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    <title>sz-magazin.de - Gesundheit</title>
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    <title>Mit allen Mitteln</title>
    <description>&lt;p&gt;Um ihre geistige Leistung zu steigern, nehmen immer h&amp;auml;ufiger auch  Gesunde Tabletten, die f&amp;uuml;r psychisch Kranke gedacht sind. Gef&amp;auml;hrlicher  Irrsinn oder medizinischer Fortschritt? Die englische Psychiaterin  Barbara Sahakian sagt: Lieber Psychopharmaka als Kaffee.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59823.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Sie erforschen seit Jahrzehnten psychische Krankheiten und behandeln Patienten mit Medikamenten wie Ritalin und Modafinil, die das Bewusstsein ver&amp;auml;ndern. Wann wurde Ihnen klar, dass zunehmend auch Gesunde Psychopharmaka schlucken? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Barbara Sahakian:&lt;/strong&gt; So richtig bewusst wurde mir das bei einem Treffen von Neuropsychiatern in Florida vor einigen Jahren. Mein Vortrag war f&amp;uuml;r den Nachmittag angesetzt. Ich beschwerte mich, weil ich aus London angereist war und einen Jetlag hatte. Also bat ich um einen Termin am Vormittag. Ein Kollege bot mir stattdessen eine Modafinil-Tablette an. Ich sah ihn &amp;uuml;berrascht an. Er meinte, er nehme das immer, wenn er Jetlag habe. Sofort fragte ich mich, ob die anderen Kollegen wohl auch solche Substanzen n&amp;auml;hmen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bekamen Sie eine Antwort?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, w&amp;auml;hrend der Kaffeepause fragte ich reihum. Einer nach dem anderen gab zu, dass er zur Steigerung der geistigen Leistung Tabletten schlucke: Amphetamine, Methylphenidat, also Ritalin. Oder Modafinil, eine Substanz gegen pl&amp;ouml;tzliche Schlafanf&amp;auml;lle, die bereits an Kampfpiloten des US-Milit&amp;auml;rs getestet wurde, um ihre Konzentration auf langen Eins&amp;auml;tzen zu verbessern.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wird Ritalin nicht eher verschrieben, um hyperaktive Kinder ruhig zu stellen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ritalin bewirkt, dass sich Patienten nicht mehr so impulsiv verhalten, hat also eine hemmende Wirkung. Es stimuliert aber auch gewisse Regionen des Gehirns. Patienten sind dann wacher und besser in der Lage, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Inzwischen haben mehrere Untersuchungen belegt, dass Psychopharmaka in der gesunden Bev&amp;ouml;lkerung weit verbreitet sind. Umfragen unter Studenten weltweit ergaben, dass bis zu zwanzig Prozent stimulierende Mittel nutzen, um Stress zu bew&amp;auml;ltigen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zweifellos. Studenten sind nur eine Gruppe. Nach einem Vortrag kam k&amp;uuml;rzlich eine Frau auf mich zu, die in einem Medizinlabor arbeitet, und erz&amp;auml;hlte: Der Labordirektor nimmt Modafinil, die Mitarbeiter nehmen es. Und in Zukunft wird es so sein, dass es zwei Sorten von Menschen gibt: diejenigen, die es nehmen, und den Rest. Das mag &amp;uuml;bertrieben klingen, aber mein Eindruck ist, dass immer mehr Menschen solche Medikamente nehmen. Deshalb halte ich eine &amp;ouml;ffentliche Diskussion f&amp;uuml;r &amp;uuml;berf&amp;auml;llig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lassen Sie uns doch bei den Menschen beginnen, f&amp;uuml;r die Psychopharmaka urspr&amp;uuml;nglich vorgesehen waren. Auch hier hat die Anzahl der Verschreibungen ja massiv zugenommen. Warum? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lange Zeit wurde bei der Behandlung psychisch Kranker ein Aspekt vernachl&amp;auml;ssigt: der Verlust von kognitiven Funktionen, etwa die F&amp;auml;higkeit, Informationen aufzunehmen, zu speichern und zu verarbeiten. F&amp;uuml;r viele bedeutet die Diagnose Schizophrenie oder Depression, dass sie in einer Einrichtung verschwinden und f&amp;uuml;r lange Zeit am Arbeitsplatz ausfallen. Und wenn sie wieder zur&amp;uuml;ckkehren, haben sie gro&amp;szlig;e Schwierigkeiten, mit den kognitiven Anforderungen ihrer Arbeit fertigzuwerden. Das &lt;br /&gt; kostet nicht nur die Wirtschaft viel Geld, sondern schm&amp;auml;lert auch das Wohlbefinden der Betroffenen. Deshalb habe ich immer versucht, bei der Therapie psychisch Kranker auch deren kognitive F&amp;auml;higkeiten zu verbessern. Dabei sind Mittel wie Ritalin oder Modafinil durchaus hilfreich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist der wirtschaftliche Effekt nicht nebens&amp;auml;chlich, wenn es um die Heilung Kranker geht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich halte es f&amp;uuml;r extrem wichtig, dass die Betroffenen zur Arbeit gehen k&amp;ouml;nnen und sich nat&amp;uuml;rlich auch um ihre Kinder k&amp;uuml;mmern. Dass sie also im Alltag funktionieren. Das ist wichtig f&amp;uuml;r die Umgebung dieser Menschen, aber auch f&amp;uuml;r ihr Selbstwertgef&amp;uuml;hl.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie haben sich in diesem Zusammenhang mit der Frage auseinandergesetzt, wie der Mensch Entscheidungen trifft. Warum interessiert Sie das?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil Entscheidungen ein so integraler Bestandteil unseres Lebens sind, wir f&amp;auml;llen jeden Tag Hunderte, bewusst oder unbewusst. Gerade Menschen, die unter Depression leiden oder einer Manie, f&amp;uuml;hlen sich aber bereits mit einfachsten Entscheidungen &amp;uuml;berfordert. Deshalb haben viele von ihnen so gro&amp;szlig;e Schwierigkeiten, den Alltag zu bew&amp;auml;ltigen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Woher r&amp;uuml;hren diese Schwierigkeiten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir lernen gerade, das zu verstehen. Dabei haben wir die Entscheidungen in zwei Kategorien eingeteilt: kalte und hei&amp;szlig;e Entscheidungen. Unter kalten Entscheidungen verstehe ich einfache Fragen, die sich rational beantworten lassen, etwa: Es regnet &amp;ndash; soll ich trotzdem mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder lieber mit dem Bus? Bei den hei&amp;szlig;en Entscheidungen geht es um grunds&amp;auml;tzlichere Dinge, Intuition und Gef&amp;uuml;hle spielen eine wichtige Rolle: Soll ich meinen Partner heiraten? Ist es an der Zeit, den Job zu wechseln?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Inwiefern hilft Ihnen diese Unterscheidung bei der Forschung weiter?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Studien haben ergeben, dass Patienten mit Sch&amp;auml;den im dorsolateralen pr&amp;auml;frontalen Kortex, einer Region an der Stirnseite des Gehirns, sehr schlecht bei kalten Entscheidungen sind, aber sehr gut bei hei&amp;szlig;en Entscheidungen. Bei Patienten mit Sch&amp;auml;den im orbitofrontalen Kortex ist es genau umgekehrt. Es scheint also, dass bestimmte Regionen des Hirns f&amp;uuml;r verschiedene Arten von Entscheidungen von elementarer Bedeutung sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie l&amp;auml;sst sich die Qualit&amp;auml;t einer Entscheidung messen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Daf&amp;uuml;r gibt es Computertests. Einen haben wir hier in Cambridge entwickelt: Auf dem Bildschirm werden zehn H&amp;uuml;tchen eingeblendet, unter einem befindet sich eine goldene M&amp;uuml;nze. Die H&amp;uuml;tchen sind rot und blau. Mit jeder Runde &amp;auml;ndert sich die Verteilung der Farben, mal sind es vier blaue und sechs rote, mal acht blaue und zwei rote. Der Spieler muss wetten, ob sich die M&amp;uuml;nze unter einem blauen oder roten H&amp;uuml;tchen findet. Aus solchen abstrakten Tests lassen sich viele Schl&amp;uuml;sse ziehen, etwa, ob ein Spieler zu riskantem Verhalten neigt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Konnten Sie weitere Unterschiede zwischen psychisch kranken und gesunden Menschen feststellen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Psychisch Kranke neigen dazu, negatives Feedback &amp;uuml;berzubewerten und positives auszublenden. Angenommen, ein Vorgesetzter in der Arbeit sagt nach Abschluss eines Projekts: Das hast du sehr gut gemacht, beim n&amp;auml;chsten Mal solltest Du vielleicht noch diesen oder jenen Punkt ber&amp;uuml;cksichtigen. Psychisch stabile Menschen w&amp;uuml;rden die Bemerkung als Lob verstehen und den Verbesserungsvorschlag wohlwollend aufnehmen. Ein depressiver Mensch wird eher nur den zweiten Teil des Satzes aufnehmen, und zwar als Kritik an seinem Verhalten. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie l&amp;auml;sst sich diese unterschiedliche Wahrnehmung nachweisen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Durch Beobachtungen im Hirnscanner: Bei gesunden Menschen werden in solchen Situationen Teile des Gehirns deaktiviert, etwa die Amygdala. So k&amp;ouml;nnen wir eher n&amp;uuml;chtern mit dem umgehen, was uns andere Menschen entgegenhalten. Im Gehirn von depressiven Menschen funktioniert der Mechanismus nicht, bei ihnen bleibt die Amygdala aktiv, sie werden von ihren Gef&amp;uuml;hlen &amp;uuml;berw&amp;auml;ltigt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beeinflusst das auch ihre Entscheidungen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wer alle Einfl&amp;uuml;sse von au&amp;szlig;en nur als negativ wahrnimmt, ist auch bei seinen Entscheidungen beeintr&amp;auml;chtigt. Diese St&amp;ouml;rung k&amp;ouml;nnte sogar daf&amp;uuml;r verantwortlich sein, dass depressive Menschen im Schnitt mehr Selbstmordversuche unternehmen. Deswegen interessiert uns Forscher die Chemie des Gehirns: wie sie sich in verschiedenen Lebenssituationen ver&amp;auml;ndert und wie wir sie &amp;ndash; bei psychisch kranken Menschen &amp;ndash; mit Medikamenten ver&amp;auml;ndern k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Besch&amp;auml;ftigen Sie sich auch mit der rasant wachsenden Zahl von Alzheimer-Patienten? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich. Leider erhalten viele die Diagnose erst, wenn wesentliche Hirnfunktionen schon gest&amp;ouml;rt sind: Sprache, Probleml&amp;ouml;sung, Ged&amp;auml;chtnis. Das bedeutet: Wichtige Teile und Verbindungen des Gehirns sind bereits gesch&amp;auml;digt, dann wirken auch keine Medikamente mehr. Deshalb versuchen wir, Alzheimer-Patienten bereits zu erkennen, wenn sich die ersten Probleme mit dem episodischen Ged&amp;auml;chtnis manifestieren.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Welche Probleme meinen Sie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Na ja, man bekommt zum Beispiel zunehmend Schwierigkeiten, sich zu erinnern, wo  man im Parkhaus sein Auto abgestellt hat. Oder man ist &lt;br /&gt; zu Hause permanent auf der Suche nach dem Schl&amp;uuml;ssel.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;&lt;/span&gt;Wenn ich mir etwas von der Pharmaindustrie w&amp;uuml;nsche, dann sind es  Arzneien, die die Zerst&amp;ouml;rung von  Gehirnsubstanz stoppen.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59825.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Barbara Sahakian&lt;/strong&gt; ist Professorin f&amp;uuml;r  Psychiatrie an der englischen Universit&amp;auml;t Cambridge. Sie erforscht die  Vorg&amp;auml;nge im Gehirn, die Verhalten und geistige Leistungsf&amp;auml;higkeit von  psychisch Kranken beeintr&amp;auml;chtigen. Dazu geh&amp;ouml;rt auch die Suche nach  Therapien und Medikamenten. In ihrem j&amp;uuml;ngsten Buch &amp;raquo;Bad Moves: How  decision making goes wrong, and the ethics of smart drugs&amp;laquo; (bisher nur  auf Englisch erschienen) widmet sie sich dem Ph&amp;auml;nomen, dass zunehmend  auch Gesunde Psychopharmaka nehmen, um Konzentration und Produktivit&amp;auml;t  zu steigern, was viele ethische Fragen aufwirft. Nicht alle kann und  will Sahakian beantworten - die Gesellschaft m&amp;uuml;sse entscheiden, wie sie  mit den neuen Mitteln umgeht.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und dagegen helfen nur Tabletten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nicht nur. Ich w&amp;auml;re froh, wenn sich die Menschen angew&amp;ouml;hnen w&amp;uuml;rden, neben der k&amp;ouml;rperlichen auch die geistige Fitness zu trainieren. Teilweise &amp;uuml;berschneidet sich das ja, Bewegung und Sport sind gut f&amp;uuml;r K&amp;ouml;rper und Geist. Auch lebenslanges Lernen h&amp;auml;lt geistig fit. Trotzdem werden wir im Kampf gegen Alzheimer nicht ohne Medikamente auskommen. Wenn ich mir etwas von der Pharmaindustrie w&amp;uuml;nsche, dann sind es Arzneien, die nicht nur die Symptome lindern, sondern die Zerst&amp;ouml;rung von Gehirnsubstanz stoppen. Es gibt auch einen &amp;ouml;konomischen Druck: F&amp;uuml;r Gro&amp;szlig;britannien wurde berechnet, dass wir den prognostizierten Anstieg der Pflegekosten f&amp;uuml;r die kommenden zwei Jahrzehnte einsparen k&amp;ouml;nnten, wenn die kognitiven F&amp;auml;higkeiten von Alzheimerpatienten nur um ein Prozent besser w&amp;auml;ren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Niemand wird bestreiten, dass Entwicklung und Einsatz solcher Medikamente bei Kranken w&amp;uuml;nschenswert sind. Aber es gibt gro&amp;szlig;e Vorbehalte gegen die Einnahme von Psychopharmaka durch gesunde Menschen. K&amp;ouml;nnten Sie sich vorstellen, von einem Chirurgenoperiert zu werden, der zuvor Modafinil eingenommen hat?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Ph&amp;auml;nomen, dass Menschen Drogen benutzen, um ihre Aufmerksamkeit zu steigern oder wach zu bleiben, ist nicht so neu. Einige &amp;Auml;rzte rauchen aus diesem Grund, Nikotin h&amp;auml;lt wach, mit den bekannten Nebenwirkungen. Und noch mehr nehmen Koffein zu sich, sie trinken Kaffee. Eine wichtige Nebenwirkung von Koffein ist der Tremor, die H&amp;auml;nde werden zittrig &amp;ndash; alles andere als ideal f&amp;uuml;r einen Arzt mit Skalpell in der Hand. Wir  haben deshalb Modafinil bei &amp;Auml;rzten getestet, die regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig zu wenig Schlaf bekamen. Die Ergebnisse waren positiv: Sie blieben ruhiger und ausgeglichener, erwiesen sich als flexibler, wenn es Probleme zu l&amp;ouml;sen galt. M&amp;ouml;glicherweise gibt es Berufsgruppen, bei denen es im Interesse aller w&amp;auml;re, wenn sie solche Medikamente zu sich n&amp;auml;hmen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche w&amp;auml;ren das, von den &amp;Auml;rzten abgesehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zum Beispiel Busfahrer, die nachts unterwegs sind. Vor Kurzem erst kam es wieder zu mehreren schrecklichen Busungl&amp;uuml;cken, bei denen auch Kinder starben, weil der Fahrer eingeschlafen war. Aus Versuchen wissen wir, dass weniger Unf&amp;auml;lle passieren, wenn Schichtarbeiter Modafinil einnehmen. Warum nicht auch Busfahrer?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W&amp;auml;re es nicht sinnvoller, die Arbeitsbelastung in diesen Berufsgruppen zu verringern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Theoretisch ja, aber so einfach ist das nicht. In England zum Beispiel wurden unl&amp;auml;ngst&lt;br /&gt; die Arbeitszeiten von jungen &amp;Auml;rzten verk&amp;uuml;rzt, sodass ihnen mehr Zeit zum Ausruhen und Schlafen bleibt. Das Problem: Trotzdem m&amp;uuml;ssen &amp;Auml;rzte weiter auch nachts arbeiten, also tags&amp;uuml;ber schlafen &amp;ndash; was vielen schwerf&amp;auml;llt. Au&amp;szlig;erdem l&amp;auml;sst sich kaum kontrollieren, ob die &amp;Auml;rzte in dieser zus&amp;auml;tzlichen Zeit wirklich schlafen. Oder sich vielleicht mit Freunden treffen. Und ob ihr Schlaf wirklich erholsam ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Studenten m&amp;uuml;ssten nicht unbedingt nachts arbeiten, wenn sie sich etwas besser organisieren. Wie erkl&amp;auml;ren Sie sich, dass sie trotzdem diese Mittel zu sich nehmen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir haben im Rahmen einer Studie festgestellt, dass gesunde Menschen, die etwa Modafinil schlucken, ihnen gestellte Aufgaben mit mehr Freude erledigen. Aus den Universit&amp;auml;ten h&amp;ouml;re ich oft, dass sich Studenten mit Medikamenten leichter tun, auf Pr&amp;uuml;fungen zu lernen oder umfangreiche Arbeiten zu verfassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sollten Studenten nicht f&amp;auml;hig sein, sich all das zu erarbeiten, ohne Pillen einzuwerfen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, aber leider gehen viele lieber den einfachen Weg, so tickt nun einmal unsere Gesellschaft. Ich sehe die Gefahr, dass eine wesentliche Erfahrung verloren geht, wenn es Studenten nicht lernen, f&amp;uuml;r bestimmte Ergebnisse auch hart zu arbeiten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Braucht es nicht auch monotone Aufgaben, damit man den interessanten Stoff erst sch&amp;auml;tzen kann?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich wei&amp;szlig; auch nicht, was es hei&amp;szlig;t, wenn dieser Kontrast tats&amp;auml;chlich entf&amp;auml;llt. Wom&amp;ouml;glich w&amp;uuml;rde sich alles, was wir machen, gleich und etwas schal anf&amp;uuml;hlen. Ich halte es &amp;uuml;brigens auch f&amp;uuml;r kontraproduktiv, Medikamente zu schlucken, um nachts auf Pr&amp;uuml;fungen zu lernen: Schlie&amp;szlig;lich dient der Schlaf ja gerade dazu, tags&amp;uuml;ber erworbenes Wissen im Hirn zu verfestigen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie haben gesagt: Wenn viele Menschen diese Pillen schlucken, ver&amp;auml;ndert das nicht nur die Menschen, sondern auch unsere Gesellschaft. Eine Horrorvision?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jedenfalls kein unrealistisches Szenario. Nat&amp;uuml;rlich w&amp;auml;re mir lieber, Menschen w&amp;uuml;rden, wenn &amp;uuml;berhaupt, Mittel nehmen, um produktiver zu arbeiten &amp;ndash; und dann mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und die Freizeit zu genie&amp;szlig;en. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Die Versuchung dieser Medikamente besteht doch darin, dass sie den Menschen das versprechen, was die Leistungsgesellschaft von ihnen fordert: noch mehr zu arbeiten, noch produktiver zu sein.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich sehe auch die Gefahr, dass sich viele Menschen in unserer globalisierten Welt einen Vorteil davon versprechen, diese Pillen zu nehmen. Es ist allgemein bekannt, wie wichtig Forschung heute f&amp;uuml;r den Wohlstand eines Landes ist. Irgendwann k&amp;ouml;nnten auch Regierungen auf die Idee kommen: Wenn unsere Forscher diese Mittel nicht nutzen, machen es vielleicht die Chinesen. Aber niemand wei&amp;szlig;, ob es je so weit kommen wird. Und was mich etwas beruhigt: Meine Kollegen nehmen solche Mittel in erster Linie nach einer langen Reise oder wenn ein besonders anstrengender Tag bevorsteht. Ihnen geht es also gar nicht darum, mehr zu leisten, sondern auch an einem schlechten Tag das zu leisten, wozu sie sonst imstande sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Manche Kritiker halten die Erwartungen an die Psychomittel f&amp;uuml;r weit &amp;uuml;bertrieben. Zuweilen f&amp;uuml;hrten Pillen sogar zu schlechteren Leistungen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Effekte in den bisherigen Studien waren gering bis moderat. Einige Untersuchungen zeigten, dass sich besonders leistungsf&amp;auml;hige Teilnehmer etwas verschlechterten, wenn sie Methylphenidat oder Amphetamine nahmen. Das kann aber am Versuchsaufbau liegen. Bei Studien mit Modafinil konnten wir keine Ausschl&amp;auml;ge nach unten feststellen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Es gibt kein Medikament ohne Nebenwirkung. Wie gef&amp;auml;hrlich sind Psychopharmaka f&amp;uuml;r gesunde Menschen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das ist f&amp;uuml;r mich das gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Problem: Wir wissen nicht, ob sie langfristig halten, was sie versprechen, und welche Nebenwirkungen bestehen. Hier sind die staatlichen Gesundheitsbeh&amp;ouml;rden gefordert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wieso nicht die Hersteller?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil ihnen sonst zu Recht unterstellt w&amp;uuml;rde, sie wollten ihre Medikamente an Gesunde verkaufen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;F&amp;uuml;r Modafinil existieren Sch&amp;auml;tzungen, wonach neunzig Prozent der Anwendungen nicht dem entsprechen, wof&amp;uuml;r das Medikament entwickelt wurde. Glauben Sie wirklich, dass die Hersteller dar&amp;uuml;ber besonders ungl&amp;uuml;cklich sind?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zumindest halten sie sich zur&amp;uuml;ck, ihre Produkte an Gesunde zu vermarkten. Andernfalls haben sie harte Strafen von der staatlichen Gesundheitsaufsicht zu erwarten&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Im Internet floriert der Handel mit Psychopharmaka l&amp;auml;ngst.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deswegen bin ich ja f&amp;uuml;r Tests zur Langzeitwirkung dieser Medikamente. Dann k&amp;ouml;nnten sie legal in den Apotheken verkauft werden. Wer im Internet bestellt, wei&amp;szlig; nicht, was er bekommt, wo die Pillen hergestellt wurden, ob sie eventuell giftige Substanzen enthalten. M&amp;ouml;glicherweise vertragen sie sich nicht mit anderen Medikamenten, die gerade eingenommen werden. Das ist alles sehr unsicher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Fest steht, dass Mittel wie Ritalin abh&amp;auml;ngig machen. Liegt darin nicht eine gro&amp;szlig;e Gefahr?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Um das zu verhindern, wird das Mittel Kindern nur in niedrigen Dosen und oral &lt;br /&gt; verabreicht. In Experimenten hat sich gezeigt, dass Methylphenidat einen Gef&amp;uuml;hlsrausch verursacht, wenn es injiziert oder geschnupft wird wie &lt;br /&gt; Kokain. Erst dadurch entsteht Abh&amp;auml;ngigkeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Suchtexperten sehen in Medikamenten wie Ritalin oder Modafinil ein viel gr&amp;ouml;&amp;szlig;eres Suchtpotenzial als bei Drogen wie Haschisch. Sie seien n&amp;auml;mlich &amp;ndash; anders als die Drogen der Hippiegeneration &amp;ndash; absolut im Sinne unserer Leistungsgesellschaft.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Man muss differenzieren: W&amp;auml;hrend bei Ritalin die Gefahr der k&amp;ouml;rperlichen Abh&amp;auml;ngigkeit besteht, gibt es bei Modafinil bisher keine Hinweise. Die Warnung zielt wohl eher auf die psychische Abh&amp;auml;ngigkeit ab, und das zu Recht: Was passiert, wenn auf einmal die Mehrheit solche Mittel einnimmt? Ist dann wom&amp;ouml;glich jeder von uns gezwungen, dasselbe zu tun? An amerikanischen Schulen gibt es solche Tendenzen bereits. Eine Psychiaterin erz&amp;auml;hlte mir, sie werde von Eltern oft gedr&amp;auml;ngt, ihren Kindern Methylphenidat zu verschreiben, auch wenn sie kaum Anzeichen von Hyperaktivit&amp;auml;t zeigten. Offensichtlich wollen sie die Erfolgschancen ihrer Kinder in der Schule erh&amp;ouml;hen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ein deutscher Soziologe hat gesagt: Wenn gesunde Menschen anfangen, Medikamente zu nehmen, die f&amp;uuml;r Kranke bestimmt sind, dann muss die Gesellschaft, in der sie leben, krank sein. Teilen Sie diese Einsch&amp;auml;tzung?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Wunsch, sich selbst zu optimieren und eigene Defizite zu &amp;uuml;berwinden, scheint tief &lt;br /&gt; in uns verwurzelt zu sein. Wir versuchen, ges&amp;uuml;nder zu leben, schlucken Vitamine, unterziehen uns Sch&amp;ouml;nheitsoperationen. Deshalb wird es sicher eine gro&amp;szlig;e Nachfrage nach Medikamenten geben, die unsere geistige Leistung f&amp;ouml;rdern. Mir graut vor einer Gesellschaft, die Drogen nimmt, um Tag und Nacht zu arbeiten. Ich hoffe eher, dass wir lernen, zu unseren Defiziten zu stehen und die Kreativit&amp;auml;t auf gesunde Weise zu erlangen. Und uns h&amp;ouml;chstens mal, wenn sonst nichts hilft, einen Caff&amp;egrave; latte vom Stra&amp;szlig;encaf&amp;eacute; holen, mit einem Schuss Modafinil.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Fotos: dpa, Photopool&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Mit allen Mitteln</dc:subject>
    <dc:creator>Rainer Stadler (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-17T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Die Qual der Zahl</title>
    <description>&lt;p&gt;Einfach sch&amp;ouml;n vor sich hin leben? Vorbei. Experten  finden, wir m&amp;uuml;ssen dringend messen und auswerten, wie viel wir arbeiten,  lesen, schlafen, ausgeben: &amp;raquo;Self-Tracking&amp;laquo; soll alle zufriedener  machen. Unser Autor hat es vier Wochen lang ausprobiert. Und kommt zu  absurden Ergebnissen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;TAG 4 &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;10 250 Schritte, 18 Treppenstockwerke, 24,2 % K&amp;ouml;rperfett, 42 gelesene Buchseiten, 7:38 Stunden im Bett, 21-mal aufgewacht, Nettoschlafzeit 7:07 Stunden &amp;ndash; ein ganz normaler Donnerstag.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Seit vier Tagen bin ich Mitglied der Zahlensekte. Offiziell sagt man Self-Tracking dazu. Ziel ist es, durch empirische Selbstvermessung mehr &amp;uuml;ber sich selbst zu erfahren. Die Bewegung ist noch jung: Im Mai 2011 fand die erste weltweite Self-Tracking-Konferenz im kalifornischen Mountain View statt, veranstaltet von Gary Wolf und Kevin Kelly, die den Trend mit ihrer Webseite &lt;a href=&quot;http://quantifiedself.com/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;quantifiedself.com&lt;/a&gt; losgetreten haben. Ihr Motto: &amp;raquo;Selbsterkenntnis durch Zahlen&amp;laquo;. Mitmachen kann jeder. Erstens werden elektronische Sensoren immer besser, kleiner und billiger. Zweitens tragen immer mehr Menschen ein Smartphone mit sich herum, das diese Sensoren auslesen kann oder bereits selbst enth&amp;auml;lt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Einstiegsdroge f&amp;uuml;r Selbstvermesser hei&amp;szlig;t &amp;raquo;Fitbit One&amp;laquo; und kostet rund hundert Euro. Ein schwarzer Sensor, gro&amp;szlig; wie ein kleiner Finger, den man sich an die Hosentasche klemmen kann. Er z&amp;auml;hlt, wie viele Schritte ich zur&amp;uuml;cklege, wie viele Kilometer ich laufe und wie viele Stockwerke ich jeden Tag hochsteige. Je nachdem, ob ich mich viel bewege oder auf dem Sofa herumh&amp;auml;nge, w&amp;auml;chst eine kleine Blume auf dem Bildschirm &amp;ndash; oder sie verk&amp;uuml;mmert. Spielerische Anreize sollen helfen, das Verhalten zu ver&amp;auml;ndern. Bei mir klappt es sofort: Als ich am Ende des zweiten Tages merke, dass ich mein Soll von 10 000 Schritten noch nicht erf&amp;uuml;llt habe, steige ich auf dem Heimweg eine Station fr&amp;uuml;her aus der Tram und gehe den Rest zu Fu&amp;szlig;. Albern, aber ein gutes Gef&amp;uuml;hl. Gesteigert wird es noch, als ich auf der Fitbit-Webseite sehe, dass ich einen Kollegen aus Hamburg um mehr als tausend Schritte geschlagen habe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nachts schiebe ich den Fitbit-Tracker in ein Stoffarmband, dort misst er meinen Schlaf. Die Geschwindigkeit und Distanz meiner Joggingrunden berechne ich mit einem Sensor, der in meinem Laufschuh steckt. Meinen genauen Aufenthaltsort lasse ich von Google Latitude mithilfe meines Smartphones ermitteln. Die Handy-App &amp;raquo;ReadMore&amp;laquo; h&amp;auml;lt fest, wie viele Buchseiten ich jeden Abend vor dem Einschlafen lese; und britische Forscher, die eine App namens &amp;raquo;Mappiness&amp;laquo; entwickelt haben, piepen mich zweimal am Tag an und fragen meine Lebenszufriedenheit ab. Was mir noch fehlt: ein Sensor, der misst, wie viel Zeit ich jeden Tag mit der Datenerhebung verbringe. Daumenpeilung: eine knappe Stunde t&amp;auml;glich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;TAG 8&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;13 148 Schritte, 35 Stockwerke, 6:16 Stunden am Computer, 60 % Produktivit&amp;auml;t, 11 Buchseiten, 10,1 Kilometer gejoggt &amp;ndash; Tageswerte vom Montag.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die meisten meiner Freunde finden mein Experiment bescheuert. Dabei messen sie sich doch auch dauernd: Sie stellen sich auf die Waage, drucken ihre Kontoausz&amp;uuml;ge aus. Ich z&amp;auml;hle ab sofort jeden Euro, den ich ausgebe, mit einer App namens &amp;raquo;Budget&amp;laquo;. W&amp;auml;hrend bei den meisten nur Mark Zuckerberg und Google wissen, was sie kaufen und auf welchen Seiten sie im Internet surfen, erobere ich mir die Herrschaft &amp;uuml;ber mein Leben zur&amp;uuml;ck: Mithilfe des Programms &amp;raquo;RescueTime&amp;laquo; analysiert mein Computer genau, wie viel Zeit ich bei Facebook oder Ebay verbringe und wie viel Zeit mit dem Schreiben von Mails oder Word-Dokumenten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nat&amp;uuml;rlich werde ich st&amp;auml;ndig gefragt, was dieser Datenwahnsinn soll. Ich kontere jedes Mal mit Studien: So nehmen Menschen, die sich t&amp;auml;glich wiegen, leichter ab als die, die sich nur auf ihr Gef&amp;uuml;hl verlassen. Und Menschen mit Schrittz&amp;auml;hler bewegen sich tats&amp;auml;chlich mehr. In der Politik und der Wirtschaft ist es selbstverst&amp;auml;ndlich, sich an Zahlen zu orientieren. Im Privatleben wirkt es immer noch spie&amp;szlig;ig. Ein Tagebuch zu f&amp;uuml;hren gilt als sensibel, eine Excel-Tabelle &amp;uuml;ber das eigene Privatleben riecht dagegen eher nach Zwangsst&amp;ouml;rung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Jagd nach Zahlen ver&amp;auml;ndert tats&amp;auml;chlich mein Leben. Der kleine Sensor hat innerhalb einer Woche das geschafft, was mir vorher mehr als 30 Jahre lang nicht gelungen ist: Ich benutze die Treppe, auch wenn ein Aufzug da ist. Eine zweite Einsicht der Selbstquantifizierung: Die eigenen Einsch&amp;auml;tzungen kollidieren ziemlich hart mit der Realit&amp;auml;t. Wir versch&amp;auml;tzen uns n&amp;auml;mlich andauernd. Manche dieser Verzerrungen haben mit unserem mangelhaften Ged&amp;auml;chtnis zu tun, andere mit sozialer Erw&amp;uuml;nschtheit: Wie viel Geld gebe ich pro Tag aus? Wie oft mache ich Sport? Wie viele Stunden arbeite ich am Computer, ohne mich von Katzenvideos ablenken zu lassen? Wie viel Alkohol trinke ich? Beeinflusst irgendwas davon meinen Schlaf, meine Zufriedenheit, mein Gewicht?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich dokumentiere meinen Alkoholkonsum und meine komplette Ern&amp;auml;hrung, indem ich alles, was ich esse oder trinke, auf einer Webseite eintrage, die mir daf&amp;uuml;r Kalorien, Eiwei&amp;szlig;gehalt, Zucker und Dutzende andere Werte ausspuckt. Eine App namens &amp;raquo;MealSnap&amp;laquo; hilft mir dabei: Ich muss meine Mahlzeit nur fotografieren und hochladen, nach wenigen Sekunden erhalte ich eine Kaloriensch&amp;auml;tzung. Manchmal geht es kolossal schief, aber meistens funktioniert es &amp;uuml;berraschend pr&amp;auml;zise: Im selbst gemischten M&amp;uuml;sli erkennt der Computer (oder ist es ein indischer Billigl&amp;ouml;hner?) sogar die Apfelschnitze und Bananenscheiben. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Jede E-Mail, jedes Telefonat, sogar jeder einzelne Tastaturanschlag  wird registriert.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57817.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;TAG 16&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;7448 Schritte, 9 Stockwerke, Zeit am Computer 4:57 Stunden, Zufriedenheitsfaktor 0,81, Zeit im Bett 7:06 Stunden, Tiefschlaf 0:53 Stunden &amp;ndash; meine Zahlen vom Dienstag.