ndash; seine Frequenz von 4625 kHz, seine Sendest&amp;auml;rke von 20 Kilowatt oder die Art seiner Antenne &amp;ndash; auf eine konventionelle milit&amp;auml;rische Verwendung schlie&amp;szlig;en. Bryan Tabares, ein 21-j&amp;auml;hriger Produktionsingenieur aus Jacksonville in Florida, stimmt ihm zu und hat f&amp;uuml;r die merkw&amp;uuml;rdigen Sendeunterbrechungen von 2010 eine unverf&amp;auml;ngliche Erkl&amp;auml;rung. Ihm zufolge haben Toningenieure damals ihre Anlage neu kalibriert oder neue Ger&amp;auml;te in Betrieb genommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist einem 37-j&amp;auml;hrigen Programmierer aus Tallinn zu verdanken, dass ein obskurer russischer Kurzwellensender zu einem Internet-Hype wurde. Durch die Koppelung der Sendersignale mit dem Netz wuchs die Zuh&amp;ouml;rerschaft von UVB-76 in einem Ausma&amp;szlig;, von dem sich keiner der Kurzwellen-Enthusiasten h&amp;auml;tte tr&amp;auml;umen lassen. Aaslaids B&amp;uuml;ro liegt im dritten Stock eines Geb&amp;auml;udes in einer stillen Nebenstra&amp;szlig;e, im Haus gegen&amp;uuml;ber wohnt er mit seiner Familie in der obersten Etage. International kaum bekannt, ist Aaslaid in Estland eine Art Held der lokalen IT-Szene. Er gr&amp;uuml;ndete sein erstes Unternehmen in den fr&amp;uuml;hen Neunzigern, verkaufte seine zweite Firma an das Quartett hinter Skype, versuchte sich eine Zeit lang im Silicon Valley, war Berater von zwei estnischen Ministern, darunter Andrus Ansip, dem derzeitigen Regierungschef des Landes. F&amp;uuml;r Kurzwellenradio interessiert er sich schon seit seiner Kindheit, und wenn er &amp;uuml;ber UVB-76 spricht, h&amp;ouml;rt er sich immer noch ein wenig wie ein Teenager an, der von einer Welt fasziniert ist, die er nicht ganz versteht. Er schaltet seinen Empf&amp;auml;nger ein, und ein paar Minuten lang lauschen wir nach dem Zufallsprinzip irgendwelchen Klangfetzen im Funk&amp;auml;ther: Ein Friedensaktivist spricht &amp;uuml;ber Hiroshima, ein russischer Nachrichtensprecher berichtet von Toten in Gaza, das Ende eines Supertramp-Songs. &amp;raquo;Ich habe mich viele N&amp;auml;chte in den Radiowellen verloren, und manchmal war ich sehr, sehr betrunken davon&amp;laquo;, sagt Aaslaid. &amp;raquo;In unserer Zeit ist das Leben vieler Menschen so durchgeplant und vorhersagbar. Da steht etwas wie UVB-76 f&amp;uuml;r Unvorhersehbarkeit und Mysterium.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein Internet-Koppler ist technisch unkompliziert, verlangte ihm aber k&amp;ouml;rperlich einiges ab. F&amp;uuml;r die Antenne spannte er mitten in der Nacht 70 Meter  Kupferdraht zwischen den D&amp;auml;chern des B&amp;uuml;ro- und des Wohngeb&amp;auml;udes und musste einige Male hin- und herklettern, bis alles passte. Dann verband er den Kurzwellenscanner, an dem die Antenne hing, mit einem Computer. Erst ein paar Wochen sp&amp;auml;ter, als sich der Erfolg seiner Idee abzeichnete, ersetzte er die Dr&amp;auml;hte &amp;uuml;ber die Stra&amp;szlig;e durch eine ordentliche Antenne und den Scanner durch ein softwarebasiertes Radio.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;K&amp;uuml;nstler und Musiker f&amp;uuml;hlen sich von dem Brummer inspiriert.&quot;]&lt;br /&gt; In den ersten sechs Monaten nachdem er UVB-76 ans Internet geh&amp;auml;ngt hatte, interessierten sich 200 000 Menschen aus allen m&amp;ouml;glichen L&amp;auml;ndern f&amp;uuml;r die Signale des Brummers. Wie jeder gute Kurzwellens&amp;uuml;chtige beobachtet Aaslaid die Beobachter und wei&amp;szlig; deshalb, dass die meisten von ihnen aus den USA kommen, aber gleich dahinter die Russen. Aaslaid erz&amp;auml;hlt, er bekomme viele Mails von K&amp;uuml;nstlern und Musikern, die sich vom Brummer inspiriert f&amp;uuml;hlen. X-Ray Press, eine &amp;raquo;Math-Rock&amp;laquo;-Band aus Seattle, ver&amp;ouml;ffentlichte ein Album mit dem Titel &amp;raquo;UVB-76&amp;laquo;, Sherri Miller und Mario Fanone, zwei Elektronik-Musiker aus Buffalo im Bundesstaat New York, gingen noch einen Schritt weiter und nannten gleich ihre Band nach dem russischen Kurzwellensender. Jedes ihrer Konzerte beginnt mit einer Einspielung des Brummer-Brummtons.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das neueste Mysterium von UVB-76 &amp;ndash; bzw. MDZhB  ist sein Standort. Bald nach den Turbulenzen im August und September 2010, mit all den Pausen, Neustarts und seltsamen Ger&amp;auml;uschen, fiel den Zuh&amp;ouml;rern eine weitere bemerkenswerte &amp;Auml;nderung auf: Die Koordinaten des Senders schienen sich ge&amp;auml;ndert zu haben. JM, der ehemalige Europa-Spitzenbeamte, konnte die neue Position ann&amp;auml;hernd bestimmen: Sie liegt bei der Stadt Pskov in der N&amp;auml;he der russisch-estnischen Grenze. Aber bisher ist es niemandem gelungen, den exakten Standort zu peilen. Ary Boender, der Anlageberater aus Rotterdam, meint, der Umzug sei einer Neuorganisierung der russischen Armee geschuldet, die im September 2010 in Kraft trat. Dabei wurden die Milit&amp;auml;rbezirke von Moskau und St. Petersburg zusammengelegt und eine neue Kommandozentrale in St. Petersburg geschaffen. Das k&amp;ouml;nnte auch den Umstand erkl&amp;auml;ren, dass UVB-76 ein paar hundert Kilometer in den Nordwesten verlegt wurde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Heute ist der kleine Armeest&amp;uuml;tzpunkt bei Povarovo, von dem aus so viele Jahre gesendet wurde, fast verlassen. Alte kommunistische Plattenbauten, ein paar  Datschen j&amp;uuml;ngeren Datums, Frauen, die Gurken und Honig ernten. Das Armeegel&amp;auml;nde ist umz&amp;auml;unt, Schilder verwehren Zivilfahrzeugen die Zufahrt, aber es gibt weder Bewacher noch elektrische Z&amp;auml;une, und die Tore sind nicht verschlossen. Nirgendwo Menschen, blo&amp;szlig; bei den H&amp;auml;usern, in denen die Frauen, Kinder und Enkel der Soldaten wohnen, die hier einmal gedient haben. &amp;raquo;Das hier war wie ein Paradies&amp;laquo;, sagt eine Frau namens Natalia, deren verstorbener Mann Chauffeur des St&amp;uuml;tzpunktkommandanten war. Als ich mich bei ihr nach dem Sendemasten jenseits des Zauns erkundige, sagt Natalia, niemand gehe je dorthin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die