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    <title>sz-magazin.de - Gesellschaft/Leben</title>
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    <description>Alle Texte zu dem Label Gesellschaft/Leben auf sz-magazin.de</description>
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    <title>Total verbohrt</title>
    <description>&lt;p&gt;In &amp;Ouml;sterreich buddelt ein Mann seit 50 Jahren einen Stollen in einen Berg hinein. Warum? Es ist sein Hobby.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;H&amp;auml;tte es damals, 1958, schon billige K&amp;uuml;hlschr&amp;auml;nke gegeben, w&amp;auml;re Michael Altmann das alles nicht passiert. Am Fu&amp;szlig;e des K&amp;uuml;rnbergs bei Linz wollte er eine Schenke er&amp;ouml;ffnen: ein paar Bierb&amp;auml;nke, k&amp;uuml;hle Getr&amp;auml;nke. Also schlug er einen Lagerraum in den Sandstein, denn in so einer K&amp;uuml;hlkammer steigt die Temperatur auch im Hochsommer nicht &amp;uuml;ber neun Grad. Doch dann, als der Raum schlie&amp;szlig;lich fertig war, buddelte Michael Altmann einfach weiter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Rund tausend Tonnen Sandstein hat er bis heute aus dem K&amp;uuml;rnberg geschlagen, 180 Meter Stollen in mehr als f&amp;uuml;nfzig Jahren, anfangs nur mit einer Spitzhacke. &amp;raquo;An guten Tagen kam ich etwa zwanzig Zentimeter weit&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt er, w&amp;auml;hrend er durch den Raum f&amp;uuml;hrt, mit dem alles angefangen hat: etwa drei auf zw&amp;ouml;lf Meter gro&amp;szlig;, d&amp;uuml;ster, feucht, muffige Luft.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Altmann, mittlerweile 77, graues Haar, sieht man das H&amp;ouml;hlengraben an: Seine Arme sind kr&amp;auml;ftig, sein Bauch ist flach, sein R&amp;uuml;cken gekr&amp;uuml;mmt. Im Dorf nennen ihn die Leute nur &amp;raquo;den Muck.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zun&amp;auml;chst legte er sich damals noch einen Grund zurecht, warum er weitergraben wollte: Ein Ruteng&amp;auml;nger hatte ihm prophezeit, dass er auf Wasser sto&amp;szlig;en werde. Einen Grund brauchte er: Die Schenke hat er nie er&amp;ouml;ffnet, weil ihm das Bezirksamt die Genehmigung versagt hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Tags&amp;uuml;ber fuhr Michael Altmann Taxi in Linz, abends grub er seinen Stollen: Pfeilgerade f&amp;uuml;hrt der Gang in die Tiefe, so steil wie eine Passstra&amp;szlig;e, nur f&amp;uuml;nfzig Zentimeter breit und einsf&amp;uuml;nfzig hoch. Die W&amp;auml;nde hat Altmann mit Beton ausgekleidet, damit ihm die Decke nicht auf den Kopf f&amp;auml;llt. Er grub auf eigenes Risiko. Eine Bewilligung brauchte er nicht. Das Bergbauamt sah F&amp;auml;lle wie seinen nicht vor und die &amp;ouml;rtliche Baubeh&amp;ouml;rde interessiert sich nur f&amp;uuml;r Bauten &amp;uuml;ber dem Boden. Den Schutt transportierte Altmann in den ersten Jahren mit der Schubkarre ab und verschenkte ihn an H&amp;auml;uslebauer. Wurde seine Spitzhacke stumpf, feuerte er einen kleinen Ofen an und legte die Spitze in die Glut, um sie anschlie&amp;szlig;end wieder zu sch&amp;auml;rfen. Wenn es gar nicht mehr weiterging, besorgte er sich Sprengstoff, sogenannten Donarit, der im Bergbau verwendet wird &amp;ndash; Altmann hatte bei der Feuerwehr die Sprengpr&amp;uuml;fung abgelegt und durfte den Sprengstoff deshalb kaufen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Michael Altmanns Leben teilte sich damals immer mehr in ein Unten und ein Oben. Oben, &amp;uuml;ber der Erde, verlief es in den geregelten Bahnen einer Nachkriegsbiografie. Er trat der Feuerwehr bei, heiratete und &amp;uuml;bernahm mit seiner Frau 1965 ein Wirtshaus. Unten spielte der K&amp;uuml;rnberg weiter sein Spiel mit ihm. Statt Wasser spuckte er Haifischz&amp;auml;hne, Muscheln oder Knochen aus. Vor allem aber gab er Altmann das wohlige Gef&amp;uuml;hl von Sicherheit. Nie habe er Angst gehabt, wenn er allein und im schwachen Licht seiner Kerze gegraben habe, nie, sagt Altmann energisch, w&amp;auml;hrend er immer tiefer den engen Gang entlangf&amp;uuml;hrt. Im Gegenteil. Als 1962 der atomare Ernstfall drohte, habe er, Kriegskind, am Eingang zwei Stahlt&amp;uuml;ren montiert und Rationen f&amp;uuml;r 14 Tage angelegt. Der Stollen war fortan sein Bunker.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Man kann das H&amp;ouml;hlengraben als Sehnsucht nach dem geborgenen Mutterleib deuten.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59329.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Michael Altmann ist nicht der Einzige seiner Generation, den es in die Tiefe gezogen hat, der &amp;uuml;ber Jahrzehnte einen Stollen ohne jeden Sinn und Zweck angelegt hat. Zur etwa gleichen Zeit grub ein junger Mann in der Schweiz hinter seinem Haus nach Wasser, fand welches, und h&amp;ouml;rte trotzdem nicht auf, sondern trieb einen Stollen von 220 Meter L&amp;auml;nge ins Gestein; in London begann ein Mann unter seiner 20-Zimmer-Villa zu graben, bis sein Tunnelsystem die Statik der Nachbarh&amp;auml;user gef&amp;auml;hrdete; und der amerikanische K&amp;uuml;nstler Ra Paulette l&amp;auml;sst sich noch heute ziellos grabend durch Sandsteinberge treiben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Psychoanalytisch l&amp;auml;sst sich das relativ einfach erkl&amp;auml;ren&amp;laquo;, sagt Anton T&amp;ouml;lk, Psychiater an der Linzer Nervenklinik. &amp;raquo;Man kann das H&amp;ouml;hlengraben als Sehnsucht nach dem geborgenen Mutterleib deuten. Die H&amp;ouml;hle umfasst und gibt Schutz.&amp;laquo; Sie sei in ihrer Undurchschaubarkeit aber auch verf&amp;uuml;hrerisch wie ein Labyrinth. Beim Graben setze dann eine kontemplative Befriedigung ein. Man wolle nicht mehr aufh&amp;ouml;ren. &amp;raquo;Der Sinn kommt dabei allein aus der Befriedigung. Solange man gr&amp;auml;bt, lebt man, weil es mit dem Graben immer weitergeht&amp;laquo;, sagt T&amp;ouml;lk. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und so war es auch bei Michael Altmann: Irgendwann stie&amp;szlig; er tats&amp;auml;chlich auf eine Wasserader, doch nach einer Pause von ein paar Wochen nahm er die Spitzhacke wieder in die Hand. &amp;raquo;Im Stollen hatte ich meine Ruhe&amp;laquo;, sagt er. Man solle ihn nicht falsch verstehen: Er sei ein geselliger Mensch. Aber als Wirt lerne man viele Menschen zweimal kennen. Einmal ohne und ein zweites Mal mit Alkohol. &amp;raquo;Der Stollen war dann wie ein Kloster. Keine Musik, kein Radio, keine G&amp;auml;ste, keine Stimmen, nichts.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Paradoxe an Michael Altmann ist, dass seine Mittel umso brachialer wurden, je verspielter sein Ziel geriet. Altmann f&amp;uuml;hrt in eine Nische im Stollen und zeigt eine mannshohe Riesenbohrmaschine. Er hat sie gebaut, um den zweiten Stollenarm in Angriff zu nehmen, einen ebenfalls g&amp;auml;nzlich sinnlosen. Die Maschine sieht aus wie ein Monster aus Alteisen, mit Scheibenbohrern so gro&amp;szlig; wie Pizzateller. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Stollenarm, den er damit grub, ist gewunden und gew&amp;ouml;lbt wie ein Darm &amp;ndash; oder eben ein Mutterleib. Die Decke ist hoch, man f&amp;uuml;hlt sich gut aufgehoben, obwohl die W&amp;auml;nde hier nicht gesichert sind, sondern nur wie die einer festgeklopften Sandburg aussehen. Mehrere Elektromotoren verheizte Altmann beim Bohren im Gestein. Manchmal fuhr ihm wegen der Feuchtigkeit der Strom in die Glieder. Ein Freund, einst U-Boot-Maschinist bei der Marine, half ihm ab und an mit der Seilwinde, die er sich inzwischen angeschafft hatte. Als das Steineschleppen mit den Jahren auf die H&amp;uuml;fte zu dr&amp;uuml;cken begann, kaufte Altmanns Frau ihm ein Raupenfahrzeug, eine Art Hubwagen. Es war ihr einziger Beitrag zum Stollen. Ansonsten lie&amp;szlig; sie ihren Mann machen und schwieg zu seinem Hobby. Nur wenn er um Mitternacht noch immer nicht zu Hause war, kam sie runter und sagte, dass es nun aber Zeit sei. Seit er 1995 in Rente gegangen war, verbrachte er ganze Tage in seiner H&amp;ouml;hle. Bis er 2008 ein letztes Mal auf Granit biss. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er h&amp;auml;tte wieder sprengen m&amp;uuml;ssen. Doch er war inzwischen ein betagter Mann mit operierter H&amp;uuml;fte. Also malte er, statt zu sprengen, die Ausfr&amp;auml;sungen mit Sternen aus, die sich nun im Grundwasser auf dem Stollenboden spiegeln. &lt;br /&gt; Altmann f&amp;uuml;hrt zur&amp;uuml;ck zum Eingang, nimmt langsam Stufe um Stufe, die er in den Sandsteinboden geschlagen hat. W&amp;uuml;rde er weiter graben, wenn er noch mal zwanzig w&amp;auml;re? &amp;raquo;Na freilich!&amp;laquo;, sagt er. Und was? &amp;raquo;Ideen h&amp;auml;tte ich genug.&amp;laquo; Ja, zum Beispiel? &amp;raquo;Etwas kommt einem immer in den Sinn.&amp;laquo; Die Frage nach dem Ziel, man braucht sie einem H&amp;ouml;hlengr&amp;auml;ber wie ihm nicht zu stellen. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Total verbohrt</dc:subject>
    <dc:creator>Tin Fischer</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-08T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>50 Shades of Grey</title>
    <description>&lt;p&gt;In England ist der Himmel sogar im Sommer grau - aber  die Leute machen was draus. Unterwegs zu den skurrilsten  Freiluftveranstaltungen der Insel.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Jede Woche sendet BBC Radio 4 eine Dreiviertelstunde &lt;em&gt;Gardeners&amp;rsquo; Question Time&lt;/em&gt;: Amateur-G&amp;auml;rtner stellen Profi-G&amp;auml;rtnern vor Publikum G&amp;auml;rtner-Fragen. Die Sendung gibt es seit 1947. In den Kategorien Leidenschaft, spezialistische Ver&amp;auml;stelung und Geheimsprache wird sie nicht einmal vom Seewetterbericht &amp;uuml;bertroffen. Derzeit l&amp;auml;uft sie jeden Sonntagnachmittag, was insofern angemessen erscheint, als sie eine Art pantheistischer Gottesdienst ist. Schade nur, dass so viele Briten aus der Zielgruppe sie sommers um diese Zeit nicht h&amp;ouml;ren k&amp;ouml;nnen: Sie sind unterwegs, drau&amp;szlig;en, auf Gartenfestivals, Landwirtschaftsschauen und Gem&amp;uuml;sewettbewerben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nur in England finden sie auf derart erhebende Weise zusammen: die Liebe zur Landwirtschafts- und Gartenschau, die Neigung zu mildem Exhibitionismus und eine Form der Exzentrik, die nach kontinentalen Ma&amp;szlig;st&amp;auml;ben als solider Irrsinn gelten muss. Die Liebe zur Landwirtschaftsschau ist dabei die gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Schwester der Liebe zum G&amp;auml;rtnern. Sechzig Prozent der Briten gaben in einer Umfrage aus dem Jahr 2010 an, in den vergangenen vier Wochen geg&amp;auml;rtnert zu haben. Der Rest hatte vermutlich gerade keine Lust darauf, befragt zu werden. Oder zuletzt vor viereinhalb Wochen geg&amp;auml;rtnert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Engl&amp;auml;nder w&amp;uuml;rden sich selbst als gelassene, oft k&amp;uuml;hle Menschen des Nordens bezeichnen. Als zutiefst pragmatische und vollkommen normale Bewohner einer alles in allem recht h&amp;uuml;bschen Insel. Doch es gibt, das l&amp;auml;sst sich ohne &amp;Uuml;bertreibung sagen, wohl keinen gelassenen, oft k&amp;uuml;hlen, zutiefst pragmatischen und vollkommen normalen Engl&amp;auml;nder, der nicht zugleich als bekloppt oder immerhin sonderlich beschrieben werden muss. Das macht die Bewohner dieser Insel zu einem der zivilisiertesten und liebenswertesten V&amp;ouml;lker des Erdballs. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der &amp;Uuml;bersichtlichkeit wegen soll hier nicht von den &amp;uuml;brigen Bewohnern des K&amp;ouml;nigreichs die Rede sein, von Walisern, Schotten und Nordiren. Es ist ja schon eine beinahe fahrl&amp;auml;ssige Verallgemeinerung, von &amp;raquo;den Engl&amp;auml;ndern&amp;laquo; zu sprechen. Wer die Insel bereist, muss alle paar Meilen glauben, ein neues Land betreten zu haben, was schon allein an der Vielfalt der teils herrlich unverst&amp;auml;ndlichen Akzente liegt. Wer die Insel bereist, begegnet der rauen Herzlichkeit des Nordens, der brummigen Freundlichkeit der Midlands und der am&amp;uuml;sierten Herablassung des S&amp;uuml;dostens. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was jedoch allen eingeborenen Bewohnern der Insel gemein ist, ob sie an der schottischen Grenze gro&amp;szlig;geworden sind oder im Londoner East End, ist diese schwer zu fassende, kaum zu beschreibende, aber stets vorhandene &amp;raquo;Englishness&amp;laquo;. In einem ungen&amp;uuml;genden Versuch lie&amp;szlig;e sich diese als einzigartige Mischung aus Stolz und Stoizismus, Wahnsinn und Verbindlichkeit umrei&amp;szlig;en, zu der sich bisweilen eine eigenwillige Kombination aus Verklemmtheit und Schamlosigkeit gesellt. Irgendwo dazwischen hat sich die Liebe zu einer besonderen Form des G&amp;auml;rtnerns angesiedelt. Der Autor Harry Mount schreibt in seinem scharfsinnigen und au&amp;szlig;erordentlich wunderbaren Buch &lt;em&gt;How England made the English&lt;/em&gt;: &amp;raquo;Eine Ader der W&amp;auml;rme und Wildheit der s&amp;uuml;dlichen V&amp;ouml;lker l&amp;auml;uft durch unsere G&amp;auml;rten.&amp;laquo; Mag sein, dass in englischen G&amp;auml;rten das h&amp;ouml;fliche Niederringen der Natur als bestimmende, als gestaltende Kraft wirkt. Und doch sind es W&amp;auml;rme und Wildheit, die die unz&amp;auml;hligen Gartenfestivals und Gem&amp;uuml;sewettbewerbe bestimmen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es w&amp;auml;re grundfalsch zu behaupten, dass all das eine Insel des pastoralen Idylls erg&amp;auml;be. England ist ein Land, in dem in mit Spielhallen und Kettenschnellrestaurants verschandelten Seeb&amp;auml;dern h&amp;ouml;chstens 16 Jahre alte M&amp;uuml;tter in handbreiten R&amp;ouml;cken rauchend an der Strandpromenade herumlungern und ihre weinenden Babys anschreien: &amp;raquo;Fuck you! Shut up!&amp;laquo; Aber es ist ebenso ein Land, in dem auf l&amp;auml;ndlichen Zusammenk&amp;uuml;nften &amp;auml;ltere Herren in Knickerbockern auf vollendet l&amp;auml;cherliche und doch w&amp;uuml;rdevolle Weise &amp;ouml;ffentlich durchs Gras robben. Es ist das Land, in dem ein w&amp;uuml;tender Mob aus Zorn &amp;uuml;ber soziale Ungerechtigkeit und latenten Rassismus mal eben ein paar Londoner Stadtviertel in Flammen setzt und die Obrigkeit sp&amp;uuml;ren l&amp;auml;sst, wie d&amp;uuml;nn der Firnis der Ordnung in Wahrheit ist. Und zugleich das Land, in dem sich bis heute Menschen daf&amp;uuml;r entschuldigen, dass sie angerempelt wurden.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dass England noch immer eine Klassengesellschaft ist, l&amp;auml;sst sich vielleicht am besten w&amp;auml;hrend der wenigen Monate beobachten, in denen auf einen milden Fr&amp;uuml;hling mit gelegentlichem Niesel ein moderater Sommer mit gelegentlichem Niesel folgt. Jedes Jahr zwischen April und August begibt sich die englische Elite &amp;ndash; zu der neben der alten Upperclass l&amp;auml;ngst auch der Geldadel des Finanzplatzes in der Londoner City geh&amp;ouml;rt &amp;ndash; auf Sommertour. Zur &amp;raquo;Englischen Saison&amp;laquo; geh&amp;ouml;ren verschiedene kulturelle und sportliche Veranstaltungen, darunter mehrere Pferderennen (u. a. Royal Ascot, Epsom Derby), die k&amp;ouml;nigliche Ruderregatta in Henley und das Opernfestival in Glyndebourne. Bei jeder dieser Veranstaltungen gilt ein strenger Dresscode. Das gemeine Volk wird, wenn &amp;uuml;berhaupt, am Rande des gesellschaftlichen Geschehens geduldet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Schatten dieser elit&amp;auml;ren findet die wahre Englische Saison statt. Sie besteht aus eben jenen Leistungsschauen, bei denen Hobbyg&amp;auml;rtner mit K&amp;uuml;rbissen, gro&amp;szlig; wie pazifische Atolle, und langm&amp;auml;hnigen Lauchstangen gegeneinander antreten. Sie besteht aus Picknicks, Stra&amp;szlig;enfesten, Haustierschauen, aus Gurkensandwiches und Gummistiefeln, und sie findet unbedingt im Freien statt, bei jedem Wetter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Autor Harry Mount schreibt: &amp;raquo;Die Engl&amp;auml;nder sind nicht gut in makelloser, idealisierter Sch&amp;ouml;nheit &amp;ndash; ganz gleich, ob es um ihre Kleidung geht, ihre Kunst oder ihre Z&amp;auml;hne. Ihre Sache ist vielmehr die Sch&amp;ouml;nheit, die sich unaufgefordert aus offensichtlicher Vernachl&amp;auml;ssigung ergibt.&amp;laquo; Besser l&amp;auml;sst sich die Bodenst&amp;auml;ndigkeit der Englischen Saison kaum beschreiben. Wer sie betrachtet, der blickt ins Innerste einer leidenschaftlichen, sch&amp;ouml;nen Seele.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>50 Shades of Grey</dc:subject>
    <dc:creator>Christian Zaschke</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-06T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Zurück zu dir</title>
    <description>&lt;p&gt;Die eine w&amp;auml;chst mit liebevollen Eltern auf und wird  Golfprofi. Die andere leidet fast ihr ganzes Leben unter einem  gewaltt&amp;auml;tigen Vater und einer selbsts&amp;uuml;chtigen Mutter. Dann, mit Ende 50,  finden sie heraus, dass sie Schwestern sind, Zwillingsschwestern. Die  Geschichte einer langen Suche.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als sie sich nach 59 Jahren schlie&amp;szlig;lich gegen&amp;uuml;berstehen, in der Lobby des &amp;raquo;Holiday Inn&amp;laquo; in Newcastle, m&amp;uuml;ssen sie nicht mehr reden. Sie erkennen sich ohne ein Wort und schlie&amp;szlig;en sich in die Arme. Es f&amp;uuml;hlt sich an wie die angenehme innere Leere nach einem Marathonlauf: keine Aufgabe mehr, kein Ziel. Blo&amp;szlig; Genugtuung, f&amp;uuml;r kurze Zeit zumindest. Wenn Jenny Lee Smith und Helen Edwards von diesem Moment erz&amp;auml;hlen, schauen sie sich noch heute, f&amp;uuml;nf Jahre sp&amp;auml;ter, ziemlich gl&amp;uuml;cksbeduselt an. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ihre Geschichte klingt wie ein Rosamunde-Pilcher-Roman: zwei M&amp;auml;dchen, die in den F&amp;uuml;nfzigerjahren im rauen Norden Englands aufwachsen, die eine bei liebevollen Eltern, die andere bei einer selbsts&amp;uuml;chtigen Mutter und einem Vater, der sie schl&amp;auml;gt. Ihre Leben k&amp;ouml;nnten kaum unterschiedlicher verlaufen &amp;ndash; bis sie nach mehr als f&amp;uuml;nfzig Jahren pl&amp;ouml;tzlich herausfinden, dass sie Schwestern sind, Zwillingsschwestern sogar, da sind sich Jenny und Helen sicher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An einem Samstag Mitte April sitzen die beiden in Jennys Esszimmer: zwei Frauen Anfang sechzig, schlank und fit und gut gelaunt wie Silver Ager aus der Werbung. Helen ist &amp;uuml;bers Wochenende mit ihrem Mann zu Besuch. Im Fernsehen l&amp;auml;uft Pferderennen, durch das Fenster scheinen die ersten warmen Sonnenstrahlen dieses Fr&amp;uuml;hlings und erhellen zus&amp;auml;tzlich die Stimmung im Raum. Es war nicht ganz leicht, Jennys Haus zu finden, weil es versteckt hinter mauerhohen Rhododendronb&amp;uuml;schen liegt, am Rand einer kleinen Stadt in der sehr gr&amp;uuml;nen, sehr idyllischen Grafschaft Kent s&amp;uuml;dlich von London. Es ist ein gro&amp;szlig;z&amp;uuml;giges Anwesen mit klassischer dunkler Klinkerfassade. Jenny hat Karriere als Golfprofi gemacht. Sie war 1976 die erste Gewinnerin der British Open im Frauengolf und ist danach durch die USA getourt; noch so ein Detail wie aus einem kitschigen Roman.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Als Dreij&amp;auml;hrige&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt sie, &amp;raquo;bin ich zum ersten Mal auf einem Golfplatz gestanden. Mein Vater hat mir damals einen Holzschl&amp;auml;ger zurechtges&amp;auml;gt, damit ich den Ball &amp;uuml;berhaupt treffen konnte.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jenny ist als Einzelkind aufgewachsen. Ihr Vater arbeitete als Gesch&amp;auml;ftsmann, ihre Mutter war Friseurin. Die Familie hatte ein Haus in Newcastle und eine Ferienh&amp;uuml;tte am Strand, gleich daneben lag ein Golfplatz, so ist sie zu dem Sport gekommen. &amp;raquo;Wir waren nicht reich&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;aber meine Eltern haben mich geliebt und mir vieles erm&amp;ouml;glicht.&amp;laquo; Mit 14 hat sie dann erfahren, dass sie adoptiert wurde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Es war purer Zufall&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Ich habe mit einer Cousine gestritten, als die pl&amp;ouml;tzlich meinte: &amp;rsaquo;Was willst du eigentlich? Du geh&amp;ouml;rst gar nicht zur Familie! Deine Mama ist nicht deine echte Mama!&amp;lsaquo; Ich war nat&amp;uuml;rlich total geschockt und habe meine Mutter auf dem Heimweg darauf angesprochen. Sie sagte, dass es stimme, wollte mir aber nichts von meinen leiblichen Eltern erz&amp;auml;hlen. &amp;rsaquo;Wir sind deine Eltern, wir lieben dich&amp;lsaquo;, meinte sie nur.&amp;laquo; Damit begann f&amp;uuml;r Jenny die komplizierte Suche nach ihren Wurzeln, bei der sie vorgehen musste wie ein Detektiv. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Helen dagegen ist in schwierigeren Verh&amp;auml;ltnissen gro&amp;szlig; geworden. In den Geschichten aus ihrer Kindheit riecht es nach Kohlenstaub. Auch ihre Eltern haben in Newcastle gelebt, in einer Siedlung f&amp;uuml;r Minenarbeiter. Ihr Vater Tommy hatte ein unbeherrschtes Temperament. &amp;raquo;In einem Moment ist er mit meiner Mutter durch die Wohnung getanzt, im n&amp;auml;chsten haben sie sich angeschrien, dann hat er sie geschlagen &amp;ndash; und wenn ich im Weg stand, hat er auch mir eine geknallt und mir dann noch die Schuld gegeben: &amp;rsaquo;Was stehst du hier auch so dumm rum!&amp;lsaquo; Das war das Schlimmste daran&amp;laquo;, sagt Helen. &lt;br /&gt; Von ihrer Mutter Mercia konnte sie keine Hilfe erwarten. &amp;raquo;Die war genauso schlimm&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Als ich f&amp;uuml;nf war, habe ich mir auf dem Pausenhof den Kn&amp;ouml;chel gebrochen, und meine Mutter musste mich ins Krankenhaus bringen. Sie hat mich getragen, weil ich nicht auftreten konnte &amp;ndash; und sich den ganzen Weg nur beschwert, wie anstrengend das sei und dass ich ihr jetzt den Tag versaut h&amp;auml;tte.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Helen kann viele solche Episoden erz&amp;auml;hlen: wie ihre Eltern mit ihr nach S&amp;uuml;dafrika ausgewandert sind, wo ihr Vater Tommy mit einem Strick um den Hals einmal so getan hat, als h&amp;auml;tte er sich erh&amp;auml;ngt. Als er sieht, wie Helen erschrickt, lacht er sie nur aus. Ein paar Jahre sp&amp;auml;ter, 1971, stirbt er dann tats&amp;auml;chlich an einem Herzinfarkt. Helen, inzwischen 21 Jahre alt, verheiratet und Mutter, geht zur&amp;uuml;ck nach England, weil sie nicht will, dass ihr Kind in dem rassistischen Apartheid-Regime aufw&amp;auml;chst. Ihre Mutter Mercia folgt ihr und zieht bei ihr ein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es dauert bis 1981, bis Jenny herausfindet, dass diese Mercia auch ihre leibliche Mutter ist. Kurz zuvor hatte die britische Regierung ein Gesetz ge&amp;auml;ndert, das es adoptierten Kindern nun erlaubt, ihre Geburtsurkunde einzusehen. Unter dem Punkt &amp;raquo;Mutter&amp;laquo; steht darin der Name &amp;raquo;Mercia Dick&amp;laquo;, ein Vater ist nicht verzeichnet, aber eine Adresse, zu der Jenny f&amp;auml;hrt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch Mercia ist weggezogen, Jenny trifft nur eine Schwester von ihr &amp;ndash; ihre Tante also. &amp;raquo;Und als ich ihr erz&amp;auml;hlt habe, wer ich bin, hat sie mich pl&amp;ouml;tzlich umarmt und gek&amp;uuml;sst und vor Freude geweint: &amp;rsaquo;Wir wussten immer, dass du irgendwann zur&amp;uuml;ckkommst!&amp;lsaquo;, hat sie gesagt und dann Mercia angerufen, um auch ihr die Neuigkeiten zu erz&amp;auml;hlen, aber die hat nur entgegnet: Das habe doch alles keinen Sinn, ich solle besser verschwinden.&amp;laquo; Jenny, das Adoptivkind, wird ein zweites Mal von ihrer leiblichen Mutter zur&amp;uuml;ckgewiesen. Doch sie gibt nicht auf. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;rsaquo;Ich hatte kein Geld damals, es war kurz nach dem Krieg, bitte vergib mir!&amp;lsaquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59315.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; In Telefonb&amp;uuml;chern und Adresslisten sucht sie nach dem Namen ihrer Mutter. Ohne Erfolg. Dann geht die Golfsaison wieder los, Jenny tourt durch Europa, sie ist eine der erfolgreichsten Spielerinnen dieser Zeit und wird von der Queen in den Buckingham Palace eingeladen. Sie heiratet, bekommt Kinder, die Jahre vergehen. Ende der Neunziger zieht sie mit ihrer Familie nach Florida in die USA. &amp;raquo;Ich dachte, ich w&amp;uuml;rde Mercia ohnehin nie finden&amp;laquo;, sagt sie. Doch ihre Cousine Wendy, die ihr bei der Suche hilft, will nicht aufgeben und hat schlie&amp;szlig;lich eine Idee, die die Wende bringt: Im Verwaltungszentrum von Newcastle sucht sie nach alten Heiratsurkunden &amp;ndash; und entdeckt ein Dokument, auf dem verzeichnet ist, dass eine Mercia Dick 1951 &lt;br /&gt; einen gewissen Tommy Lumsden ge-heiratet hat. Der Name von Jennys Mutter lautet mittlerweile also Mercia Lumsden. &amp;Uuml;ber das Wahlregister findet Jenny die Adresse heraus und schreibt ihr einen Brief. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf den ersten bekommt sie keine Antwort, auf den zweiten nur eine kurze Nachricht: &amp;raquo;H&amp;ouml;r auf, eine alte, kranke Frau zu bel&amp;auml;stigen. Leb einfach dein Leben.&amp;laquo; 2003 f&amp;auml;hrt Jenny trotzdem zu der Adresse und klingelt an Mercias T&amp;uuml;r.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Als sie meinen Namen h&amp;ouml;rte, fing sie an zu weinen&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt Jenny. &amp;raquo;Es tue ihr so leid, hat sie gesagt: &amp;rsaquo;Ich hatte kein Geld damals, es war kurz nach dem Krieg, bitte vergib mir!&amp;lsaquo; Aber ich wollte gar keine Entschuldigung von ihr. Ich wollte sie nur kennenlernen.&amp;laquo; Die beiden reden ein paar Stunden, dann bittet Mercia Jenny zu gehen. &amp;raquo;Meine Tochter Helen kommt jeden Moment nach Hause&amp;laquo;, sagt Mercia. &amp;raquo;Die darf dich nicht sehen, sie wei&amp;szlig; nichts von dir.&amp;laquo; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Es dauert ein wenig, bis Jenny begreift, was das bedeutet: dass sie eine Schwester hat, eine Halbschwester zumindest. &amp;raquo;Leider wollte mir meine Mutter aber nichts von Helen verraten&amp;laquo;, sagt Jenny. 2004 stirbt Mercia und nimmt das Geheimnis mit ins Grab. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jenny, die 2005 mit ihrer Familie zur&amp;uuml;ck nach England zieht, bekommt aber doch noch heraus, wer diese Helen ist, &amp;uuml;ber ein Online-Netzwerk, mit dem man Angeh&amp;ouml;rige finden kann. Sie schreibt Helen eine E-Mail &amp;ndash; und 2007 fallen sie sich schlie&amp;szlig;lich in der Lobby des &amp;raquo;Holiday Inn&amp;laquo; in Newcastle in die Arme.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Esszimmer in Jennys Haus in Kent wird es f&amp;uuml;r einen Moment still. Die beiden Schwestern haben ihre Geschichte schon &amp;ouml;fter erz&amp;auml;hlt; sie haben sogar ein Buch dar&amp;uuml;ber geschrieben (&lt;em&gt;My Secret Sister,&lt;/em&gt; Pan Macmillan), das in England zurzeit auf den Bestsellerlisten steht; sie wissen, wann man eine atmosph&amp;auml;rische Pause setzen muss, um die Spannung noch einmal anzuschieben. &amp;raquo;Aber von Anfang an hatten Jenny und ich das Gef&amp;uuml;hl, dass wir vielleicht mehr sind als nur Halbschwestern&amp;laquo;, sagt Helen dann. &amp;raquo;Es gab so viele Gemeinsamkeiten: Wir haben den gleichen Geschmack, die gleichen Allergien, die gleichen Krankheiten gehabt.&amp;laquo; Wie zum Beweis halten sie ihre Zeigefinger vor, die &amp;auml;hnlich krumm sind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein paar Monate nach ihrem ersten Treffen entschlie&amp;szlig;en sie sich, einen DNA-Test zu machen. Helen hat mittlerweile herausgefunden, dass ein gewisser Wilfred Harrison Jennys leiblicher Vater ist. Der Name stand in der Scheidungsurkunde von Mercia. Dieser Wilfred war wohl der Grund daf&amp;uuml;r, dass sie sich von ihrem ersten Mann George Dick getrennt hat. Die letzte noch lebende Verwandte aus dieser Zeit best&amp;auml;tigt Helens Theorie: Wilfred ist Jennys Vater, Mercia hatte eine Aff&amp;auml;re mit ihm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Ergebnis des DNA-Tests ersch&amp;uuml;ttert Helen dann: Denn es besagt, dass sie mit einer Sicherheit von 99,97 Prozent Jennys Schwester ist, das hei&amp;szlig;t, die beiden haben nicht nur die gleiche Mutter, sondern auch den gleichen Vater. &amp;raquo;Pl&amp;ouml;tzlich war mir klar, warum Tommy mich all die Jahre so mies behandeln konnte&amp;laquo;, sagt Helen: &amp;raquo;Er war gar nicht mein richtiger Vater.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach weiteren Recherchen im Krankenhaus von Newcastle, wo sie die medizinischen Unterlagen von Mercia ausfindig machen konnten, sind sich Helen und Jenny heute sicher, dass es sich damals folgenderma&amp;szlig;en abgespielt hat: Mercia ist 1948 nach einer Aff&amp;auml;re mit Wilfred Harrison schwanger geworden. Sie hatte schon zuvor drei Kinder von zwei verschiedenen M&amp;auml;nnern bekommen und zwei davon zur Adoption freigegeben. Ein Sohn &amp;ndash; Helens gro&amp;szlig;er Bruder George &amp;ndash; lebte bei ihr und ihrem damaligen Freund Tommy Lumsden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r die Geburt ist Mercia dann in ein Heim f&amp;uuml;r unverheiratete Frauen gegangen. Dort hat sie im Dezember 1948 Zwillinge bekommen, die sie sechs Wochen lang gestillt hat. Ein Kind, Jenny, hat sie danach weggegeben, das andere, Helen, mit zu Tommy genommen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hundertprozentig beweisen l&amp;auml;sst sich diese Theorie nicht. Aber es gebe viele Indizien, sagt Helen: In Mercias medizinischen Unterlagen ist nach 1948 keine weitere Geburt vermerkt, dabei soll Helen eigentlich erst 1950 zur Welt gekommen sein. Es gibt auch kein Foto, das Helen als Baby zeigt. Und der Arzt, der 1948 dabei war, hat die Geburt in den Dokumenten als &amp;raquo;kompliziert&amp;laquo; beschrieben. &amp;raquo;Unsere Mutter hat drei Kinder weggegeben&amp;laquo;, sagt Helen. &amp;raquo;Sie war deswegen vermutlich ihr ganzes Leben lang depressiv und hat uns angelogen. Warum nicht auch in diesem Punkt?&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Frage am Ende ist: Macht es &amp;uuml;berhaupt einen Unterschied, ob sie nun Zwillinge oder nur Schwestern sind? &lt;br /&gt; &amp;raquo;Nein&amp;laquo;, sagt Jenny. &lt;br /&gt; &amp;raquo;Ja&amp;laquo;, sagt Helen. &amp;raquo;Ich w&amp;auml;re dann zwei Jahre &amp;auml;lter.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Zurück zu dir</dc:subject>
    <dc:creator>Christoph Cadenbach</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-06T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39851">
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    <title>Am Ende</title>