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r die Nachtmessungen r&amp;uuml;ste ich nach einer Weile auf: Der Fitbit-Sensor kann zwar erkennen, wie lange ich brauche, um einzuschlafen, und wie oft ich aufwache, aber wie tief ich geschlafen habe, wei&amp;szlig; er nicht. Ein zweiter Sensor der Firma Zeo verspricht Abhilfe. Als ich das erste Mal mit dem Stirnband das Schlafzimmer betrete, bekommt meine Frau einen Lachanfall: &amp;raquo;Bring mir einen Goldklumpen mit, wenn du runter in die Mine f&amp;auml;hrst&amp;laquo;, sagt sie. Daf&amp;uuml;r liefert die erste Nacht ein klares Ergebnis: Ich schlafe grauenvoll. Ich bin ziemlich sicher, es liegt daran, dass der Gurt um meinen Kopf zu eng sitzt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn mich meine Frau die letzten Jahre gefragt hat, wie ich geschlafen habe, waren meine Antworten: &amp;raquo;Och &amp;hellip; ganz gut&amp;laquo; oder &amp;raquo;Och &amp;hellip; geht so&amp;laquo;. Jetzt bombardiere ich sie mit Details: Aufwachh&amp;auml;ufigkeit, Nettoschlafzeit, Tiefschlaf- und REM-Phasen &amp;ndash; noch vor zwei Jahren h&amp;auml;tte man f&amp;uuml;r diese Werte das Schlaflabor einer Uniklinik gebraucht. Das Ding verr&amp;auml;t mir sogar meinen Schlafquotienten: 100 ist das Maximum; liegt er &amp;uuml;ber 80, bin ich zufrieden. Esse ich sp&amp;auml;t und viel, schlafe ich schlechter. Schlafe ich genug und tief, f&amp;uuml;hle ich mich am n&amp;auml;chsten Tag besser. Logisch? Klar, aber jetzt habe ich den Beweis. Und komisch, auf einmal gehe ich wirklich fr&amp;uuml;her ins Bett. Spie&amp;szlig;ig? Sicher. Aber f&amp;uuml;r eine dritte Folge &lt;em&gt;Downton Abbey &lt;/em&gt;um Mitternacht h&amp;auml;tte es auch keinen Exzesspokal f&amp;uuml;r ein besonders aufregendes Leben gegeben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nat&amp;uuml;rlich kann man das l&amp;auml;cherlich finden, aber es gibt auch interessantere F&amp;auml;lle als mich: So stellte ein Mann aus Boston mithilfe monatelanger Messreihen fest, dass er besser schl&amp;auml;ft, wenn er vor dem Zubettgehen eine Brille mit Gl&amp;auml;sern tr&amp;auml;gt, die blaues Licht herausfiltern. Eine Frau, die jahrelang an Migr&amp;auml;ne litt, konnte durch Self-Tracking Milchprodukte und Gluten als Ausl&amp;ouml;ser f&amp;uuml;r ihre Kopfschmerzen identifizieren. Matt Bianchi, Neurologe und Schlafforscher am Massachusetts General Hospital sagt: &amp;raquo;Ich bin sehr skeptisch geworden, was klinische Studien zur Schlafforschung betrifft, und deshalb sehr neugierig, was die Daten von Einzelpersonen zeigen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;TAG 27&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;19 071 Schritte, 14 Stockwerke, 23,3 % K&amp;ouml;rperfett, 16 Buchseiten, 8:52 Stunden im Bett, 19-mal aufgewacht, Nettoschlafzeit 8:03 Stunden, 16,6 Kilometer gejoggt &amp;ndash; Wochenendwerte vom Samstag.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Suchmaschinenprogrammierer Stephen Wolfram quantifiziert sein Leben schon seit &amp;uuml;ber zehn Jahren. Jede E-Mail, jedes Telefonat, ja sogar jeder einzelne Tastaturanschlag (&amp;uuml;ber 100 Millionen bislang, rund sieben Millionen Mal davon die L&amp;ouml;schtaste) wird registriert. Zus&amp;auml;tzlich z&amp;auml;hlt Wolfram jeden seiner Schritte und misst, wie viele Meetings er wann hat und wie lange diese dauern. &amp;raquo;Vielleicht verr&amp;auml;t mir all das etwas &amp;uuml;ber mich selbst&amp;laquo;, schreibt er in seinem Blog, &amp;raquo;auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht genau wei&amp;szlig;, was.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Frage nach der Erkenntnis wird auch auf dem Show &amp;amp; Tell-Treffen der Berliner Quantified-Self-Anh&amp;auml;nger heftig diskutiert. Das Treffen findet in einem Hackerclub in Kreuzberg statt; die rund 50 G&amp;auml;ste sind fast ausschlie&amp;szlig;lich m&amp;auml;nnlich, eine Mischung aus schwarzen Kapuzenpullis, Funktionsjacken und Button-down-Hemden. Es ist genau diese Schnittmenge aus datengl&amp;auml;ubigen Nerds und konsumgl&amp;auml;ubigen Jungmanagern, die Quantified Self zum gro&amp;szlig;en Ding der n&amp;auml;chsten Jahre machen k&amp;ouml;nnte. 90 Millionen tragbare Sensoren sollen bis 2017 verkauft werden, sch&amp;auml;tzen Marktforscher. Wird das dauerhafte Datensammeln irgendwann so selbstverst&amp;auml;ndlich wie der Blick auf die Waage? Apple hat schon die Patente f&amp;uuml;r Kopfh&amp;ouml;rerst&amp;ouml;psel angemeldet, die automatisch Puls, Sauerstoffgehalt im Blut und K&amp;ouml;rpertemperatur messen, w&amp;auml;hrend man mit seinem iPhone telefoniert oder Musik h&amp;ouml;rt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Einer der Vortragenden benutzt gerade f&amp;uuml;nf verschiedene Tracking-Armb&amp;auml;nder gleichzeitig, um die Ergebnisse miteinander zu vergleichen. Ein anderer erkl&amp;auml;rt, wie man seine Gesundheitswerte anonym in gro&amp;szlig;e Datenbanken einspeist und dort mit den Luftdruck- und Pollenwerten korreliert, die &amp;ouml;ffentliche Umweltmessstationen automatisch zuliefern. Meine eigenen Ergebnisse nach einem Monat sind vergleichsweise bescheiden: Dadurch, dass ich erfasst habe, wie viel Geld ich f&amp;uuml;r Einzelfahrscheine ausgebe, habe ich gelernt, dass sich eine Monatskarte lohnt &amp;ndash; obwohl ich vorher das Gegenteil geschworen h&amp;auml;tte. Ich achte mehr auf regelm&amp;auml;&amp;szlig;igen Schlaf, bessere Ern&amp;auml;hrung und gen&amp;uuml;gend Bewegung. Letzteres sogar, wenn niemand mitz&amp;auml;hlt: Als meinem Sensor, den man etwa einmal pro Woche aufladen muss, der Strom ausging, habe ich trotzdem die Treppen genommen, obwohl es in keiner Statistik auftauchen w&amp;uuml;rde. Ein kleiner Schritt f&amp;uuml;r die Menschheit &amp;ndash; 54 gro&amp;szlig;e Schritte f&amp;uuml;r mich.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die Qual der Zahl</dc:subject>
    <dc:creator>Christoph Koch</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-18T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Bis später, Baby</title>
    <description>&lt;p&gt;Die biologische Uhr l&amp;auml;sst sich jetzt anhalten. Diese Frau hat ihre  Eizellen einfrieren lassen - wenn sie will, kann sie also auch mit 40,  50, 60 noch Mutter werden. Der letzte Schritt zur Vollendung der  Emanzipation?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57349.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Wenn Anna Rehler* &amp;uuml;ber ihre Zukunft nachdenkt, &amp;uuml;ber die Schicksalsschl&amp;auml;ge, die ihr noch begegnen k&amp;ouml;nnten, und ob sie dagegen ausreichend abgesichert ist, kommt sie schnell zu dem Ergebnis: &amp;raquo;Die krasseste Versicherung, die ich f&amp;uuml;r mein Leben abgeschlossen habe, sind eigentlich die Eier.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie muss lachen &amp;uuml;ber diese Formulierung und z&amp;uuml;ndet sich am K&amp;uuml;chentisch ihrer Altbauwohnung in Berlin-Mitte noch eine Zigarette an. Anna Rehler ist 35, wirkt aber noch jugendlich und nicht wie jemand, der sich normalerweise viele Sorgen macht. Abends geht sie noch immer lieber mit Freunden essen als Fernsehen zu schauen. Sie sagt &amp;raquo;geil&amp;laquo;, wenn sie etwas gut findet, und tr&amp;auml;gt an diesem Freitagabend Ende Januar eine gelbkarierte Retro-Bluse und leuchtend roten Lippenstift; auf dem Stuhl neben ihr liegt ein Stapel Modemagazine. Ihr Geld verdient sie als Regisseurin und Filmautorin. Fr&amp;uuml;her hat sie Musikvideos gedreht, f&amp;uuml;r die Beatsteaks oder Stefanie Heinzmann, jetzt macht sie Werbung und Kulturbeitr&amp;auml;ge f&amp;uuml;rs &amp;ouml;ffentlich-rechtliche Fernsehen. Freiberuflich. Um eine vern&amp;uuml;nftige Vorsorge f&amp;uuml;rs Alter oder im Fall einer Arbeitslosigkeit hat sie sich bisher nicht gek&amp;uuml;mmert. Aber seit einem Jahr lagern 13 Oozyten von ihr, unbefruchtete Eizellen, eingefroren in fl&amp;uuml;ssigem Stickstoff bei minus 196 Grad, in einem mattgrauen, etwa kniehohen Metallfass, das im Labor des Kinderwunschzentrums an der Ged&amp;auml;chtniskirche in Charlottenburg steht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Diese Eizellen kann sie jederzeit auftauen, k&amp;uuml;nstlich befruchten und dann in ihre Geb&amp;auml;rmutter einsetzen lassen. Mit 40, aber auch mit 45 oder 50 Jahren. Es ist ihre Versicherung gegen die Unfruchtbarkeit, und dass sie lieber daf&amp;uuml;r als in eine Rente investiert, zeigt, wie dringlich dieses Problem f&amp;uuml;r sie war. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Denn mit Mitte 30 sinkt f&amp;uuml;r Frauen die M&amp;ouml;glichkeit, schwanger zu werden, rapide. Gleichzeitig steigt die Gefahr einer Fehlgeburt. Entscheidend daf&amp;uuml;r ist nicht die Geb&amp;auml;rmutter, es sind die Eizellen, deren Anzahl und Qualit&amp;auml;t von Jahr zu Jahr abnehmen. So liegt die Chance f&amp;uuml;r eine 30-J&amp;auml;hrige, in einem Zyklus schwanger zu werden, bei etwa 20 Prozent, bei einer 40-J&amp;auml;hrigen sind es nur noch rund f&amp;uuml;nf Prozent. Das Risiko einer Fehlgeburt, die meistens in den ersten Schwangerschaftswochen auftritt, betr&amp;auml;gt bei Frauen zwischen 25 und 29 Jahren elf Prozent, bei 35- bis 39-J&amp;auml;hrigen 24 Prozent, und bei Frauen, die &amp;uuml;ber 45 sind, mehr als 90 Prozent, wie Gesundheitswissenschaftler der Universit&amp;auml;t Aarhus in D&amp;auml;nemark in einer Langzeitstudie herausgefunden haben.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bisher war es nicht m&amp;ouml;glich, diese biologische Uhr zu stoppen, die vor allem junge Akademikerinnen unter Druck setzen kann. Denn wenn sie ihr Studium samt Praktika und Auslandsaufenthalten mit Ende 20 abgeschlossen haben, bleiben ihnen knapp zehn Jahre, um nicht nur ihre Karriere, sondern auch den Kinderwunsch zu realisieren. Sozialforscher nennen diese Phase die &amp;raquo;Rushhour des Lebens&amp;laquo;, die f&amp;uuml;r M&amp;auml;nner zumindest psychologisch entspannter abl&amp;auml;uft, weil sie relativ sicher sein k&amp;ouml;nnen, dass ihre Spermien auch mit Mitte 40 noch zeugungsf&amp;auml;hig sein werden. Sie k&amp;ouml;nnen sich Zeit nehmen: f&amp;uuml;r die Karriere, die Selbstverwirklichung oder um die richtige Partnerin zu finden, w&amp;auml;hrend die Frauen in ihrem Alter langsam nerv&amp;ouml;s werden. Es ist eine biologische Ungerechtigkeit, die sich auch durch Elternzeit oder verbesserte Kinderbetreuung nicht aufl&amp;ouml;sen l&amp;auml;sst. Nun aber durch die Medizin. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor etwa sechs Jahren erschienen die ersten Meldungen, dass das Einfrieren unbefruchteter Eizellen nun m&amp;ouml;glich sei. Eine Revolution wie die Pille, prophezeiten einige Wissenschaftler. Das Verfahren daf&amp;uuml;r nennt sich Vitrifikation, eine Art Schockgefrieren in fl&amp;uuml;ssigem Stickstoff. Allerdings wurde es in Deutschland zun&amp;auml;chst nur Krebspatientinnen angeboten, die kurz vor einer Chemotherapie standen, bei der die Eierst&amp;ouml;cke und Eizellen gesch&amp;auml;digt werden k&amp;ouml;nnten. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Mediziner noch zu wenig &amp;uuml;ber die Erfolgsaussichten und Risiken dieses Verfahrens, um es auch Frauen anzubieten, die keine medizinisch notwendigen Gr&amp;uuml;nde hatten, sondern nur sogenannte soziale: ihre Karrieren zum Beispiel.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit etwa einem Jahr hat sich das nun ge&amp;auml;ndert und die ersten deutschen Kinderwunschzentren informieren ihre Patientinnen auch &amp;uuml;ber dieses sogenannte Social Freezing. &amp;raquo;Wir stehen gerade am Anfang&amp;laquo;, sagen &amp;Auml;rzte wie S&amp;ouml;ren von Otte oder Frank Nawroth, die als f&amp;uuml;hrende Experten gelten. Bei Nawroth haben sich bisher 14 Frauen zum Social Freezing entschieden, bei von Otte 25. Deutschlandweit gibt es vielleicht vier, f&amp;uuml;nf andere Zentren, die so viele F&amp;auml;lle betreut haben. Beide &amp;Auml;rzte sind auch im Netzwerk FertiProtekt organisiert, einem Zusammenschluss von Reproduktionsmedizinern, die sich speziell mit dem Erhalt der Fruchtbarkeit besch&amp;auml;ftigen. Social Freezing war 2012 eines der Hauptthemen auf ihrem Jahrestreffen. Und das Interesse unter Medizinern d&amp;uuml;rfte noch gr&amp;ouml;&amp;szlig;er werden, seit im Oktober die weltweit angesehene American Society for Reproductive Medicine das Einfrieren unbefruchteter Eizellen vom Experimentier- in eine Art Routinestatus erhoben hat. In den USA ist die Entwicklung ohnehin schon weiter: Prominente wie Kim Kardashian haben &amp;uuml;ber ihre tiefgefrorenen Eizellen im Fernsehen geredet, Internetseiten wie extendfertility.com oder eggsurance.com bewerben das Ganze als ultimatives Freiheitsversprechen: &amp;raquo;Fertility. Freedom. Finally.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es geht hier also nicht mehr nur um die Frage, was das Social Freezing f&amp;uuml;r die Frauen bedeutet, f&amp;uuml;r die Geschlechterrollen, f&amp;uuml;r die Emanzipation, sondern auch darum, wie man daraus ein Gesch&amp;auml;ft macht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r Anna Rehler fing der Druck mit 33 an. Sie hatte gerade ihren Freund Mathias kennengelernt, einen Fernsehjournalisten. &amp;raquo;Und bei uns ist es genau umgekehrt wie bei den meisten anderen Paaren&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt sie in ihrer K&amp;uuml;che. &amp;raquo;Er hat mir relativ schnell klargemacht, dass er irgendwann Vater werden will. Und dass wir damit ja bald anfangen m&amp;uuml;ssten, weil ich immer &amp;auml;lter werde. Das hat mich ziemlich gestresst damals, weil ich mich gefragt habe: Bin ich in zwei, drei Jahren beruflich schon da, wo ich sein will? Gleichzeitig wusste ich aber, dass er der Richtige ist.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Anna Rehler ist in M&amp;uuml;nchen aufgewachsen. Ihr Vater ist Rechtsanwalt, ihre Mutter war Hausfrau. Dieses Ungleichgewicht, sagt sie, habe zu Spannungen zwischen den beiden gef&amp;uuml;hrt. &amp;raquo;Auch deshalb ist das klassische Familiending nie erstrebenswert f&amp;uuml;r mich gewesen.&amp;laquo; Nach dem Abitur ist sie nach London gegangen, um Modejournalismus zu studieren, dann zur&amp;uuml;ck nach M&amp;uuml;nchen, dann nach Berlin. Ihre Wohnung wirkt noch heute provisorisch eingerichtet: ein paar stilvolle Secondhand-M&amp;ouml;bel, kaum Regale an der Wand. &amp;Uuml;ber ihre Berliner Freundinnen sagt sie: &amp;raquo;Wir wollten die Welt erobern, und dann haben die alle Kinder gekriegt.&amp;laquo; F&amp;uuml;r Anna Rehler passt das nicht zusammen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Im Sommer 2011 hat sie in einem Bordmagazin dann das erste Mal vom Social Freezing gelesen. Ihre Frauen&amp;auml;rztin, der sie von dem Artikel erz&amp;auml;hlte, hatte noch nie davon geh&amp;ouml;rt und verwies sie an das Kinderwunschzentrum an der Ged&amp;auml;chtniskirche.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sechs &amp;Auml;rzte arbeiten dort auf 900 Quadratmetern am Traum verzweifelter Paare. Der Eingangsbereich wirkt elegant wie in einer Wellness-Klinik. Neben dem Empfangstresen steht eine bronzene Statur auf dem Holzparkett, im Wartezimmer h&amp;auml;ngen Fotos von l&amp;auml;chelnden Babys. Es sind Dankesch&amp;ouml;n-Karten, auf vielen sind Zwillingskinder zu sehen, weil bei einer k&amp;uuml;nstlichen Befruchtung die Chance einer Mehrlingsgeburt deutlich h&amp;ouml;her ist als bei einer nat&amp;uuml;rlichen Schwangerschaft. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;* Name von der Redaktion ge&amp;auml;nder&lt;/em&gt;t&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;F&amp;uuml;r zwei Kinder 25 Eizellen, so ist die Rechnung.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57351.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Die unbefruchteten Eizellen von Anna Rehler lagern bei minus 196 Grad im  Metallfass, das auf dieser Seite zu sehen ist. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Silke Marr, 49, leitet die Praxis gemeinsam mit ihrem Lebensgef&amp;auml;hrten und hat damals Anna Rehler betreut. &amp;raquo;Ich sehe viele Frauen hier, die mit Ende 30, Anfang 40 zu uns kommen und sich ein Kind w&amp;uuml;nschen, bei denen der Vorrat oder die Qualit&amp;auml;t der Eizellen aber nicht mehr ausreichen, und die dann ins Ausland gehen f&amp;uuml;r eine Eizellspende&amp;laquo;, sagt sie. Die Eizellspende ist in Deutschland verboten. Also sei es doch viel besser, meint Silke Marr, in jungen Jahren die eigenen Eizellen einzufrieren und sich sp&amp;auml;ter quasi selbst zu spenden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Vorbereitung daf&amp;uuml;r verl&amp;auml;uft wie bei einer In-vitro-Fertilisation, einer k&amp;uuml;nstlichen Befruchtung: Die Patientinnen kaufen sich in der Apotheke sogenannte Gonadotropine, Hormone, die die Eierst&amp;ouml;cke dazu anregen, w&amp;auml;hrend eines Zyklus mehr Eizellen reifen zu lassen als &amp;uuml;blich. Zw&amp;ouml;lf Tage lang hat sich Anna Rehler diese Hormone ins Fettgewebe um den Bauchnabel gespritzt. &amp;raquo;Am Ende waren meine Eierst&amp;ouml;cke dick wie Tennisb&amp;auml;lle&amp;laquo;, sagt sie. Andere Nebenwirkungen wie Atemnot oder &amp;Uuml;belkeit hat sie nicht gesp&amp;uuml;rt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r die Entnahme wurde sie im Kinderwunschzentrum kurze Zeit unter Vollnarkose gesetzt. Die &amp;Auml;rztin hat ihr dann mit einer feinen Hohlnadel durch die Scheidenwand gestochen und die reifen Eizellen direkt aus den Eierst&amp;ouml;cken gesaugt. 13 St&amp;uuml;ck. &amp;raquo;F&amp;uuml;r mein Alter war ich da schon ganz sch&amp;ouml;n happy&amp;laquo;, sagt Anna Rehler. Anschlie&amp;szlig;end hatte sie ein paar Tage leichte Unterleibsschmerzen. Von der Belastung her soll der Eingriff etwa mit einer Magenspiegelung vergleichbar sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Silke Marr, die &amp;Auml;rztin, r&amp;auml;t ihren Patientinnen eigentlich dazu, etwa 25 Eizellen einzufrieren. Zwar &amp;uuml;berstehen rund 90 Prozent das Auftauen, aber nicht alle lassen sich befruchten, nicht in jeder w&amp;auml;chst ein gesunder Embryo heran. Pro Eizelle liegt die Chance, am Ende ein Kind zu bekommen, bei acht bis zehn Prozent. F&amp;uuml;r zwei Kinder also 25 Eizellen, so ist die Rechnung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r Anna Rehler war es eine Kostenfrage, nur einen Zyklus zu stimulieren. 3800 Euro hat sie f&amp;uuml;r die Medikamente und das Absaugen bezahlt, die Krankenkasse &amp;uuml;bernimmt das nicht. &amp;raquo;Ich habe meinen Vater gefragt, ob er mir hilft&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;und Gott sei Dank hat er ganz cool reagiert.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r 25 Eizellen k&amp;ouml;nnen bei Frauen in ihrem Alter drei, vier Zyklen n&amp;ouml;tig sein, also etwa 9000 bis 12000 Euro. F&amp;uuml;r die Lagerung der Eizellen kommen noch einmal 20 Euro im Monat dazu, plus etwa 1500 Euro f&amp;uuml;r die k&amp;uuml;nstliche Befruchtung, wenn man sich die aufgetauten Eizellen schlie&amp;szlig;lich in die Geb&amp;auml;rmutter setzen lassen will. Es ist ein Luxus, &amp;raquo;aber andere Leute geben ihr Geld f&amp;uuml;r einen Flachbildfernseher oder eine Brust-OP aus&amp;laquo;, sagt Anna Rehler.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In ihrer K&amp;uuml;che sitzt mittlerweile ihr Freund Mathias neben ihr, der gerade von der Arbeit gekommen ist. Ihm hat sie im D&amp;ouml;nerladen von ihrer Entscheidung erz&amp;auml;hlt, sich die Eizellen einfrieren zu lassen. &amp;raquo;Ich hatte damit kein Problem&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Ich habe das eher als Bekenntnis zu unser Beziehung verstanden, dass sie sich tats&amp;auml;chlich vorstellen kann, irgendwann mit mir Kinder zu kriegen.&amp;laquo; &amp;Uuml;berrascht waren beide aber, wie ihre Freunde reagierten. &amp;raquo;Viele hatten gro&amp;szlig;e moralische Zweifel&amp;laquo;, sagt Mathias. &amp;raquo;Die haben das als ganz krassen Eingriff in etwas Nat&amp;uuml;rliches gesehen. Und man konnte nicht mit ihnen dar&amp;uuml;ber diskutieren, die fanden das einfach doof.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kaum ein Bereich der Medizin provoziert so viel Unbehagen, wirft so viele rechtliche und moralische Fragen auf wie die Reproduktionsmedizin. Warum d&amp;uuml;rfen in Deutschland M&amp;auml;nner ihren Samen spenden, Frauen aber nicht ihre Eizellen? Wie viele Stunden nach der Befruchtung ist ein Embryo ein sch&amp;uuml;tzenswertes menschliches Leben? D&amp;uuml;rfen Paare eine Leihmutter engagieren? Und d&amp;uuml;rfen sie ihr ungeborenes Kind auf eine Behinderung untersuchen und gegebenenfalls abtreiben lassen? Die Wissenschaft kann mehr, als viele Menschen ethisch guthei&amp;szlig;en wollen; f&amp;uuml;r die &amp;Auml;rzte ist es oftmals ein Dilemma. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Beim Social Freezing stellen sich andere Fragen: Wie alt darf eine Frau sein, um noch schwanger zu werden? 54, wie die S&amp;auml;ngerin Gianna Nannini? Die meisten w&amp;uuml;rden das wohl verneinen, aber m&amp;uuml;sste man dann nicht auch f&amp;uuml;r M&amp;auml;nner eine Altersgrenze setzen, bis zu der sie noch Vater werden d&amp;uuml;rfen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor allem geht es aber um die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Technologie: Deutschland ist bekannt f&amp;uuml;r seine niedrigen Geburtenzahlen. Vor allem gut ausgebildete Frauen werden immer sp&amp;auml;ter M&amp;uuml;tter oder sie bleiben, wie jede Vierte von ihnen, ihr Leben lang kinderlos. Mit einer Fruchtbarkeitsvorsorge wie dem Social Freezing k&amp;ouml;nnte sich das &amp;auml;ndern. Was aber passiert, wenn es tats&amp;auml;chlich zur Massenbewegung wird, zum Normalzustand wie die Pille? Dann k&amp;ouml;nnte die nat&amp;uuml;rliche Schwangerschaft erst recht zum Problem werden. Wenn eine junge Frau mit Anfang 30 Mutter werden will, k&amp;ouml;nnte sie sich die Frage gefallen lassen m&amp;uuml;ssen, warum sie ihre Eizellen nicht einfach einfrieren l&amp;auml;sst. Vielleicht bietet der Chef sogar eine Kosten&amp;uuml;bernahme an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nat&amp;uuml;rlich ist es fraglich, ob die Mehrheit der Frauen das &amp;uuml;berhaupt will: erst mit 40 Kinder zu bekommen. Ist es nicht vielmehr ihr Umfeld, die von M&amp;auml;nnern bestimmte Arbeitswelt, die das von ihnen verlangt? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Silke Marr, die &amp;Auml;rztin, sagt: &amp;raquo;Nat&amp;uuml;rlich w&amp;auml;re es sch&amp;ouml;ner, wenn sich die Gesellschaft nach der Frau richtet, aber im Moment ist es einfach noch so, dass die entscheidende Karrierephase mit 30 beginnt und dass Kinderbetreuung und Elternzeit noch nicht wirklich funktionieren.&amp;laquo; Mit der 25-j&amp;auml;hrigen Tochter ihres Lebensgef&amp;auml;hrten hat sie deshalb schon &amp;uuml;ber das Social Freezing geredet. &amp;raquo;Ich habe ihr nur erz&amp;auml;hlt, was m&amp;ouml;glich ist&amp;laquo;, sagt sie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie selbst hat drei eigene Kinder, die sie mit 33, 37 und 40 bekommen hat. &amp;raquo;Aber ich hatte Gl&amp;uuml;ck, dass ich in dem Alter noch auf nat&amp;uuml;rlichem Weg schwanger geworden bin und finanziell gut dastand, um mir eine Tagesmutter zu leisten. Au&amp;szlig;erdem kann ich mir als Selbstst&amp;auml;ndige meine Zeit besser einteilen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Andere junge Frauen wollen vielleicht mit Anfang 30 Mutter werden, haben aber einfach noch nicht den richtigen Partner gefunden. Noch nie gab es so viele Single-Haushalte; in Gro&amp;szlig;st&amp;auml;dten wohnt fast jeder Dritte allein. Das bedeutet nicht, dass auch alle Singles sind, aber dass sich gerade junge Menschen einfach mehr Zeit lassen wollen f&amp;uuml;r die Liebe, das Zusammenziehen, die Familie. Warum sollen diese &lt;br /&gt; ausgedehnte Phase der Unabh&amp;auml;ngigkeit nur junge M&amp;auml;nner richtig genie&amp;szlig;en d&amp;uuml;rfen? Das Social Freezing k&amp;ouml;nnte also auch biologische Emanzipation bedeuten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Silke Marr m&amp;ouml;chte deshalb, dass mehr Frauen von dieser M&amp;ouml;glichkeit wissen. Gleichzeitig will sie ihnen keinen Druck machen, nicht die tickende biologische Uhr hochhalten und auch nichts Falsches versprechen, wie manche Anbieter in den USA. Denn das Einfrieren der Eizellen ist eben keine hundertprozentige Versicherung, sp&amp;auml;ter tats&amp;auml;chlich ein Kind zu bekommen, wie es Internetseiten wie eggsurance.com implizieren. Und auf keinen Fall will sie, dass der Eindruck entsteht, sie betreibe Werbung f&amp;uuml;r das Social Freezing aus Gesch&amp;auml;ftemacherei. &amp;raquo;Aber es ist schwer, da den richtigen Weg, die richtige Sprache zu finden.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Anna Rehler hat dagegen eine ganz einfache Antwort, wenn Freunde ihre Entscheidung kritisieren: &amp;raquo;Jede lebenserhaltende Ma&amp;szlig;nahme im Krankenhaus ist doch wider die Natur&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Wenn es also die M&amp;ouml;glichkeit gibt, habe ich auch das Recht, das zu nutzen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eine Altersgrenze, bis wann sie sp&amp;auml;testens Mutter werden will, hat sie sich nicht gesetzt. &amp;raquo;Nat&amp;uuml;rlich nicht mit 50&amp;laquo;, sagt sie. Aber auch noch nicht jetzt. Gemeinsam mit einem Partner hat sie gerade die Rechte an zwei Kurzgeschichten aus Clemens J. Setz Erz&amp;auml;hlband &lt;em&gt; Die Liebe zur Zeit des Mahlst&amp;auml;dter Kindes &lt;/em&gt;gekauft. Sie m&amp;ouml;chte daraus einen Spielfilm machen, es ist ein gro&amp;szlig;es, zeitintensives Projekt. &amp;raquo;So ein Film war schon immer mein Traum&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Ich will nicht irgendwann unzufrieden sein, weil ich diesen Traum nicht gelebt habe, das bringt dem Kind auch nichts.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn sie mit ihrem Freund Mathias von Bekannten auf Nachwuchs angesprochen wird, antworten sie manchmal: &amp;raquo;Unsere Kinder, die sind noch im K&amp;uuml;hlschrank.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57353.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Die &amp;Auml;rztin Silke Marr im  Labor ihrer Berliner Praxis. Hinter ihr steht der Beh&amp;auml;lter mit den  tiefgefrorenen Eizellen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;VITRIFIKATION&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unbefruchtete Eizellen sind von ihrer inneren Struktur her so instabil, dass man sie nur mit Hilfe eines speziellen Gefrierverfahrens konservieren kann: der Vitrifikation. Dabei wird den Zellen zuerst das Wasser entzogen, weil sie beim Auftauen sonst matschig werden w&amp;uuml;rden, etwa so wie aufgetaute Erdbeeren. Dann werden sie in fl&amp;uuml;ssigem Stickstoff in Sekundenbruchteilen auf minus 196 Grad gek&amp;uuml;hlt. Mit den langsameren Gefriermethoden, die es schon seit ein paar Jahrzehnten gibt, konnte man nur befruchtete Eizellen und Spermien konservieren, weil sie deutlich stabiler sind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weitere Informationen &amp;uuml;ber die Vitrifikation und das Social Freezing zum Beispiel auf &lt;a href=&quot;http://www.fertiprotekt.de/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.fertiprotekt.de&lt;/a&gt; oder &lt;a href=&quot;http://www.profertilitaet.de/de/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.profertilitaet.de&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Bis später, Baby</dc:subject>
    <dc:creator>Christoph Cadenbach</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-08T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Klinik unter Palmen</title>