schmale Stra&amp;szlig;e zum Turm f&amp;uuml;hrt an einer Handvoll verlassener Geb&amp;auml;ude entlang eines Kiefernwaldes vorbei. Der Turm, von einem zweiten Zaun umgeben, ist zwischen 30 und 45 Meter hoch, rot-wei&amp;szlig; lackiert und schon etwas rostig, drei oder vier Satellitensch&amp;uuml;sseln sind an ihm angebracht. In der N&amp;auml;he: ein Schuppen, eine gr&amp;uuml;ne Wellblechh&amp;uuml;tte, in der Kabel und elektrisches Ger&amp;auml;t gelagert werden, und ein steinerner Bau, schon von Moos &amp;uuml;berwachsen. Es scheint eine unterirdische Anlage zu geben: Das Feld, auf dem sich der Sendemast erhebt, ist von Metallzylindern durchl&amp;ouml;chert, wahrscheinlich Bel&amp;uuml;ftungssch&amp;auml;chte. Au&amp;szlig;erdem ist da noch ein kleines, rosa gestrichenes Geb&amp;auml;ude, das wie der Zugang zu einer in die Tiefe f&amp;uuml;hrenden Treppe wirkt. Im Steinbau ist eine T&amp;uuml;r nur halb verschlossen. Wenn man sie &amp;ouml;ffnet, blickt man in ein schwarzes Loch, in das vor Jahren oder Jahrzehnten noch eine Leiter hinabgef&amp;uuml;hrt haben mag. Ich werfe einen Stein in die Tiefe, bis zum Aufschlag vergeht ungef&amp;auml;hr eine Sekunde &amp;ndash;was immer da unten ist, liegt also mindestens zehn Meter unter der Erde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nahe dem Zaun, der den Funkturm umgibt, befindet sich ein weiteres einst&amp;ouml;ckiges Geb&amp;auml;ude, ebenfalls rosa gestrichen. Vor dem Geb&amp;auml;ude: eine gro&amp;szlig;e Antenne und ein Baum. Zwischen dem Baum und dem Geb&amp;auml;ude hat jemand ein Kabel gespannt, an das ein kl&amp;auml;ffender Hund angeleint ist. Sobald man sich der T&amp;uuml;r des Geb&amp;auml;udes n&amp;auml;hern w&amp;uuml;rde, k&amp;auml;me man in den Einflussbereich des Hundes, der endlos und so grimmig bellt, als h&amp;auml;tte man ihn geschlagen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die T&amp;uuml;r wirkt verschlossen. Drin brennt kein Licht. Kein Mensch weit und breit. Und doch muss es jemanden geben, der den Hund f&amp;uuml;ttert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erschienen in WIRED (USA), 27. September 2011; aus dem Amerikanischen von Peter Praschl.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Radio Ratlos</dc:subject>
    <dc:creator>Peter Savodnik</dc:creator>
    <dc:date>2011-12-26T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Irina Polishchuk-Sarahne</title>
    <description>&lt;p&gt;geh&amp;ouml;rt zu den 1027 Pal&amp;auml;stinensern, die Israel      in diesen Tagen f&amp;uuml;r den israelischen Soldaten Gilad Schalit ausgetauscht hat.      Die unfassbare Lebensgeschichte einer Ukrainerin, die im Nahen Osten zur      radikalen Islamistin wurde.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39042.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Mit ihrem Kopftuch sieht sie aus wie andere Frauen im Fl&amp;uuml;chtlingslager Dheisheh in der N&amp;auml;he Bethlehems. Nur ihre hellen Augenbrauen verraten, dass Irina Polishchuk-Sarahne keine Pal&amp;auml;stinenserin ist. Sie wurde in der Ukraine geboren und wanderte Mitte der 90er-Jahre illegal in Israel ein, um sich in Tel Aviv als Prostituierte durchzuschlagen. Mittlerweile ist sie eine Art Heldin geworden. Neun Jahre lang sa&amp;szlig; sie in israelischer Haft, nachdem sie ihrem Ehemann geholfen hatte, Selbstmordattent&amp;auml;ter zu ihren Anschlagszielen zu chauffieren. Seit Ende Oktober ist sie wieder frei. Irina Polishchuk-Sarahne geh&amp;ouml;rt zu den H&amp;auml;ftlingen, die Israel vorzeitig entlassen hat, um Gilad Schalit freizubekommen, jenen Soldaten, der im Juni 2006 in den Gazastreifen verschleppt worden war. Mit ihr fielen drei weitere Pal&amp;auml;stinenser aus Dheisheh unter die Amnestie, doch diese durften nicht ins Westjordanland zur&amp;uuml;ckkehren, sondern wurden nach Gaza abgeschoben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dheisheh ist ein ganz spezieller Ort. Seit dem Sechstagekrieg von 1967 kamen bereits 61 Bewohner der anderthalb Quadratkilometer gro&amp;szlig;en Fl&amp;uuml;chtlingssiedlung bei Auseinandersetzungen mit der israelischen Armee ums Leben. 18 Selbstmordattent&amp;auml;ter sind von hier aus nach Israel aufgebrochen, und 35 Bewohner sitzen mit einer Strafe von mindestens einmal lebensl&amp;auml;nglich in israelischer Haft. In Wahrheit ist es fraglich, ob es hier einen einzigen Mann gibt, der nicht Bekanntschaft mit den Gef&amp;auml;ngnissen des Feindes gemacht hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nun wird Polishchuk-Sarahnes R&amp;uuml;ckkehr nach Dheisheh als  Triumph zelebriert. Die Bewohner empfangen sie mit einer Parade, Freiwillige verteilen S&amp;uuml;&amp;szlig;igkeiten, die gl&amp;uuml;ckliche Familie empf&amp;auml;ngt in ihrem Haus Gratulanten. Zur Feier des Tages ist ihre Mutter aus der Ukraine angereist, nun sitzt sie mit einem Pal&amp;auml;stinenserschal, der Widerstand gegen die Israelis symbolisiert, neben ihrer Tochter. Zu ihrer anderen Seite: Irinas Schwiegermutter, eine Frau, die 1948 aus ihrem Dorf fliehen musste.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Unter jenen 477 pal&amp;auml;stinensischen H&amp;auml;ftlingen, die in der ersten Phase des Gefangenenaustauschs von Israel entlassen wurden (im Dezember sollen noch einmal 550 folgen), hat Irina Polishchuk-Sarahne die wohl ungew&amp;ouml;hnlichste Lebensgeschichte. 1977 wurde sie in einem kleinen ukrainischen Dorf nahe der Hafenstadt Mykolajiw geboren, ihre Kindheit war von Armut gepr&amp;auml;gt. Mitte der 90er-Jahre verlie&amp;szlig; sie ihre Heimat und ging, obwohl sie nicht J&amp;uuml;din ist, nach Israel. Dort begann sie in einem Tel Aviver Bordell zu arbeiten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Einer ihrer Stammkunden wurde Ibrahim Sarahne. Er entstammte einer Familie aus der  Gegend von Bet Schemesch, die nach Jerusalem geflohen war. Als Israel 1967 den Ostteil der Stadt okkupierte, geh&amp;ouml;rte die Familie zu jenen Pal&amp;auml;stinensern, die einen blauen Personalausweis bekamen und sich frei bewegen durften. Sp&amp;auml;ter zog die Familie nach Dheisheh. Sarahne machte eine Karriere als kleiner Autodieb, heiratete eine Pal&amp;auml;stinenserin und bekam mit ihr f&amp;uuml;nf Kinder, was ihn nicht davon abhielt, durch die Puffs von Tel Aviv zu ziehen. Irgendwann begegnete er dabei auch Irina. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die beiden verliebten sich ineinander &amp;ndash; so sehr, dass er ihr in die Ukraine nachreiste, als sie beschlossen hatte, in ihre Heimat zur&amp;uuml;ckzukehren, und sie dazu &amp;uuml;berredete, es mit ihm in Israel zu versuchen. Nach dem Ausbruch der Zweiten Intifada Ende 2000 zog das Paar ins Haus von Ibrahims Eltern in Dheisheh und bekam eine Tochter. Im Fl&amp;uuml;chtlingslager war Irina von Anfang an eine Au&amp;szlig;enseiterin, schon weil sie ihre Haare offen trug.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r die Aufst&amp;auml;ndischen war Ibrahim Sarahne ein wertvoller Mann. Er besa&amp;szlig; einen Passierschein, er kannte sich in Jerusalem aus, und er war ein hervorragender Autofahrer. So rekrutierte ihn ein Verwandter, Mahmoud Sarahne, f&amp;uuml;r eine Kampfzelle, die von Muhammad Mughrabi geleitet wurde. Am 29. M&amp;auml;rz 2002 fuhr Ibrahim die 18-j&amp;auml;hrige (nach anderen Quellen erst 16-j&amp;auml;hrige) Selbstmordattent&amp;auml;terin Ayat al-Akhras vom Fl&amp;uuml;chtlingscamp zu einem Supermarkt im Jersualemer Viertel Kiryat Yovel. Ihre Bombe t&amp;ouml;tete den 55-j&amp;auml;hrigen Wachmann Haim Smadar und die 17-j&amp;auml;hrige Rachel Levy.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nur zwei Tage sp&amp;auml;ter lotste Sarahne Ghami Shahwani, einen weiteren Selbstmordattent&amp;auml;ter, nach Jerusalem. Dieses Mal hatte er zus&amp;auml;tzliche Vorkehrungen getroffen. Er sa&amp;szlig; zusammen mit seiner Frau und dem Baby im ersten Auto, der Attent&amp;auml;ter befand sich in einem zweiten Fahrzeug, das ihnen folgte und von Ibrahims Bruder Khalil gelenkt wurde. Als sie an einem Kontrollpunkt vor Jerusalem aufgehalten wurden, z&amp;uuml;ndete Shahwani seine Bombe und t&amp;ouml;tete den 19-j&amp;auml;hrigen Grenzpolizisten Tomer Mordechai. Ibrahim und Irina flohen vom Tatort.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Mai 2002, einige Wochen nachdem die Operation &amp;raquo;Defensive Shield&amp;laquo; der israelischen Armee gegen die Intifada begonnen hatte, plante eine Zelle der Tanzim-Milizen, die von Dheisheh aus operierte, einen effektiveren Terroranschlag. Diesmal sollten gleich zwei Selbstmordattent&amp;auml;ter nach Israel eingeschleust werden. Der erste, ein 16-j&amp;auml;hriger Junge namens Issa Badir, sollte sich in einem Park im israelischen Rischon LeZion in die Luft sprengen. Sobald die Rettungsmannschaften am Tatort eingetroffen w&amp;auml;ren, um sich um die Verwundeten zu k&amp;uuml;mmern, sollte es eine zweite Explosion geben &amp;ndash; ausgel&amp;ouml;st von einer jungen Frau namens Arin Ahmed, die sich als Schwangere getarnt hatte. Doch auf der Fahrt kamen Ahmed Bedenken. Irina Polishchuk-Sarahne beschimpfte sie als Feigling und redete ihr zu, sie werde nie wieder eine so gute Chance bekommen: &amp;raquo;Siehst du denn nicht, wie viele Juden hier sind? Du wei&amp;szlig;t doch, was der Koran &amp;uuml;ber das Paradies sagt?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39041.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Irina Polishchuk-Sahrane am 20. Oktober in Bethlehem, zwei Tage nachdem sie aus israelischer Haft freikam. Rechts ihre Mutter, links ihre Tochter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt; Schlie&amp;szlig;lich jagte sich nur Badir in die Luft und t&amp;ouml;tete Garri Tausniaski, einen krebskranken 65-j&amp;auml;hrigen Mann, und den 16-j&amp;auml;hrigen Elmar Deschabrijelow, der sich mit Freunden im Park verabredet hatte. Am folgenden Tag wurden Ibrahim Sarahne und seine Frau am Eingang eines Einkaufszentrums verhaftet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In den Verh&amp;ouml;ren behauptete Irina Polishchuk-Sarahne zun&amp;auml;chst, sie hei&amp;szlig;e Marina Pinsky und sei eine J&amp;uuml;din russischer Herkunft. Tats&amp;auml;chlich existierte eine Frau dieses Namens; sie war mit einem Cousin Ibrahims verheiratet. So kam es, dass der Inlandsgeheimdienst Schin Bet die beunruhigende Nachricht verbreitete, eine J&amp;uuml;din habe sich an Terroranschl&amp;auml;gen gegen israelische Staatsb&amp;uuml;rger beteiligt. Der Irrtum wurde erst nach einer Woche aufgekl&amp;auml;rt, nachdem die echte Marina Pinsky sich gemeldet hatte. Irina Polishchuk-Sarahne gab vor, Arabisch nicht zu verstehen und deswegen keine Ahnung vom Zweck der Fahrten ihres Mannes gehabt zu haben. Das Milit&amp;auml;rgericht glaubte ihrer Version und verurteilte sie zu dreieinhalb Jahren Haft. In der Berufung aber wurde dieses Urteil wieder kassiert: Polishchuk-Sarahne, hie&amp;szlig; es nun, habe sich als Mitwisserin an den Terroranschl&amp;auml;gen beteiligt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie wurde zu 20 Jahren Gef&amp;auml;ngnis verurteilt, Ibrahim, ihr Mann, bekam sechsmal lebensl&amp;auml;nglich plus 45 Jahre.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Gef&amp;auml;ngnis wurde Polishchuk, die schon fr&amp;uuml;her zum Islam konvertiert war, zu einer regelrechten Fr&amp;ouml;mmlerin, begann, sich zu verschleiern, und brachte ihren Mitgefangenen im Austausch gegen Arabischunterricht Russisch bei. Vor zwei Jahren unterbreiteten ihr die israelischen Beh&amp;ouml;rden das Angebot, gemeinsam mit ihrer Tochter in die Ukraine zur&amp;uuml;ckzukehren. Sie lehnte ab, weil sie das M&amp;auml;dchen nicht aus der Familie ihres Mannes rei&amp;szlig;en wollte. Nach der Entlassung weigerte sich Irina Polishchuk-Sarahne, mit israelischen Journalisten zu reden, sie wolle nichts sagen, was dem Schin Bet missfallen und sie ins Gef&amp;auml;ngnis zur&amp;uuml;ckbringen k&amp;ouml;nne. So wird sie bis auf Weiteres die ukrainische Einzelg&amp;auml;ngerin im Fl&amp;uuml;chtlingslager Dheisheh bleiben.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Erschienen in Haaretz Daily Newspaper, 2011, aus dem Englischen von Peter Praschl&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Irina Polishchuk-Sarahne</dc:subject>
    <dc:creator>Chaim Levinson</dc:creator>