    <description>&lt;p&gt;Fast jeder zweite Berufst&amp;auml;tige in Deutschland f&amp;uuml;rchtet, dass die  Rente im Alter nicht zum Leben reichen wird. F&amp;uuml;r Andrea Linke aus Berlin  ist diese d&amp;uuml;stere Ahnung l&amp;auml;ngst Realit&amp;auml;t. Aus dem Alltag einer Frau,  die vier Jahrzehnte lang geschuftet hat und trotzdem mit der Armut  k&amp;auml;mpft.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59089.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Szenen einer Ehe&lt;/strong&gt; Andrea Linke und ihr Mann beim Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck. Auf dem Tisch einige der Medikamente, die Robert Linke t&amp;auml;glich einnehmen muss.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Was ist der Unterschied zwischen einem englischen, einem franz&amp;ouml;sischen und einem deutschen Rentner? Der englische Rentner steht morgens um neun auf, trinkt seinen Tee und liest die Zeitung. Der franz&amp;ouml;sische steht um zehn auf, genehmigt sich ein Gl&amp;auml;schen Bordeaux und macht danach einen ausgedehnten Spaziergang. Und der deutsche Rentner? Steht um sechs auf, nimmt seine Herztropfen und geht anschlie&amp;szlig;end zur Arbeit. &amp;raquo;Komisch, nicht?&amp;laquo; Frau Linke erz&amp;auml;hlt einen Witz, &amp;uuml;ber den sie nicht lachen kann. Vermutlich, weil er ihrer eigenen Situation recht nahe kommt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Wirklichkeit muss sie noch etwas fr&amp;uuml;her aufstehen als der Rentner in ihrem Witz. Meist um halb f&amp;uuml;nf, denn ihre Plattenbau-Wohnung in Berlin-Buch liegt so abgelegen, dass sie mit den &amp;ouml;ffentlichen Verkehrsmitteln fast zwei Stunden braucht &amp;ndash; ganz egal, wohin sie gerade bestellt wird. Andrea Linke*, 65, arbeitet f&amp;uuml;r acht Euro in der Stunde als Springerin f&amp;uuml;r eine Zeitarbeitsfirma, die sie an Superm&amp;auml;rkte in Berlin und dem Umland vermittelt. Mit H&amp;auml;ubchen, Einweghandschuhen und wei&amp;szlig;em Arbeitskittel steht sie heute hinter einer Fleischtheke, die in etwa so lang ist wie die Startbahn einer Boeing 737. Weil die Stammbesetzung ein bisschen ausged&amp;uuml;nnt ist, muss sie zwischen Aufschnitt, Angebotswurst und K&amp;auml;sestand hin und her rennen. &amp;raquo;Auf der Galopprennbahn&amp;laquo;, sagt ihr Mann immer, wenn er gefragt wird, wo seine Frau arbeitet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Frau Linke arbeitet nicht, weil sie sich so schwer vom Berufsleben l&amp;ouml;sen k&amp;ouml;nnte. Sondern, weil sie es muss. Weil ihre Rente nicht reicht, um ein menschenw&amp;uuml;rdiges Leben zu f&amp;uuml;hren. Ihr Arbeitgeber best&amp;auml;tigt ihr, ordentlich und sehr zuverl&amp;auml;ssig zu sein, aber dar&amp;uuml;ber, dass ihr Vertrag verl&amp;auml;ngert wird, macht sie sich keine Illusionen. Die Kunden, hat man ihr zu verstehen gegeben, w&amp;uuml;rden durch einen Menschen in ihrem Alter &amp;raquo;gest&amp;ouml;rt&amp;laquo;, eine Irritation, von der man nicht wei&amp;szlig;, ob sie das Kaufverhalten negativ beeinflusst. Sie k&amp;ouml;nnten ein schlechtes Gef&amp;uuml;hl bekommen, wenn sie sehen, dass hinter dem Tresen jemand stehen muss, der sich doch l&amp;auml;ngst dem M&amp;uuml;&amp;szlig;iggang hingeben k&amp;ouml;nnte. Jemand, der seine Not ausstellt, indem er arbeitet, kann abschreckend wirken, denken sie in der Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrung der Filiale. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eine Kundin verlangt 125 Gramm grobe Teewurst. Das St&amp;uuml;ck, das Andrea Linke abschneidet, wiegt 118 Gramm. Die Kundin besteht auf 125 Gramm. Frau Linke ist zur Freundlichkeit angehalten. &amp;raquo;Musste eben ein neues St&amp;uuml;ck abschneiden&amp;laquo;, sagt jemand vom Stammpersonal. Aber es ist nat&amp;uuml;rlich eine ziemliche Gl&amp;uuml;ckssache, Teewurst aufs Gramm genau zu schneiden: Das neue St&amp;uuml;ck wiegt 130 Gramm. Die Kundin ist gn&amp;auml;dig. Nur, dass Frau Linke jetzt auf dem Zwischenst&amp;uuml;ck sitzt. Kauft ja keiner mehr. Also kauft sie es selbst. Bevor es &amp;Auml;rger gibt. Nur keinen Vorwand liefern. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bis 30, sagt Frau Linke, kann man sich viel erlauben, um die 40 muss man schon aufpassen. Aber wer &amp;uuml;ber 60 ist, muss sich schon fast entschuldigen, dass es ihn &amp;uuml;berhaupt noch gibt. Sie hat Dutzende von Bewerbungen geschrieben. &amp;raquo;Nehmen Sie auch Rentner?&amp;laquo;, fragt sie gleich als Erstes. 85 Prozent antworten sofort: &amp;raquo;Nein!&amp;laquo; Andrea Linke hat schnell gemerkt, dass es meistens nur Gesuche  der Art gibt, wie sie es erst gestern wieder in der kostenlosen Wochenzeitung gelesen hat: &amp;raquo;F&amp;uuml;r unsere quirligen, netten Kinder suchen wir eine liebe Ersatz-Omi auf freiwilliger Basis.&amp;laquo; Aber Frau Linke geht es nicht um sinnvolle Besch&amp;auml;ftigung. Sie braucht das Geld. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Immer mehr Rentner m&amp;uuml;ssen in Deutschland dazuverdienen. Meist trifft es die Risikopatienten der Angestelltengesellschaft: Kassiererinnen, Putzkr&amp;auml;fte oder Friseurinnen. Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der Ruhest&amp;auml;ndler mit Minijobs bundesweit um 60 Prozent gestiegen, auf rund 760 000. Dazu kommen 154 000 mit sozialversicherungspflichtigen Stellen. Laut statistischem Bundesamt beginnt die Armut in Deutschland bei 930 Euro im Monat. Rund zw&amp;ouml;lf Prozent aller Renten liegen unterhalb dieser Armutsgrenze. 400 000 Menschen in Deutschland leben bereits von der sogenannten Grundsicherung, einer Art Sozialhilfe f&amp;uuml;r Rentner. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit 750 Euro Rente bekommt Andrea Linke etwas zu viel, um sie beantragen zu k&amp;ouml;nnen. Sie hat das Pech, in einem Bereich der &amp;raquo;milden&amp;laquo; Armut zu leben, die der Staat als noch nicht unterst&amp;uuml;tzungsw&amp;uuml;rdig betrachtet. Die nicht auf der Stirn geschrieben steht und dennoch zehrt wie eine lange Krankheit. Eine Zwischenwelt, aus der man aus eigener Kraft nicht herausfinden kann. Der aber jederzeit die Gefahr eines noch tieferen Sturzes innewohnt. Vordergr&amp;uuml;ndig mag es dramatischere F&amp;auml;lle geben, Rentner, die noch viel weniger Geld haben als sie. Aber gerade die relative Durchschnittlichkeit ihrer Armut verdeutlicht die Tragweite des Problems. H&amp;auml;tte sie eine West-Biografie, w&amp;uuml;rde sie fast 200 Euro mehr Rente erhalten, meint Frau Linke. Man mag das ungerecht finden und f&amp;uuml;r ein spezifisches Ostproblem halten. Doch Frau Linke ist nur die Vorhut einer Entwicklung, die sich wie ein Fl&amp;auml;chenbrand auch in den alten Bundesl&amp;auml;ndern ausbreiten wird. Nach Berechnung des Deutschen Instituts f&amp;uuml;r Altersvorsorge ist bereits jeder dritte Bundesb&amp;uuml;rger von Altersarmut bedroht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dabei hat Frau Linke doch eigentlich alles richtig gemacht: Au&amp;szlig;enhandelskauffrau gelernt, Sachbearbeiterin bei der Bewag und im VEB Energiekombinat. An der Kasse im Konsum und nach der Wende dann 15 Jahre bei Kaisers. 44 Jahre lang hart gearbeitet, um nun knapp &amp;uuml;ber dem Sozialhilfeniveau angekommen zu sein. Dabei war sie nie faul, hat nichts verspielt oder &amp;uuml;berm&amp;auml;&amp;szlig;ig viel gewagt. Hat nie auf Kosten anderer gelebt und immer flei&amp;szlig;ig f&amp;uuml;r ihre Rente eingezahlt. Ist ausdauernd die Runden eines langen Arbeitslebens gelaufen, um dann auf der Zielgeraden zu merken, dass das Versprechen eines w&amp;uuml;rdigen Lebensabends ein Missverst&amp;auml;ndnis gewesen ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Andrea Linke fehlen zwei Schneidez&amp;auml;hne im Unterkiefer, aber ihr fehlt auch das Geld, sie ersetzen zu lassen. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal etwas zum Anziehen gekauft hat. Wenn sie irgendwo in einem Schaufenster etwas sieht, was ihr gef&amp;auml;llt, &amp;uuml;berschl&amp;auml;gt sie, wie lange sie daf&amp;uuml;r arbeiten m&amp;uuml;sste. Meist rechnet sie in DM-Preisen, weil das noch eindrucksvoller ist. Und dann sagt sie sich fast immer: &amp;raquo;Lass ma sein.&amp;laquo; Frau Linke hat sich arrangiert mit einem Leben, das keinen Platz mehr hat f&amp;uuml;r Bed&amp;uuml;rfnisse, die &amp;uuml;ber das N&amp;ouml;tigste hinausgehen. Ins Konzert? Mal in den Spreewald? Mit ihrem Mann zur Funkausstellung? Erlebnisse aus einer fernen Welt, im Nebel ihrer Erinnerung schon fast verblasst. Die Zukunft h&amp;auml;lt nur das f&amp;uuml;r sie bereit, von dem sie annahm, dass es ihre Vergangenheit sein sollte: Arbeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;*Name von der Redaktion ge&amp;auml;ndert&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Wir sind keine vollwertigen Menschen.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59091.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Andrea Linke auf dem Weg zur S-Bahn&lt;/strong&gt;, mit der sie t&amp;auml;glich zur Arbeit  f&amp;auml;hrt. Sie ist zwar Rentnerin, hat aber dennoch gro&amp;szlig;e Angst, ihren Job  zu verlieren. Deshalb l&amp;auml;sst sie sich nur von hinten und aus der Ferne  fotografieren, um nicht erkennbar zu sein.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bis Oktober hatte sie einen Vertrag, der ihr 86 Arbeitsstunden im Monat garantierte, aber dann wurde sie auf 56 Stunden heruntergestuft. Angeblich weil es f&amp;uuml;r jemanden in ihrem Alter zu wenig Arbeit gebe. &amp;raquo;Wir sind keine vollwertigen Menschen&amp;laquo;, sagt Frau Linke, schaut aus tiefen Tr&amp;auml;nens&amp;auml;cken und erz&amp;auml;hlt von den Kr&amp;auml;nkungen ihres Alltags. Stets erf&amp;auml;hrt sie erst kurzfristig, wann sie wo eingesetzt wird. Mal muss sie vier oder f&amp;uuml;nf Tage arbeiten, dann vielleicht eine Woche wieder gar nicht. Dabei hasst sie es, ohne Ordnung und Struktur in den Tag hinein zu leben, der nicht mehr von ihr selbst bestimmt wird, sondern von einer Stimme am Telefon, die ihr sagt, wohin sie zu gehen hat. Frau Linke sagt: &amp;raquo;Das macht mich krank.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gestern Nacht hat ihr Mann wieder Blut gespuckt. Vor 17 Jahren hatten die Tumoren in die halbe Lunge gestreut, vermutlich weil er fr&amp;uuml;her als Elektro-meister jahrzehntelang auf asbestverseuchten Baustellen gearbeitet hat. Geraucht hat er nie. Als Folge der Chemo ist seine Schilddr&amp;uuml;se kaputt und, wie er sagt, &amp;raquo;eigentlich auch das meiste, was oberhalb des Magens liegt&amp;laquo;. Aber er &amp;uuml;berlebte, entgegen der Prognose der &amp;Auml;rzte. Nat&amp;uuml;rlich hat ihrem gemeinsamen Leben seit 17 Jahren sein Einkommen gefehlt. Erst lief das Krankengeld aus, dann die Erwerbsunf&amp;auml;higkeitsrente. Dann wollten sie ihm auch noch die Schwerbesch&amp;auml;digung von 80 Prozent auf 30 Prozent zur&amp;uuml;ckstufen. Aber da kennen sie seine Frau schlecht. Andrea Linke sagt, sie habe gelernt, allem zu widersprechen, was einem die &amp;Auml;mter nehmen wollen. Also hat sie Briefe geschrieben, telefoniert und gek&amp;auml;mpft &amp;ndash; so lange, bis er wieder bei 70 Prozent war und seinen Schwerbesch&amp;auml;digtenausweis behalten durfte. Weil er zuletzt als Stra&amp;szlig;enbauaufseher beim Bezirksamt Pankow f&amp;uuml;r DDR-Verh&amp;auml;ltnisse recht gut verdiente, bekommt er 130 Euro mehr Rente als seine Frau. Aber das meiste davon geht f&amp;uuml;r seine Krankheit drauf. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie kennen sich schon ein ganzes Leben lang. Seine Eltern wohnten damals neben ihren Gro&amp;szlig;eltern. Und seine Mutter, sagt Linke, hatte immer die Neigung, ihm &amp;raquo;irgendwelche Frauen aufzuschwatzen&amp;laquo;. Deshalb war es vielleicht kein Zufall, dass eines Tages im Sp&amp;auml;therbst 1966, als er gerade zu Besuch vom Armeedienst war, dieses 19-j&amp;auml;hrige M&amp;auml;dchen mit ihrem hellen Lachen am Zaun stand. &amp;raquo;Die beh&amp;auml;ltste&amp;laquo;, hat er sich damals gesagt. Ein Jahr sp&amp;auml;ter hie&amp;szlig; sie auch Linke. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Damals hat sie zu ihm aufgeschaut. Heute ist er von ihr abh&amp;auml;ngig. Aber auch sie hat eigentlich nur noch ihn. Am &amp;ouml;ffentlichen Leben nehmen die Linkes seit Jahren schon nicht mehr teil. Sie haben genug, um nicht zu verhungern; ihre Armut ist die Einsamkeit. Was macht man mit Freunden? Ausgehen. Essen, Trinken, Kino. Freunde kosten Geld. Freunde muss man sich leisten k&amp;ouml;nnen. Weil es angenehmer klingt, formuliert Frau Linke es etwas anders: Sagt, sie habe keine Zeit f&amp;uuml;r Freundschaften. Entweder sie arbeitet. Oder sie organisiert Arztbesuche. Oder sie besucht ihren Mann im Krankenhaus. Wo sollte sie in dieses enge Korsett des Lebensnotwendigen noch Freunde einf&amp;uuml;gen? Robert Linke, 45 Jahre mit ihr verheiratet, sagt mit feiner Ironie: &amp;raquo;Ich bin sozusagen ihre beste Freundin.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die meisten seiner alten Freunde haben sich inzwischen zur&amp;uuml;ckgezogen. Als er schon schwer krank war, haben sie ihn immer noch gefragt, wenn es darum ging, etwas zu reparieren. Weil er doch sehr geschickt ist. &amp;raquo;Haste nich und kannste mal?&amp;laquo; Pro forma haben sie ihm meist Geld angeboten. Aber Linke nimmt kein Geld von Freunden. Hat also nur gesagt: &amp;raquo;Falls ich irgendwann mal eure Hilfe brauche &amp;hellip;&amp;laquo; Als er dann tats&amp;auml;chlich mal fragte, ob sie ihn vielleicht mit dem Auto zu einem Arzttermin bringen k&amp;ouml;nnten, war meist das Auto kaputt. Oder sie hatten keine Zeit. Irgendwann fragte er nicht mehr. &amp;raquo;Du bist nicht mehr nutzbringend f&amp;uuml;r die&amp;laquo;, sagt seine Frau. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seinem alten Beruf h&amp;auml;ngt er immer noch nach. Es kribbelt ihm in den Fingern, wenn er jemanden mauern sieht, und oft liest er die Stellenanzeigen f&amp;uuml;r Elektriker, obwohl er nat&amp;uuml;rlich wei&amp;szlig;, dass er in diesem Leben nie wieder arbeiten wird. Einmal hat er in der Wochenzeitung eine Annonce entdeckt, in der Produkttester gesucht wurden. Das, dachte sich Linke, k&amp;ouml;nnte er vielleicht auch von zu Hause aus machen. F&amp;uuml;r das Vorstellungsgespr&amp;auml;ch musste er bis ans andere Ende der Stadt. Auf einem K&amp;uuml;chentisch lagen ein paar museale Mixer und Toaster, was ihm etwas merkw&amp;uuml;rdig vorkam. &amp;raquo;Wir m&amp;uuml;ssen nur hoch in den ersten Stock, dort k&amp;ouml;nnen wir alles ausf&amp;uuml;llen!&amp;laquo;, war der Typ schnell zur Sache gekommen. &amp;raquo;Was denn?&amp;laquo;, fragte Linke, denn die Art, wie der Mann sprach, klang nicht so, als h&amp;auml;tte er ihm gerade einen Arbeitsvertrag angeboten. &amp;raquo;Zun&amp;auml;chst einmal m&amp;uuml;ssen Sie ein Zeitungsabonnement abschlie&amp;szlig;en &amp;hellip;&amp;laquo; Zwei Jahre Bindungsfrist, aber viel billiger als am Kiosk. &amp;raquo;Und wenn ich nun kein Abo will?&amp;laquo;, sagte Linke.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Oft schaut er auch f&amp;uuml;r seine Frau. Letzte Woche war was drin, was eigentlich nicht so schlecht klang: &amp;raquo;25&amp;ndash;30 Wochenstunden, neun Euro die Stunde plus Provision, gerne auch r&amp;uuml;stige Rentner.&amp;laquo; Linke also hin und sich die Sache angeschaut: Telefonakquise in einem Callcenter, das ein bisschen so aussah wie eine Legebatterie: Dutzende von Leuten, nur durch Pappw&amp;auml;nde voneinander getrennt. Wer keine Abschl&amp;uuml;sse macht, bekommt auch kein Geld, wurde ihm erkl&amp;auml;rt. Das hatten sie in der Anzeige verschwiegen. Oder das Internetangebot, das &amp;raquo;3&amp;ndash;4000 Euro nebenbei&amp;laquo; versprach. Allerdings h&amp;auml;tte man, um in den vollen Genuss des Geldsegens zu kommen, zun&amp;auml;chst eine DVD f&amp;uuml;r 89 Euro kaufen m&amp;uuml;ssen. Und dann weitere. Es sei denn, man findet selbst K&amp;auml;ufer. Immer wenn er sich eine Weile in diesen Anzeigen verliert, bekommt Linke Rachefantasien: Er tr&amp;auml;umt dann davon, dass Sondereinsatzkommandos zu diesen Firmen ausschw&amp;auml;rmen, die mit dem Rammbock die T&amp;uuml;r plattmachen und alle verhaften. Die aufr&amp;auml;umen mit den Betr&amp;uuml;gern und Abzockern. Auf dass endlich Gerechtigkeit einkehre in diese Welt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Bescherung schon zur Jahresmitte&amp;laquo; hatte die &lt;em&gt;Bild&lt;/em&gt;-Zeitung gejubelt, als vor drei Jahren die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Rentenerh&amp;ouml;hung seit Langem beschlossen worden war. Deutschlands Ruhest&amp;auml;ndler k&amp;ouml;nnten sich freuen. Der Jubel im Hause Linke hielt sich in Grenzen: Sie hat 14 Euro mehr bekommen, er 22. Ab Juli werden sie im Zuge der neuen Erh&amp;ouml;hung dann noch einmal zusammen rund 50 Euro mehr erhalten. An ihrer grunds&amp;auml;tzlichen Situation wird das wenig &amp;auml;ndern. &amp;raquo;Dolle ist das nicht&amp;laquo;, sagt Herr Linke. Zumal er bef&amp;uuml;rchtet, dass ihnen wie beim letzten Mal, auf dem Umweg erh&amp;ouml;hter Pflegeversicherungsbeitr&amp;auml;ge, gleich wieder etwas abgezogen werden wird. Seine Frau schaut aus dem Fenster im dritten Stock ihrer Wohnung auf die ehemaligen Rieselfelder zu ihren F&amp;uuml;&amp;szlig;en und sagt: &amp;raquo;Blo&amp;szlig; nicht alt werden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Linkes sitzen am K&amp;uuml;chentisch mit der abwaschbaren gelben Decke und w&amp;uuml;hlen die Angebote der Superm&amp;auml;rkte durch, die immer schon eine Woche vorher im Briefkasten liegen. Bei Linkes wird nicht gegessen, worauf man Lust hat, sondern das, was gerade am billigsten ist. Robert Linke, drei Jahre &amp;auml;lter als seine Frau, hat bei den Gurken zwischen zwei Superm&amp;auml;rkten eine Differenz von 30 Cent pro St&amp;uuml;ck ausgemacht, obwohl sie ihm von au&amp;szlig;en betrachtet v&amp;ouml;llig identisch erscheinen: &amp;raquo;Ist doch&amp;rsquo;n Hammer&amp;laquo;, sagt Linke und verpasst sich erst mal einen Sto&amp;szlig; Asthmaspray. Bei Kaufland kostet das H&amp;uuml;hnerfrikassee &amp;raquo;Feinfrost&amp;laquo; 1,99 Euro, bei Norma 1,39, dabei ist es nach Aussage von Frau Linke &amp;raquo;fast genauso im Geschmack&amp;laquo;. Bei Netto um die Ecke werden sie sich f&amp;uuml;r 59 Cent noch ein kleines Glas Spargelspitzen genehmigen, &amp;raquo;kommt mit rein&amp;laquo;, weil es die Sache geschmacklich etwas abrundet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kartoffeln kauft Frau Linke immer im gro&amp;szlig;en Sack, weil man sie gut lagern kann. Schon von Mutter und Gro&amp;szlig;mutter hat sie gelernt, auf Vorrat zu kaufen, wenn etwas g&amp;uuml;nstig ist. Die ganze DDR war ja eine Vorratswirtschaft. Nat&amp;uuml;rlich ist es eine bizarre Wendung, dass Frau Linke nun auch die Bundesrepublik so erlebt. &amp;raquo;Zwar gibt es heute alles, aber wir k&amp;ouml;nnen es uns nicht leisten.&amp;laquo; Linkes befinden sich im permanenten &amp;Uuml;berlebenskampf: 600 Euro Miete, Stromkosten, die explodieren, Nahrungsmittel mit Preisen, die schwindlig machen. Und die Medikamente f&amp;uuml;r ihren Mann, die in der h&amp;uuml;bschen Metalldose mit der Aufschrift &amp;raquo;Danish Butter Cookies&amp;laquo; lagern. Oft l&amp;auml;sst er die Rezepte eine Weile liegen, weil er sich die Zuzahlung nicht leisten kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist nicht so, dass Linkes nur ihre eigenen Probleme sehen, sie schauen stets auch auf diejenigen, denen es noch schlechter geht. Aber wenn im Fernsehen wieder von Griechenland die Rede ist, fragen sie sich schon manchmal, ob Kanzlerin Merkel angesichts der verzweifelten Lage vieler Rentner im eigenen Land nicht den falschen Rettungsschirm aufspannt. Wer rettet denn sie? Zur Arbeit gezwungen und dennoch ohne Chance auf einem Markt, der kein Pardon f&amp;uuml;r sie kennt. &amp;raquo;Uns sucht doch keiner&amp;laquo;, sagt Frau Linke aus dem orangefarbenen Sessel, dessen Altersspuren sie mit einem Stofftuch abgedeckt hat. Und dann ist es ihr Mann, der diesen Satz &amp;uuml;ber den Tisch schiebt, der noch eine Weile im Raum steht: &amp;raquo;Grieneisen Bestattungen, die suchen immer!&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Wieso sollt ich mich sch&amp;auml;men, hab doch&amp;rsquo;n Hemd an?&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59093.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;2009 gab es die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te &lt;strong&gt;Rentenerh&amp;ouml;hung&lt;/strong&gt; seit Langem. &amp;raquo;Bescherung schon zur  Jahresmitte&amp;laquo;, jubelte die Bild-Zeitung. Dabei bekam Andrea Linke gerade  mal 14 Euro mehr.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Grunde hatte sie sich ihren neuen Job etwas anders vorgestellt. Vielleicht menschlicher. Sie hatte nicht geahnt, dass sie nicht nur f&amp;uuml;r sich, sondern auch gegen andere arbeiten w&amp;uuml;rde: F&amp;uuml;r die Festangestellten stellt sie n&amp;auml;mlich eine Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes dar. &amp;raquo;Das Stammpersonal hat so&amp;rsquo;n Hals auf die Dienstleister!&amp;laquo; Und deshalb wird sie auch so behandelt: als Eindringling. &amp;raquo;Wenn Sie da keine Elefantenhaut haben &amp;hellip;&amp;laquo; Zehn Prozent der festangestellten Kollegen seien &amp;raquo;ganz nett&amp;laquo;, 40 Prozent k&amp;ouml;nne sie &amp;raquo;gerade noch ertragen&amp;laquo;, aber die restlichen 50 Prozent seien &amp;raquo;oft sehr gemein&amp;laquo;. Frau Linke sagt, sie versuche jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen, weil am Ende nat&amp;uuml;rlich immer die Festangestellten Recht bekommen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Meistens arbeitet sie acht Stunden, oft auch zehn. Daf&amp;uuml;r wird ihr insgesamt eine halbe Stunde Pause einger&amp;auml;umt. Sie muss auf der Hut sein. Deshalb hat sie auch niemandem gesagt, dass sie Diabetikerin ist. Und blutverd&amp;uuml;nnende Mittel nimmt. Nur als sie sich neulich mit dem Wurstmesser geschnitten hat, haben sich die anderen gewundert, dass die Blutung gar nicht aufh&amp;ouml;ren wollte. Frau Linke versucht stets so zu essen und zu trinken, dass sie m&amp;ouml;glichst nur einmal w&amp;auml;hrend der Dienstzeit auf die Toilette muss. Neulich hatte sie Durchfall und wurde angeschw&amp;auml;rzt. Eine Viertelstunde habe sie gebraucht, hat die Chefin vorgerechnet. Zu lange. Dabei muss sie ja durch den ganzen Laden und dann noch die Treppe runter. &amp;raquo;Ich bin schlie&amp;szlig;lich nicht auf der Flucht&amp;laquo;, hat Frau Linke gesagt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als Zeitarbeiter muss man flexibel sein. Die Freitagsanrufe zum Beispiel. Dann mehren sich auf merkw&amp;uuml;rdige Weise die Krankmeldungen in den Superm&amp;auml;rkten. Am Freitag gehen viele Angestellte gern schon fr&amp;uuml;her ins Wochenende. Gestern kam der Anruf um kurz nach sechs. Frau Linke noch in tiefem Schlaf. Ob sie um acht in Wilmersdorf sein k&amp;ouml;nne? Was ja nun auch nicht gerade um die Ecke liegt. &amp;raquo;Wenn die mich morgens wecken, st&amp;ouml;rt mein Alter komischerweise nicht mehr&amp;laquo;, sagt Frau Linke. Ihr Mann vergleicht die Rentner mit den Sklaven, die bei den alten Pharaonen f&amp;uuml;r ein St&amp;uuml;ck Brot Pyramiden errichtet haben. &amp;raquo;Waren es nicht die heutigen Rentner, die Deutschland nach dem Krieg aus dem Dreck geholt haben?&amp;laquo;, fragt Linke. Jetzt st&amp;ouml;&amp;szlig;t man viele in den Dreck zur&amp;uuml;ck. Eine doppelte Dem&amp;uuml;tigung: Sie m&amp;uuml;ssen arbeiten. Und dann macht man ihnen die Arbeit auch noch besonders schwer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch manche Kunden werden beleidigend. &amp;raquo;Sch&amp;auml;men Sie sich denn nicht?&amp;laquo;, hat sie gestern einer gefragt. &amp;raquo;Wieso sollt ich mich sch&amp;auml;men, hab doch&amp;rsquo;n Hemd an?&amp;laquo;, hat Frau Linke gesagt. &amp;raquo;Na, dass Sie hier jungen Leuten den Arbeitsplatz wegnehmen. Sie haben das doch gar nicht mehr n&amp;ouml;tig!&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Na, nur aus Spa&amp;szlig; steh ich auch nicht hier&amp;laquo;, hat Frau Linke gekontert. Und als der Kunde sie dann mit Nachdruck aufforderte, sich zu sch&amp;auml;men, hat sie eiskalt gesagt: &amp;raquo;Wenn Sie diskutieren wollen, k&amp;ouml;nnen Sie in eine Talkshow gehen!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als sie am Abend eines jener langen Tage an der Fleischtheke heimkommt, macht sich ihr Mann Sorgen um sie. &amp;raquo;M&amp;auml;del, pass uff&amp;laquo;, sagt er, weil er sieht, wie ihr die Arbeit zunehmend schwerf&amp;auml;llt: wie sie nach Feierabend immer in den Sessel f&amp;auml;llt und gar nicht mehr hochkommt. Wie sie appetitlos ist, st&amp;auml;ndig weiter abnimmt und sich f&amp;uuml;r gar nichts mehr interessiert. &amp;raquo;Wie bei einer Zitrone&amp;laquo;, sagt Herr Linke, &amp;raquo;man presst sie so lange aus, bis nur noch die Schale &amp;uuml;brig ist.&amp;laquo; Er f&amp;uuml;rchtet, dass seine Frau, die der Zement ihres gemeinsamen Lebens ist, irgendwann zusammenbrechen k&amp;ouml;nnte. Jedenfalls wenn sie so weitermacht. Aber hat sie eine Alternative? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Linkes schlafen in getrennten Zimmern. Weil er so eingestellt ist, dass er um 23.30 Uhr die letzten Medikamente nehmen muss, seine Frau aber dann schon l&amp;auml;ngst schl&amp;auml;ft, weil sie am Morgen ja wieder fr&amp;uuml;h raus muss. Er sieht oft fern, um sich wach zu halten. Dokumentationen vor allem. Alles &amp;uuml;ber Geschichte. Und manchmal auch etwas &amp;uuml;ber die DDR. In einem &amp;uuml;berm&amp;uuml;tigen Moment hat er sich mal ein &amp;raquo;Sky&amp;laquo;-Abo andrehen lassen, aber nat&amp;uuml;rlich musste er es wieder k&amp;uuml;ndigen, weil es zu teuer war. Als ihre Tochter neulich zum zweiten Mal heiratete, hat Linke vorher angerufen und gesagt, dass er nichts Passendes zum Anziehen habe und sich nicht zum Clown machen wolle. Seine Tochter hat ihn schlie&amp;szlig;lich abgeholt, den Friseurbesuch bezahlt und auch einen neuen Anzug. Als er vor ein paar Jahren ungl&amp;uuml;cklich direkt mit den Z&amp;auml;hnen auf die Briefkastenkante knallte, war es seine Schwiegermutter, die zum Gebiss etwas dazugegeben hat. Fr&amp;uuml;her, sagt Linke, habe er seiner Frau gern Blumen mitgebracht: &amp;raquo;Ist auch pass&amp;eacute;.&amp;laquo; Zum Geburtstag, Hochzeitstag oder an Weihnachten schenken sich Linkes schon seit Jahren nichts mehr. &amp;raquo;Nur noch unsere Zuneigung&amp;laquo;, sagt Robert Linke. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Am Ende</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Wenderoth</dc:creator>
    <dc:date>2013-04-29T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39793">
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    <title>Zum Trost</title>
    <description>&lt;p&gt;Wie soll man anderen beistehen, die einen schweren Verlust  verkraften m&amp;uuml;ssen? Wir haben Menschen nach den Worten und Taten gefragt,  die ihnen im entscheidenden Moment eine Hilfe waren.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58879.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Foto: merze-merze / photocase.com&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;RITA K.* ist vor zwei Jahren an Brustkrebs erkrankt und hat mehrere Operationen und Chemotherapien hinter sich.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Wenn  ich am Heulen war, habe ich niemanden gebraucht, der mir ein  Taschentuch nach dem anderen gibt. Sondern jemanden, der einfach nur bei  mir war und es ausgehalten hat, dass ich alles rausgelassen habe. Je  mehr man versucht, das mit Trost zu ersticken, desto mehr staut es sich.  Wenn jemand auf so eine erdr&amp;uuml;ckende Weise tr&amp;ouml;stet, das habe ich  gelernt, kann er nicht mit dem Schmerz des anderen umgehen und tr&amp;ouml;stet  eher sich selbst. Viel hilfreicher als in Watte gepackt zu werden, fand  ich es, wenn einer meiner Freunde auch mal etwas Unbequemes gesagt hat.  Nach der letzten Chemotherapie, als meine Haare schon wieder teilweise  nachgewachsen waren und ich begonnen hatte, die Per&amp;uuml;cke wegzulassen, hat  ein Freund gesagt: &amp;rsaquo;Mein Gott, wie sieht das denn aus, setz bitte die  Per&amp;uuml;cke wieder auf!&amp;lsaquo; So was klingt erst mal hart, aber f&amp;uuml;r mich war  wichtig, dass er mich in dem Moment nicht als arme Krebskranke behandelt  hat, die man schonen muss.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein halbes Jahr nach der Hochzeit starb der Mann der niederl&amp;auml;ndischen  Schriftstellerin CONNIE PALMEN. Das Buch &amp;uuml;ber den Geliebten und den  Verlust ist gerade auf Deutsch erschienen: &lt;em&gt;Logbuch eines unbarmherzigen  Jahres.&lt;/em&gt; &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Alle versuchen einen zu tr&amp;ouml;sten. Es ist f&amp;uuml;r die Familie und die Freunde  kaum auszuhalten, wie schlecht es einem geht. Aber in den ersten  Monaten nach Hans&amp;rsquo; Tod wollte ich nicht getr&amp;ouml;stet werden. Die Trauer war  das Einzige, was ich noch hatte &amp;ndash; sie war meine Verbindung zu ihm.  Trotzdem fand ich es wichtig, nicht allein zu sein. Man kann nicht f&amp;uuml;r  sich sorgen, das m&amp;uuml;ssen andere tun. Am besten h&amp;auml;lt man die Menschen aus,  die sich auf kranke Tiere verstehen. Die sich nicht sch&amp;auml;men, einen  anzufassen, einen zu dr&amp;uuml;cken, einen wie ein Kind zu behandeln. Die  einfach tun und nichts fragen. Denn jemand, der trauert, hat keine  Antwort auf die Fragen &amp;rsaquo;Wie geht es dir?&amp;lsaquo; oder &amp;rsaquo;Hast du Hunger?&amp;lsaquo; Ich  habe versucht eine Gespr&amp;auml;chspartnerin zu bleiben und meinen Humor nicht  ganz zu verlieren. Man will ja auch ein bisschen man selbst sein, nicht  nur das kranke Tier. Der K&amp;ouml;rper hat eine Art Thermostat, der anzeigt,  wenn genug gelitten ist. Dann kann man pl&amp;ouml;tzlich lachen, was essen, eine  halbe Stunde lang vielleicht. Wenn in meinem Freundeskreis jetzt jemand  seinen Mann oder seine Frau verliert, wei&amp;szlig; ich, was ich tue: Ich mache  einen gro&amp;szlig;en Topf Suppe, packe ein paar Sachen ein, fahre hin und sage  fast nichts. Ich empfange den Besuch, damit der Trauernde sitzen bleiben  kann. Ich mache Kaffee, hole Wein, all die einfachen Dinge.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;PHILIPP LAHM ist Kapit&amp;auml;n des FC Bayern M&amp;uuml;nchen. Wenn die Mannschaft  Spiele wie das Champions-League-Finale 2012 verliert, sehen Millionen  zu. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Nach einem solchen Spiel ist man unfassbar entt&amp;auml;uscht. Es ist fast  unm&amp;ouml;glich, dass dir da jemand Trost spenden kann. Nat&amp;uuml;rlich versucht man  die Mitspieler aufzubauen. Oft kommen auch Gegenspieler auf dich zu.  Unmittelbar nach dem Spiel hat das aber alles keinen Sinn. Da kann man  nicht getr&amp;ouml;stet werden. Will man auch nicht. Eigentlich will ich da  alleine sein. Ein &amp;rsaquo;Nach dem Spiel ist vor dem Spiel&amp;lsaquo; oder &amp;rsaquo;Dann halt im  n&amp;auml;chsten Jahr&amp;lsaquo; sind total fehl am Platz. Kein Satz, kein Wort &amp;auml;ndert das  Ergebnis. Um eine Niederlage in einem so bedeutenden Spiel zu  verarbeiten, braucht man Tage. Mit etwas Abstand realisierst du erst,  welche Chance du vergeben hast. Es dauert, bis du wieder nach vorne  schauen und die n&amp;auml;chsten Ziele angehen kannst. In diesen Tagen tut es  mir gut, mit meiner Familie oder Freunden zusammen zu sein. Vor allem,  wenn das Thema Fu&amp;szlig;ball nicht im Vordergrund steht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;MEIKE M.s* Mann ist vor einem Jahr an Krebs gestorben, da war ihre Tochter zwei Jahre alt.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich  habe gleich gewusst, dass er tot ist. So komisch eingesunken, wie er  dalag. Der Notarzt und ich haben beide geheult, meine Tochter hat sich  still an mich gekuschelt. In den ersten Stunden hat mich beruhigt, dass  er zu Hause gestorben ist. Im Schlaf. Ohne Schmerzen. Mit mir und seiner  Tochter in der N&amp;auml;he. Nach den jahrelangen Chemos, dem Koma und den OPs  fand ich das irgendwie gn&amp;auml;dig. Nach einer Woche bin ich dann wieder  arbeiten gegangen. Auch dieser Arbeitsalltag war tr&amp;ouml;stlich. Die  Normalit&amp;auml;t f&amp;auml;ngt auf. Genauso wie das Einf&amp;uuml;hlungsverm&amp;ouml;gen der Kollegen.  Einer hatte selbst als Kind seinen Vater verloren und wollte wissen:  &amp;rsaquo;Findest du es eigentlich doof, dass jetzt die Sonne scheint?&amp;lsaquo;. F&amp;uuml;r mich  gar keine banale Frage. Klar kann es einem ungerecht vorkommen, wenn  &amp;uuml;berall die Blumen anfangen zu bl&amp;uuml;hen, man selbst aber todtraurig ist.  Ich fand das gute Wetter eher sch&amp;ouml;n. Nach dem Winter, in dessen letzten kalten M&amp;auml;rzwochen er gestorben ist, kam dann endlich, endlich der  Fr&amp;uuml;hling! Auch meine Trauzeugin fand die richtigen Worte: &amp;rsaquo;Meike, wir  machen uns trotzdem noch ein sch&amp;ouml;nes Leben!&amp;lsaquo;, beschloss sie. So ein Satz  tut gut, einfach weil er zeigt, dass vielleicht doch nicht alles Sch&amp;ouml;ne  in meinem Leben schon hinter mir liegt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Angelika Kindts Tochter brach den Kontakt  zu ihr vor sechs Jahren mit einer Mail ab: Die Mutter nehme ihr die Luft  zum Atmen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich komme aus einer nieders&amp;auml;chsischen Protestantenfamilie, da erz&amp;auml;hlt  man seine Familienangelegenheiten nicht herum. In den ersten Jahren habe  ich mich streng daran gehalten. Irgendwann haben meine Freunde dann  aber gesagt: &amp;rsaquo;Du musst sie nicht sch&amp;uuml;tzen, sie hat dich auch nicht  gesch&amp;uuml;tzt.&amp;lsaquo; Seitdem rede ich. Und die Freunde, die sich das immer wieder  anh&amp;ouml;ren und weiter zu mir stehen, sind mein gro&amp;szlig;er Trost.