    <description>&lt;p&gt;Deutsche Familien lassen demente Angeh&amp;ouml;rige im  Ausland betreuen. Weil es g&amp;uuml;nstiger ist. Aber ist es auch in Ordnung?  Ein Heimbesuch in Thailand.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist nur ein kurzes Memo, das sie sich selbst hinterlassen hat. Woran sie sich jeden Morgen erinnern will, das hat sie auf dieses Blatt Papier geschrieben, in krakeliger Schrift, mit farbigen Stiften, und es dann mit Tesafilm an den Kleiderschrank geklebt, der direkt gegen&amp;uuml;ber von ihrem Bett steht. Wenn Elisabeth morgens aufwacht, die Augen &amp;ouml;ffnet und sich m&amp;uuml;hsam aufsetzt, dann schaut sie unweigerlich darauf. Sie br&amp;auml;uchte eigentlich so viel mehr Platz, als dieses Blatt Papier bietet, um aufzuschreiben, was los ist, wer sie ist und warum sie hier in diesem fremden Zimmer aufwacht. Aber das Blatt ist zu klein. Daher hat sie sich auf das N&amp;ouml;tigste beschr&amp;auml;nkt: &amp;raquo;Ich bin in Thailand. Dies ist eine Alzheimer-Einrichtung.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An diesem Sonntag im Dezember ist es die Pflegerin La, die neben ihr aufwacht. Auf einer d&amp;uuml;nnen Matratze, die tags&amp;uuml;ber gerollt im Schrank aufbewahrt wird, hat die 27-J&amp;auml;hrige die ganze Nacht vor Elisabeths Bett auf dem Boden verbracht. Sie beantwortet heute die ersten Fragen.  Die beiden sprechen Englisch miteinander.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Mit wem bin ich hier?&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Allein.&amp;laquo; &lt;br /&gt; &amp;raquo;Wie lange bin ich schon hier?&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Seit fast vier Jahren.&amp;laquo; &lt;br /&gt; &amp;raquo;Wann geht es zur&amp;uuml;ck nach Hause?&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Gar nicht.&amp;laquo; &lt;br /&gt; &amp;raquo;Muss ich hier sterben?&amp;laquo; &lt;br /&gt;Ihre Betreuerin La l&amp;uuml;gt grunds&amp;auml;tzlich nicht, deshalb sagt sie: &amp;raquo;Ja.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Elisabeth nickt dann meistens einsichtig. Sie ist 90 Jahre alt, f&amp;uuml;r lange Diskussionen &amp;uuml;ber vollendete Tatsachen hat sie keine Zeit mehr. Sie steht auf und guckt sich um. Vor ihrem kleinen Fenster ist ein Spielplatz. An dem rostigen Kletterger&amp;uuml;st h&amp;auml;ngen nasse T-Shirts und Hosen an Kleiderb&amp;uuml;geln zum Trocknen in der Sonne. Der Rasen unter dem Spielger&amp;auml;t ist verdorrt. Die Luft ist warm. Elisabeth will mehr sehen, noch im Schlafanzug greift sie nach ihrer kleinen schwarzen Handtasche, h&amp;auml;ngt sie sich um und geht durch den Flur hinaus auf die Terrasse. Links steht ein Gartentisch mit St&amp;uuml;hlen, eine &amp;auml;ltere Frau sitzt hier und l&amp;auml;chelt selig ins Nichts. Mopeds knattern, viele, gar nicht so weit weg. Es riecht nach gebratenem H&amp;uuml;hnchen, Sojasauce und ger&amp;ouml;stetem Knoblauch. Elisabeth wendet sich nach rechts: In ihrem Vorgarten steht eine Palme. Sie fasst sich an den Kopf, als wolle sie sich versichern, dass wenigstens der noch dort ist, wo sie ihn erwartet. Mit drei routinierten Handbewegungen richtet sie sich ihre kurzen wei&amp;szlig;en Locken, dann geht sie zum Briefkasten und kehrt mit der &lt;em&gt;Bangkok Post &lt;/em&gt;zur&amp;uuml;ck ins Haus. Dies ist jetzt ihr Leben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hier in Thailand ist betreutes Wohnen f&amp;uuml;r Demenzkranke mit individueller Betreuung rund um die Uhr bezahlbar. Dort, wo die Kranken herkommen, aus Deutschland und der Schweiz, ist es das nicht. Eine Frau wie Elisabeth beispielsweise bek&amp;auml;me von einer deutschen Versicherung &amp;ndash; und das auch erst seit Anfang des Jahres &amp;ndash; 120 Euro Pflegegeld im Monat. Den Rest m&amp;uuml;ssen die Angeh&amp;ouml;rigen aufbringen, sofern kein Verm&amp;ouml;gen da ist. Und selbst wenn sich Elisabeths k&amp;ouml;rperliche F&amp;auml;higkeiten so verschlechtern w&amp;uuml;rden, dass sie sich nicht mehr anziehen k&amp;ouml;nnte, nicht mehr selbst den L&amp;ouml;ffel halten oder allein auf die Toilette gehen k&amp;ouml;nnte, l&amp;auml;ge der monatliche H&amp;ouml;chstsatz bei 700 Euro. Auch damit kommt man nicht allzu weit.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer einen dementen Angeh&amp;ouml;rigen rund um die Uhr gepflegt, betreut und gef&amp;ouml;rdert wissen will &amp;ndash; und zwar legal &amp;ndash;, der zahlt in Deutschland mindestens 2500 Euro im Monat. Eine deutsche Pflegekraft, die mit dem Pflegefall in dessen Wohnung lebt und medizinisch geschult ist, kostet schnell doppelt so viel. Miete und die Lebenshaltungskosten f&amp;uuml;r Patient und Betreuungskraft sind da noch nicht mit eingerechnet. Kaum bezahlbar. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor zehn Jahren war Martin Woodtli der Erste, dem das auffiel. Seitdem f&amp;uuml;hrt der Schweizer das Alzheimerzentrum Baan Kamlangchay in Chiang Mai im Norden Thai-lands. Angefangen hat es mit einem Haus, einer Patientin und drei Pflegerinnen, inzwischen sind es sieben H&amp;auml;user, zw&amp;ouml;lf Patienten und Patientinnen, 36 Pflegekr&amp;auml;fte, zwei Putzfrauen und ein Koch. 2700 Euro bezahlen die Angeh&amp;ouml;rigen f&amp;uuml;r ihren Pflegefall pro Monat f&amp;uuml;r Wohnen, Essen, Pflege. Hinzu kommen nur noch die individuellen Extras: Wenn die Patienten noch so mobil sind wie Elisabeth, sind das ein w&amp;ouml;chentlicher Friseurbesuch, mal ein Abendessen im Restaurant oder eins der bunten Halst&amp;uuml;cher, die sonntags immer nach dem Gottesdienst verkauft werden. Wenn die Patienten nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen und kaum noch alleine aufrecht sitzen k&amp;ouml;nnen, dann sind es Windeln, Medikamente oder besondere Matratzen, auf denen man sich nicht so leicht wund liegt. Und nat&amp;uuml;rlich die Anreise nach Thailand und die R&amp;uuml;ckf&amp;uuml;hrung des Leichnams. Dazwischen hat man keine Arbeit mit seinen Angeh&amp;ouml;rigen, wenn man es nicht will. Das machen alles die Pflegerinnen. Jeder im Heim wird von drei jungen Frauen betreut, die sich abwechseln, 24 Stunden, an jedem Tag der Woche. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist morgens um neun in Chiang Mais Stadtviertel Faham. Zeit f&amp;uuml;rs Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck. Die Frau, die eben noch auf der Terrasse l&amp;auml;chelnd ins Nichts geblickt hat, ist inzwischen aufgestanden. Sie steht in der Einfahrt an der Hand ihrer thail&amp;auml;ndischen Pflegerin, die ihr zum Schutz vor der Sonne einen aufgespannten Regenschirm &amp;uuml;ber den Kopf h&amp;auml;lt. Elisabeth tr&amp;ouml;delt noch im Bad herum, aber gleich werden sie und ihre Pflegerin sich genauso auf-stellen: nebeneinander, unter einem Schirm, Hand in Hand. Es ist ein anr&amp;uuml;hrendes Bild, das sich da mehrmals am Tag bietet, wenn alle Patienten mit ihren Pflegerinnen losziehen: eine Parade aus gebr&amp;auml;unten Wei&amp;szlig;haarigen, die konzentriert einen Schritt nach dem anderen tun in ihren Trekkingsandalen mit Klettverschluss, und schwarzhaarigen jungen Frauen, die lachen und wild durcheinanderquatschen, aber in ihren Flipflops gewissenhaft das Lauftempo der Patienten &amp;uuml;bernehmen. Der Weg f&amp;uuml;hrt von den Wohnh&amp;auml;usern, in denen immer zwei Patienten zusammen betreut werden, zum Haus von Martin Woodtli. In dessen Vorgarten steht ein Pavillon, in dem gemeinsam gefr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ckt und zu Mittag gegessen wird.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Wie in einer Ferienanlage&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/56691.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Die Globalisierung hat l&amp;auml;ngst daf&amp;uuml;r gesorgt, dass die Arbeit dort verrichtet wird, wo sie am wenigsten kostet. Vor der Gesundheitsbranche hat diese Entwicklung bisher Halt gemacht. F&amp;uuml;r ein T-Shirt bezahlt man bei Kik drei Euro, aber Gesundheitsleistungen sind unverh&amp;auml;ltnism&amp;auml;&amp;szlig;ig teuer. Das aber k&amp;ouml;nnte die L&amp;ouml;sung sein: Dritte Welt pflegt erste Welt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das k&amp;ouml;nnte bald sogar eine wirtschaftliche Notwendigkeit sein: J&amp;uuml;ngst hat die Rating-Agentur Standard &amp;amp; Poor&amp;rsquo;s, die inzwischen ganzen Staaten Kreditw&amp;uuml;rdigkeit attestiert oder abspricht, Deutschland eine Verwarnung ausgesprochen. Die vielen alten Menschen k&amp;ouml;nnten das Land wirtschaftlich stark belasten. Denn die Gesundheitskosten, die in den n&amp;auml;chsten Jahrzehnten auf den Staat zukommen, sind so nicht einkalkuliert. Ab 2015 k&amp;ouml;nnte Deutschland seinen Triple-A-Status verlieren, obwohl das Bruttoinlandsprodukt stabil ist und der Export l&amp;auml;uft &amp;ndash; weil es keine bezahlbaren Pflegemodelle f&amp;uuml;r seine Senioren entwickelt hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; L&amp;auml;ngst sind osteurop&amp;auml;ische Pflegekr&amp;auml;fte in Deutschland unverzichtbar. 1,5 Millionen alte Menschen werden daheim betreut, in zehn Prozent dieser Haushalte arbeiten Polinnen, Tschechinnen oder Ukrainerinnen, so sch&amp;auml;tzt das Deutsche Institut f&amp;uuml;r angewandte Pflegeforschung. Warum also die Alten zuk&amp;uuml;nftig nicht gleich im Ausland betreuen lassen? Dann w&amp;auml;ren alle Lebenshaltungskosten niedriger, Arztbesuche billiger. Wirtschaftlich w&amp;auml;re das sinnvoll. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber ist das moralisch richtig? Darf man das? Ist das nicht so, als w&amp;uuml;rde man seine Angeh&amp;ouml;rigen abschieben, sobald sie anfangen, anstrengend zu werden, alt, krank und nervig? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Martin Woodtli hebt beschwichtigend die H&amp;auml;nde, er schaut angespannt. Er wei&amp;szlig;, wie das alles klingt, wenn man es nur mal n&amp;uuml;chtern zusammenfasst: M&amp;auml;nner bringen ihre kranken Frauen, Frauen bringen ihre kranken M&amp;auml;nner, T&amp;ouml;chter und S&amp;ouml;hne ihre alten, kranken Eltern &amp;uuml;ber 8000 Kilometer weit weg zu ihm nach Asien; er l&amp;auml;sst die wohlhabenden Westler hier von g&amp;uuml;nstigen Pflegekr&amp;auml;ften betreuen &amp;ndash; und wird damit reich. Aber so wie es f&amp;uuml;r Au&amp;szlig;enstehende aussieht, sei es nicht, sagt er. Nat&amp;uuml;rlich will er Geld verdienen. Aber er will Geld verdienen mit etwas, woran er glaubt. Weil er es f&amp;uuml;r die einzige L&amp;ouml;sung h&amp;auml;lt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Woodtlis Geschichte beginnt vor &amp;uuml;ber zehn Jahren mit der Alzheimer-Erkrankung seiner Mutter. Die fing irgendwann an, sich morgens zuerst die Bluse und dann den BH dar&amp;uuml;ber anzuziehen und so im Ort herumzulaufen &amp;ndash; aber das war noch nicht wirklich schlimm. Doch irgendwann kam der Tag, an dem sie ihren Ehemann, Woodtlis Vater, nicht mehr erkannte, ihn nur noch mit &amp;raquo;Kollege&amp;laquo; ansprach und auch so behandelte. H&amp;ouml;flich besprach sie mit ihm den Tagesablauf, aber anfassen und k&amp;uuml;ssen lassen wollte sie sich von ihm nicht mehr. Bald darauf fand die Mutter ihren Ehemann an einem Strick baumelnd im Dachstuhl. Als der Sohn am Abend vorbeikam, lagen die beiden unterm Dach, nebeneinander auf dem Fu&amp;szlig;boden. Die Mutter hatte den Vater zwar vom Seil geschnitten, dann aber nicht mehr weitergewusst. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Woodtli hatte schon vorher viele Jahre in Thailand gelebt und in Chiang Mai, wo sich heute auch das Heim befindet, ein Aidshilfe-Projekt geleitet. Er kannte das Land, die Leute, die Preise und er wusste, dass es nicht allzu schwer sein w&amp;uuml;rde, Pflegepersonal zu finden. Also ist er vor zehn Jahren mit seiner 74 Jahre alten und schwer Alzheimerkranken Mutter ausgewandert. Nach einem Jahr war aus dem Pflegemodell f&amp;uuml;r seine Mutter ein Gesch&amp;auml;ftskonzept geworden: Er nahm weitere Demenzkranke auf. Nat&amp;uuml;rlich wei&amp;szlig; Woodtli genau, dass es diese Geschichte ist, die ihn glaubw&amp;uuml;rdig und sympathisch macht. Deswegen schreibt er gerade ein Buch dar&amp;uuml;ber. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Inzwischen ist es Nachmittag. Gegen vier zieht die Parade wieder durch den Ort, diesmal aber nicht zu Woodtlis Haus, sondern zu einem kleinen Park, den der im vergangenen Sommer hat anlegen lassen. Der Rasen hier ist kurz und gleichm&amp;auml;&amp;szlig;ig geschnitten, der Bambus gestutzt, die Palmen sind von vertrockneten Bl&amp;auml;ttern befreit. Aus dem Ghettoblaster dr&amp;ouml;hnt Heino, ein alter Mann tanzt mit einer jungen Frau neben dem kleinen Pool, in dem im Sommer Aquafitness angeboten wird. Es werden Obstteller gereicht. Alles wie in einer Ferienanlage. Erst wenn man n&amp;auml;her herantritt, sieht man, dass die H&amp;auml;lfte der G&amp;auml;ste entr&amp;uuml;ckt in den glitzernden Swimmingpool blickt, dass manchen G&amp;auml;sten Speichel aus den Mundwinkeln rinnt und die H&amp;auml;nde anderer unnat&amp;uuml;rlich verkrampft in ihren Sch&amp;ouml;&amp;szlig;en ruhen. Tritt man noch n&amp;auml;her heran, h&amp;ouml;rt man sie leise brabbeln und von einem Leben erz&amp;auml;hlen, das sie gar nicht gef&amp;uuml;hrt haben. Der eine sagt, er sei von Gott geschickt, eine andere erz&amp;auml;hlt, sie reise am kommenden Tag ab, sie m&amp;uuml;sse dringend nach Chicago. Ein weiterer Patient fasst sich immer wieder mit zitternder Hand in den Mund und an die Zunge, als k&amp;ouml;nne er diese dadurch zum Reden bringen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und hinten, neben dem goldenen Schrein, in dem Kerzen brennen und R&amp;auml;ucherst&amp;auml;bchen vergl&amp;uuml;hen, sitzt Elisabeth auf einem Holz-b&amp;auml;nkchen und l&amp;ouml;st ein Kreuzwortr&amp;auml;tsel. Seit Wochen schiebt sie stets dasselbe deutsche Magazin in dem kleinen Korb ihres Rollators durchs Viertel. Wo immer sie sitzt, holt sie es hervor und schl&amp;auml;gt es auf. Dann kramt sie in ihrer Handtasche nach dem Kuli, f&amp;auml;hrt umst&amp;auml;ndlich die Mine heraus und beugt sich &amp;uuml;ber das R&amp;auml;tsel. Vier W&amp;ouml;rter hat sie schon eingetragen: Regen, Gans, Hund und Reh. Heute, an diesem Tag kurz vor Weihnachten, wird sie kein weiteres Wort mehr hinzuf&amp;uuml;gen. &amp;raquo;Vielleicht morgen&amp;laquo;, murmelt sie. Ihre Pflegerin La nickt ihr best&amp;auml;rkend zu und streichelt ihr &amp;uuml;ber den nackten Unterarm, viel l&amp;auml;nger und viel inniger, als man es in Europa beobachten kann. Elisabeth schaut auf und ihrer Pflegerin direkt in die Augen &amp;ndash; das ist ein Erfolg, weil es so selten ist. Demenzpatienten sind, selbst wenn sie mit einem reden, immer auch ein bisschen woanders. La l&amp;auml;chelt, sie freut sich &amp;uuml;ber den kurzen klaren Augenblick. Sie vergleicht ihre Patientin nicht mit der Frau von fr&amp;uuml;her, sondern mit der Frau, die sie im Augenblick davor war. Auf diese Weise gibt es auch mal positive Entwicklungen, nicht nur negative Befunde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Bis es irgendwann nicht mehr ging&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/56693.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; In Elisabeths Zimmer h&amp;auml;ngt ein Bogen roter Bastelkarton an der Wand, der aussieht wie das Ergebnis einer Projektarbeit in der Grundschule. &amp;raquo;Elisabeth&amp;laquo; steht oben dr&amp;uuml;ber. Neben Fotos von ihr und ihren Kindern, Schwiegers&amp;ouml;hnen und Enkelkindern kleben gelbe Vierecke mit knappen Informationen. &amp;raquo;Hochzeit von Sarah und BJ&amp;laquo; steht da. Oder &amp;raquo;Mein Garten&amp;laquo;. Oder &amp;raquo;Drei T&amp;ouml;chter&amp;laquo;. So kann sie ihre eigene Biografie lernen wie Vokabeln. Elisabeth wei&amp;szlig; nur, was auf den gelben Vierecken steht. Bei einer Frage, die dar&amp;uuml;ber hinausgeht, zuckt sie blo&amp;szlig; die Schultern und l&amp;auml;chelt verlegen. Dann widmet sie sich wieder ihrem Kreuzwortr&amp;auml;tsel. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sybil Wiedmer-Rohner konnte nicht mit ansehen, wie ihre Mutter sich verga&amp;szlig;, diese beherrschte, stolze Frau. Aufgewachsen in Deutschland, war Elisabeth nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Mann nach Indien und Pakistan gezogen, hatte dort drei T&amp;ouml;chter zur Welt gebracht und schon in den F&amp;uuml;nfzigerjahren alleine Reisen nach Malaysia und Thailand unternommen. Und pl&amp;ouml;tzlich wusste diese eigenst&amp;auml;ndige Frau nicht mehr, ob sie beim B&amp;auml;cker gewesen war oder nicht, wenn sie vom Einkaufen zur&amp;uuml;ckkam. Helfen durfte man ihr auch nicht. &amp;raquo;Sie wurde schnell sauer, wenn man sie korrigiert hat&amp;laquo;, sagt die &amp;auml;lteste Tochter. Sie war es, die das immer abkriegte. Sie wohnte im selben kleinen Ort, sie war schon in Rente, also h&amp;auml;ufig zu Hause, und so wurde sie die erste und einzige Ansprechpartnerin der kranken Mutter. Bis es irgendwann nicht mehr ging.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer das selbst erlebt hat, sagt Woodtli, der verurteilt andere Leute nicht mehr f&amp;uuml;r die Wahl ihrer Betreuungsmethode. Das sei n&amp;auml;mlich alles nicht so einfach. Als Woodtli damals seine Mutter mit nach Thailand und ins Ungewisse nahm, wurde nat&amp;uuml;rlich heftig getratscht in seinem Schweizer Heimatort M&amp;uuml;nsingen. Er habe wohl keine Lust, sich selbst zu k&amp;uuml;mmern, hie&amp;szlig; es. Als er allerdings zuvor nach dem Freitod des Vaters bei der Mutter eingezogen war, hatten sie auch getratscht: Komischer Typ sei er, keine Frau, obwohl schon 40, und jetzt pflege er selbst seine Mutter, als Mann. Wie solle das denn gehen? Aber so etwas irritiert Woodtli nicht. Er sei ein pragmatischer Mensch, sagt er, der sich in dieser Situation einfach ein paar pragmatische Fragen gestellt habe. Hat seine Mutter ihre Heimat geliebt? Ja. Sollte man jemanden, der sowieso gerade all seine Gewissheiten verliert, auch noch aus seiner vertrauten Umgebung rei&amp;szlig;en? Vielleicht nicht. Aber w&amp;auml;re seine Mutter in einem Schweizer Altenheim, wom&amp;ouml;glich vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln, gl&amp;uuml;cklich geworden? Nein. H&amp;auml;tte er sie alleine pflegen k&amp;ouml;nnen und wollen? Nein. Na also.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;Ouml;ffentlich redet kaum jemand dar&amp;uuml;ber, was f&amp;uuml;r eine Belastung die Pflege eines dementen Menschen ist. Niemand will als Rabenkind dastehen, das keinen Bock mehr auf die eigenen Eltern hat. Nur wenige sprechen aus, was die Journalistin Martina Rosenberg in ihrem k&amp;uuml;rzlich erschienenen Buch &lt;em&gt;Mutter, wann stirbst du endlich? &lt;/em&gt;beschreibt: die Unertr&amp;auml;glichkeit, mit einer dauernden &amp;Uuml;berforderung zu leben, in Rosenbergs Fall durch die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter und die Depressionen ihres Vaters. Das klingt zun&amp;auml;chst nicht nach einer sympathischen Erz&amp;auml;hlerin, am Ende jedoch versteht man ihre Verzweiflung. Und beginnt sich vielleicht selbst ein paar Fragen zu stellen: Was w&amp;uuml;rde man selbst machen in so einer Situation? Den Job k&amp;uuml;ndigen, um mehr Zeit f&amp;uuml;r die Eltern zu haben? Das Kind vernachl&amp;auml;ssigen &amp;uuml;ber den Pflegepflichten? Auf Abende mit dem Partner verzichten? Freunde vertr&amp;ouml;sten, und zwar dauernd? Martina Rosenberg, die mit ihren kranken Eltern unter einem Dach lebte, hat schlie&amp;szlig;lich ein eigenes Haus gebaut, nur um einen Grund zu haben, endlich r&amp;auml;umliche Distanz zu schaffen. Sie hat den Pflegerinnen verboten, st&amp;auml;ndig bei ihr mit Gesundheits-Updates anzurufen. Sie hat den Kontakt reduziert. Dann wurde es besser. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch Sybil Wiedmer-Rohner und ihre zwei Schwestern haben die f&amp;uuml;r sie beste L&amp;ouml;sung gefunden. Jede von ihnen ist einmal im Jahr bei der Mutter in Thailand. Ein, zwei Wochen bleiben sie dann meistens, &amp;uuml;bernachten in einem Hotel in der N&amp;auml;he und kommen jeden Morgen in das Haus, in dem ihre Mutter jetzt lebt. Und jeden Morgen freut sich Elisabeth aufs Neue &amp;uuml;ber den &amp;uuml;berraschenden Besuch. Dass der schon tags zuvor da war, wei&amp;szlig; sie nicht mehr. Wenn man sie fragt, wie oft ihre T&amp;ouml;chter in Thailand sind, sagt sie voller &amp;Uuml;berzeugung: &amp;raquo;St&amp;auml;ndig.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Klinik unter Palmen</dc:subject>
    <dc:creator>Lara Fritzsche</dc:creator>
    <dc:date>2013-02-18T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39387">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39387</link>
    <title>Das ist ja der Gipfel!</title>
    <description>&lt;p&gt;Und von dort geht es nur noch bergab. So wie mit den meisten  K&amp;ouml;rperfunktionen ab einem gewissen Alter. Ein &amp;Uuml;berblick &amp;uuml;ber unseren  schleichenden Verfall - mit einer aufregenden Ausnahme.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55881.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Er halte nichts davon, wenn 85-J&amp;auml;hrige auf Staatskosten noch ein k&amp;uuml;nstliches H&amp;uuml;ftgelenk bek&amp;auml;men, sagte der CDU-Politiker Philipp Mi&amp;szlig;felder vor einigen Jahren. Seitdem schwelt auch der me-dizinische Generationenkonflikt: der Streit um die Frage, wie viel die Jungen noch zahlen sollen f&amp;uuml;r die gebrechlichen Alten. H&amp;auml;tten sich die Politiker einmal in der Wissenschaft kundig gemacht, w&amp;auml;re die Debatte schnell erledigt. Denn auch die meisten Jungen haben, wenn sie ins Berufsleben einsteigen, ihren Zenit l&amp;auml;ngst &amp;uuml;berschritten. Mi&amp;szlig;felder etwa, inzwischen 33, muss damit leben, dass er seit gut zehn Jahren schrumpft. Die maximale K&amp;ouml;rpergr&amp;ouml;&amp;szlig;e erreicht der Mensch vor dem 20. Geburtstag, danach geht es bergab. Das gilt ebenso f&amp;uuml;r die meisten Organe und K&amp;ouml;rperfunktionen. Stoppen l&amp;auml;sst sich der Verfall nicht: Ob Herz, Nieren, Nase oder Augen &amp;ndash; das Optimum ist in den sp&amp;auml;ten Teenagerjahren erreicht. Nur Gehirn und Sexualtrieb funktionieren bis ins hohe Alter tadellos. Was sich die Natur wohl dabei gedacht hat?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;WENIGER DURCHBLICK&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;em&gt;ab 15&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zwar nimmt die Augenlinse zeitlebens an Masse und Volumen zu, mit 70  Jahren ist sie dreimal so schwer wie bei Neugeborenen. Doch bereits ab  15 l&amp;auml;sst die Elastizit&amp;auml;t der Linse nach. Mitte 40 kommt es zu einem  weiteren Abbau: Es wird immer schwieriger, auf das Naheliegende scharf  zu stellen. Endstation: Lesebrille.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55883.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;SCHNARCHNASE&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ab 25&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schleimhaut  und Bindegewebe der Nase werden ab dem 25. Lebensjahr d&amp;uuml;nner, die Durchblutung nimmt ab. Eine Folge: Im Alter von 60 Jahren schnarchen etwa 60 Prozent der M&amp;auml;nner und 40 Prozent der Frauen.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55885.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;ZWEITER STIMMBRUCH &lt;br /&gt;&lt;em&gt;ab 60&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Alter degenerieren die Stimmlippen. Bei Frauen f&amp;uuml;hrt das dazu, dass ihre Stimme tiefer klingt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55899.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;POR&amp;Ouml;SER FILTER&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ab 30 &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Filterleistung der Niere erreicht schon ab drei Jahren das Maximum,  ihre Durchblutung ab acht. Bei zwei von drei Erwachsenen sinken beide  Werte mit Ende 20, Filterk&amp;ouml;rperchen verk&amp;uuml;mmern und Nierenkan&amp;auml;le sterben  ab: Medikamente werden langsamer abgebaut, es kann leichter zur  &amp;Uuml;berdosierung kommen. Immerhin: Bei jedem Dritten verschlechtert sich  auch im Alter die Nierenleistung nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55889.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;MUSKELSCHWUND&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ab Mitte 30&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit zunehmendem Alter schrumpfen Zahl und Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e der Muskelzellen im K&amp;ouml;rper, erst langsam, ab dem 50. Lebensjahr dann deutlich. Das liegt nicht nur an mangelnder Bewegung, sondern auch daran, dass die motorischen Nervenbahnen verk&amp;uuml;mmern. Die verbliebenen noch intakten Nerven m&amp;uuml;ssen dann gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Muskelbereiche stimulieren, weshalb sich im Alter auch die Feinmotorik verschlechtert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;Herz im Stress&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55891.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;HERZ IM STRESS&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ab 30 &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Arterien werden im  Lauf der Zeit steifer, ihre W&amp;auml;nde dicker. Das erh&amp;ouml;ht  ab 30 den  Blutdruck, das Herz muss st&amp;auml;rker pumpen. Die maximale  Herzfrequenz unter  Belastung sinkt, der Puls eines 80-J&amp;auml;hrigen schl&amp;auml;gt  h&amp;ouml;chstens noch 160  Mal pro Minute. Ein 20-J&amp;auml;hriger bringt es locker auf  200 Schl&amp;auml;ge. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55893.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;ZUNEHMEND D&amp;Uuml;NNH&amp;Auml;UTIG&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ab 30&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Haut ist im Alter um 20 Prozent d&amp;uuml;nner. Die Zahl der Melanozyten und   Langerhans-Zellen sinkt, UV-Schutz und Immunabwehr nehmen damit ab. Auch der Tastsinn l&amp;auml;sst nach, 90-J&amp;auml;hrige haben 30 Prozent weniger Tastk&amp;ouml;rperchen unter der Haut als 20-J&amp;auml;hrige.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55897.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;GEISTREICH&lt;br /&gt;&lt;em&gt;bis ins hohe Alter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Gehirn des Menschen schrumpft zwar erst ab 65, aber schon vorher  reagiert es mit zunehmendem Alter langsamer und braucht l&amp;auml;nger, um eintreffende Nervenimpulse zu verarbeiten. Die gute Nachricht: Hohes  Alter beeintr&amp;auml;chtigt zumindest nicht die Intelligenz. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55901.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;ATEMLOS&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ab 35&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am besten arbeitet die Lunge bei Frauen zwischen 20 und 35, bei M&amp;auml;nnern  zwischen 25 und 35. Danach sinkt die sogenannte Ein-/Ausatemkapazit&amp;auml;t und damit das Lungenvolumen: Es ist mit 65 Jahren um 22 Prozent geringer als bei einem 20-J&amp;auml;hrigen. Damit kann nicht mehr so viel Sauerstoff aufgenommen werden, was etwa die F&amp;auml;higkeit zu sportlichen  H&amp;ouml;chstleistungen einschr&amp;auml;nkt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55903.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55887.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;WENISGTENS DAS&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sex geht immer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bei Frauen sinkt das Gewicht der Eierst&amp;ouml;cke ab 30, bei M&amp;auml;nnern der Testosteronspiegel ab 25. Die Folge: Bei beiden Geschlechtern l&amp;auml;sst die Fruchtbarkeit nach. Immerhin gibt es, wie ein Standardlehrbuch der Physiologie tr&amp;ouml;stend anmerkt, keinen &amp;raquo;biologischen Endpunkt f&amp;uuml;r sexuelles Interesse&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Das ist ja der Gipfel!</dc:subject>
    <dc:creator>Werner Bartens</dc:creator>
    <dc:date>2013-01-30T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39405">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39405</link>
    <title>Sparen oder helfen</title>
    <description>&lt;p&gt;Weil Geld fehlt, sind die Notaufnahmen griechischer Krankenh&amp;auml;user nur noch alle vier Tage ge&amp;ouml;ffnet. Wer einen Arzt braucht, kann da nur hoffen. Und warten.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt; &lt;br /&gt;Wartesaal, Notaufnahme. Viele, die einen der rund 50 Sitzpl&amp;auml;tze ergattert haben, sind eingenickt, sie warten schon seit Stunden. Die meisten stehen eng gedr&amp;auml;ngt vor dem Eingang und hoffen darauf, dass bald ihr Name aufgerufen wird. Jeder Patient hat zuvor von einer Krankenschwester eine Dringlichkeitsnote zugeordnet bekommen, von vier bis zwei. Vier bedeutet, dass es sich auf den ersten Blick um eine Lappalie handelt, Magen- oder Ohrenschmerzen. Durchschnittliche Wartedauer: etwa f&amp;uuml;nf Stunden. Drei bedeutet, dass der Fall zwar bald behandelt werden muss, aber nicht akut ist, Kreislaufbeschwerden zum Beispiel. Wartezeit: drei Stunden. Wer eine Zwei zugewiesen bekommen hat, braucht dringend Hilfe. Zweier haben zum Beispiel tiefe Schnittwunden oder leichte Frakturen und deshalb Vorrang. Nur Patienten mit der Note eins kommen ohne Anmeldung sofort in den sogenannten &amp;raquo;Shock Room&amp;laquo;. Bei ihnen besteht Lebensgefahr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Manche der Wartenden haben Tr&amp;auml;nen in den Augen. Einige pressen sich Watteb&amp;auml;llchen auf frische Einstiche, sie warten auf die Ergebnisse ihrer Bluttests. Ein Krankenhauspfleger, der sich durch den Saal schl&amp;auml;ngelt, r&amp;auml;t den Menschen im Vorbeigehen: &amp;raquo;Wenn Sie den ganzen Tag hier zubringen m&amp;uuml;ssen, waschen Sie sich bitte alle zwei Stunden die H&amp;auml;nde oder f&amp;uuml;hren Sie zumindest Ihre H&amp;auml;nde nicht an Mund oder Nase.&amp;laquo; Die Notaufnahme ist ein Viren- und Bakterienherd. Eine alte Frau sitzt in einem Rollstuhl, der Schlauch aus ihrer Vene f&amp;uuml;hrt hoch zu einem Infusionsbeutel. Sie bittet einen der zwei Security-M&amp;auml;nner, die den Eingang zu den Behandlungsr&amp;auml;umen bewachen, um ein Glas Wasser.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Security-Firmen sichern mittlerweile in vielen griechischen Krankenh&amp;auml;usern den Eingang zur Notaufnahme. Es kommt immer wieder zu Wutausbr&amp;uuml;chen, Streit und auch Schl&amp;auml;gereien. &amp;raquo;Die Menschen haben ihre Geduld verloren&amp;laquo;, sagt der Sicherheitschef Konstantinos. &amp;raquo;Sie werden schnell w&amp;uuml;tend oder randalieren, um Frust abzubauen. Wir haben auch mehr Alkoholf&amp;auml;lle als fr&amp;uuml;her.&amp;laquo; Er deutet zu einem d&amp;uuml;rren alten Mann hin&amp;uuml;ber, der in einer Ecke seinen Rausch ausschl&amp;auml;ft. N&amp;auml;hert man sich ihm, wird der Uringeruch stechender. Manche der Wartenden verlangen lautstark, dass ihn jemand auszieht und w&amp;auml;scht. Einer ruft, man sollte ihn samt Liege nach drau&amp;szlig;en in die K&amp;auml;lte schieben. Betretenes Schweigen. Der alte Mann bekommt davon nichts mit. Konstantinos betrachtet ihn mitleidig. &amp;raquo;Als er vorhin eingeliefert wurde, weinte er, weil er sich sch&amp;auml;mte, dass seine Hose uringetr&amp;auml;nkt ist. Er griff meinen Arm und sagte: &amp;rsaquo;43 Jahre habe ich auf Baustellen in ganz Griechenland gearbeitet: harte, ernste, gute Arbeit. Jetzt haben sie meine Rente noch einmal gek&amp;uuml;rzt, auf 527 Euro. Kannst du mir sagen, wie ich davon leben soll?&amp;lsaquo; Ich habe nur den Kopf gesch&amp;uuml;ttelt. Was sollte ich ihm auch sagen?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Notaufnahme des Papageorgiou-Krankenhauses in Thessaloniki, dem Ruf nach eines der besten Krankenh&amp;auml;user des Landes, behandelt am Tag etwa 1500 Menschen. Zum Vergleich: In der Notaufnahme des M&amp;uuml;nchner Klinikums rechts der Isar werden t&amp;auml;glich 71 Menschen verarztet, in den verschiedenen Notaufnahmen der Berliner Charit&amp;eacute;, der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Universit&amp;auml;tsklinik Europas, sind es 580. Der Grund f&amp;uuml;r den enormen Andrang: Die Notaufnahmen griechischer Krankenh&amp;auml;user haben &amp;ndash; um Ausgaben zu sparen &amp;ndash; nicht t&amp;auml;glich ge&amp;ouml;ffnet, sondern nur alle vier Tage. Die Kliniken wechseln sich ab. F&amp;uuml;r den Gro&amp;szlig;raum Thessaloniki, dessen Einwohnerzahl in etwa vergleichbar ist mit M&amp;uuml;nchen, bedeutet das: An einem Tag haben nur zwei Notfall-ambulanzen im gesamten Stadtgebiet Dienst. Man muss sich immer erst telefonisch erkundigen, welche gerade ge&amp;ouml;ffnet ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Das, was Sie hier sehen&amp;laquo;, sagt Jobst Rudolf, der deutsche Chefneurologe des Papageorgiou-Krankenhauses in Thessaloniki, &amp;raquo;ist ein Auszug aus dem t&amp;auml;glichen &amp;Uuml;berlebenskampf des griechischen Gesundheitssystems. An manchen Tagen herrscht in unserer Notaufnahme das blanke Elend. Wie im Krieg.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Das griechische Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55843.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Das griechische Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Und die Schuldenkrise beschleunigt den Zusammenbruch. Fast jedes Sparpaket, das in den vergangenen Jahren im griechischen Parlament beschlossen wurde, beschnitt die Ausgaben im Gesundheitsressort. W&amp;auml;hrend die Gesundheitsausgaben im Jahr 2009 noch 14 Milliarden Euro betrugen, lagen sie im Jahr 2012 nur noch bei etwa 9,5 Milliarden. In diesem Jahr sollen sie auf Druck der Troika &amp;ndash; bestehend aus EU-Kommission, Europ&amp;auml;ischer Zentralbank und dem Internationalen W&amp;auml;hrungsfonds &amp;ndash; noch mal gesenkt werden. In Br&amp;uuml;ssel, Frankfurt und Washington wird das als Erfolg der Sparbem&amp;uuml;hungen gefeiert. In Griechenland st&amp;uuml;rzt es die Bev&amp;ouml;lkerung in tiefe Not. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung wurden in den letzten Jahren St&amp;uuml;ck f&amp;uuml;r St&amp;uuml;ck zur&amp;uuml;ckgeschraubt. Eine der Folgen: Selbst krebskranke Menschen, die auf teure Medikamente angewiesen sind, m&amp;uuml;ssen diese in der Apotheke erst einmal selbst bezahlen. Der Staat verspricht zwar, bis zu 70 Prozent des Preises innerhalb von drei Monaten zu erstatten. Aber in der Realit&amp;auml;t warten die von ihrer Krankheit bereits Gezeichneten oft vergeblich auf die Einl&amp;ouml;sung dieses Versprechens. Meist handelt es sich um Rentner, deren Pension schon mehrmals gek&amp;uuml;rzt worden ist und die sich ihre Medi-kamente jetzt nicht mehr leisten k&amp;ouml;nnen. Bilder bettelnder und flehender alter Menschen vor Apotheken in Athen, Thessaloniki oder Patras zeigt das griechische Fernsehen regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig. Sie dienen als Warnbilder. Die Botschaft: Wenn du in diesem Land krank wirst, kannst du nur noch auf den lieben Gott hoffen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kiparisia Karatzidou, Ober&amp;auml;rztin im Papageorgiou, resolut und erfahren im Umgang mit ihren Patienten, antwortet auf die Frage, ob irgendetwas gut l&amp;auml;uft im griechischen Gesundheitssystem, zun&amp;auml;chst mit zusammengekniffenen Augenbrauen. In etwa so, als h&amp;auml;tte man ihr gerade einen schlechten Witz erz&amp;auml;hlt. &amp;raquo;Nein, nichts&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Ich erlebe immer mehr Patienten, die erst zu uns kommen, wenn sie keinen anderen Ausweg mehr sehen oder ihre Krankheit schon zu weit fortgeschritten ist. Etwa Asthma-, Zucker- oder Krebskranke. Ich erlebe immer mehr Patienten, vor allem M&amp;uuml;tter mit ihren Kindern, die keine Krankenversicherung mehr haben und deshalb nur noch zu uns kommen k&amp;ouml;nnen, weil wir in der Notaufnahme die Einzigen sind, die sie gratis behandeln. W&amp;auml;re dieser Job nicht zu meiner t&amp;auml;glichen Routine geworden, w&amp;uuml;rde ich jetzt losheulen. Aber ich erspare Ihnen das.