    <dc:date>2011-11-30T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Der Fluch</title>
    <description>&lt;p&gt;Dass in diesem indischen Tempel gerade ein milliardenschwerer Schatz      gefunden wurde, lief weltweit in den Nachrichten. Kurz darauf starb der      erste Entdecker. In Indien glauben viele, das sei erst der Anfang des      Unheils: Bis heute traut sich niemand, die letzte der sechs Schatzkammern      zu &amp;ouml;ffnen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;Als der Anwalt Sundara Rajan am 17. Juli 2011 auf dem Weg zur Toilette seines Hauses tot zusammenbricht, sind sich viele sicher: Er kann keines nat&amp;uuml;rlichen Todes gestorben sein. Zu viele Feinde hat er sich in den vergangenen Monaten gemacht, sagen die einen. Die G&amp;ouml;tter hat er erz&amp;uuml;rnt, die anderen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Denn der Anwalt hat einen Schatz entdeckt, in einem Tempel an der S&amp;uuml;dspitze Indiens: den wertvollsten Schatz, der jemals gefunden wurde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein Neffe bekommt auch sieben Wochen sp&amp;auml;ter, Anfang September, noch gro&amp;szlig;e Augen, wenn er dar&amp;uuml;ber spricht: &amp;raquo;Wir sind in die Keller hinabgestiegen. Von einem der R&amp;auml;ume zweigten sechs Kammern ab. Sie waren mit eisernen T&amp;uuml;ren verschlossen. Um sie zu &amp;ouml;ffnen, mussten wir einen kleinen Stein mit drei wei&amp;szlig;en Streifen zur Seite schieben, der vor jeder T&amp;uuml;r auf dem Boden angebracht war.&amp;laquo; Dahinter fanden sie Kisten voll Gold, Silber und Diamanten: 2000 Jahre alte r&amp;ouml;mische M&amp;uuml;nzen, venezianische Dukaten, Goldst&amp;uuml;cke portugiesischer Pr&amp;auml;gung und manche mit dem Konterfei Napoleons darauf. Goldene G&amp;ouml;tterstatuen, gro&amp;szlig; wie Kinder und mit Rubinen und Smaragden besetzt. Goldkronen, Goldketten, sogar ein paar goldene Kokosn&amp;uuml;sse. Und eine Kammer ist noch nicht einmal ge&amp;ouml;ffnet worden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Mein Onkel hatte vermutet, dass in den Kellern etwas Wertvolles liegt&amp;laquo;, sagt der Neffe, &amp;raquo;und er hatte bef&amp;uuml;rchtet, dass die neuen Verwalter des Tempels diesen Schatz stehlen.&amp;laquo; Also setzte der Anwalt vor Gericht eine Inventur des Hindu-Tempels durch. Und damit begannen die Probleme.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Denn Politiker und Gelehrte diskutieren jetzt, was mit dem Gold geschehen soll, das seit mehr als 130 Jahren in der Dunkelheit lag, wo es herkommt, und wem es &amp;uuml;berhaupt geh&amp;ouml;rt. Gott Padmanabha, dem der Tempel geweiht ist? Dem Staat Kerala, in dem er steht? Dem indischen Volk?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es gab schon Demonstrationen, sogar Anschl&amp;auml;ge. Der Schatz spaltet die Menschen: in Hindus und Realos, in Traditionsbewahrer und Fortschrittsdenker. Einige dr&amp;auml;ngen, das Gold zu Geld zu machen und damit Universit&amp;auml;ten zu bauen oder eine U-Bahn. Andere verlangen, dass nicht eine Goldm&amp;uuml;nze die Keller verl&amp;auml;sst, weil es Opfergaben an die G&amp;ouml;tter sind. Es wird gedroht und &amp;uuml;bernat&amp;uuml;rlicher Zorn beschworen, die Situation ist neun Wochen nach dem Fund komplizierter denn je. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Um den &amp;Uuml;berblick zu behalten, n&amp;auml;hert man sich dem Tempel am besten von Osten her. Aus der Ferne wirkt er wie eine gro&amp;szlig;e Sandburg, die ein Gott vom Himmel aus mitten in die Stadt gebaut hat. Strahlend gelb erhebt er sich &amp;uuml;ber die schmutzigen Nachbargeb&amp;auml;ude. Rechts vom Tempel liegt ein Wasserbassin, fu&amp;szlig;ballfeldgro&amp;szlig;, currytr&amp;uuml;b, in dem sich morgens die Priester waschen. An der Stra&amp;szlig;e, die direkt zum Haupttor f&amp;uuml;hrt, parken Reisebusse, die Menschen kommen jetzt aus dem ganzen Land.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bis die Nachricht vom Schatz Ende Juni um die Welt schoss, galt Thiruvananthapuram, die Hauptstadt des s&amp;uuml;dindischen Bundesstaates Kerala, als verschlafen und langweilig. Inder aus dem Norden blickten immer etwas abf&amp;auml;llig in Richtung S&amp;uuml;den. &amp;raquo;Mallus&amp;laquo; nennen sie die Menschen in Kerala, das ist etwa so nett wie &amp;raquo;Ossis&amp;laquo; und meint, dass die dort unten beh&amp;auml;big sind und viel zu oft die Kommunisten an die Macht w&amp;auml;hlen. Ausl&amp;auml;nder kamen nur hierher, um an den nahe gelegenen Str&amp;auml;nden unter tropischer Sonne den europ&amp;auml;ischen Winter hinter sich zu lassen. Jetzt ist die Stadt mit dem komplizierten Namen pl&amp;ouml;tzlich Heimat des reichsten Gotteshauses der Welt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In den indischen Medien hat man sich auf die Summe von einer Billion Rupien geeinigt, das sind etwa 15,5 Milliarden Euro, mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Bolivien, mehr als das Verm&amp;ouml;gen des Vatikans, das auf maximal zw&amp;ouml;lf Milliarden Euro gesch&amp;auml;tzt wird. Und das ist nur der Materialwert des Schatzes, wenn man alles einschmelzen und auf dem Weltmarkt verkaufen w&amp;uuml;rde. In den zwei Monaten, seit die Kammern ge&amp;ouml;ffnet worden sind, stieg der Goldpreis pro Feinunze von 1500 auf 1900 Dollar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kaum zu berechnen ist dagegen der Antikwert. Experten vermuten, dass er zwanzig-, drei&amp;szlig;ig-, vierzigmal so hoch liegt. Damit k&amp;ouml;nnte man dann Griechenland retten oder Apple kaufen. Solche Summen wecken aber auch Begehrlichkeiten. Bei Dieben. Bei Terroristen vielleicht. Die Stadt liegt wie Mumbai am Meer. Damals, 2008, kamen die Terroristen einfach mit dem Schlauchboot vorgefahren, und es dauerte drei Tage, bis die indischen Sicherheitskr&amp;auml;fte die Lage im Griff hatten. Nun sollen sie einen Milliardenschatz bewachen, der nicht in einem Tresor, sondern in einem rund tausend Jahre alten Tempel liegt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Drei Polizisten in braunen Uniformen stehen vor dem Haupttor mitten in der feuchten Hitze, ihre Holzkarabiner &amp;uuml;ber die Schultern geh&amp;auml;ngt. Hinter ihnen schirmt eine dicke Steinmauer das Innere der Tempelanlage vor neugierigen Blicken ab. Aber auch von au&amp;szlig;en erkennt man jetzt, dass der gelb leuchtende Turm nur der sichtbarste Teil eines mehrere hundert Quadratmeter gro&amp;szlig;en Komplexes ist. Tausende G&amp;ouml;tterfiguren sind in die W&amp;auml;nde des Turms gemei&amp;szlig;elt. Der Hinduismus ist eine bunte, offene Religion, die viele G&amp;ouml;tter kennt und unterschiedliche Auslegungen zul&amp;auml;sst. Im Zentrum des Glaubens steht bei den meisten Hindus jedoch ein Gott, der in verschiedenen Erscheinungen, in verschiedenen K&amp;ouml;rpern auftritt. In diesem Tempel wird der Gott Padmanabha verehrt, eine Inkarnation des Gottes Vishnu, der in der hinduistischen Mythologie als der &amp;raquo;Welterhalter&amp;laquo; gilt, einer der Big Player. Der Gott hat dem Tempel auch seinen Namen gegeben: Padmanabhaswamy. Zutritt haben nur Hindus. Die drei Polizisten passen auf, dass Nicht-Hindus dem Eingang nicht zu nahe kommen und keine Fotos machen, &amp;raquo;Sicherheitsgr&amp;uuml;nde&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ihr Chef hat sein B&amp;uuml;ro auf der anderen Seite der Anlage, am westlichen Nebeneingang. Er wirkt entspannt. Gen&amp;uuml;sslich zieht er die Nase hoch, reibt sich den Bauch, schiebt sich die goldgefasste Brille zurecht. Dann sagt er: &amp;raquo;Es erf&amp;uuml;llt mich mit Stolz, nun f&amp;uuml;r die Sicherheit des Tempels zust&amp;auml;ndig zu sein.&amp;laquo; Schlie&amp;szlig;lich sei er, der stellvertretende Chef der lokalen Polizei, selbst ein gro&amp;szlig;er Verehrer der Tempelgottheit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf dem Weg zum Gebet kann er nun die Arbeit seiner M&amp;auml;nner observieren. Es sind nicht besonders viele, die an den Toren und entlang der Mauern wachen. Zwanzig, drei&amp;szlig;ig vielleicht. &amp;raquo;Die meisten Polizisten sind im Tempel stationiert&amp;laquo;, versichert der Polizeichef. 300 sind es insgesamt, darunter sechzig des Quick Response Teams, einer Sondereinheit, die an ihren schwarzen Uniformen zu erkennen ist. Allerdings: Im Tempel d&amp;uuml;rfen auch sie, die Polizisten, wie jeder m&amp;auml;nnliche Besucher, nur einen Wickelrock tragen, und ihre Pistolen halten sie in einer Tasche versteckt. &amp;raquo;Das geh&amp;ouml;rt sich so&amp;laquo;, sagt der Polizeichef, &amp;raquo;die Gl&amp;auml;ubigen sind das Wichtigste, ihre Ruhe darf nicht gest&amp;ouml;rt werden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Mein Onkel ist nicht an einem Fluch gestorben&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt; Schr&amp;auml;g gegen&amp;uuml;ber dem Polizeihauptquartier wohnt einer, der sich von den Sicherheitskr&amp;auml;ften trotzdem verraten f&amp;uuml;hlt. &amp;raquo;Die sollten mich eigentlich besch&amp;uuml;tzen, rund um die Uhr, aber haben Sie einen Beamten vor der T&amp;uuml;r gesehen? Nein? Ich auch noch nie!&amp;laquo; Der Neffe von Sundara Rajan, dem toten Anwalt, wirkt alles andere als entspannt. Heftig fuchtelt er mit dem Zeigefinger in der Luft, redet eindringlich, als m&amp;uuml;sste er eine Jury &amp;uuml;berzeugen, vor ihm auf dem Schreibtisch liegen ein Blackberry, ein iPhone und zwei &amp;auml;ltere Mobiltelefone, die alle paar Minuten abwechselnd klingeln. Auch der Neffe ist Anwalt, wie sein Onkel. Und dessen Kampf um den Tempel und seine Sch&amp;auml;tze will er nun zu Ende f&amp;uuml;hren, auch wenn er von vielen Hindus daf&amp;uuml;r angefeindet wird: &amp;raquo;Ich bekomme Drohanrufe&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;mein Auto wurde demoliert&amp;laquo;, und einmal h&amp;auml;tten Unbekannte eine mit S&amp;auml;ure gef&amp;uuml;llte Gl&amp;uuml;hbirne durch das offene Fenster in sein B&amp;uuml;ro geworfen. Deshalb der versprochene Polizeischutz.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Um seinen und den Ehrgeiz seines Onkels zu verstehen, den Streit trotzdem auszufechten, muss man bis ins Jahr 1991 zur&amp;uuml;ckgehen. Damals starb der letzte Maharadscha des einstmaligen K&amp;ouml;nigreichs Travancore. Das gab es zwar schon seit 1956 nicht mehr, sondern es war damals zum Bundesstaat Kerala geworden und wurde demokratisch regiert, aber der Maharadscha hatte immerhin einige Jahre offiziell geherrscht. Nach seinem Tod erbte der Bruder des Maharadschas den Titel, der rechtlich nat&amp;uuml;rlich keine Bedeutung mehr hat. Die Menschen in Kerala, vor allem die in der Hauptstadt, verehren den Maharadscha und seine Familie jedoch noch sehr: Weil es im 18. Jahrhundert der erste Herrscher von Travancore war, der den alten Tempel zu dem prachtvollen Gotteshaus ausbauen lie&amp;szlig;, das es noch immer ist. Und weil er und seine Nachfolger sich nie am Luxus berauschten, wie die K&amp;ouml;nige Nordindiens, die in Rajasthan zum Beispiel. Die Travancore-Dynastie versprach, ihre Herrschaft in den Dienst des Tempels zu stellen, sie verstanden sich als Diener der Gottheit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und bis heute steht die Familie an der Spitze der Verwaltung des Tempels &amp;ndash; und genau daran hat sich der Anwalt Sundara Rajan gest&amp;ouml;rt. &amp;raquo;Mein Onkel hatte den Verdacht, dass der neue Maharadscha die Tempelsch&amp;auml;tze stiehlt&amp;laquo;, sagt der Neffe, greift hinter sich ins B&amp;uuml;cherregal und knallt die indische Verfassung auf den Tisch. &amp;raquo;Es gibt keine Maharadschas mehr! Mein Onkel hat deshalb gefordert, dass die Regierung die Verwaltung des Tempels &amp;uuml;bernimmt, wie es im ganzen Land &amp;uuml;blich ist. Damit man endlich wei&amp;szlig;, was hinter den Mauern passiert.