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Die Kombination der Gene von ANNE-DAUPHINE und LO&amp;Iuml;C JULLIAND hat bei  zweien ihrer vier Kinder zu einem seltenen Defekt gef&amp;uuml;hrt:  metachromatische Leukodystrophie. Die Krankheit legt sukzessive das  Nervensystem lahm, eine Tochter, Tha&amp;iuml;s, ist inzwischen gestorben. Die  andere, Azylis, ist schwer behindert. Es ist ungewiss, wie lange sie  leben kann.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Am 31. Dezember h&amp;auml;tten wir schreien k&amp;ouml;nnen. Es war klar,  dass Tha&amp;iuml;s bald sterben w&amp;uuml;rde. Die meisten unserer Bekannten sind in  eine versch&amp;auml;mte Stummheit verfallen &amp;ndash; wenn sie sich &amp;uuml;berhaupt gemeldet  haben. Sie haben uns stotternd und stammelnd so etwas gew&amp;uuml;nscht wie  &amp;rsaquo;dass, wenn m&amp;ouml;glich, im n&amp;auml;chsten Jahr alles etwas besser wird&amp;lsaquo;. Warum  nicht einfach ein gutes und gl&amp;uuml;ckliches neues Jahr? Nicht nur das Beste,  sondern das Allerbeste, laut und von ganzem Herzen! Das h&amp;auml;tte uns  wirklich geholfen. Denn das Schlimmste war uns sicher, das wussten wir.&amp;laquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;VALERIE B.s* Sohn hatte einen schweren Autounfall und lag mit mehreren Sch&amp;auml;delbr&amp;uuml;chen im Krankenhaus.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Es gibt zwei, drei Freunde, die vom  Unfall geh&amp;ouml;rt, sich aber nicht gemeldet haben. Da ist f&amp;uuml;r mich jetzt der  Ofen aus. Alle anderen Freunde von uns haben irgendwie signalisiert,  dass sie an uns denken. Wie sie das genau gemacht haben, welche Worte  sie gew&amp;auml;hlt haben, war mir nicht so wichtig, als ich mit meinem Sohn auf  der Intensivstation war. Klar, ich kenne auch den Gedanken, dass man  jemandem, dessen Kind gerade ums &amp;Uuml;berleben k&amp;auml;mpft, keine Floskeln  erz&amp;auml;hlen will. Von au&amp;szlig;en kann man sich aber nur schwer vorstellen, wie  gro&amp;szlig; schon die kleinsten Gesten wirken, wenn man traumatisiert ist. Mir  haben so normale S&amp;auml;tze geholfen wie &amp;rsaquo;Das ist gerade so furchtbar, ich  wei&amp;szlig; gar nicht, was ich sagen soll.&amp;lsaquo; Oder: &amp;rsaquo;Ich w&amp;uuml;nsche dir viel Kraft.&amp;lsaquo;  Eine Freundin hat einmal pro Woche angerufen und mir immer das Gleiche  auf die Mailbox gesprochen: &amp;rsaquo;Ich bin da, ich denke an dich, du musst  dich gar nicht melden.&amp;lsaquo; Das hat mir total gut getan, denn irgendwann hat  man keine Lust mehr, die ganze Geschichte noch mal zu erz&amp;auml;hlen.  Hilfreich war auch, was die Krankenhaus-Pfarrerin sagte: &amp;rsaquo;Gehen Sie mal  raus und schreien Sie! Hauen Sie mit der Faust gegen die Wand! Seien Sie  sich blo&amp;szlig; nicht zu schade daf&amp;uuml;r.&amp;lsaquo; Sp&amp;auml;ter habe ich erfahren, wie wichtig  es ist, Traumata k&amp;ouml;rperlich abzureagieren.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;MARIA DAEBEL, 91, wurde in den vergangenen Jahren zwei Mal auf offener  Stra&amp;szlig;e ausgeraubt. Als sie wegen Herzproblemen im Krankenhaus lag,  stahlen Einbrecher 3000 Euro, die sie als Sterbegeld zur&amp;uuml;ckgelegt hatte.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Maria  Daebel:&lt;/strong&gt; Als ich aus dem Krankenhaus kam, hatte meine Freundin Irene  schon daf&amp;uuml;r gesorgt, dass alles wieder aufger&amp;auml;umt und sauber ist. Das  hat mir sehr geholfen, obwohl mich der Einbruch gar nicht so schockiert  hat. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Irene Roman (52):&lt;/strong&gt; Als ich Maria davon erz&amp;auml;hlt habe, meinte sie nur:  &amp;raquo;Das ist doch schei&amp;szlig;egal, es ist ja niemand k&amp;ouml;rperlich zu Schaden  gekommen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Maria Daebel:&lt;/strong&gt; Beim ersten Raub&amp;uuml;berfall war das anders, da hat  mir dieses bl&amp;ouml;de Aas die Handtasche von der Schulter gerissen und mich  so doll getreten, dass ich auf den Bordstein geknallt bin. Seit ich 18  bin, wohne ich in Berlin, 35 Jahre davon in Neuk&amp;ouml;lln, aber so etwas war  mir noch nie passiert. Trotzdem bin ich danach noch immer vor die T&amp;uuml;r  gegangen. Den ganzen Tag die wei&amp;szlig;e Wand anstarren &amp;ndash; das kann ich nicht.  Ich bin im Krieg erwachsen geworden. Als Berlin bombardiert wurde, war  ich gerade schwanger. Meine Tochter ist mit neun Monaten gestorben, &amp;uuml;ber  Nacht, zack, weg. Ich wei&amp;szlig;, was Verlust ist. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Irene Roman:&lt;/strong&gt; Maria ist ein  Mensch, von dem muss man sich eine Scheibe abschneiden. Sie denkt immer  positiv. Sie ist diejenige, die uns Trost spendet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;ARND B., Schlossermeister in D&amp;uuml;sseldorf, ging mit seinem Stahlbaubetrieb  pleite. Der Konkurs der Firma hatte auch seine Privatinsolvenz zur  Folge.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Irgendwann konnte ich das Unvermeidliche nicht l&amp;auml;nger  hinausschieben: Ich ging zum Amtsgericht und gab meinen Insolvenz-Antrag  ab. Dieser Moment war ganz f&amp;uuml;rchterlich. Ich w&amp;auml;re ich am liebsten in  einem Mauseloch verschwunden und nie wieder rausgekommen. Ich f&amp;uuml;hlte  mich als Versager, hatte keine Perspektive mehr. In den Tagen danach  ging es mir sehr schlecht, bis ich mich einer Therapeutin erinnerte, die  ich zuf&amp;auml;llig kennengelernt hatte. Ich habe sie gefragt, ob ich mal f&amp;uuml;r  eine Stunde vorbeikommen k&amp;ouml;nnte, zum Ausheulen. In der kurzen Zeit habe  ich mich mit Ihrer Hilfe wieder aufgebaut. Sie hat mir geholfen zu  erkennen, dass das, was mich ausmacht, nicht das ist, was ich habe oder  im Beruf leiste, sondern das, was ich bin. Mein Menschsein an sich. Es  waren nur ein paar Worte, aber die waren entscheidend f&amp;uuml;r mich. Ich  hatte mich verlaufen, mit ihrer Hilfe habe ich meinen Weg  wiedergefunden.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;DANIELA T.s* Lebensgef&amp;auml;hrte wurde vor zwei Jahren von einem fl&amp;uuml;chtigen Bekannten krankenhausreif geschlagen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Von  heute auf morgen war Stefan gehbehindert, konnte sich nicht selber  waschen, nirgendwo alleine hinfahren. Ich musste rund um die Uhr f&amp;uuml;r ihn  da sein. Inzwischen ist es etwas besser, aber er ist oft m&amp;uuml;de und  schnell &amp;uuml;berfordert. Die Medikamente machen ihn launisch und aggressiv.  Ich habe kaum Unterst&amp;uuml;tzung. Der Wei&amp;szlig;e Ring hat uns geholfen, als Stefan  unter fadenscheinigen Gr&amp;uuml;nden bei seiner Krankenkasse rausgeflogen ist.  Und eine Freundin tr&amp;ouml;stet mich: &amp;rsaquo;Gro&amp;szlig;artig, wie du das alles schaffst&amp;lsaquo;,  sagt sie. &amp;rsaquo;Ein anderer w&amp;auml;re l&amp;auml;ngst zusammengebrochen.&amp;lsaquo; Es ist wichtig,  dass mir das &amp;ouml;fter gesagt wird. Denn ich wei&amp;szlig; nicht, wie es weitergehen  soll.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;TINA K. ist die Schwester von Jonny K., der im Oktober 2012 auf dem  Berliner Alexanderplatz totgepr&amp;uuml;gelt wurde. Tina engagiert sich seitdem  mit dem Verein &lt;em&gt;I am Jonny&lt;/em&gt; gegen Gewalt.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Nach Jonnys Tod hat man uns  geraten, nicht mit der Presse zu sprechen. Aber ich wollte, dass die  Geschichte richtig erz&amp;auml;hlt wird. Und dass die T&amp;auml;ter das Foto meines  Bruders sehen. Sie sollten sehen, wem sie das angetan haben. Durch die  &amp;Ouml;ffentlichkeit war die Anteilnahme an Jonnys Tod riesig. Leute haben  gesagt: &amp;rsaquo;Ich w&amp;uuml;nsche dir viel Kraft f&amp;uuml;r die schwere Zeit.&amp;lsaquo; Da habe ich  gedacht: Von welcher Zeit reden die? Es gibt kein Datum, an dem der  Schmerz abl&amp;auml;uft. Es gibt &amp;uuml;berhaupt nichts, das einem den Schmerz nehmen  kann. Aber ich habe viel Trost durch mein Umfeld bekommen. Alle waren  da. Meine Freunde haben eingekauft und gekocht und uns alle versorgt,  meine Eltern, meine kleine Schwester und mich. Nach der Trauerfeier  haben die Leute unsere Gedenkkarten mitgenommen, zu Hause aufgestellt,  daneben eine Kerze, und mir dann Fotos davon geschickt. Oder sie sagen:  &amp;rsaquo;Ich habe die Trauerkarte von Jonny immer dabei, weil ich wei&amp;szlig;, er passt  auf mich auf.&amp;lsaquo; Das h&amp;ouml;rt sich vielleicht ein bisschen freakig an, aber  dadurch ist Jonny f&amp;uuml;r mich immer noch da.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;ANDREA R.* aus M&amp;uuml;nchen leidet seit einem Jahr an Brustkrebs. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Helfen  dir die Leute wirklich oder reden sie nur davon? F&amp;uuml;r mich ist es eine  tolle Erfahrung und ein gro&amp;szlig;er Trost, dass meine Freunde zu mir stehen  und mich durch die Erkrankung begleiten. Es ist immer jemand da, den ich  anrufen kann, der mir zuh&amp;ouml;rt oder bei praktischen Dingen hilft: Meine  Freunde haben zum Beispiel f&amp;uuml;r mich eingekauft, mich zur Chemotherapie  gefahren oder bei mir &amp;uuml;bernachtet, wenn ich Angst hatte, allein zu sein.  Sehr wichtig finde ich auch, dass sie trotz der schwierigen Situation  ihren Humor nicht verloren haben. Man m&amp;ouml;chte schlie&amp;szlig;lich nicht in einen  goldenen K&amp;auml;fig abgeschoben werden, nach dem Motto &amp;rsaquo;Ach Gott, die Arme!  Jetzt haben wir alle mal Mitleid!&amp;lsaquo; Die meisten d&amp;uuml;rften erst mal  Hemmungen haben, im Krankenzimmer einen Witz zu machen oder eine lustige  Geschichte zu erz&amp;auml;hlen. Warum eigentlich? Im Krankenhaus ist alles eh  schon traurig genug, da war mir jede Abwechslung willkommen. Meine  Freunde haben jedenfalls schnell erkannt, das sie mich in dieser  Hinsicht nicht so vorsichtig zu behandeln brauchen, und wir haben viel  zusammen gelacht. Die Krankheit hat dadurch etwas von ihrem Schrecken  verloren.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die aus Venezuela stammende Deutsche MARCELA N. * verlor ihre Schwester Maria durch ein f&amp;uuml;rchterliches Verbrechen: Nach der Trennung wurde Maria von ihrem fr&amp;uuml;heren Lebensgef&amp;auml;hrten ermordet.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Meine Mutter, die nach der Tat nach Deutschland gekommen war, wollte unbedingt sehen, wie ihre Tochter gelebt hat. Aber wir durften leider nicht in die Wohnung &amp;ndash; nur einmal f&amp;uuml;r eine halbe Stunde, um Kleider f&amp;uuml;r die Beerdigung meiner Schwester zu holen. Meine Mutter musste deshalb l&amp;auml;nger bleiben als geplant, das war aber finanziell nicht leicht f&amp;uuml;r uns. Freunde haben deshalb eine Benefizparty organisiert. Kaum hatten sie den Aufruf auf Facebook gepostet, haben sich schon unheimlich viele Leute gemeldet. Manche haben Kuchen gespendet und Essen gekocht, Tanzgruppen und Bands sind aufgetreten, die Anteilnahme war &amp;uuml;berw&amp;auml;ltigend &amp;ndash; mehr als 700 Leute sind gekommen. Als ich mal mit Maria &amp;uuml;ber den Tod gesprochen habe, hat sie gesagt: Wenn ich sterbe, will ich keine Tr&amp;auml;nen sehen. Meine Freunde sollen mich mit einem L&amp;auml;cheln verabschieden. Es war f&amp;uuml;r uns sehr wichtig, dass wir ihr diesen Wunsch erf&amp;uuml;llen konnten. Ein gro&amp;szlig;es Fest mit allen Freunden &amp;ndash; Maria h&amp;auml;tte es so gewollt. Auch meine Mama war ganz ergriffen. Nur das Ende war traurig. Als ein Video von Maria gezeigt wurde, ist Mama ohnm&amp;auml;chtig geworden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach 14 Jahren Ehe war im Januar Schluss: CHRISTIANE M.s* Mann zog aus, sie blieb mit den beiden T&amp;ouml;chtern zur&amp;uuml;ck.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Nach der Trennung hatte ich Selbstzweifel und Schuldgef&amp;uuml;hle. Lag es an mir? Bin ich ein schwieriger Mensch? Zwei Menschen aus dem Freundeskreis haben mir geholfen, mit diesen negativen Gef&amp;uuml;hlen fertigzuwerden. Meine beste Freundin Karin hat immer wieder ihre Loyalit&amp;auml;t gezeigt und betont, dass sie einfach nicht verstehen kann, dass ein erwachsener Mann denke, er m&amp;uuml;sse seine Frau unbedingt &amp;auml;ndern. Und sie lieber brechen will, als gerade so zu lassen, wie der Rest der Welt sie mag. Udo hatte einen eher spirituellen Rat: &amp;rsaquo;Sieh die Trennung nicht als Niederlage. Sieh es so, dass eure Zeit abgelaufen ist.&amp;lsaquo; Mit ihm habe ich nach der Trennung auch Exerzitien im Alltag gemacht, kleine religi&amp;ouml;se Meditations&amp;uuml;bungen, bei denen es letzten Endes um die Omnipr&amp;auml;senz Gottes geht. Den Gedanken, dass Gott immer bei mir ist, finde ich sehr hilfreich. Ich komme jetzt in ein Alter, wo es als Frau schwierig werden d&amp;uuml;rfte, einen neuen Partner zu finden, zumal mit zwei T&amp;ouml;chtern im Teenager-Alter. Die Meditations&amp;uuml;bungen geben mir das Gef&amp;uuml;hl, dass es mir auch gut gehen kann, wenn ich allein bin, weil ich wie jeder Christ ein St&amp;uuml;ck G&amp;ouml;ttlichkeit in mir habe.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;WALTER OBERST erfuhr vor drei Jahren, dass seine Frau demenzkrank ist. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;In der Nervenklinik erhielten wir damals die Gewissheit, dass meine Frau nicht nur vergesslich ist, sondern an Demenz leidet. Ich habe bald unsere Freunde und Bekannten informiert. &amp;rsaquo;Was k&amp;ouml;nnen wir tun?&amp;lsaquo;, haben viele gefragt. &amp;rsaquo;Ich wei&amp;szlig; es nicht&amp;lsaquo;, habe ich gesagt. Heute wei&amp;szlig; ich, was ich h&amp;auml;tte antworten sollen: &amp;rsaquo;Ruf &amp;ouml;fter an und bleib mit Christina in Kontakt.&amp;lsaquo; Denn so eine Alzheimer-Erkrankung hat zwei Realit&amp;auml;ten: Jenseits des bereits jetzt harten Alltags ist da die Gewissheit, dass alles noch viel schlimmer wird. Immerhin erkennt meine Frau mich, unsere T&amp;ouml;chter und den Enkel noch, doch sie kann keinen Termin mehr alleine wahrnehmen, sie findet nicht mehr nach Hause. Etliche Freunde haben den Kontakt abgebrochen, einige haben ihn aber intensiviert und holen meine Frau ab, um mit ihr spazieren zu gehen oder sich mit ihr in ein Caf&amp;eacute; zu setzen. Das ist eine kleine Entlastung f&amp;uuml;r mich, weil ich dann kurz durchatmen und wieder Kraft sch&amp;ouml;pfen kann. Vor allem tr&amp;ouml;stet es mich aber dann jedes Mal, meine Frau bei solchen Unternehmungen ganz fr&amp;ouml;hlich zu sehen. Manchmal lacht sie dann wieder so gel&amp;ouml;st wie fr&amp;uuml;her.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;BETTINA W. hat ihr erstes Kind, Leo, im achten Monat tot geboren. Ihre anderen Kinder sind jetzt vier und sechs Jahre alt. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Als ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam, lagen viele Briefe da. Einer kam von einer entfernten Verwandten. Sie schrieb mir von ihrem Schicksal: Sie hatte auch mal ein Kind tot geboren. Das hat mich komischerweise &amp;uuml;berhaupt nicht getr&amp;ouml;stet. Obwohl man doch denkt, dass Dinge sich nicht mehr so grausam anf&amp;uuml;hlen, wenn man wei&amp;szlig;, dass andere so etwas schon erlebt und &amp;uuml;berlebt haben. Aber mein Kummer war f&amp;uuml;r mich einzigartig. Und es kam mir in dem Moment nicht so vor, als h&amp;auml;tte sie den Brief wirklich an mich gerichtet. Was mir sehr viel gegeben hat: Mein Mann und unsere Verwandten, die Leo einen Platz in unserer Familie gegeben haben. Und all die Arbeitskollegen, die geschrieben haben. Ein paar Worte, egal wie ungelenk. Sie h&amp;auml;tten das nicht tun m&amp;uuml;ssen. Man wei&amp;szlig; ja, wie schwer es einem f&amp;auml;llt, in einer solchen Situation die richtigen Worte zu finden. Als ich wieder ins B&amp;uuml;ro ging, war ich froh &amp;uuml;ber jeden, der mich auf mein Kind und meine Geschichte angesprochen hat. Denn ich glaube, die meisten Trauernden haben das Bed&amp;uuml;rfnis zu reden, werden aber aus Scheu oft nichts gefragt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;* Name von der Redaktion ge&amp;auml;ndert&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Zum Trost</dc:subject>
    <dc:creator>Gabriela Herpell und Johannes Waechter</dc:creator>
    <dc:date>2013-04-12T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

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    <title>Das Antispiel</title>
    <description>&lt;p&gt;Ruiniere alle anderen und du gewinnst. Mit diesem Konzept wurde Monopoly  eines der erfolgreichsten Brettspiele der Welt. Dabei ging es seinen  Erfindern um etwas ganz anderes: Kapitalismuskritik.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58793.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Wenn die Kasse klingelt, erscheint pl&amp;ouml;tzlich dieses Grinsen. Bei Kindern, die ihre Eltern in den Ruin treiben, bei Eltern, die ihre Kinder &amp;uuml;berschulden, bei jedem, der bei &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt; zum Gro&amp;szlig;grundbesitzer aufsteigt. Irgendwo auf der Welt h&amp;auml;lt gerade jemand die Hand auf und sagt: &amp;raquo;Wie, du kannst mich nicht bezahlen? Deine Hypotheken reichen auch nicht mehr? Her mit deinen Stra&amp;szlig;en!&amp;laquo; Begleitet vom Grinsen eines Tycoons, voller Triumph und Verachtung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nun k&amp;ouml;nnte man sagen: Ist ja nur ein Spiel, bei &lt;em&gt;Mensch &amp;auml;rgere Dich&lt;/em&gt; &lt;em&gt;nicht&lt;/em&gt; triezen sich die Leute doch auch. Aber &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt; war immer mehr als ein Kartonquadrat mit einer Spielidee. In der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten war das Spiel bis Ende der Achtzigerjahre verboten &amp;ndash; so unsozial durfte sich nur der Klassenfeind vergn&amp;uuml;gen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Immer mal wieder gab es Gegenentw&amp;uuml;rfe zum kapitalistischen Klassiker. Am erfolgreichsten war der des amerikanischen Wirtschaftsprofessors Ralph Anspach: Bei seinem &lt;em&gt;Anti-Monopoly&lt;/em&gt; muss man Monopole zerschlagen. Anspach wollte seinen Kindern kein Spiel beibringen, das gegen einen wesentlichen &amp;ouml;konomischen Grundsatz verst&amp;ouml;&amp;szlig;t: Monopole sind das Grab eines ausgewogenen Marktes. Prompt wurde er vom &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt;-Monopolisten Parker Brothers wegen Urheberrechtsverletzung verklagt und durfte sein Spiel erst wieder vertreiben, nachdem er in einem jahrelangen Rechtsstreit bewiesen hatte, dass es das Spiel schon l&amp;auml;ngst vor der Patentanmeldung des Spieleherstellers gegeben hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und obwohl dieses Brettspiel vielen heute als Symbol eines pervertierten Kapitalismus erscheint: Seine Erfinderin hatte ganz andere Intentionen. Sie wollte mit ihm eine Wirtschaftstheorie verbreiten, die Spekulationsblasen verhindern und f&amp;uuml;r eine bessere Umverteilung sorgen sollte. Es ist eine Theorie, von der sich bis heute nicht wenige eine gerechtere Wirtschaftsordnung versprechen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Geschichte von &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt; beginnt drei&amp;szlig;ig Jahre, bevor es das erste Mal verkauft wurde. Sie erz&amp;auml;hlt vom Sieg der Habgier &amp;uuml;ber ein solidarisches Miteinander. Elizabeth Magie, eine Schauspielerin und Spieleentwicklerin, meldete 1904 das Patent f&amp;uuml;r ihr &lt;em&gt;Landlord&amp;rsquo;s Game&lt;/em&gt; an. Das Design des Spielbretts &amp;auml;hnelte schon dem des sp&amp;auml;teren &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt;, auch hier konnte man Land kaufen und mit der Pacht Geld einnehmen &amp;ndash; und am Ende gewann der Spieler, der die anderen pleitesetzte. Magie war mit dieser ersten Version nicht sehr zufrieden, sie schien ihr noch zu raffgierig. Sie hatte andere Ideale, sie war Anh&amp;auml;ngerin von Henry George.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der heute weitgehend vergessene &amp;Ouml;konom George war Ende des 19. Jahrhunderts ein Star. Sein Buch &lt;em&gt;Fortschritt und Armut&lt;/em&gt; gilt mit drei Millionen verkauften Exemplaren als der erfolgreichste Wirtschaftsbestseller nach Marx&amp;rsquo; &lt;em&gt;Kapital&lt;/em&gt;. Darin schreibt er: &amp;raquo;Was jede Zivilisation vor uns zerst&amp;ouml;rt hat, war die ungleiche Verteilung von Reichtum und Macht.&amp;laquo; George bef&amp;uuml;rchtete ein &amp;auml;hnliches Schicksal f&amp;uuml;r die amerikanische Gesellschaft, in der trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs des Gilded Age die Armen &amp;auml;rmer und ein paar wenige unversch&amp;auml;mt reich wurden. 1886 trat er zur B&amp;uuml;rgermeisterwahl in New York an, gewann gegen Theodore Roosevelt, verlor aber gegen den Demokraten Abram Hewitt. Wohl durch Wahlbetrug, was nicht bewiesen, aber auch nicht ganz unwahrscheinlich ist, denn George hatte m&amp;auml;chtige Gegner: die Gro&amp;szlig;grundbesitzer des Big Apple. Die Stuyvesants, die Carnegies, die Rockefellers. Angesichts von Georges politischen Ideen mussten sie sich wie &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt;-Spieler f&amp;uuml;hlen, die auf das Steuerfeld geraten und pl&amp;ouml;tzlich Geld abdr&amp;uuml;cken m&amp;uuml;ssen, das sie in den Runden zuvor behalten durften. Denn Georges Programm gr&amp;uuml;ndete, neben der Einf&amp;uuml;hrung des Frauenwahlrechts, auf der einfachen Frage, warum Grundbesitz kaum oder gar nicht besteuert wird, obwohl dessen Wert vor allem durch die ihn umgebende Infrastruktur bestimmt wird. Stra&amp;szlig;en, Wasserversorgung, Stromnetz, Beleuchtung werden von der Gesellschaft bereitgestellt. Prosperiert diese, kann der Grundbesitzer sich zur&amp;uuml;cklehnen, sein Grund wird wertvoller, ohne dass er etwas daf&amp;uuml;r tun muss. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das d&amp;uuml;rfe nicht sein, fand George und entwickelte ein neues Steuersystem. Er wollte eine sehr hohe, j&amp;auml;hrlich zu zahlende Steuer auf den Wert von Land einf&amp;uuml;hren. Mit ihr sollten alle &amp;ouml;ffentlichen Ausgaben gedeckt und alle anderen Steuern im Idealfall abgeschafft werden. Durch die Bodensteuer w&amp;auml;re es nicht mehr m&amp;ouml;glich gewesen, mit Land zu spekulieren, es brachliegen zu lassen und zu warten, bis es das Vielfache wert ist. Ein Grundbesitzer m&amp;uuml;sste sein Land sinnvoll nutzen, um damit die Bodensteuer begleichen zu k&amp;ouml;nnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer von Georges Ideen liest, denkt unweigerlich an aktuelle Immobilienblasen. K&amp;ouml;nnte man, wie in Spanien geschehen, von Rendite-Versprechen getrieben 800 000 leer stehende H&amp;auml;user und Wohnungen bauen, wenn es eine h&amp;ouml;here Bodensteuer g&amp;auml;be? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Wer einmal den Rausch versp&amp;uuml;rt hat, ...&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58795.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &amp;raquo;Nat&amp;uuml;rlich nicht&amp;laquo;, w&amp;uuml;rde Elizabeth Magie sagen, die ihr &lt;em&gt;Landlord&amp;rsquo;s Game&lt;/em&gt; im Sinne von Henry George weiterentwickelte. In ihrer zweiten Version begann das Spiel mit einer &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt;-Variante, die der heutigen &amp;auml;hnlich war. Doch sobald einer der Spieler 2000 Dollar verdient hatte und damit zum &amp;raquo;Big Landlord&amp;laquo; wurde, ver&amp;auml;nderten sich die Regeln des Spiels. Wenn nun jemand auf ungenutztes Land kam, musste er den Besitzer zwar bezahlen, der musste aber das Geld an die Gesellschaft weitergeben. Er durfte einen Teil der Miete nur behalten, wenn er H&amp;auml;user auf seinem Land gebaut hatte, wenn er also produktiv war. Es war ein bisschen so, als w&amp;uuml;rde man bei Monopoly st&amp;auml;ndig die &amp;raquo;Lasse alle deine H&amp;auml;user und Hotels renovieren&amp;laquo;-Karte ziehen. Mach etwas mit deinem Geld und steck es nicht nur ein, das war Henry Georges Idee eines Marktes, der auf Arbeit und Investitionen gr&amp;uuml;ndete und nicht auf Spekulation und Besitzverwaltung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist eine Idee, die im Laufe des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geriet und dennoch in abgemildeter Form, mit einem viel geringeren Bodensteuersatz als bei George, noch heute ihre Anh&amp;auml;nger hat. Die Organisation f&amp;uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) forderte im vergangenen Jahr unter anderem Gro&amp;szlig;britannien und Deutschland auf, Grundbesitz h&amp;ouml;her zu besteuern und Einkommens- und Unternehmenssteuern herabzusetzen, um die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter zu vergr&amp;ouml;&amp;szlig;ern. Es ist eine Steuer, die man nicht umgehen kann, indem man sein Verm&amp;ouml;gen auf die Caymans schafft. Michael Th&amp;ouml;ne, Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;h-&lt;br /&gt; rer des Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Uni K&amp;ouml;ln, sagt, dass die Grundsteuer in Deutschland tats&amp;auml;chlich sehr niedrig sei und deren Anteil an den Staatseinnahmen durchaus steigen sollte. Dirk L&amp;ouml;hr, Professor f&amp;uuml;r Steuerlehre und &amp;Ouml;kologische &amp;Ouml;konomik an der Hochschule Trier, unterst&amp;uuml;tzt eine Reform der deutschen Grundsteuer, die sich bisher meist am Wert des Geb&amp;auml;udes bemisst. &amp;raquo;Dabei sind ja nicht M&amp;ouml;rtel und Ziegel in M&amp;uuml;nchen teurer als in Halle, es ist der Boden, auf dem das Geb&amp;auml;ude steht.&amp;laquo; Er ist &amp;uuml;berzeugt, dass durch eine neue Grundsteuer Mieten und Grundst&amp;uuml;ckspreise in Deutschland sinken w&amp;uuml;rden, weil der Boden besser genutzt und nicht mehr k&amp;uuml;nstlich verknappt werden k&amp;ouml;nnte. H&amp;ouml;rt sich alles gut an &amp;ndash; allein, die Politik scheint sich nicht daf&amp;uuml;r zu interessieren. L&amp;ouml;hr macht daf&amp;uuml;r unter anderem die Lobby der Immobilienverb&amp;auml;nde verantwortlich. Sie wollen hohe Renditen, eine Bodensteuer w&amp;uuml;rde das erschweren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist wie bei &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt;. Wer einmal den Rausch versp&amp;uuml;rt hat, einen seiner Mitspieler auf die Schlossallee mit Hotel einbiegen zu sehen und dessen gequ&amp;auml;lten Gesichtsausdruck mit einem &amp;raquo;Tja!&amp;laquo; quittieren zu d&amp;uuml;rfen, der will nicht mehr auf diesen Kick verzichten. Ist es nicht wundervoll, Gro&amp;szlig;grundbesitzer zu sein &amp;ndash; und das Geld flie&amp;szlig;t von allein? Neigt der Mensch nicht dazu, seine Bed&amp;uuml;rfnisse mit der gerings-ten Kraftanstrengung zu befriedigen, wie Henry George im Vorwort zu &lt;em&gt;Fortschritt und Armu&lt;/em&gt;t schreibt? Im Zweifel also auf Kosten anderer? &amp;raquo;Es h&amp;auml;ngt immer davon ab, wie sich die Menschen um einen herum verhalten. Wenn die anderen kooperativ sind, ist man es meistens selbst auch&amp;laquo;, sagt der M&amp;uuml;nchner Verhaltens&amp;ouml;konom Martin Kocher. Er und andere Forscher fanden in Versuchen heraus, dass sich die meisten Menschen in wirtschaftlichen Fragen uneigenn&amp;uuml;tzig verhalten und nur zwanzig bis drei&amp;szlig;ig Prozent egoistisch. Es komme allerdings immer darauf an, welche Regeln gelten, ob Egoismus verg&amp;uuml;tet oder verurteilt wird.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das musste auch Elizabeth Magie feststellen. Von ihrem &amp;uuml;berarbeiteten &lt;em&gt;Landlord&amp;rsquo;s Game&lt;/em&gt; nahm kaum jemand Notiz. Kein Wunder, es gab ja schon ein Spiel, das deutlich mehr Spa&amp;szlig; machte: ihre erste Version. Dort konnte man reich werden, ohne an die Gesellschaft zu denken. Interessanterweise verlief die nun folgende Verbreitung des Spiels nach denselben Regeln des Eigennutzes: Zun&amp;auml;chst verwendete es ein Wirtschaftsprofessor an der Universit&amp;auml;t Pennsylvania, um seinen Studenten die Auswirkungen eines fehlgeleiteten Kapitalismus zu demonstrieren; er betrachtete es als Parodie des amerikanischen Wirtschaftssystems. Die Studenten malten sich eigene Spielbretter, l&amp;ouml;schten aus Magies Version alles an Henry George Erinnernde und nannten das Spiel &lt;em&gt;Monopoly.&lt;/em&gt; Es entstand ein Gesellschaftsspiel, das an der ganzen Ostk&amp;uuml;ste beliebt war, immer wieder ver&amp;auml;ndert wurde und irgendwann die Quaker-Kommune von Atlantic City erreichte. Eine Familie dort lud den Gelegenheitsarbeiter Charles B. Darrow zu einer Partie &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt; ein. Darrow war begeistert. Wenig sp&amp;auml;ter mussten die Quaker feststellen, dass er begonnen hatte, eine detailgetreue Kopie ihres Spiels zu verkaufen. Es fand rei&amp;szlig;enden Absatz. Der Spielehersteller Parker Brothers wurde auf Darrows &lt;em&gt;Monopoly&lt;/em&gt; aufmerksam und kaufte ihm die Lizenz ab. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Magies Idee, f&amp;uuml;r ein solidarisches Steuersystem zu werben, wich endg&amp;uuml;ltig einem Spiel, das Gier zum Ideal erhob. Darrow wurde Million&amp;auml;r, Weltreisender und Orchideenz&amp;uuml;chter, Elizabeth Magie und die Quaker, diejenigen also, die das Spiel erfunden und ausgearbeitet hatten, wurden nie am Gewinn beteiligt. Die R&amp;uuml;cksichtslosigkeit eines Einzelnen besiegte ein Gemeinschaftsprojekt. Ein Prozent gewinnt, 99 Prozent verlieren. Das ist eine Regel des Spiels, das wir Kapitalismus nennen. Sie galt zu Henry Georges Zeit, sie gilt bis heute. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Das Antispiel</dc:subject>
    <dc:creator>Benedikt Sarreiter</dc:creator>
    <dc:date>2013-04-11T17:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Mein Anschluss unter seiner Nummer</title>