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Von Alexandroupoli hoch im Norden Griechenlands bis hinunter zur S&amp;uuml;dspitze der Peloponnes &amp;ndash; in den meisten griechischen Krankenh&amp;auml;usern geht ohne die Hilfe von au&amp;szlig;en nichts. &amp;Auml;rzte und Krankenschwestern bitten schon lange Verwandte und Freunde von Patienten, Verbandszeug, Tupfer oder gar Antibiotika in der Apotheke zu kaufen und dann ins Krankenhaus zu bringen, weil die Hospit&amp;auml;ler selbst nichts mehr vorr&amp;auml;tig haben. Ein Freund von mir, Dimitris Tsatsaris, hat sich in seinem Aluminium-Gesch&amp;auml;ft im November den Unterarm aufgerissen, die Wunde klaffte tief. Er wurde von einem Arbeitskollegen aus seinem Dorf Zacharo nach Pirgos ins mehr als 30 Kilometer entfernte Kreiskrankenhaus gefahren. Dort bat der Arzt den Kollegen, erst mal in die Apotheke zu gehen, um die F&amp;auml;den zu kaufen, mit denen dann die Wunde gen&amp;auml;ht wurde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vasilis Pappas, der Vorstandsvorsitzende des halb staatlichen, halb privaten Papageorgiou-Krankenhauses, erkl&amp;auml;rt die Misere an einem anderen Beispiel: &amp;raquo;Wir zahlen bis zu 40 Euro f&amp;uuml;r einen Dialysefilter der deutschen Firma Fresenius, der die Kliniken in anderen europ&amp;auml;ischen Staaten, etwa in Deutschland, Frankreich oder Zypern, nur die H&amp;auml;lfte kostet. Warum? Weil die zust&amp;auml;ndigen griechischen Beh&amp;ouml;rden die Preisvorgaben machen. Wir brauchen aber jeden Tag mindestens 90 bis 170 dieser Filter f&amp;uuml;r unsere Dialysepatienten. Der h&amp;ouml;here Preis verursacht im Jahr mehr als 700 000 Euro Mehrkosten. Ich habe mehrmals mit dem griechischen Gesundheitsministerium telefoniert, E-Mails und Briefe geschrieben. Auch an Fresenius mit dem Vorschlag, ihnen die Filter direkt abzukaufen, von mir aus auch f&amp;uuml;r 20 Euro. Aber es hie&amp;szlig; auf beiden Seiten nur, die Preise seien in Ordnung. Absurd, nicht wahr?&amp;laquo; Pappas zieht die Schultern bis an die Ohren und breitet die Arme aus.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Die Aussichten auf einen neuen Job k&amp;ouml;nnten kaum schlechter sein&lt;span&gt;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55845.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;In einer schriftlichen Stellungnahme best&amp;auml;tigt Fresenius Medical Care, dass die Preisvorgaben zwar von den griechischen Beh&amp;ouml;rden festgesetzt werden, aber: &amp;raquo;Die Verkaufspreise f&amp;uuml;r Dialysefilter in Griechenland liegen je nach Ausf&amp;uuml;hrung derzeit eher im europ&amp;auml;ischen Mittelfeld.&amp;laquo; 40 Euro zahle in Griechenland kein Krankenhaus daf&amp;uuml;r. Aus dem griechischen Gesundheitsministerium hei&amp;szlig;t es pauschal, man arbeite gerade daran, die Preise f&amp;uuml;r Medikamente und andere Gesundheitsprodukte herabzusetzen.&lt;br /&gt; Vielleicht ist es also falsch, von einem &amp;raquo;System&amp;laquo; im griechischen Gesundheitswesen zu sprechen. Denn hier greift kein R&amp;auml;dchen mehr ins andere: Apotheker streiken, weil ihnen die griechische Gesundheitskasse EOPYY Geld schuldet. &amp;Auml;rzte und Krankenschwestern streiken, weil ihnen die staatlichen Kliniken bis zu acht Monatsgeh&amp;auml;lter schulden. Viele Medikamentenhersteller haben ihre Lieferungen bereits eingestellt, weil noch offene Rechnungen bestehen. Krankenh&amp;auml;usern fehlt es an Basis-Utensilien. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Lambrini Asteriou ist Krankenschwester im Papageorgiou, das auf Grund privater Zuwendungen mit den Gehaltszahlungen noch nicht in R&amp;uuml;ckstand geraten ist. Und trotzdem: Vor der Krise hat sie 1400 Euro netto verdient, jetzt sind es noch rund 1000 Euro. F&amp;uuml;r ihre Zehn-Stunden-Nachtschicht in der Notaufnahme erh&amp;auml;lt sie einen Nettozuschlag von gerade einmal 14,73 Euro. Sie sagt: &amp;raquo;Fr&amp;uuml;her war ich am Dritten jeden Monats noch im Plus. Heute bin ich immer im Minus. Und das bei einem Arbeitspensum, das die 60-Stunden-Woche h&amp;auml;ufig &amp;uuml;berschreitet. Verdammt noch mal! Ich habe einen regul&amp;auml;ren, kr&amp;auml;ftezehrenden Job in einem der besten Krankenh&amp;auml;user dieses Landes, und es reicht vorne und hinten nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Chefneurologe spricht von Zust&amp;auml;nden &amp;raquo;wie im Krieg&amp;laquo;, der Ober&amp;auml;rztin ist zum Heulen zumute, der Vorstandsvorsitzende ist ratlos, die Krankenschwester stocksauer.&amp;nbsp; Die Nationale Gesundheitskasse EOPYY, die f&amp;uuml;r fast alle Griechen zust&amp;auml;ndig ist, hat Schulden in H&amp;ouml;he von rund zwei Milliarden Euro: bei Krankenh&amp;auml;usern, Apothekern,&amp;nbsp; Medikamentenherstellern. Experten f&amp;uuml;hren diese Ausst&amp;auml;nde auf die rasant gestiegene&amp;nbsp; Arbeitslosenrate in Griechenland zur&amp;uuml;ck. Je weniger Menschen einem regul&amp;auml;ren Job nachgehen, desto weniger Einnahmen verbuchen die staatlichen Sozialkassen. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Arbeitslosenrate von neun Prozent im Oktober 2009 auf 26 Prozent im September 2012 nahezu verdreifacht. Und in Griechenland existiert kein soziales Netz, kein Hartz IV, das die Menschen auff&amp;auml;ngt. Wer seinen Job verliert, erh&amp;auml;lt ein Jahr Arbeitslosenhilfe. Danach stellt der Staat seine Unterst&amp;uuml;tzung ein. Vollends. Das bedeutet auch, dass jeder nach einem Jahr Arbeitslosigkeit seine Krankenversicherung verliert. Zurzeit sind mehr als 1,3 Millionen Griechen arbeitslos. Die Aussichten auf einen neuen Job k&amp;ouml;nnten kaum schlechter sein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und selbst diejenigen, die noch Arbeit haben, sind am Ende ihrer Kr&amp;auml;fte. F&amp;uuml;r Kiparisia Karatzidou, die Ober&amp;auml;rztin, und Lambrini Asteriou, die Krankenschwester, steht fest: &amp;raquo;Wenn sich hier nicht schnell etwas &amp;auml;ndert, werden auch wir Griechenland verlassen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Sparen oder helfen</dc:subject>
    <dc:creator>Alexandros Stefanidis</dc:creator>
    <dc:date>2013-01-28T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Das Wunderkind</title>
    <description>&lt;p&gt;Tollwut gilt seit Jahrtausenden als t&amp;ouml;dliche Krankheit. Aber die achtj&amp;auml;hrige Precious Reynolds aus  Kalifornien lebt. Denn ein Arzt hatte eine Idee.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55795.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Totgesagte leben l&amp;auml;nger&lt;/strong&gt; Precious Reynolds, hier mit ihrer Hausente vor  der elterlichen Farm, &amp;uuml;berlebte eine eigentlich t&amp;ouml;dliche  Tollwutinfektion. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Precious Reynolds, acht Jahre alt, schmal, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, h&amp;uuml;pft vom Aufzug zur Pforte der Kinder-Intensivstation. Sie zappelt herum, w&amp;auml;hrend sie darauf wartet, dort eingelassen zu werden, wo sie &amp;ndash; ginge es nach den Erkenntnissen aus 2000 Jahren Medizingeschichte &amp;ndash; h&amp;auml;tte sterben m&amp;uuml;ssen. Neun Monate zuvor hat sie hier am UC Davis Medical Center in Sacramento, Kalifornien, einen Anfall von Tollwut &amp;uuml;berlebt &amp;ndash; und damit eine Krankheit besiegt, die bisher als zu hundert Prozent t&amp;ouml;dlich galt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In der Kinderstation wird sie von den Krankenschwestern wie ein kleines Wunder begr&amp;uuml;&amp;szlig;t. Precious kann sich zwar nicht mehr an alle erinnern, wechselt aber mit jeder ein paar Worte, erz&amp;auml;hlt von zu Hause. Wie vor ihrem Anfall lebt sie mit ihren Geschwistern und Gro&amp;szlig;eltern auf einer Farm in Willow Creek, mitten in der Wildnis von Humboldt County in Kalifornien. Auf der langen Zufahrtsstra&amp;szlig;e zur Farm l&amp;auml;uft sie ihre Trainingsrunden, um f&amp;uuml;r die Ringersaison in der Kinderliga fit zu werden. Sie macht auch schon wieder beim &amp;raquo;Hammelreiten&amp;laquo; mit: &amp;Auml;hnlich wie beim Rodeo versuchen sich Kinder dabei so lange wie m&amp;ouml;glich auf dem R&amp;uuml;cken bockender Schafe zu halten; vor Kurzem hat Precious den dritten Platz belegt und 23 Dollar Preisgeld eingestrichen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ihre Begegnung mit dem Tod begann mit einer grippe&amp;auml;hnlichen Erkrankung, die von seltsamen Symptomen begleitet wurde: Kopf- und Nackenschmerzen, Schw&amp;auml;che in den Beinen. Im &amp;ouml;rtlichen Krankenhaus brachte ihr eine Schwester etwas zu trinken, doch sie konnte die Fl&amp;uuml;ssigkeit nicht schlucken, fast erstickte sie daran. Die Symptome wurden so heftig, dass das M&amp;auml;dchen per Hubschrauber in das Universit&amp;auml;tskrankenhaus von Sacramento gebracht wurde. Als das kalifornische Gesundheitsamt von ihrem Zustand erfuhr und davon, dass die Patientin aus dem l&amp;auml;ndlichen Humboldt County stammte, kam der Verdacht von Tollwut auf. Die Labortests best&amp;auml;tigten die Diagnose: In Precious&amp;rsquo; Blutserum und R&amp;uuml;ckenmarksfl&amp;uuml;ssigkeit fanden sich Antik&amp;ouml;rper &amp;ndash; was nur die Folge einer Impfung oder einer Infektion sein kann. Und tats&amp;auml;chlich, ein paar Wochen zuvor war sie beim Spielen vor ihrer Schule von einer verwilderten Katze gebissen worden. Damals hatte niemand an eine Behandlung gegen Tollwut gedacht, und nun war es zu sp&amp;auml;t f&amp;uuml;r die &amp;uuml;bliche Gegenma&amp;szlig;nahme &amp;ndash; mehrere Impfungen &amp;uuml;ber zwei Wochen hinweg, um dem K&amp;ouml;rper Zeit zu einer Immunreaktion zu geben, bevor das Virus das Gehirn erreicht. In Precious&amp;rsquo; Fall war klar, dass ihr Gehirn bereits befallen war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Noch vor einem Jahrzehnt gab es keinen anderen Weg, als solchen Patienten zumindest das Sterben zu erleichtern: Man h&amp;auml;tte mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln versucht, die Leidensphase etwas ertr&amp;auml;glicher zu machen. Ohne Behandlung ist Tollwut schon f&amp;uuml;r Beobachter kaum auszuhalten, ganz zu schweigen von denjenigen, die davon befallen sind. Die Schluckbeschwerden, auch Hydrophobie genannt, sorgen daf&amp;uuml;r, dass sich der K&amp;ouml;rper des Patienten gegen jede Fl&amp;uuml;ssigkeit wehrt, die man ihm einfl&amp;ouml;&amp;szlig;en m&amp;ouml;chte, selbst wenn er fast am Verdursten ist. Es folgen Fieberanf&amp;auml;lle, heftige Kr&amp;auml;mpfe, pl&amp;ouml;tzliche Aggressionssch&amp;uuml;be. Die Schmerzensschreie aus den verkrampften Kehlen der Opfer sind schier unertr&amp;auml;glich, sie klingen wie tierisches Gebell. Am Ende setzt der Teil des Gehirns aus, der die vegetativen Funktionen wie Atmung und Blutkreislauf steuert. Die Folge: Entweder ersticken die Patienten oder sie sterben an einem Herzstillstand.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; So war es bislang, unweigerlich. Doch inzwischen k&amp;ouml;nnen Krankenh&amp;auml;user eine Behandlung zumindest versuchen. Entwickelt hat sie der Kinderarzt Rodney Willoughby aus Milwaukee, der im Jahr 2004 mit einer 15-j&amp;auml;hrigen Tollwutpatientin konfrontiert wurde. Wie die meisten &amp;Auml;rzte in den USA hatte Willoughby zuvor noch nie mit Tollwut zu tun gehabt. Trotzdem konnte er dem M&amp;auml;dchen mit einer ganz einfachen Idee das Leben retten: Mithilfe von Medikamenten wurde die Patientin eine Woche lang in ein tiefes Koma versetzt und schlie&amp;szlig;lich behutsam wieder zur&amp;uuml;ckgeholt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es war der erste dokumentierte Fall, in dem ein Mensch eine Infizierung mit Tollwut &amp;uuml;berlebte, ohne vor Auftreten der Symptome geimpft worden zu sein. Willoughby stellte seine Behandlungsmethode ins Internet, machte in Zusammenarbeit mit Krankenh&amp;auml;usern auf der ganzen Welt ihren Einsatz wiederholbar und entwickelte sie weiter. Sein sogenanntes Milwaukee-Protokoll zeigt einen, wenn auch begrenzten, Erfolg: Bei weltweit 41 Behandlungsversuchen haben f&amp;uuml;nf weitere Patienten &amp;uuml;berlebt. Eine davon ist Precious.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; M&amp;uuml;sste man f&amp;uuml;r einen Film einen genialen Arzt besetzen, der sich gegen alle medizinischen Konventionen stellt, k&amp;auml;me man kaum auf einen wie  Rodney Willoughby, 57, untersetzt, gem&amp;uuml;tlich im Auftreten, bed&amp;auml;chtig in der Wortwahl. Der Spezialist f&amp;uuml;r ansteckende Krankheiten am Children&amp;rsquo;s Hospital of Wisconsin war zuerst skeptisch, als im Oktober 2004 eine Patientin mit Tollwut-Symptomen in seine Obhut &amp;uuml;bergeben wurde: &amp;raquo;Ich hatte so meine Zweifel, dass es sich wirklich um Tollwut handeln k&amp;ouml;nnte. Das kommt einfach nicht vor!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Patientin Jeanna Giese, 15, Sch&amp;uuml;lerin und Sportlerin, litt an Ersch&amp;ouml;pfung, Erbrechen, Seh-, Sprach- und unspezifischen Koordinationsst&amp;ouml;rungen. Bei ihr war die m&amp;ouml;gliche Quelle einer Tollwutinfektion klar: Vier Wochen zuvor war sie in ihrer Gemeindekirche von einer Fledermaus gebissen worden, die sie vom Boden des Altarraums aufgehoben hatte. Trotzdem schien f&amp;uuml;r Willoughby zun&amp;auml;chst eine andere Form von viraler Gehirnentz&amp;uuml;ndung oder eine Autoimmunkrankheit im Gehirn die wahrscheinlichere Erkl&amp;auml;rung f&amp;uuml;r ihre Beschwerden zu sein. Doch um Tollwut auszuschlie&amp;szlig;en, lie&amp;szlig; er binnen Stunden Blut- und R&amp;uuml;ckenmarksproben von Jeanna an die Centers for Disease Control in Atlanta (CDC) schicken, die US-amerikanische Seuchenschutzbeh&amp;ouml;rde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Obwohl Spezialist f&amp;uuml;r Infektionskrankheiten, wusste Willoughby fast nichts &amp;uuml;ber Tollwut: &amp;raquo;F&amp;uuml;rs Examen musste man nur eines lernen: dass sie zu hundert Prozent t&amp;ouml;dlich ist.&amp;laquo; Telefonisch erkundigte er sich bei den CDC, ob irgendwo an einer Heilbehandlung geforscht wurde &amp;ndash; eine vielversprechende neue Therapie vielleicht, die bislang noch in keinem &amp;Auml;rztejournal ver&amp;ouml;ffentlicht wurde. Die Beh&amp;ouml;rde konnte nicht weiterhelfen. Willoughby blieb nur ein knapper Tag zur Ausarbeitung eines Plans, also verschaffte er sich durch Querlesen einen &amp;Uuml;berblick &amp;uuml;ber die neurowissenschaftlichen Grundlagen der Tollwut. Am zweiten Tag von Jeannas Krankenhausaufenthalt in Milwaukee kam das Ergebnis der CDC: In ihrem Blutserum und in der R&amp;uuml;ckenmarksfl&amp;uuml;ssigkeit befanden sich Antik&amp;ouml;rper gegen Tollwut. Eine Stunde sp&amp;auml;ter trafen sich ihre &amp;Auml;rzte, um das weitere Vorgehen zu besprechen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Das Schlimmste, was passieren kann&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55797.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Jeanna Giese &lt;/strong&gt;&amp;uuml;berlebte  2004 eine Tollwut-Infektion - der erste  dokumentierte Fall einer  ungeimpften &amp;Uuml;berlebenden. Der Hund ihres  Vaters, mit dem sie hier  spielt, hatte mit ihrer Erkrankung &amp;uuml;brigens  nichts zu tun, Jeanna war  von einer Fledermaus gebissen worden.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Willoughby schlug seinen Kollegen eine letzte, verzweifelte Idee vor. Die L&amp;ouml;sung lag eigentlich &amp;raquo;ganz offen auf der Hand&amp;laquo;, sagt er im Nachhinein. In der Fachliteratur hatte er Hinweise darauf gefunden &amp;ndash; obwohl die Forschungsergebnisse in dieser Hinsicht alles andere als eindeutig sind &amp;ndash;, dass bei Tollwut der Tod nicht wie bei den meisten anderen Formen viraler Enzephalitis durch die Zerst&amp;ouml;rung von Nervenzellen oder durch eine Entz&amp;uuml;ndung im Gehirn eintritt. Stattdessen werde haupts&amp;auml;chlich die Neurotransmission angegriffen, also die elektrochemische Kommunikation, die zwischen den Zellen im zentralen Nervensystem abl&amp;auml;uft. Die sogenannte Exzitotoxizit&amp;auml;t &amp;uuml;berlastet das Gehirn, was dazu f&amp;uuml;hrt, dass die Zellen ihre eigene Energieversorgung pl&amp;uuml;ndern, bis sie schlie&amp;szlig;lich absterben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Willoughby wusste auch, dass das menschliche Immunsystem Abwehrma&amp;szlig;nahmen gegen die Tollwut aufbaut, die im Prinzip den Infekt bek&amp;auml;mpfen k&amp;ouml;nnten. Damit war seiner Logik zufolge der Kampf gegen die Tollwut ein Kampf gegen die Zeit: Anscheinend griff die Tollwut das Gehirn nicht direkt an, sondern veranlasste es dazu, den K&amp;ouml;rper zu zerst&amp;ouml;ren, bevor dieser Zeit h&amp;auml;tte, sich gegen die Tollwut zu wehren. Willoughby stellte seinen Kollegen im Kinderkrankenhaus von Wisconsin die Frage: Was w&amp;auml;re, wenn sie Jeanna in ein k&amp;uuml;nstliches Koma versetzten? Eine Unterdr&amp;uuml;ckung der Gehirnt&amp;auml;tigkeit bei gleichzeitiger Kontrolle ihrer Lebensfunktionen k&amp;ouml;nnte ihrem Immunsystem die n&amp;ouml;tige Zeit geben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seine Kollegen h&amp;auml;tten die Idee auch ablehnen k&amp;ouml;nnen: &amp;raquo;Bei auch nur einer Gegenstimme h&amp;auml;tten wir es gelassen &amp;ndash; denn die Idee war so simpel, dass sie eigentlich falsch sein musste. Sie war viel zu offensichtlich. Irgendjemand musste das doch schon ausprobiert haben. Aber es gab keine Gegenstimme.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit Einwilligung ihrer Eltern versetzte Willoughby Jeanna in ein k&amp;uuml;nstliches Koma. Eine Infusion mit Ketamin, einem kreislaufstabilisierenden An&amp;auml;sthetikum, hielt sie bewusstlos. F&amp;uuml;r Ketamin sprach au&amp;szlig;erdem, dass es in einer Studie aus dem Jahr 1992 bei tollwutinfizierten Ratten eine virenhemmende Wirkung gezeigt hatte. Willoughby verst&amp;auml;rkte die Wirkung des Ketamins durch die Verabreichung eines weiteren antiviralen Mittels, Amantadin, und durch das Bet&amp;auml;ubungsmittel Midazolam; au&amp;szlig;erdem gab er dem M&amp;auml;dchen starke Beruhigungsmittel. Am dritten Tag erg&amp;auml;nzte Willoughby auf Empfehlung der CDC noch Ribavirin, einen Breitband-Arzneistoff, der h&amp;auml;ufig zur Behandlung von Hepatitis C eingesetzt wird. Nach sieben Tagen war in Jeannas Blutserum und R&amp;uuml;ckenmarksfl&amp;uuml;ssigkeit ein deutlicher Anstieg an Antik&amp;ouml;rpern zu verzeichnen: Wie von Willoughby erhofft, begann ihr K&amp;ouml;rper sich zu wehren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun setzten die &amp;Auml;rzte die Medikamente allm&amp;auml;hlich wieder ab, Jeanna kam wieder zu Bewusstsein. Doch bei der ersten Untersuchung zeigte sie keine Reflexe, ihre Gliedma&amp;szlig;en lagen schlaff und regungslos auf dem Bett; lediglich ihre Pupillen reagierten st&amp;auml;rker auf Lichteinfluss als in der Koma-Woche. Willoughby qu&amp;auml;lte die Vorstellung, er k&amp;ouml;nnte ein Locked-in-Syndrom ausgel&amp;ouml;st haben. Dabei ist ein Patient zwar bei Bewusstsein, kann aber weder kommunizieren noch sonst eine physische Reaktion zeigen: &amp;raquo;Das ist das Schlimmste, was passieren kann.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch Jeannas stetige Fortschritte vertrieben diese Bef&amp;uuml;rchtung allm&amp;auml;hlich. Vier Tage nach Absetzung der Narkosemittel reagierte ihr Unterschenkel auf Willoughbys Reflexhammer. Zwei Tage sp&amp;auml;ter konnte sie ihre Augen bewegen. Wieder zwei Tage sp&amp;auml;ter hob sie die Augenbrauen, wenn man sie ansprach.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch es sollte noch Wochen dauern, bis selbst einfache Bewegungen wieder m&amp;ouml;glich waren. Nur sehr langsam bekam Jeanna ihren K&amp;ouml;rper wieder in den Griff. Gestik, Mienenspiel, Schlucken und Sprechen &amp;ndash; sie musste alles neu lernen. Nach einem Monat medizinischer Isolation konnte sie eine intensive station&amp;auml;re Therapie beginnen, die noch weitere Wochen andauern sollte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am 1. Januar 2005 konnte Jeanna das Krankenhaus verlassen und in ihr Zuhause in Fond du Lac, Wisconsin, zur&amp;uuml;ckkehren. Vor ihr lag eine monatelange Physiotherapie, in der sie alle grundlegenden F&amp;auml;higkeiten wiedererlernen musste: erst stehen, dann gehen, schlie&amp;szlig;lich laufen. Mit Erfolg: Nach einem Jahr Reha waren nur ein leichtes Nuscheln und ein gelegentliches Stottern geblieben. Im Fr&amp;uuml;hjahr 2011 schaffte sie als erstes Mitglied ihrer Familie den College-Abschluss. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Tollwut &amp;uuml;berlebt man nicht: So lautete das endg&amp;uuml;ltige Urteil der Medizin, und das nicht nur in Rodney Willoughbys Examenspr&amp;uuml;fung, sondern bereits in medizinischen Aufs&amp;auml;tzen, die aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammen. &amp;raquo;Die Krankheit ist ebenso akut wie unabl&amp;auml;ssig&amp;laquo;, schrieb der griechische Mediziner Soranos von Ephesus. Sushruta, ein legend&amp;auml;rer Chirurg im alten Indien, sprach in seiner eigenen Beschreibung von Hydrophobie von einer Sterberate von hundert Prozent: &amp;raquo;Wenn ein solcher Patient beim Anblick von Wasser oder wenn nur das Wort Wasser erw&amp;auml;hnt wird, &amp;uuml;berm&amp;auml;-&amp;szlig;ige Furcht an den Tag legt, so liegt die Vermutung nahe, dass er an Jalatr&amp;aacute;sa leidet&amp;laquo; &amp;ndash; w&amp;ouml;rtlich: Wasser-Scheu &amp;ndash; &amp;raquo;und dem Untergang geweiht ist.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zwar hat die Tollwut zu keiner Zeit riesige Opferzahlen verursacht, doch l&amp;ouml;ste sie jahrhundertelang geradezu hysterische Furcht aus. Das mag auch an dem fast &amp;uuml;bernat&amp;uuml;rlichen Wahn liegen, der ihre Opfer kurz vor dem Tod packen kann. In einem Brief an die Londoner &lt;em&gt;Times&lt;/em&gt; aus dem Jahr 1830, als die Stadt von tollw&amp;uuml;tigen Hunden geplagt wurde, schreibt ein Leser: &amp;raquo;Wer unter uns kann am Morgen seine Heimstatt verlassen und sicher sein, dass er nicht ein paar Stunden sp&amp;auml;ter in einem Zustand zur&amp;uuml;ckkehren k&amp;ouml;nnte, der ihn herabw&amp;uuml;rdigt zur Verzweiflung und Raserei eines D&amp;auml;mons, von denen er nur durch einen schrecklichen Tod Erl&amp;ouml;sung findet?&amp;laquo; In London und Paris organisierten B&amp;uuml;rger gro&amp;szlig; angelegte &amp;raquo;Hundemassaker&amp;laquo;, um gegen die verwilderten Hunde vorzugehen, die diese Krankheit vermeintlich &amp;uuml;bertrugen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die &amp;uuml;bertriebene Furcht vor Tollwut war ein Grund, weshalb Louis Pasteur, der bereits Impfstoffe gegen die Tierkrankheiten H&amp;uuml;hnercholera und Rindermilzbrand entwickelt hatte, sich ihr als erster menschlicher Krankheit widmete. Als Pasteur 1885 seinen Impfstoff entwickelt hatte, erlangte er sofort weltweite Ber&amp;uuml;hmtheit. Auch au&amp;szlig;erhalb Frankreichs wurde er daf&amp;uuml;r mit Lob &amp;uuml;berh&amp;auml;uft &amp;ndash; eine Reaktion, die seine fr&amp;uuml;heren und ebenso beeindruckenden Leistungen, darunter die nach ihm benannte Pasteurisierung, nicht hervorgerufen hatten. Pasteurs Tollwutserum &amp;ndash; das aufgrund der langen Latenzzeit zwischen Biss und tats&amp;auml;chlicher Infektion des Gehirns noch Tage sp&amp;auml;ter verabreicht werden konnte &amp;ndash; verwandelte ein t&amp;ouml;dliches Virus in eine behandelbare Krankheit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die weitere Verbesserung des Serums hat die Zahl der t&amp;ouml;dlichen Tollwutf&amp;auml;lle in Industriel&amp;auml;ndern auf nahezu null reduziert. In Entwicklungsl&amp;auml;ndern fordert die Krankheit zwar immer noch viele Todesopfer: j&amp;auml;hrlich 55 000 nach der j&amp;uuml;ngsten Sch&amp;auml;tzung der Weltgesundheitsorganisation. Doch in der Forschung wie auch im Gesundheitswesen trat die Entschl&amp;uuml;sselung des Erregers in den Hintergrund &amp;ndash; auch weil als sicher galt, dass Tollwut unheilbar ist. Es schien sinnvoller, sich bei Menschen und Hunden, die gebissen wurden, ausschlie&amp;szlig;lich auf die Schutzimpfung zu konzentrieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Tollwut in Deutschland&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55799.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Der Kinderarzt &lt;strong&gt;Rodney Willoughby&lt;/strong&gt; aus Milwaukee entwickelte die neue  Behandlungsmethode, die als &amp;raquo;Milwaukee-Protokoll&amp;laquo; bekannt wurde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt; Die Sterblichkeitsrate von hundert Prozent hat die &amp;Auml;rzteschaft seit jeher dazu bewogen, alle Todeskandidaten in gleicher Weise zu betrachten. Dabei ist jede Infektion anders, was &amp;ndash; zumindest in der Theorie &amp;ndash; einigen Patienten eine h&amp;ouml;here &amp;Uuml;berlebenschance einr&amp;auml;umen k&amp;ouml;nnte. Mancher Biss eines Tieres &amp;uuml;bertr&amp;auml;gt nur eine geringe Dosis des Erregers; Bisse im Gesicht sind gef&amp;auml;hrlicher als Bisse am Fu&amp;szlig; oder Bein, da der Erreger das Gehirn schneller erreicht. Manche Patienten zeigen sofort eine Immunreaktion, andere nicht. Am wichtigsten allerdings ist die Erkenntnis, dass sich inzwischen verschiedene Tollwutvarianten in den unterschiedlichen Wirtstieren verbreitet haben; so l&amp;ouml;st zum Beispiel der Biss einer Fledermaus, eines Stinktieres oder eines Hundes jeweils eine andere Art von Infektion aus. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Rodney Willoughby rettete gegen jede Erwartung und jede Erfahrung mit einer neuartigen Form der Tollwutbehandlung seiner Patientin das Leben. Manche der weltweit f&amp;uuml;hrenden Tollwutexperten vermuten allerdings etwas anderes. Sie bestreiten nicht, dass Jeanna und Precious an Tollwut litten. Aber sie weigern sich anzuerkennen, dass das Milwaukee-Protokoll die beiden M&amp;auml;dchen und die anderen vier &amp;Uuml;berlebenden geheilt hat. Stattdessen behaupten sie, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder Menschen gab, die Tollwut &amp;uuml;berlebt haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kritiker des Milwaukee-Protokolls wie die Tollwut-Experten Henry Wilde und Thiravat Hemachudha vom medizinischen Institut der Chulalongkorn Universit&amp;auml;t in Bangkok vermuten: Willoughby ist auf eine neue Art und Weise der Tollwutbehandlung gesto&amp;szlig;en und hatte dann das gro&amp;szlig;e Gl&amp;uuml;ck &amp;ndash; oder Ungl&amp;uuml;ck &amp;ndash;, es an einem der extrem seltenen Patienten zu testen, die auch ohne jede Behandlung &amp;uuml;berlebt h&amp;auml;tten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die &amp;Uuml;berlebensrate des Milwaukee-Protokolls ist &amp;auml;u&amp;szlig;erst beeindruckend, wenn man sie am deprimierenden Vergleichswert &amp;raquo;null&amp;laquo; misst, auf den Jahrtausende der Medizin-geschichte zur&amp;uuml;ckblicken k&amp;ouml;nnen. Doch was, wenn nun ein Bruchteil der Patienten tats&amp;auml;chlich schon immer &amp;uuml;berlebt hat? Zu den vermeintlichen Tollwut-&amp;Uuml;berlebenden z&amp;auml;hlen: eine Deutsche im Jahr 1875, ein italienischer Teenager im Jahr 1912, ein 73-j&amp;auml;hriger Amerikaner im Jahr 1913, eine Brasilianerin im Jahr 1968 &amp;ndash; bei allen diagnostizierten &amp;Auml;rzte Tollwut, und alle &amp;uuml;berlebten, obwohl sie kein Serum erhielten. Das Problem bei diesen F&amp;auml;llen ist allerdings: Es ist nicht sicher, dass diese Patienten, an heutigen Standards gemessen, tats&amp;auml;chlich an Tollwut litten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch Henry Wilde beharrt: &amp;raquo;Es gibt &amp;Uuml;berlebende. 14 Prozent der Hunde &amp;uuml;berleben. Flederm&amp;auml;use &amp;uuml;berleben.&amp;laquo; Wenn die Tollwut nicht hundert Prozent Todesopfer unter den Tieren fordert und wenn keine andere menschliche Krankheit hundert Prozent der Betroffenen t&amp;ouml;tet, sollte es uns dann wirklich wundern, dass einige Tollwutf&amp;auml;lle unter Menschen sich als nicht t&amp;ouml;dlich erweisen? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Um seine Kritiker zu widerlegen, hofft Willoughby sein Protokoll in Tierversuchen simulieren zu k&amp;ouml;nnen, aber weder er noch sonst jemand hat bislang die n&amp;ouml;tigen Forschungen durchgef&amp;uuml;hrt. Bis dahin w&amp;uuml;nschen sich Willoughbys Kritiker einen Antik&amp;ouml;rpertest, der gleich im Krankenhaus durchf&amp;uuml;hrbar ist, am Bett des Patienten. Wenn die &amp;Auml;rzte in den Entwicklungsl&amp;auml;ndern herausfinden k&amp;ouml;nnten, welche Patienten eine schnelle Immunreaktion auf die Tollwut zeigen, k&amp;ouml;nnten sie die Intensivbehandlung weiterentwickeln und so m&amp;ouml;glicherweise mehr Menschenleben retten. Willoughbys Kritiker sind &amp;uuml;berzeugt, dass diese Behandlung dann dem Milwaukee-Protokoll nicht im Geringsten &amp;auml;hneln w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die wissenschaftliche Kontroverse zeigt vor allem, wie wenig wir &amp;uuml;ber vernachl&amp;auml;ssigte Krankheiten wie Tollwut wissen, die weltweit immer noch viele Opfer fordern, deren Zahl aber nicht hoch genug ist, um hohe Summen an Forschungsgeldern zu generieren. Was bleibt, sind bei allem medizinischen Fortschritt mutige Versuche wie die von Willoughby, Vermutungen &amp;ndash; und am Ende neue Fragen. Denn jeder neue Fall ist so eigen, dass er das ganze Konstrukt wieder zum Einsturz bringen kann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wilde und Hemachudha verweisen auf das r&amp;auml;tselhafteste Beispiel in j&amp;uuml;ngster Zeit, eine geheimnisvolle Patientin, der Gesundheitsbeamte den Namen &amp;raquo;Texas Wild Child&amp;laquo; gegeben haben. Im Februar 2009 tauchte eine 17-j&amp;auml;hrige Ausrei&amp;szlig;erin aus Missouri in einem Krankenhaus in Texas auf und klagte &amp;uuml;ber schwere Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Nackenschmerzen, Schwindelanf&amp;auml;lle und ein Kribbeln in Gesicht und Armen. Nach drei Tagen waren die Symptome des M&amp;auml;dchens abgeklungen, man schickte sie nach Hause. Doch kurze Zeit sp&amp;auml;ter kehrten die Kopfschmerzen noch heftiger zur&amp;uuml;ck, und sie suchte die Notaufnahme eines anderen Krankenhauses auf. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf Nachfrage der &amp;Auml;rzte erinnerte sich das M&amp;auml;dchen, zwei Monate zuvor in einer H&amp;ouml;hle in einen Schwarm Flederm&amp;auml;use geraten zu sein. Sie hatte danach weder Kratzer noch Bisswunden bemerkt &amp;ndash; doch Fledermausbisse sind oft so zart, dass sie einem Opfer nicht immer auffallen. Wie bei Precious und Jeanna wiesen die Blutproben des M&amp;auml;dchens Tollwut-Antik&amp;ouml;rper auf, doch ihre Symptome verschlimmerten sich nie so sehr, dass eine intensive Behandlung n&amp;ouml;tig wurde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach zwei Wochen wurde das M&amp;auml;dchen entlassen, bald darauf war sie verschwunden. Ihre bemerkenswerte Genesung macht sie zum ersten Menschen, der jemals die Tollwut &amp;uuml;berlebte, ohne intensiv behandelt worden zu sein. Aber sie ist unauffindbar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;TOLLWUT IN DEUTSCHLAND&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der letzte Tollwutfall bei einem Menschen  wurde 2007 gemeldet. Damals war ein Mann im Urlaub in Marokko von einem  Hund gebissen worden, er starb einige Wochen sp&amp;auml;ter in Hamburg.  Deutschland gilt seit September 2008 als frei von terrestrischer  Tollwut. Das hei&amp;szlig;t: Heimische Tiere, die auf dem Boden leben, &amp;uuml;bertragen  keine Tollwut mehr. Gefahr geht nur noch von illegal aus  Tollwut-Endemiegebieten eingef&amp;uuml;hrten Tieren sowie von Flederm&amp;auml;usen aus.  2012 gab es 13 F&amp;auml;lle von Fledermaustollwut, davon sieben in Berlin, zwei  in Sachsen und je einen im Saarland, in Niedersachsen, Bremen und  Schleswig-Holstein.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Das Wunderkind</dc:subject>
    <dc:creator>Monica Murphy und Bill Wasik</dc:creator>
    <dc:date>2013-01-28T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39419">
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    <title>Das Schubladen-Ohr</title>