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Onkel schrieb Petitionen, sein Neffe sprach f&amp;uuml;r ihn vor Gericht, zuerst in Kerala, sp&amp;auml;ter auch beim Obersten Gericht in Delhi, ein jahrelanges Ringen &amp;ndash; bis am 4. Mai 2011 die Richter in Delhi schlie&amp;szlig;lich entschieden, dass der Tempel zumindest erst einmal einer Inventur unterzogen werden soll. Ende Juni &amp;ouml;ffnete ein Expertenteam, zu dem auch der Onkel und sein Neffe geh&amp;ouml;rten, die Kammern mit den Sch&amp;auml;tzen. Zweieinhalb Wochen sp&amp;auml;ter brach der Onkel auf dem Weg zur Toilette seines Hauses zusammen, 45 Minuten nach Mitternacht, und die Angst vor dem Tempelfluch verbreitete sich in der Stadt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Arbeitszimmer des Neffen h&amp;auml;ngt ein Foto des Onkels an der Wand: ein alter Mann mit grauem Bart, knochigem K&amp;ouml;rper und drei Streifen heiliger Asche auf der Stirn, er sieht aus wie ein Guru. &amp;raquo;Der Tempel war sein Leben&amp;laquo;, sagt der Neffe. Jeden Morgen sei der Onkel um 3.30 Uhr das erste Mal die hundert Meter von seinem Haus hin&amp;uuml;ber zum Tempel gegangen. Dann noch mal um neun, um elf und um sechs Uhr nachmittags. Seinen Reis habe er nur in gesegnetem Wasser gekocht, nie in einem Restaurant gegessen und auch keine Frauen gehabt. &amp;raquo;Mein Onkel ist nicht an einem Fluch gestorben, sondern an Herzversagen&amp;laquo;, sagt der Neffe. Auch an die Geschichten, dass er ermordet wurde, glaubt er nicht. &amp;raquo;Die haben doch gar nicht den Mumm, uns fertigzumachen.&amp;laquo; Er l&amp;auml;sst die Fingerknochen knacken. Mit &amp;raquo;die&amp;laquo; meint er die &amp;raquo;Hooligans&amp;laquo; von Shiv Sena.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die hindunationalistische Partei ist f&amp;uuml;r ihr ruppiges, manchmal brutales Vorgehen gegen Andersdenkende ber&amp;uuml;chtigt. Anh&amp;auml;nger haben dem Neffen schon einmal den Weg versperrt, damit er nicht zu einem Gerichtstermin fahren konnte, er zeigt das Foto einer aufgebrachten Menschenmenge. Ob es auch Shiv-Sena-Sympathisanten waren, die die S&amp;auml;ure durch das offene Fenster in sein B&amp;uuml;ro warfen, kann er nicht beweisen. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Der Tempelschatz geh&amp;ouml;rt der Tempelgottheit. Oder?&quot;]&lt;br /&gt; Sein Onkel, der den Tempelschatz eigentlich besch&amp;uuml;tzen wollte, hat nun genau das Gegenteil erreicht: Der Schatz ist zum Politikum geworden, und Dutzende H&amp;auml;nde zerren daran. Historiker fordern zum Beispiel, dass die Goldm&amp;uuml;nzen, Kelche und Kronen der Wissenschaft zug&amp;auml;nglich gemacht werden. Andere wollen sie in einem Museum ausstellen, wie die britischen Kronjuwelen oder die Totenmaske von Tutanchamun, wieder andere damit den Staatshaushalt sanieren. Der Ministerpr&amp;auml;sident von Kerala beschwichtigte bereits: Der Schatz geh&amp;ouml;re dem Tempel, die Regierung, also er, wolle ihn nicht. Zeitungskommentatoren haben ihm das sofort als Stimmenfang ausgelegt: 56 Prozent der potenziellen W&amp;auml;hler sind Hindus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann meldete sich auch der Vorsitzende der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Oppositionspartei zu Wort, ein Kommunist und aus Parteir&amp;auml;son kein Freund der Monarchie. Er erkl&amp;auml;rte den Maharadscha noch einmal &amp;ouml;ffentlichkeitswirksam zum Dieb, woraufhin Shiv-Sena-Anh&amp;auml;nger w&amp;uuml;tend durch die Stadt zogen. Sie haben schon eine Blockade angek&amp;uuml;ndigt, sollte entschieden werden, den Schatz doch aus dem Tempel zu schaffen. Ein anderer Hindu-Verband hat sogar mit Massenselbstmord gedroht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Konflikt um den Schatz trifft Indiens Seele. Die Frage ist: Wie viel Glauben und kulturelles Erbe l&amp;auml;sst die S&amp;auml;kularisierung und &amp;Ouml;konomisierung zu? Die indische Gesellschaft lebt zwischen Software-Programmierung und Tempelritualen, in einem Land, dessen Wirtschaftsleistung zwar pro Jahr durchschnittlich um acht Prozent w&amp;auml;chst, dessen Investoren viel Land in Afrika aufkaufen und kriselnde deutsche Modeh&amp;auml;user, in dem aber auch fast jedes zweite Kind an Hunger leidet, ein Staat, der ein gewaltiges Korruptionsproblem hat; der neue indische Reichtum macht l&amp;auml;ngst nicht alle satt. F&amp;uuml;r die vielen anderen ist der Kapitalismus keine Gewinnergeschichte, sie k&amp;ouml;nnen nur auf die G&amp;ouml;tter hoffen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der angebliche Dieb des Schatzes wohnt sechs Kilometer n&amp;ouml;rdlich des Tempels &amp;ndash; vor dem Palast des Maharadschas sp&amp;uuml;rt man von der ganzen Aufregung nichts. Unter einem einen alten Mangobaum steht ein Wachmann, der in seiner allzu gro&amp;szlig;en Uniform versinkt. Er gr&amp;uuml;&amp;szlig;t freundlich, &amp;ouml;ffnet das Tor zu einem gekiesten Innenhof, rechts der Palast, der eigentlich nur ein zweigeschossiges Haus mit rotem Ziegeldach ist, gro&amp;szlig;z&amp;uuml;gig, aber nicht protzig. Drinnen k&amp;uuml;hlt der schwarz gl&amp;auml;nzende Granitboden angenehm die F&amp;uuml;&amp;szlig;e. Der Maharadscha bittet zu einem Teakholzsofa, er tr&amp;auml;gt ein kurz&amp;auml;rmliges blaues Hemd, Wickelrock, Flipflops. Er ist 90 Jahre alt. Ohne gefragt zu werden, f&amp;auml;ngt er in akzentfreiem Englisch an zu erz&amp;auml;hlen: von Agatha Christie, die er einmal getroffen hat, von Buster Keaton und von einer Familienreise nach Deutschland &amp;ndash; 1933 war das und er ein kleiner Junge. Die deutsche Disziplin ist ihm in Erinnerung geblieben und der Gestapo-Mann, der die Familie begleitete. Man f&amp;uuml;hlt sich in einen Schwarzwei&amp;szlig;film versetzt, der Maharadscha lebt in einer anderen Zeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;Uuml;ber den Tempelstreit und die Anschuldigungen gegen ihn will er wegen des laufenden Gerichtsverfahrens nicht sprechen, er bleibt lieber allgemein: &amp;raquo;Fr&amp;uuml;her dachten die Leute: Die Welt soll gl&amp;uuml;cklich sein. Heute denkt jeder nur an sich und seine Familie. Wir vergessen unsere Vergangenheit.&amp;laquo; Der Maharadscha versucht sie zu bewahren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zweimal im Jahr zum Beispiel f&amp;uuml;hrt er eine Prozession vom Tempel bis zum Meer, drei Kilometer, um dort G&amp;ouml;tterstatuen vom B&amp;ouml;sen reinzuwaschen. Bei dieser Feier schie&amp;szlig;t er  auch &amp;ndash; allerdings nur aus ein paar Zentimetern Entfernung &amp;ndash; mit Pfeil und Bogen auf eine Kokosnuss, die das B&amp;ouml;se verk&amp;ouml;rpern soll.