    <description>&lt;p&gt;Unser Autor hat sein Handy in Nepal verloren. Er lie&amp;szlig; es sperren - dann  fand er heraus, dass er das Ger&amp;auml;t trotzdem noch orten kann. Seitdem  verfolgt er gebannt das Leben des neuen Besitzers. Die Geschichte einer  ungew&amp;ouml;hnlichen Telefonverbindung.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58249.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Ein Telefon auf Reisen&lt;/strong&gt; Am Flughafen in Kathmandu trennten sich die Wege unseres Autors und seines Handys. Einen Nepalesen hat es gefreut: Er hat das Telefon gefunden und seinem Vater gegeben, der es flei&amp;szlig;ig benutzt. Der Autor hat l&amp;auml;ngst ein neues Handy - auf dem er dank Ortungsfunktion sehen kann, was der Nepalese so treibt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich bin schon mal besser gelaunt aus dem Urlaub zur&amp;uuml;ckgekehrt. M&amp;uuml;de von zwei Bier am Flughafen, dreckig von zwei Wochen Himalaja merke ich kurz nach dem Start: Mein Handy ist in Kathmandu geblieben. Die tiefe Ledercouch am Terminal. Die weiten Taschen meiner Trekkinghose. Schlechte Kombination.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich &amp;auml;rgere mich zwei Wochen lang und kaufe dann ein neues iPhone. Ich gucke zu, wie ihm die Daten des alten zufliegen, die online als Sicherungskopie gespeichert waren. Alles ist wieder da: Fotos, SMS, meine Kontakte. Doch ein paar andere Kontakte stehen pl&amp;ouml;tzlich auch in der Liste. Wer, zur H&amp;ouml;lle, ist Sashi Papa? Wer Aayush Poudel? Und h&amp;auml;tte ich mir einen Namen wie Sharma Bhattarai nicht gemerkt? Jemand muss das iPhone gefunden haben und es flei&amp;szlig;ig weiter benutzen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich verstanden hatte, was da los war: Der Finder meines Handys benutzt zwar eine neue SIM-Karte &amp;ndash; meine hatte ich sperren lassen. Aber iPhones haben eine Kennung, die ein Ger&amp;auml;t dem Besitzer zuordnet und die man nur mit Passwort &amp;auml;ndern kann. Immer, wenn man etwas speichert, schickt das Ger&amp;auml;t eine Kopie ins Internet. Da mein altes und mein neues Handy mit derselben Kennung laufen, gleichen sie sich st&amp;auml;ndig ab. Denn wenn das Handy in der Sicherungskopie etwas findet, was es nicht kennt, l&amp;auml;dt es das herunter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;15 Tage nach Urlaub, 18:53 Uhr.&lt;/em&gt; Ich habe gerade eine neue Funktion entdeckt: Ich kann mein altes Handy klingeln lassen, ferngesteuert. Das mache ich auch um 22:11 Uhr und um 23:24 Uhr. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Zeitverschiebung nach Nepal betr&amp;auml;gt knapp sechs Stunden. Wenn jemand schon mein iPhone hat, soll er wenigstens schlecht schlafen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich wei&amp;szlig; inzwischen auch, wer es ist: Die neuen nepalesischen Kontakte in meinem Telefonbuch sind fast alle mit Facebook-Seiten verkn&amp;uuml;pft. Und obwohl sie Erwachsenen geh&amp;ouml;ren, zeigen die Profilbilder meist Kinder oder Enkel &amp;ndash; Familie scheint in Nepal etwas zum Angeben zu sein. Das Foto eines m&amp;uuml;rrischen, alten Mannes stach da heraus. Das Bild war unscharf, mit Grauschleier. Mein Handy machte solche Fotos, seit es einmal heruntergefallen war. Das Bild war vier Tage nach meinem Abflug hochgeladen worden. Die Facebook-Freunde des Mannes stimmten mit den Nepalesen in meinem &lt;br /&gt; Telefonbuch &amp;uuml;berein. Ich hatte ihn. Bijay P., den neuen Besitzer meines iPhones. Die Sau.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;20 Tage nach Urlaub, 2:30 Uhr.&lt;/em&gt; Ich kann nicht schlafen. Bijay ist seit Tagen verschwunden. Ist ihm etwas zugesto&amp;szlig;en? Ich lasse den Bildschirm meines Telefons im dunklen Schlafzimmer aufleuchten. Zun&amp;auml;chst passiert nichts. Dann taucht ein gr&amp;uuml;ner Punkt &amp;uuml;ber dem indischen Subkontinent auf. Er ist wieder da! Ich bin erleichtert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit mir ein Freund gezeigt hat, wie ich mein altes Handy orten kann, hat sich mein Verh&amp;auml;ltnis zu Bijay ver&amp;auml;ndert. Erst war er f&amp;uuml;r mich ein weiteres Beispiel, dass die Welt schlecht ist und die Menschheit unehrlich &amp;ndash; ich hatte ihm eine Nachricht mit Aussicht auf Finderlohn geschickt. Nat&amp;uuml;rlich vergebens. Doch mit dem Programm &amp;raquo;iPhone- Suche&amp;laquo; bekomme ich alle Telefone mit meiner Kennung angezeigt, metergenau auf einer Landkarte. Oder auf einem Satellitenbild, mit dessen Hilfe ich mich bis in seinen Garten zoomen kann. Ruhige Gegend, nahe am Ganesha-Tempel. Wenn ich am Bildschirm Bijays Bewegungen verfolge, komme ich mir vor wie ein neugieriger Junge, der sich mit einer Lupe &amp;uuml;ber einen Ameisenhaufen beugt. Nur dass ich meine Ameise, die durch Kathmandu wuselt, auf keinen Fall versengen will.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Schon weil die Geschichte ideal f&amp;uuml;r Party-Gespr&amp;auml;che ist. In der siebten Klasse haben wir alle auf Tamagotchis herumgedr&amp;uuml;ckt, bunten Plastikkistchen, in denen virtuelle Haustiere gef&amp;uuml;ttert, gestreichelt und bespa&amp;szlig;t werden wollten. Wenn ich jetzt in der Bar mein Handy z&amp;uuml;cke, freuen sich die Leute. Ein nepalesisches Tamagotchi &amp;ndash; ist ja noch besser als fr&amp;uuml;her! Jeder will mal gucken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und das, obwohl sich Bijay zuletzt nur wenig bewegt. Meist leuchtet der kleine gr&amp;uuml;ne Punkt &amp;uuml;ber seinem Haus. Ist ihm das iPhone vielleicht zu wertvoll, um es zu anderen Orten als den Reisterrassen auf der anderen Stra&amp;szlig;enseite mitzunehmen? Bauer ist er nicht, er hat an einer Uni namens &amp;raquo;marjohn uk&amp;laquo; studiert. Geht es ihm nicht gut, ist er einsam? Sein Facebook-Profil ist eines der wenigen ohne Fotos von Ehefrau oder Kindern. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Lass uns doch Briefe austauschen.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;F&amp;uuml;nf Wochen nach Urlaub, 17:27 Uhr.&lt;/em&gt; Ich will sein Freund zu werden, auf Facebook. Ich schreibe: &amp;raquo;Lieber Bijay, ich bin mir sicher, dass du mein iPhone hast. Keine Angst, ich will es nicht wieder zur&amp;uuml;ck und rufe keine Polizei. Aber ich w&amp;uuml;rde dich gerne kennenlernen, da wir uns sonst nie &amp;uuml;ber den Weg gelaufen w&amp;auml;ren. Lass uns doch Briefe austauschen. Um anzufangen: Ich bin 30 und lebe in Deutschland. Ich habe keine Kinder, wohne aber mit meiner Freundin zusammen. Du kennst sie ja, von den Fotos. So viel f&amp;uuml;r heute. Viele Gr&amp;uuml;&amp;szlig;e!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dass Bijay auch mich ausspionieren kann, hatte ich bisher nicht bedacht. Auf dem Handy waren 1034 Fotos, viele von mir, die meisten albern: junger Mann mit aufgeblasenen Backen, junger Mann mit Plastikvogel, junger Mann mit Wurst. Letzteres habe ich auf Facebook als Profilbild. Bijay musste also wissen, wessen Anfrage er da annahm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er selbst schreibt nicht viel auf Facebook, aber nach wenigen Klicks wei&amp;szlig; ich: Er hat wohl doch eine Familie. Einen Sohn, Bimit, Airport Manager f&amp;uuml;r die Gulf Air in Kathmandu &amp;ndash; ich ahne, wie mein Telefon zu Bijay kam. Au&amp;szlig;erdem eine Tochter, Bigya, verheiratet mit Sashindra. Vor Jahren sind sie ausgewandert, wie viele Nepalesen. Erst nach England, dann in die USA. Sie haben eine Tochter, Banshikha. Die wohnt aber bei Opa in Nepal. Zumindest sind die W&amp;auml;nde auf ihren Fotos so scheu&amp;szlig;lich bemalt wie die in Bijays Wohnzimmer. Eine Ehefrau finde ich nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;51 Tage nach Kathmandu, 4:28 Uhr, 4:40 Uhr, 6:23 und 6:26 Uhr. &lt;/em&gt;Mein Handy klingelt. Am Nachmittag hatte ich einen Umsonst-Telefonier-Dienst installiert. Bijay in Nepal wohl auch. Bhai, Bigya und Maiju wollen ihn erreichen, wecken aber mich. Bigya spricht Englisch und klingt besorgt. Ich tr&amp;auml;ume noch zu tief, um ein vern&amp;uuml;nftiges Gespr&amp;auml;ch zu f&amp;uuml;hren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bijay ist wieder verschwunden. Ich mache mir inzwischen keine Sorgen mehr: Er scheint nicht immer den Akku aufzuladen, und wenn das Telefon aus ist, sendet es keine Position. Im Ortungs-Programm klicke ich das K&amp;auml;stchen &amp;raquo;Bei Fund Benachrichtigung ausgeben&amp;laquo; an, ich kann ja nicht immer nach ihm schauen. Obwohl es vor zwei Tagen kurz spannend wurde: Da habe ich zum ersten Mal live gesehen, wie er durch Kathmandu gefahren ist. Erst nach Westen, dann ins Zentrum. Dort blieb er eine Stunde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;52 Tage nach Kathmandu, 23:07 Uhr. Eine E-Mail. &lt;/em&gt;&amp;raquo;Der Standort von iPhone von Moritz Baumstieger wurde aktualisiert. In der N&amp;auml;he von Glen Carbon, IL 62034-1208 geortet.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Glen Carbon? Illinois? USA?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bijay und seine Enkelin sind zu Bigya geflogen. Die hatte ein paar Tage zuvor ein Bild von sich online gestellt. Im rosa Bademantel, an der Brust ein Neugeborenes, ersch&amp;ouml;pft und gl&amp;uuml;cklich. Bijay P. gefiel das. &amp;raquo;Unser wichtigstes Gut sind unsere zwei Enkelinnen und unsere zwei Enkel, um die sich alle unsere Bewegungen drehen. Gott sch&amp;uuml;tze sie&amp;laquo;, schrieb er auf Englisch. &amp;raquo;Von einem Handy gesendet&amp;laquo;, stand drunter. Welchem wohl?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;60 Tage nach Abflug, 18:32 Uhr.&lt;/em&gt; Facebook vermeldet: &amp;raquo;Bijay P. hat Kathmandu als Heimatstadt hinzugef&amp;uuml;gt.&amp;laquo; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;60 Tage nach Abflug, 18:33 Uhr.&lt;/em&gt; Facebook vermeldet: &amp;raquo;Bijay P. hat Glen Carbon als neuen Wohnort hinzugef&amp;uuml;gt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dass Enkeltochter Banshikha zur Mutter zieht &amp;ndash; in Ordnung. Aber dass Bijay auch auswandert? Das finde ich nicht okay. Ich wollte ihn in Nepal besuchen, wenn er meine Briefe schon nicht beantwortet. Gefunden h&amp;auml;tte ich ihn ja ganz einfach. Aber &lt;br /&gt; Illinois?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich sehe mir Satellitenbilder von Glen Carbon an. Staubig, heruntergekommen, amerikanisches Niemandsland. Vor dem Haus, &amp;uuml;ber dem jetzt Bijays gr&amp;uuml;ner Punkt leuchtet, stehen drei gro&amp;szlig;e Pick-up-Trucks. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zurzeit bleibt er meist im Haus, spielt vielleicht mit dem neuen Enkel, dessen Namen ich noch nicht kenne. Hoffentlich ist er ein guter Opa. Ein cooler ist er ja schon: Er hat ein iPhone. Geschenkt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58251.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;So sieht der neue Besitzer aus:&lt;strong&gt; Bijay P&lt;/strong&gt;., aufgenommen mit der etwas unscharfen Kamera des gefundenen Telefons. Warum er so grimmig schaut, ist unklar. Auf die Mails des Autors hat Bijay leider nicht geantwortet.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Mein Anschluss unter seiner Nummer</dc:subject>
    <dc:creator>Moritz Baumstieger</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-28T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39743">
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    <title>Offene Frage</title>
    <description>&lt;p&gt;Wie weit muss ein Mensch entfernt sein, damit  man guten Gewissens sagen kann: Dem halt ich jetzt nicht extra die T&amp;uuml;r  auf?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58257.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Vielleicht k&amp;ouml;nnen Sie mir ja helfen. Folgendes: Ich glaube, ich bin ein einigerma&amp;szlig;en h&amp;ouml;flicher Mensch, ich gr&amp;uuml;&amp;szlig;e meine Mitmenschen, lasse beim Einsteigen in die U-Bahn erst die Leute aussteigen, unterbreche andere nicht, auch wenn sie Unsinn reden. Aber es gibt eine Herausforderung, bei der ich an meine Grenzen sto&amp;szlig;e: das Aufhalten von T&amp;uuml;ren. Im B&amp;uuml;ro. Im Gesch&amp;auml;ft. Im Restaurant. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Was daran schwer sein soll? Es ist sogar richtig kompliziert! Wie nah muss ein Mensch sein, damit mich die gesellschaftlichen Normen zwingen, ihm die T&amp;uuml;r aufzuhalten? Wenn er direkt hinter mir kommt: Keine Frage, ich halte auf. Wenn er f&amp;uuml;nf Meter weg ist: Ja, ich warte. Wenn er zehn Meter weg ist: bisschen l&amp;auml;stig, aber wenn ich gerade Zeit habe, klar. 13, 14, 15 Meter &amp;hellip; Muss ich? Oder darf ich weiter-gehen? Ist der andere jetzt weit genug weg, dass ich die T&amp;uuml;r zufallen lassen darf? Sieht uns das Universum als einzelne Atomhaufen, die nichts miteinander zu tun haben? Oder gelten die Gebote der H&amp;ouml;flichkeit auch auf die gro&amp;szlig;e Distanz? Es ist eine Zwickm&amp;uuml;hle: &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;a) Wenn ich die T&amp;uuml;r zufallen lasse, habe ich ein schlechtes Gewissen. Nicht gut. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;b) Wenn ich die T&amp;uuml;r aufhalte, muss ich ewig warten. Auch nicht gut. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Immerhin, so weit k&amp;ouml;nnte ich es mit mir allein ausmachen. H&amp;ouml;flich oder Arsch, meine Entscheidung. Aber es wird ja alles noch komplizierter - weil manchmal auch die Menschen, die da hinter mir kommen, Wert auf H&amp;ouml;flichkeit legen. Die sehen, wie ich die T&amp;uuml;r aufhalte, und denken, oh, der arme Mann soll nicht ewig warten. Also beschleunigen sie. Manche rennen. Sehen mich an mit gehetztem Blick, als wollten sie sagen: Entschuldigen Sie meine Langsamkeit, hier bin ich schon! Dann hecheln sie einen atemlosen Dank. Und ich sch&amp;auml;me mich. Ich wollte ihnen doch nur das Leben erleichtern. Manchmal bin ich drauf und dran, mich zu entschuldigen. Daf&amp;uuml;r, dass ich die T&amp;uuml;r aufhalte. Seufz. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Bl&amp;ouml;de ist: Es gibt keine Regel. Die Buchl&amp;auml;den sind bis unter die Decke voll mit Ratgeberb&amp;uuml;chern zu jedem Schmarrn, aber dazu? Nichts! Der Knigge sagt: &amp;raquo;Ungeh&amp;ouml;rig ist es auf jeden Fall und &amp;uuml;berall, eine T&amp;uuml;re ohne R&amp;uuml;cksicht auf nachfolgende Personen hinter sich zufallen zu lassen.&amp;laquo; Jaja, aber zur Distanz? Keine Angaben. Nicht mal bei den Briten, dem angeblich formvollendetsten Volk der Welt, findet sich auch nur die kleinste Notiz. Kein Wunder: In einem Land, das den Butler erfunden hat, sind sie es gewohnt, dass den ganzen Tag irgendwer die T&amp;uuml;r aufh&amp;auml;lt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Was also tun? Bis mir jemand einen guten Rat gibt, mache ich weiter wie bisher, H&amp;ouml;flichkeit mit eingebauter Zusatz-H&amp;ouml;flichkeit: Ich halte anderen die T&amp;uuml;r auf und bremse sie zugleich mit beschwichtigenden Handbewegungen. Absurd. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;N&amp;auml;chste Woche haben wir beim &lt;em&gt;SZ-Magazin&lt;/em&gt; wieder Redaktionskonferenz. Zwischen meinem B&amp;uuml;ro und dem Konferenzraum liegen sechs T&amp;uuml;ren. Schwere Glast&amp;uuml;ren mit schwerg&amp;auml;ngigen Schlie&amp;szlig;mechanismen. Wir werden uns alle auf den Weg machen, eine Karawane aus Redakteuren, Mitarbeitern, Praktikanten, G&amp;auml;sten. Zwanzig Leute halten einander sechs T&amp;uuml;ren auf. Mehr als hundert Gelegenheiten, etwas falsch zu machen. Vielleicht melde ich mich einfach krank.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Offene Frage</dc:subject>
    <dc:creator>Max Fellmann</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-27T17:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39719">
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    <title>Der lange Abschied</title>
    <description>&lt;p&gt;Ein Mann, ein Traum, ein Missverst&amp;auml;ndnis: Der Ger&amp;uuml;stbauer Andreas  L&amp;auml;ufer wollte nur sein Geld verdienen. Und er hatte eine gute Idee. Doch  dann ging etwas schief zwischen ihm und dem deutschen Sozialstaat. Die  Geschichte einer Entfremdung.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am Ende, als er sich abwendet von diesem Staat, legt er die Wohnungsschl&amp;uuml;ssel in einen Umschlag, klebt ihn zu, wirft ihn in den Briefkasten und geht. &amp;raquo;So einfach geht das&amp;laquo;, sagt er. Das sind seine letzten Worte in dieser Beziehung. Er sagt sie zu sich selbst, weil er den anderen nichts mehr zu sagen hat. Es war ein Prozess, eine langsame Entfremdung. Es gab Diskussionen, Auseinandersetzungen, Briefe wurden geschrieben, Forderungen gestellt, es wurde laut. Aber am Ende ist er ganz ruhig, befreit irgendwie.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;An einem warmen Sonntag im Mai 2010 steigt Andreas L&amp;auml;ufer in einem Hinterhof in Berlin auf sein Mofa und f&amp;auml;hrt davon. Er &amp;uuml;berquert keine Grenze, er bleibt in Deutschland. Aber die Bundesrepublik l&amp;auml;sst er hinter sich. Er verl&amp;auml;sst sie &amp;uuml;ber die Karl-Marx-Stra&amp;szlig;e, im Kopf ein paar eigene Gedanken zu Staat und Kapital.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er zieht sein Kapital hinter sich her, in einem selbst gebauten Anh&amp;auml;nger, auf dessen R&amp;uuml;ckseite, neben einem Totenkopf, &amp;raquo;Hell on wheels&amp;laquo; steht. Es gibt nicht viel au&amp;szlig;er dieser Kiste und dem silbernen Phoenix an seinem Hals, woran L&amp;auml;ufer h&amp;auml;ngt. Der Staat geh&amp;ouml;rt nicht mehr dazu, den hat er abgeworfen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als L&amp;auml;ufer nach Berlin kam, hatte er einen Traum. Er hatte die l&amp;auml;ngste Zeit seines Lebens Ger&amp;uuml;ste gebaut und Strukturen geschaffen, auf denen andere aufbauten. Doch er trug eine L&amp;uuml;cke in seinem Lebenslauf mit sich herum. Er hatte seine Ausbildung nicht abgeschlossen und glaubte, er br&amp;auml;uchte kein Zertifikat seiner Talente. In diesem Punkt untersch&amp;auml;tzte er Deutschland, und er fand in der Arbeitswelt nie seinen Platz. Ihm fehlte das Ger&amp;uuml;st seines Lebens.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Berlin wollte er etwas bauen, was bleibt. Er hatte keine gro&amp;szlig;e, vision&amp;auml;re Idee, doch er glaubte, dass sein Plan gut in die mobile Stadt der Zukunft passte. Er wollte am Ostbahnhof eine Fahrradwerkstatt gr&amp;uuml;nden, aber nicht irgendeine. Er wollte sich auf Cruiser spezialisieren, feinstaubfreie Stra&amp;szlig;enkreuzer f&amp;uuml;r nachhaltige Stadtmenschen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Man muss L&amp;auml;ufer betrachten und zur&amp;uuml;ckgehen in dessen Leben, um zu verstehen, woher diese Idee kommt. Er ist ein gro&amp;szlig; gewachsener, sehniger Mann mit gasflammenblauen Augen, langen blonden Haaren, einem nicht ganz so langen Bart und einer Totenkopf-T&amp;auml;towierung, die er sich in den Arm stach. Er tr&amp;auml;gt gern Lederwesten und mag metallische Musik, doch f&amp;uuml;r ein Motorrad fehlte ihm immer das Geld.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Cruiser kommen f&amp;uuml;r L&amp;auml;ufer gleich danach, und er glaubte, dass er f&amp;uuml;r seine Werkstatt alles durchdacht hatte &amp;ndash; den Standort, das Unternehmensprofil, den Gesch&amp;auml;ftsplan. Eine neue Zeit sollte beginnen in Berlin. Es war eine Heimkehr in die Stadt, in der er geboren wurde. Ein West-Berliner, der am Ostbahnhof seinen Traum verwirklicht. Es klang nach einer sch&amp;ouml;nen deutschen Geschichte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Geschichte beginnt mit einem Gl&amp;uuml;cksfall der B&amp;uuml;rokratie. Auf seiner Suche nach Unterst&amp;uuml;tzung landet L&amp;auml;ufer im Jobcenter Neuk&amp;ouml;lln. Die Kunden werden dort nach Buchstaben geb&amp;uuml;ndelt, das f&amp;uuml;hrt ihn zu Arbeitsvermittler Helmuth Pohren-Hartmann, zust&amp;auml;ndig f&amp;uuml;r &amp;raquo;La&amp;laquo; bis &amp;raquo;Le&amp;laquo;. Pohren-Hartmann ist so, wie man L&amp;auml;ufers perfekten Berater klonen w&amp;uuml;rde. Ein Mann, der genau hinsieht und zuh&amp;ouml;rt, frei von Sachbearbeiterignoranz und Dienst-nach-Vorschrift-Symptomen. Der gelernte Gro&amp;szlig;handelskaufmann wuchs in prek&amp;auml;ren Verh&amp;auml;ltnissen auf, hat eine Vergangenheit als Arbeitsloser und eine stille Wertsch&amp;auml;tzung f&amp;uuml;r Unangepasste.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als L&amp;auml;ufer zum ersten Mal Pohren-Hartmanns B&amp;uuml;ro betritt und seine Idee pr&amp;auml;sentiert, zeigt er ihm Fotos von Cruiser-Fahrr&amp;auml;dern und Werkzeugen f&amp;uuml;r deren Reparatur. Den Arbeitsvermittler beeindruckt L&amp;auml;ufers Detailwissen und dessen Entschlossenheit, seinen Plan zu verwirklichen. &amp;raquo;Er ist aus dem Rahmen gefallen im Vergleich zu dem, was wir hier sonst haben&amp;laquo;, sagt Pohren-Hartmann. &amp;raquo;Er hatte eine Mission.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer ist zu diesem Zeitpunkt gerade von D&amp;uuml;sseldorf nach Berlin gezogen und wohnt in einer Unterkunft f&amp;uuml;r Obdachlose. &amp;raquo;Will dort schnell wieder raus&amp;laquo;, notiert Pohren-Hartmann in der Kundenakte. Viele S&amp;auml;tze in dieser Akte erz&amp;auml;hlen von L&amp;auml;ufers Willen. Sie stehen in den &amp;raquo;Historieneintr&amp;auml;gen&amp;laquo;, und sie klingen, als k&amp;ouml;nnte Kundennummer 419A300737 die Chiffre einer Erfolgshistorie werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer beginnt unmittelbar nach seiner Ankunft als Tagel&amp;ouml;hner zu arbeiten. Als Hartz-IV-Empf&amp;auml;nger k&amp;ouml;nnte er seine Versorgung dem Staat &amp;uuml;berlassen und auf die Bearbeitung seiner Antr&amp;auml;ge warten, aber er erscheint jeden Morgen um vier in der Jobvermittlung Neuk&amp;ouml;lln und lehnt kein Angebot ab. Tr&amp;auml;gt Bauschutt durch Treppenh&amp;auml;user, hebt Gr&amp;auml;ben aus, entr&amp;uuml;mpelt Garagen, verlegt Pflastersteine, schneidet Hecken, kratzt Pilz aus verschimmelten Wohnungen. &amp;raquo;Und dann wurde er krank&amp;laquo;, erinnert sich Pohren-Hartmann, &amp;raquo;und sagte: Ist egal, ich arbeite trotzdem.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Pohren-Hartmann ber&amp;auml;t etwa 450 Kunden bei der Suche nach Arbeit. Er kann sich in den Gespr&amp;auml;chen mit ihnen nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit nehmen, wenn er im Dickicht seiner Aufgaben nicht die Orientierung verlieren will. Die meisten Gesichter verblassen in seiner Erinnerung, aber die Begegnungen mit L&amp;auml;ufer kann er mit der Pr&amp;auml;zision eines Stenografen beschreiben. Er erz&amp;auml;hlt von ihnen in schlanken, analytischen S&amp;auml;tzen, in denen L&amp;auml;ufer eine Figur ist, die einen langen Schatten warf auf den Jobcenterfluren. &amp;raquo;Ich muss Ihnen sagen: Ich fand ihn toll.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer erkennt das nicht. Er ist fixiert auf seinen Traum von der eigenen Werkstatt, und ihm gehen die Dinge zu langsam. Pohren-Hartmann will ihm helfen, doch er h&amp;auml;lt es f&amp;uuml;r den kl&amp;uuml;geren Weg, ihn zuerst zum Zweiradmechaniker umzuschulen. Er kennt den Wert der Zertifikate. &amp;raquo;Wir sind ein Scheinland&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Sie m&amp;uuml;ssen hier f&amp;uuml;r alles Scheine haben.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer hat das verinnerlicht. Wichtige Dokumente archiviert er in einem Ringordner mit Klarsichth&amp;uuml;llen. Bevor er sie dort abheftet, thematisch und chronologisch geordnet, scannt er sie und speichert eine Sicherungskopie auf einer externen Festplatte. Die Festplatte verwahrt er in einem kleinen, mit Schaumstoff ausgelegten Aluminiumkoffer. Er ist ein guter Buchhalter seines Lebens.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Den Wert, den ein Zweiradmechaniker-Zertifikat in seiner Dokumentensammlung h&amp;auml;tte, untersch&amp;auml;tzt er. Die Umschulung w&amp;uuml;rde ungef&amp;auml;hr 10 000 Euro kosten. Pohren-Hartmann sieht sie als erste Phase eines Drei-Stufen-Plans, an dessen Ende die Selbstst&amp;auml;ndigkeit steht. In der zweiten Phase will er L&amp;auml;ufer in der Werkstatt eines anderen an das Ziel heranf&amp;uuml;hren. Es ist der gr&amp;uuml;ndliche deutsche Weg. &amp;raquo;Ich kann ja alles nur im Rahmen der gesetzlichen M&amp;ouml;glichkeiten tun&amp;laquo;, sagt er, und aus diesem Rahmen f&amp;auml;llt L&amp;auml;ufer heraus. Er ist 49. &amp;raquo;Das ist bei uns schon alt&amp;laquo;, sagt Pohren-Hartmann. &amp;raquo;Leider.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es verletzt L&amp;auml;ufer, dass er, gemessen mit den Schablonen der B&amp;uuml;rokratie, die Norm nicht erf&amp;uuml;llt. Im Mittelpunkt seiner Geschichte sieht er einen Mann mit Talenten, einem Plan und nicht zu brechendem Arbeitswillen, und er will nicht glauben, dass es im Rahmen der gesetzlichen M&amp;ouml;glichkeiten keine Abk&amp;uuml;rzung f&amp;uuml;r ihn gibt. Es ist ein erstes Anzeichen, dass er Schwierigkeiten hat, sich mit der Systematik des Staates zu arrangieren. Vielleicht untersch&amp;auml;tzt er, wie komplex Geschichten sind, in denen der Staat eine Rolle spielt. Und vielleicht untersch&amp;auml;tzt der Staat, wie komplex L&amp;auml;ufers Geschichte ist, wenn man sie aufbl&amp;auml;ttert. In gewisser Weise sind sie sich &amp;auml;hnlich, er und der Staat. Sie heften beide gern Papier ab und berufen sich beide gern auf das Recht. Sie folgen beide einem eigenwilligen, manchmal schmerzhaft detaillierten Regelwerk, und in der Auslegung sind beide sehr streng. Vielleicht sind sie zu deutsch f&amp;uuml;reinander.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vier Monate nach seiner Ankunft wendet L&amp;auml;ufer zum ersten Mal den Blick ab von Berlin. Er f&amp;auml;hrt nach Osnabr&amp;uuml;ck und sucht dort nach Arbeit. Nach seiner R&amp;uuml;ckkehr berichtet er Pohren-Hartmann von der Aussicht auf einen Job in einer Fahrradwerkstatt. Es scheint, als wolle er dem Rat des Vermittlers folgen und den zertifizierten Weg gehen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Das Jobcenter mag Kunden, die weite Wege gehen auf der Suche nach Arbeit. Es belohnt sie mit der Erstattung der Fahrtkosten. Doch L&amp;auml;ufer verga&amp;szlig;, die Reise zu beantragen. Es ist nur ein Formfehler, aber die Form ist eine elementare Kategorie des Scheinlands. F&amp;uuml;r L&amp;auml;ufer ist das Ringen um die Erstattung der Fahrtkosten ein weiterer Historieneintrag in seiner Akte der Staatsdefizite. Er f&amp;uuml;hrt Buch &amp;uuml;ber diejenigen, die Buch f&amp;uuml;hren &amp;uuml;ber ihn, und f&amp;uuml;r ihn f&amp;uuml;gt sich das Bild eines Staates zusammen, der Form &amp;uuml;ber Funktion stellt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das ist die Bruchstelle in ihrer Beziehung, die Frage nach Form und Funktion des Staates. Je tiefer L&amp;auml;ufer hineingezogen wird in die Mechanik der B&amp;uuml;rokratie, desto klarer wird ihm, dass sein Lebensentwurf nicht systemkonform ist. Eine Zeit lang h&amp;auml;lt er das aus und heftet Konflikte &amp;uuml;ber Formfragen einfach ab. Doch dann geschieht etwas, das ihn aufbringt: Der Staat verd&amp;auml;chtigt ihn. Er soll nachweisen, dass er nicht mehr Tagesjobs annahm, als er angab &amp;ndash; und damit Geld verdiente, das ihm von seinen Hartz-IV-Zahlungen abgezogen werden m&amp;uuml;sste. Der Verdacht des Systembetrugs h&amp;auml;ngt &amp;uuml;ber ihm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer kann den Verdacht entkr&amp;auml;ften, er zieht entlastende Dokumente aus seinen Klarsichth&amp;uuml;llen. Doch der Vorgang trifft ihn an einem empfindlichen Punkt: Er stellt ihn auf eine Stufe mit den anderen. L&amp;auml;ufer, selbst ein Hartz-IV-Empf&amp;auml;nger, betrachtet die anderen mit dem Westerwelle-Sarrazin-Mi&amp;szlig;felder-Blick. Er sieht bei ihnen einen Hang zu Faulheit und Sauferei, eine sp&amp;auml;tr&amp;ouml;mische Prekariatsdekadenz. Nun f&amp;uuml;hlt er sich stigmatisiert. Zu der Anh&amp;ouml;rung, in der er sich erkl&amp;auml;ren soll, erscheint er nicht. Pohren-Hartmann verzichtet auf die Anh&amp;ouml;rung und bewahrt ihn vor Konsequenzen. Es ist eine Geste, doch sie erreicht L&amp;auml;ufer nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In den Wochen danach rennt L&amp;auml;ufer von einem Tagesjob zum n&amp;auml;chsten, als wolle er sich bei den Firmen empfehlen. Doch er befindet sich bereits in der Abwicklungsphase &amp;ndash; er braucht Geld f&amp;uuml;r die Zeit danach. Die Beziehung zwischen ihm und dem Staat ist zerbrochen, angekommen am Schlusspunkt einer Geschichte, in der unterschiedliche Staatsverst&amp;auml;ndnisse, eine reformierte Republik und Joschka Fischer eine Rolle spielen. Als er losl&amp;auml;sst, f&amp;uuml;hlt L&amp;auml;ufer sich wie ein Faktor in einer Kosten-Nutzen-Rechnung, betrachtet durch das dunkle Glas der Marktwirtschaft, und er reagiert k&amp;uuml;hl marktwirtschaftlich. Er privatisiert sein Leben.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;Es bleibt nichts zur&amp;uuml;ck&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57955.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Jetzt zieht er die T&amp;uuml;r&lt;/strong&gt; hinter sich zu und l&amp;auml;sst nichts zur&amp;uuml;ck au&amp;szlig;er einer leeren Wohnung, einer Penny-T&amp;uuml;te mit Abfall und einem Brief. &amp;raquo;Die Wohnung ist gereinigt und besenrein&amp;laquo;, so beginnen seine letzten Zeilen. Er verabschiedet sich im Ton eines Sachbearbeiters, klarsichth&amp;uuml;llenkalt. &amp;raquo;Die Mietkaution kann f&amp;uuml;r eventuelle Au&amp;szlig;enst&amp;auml;nde verwandt werden bzw. ist an das Jobcenter Neuk&amp;ouml;lln zur&amp;uuml;ckzuzahlen. Mit freundlichen Gr&amp;uuml;&amp;szlig;en, Andreas L&amp;auml;ufer, Karl-Marx-Str. 204/206, Wohnung 70, 2. SF links, 4. OG, 12055 Berlin.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Zwei Tage zuvor meldete er sich ab, das hielt er f&amp;uuml;r seine Pflicht. Die Dame im Einwohnermeldeamt wollte wissen, wohin er zieht. Sie brauchte etwas, um die Leerstelle in ihrem Formular zu f&amp;uuml;llen. L&amp;auml;ufer wollte ihr nicht erkl&amp;auml;ren, dass er gekommen war, um sich aus dem Staat abzumelden. Da sagte er: Italien.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er zieht um in eine andere Struktur, in gewisser Weise auch ein anderes Land. L&amp;auml;ufer f&amp;auml;hrt nicht nach S&amp;uuml;den, sondern nach Westen, nach Osnabr&amp;uuml;ck. Dort lebte er vor Jahren einmal, und er hat gute Erinnerungen an die Aufger&amp;auml;umtheit der Stadt. Sein Ziel ist das ehemalige Franziskanerkloster, in dem sich Ordensschwestern um die Hungrigen in den Ritzen der Osnabr&amp;uuml;cker B&amp;uuml;rgerlichkeit k&amp;uuml;mmern. Ein Freund arbeitet dort und erz&amp;auml;hlte ihm, dass es in dem Haus einen Platz geben k&amp;ouml;nnte f&amp;uuml;r einen Mann mit seinen F&amp;auml;higkeiten, vielleicht auch f&amp;uuml;r eine Fahrradwerkstatt.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Das ehemalige Kloster ist immer noch ein Ort, der vom Glauben getragen wird, doch L&amp;auml;ufer sucht dort nur beruflich nach Sinn. Er will sich in kein System mehr einf&amp;uuml;gen, sich keiner Hierarchie mehr unterordnen. Er will als externer Dienstleister an das System der Schwestern andocken, ohne Scheine. Sein Verh&amp;auml;ltnis zur Kirche ist so gespalten wie das zum Staat: Er ist ausgetreten und glaubt nicht mehr an die Institution. Er nutzt nur noch die Infrastruktur.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer betreibt das Outsourcing seiner selbst mit radikaler Konsequenz, auch seinen Wohnsitz lagert er aus. Es soll keine Verortung mehr geben in seinem Leben, keine Hausnummer, keine Postleitzahl. Seine Handynummer, seine E-Mail-Adresse, seinen Skype-Namen und seine Facebook-Seite wird er behalten, um sich einzuklinken in die Netze, in denen er sich bewegt. In seinen Personalausweis wird er eine Zahlenkombination eintragen lassen, die eine Chiffre ist f&amp;uuml;r Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben. Doch wenn man L&amp;auml;ufer &amp;uuml;ber zwei Jahre folgt bei der Abwicklung des einen Lebens und dem Aufbau des anderen, wird klar, dass er kein Obdachloser ist. Er hat nur kein Geh&amp;auml;use.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Morgen seines letzten Arbeitstages in Berlin geht L&amp;auml;ufer durch einen dunklen, endlosen Regen. Seine Schritte haben eine raumgreifende Leichtigkeit, doch seine Lungen klingen wie von innen zerkratzt. Arbeitsunf&amp;auml;lle und Krankheiten hinterlie&amp;szlig;en eine lange Spur in seinem medizinischen Lebenslauf. Das &amp;auml;rztliche Gutachten, das Pohren-Hartmann in Auftrag gab, liest sich wie eine Risikoanalyse. Zwei Operationen wegen eines Nasenhaut-Tumors und eine chronische Entz&amp;uuml;ndung der Nasenschleimh&amp;auml;ute lie&amp;szlig;en den Arzt eine sprachlich ungelenke, aber medizinisch scharfe Schlussfolgerung ziehen: &amp;raquo;Folgende Arbeiten sind auszuschlie&amp;szlig;en: N&amp;auml;sse, K&amp;auml;lte, Zugluft, Temperaturschwankungen, Arbeiten drau&amp;szlig;en mit Sonneneinwirkung.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer ignoriert das. Auf der Suche nach seinem letzten Job geht er noch einmal durch die Neuk&amp;ouml;llner Stra&amp;szlig;en, die in den vergangenen neun Monaten der Mittelpunkt seines Lebens waren. Sie ziehen wie die Kulissen einer Auff&amp;uuml;hrung &amp;uuml;ber das Leben in den Zeiten der Globalisierung an ihm vorbei. Der Arbeiterstrich auf der Karl-Marx-Stra&amp;szlig;e, wo die osteurop&amp;auml;ischen Tagel&amp;ouml;hner und der einsame Kameruner in Kleinlastern verschwinden, auf deren Flanken die Namen deutscher Handwerksbetriebe stehen. Die &lt;br /&gt; Praxis von Dr. Darwesh (&amp;raquo;Doctor of Philosophy in Medicine&amp;laquo;). Die Spielothek &amp;raquo;Gl&amp;uuml;cksburg&amp;laquo; (&amp;raquo;Jeder Besuch ein Gewinn&amp;laquo;). Das leere Schaufenster mit dem leeren Versprechen (&amp;raquo;Insolvenzware &amp;ndash; extrem g&amp;uuml;nstig&amp;laquo;).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Um vier Uhr sitzt L&amp;auml;ufer in der Jobvermittlung und wartet auf die Auslosung der Reihenfolge, in der die Jobs vergeben werden. Er wollte diese Jobs nur vor&amp;uuml;bergehend machen, sie sollten seine Br&amp;uuml;ckentechnologie sein bis zum Anbruch der Fahrradwerkstattzeit. Jetzt sind sie sein Kerngesch&amp;auml;ft.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein Name wird als zweiter gezogen, und in zwei Stunden wird er auf einer Baustelle am anderen Ende der Stadt erwartet. Auf dem Weg zur S-Bahn blickt er zur&amp;uuml;ck auf seine politische Vergangenheit und landet bald bei dem Mann, der ihn auf besondere Weise mit dem Staat verband. Er ist inzwischen ein &amp;auml;lterer Staatsmann, der von oben auf den politischen Betrieb sieht und manchmal sein Urteil herabschickt. Auch er hat losgelassen. Das fiel ihm leicht, weil er in Berlin erreichte, was L&amp;auml;ufer nicht gelang. Er verwirklichte seinen Traum.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Joschka Fischer verk&amp;ouml;rperte die Regierung, auf die L&amp;auml;ufer immer gewartet hatte. In einer fr&amp;uuml;heren Zeit hatten beide daf&amp;uuml;r gek&amp;auml;mpft, den Staat zu durchl&amp;uuml;ften, ihn diesseitiger zu machen, durchl&amp;auml;ssiger. Sie waren nicht befreundet, doch ihre Wege kreuzten sich im Berlin der Revoluzzer und Hausbesetzer, und wenn L&amp;auml;ufer von dieser Zeit erz&amp;auml;hlt, in den Augen das Leuchten des Aufbruchs, scheint es, als h&amp;auml;tten die beiden den selben Traum gehabt.