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    <title>sz-magazin.de - Familie</title>
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    <title>Und siehe, es war sehr gut</title>
    <description>&lt;p&gt;Schwule Paare d&amp;uuml;rfen in Deutschland kein Kind von einer Leihmutter  kriegen. Warum? Das Gesetz will es so. J&amp;uuml;rgen und Axel aus Neuss konnten  sich damit nicht abfinden. Um V&amp;auml;ter zu werden, mussten die beiden  M&amp;auml;nner jahrelang in Indien und Kalifornien nach Hilfe suchen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ashley Mcneil, die Eizellenspenderin, Los Angeles&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vor Kurzem hat Ashley Mcneil auf ihrer Facebook-Seite vier Fotos hochgeladen. Die Bilder stifteten Verwirrung. So hatten ihre Freunde sie noch nie gesehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ashley Mcneil ist 19 Jahre alt, studiert Biologie in Long Beach, im S&amp;uuml;den von Los Angeles, und wenn sie lacht, dann tut sie es so laut, dass sich die Studenten auf dem Campus umdrehen. Hunderte Fotos kann man auf ihrer Seite anklicken, Ashley an Weihnachten, Ashley in der W&amp;uuml;ste, Ashley am Strand, Ashley in der College-K&amp;uuml;che.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die vier Fotos zeigen sie als Mutter &amp;ndash; mit Zwillingsbabys in den Armen. Die Babys hei&amp;szlig;en Anna und Alisha. Sie sehen ihr &amp;auml;hnlich. Ende Oktober 2012 sind Anna und Alisha per Kaiserschnitt aus dem Bauch von Jessica Sanchez geholt worden. Ashley Mcneil und Jessica Sanchez sind sich nie begegnet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein paar Stunden nachdem sie die Fotos auf ihre Facebook-Seite gestellt hat, will eine Freundin wissen: &amp;raquo;WAS? Du hast Kinder bekommen?&amp;laquo; Ashley Mcneil textet schnell zur&amp;uuml;ck und beschreibt die Situation so, wie sie ist: &amp;raquo;Nein, nein, nein! Ich habe Eizellen gespendet, also sind sie meine Babys, aber nicht MEINE Babys.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nach Annas und Alishas Geburt ist sie nach San Diego gefahren, um die Babys einmal in den Armen zu halten. Sie war so aufgeregt, dass ihr Freund beschloss, sie k&amp;ouml;nne nicht alleine hinfahren. Auf dem Weg die K&amp;uuml;ste hinunter besch&amp;auml;ftigte sie ein einziger Gedanke: Was sie wohl empfinden und ob sie &amp;Auml;hnlichkeiten in den Gesichtern der Zwillinge suchen werde. &amp;raquo;Ich hatte mir vorgenommen, mich nicht mit den Babys verbunden zu f&amp;uuml;hlen&amp;laquo;, sagt sie heute, Wochen nach der Visite. Es ist ihr gegl&amp;uuml;ckt. Als sie die Babys in den Armen hielt, sagt sie, &amp;raquo;war es eher komisch zu denken, dass die beiden ein Resultat aus meiner Eizellenspende sind. Ich habe nicht gef&amp;uuml;hlt, dass das meine M&amp;auml;dchen sind.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die V&amp;auml;ter, Jasmin, Anna und Alisha&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;San Diego, im November, es sind 23 Grad. J&amp;uuml;rgen Haase sitzt im T-Shirt im Garten einer Ferienwohnung und gibt Anna eine Flasche Milch. Es ist Babymilch aus dem Supermarkt, fertig anger&amp;uuml;hrt. Anna und Alisha sind jetzt sieben Tage alt. Drei Wochen vor dem geplanten Termin sind sie auf die Welt gekommen, sie sind so winzig, dass sie in ihren Strampelanz&amp;uuml;gen zu verschwinden scheinen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; J&amp;uuml;rgen Haase war gerade mit seinem Lebenspartner Axel in einer Kinderpraxis in San Diego, um Anna und Alisha untersuchen zu lassen. Ein Routinecheck, die &amp;Auml;rztin war zufrieden. Im Warteraum sa&amp;szlig; ein anderes schwules Paar mit einer Tochter. Sie begl&amp;uuml;ckw&amp;uuml;nschten die Papas aus Deutschland und wollten wissen, wie alt die Babys seien. Dann wurden J&amp;uuml;rgen und Axel Haase aufgerufen. Die &amp;Auml;rztin wog die Babys, notierte, wie sie schlafen, trinken, verdauen. Sie tippte Zahlen in ihr Smartphone, auf dem eine App die Daten zu einem Gesamtbild formte. Zum Abschied sagte sie: &amp;raquo;Guten R&amp;uuml;ckflug! Wir werden euch vermissen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Anna ist eingenickt beim Nuckeln, J&amp;uuml;rgen Haase dreht die Flasche und sagt: &amp;raquo;Hier in Kalifornien ist Leihmutterschaft etwas ganz Allt&amp;auml;gliches. In Deutschland nicht, und trotzdem hat dort jeder eine Meinung dar&amp;uuml;ber.&amp;laquo; Wobei nur die wenigsten auch eine Ahnung h&amp;auml;tten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es sei ja so: M&amp;auml;nner, die eigene Kinder haben wollten, bereiteten sich jahrelang darauf vor und w&amp;auml;lzten jedes F&amp;uuml;r und Wider. Er legt Anna an die Schulter, sie r&amp;uuml;lpst. &amp;raquo;Viele Hetero-Familien gehen kaputt, lassen sich scheiden, wenn pl&amp;ouml;tzlich Kinder da sind, weil sie sich zu wenig Gedanken gemacht haben. Das kann uns nicht passieren.&amp;laquo; Drinnen, in der Ferienwohnung, legt Axel Haase Alisha ins Babybett, dann beginnt er im Internet g&amp;uuml;nstige Fl&amp;uuml;ge nach D&amp;uuml;sseldorf zu suchen. In ein paar Tagen wird Familie Haase wieder zu Hause sein, in Neuss. Mit zwei T&amp;ouml;chtern mehr. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Axel und J&amp;uuml;rgen Haase sind seit 26 Jahren zusammen. Axel Haase ist 47 Jahre alt, sein Partner 46. Ihr verflixtes siebtes Jahr hatten sie, sagt Axel Haase, &amp;raquo;als wir drei Jahre zusammen waren&amp;laquo;. Seitdem sind sie unzertrennlich. Axel hat Industriekaufmann gelernt, jetzt ist er Hausmann. J&amp;uuml;rgen Haase ist Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrer einer Papierhandelsagentur. Sie haben viel von der Welt gesehen, doch irgendwann sp&amp;uuml;rten sie: Ihnen fehlt etwas. Der Wunsch nach einem Kind wurde gr&amp;ouml;&amp;szlig;er. Axel Haase hat schon mit zwanzig Jahren entschieden, dass er Kinder haben wollte. Wie, das war ihm nicht klar. Damals gab es keine Frauen, die bereit waren, ihre Eizellen einem schwulen Paar zu verkaufen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Alles haben J&amp;uuml;rgen und Axel Haase versucht, um eine Familie zu gr&amp;uuml;nden. Haben &amp;uuml;berlegt, Kinder in Pflege zu nehmen oder Kinder mit einem lesbischen Paar zu teilen. Doch sie wollten eigene Kinder. Sie sind sogar nach Afrika geflogen, um ein Kind zu adoptieren, weil schwule Paare in Deutschland nicht gemeinsam Kinder adoptieren d&amp;uuml;rfen. Doch die Wege wurden immer zwielichtiger. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Internet lasen sie dann, dass sie Kinder durch eine Leihmutter bekommen k&amp;ouml;nnten. Auf eigene Faust, ohne eine Agentur, fuhren sie nach Mumbai und schauten sich Fertilit&amp;auml;tskliniken an. In einer unterschrieben sie einen Vertrag, entschieden sich f&amp;uuml;r eine indische Eizellenspenderin, Axel Haase lieferte eine Samenprobe. Insgesamt zehn Eizellen der Spenderin wurden befruchtet. Beim ersten Versuch wurden f&amp;uuml;nf befruchtete Eizellen in die Geb&amp;auml;rmutter einer indischen Leihmutter transferiert, doch keine der f&amp;uuml;nf nistete sich ein. Nach dem zweiten Versuch erhielten Axel und J&amp;uuml;rgen dann die Nachricht, dass ihre indische Leihmutter schwanger sei.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Freude &amp;uuml;ber Jasmin war gro&amp;szlig;. Die Fassungslosigkeit &amp;uuml;ber das, was danach geschah, auch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eineinhalb Jahre musste Axel Haase mit Jasmin in Indien ausharren, weil sich das deutsche Konsulat weigerte, f&amp;uuml;r das Baby einen Reisepass auszustellen: In Deutschland gilt Leihmutterschaft als &amp;raquo;sittenwidrig&amp;laquo;. Ohne Reisepass konnte Jasmin Indien nicht verlassen. Eineinhalb Jahre lebte Axel mit Jasmin in Indien, unfreiwillig. Rechtsanw&amp;auml;lte und Gericht besch&amp;auml;ftigten sich mit ihrem Fall. J&amp;uuml;rgen Haase ist in der Zeit achtmal nach Indien geflogen, den Rest der Wartezeit &amp;uuml;berbr&amp;uuml;ckten sie mit Skype-Gespr&amp;auml;chen. Axel Haase f&amp;uuml;hlte sich in Indien gefangen. Die Perspektivlosigkeit, sagt er, &amp;raquo;war eine Qual&amp;laquo;.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie die Perspektivlosigkeit und die Anspannung auf Jasmin gewirkt haben m&amp;ouml;gen? Die V&amp;auml;ter wissen es nicht. Was sie wussten: dass Jasmin kein Einzelkind bleiben sollte. So  erkundigten sie sich, wo Leihmutterschaft noch m&amp;ouml;glich ist. Sie landeten bei &amp;raquo;A Perfect Match&amp;laquo;, einer Agentur in Kalifornien. Hier werden Frauen vermittelt, die ihre Eizellen spenden, und Frauen, die ihre B&amp;auml;uche f&amp;uuml;r Geburten &amp;raquo;vermieten&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei &amp;raquo;A Perfect Match&amp;laquo; kostet eine Leihmutterschaft dreimal so viel wie in Indien, daf&amp;uuml;r kann man mit dem Kind nach Deutschland einreisen. Denn jedes Kind, das in den USA geboren wird, bekommt einen US-Pass, und in der Geburtsurkunde stehen die Namen beider V&amp;auml;ter. &amp;raquo;Es ist verr&amp;uuml;ckt&amp;laquo;, sagt J&amp;uuml;rgen Haase. &amp;raquo;In San Diego hat es nur zwei Wochen gedauert, bis wir f&amp;uuml;r Anna und Alisha US-P&amp;auml;sse bekommen haben. In Indien mussten wir eineinhalb Jahre um einen deutschen Pass k&amp;auml;mpfen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Heute ist Jasmin zweieinhalb Jahre alt, sehr aufgeweckt und beliebt bei den Kindern der Tagesmutter in Neuss. Sie tanzt bei jeder Gelegenheit. Nimmt das Smartphone von J&amp;uuml;rgen Haase und schaut fasziniert das &lt;em&gt;Gangnam&lt;/em&gt;-Video an. Oft tanzt J&amp;uuml;rgen Haase mit, er sammelt Musik aus den Achtziger- und Neunzigerjahren. Jasmin nennt ihre Eltern Papa Axel und Papa J&amp;uuml;rgen. Noch nie hat sie gefragt, wo ihre Mutter sei. Daf&amp;uuml;r fragen manchmal Erwachsene, ob Jasmin &amp;raquo;die Mama&amp;laquo; vermisse. J&amp;uuml;rgen Haase sagt dann: &amp;raquo;Kinder vermissen etwas, was sie kennen. Wir sind f&amp;uuml;r sie die Eltern, also vermisst sie nichts.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Geburt, San Diego&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ende Oktober, drei Wochen vor dem offiziellen Geburtstermin, bekommt Axel Haase einen Anruf, dass bei der Leihmutter die Wehen begonnen haben. Axel Haase ist mit Jasmin bereits seit Anfang des Monats in San Diego. Schnell f&amp;auml;hrt er Jasmin in einen Kindergarten und macht sich auf den Weg ins Krankenhaus. Er ist so nerv&amp;ouml;s, dass er kurz vor der Klinik versehentlich in eine Einbahnstra&amp;szlig;e biegt. Eine Polizeistreife stoppt ihn. Axel Haase entschuldigt sich und sagt, er erwarte jeden Moment Zwillinge. Der Polizist verzichtet auf einen Strafzettel und sagt: &amp;raquo;Enjoy your twins!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach dem Besuch im Krankenhaus schreibt Axel Haase J&amp;uuml;rgen eine E-Mail, dass er kommen soll. Er schreibt auch: &amp;raquo;Ich habe jetzt zum ersten Mal gesehen, wie die Kinder durch den Bauch strampeln. Wahnsinn!&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Mittag kauft er einen Kinderwagen f&amp;uuml;r Zwillinge. Dann treibt ihn der Hunger ins &amp;raquo;Filter Caf&amp;eacute;&amp;laquo;, dessen Besitzer setzt sich manchmal zu Axel und J&amp;uuml;rgen Haase. Sie reden dann &amp;uuml;ber Kindererziehung und schlaflose N&amp;auml;chte. Der Caf&amp;eacute;-Besitzer hat mit seinem Partner ein M&amp;auml;dchen adoptiert. Als ihm Axel Haase erkl&amp;auml;rte, dass Schwule in Deutschland nicht gemeinsam ein Kind adoptieren k&amp;ouml;nnen, sagt er: &amp;raquo;Ich dachte immer, Deutschland sei fortschrittlich.&amp;laquo; Kalifornien ist f&amp;uuml;r schwule V&amp;auml;ter ein Paradies: Man sieht hier viele M&amp;auml;nnerpaare auf den Stra&amp;szlig;en, die Kinderwagen schieben und Schnuller aus Windeltaschen hervorholen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im &amp;raquo;Filter Caf&amp;eacute;&amp;laquo; klingelt Axel Haases Handy wieder. Es ist der Arzt, er m&amp;ouml;chte nicht l&amp;auml;nger warten. Nach 36 Wochen und sechs Tagen ist es so weit: Anna und Alisha werden per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Axel Haase steht in einem Raum neben dem Krei&amp;szlig;saal, er tr&amp;auml;gt einen wei&amp;szlig;en Kittel. Die beiden Zimmer sind mit einer Durchreiche verbunden. Er sieht, wie der Bauch von Jessica Sanchez ge&amp;ouml;ffnet wird, er sieht, wie sie seine T&amp;ouml;chter herausholen, er h&amp;ouml;rt, wie sie zu schreien beginnen. Jessica Sanchez waren zwei befruchtete Eizellen in die Geb&amp;auml;rmutter eingesetzt worden, beide hatten sich gleich eingenistet, Anna und Alisha. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Axel Haase hat einen Fotoapparat mitgebracht, doch die Batterien sind leer. Eine Schwester macht Fotos mit ihrem Smartphone und dreht einen kleinen Film. Anna und Alisha werden untersucht, gewaschen und in T&amp;uuml;cher gewickelt, dann beugt sich Axel &amp;uuml;ber seine T&amp;ouml;chter. Mit ihren winzigen H&amp;auml;nden greifen sie einen Finger seiner Hand. Tr&amp;auml;nen stehen ihm in den Augen. Er fragt eine Krankenschwester: &amp;raquo;Sind die Frau und die Kinder gesund?&amp;laquo; Axel und J&amp;uuml;rgen hatten sich festgelegt, was sie machen, wenn eines der Kinder mit einer Behinderung zur Welt gekommen w&amp;auml;re: &amp;raquo;Wir nehmen sie so, wie sie sind.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Alisha beginnt zu schreien, Anna auch. Die Leihmutter wird sie nicht stillen, die Babys bekommen Milch aus der Flasche. Auch das hatte das Paar vorher festgelegt. &amp;raquo;Welchen Sinn soll das haben, Jessica stillen zu lassen?&amp;laquo; sagt Axel Haase. &amp;raquo;Dann w&amp;uuml;rde sich ja eine emotionale Bindung einstellen, die wieder abgebrochen wird.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Bei ausl&amp;auml;ndischen Leihmutterschaften bewegt man sich in einer rechtlichen Grauzone.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/58913.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Ausw&amp;auml;rtige Amt, Berlin&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auf der Internetseite des Au&amp;szlig;enministeriums findet sich unter der &amp;Uuml;berschrift &amp;raquo;Leihmutterschaft&amp;laquo; eine Warnung: &amp;raquo;Falls Sie erw&amp;auml;gen, in Indien ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen, beachten Sie bitte: Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Ein von einer Leihmutter geborenes Kind eines deutschen Staatsb&amp;uuml;rgers hat keinen Anspruch auf einen deutschen Reisepass.&amp;laquo; Wenn man der Pressestelle des Au&amp;szlig;enministeriums in Berlin eine E-Mail schickt, wird man schnell zur&amp;uuml;ckgerufen. Weshalb Leihmutter-Kinder, die in Indien geboren werden, keinen deutschen Reisepass erhalten, dagegen aber Leihmutter-Kinder, die in den USA zur Welt gekommen sind? Das Gespr&amp;auml;ch ist interessant, aber man darf daraus nicht zitieren. Das Thema ist zu heikel, die Gesetzeslage unklar. Das Ausw&amp;auml;rtige Amt will keine Pr&amp;auml;zedenzf&amp;auml;lle schaffen, auf die sich dann andere Leihmutter-V&amp;auml;ter beziehen k&amp;ouml;nnen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Anruf bei Tobias Helms, der an der Marburger Philipps-Universit&amp;auml;t die Professur f&amp;uuml;r B&amp;uuml;rgerliches Recht, Privatrecht und Rechtsvergleichung innehat. Er ist Experte in Internationalem Familienrecht. Der deutsche Staat, sagt Helms, verbiete Leihmutterschaft &amp;raquo;aus Sorge, dass ein Leihmutter-Kind unter Identifikationsproblemen leiden k&amp;ouml;nnte&amp;laquo;. Das Verbot solle auch Konflikte verhindern, falls eine Leihmutter das Kind nicht hergebe oder ein behindertes Kind nicht von den Auftragseltern in Obhut genommen werde. V&amp;auml;ter wie J&amp;uuml;rgen und Axel Haase, sagt er, &amp;raquo;bewegen sich bei ausl&amp;auml;ndischen Leihmutterschaften in einer rechtlichen Grauzone&amp;laquo;. Helms ist kein Anh&amp;auml;nger von Leihmutterschaften. Er sagt: &amp;raquo;Das ist ein moralisch und ethisch heikles Thema. Wie belastend ist das etwa f&amp;uuml;r Kinder, die mit so vielen Mitwirkenden auf die Welt gekommen sind?&amp;laquo; Er findet es auch &amp;raquo;fragw&amp;uuml;rdig&amp;laquo;, dass Leihm&amp;uuml;tter gegen Bezahlung Kinder austragen. Dennoch h&amp;auml;lt er es f&amp;uuml;r &amp;raquo;nicht befriedigend&amp;laquo;, wie das deutsche Recht mit Kindern umgehe, die von Leihm&amp;uuml;ttern im Ausland f&amp;uuml;r deutsche &lt;br /&gt; Eltern geboren werden. Es sei w&amp;uuml;nschenswert, dass der Gesetzgeber f&amp;uuml;r diese F&amp;auml;lle Rechtssicherheit schafft. Es sei legitim, wenn der Gesetzgeber versuche, Leihmutterschaften zu unterbinden. &amp;raquo;Aber letztlich&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;ist das Verbot international nicht mehr durchzusetzen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch der Bund der Standesbeamten spricht sich f&amp;uuml;r eine Legalisierung von Leihmutterschaften aus. J&amp;auml;hrlich engagierten Hunderte kinderlose deutsche Paare Leihm&amp;uuml;tter im Ausland. Immer h&amp;auml;ufiger st&amp;uuml;nden Standesbeamte vor einem Dilemma, weil Wunscheltern ihre im Ausland von einer anderen Frau ausgetragenen Kinder in das deutsche Personenstandsregister eintragen lassen wollten. Dabei komme es aber &amp;raquo;wegen des restriktiven Familienrechts&amp;laquo; in Deutschland &amp;raquo;zu erheblichen Problemen&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Embryonenschutzgesetz von 1991 verbietet die Leihmutterschaft. Heterosexuelle und homosexuelle deutsche Paare fahren deshalb in die USA, nach Tschechien, Indien und nach S&amp;uuml;dafrika, wo man legal Eizellen kaufen und Leihm&amp;uuml;tter beauftragen kann. In Deutschland gilt als Mutter diejenige, die ein Kind gebiert. Auch sind nach deutschem Recht die Ehem&amp;auml;nner von Leihm&amp;uuml;ttern V&amp;auml;ter der Leihmutter-Kinder &amp;ndash; obwohl die Leihmutter-Kinder ja nicht mit dem Samen der Ehem&amp;auml;nner der Leihm&amp;uuml;tter entstanden sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei Familie Haase ist es im Moment so: Nach US-Recht sind sie beide Eltern von Anna und Alisha, sie stehen beide in der Geburtsurkunde. Noch als die Zwillinge im Bauch der Leihmutter waren, hat ein US-Familienrichter entschieden, dass die Haases ihre Eltern sein werden. Nach deutschem Recht allerdings ist Axel der Vater, Jessica Sanchez die Mutter. J&amp;uuml;rgen Haase besitzt kein Sorgerecht. Zurzeit liegt ein Verfahren vor Gericht. Axel und J&amp;uuml;rgen Haase wollen, dass die US-Geburtsurkunde von den deutschen Beh&amp;ouml;rden anerkannt und eine deutsche Geburtsurkunde ausgestellt wird. Dann w&amp;uuml;rde J&amp;uuml;rgen Haase einen Antrag auf Stiefkindadoption stellen, denn nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz d&amp;uuml;rfen die leiblichen Kinder des Partners adoptiert werden. &amp;raquo;Andere Paare genie&amp;szlig;en die ersten Monate mit ihren Babys sorglos&amp;laquo;, sagt Axel Haase. &amp;raquo;Wir m&amp;uuml;ssen einen riesigen b&amp;uuml;rokratischen Berg bezwingen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ashley Mcneil, die Eizellenspenderin&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist Nachmittag, Ashley Mcneil hat gerade Biologiestunde gehabt. Sie sitzt drau&amp;szlig;en auf dem Campus ihres Colleges in Long Beach auf einer Bank und erz&amp;auml;hlt, was sie einmal werden m&amp;ouml;chte: &amp;raquo;Neurologin. Das Gehirn fasziniert mich.&amp;laquo; Auch Wellen faszinieren sie. Sie macht gerade einen Surfkurs. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie sie darauf kam, Eizellen zu spenden? In der Collegezeitung stand eine Anzeige von &amp;raquo;A Perfect Match&amp;laquo;. Sie bewarb sich und bekam einen Katalog mit 600 Fragen zugeschickt: &amp;raquo;Ich habe ein Jahr gebraucht, um alle Fragen zu beantworten&amp;laquo;, scherzt sie. Fragen wie: Was war dein Lieblingsessen als Kind? Was ist dein &lt;br /&gt; Lieblingsk&amp;auml;fer? Dann hatte sie Skype-Gespr&amp;auml;che mit einer Psychologin. Ob sie mitunter Fantasien habe, sich wehzutun, solche Sachen wollte die wissen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie erz&amp;auml;hlt von den Hormonspritzen, wie &amp;uuml;berrascht die &amp;Auml;rzte waren, als sie sp&amp;auml;ter 32 Eizellen z&amp;auml;hlten, wie ihr das Laufen schwerfiel am Tag nach der Eizellenentnahme, wie schlie&amp;szlig;lich 18 Eier befruchtet wurden. &amp;raquo;Ich wei&amp;szlig; nicht, was mit den restlichen befruchteten Eiern passiert&amp;laquo;, sagt sie und nestelt an dem Jesuskreuz um ihren Hals. &amp;raquo;Sie liegen irgendwo, tiefgefroren.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ihre Mutter sei gegen die Eizellenspende gewesen. Ob sie dann selbst auch noch Kinder bekommen k&amp;ouml;nne, habe sie gefragt. Auch ihr ehemaliger Freund war dagegen. Ein Kind brauche eine Mutter, keine zwei V&amp;auml;ter, fand er. &amp;raquo;Quatsch&amp;laquo;, sagt Ashley Mcneil. &amp;raquo;Was Kinder brauchen, sind Eltern wie Axel und J&amp;uuml;rgen, die ihre Kinder mit Liebe aufziehen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein paar Monate nach ihrer ersten Eizellenspende hat sie gleich noch einmal gespendet &amp;ndash; diesmal f&amp;uuml;r eine schwarze alleinstehende Frau, von der sie nur den Vornamen wei&amp;szlig;. Die Frau m&amp;ouml;chte keinen Kontakt zu Ashley Mcneil. &amp;raquo;Vielleicht&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;sch&amp;auml;mt sich die Frau, dass sie Eizellen von einer anderen Frau benutzt hat &amp;hellip;&amp;laquo; Auf jeden Fall mag sie es, dass Axel und J&amp;uuml;rgen Kontakt zu ihr halten, ihr Fotos schicken und E-Mails. Sie haben sie auch schon nach Deutschland eingeladen. Den beiden ist der Kontakt zu Ashley Mcneil sehr wichtig. &amp;raquo;Wir wollen, dass unsere Kinder wissen, wo sie herkommen. Sobald sie fragen, kriegen sie von uns Antworten.&amp;laquo; Eine Antwort hat J&amp;uuml;rgen Haase schon parat: &amp;raquo;Wir erkl&amp;auml;ren ihnen explizit, dass sie Wunschkinder sind.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; 8000 US-Dollar hat Ashley Mcneil f&amp;uuml;r die Eizellenspende bekommen. &amp;raquo;Das Geld&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;ist es eigentlich nicht wert. Ich habe es schnell ausgegeben.&amp;laquo; Sie hat sich einen neuen Laptop gekauft, ihre Schwester nach Disneyland eingeladen und sich ein Flugticket geleistet, um ihren Vater in Oklahoma zu besuchen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Ihre Eltern sind geschieden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Deutsches Honorarkonsulat, San Diego &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;Uuml;berall in San Diego wehen an diesem Tag US-Flaggen, das Land gedenkt der &lt;br /&gt; Veteranen. Axel und J&amp;uuml;rgen Haase haben nach kurzer Suche den Eingang zum Konsulat gefunden, in einem verspiegelten Hochhaus im Zentrum von San Diego. Gleich werden sie Jessica Sanchez zum ersten Mal nach der Geburt au&amp;szlig;erhalb des Krankenhauses treffen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein Aufzug bringt die beiden und ihre drei T&amp;ouml;chter in den zehnten Stock. J&amp;uuml;rgen Haase fragt: &amp;raquo;Und? Wo ist deine Brille?&amp;laquo; &amp;raquo;Ach&amp;laquo;, sagt Axel, &amp;raquo;vergessen.&amp;laquo; J&amp;uuml;rgen kramt die Brille seines Ehemanns hervor und l&amp;auml;chelt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jessica Sanchez sitzt bereits im Besucherzimmer des Konsulats. Sie tr&amp;auml;gt einen pinkfarbenen Kapuzenpulli. Sie freut sich, als sie die Babys sieht. Es ist die zur&amp;uuml;ckhaltende Freude einer Bekannten. Axel Haase fragt, ob sie Anna in den Arm nehmen m&amp;ouml;chte. Vorsichtig h&amp;auml;lt sie die Kleine, schaut ihr ins Gesicht, streichelt einen &lt;br /&gt; ihrer F&amp;uuml;&amp;szlig;e. Als die Konsulatsangestellte zum Fotokopieren den Raum verl&amp;auml;sst, erz&amp;auml;hlt J&amp;uuml;rgen Haase, dass es Jasmin schwerfalle, pl&amp;ouml;tzlich zwei Schwestern zu haben. &amp;raquo;Vorher war sie im Zentrum unseres Universums.&amp;laquo; Jessica Sanchez nickt. Dann sagt sie: &amp;raquo;Ich will es wieder machen.&amp;laquo; J&amp;uuml;rgen Haase ist &amp;uuml;berrascht. &amp;raquo;Wirklich?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nach einer Stunde verl&amp;auml;sst die Familie das Konsulat, mit deutschen Reisep&amp;auml;ssen f&amp;uuml;r Anna und Alisha. Sie k&amp;ouml;nnen jetzt nach D&amp;uuml;sseldorf fliegen. Die M&amp;auml;nner fragen Jessica Sanchez, ob sie Lust habe, einen Kaffee zu trinken. Gleich neben dem Hochhaus hat ein &amp;raquo;Starbucks&amp;laquo; ge&amp;ouml;ffnet. Sie sitzen drau&amp;szlig;en auf der Terrasse des Caf&amp;eacute;s, ein kr&amp;auml;ftiger Wind weht. Jessica Sanchez bestellt einen Kakao mit Sahne. Sie fragt, ob es jetzt kalt sei in Deutschland. Es will kein richtiges Gespr&amp;auml;ch aufkommen. Nach einer halben Stunde brechen alle auf zu ihren Autos. Auf dem B&amp;uuml;rgersteig geben sie sich die H&amp;auml;nde, sagen &amp;raquo;Goodbye&amp;laquo; und &amp;raquo;Take care&amp;laquo;. J&amp;uuml;rgen Haase sagt noch: &amp;raquo;Thank you, Jessica, thank you so much.