    <description>&lt;p&gt;H&amp;ouml;rger&amp;auml;te      werden st&amp;auml;ndig besser, unauff&amp;auml;lliger, auch teurer. Warum      liegen dann trotzdem so viele ungenutzt in der Schublade?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55837.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;Tut wirklich gut, die Sonne im      Gesicht!&amp;laquo; &lt;/em&gt;&amp;raquo;Ja, meine ist auch wasserdicht.&amp;laquo; &amp;raquo;Sag ich doch seit Jahren, der Typ ist ein Wicht.&amp;laquo;&lt;/em&gt; &lt;em&gt;(Foto: Ricardo Cases)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aus eigenem Antrieb h&amp;auml;tte sie nichts getan. Es waren ja die anderen, die Probleme mit ihr hatten. Ihre Tochter zum Beispiel, die eines Tages sagte: &amp;raquo;Du h&amp;ouml;rst schlecht!&amp;laquo; Also ging Ilse Wei&amp;szlig; vor drei Jahren dann doch zum Ohrenarzt, der eine Einschr&amp;auml;nkung des Frequenzgangs vor allem auf dem linken Ohr feststellte. Der H&amp;ouml;rakustiker best&amp;auml;tigte diesen Eindruck, legte ihr ein Audiogramm vor, das ihre Unzul&amp;auml;nglichkeit sozusagen amtlich bewies, und dann hatte Ilse Wei&amp;szlig; auf einmal zwei H&amp;ouml;rger&amp;auml;te zu Hause, die sie in der Schatulle eigentlich sch&amp;ouml;ner fand als in ihren Ohren. Der H&amp;ouml;rakustiker hatte gesagt, sie solle sie m&amp;ouml;glichst dauernd tragen. Ilse Wei&amp;szlig;, 79 Jahre, sagt: &amp;raquo;Bis heute mache ich sie zu Hause nicht dran. Und wenn ich rausgehe meist auch nicht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nat&amp;uuml;rlich kann ein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t seine Wirkung nur begrenzt entfalten, wenn es in einer Schublade liegt, das wei&amp;szlig; sie selbst. Aber wenn sie es benutzt, macht es ihr Leben oft auch nicht leichter: &amp;raquo;Ein einziges &amp;Auml;rgernis!&amp;laquo; Als sie einmal damit im Theater war, hatte sie den Eindruck, im Inneren einer Blechdose zu sitzen, so schepperte es. &amp;raquo;St&amp;ouml;rt mich wahnsinnig&amp;laquo;, sagt Ilse Wei&amp;szlig;. Vielleicht h&amp;auml;tte sie sich mehr Zeit nehmen sollen, sich nicht gleich f&amp;uuml;r das zweite Ger&amp;auml;t festlegen, aber sie wollte die Sache erledigt haben. &amp;raquo;Ein sch&amp;ouml;ner Mist&amp;laquo;, sagt sie. Alle paar Monate geht sie zum Akustiker, der freundlich-bem&amp;uuml;ht daran herumstellt und betont, man sei jetzt auf einem guten Wege. Am Ende sp&amp;uuml;rt sie jedes Mal: keine Verbesserung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ilse Wei&amp;szlig; ist ein Einzelfall. Sagen die H&amp;ouml;rger&amp;auml;teverb&amp;auml;nde und Hersteller. Sie reden von der gro&amp;szlig;en Zufriedenheit ihrer Kunden und f&amp;uuml;hren Statistiken an, die belegen sollen, dass die meisten H&amp;ouml;rger&amp;auml;te auch tats&amp;auml;chlich t&amp;auml;glich getragen werden. Aber kennt nicht jeder in der Familie oder bei Freunden mindestens einen Senior, der ein teures H&amp;ouml;rger&amp;auml;t hat, das er aus unterschiedlichsten Gr&amp;uuml;nden eben nicht tr&amp;auml;gt? Das in einer Schublade vermodert, m&amp;ouml;glichst ganz hinten, damit man nicht unangenehm an das viele Geld erinnert wird, das es einmal gekostet hat? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Laut einer Umfrage des europ&amp;auml;ischen H&amp;ouml;rger&amp;auml;teverbandes sind 73 Prozent der H&amp;ouml;rger&amp;auml;tetr&amp;auml;ger mit ihrem H&amp;ouml;rger&amp;auml;t &amp;raquo;&amp;uuml;berwiegend zufrieden&amp;laquo;. Wenn aber nun, etwas zugespitzt, 27 Prozent der H&amp;ouml;rger&amp;auml;te eher nicht getragen werden, hie&amp;szlig;e das &amp;uuml;bersetzt f&amp;uuml;r den deutschen Markt: Fast 1,5 Millionen H&amp;ouml;rger&amp;auml;te liegen in der Schublade. Legt man einen eher moderaten durchschnittlichen Preis von 1000 Euro zugrunde (ein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t kann pro Seite durchaus 3000 Euro und mehr kosten), ergibt das ein totes Kapital von rund 1,5 Milliarden Euro. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als im engeren Sinne schwerh&amp;ouml;rig gilt laut Weltgesundheitsorganisation, wer eine H&amp;ouml;rminderung von mehr als 25 Dezibel hat, also zum Beispiel das Ticken einer Armbanduhr nicht mehr h&amp;ouml;ren kann. Nat&amp;uuml;rlich gibt es einen Grad von Schwerh&amp;ouml;rigkeit, ab dem man keine Wahl mehr hat, will man nicht au&amp;szlig;erhalb jeder Kommunikation stehen. Ab dem ein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t also unbedingt notwendig ist. Aber gerade im Bereich der leichten Schwerh&amp;ouml;rigkeit scheint es aus Sicht der Betroffenen, die sie oft anders und weniger gravierend empfinden als ihre Angeh&amp;ouml;rigen, durchaus Argumente zu geben, die gegen das Tragen eines H&amp;ouml;rger&amp;auml;tes sprechen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Davon ist auf der 1. H&amp;ouml;rmesse im M&amp;uuml;nchner Alten Rathaus eher weniger die Rede. Der Andrang der Schwerh&amp;ouml;rigen ist so gewaltig, dass das Haupttor bereits nach einer guten Stunde vor&amp;uuml;bergehend geschlossen werden muss. Das f&amp;uuml;hrende bayerische H&amp;ouml;r-akustik-Unternehmen Seifert hat zum &amp;raquo;InfOHRmationstag&amp;laquo; geladen. Auf dem Rednerpult unter holzget&amp;auml;feltem Gew&amp;ouml;lbe Seifert-Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrer Wolfgang Luber, der sich zun&amp;auml;chst f&amp;uuml;r die schlechte Akustik entschuldigt. &amp;raquo;Sie k&amp;ouml;nnen auf Induktionsspule stellen&amp;laquo; &amp;ndash; eine Einstellung, die das H&amp;ouml;ren in gro&amp;szlig;en Hallen erleichtert. Luber sagt, er verspreche, es gehe heute nicht um die Firma Seifert. Was nicht ganz stimmt. Aber zu einem 50. Firmenjubil&amp;auml;um darf und muss man als Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrer schon ein paar Worte verlieren d&amp;uuml;rfen. Erst recht, wenn man der Veranstalter ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Luber hat also gerade ein bisschen &amp;uuml;ber seine 70 Filialen und die guten Aussichten der Branche gesprochen, als sich in der mittleren Reihe &amp;raquo;spontan&amp;laquo; eine Mutter erhebt, die der Firma Seifert im Namen ihrer Tochter danken m&amp;ouml;chte, weil ihr neues H&amp;ouml;rger&amp;auml;t sie wieder mit dem Leben verbunden habe. Sie &amp;uuml;bergibt einen Strau&amp;szlig; &amp;raquo;Esperanza-Rosen&amp;laquo;, &amp;raquo;weil H&amp;ouml;rger&amp;auml;te doch Hoffnung machen&amp;laquo;, und lobt die netten Akustiker bei Seifert. Weil das jetzt ein bisschen wie auf einem Parteitag ist, beeilt sich Herr Luber zu sagen, dies sei nicht geplant gewesen. Auch wenn es ja ganz gut passt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Folgenden reden Wissenschaftler, &amp;Auml;rzte, Akustiker und ein paar Mitarbeiter der Firma Seifert. Fast alle folgen dabei einem &amp;auml;hnlichen Schema. Erst zeichnen sie auf, wie sich der Schwerh&amp;ouml;rige in die Isolation begibt. Dann bieten sie den Ausweg an. Professor Hamann von der HNO-Klinik Bogenhausen folgt dieser Redetechnik am konsequentesten: Soeben also hat er erz&amp;auml;hlt, dass zwar 88 Prozent der Risikogruppen einen Sehtest machen, aber nur 44 Prozent einen H&amp;ouml;rtest. Dass Schwerh&amp;ouml;rige h&amp;auml;ufiger st&amp;uuml;rzen, wovor man sich in Winter ja sowieso f&amp;uuml;rchtet. Er hat die Deutschland-Zahl &amp;ndash; 14 Millionen Schwerh&amp;ouml;rige &amp;ndash; in gro&amp;szlig;en Buchstaben an die Wand projiziert, &amp;raquo;eine traurige Zahl&amp;laquo;, wie er sagt und dabei besonders traurig guckt, um dann &amp;uuml;berzuleiten zu dem, was er &amp;raquo;Nachholbedarf&amp;laquo; nennt: In leuchtendem Rot unterlegt erscheint an der Wand: &amp;raquo;7 Millionen unterversorgte Schwerh&amp;ouml;rige. Einzig sinnvolle Therapie: H&amp;ouml;rger&amp;auml;teversorgung.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Man muss es wollen&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55839.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Beim gesunden Menschen wird der Schall von der Ohrmuschel in den Geh&amp;ouml;rgang gelenkt. An dessen Ende beginnt das Trommelfell zu schwingen. Eine dahinterliegende Kette von Geh&amp;ouml;rkn&amp;ouml;chelchen verst&amp;auml;rkt die Bewegung, das letzte Kn&amp;ouml;chelchen dr&amp;uuml;ckt wie ein Stempel auf die Fl&amp;uuml;ssigkeit in der Geh&amp;ouml;rschnecke des Innenohrs. Dieser Impuls wird &amp;uuml;ber mehrere Reihen von Haarsinneszellen registriert und schlie&amp;szlig;lich als Nervenimpuls weitergegeben in Richtung H&amp;ouml;rzentrum des Gehirns. Die meisten Schwerh&amp;ouml;rigkeiten gehen auf eine Sch&amp;auml;digung jener Haarzellen zur&amp;uuml;ck. F&amp;uuml;r eine ganze Industrie bedeutet das: Innenohr minus Haarzellen mal Patienten gleich Umsatz. Die Gewinnsteigerungen der H&amp;ouml;rger&amp;auml;tebranche sind seit Jahren zweistellig. Die 14 auf dem deutschen Markt t&amp;auml;tigen Firmen setzten 2011 etwa 890 000 Ger&amp;auml;te ab, macht rund 1,3 Milliarden Euro Umsatz durch Ger&amp;auml;teverkauf und Anpassung. Weltweit gibt es rund 800 Millionen Schwerh&amp;ouml;rige, das entspricht 16 Prozent der Weltbev&amp;ouml;lkerung. Und es werden st&amp;auml;ndig mehr: Wunderbare Zeiten f&amp;uuml;r alle, die ihr Geld mit den Schw&amp;auml;chen des Alterns verdienen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die vermutlich erste H&amp;ouml;rhilfe in der Geschichte der Menschheit war es, die hohle Hand hinter das Ohr zu legen. Die Produktion technischer Hilfen begann gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Schalltrichter mit einem Schlauch, den man ins Ohr steckte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; 1895 entwickelte der New Yorker Ingenieur Miller Reese Hutchinson das erste elektrische H&amp;ouml;rger&amp;auml;t. Ein gro&amp;szlig;es Batterie-Geh&amp;auml;use, das aussah wie ein tragbares Rundfunkger&amp;auml;t, mit einem telefon&amp;auml;hnlichen Empf&amp;auml;nger, der ans Ohr gehalten werden musste. Das Grundprinzip ist bis heute das gleiche: Ein Mikrofon am H&amp;ouml;reingang wandelt die eingehenden Schwingungen in elektrische Signale um, die, verst&amp;auml;rkt &amp;uuml;ber einen Mini-Lautsprecher, wieder als akustische Signale abgegeben werden. 1958 produzierte Philips das erste Hinterohrger&amp;auml;t, Anfang der Siebzigerjahre kamen die noch kleineren Innenohrger&amp;auml;te auf den Markt. Mit der Digitalisierung erh&amp;ouml;hte sich auch die Rechenleistung: Verbarg ein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t 2002 in seinem Inneren 50 000 Transistoren, sind es heute bis zu 16 Millionen &amp;ndash; auf einem kaum fingernagelgro&amp;szlig;en Chip. Sp&amp;auml;testens alle zwei Jahre kommen verbesserte Platinen auf den Markt. Moderne Ger&amp;auml;te k&amp;ouml;nnen Details herausarbeiten, Frequenzen selektiv verst&amp;auml;rken, Hintergrundger&amp;auml;usche unterdr&amp;uuml;cken, auf die Richtung des Gespr&amp;auml;chspartners fokussieren und lassen sich via Bluetooth mit Telefon oder Fernseher verbinden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; H&amp;ouml;rakustik-L&amp;auml;den gleichen heute eher Designshops als biederen Sanit&amp;auml;tsh&amp;auml;usern. Die Einrichtung suggeriert Modernit&amp;auml;t, die Branche tut alles, um das Image des H&amp;ouml;rger&amp;auml;tes aufzuwerten. Ein modisches Accessoire soll es sein, wie es die Brille schon lange ist. Opas klobiger fleischfarbener Hinterohr-Bolzen hat ausgedient: Die neue &amp;raquo;Aud&amp;eacute;o Yes&amp;laquo;-Linie des Weltmarktf&amp;uuml;hrers Phonak, stolze 2380 Euro pro Ohr, gibt es in den Trendfarben &amp;raquo;Roter Burgunder&amp;laquo;, &amp;raquo;Nuss Nougat&amp;laquo; oder &amp;raquo;Gr&amp;uuml;n vor Neid&amp;laquo;. Nat&amp;uuml;rlich ist es kein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t mehr, sondern ein &amp;raquo;H&amp;ouml;rsystem&amp;laquo;. Laut Prospekt besticht es neben brillantem Design mit einem Hightech-Innenleben, das sich hinter einer &lt;br /&gt; Reihe von schmissigen Begriffen verbirgt: SoundRecover, ZoomControl mit Direct Touch, SoundFlow Automatic, WhistleBlock-Technologie und Real Ear Sound. Das kann zwar nicht jeder aussprechen, aber es klingt verhei&amp;szlig;ungsvoll und dicht an der Zeit. Auch wenn man sie schon lange nicht mehr ganz versteht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wieso also bleiben trotz allen technischen Fortschritts so viele teuer gekaufte H&amp;ouml;rger&amp;auml;te mehr oder weniger ungenutzt? Jan-Christian Fross, Deutschland-Sprecher des Weltmarktf&amp;uuml;hrers Phonak, antwortet indirekt: &amp;raquo;Man muss das H&amp;ouml;ren v&amp;ouml;llig neu erlernen.&amp;laquo; Insbesondere deshalb, weil im Schnitt sieben bis zw&amp;ouml;lf Jahre vergehen, bevor sich der Betroffene f&amp;uuml;r eine H&amp;ouml;rhilfe entscheidet. In dieser Zeit aber habe sich das Gehirn bereits umgew&amp;ouml;hnt, der K&amp;ouml;rper habe sich mit der Situation arrangiert. Das H&amp;ouml;rzentrum im Gehirn speichert Laute und Ger&amp;auml;usche auch nach einer auftretenden H&amp;ouml;rminderung noch bis zu drei Jahre. Dann aber, sp&amp;auml;testens jedoch nach sieben Jahren, wird der Speicher gel&amp;ouml;scht. Eingehende Signale k&amp;ouml;nnen nicht mehr dekodiert und in Informationen umgewandelt werden. Wenn nun l&amp;auml;ngst vergessene Ger&amp;auml;usche, wie zum Beispiel Autol&amp;auml;rm, wieder in den Alltag treten, f&amp;uuml;hlt sich der Betreffende mitunter gest&amp;ouml;rt. Eine Flut von Impulsen str&amp;ouml;mt auf den H&amp;ouml;rger&amp;auml;tetr&amp;auml;ger ein, die das Gehirn erst einmal verarbeiten muss. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch Seifert-Chef Wolfgang Luber macht im Wesentlichen die H&amp;ouml;rentw&amp;ouml;hnung f&amp;uuml;r die Schwierigkeiten mancher H&amp;ouml;rger&amp;auml;tetr&amp;auml;ger verantwortlich. &amp;raquo;H&amp;ouml;ren bedeutet eben auch st&amp;auml;ndige Denkleistung.&amp;laquo; Eine gewisse geistige Flexibilit&amp;auml;t sei dabei durchaus hilfreich. Es ist ja nicht wie bei einer neuen Brille, wo einfach umgeschaltet wird von unscharf auf scharf, es bedarf auch eines gewissen Durchhalteverm&amp;ouml;gens: Bis zu einem Dreivierteljahr k&amp;ouml;nne die Anpassung des Ger&amp;auml;tes dauern, &amp;raquo;mindestens 50 Prozent des guten H&amp;ouml;rens bestehen in der Dienstleistung des H&amp;ouml;rger&amp;auml;teakustikers&amp;laquo;. Deshalb sei es auch eine denkbar schlechte Motivation, ein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t zu kaufen, um anderen damit einen Gefallen zu tun. &amp;raquo;Man muss es wollen&amp;laquo;, sagt Luber, &amp;raquo;sonst geht es nicht!&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Kommt ihm jemand bl&amp;ouml;d, nimmt er einfach das Ger&amp;auml;t raus.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55841.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Diese Einsch&amp;auml;tzung teilt Renate Welter, Vizepr&amp;auml;sidentin des Deutschen Schwerh&amp;ouml;rigenbundes, auch aus ihrer eigenen Erfahrung. Sie bekam 1980 die ersten H&amp;ouml;rger&amp;auml;te und trug diese zun&amp;auml;chst, wenn &amp;uuml;berhaupt, nur wenn es berufsbedingt n&amp;ouml;tig war, zum Beispiel in Besprechungen. Aber auch bei ihr vergingen Jahre vom ersten H&amp;ouml;rverlust bis zum H&amp;ouml;rger&amp;auml;tekauf. &amp;raquo;Wenn man die Ger&amp;auml;te bekommt, sind durch die H&amp;ouml;rentw&amp;ouml;hnung T&amp;ouml;ne, Ger&amp;auml;usche, aber auch Sprache oft sehr unangenehm, sodass einen das st&amp;auml;ndige Tragen von morgens bis abends &amp;uuml;berfordert.&amp;laquo; Allerdings sieht sie nicht nur die Patienten in der Verantwortung, sondern nimmt auch Akustiker, die deutlich mehr Feinanpassungen in den Festbetr&amp;auml;gen einberechnen m&amp;uuml;ssten, sowie die gesetzlichen Krankenkassen in die Pflicht: &amp;raquo;Aus unserer Sicht m&amp;uuml;sste die Audiotherapie eine als Reha-Ma&amp;szlig;nahme anerkannte Leistung der gesetzlichen Krankenkassen werden.&amp;laquo; Dazu sollten ein spezielles H&amp;ouml;r- sowie ein Desensibilisierungstraining bei Ger&amp;auml;usch&amp;uuml;berempfindlichkeit geh&amp;ouml;ren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn man in die anthroposophische HNO-Praxis von Bernd Oelm&amp;uuml;ller in Berlin-Zehlendorf kommt, muss man damit leben, dass man vieles von dem, was er sagt, nicht verstehen kann. Das macht insofern nichts, als die Medizin, die er verschreibt, erstens nebenwirkungsfrei ist. Und zweitens, wie seine Patienten versichern, fast immer hilft. Was Oelm&amp;uuml;ller sagt, klingt &amp;ndash; auch wenn er die schulmedizinische Wissenschaft nicht auf seiner Seite hat &amp;ndash; in sich logisch, und selbst, wenn er in metaphysische Grenzbereiche vordringt, ist man als Patient stets &amp;uuml;berzeugt, dass es genau so sein m&amp;uuml;sse. Aber nie w&amp;auml;re man in der Lage, sp&amp;auml;ter wiederzugeben, was er einem gerade so plausibel erkl&amp;auml;rt hat. Oelm&amp;uuml;ller, einer ganzheitlichen Betrachtung von Mensch und Krankheit in der Tradition von Rudolf Steiner zugetan, hat ein Hightech-H&amp;ouml;rger&amp;auml;t der neuesten Generation vor sich auf dem Tisch und sagt: &amp;raquo;Ein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t zwingt in den Stress&amp;laquo;, man werde in ein aufgeregtes Leben hineingeworfen, dem man bereits entw&amp;ouml;hnt sei. Oelm&amp;uuml;ller, der selbst unter einem Hochtonabfall leidet, sagt, dass er nach zweist&amp;uuml;ndigem Tragen des H&amp;ouml;rger&amp;auml;tes an sich feststellt: &amp;raquo;Ich bin nerv&amp;ouml;s geworden!&amp;laquo; Akustiker verweisen stets auf die Notwendigkeit des &amp;Uuml;bens. Auf den Arbeitscharakter des Ger&amp;auml;tes. Aber wer will au&amp;szlig;erhalb seiner Arbeit noch arbeiten m&amp;uuml;ssen? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der &amp;auml;ltere Mensch verliert laut Oelm&amp;uuml;ller durch eine Zunahme von Entz&amp;uuml;ndungen im Kopfbereich &amp;ndash; anthroposophisch gesprochen &amp;raquo;verdichteter Lebenst&amp;auml;tigkeit&amp;laquo; &amp;ndash; nach und nach die F&amp;auml;higkeit, hohe T&amp;ouml;ne zu h&amp;ouml;ren. Insbesondere gelte dies f&amp;uuml;r Leute, die dazu neigen, sich aufzuregen, die kopflastig leben und die er deshalb &amp;raquo;Kulturtr&amp;auml;ger&amp;laquo; nennt. Gewisserma&amp;szlig;en der Antityp zum schwerh&amp;ouml;rigen &amp;raquo;Kulturtr&amp;auml;ger&amp;laquo; sei derjenige, der durch Erschlaffung ertaubt, Dickleibige und Menschen mit Stoffwechselst&amp;ouml;rungen etwa. &amp;raquo;Diabetes Typ 2&amp;laquo;, sagt Oelm&amp;uuml;ller. Der Stoffwechsel schlage zu stark in den Kopf hinein, doziert Oelm&amp;uuml;ller, die Dumpfheit des Bauches wandere nach oben: &amp;raquo;Die haben sozusagen Leber in den Ohren.&amp;laquo; Wenn auch das Ohr dumpf wird, sackt die H&amp;ouml;rkurve auf allen Frequenzen ab. &amp;raquo;Der Mensch verplumpt.&amp;laquo; Und wird oft auch feinmotorisch ungeschickt. Selbst der Geh&amp;ouml;rgang werde &amp;raquo;zu stoffwechselig&amp;laquo;, sodass die Siebe des H&amp;ouml;rger&amp;auml;tes schnell verstopfen; die Patienten verfluchen die Ger&amp;auml;te, weil sie mit der Reinigung &amp;uuml;berfordert sind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Oft stellt aber schon die reine Handhabung ein Problem dar, f&amp;uuml;r Karl Werner zum Beispiel. Er ist 86 und tr&amp;auml;gt sein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t gegen den Rat des Akustikers nur, wenn ihm danach ist. Oder wenn ihn seine Frau dazu dr&amp;auml;ngt, weil er sie wieder mal nicht verstanden hat. Vielleicht ist das eine akustische Frage, vielleicht auch nicht. Neulich ist ihm beim Batteriewechsel so ein kleines Plastik-teil abgebrochen, was f&amp;uuml;r sein Daf&amp;uuml;rhalten zwar keine Funktion hatte, aber in der Folge zu einer gewissen Scharfkantigkeit im Ohr f&amp;uuml;hrte. Was f&amp;uuml;r Herrn Werner insofern inakzeptabel war, weil er sowieso oft ein Fremdk&amp;ouml;rpergef&amp;uuml;hl versp&amp;uuml;re. Einen ganz unertr&amp;auml;glichen Juckreiz, der ihn zuweilen regelrecht zwinge, sein Ohr von der H&amp;ouml;rhilfe zu befreien. Oft tr&amp;auml;gt er es aus Bequemlichkeit nicht. Weil er es als Fremdk&amp;ouml;rper empfindet. Und manchmal, weil sich sein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t bestimmten Gespr&amp;auml;chssituationen nicht gewachsen zeigt. Auf der Weihnachtsfeier hat er sich fr&amp;uuml;h verabschiedet, von allen Seiten hatten Stimmen nach ihm gehackt oder ihn der Umgebungsl&amp;auml;rm in dumpfe Watte fallen lassen. Ein ungeordnetes Einstr&amp;ouml;men, ein akustisches Inferno, noch dazu mit Hintergrundmusik unterlegt. Einen Moment hatte Werner geglaubt, er werde verr&amp;uuml;ckt.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Neulich hat er sein H&amp;ouml;rger&amp;auml;t nach dem Besuch beim Akustiker versehentlich mit dem Schl&amp;uuml;ssel aus der Innentasche des Jacketts gezogen. Der Schl&amp;uuml;ssel riss das Ger&amp;auml;t auf, 3200 Euro f&amp;uuml;r eine falsche Handbewegung. Nun hat er ein neues. Aber er versp&amp;uuml;rt nicht die Notwendigkeit, es einzusetzen. Meistens gen&amp;uuml;gt es ihm zu h&amp;ouml;ren, was er auch ohne Ger&amp;auml;t h&amp;ouml;ren kann. Es ist die Stille jener Welt des &amp;Uuml;bergangs, die ihm ganz neue R&amp;auml;ume f&amp;uuml;r seine Gedanken gibt. Er h&amp;ouml;re lieber ein bisschen angestrengt zu, sagt er, und verstehe eben ab und zu etwas nicht. Und manchmal empfindet er das H&amp;ouml;rger&amp;auml;t auch als regelrecht st&amp;ouml;rend. Er f&amp;auml;hrt immer noch Auto, Frau und Sohn haben versucht, es ihm auszureden, aber in diesem Punkt l&amp;auml;sst er nicht mit sich verhandeln. Die Ger&amp;auml;usche von &amp;uuml;berholenden Motorr&amp;auml;dern, das Hupen, wenn die anderen sich &amp;uuml;ber ihn beschweren, weil er wieder zu langsam f&amp;auml;hrt oder in der falschen Spur: L&amp;auml;stig ist ihm das. Sollen sie schimpfen, werden auch mal alt. Kommt ihm jemand bl&amp;ouml;d, nimmt er einfach das Ger&amp;auml;t raus. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Das Schubladen-Ohr</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Wenderoth</dc:creator>
    <dc:date>2013-01-28T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39389">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39389</link>
    <title>Das falsche Signal</title>
    <description>&lt;p&gt;Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt besser nicht. Denn wenn Sie ihn falsch verstehen, k&amp;ouml;nnte das t&amp;ouml;dlich enden.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55779.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Medizinisches Neuland&lt;/strong&gt; Der Nocebo-Effekt, also die Wirkung negativer Gedanken auf das Befinden von Patienten, ist kaum erforscht.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein Mann, der zum Tode verurteilt wurde und auf seine Hinrichtung wartet, bekommt Besuch von einem Arzt, der ein Experiment vorbereitet hat: Er verbindet ihm die Augen, fesselt ihn an Armen und Beinen an sein Bett und ritzt mit einem Skalpell die Haut an Handfl&amp;auml;chen und Fu&amp;szlig;sohlen ein. Gleichzeitig sticht er kleine L&amp;ouml;cher in Wasserbeutel, die er an den Bettpfosten angebracht hat. Mit dem Schnitt in die Haut beginnt das Wasser in Blechsch&amp;uuml;sseln zu tropfen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Arzt stimmt einen monotonen Singsang dazu an, der immer leiser wird. Irgendwann tropft das Wasser nur noch langsam in die Sch&amp;uuml;sseln, und der Mann ist nicht mehr ansprechbar. Der Arzt vermutet, der Mann sei eingeschlafen oder ohnm&amp;auml;chtig geworden. Doch er irrt, der Verbrecher ist tot &amp;ndash; gestorben an dem Glauben, dass er verbluten w&amp;uuml;rde. Dabei hat er durch die kleinen Schnitte in die Haut nicht mal ein Schnapsglas voll Blut verloren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dieses ebenso grausame wie aufschlussreiche Experiment fand in den Drei&amp;szlig;igerjahren in Indien statt. Es ging in die Medizingeschichte ein, als drastisches Beispiel f&amp;uuml;r die Kraft negativer Gef&amp;uuml;hle und Vorstellungen. Dass diese Gef&amp;uuml;hle ausgerechnet von einem Arzt ausgel&amp;ouml;st werden, mag auf den ersten Blick verst&amp;ouml;ren. Doch gerade die Medizin, die eigentlich gesund machen soll, tr&amp;auml;gt bis heute dazu bei, dass Menschen sich krank f&amp;uuml;hlen oder &amp;uuml;berhaupt erst krank werden: Voreilige Diagnosen k&amp;ouml;nnen ebenso massiv schaden wie &amp;uuml;bertriebene Warnungen vor Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten oder Therapien. Der Turiner Neurophysiologie-Forscher Fabrizio Benedetti hat den Einfluss negativer Gedanken auf den K&amp;ouml;rper untersucht. Mal sei &amp;raquo;ein gemeiner und r&amp;uuml;cksichtsloser Arzt&amp;laquo; schuld am Elend des Patienten, sagt er, mal bereits &amp;raquo;das Ger&amp;auml;usch des Zahnarztbohrers, das schon Schmerzen ausl&amp;ouml;st, bevor &amp;uuml;berhaupt damit gebohrt wurde&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An dieser Macht der negativen Gedanken w&amp;auml;re auch beinahe Vance Vanders zugrunde gegangen, ein weiterer Fall aus dem Lehrbuch, der ebenfalls in den Drei&amp;szlig;igerjahren spielt, diesmal in den USA. Auf dem Friedhof eines kleinen Ortes in Alabama traf er sp&amp;auml;tabends einen Mann, der in dem Ruf stand, ein Hexendoktor zu sein. Der Magier nahm eine Flasche mit stinkender Fl&amp;uuml;ssigkeit, schwenkte sie vor Vanders Gesicht herum und prophezeite ihm, dass er bald sterben m&amp;uuml;sse und nichts ihn retten k&amp;ouml;nne.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vanders war nach dem Treffen wie erschlagen. Zu Hause ging es ihm st&amp;uuml;ndlich schlechter. Wenige Tage sp&amp;auml;ter war er so ausgezehrt, dass er ins Krankenhaus musste. Die &amp;Auml;rzte fanden keine Erkl&amp;auml;rung f&amp;uuml;r seinen miserablen Zustand. Dann erz&amp;auml;hlte Vanders Frau einem Arzt von den seltsamen Verw&amp;uuml;nschungen. Der Mediziner war zun&amp;auml;chst ratlos, dann fasste er einen Entschluss. Er rief die Familie am Krankenbett zusammen und erz&amp;auml;hlte, er habe den Hexer zur Rede gestellt. Der obskure Medizinmann habe demnach Eidechseneier in Vanders Magen gebracht, die Tiere seien dort geschl&amp;uuml;pft &amp;ndash; und nun sei ein Reptil im K&amp;ouml;rper verblieben und w&amp;uuml;rde ihn langsam von innen auffressen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf Gehei&amp;szlig; des Arztes kam eine Krankenschwester, die eine enorme Spritze mit Brechmittel vorbereitet hatte. Unter gro&amp;szlig;em Zeremoniell spritzte der Doktor das Emetikum und der Patient begann sich zu &amp;uuml;bergeben. Im allgemeinen Trubel zog der Arzt in einem unbeobachteten Moment eine Eidechse aus seiner Tasche und zeigte sie triumphierend: &amp;raquo;Schau, Vance, was aus dir herausgekommen ist&amp;laquo;, sagte er. &amp;raquo;Es ist gut jetzt, der Zauber ist vorbei.&amp;laquo; Der Patient trank einen Schluck Wasser und fiel in tiefen Schlaf. Nach einer Woche wurde er entlassen, v&amp;ouml;llig gesund, wie mehrere &amp;Auml;rzte bezeugten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Verw&amp;uuml;nschungen der heutigen Medizin sind vergleichsweise unspektakul&amp;auml;r, aber nicht weniger verheerend, weshalb sie von Wissenschaftlern eifrig studiert werden, &amp;raquo;Nocebo&amp;laquo; lautet der Fachbegriff, was w&amp;ouml;rtlich &amp;uuml;bersetzt &amp;raquo;Ich werde schaden&amp;laquo; bedeutet, im Gegensatz zum Placebo (&amp;raquo;Ich werde gefallen&amp;laquo;). In beiden F&amp;auml;llen gibt es keinen materiell fassbaren Wirkstoff. &amp;raquo;Der Placebo-Nocebo-Effekt ist ein erstaunliches Beispiel daf&amp;uuml;r, wie Seele und Geist mit dem K&amp;ouml;rper interagieren&amp;laquo;, sagt Fabrizio Benedetti.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Psychologen konnten zum Beispiel zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzschlag zu sterben, f&amp;uuml;r Frauen dreimal so hoch ist, wenn sie glauben, sie seien besonders anf&amp;auml;llig f&amp;uuml;r einen Infarkt. &amp;raquo;Negative Gef&amp;uuml;hle erh&amp;ouml;hen bei allen Menschen die Gefahr f&amp;uuml;r einen Infarkt so stark wie Bluthochdruck&amp;laquo;, sagt Karl-Heinz Ladwig, Herzexperte in der Klinik f&amp;uuml;r Psychosomatik der Technischen Universit&amp;auml;t M&amp;uuml;nchen. Symptome wie Ersch&amp;ouml;pfung oder Hoffnungslosigkeit in den sechs Monaten vor einem Infarkt seien so typisch, dass &amp;Auml;rzte den seelischen Beschwerden und Stimmungstiefs viel mehr Aufmerksamkeit schenken und nicht nur die klassischen Risikofaktoren Bluthochdruck, Diabetes und erh&amp;ouml;htes Cholesterin beachten sollten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bekannt ist auch das Ph&amp;auml;nomen, dass Patienten erst dann &lt;br /&gt; Nebenwirkungen erleiden, wenn sie davor gewarnt wurden. &amp;raquo;Schlechte Neuigkeiten f&amp;ouml;rdern schlechte Physiologie&amp;laquo;, sagt Clifton Meador von der Vanderbilt-Universit&amp;auml;t in Nashville, Tennessee. Krebs&amp;auml;rzte etwa wissen, dass manchen Patienten bereits vor der Chemotherapie &amp;uuml;bel wird und sie schon Tage vorher oder auf dem Weg ins Krankenhaus brechen m&amp;uuml;ssen. Es ist die negative Erwartung, die ihnen &amp;uuml;bel aufst&amp;ouml;&amp;szlig;t. Umgekehrt erfahren viele Menschen Linderung von einer Kopfschmerztablette, die sie gerade erst geschluckt haben und die aus rein pharmakologischer Sicht noch gar nicht den Schmerz d&amp;auml;mpfen kann, weil sie die Rezeptoren und Schmerzzentren im K&amp;ouml;rper noch nicht erreicht hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Wenn man von allen so behandelt wird, als ob man bald sterben m&amp;uuml;sse, glaubt man das irgendwann auch&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55781.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Nach der Einnahme von Medikamenten leiden Patienten - je nachdem, was auf dem Beipackzettel steht - verst&amp;auml;rkt unter &lt;strong&gt;unerw&amp;uuml;nschten Nebenwirkungen&lt;/strong&gt; wie trockenem Mund, Hautausschlag, M&amp;uuml;digkeit, Sehst&amp;ouml;rungen, Verstopfung. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Was ihre Prognosen anrichten k&amp;ouml;nnen und dass sie auf manche Patienten wie eine furchtbare Verw&amp;uuml;nschung wirken, ist &amp;Auml;rzten h&amp;auml;ufig nicht bewusst und es geschieht in den meisten F&amp;auml;llen auch nicht absichtlich. Dem Amerikaner Sam Shoeman etwa wurde in den Siebzigerjahren ein fortgeschrittener Leberkrebs im Endstadium diagnostiziert. Shoeman, seine Familie und auch seine &amp;Auml;rzte glaubten, dass er nur noch wenige Monate zu leben hatte. Und tats&amp;auml;chlich starb er einige Wochen sp&amp;auml;ter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als der Leichnam untersucht wurde, wunderten sich die &amp;Auml;rzte allerdings: Der Tumor war mit drei Zentimetern Durchmesser ziemlich klein geblieben, hatte keine anderen Organe infiltriert und auch keine Metastasen gebildet, wie die Autopsie ergab. &amp;raquo;Der Mann starb nicht an Krebs, sondern daran, dass er glaubte, an Krebs zu sterben&amp;laquo;, sagt Meador. &amp;raquo;Wenn man von allen so behandelt wird, als ob man bald sterben m&amp;uuml;sse, glaubt man das irgendwann auch. Alles im Leben dreht sich dann nur noch um das Sterben.&amp;laquo; Meador findet daran nichts Mystisches, auch wenn er die Verwunderung dar&amp;uuml;ber nachvollziehen kann, dass symbolische Handlungen, Vorstellungen oder Worte eine bisweilen sogar t&amp;ouml;dliche Kraft entfalten. &amp;raquo;Das fordert das mechanistisch gepr&amp;auml;gte Bild heraus, das viele &amp;Auml;rzte von ihren Patienten haben.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Frankfurter Chirurg Bernd Hontschik z&amp;auml;hlt zu den seltenen Medizinern, die das duale Weltbild von Ursache und Wirkung anzweifeln. &amp;raquo;Wir &amp;Auml;rzte erleben doch jeden Tag, dass eine Behandlung oder eine &amp;auml;rztliche Diagnose praktisch bei jedem Menschen andere Folgen hat.