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;L&amp;auml;ufer und Fischer. Zwei Namen wie die &amp;Uuml;berschriften ihres Lebens. Der eine suchte immer nach seinem Weg und verrannte sich. Der andere hatte ein Gesp&amp;uuml;r f&amp;uuml;r Str&amp;ouml;mungen und warf klug seine Netze aus. In Berlin ber&amp;uuml;hrten sich ihre Leben, in Berlin entfernten sie sich. Der eine wurde Au&amp;szlig;enminister und ver&amp;auml;nderte den Staat. Der andere sah in diesem Staat keinen Platz mehr f&amp;uuml;r sich und zog sich aus ihm zur&amp;uuml;ck. Im Prinzip machten Fischer und die Regierung, die er mit Schr&amp;ouml;der anf&amp;uuml;hrte, genau das, was L&amp;auml;ufer von ihnen erwartete: Sie wagten den Systembruch. Sie nahmen den Sozialstaat auseinander und f&amp;uuml;gten seine Komponenten neu zusammen. Sie formten einen Sozialstaat, der ein bisschen moderner war, ein bisschen beweglicher, ein bisschen ehrgeiziger. Aber sie fanden die Schnittstelle zwischen Reformen und Reformierten nicht, die Verbindung zu denen, die diesen Staat als k&amp;auml;lter empfanden. An diesem Punkt verloren sie L&amp;auml;ufer.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Als es zum Bruch kommt zwischen ihm und dem Staat, ist Fischer l&amp;auml;ngst fort aus der operativen Politik, und es hilft nicht, dass er in einer Villa im Grunewald residiert. &amp;raquo;Damals war er froh, wenn er Marmelade auf der Stulle hatte&amp;laquo;, sagt L&amp;auml;ufer. &amp;raquo;Jetzt schwimmt er im Kaviar.&amp;laquo; Es ist ein sch&amp;ouml;nes Bild, um einen Mann zu portr&amp;auml;tieren, der als Berater am Bau einer Pipeline namens Nabucco verdient, die russisches Gas vom Kaspischen Meer nach Europa bringen soll. Es klingt, als neide er Fischer das Geld, aber das ist es nicht. Es geht, wie fast immer bei L&amp;auml;ufer, um Grunds&amp;auml;tzliches, um das, was Fischer den Paradigmenwechsel nennen w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In L&amp;auml;ufers Gedanken h&amp;auml;ngt an Fischer das Wort, das weit oben in Schr&amp;ouml;ders Nachruf stehen wird. Am Anfang klang das Wort nach einem rekonfigurierten Sozialstaat, der mit solcher Schubkraft durchstarten w&amp;uuml;rde, dass dem Wort Ziffern angeh&amp;auml;ngt wurden, wie Z&amp;uuml;ndstufen. Doch f&amp;uuml;r L&amp;auml;ufer ist Hartz IV der Codename einer Operation, die ein Versprechen machte, das der Sozialstaat nicht erf&amp;uuml;llt. Er sieht ein Ungleichgewicht zwischen dem Fordern und F&amp;ouml;rdern. Das Geld, das aus seiner Sicht kontaminiert ist durch den Verrat dieses Prinzips, nimmt er bis zum Schluss. Er sieht darin keinen Widerspruch. Unter dem Strich, den er unter sein Leben zieht, errechnet er ein Staatsdefizit. Er f&amp;uuml;hlt sich unterf&amp;ouml;rdert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auf seiner letzten Baustelle in Berlin steht L&amp;auml;ufer in einem Graben, glasiert mit feuchter Erde, und schaufelt, bis er langsam im Boden verschwindet. Er ist einer der ersten Tagel&amp;ouml;hner, mit denen die Firma zusammenarbeitet. Eine Aufseherin steht neben dem Graben und beobachtet ihn. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;F&amp;uuml;r uns ist das ein Testlauf&amp;laquo;, sagt die Aufseherin. &lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich bin am 31. weg&amp;laquo;, erwidert L&amp;auml;ufer. &lt;br /&gt;&amp;raquo;Und wo gehen Sie hin?&amp;laquo; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich geh weg. Berlin ist f&amp;uuml;r mich ein Luftloch.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;L&amp;auml;ufer spricht oft in Bildern, lyrisch und proletarisch zugleich. Manchmal zitiert er Weisheiten von Brecht und Zille, bevorzugt die bildhaften. Er musste sich das anlesen, weil er die Schule mit 14 Jahren verlie&amp;szlig;. Er ist ein Beobachter mit durchdringendem Blick, und der zweite Tagel&amp;ouml;hner, der mit ihm im Graben steht, beunruhigt ihn. L&amp;auml;ufer hat den Mann bei der Jobvermittlung nie gesehen und er vermutet, dass er mit den Papieren eines anderen arbeitet. Das will er melden. Er glaubt, das sei er dem Staat schuldig.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;In seiner Wohnung entkernt L&amp;auml;ufer sein Leben und wirft ab, was nicht systemrelevant ist. Er hat keinen Tisch mehr, keinen Stuhl, kein Bett, nur eine Matratze und einen Schlafsack. Daneben liegt ein Aluminiumkoffer mit seinem Laptop und Navigationsger&amp;auml;t. &amp;raquo;Mein Bewegungskoffer&amp;laquo;, sagt er. &amp;Uuml;ber dem Kohleofen h&amp;auml;ngen ein blaues und ein rosa Handtuch, davor steht ein makellos geputztes Paar schwarzer Schuhe. Der Vorhang am Fenster, der den Raum in blaues Licht taucht, ist ein M&amp;uuml;llsack. L&amp;auml;ufer steht in der Mitte des Raumes und betrachtet die Leere um sich herum. &amp;raquo;Die meisten brauchen viel&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Ich brauche nicht so viel.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;An dem Tag, als er Berlin verl&amp;auml;sst, steht L&amp;auml;ufer um kurz vor f&amp;uuml;nf auf und isst die Reste aus dem K&amp;uuml;hlschrank. Er beginnt zu verschwinden, wie einer, der sich r&amp;uuml;ckw&amp;auml;rts bewegt und alle Spuren beseitigt. Er duscht, dann bel&amp;auml;dt er den Anh&amp;auml;nger unten im Hof. Das Innere des Anh&amp;auml;ngers strukturiert er wie die Abteilungen eines Warenhauses: Lebensmittel, Werkzeug, Haushaltswaren, Elektronik, Drogerie. Sein Sortiment reicht vom Linseneintopf &amp;raquo;Dinnerfee&amp;laquo; bis zu Wiesenkr&amp;auml;uter-Shampoo.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Mofa, mit dem er sein Leben verschiebt, ist ein Relikt aus einem vergangenen Deutschland. Es stammt aus einer Zeit, in der in Post&amp;auml;mtern Fahndungsplakate mit Gesichtern von RAF-Terroristen hingen, Karl-Heinz K&amp;ouml;pcke in der &lt;em&gt;Tagesschau&lt;/em&gt; mit get&amp;ouml;nter Brille die Nachrichten verlas und Helmut Kohl die geistig-moralische Wende vorbereitete. Mit seiner roten Z&amp;uuml;ndapp, Baujahr 1982, Modell &amp;raquo;Madras&amp;laquo;, will er in der Mitte des Tages aufbrechen. &amp;raquo;Zw&amp;ouml;lf ist &amp;rsquo;ne gute Zeit&amp;laquo;, sagt er. Eine Zeit, die einen Wendepunkt markiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als die Wohnung leer ist, geht er in die Eckkneipe &amp;raquo;Zur Rixdorfer Molle&amp;laquo; und steht dort wie eine Figur in einer Postkarte aus einem vergilbten Deutschland. Zum Abschied leistet er sich seinen letzten Berliner Luxus, eine gro&amp;szlig;e Fassbrause. Er wirkt leichter in diesen letzten Stunden, wie ein Mann, dessen Fragen beantwortet sind, auch die  verfassungsrechtlichen. &amp;raquo;Wir haben nach dem Grundgesetz das Recht zu arbeiten&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Aber ich glaube, das steht nur so auf dem Papier.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer irrt. Das Grundgesetz garantiert das Recht auf die freie Wahl des Arbeitsplatzes, aber nicht das Recht auf Arbeit. Er interpretiert diesen Artikel zu seinen Gunsten, weil er glaubt, dass er sich das Recht auf den freien Wunsch des Arbeitsplatzes mit seiner Lebensleistung verdient hat. Er, der nie viel verlangt hatte vom Staat, wollte einen Existenzgr&amp;uuml;ndungszuschuss wert sein. Pohren-Hartmann konnte das nicht genehmigen. Er lehnte nur einen Antrag ab, aber f&amp;uuml;r L&amp;auml;ufer war es die Ablehnung seines Lebens.&lt;br /&gt; Er nimmt den Umschlag mit der K&amp;uuml;ndigung des Mietvertrags und macht im Telecaf&amp;eacute; nebenan eine Kopie f&amp;uuml;r seine Buchhaltung. Zur&amp;uuml;ck in der Wohnung pr&amp;uuml;ft er ein letztes Mal, ob er sie ordnungsgem&amp;auml;&amp;szlig; hinterl&amp;auml;sst. An der T&amp;uuml;r klebt noch das Namensschild seines Vorg&amp;auml;ngers. Herr L&amp;auml;ufer lebte hier als Herr Tauscher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er schlie&amp;szlig;t die T&amp;uuml;r zweimal ab und geht die Treppe hinunter, in der einen Hand die K&amp;uuml;ndigung, in der anderen die Penny-T&amp;uuml;te mit Abfall. Im Flur legt er die Schl&amp;uuml;ssel in den Umschlag und wirft ihn in den Briefkasten des Hausmeisters. Um zw&amp;ouml;lf Uhr, als in der N&amp;auml;he Kirchen-glocken l&amp;auml;uten, blickt er auf seine Armbanduhr und f&amp;auml;hrt vom Hof. Dann f&amp;auml;delt er in den Verkehr auf der Karl-Marx-Stra&amp;szlig;e ein und ist fort. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Niemand vermisst Fischer&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57961.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In Berlin bemerkt&lt;/strong&gt; zun&amp;auml;chst niemand, dass L&amp;auml;ufer fehlt. Die Ersten, die ihn vermissen, sind die Firmen, die in der Jobvermittlung anrufen. Als Pohren-Hartmann auff&amp;auml;llt, dass L&amp;auml;ufer nicht mehr zu ihm kommt, ist der seit Monaten in Osnabr&amp;uuml;ck. In einem Arbeitsvermittlerged&amp;auml;chtnis, das voll ist mit Hunderten Namen und Geschichten, geht auch ein Kunde, der so anders ist wie L&amp;auml;ufer, irgendwo zwischen &amp;raquo;La&amp;laquo; und &amp;raquo;Le&amp;laquo; verloren.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Es gab einen Vertrag zwischen L&amp;auml;ufer und dem Staat, ein Dokument mit einem harmonisch klingenden Titel: Eingliederungsvereinbarung. Die Jobcenter schlie&amp;szlig;en diese Vereinbarung mit Empf&amp;auml;ngern von Arbeitslosengeld II. Sie soll eine Art Strategiepapier sein, eine Wegbeschreibung zu dem Ziel, den Kunden in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Der Vertrag ist befristet und muss alle sechs Monate neu geschlossen werden. L&amp;auml;ufer lie&amp;szlig; ihn einfach auslaufen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Beim Staat meldete er sich ab, doch von Pohren-Hartmann trennte er sich still. Er wusste nicht, dass ihn und den Vermittler mehr verbindet als ein b&amp;uuml;rokratischer Zufall. Pohren-Hartmann wurde 1950 in Koblenz geboren und wuchs, &amp;auml;hnlich wie L&amp;auml;ufer, in einer Welt der Entbehrungen auf. Als junger Mann fuhr er oft nach Frankfurt, wo die Welt und die Gedanken gr&amp;ouml;&amp;szlig;er waren. Es war die Zeit, in der ein anderer Mann aus der Arbeiterklasse in Frankfurt nach Sinn suchte, ein Metzgersohn mit abgebrochener Lehre. Er hie&amp;szlig; Joseph und hatte ungarische Vorfahren. Darum nannte er sich Joschka.&lt;br /&gt; Pohren-Hartmann erinnert sich nicht, Fischer in Frankfurt begegnet zu sein, doch sie bewegten sich in der selben Gedankenwelt. Beide waren angezogen von Adorno, Habermas und Negt, dem Frankfurter Dreigestirn der Philosophie. Sie taumelten zwischen Kritischer Theorie und dem Aufr&amp;uuml;hrertum des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Pohren-Hartmann erinnert sich an eine Veranstaltung mit Adorno, die in einer Pr&amp;uuml;gelei endete. Er verstand das nicht. &amp;raquo;Ich dachte: Wir m&amp;uuml;ssen doch zusammenhalten!&amp;laquo; Es klingt wie ein Gedanke, den er auch bei L&amp;auml;ufer hatte, der den Gedanken auch bei Fischer hatte. Doch sie hielten nicht zusammen, Pohren-Hartmann, L&amp;auml;ufer und Fischer, drei Lebensl&amp;auml;ufe, die sich in dieselbe Richtung zu bewegen schienen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Pohren-Hartmann kam 1970 mit 50 Mark in der Tasche nach Berlin und ging nie wieder fort. Ein langer, verschlungener Weg f&amp;uuml;hrte ihn in das B&amp;uuml;ro, in dem er heute f&amp;uuml;r einen Staat arbeitet, den andere formten. Es gibt Dinge in diesem B&amp;uuml;ro, die etwas erz&amp;auml;hlen &amp;uuml;ber den, der hier arbeitet. Auf der T&amp;uuml;r eines Metallschranks klebt ein Blatt Papier mit einer Passage aus einem Brief, den Joseph Roth kurz nach der Machtergreifung Hitlers an Stefan Zweig schickte. &amp;raquo;Ich gebe keinen Heller mehr f&amp;uuml;r unser Leben&amp;laquo;, schrieb der Jude Roth dem Juden Zweig mit prophetischer Pr&amp;auml;zision. &amp;raquo;Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen.&amp;laquo; Wann immer Pohren-Hartmann den Schrank &amp;ouml;ffnet, um Akten hervorzuholen, blickt er auf diese Zeilen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein zweites Blatt h&amp;auml;ngt in diesem B&amp;uuml;ro, mit einem Gedanken, den Hannah Arendt einmal so &amp;auml;hnlich formulierte: &amp;raquo;Keiner hat das Recht zu gehorchen!&amp;laquo; Wenn man Pohren-Hartmann eine Weile zuh&amp;ouml;rt, wie er zwischen Roth, Zweig und Arendt sitzt und seine eigenen Gedanken &amp;uuml;ber das System und das Recht formuliert, bekommt man den Eindruck, dass in diesem B&amp;uuml;ro einige von denen versammelt sind, die L&amp;auml;ufers idealen Staat repr&amp;auml;sentieren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In einem fr&amp;uuml;heren Leben war Pohren-Hartmann Gro&amp;szlig;- und Au&amp;szlig;enhandelskaufmann und arbeitete als Abteilungsleiter bei einem Handelskonzern. Dann &amp;uuml;berwarf er sich mit seinen Vorgesetzten und war anderthalb Jahre arbeitslos. In dieser Zeit bekam er ein Gef&amp;uuml;hl f&amp;uuml;r die Perspektive von der anderen Seite des Schreibtisches. Am Anfang sah er seine Arbeitslosigkeit als eine Chance, einen Traum zu verwirklichen. Er wollte immer Betriebswirt werden, und den f&amp;uuml;r die Umschulung notwendigen Test bestand er. Doch als sein Arbeitsvermittler feststellte, dass er kein Englisch sprach, sagte der: &amp;raquo;Das k&amp;ouml;nnen Sie alles vergessen!&amp;laquo; Pohren-Hartmann begrub seinen Traum und fand schlie&amp;szlig;lich Arbeit in der Bezirksverwaltung Neuk&amp;ouml;lln, die ihn, in einer ironischen Wendung, seit einigen Jahren an das Jobcenter ausleiht. Wahrscheinlich wird er dort, wo er alles vergessen sollte, in Rente gehen. &amp;raquo;Ich habe Gl&amp;uuml;ck gehabt&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Ich h&amp;auml;tte auch da sein k&amp;ouml;nnen, wo Herr L&amp;auml;ufer war.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In dem Regal hinter Pohren-Hartmann steht ein Buch, das ihn viel lehrte &amp;uuml;ber die auf der anderen Seite des Schreibtisches. In seinem &lt;em&gt;Klinischen W&amp;ouml;rterbuch&lt;/em&gt; schl&amp;auml;gt er manchmal nach, um die Medizinersprache in den &amp;auml;rztlichen Gutachten &amp;uuml;ber seine Kunden zu entschl&amp;uuml;sseln. In diesen Momenten wird ihm bewusst, wie krank es machen kann, keine Arbeit zu haben. &amp;raquo;Hartz IV ist ganz unten&amp;laquo;, sagt er und zeigt mit dem Finger auf den Boden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er merkte irgendwann, dass er Freunden nur von F&amp;auml;llen erz&amp;auml;hlte, &amp;uuml;ber die er sich &amp;auml;rgerte &amp;ndash; und damit Klischees &amp;uuml;ber Hartz-IV-Empf&amp;auml;nger verbreitete. &amp;raquo;Man darf nicht vergessen, Achtung vor dem Menschen zu haben&amp;laquo;, sagt er. Manchmal sieht er sich als Teil eines Apparates, in dem er sich daran erinnern muss. &amp;raquo;Die ganze Struktur hier hat McKinsey erarbeitet&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Da k&amp;ouml;nnen Sie nicht davon ausgehen, dass der Mensch im Vordergrund steht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer h&amp;auml;tte es gefallen, das zu h&amp;ouml;ren. Pohren-Hartmann hat einen Blick f&amp;uuml;r strukturelle Defizite, doch er sieht sie nicht nur in seinem Apparat, sondern auch in seinen Kunden. Er studiert ihre Verhaltensmuster, er verfolgt ihre Wege, und er glaubt den Punkt zu kennen, an dem Menschen wie L&amp;auml;ufer vom Staat nichts mehr annehmen. &amp;raquo;Sobald sie auf Widerstand sto&amp;szlig;en, ziehen sie sich zur&amp;uuml;ck&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Bei Herrn L&amp;auml;ufer kann man sagen: Er zieht weiter.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Er f&amp;auml;hrt auf&lt;/strong&gt; der Bundesstra&amp;szlig;e 1 Richtung Westen. Bei Magdeburg wird es pl&amp;ouml;tzlich dunkel, und L&amp;auml;ufer ger&amp;auml;t in einen niederschmetternden Regen. Als ihm jemand die Vorfahrt nimmt, f&amp;auml;hrt er in einen Graben und st&amp;uuml;rzt. Er verbrennt sich den Unterschenkel am Auspuff, der Kupplungshebel verbiegt sich, das R&amp;uuml;cklicht des Anh&amp;auml;ngers zerbricht. L&amp;auml;ufer betrachtet den Schaden und sagt: &amp;raquo;Alles reparierbar.&amp;laquo; Das sagt er immer, wenn Dinge zerbrechen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sp&amp;auml;t in der Nacht erreicht er Helmstedt und stoppt, als existiere die innerdeutsche Grenze noch. In der N&amp;auml;he eines alten Wachturms, auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen den beiden Deutschlands, spannt er eine Plane auf, rollt seinen Schlafsack darunter aus und schl&amp;auml;ft vier Stunden. Im ersten Licht des Tages steht er auf und f&amp;auml;hrt weiter. In Braunschweig und Hannover macht er Station, um zu duschen und die Batterien seines Navigationsger&amp;auml;tes, Laptops und Telefons aufzuladen. Am sechsten Tag erreicht er Osnabr&amp;uuml;ck.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In der W&amp;auml;rmestube im ehemaligen Franziskanerkloster erwarten ihn die Ordensschwestern bereits. Ihnen fehlt ein Mann. Sie brauchen einen G&amp;auml;rtner, einen Klempner, einen Schreiner, einen Schlosser, einen Fliesenleger, einen Maler, einen Aufr&amp;auml;umer. Einen, f&amp;uuml;r den alles reparierbar ist. Sie bieten Geld, Unterkunft und W&amp;auml;rme, doch L&amp;auml;ufer will nur eine Aufgabe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Strukturen seines Systems sind hermetisch. Seine Aufgaben erf&amp;uuml;llt er pflichtbewusst, aber er mag keine Verpflichtungen. Er bietet sich an, aber er will nicht verf&amp;uuml;gbar sein. Er geh&amp;ouml;rt zum Inventar, aber er sortiert sich jede Nacht aus. Er &amp;uuml;bernachtet an wechselnden Orten, aber immer drau&amp;szlig;en. In seinem System gibt es immer ein Aber.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Der wichtigste Mensch in L&amp;auml;ufers Leben wird Schwester Antoinette, die Leiterin der W&amp;auml;rmestube. Sie ist Pohren-Hartmanns Schwester im Geiste, auch sie hat ein Gesp&amp;uuml;r f&amp;uuml;r L&amp;auml;ufers Talente und bewundert ihn f&amp;uuml;r seinen widerst&amp;auml;ndigen Weg. Kein gesetzlicher Rahmen engt sie ein, und sie versucht, L&amp;auml;ufer in die Strukturen der W&amp;auml;rmestube einzugliedern, ohne seine Freiheit einzuschr&amp;auml;nken.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;F&amp;uuml;r die Schwestern wird der neue Mann zu einem wertvollen Werkzeug, handwerklich und atmosph&amp;auml;risch. Der gro&amp;szlig; gewachsene, zu Strenge neigende L&amp;auml;ufer wirkt neben den zu Vergebung neigenden Schwestern disziplinierend auf die zu Konflikten neigende Klientel. Er ist eine stille Autorit&amp;auml;t auf den G&amp;auml;ngen der W&amp;auml;rmestube, konzentriert auf seine Arbeit und jeden Versuch abwehrend, ihn zu vereinnahmen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Wenige Tage nach seiner Ankunft beginnt er, in einer Garage der W&amp;auml;rmestube eine Werkstatt einzurichten. Er repariert dort die geschundenen Fahrr&amp;auml;der der W&amp;auml;rmestubenbesucher. Seine Preise sind so niedrig, dass sie ihn in M&amp;uuml;nzen bezahlen, aber darum geht es nicht. Sie sollen wissen, dass Arbeit einen Wert hat.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;In der Garage verwirklicht L&amp;auml;ufer eine minimierte Version seines Traums. Es ist nicht die Werkstatt, die er in Berlin gr&amp;uuml;nden wollte, doch er hat sein Gesch&amp;auml;ftsmodell der neuen Lage angepasst. Die Reparaturen f&amp;uuml;r die W&amp;auml;rmestubenbesucher sind nur eine Geste, ein Zuschussgesch&amp;auml;ft. Seine Profite erwirtschaftet er in einem lukrativeren Marktsegment. Er kauft f&amp;uuml;r wenig Geld vernachl&amp;auml;ssigte Fahrr&amp;auml;der mit guter Substanz und optimiert sie mit gut erhaltenen Teilen aus Schrottr&amp;auml;dern. Was die Firmenj&amp;auml;ger der Private-Equity-Branche mit angeschlagenen Unternehmen machen, praktiziert er im kleinen Stil: Er schlachtet aus, filetiert, fusioniert, dann verkauft er mit Gewinn. &amp;raquo;Ich bin ein guter Gesch&amp;auml;ftsmann&amp;laquo;, sagt er und z&amp;uuml;ndet sich einen der &amp;raquo;Al Capone&amp;laquo;-Zigarillos an, die Schwester Antoinette ihm schenkte.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;In seinen freien Stunden steigt er auf sein Cruiser-Fahrrad, Modell &amp;raquo;Shangri-La&amp;laquo;, und f&amp;auml;hrt durch die Stadt. Einer seiner R&amp;uuml;ckzugsorte ist der Dom Sankt Peter. Dort wandelt er unter den an den S&amp;auml;ulen h&amp;auml;ngenden Aposteln, wirft zwei Euro in den Opferstock und steht eine Weile im Schein der Gedenkkerzen. Doch er betet nicht. &amp;raquo;Ich knie nicht&amp;laquo;, sagt er. Er setzt sich auch nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Einige Tage sp&amp;auml;ter kniet L&amp;auml;ufer mit Schwester Antoinette an einem Grab. Sie zupfen das Unkraut, schneiden die Str&amp;auml;ucher, harken die Erde, pflanzen frische Blumen. Sie kannten G&amp;uuml;nther Steinbr&amp;uuml;gge, der hier begraben liegt, nicht. Er war obdachlos, und er w&amp;auml;re vergessen, wenn L&amp;auml;ufer und die Schwester sich nicht um sein Grab k&amp;uuml;mmerten. Sie tragen eine Liste bei sich, auf der die Namen von Menschen stehen, die so einsam starben wie Steinbr&amp;uuml;gge. Sie arbeiten die Liste ab und schieben eine Karre mit Blumen von Grab zu Grab, von Helmut L&amp;ouml;he zu Hannelore Stickelbruck, von Siegfried Gintz zu Reinhold Schalast. Aber wo ist Heinz Menke? Sie suchen und suchen, doch er scheint im Tod so verloren wie im Leben.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Auf der Bundeststra&amp;szlig;e Richtung Westen&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57959.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Sie sind ein eindr&amp;uuml;ckliches Paar, wie sie entlang der Gr&amp;auml;ber gehen. L&amp;auml;ufer mit seiner Baseballkappe, seinem langen Haar, langen Bart und dem Totenkopf-Arm. An seiner Seite die Schwester in ihrem schwarzen Habit und schwarzen Schleier, um die H&amp;uuml;fte den Leibstrick mit den drei Knoten, die ihr Gel&amp;uuml;bde von Armut, Gehorsam und Keuschheit symbolisieren. Vieles trennt sie, doch sie verbindet der Glaube an den Wert einer Haltung und die Sch&amp;ouml;nheit der Ordnung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Irgendwann finden sie Heinz Menke. Sie h&amp;ouml;rten nicht auf zu suchen, weil er in Unfrieden starb. Er wurde umgebracht. Sie pflanzen Margeriten, rote Nelken und M&amp;auml;nnertreu auf seinem Grab, dann zieht L&amp;auml;ufer ein Tuch aus der Hosentasche und wischt den Staub von der Grabplatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Abend steigt er auf sein Shangri-La-Fahrrad und zieht seinen Anh&amp;auml;nger in ein Industriegebiet am Rande der Stadt. In der N&amp;auml;he eines bewachten Erdgasdepots schl&amp;auml;gt er sein Nachtlager auf. L&amp;auml;ufer hat einen Mumienschlafsack mit dem aufgen&amp;auml;hten Versprechen, ihn auch bei minus 24 Grad nicht erfrieren zu lassen. Seine Sorge ist, sich nicht erschlagen zu lassen. Er muss ein Gleichgewicht finden zwischen einer gewissen Abgeschiedenheit und gef&amp;auml;hrlicher Einsamkeit. Er versteckt sich nicht, doch die Innenstadt meidet er, und jede Nacht wechselt er den Platz. &amp;raquo;So kann sich keiner an mich erinnern&amp;laquo;, sagt er. Dann formt er ein Kopfkissen aus seinem Handtuch und legt ein Steakmesser darunter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf der Wiese zwischen dem Depot und einem Industriekanal breitet L&amp;auml;ufer eine Decke aus, stellt seinen Gaskocher auf und br&amp;auml;t ein St&amp;uuml;ck H&amp;uuml;hnerbrust in einer seiner beiden WMF-Pfannen. Dazu trinkt er Blauen Zweigelt, den er bei Plus f&amp;uuml;r 2,29 Euro kaufte. Nach dem Essen z&amp;uuml;ndet er sich einen Zigarillo an, legt sich auf den R&amp;uuml;cken, betrachtet den Kondensstreifen, den ein Flugzeug in den Abendhimmel malt, und sagt: &amp;raquo;Hier habe ich meine Plattform.&amp;laquo; Er braucht keine Hausnummer mehr, nur IP-Adressen, die er wie seinen Anh&amp;auml;nger hinter sich herzieht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Morgen seines Geburtstages sitzt L&amp;auml;ufer auf einer Bordsteinkante am Stadtrand und liest im Schein einer Stra&amp;szlig;enlaterne die &lt;em&gt;Neue Osnabr&amp;uuml;cker Zeitung&lt;/em&gt;. Auf einer der hinteren Seiten, unter der &amp;Uuml;berschrift &amp;raquo;Der Sto&amp;szlig; zur&amp;uuml;ck ins Leben&amp;laquo;, entdeckt er eine Geschichte &amp;uuml;ber Jugendliche, &amp;raquo;die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance gehabt h&amp;auml;tten&amp;laquo;. Sie bekamen einen Ausbildungsplatz in einer sozialen Einrichtung, und bei einem der Berufe, in denen sie ausgebildet werden, bleibt L&amp;auml;ufer h&amp;auml;ngen: Zweiradmechaniker. Er tippt mit dem Zeigefinger auf das Wort, so fest, dass er eine Delle ins Papier dr&amp;uuml;ckt. &amp;raquo;Muss ich mal hingehen&amp;laquo;, sagt er und faltet die Zeitung zusammen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er steigt auf sein Fahrrad und f&amp;auml;hrt zu der Werkstatt, in der die Zweiradmechaniker ausgebildet werden. Als er den Ausbildungsleiter gefunden hat, faltet er vor ihm die Zeitung auseinander und legt den Finger auf die Geschichte &amp;uuml;ber den Sto&amp;szlig; zur&amp;uuml;ck ins Leben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Kann man hier auch mit 50 eine Ausbildung machen?&amp;laquo;, fragt L&amp;auml;ufer.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Maximal bis 45&amp;laquo;, sagt der Leiter.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Dann kann ich auch Rente beantragen.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ja, wenn Sie k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich werde n&amp;auml;mlich heute 50.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Gl&amp;uuml;ckwunsch.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie schweigen eine Weile in der K&amp;auml;lte des Moments, dann faltet L&amp;auml;ufer die Zeitung zusammen und f&amp;auml;hrt zur&amp;uuml;ck zu den Schwestern. Im Behandlungszimmer der W&amp;auml;rmestube setzt er sich auf die Patientenliege und starrt auf seine Schuhe. Er w&amp;uuml;rde jetzt gern arbeiten, doch das haben die Schwestern ihm an seinem Geburtstag verboten. Schwester Antoinette kommt herein und gibt ihm einen Briefumschlag, auf den sie &amp;raquo;Dem lieben Andreas&amp;laquo; schrieb. Sie wei&amp;szlig; nicht, warum er hier sitzt. Er sagt es &lt;br /&gt; ihr nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie sp&amp;uuml;rt, dass er allein sein will, und geht in ihr B&amp;uuml;ro. Dort schlie&amp;szlig;t sie die T&amp;uuml;r und erz&amp;auml;hlt von dem Tag, an dem jemand die Reifen von L&amp;auml;ufers Anh&amp;auml;nger zerstach. &amp;raquo;Wir sa&amp;szlig;en drau&amp;szlig;en auf der Mauer, und er wollte alles hinschmei&amp;szlig;en&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Da habe ich gemerkt, was f&amp;uuml;r ein feinf&amp;uuml;hliger Mensch er ist.&amp;laquo; Der Mann, f&amp;uuml;r den alles reparierbar war, weinte um zerstochene Reifen. Er sah darin einen Angriff auf sich und sein System, und wahrscheinlich war es das auch. Seit diesem Tag begleitet die &lt;br /&gt; Schwester die Sorge, ihn zu verlieren. &amp;raquo;Ich brauche ihn&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Ich brauche ihn sehr.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Nachmittag zeigen die Schwestern, wie sehr sie ihn sch&amp;auml;tzen. Sie backen eine Erdbeertorte, stellen im Festsaal frische Blumen in die Vasen und decken die Tafel mit dem guten Geschirr. L&amp;auml;ufer tr&amp;auml;gt zur Feier des Tages seine gl&amp;auml;nzend geputzten Freizeitschuhe und eine Baseballkappe, auf der &amp;raquo;Mercedes-Benz Financial&amp;laquo; steht.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Die Schwestern flattern mit wehenden Schleiern in den Saal und singen ein Geburtstagslied, in dem sie ihm Gl&amp;uuml;ck w&amp;uuml;nschen und Segen auf all seinen Wegen. Sie haben einen Berliner B&amp;auml;ren f&amp;uuml;r ihn get&amp;ouml;pfert, dem sie vier Zehn-Euro-Scheine unter den Arm gesteckt haben. Als pragmatische Zugabe &amp;uuml;berreichen sie drei Gl&amp;auml;ser l&amp;ouml;slichen Kaffee und drei Pakete Tabak. Die Schwester, mit der L&amp;auml;ufer einmal dar&amp;uuml;ber stritt, ob er am siebten Tag ruhen soll, erhebt sich und tr&amp;auml;gt ein Gedicht vor, das sie f&amp;uuml;r ihn schrieb.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ohne Rast und Ruh&lt;br /&gt; arbeitest Du immerzu.&lt;br /&gt; Mit Argusaugen und gro&amp;szlig;en Schritten&lt;br /&gt; schreitest Du durch die Mitten.&lt;br /&gt; Alle Arbeiten machst Du sehr geschwind,&lt;br /&gt; dabei flattern Deine blonden Haare im Wind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Einige Wochen sp&amp;auml;ter f&amp;auml;hrt L&amp;auml;ufer am fr&amp;uuml;hen Morgen auf seinem Fahrrad durch Osnabr&amp;uuml;ck und betrachtet die gelben S&amp;auml;cke am Stra&amp;szlig;enrand. Er f&amp;auml;hrt langsam, den Kopf gesenkt. Wenn er Plastikflaschen oder Getr&amp;auml;nkedosen durch das Gelb schimmern sieht, stoppt er, hockt sich vor den Sack, streicht mit den H&amp;auml;nden &amp;uuml;ber die Plastikhaut und dr&amp;uuml;ckt an den verd&amp;auml;chtigen Stellen, um zu untersuchen, ob sich ein Objekt mit Pfandwert dahinter verbirgt. Wenn der Verdacht sich best&amp;auml;tigt und das Objekt in der oberen H&amp;auml;lfte liegt, knotet er den Sack auf, zieht es heraus, h&amp;auml;lt es zur Endkontrolle ins Gegenlicht und verknotet den Sack wieder. Wenn das Objekt in der unteren H&amp;auml;lfte liegt, z&amp;uuml;ckt er sein Taschenmesser, klappt die kleine Klinge aus und macht einen Schnitt wie mit dem Skalpell, gerade so gro&amp;szlig;, dass nur das Objekt hindurchpasst. Er will keine Unordnung hinterlassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer hat einen Plan der M&amp;uuml;llabfuhr, in dem er sehen kann, an welchen Tagen in welchen Stadtteilen die gelben S&amp;auml;cke abgeholt werden. Er k&amp;ouml;nnte dem Plan einfach folgen, aber er kartografierte die Stadt nach seinem eigenen System. Er entwickelte mit der Zeit einen soziologischen Blick, der ihm erlaubt, R&amp;uuml;ckschl&amp;uuml;sse vom Inhalt der gelben S&amp;auml;cke auf die Bev&amp;ouml;lkerungsstruktur einer Nachbarschaft zu ziehen. Seitdem konzentriert er sich auf die sozial schw&amp;auml;cheren Gegenden, weil sie ertragreicher sind. &amp;raquo;Die Reichen werfen keine Pfandflaschen weg&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Die haben Mehrwegflaschen aus Glas.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Flaschensammeln geh&amp;ouml;rt zum McKinsey-Prinzip seiner Strategie: Er diversifiziert, um sich von keinem einzelnen Gesch&amp;auml;ftszweig abh&amp;auml;ngig zu machen. Darum repariert er in seiner Werkstatt nicht nur Fahrr&amp;auml;der, sondern nimmt auch alte Fernseher und Stereoanlagen auseinander, um den Elektroschrott zu verwerten. Darum hat er bei einigen Firmen in der Stadt seine Telefonnummer hinterlassen. Er bekommt immer wieder Anrufe von Firmen, die ihn f&amp;uuml;r ein paar Tage haben wollen. Sein Telefon spielt dann das Lied vom Tod, und L&amp;auml;ufer meldet sich mit einem Satz wie aus einer Zeit, in der Telefone W&amp;auml;hlscheiben hatten und N&amp;auml;chte Mondscheintarife: &amp;raquo;Ja, ich h&amp;ouml;re.&amp;laquo; Er h&amp;ouml;rt dann eine Weile zu und sagt am Ende immer Nein. Die Anrufe kommen aus Berlin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie f&amp;uuml;hren ihn nicht in Versuchung, auch nicht in den Monaten nach der Geburtstagsfeier, als sich sein Verh&amp;auml;ltnis zu den Schwestern abk&amp;uuml;hlt. Es gibt Spannungen zwischen den Schwestern, und er hat das Gef&amp;uuml;hl, dass sie ihn in ihre Konflikte hineinziehen und bestimmend werden im Umgang mit ihm. Er wertet das als Bruch ihres Abkommens.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eines Morgens kommt L&amp;auml;ufer dreimal kurz hintereinander zu Schwester Antoinette ins B&amp;uuml;ro. Er wirkt unruhig. &amp;raquo;Andreas, ist etwas?&amp;laquo;, fragt sie ihn. L&amp;auml;ufer sch&amp;uuml;ttelt den Kopf und schweigt. Am n&amp;auml;chsten Morgen, die Schwestern schlafen noch, wirft er die Schl&amp;uuml;ssel in den Briefkasten und f&amp;auml;hrt davon.