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Indoorspielplatz, San Diego&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Nacht war kurz. Axel Haase ist dreimal aufgestanden, seit f&amp;uuml;nf Uhr ist er wach. Windeln wechseln, Milch geben, aufs B&amp;auml;uerchen warten, Windeln, Schnuller. Die M&amp;auml;dchen haben verschnupfte Nasen, alle paar Minuten befreit Axel Haase mit einem Saugballon die Nasenl&amp;ouml;cher. Anna genie&amp;szlig;t das, faltet dann die H&amp;auml;nde vor ihrer Brust und d&amp;auml;mmert weg. Jasmin ist ungeduldig. Heute darf sie zu &amp;raquo;Kid Ventures&amp;laquo;, einem Indoor-Spielplatz, in dem es eine Feuerwehr gibt, eine B&amp;uuml;cherei und einen Kindergarten. Als die beiden V&amp;auml;ter mit ihren drei T&amp;ouml;chtern die Spielhalle betreten, sind sie eine kleine Sensation. Ob das Zwillinge seien, wie alt sie seien, wie sie hei&amp;szlig;en, wollen die anderen M&amp;uuml;tter wissen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jasmin verschwindet sofort im Hort und widmet sich den Puppen dort. Sie spielt nach, was Axel und J&amp;uuml;rgen seit ein paar Tagen mit Anna und Alisha machen. J&amp;uuml;rgen Haase hat eine Idee: &amp;raquo;Wir werden ihr eine Puppe kaufen, die sie wickeln und mit Milch f&amp;uuml;ttern kann.&amp;laquo; Die Babys liegen in K&amp;ouml;rben und d&amp;ouml;sen. Es ist die erste kleine Pause an diesem Tag f&amp;uuml;r Axel und J&amp;uuml;rgen. &amp;raquo;Wir sind jetzt eine Gro&amp;szlig;familie&amp;laquo;, sagt Axel Haase. Eine Familie, deren Kosten schon weit vor der Geburt begonnen haben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie viel sie die Familiengr&amp;uuml;ndung bislang gekostet hat? &amp;raquo;Es ist viel Geld, f&amp;uuml;r alle Beteiligten: F&amp;uuml;r uns &amp;ndash; und f&amp;uuml;r die, die unser Geld bekommen&amp;laquo;, sagt er. Unter 100 000 US-Dollar sei eine Leihmutterschaft in den USA nicht m&amp;ouml;glich. In Indien kostet es ein Drittel, aber f&amp;uuml;r homosexuelle Paare geht es in Indien jetzt nicht mehr. Vor einem Monat hat die indische Ausl&amp;auml;nderbeh&amp;ouml;rde verf&amp;uuml;gt, dass nur noch heterosexuelle Paare Leihmutterschaften in Auftrag geben d&amp;uuml;rfen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zw&amp;ouml;lf Uhr, die V&amp;auml;ter verlassen die Spielhalle und laufen mit ihren T&amp;ouml;chtern zum Auto. Die Sonne ist so warm, dass sie beschlie&amp;szlig;en, Jasmin das Mittagessen auf einer Wiese zu geben, Linseneintopf von Alete. Sie sitzt auf J&amp;uuml;rgen Haases Scho&amp;szlig;, schmiegt sich an ihn. Axel Haase schaut den beiden zu und sagt: &amp;raquo;Was wir heute machen, ist in Deutschland Pionierarbeit. Vor zehn Jahren gab es so etwas ja noch gar nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Ich helfe anderen, die keine eigenen Kinder bekommen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo;  &lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59069.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Leihmutter&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Jessica Sanchez wohnt in La Mesa mit ihrem siebenj&amp;auml;hrigen Sohn Michael in einem flachen Haus, zwei Zimmer, K&amp;uuml;che, Bad. Vom Vater ihres Sohnes hat sie sich getrennt. La Mesa liegt eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt von San Diego. Die Mieten in San Diego kann sie sich nicht leisten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An diesem Vormittag passt Jessica Sanchez auf das Baby einer Nachbarin auf. Der Junge liegt tr&amp;auml;ge in einer Babyschaukel. Jessica Sanchez sagt: &amp;raquo;Ich liebe es, schwanger zu sein.&amp;laquo; Es mache sie gl&amp;uuml;cklich, sagt sie, wenn der Bauch anschwillt und das Baby mit den F&amp;uuml;&amp;szlig;en gegen die Bauchdecke tritt.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie ist 31 Jahre alt und sehr zur&amp;uuml;ckhaltend. Ein Gespr&amp;auml;ch mit ihr flie&amp;szlig;t nicht. Irgendwann entschuldigt sie sich: &amp;raquo;Sie merken ja, dass ich sch&amp;uuml;chtern bin.&amp;laquo; Daf&amp;uuml;r hat sie ein gro&amp;szlig;es Herz. &amp;raquo;Ich finde es ungerecht, wenn schwule M&amp;auml;nner keine eigenen Kinder bekommen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo; 28 000 US-Dollar hat sie f&amp;uuml;r die neun Monate bekommen. Manchmal hat Michael sein Ohr an ihren Bauch gehalten. Er habe verstanden, dass darin nicht seine Geschwister liegen. &amp;raquo;Ich habe ihm erkl&amp;auml;rt: Ich helfe anderen, die keine eigenen Kinder bekommen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eine Freundin hatte ihr erz&amp;auml;hlt, dass man Kinder f&amp;uuml;r andere austragen k&amp;ouml;nne. Damals arbeitete sie in einer Restaurantk&amp;uuml;che und verdiente wenig Geld. Ihre Eltern sind strenggl&amp;auml;ubige Katholiken aus Mexiko, sie verstanden nicht, wovon ihre Tochter redete. So nahm Jessica Sanchez die Eltern mit zu der Agentur, wo ihnen Rose Pinkerton auf Spanisch erkl&amp;auml;rte, dass Leihm&amp;uuml;tter nicht die eigenen Kinder austragen und weggeben. Sie sollten sich das so vorstellen: Ihre Tochter vermiete ihren Bauch f&amp;uuml;r neun Monate. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jessica Sanchez streicht die Tischdecke vor sich gerade und sagt: &amp;raquo;Um ehrlich zu sein, dachte ich, dass es schwieriger sein w&amp;uuml;rde. Aber ich war mir von Anfang an bewusst, dass das nicht meine Kinder sind. Ich vermisse sie nicht.&amp;laquo; Wie das war f&amp;uuml;r sie, die Begegnung im Konsulat? &amp;raquo;Ich habe mich f&amp;uuml;r Axel und J&amp;uuml;rgen gefreut. Sie sind bei ihnen in sehr guten H&amp;auml;nden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Einen Teil der 28 000 US-Dollar hat sie ihren Eltern gegeben, einen Teil hat sie f&amp;uuml;r die Ausbildung ihres Sohnes angelegt, einen weiteren Teil dem Vater ihres Sohnes geschenkt. Dessen Mutter war krank und hatte eine hohe Rechnung zu begleichen. &amp;raquo;Vielleicht&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;kommen wir ja wieder zusammen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Balboa Park, San Diego&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ein milder Wind weht vom pazifischen Ozean hin&amp;uuml;ber in den Botanischen Garten der Stadt. In ein paar Tagen werden die M&amp;auml;nner mit ihren drei T&amp;ouml;chtern zur&amp;uuml;ck nach Deutschland fliegen. Der Park ist voller Familien. Sie sind das einzige M&amp;auml;nnerpaar mit Kindern. Auf einem St&amp;uuml;ck Rasen lassen sie sich nieder, die V&amp;auml;ter legen die Babys auf ihre B&amp;auml;uche. Jasmin zieht Alisha am Fu&amp;szlig;, erschrocken beginnt sie zu weinen. Jasmin wusste, dass sie Geschwister bekommt. Ein ums andere Mal haben ihr das Axel und J&amp;uuml;rgen erkl&amp;auml;rt. Doch Jasmin hat nie einen Bauch gesehen, in dem ihre Schwestern herangewachsen sind. Pl&amp;ouml;tzlich waren sie da. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eine junge Mutter l&amp;auml;uft an Familie Haase vorbei. Sie sagt: &amp;raquo;Die sehen ja anbetungsw&amp;uuml;rdig aus! Ist sehr viel Arbeit, oder?&amp;laquo; Axel Haase sagt: &amp;raquo;Wir haben uns daran gew&amp;ouml;hnt.&amp;laquo; Woran sie sich nicht gew&amp;ouml;hnen k&amp;ouml;nnen: die Kommentare in Deutschland. Ob Leihmutterschaft nicht ein Ausnutzen von Frauen sei, so was w&amp;uuml;rden sie in Deutschland gefragt. Und in Kalifornien? &amp;raquo;Hier&amp;laquo;, sagt J&amp;uuml;rgen Haase, &amp;raquo;wollen die Leute wissen, warum das in Deutschland verboten ist.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zur&amp;uuml;ck in der Ferienwohnung beginnt J&amp;uuml;rgen Haase mit dem Packen. Im Flur stapeln sich Kisten mit Secondhand-Platten, die er auf Tr&amp;ouml;delm&amp;auml;rkten gefunden hat, Axel Haase faltet W&amp;auml;sche, Jasmin schaut einen Trickfilm, die Babys schlafen. Was er erwarte, wenn sie zur&amp;uuml;ck seien? &amp;raquo;Ich schaue positiv in die Welt hinein&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Sonst h&amp;auml;tte ich das alles ja auch nicht gemacht. Ich freue mich auf das, was kommt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Agentur &amp;raquo;A Perfect Match&amp;laquo;, Kalifornien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wenn man Rose Pinkerton besucht, fragt sie, noch bevor sie einem die Hand reicht: &amp;raquo;M&amp;ouml;gen Sie Hunde?&amp;laquo; Sie sitzt in einem gebl&amp;uuml;mten Sessel, ihr zu F&amp;uuml;&amp;szlig;en liegt Mia, eine Mischlingsh&amp;uuml;ndin. Sie weicht keinen Zentimeter von Pinkerton, wenn sie mit Leihm&amp;uuml;ttern, Eizellenspenderinnen und zuk&amp;uuml;nftigen Eltern spricht. &amp;raquo;A Perfect Match&amp;laquo; ist eine der &amp;auml;ltesten Leihmutteragenturen in San Diego, seit 1998 sind mehr als tausend Babys durch sie auf die Welt gekommen. Zurzeit sind 45 Leihm&amp;uuml;tter von &amp;raquo;A Perfect Match&amp;laquo; schwanger.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor 15 Jahren gab es nur drei Agenturen in San Diego, inzwischen sind es zw&amp;ouml;lf. Es gibt gro&amp;szlig;e, zu denen gehen Sarah Jessica Parker und Elton John. Manche seien &amp;raquo;auf das schnelle Geld aus&amp;laquo;, sagt Pinkerton, und berauschten sich an den Gewinn-margen. Sie sagt: &amp;raquo;Wir wollen eine kleine Agentur bleiben.&amp;laquo; Pinkerton hat Axel und J&amp;uuml;rgen Haase betreut. Zu ihrem Service geh&amp;ouml;rt, dass sie ihnen bei der Leihmutter-Auswahl geholfen und Eizellenspenderinnen vorgeschlagen hat und auch bei Geburten anwesend ist, wenn gew&amp;uuml;nscht. Zu ihrem Service geh&amp;ouml;rt auch das Aussieben ungeeigneter Kandidatinnen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nicht jede Frau sei psychologisch gefestigt, ein Kind auszutragen und abzugeben. Andere k&amp;auml;men aus ganz profanen Gr&amp;uuml;nden nicht in Frage. Vor ein paar Wochen hatte sich bei ihr eine Frau beworben. Sie rauche nicht, habe sie angegeben. &amp;raquo;Aber sie hat nach Rauch gerochen. Da habe ich sie &amp;uuml;berraschend zu Hause aufgesucht und Zigaretten gefunden.&amp;laquo; Die Frau wurde nicht in den Agentur-Katalog aufgenommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pinkerton ist 36 Jahre alt. Sie hat einen eigenen Sohn aus erster Ehe, 15 Jahre ist er alt. Und sie hat sechs andere Kinder zur Welt gebracht, f&amp;uuml;r die Agentur. Viermal war sie schwanger im Auftrag anderer Menschen. Sie sagt: &amp;raquo;Es ist ein unbeschreibliches Gef&amp;uuml;hl, schwanger zu sein.&amp;laquo; Sie lobt auch ihren Sohn: Stets habe er sein Zimmer aufger&amp;auml;umt und Tee gekocht, wenn ihr &amp;uuml;bel war. Die vier Schwangerschaften hat sie ihm so erkl&amp;auml;rt: &amp;raquo;Die anderen M&amp;uuml;tter haben einen kaputten Bauch.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nat&amp;uuml;rlich gehe es auch um Geld, sagt Rose Pinkerton. Je h&amp;ouml;her die Ausbildung der Leihmutter oder der Eizellenspenderin, desto h&amp;ouml;her der Lohn, der als &amp;raquo;compensation&amp;laquo; bezeichnet wird. F&amp;uuml;r ein Paar schaltete Pinkerton einmal Anzeigen in Zeitungen von Elite-Universit&amp;auml;ten der USA. Das Paar wollte eine hochbegabte Eizellenspenderin. Es wurde f&amp;uuml;ndig &amp;ndash; und zahlte 50 000 US-Dollar f&amp;uuml;r die Eizellen einer Harvard-Absolventin. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In der Regel bekommt eine Leihmutter zwischen 26 000 und 28 000 US-Dollar. Nach jeder erfolgreich verlaufenen Schwangerschaft erh&amp;ouml;ht sich die Zahlung um 5000 US-Dollar. Zus&amp;auml;tzlich bekommen Leihm&amp;uuml;tter Geld f&amp;uuml;r Kleidung, Fahrten, Telefongespr&amp;auml;che. Eizellenspenderinnen erhalten zwischen 8000 und 10 000 US-Dollar. Welche Gef&amp;uuml;hle sie hatte, als sie Leihmutter war? &amp;raquo;Keine m&amp;uuml;tterlichen, weil du ja wei&amp;szlig;t: Das sind nicht deine Kinder.