&amp;laquo; Er tritt daf&amp;uuml;r ein, die Psychosomatik in jede &amp;auml;rztliche Fachrichtung zu integrieren. &amp;raquo;Je nachdem, welche Bedeutung der Patient der Therapie oder dem Wort des Arztes beimisst, kann eine &amp;auml;rztliche Handlung entsetzlich sein oder aber auch wunderbar wirken. Lebewesen funktionieren nicht wie Maschinen, hier gibt es neben Ursache und Wirkung mindestens noch die Ebene der Bedeutungserteilung.&amp;laquo; So verbinde der eine Patient mit einer Chemotherapie eine helle, st&amp;auml;rkende Kraft, die ihn heilt. Der andere denkt, dass er durch die Behandlung vergiftet wird, und erteilt allem, was der Doktor anstellt, eine negative Bedeutung. F&amp;uuml;r einen Arzt geh&amp;ouml;re die Kenntnis der physikalischen und chemischen Wirkung einer Therapie zwar zur Grundausr&amp;uuml;stung. &amp;raquo;&amp;Auml;rztliche Kunst besteht aber darin, die Bedeutungserteilung durch den Patienten zu kennen und zu nutzen &amp;ndash; alles andere kann auch ein Handwerker&amp;laquo;, sagt Hontschik.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit geraumer Zeit versuchen Placebo-Forscher, den Geist oder zumindest seine Auswirkungen materiell fassbar zu machen. Sie haben entdeckt, dass, egal ob nur eine schmerzlindernde Wirkung erwartet wird oder tats&amp;auml;chlich ein schmerzstillendes Medikament verabreicht wird, dieselben Rezeptoren im Gehirn von Patienten angesprochen werden. Neuerdings widmen sie sich in ihrer Forschung auch der Kraft negativer Gedanken, die ebenfalls messbare Spuren im Gehirn hinterlassen. Zum Beispiel d&amp;auml;mpfen sie das Dopamin-System im Gehirn, hat Jon-Kar Zubieta von der University of Michigan in Ann Arbor beobachtet. Dopamin gilt als das Gl&amp;uuml;ckshormon, das euphorische Gef&amp;uuml;hle vermittelt. Fabrizio Benedetti von der Universit&amp;auml;t Turin entdeckte, dass die Schmerzerwartung im Gehirn &amp;uuml;ber einen Botenstoff geregelt wird, er hei&amp;szlig;t Choleszystokinin. Blockierten die Forscher pharmakologisch diese Substanz, tat es den Probanden sogleich weniger weh.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Der Schaden durch Nocebos geht in die Milliarden&amp;laquo;, sagt Manfred Schedlowski, Psychologe an der Universit&amp;auml;t Essen. &amp;raquo;Viele Menschen nehmen ihre Medikamente aus Angst vor m&amp;ouml;glichen Nebenwirkungen nicht ein &amp;ndash; &amp;Auml;rzte m&amp;uuml;ssten viel besser dar&amp;uuml;ber aufkl&amp;auml;ren.&amp;laquo; Schedlowski &amp;auml;rgert sich, dass kaum ein Mediziner seinen Patienten die beruhigende Wahrheit sagt: Die Pharmafirmen sind aufgrund immer strengerer Sicherheitsbestimmungen verpflichtet, jede Nebenwirkung, die jemals irgendwo aufgetreten ist, in Beipackzetteln aufzulisten, und sei sie noch so selten. Die m&amp;ouml;glichen Sch&amp;auml;den lesen sich dann selbst bei den harmlosesten Medikamenten wie eine Horrorliste &amp;ndash; &amp;raquo;auch wenn es wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden als diese Nebenwirkung zu erleiden&amp;laquo;, so Schedlowski.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kaum zutr&amp;auml;glicher f&amp;uuml;r die Genesung von Patienten ist deren Gef&amp;uuml;hl, zu billig behandelt zu werden. In einer Studie wurden Probanden mit ein und demselben Medikament behandelt, erhielten aber unterschiedliche Angaben &amp;uuml;ber den Preis des Mittels. 85 Prozent der Teilnehmer, die ein angeblich teureres Medikament bekamen, berichteten daraufhin von nachlassenden Schmerzen; in der Gruppe mit dem vermeintlich im Preis herabgesetzten Mittel waren es nur 61 Prozent. Diese Haltung kennen &amp;Auml;rzte auch aus der t&amp;auml;glichen Praxis. So bevorzugen viele Patienten rezeptpflichtige teure Schmerzmittel gegen&amp;uuml;ber rezeptfreien billigen. Viele Patienten klagen auch dar&amp;uuml;ber, dass preisg&amp;uuml;nstige Generika bei ihnen nicht so gut wirken wie das teure Original &amp;ndash; obwohl der Wirkstoff des Nachahmermittels chemisch absolut identisch ist mit dem des Ursprungspr&amp;auml;parats. Der Essener Placeboforscher Manfred Schedlowski fordert daher, Patienten eingehender an der Therapie zu beteiligen. &amp;raquo;&amp;Auml;rzte sollten sich mehr Zeit nehmen und Patienten erkl&amp;auml;ren, dass diese Mittel genauso gut wirken wie die teuren, statt ihnen nur zu sagen: Die Krankenkasse bezahlt die anderen nicht mehr.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der amerikanische Psychologe Dan Ariely bem&amp;auml;ngelt, die meisten &amp;Auml;rzte s&amp;auml;&amp;szlig;en dem Glauben auf, &amp;raquo;dass es die Arznei an sich ist und nicht ihre Begeisterung f&amp;uuml;r ein bestimmtes Medikament, die eine Therapie wirksam macht. Wir sollten uns wirklich Gedanken &amp;uuml;ber die Feinheiten der Interaktion zwischen Arzt und Patient machen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Das ist das Ende&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55783.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Weil &amp;Auml;rzte die Kraft ihrer Worte oft untersch&amp;auml;tzen, empfehlen Funktion&amp;auml;re, k&amp;uuml;nftig Medizinstudenten mit &lt;strong&gt;Kommunikationstraining und Rollenspielen&lt;/strong&gt; auf den Dialog mit den Patienten vorzubereiten. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das gilt insbesondere f&amp;uuml;r das medizinische Kauderwelsch, mit dem sich &amp;Auml;rzte gern verst&amp;auml;ndigen. Es kann bei Patienten massive Beschwerden ausl&amp;ouml;sen und die Heilung zunichte machen. Der amerikanische Kardiologe und Friedensnobelpreistr&amp;auml;ger Bernard Lown etwa berichtet in seinem Buch &lt;em&gt;Die verlorene Kunst des Heilens&lt;/em&gt; von einer hektischen Visite, die ihm als jungem Assistenzarzt die Augen &amp;ouml;ffnete: Ein schlecht gelaunter Chefarzt habe am Krankenbett anderen Medizinern erkl&amp;auml;rt, dass es sich bei der Patientin vor ihnen nur um einen typischen Fall von TS handeln k&amp;ouml;nne. TS steht im Mediziner-Jargon f&amp;uuml;r Trikuspidalklappen-Stenose. Diese Verengung einer Herzklappe ist meist harmlos, auf keinen Fall lebensbedrohlich. Die Patientin habe aufmerksam zugeh&amp;ouml;rt. Nach der Visite sagte sie zu Lown: &amp;raquo;Das ist das Ende&amp;laquo;, TS m&amp;uuml;sse ja wohl &amp;raquo;terminale Situation&amp;laquo; bedeuten. Obwohl Lown der Dame eindringlich erkl&amp;auml;rte, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche und was das K&amp;uuml;rzel tats&amp;auml;chlich bedeutete, verschlechterte sich ihr Zustand rasch nach der unheimlichen Begegnung mit dem Chefarzt. Sie bekam Atemnot und in ihren Lungen sammelte sich immer mehr Fl&amp;uuml;ssigkeit an. Lown alarmierte den Chefarzt, die Patientin dringend aufzukl&amp;auml;ren, wie er seine Bemerkung gemeint habe. Als der leitende Mediziner die Frau wenige Stunden sp&amp;auml;ter aufsuchte, war sie bereits am Lungen&amp;ouml;dem gestorben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der US-Mediziner Bernard Lown hat nach seinen Erfahrungen mit der negativen Kraft des &amp;auml;rztlichen Wortes Hunderte taktlose Bemerkungen gesammelt, die Kranke verunsicherten und gef&amp;auml;hrdeten. Typisch seien S&amp;auml;tze wie: Sie tragen eine Zeitbombe in Ihrer Brust. Oder: Ihr n&amp;auml;chster Herzschlag k&amp;ouml;nnte Ihr letzter sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch die deutschen Mediziner lassen oft das n&amp;ouml;tige Feingef&amp;uuml;hl vermissen. Im Sommer 2012 druckte das &lt;em&gt;Deutsche &amp;Auml;rzteblatt&lt;/em&gt; deshalb eine Sammlung von S&amp;auml;tzen, mit denen sie ihren Patienten Schaden zuf&amp;uuml;gen. Besonders im Klinikalltag unterlaufen unbedachte &amp;Auml;u&amp;szlig;erungen, die hilfreich gemeint sind, aber fatale Wirkungen ausl&amp;ouml;sen k&amp;ouml;nnen. &amp;Auml;ngstliche Patienten legen jedes Wort auf die Goldwaage. Murmelt der Arzt beim Ultraschall der Schwangeren, dass der Kopf des Babys &amp;raquo;etwas gro&amp;szlig; sei&amp;laquo;, vermuten die eben noch hoffnungsvollen Eltern sofort einen Wasserkopf und schwere Behinderungen. S&amp;auml;tze wie &amp;raquo;Vielleicht hilft dieses Medikament ja&amp;laquo; oder &amp;raquo;Probieren wir mal dieses Mittel&amp;laquo; reichen, um Patienten in tiefe Unsicherheit zu st&amp;uuml;rzen. Anschaulich gemeinter Fachjargon (&amp;raquo;Wir schneiden Sie jetzt in viele d&amp;uuml;nne Scheiben&amp;laquo; vor der Computertomografie) oder eine missverst&amp;auml;ndliche Entwarnung (&amp;raquo;Die Suche nach Metastasen verlief negativ&amp;laquo;) l&amp;ouml;sen im Krankenbett eher Sorgen aus. &amp;raquo;Wir machen Sie jetzt fertig&amp;laquo;, mag eine unter Pflegern &amp;uuml;bliche &amp;Auml;u&amp;szlig;erung daf&amp;uuml;r sein, wenn Patienten auf eine Operation vorbereitet werden, ebenso wie &amp;raquo;wir schl&amp;auml;fern Sie jetzt ein&amp;laquo; vor der Narkose. Aber auch diese Bemerkungen beunruhigen Patienten unn&amp;ouml;tig. Das gilt auch f&amp;uuml;r negative Suggestionen wie: &amp;raquo;Sie sind ein Risikopatient&amp;laquo; oder &amp;raquo;Ihr R&amp;uuml;ckenmark wird sonst abgequetscht&amp;laquo;. Und durch ungeschickte Fragen werden sie &amp;ndash; &amp;auml;hnlich wie beim Studium des Beipackzettels &amp;ndash; &amp;uuml;berhaupt erst auf Nebenwirkungen aufmerksam gemacht: &amp;raquo;Ist Ihnen &amp;uuml;bel?&amp;laquo; oder &amp;raquo;R&amp;uuml;hren Sie sich, wenn Sie Schmerzen haben&amp;laquo; geh&amp;ouml;ren dazu. Wenig beruhigend wirken auch Verneinungen, die dennoch den negativen Aspekt betonen: &amp;raquo;Sie brauchen jetzt keine Angst zu haben&amp;laquo; oder &amp;raquo;Das blutet jetzt ein bisschen&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Selbst &amp;Auml;rzte, denen dieses Problem bewusst ist, befinden sich in einem Dilemma: Schlie&amp;szlig;lich sind auch sie dazu verpflichtet, m&amp;ouml;glichst umfassend &amp;uuml;ber m&amp;ouml;gliche Risiken und Nebenwirkungen von Eingriffen und Therapien zu sprechen &amp;ndash; doch die mehrseitigen Aufkl&amp;auml;rungsb&amp;ouml;gen und Beipackzettel verunsichern Patienten eher, als dass sie beruhigen. Eine Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass auch in diesem Fall Patienten, die beim sogenannten Aufkl&amp;auml;rungsgespr&amp;auml;ch ausf&amp;uuml;hrlicher &amp;uuml;ber l&amp;auml;stige, aber ungef&amp;auml;hrliche Nebenwirkungen aufgekl&amp;auml;rt wurden, h&amp;auml;ufiger unter genau jenen Nebenwirkungen litten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Deswegen schlagen &amp;Auml;rzte ihren Patienten zuweilen vor, dass sie ihnen nur von relevanten und h&amp;auml;ufigen Risiken berichten &amp;ndash; und nicht von jedem seltenen Zwischenfall, der irgendwo auf der Welt einmal aufgetreten ist. Viele Patienten haben sowieso l&amp;auml;ngst ein Gesp&amp;uuml;r daf&amp;uuml;r entwickelt, wie sie sich vor der Kraft der schlechten Gedanken sch&amp;uuml;tzen: Beipackzettel werfen sie gleich weg. Und bei seitenlangen Aufkl&amp;auml;rungsb&amp;ouml;gen im Krankenhaus fragen sie nur: &amp;raquo;Wo muss ich unterschreiben &amp;ndash; den Rest will ich gar nicht wissen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Model: Hanna / Tune Models; Haare &amp;amp; Make-up: Erol Koyu / Agentur Phoenix&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Das falsche Signal</dc:subject>
    <dc:creator>Werner Bartens</dc:creator>
    <dc:date>2013-01-25T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38689">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38689</link>
    <title>Die Mundräuber</title>
    <description>&lt;p&gt;Zum Zahnarzt geht kaum jemand gern. Polieren, bohren, alte F&amp;uuml;llungen ersetzen &amp;ndash; Hauptsache schnell vorbei, schnell raus. Was mit den alten goldenen F&amp;uuml;llungen passiert, daran denkt niemand. Au&amp;szlig;er gesch&amp;auml;ftst&amp;uuml;chtigen Zahn&amp;auml;rzten.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52361.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Gegen 22 Uhr in einem Zahnlabor im Ruhrgebiet: Aus den Lautsprechern dringt leise Rossini, die Laborchefin Britta Wenger* sitzt unter ihrer Tageslichtlampe, 5500 Kelvin, &amp;raquo;11-Uhr-Nordlicht&amp;laquo;, wie sie hier sagen. Sie arbeitet am liebsten abends. Wenn die anderen Zahntechniker schon gegangen sind, Ruhe einkehrt und sie sich in ihr Handwerk versenken kann wie ein Zen-M&amp;ouml;nch in seine Meditation. Zu Hause wartet niemand auf sie, ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Nach dem Abdruck des Zahnarztes hat sie den von Karies befallenen Zahn in Wachs modelliert, eine Gussform hergestellt und im Ofen aufgeheizt auf die Temperatur, die notwendig ist, um die Goldlegierung &amp;raquo;Degulor M&amp;laquo;, extrahart, in die Hohlr&amp;auml;ume der Gussform zu f&amp;uuml;llen. Nach dem Erkalten bricht sie die Form auf, trennt &amp;uuml;berfl&amp;uuml;ssiges Gold ab und schleift den Goldrohling unter einem schwenkbaren Mikroskop in seine endg&amp;uuml;ltige Form. In den Filtern der Absauganlage f&amp;auml;ngt sich metallisch gl&amp;auml;nzender Staub. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Gold, lateinisch Aurum, Ordnungszahl 79 im Periodensystem der Elemente. Mythisches Edelmetall. Begehrt wegen der Best&amp;auml;ndigkeit seines Glanzes, seiner Seltenheit, seines Gewichts. Entstanden, lange bevor es die Sonne gab. Durch enorme Druck- und Dichteerh&amp;ouml;hung im Kern explodierender Sterne. In reinem Zustand sehr weich, doch leicht legierbar. Alchimistenm&amp;auml;r. Stoff der Tr&amp;auml;ume, Schatzgr&amp;auml;ber und Investoren. Synonym f&amp;uuml;r Kriege und Eroberungsz&amp;uuml;ge mit Galeonen. Ausgequetschtes Gestein. Der Erde abgerungen in 4000 Meter Tiefe. Die Nazis haben es ihren KZ-Opfern aus dem Mund gebrochen. In deutschen Krematorien verschwindet Zahngold gelegentlich aus der Asche. Aber man kann es sogar lebenden Menschen aus dem Mund stehlen. Davon erz&amp;auml;hlt diese Geschichte. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Verl&amp;auml;sst eine Goldarbeit Britta Wengers das Labor, kann sie theoretisch fast eine Ewigkeit halten. Gold korrodiert nicht. Und Wenger liefert Qualit&amp;auml;t. Voraussichtlich ist es also nicht ihre Arbeit, die irgendwann kaputtgehen wird. Sondern eher der Zahn. Dann schl&amp;auml;gt die Stunde des Zahnarztes. Beginnt in vielen F&amp;auml;llen das Abgreifen, die Unterschlagung, der Mundraub. Weil es meistens nicht auff&amp;auml;llt. Weil es viele andere auch tun. Und es so einfach ist. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Ist die alte Br&amp;uuml;cke kaputt, kann es sein, dass der Zahnarzt den Patienten fragt: &amp;raquo;Darf ich&amp;rsquo;s f&amp;uuml;r Sie entsorgen?&amp;laquo; Oder er sagt gar nichts und unterschl&amp;auml;gt einfach, dass das Gold rechtm&amp;auml;&amp;szlig;ig dem Patienten zusteht. Manchmal f&amp;uuml;gt er aber auch hinzu: &amp;raquo;Oder wollen Sie&amp;rsquo;s selbst haben? Ist aber un&amp;auml;sthetisch, riecht nicht so gut &amp;hellip;&amp;laquo; Und dann verzichten die meisten doch lieber. Wenn der Zahnarzt Sie fragt, sind Sie sowieso recht langsam. Sie stehen n&amp;auml;mlich unter Bet&amp;auml;ubung. Und so h&amp;auml;ufen viele Zahn&amp;auml;rzte Gold an, auf das sie keinerlei Anrecht haben. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Goldbr&amp;uuml;cken, Kronen, Inlays &amp;ndash; in deutschen Patientenm&amp;uuml;ndern lagert eine Menge Edelmetall. Bis 1990 wurden j&amp;auml;hrlich etwa 60 Tonnen Gold in ihnen versenkt &amp;ndash; rund ein Drittel des weltweiten Zahngoldverbrauchs. In keinem anderen Land der Erde ist so viel Zahngold verarbeitet worden wie in Deutschland. In keinem anderen Land der Welt haben Zahn&amp;auml;rzte und Labore so viel am Gold verdient wie hier. Auch wegen des explodierenden Goldpreises spielt Gold als Werkstoff im Dentalbereich heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Doch das verarbeitete Gold ist in den meisten F&amp;auml;llen noch vorhanden: 80 Millionen Bundesb&amp;uuml;rger, nach einer Studie der deutschen Bestattungsunternehmen jeder mit im Schnitt 2,5 Gramm Gold im Mund: ein Riesengoldschatz. Er muss nur gehoben werden. Und das tun viele deutsche Zahn&amp;auml;rzte relativ schamlos. Ohne Sch&amp;uuml;rfrechte, aber mit System. &lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Professor Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepr&amp;auml;sident der Bundeszahn&amp;auml;rztekammer: &amp;raquo;Jeder Zahnarzt ist verpflichtet, die Eigentumsrechte seiner Patienten zu wahren. Bei Entfernung des Zahnersatzes wird das Altgold grunds&amp;auml;tzlich dem Patienten &amp;uuml;bergeben. F&amp;auml;lle, in denen Zahn&amp;auml;rzte die Edelmetalle gegen den Willen des Patienten einbehalten, sind uns nicht bekannt. &amp;Uuml;bertr&amp;auml;gt der Patient das Eigentum an den Zahnarzt, wird er dieses, wie h&amp;auml;ufig, entsprechend als Spende weitergeben oder seinem Betriebsverm&amp;ouml;gen zuf&amp;uuml;hren. Im letzteren Fall gelten die steuerlichen Vorschriften. Wir selbst haben vor zwei Jahren die Schirmherrschaft f&amp;uuml;r die Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahn&amp;auml;rzte &amp;uuml;bernommen und unterst&amp;uuml;tzen die Aufrufe der Stiftung zur Zahngoldsammlung.&amp;laquo; Eine sch&amp;ouml;ne Sache. Aber es gibt auch eine andere Wirklichkeit.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Immer gegen Jahresende rufen die Zahn&amp;auml;rzte bei Britta Wenger, der Laborchefin an, ob sie noch diese Verbindungen habe. Ob sie Gold schwarz verkaufen k&amp;ouml;nne. Und Britta Wenger hat Verbindungen, nat&amp;uuml;rlich. Seit den Siebzigerjahren f&amp;uuml;hrt sie ein florierendes mittelst&amp;auml;ndisches Zahnlabor. Vorgestern erst hat ihr wieder ein Arzt das Altgold seiner Patienten geschickt, Wert: 13 000 Euro. &amp;raquo;Hab ich mir nat&amp;uuml;rlich erst mal 3000 weggenommen&amp;laquo;, sagt sie, sollen ja alle was davon haben. Sie sieht es als &amp;raquo;Bearbeitungsgeb&amp;uuml;hr&amp;laquo;, einen gro&amp;szlig;en Reibach habe sie nie damit gemacht. Das haben andere, sagt sie. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Es ist nicht so, dass Wenger eine Heilige w&amp;auml;re, in der Dentalgoldbranche sind Heilige selten, aber bei Gesch&amp;auml;ften, die nicht durch die B&amp;uuml;cher gehen, hat sie sich nie selbst als Vermittlerin angedient, es sind die Zahn&amp;auml;rzte, die sie dr&amp;auml;ngen. Weil sie sich selbst nicht die Finger schmutzig machen wollen. Und denken, dass die Labore von den Goldscheideanstalten weniger betrogen werden als sie selbst. Sie wei&amp;szlig;, sie muss sie bei der Stange halten. Diese Art von Gef&amp;auml;lligkeit geh&amp;ouml;rt dazu. Weil sie von ihnen abh&amp;auml;ngig ist. Weil die Zahn&amp;auml;rzte die einzigen Kunden der Labore sind. Und sie das zu nutzen wissen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Es ist kein Sozialneid, der sie einen ganzen Berufsstand anklagen l&amp;auml;sst. Eher ist es so, dass sie, wenige Monate vor ihrem Ruhestand, nun Dinge ansprechen m&amp;ouml;chte, zu denen sie eigentlich zu lange geschwiegen hat. Angestaut &amp;uuml;ber Jahrzehnte hat sie eine Wut auf eine Branche, in der &amp;raquo;geschoben und getrickst wird bis zur Grenze des Machbaren&amp;laquo;. In der vor allem viele Zahn&amp;auml;rzte in ihren Augen gegen ethische Grunds&amp;auml;tze versto&amp;szlig;en &amp;ndash; und gegen das Gesetz. Weil sie sich unrechtm&amp;auml;&amp;szlig;ig bereichern. Obwohl sie Gro&amp;szlig;verdiener sind. Und sie nebenbei auch noch subtil erpressen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Wie oft sie diese Gespr&amp;auml;che f&amp;uuml;hren muss! Wenn sie zu ihr kommen, von verf&amp;uuml;hrerischen Laborangeboten aus Singapur oder der T&amp;uuml;rkei reden, von einem Privatkonto auf Jersey, das f&amp;uuml;r sie eingerichtet werde, 25 Prozent Umsatzbeteiligung. Steuerfrei. Viele Labore arbeiten ja inzwischen im Ausland und haben in Deutschland eigentlich nur noch einen Auslieferservice. Die Qualit&amp;auml;t sei oft mangelhaft, aber doch ausreichend, dass es wieder eine Weile h&amp;auml;lt. Und mehr sei ja gar nicht erw&amp;uuml;nscht, sagt Britta Wenger. Der Kreislauf muss in Gang gehalten werden.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Wenn die Zahn&amp;auml;rzte in ihrer Gegenwart von diesen Angeboten reden &amp;ndash; und sie tun es laufend &amp;ndash;, dann nur mit dem Ziel, dass sie ihnen entgegenkommt. &amp;raquo;Sonst w&amp;uuml;rden sie es doch gar nicht erz&amp;auml;hlen.&amp;laquo; Sie sagen keine Zahlen, verlangen nichts Konkretes, sie seien nicht dumm: &amp;raquo;Die lassen dich kommen!&amp;laquo; Aber bei ihr k&amp;ouml;nnen sie lange warten. Britta Wenger gibt nie Rabatte. Grunds&amp;auml;tzlich nicht. Keinen einzigen Cent. &amp;raquo;Ich kann mir das auch gar nicht leisten.&amp;laquo; Wenn man einmal damit anfange, sei es wie ein Dammbruch. Dann k&amp;ouml;nne man nur noch in Deckung gehen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Zu den Hochzeiten des Dentalgoldes, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, haben viele Zahn&amp;auml;rzte fast zwei Kilo Gold im Jahr verarbeitet, gro&amp;szlig;e Praxen brachten es sogar auf bis zu zehn Kilo. Pro Gramm Gold, das ist die bis heute &amp;uuml;bliche Praxis, bekommen sie, wenn sie ein praxiseigenes Labor haben, von den Gold-Firmen einen Rabatt von etwa sieben Euro, manchmal auch mehr. Der Patient bekommt aber den jeweiligen Gold-Tagespreis in Rechnung gestellt, der Rabatt wird nicht an ihn weitergegeben: Macht bei einer gro&amp;szlig;en Praxis 50 000 Euro im Jahr, nur durch den Rabatt. Plus weitere 20 000 Euro Verschliff, auch &amp;raquo;Feilung&amp;laquo; oder &amp;raquo;Gekr&amp;auml;tz&amp;laquo; genannt, also Goldstaub, der beim Bearbeiten anf&amp;auml;llt. Bis zu 70 000 Euro sozusagen nebenbei. Und dann kommen noch die alten Goldf&amp;uuml;llungen hinzu. &amp;raquo;Es ist wie ein gro&amp;szlig;er Supermarkt, wo keiner an der Kasse sitzt&amp;laquo;, sagt Britta Wenger: &amp;raquo;Du gehst einfach rein und bedienst dich!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;span&gt;D&amp;ouml;rte El&amp;szlig;, Juristin bei der Verbraucherzentrale Berlin: &amp;raquo;Oft  kommen Patienten zur Beratung, die Differenzen mit ihrem Zahnarzt haben,  weil Br&amp;uuml;cken oder Inlays nicht halten wollen. Mitunter f&amp;auml;llt dann auch  der Satz: Und die alte Br&amp;uuml;cke habe ich auch gar nicht zur&amp;uuml;ckbekommen. Es  gibt meistens gar kein Bewusstsein daf&amp;uuml;r, wie die Eigentumsverh&amp;auml;ltnisse  tats&amp;auml;chlich sind: Der Patient hat das Material, die Arbeit des  Zahnarztes und die des Labors bezahlt. Er hat einen Anspruch auf die  Herausgabe seines alten Zahngoldes und sollte unbedingt darauf  bestehen!&amp;laquo; &lt;/span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;&lt;/span&gt;Es gibt meistens gar kein Bewusstsein daf&amp;uuml;r, wie die Eigentumsverh&amp;auml;ltnisse tats&amp;auml;chlich sind&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&amp;nbsp;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52359.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Arnold Fischer, 67, ist der vielleicht bekannteste Kriminalhauptkommissar Deutschlands. Er hat das Versteck des entf&amp;uuml;hrten Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz ausfindig gemacht. Im Sprengstoffanschlag auf die Discothek &amp;raquo;La Belle&amp;laquo; und gegen den Kaufhauserpresser &amp;raquo;Dagobert&amp;laquo; ermittelt. Und den spektakul&amp;auml;rsten Bankraub der deutschen Geschichte aufgekl&amp;auml;rt, der in gewisser Weise auch etwas mit dieser Geschichte zu tun hat. Acht Jahre ist Fischer jetzt aus dem Polizeidienst, braun gebrannt und aufger&amp;auml;umt sitzt er im &amp;raquo;Caf&amp;eacute; R&amp;ouml;ttgen&amp;laquo; im Norden Berlins, er hat sich gut im Ruhestand eingerichtet, in ein paar Tagen steht seine 13. gro&amp;szlig;e Kreuzfahrt auf der Aida an. Doch wenn er von seinem vielleicht schwierigsten Fall, dem &amp;raquo;Tunnelraub&amp;laquo; erz&amp;auml;hlt, blitzt in seinen Augen auf, dass er zu jenen Menschen geh&amp;ouml;rt, die ihren Beruf wirklich geliebt haben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am 27. Juni 1995 gegen 10.20 Uhr hatten maskierte T&amp;auml;ter die Commerzbank Berlin-Schlachtensee &amp;uuml;berfallen, Geiseln genommen, 200 Schlie&amp;szlig;f&amp;auml;cher aufgebrochen und waren &amp;uuml;ber einen selbst gegrabenen, 50 Meter langen Tunnel geflohen. Die Beute wurde auf 9,62 Millionen D-Mark gesch&amp;auml;tzt. 5,3 Millionen hat Fischers Soko wiedergefunden; drei Millionen in einem Hohlraum auf einem brandenburgischen Dachboden. In zwei Hartschalenkoffern versteckt von einem Helfer aus dem Freundeskreis der T&amp;auml;ter: pikanterweise einem Zahnarzt, was in diesem Zusammenhang eigentlich keine Rolle spielt. Interessant allerdings ein anderes Detail. Die damals gesch&amp;auml;tzte Beutesumme legt n&amp;auml;mlich neben Kassenbestand und L&amp;ouml;segeld die von der Versicherung erstattete Entsch&amp;auml;digung zu Grunde: pauschal 15 000 Mark pro Schlie&amp;szlig;fachbesitzer. &amp;raquo;Die H&amp;ouml;he der tats&amp;auml;chlichen Beute ist bis heute v&amp;ouml;llig unklar&amp;laquo;, sagt Fischer und geht von einer weitaus gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren Summe aus. Dem SZ-Magazin liegen Hinweise vor, dass einzelne Zahn&amp;auml;rzte, die in der Bank ein Schlie&amp;szlig;fach unterhielten, ihren Verlust nicht oder nur zum Teil gemeldet haben. Weil sie gar nicht in ihrem Besitz h&amp;auml;tten sein d&amp;uuml;rfen: Schwarzgeld und Goldbest&amp;auml;nde ohne Herkunftsnachweis. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Britta Wenger hat sie gesehen in den Kellern der Zahn&amp;auml;rzte, kiloweise, ganze Einmachgl&amp;auml;ser voller Zahngold, das in vielen F&amp;auml;llen sogar noch die Krankenkasse zu hundert Prozent bezahlt hat. Wenger ist der Meinung, dass es unmoralisch ist, sich daran zu bereichern. Dass die Gier eines Berufsstandes, der hinter den Radiologen und Augen&amp;auml;rzten immer noch zu den bestverdienenden der Republik geh&amp;ouml;rt, in ihren Augen unertr&amp;auml;glich ist. Obwohl sie ihre Kunden sind, sie von ihnen lebt, nicht schlecht lebt, muss man wohl sagen, ist das Bild, das sie in 35 Jahren von ihnen gewonnen hat, nicht besser als das, was, sagen wir mal, gegenw&amp;auml;rtig der Westen vom iranischen Pr&amp;auml;sidenten Ahmadinedschad hat. Von den 150 Zahn&amp;auml;rzten, mit denen sie beruflich zu tun hat, w&amp;uuml;rde sie maximal drei bis vier trauen. Dem Rest traut sie, tja, eigentlich &amp;hellip; alles zu. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Einer hat sich einem Kollegen gegen&amp;uuml;ber mal gebr&amp;uuml;stet, dass er fast die Uhr danach stellen kann, wann der Patient wiederkommt. Dass er mit gro&amp;szlig;er Sicherheit wei&amp;szlig;, dass ihn die Schmerzen in sp&amp;auml;testens zwei Jahren erneut in seine Praxis treiben werden. Woher er das so genau sagen k&amp;ouml;nne? Nun, deutete der Arzt, der den hippokratischen Eid geschworen hatte, an, er entferne die Karies nie vollst&amp;auml;ndig. Ein kleiner Rest unter der F&amp;uuml;llung sei eine Garantie f&amp;uuml;r stetig wiederkehrende Patienten. Eine effektive Form der Kundenbindung. Und wie dankbar sie jedes Mal sind, wenn er sie dann von ihren Schmerzen befreit. Bis sie erneut zu ihm m&amp;uuml;ssen. &amp;raquo;So viel zum Thema medizinische Ethik&amp;laquo;, sagt Britta Wenger.&lt;br /&gt; &lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;Die medizinische Indikation spiele bei vielen Zahn&amp;auml;rzten eine eher untergeordnete Rolle. &amp;raquo;Die verkaufen dir alles, was von der Kasse gef&amp;ouml;rdert wird.&amp;laquo; Als gold-intensive Teleskoparbeiten eingebaut werden konnten, wurden sie massenweise eingebaut. Als Teilkronen besonders bezuschusst wurden, musste sie unentwegt Teilkronen bauen. Als die Krankenkassen Gold noch voll erstatteten, konnte die gesamte Arbeit schon nach zwei Jahren v&amp;ouml;llig neu gemacht werden &amp;ndash; also machten manche Zahn&amp;auml;rzte sie nach zwei Jahren einfach neu. Wenn die Abdr&amp;uuml;cke ins Labor kamen, habe sie oft noch die Patientennamen gewusst, erinnert sich Britta Wenger. Und als dann makellos wei&amp;szlig;e Z&amp;auml;hne zum Sch&amp;ouml;nheitsideal wurden, habe sie bis zum Abwinken zirkul&amp;auml;re Br&amp;uuml;cken gebaut, manchmal von einem Ohr zum anderen: die Z&amp;auml;hne ohne medizinische Notwendigkeit einfach abgeschliffen und &amp;uuml;berkront. &amp;raquo;Sieht sch&amp;ouml;n wei&amp;szlig; aus&amp;laquo;, sagt Britta Wenger. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Hat der Patient starke Zahnschmerzen und der Zahnarzt sagt, der Zahn m&amp;uuml;sse raus, werden nur die Wenigsten widersprechen und sagen: &amp;raquo;Oh, da h&amp;ouml;r ich mir doch noch mal drei andere Meinungen an.&amp;laquo; Es ist nur nat&amp;uuml;rlich, dass sie von ihren Schmerzen befreit werden wollen. Vielleicht g&amp;auml;be es M&amp;ouml;glichkeiten, den Zahn zu retten. Aber an einer Zahnrettung l&amp;auml;sst sich vergleichsweise wenig verdienen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Manchmal sagen die Zahn&amp;auml;rzte zu ihr, sie h&amp;auml;tten ein praxiseigenes Labor, damit sie &amp;raquo;die Qualit&amp;auml;t halten k&amp;ouml;nnen&amp;laquo;. &amp;raquo;Da lach ich mich tot&amp;laquo;, sagt Wenger. Nat&amp;uuml;rlich gibt es Zahnarztpraxen mit sehr qualifizierten Technikern, aber meistens liege der Standard der Praxislabore unter denen eines externen Meisterbetriebs. &amp;raquo;Eine Art Hobbyraum&amp;laquo;, sei das, sagt sie. Ein Praxislabor bringt bis zu 25 Prozent mehr f&amp;uuml;r die eigene Tasche des Arztes. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Anfang der Achtzigerjahre wurde bundesweit gegen mehr als tausend Zahn&amp;auml;rzte sowie Hunderte Dentallabors ermittelt. Unerlaubte Rabattmanipulationen, fingierte Abrechnungen, gef&amp;auml;lschte Belege. Die Methode der Bereicherung war im Wesentlichen immer dieselbe: Es wurde mehr Gold eingekauft, als tats&amp;auml;chlich in der Praxis verbraucht wurde, das gesamte Gold steuerlich abgesetzt, ein Teil davon aber landete im privaten Tresor. Au&amp;szlig;erdem, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, wurden Boni und Skonti bis zu 18 Prozent von den &amp;Auml;rzten nicht an die Krankenkassen weitergereicht. Allein in Hamburg gab es 280 Verfahren gegen Zahnmediziner, die sich so ein lukratives Zusatzeinkommen von bis zu 250 000 Euro verschafft hatten. 1997 wurden in Frankfurt rund drei Dutzend Zahn&amp;auml;rzte und Dentallabore wegen Abrechnungsbetrug angeklagt. Danach ist nur noch wenig in die &amp;Ouml;ffentlichkeit gedrungen.&lt;br /&gt; Sind die deutschen Zahn&amp;auml;rzte wirklich anst&amp;auml;ndiger geworden? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Frank Wehrheim, Ex-Steuerfahnder in Frankfurt: &amp;raquo;Das Gold ist immer noch unterwegs. Und die meisten Zahn&amp;auml;rzte fragen nicht, ob der Kunde es zur&amp;uuml;ckwill. Gerade die Zahn&amp;auml;rzte in Deutschland sind immer gierig gewesen. Obwohl sie nat&amp;uuml;rlich gut verdienten, waren sie stets an Nebengesch&amp;auml;ften interessiert. Alles, was Gott verboten hat, haben sie gemacht. Einer kaufte zum Beispiel &amp;uuml;ber 30 Jahre hinweg jedes Jahr ein Kilo Zahngold und machte es als Betriebsausgabe geltend &amp;ndash; obwohl er es privat abzweigte. Am Ende seiner Karriere tauschte er das Gold in Barren um, 25 Kilo Feingold, knapp eine halbe Million Euro. Interessanterweise spielten bei unseren Ermittlungen oft die Ehefrauen eine gro&amp;szlig;e Rolle, die noch mehr Glanz und Status von ihren M&amp;auml;nnern forderten. Sich, wenn sie von ihnen betrogen worden waren, aber auch gern r&amp;auml;chten &amp;ndash; indem sie sie beim Finanzamt hochgehen lie&amp;szlig;en.&amp;laquo; &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Neulich stand wieder einer da und fragte in etwas holprigem Deutsch: Doktor, willst du Bargeld?