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Weiter von Stadt zu Stadt&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57957.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;L&amp;auml;ufer f&amp;auml;hrt nicht zur&amp;uuml;ck&lt;/strong&gt; nach Berlin, sondern Richtung S&amp;uuml;den. Er will an den Rhein und ihm folgen bis Mannheim, dann abbiegen nach M&amp;uuml;nchen. Er hat sich die Wirtschaftsdaten und Arbeitslosenstatistik angeschaut und entschieden, dass die Stadt ein guter Standort w&amp;auml;re f&amp;uuml;r ihn. In seiner Analyse kam er zu dem Ergebnis, dass die CSU ihm n&amp;auml;her steht als alle anderen Parteien. &amp;raquo;Die haben die Wirtschaft in Bayern gut auf Vordermann gebracht&amp;laquo;, sagt er. Es w&amp;auml;re die n&amp;auml;chste Stufe in L&amp;auml;ufers Evolution, wenn er im Freistaat seinen Platz f&amp;auml;nde, ein marktliberaler Wohnungsloser, der nicht kniet, aber sich in Kirchen geborgen f&amp;uuml;hlt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In seiner Mobilit&amp;auml;t ist L&amp;auml;ufer ein Prototyp der globalisierten Gesellschaft. Er operiert wie die Manager der Moderne, kabellos, ruhelos, st&amp;auml;ndig unterwegs und radikal individualisiert. Ihre Plattform ist die Vielflieger-Lounge, seine die Wiese am Kanal. Seine Privatisierung f&amp;uuml;hrte ihn in ein Leben ohne W&amp;auml;nde und Bindungen, ein digitales Nomadentum in Vollendung. Er ist ein Deutscher mit Migrationshintergrund.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufer wei&amp;szlig;, dass sein System nicht nachhaltig ist. Er bildet keine R&amp;uuml;cklagen, und sein Kapital schwindet. Er sp&amp;uuml;rte das auf der letzten Baustelle in Berlin, als er sich im Graben kr&amp;uuml;mmte und sein R&amp;uuml;cken schmerzte. &amp;raquo;Irgendwann ist &amp;rsquo;ne Grenze erreicht&amp;laquo;, sagt er. Noch sieht er die Grenze nicht, noch f&amp;uuml;hlt er sich denen in der Enge ihrer H&amp;auml;user &amp;uuml;berlegen. Er empfindet eine Lebenst&amp;uuml;chtigkeit, die kein noch so hohes Einkommen zu vermitteln vermag. &amp;raquo;Luxus&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;ist das, was ich habe. Das kriegst du in keinem Kaufhaus.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In diesem Luxus folgt er dem Rhein. Wie an einer Perlenschnur hangelt er sich von einer Stadt zur n&amp;auml;chsten, stromaufw&amp;auml;rts durch die deutsche Gegenwart. In der N&amp;auml;he von D&amp;uuml;sseldorf bricht die Deichsel an seinem Anh&amp;auml;nger. Er kann das reparieren, aber es ist nur eine Laufzeitverl&amp;auml;ngerung. Als er K&amp;ouml;ln erreicht, leitet er seine Energiewende ein. Die Umst&amp;auml;nde zwingen ihn dazu, sein Mofa verbrennt zu viel Benzin. Er steigt um auf ein Fahrrad und zieht den Anh&amp;auml;nger jetzt mit einem Beach Cruiser, Modell &amp;raquo;Hyde Park&amp;laquo;, 26 Zoll, sieben G&amp;auml;nge. Der Kauf rei&amp;szlig;t ein Loch in seinen Etat, doch er glaubt, dass er in der Krise antizyklisch handeln sollte und verbucht das als Investition in eine Zukunftstechnologie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Mainz lernt L&amp;auml;ufer eine Gruppe von Gesch&amp;auml;ftsm&amp;auml;nnern kennen, die ihm davon abraten, nach M&amp;uuml;nchen zu fahren. Sie sehen dort einen Standortnachteil f&amp;uuml;r ihn, ein Missverh&amp;auml;ltnis zwischen seinem Gesch&amp;auml;ftsmodell, den hohen Lebenshaltungskosten und f&amp;uuml;r ihn geeigneten Jobs. L&amp;auml;ufer macht eine scharfe Wende und steuert Hamburg an. Er hat dort eine Vergangenheit und Bekannte, die sagen, es gebe Jobs.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach elf Tagen erreicht er Hamburg, ersch&amp;ouml;pft und hoffnungsvoll. Doch kurz nach der Ankunft bekommt sein System Risse. Er spricht in der Jobvermittlung vor und erf&amp;auml;hrt, dass es kaum Angebote gibt. Als er im Hafen nach Arbeit sucht, zersticht erneut jemand die Reifen seines Anh&amp;auml;ngers. Der Angriff trifft ihn in einem Moment der Verletzlichkeit. Er hat Zweifel an seinem System und Schmerzen im linken Bein. Eine Weile ignoriert er beides, aber als die Schmerzen st&amp;auml;rker werden, geht er ins Krankenhaus. Die Diagnose ist eine Warnung: Er hat Wasser im Bein. Der Arzt behandelt ihn, doch er macht ihm klar, dass es ohne Krankenversicherung nicht weitergeht. Er sagt, ohne es auszusprechen, dass er den Staat braucht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Osnabr&amp;uuml;ck hatte L&amp;auml;ufer das eingesehen. Nach einem Unfall, bei dem er sich einen Finger quetschte, hatte Schwester Antoinette ihn &amp;uuml;berredet, einen Arbeitsvertrag abzuschlie&amp;szlig;en, damit er krankenversichert ist. Das hat er verloren, auch das. Er schien das auszuhalten, doch eines Abends schickt L&amp;auml;ufer, der nie um etwas gebeten hatte, eine SMS und bittet darum, ihn anzurufen. Seine Stimme klingt d&amp;uuml;nn. Er erz&amp;auml;hlt, dass die Deichsel an seinem Anh&amp;auml;nger gebrochen ist, irreparabel. &amp;raquo;Der Anh&amp;auml;nger&amp;laquo;, hatte Schwester Antoinette einmal gesagt, &amp;raquo;ist sein Ein und Alles.&amp;laquo; Jetzt klammert er sich an ihn, als f&amp;uuml;rchte er, das zentrale Modul seines Systems zu verlieren. &amp;raquo;Vielleicht&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;z&amp;uuml;nde ich alles an.&amp;laquo; Dann schaltet er sein Telefon aus und ist nicht mehr erreichbar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als Pohren-Hartmann das h&amp;ouml;rt, sieht er sich in seinem B&amp;uuml;ro um und sagt: &amp;raquo;Ich wei&amp;szlig; jetzt nicht, wie ich ihm helfen kann.&amp;laquo; Er kann sehr anschaulich die Strukturen und Mechanismen des Sozialstaats erkl&amp;auml;ren. Manchmal setzt er dazu seine Lesebrille auf, schl&amp;auml;gt in Akten und Gesetzb&amp;uuml;chern nach und zitiert relevante Passagen. Er sieht dann aus wie ein Wissenschaftler. &amp;raquo;Herr L&amp;auml;ufer&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;hatte eine Vorstellung, die er umsetzen wollte in diesem System, und das ist sein Problem. Dieses System ist nicht auf individuelle Visionen eingestellt.&amp;laquo; Einen Moment lang denkt er dar&amp;uuml;ber nach. &amp;raquo;Er h&amp;auml;tte einen Sponsor gebraucht&amp;laquo;, sagt er dann, &amp;raquo;so wie die Leute von Google.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;In Osnabr&amp;uuml;ck wird es einsam um Schwester Antoinette. In ihrem B&amp;uuml;ro h&amp;auml;ngt noch ein Bild, das L&amp;auml;ufer neben seinem Fahrrad und Anh&amp;auml;nger zeigt. Manchmal f&amp;auml;llt es ihr schwer, das Bild zu betrachten. Einige Wochen nach seinem Verschwinden rief er sie versehentlich an, weil er die falsche Taste auf seinem Telefon dr&amp;uuml;ckte. Sie war erleichtert, seine Stimme zu h&amp;ouml;ren, aber das Gespr&amp;auml;ch war kurz, ein k&amp;uuml;hler Austausch der Positionen. &amp;raquo;Er sagte: Ich stehe aufrecht&amp;laquo;, erinnert sie sich. &amp;raquo;Und ich sagte: Ich auch.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach L&amp;auml;ufers Fortgehen haben sich die Konflikte zwischen den Schwestern in der W&amp;auml;rmestube versch&amp;auml;rft. Eine l&amp;auml;sst sich in den Ruhestand versetzen, die beiden anderen melden sich krank. Schwester Antoinette bleibt allein zur&amp;uuml;ck und ruft beim Bisch&amp;ouml;flichen Stuhl um Hilfe. Sie bittet um jemanden, der sie entlastet, doch sie bekommt einen Diakon, mit dem sie sich die Leitung der W&amp;auml;rmestube teilen soll. Wenige Wochen sp&amp;auml;ter beruft ihr Orden sie ab. Sie wehrt sich, doch sie ist in ihrem Widerstand so allein wie L&amp;auml;ufer, und auch sie macht einen Schnitt. Sie legt den Schleier ab und bricht mit der Kirche.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Drei Tage lang ist L&amp;auml;ufer nach der Nacht, in der er alles anz&amp;uuml;nden wollte, nicht erreichbar. Als er sein Telefon wieder einschaltet, erz&amp;auml;hlt er, wie er in den Stunden danach Gewichte in einem Fitnessraum stemmte und dazu Rammsteins &lt;em&gt;Engel&lt;/em&gt; und Metallicas &lt;em&gt;The End of the Line&lt;/em&gt; h&amp;ouml;rte. In wenigen Tagen hat er Geburtstag, aber er will das nicht feiern. Es w&amp;uuml;rde nicht in die Zeit passen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ufers Krise verl&amp;auml;uft parallel zur europ&amp;auml;ischen Schuldenkrise, und er f&amp;uuml;hlt sich best&amp;auml;tigt in seinem Zweifel an den Staaten der anderen. W&amp;auml;hrend in Berlin und Br&amp;uuml;ssel immer gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Rettungsschirme aufgespannt werden, schn&amp;uuml;rt er ein radikales Sparpaket. Als Europa sich auf den Schuldenschnitt vorbereitet, l&amp;auml;sst er seinen Anh&amp;auml;nger stehen. Er tauscht ihn aus gegen einen kleineren, leichteren Anh&amp;auml;nger. Seinen Laptop ersetzt er durch ein Netbook. Alles schrumpft in dieser Phase, auch seine Zuversicht. Er ist die personifizierte Sparsamkeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Frau, die einmal Schwester Antoinette war, zieht sich zur&amp;uuml;ck auf ein Weingut an der Mosel. Sie tr&amp;auml;gt jetzt Farbe im Haar, Farbe in den Kleidern und den Namen, mit dem sie zur Welt kam. Margareta V&amp;ouml;lker hat sich von allem gel&amp;ouml;st, das sie &amp;auml;u&amp;szlig;erlich zu Schwester Antoinette machte, doch ihren Glauben hat sie nicht verloren. Nach einer Zeit des Schweigens betet sie wieder st&amp;uuml;ndlich, sie kniet wieder gern, und auch L&amp;auml;ufer kommt zu ihr zur&amp;uuml;ck. An einem eisigen Morgen im Fr&amp;uuml;hling begegnen sie sich in Trier. Sie haben nur ein paar Stunden, doch sie ist froh, ihn so entschlossen und aufrecht zu sehen, wie er sie verlie&amp;szlig;. &amp;raquo;Er war ganz aufger&amp;auml;umt&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Ich glaube, er hat seinen Weg wiedergefunden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Einmal noch f&amp;uuml;hrt L&amp;auml;ufers Weg ihn nach Berlin. Er geht durch die Stadt wie ein Tourist, leichtf&amp;uuml;&amp;szlig;ig und weit&amp;auml;ugig, auf seiner Kapuzenjacke steht &amp;raquo;BERLIN&amp;laquo;. Die Stadt schimmert und gl&amp;auml;nzt im Regen, und er folgt den S-Bahn-Gleisen vom Alexanderplatz zum Ostbahnhof. Hinter dem Bahnhof bleibt er an einem Zaun stehen und blickt auf eine Brachfl&amp;auml;che. Ein paar Obdachlose lungern zwischen Kleiderbergen und trinken die Stunden weg. In L&amp;auml;ufers Traum entstand hier eine Fahrradwerkstatt, es war seine Projektionsfl&amp;auml;che. Die M&amp;auml;nner, die sie einnahmen, leben an der Stra&amp;szlig;e der Pariser Kommune, als h&amp;auml;tten sie bewusst eine Adresse gew&amp;auml;hlt, die an den Traum von der Diktatur des Proletariats erinnert. L&amp;auml;ufer betrachtet sie wie fremde Wesen. &amp;raquo;So k&amp;ouml;nnte ich nicht leben&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Die haben keine Struktur.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In einer anderen Parzelle der Stadt, am Boulevard Unter den Linden, setzt er sich ins Restaurant &amp;raquo;Jedermann&amp;rsquo;s&amp;laquo; und bestellt eine Bulette mit Kartoffelsalat. Er nennt es das &amp;raquo;kleine deutsche Men&amp;uuml;&amp;laquo;. Dann folgt er der gro&amp;szlig;en deutschen Achse, an der er viele von denen finden k&amp;ouml;nnte, die den Staat formten, der nicht mehr seiner ist. Er geht vorbei am &amp;raquo;Caf&amp;eacute; Einstein&amp;laquo;, der Kantine der Berliner Republik, an deren hinteren Tischen Fischer und Schr&amp;ouml;der so gern Hof hielten. Er blickt an der Fassade des B&amp;uuml;rogeb&amp;auml;udes hinauf, in dem Schr&amp;ouml;der seine Altkanzlerjahre verwaltet. Im Schaufenster von Madame Tussauds sieht er Angela Merkel, eine Kanzlerin in einem Wachsfigurenkabinett.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als er durch das Brandenburger Tor geht und auf der Wiese vor dem Reichstag steht, erkennt er das Kanzleramt nicht. Es sieht f&amp;uuml;r ihn aus wie eine Fabrik, eine Regierungsmanufaktur. Er geht um den Reichstag herum und bleibt vor einer gl&amp;auml;sernen Wand stehen, durch die er in die B&amp;uuml;ros von Bundestagsabgeordneten sehen kann. In das Glas sind die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes geschliffen. L&amp;auml;ufer schreitet sie langsam ab. Bei Artikel 12 stoppt er. Es ist der Artikel, der allen Deutschen das Recht gibt, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsst&amp;auml;tte frei zu w&amp;auml;hlen. &amp;raquo;Das ist der Punkt&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;wo ich Streit mit dem Staat habe.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er beugt sich vor und spiegelt sich in den Worten. Im Glas sind sie jetzt vereint, L&amp;auml;ufer, das Gesetz und der Staat, doch es ist nur ein Hologramm, eine Illusion. In ein paar Wochen wird sein Personalausweis ablaufen. Er &amp;uuml;berlegt noch, ob er einen neuen beantragen wird.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der lange Abschied</dc:subject>
    <dc:creator>Mario Kaiser</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-25T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Ein Mann bekennt Narbe</title>
    <description>&lt;p&gt;In vielen Studentenverbindungen ist das Fechten  Pflicht. Aber keiner hat sich so oft zusammens&amp;auml;beln lassen wie Alexander  Kliesch. Wir fanden: Mit dem Mann musste mal jemand reden.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Die Oberlippe wurde ihm in Wien zerschnitten, das wei&amp;szlig; er noch. Die Narbe &amp;uuml;ber dem rechten Ohr ist aus Berlin. Alexander Kliesch tippt sich an seinen rasierten Kopf wie auf eine Landkarte. Dann zeigt er auf die linke H&amp;auml;lfte seines Sch&amp;auml;dels. &amp;raquo;Aber da?&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Keine Ahnung. Da blute ich nicht mal mehr, da wurde ich wohl zu oft getroffen.&amp;laquo; Die meisten Menschen k&amp;ouml;nnen sich an jede Narbe, die sie haben, genau erinnern, bei Alexander Kliesch, 52, einem Bauunternehmer aus Berlin, sind es einfach zu viele. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Niemand in Deutschland hat mehr Mensuren gefochten als er: 66 sind es mittlerweile. Ein Rekord, der wehtut. Oder? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Jeder Boxkampf ist doch gef&amp;auml;hrlicher&amp;laquo;, sagt Kliesch. Er ist ein bulliger Typ mit Glatze und ordentlich Druck hinter der Stimme. Vom ersten Eindruck her w&amp;uuml;rde man ihn tats&amp;auml;chlich eher in einem schwitzigen Boxkeller als im Haus einer Studentenverbindung vermuten. Kliesch ist seit 31 Jahren Mitglied der Landsmannschaft Brandenburg Berlin. Und er ist es anscheinend gewohnt, sich daf&amp;uuml;r st&amp;auml;ndig zu rechtfertigen. Man muss ihn nicht mal auf die Klischees ansprechen, er kommt von ganz allein darauf.  &amp;raquo;Mit meiner Frisur bin ich ja der Prototyp des Rechtsradikalen&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Aber ich bin Mitglied der SPD.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit Studentenverbindungen ist es heute ein bisschen so wie mit Bibelgruppen oder Sch&amp;uuml;tzenvereinen: Menschen, die darin engagiert sind, gelten bestenfalls als schr&amp;auml;g. Und Kliesch ahnt wohl, dass er mit seinen Narben, den sogenannten Schmissen, schnell f&amp;uuml;r den Gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten unter all den Spinnern gehalten wird. Jede Unterhaltung mit ihm ist auch ein Anrennen gegen seine Verteidigungshaltung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Schau dir die Jungs am Tresen an&amp;laquo;, sagt er. Im Verbindungshaus seiner Landsmannschaft im tiefen Berliner Westen ist an diesem Abend Kneipe. Auf den Barhockern sitzen ein paar Studenten, sie tragen Jeans, manche Turnschuhe. &amp;raquo;Die sehen doch ganz normal aus.&amp;laquo; Dann zeigt er auf ein Poster, das an der holzvert&amp;auml;felten Wand h&amp;auml;ngt. Es ist die Ank&amp;uuml;ndigung f&amp;uuml;r einen Fechtkampf gegen eine andere Verbindung. Auf dem Poster ist eine Packung Tampons zu sehen, dar&amp;uuml;ber steht der Satz: &amp;raquo;Die Geschichte der Mensur ist eine Geschichte voller Missverst&amp;auml;ndnisse.&amp;laquo; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Das haben unsere Jungs selbst gestaltet&amp;laquo;, sagt Kliesch, lacht und schaut einen auffordernd an, ob man nicht mitlachen will. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Ursprung der Mensur geht auf das klassische Duell zur&amp;uuml;ck, den oft t&amp;ouml;dlichen Kampf zweier M&amp;auml;nner, die ihre Ehre verletzt sahen. In studentischen Kreisen wurde schon seit dem 19. Jahrhundert nur noch mit Schutzkleidung gefochten. Es ging nicht mehr um Leben und Tod, auch nicht um die Ehre; stattdessen standen der Ruf der Verbindung und das Ritual an sich bei den Fechtpartien im Mittelpunkt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Das verstehst du besser, wenn du es siehst&amp;laquo;, sagt Kliesch, springt auf und f&amp;uuml;hrt in den Paukraum. Etliche W&amp;ouml;rter aus der Verbindungswelt haben es in den allgemeinen Sprachschatz geschafft, Pauken bedeutet Trainieren. Kliesch zieht sich daf&amp;uuml;r einen wattierten Mantel und einen Schutzhelm &amp;uuml;ber; bei offiziellen Mensuren tragen die Kontrahenten Kettenhemd und eine schwarze Brille mit Nasenschutz, mit der sie aussehen wie ein b&amp;ouml;ser Vogel oder ein Bandmitglied von Rammstein. Anders als beim olympischen Fechten bleiben die Kontrahenten bei der Mensur stehen und bewegen nur den Schlagarm, das Ziel mit dem scharfen S&amp;auml;bel ist der Kopf. F&amp;uuml;nf Mal darf jeder pro Runde zulangen, die meisten Schl&amp;auml;ge neutralisieren sich, weil S&amp;auml;bel auf S&amp;auml;bel trifft. Nach 30 Runden ist die Partie vorbei, einen Gewinner gibt es den Regeln nach nicht &amp;ndash; obwohl nat&amp;uuml;rlich der besser dasteht, der weniger oder &amp;uuml;berhaupt keine Wunden am Kopf abbekommen hat. Wenn einer schon w&amp;auml;hrend des Kampfes zu sehr blutet, bricht ein Arzt die Partie ab. Absolut verboten ist es, einem Schlag auszuweichen, zur&amp;uuml;ckzuzucken, denn bei der Mensur geht es auch um den Mut, im Angesicht des Schmerzes, der da auf einen niedersausen kann, seinen Mann zu stehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kliesch sagt, bei den anderen Verbindungen gelte er als rustikal. Sein Fechtstil erinnert ein wenig an Bud Spencer: Mit kr&amp;auml;ftigen Schl&amp;auml;gen haut er senkrecht von oben auf den Studenten vor ihm ein, der M&amp;uuml;he hat, die Hiebe abzuwehren. &amp;raquo;Die Deckung ist mir nicht so wichtig&amp;laquo;, sagt Kliesch nach der Partie. Er hat zehn Jahre lang in der ersten Bundesliga Feldhockey gespielt. Als Torwart. Dem Schmerz hat er da schon oft entgegengeblickt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann zeigt er ein paar Fotos von fr&amp;uuml;heren K&amp;auml;mpfen. Auf einem l&amp;auml;uft ihm das Blut &amp;uuml;bers Gesicht. Er l&amp;auml;chelt trotzdem, aber was noch bemerkenswerter ist: Unter dem Kettenhemd tr&amp;auml;gt er lilafarbene Badeshorts. &amp;raquo;Ich hatte gerade nichts anderes da&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Nat&amp;uuml;rlich haben die anderen das nicht gern gesehen, aber mir war das egal.&amp;laquo; Kliesch ist wie der rebellische Sohn einer feinen Familie, der zum Geburtstag der Oma mit Irokesenschnitt erscheint: ein Punk, der auf die Etikette pfeift. Zur Verbindung ist er als junger Jurastudent &amp;uuml;ber seinen Vater gekommen, der Mitglied war. Eigene Kinder hat er nicht, nur eine Lebensgef&amp;auml;hrtin. Die findet die Schmisse nicht schlimm, sagt er: &amp;raquo;Ich bin ja eh nicht der H&amp;uuml;bscheste.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In der Welt der Studentenverbindungen gilt das Mensurfechten als Charaktertest, als pers&amp;ouml;nlichkeitsbildende Ma&amp;szlig;nahme. Kliesch aber h&amp;auml;lt das f&amp;uuml;r Psychokram. F&amp;uuml;r ihn ist es einfach nur &amp;raquo;das letzte gro&amp;szlig;e Abenteuer&amp;laquo;, ein Extremsport wie Bungee-Jumping. Deshalb macht er immer weiter &amp;ndash; und nat&amp;uuml;rlich auch, damit ihm niemand den Rekord wegnimmt, selbst wenn er das nicht laut sagen will. Auf dem zweiten Platz liegt ein Verbindungsbruder aus Halle mit 50 Partien. &amp;raquo;Haste mehr, biste mehr &amp;ndash; das stimmt schon&amp;laquo;, sagt Kliesch. Dann nimmt er einen kr&amp;auml;ftigen Schluck aus seinem Wei&amp;szlig;bierglas, w&amp;auml;hrend in der Welt da drau&amp;szlig;en gerade Zehntausende n&amp;uuml;chterne Studenten in Fitnessstudios schwitzen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fotos: Andy Kania / www.brigitta-horvat.com&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Ein Mann bekennt Narbe</dc:subject>
    <dc:creator>Christoph Cadenbach</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-18T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>»Echte Kämpfer essen keinen Honig - sie kauen Bienen«</title>
    <description>&lt;p&gt;Der &amp;Ouml;sterreicher Amir Kassaei erz&amp;auml;hlt, wie er vom Kindersoldaten      zu einem der erfolgreichsten Werber der Welt wurde.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57727.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Der tut nur so entspannt: Kassaei in seinem B&amp;uuml;ro an der Madison Avenue - wo sonst? -, umgeben von Werberpreisen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Herr Kassaei, k&amp;ouml;nnen Sie immer noch eine Kalaschnikow mit verbundenen Augen auseinandernehmen und wieder zusammensetzen?&lt;br /&gt;Amir Kassaei:&lt;/strong&gt; Ja.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie wurden Sie Kindersoldat?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Als die Mullahs die Macht im Iran &amp;uuml;bernahmen, wurde aus dem Sportunterricht auf einmal Waffenlehre. Man sa&amp;szlig; in der Turnhalle, und dann kamen ein paar Revolutionsgardisten mit Sturmgewehren rein und haben einem erkl&amp;auml;rt, wie man eine AK-47 bedient. Als Saddam Husseins Elitetruppen den Iran angriffen, hielten die Mullahs mit Menschenmassen dagegen. Hunderttausende wurden an die Front geschmissen. Einer davon war ich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie alt waren Sie?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;14. Wir waren eine Gruppe von 20 Jungs. Mit Bussen wurden wir zweieinhalb Tage lang in den S&amp;uuml;den transportiert, um gegen die irakischen Panzer anzutreten. Wir waren Kanonenfutter, deswegen musste man uns auch nicht ausbilden. Unsere Mission war klar: Ihr seid daf&amp;uuml;r da, im heiligen Krieg zu sterben, denn mit eurem Tod schont ihr unsere richtigen Soldaten, die hinter der Kampflinie warten. Eines Tages sollten wir vorr&amp;uuml;cken, obwohl wir genau wussten, dass wir auf ein Minenfeld zulaufen. Normalerweise m&amp;uuml;sste man komplett ausrasten und nach der Mama schreien. Das war aber &amp;uuml;berhaupt nicht der Fall. Es war eine ruhige Stimmung, fast eine Totenstille. Man wusste, okay, das war es dann. Mein bester Freund ist vor meinen Augen zerfetzt worden. Er war 13.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie begingen dann Fahnenflucht.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nach achteinhalb Monaten an der Front bekam ich ein paar Tage Urlaub. Meine Eltern waren westlich orientiert und lie&amp;szlig;en mich von einem Schleuser &amp;uuml;ber die t&amp;uuml;rkische Grenze bringen. Ich kam bei einem entfernten Verwandten in Wien unter, ohne Geld und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Als ich in die Schule kam, stellte die Lehrerin mich der Klasse mit den Worten vor: &amp;raquo;Das ist der Amir. Der kommt aus dem Iran.&amp;laquo; Diese Blicke habe ich nie vergessen. Man gab mir zu verstehen, dass ich keine Sekunde dazugeh&amp;ouml;ren werde. Die Zur&amp;uuml;ckweisung kompensierte ich mit dem Ehrgeiz, die anderen in allem zu &amp;uuml;bertreffen. Aber das Gef&amp;uuml;hl, ein Misfit zu sein, verl&amp;auml;sst Sie nie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach Ihrem BWL-Studium arbeiteten Sie bei L&amp;rsquo;Or&amp;eacute;al, dann gingen Sie in die Werbung. &amp;Uuml;ber die sagen Sie nach 20 Berufsjahren: &amp;raquo;Aus einem kranken Arsch kommt kein gesunder Furz &amp;ndash; Werbung wird sich &amp;auml;ndern m&amp;uuml;ssen.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bis Anfang der Neunziger waren Werber coole Stars. Wenn Sie heute sagen, ich mache Werbung, gucken die Leute Sie mitleidig an und sagen: Herzliches Beileid! Dass unser Ansehen am Boden ist, liegt an uns selbst. Wir haben uns darauf verlassen, dass die Reise mit den Helmut-Lang-Anz&amp;uuml;gen, den wei&amp;szlig;en Porsches und den Kokslinien immer so weitergeht. Wir sind faul geworden. Statt Trends zu setzen, laufen wir ihnen hinterher. W&amp;auml;hrend die ganze Welt &amp;uuml;ber Nachhaltigkeit nachdenkt, sind Werber die Letzten, die lauthals Propaganda f&amp;uuml;r hemmungslose Konsumgier machen. Wir verdienen es, dass Werbung auf eine Mauer aus Desinteresse und Abwehr st&amp;ouml;&amp;szlig;t, denn sie ist so langweilig und irrelevant wie eh und je.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und was hilft dagegen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Wir m&amp;uuml;ssen uns bewusst machen, was die Linken in den Sechzigern gesagt haben: Wir sind die Frontschweine eines kapitalistischen Systems, das auf quantitativem Wachstum aufgebaut ist. Wir versuchen, Menschen Waren zu verkaufen, die sie nicht brauchen, und erziehen sie dazu, sich durch Konsum zu definieren. Sp&amp;auml;testens seit der Finanzkrise glaube ich nicht mehr an quantitatives Wachstum. Man muss das R&amp;uuml;ckgrat haben, Kunden zu sagen: Produziert keine hei&amp;szlig;e Luft, sondern Produkte, die Substanz und Relevanz haben. Nur qualitatives Wachstum weist in die Zukunft.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und das verstehen Ihre Kollegen nicht?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein. Viele, die nie was gerissen haben, sind irgendwie in der Werbung gelandet und haben dort einigerma&amp;szlig;en Karriere gemacht. Entsprechend gering ist die intellektuelle Substanz in den Agenturen. Smarte Figuren wie Jean-Remy von Matt sind die Ausnahme. Mit dem gro&amp;szlig;en Rest w&amp;uuml;rden Sie nie im Leben freiwillig eine halbe Stunde ein Bier trinken wollen. Da g&amp;auml;hnt Sie ein Vakuum an. Die richtig hellen K&amp;ouml;pfe gehen heute nicht mehr in die Werbung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Es gibt wenige, die den Willen haben, so weit &amp;uuml;ber die Schmerzgrenze zu gehen wie ich.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57717.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Amir Kassaei &amp;uuml;ber Don Draper (&amp;raquo;Mad Men&amp;laquo;): &amp;raquo;Sein Irrtum ist, dass er seine Werbewelt f&amp;uuml;r die reale Welt h&amp;auml;lt.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was, glauben Sie, zeichnet Sie aus?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es gibt wenige, die den Willen haben, so weit &amp;uuml;ber die Schmerzgrenze zu gehen wie ich. Es ist nicht besonders schwer, eine sehr gute Idee zu haben. Dieses kleine Pfl&amp;auml;nzchen dann durch alle Instanzen zu bringen, ist die viel, viel schwierigere Leistung. Nehmen Sie einen Diamanten wie den Horst-Schl&amp;auml;mmer-Spot f&amp;uuml;r Volkswagen. Er wurde mir eineinhalb Jahre lang immer wieder von allen m&amp;ouml;glichen Leuten bei VW abgeschossen. Da m&amp;uuml;ssen Sie Schmerz genie&amp;szlig;en k&amp;ouml;nnen. Ohne den Wahnsinn, von einer Idee komplett besessen zu sein, wird man h&amp;ouml;chstens Zweiter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie zeigt sich Ihr Wahnsinn?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Als junger Texter bei Springer &amp;amp; Jacoby habe ich eine Mercedes-Kampagne entwickelt, die meine Chefs nicht gut fanden. Daraufhin kaufte ich auf eigene Kosten ein Flugticket nach Stuttgart und setzte mich mit meinen Pappen ins Vorzimmer des Marketing-Chefs von Mercedes. Nach sechs Stunden Warten hatte der Mann zehn Minuten Zeit. Ich sagte: &amp;raquo;Meine Agentur wei&amp;szlig; nicht, dass ich hier bin. Schauen Sie sich trotzdem diese Pappen an. Ich finde, Ihre Marke h&amp;auml;tte meine Kampagne verdient.&amp;laquo; Er war derselben Meinung. 2002 h&amp;auml;tte ich Chef von Springer &amp;amp; Jacoby werden k&amp;ouml;nnen. Das war damals der nominell beste Job in der deutschen Werbung. Und was mache ich? Ich gehe zu DDB nach Berlin, damals ein Schei&amp;szlig;haufen. Ich will sehen, ob man Sachen drehen kann, von denen alle sagen, sie seien nicht zu drehen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Vor zwei Jahren wurden Sie in New York globaler Kreativchef von DDB, dem zweitgr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Agenturnetzwerk der Welt. Was macht ein Kreativchef den ganzen Tag?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;DDB hat 14 000 Mitarbeiter in 96 L&amp;auml;ndern. Laut Jobbeschreibung bin ich endverantwortlich f&amp;uuml;r die Qualit&amp;auml;t unserer Kampagnen. Ich gebe wie ein Fu&amp;szlig;balltrainer ein System und eine Philosophie vor. Wenn Not am Mann ist, fliege ich ein und mache die Kampagne selbst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Stimmt es, dass Sie von infernalischem Ehrgeiz besessen sind?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich hatte schon mit sieben, acht Jahren die deutschen Kampftugenden auf dem Fu&amp;szlig;ballplatz. Und aus der Psychologie wei&amp;szlig; man, dass Menschen, die in ihrer Kindheit dem Tod nahe waren, ohne R&amp;uuml;cksicht auf Verluste alles auf eine Karte setzen, in dem Wissen, dass es die allergr&amp;ouml;&amp;szlig;te S&amp;uuml;nde ist, sein Leben zu vergeuden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Es hei&amp;szlig;t, Sie seien ein Totalegozentriker und ein j&amp;auml;hzorniger Schreihals, der sich in Abwandlung seines Titels &amp;raquo;Chief Creative Officer&amp;laquo; gern &amp;raquo;Chief Ass Officer&amp;laquo; nennt.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;I like to kick ass. Ich habe eine ziemlich klare Meinung und halte den Leuten den Spiegel vor. Wenn ich das Gef&amp;uuml;hl habe, dass einer nicht auch noch seine letzten f&amp;uuml;nf Prozent gibt, werde ich j&amp;auml;hzornig und schreie S&amp;auml;tze wie: &amp;raquo;Echte K&amp;auml;mpfer essen keinen Honig &amp;ndash; sie kauen Bienen.&amp;laquo; Den Friedensnobelpreis kriegt man damit nicht. Es ist aber nicht so, dass ich Leute pers&amp;ouml;nlich beleidige oder kaltmache.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gefallen Sie sich darin, Menschen gegen sich aufzubringen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Es motiviert mich, wenn Leute mir B&amp;ouml;ses wollen. Dass ich es vom kloputzenden Asylanten zum Kreativchef von DDB gebracht habe, zeigt vielen in der Branche, wie wenig sie zustande gebracht haben. Vielleicht brauche ich die Misfit-Position, um k&amp;auml;mpfen zu k&amp;ouml;nnen. Obwohl ich l&amp;auml;ngst zu den Arrivierten geh&amp;ouml;re, kann ich nicht anders, als mir jeden Morgen Scheuklappen aufzusetzen und mich anzupeitschen: &amp;raquo;Du musst k&amp;auml;mpfen, sonst gehst du unter!&amp;laquo; Sobald ich mich entspannt zur&amp;uuml;cklehnen k&amp;ouml;nnte, suche ich die Provokation. Das mag krank sein, aber es macht Spa&amp;szlig;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist es ein M&amp;auml;rchen, dass Sie um die 16 Stunden am Tag arbeiten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich stehe um 4.30 Uhr auf, trinke Kaffee, rauche eine, und dann fange ich an, mit Asien zu telefonieren. Um sechs wecke ich meine Frau und mein Kind und sage Tsch&amp;uuml;ss. Dann fahre ich mit der U-Bahn von Brooklyn zur Madison Avenue und sitze um 7.15 Uhr am Schreibtisch, als Allererster. Abends um neun bin ich wieder zu Hause. Ich esse mit meiner Frau, wir reden ein bisschen, und dann muss ich noch arbeiten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein Albtraum.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich sehe es komischerweise nicht als Arbeit. Man genie&amp;szlig;t es doch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie oft sitzen Sie in einem Flugzeug?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;An ungef&amp;auml;hr 200 Tagen im Jahr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Alles kommt aus dem Unterbewusstsein. Das bereinigt Dinge.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57719.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&amp;raquo;Eine alte Apple-Kampagne, von Steve Jobs selbst  geschrieben: &amp;rsaquo;Think big&amp;lsaquo;. Diesen Satz sollte man als Mahnmal immer in  der N&amp;auml;he haben.