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Der Tempelgott ist die Quelle von allem, was uns umgibt&amp;laquo;, sagt er, und dass er jedes Mal eine G&amp;auml;nsehaut bekommt, wenn er an ihn denkt. Auf seiner Stirn klebt noch der gelbe Fleck Sandelholzpaste von der &lt;em&gt;Puja&lt;/em&gt; heute morgen. So wird das Ritual genannt, mit dem im Hinduismus die G&amp;ouml;tter verehrt werden. Die Priester bieten dabei der Gottheit Wasser, Kleidung und Essen an, auch der Gl&amp;auml;ubige bringt eine Opfergabe mit. Dieser Tempelgott mag einer Legende nach besonders gern unreife Mangos, die jedoch nicht als Frucht dargereicht werden, sondern f&amp;uuml;r die der Gl&amp;auml;ubige eine Geldspende hinterl&amp;auml;sst. Als Segnung bekommt er von den Priestern dann den Farbklecks auf die Stirn. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun argumentieren viele Hindus: Der Tempelschatz geh&amp;ouml;rt der Tempelgottheit, weil es ihre Opfergaben sind, die ihr &amp;uuml;ber Jahrhunderte hinweg gespendet wurden. Genau aus diesem Grund sollte jedes Gramm Gold da bleiben, wo es ist. Das ist verst&amp;auml;ndlich, wirft aber die Frage auf, von wem die Opfergaben eigentlich stammen. Von den einfachen Gl&amp;auml;ubigen? Wohl eher nicht. Der Gro&amp;szlig;teil des Schatzes ist von der Maharadschafamilie gespendet worden, da sind sich die Historiker einig. Nur, und das ber&amp;uuml;hrt schlie&amp;szlig;lich den Kern des Problems: Diese Familie verdankt ihr Verm&amp;ouml;gen auch dem Eintreiben von Steuern. Und da Steuern nicht nur von Hindus, sondern auch von Christen und Muslimen bezahlt werden mussten, argumentieren andere: Die Tempelreicht&amp;uuml;mer geh&amp;ouml;ren nicht der Gottheit, sondern eigentlich dem Volk. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Maharadscha will auch dazu nichts sagen, die halbe Stunde, die er Zeit hatte, ist vorbei. Er verabschiedet sich und schlurft zum Kieshof hinaus, wo ein Fahrer in einem silbergrauen Mitsubishi Lancer auf ihn wartet. Sollte dieser 90-J&amp;auml;hrige wirklich Gold aus dem Tempel gestohlen haben, hat er es zumindest nicht in ein schickes Auto investiert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Oberste Gericht in Delhi muss nun entscheiden, ob der Maharadscha weiterhin an der Spitze der Verwaltung des Tempels sitzt oder ob eine Regierung die Gesch&amp;auml;fte &amp;uuml;bernimmt, die von vielen als korrupt beschimpft wird. In die Jahre gekommene Tradition oder verfluchte Moderne? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und w&amp;auml;hrend &amp;uuml;ber dem gelb leuchtenden Tempelturm die Kr&amp;auml;hen und Adler weiter ihre Kreise ziehen, fragen sich viele, was wohl in der letzten Kammer liegt. Denn bis heute sind ja nur f&amp;uuml;nf von insgesamt sechs Kammern ge&amp;ouml;ffnet worden, weil auf der eisernen T&amp;uuml;r zur letzten das Bild einer Kobra zu sehen ist, ein Symbol f&amp;uuml;r Gefahr. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bisher wollte sie niemand &amp;ouml;ffnen. Der Schatz hat so schon genug Unheil &amp;uuml;ber die einstmals ruhige, etwas verschlafene Stadt gebracht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der Fluch</dc:subject>
    <dc:creator>Christoph Cadenbach</dc:creator>
    <dc:date>2011-09-26T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36256">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36256</link>
    <title>Liebesgrüße aus Tripolis</title>
    <description>&lt;p&gt;Unsere Autorin hat Muammar al-Gaddafi &amp;uuml;ber 25 Jahre regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig getroffen &amp;ndash; es waren Begegnungen mit einem bizarren Mann.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/37212.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Meine erste Begegnung mit Muammar al-Gaddafi fand im April 1986 statt. Nachts um drei hatten mich ein paar M&amp;auml;nner aus meinem Hotel abgeholt, der &amp;raquo;F&amp;uuml;hrer&amp;laquo; wolle mich sehen. Dass er ausgerechnet mit mir, einer jungen amerikanischen Journalistin, sprechen wollte, war ein klassischer Gaddafi, eine seiner Launen, denen jeder in &lt;br /&gt; Libyen gehorchen musste. Ein Auto fuhr mich durch die menschenleeren Stra&amp;szlig;en von Tripolis zu seinem Hauptquartier. Als sich die Tore hinter mir schlossen und ich im Dunkeln die Konturen von Panzern erkannte, dachte ich: Hier kommst du nur wieder heraus, wenn er es erlaubt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich war nerv&amp;ouml;s. Gaddafi hatte in Berlin einen Bombenanschlag auf die Diskothek &amp;raquo;La Belle&amp;laquo; ver&amp;uuml;ben lassen, die vor allem von amerikanischen Soldaten besucht wurde. Nun wollte Ronald Reagan, der Gaddafi als &amp;raquo;tollw&amp;uuml;tigen Hund&amp;laquo; beschimpft hatte, Vergeltung. Vor der libyschen K&amp;uuml;ste kreuzte die amerikanische Mittelmeer-Flotte. Der Gegenschlag konnte jeden Augenblick beginnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich wurde von jungen Frauen in Empfang genommen, die enge Tarnuniformen, St&amp;ouml;ckelschuhe, Make-up und Pistolen trugen. Sie f&amp;uuml;hrten mich in einen Kellerkomplex und setzten mich in einen Raum mit einem gro&amp;szlig;en Schreibtisch und einem Sofa. Die T&amp;uuml;r ging auf. Herein kam Gaddafi, rotes Seidenhemd, wei&amp;szlig;e Pyjamahosen, Slipper aus Eidechsenleder, goldfarbenes Cape. Er schloss die T&amp;uuml;r ab, steckte den Schl&amp;uuml;ssel in seine Tasche und sagte: &amp;raquo;Ich bin Gaddafi.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es wurde ein verr&amp;uuml;cktes Interview. Dauernd wollte er mein Tonband ausmachen; er sei m&amp;uuml;de, wolle lieber &amp;uuml;ber etwas anderes als &amp;uuml;ber Politik reden. Irgendwann fragte ich: &amp;raquo;Wie f&amp;uuml;hlt man sich, wenn man wei&amp;szlig;, dass Reagan einen bombardieren will?&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Von wem haben Sie das?&amp;laquo;, fragte er. Ich vergab meine Chance, f&amp;uuml;r eine Journalistin mit hochrangigen Quellen gehalten zu werden, und antwortete: &amp;raquo;Das habe ich in der BBC geh&amp;ouml;rt.