&amp;laquo;&quot;]&amp;nbsp;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52357.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; Die Betrugsm&amp;ouml;glichkeiten liegen nat&amp;uuml;rlich nicht nur beim Zahnarzt, sondern in der gesamten Kette der Goldverarbeitung: Labor, Zahnarzt, Aufk&amp;auml;ufer, Goldscheideanstalt. Alle k&amp;ouml;nnen unter Umst&amp;auml;nden entweder etwas mehr oder etwas weniger Gold angeben &amp;ndash; wie es f&amp;uuml;r ihre Abrechnung am besten ist. Um Abfallgold zu Geld zu machen, schickt man es zu Goldscheideanstalten, die es in der Regel jedoch erst ab einer gewissen Mindestmenge annehmen. Dort wird das Zahngold gereinigt und mittels S&amp;auml;urezugabe in seine einzelnen Bestandteile getrennt: Jede Zahngoldlegierung enth&amp;auml;lt auch Anteile anderer Edelmetalle wie Platin, Silber und Palladium, die ebenfalls erstattet werden. Allerdings k&amp;ouml;nnen weder Labor noch Zahnarzt genau kontrollieren, ob die angegebenen Analyseergebnisse dem tats&amp;auml;chlichen Edelmetall-Gehalt entsprechen. Es sei denn, sie stehen beim Wiegen in der Goldscheideanstalt direkt neben der Waage, was nat&amp;uuml;rlich eher selten vorkommt. Insofern besteht auf Seiten der Zahnlabore oft ein wenig das Gef&amp;uuml;hl des Ausgeliefertseins gegen&amp;uuml;ber der Goldscheideanstalt. &amp;raquo;Die k&amp;ouml;nnen nat&amp;uuml;rlich ohne Weiteres ein paar Gramm Gold abzweigen und stattdessen mit Sand auff&amp;uuml;llen.&amp;laquo; Damit die Labore und Zahn&amp;auml;rzte sich trotzdem freuen, werden die Gesch&amp;auml;fte nach Angaben Britta Wengers zuweilen an der Steuer vorbei gemacht. Sogenannte BAT-Gesch&amp;auml;fte: &amp;raquo;Bar auf Tatze.&amp;laquo; Man gibt dem Au&amp;szlig;endienstmitarbeiter das Altgold mit, drei Wochen sp&amp;auml;ter bekommt man den Gegenwert in Cash. &amp;raquo;Kein Zettel, gar nichts, Nullinger&amp;laquo;, sagt Britta Wenger. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Dr. Matthias Eigenbrodt, Zahnarzt aus Berlin-Kreuzberg: &amp;raquo;Bei mir in der Praxis kommen manchmal Leute mit einer Waage vorbei, die auf schnelle Gesch&amp;auml;fte aus sind. Neulich stand wieder einer da und fragte in etwas holprigem Deutsch: Doktor, willst du Bargeld? Was ein Zahnarzt mit seinen Goldabf&amp;auml;llen macht, muss er letztlich mit seinem Gewissen ausmachen. Ich bin bekennender Christ, spende das alte Zahngold, das in meiner Praxis anf&amp;auml;llt, in der Regel etwa 2500 Euro im Jahr, in den Jemen. Dort habe ich vier Jahre als Entwicklungshelfer gearbeitet. F&amp;uuml;r einen Patienten ist es oft schwer, die Arbeit eines Zahnarztes zu beurteilen. Eigentlich m&amp;uuml;sste man seinen Zahnarzt immer fragen, bei welchem Zahnarzt er selbst ist &amp;hellip;&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Auch die Labore machen ihren Schnitt. Zwischen der Goldmenge, die f&amp;uuml;r die prothetische Arbeit bestellt wird, und dem, was der Patient am Ende im Mund tr&amp;auml;gt, besteht eine Differenz, die Schwankungen unterliegt. Britta Wenger sagt: &amp;raquo;Wenn ich auf dem Papier f&amp;uuml;r die Br&amp;uuml;cke von Frau M&amp;uuml;ller zehn Gramm Gold verarbeite, tats&amp;auml;chlich aber nur sechs Gramm verwende, dann sind ja vier irgendwie &amp;uuml;ber.&amp;laquo; Es gibt nun Zahntechniker, die sehr akkurat arbeiten, und solche, die einfach mehr verbrauchen. Ein versierter Zahntechniker kommt mit 15 Prozent &amp;raquo;Verschliff&amp;laquo; aus, andere haben bis zu 45 Prozent. &amp;Uuml;bersetzt hei&amp;szlig;t das: Nur 55 Prozent dessen, was dem Patienten in Rechnung gestellt wird, landet am Ende tats&amp;auml;chlich in seinem Mund. &amp;raquo;Das muss nat&amp;uuml;rlich irgendwo bleiben &amp;hellip;&amp;laquo; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Angenommen, sagt Britta Wenger, im Labor ist jemand &amp;raquo;knallhart drauf&amp;laquo;, und den Zahnarzt interessiert es nicht weiter oder aber der hat vielleicht auch etwas davon, &lt;br /&gt; bekommt, weil man sich verbunden ist, ein paar Gramm als Geschenk, dann handelt es sich um ein sogenanntes &amp;raquo;Bonus-Verh&amp;auml;ltnis&amp;laquo;. Die Zahn&amp;auml;rzte dr&amp;auml;ngen die Labore zu Rabatten. Rabatte aber m&amp;uuml;ssen erwirtschaftet werden. Ist ein Mehrverbrauch von Gold da nicht eine naheliegende L&amp;ouml;sung, die beide Seiten zufriedenstellt? Und wer kann kontrollieren, wenn man im Labor zehn Prozent schon beim Gie&amp;szlig;en draufschl&amp;auml;gt, die sp&amp;auml;ter &amp;raquo;privat&amp;laquo; abgezweigt werden? Britta Wenger sagt: &amp;raquo;Diese Deals existieren!&amp;laquo; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Dem Erfindungsreichtum bei Goldgesch&amp;auml;ften steht der gestiegene &amp;ouml;konomische Druck der Zahnarzt-Praxen gegen&amp;uuml;ber, was keine Entschuldigung ist, vielleicht aber eine Erkl&amp;auml;rung: Das reale Einkommen ist in den letzten Jahren nicht gestiegen, 67 580 Euro gibt die Zahn&amp;auml;rztekammer als durchschnittliches Nettogehalt eines Zahnarztes an (Britta Wenger: &amp;raquo;Also, ich kenn keinen, der unter 100 000 macht!&amp;laquo;), was nat&amp;uuml;rlich auch noch nicht an der Armutsgrenze kratzt. Die Kosten f&amp;uuml;r eine Praxisneugr&amp;uuml;ndung liegen zwischen 300 000 und 400 000 Euro zuz&amp;uuml;glich eines Betriebsmittelkredits von&lt;br /&gt; 60 000 bis 80 000 Euro. Allein ein in Deutschland gefertigter Zahnarztstuhl schl&amp;auml;gt mit 50 000 bis 70 000 Euro zu Buche (tschechische gibt es schon f&amp;uuml;r 30 000), in einer Praxis stehen in der Regel mindestens zwei. Meist m&amp;uuml;ssen drei oder mehr Angestellte bezahlt werden, Miete, Versicherungen, Kredit. Und ein Porsche vielleicht. Je nach Anspruch des Zahnarztes muss eine Praxis pro Stunde so mindestens 200 bis 400 Euro erwirtschaften, um sich selbst zu tragen. Ist da nicht die Versuchung gro&amp;szlig;, ein paar Euro ganz m&amp;uuml;helos nebenbei zu verdienen? &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Nun sind pauschale Urteile &amp;uuml;ber Berufsgruppen nie ganz fair. Nat&amp;uuml;rlich gibt es unter den 55 000 niedergelassenen Zahn&amp;auml;rzten in Deutschland ungez&amp;auml;hlte aufrichtige, sozial und ethisch denkende Menschen, sogar Tr&amp;auml;ger des Bundesverdienstkreuzes, die nicht einmal auf die Idee k&amp;auml;men, sich unrechtm&amp;auml;&amp;szlig;ig zu bereichern. Ehrenretter ihres Berufstandes, die oft kostenlos in Entwicklungsl&amp;auml;ndern arbeiten, die Zahn&amp;auml;rzte wurden, weil sie helfen wollen und nicht, weil es ihnen darum ging, maximales Geld zu verdienen. Scharf zum Beispiel. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Peter Scharf hat seine Kreuzberger Gemeinschaftspraxis seit 1981. Es gibt einen Bildschirm, der im Flur vor dem Wartezimmer in der Wand versenkt ist, auf dem f&amp;uuml;r Unternehmer geworben wird, die sich gern h&amp;ouml;her besteuern lassen. Ab und zu leuchtet ein Anti-Atomkraft-Emblem auf. An den W&amp;auml;nden Plakate, die darauf hinweisen, dass Patienten ihr Zahngold in dieser Praxis f&amp;uuml;r ein Solidarit&amp;auml;tsprojekt in Nicaragua spenden k&amp;ouml;nnen. Scharf, der einen sofort korrigiert, wenn man ihn mit Doktor anredet, denn er ist nicht Doktor und muss also auch nicht so tun, sagt: &amp;raquo;Ich traue vielen Zahn&amp;auml;rzten zu, ehrlich zu sein.&amp;laquo; Was, frei &amp;uuml;bersetzt, hei&amp;szlig;en mag, dass er vielen anderen zutraut, es nicht zu sein. Seine knappe Meinung &amp;uuml;ber Kollegen, die mit Altgold betr&amp;uuml;gen: &amp;raquo;Ist nicht korrekt. Ungesetzlich. Diebstahl.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Er selbst weist seine Patienten jedes Mal darauf hin, dass das Gold ihnen geh&amp;ouml;rt. Dass sie es mitnehmen k&amp;ouml;nnen. Oder eben auch spenden f&amp;uuml;r einen guten Zweck. Sobald sich wieder genug im Glas angesammelt hat, schickt er es an die Goldscheideanstalt. Den ausgezahlten Gegenwert abz&amp;uuml;glich der Kosten, die diese daf&amp;uuml;r berechnet, gibt er vollst&amp;auml;ndig weiter an den Verein zur F&amp;ouml;rderung der St&amp;auml;dtepartnerschaft Kreuzberg &amp;ndash; San Rafael del Sur. Etwa 10 000 Euro j&amp;auml;hrlich. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Dass auch Zahn&amp;auml;rzte beim Goldhandel aufpassen m&amp;uuml;ssen, wei&amp;szlig; er sp&amp;auml;testens seit einmal ein Vertreter in seine Praxis kam und sich nach Altgold erkundigte. Er hatte eine Waage dabei und nannte ihm schnell einen Preis: &amp;raquo;7000 Euro auf die Hand&amp;laquo;, sagte der Mann. Scharf sagte: &amp;raquo;Danke, wir werden uns das &amp;uuml;berlegen.&amp;laquo;  Der Vertreter legte nach: &amp;raquo;8000!&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Gut&amp;laquo;, sagte Scharf, &amp;raquo;wir &amp;uuml;berlegen uns das.&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;9000!&amp;laquo; zog der Mann weiter an. Scharf hatte nicht vor, an diesen Mann zu verkaufen, aber da er ein h&amp;ouml;flicher Mensch ist, sagte er: &amp;raquo;Das kann ich nicht allein entscheiden, muss ich besprechen.&amp;laquo; &amp;ndash; &lt;br /&gt; &amp;raquo;10 000 Euro!&amp;laquo; Es war schwer, den Mann zum Gehen zu bewegen. Als er endlich zur T&amp;uuml;r raus war, meldete sich wenige Minuten sp&amp;auml;ter telefonisch eine Goldscheideanstalt aus der Schweiz, und sagte: &amp;raquo;Da ist noch was drin. Wir k&amp;ouml;nnten bis auf 14 000 Euro gehen!&amp;laquo; Scharf hat das Gold dann der Goldscheideanstalt weitergegeben, der er es immer gibt &amp;ndash; f&amp;uuml;r 16 000 Euro. Die er im Namen seiner Patienten gespendet hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So kann man es auch machen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Die Mundräuber</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Wenderoth</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-24T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38661">
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    <title>Omas kleine schlimme Helfer</title>
    <description>&lt;p&gt;Die Gro&amp;szlig;mutter unseres Autors hat jahrelang Schlaf- und Beruhigungsmittel genommen &amp;ndash; bis sie s&amp;uuml;chtig war. Es hat lange gedauert, bis die Familie das bemerkt hat. In keiner Altersgruppe gibt es so viele Drogenabh&amp;auml;ngige wie bei den Senioren.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52375.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;Was mich am meisten beunruhigt, ist, wie wenig ich davon mitbekam. Zum einen Teil liegt das an meiner Gro&amp;szlig;mutter. Sie hat alles verschwiegen. Zum anderen Teil liegt es an mir, dem Hunderte Kilometer entfernten Gelegenheitsenkel.&amp;nbsp;Vielleicht muss ich mir keine Vorw&amp;uuml;rfe machen. Auch meine Br&amp;uuml;der, die viel n&amp;auml;her bei Oma wohnen, hatten geschwiegen, nie etwas von ihrem Verdacht erz&amp;auml;hlt. Sie wussten wohl einfach nicht, was man dazu sagen k&amp;ouml;nnte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eigentlich war meine Oma Hilde immer ziemlich vital. Eine einfache, st&amp;auml;mmige Frau vom Lande, mit kurzen grauen Haaren und einer heimlichen, aber bekannten Vorliebe f&amp;uuml;r S&amp;uuml;&amp;szlig;es. Sie rauchte nicht, trank nicht. Drogens&amp;uuml;chtige? F&amp;uuml;r Oma waren das komische Spritzgiftler aus dem Fernsehen. &lt;br /&gt; Im Fr&amp;uuml;hjahr 2011 merkte ich, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Zusammengesunken sa&amp;szlig; meine Gro&amp;szlig;mutter auf der Couch im Wohnzimmer, die Gardinen schufen ein m&amp;uuml;rbes Halblicht, es war &amp;uuml;berheizt, roch s&amp;uuml;&amp;szlig;lich, der Fernseher lief. Drau&amp;szlig;en war es sonnig, ich schob die Gardinen zur Seite:&lt;br /&gt; &amp;raquo;Omi, es ist so sch&amp;ouml;nes Wetter, soll ich dir nicht einen Stuhl auf den Balkon stellen?&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Nein&amp;laquo;, murmelte sie, &amp;raquo;ich mag nicht raus.&amp;laquo;&lt;br /&gt; Damals vermutete ich, dass sie einfach abbaut, sie war ja fast achtzig. Heute verstehe ich: Unsere Familie war nur eine von Millionen Familien, die glauben, die Gro&amp;szlig;eltern seien einfach senil. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die glauben, dass Opas und Omas Tabletten die L&amp;ouml;sung seien und nicht das Problem.&amp;nbsp;Dann kam der 8. Mai 2011, Muttertag. Wir treffen uns wie jedes Jahr im Garten meiner Eltern zu Kaffee und Kuchen.Auf der Terrasse sitzt Oma und starrt ins Leere. &amp;raquo;Gro&amp;szlig;mutter, schau mal, Blumen f&amp;uuml;r dich.&amp;laquo; Keine Reaktion. Mein Stiefvater packt den Strau&amp;szlig; in eine Vase auf den wei&amp;szlig; gedeckten Tisch. Eigentlich liebt meine Gro&amp;szlig;mutter Blumen. Einmal habe ich ihr Orchideen im Topf geschenkt, seitdem zeigte sie mir oft, wie diese immer wieder aufbl&amp;uuml;hten. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, fr&amp;uuml;her ging sie t&amp;auml;glich mit ihrer Sch&amp;uuml;rze in das G&amp;auml;rtchen ihres Reihenhauses, j&amp;auml;tete und zupfte hier und da. Bis es ihr der Arzt verbot wegen der morschen Knochen, der Osteoporose. Gro&amp;szlig;mutter ist vergesslicher, stiller, blasser, ungeschickter. Sie, die immer Wert auf Ordnung legte, wirkt nun etwas ungepflegt.&lt;br /&gt; An diesen Muttertag erinnern wir uns alle, die ganze Familie, obwohl gar nichts ausgesprochen wurde. Niemand wagte, ihren Zustand anzusprechen. Und Oma Hilde verriet mit keinem Wort, dass sie es sich an diesem Morgen eingestanden hatte. Sie war s&amp;uuml;chtig. Gro&amp;szlig;mutter will keinen Tee trinken, nicht spazieren gehen, sie starrt nur vor sich hin. Mit traurigem Blick beobachtet meine Mutter, wie langsam sie reagiert. &amp;raquo;Ich will keine Blumen&amp;laquo;, wispert Gro&amp;szlig;mutter. &amp;raquo;Ich kann sie doch nicht pflegen.&amp;laquo;&lt;br /&gt; Ich glaube mich in diesem Moment gefragt zu haben, ob sie meine Orchideen noch hat. Dann musste ich los. Viel zu tun.&amp;nbsp;Kurz danach fuhr mein Onkel meine Gro&amp;szlig;mutter heim. Um Punkt vier muss sie ja immer ihre Medikamente nehmen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich hab niemand mehr sehen wollen&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt sie mir sp&amp;auml;ter &amp;uuml;ber diesen Tag. &amp;raquo;Ich hab nicht mehr schw&amp;auml;tzen wollen, mich nicht bewegen wollen. Ich bin im Garten gehockt und war ganz stur. Ich wollte nur die Tabletten.&amp;laquo; &lt;br /&gt; Gro&amp;szlig;mutter hatte schon morgens Schmerztabletten genommen. Sie hatte sich nicht gut gef&amp;uuml;hlt, hatte gewusst, die Pillen w&amp;uuml;rden nicht mehr gegen Angst und Schmerzen helfen, w&amp;uuml;rden sie nur wieder bl&amp;ouml;de machen. Dennoch hatte sie wieder zugegriffen. &lt;br /&gt; Am Muttertagsabend jagen sie Furcht und Schmerzen. Wieder einmal. Immer wieder. Endlos. Sie sieht keinen Ausweg mehr. Weinend rennt sie durch die Wohnung, doch alles f&amp;uuml;hlt sich so fremd an: die Menschen, ihr eigener K&amp;ouml;rper, ihre unkontrollierbare Angst. Es treibt sie, sie ist &amp;uuml;berzeugt, sterben zu m&amp;uuml;ssen, sie schleppt sich zum Balkon, sie will springen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nein. Nein. Meine Gro&amp;szlig;mutter h&amp;auml;lt sich am Gel&amp;auml;nder fest, blickt hinunter auf das G&amp;auml;rtchen mit dem Apfelbaum. Der Tod macht ihr genauso Angst wie dieses Leben. Es gibt keine L&amp;ouml;sung, denn ohne die Tabletten sind auch &amp;uuml;berall Panik und Schmerzen. Niemand k&amp;ouml;nne ihr helfen, auch nicht sie selber, das schien sicher. An diesem Muttertag verlor sie die Hoffnung, dass es mit ihr jemals wieder bergauf gehen k&amp;ouml;nne. Sie gab sich auf.&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Ich glaube, deine Oma hat ein Suchtproblem.&amp;laquo;&quot;]&lt;span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52377.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich bin am Boden zerst&amp;ouml;rt gewesen durch die Tabletten.&amp;laquo; Als sie mir das erz&amp;auml;hlt, und sie sagt, ich sei der Erste, dem sie alles sage, hab ich ihre Hand gestreichelt, weil ich das alles nicht erwartet hatte. Du wolltest dich umbringen? Wieso hast du uns das nicht gesagt? Oder dem Doktor? Sie hat den Kopf gesch&amp;uuml;ttelt und ihre Augenlider haben sich traurig zusammengezogen, sie musste schlucken. &amp;raquo;Das sagt man nicht. Das sagst du niemandem.&amp;laquo;&lt;br /&gt; Ich hatte weder mitbekommen, wann Gro&amp;szlig;mutters Problem begann, noch wie es sich verschlimmerte. Tablettenschachteln, diese langen Plastikschieber, kannte ich ja. Ganz normal. Sogar lustig. Wochentage drauf. Rasselt. &lt;br /&gt; In den ein, zwei Jahren vor jenem Muttertag bekam ich manchmal Mails von meiner Mutter. Oma hat sich wieder verletzt, sich ungeschickt bewegt und einen Bruch gehoben. Gegen die Schmerzen gab es Tabletten. Weil meine Mutter Naturwissenschaftlerin ist und &amp;uuml;berall Kausalketten sieht, war sie die Erste der Familie, der ein Zusammenhang zwischen den Tabletten und Gro&amp;szlig;mutters Problemen aufgefallen war. Mein Telefon klingelt kurz nach dem Muttertag, und meine Mutter, die meist sachlich ist, klingt besorgt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Oma geht es schlecht.&amp;laquo; &lt;br /&gt; Was ist los?&lt;br /&gt; &amp;raquo;Sie ist so abwesend.&amp;laquo;&lt;br /&gt; Was hat sie?&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich glaube, deine Oma hat ein Suchtproblem.&amp;laquo;&lt;br /&gt; Wie bitte?&lt;br /&gt; &amp;raquo;Und ich glaube, das Problem haben viele alte Leute.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Meine Mutter ahnte nicht, wie recht sie hatte. Etwa f&amp;uuml;nf bis zehn Prozent der gut 20 Millionen Senioren in Deutschland leiden an einer Demenz, sch&amp;auml;tzt Professor Siegfried Weyerer, der an der Uni Mannheim &amp;uuml;ber die H&amp;auml;ufigkeit psychischer Krankheiten forscht. Doch &amp;raquo;wahrscheinlich gibt es mehr Tablettenabh&amp;auml;ngige als Demente&amp;laquo;. &lt;br /&gt; Auch Gerd Glaeske, Professor f&amp;uuml;r Arzneimittelanwendung an der Universit&amp;auml;t Bremen und seit Jahren spezialisiert auf Sucht im Alter, sieht die Lage &amp;auml;hnlich: Tablettensucht sei nach Zigaretten inzwischen die zweith&amp;auml;ufigste Suchterkrankung, liege nun knapp vor Alkohol in der Reihenfolge der Suchtkrankheiten. Und zwei Drittel der 1,4 bis 1,9 Millionen Medikamentens&amp;uuml;chtigen seien Senioren. Bis zu 14 Prozent seien betroffen, je nach Altersklasse. Auch wenn es besonders schwierig einzusch&amp;auml;tzen sei, wo diese Suchtform beginne, sagt Glaeske, &amp;raquo;mindestens eine Million Menschen im Rentenalter sind tablettenabh&amp;auml;ngig in Deutschland.&amp;laquo; Zusammen mit den gar nicht so wenigen alkoholabh&amp;auml;ngigen Senioren habe die Altersklasse &amp;uuml;ber 65 wohl die h&amp;ouml;chste Suchtquote. Zum Vergleich: Nur 50 000 bis 150 000 Amphetaminabh&amp;auml;ngige und ebenso viele Kokains&amp;uuml;chtige gibt es in Deutschland. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das gro&amp;szlig;e Suchtproblem der Alten wird immer gr&amp;ouml;&amp;szlig;er. Erstens nimmt der Bev&amp;ouml;lkerungsanteil der Alten zu, 2030 werden 30 von knapp 80 Millionen &amp;uuml;ber 60 Jahre alt sein, das sind 50 Prozent mehr als heute. Zweitens kommen die drogenaffinen Babyboomer in die Jahre: &amp;raquo;Die Zahl der suchtkranken Senioren d&amp;uuml;rfte sich innerhalb der n&amp;auml;chsten 25 bis 30 Jahre verdoppeln&amp;laquo;, bef&amp;uuml;rchtet der Arzt Dirk Wolter, der ein Buch &amp;uuml;ber Sucht im Alter geschrieben hat.&lt;br /&gt; Meine Gro&amp;szlig;mutter hatte in den letzten Monaten immer h&amp;auml;ufiger angerufen bei Mutter, nachts, morgens, tags&amp;uuml;ber, zu Hause, in der Arbeit. Und auch bei meinem Stiefvater. Oft heule sie, habe Angst. Man brauche Stunden, um Oma zu beruhigen, es sei sehr belastend, klagt meine Mutter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Irgendwann habe sie genug gehabt und sei zu Gro&amp;szlig;mutters Hausarzt gegangen und habe gefragt, was denn die vielen Schmerztabletten, Schlaftabletten und Beruhigungsmittel eigentlich gegen ihre echten gesundheitlichen Probleme br&amp;auml;chten. &lt;br /&gt; Der Arzt habe ganz unger&amp;uuml;hrt erkl&amp;auml;rt, die Oma sei schlaftablettens&amp;uuml;chtig. Ja, die ganze Generation sei es. Meine Mutter forderte, Gro&amp;szlig;mutter zu entw&amp;ouml;hnen. Doch der Arzt hatte sie schon abgeschrieben. Sie sei ein hoffungsloser Fall. So sei das Alter. &amp;raquo;Das hat der mir genau so ins Gesicht gesagt!&amp;laquo;Der Arzt sei eine Katastrophe, verschreibe seit Jahrzehnten einfach Tabletten gegen Symptome, statt zu heilen, das Rezept legten die Helferinnen nach Anruf auf dem Empfangstisch parat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei meiner Gro&amp;szlig;mutter schlichen sich die Tabletten beinahe unbemerkt irgendwann in ihrer zweiten Lebensh&amp;auml;lfte ein. Es war die Zeit, als man Probleme wegmedikamentierte. Pillen als technische L&amp;ouml;sung f&amp;uuml;r eine Kriegsgeneration, die funk-&lt;br /&gt; tionieren wollte und so manches einfach herunterschluckte. &lt;br /&gt; Abends halfen ihr die Schlaftabletten p&amp;uuml;nktlich ins Bett. Ein echtes Wundermittel, &amp;raquo;Dal-ma-dorm&amp;laquo;, sagt sie ganz sanft. Hatte sie Schmerzen oder Angst, gab es Lexotanil. In einem sogenannten Schmerzzentrum spritzte man ihr hin und wieder Diazepam. Ihre &amp;Auml;ngste verschwanden, die Muskeln entspannten sich, eine angenehme M&amp;uuml;digkeit stellte sich ein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Omas Einstiegsdrogen waren allesamt Benzodiazepine, der Wirkstoff hinter Valium. Mother&amp;rsquo;s Little Helpers, so nannten die Rolling Stones diese Wundermittel in einem Lied aus dem Jahr 1966. Kurzfristig d&amp;auml;mpfen die Helpers. Nebenbei machen sie k&amp;ouml;rperlich unsicher, kurzatmig, schr&amp;auml;nken die Reaktionszeit ein. Benzodiazepin-Dauerkonsumenten zeigen Symptome, die wie Demenz erscheinen. Sie werden depressiv, teilnahmslos, apathisch. Wie oft hatte ich schon &amp;uuml;ber die St&amp;uuml;rze der Alten, ihre komplizierten Br&amp;uuml;che, die Autounf&amp;auml;lle der Senioren diskutiert? Stets vermuten alle Demenz. Doch im Blut von fast jedem vierten verkehrsauff&amp;auml;llig gewordenen Fahrer fanden Forscher der Universit&amp;auml;t Frankfurt bei einer Stichprobe Benzodiazepine. &lt;br /&gt; L&amp;auml;nger als vier Wochen sollte man den Stoff nicht einnehmen. Nach etwa vier Monaten ist man im Regelfall s&amp;uuml;chtig. Gro&amp;szlig;mutter bekam die Medikamente &amp;uuml;ber drei Jahrzehnte. Als ich sie f&amp;uuml;r dement hielt, hatte ich einfach die Symptome ihrer Krankheit nicht mit der Ursache verkn&amp;uuml;pft.&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot; Die typische Tablettenabh&amp;auml;ngige kommt aus der breiten Mitte&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div&gt;&lt;span&gt;Ein Benzodiazepin-Entzug soll ein dunkles Spiegelbild dessen sein, wogegen die Mittel verschrieben werden. Schlaflosigkeit, Albtr&amp;auml;ume, Panikattacken, Kr&amp;auml;mpfe, sogar Halluzinationen. Der Ausstieg ist schwer. Meine Oma blieb dabei, auch aus Angst vor dem Entzug. Manche Experten, wie die Frankfurter Suchtforscherin Irmgard Vogt, erkl&amp;auml;ren mir, der gro&amp;szlig;e Unterschied zum Junkie sei, dass meine Gro&amp;szlig;mutter ja wisse, was sie vom Arzt bekomme, dass sie die Wirkungen der Medikamente kenne. Doch wie so viele Senioren nimmt meine Gro&amp;szlig;mutter ein gutes Dutzend Medikamente. Niemand kennt die Wechselwirkungen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Hauptdroge der s&amp;uuml;chtigen Alten &amp;ndash; Benzodiazepin &amp;ndash; ist ein globales Problem, wie Studien aus Finnland, der Schweiz, den USA zeigen. Trotzdem wird weiter konsumiert. Vielleicht weil der Stoff kurzfristig so wirksam ist, so g&amp;uuml;nstig zudem, sagt Raphael Ga&amp;szlig;mann, Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrer der Deutschen Hauptstelle f&amp;uuml;r Suchtfragen. Forschung zu den Langzeitfolgen von Benzo-diazepin ist Mangelware. Wer hat schon Interesse, das zu finanzieren? Wegen der Unterdr&amp;uuml;ckung von Informationen zu den Langzeitwirkungen des Benzodiazepinkonsums verklagten Anfang der 1990er in England 14 000 Patienten eine Reihe von Pharmaunternehmen. Es war die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Sammelklage der englischen Geschichte. Die Klage implodierte, zu komplex waren die Verflechtungen zwischen Patienten, &amp;Auml;rzten, Industrie, Forschung und Beh&amp;ouml;rden. Im Anschluss aber wurden Sammelklagen in England rechtlich erschwert. &lt;br /&gt; Dass man wenig von der Abh&amp;auml;ngigkeit der Millionen h&amp;ouml;rt, hat einfache Gr&amp;uuml;nde: Die typische Tablettenabh&amp;auml;ngige kommt aus der breiten Mitte, ist integriert, rutscht in der zweiten Lebensh&amp;auml;lfte &amp;uuml;ber ein paar Schlaftabletten in die Sucht &amp;ndash; und bemerkt es lange nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Weil sich meine Gro&amp;szlig;mutter beim Laufen zunehmend unsicher f&amp;uuml;hlt, f&amp;auml;hrt mein Onkel sie immer &amp;ouml;fter zum Arzt. Er sieht, wie sie dort immer &amp;raquo;ihren kleinen Kollaps&amp;laquo; bekommt; wie sie weint, klagt. Der Arzt kommt ihr entgegen. &amp;raquo;Ein netter Doktor. Er hat mir immer alles gegeben, was ich gewollt hab&amp;laquo;, erinnert sie sich an den Mann, der wohl die Hauptverantwortung f&amp;uuml;r ihren Absturz tr&amp;auml;gt. &lt;br /&gt; Es scheint, als h&amp;auml;tten viele Haus&amp;auml;rzte mit ihren fordernden Patienten einen stillen Pakt geschlossen. Die Absatzmengen der Benzodiazepine nehmen seit Jahren trotz bekannter Nebenwirkungen kaum ab.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kurz vor dem Kollaps begann Gro&amp;szlig;mutter D&amp;auml;monen zu jagen. Eines Nachts poltert es in ihrer Wohnung und mein Onkel ertappt sie im Schlafrock herumtorkelnd, bewaffnet mit dem Besen, im verzweifelten Kampf gegen ein Monster. Sie meint den Marder, der seit Jahren gelegentlich im Dachstuhl rappelt.&lt;br /&gt; Verzweifelt ruft mein Onkel tags drauf das psychiatrische Krankenhaus in seiner Kreisstadt an. Dort hei&amp;szlig;t es, Gro&amp;szlig;mutter solle es doch mit einer Psychotherapie versuchen. Solange sie noch allein zurechtkomme, gebe es keinen Platz. Doch wo bitte gibt es einen Therapeuten, der auf Suchtprobleme alter Leute spezialisiert ist und Hausbesuche macht, fragt sich mein Onkel. Verlegen erkundigt er sich bei Freunden. Einige Familien haben die gleichen Probleme. Niemand hat L&amp;ouml;sungen. Keiner will offen dr&amp;uuml;ber reden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nur wenige Wochen sp&amp;auml;ter h&amp;ouml;rt mein Onkel nachts einen dumpfen Schlag. Wieder rennt er in die Wohnung meiner Gro&amp;szlig;mutter, findet sie halb bewusstlos auf dem Boden des Badezimmers. Er ist sich sicher, es geht zu Ende. &lt;br /&gt; Eine Notoperation wird anberaumt. Gro&amp;szlig;mutter hat einen Wirbelbruch, schon l&amp;auml;nger wohl, niemand hat das erkannt. Doch die &amp;Auml;rzte im Kreiskrankenhaus schieben die Operation auf und lassen sie ausn&amp;uuml;chtern, wie die Spritzgiftler aus dem Fernsehen. Zu gro&amp;szlig; ist wohl die Sorge der Mediziner vor den Wechselwirkungen der Schmerzmittel und Tranquilizer mit den Narkosemitteln. Bei manchen der Tablettens&amp;uuml;chtigen schlagen die An&amp;auml;sthetika kaum an, bei anderen wirken sie zu lange, manchmal rufen sie paradoxerweise Angst und Panik hervor. Es ist unkalkulierbar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein paar Tage liegt meine Oma im Krankenhaus. Sie f&amp;uuml;hlt sich besch&amp;uuml;tzt. Sie beschlie&amp;szlig;t, nie wieder in ihren Albtraum zur&amp;uuml;ckzukehren, sondern in ein Altersheim zu ziehen, ich sah das als vorletzten Schritt ins Grab. &lt;br /&gt; Stattdessen wagte Gro&amp;szlig;mutter den Entzug &amp;ndash; im Altersheim, in der beh&amp;uuml;teten Umgebung mit dem Notknopf &amp;uuml;ber dem Bett. Wochenlang zog sie sich nach jedem Essen in ihr Bett zur&amp;uuml;ck, versuchte die Hitzewallungen zu ignorieren, diesen unstillbaren Durst. Nat&amp;uuml;rlich erz&amp;auml;hlte sie niemandem von ihrem Kampf, auch nicht ihrem neuen Arzt. Der aber k&amp;uuml;rzte stillschweigend ihre Dosis. Ganz runtergekommen ist Gro&amp;szlig;mutter nicht, aber sie glaubt es.&amp;nbsp;Als ich sie besuche, steht die T&amp;uuml;r zu ihrer Veranda offen. Die Gardinen sind aufgezogen. Die Sonne scheint auf ihren kleinen Indoor-Blumengarten. In der Mitte bl&amp;uuml;ht die lila Orchidee, die ich ihr geschenkt habe.&lt;br /&gt; Sie tr&amp;auml;gt ihre Lieblingskette mit dem hellblauen Kristall zu einem weinroten Rolli. Nach Romm&amp;eacute; und Chorsingen hat sie das Malen nach Zahlen angefangen. Ihr neuestes Gem&amp;auml;lde zeigt eine kleine K&amp;uuml;stenstadt, Balkons mit Blumen in der Abendsonne. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/div&gt;</description>
    <dc:subject>Omas kleine schlimme Helfer</dc:subject>
    <dc:creator>Hannes Grassegger</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-22T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38539">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38539</link>
    <title>Wenn der Medizinmann kommt</title>