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor Kurzem hat Rose Pinkerton den Sohn der Agenturchefin geheiratet. Morgen fahren sie nach Hawaii in die Flitterwochen. Sie strahlt vor Vorfreude. Im Urlaub will sie ihren neuen Mann f&amp;uuml;r einen Plan gewinnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Viermal war Rose Pinkerton schwanger f&amp;uuml;r andere Menschen &amp;ndash; und dreimal hat sie ihre Eizellen gespendet. Mit einem deutschen homosexuellen Paar, das mit Pinkertons Eizellenspende zwei T&amp;ouml;chter zur Welt bringen konnte, hat sie sehr engen Kontakt. Sie flog zur Taufe der M&amp;auml;dchen nach Deutschland, die V&amp;auml;ter flogen zur Hochzeit von Pinkerton. Die T&amp;ouml;chter sind heute drei Jahre und ein Jahr alt. Regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig telefonieren die V&amp;auml;ter mit Rose Pinkerton, immer via Skype, damit die M&amp;auml;dchen sie auch sehen k&amp;ouml;nnen. Die M&amp;auml;dchen sagen dann &amp;raquo;Mami&amp;laquo;. Einmal ist die dreij&amp;auml;hrige Tochter morgens aufgewacht und hat geweint. Sie hat ihre &amp;raquo;Mami&amp;laquo; vermisst: &amp;raquo;Wo ist Rose? Alle anderen M&amp;auml;dchen im Kindergarten haben doch auch eine Mami.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn der Plan von Rose Pinkerton aufgeht, wird die Beziehung zu den deutschen V&amp;auml;tern demn&amp;auml;chst noch enger.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Der Ehemann von Rose Pinkerton ist unfruchtbar, er leidet an einer Stoffwechselerkrankung. Beide m&amp;ouml;chten gern eigene Kinder haben, doch Rose Pinkertons Mann m&amp;ouml;chte nicht, dass seine Frau mit einer anonymen Samenspende schwanger wird. Vor ein paar Tagen riefen die V&amp;auml;ter der zwei M&amp;auml;dchen aus Deutschland Rose Pinkerton an. Sie h&amp;auml;tten da eine Idee: Ob sie sich Embryos einpflanzen lassen wolle, die noch &amp;uuml;brig geblieben sind von ihrer In-vitro-Fertilisation? Die Embryos liegen tiefgefroren in einem Labor in Kalifornien. Sie bezahlen eine j&amp;auml;hrliche Lagergeb&amp;uuml;hr daf&amp;uuml;r. Es sind jene Embryos, die bei der In-vitro-Fertilisation mit dem Samen des einen deutschen Mannes und der Eizelle von Rose Pinkerton gewachsen sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r die deutschen V&amp;auml;ter, sagt Rose Pinkerton, w&amp;auml;re das &amp;raquo;toll, zu wissen, dass ihre T&amp;ouml;chter Halbgeschwister bekommen&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuss, im Januar 2013&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Axel Haase wickelt Anna im Wohnzimmer, Alisha hat gerade Milch bekommen und schl&amp;auml;ft. Der R&amp;uuml;ckflug, erz&amp;auml;hlt er, &amp;raquo;war eine Katastrophe.&amp;laquo; Jasmin habe die ganze Zeit geschrien, die Zwillinge h&amp;auml;tten kaum geschlafen. Aufgeregt seien sie gewesen, als sie vor dem deutschen Passbeamten standen. Ob er Probleme machen w&amp;uuml;rde? Nach einer Minute standen sie vor dem Gep&amp;auml;ckband, mit allen drei T&amp;ouml;chtern, auf deutschem Boden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Axel Haase sucht gerade Fotos zusammen, f&amp;uuml;r ein Album. Jasmin bekommt in diesem Jahr ihr drittes, die Zwillinge ihr erstes. Die Fotob&amp;uuml;cher sollen die Identit&amp;auml;t der Kinder st&amp;uuml;tzen. Manchmal ertappt sich Axel Haase dabei, wie er die beiden ersten B&amp;uuml;cher von Jasmin anschaut, Jasmin am Strand von Mumbai, Jasmin bei einer indischen Tagesmutter, Jasmin auf dem Hotelzimmerbett. Er fragt sich dann, wie das sein kann, dass sich in Deutschland alle beklagen, dass zu wenige Kinder geboren werden &amp;ndash; und man ihm und seiner Tochter Jasmin eineinhalb Jahre lang die Einreise in seine &amp;ndash; und ihre &amp;ndash; Heimat verwehrt hat. &amp;raquo;Warum ist Leihmutterschaft in Deutschland illegal, wenn die Leihmutter doch einverstanden ist?&amp;laquo; Demn&amp;auml;chst wollen Axel und J&amp;uuml;rgen Haase Fotos von Ashley Mcneil und Jessica Sanchez an die Wohnzimmerwand h&amp;auml;ngen. Die M&amp;auml;dchen sollen wissen, wem sie ihr Leben zu verdanken haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Drau&amp;szlig;en schneit es. Axel Haase vermisst den blauen Himmel &amp;uuml;ber San Diego. Anna und Alisha haben zugenommen. Sie liegen in Tragek&amp;ouml;rben im Wohnzimmer und schlafen, Jasmin ist gerade Br&amp;ouml;tchen holen mit Papa J&amp;uuml;rgen. Morgen m&amp;ouml;chte Axel mit Jasmin schwimmen gehen, nur die beiden. Sie tut sich noch immer schwer damit, die Aufmerksamkeit ihrer V&amp;auml;ter mit Alisha und Anna zu teilen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jasmin st&amp;uuml;rmt mit der Br&amp;ouml;tchent&amp;uuml;te ins Wohnzimmer, dann rennt sie in ihr Kinderzimmer. Sie holt ein Buch mit indischen G&amp;ouml;ttern hervor. Axel Haase zeigt auf einen Gott und fragt, wer das sei. &amp;raquo;Shiva!&amp;laquo; ruft Jasmin. Manche Kinder, erz&amp;auml;hlt er, h&amp;auml;tten gefragt, warum Jasmin zwei Papas hat. &amp;raquo;Dann sagen wir immer: Weil Jasmins Papa einen Mann liebt. Kinder nehmen das hin, dann ist das f&amp;uuml;r die abgehakt.&amp;laquo; Wie es ist, wieder zur&amp;uuml;ck zu sein? &amp;raquo;Eine Herausforderung&amp;laquo;, sagt Axel Haase. J&amp;uuml;rgen Haase steht neben ihm, Alisha im Arm. &amp;raquo;Am Anfang war es eine Leistung, wenn wir es geschafft haben, uns zu rasieren.&amp;laquo; Sie lachen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ihr Auto war zu klein geworden f&amp;uuml;r drei Kindersitze, sie haben es verkauft. Ein Richter aus Essen hat es sich vor ein paar Tagen angeschaut. Er hat die beiden M&amp;auml;nner gesehen, die drei T&amp;ouml;chter, und zum Abschied hat er gesagt: &amp;raquo;Ist ja auch viel Arbeit f&amp;uuml;r Ihre Frau &amp;hellip;&amp;laquo; Axel hat ihn nicht korrigiert. Vor ein paar Tagen schrieb der Richter eine E-Mail &amp;ndash; und entschuldigte sich: &amp;raquo;Erst im Nachhinein habe ich begriffen, dass Sie wohl in einer Lebenspartnerschaft leben. Das Wichtigste ist ja, dass Kinder von zwei liebevollen Menschen aufgezogen werden.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es gibt aber auch andere Begegnungen. Vor Kurzem war Familie Haase auf einem Markt. Ein Mann blickte erst auf die beiden M&amp;auml;nner, dann auf Jasmin und auf die Zwillinge im Kinderwagen. &amp;raquo;Sind die echt?&amp;laquo;, wollte er wissen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Anna liegt auf den Beinen von J&amp;uuml;rgen Haase, sie l&amp;auml;chelt ihn an, h&amp;auml;lt seinen Finger fest umkrallt. &amp;raquo;Wir sind jetzt mit den Kindern mehr Teil der Gesellschaft und nicht mehr die schwulen Au&amp;szlig;enseiter&amp;laquo;, sagt J&amp;uuml;rgen Haase. Dann schaut er Anna in die Augen. &amp;raquo;Alles klar?&amp;laquo;   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Mutter&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anna hei&amp;szlig;t Anna, weil Axel Haases Mutter diesen Namen trug. 84 Jahre alt wurde sie. Nach einem Sturz hatte sie sich den Arm gebrochen und kam ins Krankenhaus. Ein Routinefall, aber ihre Gesundheit verschlechterte sich rapide. Sie musste beatmet werden. Kurz darauf starb sie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Axel Haase wird ruhig, wenn er vom Tod seiner Mutter erz&amp;auml;hlt: &amp;raquo;Wenn ich mit Jasmin bei ihr gewesen w&amp;auml;re, w&amp;auml;re sie heute noch am Leben. Sie h&amp;auml;tte Kraft gesch&amp;ouml;pft durch unsere Anwesenheit.&amp;laquo; Beweisen k&amp;ouml;nne er das nat&amp;uuml;rlich nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die letzten Tage in ihrem Leben verbrachte die Mutter, ohne ihren Sohn Axel noch einmal zu sehen. Er konnte nicht ausreisen, weil das deutsche Konsulat Jasmin keinen deutschen Reisepass ausstellen wollte. Zwei Wochen nach ihrem Tod wurde die Mutter auf dem Hauptfriedhof von Neuss beerdigt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Axel Haase konnte an diesem Tag nicht Abschied nehmen von ihr. Er sa&amp;szlig; 10 000 Kilometer entfernt in einem Hotelzimmer in Mumbai. Und weinte.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Und siehe, es war sehr gut</dc:subject>
    <dc:creator> Thorsten Schmitz</dc:creator>
    <dc:date>2013-04-22T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39323">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39323</link>
    <title>»Ich fände es seltsam, wenn mein Vater eine Freundin hätte«</title>
    <description>&lt;p&gt;2013 soll sich das Adoptionsrecht f&amp;uuml;r homosexuelle Paare &amp;auml;ndern.  Endlich. Aber wie lebt es sich eigentlich als Kind einer ungew&amp;ouml;hnlichen  Beziehung? Eine Art Familientreffen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;F&amp;uuml;nf junge Menschen zwischen 14 und 21, aus Berlin und D&amp;uuml;sseldorf, aus Marburg, dem Westerwald und Schw&amp;auml;bisch Gm&amp;uuml;nd. Sie kennen sich nicht, treffen an diesem Tag zum ersten Mal aufeinander. Wir wollen mit ihnen &amp;uuml;ber das sprechen, was sie eint: &amp;uuml;ber ihre Familien. Sie alle sind anders aufgewachsen als Kinder aus klassischen Familien: Ihre Eltern sind lesbisch, schwul oder transgender (vereinfacht gesagt: Sie haben das Geschlecht gewechselt). Mia, Nell, Felix, Malte und Lisa sind in sogenannten Regenbogenfamilien aufgewachsen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Wann ist euch klar geworden, dass in euren Familien etwas anders ist als bei anderen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; In der Grundschule. Wenn beim Weihnachtsbazar meine Mutter nicht mit meinem Vater gekommen ist, sondern mit ihrer Freundin. Dann wurde gefragt: Wer ist das denn? Also hab ich erkl&amp;auml;rt: Meine Eltern sind ein lesbisches und ein schwules Paar, vier Menschen, die zusammen zwei Kinder haben &amp;ndash; meine Schwester Mia und mich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Ich war auch schon in der Schule, als meine Mutter nach der Trennung von meinem Vater eine Beziehung zu einer Frau anfing. Ihre Freundin ist bald bei uns eingezogen, sp&amp;auml;ter haben sie geheiratet, sie waren mit die ersten Lesben, die das in Deutschland gemacht haben. Das alles habe ich auch gern in der Schule erz&amp;auml;hlt, mit sieben denkt man sich nichts dabei. Ich habe zu meiner Schwimmlehrerin gesagt, dass meine Mutter nackt mit einer Frau im Bett schl&amp;auml;ft. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie hat die Lehrerin reagiert?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Gut! Heute ist sie die beste Freundin meiner M&amp;uuml;tter. Es stellte sich heraus, dass sie auch lesbisch ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie haben andere Kinder in der Schule reagiert? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Kinder nehmen das alles total normal auf. Wenn, dann waren es immer die Eltern, die damit ein Problem hatten. Es gab ein M&amp;auml;dchen, das durfte ich deswegen nicht mehr treffen. Die Mutter kam aus Osteuropa und fand Nell und mich keinen guten Umgang. &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Ich habe schon ab und zu doofe Spr&amp;uuml;che geh&amp;ouml;rt, weil ich der Sohn von zwei Frauen bin. Aber in der Schule h&amp;ouml;rt man sich doch alles M&amp;ouml;gliche an, egal ob man zwei M&amp;uuml;tter hat oder eine komische Frisur.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa, bei dir ist alles noch mal anders: Deine Mutter hat eine Geschlechtsumwandlung hinter sich, sie ist heute dein Vater. Wie reagieren Menschen, wenn du das erz&amp;auml;hlst?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; In meinem Freundeskreis gibt es zwei Gruppen, die einen kenne ich vom Tanzen, die lachen viel und sind nett. Und dann gibt es welche, die aus einem anderen Viertel kommen, die st&amp;auml;ndig &amp;raquo;krass, Alter&amp;laquo; sagen und so. Die machen schon mal komische Spr&amp;uuml;che &amp;uuml;ber meinen Vater. Aber viel schlimmer finde ich, dass ich ab und zu die Sprache von denen &amp;uuml;bernehme. Weil ich die ja jeden Tag h&amp;ouml;re!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; Ich finde es manchmal traurig, dass wir uns st&amp;auml;ndig erkl&amp;auml;ren m&amp;uuml;ssen. Erst das macht unsere Familien ja zu was Besonderem. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie erkl&amp;auml;rt ihr anderen den Unterschied zwischen eurer und ihrer Familie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Einem Jungen zum Beispiel sage ich immer, dass er sich vorstellen soll, er w&amp;uuml;rde &amp;uuml;ber Nacht eine Frau &amp;ndash; und sich dann nichts sehnlicher als seinen Jungenk&amp;ouml;rper zur&amp;uuml;ckw&amp;uuml;nschen. So hat sich mein Vater vor seiner Operation gef&amp;uuml;hlt. Das kapieren echt viele. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie hast du dich gef&amp;uuml;hlt, als dir deine Mutter gesagt hat, dass sie gern ein Mann sein m&amp;ouml;chte?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Das war voll komisch, ich dachte, dass jetzt komplett alles anders werden w&amp;uuml;rde. Aber weil ich wusste, dass meine Mutter, also mein Vater, sich in seinem K&amp;ouml;rper gar nicht mehr wohlf&amp;uuml;hlt, habe ich gesagt: Nat&amp;uuml;rlich, mach. Nach und nach hab ich gemerkt, dass sein L&amp;auml;cheln wieder st&amp;auml;rker wurde. Lukas war richtig gl&amp;uuml;cklich, und das hat mich auch gl&amp;uuml;cklich gemacht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Du sagst zu deinem Vater Lukas. Wie nennt ihr anderen eure Eltern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte: &lt;/strong&gt;Ich sage meistens Mama oder Mutter. Wenn man allerdings mit jemand anderem spricht, dann gibt&amp;rsquo;s schnell Durcheinander, weil ich ja beide Mutter nenne. Aber es w&amp;auml;re doof, &amp;raquo;meine leibliche Mutter&amp;laquo; und &amp;raquo;meine nicht-leibliche Mutter&amp;laquo; zu sagen. Einen Vater gibt es bei mir ja nicht, ich bin durch einen anonymen Samenspender gezeugt worden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix: &lt;/strong&gt;Bei mir hei&amp;szlig;t eine Mutter Sabine und die andere Anne, als Kinder haben wir &amp;raquo;Sahne&amp;laquo; daraus gemacht. Das rufen wir heute noch oft, damit sind dann beide gemeint. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Wichtig ist auch die Tonlage: Wenn ich &amp;raquo;Mama&amp;laquo; ins Haus rufe, dann wissen die, je nachdem, wie ich es betone, wer gemeint ist. Wenn ich eine Erlaubnis brauche oder mit Freunden wegfahren will, dann rufe ich halt so &amp;raquo;Mamaaa &amp;hellip;&amp;laquo;. Die Richtige h&amp;ouml;rt schon hin &amp;ndash; und ich wei&amp;szlig; ja, bei wem ich schneller durchkomme.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Mein Problem ist, dass ich meistens, wenn ich von meinen Eltern rede, vergesse, dass es zwei M&amp;uuml;tter sind. Ich sage &amp;raquo;Eltern&amp;laquo;. Chaotisch wirds, wenn die Frage nach den Berufen kommt. Ich sage, meine Mutter ist Frauen&amp;auml;rztin und meine Mutter ist Hebamme. Und alle so: h&amp;auml;?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn ihr &amp;uuml;ber eure Familien sprecht, werdet ihr meistens gefragt: Und wie bist du auf die Welt gekommen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Bei uns wollen viele wissen, wo die Gene herkommen. Meine leibliche Mutter und mein leiblicher Vater waren ja ein Paar, bevor sie lesbisch und er schwul wurde. Sieben Jahre nach ihrer Trennung haben sie beschlossen, zusammen Kinder zu bekommen. F&amp;uuml;r meine Zeugung haben sie sich getroffen, Nell wurde sp&amp;auml;ter durch Insemination mit &lt;br /&gt; unserem Vater als Samenspender gezeugt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie reagiert man auf bl&amp;ouml;de Spr&amp;uuml;che?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Das kommt drauf an, ob ich mit einer Antwort tats&amp;auml;chlich irgendwas bewirken kann. Bei manchen Leuten denke ich mir, mit dem hat das sowieso keinen Sinn &amp;hellip; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Wenn einer zu mir k&amp;auml;me mit einem bl&amp;ouml;den Spruch, w&amp;auml;re ich vermutlich der Letzte, der den Mund aufkriegt, weil dem schon drei meiner Freunde die Meinung gesagt haben.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Das ist bei uns auch so. Alle unsere Freunde finden unsere schwulen V&amp;auml;ter cool. Da k&amp;auml;me nie einer mit einem Spruch durch.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Ich gehe eigentlich immer ganz gern auf Konfrontation. Wenn ich merke, manche Leute k&amp;ouml;nnten ein Problem haben &amp;ndash; dann sage ich erst recht: Ich habe zwei M&amp;uuml;tter. Und warte gespannt auf die Reaktion. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In euren Familien werden die Rollen neu erfunden. Wer k&amp;uuml;mmert sich um das Essen? Wer k&amp;uuml;mmert sich um das Geldverdienen? Wird so etwas verhandelt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Alles total flexibel. Alle gehen arbeiten, alle kochen mal.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Die Frage h&amp;ouml;re ich oft: Wer nimmt den m&amp;auml;nnlichen Teil ein, wer den weiblichen? Ich verstehe die Frage ehrlich gesagt nicht. Ich finde sie relativ sinnlos.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Diese alten Modelle werden immer seltener. Ich glaube, ich kenne keine Familie, in der die Mutter eine Hausfrau ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie ist das bei dir, Lisa? Welche Rolle nimmt dein Vater f&amp;uuml;r dich ein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Er &amp;uuml;bernimmt beide Rollen. Er war meine Mutter, er ist jetzt mein Vater, also ist er irgendwie beides. Wenn meine Freundinnen erz&amp;auml;hlen, dass sie auf der Couch ein bisschen mit Mama kuscheln &amp;ndash; das mache ich alles mit ihm. Meine Stiefmutter h&amp;auml;lt sich da komplett raus. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hattet ihr alle schon oft Kontakt mit anderen Kindern aus Regenbogenfamilien?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Lustigerweise noch nie. Aber vor Kurzem bin ich mit meinem jetzigen Freund zusammengekommen. Und irgendwann hat sich herausgestellt, dass seine Mama auch lesbisch ist. Und die Mutter vom Freund seiner Schwester auch!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Das hier ist mein erstes Treffen mit anderen Regenbogenkindern.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Ich habe schon viele Regenbogenfamilien kennengelernt. Bei uns kam das vor allem &amp;uuml;ber das Thema Insemination. Weil das noch total neu war vor 20 Jahren. Deshalb haben meine Eltern auch &amp;raquo;Ilse&amp;laquo; mitgegr&amp;uuml;ndet. Das ist eine Initiative lesbischer und schwuler Eltern, die Regenbogenfamilien mit Kinderwunsch unterst&amp;uuml;tzt. Dar&amp;uuml;ber kenne ich viele Kinder mit der gleichen Geschichte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte, du bist eines der ersten Kinder in Deutschland, die durch Insemination gezeugt wurden. Hast du jemals den Wunsch gehabt, deinen leiblichen Vater kennenzulernen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Das werde ich oft gefragt. Aber ich muss sagen, nein, das kann doch total nach hinten losgehen. Dann hat man vor sich einen sitzen und denkt, oh, mit dem will ich aber nicht meine Gene teilen! Wahrscheinlich w&amp;auml;re es am besten, wenn ich den Mann mal eine halbe Stunde durch ein Fenster oder im Fernsehen anschauen k&amp;ouml;nnte. Einfach nur, damit ich w&amp;uuml;sste, wie er aussieht, wie er drauf ist. Mehr nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die M&amp;ouml;glichkeit hattest du nicht.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Nein, meine M&amp;uuml;tter wollten einen anonymen Samenspender. Ab und zu, wenn meine nicht-leibliche Mutter mir was verbietet, spiele ich auch auf unsere Nicht-Verwandtschaft an. Dann sage ich: Meine Mama w&amp;uuml;rde mir das erlauben! Oder ich sage zu meinem j&amp;uuml;ngeren Bruder, der von meiner nicht-genetischen Mutter auf die Welt gebracht wurde: Deine Mama ist heute aber komisch drauf! &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist einem von euch so etwas schon mal im Ernst rausgerutscht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Als ich klein war, habe ich zu Susanne, meiner nicht-genetischen Mutter, mal gesagt: Du bist nicht meine Mama, du hast mir nichts zu sagen. Darauf sie: Dann muss ich dir auch jetzt nicht die Schulbrote schmieren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Habt ihr in der Pubert&amp;auml;t mal die Homosexualit&amp;auml;t eurer Eltern als Vorwurf verwendet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Damals nicht. Heute werfe ich meinem Vater vor, dass er im Alter immer spie&amp;szlig;iger wird. Und wenn er und sein Freund so rumtunteln, mach ich sie manchmal nach.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; Manchmal haben wir unsere M&amp;uuml;tter ge&amp;auml;rgert: Ihr seid grad voll wie M&amp;auml;nner! &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte, Felix, hat euch der Vater irgendwann mal gefehlt? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Mir nie. Kann gut sein, dass man an bestimmten Punkten im Leben eine m&amp;auml;nnliche Vorbildrolle sucht, ohne dass man es wei&amp;szlig;. Wenn man sich entwickelt und &amp;auml;lter wird, m&amp;ouml;chte man manches vielleicht nicht gerade seine Mutter fragen. Aber so etwas hat eben der Rest der Familie &amp;uuml;bernommen, mein Onkel zum Beispiel.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa, besprichst du mit deinem Vater auch typische M&amp;auml;dchenthemen, also alles, was die meisten eher mit ihrer Mutter besprechen w&amp;uuml;rden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Schon viel, ja. Oft auch mit seiner Schwester. Ich k&amp;ouml;nnte aber alles auch mit meinem Vater besprechen, mir w&amp;auml;re da nichts peinlich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie war das bei euch anderen in der Pubert&amp;auml;t?&lt;br /&gt; Felix:&lt;/strong&gt; Ich konnte mit meinen M&amp;uuml;ttern &amp;uuml;ber alles reden. Aufkl&amp;auml;rung war bei einer Frauen&amp;auml;rztin und einer Hebamme kein Problem, klar.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Eine Studie besagt, dass Eltern aus Regenbogenfamilien sehr auf ihre Kinder eingehen&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55317.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn ihr richtig klassische konventionelle Familien seht &amp;ndash; gibt es da etwas, was ihr auch gerne h&amp;auml;ttet? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Ich stell mir deren Leben langweilig vor. Klar, es kommt auf die Leute an, man kann auch zwei M&amp;uuml;tter haben, die megalangweilig sind. Aber ich empfinde es als Vorteil, dass es bei uns eine zus&amp;auml;tzliche Ebene gibt: Meine Familie ist lustig &amp;ndash; und die ganze Regenbogenfamilien-Sache, die ganze Offenheit kommt noch dazu. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Andere Familien leben voll nach Regeln und haben immer den gleichen Tagesablauf. Das ist langweilig. Mein Vater Lukas geht auch mal mit Kollegen weg. Er versteht sich auch mit meinen Freunden und unterh&amp;auml;lt sich mit denen. Er ist aus meiner Sicht der einzige Vater, der mit anderen Kindern Kontakt hat. Andere Eltern sind halt so richtige Eltern. Eltern-Eltern. Lukas ist f&amp;uuml;r mich mehr Freund-Eltern. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Studie besagt, dass Eltern aus Regenbogenfamilien sehr auf ihre Kinder eingehen, weil viele davon Wunschkinder sind. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Glaub ich sofort! Wenn man wie meine M&amp;uuml;tter in einer homosexuellen Beziehung lebt, hat man sich sehr lang mit seiner Identit&amp;auml;t auseinandergesetzt. Durch diese Denkweise kommt eine ganz andere Offenheit in die Familie. Bei vielen meiner Freunde gibt es in den Familien Spannungen, die nur dadurch entstehen, dass nicht alle offen miteinander reden. In den Regenbogenfamilien, die ich kenne, ist das nicht so. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia, Nell, ist das bei euch &amp;auml;hnlich, mit zwei M&amp;uuml;ttern auf der einen und zwei V&amp;auml;tern auf der anderen Seite?&lt;br /&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Ja, weil unsere Eltern sich absprechen mussten, uns zu bekommen. Und das haben wir immer gesp&amp;uuml;rt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Mich w&amp;uuml;rde es mal interessieren, einen Familientausch zu machen. Manchmal w&amp;uuml;rde ich gerne wissen, wie das ist, wenn alles komplett normal ist. Ich k&amp;ouml;nnte es wohl gar nicht mehr. &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Aber es ist ja auch bei uns vieles sehr b&amp;uuml;rgerlich. Meine M&amp;uuml;tter haben geheiratet, dann hat unsere Stiefmutter meine Schwester und mich adoptiert. Sie waren eins der ersten verheirateten Paare, und wir waren die ersten Kinder, die in so einer Familie adoptiert wurden. Mein Vater musste zustimmen, aber wir haben einfach gesagt, er muss keinen Unterhalt mehr zahlen, und dann ging das sofort klar. Jetzt habe ich den Namen meiner Stiefmutter. Meine leibliche Mutter hat auch den Namen meiner Stiefmutter angenommen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;War das f&amp;uuml;r dich komisch, auf einmal anders zu hei&amp;szlig;en? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Cool war&amp;rsquo;s. Sch&amp;ouml;n, auf einmal eine Familie zu sein, auch vom Namen her.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie war das bei dir, Malte?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Ganz &amp;auml;hnlich. Aber bevor meine M&amp;uuml;tter geheiratet haben, war die eine quasi eine Lebensgef&amp;auml;hrtin, die zwar sozial dazu bef&amp;auml;higt war, etwas zu uns zu sagen &amp;ndash; aber rein rechtlich nicht. Deshalb wurde dann meine nicht-leibliche Mutter zugleich meine Patentante: weil&amp;rsquo;s das fr&amp;uuml;her gesellschaftlich ein bisschen einfacher gemacht hat. Es hat offiziell eine Form von N&amp;auml;he hergestellt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Also als positives Zeichen?&lt;br /&gt; Malte:&lt;/strong&gt; Mehr! Es gibt ja auch Situationen, in denen es rein rechtlich wichtig ist, dass beide entscheiden d&amp;uuml;rfen. Bei medizinischen Belangen, bei einer Operation. Wenn meine biologische Mutter bei einem Unfall ums Leben gekommen w&amp;auml;re, h&amp;auml;tte meine andere Mutter als Lebensgef&amp;auml;hrtin nicht unbedingt die Kinder bekommen. Vielleicht sogar eher irgendein Onkel. Deshalb ist die Stiefkindadoption so wichtig.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; Als wir j&amp;uuml;nger waren, hat meine Mutter ein Schreiben aufgesetzt: Wenn etwas passieren w&amp;uuml;rde, sollten wir zu Susanne, ihrer damaligen Lebensgef&amp;auml;hrtin, kommen. Nicht zu unserem Vater. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia: &lt;/strong&gt;Wir beide haben uns immer eine Doppelhochzeit gew&amp;uuml;nscht: dass unsere M&amp;uuml;tter und unsere V&amp;auml;ter gleichzeitig heiraten. Aber alle haben gesagt, wenn es keine steuerlichen Vorteile gibt, wie bei der normalen Ehe, wollen sie es nicht. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Euer Vater ist euer leiblicher Vater. Mia ist auf klassische Weise gezeugt worden, Nell durch Insemination. Spielt das f&amp;uuml;r euch eine Rolle?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; Ich wusste das selbst lange nicht! Rausgekommen ist das bei einem Gespr&amp;auml;ch mit einem Reporter: Der hat gefragt, ob wir auf nat&amp;uuml;rlichem Wege entstanden sind. Dann hie&amp;szlig; es: Ja, Mia schon, Nell nicht, sie ist durch Insemination entstanden. Und ich so: Was? Wie? Ah, okay. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Aber das war ja dann auch sofort kein Thema mehr. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nell&lt;/strong&gt;: Klar, so wusste ich: Ich bin das totale Wunschkind. Lustig war aus heutiger Sicht, dass bei meiner Geburt so viel los war im Krei&amp;szlig;saal: Es waren alle da &amp;hellip; Volles Haus!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bemerkenswert ist, dass du, Mia, durch Geschlechtsverkehr gezeugt worden bist &amp;ndash; von einer lesbischen Frau und einem schwulen Mann.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Ich habe meine Eltern mal danach gefragt, und die meinten, ach, wir waren doch fr&amp;uuml;her mal ein Paar und fanden uns anziehend, das geht schon noch. Die haben sich damals getrennt, meine Mutter wurde lesbisch, mein Vater schwul, aber mein Vater hat gesagt: Wenn du irgendwann Kinder willst, meld dich. So ungef&amp;auml;hr.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was f&amp;uuml;r Familienkonstellationen habt ihr im Kindergarten gespielt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Nell: &lt;/strong&gt;Also, ich immer ganz klassisch Vater-Mutter-Kind. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Ich auch. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Ich auch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Habt ihr in der Pubert&amp;auml;t viel mit euren Eltern gestritten? War das anders als bei euren Freunden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Ich glaube, es war entspannter bei uns. Da gab es auch Meinungsverschiedenheiten, aber das waren eher Diskussionen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; Bei uns ging es zu wie bei allen anderen Familien. Es gab genauso viel Stress: Vielleicht, weil wir vier Frauen waren. Papa lebt ja in Berlin.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa&lt;/strong&gt;: Ich bin 14, ich erlebe die Streitereien ja jetzt gerade. F&amp;uuml;r mich ist es immer komisch, wenn ich bei meinem leiblichen Vater bin. Wir k&amp;ouml;nnen keine zwei Wochen zusammen aushalten. Wenn wir aufeinanderhocken, in den Ferien, drei Wochen &amp;ndash; da streiten wir so was von!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;W&amp;uuml;rdet ihr sagen, dass eure Eltern euch mehr erlauben als andere ihren Kindern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Felix: &lt;/strong&gt;Nein, meine M&amp;uuml;tter sind ziemlich streng. Ich durfte nur eine Stunde am Tag Fernsehen schauen. Ich habe sie daf&amp;uuml;r gehasst. Aber im Nachhinein finde ich das gut.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Bei uns war das voll die Vertrauenserziehung. Sie haben mich vieles selbst entscheiden lassen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Bei uns wurde auch sehr viel vertraut. Ich durfte schon fr&amp;uuml;h feiern gehen. Und lange wegbleiben. Ich sollte aber nicht mit der U-Bahn heimfahren, sondern immer ein Taxi nehmen. Und weil mir so vertraut wurde, habe ich mich an diese Regeln immer &lt;br /&gt; gehalten. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Vertrauen ist voll gut. Mein Vater l&amp;auml;sst mich manchmal ein ganz kleines bisschen Alkohol nippen. Bei Verboten wird doch alles nur interessanter. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Ich denke, dass sich unsere Eltern mehr Gedanken machen. Wenn die H&amp;uuml;rde zum Kinderkriegen h&amp;ouml;her ist, macht man sich mehr Gedanken &amp;uuml;ber die Erziehung, als wenn die Kinder quasi aus Versehen entstanden sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie ist das, wenn man selbst anf&amp;auml;ngt, sich f&amp;uuml;r Jungs oder M&amp;auml;dchen zu interessieren &amp;ndash; denkt man &amp;uuml;ber seine eigenen sexuellen Vorlieben besonders nach, wenn man aus einer Regenbogenfamilie kommt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Also ich hab mich das ganz doll gefragt. Wenn es um meine Zukunft ging, habe ich immer ein Haus gesehen, mich und eine Frau und einen Hund. Aber das hat sich gelegt, als ich mich eben nicht in M&amp;auml;dchen, sondern in Jungs verliebt habe. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Ich glaube, ich h&amp;auml;tte Schwierigkeiten damit, mich als Schwulen zu sehen. Nicht weil ich es schlimm f&amp;auml;nde, aber es w&amp;auml;re so eine Art Sieg meiner Eltern, den ich ihnen nicht g&amp;ouml;nnen will. Ha, ha, nein, so kann ich das nicht sagen &amp;hellip; Vielleicht, weil ich nicht einfach was nachmachen will.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Ich m&amp;ouml;chte sp&amp;auml;ter in einem gelben Haus leben, ein Mann, eine Tochter, ein Sohn, eine Katze und ein sch&amp;ouml;ner Garten. So eine richtig typische Familie. Das war schon immer mein Traum. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Ich m&amp;ouml;chte eine kitschige wei&amp;szlig;e Hochzeit, mit Haus und Hund, und ein adoptiertes Kind, das schon vier sein soll &amp;ndash; damit es aus dem anstrengenden Babyalter raus ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;Das Schimpfwort &amp;raquo;schwul&amp;laquo;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/55319.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben eure Eltern haupts&amp;auml;chlich schwule oder lesbische Freundeskreise?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Das ist doch heute l&amp;auml;ngst nicht mehr so. Mein Vater hat viele schwule Freunde, aber nicht nur.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Bei uns ist das auch nicht so.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte: &lt;/strong&gt;Ich glaube, viele wollen genau das Gegenteil. Die hatten schon so einen Stress mit dem Outing, jetzt wollen sie nicht auch noch die gro&amp;szlig;e Suche nach Freunden unternehmen. Ist ja nicht so, dass man Gleichgesinnte im Supermarkt trifft. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; Von den Freunden meiner Mutter ist kein Einziger schwul oder lesbisch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie w&amp;auml;re es, wenn sich ein Elternteil pl&amp;ouml;tzlich doch f&amp;uuml;r eine heterosexuelle Beziehung entscheiden w&amp;uuml;rde?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Ich f&amp;auml;nde es ganz seltsam, wenn mein Vater eine Freundin h&amp;auml;tte. Ich w&amp;auml;re da irgendwie &amp;hellip; eifers&amp;uuml;chtig. Und mit unserer Mutter geht&amp;rsquo;s mir genauso.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; Wenn meine Mutter mit einem Typen ankommen w&amp;uuml;rde, die Vorstellung w&amp;auml;re echt voll eklig!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was ist eigentlich mit dem Wort &amp;raquo;schwul&amp;laquo; passiert? Erst war es ein Schimpfwort, dann ganz normal, jetzt ist es in der Jugendsprache wieder ein Schimpfwort. Warum?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Stimmt, mich nervt das total. Wenn jemand sagt, das und das sieht voll schwul aus, bin ich immer kurz davor zu sagen, mein Vater sieht aber nicht so aus.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Das Wort hat, glaube ich, zwei Bedeutungen. Es wird heute eher f&amp;uuml;r Dinge benutzt, seltener f&amp;uuml;r Personen. So im Sinne von &amp;raquo;langweilig&amp;laquo;. Deshalb habe ich nicht so ein Problem damit. Ich benutze es auch selber manchmal.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Bei mir sagen das immer die von der &amp;raquo;Krass, Alter&amp;laquo;-Gruppe. Aber neulich war ich bei H &amp;amp; M, hab ein h&amp;auml;ssliches Kleid gesehen &amp;ndash; und dann habe ich das auch gesagt! &amp;raquo;So ein schwules Kleid.&amp;laquo; Und ich dachte mir: Hey, warum sage ich so was eigentlich?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was sagen eure Eltern, wenn ihr etwas als &amp;raquo;schwul&amp;laquo; bezeichnet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Also, mir ist es auch schon rausgerutscht, aber nicht zu Hause, denn dann w&amp;uuml;rden die Fetzen fliegen. Meine Eltern achten sehr auf Sprache: Sie sind darauf bedacht, dass man Sachen weiblich nennt statt m&amp;auml;nnlich, die &amp;raquo;LehrerINNEN&amp;laquo; und nicht die &amp;raquo;Lehrer&amp;laquo;. Ich denke, das Wort &amp;raquo;schwul&amp;laquo; wird viel f&amp;uuml;r feminine Sachen genutzt: wenn jemand feminin aussieht. Viele finden halt immer noch, der Mann soll m&amp;auml;nnlich sein. Tja. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Umweltminister Peter Altmaier lebt allein &amp;ndash; in vielen Zeitungen wurde dar&amp;uuml;ber spekuliert, ob der Mann schwul ist oder nicht. Was haltet ihr von solchen Diskussionen?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Genau davor warnen mich meine Eltern immer. Dass alle blo&amp;szlig; nach den Defiziten suchen. Dass alle Fragen negativ ausgerichtet sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zum Beispiel?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Bei mir sind das Fragen &amp;uuml;ber meinen leiblichen Vater. Wo der ist und so. Aber das mag ich gar nicht. Lukas ist halt f&amp;uuml;r mich mein Vater.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Bei mir sind das Fragen zur Insemination. Ob ich gez&amp;uuml;chtet wurde. Ob man 20 000 Eizellen befruchtet und die mit dem coolsten Gencode genommen hat. Sehr witzig.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Stehen Familienkonstellationen wie eure in den Schulen auf dem Lehrplan?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Nell:&lt;/strong&gt; Bei mir in der Schule gar nicht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Das Thema geh&amp;ouml;rt auch nicht in die Schule.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Doch! In manchen Berliner Bezirken w&amp;auml;re das nicht schlecht. Klar, dann w&amp;uuml;rde man es zwar als etwas Besonderes behandeln. Aber manche wissen rein gar nichts &amp;uuml;ber alternative Lebensformen! Wie auch, wenn sie nicht so aufwachsen und nur ein Bild vorgelebt bekommen? Viele halten Homosexualit&amp;auml;t immer noch f&amp;uuml;r eine Krankheit.