&amp;laquo; Er stand auf, ging zum Radio und stellte den Sender ein. Es war klar, dass er in einer Blase lebte. Libyen befand sich im Zentrum einer internationalen Krise, aber er sa&amp;szlig; allein in seinem Bunker und war auf das Radio angewiesen, um Neuigkeiten zu erfahren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; W&amp;auml;hrend der Krise im April 1986 habe ich einige Male mit Gaddafi gesprochen. Au&amp;szlig;er Fahrern und Wachen habe ich nie jemanden gesehen, nie h&amp;ouml;rte ich Ger&amp;auml;usche aus der Au&amp;szlig;enwelt. Einmal hatte ein Bodyguard gr&amp;uuml;ne Schuhe f&amp;uuml;r mich bereitgelegt. Ich wusste zwar, dass Gr&amp;uuml;n Gaddafis Lieblingsfarbe war &amp;ndash; aber gr&amp;uuml;ne Schuhe f&amp;uuml;r eine Journalistin?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am 11. April wirkte er ernster als sonst. Er sagte, er habe sich dazu entschlossen, die libysche Gegenattacke auf &amp;raquo;ganz S&amp;uuml;deuropa&amp;laquo; auszudehnen. Penibel ging er mit mir ein Communiqu&amp;eacute; durch, wollte von mir wissen, wie die Reagan-Regierung darauf reagieren w&amp;uuml;rde. Vier N&amp;auml;chte sp&amp;auml;ter startete ein Geschwader von F-11-Kampfjets, um Gaddafis Hauptquartier und andere Ziele zu bombardieren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein Jahrzehnt sp&amp;auml;ter, als Madeleine Albright Bill Clintons Au&amp;szlig;enministerin war, bat mich Gaddafi am Ende eines Interviews, ihr etwas auszurichten. Ich witterte einen journalistischen Coup: Der tollw&amp;uuml;tige Hund bittet Washington um Frieden. Stattdessen sagte er, er habe sich in &amp;raquo;Madeleine&amp;laquo; verliebt. Er sah sich jeden ihrer Fernsehauftritte an und war genervt, wenn die Kameras nicht ihr ganzes Gesicht zeigten. Dass sie in ihren Sechzigern und keine Sch&amp;ouml;nheit mehr war, schien ihn nicht zu st&amp;ouml;ren. K&amp;ouml;nnte ich ihm ihre Nummer besorgen, am besten jene f&amp;uuml;r das Telefon neben ihrem Bett? Und sie bitten, bei ihrem n&amp;auml;chsten Fernsehauftritt etwas Gr&amp;uuml;nes zu tragen, falls sie f&amp;uuml;r ihn dasselbe empfinde wie er f&amp;uuml;r sie?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Irgendwann muss er seiner Liebe untreu geworden sein. K&amp;uuml;rzlich, nach der Einnahme Tripolis&amp;rsquo;, fand man in Gaddafis unterirdischem Reich ein ganzes Album mit Fotos von Condoleeza Rice, George W. Bushs Au&amp;szlig;enministerin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Manchmal kam mir Gaddafi wie ein Schauspieler vor. Er inszenierte sich als Beduine, Leutnant, Revolution&amp;auml;r, Araber und Afrikaner, Nationalist und Sozialist, Muslim und Dichter, und f&amp;uuml;r jede seiner Rollen hatte er das passende Outfit. Am besten gefiel er sich in der Rolle des Philosophenk&amp;ouml;nigs, der seine Ideen in einem &amp;raquo;Gr&amp;uuml;nen Buch&amp;laquo; festhielt, Banalit&amp;auml;ten von der Art: &amp;raquo;Ein Mann ist m&amp;auml;nnlich, und eine Frau ist weiblich.&amp;laquo; Sie beruhten auf seiner &amp;raquo;Dritten Universaltheorie&amp;laquo;, mit der er niedergekommen war, nachdem er wochenlang in einem abgedunkelten Raum nachgedacht hatte. Als Tony Blairs New Labour den &amp;raquo;Dritten Weg&amp;laquo; verk&amp;uuml;ndete, drohte Gaddafi mit einer Plagiatsklage.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gaddafi gierte nach internationaler Anerkennung, doch die Gro&amp;szlig;m&amp;auml;chte hielten Libyen nicht f&amp;uuml;r wichtig genug, um sich mit ihm zu besch&amp;auml;ftigen. Also gab er Millionen daf&amp;uuml;r aus, antiwestliche Terroristen zu unterst&amp;uuml;tzen, um endlich Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch erst nach dem Anschlag auf &amp;raquo;La Belle&amp;laquo; beschloss Washington, Gaddafi die Grenzen aufzuzeigen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nachdem er den Vergeltungsangriff der Amerikaner &amp;uuml;berlebt hatte, lie&amp;szlig; Gaddafi in Tripolis eine &amp;raquo;Siegesparade&amp;laquo; veranstalten, zu der er auch westliche Pazifisten eingeladen hatte. Sie mussten vom Stra&amp;szlig;enrand zusehen, wie Pfadfinder vorbeimarschierten, die lebende H&amp;uuml;hner und Kaninchen trugen. Sie schienen sich liebevoll um die Tiere zu k&amp;uuml;mmern &amp;ndash; bis sie sie mit blo&amp;szlig;en H&amp;auml;nden auseinanderrissen und ihre Z&amp;auml;hne in das rohe Fleisch schlugen. Die Friedensfreunde aus dem Westen liefen schreiend davon.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei unseren Treffen wurde Gaddafi immer exzentrischer. Einmal hatte ich mich nach einem n&amp;auml;chtlichen Interview schlafen gelegt, als es pl&amp;ouml;tzlich heftig an der Hotelzimmert&amp;uuml;r klopfte. In der T&amp;uuml;r stand eine gro&amp;szlig;e Frau in Krankenschwesteruniform, von einem Mann begleitet, der ihr gerade bis zur H&amp;uuml;fte reichte. Gaddafi habe den Eindruck, dass ich an Ersch&amp;ouml;pfung leide, sagte er, und mir deswegen seine pers&amp;ouml;nliche Krankenschwester geschickt. Die Frau z&amp;uuml;ckte eine riesige Spritze und sagte: &amp;raquo;Ich Bulgarin. Ich nehme Blut?&amp;laquo; Sie solle anderntags noch einmal kommen, entgegnete ich, jetzt sei ich zu m&amp;uuml;de. Am n&amp;auml;chsten Morgen stieg ich in das erste Flugzeug, das Tripolis verlie&amp;szlig;, ich wusste ja, wie ungesund es sein konnte, sich einem Befehl des libyschen F&amp;uuml;hrers zu widersetzen. Bei meinem n&amp;auml;chsten Besuch war ich nerv&amp;ouml;s, doch Gaddafi am&amp;uuml;sierte sich pr&amp;auml;chtig: &amp;raquo;K&amp;ouml;nnen Sie sich noch daran erinnern, wie ich Ihr Blut haben wollte?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das letzte Mal habe ich ihn vor ein paar Monaten gesprochen &amp;ndash; als die Libyer schon beschlossen hatten, ihn endlich loszuwerden. &amp;raquo;Mein Volk liebt mich&amp;laquo;, versicherte er. Glaubte er das wirklich? Ich sah in seine Augen, doch ich konnte keinen Zweifel erkennen. Und doch muss er geahnt haben, dass seine Welt gerade zerbrach. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Liebesgrüße aus Tripolis</dc:subject>
    <dc:creator>Marie Colvin</dc:creator>
    <dc:date>2011-09-15T17:00:00+01:00</dc:date>
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