    <description>&lt;p&gt;Wie transportiert man lebenswichtige Medikamente in afrikanische      D&amp;ouml;rfer? Ganz einfach: in den L&amp;uuml;cken zwischen Colaflaschen. Die Geschichte      einer guten Designidee.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vergangenes Jahr starben weltweit etwa 6,9 Millionen Kinder unter f&amp;uuml;nf Jahren, elf Prozent davon an einer Durchfallerkrankung, so die Zahlen des Kinderhilfswerks UNICEF. Das sind 759 000 Tote, die man in den meisten F&amp;auml;llen mit ein wenig Kochsalz, Traubenzucker und ein paar anderen N&amp;auml;hrstoffen h&amp;auml;tte retten k&amp;ouml;nnen. Diese N&amp;auml;hrstoffe sind billig und eigentlich im &amp;Uuml;berfluss vorhanden, nur eben nicht dort, wo die meisten der 759 000 Kinder zur Welt gekommen sind: in den abgelegenen, oft nur &amp;uuml;ber staubige Schlaglochpisten zu erreichenden D&amp;ouml;rfer Afrikas. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein anderes Produkt dagegen schafft es selbst ins abgelegenste, staubigste Kaff: Coca-Cola &amp;ndash; und das brachte Simon Berry, einen Entwicklungshelfer bei der britischen Regierung, auf eine Idee: Warum nicht die Vertriebsstruktur von Coca-Cola nutzen, um lebenswichtige Medizin zu den &amp;Auml;rmsten der Armen zu bringen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Coca-Cola ist der gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Erfrischungsgetr&amp;auml;nkehersteller der Welt, nach eigenen Angaben verkauft das Unternehmen 1,7 Milliarden Getr&amp;auml;nke pro Tag &amp;ndash; in &amp;uuml;ber 200 L&amp;auml;ndern. Den Vertrieb &amp;uuml;bernehmen dabei lokale Brauereien, die die Limonade aus Konzentrat herstellen, abf&amp;uuml;llen und an Gro&amp;szlig;h&amp;auml;ndler und Superm&amp;auml;rkte liefern. Den f&amp;uuml;r den Entwicklungshelfer Berry wichtigsten Schritt in dieser Kette vom Produzenten zum Konsumenten &amp;uuml;bernehmen in vielen L&amp;auml;ndern Afrikas private Kleinunternehmer: M&amp;auml;nner und Frauen, die drei Kisten Cola im Supermarkt in der n&amp;auml;chsten Stadt kaufen, um sie dann mit dem Bus, dem Fahrrad oder dem Handkarren kilometerweit in ihr Dorf zu schaffen und dort mit ein bisschen Gewinn zu ver&amp;auml;u&amp;szlig;ern. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zuerst wollte Berry bei den Gro&amp;szlig;h&amp;auml;ndlern eine Flasche in jeder Kiste Cola durch ein Medizinp&amp;auml;ckchen ersetzen. Das h&amp;auml;tte allerdings den Gewinn aller Beteiligten gedr&amp;uuml;ckt, kein gutes Argument also, um mit Unternehmern zu diskutieren.  Die Idee ruhte, viele Jahre, bis die britische Regierung 2008 eine Initiative startete, um Unternehmen st&amp;auml;rker in die Armutsbek&amp;auml;mpfung einzubeziehen. Simon Berry sah endlich seine Chance, und seine Frau Jane hatte die Idee, einfach den Platz zu nutzen, den es in jeder Kiste Cola gratis gibt: den Platz zwischen den Flaschen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Medizinp&amp;auml;ckchen, das die Berrys nun gemeinsam mit Designern entwickelt haben, sieht ein wenig aus wie die Sandwichpackungen, die man in der Tankstelle kaufen kann: ein Keil aus durchsichtigem Plastik, und dieser Keil passt exakt zwischen die Flaschenh&amp;auml;lse, zehn Keile pro Kiste. Darin transportiert werden P&amp;auml;ckchen mit Elektrolytpulver, jenen lebenswichtigen N&amp;auml;hrstoffen, die bei Durchfallerkrankungen dem K&amp;ouml;rper fehlen, au&amp;szlig;erdem Zinktabletten, die Durchfall mindern k&amp;ouml;nnen, und ein St&amp;uuml;ck Seife.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gerade l&amp;auml;uft der erste umfassende Test in Sambia an, einem Land mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 52 Jahren, in dem jeder zehnte S&amp;auml;ugling stirbt. Die Berrys haben, spendenfinanziert, 41 000 Medizinp&amp;auml;ckchen produzieren lassen, die nun mithilfe von rund 40 Gro&amp;szlig;h&amp;auml;ndlern zwischen die Flaschenh&amp;auml;lse in den Kisten geklemmt und dann von den Kleinunternehmern in die abgelegenen D&amp;ouml;rfer gebracht werden, &amp;raquo;Huckepack&amp;laquo;, wie Simon Berry das nennt. In den D&amp;ouml;rfern sollen die Medizinp&amp;auml;ckchen dann nicht gratis verteilt, sondern f&amp;uuml;r wenig Geld verkauft werden. Etwa 75 Cent pro P&amp;auml;ckchen, ein St&amp;uuml;ck Seife allein kostet rund 60 Cent. Der Gewinn geh&amp;ouml;rt den Kleinunternehmern, damit auch sie einen Anreiz haben, die P&amp;auml;ckchen zu transportieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn es mit dem Testlauf klappt, wollen die Berrys ihr Projekt, ColaLife haben sie es genannt, ausbauen: erst in Sambia, bisher beschr&amp;auml;nken sie sich auf zwei Distrikte im S&amp;uuml;den, und dann auch in anderen L&amp;auml;ndern. Und nat&amp;uuml;rlich wollen sie das Medizinp&amp;auml;ckchen optimieren: Der Plastikbeh&amp;auml;lter zum Beispiel ist bisher nur Verpackung, man k&amp;ouml;nnte damit aber auch Wasser reinigen. Denn Plastik l&amp;auml;sst die UV-A-Strahlen des Sonnenlichts durch, die Krankheitserreger abt&amp;ouml;ten. Legt man eine PET-Flasche f&amp;uuml;r sechs Stunden in die hei&amp;szlig;e Sonne, ist das Wasser darin desinfiziert. Man muss den Menschen nur vermitteln, wie es geht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Wenn der Medizinmann kommt</dc:subject>
    <dc:creator>Christoph Cadenbach</dc:creator>
    <dc:date>2012-09-28T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Das wahre Medizin-Ranking</title>
    <description>&lt;p&gt;Ob Orthop&amp;auml;die, Psychiatrie oder Urologie: In einem &amp;Auml;rzte-Ranking geht es immer nur darum, wer der Beste ist. Warum eigentlich? Wir haben ein paar Rekorde der etwas anderen Art zusammen getragen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/47991.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;K&amp;uuml;rzeste Doktorarbeit&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Sieben Seiten umfasst die k&amp;uuml;rzeste Doktorarbeit, die von einer  medizinischen Fakult&amp;auml;t angenommen wurde, inklusive Einleitung und  Zusammenfassung. Der Text &amp;uuml;ber CO&lt;sub&gt;&lt;small&gt;2&lt;/small&gt;&lt;/sub&gt;-Absorptionskoeffizienten brachte Rainer Wrbitzky 1960 in T&amp;uuml;bingen die Doktorw&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Meiste Olympische Medaillen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Roland Matthes gewann als R&amp;uuml;ckenschwimmer zwischen 1967 und 1973 alle seine Rennen, bis 1976 zudem acht Medaillen bei Olympia: viermal Gold, je zweimal Silber und Bronze. Heute arbeitet er als Orthop&amp;auml;de in Marktheidenfeld. Die Medaillen liegen in einem Bankschlie&amp;szlig;fach.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Reichster Arzt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Labormediziner Bernd Schottdorf soll rund 500 Millionen Euro mit dem Untersuchen von Urin, Blut und Kot verdient haben. Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt seit 20 Jahren und beschuldigt ihn des gewerbsm&amp;auml;&amp;szlig;igen Betrugs. Vermuteter Schaden: 78 Millionen Euro.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Teuerste Zahnreinigung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Laut dem Finanzportal &lt;a href=&quot;http://blog.geld.de/zahnzusatzversicherung/studie-professionelle-zahnreinigung-oft-viel-zu-teuer/336426.html&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Geld.de&lt;/a&gt; d&amp;uuml;rfte eine professionelle Zahnreinigung maximal 75 Euro kosten. In 127 untersuchten St&amp;auml;dten forderten die Zahn&amp;auml;rzte aber bis zu 180 Euro. Noch teurer kann es beim Starnberger Zahnarzt Thomas Walzer werden: bis zu 210 Euro.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meiste Doktortitel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Prof. Prof. h. c. Dr. med. Dr. h. c. Dr. h. c. Dr. h. c. Dr. h. c. Dr. h. c. Roland Hetzer ist die korrekte Anrede f&amp;uuml;r den Chef des Deutschen Herzzentrums in Berlin. Dar&amp;uuml;ber l&amp;auml;chelt vermutlich der US-Theologe Theodore Hesburgh: Er hat 150 Ehrendoktorw&amp;uuml;rden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Gr&amp;ouml;&amp;szlig;tes Haus am Starnberger See&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Anwesen von Valentin Argirov, ehemaliger Leibarzt von Franz-Josef Strau&amp;szlig;, umfasst 749 Quadratmeter Wohnfl&amp;auml;che und das, obwohl Argirov schon einen ganzen Fl&amp;uuml;gel abrei&amp;szlig;en musste, der den Bebauungsplan &amp;uuml;berschritt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;L&amp;auml;ngste Operation &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Die sehen ja aus wie deine&amp;laquo;, war das Erste, was die Frau des verungl&amp;uuml;ckten Landwirts nach der Operation sagte. F&amp;uuml;r dieses Kunstst&amp;uuml;ck waren in M&amp;uuml;nchen f&amp;uuml;nf Operationsteams unter der Leitung von Christoph H&amp;ouml;hnke gleichzeitig im Einsatz. Ihnen gelang nach 15 Stunden die weltweit erste Transplantation von zwei Armen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Unleserlichste Handschrift&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Um eine Schriftprobe gebeten, sagte Dr. Felix Hilpert, er wisse gar nicht mehr, wie seine Handschrift aussieht. Er benutzt seit Jahren ein Diktierger&amp;auml;t, das er als junger Oberarzt von seinem Stationsarzt geschenkt bekam. Seitdem hoffen die Krankenschwestern und Patienten der Uniklinik Kiel, dass er immer genug Batterien vorr&amp;auml;tig hat.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Teuerster Kunstfehler&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Topmanager wollte in einer M&amp;uuml;nchner Klinik sein starkes Schnarchen behandeln lassen. Eine Operation mit Folgen: Bis heute liegt der 57-J&amp;auml;hrige im Wachkoma. 2006 erwirkte eine Anwaltskanzlei f&amp;uuml;nf Millionen Euro Schadensersatz - deutscher Rekord.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meiste Bandscheiben operiert&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mehr als 15 000 Nasen hat Sch&amp;ouml;nheitschirurg Werner Mang operiert, &amp;raquo;Flie&amp;szlig;bandmedizin&amp;laquo; sagen Kritiker. Peanuts f&amp;uuml;r Reinhard Schneiderhan aus Taufkirchen. Der Orthop&amp;auml;de behandelt mit seinem Team jede Woche 80 bis 100 Patienten. Macht mehr als 58 000 operierte Bandscheiben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meiste blonde Arzthelferinnen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Foto seiner Praxisbelegschaft machte Klaus L&amp;ouml;hlein aus Schw&amp;auml;bisch Hall zum bekanntesten Zahnarzt der Republik: der Arzt mit sieben jungen Blondinen. Auf Facebook gefiel das fast 7000 Menschen. Im Mai hat er die erste dunkelhaarige Mitarbeiterin eingestellt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Bester Golfspieler&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schon seit 1974 wird die Deutsche &amp;Auml;rzte-Golfmeisterschaft in Bad Kissingen ausgetragen. Der aktuelle Champion ist wie schon 2010 und 2011 der Zahnarzt Sebastian Appold aus Schweinfurt. Mit 2,5 liegt sein Handicap nur knapp &amp;uuml;ber Profi-Niveau.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kleinste Praxis&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Elvira Germes reichen in K&amp;ouml;ln 25 Quadratmeter f&amp;uuml;r Akupunktur und Naturheilverfahren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Das wahre Medizin-Ranking</dc:subject>
    <dc:creator>Robert Iwanetz und Josef Thaurer</dc:creator>
    <dc:date>2012-07-04T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Die Packungsbeilage</title>
    <description>&lt;p&gt;Man nimmt sie mit, weil sie umsonst ist, aber 21 Millionen lesen sie      auch: Hinter der &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; steckt das geniale Gesch&amp;auml;ftsmodell      eines 92-j&amp;auml;hrigen Verlegers.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/47893.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt; Die Apotheken Umschau ist f&amp;uuml;r die Kunden kostenlos, nicht aber      f&amp;uuml;r den Apotheker. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Zeitschrift wirbt seit zw&amp;ouml;lf Jahren auf einem der prominentesten Pl&amp;auml;tze des deutschen Fernsehens, der Minute vor der &lt;em&gt;Tagesschau&lt;/em&gt;. Sie verkauft jeden Monat fast zehn Millionen Exemplare, mehr als &lt;em&gt;Spiegel, Stern&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Focus&lt;/em&gt; zusammen. Sie wird von &amp;uuml;ber 21 Millionen Menschen im Land gelesen. Und das, obwohl kaum ein Leser sich merken kann, wie das Blatt &amp;uuml;berhaupt hei&amp;szlig;t: &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; - oder doch &lt;em&gt;Rundschau&lt;/em&gt;?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Der Name ist fremd, in der Tat&amp;laquo;, sagt Rolf Becker. &amp;raquo;W&amp;uuml;rde ich heute nicht mehr w&amp;auml;hlen.&amp;laquo; Rolf Becker ist eine Legende unter den deutschen Verlegern: Die Skulptur aus Stahl, die in Berlin vor dem Bundeskanzleramt steht, stiftete Becker. Meister der klassischen Musik wie der Geiger Gidon Kremer treten in seinem Privatsalon auf. Er war einer der Ersten, die den Bau des Holocaust-Mahnmals finanzieren halfen. Die Apotheken Umschau gr&amp;uuml;ndete Becker 1956. Danach lebte die Zeitschrift &amp;uuml;ber 40 Jahre gut von einer Gesetzesl&amp;uuml;cke, unauff&amp;auml;llig und unbeachtet. In der Welt der Medien wurde das Bl&amp;auml;ttchen aus der Apotheke als &amp;raquo;Rentner-&lt;em&gt;Bravo&lt;/em&gt;&amp;laquo; bel&amp;auml;chelt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch um die Jahrtausendwende baute Rolf Becker die &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; binnen weniger Jahre zu einer Macht im deutschen Zeitschriftenmarkt auf: eine Auflage wie das Telefonbuch, Anzeigenpreise eines Wirtschaftsmagazins, Seitenumfang einer Modezeitschrift &amp;ndash; und Schlagzeilen wie aus einem Albtraum: Herzinfarkt, Brustkrebs, Demenz. Was ist das Geheimnis dieses sonderbaren Blatts?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf der Suche nach einer Antwort landet man rasch wieder bei Rolf Becker. Er ist heute 92 und trifft in seinem Verlag noch immer jede Entscheidung selbst, die er f&amp;uuml;r wichtig erachtet. Die Frage, ob ein Journalist seinen Verlag und seine Redaktion besuchen darf, geh&amp;ouml;rt dazu. Das Telefon klingelt, und seine Stimme schnarrt: &amp;raquo;Sie wissen: Ich habe mich zur&amp;uuml;ckgezogen.&amp;laquo; Das ist der Beweis, dass er es wirklich ist. Wie oft hat er schon angek&amp;uuml;ndigt, sich zur&amp;uuml;ckzuziehen! Als er das erste Mal beschloss aufzuh&amp;ouml;ren, besiegelte er seinen Willen, indem er seinem Dorf eine Chronik in Leinen binden lie&amp;szlig; und als Abschiedsgeschenk vermachte. Das war 1988.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Baierbrunn ist ein Dorf im S&amp;uuml;den M&amp;uuml;nchens, am Hochufer der Isar. Es gibt eine Kirchenstra&amp;szlig;e, die an der Kirche endet, eine Bahnhofstra&amp;szlig;e, die am Bahnhof beginnt, und eine Burgstra&amp;szlig;e. Dort, wo die Burg einmal stand, steht jetzt der Verlag.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Geb&amp;auml;ude wirken zwischen Maibaum und Alpenkamm wie blanke W&amp;uuml;rfel: viel Glas, viel Wei&amp;szlig;. An den G&amp;auml;ngen moderne Kunst, beim B&amp;uuml;ro des Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrers h&amp;auml;ngt ein Roy Lichtenstein, neben dem Damenklo Jonathan Meese. Die T&amp;uuml;ren der Toiletten gleiten auf wie im Film die Luftschleusen zur Kommandobr&amp;uuml;cke eines Raumschiffs.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die beiden Chefredakteure der &lt;em&gt;AU&lt;/em&gt;, wie das Blatt in der Redaktion abgek&amp;uuml;rzt wird, sitzen im zweiten Stock; ihre B&amp;uuml;ros sind durch eine Zwischent&amp;uuml;r verbunden. In einem Raum h&amp;auml;ngt die Wand voller Fotos, Stierk&amp;auml;mpfer, Extremkletterer, Rugbyspieler. Das ist das B&amp;uuml;ro von Peter Kanzler, der eine Krawatte tr&amp;auml;gt. Im anderen Raum ist die Wand wei&amp;szlig;. Hier sitzt Hans Haltmeier, der einen Ohrring tr&amp;auml;gt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die 13 Redakteure der &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; stehen nicht gern in der &amp;Ouml;ffentlichkeit, manche wollen auf keinen Fall fotografiert werden. Oft genug wurden sie von anderen Journalisten mit Spott &amp;uuml;berzogen, nach dem immer gleichen Muster: Im Fr&amp;uuml;hling schreiben sie &amp;uuml;ber Schnupfen. Im Herbst auch. Dazwischen &amp;uuml;ber Sommergrippe. Ansonsten &amp;uuml;ber Blasenschw&amp;auml;che, R&amp;uuml;ckenschmerzen und Darmprobleme. Alle drei, vier Monate empfehlen sie, die Hausapotheke aufzufrischen. Die st&amp;auml;ndige Sorge um die Wehwehchen der Leser brachte dem Blatt unter anderem den Namen &amp;raquo;St&amp;uuml;tzstrumpf der Nation&amp;laquo; ein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Chefredakteure Kanzler und Haltmeier finden das nicht besonders lustig, sie nehmen ihre Arbeit sehr ernst: Kanzler hat einen Schrank in seinem B&amp;uuml;ro stehen, der nur mit Leserbriefen gef&amp;uuml;llt ist - Menschen, die von ihren Krankheiten erz&amp;auml;hlen und dem Leid in ihrem Leben. Spott sei einfach. So zu schreiben, dass diese Menschen sich nicht in falschen Hoffnungen wiegen und doch verstanden f&amp;uuml;hlen, sei schwer. Die Redaktion ist der erste Grund f&amp;uuml;r den Erfolg der &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt;, sagt deshalb der Verleger Rolf Becker.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Doch Branchenkenner behaupten, sein Gesch&amp;auml;ftsmodell spiele eine weit gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Rolle. F&amp;uuml;r die Leser ist die Zeitschrift zwar kostenlos und deshalb sehr beliebt. Das gilt aber nicht f&amp;uuml;r die Apotheker: Ein Apotheker, der 50 Exemplare der &lt;em&gt;Apotheken Umschau &lt;/em&gt;abonniert hat, die Mindestabnahme, zahlt etwas mehr als 52 Cent pro St&amp;uuml;ck. Ein Apotheker, der 1000 St&amp;uuml;ck bezieht, jeweils knapp &amp;uuml;ber 35 Cent. Immerhin kann er die Apotheken Umschau mit Werbeaufdrucken seines Betriebs versehen lassen, einen R&amp;auml;tselteil oder ein Fernsehprogramm dazu buchen und weitere Ableger bestellen, &lt;em&gt;medizini&lt;/em&gt; f&amp;uuml;r Kinder, Baby und Familie f&amp;uuml;r Eltern oder einen &lt;em&gt;Diabetes Ratgeber &lt;/em&gt;- alle diese Zugaben kosten allerdings extra.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Verlag redet nicht dar&amp;uuml;ber, wie viel Geld er mit der Zeitschrift verdient. Eine Analyse von Marktforschern ergab, dass Apotheken im Durchschnitt 5000 Euro pro Jahr f&amp;uuml;r Zeitschriften bezahlen, die sie an ihre Kunden abgeben; manche sogar 10 000 Euro und mehr. In Deutschland gibt es mehr als 21 000 Apotheken. Davon sollen etwa 90 Prozent die &lt;em&gt;Apotheken Umschau &lt;/em&gt;beziehen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Viele Verlage, die das Blatt fr&amp;uuml;her bel&amp;auml;chelt haben, beneiden die Apotheken Umschau inzwischen um ihr Gesch&amp;auml;ftsmodell: Die Menschen, die sie lesen, bezahlen sie nicht. Die Menschen, die sie bezahlen, lesen sie nicht - sie verschenken sie nur. &amp;raquo;Die Idee ist ja nicht neu&amp;laquo;, sagt Rolf Becker. Wenn er von den Bl&amp;auml;ttchen spricht, die Kaufm&amp;auml;nner einst an Kunden verteilten, entsteht ein Bild der Drei&amp;szlig;igerjahre. Ein Gesetz beg&amp;uuml;nstigte diese Bl&amp;auml;ttchen: Jedermann, der Handel trieb, unterlag dem Rabattgesetz und der Zugabeverordnung. Damit war untersagt, Kunden dadurch zu locken, dass sie bei einem Kauf au&amp;szlig;er der Ware noch etwas anderes erhalten. Das Gesetz lie&amp;szlig; jedoch eine L&amp;uuml;cke: Kundenzeitschriften belehrenden und unterhaltenden Inhalts. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Becker kannte diese Bl&amp;auml;ttchen aus seiner Jugend. Geboren in Brandenburg, lernte Becker damals bei einer Bank. Dann kam der Krieg. Becker &amp;uuml;berlebte ihn mit einer schweren Gesichtsverletzung; der Bomber, in dem er als Bordsch&amp;uuml;tze flog, wurde abgeschossen. Als er nach dem Krieg ein Auskommen suchte, arbeitete er in der Arzneimittelbranche. 1955 gr&amp;uuml;ndete er den Wort &amp;amp; Bild Verlag, der Kundenzeitschriften jenes Typs f&amp;uuml;r Apotheken anbot. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die erste Ausgabe erschien 1956 in einer Auflage von 50 000 St&amp;uuml;ck. Es war nicht das erste Bl&amp;auml;ttchen seiner Art: Seit 1925 existierte bereits ein &lt;em&gt;Ratgeber aus Ihrer Apotheke&lt;/em&gt;, seit 1952 die &lt;em&gt;Neue Apotheken Illustrierte&lt;/em&gt;, die der Verband der Apotheker selbst herausgab. Die Apotheker verteilten die Bl&amp;auml;ttchen willig. Die Apotheken Umschau wuchs, und mit ihr der Markt. Das Gesch&amp;auml;ft war ein wohlgeh&amp;uuml;tetes Geheimnis. Kaum einer kannte den Verlag. Einen Verleger Rolf Becker?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Im Verlag der &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; ging die Angst um.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/47895.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Die M&amp;uuml;nchner Kunstszene verband mit diesem Namen einen Mann im Nadelstreifenanzug, der Anfang der Sechzigerjahre eine Galerie im K&amp;uuml;nstlerhaus am Lenbachplatz besa&amp;szlig;. Dort erschoss eine Bildhauerin einmal mit einem Gewehr ihre eigene Gipsfigur, in die Bierb&amp;uuml;chsen und Eier der Handelsklasse C gestopft waren. Niemand wusste, was das sollte, und K&amp;uuml;nstler wie jene Niki de Saint Phalle oder ihren Kollegen Christo kannte auch keiner. &amp;raquo;Die Neuen Realisten&amp;laquo;, sagt Rolf Becker heute. &amp;raquo;Ich habe damals ja auch die erste Ausstellung von Hans Hofmann gemacht.&amp;laquo; Wer ist denn das? &amp;raquo;Ich bitte Sie. Pollock war sein Sch&amp;uuml;ler.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Nach der ersten Ausgabe dauerte es 16 Jahre, bis die Auflage 1972 auf 500000 St&amp;uuml;ck im Monat stieg. 1978 waren es eine Million. Nach der deutschen Einheit drei. Becker hatte den Apotheken in der ehemaligen DDR, die staatlich kontrolliert waren, seine Zeitschrift gleich nach der Wende f&amp;uuml;r Ostmark angeboten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Einer, der die &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; noch in jenen Zeiten vor der Jahrtausendwende erlebte, zeichnet das Bild einer Zeitschrift, die nur zwei Arten von Mitarbeitern ben&amp;ouml;tigte: Anzeigenverk&amp;auml;ufer und ein paar Mitarbeiter, die den Platz zwischen den Anzeigen zu f&amp;uuml;llen hatten. Schnupfen war schon damals ein beliebtes Thema. Eine Schlagzeile war aber auch wert, wenn es ein Apotheker ins &lt;em&gt;Guinness-Buch der Rekorde &lt;/em&gt;geschafft hatte, weil er ein 1100 Meter langes Gem&amp;auml;lde aus 1100 Einzelbildern zum 1100. Geburtstag von Duisburg malte. In der betulichen Anmutung des Blatts spiegelte sich vor allem eine Gewissheit wieder: Die &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; war ein Selbstl&amp;auml;ufer, um den sich der Verlag 40 Jahre lang wenig Sorgen machen musste. Der Markt war sicher, sozusagen per Gesetz. In den Neunzigerjahren aber war klar: Die Europ&amp;auml;ische Union wird die Zugabeverordnung kippen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Verlag der &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; ging die Angst um. Marktbeobachter prophezeiten dem Blatt den Tod. &amp;raquo;Ich musste mir &amp;uuml;berlegen: Wie wird es weitergehen?&amp;laquo;, sagt Rolf Becker. Er war damals, zur Jahrtausendwende, fast 80. Andere Verleger verkaufen ihre Verlage lange vor diesem Alter. Becker investierte in seine Redaktion. Auf einmal durften seine Journalisten auch ins Ausland telefonieren. Fotostrecken wurden aufw&amp;auml;ndig produziert. Dann traf Rolf Becker eine wagemutige Entscheidung: Er nahm alles Geld, das er an der Hand hatte, und buchte f&amp;uuml;r mehrere Millionen Mark Fernsehwerbung.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Im Juni 2000 liefen das erste Mal Werbespots der &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; im Fernsehen. Das Publikum wurde aufgefordert, beim Einkauf in der Apotheke nach der Zeitschrift zu fragen. Bis heute wissen Apotheker nicht, ob sie Rolf Becker daf&amp;uuml;r dankbar sein oder ihn verfluchen sollen. Die Spots sp&amp;uuml;lten ihnen Kunden in die Apotheken, die ihre &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; abholten, aber nicht ahnten, dass der Apotheker jedes einzelne Exemplar bezahlen musste. Zwar waren die Spots auch Werbung f&amp;uuml;r die Apotheke an sich - aber vor allem erzeugten sie Druck auf Apotheker, etwas zu abonnieren, was sie dann zu verschenken hatten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Manche Apotheker nennen diese TV-Werbung eine &amp;raquo;clevere Marketing-Idee&amp;laquo;. Andere nennen sie &amp;raquo;charmante Erpressung&amp;laquo;. Mit seinem Namen bezeugen will diese Aussagen aber niemand. Auch Apothekerverb&amp;auml;nde und -kammern wollen sich zu dem Blatt nicht &amp;auml;u&amp;szlig;ern. Offiziell hei&amp;szlig;t es, man k&amp;ouml;nne als Apotheker in Verbandsfunktion nicht Stellung nehmen, da der eigene Verband ja ebenfalls eine Apotheken-Zeitschrift herausgebe, die &lt;em&gt;Neue Apotheken Illustrierte&lt;/em&gt; - mit einem &amp;auml;hnlichen Gesch&amp;auml;ftsmodell. Unter der Hand erkl&amp;auml;ren Kritiker ihr Schweigen mit dem Ruf Beckers, als Gesch&amp;auml;ftsmann keine Gnade zu kennen. Sein Verlag ist ber&amp;uuml;chtigt daf&amp;uuml;r, streitlustige Anw&amp;auml;lte zu besch&amp;auml;ftigen. Vielleicht haben sich die Apotheker auch mit der Marktmacht Beckers arrangiert. Manche bestellen ein paar Dutzend &lt;em&gt;Umschauen&lt;/em&gt; und legen ansonsten deren billigere Konkurrenten aus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Fernsehwerbung erf&amp;uuml;llte ihren Zweck: Die Auflage der &lt;em&gt;Apotheken Umschau &lt;/em&gt;schoss nach oben. Schon zwei Jahre nach dem ersten Spot - und zugleich ein Jahr nach dem Ende der Zugabeverordnung -, verkaufte sie mehr als sechs Millionen Exemplare im Monat. 2005 waren es sieben Millionen. 2006 acht. Heute hat nur eine Zeitschrift in Deutschland eine h&amp;ouml;here Auflage - die Mitgliederzeitschrift des ADAC, mehr als 13 Millionen. Angeblich will Becker diese Bestmarke noch zu seinen Lebzeiten fallen sehen. In einer alternden Gesellschaft spielt das Thema Gesundheit eine gro&amp;szlig;e Rolle - keine schlechten Voraussetzungen also.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Jahr 2008 warf die Fernsehsendung Frontal 21 dem Verlag vor, sich in der Berichterstattung der &lt;em&gt;Apotheken Umschau&lt;/em&gt; von Anzeigenbuchungen beeinflussen zu lassen. Der Verlag klagte, bis das Fernsehmagazin erkl&amp;auml;rte, die Vorw&amp;uuml;rfe nicht aufrechtzuerhalten. Peter Kanzler und Hans Haltmeier sagen, es gebe keinen Einfluss der Anzeigenabteilung auf Redakteure. Rolf Becker schnaubt nur, wenn man ihn nach der Sache fragt. Er sieht hinter Angriffen auf seinen Verlag vor allem eines: Neid.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dabei wissen nur wenige Eingeweihte, wie viel Geld der Verlag mit der &lt;em&gt;Umschau&lt;/em&gt; verdient. Die Chefredakteure verweisen auf den Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrer, Beckers Sohn Hartmut, der aber entgegnet, man k&amp;ouml;nne ja seinen Vater fragen. Wie viel Umsatz also?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Eine Menge&amp;laquo;, sagt Rolf Becker.&lt;br /&gt;Und Gewinn?&lt;br /&gt;&amp;raquo;Machen wir&amp;laquo;, sagt er.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; So br&amp;uuml;sk will er das dann doch nicht stehen lassen, und so setzt er nach: &amp;raquo;Ich habe die vergangenen Jahre nichts entnommen. Gewinn wird investiert.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Rolf Becker entschied vergangenes Jahr, eine siebenstellige Summe aufzuwenden, um eine App f&amp;uuml;r Apotheken zu entwickeln, eine Applikation f&amp;uuml;r Mobiltelefone und Tablet-Computer. Becker spricht App aus wie Heinz Schenk einst den Anfang von &amp;Auml;ppelwoi, aber er kennt sich aus in dieser Technik. Jeder k&amp;ouml;nne damit die Wechselwirkungen von Medikamenten pr&amp;uuml;fen, erkl&amp;auml;rt er, oder deren Beipackzettel abrufen, allerdings verfasst in einer Sprache, die auch Laien verstehen. Beil&amp;auml;ufig l&amp;auml;sst Becker fallen, er habe k&amp;uuml;rzlich prominenten Besuch in Baierbrunn gehabt, als die App auf den Markt kam. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Dieser Herr, von dem Becker spricht, hei&amp;szlig;t Paolo Varani. Laut seiner Visitenkarte ist er f&amp;uuml;r &amp;raquo;Tech Evangelism&amp;laquo; zust&amp;auml;ndig. Genauer gesagt f&amp;uuml;r Applikationen oder kurz Apps, ein Gesch&amp;auml;ftsfeld, von dem viele Medienmanager glauben, es werde die Welt der Zeitschriften f&amp;uuml;r immer ver&amp;auml;ndern - die Frage bleibt allerdings, wie sie Geld damit verdienen werden. Rolf Becker ist sich sicher, dass er eine Antwort bereits gefunden hat: Das Gesch&amp;auml;ftsmodell hinter seiner App &amp;auml;hnelt dem seiner Zeitschrift. Ein Nutzer kann sie kostenfrei herunterladen, aber wenn er sie nutzen will, muss er aus einer Liste von Apotheken in seiner N&amp;auml;he eine Stammapotheke ausw&amp;auml;hlen, sonst funktioniert das Programm nicht. Um in dieser Liste aufzutauchen, zahlen Apotheker 33 Euro im Monat an Beckers Verlag. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dieses Gesch&amp;auml;ftsmodell wollte Paolo Varani genauer kennenlernen. Sein Arbeitgeber, der ihn daf&amp;uuml;r in ein kleines bayerisches Dorf schickte, um die Ideen eines 92-j&amp;auml;hrigen Verlegers zu studieren, ist der Weltkonzern Apple. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die Packungsbeilage</dc:subject>
    <dc:creator>Roland Schulz</dc:creator>
    <dc:date>2012-07-02T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Kunst-Fehler</title>
    <description>&lt;p&gt;Was in einem Wartezimmer an der Wand h&amp;auml;ngt, sagt      einiges aus - &amp;uuml;ber den Arzt, nicht &amp;uuml;ber seine Diagnose.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/47915.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Wenn er k&amp;ouml;nnte, wie er wollte, w&amp;uuml;rde er sich rein aufs Fachliche konzentrieren. Aber der Arzt der Gegenwart muss unternehmerisch denken, sonst l&amp;auml;uft die Praxis nicht. Also muss er seinem Patienten etwas bieten: Wohlf&amp;uuml;hlatmosph&amp;auml;re schaffen, f&amp;uuml;r Erlebniswerte sorgen, in die Gestaltung des Wartezimmers investieren. Es ist der Raum, in dem sich der Patient seinen allerersten Eindruck bildet, da kann man vieles falsch machen. Richtig ist: St&amp;uuml;hle mit Armlehnen, damit der Abstand gewahrt bleibt, eine professionelle Lichtsetzung, die Kranke nicht so elend aussehen l&amp;auml;sst, wie sie sich f&amp;uuml;hlen, ein Lesezirkel-Mix, durch den sich auch die kultivierteren St&amp;auml;nde angesprochen f&amp;uuml;hlen (Inneneinrichtung, Genussreisen etc.), psychologisch abgesicherte Wandfarben. Zu viel Wei&amp;szlig; zieht die Atmo ins allzu Klinische, empfehlenswert sind vitalisierende T&amp;ouml;ne zwischen Sorbet und Pastell. Mittlerweile gibt es auch Wartezimmer-TV mit beruhigenden Natur- und Tierfilmen und Modulen, die &amp;uuml;ber die zus&amp;auml;tzlichen IGe-Leistungen im Praxisangebot informieren, gute Sache, aber mancher f&amp;uuml;hlt sich davon bedr&amp;auml;ngt. Nicht vergessen: Hin und wieder Zufriedenheitsfrageb&amp;ouml;gen im Wartezimmer auslegen, das gibt den Patienten eine Besch&amp;auml;ftigung sowie das Gef&amp;uuml;hl, dass sie im Mittelpunkt der &amp;auml;rztlichen Anstrengung stehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn alles fertig ist, bleibt immer noch die Frage: Welche Bilder sollen an die W&amp;auml;nde? L&amp;auml;sst sich ja nicht vermeiden, auch wenn es sich um eine Arztpraxis handelt, nicht um eine Galerie. Denn der Patient besteht darauf, dass man sich &amp;uuml;ber die medizinische Dienstleistung hinaus f&amp;uuml;r ihn anstrengt und in sein Wohlbefinden investiert. Au&amp;szlig;erdem gibt es diese Studien, die statistisch abgesichert belegen, wie sehr Kunstexposition den Genesungsprozess f&amp;ouml;rdert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Problem ist: Was medizinisch interessant w&amp;auml;re - Kupferstiche mit Motiven aus den Epochen vor der minimalinvasiven Chirurgie oder die K&amp;ouml;rperlandschaften eines Lucian Freud -, geht gar nicht. Ebenso wenig wie abstrakte Kunst. Schlie&amp;szlig;lich hat der Mann, der auf die Besprechung seiner Blutwerte wartet, gef&amp;auml;hrlich lange Zeit, abstrakt expressionistische Farbspritzer falsch auszulegen. Als Frauenarzt k&amp;ouml;nnte man sich wenigstens Mutterkitsch hinh&amp;auml;ngen, matriarchale Naturg&amp;ouml;ttinnen in Erdt&amp;ouml;nen. Auch als Kinderarzt w&amp;auml;re man fein raus: ein paar niedliche Kinderzeichnungen, und die Sache hat sich. Aber was bitte sollte sich ein Urologe an die Wand h&amp;auml;ngen? Wolkenkratzer? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sicher, man k&amp;ouml;nnte die Tochter um ein paar der Streetlife-Bilder angehen, die sie mit ihrer Digikamera macht. Oder einen dieser B-K&amp;uuml;nstler anmailen, die im Internet ihre Original-Arztpraxis-Gem&amp;auml;lde anbieten. Doch damit w&amp;uuml;rde man sich wieder nur in eine Abh&amp;auml;ngigkeit begeben. Weil der K&amp;uuml;nstler sicher wissen wollen w&amp;uuml;rde, wie die neue Wartezimmerkunst denn ankommt. Als ob man Zeit h&amp;auml;tte, sich daf&amp;uuml;r zu interessieren.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Deswegen l&amp;auml;uft es doch wieder auf Klassiker raus. Laut der Kunst-Edition des Deutschen &amp;Auml;rzte-Verlages gehen Picasso und Chagall am besten. Und neuerdings Armin Mueller-Stahl. Immer schon beliebt: Vincent van Gogh. Die Sternennacht, 350 Euro im hochwertigen Kunstdruck. Immerhin ein Schl&amp;uuml;sselwerk der Moderne, kennt jeder, tut keinem weh. Und verf&amp;auml;nglich ist daran nichts, medizinisch gesprochen. Es sei denn, man macht Hals, Nasen, Ohren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Kunst-Fehler</dc:subject>
    <dc:creator>Peter Praschl</dc:creator>
    <dc:date>2012-07-02T12:00:00+01:00</dc:date>
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