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; In einem meiner Schulb&amp;uuml;cher ging es um Steuern. Man sah ein Bild von einer traditionellen Familie und eins von einer Frau, die allein war mit ihrem Kind. Mittlerweile gibt es ein neues Buch, in dem auch gleichgeschlechtliche Familien abgebildet sind. So finde ich das gut: wenn das Thema einfach ganz selbstverst&amp;auml;ndlich erw&amp;auml;hnt wird. Man muss keine Extra-Stunde &amp;uuml;ber Homosexualit&amp;auml;t einf&amp;uuml;hren. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte: &lt;/strong&gt;Ich zweifle am Nutzen. Ich sehe die Aufgabe eher bei der Gesellschaft als bei der Schule. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia: &lt;/strong&gt;Aber da f&amp;auml;ngt es doch an! &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Mag sein, aber ich wei&amp;szlig; nicht, ob Leute anders denken, nur weil sie das mal in der Schule besprochen haben. Und wie manche Biolehrer &amp;uuml;ber Homosexualit&amp;auml;t reden &amp;hellip; das macht alles eher schlimmer!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Aber woher soll dann die Ver&amp;auml;nderung kommen?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Es wird schon werden, wart mal ab.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Schwierig wird&amp;rsquo;s, wenn ich an Kinder aus Migrantenfamilien denke. Ist doch auch logisch: Die leben in ihren Familien, mit ihren Freunden, woher soll da Ver&amp;auml;nderung kommen? Es wird doch gar nicht an sie rangekommen, die lesen keine Artikel dar&amp;uuml;ber. Also bleibt nur die Schule als Ort mit Einfluss. Zurzeit wird &amp;uuml;ber den Gesetzesentwurf zur steuerlichen Gleichstellung homosexueller Paare diskutiert. Angela Merkel hat gesagt, sie m&amp;ouml;chte &amp;raquo;die steuerliche Privilegierung der Ehe erhalten&amp;laquo;, weil sie glaubt, &amp;raquo;dass das mit gutem Grund gemacht wurde&amp;laquo;.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt; Malte:&lt;/strong&gt; Ha! Meine Mama hat gleich gesagt: &amp;raquo;Wenn du mit denen vom SZ-Magazin redest, haust du auf den Tisch, damit politisch Druck ausge&amp;uuml;bt wird!&amp;laquo; Mache ich hiermit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;K&amp;ouml;nnt ihr verstehen, dass es konservative Menschen gibt, die so etwas wie Angst vor anderen Lebensformen haben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; &amp;Uuml;&amp;uuml;&amp;uuml;berhaupt nicht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Rein statistisch hat doch schon die gro&amp;szlig;e Mehrheit der Deutschen gar keinen Stress mehr mit Homo-Ehen &amp;ndash; warum stellen sich dann trotzdem Politiker quer?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was glaubt ihr: Was treibt die an?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Na ja, als Staat spart man sich vielleicht Geld. Wenn die alle mehr Steuern zahlen m&amp;uuml;ssen &amp;hellip; Andere Vorteile kann ich nicht sehen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Mir v&amp;ouml;llig r&amp;auml;tselhaft. Es kann h&amp;ouml;chstens um ganz alte W&amp;auml;hler gehen, die sie nicht vergr&amp;auml;tzen wollen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Komisch, dass ausgerechnet Merkel so zur&amp;uuml;ckhaltend ist, oder? Obwohl doch mit Unterst&amp;uuml;tzung der Familienministerin Kristina Schr&amp;ouml;der auch eine Gruppe von CDU-Politikern f&amp;uuml;r die steuerliche Gleichstellung war. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Vor allem ist doch Frau Merkel selber nicht gerade eine Parade-CDU-Politikerin!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Aber die muss halt auch ihre Partei bedienen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Empfindet ihr es als Vorteil, in Regenbogenfamilien aufgewachsen zu sein? Worin k&amp;ouml;nnte der bestehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Einf&amp;uuml;hlungsverm&amp;ouml;gen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Ich habe den Eindruck, dass ich ein guter Zuh&amp;ouml;rer geworden bin.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Geht mir auch so.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Wir haben keine Angst vor Emotionen. Wir sind in Familien aufgewachsen, in denen sich Menschen Gedanken &amp;uuml;ber ihre Gef&amp;uuml;hle machen mussten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lisa, du hast jetzt sofort genickt. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Ja, ich glaube, ich kann voll gut zuh&amp;ouml;ren. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix:&lt;/strong&gt; Es ist schwer zu erkl&amp;auml;ren. Man denkt mehr &amp;uuml;ber Bindungen nach. Man macht sich mehr bewusst. Zum Beispiel, wenn ich Beziehungen anderer Eltern mitbekomme, die eigentlich nur noch wegen der Kinder zusammen sind, v&amp;ouml;llig lieblos. Auch deshalb finde ich das traditionelle Familienbild v&amp;ouml;llig daneben, der Mann ist der Starke und arbeitet &amp;hellip; so will ich nicht leben.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Malte:&lt;/strong&gt; Manchmal wird einem das aber auch als Schw&amp;auml;che ausgelegt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix: &lt;/strong&gt;Klar, ich werde auch oft als schwul bezeichnet. Vielleicht wirke ich ja sensibler.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mia:&lt;/strong&gt; Hm, ich frage mich gerade &amp;hellip; Ich hab bei meinem jetzigen Freund auch das Gef&amp;uuml;hl, dass es kein Problem gibt, das nicht auf den Tisch kommen k&amp;ouml;nnte. Er ist auch sehr offen. Ich wei&amp;szlig; nicht, ob das an seiner Kindheit liegt, an seiner Mutter &amp;ndash; er ist empathischer als andere.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Seid ihr heute daran gew&amp;ouml;hnt, euch andauernd erkl&amp;auml;ren zu m&amp;uuml;ssen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Lisa:&lt;/strong&gt; Na ja, man muss so viel wiederholen &amp;hellip; Wenn die Leute dadurch meinen Vater besser verstehen, macht es Spa&amp;szlig;. Aber immer wieder sagen zu m&amp;uuml;ssen, alles ist gut, alles ist ganz normal &amp;ndash; das ist schon m&amp;uuml;hsam.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;WAS IST EINE REGENBOGENFAMILIE?  &lt;br /&gt;So bezeichnet man Familien, in  denen mindestens ein Elternteil schwul, lesbisch, bisexuell oder  transgender ist. Strengere Definitionen sprechen nur dann von einer  Regenbogenfamilie, wenn beide Elternteile homosexuell sind. Seit 2009  wird das Wort im Duden gef&amp;uuml;hrt. Zurzeit leben in Deutschland mehr als  2000 Minderj&amp;auml;hrige als Kinder eingetragener Lebenspartnerschaften. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;ADOPTION UND PARTNERSCHAFT&lt;br /&gt;Seit 2001 d&amp;uuml;rfen homosexuelle Paare in  Deutschland heiraten (offizieller Begriff: sich verpartnern). Das  leibliche Kind des Partners zu adoptieren ist seit 2004 erlaubt. Das  adoptierte Kind eines Partners anzunehmen ist jedoch verboten. Es deutet sich an, dass das Bundesverfassungsgericht 2013 diese Regelung gro&amp;szlig;z&amp;uuml;giger interpretieren wird.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Ich fände es seltsam, wenn mein Vater eine Freundin hätte«</dc:subject>
    <dc:creator>Max Fellmann, Kerstin Greiner und Claudio Musotto (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-01-14T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37153">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37153</link>
    <title>Ganze Arbeit</title>
    <description>&lt;p&gt;Gro&amp;szlig;familien sind anstrengend? Der Inder Ziona Chana hat 39 Ehefrauen und 94 Kinder. Eigentlich ist in Indien die Polygamie verboten, doch Chanas Vater hat eine Sekte gegr&amp;uuml;ndet, die mehrere Ehefrauen toleriert.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/43077.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt; Mit den Namen kommt Ziona Chana manchmal durcheinander. Dass seine j&amp;uuml;ngste Tochter Hnamhlunengi hei&amp;szlig;t, wei&amp;szlig; er. Nur &amp;ndash; wo auf      dem Bild ist sie? &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Herr Chana, Sie haben 39 Ehefrauen. Wie kam es dazu?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ziona Chana:&lt;/strong&gt; Zathiangi, meine erste Frau, habe ich getroffen, da war ich 17 Jahre alt. Ich habe damals als Schreiner gearbeitet und hatte einen Auftrag bei ihrem Vater. Ich sah sie und verliebte mich sofort. Ich habe ihr in einem Brief meine Liebe gestanden, sie hat ihn gelesen und gel&amp;auml;chelt &amp;ndash; wenige Tage sp&amp;auml;ter haben wir unsere Hochzeit gefeiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben danach aber noch 38 Mal geheiratet.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, ich habe mich noch mal verliebt. Zu meinen besten Zeiten habe ich f&amp;uuml;nf Frauen an einem Tag geheiratet. Das waren Feste, das sage ich Ihnen! Es gab gekochtes H&amp;uuml;hnchen, Schwein und leckere Bambussprossen. Aus Liebe habe ich, ehrlich gesagt, aber nicht immer geheiratet, manchmal war es schlicht Pflichtgef&amp;uuml;hl. Die Frauen kamen zu mir und hielten um meine Hand an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist das in Indien normalerweise nicht umgekehrt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Frauen waren arm, und sie brauchten Essen und Unterkunft, durch eine Heirat mit mir bekommen sie beides. Ich bin zwar kein reicher Mann, aber ich habe genug Geld, um f&amp;uuml;r sie zu sorgen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Und deshalb haben Sie so oft Ja gesagt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich sehe es als meine Aufgabe, so vielen Frauen zu helfen wie nur m&amp;ouml;glich. Ich k&amp;uuml;mmere mich um sie und mache sie gl&amp;uuml;cklich. Nicht mehr und nicht weniger. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Auch in Indien nennt man das Polygamie. Und die ist verboten.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aber nur f&amp;uuml;r Hindus. Muslime d&amp;uuml;rfen mehrfach heiraten. Und die Mitglieder unserer christlichen Glaubensgemeinschaft Ziona Ka Pa auch. Mein Vater hat die Kirche mitgegr&amp;uuml;ndet und selbst siebenmal geheiratet. Ich mache also nichts Illegales. Ich k&amp;uuml;mmere mich nur um die, die sonst niemanden haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mit dem Staat gibt es deswegen keine Probleme?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Beh&amp;ouml;rden respektieren unsere Religion und mischen sich nicht ein. Sie schicken lediglich manchmal Sozialarbeiter, die uns &amp;uuml;ber Safer Sex informieren sollen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Genau dar&amp;uuml;ber wollten wir mit Ihnen auch noch sprechen.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&amp;Uuml;ber Sex?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ja.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eines muss ich hier klarstellen: Ich heirate nicht allein, um Sex zu haben. Meine Frauen schlafen in gro&amp;szlig;en S&amp;auml;len, die j&amp;uuml;ngste am n&amp;auml;hesten bei mir, die &amp;auml;lteste am weitesten weg. Wenn ich mit einer Frau intim werden will, frage ich tags&amp;uuml;ber meine &amp;auml;lteste Frau, und die wiederum fragt dann die j&amp;uuml;ngeren. Sie sagt ihnen, dass ich die Nacht mit ihnen verbringen will &amp;ndash; und im Normalfall sagen sie Ja. Wenn nicht, respektiere ich das. Ganz allein schlafe ich aber fast nie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Resultat rennt jeden Tag l&amp;auml;rmend durchs Haus: 94 Kinder. K&amp;ouml;nnen Sie die &amp;uuml;berhaupt noch auseinanderhalten?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Selbstverst&amp;auml;ndlich. Schlie&amp;szlig;lich habe ich ihnen die Namen ja selbst gegeben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wirklich? Wie hei&amp;szlig;t denn zum Beispiel Ihr 47. Kind?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Auf Anhieb wei&amp;szlig; ich das nicht. Ich merke mir die Namen ja nicht in der Reihenfolge, in der meine S&amp;ouml;hne und T&amp;ouml;chter geboren worden sind. Wenn ich das Kind sehe, wei&amp;szlig; ich aber sofort, wie es hei&amp;szlig;t. Meine j&amp;uuml;ngste Tochter zum Beispiel hei&amp;szlig;t Hnamhlunengi, sie ist ein Jahr alt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Mit Liebe und etwas Disziplin geht alles&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/43075.