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie muss man sich eine Frau vorstellen, die einen Mann wie Sie heiratet?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Meine Frau hat selber in der Werbung gearbeitet. Sie ertr&amp;auml;gt mich als Menschen, und das bewundere ich an ihr. Und sie ertr&amp;auml;gt auch, was ich mache. Das ist der eklatante Unterschied zu meiner Ex-Frau, die modernes Tanztheater gemacht hat. Die hat das gar nicht verstanden. Die hat immer kopfsch&amp;uuml;ttelnd dagesessen, wie ein Mensch seine ganze Energie und die wichtigste Zeit seines Lebens f&amp;uuml;r so was Schwachsinniges wie Reklame aufbraucht.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Machen Sie Beruhigendes wie Yoga?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich spiele Blitzschach. Das ist f&amp;uuml;r mich die ultimative Erholung. Bei drei Minuten pro Spiel denken Sie nicht mehr. Alles kommt aus dem Unterbewusstsein. Das bereinigt Dinge.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Spielen Sie in einem Club?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein. Auf meinem Handy, wenn ich auf Flugh&amp;auml;fen warten muss. Das ist super.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihr Idol ist der 1982 gestorbene Werber Bill Bernbach. Warum?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Er ist der Erfinder und Gottvater der kreativen Werbung, die auf Esprit statt Verkaufe setzt. Kurz nach der Mondlandung sollte er f&amp;uuml;r den US-Markt eine Kampagne f&amp;uuml;r den VW K&amp;auml;fer entwerfen. Er nahm ein Schwarzwei&amp;szlig;foto der h&amp;auml;sslichen Mondlandef&amp;auml;hre, darunter setzte er den Satz &amp;raquo;It&amp;rsquo;s ugly, but it gets you there&amp;laquo; und das VW-Logo. Die Anzeige sagt intelligent die Wahrheit &amp;uuml;ber das Produkt, statt die Leute f&amp;uuml;r dumm zu verkaufen. Das war sein Anspruch. Als er die Kampagne den VW-Chefs vorstellte, &amp;uuml;berschrieb er seine Pr&amp;auml;sentation mit dem Satz: &amp;raquo;How to sell a Nazi car in Jewish Manhattan&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welchen Einfall h&amp;auml;tten Sie gern selbst gehabt?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Als Jung von Matt noch eine junge Agentur war, bekamen sie die Chance, bei Porsche zu pitchen. Die gro&amp;szlig;en Agenturen kamen mit 20, 30 Mann zur Pr&amp;auml;sentation nach Zuffenhausen und stellten Pappen und Beamer auf. Holger Jung und Jean-Remy von Matt reisten in einem Porsche an, stellten sich vor die Vorst&amp;auml;nde und sagten: &amp;raquo;Wir sind zu zweit hier, weil in einen Porsche nur zwei Leute reinpassen.&amp;laquo; Mit diesem Satz hatten die beiden den Etat gewonnen. Sie hatten die Essenz des Unternehmens verstanden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bei welchem Einfall sind Sie froh, ihn nicht gehabt zu haben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Mit Brad Pitt f&amp;uuml;r Chanel N&amp;deg; 5 zu werben. Eine Katastrophe, komplett unglaubw&amp;uuml;rdig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie hat das Internet die Werbung ver&amp;auml;ndert?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Digital ist die Elektrizit&amp;auml;t des 21. Jahrhunderts. Ein neuer Spot kann heute in drei Minuten die Welt umrunden. Dass Youtube nicht von Werbern erfunden wurde, zeigt, wie hinterher unsere Branche ist. Der gro&amp;szlig;e Vorteil f&amp;uuml;r Konsumenten ist, dass Sie heute niemanden mehr verarschen k&amp;ouml;nnen. Wenn ich heute ein falsches Versprechen gebe, kommt das dank der digitalen Infrastruktur in Sekunden raus, und ich bin erledigt. Die beste Werbung verspricht nur das, was ein Produkt auch halten kann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kennen Sie jemanden, der Werbung auf Facebook anklickt?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein. Menschen unter 30 nehmen Werbung auf ihren Community-Seiten als Hausfriedensbruch wahr. F&amp;uuml;r das Fernsehen gilt das Gleiche. Niemand bleibt freiwillig sitzen, wenn ein Werbeblock kommt. Bei Jung von Matt gab es mal die Direktive: &amp;raquo;Ich will Menschen vor Freude weinen sehen, wenn ein Spot ihren Lieblingsfilm unterbricht.&amp;laquo; Das ist bis heute Theorie geblieben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Cracks unter den Werbern sind in der Regel M&amp;auml;nner. Wie erkl&amp;auml;ren Sie das?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Agenturen sind immer noch extreme Macho-Buden mit viel Testosteron. Der andere Grund ist, dass es Frauen zu doof ist, diese ganze Reklameschei&amp;szlig;e zu machen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie deformiert Werbung den Werber?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Sie kriegen ein sehr, sehr aufgebl&amp;auml;htes Ego. Als Kreativer m&amp;uuml;ssen Sie eine gewisse Art von &amp;Uuml;berheblichkeit und Narzissmus an den Tag legen, auch wenn sie als Mensch gar nicht so sind. Wenn Sie selbst nicht von sich und Ihrer Idee &amp;uuml;berzeugt scheinen, wie wollen Sie dann andere &amp;uuml;berzeugen? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein Klischee besagt, dass Werber nach ein paar Jahren abgefuckte Zyniker werden, die von ihrem Job ange&amp;ouml;det sind.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Werber verpassen es, ein reales Leben aufzubauen. Sie f&amp;uuml;hren ein Pseudoleben in einer Blase und irgendwann kommen sie aus ihr nicht mehr raus, weil sie sie f&amp;uuml;r die Welt halten. Ich habe vier Kinder von drei Frauen. Das bedeutet, ich muss f&amp;uuml;r einen F&amp;uuml;nfj&amp;auml;hrigen eine Schule finden, mit einer 13-J&amp;auml;hrigen &amp;uuml;ber Pubert&amp;auml;t und Liebe reden und mit einer 19-J&amp;auml;hrigen &amp;uuml;ber ihr Studium. In solchen Momenten platzt die Blase.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sind 44. Haben Sie eine zweite Idee f&amp;uuml;r Ihr Berufsleben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Werber schaffen den Absprung nicht. Sie enden wie alternde Boxer. Man liegt demoliert im Ring und ist l&amp;auml;cherlich. Ich werde trotzdem in ein paar Jahren mit der Werbung aufh&amp;ouml;ren, denn mir wird langweilig, wenn alles funktioniert. Ich m&amp;ouml;chte auf der anderen Seite des Tisches sitzen und als Inhaber einer Firma ein intelligentes Produkt verkaufen. Selber ins Risiko gehen statt nur Dienstleister sein, das wird mein Kick sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was w&amp;auml;re ohne den Krieg im Iran aus Ihnen geworden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Frauenarzt in Teheran.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Fotos: Action press; Reuters&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Echte Kämpfer essen keinen Honig - sie kauen Bienen«</dc:subject>
    <dc:creator>Sven Michaelsen (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-18T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39687">
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    <title>Nackt im Wind</title>
    <description>&lt;p&gt;Auf Seereisen gibt es nicht viel zu gucken, immer nur Meer  und M&amp;ouml;wen. Auf der &lt;em&gt;Carnival Freedom&lt;/em&gt; sieht das anders aus: Willkommen  zur gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Nudistenkreuzfahrt aller Zeiten.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ob diese Rettungsboote jemals so viel Vorfreude gesehen haben? Die &lt;em&gt;Carnival Freedom&lt;/em&gt; liegt noch im Hafen von Fort Lauderdale, Florida, vert&amp;auml;ut an einem Kai, als ihre Passagiere zur Evakuierungs&amp;uuml;bung auf Deck 4 antreten m&amp;uuml;ssen. &amp;Uuml;ber Lautsprecher unterbricht der Unterhaltungsdirektor Hennie van Heerden die aufgeregten Gespr&amp;auml;che und bittet um Aufmerksamkeit. Vor den gleich folgenden Sicherheitshinweisen hat er ein wichtiges Anliegen: Da das Schiff noch nicht abgelegt habe, m&amp;ouml;gen doch alle Anwesenden ihre Kleidung noch eine Weile anbehalten. &amp;raquo;Es dauert aber nicht mehr lange, bis wir die Dreimeilenzone vor der K&amp;uuml;ste verlassen haben, und der Spa&amp;szlig; beginnt!&amp;laquo; Auf das Stichwort &amp;raquo;Spa&amp;szlig;&amp;laquo; brechen die Leute in Jubel aus, als w&amp;uuml;rden gleich die Rolling Stones auftreten. Ich sehe: Gesichter, im euphorischen Wuuuu-huuuuu!-Schreien verzerrt, gereckte Arme und reines Gl&amp;uuml;ck. Ich denke: Was f&amp;uuml;r einen Spa&amp;szlig; habt ihr da drau&amp;szlig;en blo&amp;szlig; vor?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die nackten Zahlen konnte man vorher im Internet nachlesen: Die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Nudistenkreuzfahrt der Geschichte soll das werden, Weltrekord mit knapp 3000 Teilnehmern, die meisten davon aus den USA. Sieben Tage Karibik, Preise ab 800 Dollar. Alles weitere blieb unklar. Wollen da blo&amp;szlig; ein paar brave FKKler im Kreis fahren &amp;ndash; oder wird das ein Spring Break f&amp;uuml;r Erwachsene, eine Sause des Fleisches, ein endloser Wet-T-Shirt-Contest, nur eben ohne T-Shirt? Die Teilnahme ist erst ab 18 erlaubt, das kann ja heiter werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zwei Tage nach der euphorischen Rettungs&amp;uuml;bung habe ich zwanzig neue Bekanntschaften geschlossen &amp;ndash; darunter ein Ehepaar, das Weihnachtsb&amp;auml;ume in Silicon Valley anbaut &amp;ndash; und menschliche K&amp;ouml;rper in den erstaunlichsten Formen gesehen. Auch ein paar naheliegende Fragen kann ich beantworten. Etwa: Man legt ein Handtuch drunter, wenn man sich hinsetzt. Ansonsten habe ich die &amp;Uuml;bersicht verloren. Nur zwei Dinge kann ich mit Sicherheit sagen: Alles ist immer fun, fun, fun. Dar&amp;uuml;ber hinaus ist es kompliziert. Am besten fasst es eine Holl&amp;auml;nderin zusammen, die zuf&amp;auml;llig auch mit an Bord ist: &amp;raquo;Wenn die Amerikaner mal nackt sein d&amp;uuml;rfen, drehen sie immer ein bisschen durch.&amp;laquo; So ist es. Wenngleich nicht immer klar ist, warum. Bei der Begr&amp;uuml;&amp;szlig;ungsshow am ersten Abend zum Beispiel treten acht T&amp;auml;nzerinnen auf, die rhythmisch auf der B&amp;uuml;hne umherstiefeln, im Hintergrund ein gro&amp;szlig;es F, ein gro&amp;szlig;es U, ein gro&amp;szlig;es N. Anfangs haben sie Matrosenanz&amp;uuml;ge an, die sie sich dann alle gleichzeitig vom Leib rei&amp;szlig;en. Darunter tragen sie irgendwas Knappes und frivol Gemeintes in Rot. Die Leute im Publikum tragen zum gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Teil deutlich weniger Kleidung als die auf der B&amp;uuml;hne, n&amp;auml;mlich gar keine. Trotzdem johlen sie wie verr&amp;uuml;ckt, wenn auf der B&amp;uuml;hne H&amp;uuml;llen fallen. Warum nur? Oder der zweite Abend. Mottoabend auf dem ganzen Schiff. Das Thema lautet &amp;raquo;Schnurrbart&amp;laquo;, und viele haben sich tats&amp;auml;chlich einen angemalt oder angeklebt. Viele M&amp;auml;nner auch einen zweiten, weiter unten, und man braucht eine Weile, bis man den Fehler erkennt: M&amp;uuml;sste sich der Schnurrbart nicht normalerweise unter der Nase befinden? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die &lt;em&gt;Freedom&lt;/em&gt; ist ein knapp 300 Meter langes Kreuzfahrtschiff im Dienste der Carnival Cruise Lines. F&amp;uuml;r diese eine Woche hat der Veranstalter &amp;raquo;Bare Necessities&amp;laquo;, der seit mehr als 20 Jahren Nacktkreuzfahrten auf der ganzen Welt anbietet, das Schiff gechartert. Angefangen haben sie mit einem Schiffchen f&amp;uuml;r 30 Leute, jetzt, 50 Kreuzfahrten sp&amp;auml;ter, sind fast hundertmal so viele an Bord. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nudismus ist in den USA mittlerweile zu einem Markt geworden, auf dem j&amp;auml;hrlich eine halbe Milliarde Dollar umgesetzt werden, mit Reisen, Nudistencamps, Wohnanlagen. Typisch, die Amis. Aus allem einen Markt machen. Sogar Nackten in die Taschen greifen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich frage die Leute an Bord gern, warum sie Nudisten geworden sind. Sie fragen dann gern zur&amp;uuml;ck, warum ich denn einer bin. Bin ich gar nicht, sage ich, ich bin beruflich hier. Aber zu Hause in Deutschland gehe ich dann und wann in die Sauna, und manchmal stehe ich am Strand und habe die Badehose vergessen. An der Ostsee zum Beispiel l&amp;auml;sst man sie dann einfach weg. &lt;em&gt;No big deal, really.&lt;/em&gt; Die Leute seufzen und sagen, ach ja, Europa. Anschlie&amp;szlig;end z&amp;auml;hlen sie die Strafen auf, die in ihrem Bundesstaat auf &amp;ouml;ffentliche Nacktheit stehen. In manchen landet man auf der im Internet zug&amp;auml;nglichen Liste der Sexualstraft&amp;auml;ter, wenn man beim Nacktbaden im See erwischt wird. Erz&amp;auml;hlt man den Leuten von den Nackten im Englischen Garten, seufzen sie noch lauter. In den USA vergisst man nicht einfach seine Badehose und springt trotzdem in den Fluss. In den USA trifft man die Entscheidung, Nudist zu sein, und begibt sich anschlie&amp;szlig;end auf ein kostenpflichtiges Privatgel&amp;auml;nde. Oder auf ein Schiff, auf dem man drei Meilen vor der K&amp;uuml;ste endlich die Kleidung abwerfen darf.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eine kurze Inventur: Auf diesem Schiff schippern Menschen durch die Karibik, die mit dem Habitus von emeritierten College-Professoren auftreten, und solche, die beim Lesen die Lippen bewegen. Es gibt T&amp;auml;towierte, die schon beim Ablegen im Hafen angetrunken am Pool tanzen, und &amp;auml;ltere Herren, die mit Block und Bleistift in der Hand der Crew Fragen stellen wie: &amp;raquo;Haben die Bl&amp;auml;tter der Schiffsschraube einen festen Anstellwinkel?&amp;laquo; Aus dem Pool an Deck steigen mal k&amp;uuml;hlrippenharte Fitnessk&amp;ouml;rper, mal M&amp;auml;nner, die so dick sind, dass sie zwei B&amp;auml;uche haben: einen, der als Sch&amp;uuml;rze vor den Genitalien h&amp;auml;ngt, und einen zweiten, der obenauf liegt. Es fahren Teilzeit-Nudisten mit, die sich nackt sonnen, aber ansonsten Kleidung tragen m&amp;ouml;chten, und Nudisten-Fundamentalisten, die es richtig ernst meinen: nackt an der Bar, nackt am Buffet. Nackt im Casino, nackt beim Karaoke. Es fahren arme Blasse mit, die im Norden wohnen und noch arbeiten m&amp;uuml;ssen, und tiefgebr&amp;auml;unte Rentner, die in kalifornischen Nudistencamps ganzjahresnackt leben. Es gibt eine Minderheit, die Schamhaar tr&amp;auml;gt, und eine Mehrheit, die s&amp;auml;mtliche Haare am K&amp;ouml;rper entfernt hat. Es gibt Frauen &amp;uuml;ber 40 mit t&amp;auml;towierten Br&amp;uuml;sten und M&amp;auml;nner &amp;uuml;ber 50 mit Piercings, und zwar auch da, wo es wehtut. Es gibt Nudisten, die sich an Land f&amp;uuml;r das &amp;ouml;ffentliche Nacktsein einsetzen, und es gibt die Heimlichtuer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Brad und Phyllis zu Beispiel, zwei gottesf&amp;uuml;rchtige, reizende Menschen aus Colorado, er 59, sie 61. Sie redet leise und verwendet gern das Wort &amp;raquo;anst&amp;auml;ndig&amp;laquo;, er k&amp;ouml;nnte mit seiner Stimme als Erz&amp;auml;hler in M&amp;auml;rchenh&amp;ouml;rspielen einspringen. Sonntags gehen sie in die Kirche, und als sie sich vor zehn Jahren kennenlernten, brauchte Brad ganze acht Monate regelm&amp;auml;&amp;szlig;iger Rendezvous, bevor er &amp;uuml;berhaupt einmal ihre Hand in seine nahm. &amp;raquo;Wir haben uns f&amp;uuml;nf Jahre lang den Hof gemacht, bis zu unserer Hochzeit&amp;laquo;, sagt sie. Gerne w&amp;uuml;rde man wissen, ob sie das wirklich so meint, wie man glaubt, dass sie es meint, aber ich frage dann doch lieber nicht nach. Weniger s&amp;uuml;ndige Gedanken als diese beiden kann kein Mensch haben. Ihre Kinder (keine gemeinsamen) wissen trotzdem nicht, wo sie gerade sind. Die wissen nicht einmal, dass sie dann und wann auf Kleidung verzichten. Denn das w&amp;auml;re jenseits aller Vorstellung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;Uuml;berhaupt verheimlichen recht viele der Passagiere vor Freunden und Familien, was sie so treiben. An Bord ist etwa ein Ehepaar, das in der Woche zuvor mit Freunden auf just diesem Schiff umherkreuzte. Weil diese Freunde aber nichts von ihrem Nudistendasein wissen sollen, gingen sie am Samstagmorgen gemeinsam von Bord, das Paar setzte sich mit seinen Koffern in ein Taxi, lie&amp;szlig; sich ein paar Mal um den Block kutschieren und schiffte sich dann wieder ein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein Land, dass seine Einwohner in einigen Lebensbereichen wie Kleinkinder behandelt, erzieht zur Vorsicht. Schaltet man etwa auf dem Schiff den Fernseher ein, sind im amerikanischen Programm wie immer die Schimpfw&amp;ouml;rter &amp;uuml;berpiept und die Geschlechtsmerkmale &amp;uuml;berpixelt. Versucht man vom Nacktboot aus, das Nacktboot zu googeln, kommt man nicht weit, weil ein unabschaltbarer Suchfilter das Wort &lt;em&gt;&amp;raquo;nude&amp;laquo;&lt;/em&gt; unterschl&amp;auml;gt. In der Dusche warnt ein Schild, dass man die Wassertemperatur &amp;uuml;berpr&amp;uuml;fen m&amp;uuml;sse, bevor man sich in den Strahl stellt. Kein Wunder, dass da einige Nudisten auch soziale Verbr&amp;uuml;hungen f&amp;uuml;rchten. Die Angst scheint mit der Entfernung des Wohnorts von der K&amp;uuml;ste und der N&amp;auml;he zum konservativen Bible Belt zu wachsen.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;All I wanna do is have some fun.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Terry dagegen kommt aus Kalifornien. Er hat zwei Visitenkarten. Auf der einen steht einfach nur der Name seiner Firma, auf der zweiten &amp;raquo;Nackthandwerker&amp;laquo;. Auf seiner Webseite nakedcontractor.com findet man auch Fotos von einer Treppe, die er nackt gebaut hat. Terry trifft sich jede Woche mit seinem Bibelkreis, aber er macht trotzdem keinen Hehl aus seinem Nudistendasein. Alles kein Widerspruch, sagt Terry, und zitiert Jesaja 20,2. Da befiehlt der Herr Jesaja: &amp;raquo;Gehe hin und zieh ab den Sack von deinen Lenden und zieh deine Schuhe aus von deinen F&amp;uuml;&amp;szlig;en. Und er tut also, ging nackt und barfu&amp;szlig;.&amp;laquo; Terry hatte &amp;uuml;ber diese Stelle mal eine l&amp;auml;ngere Auseinandersetzung mit jemandem aus seinem Bibelkreis, der meinte, dass nackt ja nur hei&amp;szlig;en k&amp;ouml;nne: mit Lendenschurz. Terry hat ein bisschen nachgeforscht und herausgefunden, dass das Wort im hebr&amp;auml;ischen Original &amp;raquo;so wie du geboren bist&amp;laquo; bedeutet. Punktsieg. Seitdem kann er sein Lebensziel guten Gewissens weiterverfolgen: &amp;raquo;Ein guter Christ sein und ein guter Nudist.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jeden Morgen w&amp;auml;hrend dieser Reise meldet sich Hennie, der Unterhaltungschef, auf Kanal 27 des Bordfernsehens mit seiner Show. Dort k&amp;uuml;ndigt er im Tonfall einer Cartoonfigur die &amp;raquo;Fun Activities&amp;laquo; des Tages an. Wer sicherheitshalber noch mal nachlesen will, was heute so an Spa&amp;szlig;igem ansteht, wirft anschlie&amp;szlig;end einen Blick in die t&amp;auml;gliche Postille &lt;em&gt;Fun Times&lt;/em&gt;. Aus den Lautsprechern des Restaurants singt Sheryl Crow mindestens dreimal t&amp;auml;glich &lt;em&gt;All I wanna do is have some fun&lt;/em&gt;. Alle sind nackt. Da m&amp;uuml;sste es doch eine naheliegende Idee sein, ein wenig dem &amp;auml;ltesten Spa&amp;szlig; der Menschheit zu fr&amp;ouml;nen, oder?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nancy Tiemann hat den Reiseveranstalter &amp;raquo;Bare Necessities&amp;laquo; gegr&amp;uuml;ndet und muss seitdem immer wieder erkl&amp;auml;ren, was da eigentlich passiert, auf ihren Nacktbooten. &amp;raquo;Das Problem ist&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;dass Nacktsein in Gegenwart anderer oft mit Sexualit&amp;auml;t verwechselt wird.&amp;laquo; Auf der Homepage ihrer Firma gibt es deshalb eine lange Erkl&amp;auml;rung &amp;uuml;ber das richtige Verhalten an Bord, in der &amp;ouml;ffentliche sexuelle Handlungen ausdr&amp;uuml;cklich untersagt sind. Es gibt Bereiche des Schiffs, zum Beispiel rund um den Pool, in denen das Fotografieren verboten ist, weil es immer mal wieder Probleme mit Leuten gab, &amp;raquo;die nur zum Fotografieren gekommen sind&amp;laquo;. In der Disco an Bord gilt die Regel: Wer eine Erektion bekommt, wird der Tanzfl&amp;auml;che verwiesen. &amp;raquo;Wir machen das sehr klar&amp;laquo;, sagt Nancy Tiemann. Es stechen aus den USA n&amp;auml;mlich nicht nur Nackt-, sondern auch Swingerkreuzfahrten in See, die kann man schon mal verwechseln. &amp;raquo;Und es gibt ja nichts Schlimmeres als entt&amp;auml;uschte Erwartungen im Urlaub.&amp;laquo; Wie viele Menschen gibt es wohl an Bord, deren Erwartungen entt&amp;auml;uscht werden k&amp;ouml;nnten? Oder werden sie vielleicht gar nicht entt&amp;auml;uscht, weil es genug von ihnen gibt? &amp;raquo;Sie meinen, Swinger an Bord? Ach, vielleicht f&amp;uuml;nf Prozent&amp;laquo;, sagt ein Mann. &amp;raquo;Mindestens zwei Drittel&amp;laquo;, ein anderer. &amp;raquo;Wahrscheinlich sind die H&amp;auml;lfte Swinger, blo&amp;szlig; w&amp;uuml;rde sich keiner von denen so nennen&amp;laquo;, ein Dritter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mitte der Woche kann ich endlich nachz&amp;auml;hlen und komme auf: zwei Busse voll. In Lim&amp;oacute;n, Costa Rica, gibt es einen Landausflug, der nicht Teil des offiziellen Veranstaltungsprogramms ist. Ein paar der G&amp;auml;ste an Bord haben das organisiert: eine Fahrt in einen Swingerclub im Regenwald. Am Hafen wartet ein kleiner Mann mit grauen Haaren, der die G&amp;auml;ste zu den Bussen lotst. Das ist Gerhard. Der kommt urspr&amp;uuml;nglich aus der N&amp;auml;he von Aachen, hat aber zuletzt mehr als zehn Jahre in Thailand gelebt und ein Hotel betrieben. Das Land, das Hotel und seine Frau dort hat er aber gerade verlassen. Denn: &amp;raquo;Schwingen ist f&amp;uuml;r mich ein Lebensstil.&amp;laquo; Er sagt tats&amp;auml;chlich immer &amp;raquo;schwingen&amp;laquo;. Und Schwingerclub. Wenn er etwas gut findet, sagt er &amp;raquo;gail&amp;laquo;, aber so, dass es immer nach Erektion klingt. Und er findet erm&amp;uuml;dend viele Sachen gail. Jedenfalls, Thailand: Das Problem dort war, dass seine thail&amp;auml;ndische Frau nicht mitschwingen wollte. Ganz schwierig sowieso, sagt Gerhard, schwingen und Thailand. Prostitution sei dort ja kein Problem, aber einen Schwingerclub aufmachen &amp;ndash; undenkbar. Deswegen hat er sich ein anderes Land gesucht, mit &amp;auml;hnlichem Klima wie Thailand, aber aufgeschlossener. Hier will er noch mal ganz neu anfangen, mit einer Frau, die sein Interesse teilt. Die muss er hier jetzt blo&amp;szlig; noch finden. Vor drei Wochen ist er angekommen. Bl&amp;ouml;derweise hat er aber zwischenzeitlich festgestellt, dass ihm die Frauen hier eigentlich alle zu fett sind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es gibt Informationen, die will ich eigentlich gar nicht haben. Es gibt auch Dinge, die ich eigentlich gar nicht sehen will. Im Swingerclub angekommen, ziehen sich erst mal alle wieder aus, denn in den Bussen mussten sie Kleidung tragen. Dann gibt es Kartoffelsalat. Anschlie&amp;szlig;end tanzt ein Stripper auf einem Tisch, und schon wieder lassen die Nackten ein frivoles Johlen f&amp;uuml;r jemanden h&amp;ouml;ren, der deutlich mehr Kleidung tr&amp;auml;gt als sie. Ansonsten passiert nicht viel. Falls jemand Zweifel gehabt haben sollte, dass der beste Treibstoff f&amp;uuml;r Enthemmung nicht Nacktheit ist, sondern Alkohol: Hier w&amp;auml;re der endg&amp;uuml;ltige Beweis. Der H&amp;ouml;hepunkt besteht darin, dass ein Mann und eine Frau, beide so um die 50, inmitten eines Gr&amp;uuml;ppchen stehen. Sie f&amp;uuml;hrt vor, wie sie dank ihrer Brustmuskulatur mit ihrem Busen zucken kann, er f&amp;uuml;hrt vor, dass er das gleiche mit seinem Penis vermag. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und das war es auch schon. Alles ein gro&amp;szlig;es Missverst&amp;auml;ndnis, von allen Beteiligten. Auf der R&amp;uuml;ckfahrt will Gerhard wissen, was es denn an Bord so an Zubeh&amp;ouml;r gebe? Kein Zubeh&amp;ouml;r, sage ich, alle nackt. &amp;raquo;Aber 3000 Menschen?&amp;laquo;, rechnet Gerhard nach. &amp;raquo;Da braucht ihr doch mindestens 70 Spielwiesen f&amp;uuml;r die Leute.&amp;laquo; Er will es einfach nicht begreifen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dreimal legt das Schiff unterwegs in H&amp;auml;fen an. Jedesmal muss darum Hennie die Leute darum bitten, sich doch jetzt wieder etwas anzuziehen. Je l&amp;auml;nger die Fahrt dauert, desto weniger h&amp;ouml;ren sie auf ihn. Vor dem Stop in Costa Rica braucht er drei Durchsagen, in ansteigender Verzweiflung. Beim ersten Mal meldet er sich h&amp;ouml;flich, beim zweiten Mal wie ein Lehrer mit Autorit&amp;auml;tsproblemen, beim dritten Mal klingt er flehend. Im Restaurant rei&amp;szlig;t derweil ein Mann wie ein Cartoon-Sittenstrolch seinen Bademantel auf, sobald jemand an ihm vorbeigeht. Ein Riesenspa&amp;szlig;. Ein paar Tische weiter protestiert einer mit seinem T-Shirt. Auf dem steht: &amp;raquo;I shaved my balls for this?&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Abends beim Essen sitze ich unter anderem mit Amy am Tisch. Sie ist 41, sieht aber &amp;ndash; wie wirklich alle an Bord &amp;ndash; zehn Jahre j&amp;uuml;nger aus. Dieser Nudismus scheint frisch zu halten. Ich sage ihr das auch so. Sie sagt: &amp;raquo;Oooh, so ein nettes Kompliment, willst du daf&amp;uuml;r vielleicht ein Foto von meinen M&amp;ouml;psen machen?&amp;laquo; und zieht ihr Oberteil herunter. Ihre Theorie f&amp;uuml;r die Abwesenheit von j&amp;uuml;ngeren Menschen auf diesem Schiff lautet &amp;uuml;brigens: &amp;raquo;Die sch&amp;auml;men sich alle noch f&amp;uuml;r ihren K&amp;ouml;rper.&amp;laquo; Wahrscheinlich muss man erst so alt werden, dass man seinen eigenen K&amp;ouml;rper auch mal als Pointe eines Witzes verwendet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist der Abend des Valentinstags. Hennie, der Spa&amp;szlig;direktor, bittet zu einer P&amp;auml;rchenshow in den gro&amp;szlig;en Saal. Auf der B&amp;uuml;hne sitzen drei Paare, die Fragen &amp;uuml;ber ihre Beziehung beantworten m&amp;uuml;ssen, ohne dass sie sehen k&amp;ouml;nnen, was ihr Partner dazu schreibt. Man kennt solche Spiele von Hochzeiten. Das Paar ganz links, das sind Jerry und Betty. Sie haben sich 1949 kennengelernt, da waren sie l&amp;auml;ngst keine Kinder mehr. Die letzte Frage des Abends lautet: Stellt euch vor, ein Papagei w&amp;uuml;rde in eurem Schlafzimmer leben. Welchen Satz bek&amp;auml;me er so oft zu h&amp;ouml;ren, dass er ihn irgendwann nachplappert? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Betty schreibt: &amp;raquo;I want more.&amp;laquo; &lt;br /&gt; Jerry schreibt: &amp;raquo;Not tonight.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Nackt im Wind</dc:subject>
    <dc:creator>Philipp Schwenke</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-15T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Such!</title>
    <description>&lt;p&gt;Ein amerikanischer Kunsth&amp;auml;ndler hat einen Goldschatz in den Rocky   Mountains versteckt - und jeder ist eingeladen, ihn zu finden. Einziger   Haken: Man m&amp;uuml;sste dazu dieses Gedicht entschl&amp;uuml;sseln.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57843.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Foto: Wo hat dieser Mann die Million versteckt? Die Antwort soll im Gedicht stecken. Hier lesen Sie die ganze Geschichte von &lt;a href=&quot;/texte/anzeigen/39691/Wo-steckt-die-Million&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Forrest Fenns verstecktem Goldschatz&lt;/a&gt;.)&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;As I have gone alone in there&lt;br /&gt; And with my treasures bold,&lt;br /&gt; I can keep my secret where,&lt;br /&gt; And hint of riches new and old. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Begin it where warm waters halt&lt;br /&gt; And take it in the canyon down,&lt;br /&gt; Not far, but too far to walk.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Put in below the home of Brown. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;From there it&amp;rsquo;s no place for the meek,&lt;br /&gt; The end is ever drawing nigh;&lt;br /&gt; There&amp;rsquo;ll be no paddle up your creek,&lt;br /&gt; Just heavy loads and water high. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;If you&amp;rsquo;ve been wise and found the blaze,&lt;br /&gt; Look quickly down, your quest to cease,&lt;br /&gt; But tarry scant with marvel gaze,&lt;br /&gt; Just take the chest and go in peace. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So why is it that I must go&lt;br /&gt; And leave my trove for all to seek?&lt;br /&gt; The answers I already know,&lt;br /&gt; I&amp;rsquo;ve done it tired and now I&amp;rsquo;m weak. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So hear me all and listen good,&lt;br /&gt; Your effort will be worth the cold.&lt;br /&gt; If you are brave and in the wood&lt;br /&gt; I give you title to the gold.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</description>
    <dc:subject>Such!</dc:subject>
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    <dc:date>2013-03-14T18:07:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39691">
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    <title>Wo steckt die Million?</title>
    <description>&lt;p&gt;Ein amerikanischer Kunsth&amp;auml;ndler hat einen Goldschatz in den Rocky  Mountains versteckt - und jeder ist eingeladen, ihn zu finden. Einziger  Haken: Man m&amp;uuml;sste dazu ein seltsames Gedicht entschl&amp;uuml;sseln.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag hat Forrest Fenn beschlossen, die Welt vor ein R&amp;auml;tsel zu stellen, das Millionen Menschen verr&amp;uuml;ckt machen soll und einen Verr&amp;uuml;ckten zum Million&amp;auml;r. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Also ging Fenn &amp;ndash; ein Mann mit Holzf&amp;auml;llerstatur, wei&amp;szlig;en Augenbrauen und Cowboyhut &amp;ndash; in seinen Tresorraum, holte eine schuhkartongro&amp;szlig;e Messingtruhe voller Gold und Diamanten von einem Regalbrett, verstaute sie im Kofferraum und fuhr in Richtung Norden. Das Autoradio blieb aus, nichts sollte ihn ablenken. Immer wieder schaute er in den R&amp;uuml;ckspiegel, ob ihm jemand folgte. Wie lange er unterwegs war, verr&amp;auml;t er nicht, wohin er gefahren ist, schon gar nicht. Alles, was er sagt: Er hat die Truhe mit dem Schatz in den Rocky Mountains versteckt. Goldm&amp;uuml;nzen und Nuggets, antike Armb&amp;auml;nder mit Diamanten, im Wert von &amp;uuml;ber einer Million Euro. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch seine Lebensgeschichte hat er aufgeschrieben, wasserdicht verpackt und in die Truhe gelegt. Wer den Schatz findet, soll nicht nur reich werden, sondern auch etwas &amp;uuml;ber den Menschen lernen, der ihn versteckt hat. Seit mehr als zwei Jahren liegt die Truhe irgendwo in dem 5000 Kilometer langen Gebirgszug, der vom S&amp;uuml;dwesten der USA bis nach Kanada reicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jeder kann den Schatz finden, aber es soll nicht zu einfach sein. Fenn hat ein Gedicht geschrieben (&lt;em&gt;siehe Ende dieses Textes&lt;/em&gt;), das zur Truhe f&amp;uuml;hren soll: Sechs Verse, etwas holprig gereimt, mit Hinweisen wie aus einem Roman von Karl May. Von einem Ort, an dem es kein warmes Wasser mehr gibt, ist da die Rede, von einem Canyon, einem versteckten Zeichen, einer mysteri&amp;ouml;sen &amp;raquo;Heimat von Braun&amp;laquo; und einem Ort, an dem sanftm&amp;uuml;tige Leute nichts verloren haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Fenn hat die gereimte Schatzkarte ins Internet gestellt, dort wurde sie Hunderttausende Male weitergeschickt. Die Geschichte vom Schatz in den Bergen ist der Stoff, der Menschen zum Tr&amp;auml;umen bringt, weil alles erst mal ganz leicht klingt. Bisschen nachdenken, einen Geistesblitz haben und die Truhe finden, was ist schon dabei? Noch dazu hat Fenn einen Tipp gegeben: Er hat den Schatz an einem Ort versteckt, der ihm viel bedeutet. Um das Gedicht zu verstehen, muss man sich also gr&amp;uuml;ndlich mit Forrest Fenn besch&amp;auml;ftigen, mit seiner Lebensgeschichte als Kunsth&amp;auml;ndler und Schlitzohr, irgendwo zwischen Indiana Jones und Dagobert Duck.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In den USA haben Journalisten oft Dinge &amp;uuml;ber ihn geschrieben, die ihm nicht gefallen. Verr&amp;uuml;ckt wurde er genannt, eitel, ein Kauz mit zu viel Geld. Wenn man ihn fragt, warum er den Schatz versteckt hat, lacht Forrest Fenn und sein Karohemdbauch wippt. &amp;raquo;Ich will, dass Leute vom Jagdfieber gepackt werden, so wie ich.&amp;laquo; Er ist reich geworden, weil er, wie er sagt, immer auf der Suche war, nach guten Gesch&amp;auml;ften, aber auch nach Abenteuern. &amp;raquo;Ich m&amp;ouml;chte, dass irgendein Typ mit seinem Pick-up-Truck loszieht, meinen Schatz sucht und dabei ein bisschen was erlebt.&amp;laquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Forrest Fenn ist in Texas aufgewachsen, als kleiner Junge hat er mit seinem Vater ein paar Pfeilspitzen gefunden, wie Indianer sie benutzt haben. Es war der Start f&amp;uuml;r seine Sammlung, heute sieht sein Haus aus wie ein Museum: An den W&amp;auml;nden Indianerschmuck, &amp;uuml;ber dem Kamin h&amp;auml;ngen acht Stiersch&amp;auml;del, B&amp;uuml;cher stapeln sich bis unter die Decke, daneben, akkurat aufgereiht, Vasen, Waffen, Mokassins. Fenn hat es zu einem der erfolgreichsten H&amp;auml;ndler alter amerikanischer Kunst gebracht, in den Siebzigerjahren hat er eine Galerie er&amp;ouml;ffnet, bald verkaufte er Statuen, Teppiche und Gem&amp;auml;lde an Hollywoodstars wie Steven Spielberg, Michael Douglas und Steve Martin. Er besa&amp;szlig; einen Privatjet und einen Alligator namens Beowulf, aber den hat er vor ein paar Jahren einem Zoo geschenkt. Sein Ruf als etwas irrer Kunsth&amp;auml;ndler hat ihm auch Neid und &amp;Auml;rger gebracht, sogar als Grabr&amp;auml;uber wurde er bezeichnet, weil einige Kunstwerke auf zweifelhaften Wegen zu ihm gekommen sein sollen. Vor vier Jahren hat das FBI gegen ihn ermittelt, er redet offen dar&amp;uuml;ber. Der Fall sei abgeschlossen, sagt Fenn. Die Beamten h&amp;auml;tten sich sogar bei ihm entschuldigt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn er von seinem Schatz erz&amp;auml;hlt, sieht Fenn mit seinem 82 Jahren aus wie ein Lausbub, dem der beste Streich seines Lebens eingefallen ist.  Mit dieser absurden, aber zutiefst amerikanischen Idee, dass jeder reich werden kann, wenn er es nur ernsthaft genug will, ist Fenn ein Coup gelungen. Mehr als 7500 Schatzsucher haben ihm bisher geschrieben und von ihren Abenteuern erz&amp;auml;hlt, im Internet wird sein Gedicht rauf und runter diskutiert, ungez&amp;auml;hlte Blogs widmen sich der Schatzsuche, dort interpretieren Leute mit Pseudonymen wie &amp;raquo;Trucker Sue&amp;laquo; seine Reime. Der Fluss, an dem kein Paddel weiterhilft &amp;ndash; vielleicht ist er ja zugefroren, weil der Schatz nur im Winter zu finden ist? Die &amp;raquo;Heimat von Braun&amp;laquo; &amp;ndash; ist das wohl das &amp;raquo;Brown Hotel&amp;laquo; in der N&amp;auml;he von Santa Fe? Die Liste ist endlos. &amp;raquo;Alles was man wissen muss, um den Schatz zu finden, steht in dem Gedicht, ein paar Extrahinweise finden sich in meiner Autobiografie&amp;laquo;, sagt Fenn. Das Buch hat er im Selbstverlag ver&amp;ouml;ffentlicht, die Einnahmen spendet er einem Buchladen in Santa Fe und einer Krebsstiftung. Es ist ihm wichtig, dass man seinen Schatz nicht f&amp;uuml;r einen Werbegag h&amp;auml;lt: &amp;raquo;Ich habe nichts davon, au&amp;szlig;er ein bisschen Spa&amp;szlig;.&amp;laquo; Er sitzt gern mit einer Tasse Kakao am Kamin und stellt sich vor, wie Leute durch die Berge ziehen, um seinen Schatz zu finden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Idee dazu hatte er schon vor mehr als zwanzig Jahren. Damals hatten &amp;Auml;rzte ein Geschw&amp;uuml;r in seiner Niere gefunden, Krebs, sie gaben ihm noch ein halbes Jahr. &amp;raquo;Da habe ich mich gefragt: Was bleibt schon &amp;uuml;brig von mir, wenn ich tot bin?&amp;laquo; Er hat das Gedicht als eine Art Testament geschrieben, wollte den Schatz verstecken und neben der Truhe sterben, &amp;raquo;so h&amp;auml;tten Leute irgendwann mein Skelett gefunden, neben einer Kiste voller Gold&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es kam dann anders: Die &amp;Auml;rzte konnten ihn operieren, sein Krebs wurde geheilt. Die Truhe stand seitdem in seinem Tresor, immer wieder hat er an sie gedacht. Aber erst mit fast achtzig hat er beschlossen: &amp;raquo;Jetzt lebe ich wirklich nicht mehr lange &amp;ndash; das Ding muss raus in die Berge.&amp;laquo; Immer wieder hat Fenn neue Gegenst&amp;auml;nde in die Truhe gepackt, zwischen den 265 M&amp;uuml;nzen und den walnussgro&amp;szlig;en Nuggets liegt ein antiker Silberarmreif, ein Smaragdring, chinesische Figuren aus Jade und eine 2000 Jahre alte Kette aus Kolumbien. Fenn hat nicht vor, ein gro&amp;szlig;es Erbe zu hinterlassen. &amp;raquo;Meine Familie soll ihr eigenes Geld verdienen.&amp;laquo; F&amp;uuml;r jedes seiner sieben Enkelkinder hat er knapp 100 000 Dollar f&amp;uuml;r die Ausbildung zur Seite gelegt, &amp;raquo;das sollte reichen.&amp;laquo; Geld muss man sich selbst erjagen, alles andere schade dem Charakter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Forrest Fenn ist in seiner Heimatstadt Santa Fe eine Art Popstar. Wenn er durch die Stadt l&amp;auml;uft, bleiben die Menschen stehen und fragen, ob der Schatz schon gefunden wurde, erz&amp;auml;hlen von ihrem letzten Ausflug in die Berge und hoffen, dass Fenn ihnen einen Tipp gibt, wo die Truhe versteckt sein k&amp;ouml;nnte. Macht er nicht, nie, er klopft Leuten nur auf die Schulter und sagt Sachen wie: &amp;raquo;Er liegt immer noch da drau&amp;szlig;en, Kumpel, beeil dich besser, damit ihn keiner vor dir findet.&amp;laquo; Wenn er an einer Baustelle vorbeigeht, bleibt er stehen und fragt die Arbeiter, ob sie beim Graben etwas Interessantes gefunden haben, Pfeilspitzen oder Scherben, &amp;raquo;wenn es mir gef&amp;auml;llt, kaufe ich es euch ab.&amp;laquo; Die Arbeiter nicken, alles klar, Forrest, bis bald. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mittlerweile ist die Idee mit der Schatzsuche etwas aus dem Ruder gelaufen, sagt Fenn, manchmal lauern ihm Leute vor seinem Haus auf und fahren ihm nach, nur weil sie denken, er k&amp;ouml;nnte vielleicht nachsehen, ob der Schatz noch da ist. &amp;raquo;Es gibt viele Verr&amp;uuml;ckte da drau&amp;szlig;en, die den Schatz unbedingt haben wollen&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;und wenn ich ihn nicht selbst versteckt h&amp;auml;tte, w&amp;auml;re ich einer von ihnen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dal Neitzel sieht nicht aus wie ein Verr&amp;uuml;ckter. Er ist 64 Jahre alt und erinnert mit seinem wei&amp;szlig;em Haarkranz und dem Schnauzer eher an einen Schulpsychologen im Ruhestand. Aber das t&amp;auml;uscht: Neitzel sucht den Schatz so ehrgeizig wie kaum jemand sonst. In f&amp;uuml;nf Bundesstaaten war er schon mit seinem zerbeulten wei&amp;szlig;en General-Motors-Bus, 293 000 Meilen zeigt der Tacho. Er hat aufgeh&amp;ouml;rt, die N&amp;auml;chte zu z&amp;auml;hlen, die er w&amp;auml;hrend der Schatzsuche auf der Ladefl&amp;auml;che geschlafen hat.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Die Stelle w&amp;auml;re ein perfektes Versteck.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57571.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Hunderte Karten, B&amp;uuml;cher und Luftaufnahmen der Rocky Mountains hat er studiert, sie f&amp;uuml;llen ein ganzes Regal in seinem Haus. Er wohnt in der N&amp;auml;he von Seattle, am anderen Ende Amerikas, nach Santa Fe ist er  mit dem Auto vier Tage unterwegs. Manchmal nimmt er Freunde mit auf die Suche, einmal war er mit seinem Stiefsohn eine Woche unterwegs. Gefunden haben sie nichts, aber es war ein Ausflug voller Abenteuerromantik mit Lagerfeuer, Taschenmesser und Wanderungen &amp;uuml;ber enge Bergp&amp;auml;sse. Einen zerknitterten Ausdruck des Schatzkartengedichts hat er immer dabei. Mittlerweile vermutet er den Schatz in New Mexico, nicht allzu weit von Fenns Haus entfernt. &amp;raquo;Er ist alt und hat die Truhe allein versteckt &amp;ndash; der f&amp;auml;hrt doch nicht bis nach Kanada.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Abend, bevor Dal Neitzel sich zum f&amp;uuml;nfzehnten Mal auf die Suche macht, breitet er drei Wanderkarten im Ma&amp;szlig;stab 1:40 000 auf seinem Hotelbett in Santa Fe aus, nimmt einen Stift und zeigt auf einen Nationalpark, den Cimarron Canyon. &amp;raquo;Ich bin mir sicher, dass der Schatz irgendwo hier liegt.&amp;laquo; Er geht die Hinweise aus dem Gedicht systematisch durch: Warmes Wasser gibt es hier nicht mehr, es gab mal eine hei&amp;szlig;e Quelle in der Gegend, aber die ist l&amp;auml;ngst ausgetrocknet, solche Dinge liest Neitzel in Geologieb&amp;uuml;chern nach. Aus der Biografie von Forrest Fenn wei&amp;szlig; er, dass Fenn hier fr&amp;uuml;her Forellen gefischt hat. &amp;raquo;Braune Forellen, um genau zu sein.&amp;laquo; Das k&amp;ouml;nnte die &amp;raquo;Heimat von Braun&amp;laquo; sein, die im Gedicht beschrieben wird. Einen Canyon gibt es in der N&amp;auml;he, und ein Ort f&amp;uuml;r Sanftm&amp;uuml;tige ist es auch nicht, sondern einer f&amp;uuml;r Outlaws: &amp;raquo;Hier haben sich vor hundert Jahren Gangster wie Billy the Kid versteckt.&amp;laquo; Alles passt zusammen, aber bei einem Gedicht, das so vage formuliert ist, passt an vielen Orten alles zusammen. &amp;raquo;Es kommt noch besser&amp;laquo;, sagt Neitzel, holt die Autobiografie von Forrest Fenn aus seinem Rucksack, schl&amp;auml;gt die letzte Seite auf und zeigt auf zwei Symbole am oberen Rand. Neitzel ist jetzt ganz aufgeregt, sein Gesicht r&amp;ouml;tet sich: &amp;raquo;Das ist bestimmt ein Hinweis: zwei Omega-Zeichen nebeneinander.&amp;laquo; F&amp;uuml;r Dal Neitzel sehen die Schriftzeichen aus wie Hufeisen. Sein Finger gleitet &amp;uuml;ber die Karte des Nationalparks und bleibt auf einer Stelle liegen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Horseshoe Mine&amp;laquo; steht da geschrieben, Hufeisenmine. &amp;raquo;Die Stelle w&amp;auml;re ein perfektes Versteck.&amp;laquo; Neitzel ist ein &amp;auml;lterer Herr, der in der Regel leise und langsam spricht, aber jetzt gl&amp;uuml;ht er vollst&amp;auml;ndig. Morgen will er losziehen und den Schatz aus der Mine holen. Bevor er ins Bett geht, sagt er, nur halb im Scherz: &amp;raquo;Das k&amp;ouml;nnte meine letzte Nacht als armer Schlucker sein.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am n&amp;auml;chsten Morgen f&amp;auml;hrt er um kurz nach acht auf dem Highway 285 Richtung Norden, durch ein Bildbandamerika mit verlassenen Goldgr&amp;auml;berk&amp;auml;ffern, rostigen Tankstellenschildern und dieser Weite wie im Roadmovie. Im Gep&amp;auml;ck hat Neitzel vier Landkarten, einen Eispickel und einen tragbaren GPS-Empf&amp;auml;nger, wie Wanderer ihn benutzen. Die Fahrt zum Nationalpark dauert drei Stunden. Neitzel erz&amp;auml;hlt ein bisschen von sich: Er ist Kameramann, eigentlich, aber er sieht sich eher als Schatzsucher. Er hat f&amp;uuml;rs amerikanische Fernsehen Wracktaucher dabei begleitet, wie sie vor der K&amp;uuml;ste Uruguays das Silber versunkener Schiffe geborgen und unter sich aufgeteilt haben. Irgendwann haben die Schatzsucher ihn gefragt, ob er nicht die Kamera beiseitelegen und sich ihrem Team anschlie&amp;szlig;en will. Ein paar Jahre hat er mit ihnen auf Schiffen gelebt und Sch&amp;auml;tze gehoben. Wenn er davon erz&amp;auml;hlt, ist es so, als w&amp;uuml;rde man einem Abiturienten beim Bericht &amp;uuml;ber die Abschlussfahrt zuh&amp;ouml;ren: Sonne, Freiheit, Abenteuer. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vor neun Jahren hat sich das Team zerstritten, seitdem arbeitet Neitzel bei einem kleinen Fernsehsender, ein gem&amp;uuml;tliches Leben, Garten, Familie. Als ihm vor zwei Jahren ein Bekannter von Forrest Fenns Schatz erz&amp;auml;hlte, war es pl&amp;ouml;tzlich wieder da, dieses Jagdfieber. Seitdem widmet er jede freie Minute der Suche nach dem Gold, betreibt einen Blog, seine Beitr&amp;auml;ge werden Hunderte Male kommentiert. Er hat sich bisher kaum Gedanken gemacht, was er mit dem Geld anstellen w&amp;uuml;rde, wenn er die Truhe finden w&amp;uuml;rde. Ein neues Auto kaufen, das kostet vielleicht 30 000 Dollar, aber sonst? &amp;raquo;Klar will ich das Gold&amp;laquo;, sagt er &amp;raquo;aber es geht mir auch um das Gef&amp;uuml;hl: Ich habe das Gedicht verstanden, als einziger Mensch.&amp;laquo; Er hat Forrest Fenn schon ein paar Mal getroffen. Neitzel kennt die Autobiografie fast auswendig, unterwegs rattert er die Eckdaten runter, als w&amp;uuml;rde ihn jemand abfragen: wann und wie oft Forrest Fenn als Soldat in Vietnam abgeschossen wurde, wie sein Freund in der Grundschule hie&amp;szlig; &amp;ndash; er wei&amp;szlig; alles, auch wenn es ihm vielleicht nicht dabei helfen wird, den Schatz zu finden. Insofern hat Fenn sein Ziel also schon erreicht: Es gibt fremde Menschen, die alles &amp;uuml;ber ihn wissen und seine Geschichte weitererz&amp;auml;hlen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als Dal Neitzel an der Horseshoe Mine angekommen ist, stellt er das Auto am Stra&amp;szlig;enrand ab, er macht sich nicht die M&amp;uuml;he, einen Parkplatz zu suchen. Er ist jetzt richtig nerv&amp;ouml;s, seine Wangen gl&amp;uuml;hen wieder. Die Mine liegt oberhalb der Stra&amp;szlig;e auf einem H&amp;uuml;gel. Den Eingang, einen in den Basaltfelsen gehauenen Tunnel, &amp;uuml;bersieht man leicht. Neitzel zieht seine gelben Arbeitshandschuhe an, nimmt M&amp;uuml;tze, Pickel und Taschenlampe, tastet sich langsam bergauf und geht geb&amp;uuml;ckt in die Mine. &amp;raquo;Vor &amp;uuml;ber hundert Jahren haben die Leute hier nach Gold gesucht&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;genau wie ich heute.&amp;laquo; Gefunden haben sie damals nichts, die Mine ruht verlassen im Fels. Besonders gro&amp;szlig; ist sie nicht, etwa zehn Meter lang ist der Tunnel und nur so hoch, dass man kaum aufrecht stehen kann. Boden, W&amp;auml;nde, Decke, alles aus Basalt, die Schritte knirschen. Bis auf den Lichtkegel der Taschenlampe ist alles schwarz, ein Schwarm M&amp;uuml;cken fliegt einem ins Gesicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Neitzel leuchtet jeden Winkel aus, pocht mit der Axt immer wieder an die Tunnelwand. Aber er findet keinen Hohlraum, kein Zeichen f&amp;uuml;r den Schatz. Vergraben kann er auch nicht sein, der Boden ist aus massivem Stein. Es dauert &amp;uuml;ber eine Stunde, bis Neitzel sich ans Ende vorgetastet hat: Zentimeterweise leuchtet und klopft er die W&amp;auml;nde ab, vom Eingang bis zu der Stelle, an der die Mine einfach aufh&amp;ouml;rt. Das Einzige, was er dort findet: zwei leere Bierdosen, Bud Light. &amp;raquo;Wir waren nicht die Ersten hier&amp;laquo;, sagt Neitzel und packt seinen Pickel ein, &amp;raquo;jetzt kann ich einen weiteren Ort von meiner Liste streichen.&amp;laquo; Entt&amp;auml;uscht? &amp;raquo;Nein&amp;laquo;, sagt er, und es klingt nach Ja. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein letztes Mal l&amp;auml;sst er den Lichtstrahl &amp;uuml;ber die Wand wandern. Jemand hat mit hellgr&amp;uuml;ner Farbe &amp;raquo;Fuck you&amp;laquo; an die Wand gespr&amp;uuml;ht. Er will bald wiederkommen in den Nationalpark, eine Idee hat er noch, wo das Gold versteckt sein k&amp;ouml;nnte, aber die will er nicht verraten. Wenn sie im SZ-Magazin steht, k&amp;ouml;nnte ihm jemand zuvorkommen. Er wei&amp;szlig;, dass dieser Text &amp;uuml;ber ihn wahrscheinlich von irgendeinem Schatzsucher ins Englische &amp;uuml;bersetzt und ins Internet gestellt wird, wie es mit fast jedem Artikel &amp;uuml;ber Forrest Fenns Gold passiert ist. &amp;raquo;Die Leute haben Angst, etwas zu verpassen&amp;laquo;, sagt er. Interviews mit Fenn werden im Netz gedeutet, als w&amp;auml;ren sie die Offenbarung eines Heiligen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Neitzel geht zur&amp;uuml;ck zum Auto. An der Windschutzscheibe h&amp;auml;ngt ein Strafzettel, 15 Dollar f&amp;uuml;r Falschparken im Nationalpark. Dal Neitzel lacht, &amp;raquo;das Abenteuer ist f&amp;uuml;r heute vorbei&amp;laquo;. Vielleicht schreibt er das mit dem Strafzettel in seinem Blog, seinen Lesern w&amp;uuml;rde das gefallen. Es sind Menschen wie er, sie f&amp;uuml;hren ein bodenst&amp;auml;ndiges Leben &amp;ndash; aber eine Truhe voller Gold, die sie vermutlich niemals finden werden, gibt ihnen das Gef&amp;uuml;hl: Bu&amp;szlig;gelder, Rasenm&amp;auml;hen, Elternsprechstunde, sch&amp;ouml;n und gut. Aber irgendwo da drau&amp;szlig;en liegt ein Abenteuer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;-----&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Gedicht: &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;blockquote&gt;As I have gone alone in there&lt;br /&gt; And with my treasures bold,&lt;br /&gt; I can keep my secret where,&lt;br /&gt; And hint of riches new and old. Begin it where warm waters halt&lt;br /&gt; And take it in the canyon down,&lt;br /&gt; Not far, but too far to walk.&lt;br /&gt; Put in below the home of Brown. From there it&amp;rsquo;s no place for the meek,&lt;br /&gt; The end is ever drawing nigh;&lt;br /&gt; There&amp;rsquo;ll be no paddle up your creek,&lt;br /&gt; Just heavy loads and water high. If you&amp;rsquo;ve been wise and found the blaze,&lt;br /&gt; Look quickly down, your quest to cease,&lt;br /&gt; But tarry scant with marvel gaze,&lt;br /&gt; Just take the chest and go in peace. So why is it that I must go&lt;br /&gt; And leave my trove for all to seek?&lt;br /&gt; The answers I already know,&lt;br /&gt; I&amp;rsquo;ve done it tired and now I&amp;rsquo;m weak. So hear me all and listen good,&lt;br /&gt; Your effort will be worth the cold.&lt;br /&gt; If you are brave and in the wood&lt;br /&gt; I give you title to the gold.&lt;/blockquote&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fotos: Donald Weber / VII Photo&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Wo steckt die Million?</dc:subject>
    <dc:creator>Till Krause</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-14T17:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39655">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39655</link>
    <title>In Trauer verbunden</title>
    <description>&lt;p&gt;Die V&amp;auml;ter von Semiya Simsek und Gamze Kubasik wurden  von Neonazis erschossen, mitten in Deutschland. Ihr geteiltes Schicksal  hat sie zu Freundinnen gemacht.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57399.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Semiya (links) und Gamze sind Nebenkl&amp;auml;gerinnen im Prozess gegen die Rechtsextremistin Beate Zsch&amp;auml;pe, der am 17. April beginnt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Ihre V&amp;auml;ter wurden von den Nazis der Zwickauer Terrorzelle ermordet. Ihr Vater, Semiya Simsek, wurde bereits 2000 in N&amp;uuml;rnberg erschossen. Ihrer, Gamze Kubasik, sechs Jahre sp&amp;auml;ter in Dortmund. Wie haben Sie beide sich kennengelernt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Semiya Simsek:&lt;/strong&gt; Im Mai 2006 in Kassel auf dem Schweigemarsch f&amp;uuml;r Halit Yozgat. Er war das neunte Opfer, er wurde in seinem Internetcaf&amp;eacute; erschossen. Dort unter den Trauernden habe ich Gamze gesehen und sie angesprochen. Ich wusste, dass der Mord an ihrem Vater gerade erst ein paar Wochen her war. Und ich habe in ihren Augen diese Ratlosigkeit erkannt, die ich auch damals gesp&amp;uuml;rt hatte. Sie tat mir so leid. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was haben Sie gesagt, Frau Simsek?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Ich glaube, so was wie &amp;raquo;Dein Vater k&amp;ouml;nnte noch leben. Ihn h&amp;auml;tte man retten k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gamze Kubasik:&lt;/strong&gt; Ja, das werde ich nie vergessen, weil es mich sehr ber&amp;uuml;hrt hat. Semiyas Vater Enver war das erste Opfer, ihn konnte man nicht sch&amp;uuml;tzen. Aber h&amp;auml;tten die Beh&amp;ouml;rden nach dem ersten Mord oder den ersten zwei, drei Morden richtig ermittelt, dann w&amp;auml;re mein Vater noch am Leben. Wenn ich heute dar&amp;uuml;ber nachdenke, dann ist es das, was mir richtig weh tut: dass es nicht h&amp;auml;tte passieren m&amp;uuml;ssen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Waren Sie sich damals, 2006, schon sicher, dass die Taten zusammenh&amp;auml;ngen und es einen rechtsradikalen Hintergrund gibt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Gedacht habe ich das schon 2000, als mein Vater erschossen wurde, aber 2006 war ich mir dann vollends sicher. Und alle anderen auch. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; Ich war zwar noch unter Schock, aber ich erinnere mich, dass wir Opferfamilien nach dem Marsch in diesem t&amp;uuml;rkischen Vereinsheim in Kassel beim Tee zusammensa&amp;szlig;en und jeder noch mal den Tathergang von seinem Angeh&amp;ouml;rigen erz&amp;auml;hlt hat, um Gemeinsamkeiten zu finden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum hatten Sie die Hoffnung in die Beh&amp;ouml;rden zu diesem Zeitpunkt schon verloren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Weil die sehr schlecht mit uns umgegangen sind. Eine Theorie nach der anderen haben sie an uns ausprobiert. Erst haben sie meine Mutter verd&amp;auml;chtigt und ihre Br&amp;uuml;der; Mord aus Habgier haben sie unterstellt. Zur Zeit des Mordes war mein Vater auf dem H&amp;ouml;hepunkt des wirtschaftlichen Erfolges mit seinem Blumengro&amp;szlig;handel. Da hat er richtig gut verdient. Unter der Matratze meiner Eltern waren immer b&amp;uuml;ndelweise Scheine versteckt. Sp&amp;auml;ter hie&amp;szlig; es deshalb, mein Vater sei vermutlich Dealer gewesen und habe in Holland gar keine Blumen gekauft, sondern Drogen. Und dann: Die t&amp;uuml;rkische Mafia habe ihn wegen Spielschulden ermordet. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; Erz&amp;auml;hl mal das mit der Geliebten.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek&lt;/strong&gt;: Einmal haben die Ermittler meiner Mutter ein Foto von einer blonden Frau gezeigt, die sexy angezogen war, und gesagt, sie sei die Geliebte meines Vaters, mit der er ebenfalls zwei Kinder habe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hat Ihre Mutter das geglaubt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Keine Sekunde, deswegen haben sie den Bluff auch bald aufgel&amp;ouml;st. Sie h&amp;auml;tten nur mal gucken wollen, wie sie reagiert. Der Frau Boulgarides, der Ehefrau eines der beiden M&amp;uuml;nchner NSU-Opfer, haben sie das Bild von dieser Frau &amp;uuml;brigens auch gezeigt. Ihr haben sie erz&amp;auml;hlt, es sei die Prostituierte, zu der ihr Mann gegangen sei. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Frau Kubasik, waren Sie und Ihre Familie auch so vielen Verd&amp;auml;chtigungen ausgesetzt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; Ja, klar. Am Tag, nachdem mein Vater erschossen worden war, wurden wir alle zu Hause abgeholt, meine Mutter, ich, meine zwei kleinen Br&amp;uuml;der. Jeder von uns wurde acht Stunden lang verh&amp;ouml;rt. Einen Tag nach seinem Tod. Das war furchtbar. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was wurden Sie damals von den Polizisten gefragt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; Ob mein Vater Drogen verkauft hat. Ob ich je den Eindruck hatte, der Kiosk sei nur Tarnung. Ob es eine andere Frau gebe. Die haben mir allerhand Fotos von Ausl&amp;auml;ndern vorgelegt, die sollte ich durchgucken, ob ich Freunde von uns erkenne. Nachher habe ich erfahren: Das waren alles verurteilte Straft&amp;auml;ter. Das ging &amp;uuml;ber Jahre so. Mir hat sehr geholfen, dass Semiya mich beraten und gest&amp;uuml;tzt hat. Sie kannte das ja schon, die Verh&amp;ouml;re, die Verleumdungen. Ich bewundere sie sehr. Sie ist so stark. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was macht Ihre Freundschaft aus?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Die Basis ist nat&amp;uuml;rlich, dass wir das Gleiche erlebt haben. Dass ich einfach mitf&amp;uuml;hlen kann, was sie f&amp;uuml;hlt. Und sie, was ich f&amp;uuml;hle. Seit sieben Jahren sind wir befreundet. Und obwohl es mit dem Teilen der Trauer angefangen hat, reden wir nun auch &amp;uuml;ber viele andere Sachen. Wir erleben ja auch Sch&amp;ouml;nes. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik&lt;/strong&gt;: F&amp;uuml;r mich ist Semiya die besonderste Freundin, die ich habe. Wir sind uns &amp;auml;hnlich. Ich wei&amp;szlig; zum Beispiel, dass Semiya jetzt in diesem Augenblick am liebsten ins Bad rennen und weinen w&amp;uuml;rde. So geht es mir auch. Ich versuche immer richtig hart zu wirken und nicht &amp;ouml;ffentlich zu weinen. Ich will nicht, dass jemand Mitleid mit mir hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Ich geh&amp;ouml;re zu Deutschland.&amp;laquo;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57401.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Gamze Kubasik&lt;/strong&gt;, 27, ist die Tochter des achten Opfers, Mehmet  Kubasik. Seinen Namen hat sie sich auf den rechten Unterarm t&amp;auml;towieren  lassen. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In welchen Situationen f&amp;auml;llt Ihnen das Durchhalten besonders schwer?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Immer wenn ich an meinen Papa denke. Wenn ich einen Mercedes Sprinter sehe, so einen hat mein Vater gefahren. Mit dem ist er immer montags nach Holland zum Blumengro&amp;szlig;markt gefahren. Oder wenn ich ein Snickers sehe, denn diesen Riegel hat er immer irgendwo im Wagen f&amp;uuml;r mich versteckt. Wenn ich ihn fand, durfte ich ihn essen. Oder wenn jemand grillt, das hat mein Papa auch so gern getan. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; Bei mir sind es vor allem die Nachrichten im Fernsehen, die mich fertigmachen. Dann h&amp;ouml;rt man erst nur dieses Schlucken von mir und dann gehe ich schnell ins Bad, drehe den Wasserhahn auf, setze mich auf die Klobrille und weine erst mal. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre V&amp;auml;ter, Mehmet Kubasik und Enver Simsek, sind schon seit sieben beziehungsweise 13 Jahren tot. Erinnern Sie sich noch an die Umst&amp;auml;nde?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Nat&amp;uuml;rlich. Ich wurde nachts aus dem Internat geholt und ins Krankenhaus in N&amp;uuml;rnberg gefahren. Dort wurde ich erst verh&amp;ouml;rt. Die haben mich gefragt ob mein Papa eine Waffe gehabt habe, ich habe gesagt: &amp;raquo;Er hat ein Blumenmesser, mit dem er immer die Stiele k&amp;uuml;rzt.&amp;laquo; Dann durfte ich zu ihm. Ich habe gesehen, dass eines seiner Augen ausgelaufen war, er hatte Schusswunden, das Kissen war ganz blutig. Ich habe mich nicht getraut, ihn anzufassen, weil er so fremd aussah. Ich h&amp;auml;tte seine Hand streicheln k&amp;ouml;nnen, ich h&amp;auml;tte ihn ja nicht k&amp;uuml;ssen m&amp;uuml;ssen. Dass ich das nicht gemacht habe, bereue ich sehr. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; Ich kam von der Berufsschule. Ich bin also aus der Bahn ausgestiegen und zur Mallinckrodtstra&amp;szlig;e gelaufen, wo sein Kiosk war. Pl&amp;ouml;tzlich fingen die Leute, die davorstanden, an zu tuscheln: &amp;raquo;Die Tochter, die Tochter kommt.&amp;laquo; Da habe ich verstanden, dass was mit Papa ist, und bin unter der Absperrung durchgerannt, aber ein Polizist hat mich festgehalten. An seinen Augen hab ich gesehen, dass etwas Schlimmes passiert ist. Dann war ich weg. Ohnmacht. Die kommenden zwei Tage wurde ich  mit Spritzen beruhigt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wird der Schmerz weniger mit den Jahren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; Ich habe mich damit abgefunden. Aber das Vermissen wird jeden Tag schlimmer. Wir waren Freunde, haben fr&amp;uuml;her jeden Tag geredet, wenn ich ihn im Kiosk abgel&amp;ouml;st habe, damit er einkaufen fahren kann. Er hat immer gesagt, ich sei seine rechte Hand. Deshalb habe ich mir nach seinem Tod seinen Namen in den rechten Unterarm t&amp;auml;towieren lassen.   &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Ich bin wirklich eifers&amp;uuml;chtig auf die Gamze, die so viel Zeit mit ihrem Vater hatte. Meine Erinnerung h&amp;ouml;ren auf bei Mathe lernen, Snickers verstecken und &amp;Auml;rger kriegen, wenn mein Bruder und ich mit unseren Inline-Skates verbotenerweise den steilen Berg runtergesaust sind. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Frau Simsek, Sie schreiben in Ihrem Buch &lt;em&gt;Schmerzliche Heimat&lt;/em&gt;, dass Sie beim Aufr&amp;auml;umen mal einen Schuhkarton mit Liebesbriefen gefunden haben, die Ihre Eltern sich geschrieben haben, und Sie durch diese Briefe Ihren Vater das erste Mal als Mann wahrgenommen haben. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek&lt;/strong&gt;: Ja, das stimmt. Damals, Anfang der Achtziger, hat meine Mutter schon in Deutschland gelebt und mein Vater noch in der T&amp;uuml;rkei, weil er dort seinen Milit&amp;auml;rdienst ableisten musste. Ihre ersten beiden Ehejahre haben sie sich st&amp;auml;ndig geschrieben. Mein Vater war ganz sch&amp;ouml;n romantisch und wahnsinnig verliebt in meine Mutter. F&amp;uuml;r sie hat er sogar seine Br&amp;uuml;der und Schwester zur&amp;uuml;ckgelassen und ist nach Deutschland gekommen. Das hat denen gar nicht gefallen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und dann wird er in Deutschland ermordet und die Ehefrau ist die Verd&amp;auml;chtige. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Diese Verd&amp;auml;chtigungen haben den Familienzusammenhalt zerst&amp;ouml;rt. Die Familie meines Vaters hat meiner Mutter und ihren Br&amp;uuml;dern nicht mehr getraut. Bis heute gr&amp;uuml;&amp;szlig;en wir uns nicht, wenn wir uns sehen. Ich habe im Sommer geheiratet, selbst zu diesem Anlass habe ich nichts von ihnen geh&amp;ouml;rt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Dann war es doch sicher eine Genugtuung f&amp;uuml;r Sie beide, als die M&amp;ouml;rder Uwe Mundlos und Uwe B&amp;ouml;hnhardt gefunden wurden? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Zuerst war es eine Genugtuung. Jeder hatte Mitleid, pl&amp;ouml;tzlich war ich nicht mehr die naive Tochter eines Straft&amp;auml;ters, die es nicht wahrhaben will, sondern das Opferkind, das schon immer die richtige Ahnung hatte. Aber nach ein paar Tagen ging mir dann auf, was das eigentlich bedeutet. N&amp;auml;mlich dass ich, als Deutsche mit t&amp;uuml;rkischen Wurzeln, hier nicht erw&amp;uuml;nscht bin. Ich hab mich gefragt: Wie sicher bin ich &amp;uuml;berhaupt noch in diesem Land?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Frau Simsek, Sie sind im vergangenen Sommer in die T&amp;uuml;rkei gezogen. K&amp;ouml;nnen Sie sich das f&amp;uuml;r sich und Ihren Mann auch vorstellen, Frau Kubasik? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; Der Gedanke kommt und geht, aber eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen. Und vor allem im Moment noch nicht. Es sind zu viele Fragen offen, als dass ich hier mit allem abschlie&amp;szlig;en k&amp;ouml;nnte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was sind das f&amp;uuml;r Fragen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Warum musste mein Vater sterben? Haben die Nazis ihn gekannt? Oder war das Zufall? Es sind f&amp;uuml;nf angeklagt, aber was ist mit all den anderen? Wie kann es sein, dass beim Verfassungsschutz Menschen arbeiten, die in ihrem Ort &amp;raquo;kleiner Adolf&amp;laquo; genannt werden, obwohl sie eigentlich die rechte Szene &amp;uuml;berwachen und &amp;uuml;berf&amp;uuml;hren sollen? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kubasik:&lt;/strong&gt; &amp;Uuml;berhaupt: Welche Rolle spielt der Verfassungsschutz? Wieso wurden Akten geschreddert? Und wieso haben diese ganzen Ermittlungsfehler f&amp;uuml;r niemanden Konsequenzen? &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Simsek:&lt;/strong&gt; Das macht mich so w&amp;uuml;tend. Und es gibt keinen, der einem mal eine ordentliche Antwort gibt. Ich will Aufkl&amp;auml;rung. Deutschland ist ja meine Heimat. Deswegen erz&amp;auml;hle ich alles wieder und wieder. Ich k&amp;ouml;nnte ja auch sagen, Deutschland ist mir egal, ich lege mich in der T&amp;uuml;rkei unter einen Mirabellenbaum. Aber es ist mir eben nicht egal. Und wird es auch nie sein. Ich geh&amp;ouml;re zu Deutschland. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57403.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Semiya Simsek&lt;/strong&gt;, 26, ist die Tochter des ersten Opfers Enver Simsek, der mit acht Sch&amp;uuml;ssen hingerichtet wurde.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>In Trauer verbunden</dc:subject>
    <dc:creator>Lara Fritzsche (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-11T12:00:00+01:00</dc:date>
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