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Typisches Einfamilienhaus: Chana lebt mit seinen 180 Familienmitgliedern      in fast 100 Zimmern. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zu den 94 Kindern und 39 Frauen kommen 14 Schwiegert&amp;ouml;chter und 33 Enkel. Das ist ja eine ganze Horde, die Sie durchf&amp;uuml;ttern m&amp;uuml;ssen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r ein Abendessen brauchen wir in der Regel 30 H&amp;uuml;hner, 65 Kilo Kartoffeln und 110 Kilo Reis. Mit dem Kochen sind jeden Tag f&amp;uuml;nf andere Frauen dran, meine T&amp;ouml;chter helfen ihnen. Gegessen wird dann in Etappen: Die J&amp;uuml;ngsten essen zuerst, dann ihre &amp;auml;lteren Geschwister, am Ende ich zusammen mit meinen Frauen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und den Abwasch machen dann Sie?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein. Jeden Morgen bestimmen meine &amp;auml;lteren Ehefrauen, wer am Tag was machen muss, wer also kocht, wer putzt, wer absp&amp;uuml;lt. Und so wirds dann gemacht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und was passiert, wenn alle gleichzeitig aufs Klo m&amp;uuml;ssen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir haben zehn Badezimmer, jeder muss sich an festgelegte Zeiten halten, sonst endet das im Chaos. Mit Liebe und etwas Disziplin geht alles.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber es gibt doch sicher kleine Streitigkeiten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, absolut nicht. Meine Frauen sind wie Schwestern zueinander, da gibt es nie Streit. Sie wissen, dass das meine Gef&amp;uuml;hle verletzen w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Familie braucht Berge von Essen und Berge von Kleidung. Wie k&amp;ouml;nnen Sie sich das leisten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mir geh&amp;ouml;ren ein paar M&amp;ouml;belgesch&amp;auml;fte und Bananenplantagen. Gem&amp;uuml;se w&amp;auml;chst massenhaft in den umliegenden Bergen. Ich bin au&amp;szlig;erdem der B&amp;uuml;rgermeister des Dorfes und das Oberhaupt unserer Glaubensgemeinschaft, da bekomme ich oft Spenden. Und meine &amp;auml;ltesten S&amp;ouml;hne arbeiten, sie tragen auch ihren Teil zur Haushaltskasse bei.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sind jetzt 67 Jahre alt. Haben Sie schon genug Frauen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es ist nicht die Frage, ob ich schon genug habe, sondern ob Gott schon genug hat. Ich beuge mich seinem Willen. Vor zwei Jahren habe ich zum letzten Mal geheiratet: Simthiangni &amp;ndash; sie  war damals 26 Jahre alt. Sollte morgen aber eine neue Frau anklopfen, werde ich sie sicher nicht abweisen.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;---&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Namen des Herrn:&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ziona Chana ist das geistige Oberhauupt der christlichen Sekte Ziona Ka Pa, was &amp;raquo;Vater&amp;laquo; bedeutet. Gegr&amp;uuml;ndet wurde die Glaubensgemeinschaft 1942 von Chanas Vater und dessen Bruder. Die Mitglieder leben weitgehend isoliert von der Au&amp;szlig;enwelt in dem Dorf Baktawng im indischen Bundesstaat Mizoram. Sie glauben daran, dass die R&amp;uuml;ckkehr Christi kurz bevorsteht und dass das Sektenoberhaupt regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig mit Gott spricht. Polygamie ist erlaubt &amp;ndash; tats&amp;auml;chlich hat aber in Baktawng au&amp;szlig;er Ziona Chana nur ein anderer Mann ebenfalls mehrere Frauen: sein &amp;auml;ltester Sohn.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Ganze Arbeit</dc:subject>
    <dc:creator>Frederik Obermaier (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-03-16T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/35993">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/35993</link>
    <title>»Deutsche Frauen sagen nie das, was sie wirklich denken«</title>
    <description>&lt;p&gt;Die M&amp;auml;nner in diesem Land haben es nicht leicht: Viele von ihnen finden      deutsche Frauen zu hartherzig. Zu anstrengend, zu bestimmend. Deshalb heiraten sie immer h&amp;auml;ufiger Osteurop&amp;auml;erinnen oder      Asiatinnen. Und werden, man muss es so sagen, tats&amp;auml;chlich gl&amp;uuml;cklicher.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;Zhanna. Nachts, in seinem Hotelzimmer in Wei&amp;szlig;russland, gr&amp;uuml;belt Bernd, ob er sich verliebt hat. Und dar&amp;uuml;ber, was passieren w&amp;uuml;rde, wenn er &amp;ndash; nur mal angenommen &amp;ndash; Zhanna nach Deutschland kommen lie&amp;szlig;e. Was werden seine S&amp;ouml;hne sagen, die Freunde, die Nachbarn? Bernd hat sich vor dem Hotel von Zhanna verabschiedet, kein Kuss, nur ein stilles Einvernehmen, dass sie sich wiedersehen werden am n&amp;auml;chsten Tag. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zhanna kommt mit einer Freundin, zu dritt besichtigen sie die Innenstadt von Mogilev. Zhanna erkl&amp;auml;rt ihm alles auf Englisch, sie spricht gut. Bernd beobachtet sie. Sie ist Mitte 30, berufst&amp;auml;tig, geschieden, eine Tochter, die sie allein gro&amp;szlig;zieht. Eine interessante Frau mit langen Haaren, feminin angezogen mit kurzem Rock, enger Bluse und hohen Schuhen. Ganz normal f&amp;uuml;r Zhanna, so normal wie f&amp;uuml;r die meisten wei&amp;szlig;russischen Frauen. Ungew&amp;ouml;hnlich in Bernds Augen. Aber es gef&amp;auml;llt ihm. Sehr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bernd ist schon lange auf der Suche. Er ist Gesch&amp;auml;ftsmann, sieht nicht schlecht aus und verdient ganz gut. Seine Ehe mit einer Deutschen ist vor zehn Jahren gescheitert. Zehn Jahre hat er meist im Lokal gegessen, die Gebrauchsanleitung f&amp;uuml;r den Herd zu Hause liegt immer noch im unbenutzten Backofen. An den Wochenenden tigerte Bernd von Frau zu Frau.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er sagt, die &amp;raquo;endlosen Diskussionen&amp;laquo; h&amp;auml;tten ihm die Freude an den Frauen vermiest. Keine Z&amp;auml;rtlichkeit, keine Liebe. Bernd gibt die deutschen Frauen auf, sie sind einfach nicht sein Ding. Dann gibt ihm ein Freund einen Tipp, der ihn erst ins Internet, dann nach Mogilev und schlie&amp;szlig;lich geradewegs ins Standesamt f&amp;uuml;hrt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Interfriendship.de, eine Partnerb&amp;ouml;rse, ist spezialisiert auf Frauen aus Osteuropa. Auf der Startseite k&amp;ouml;nnen M&amp;auml;nner erst mal gucken &amp;ndash; umsonst. Fotos von Frauen aus Russland sind dort zu sehen, aus der Ukraine, demn&amp;auml;chst auch aus Polen. Sie zeigen Olga, 35 Jahre alt, zwei Kinder, oder Svetlana, 39 Jahre alt, ein Kind. F&amp;uuml;r das Foto haben sie die Haare sch&amp;ouml;n frisiert, dezentes Make-up. Sie suchen einen Mann &amp;ndash; einen deutschen. Zhannas Foto gefiel Bernd sofort, er machte N&amp;auml;gel mit K&amp;ouml;pfen. Ein kurzer Briefwechsel, und schon war Bernd unterwegs. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; 100 000 deutsche M&amp;auml;nner haben ein Passwort f&amp;uuml;r die Seite Interfriendship.de, 10 000 von ihnen sind zurzeit aktiv und schauen auf Olga, Svetlana oder Dana. Tats&amp;auml;chlich sind viel mehr M&amp;auml;nner auf der Suche, denn im Internet gibt es viele Adressen f&amp;uuml;r jene, die sich nach einer Frau aus Osteuropa umsehen. Und alle hoffen sie, eine Osteurop&amp;auml;erin bringe ihnen die Liebe zur&amp;uuml;ck.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Laut Statistischem Bundesamt haben 1989 rund 16 000 M&amp;auml;nner eine Ausl&amp;auml;nderin geheiratet, 2007 waren es fast 25 000. An erster Stelle stehen dabei die Polinnen, gefolgt von Thail&amp;auml;nderinnen und Ukrainerinnen. Dramatischer aber als diese Zahlen ist der Imagewandel, der sich vollzogen hat: Osteurop&amp;auml;erinnen gelten nicht mehr als Notl&amp;ouml;sung f&amp;uuml;r einen tumben Mann, der lieber eine Deutsche gehabt h&amp;auml;tte, aber leider keine abgekriegt hat. Und der, naiv, wie er nun mal ist, jetzt von einer Russin abgezockt wird. Auch jene werden weniger, die automatisch annehmen, eine Thail&amp;auml;nderin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, sei aus dem Katalog geordert oder per Bumsbomber aus Pattaya geholt worden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; David Glowsky hat Frageb&amp;ouml;gen an deutsche Ehem&amp;auml;nner und ihre thail&amp;auml;ndischen oder osteurop&amp;auml;ischen Frauen verschickt. Glowsky, Soziologe an der Freien Universit&amp;auml;t Berlin, wollte wissen, welcher deutsche Mann sich f&amp;uuml;r eine Partnerin aus Osteuropa oder Fernost entscheidet: Die meisten sind &amp;auml;lter als drei&amp;szlig;ig, und vierzig Prozent waren schon mal verheiratet, sie haben ein sicheres, wenn auch nicht &amp;uuml;ppiges Gehalt. Ihnen spielt das &amp;raquo;&amp;ouml;konomische Gef&amp;auml;lle der Herkunftsl&amp;auml;nder&amp;laquo; eine &amp;raquo;attraktivere, rund acht Jahre j&amp;uuml;ngere Partnerin&amp;laquo; in die Arme. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Inzwischen hat nicht mehr die Osteurop&amp;auml;erin oder Asiatin ein Imageproblem, sondern die deutsche Frau. Sie gilt h&amp;auml;ufig als hart, unnachgiebig, uncharmant. Das best&amp;auml;tigen auch die Untersuchungen David Glowskys, des Soziologen aus Berlin: Deutsche Frauen sind emanzipiert, ihr Beruf ist ihnen wichtig. M&amp;auml;nner dagegen bevorzugen die traditionelle Rollenverteilung: Die Frau darf kl&amp;uuml;ger und sch&amp;ouml;ner sein als sie, jedoch nicht gern selbstst&amp;auml;ndiger.  &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Zu schlecht gelaunt, zu schlampig angezogen, zu anspruchsvoll.&quot;]&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/35774.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Rolf und seine ukrainische Frau Natalya. Sie betreibt in Essen eine Partnervermittlung f&amp;uuml;r M&amp;auml;nner, die eine Frau aus der Ukraine suchen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eigentlich hatte Rolf, heute 56, gar nicht vor, eine Ukrainerin kennenzulernen. Es ist ihm einfach so passiert. Auf einer privaten Reise nach Kiew verliebte er sich in seine &amp;Uuml;bersetzerin. Seit acht Jahren sind die beiden verheiratet und haben drei Kinder. Vielleicht war alles doch kein Zufall, denn zum Zeitpunkt der Reise konnte Rolf seine Ehe und seine deutsche Frau l&amp;auml;ngst nicht mehr aushalten: &amp;raquo;Sie war immer so ichbezogen, die Familie war ihr egal.&amp;laquo; Mit Natalya, 21 Jahre j&amp;uuml;nger, sagt Rolf, gehe er durch dick und d&amp;uuml;nn. Natalya betreibt in Essen die Partnervermittlung &amp;raquo;Ukraine Natalya&amp;laquo; speziell f&amp;uuml;r deutsche M&amp;auml;nner, die auf der Suche sind nach einer ukrainischen Frau. Wenn Rolf, Angestellter in einer Versicherung, Zeit hat, hilft er seiner Frau in der Agentur oder h&amp;uuml;tet die Kinder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch Rolf ist angekommen, hat seinen Platz gefunden bei Natalya. &amp;raquo;Bei den deutschen Frauen ist es ja so: Die brauchen eigentlich keine M&amp;auml;nner mehr &amp;ndash; keine M&amp;auml;nner, die sie auch besch&amp;uuml;tzen, sie unterst&amp;uuml;tzen, die sie versorgen m&amp;uuml;ssen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Rolf ist entt&amp;auml;uscht. Auch Thomas ist entt&amp;auml;uscht. Viele deutsche M&amp;auml;nner sind entt&amp;auml;uscht &amp;ndash; von den deutschen Frauen: zu anspruchsvoll, zu schlecht gelaunt, zu kompliziert, zu schlampig angezogen, zu viele Bedingungen, zu wenig Sex. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Rolfs Frau Natalya hat durch die Arbeit in der Agentur viel &amp;uuml;ber die Bed&amp;uuml;rfnisse deutscher M&amp;auml;nner gelernt und viel &amp;uuml;ber die W&amp;uuml;nsche und Hoffnungen osteurop&amp;auml;ischer Frauen. Ukrainerinnen, sagt Natalya, erwarten von einem deutschen Mann vor allem, dass &amp;raquo;er ihr Blumen bringt, ihr die T&amp;uuml;r aufh&amp;auml;lt, sie einfach gl&amp;uuml;cklich macht&amp;laquo;. W&amp;uuml;nsche, die deutsche Frauen eher bel&amp;auml;cheln &amp;ndash; die aber zeigen, wie hart der Alltag dieser Frauen daheim ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit ukrainischen M&amp;auml;nnern sei nichts anzufangen, allzu viele f&amp;uuml;hrten sich wie Paschas auf, meint Natalya: Sie k&amp;uuml;mmern sich nicht um die Familie, hocken nur auf dem Sofa, gucken fern und lassen die Frauen arbeiten gehen. Nebenbei h&amp;auml;lt sich jeder zwei bis drei Freundinnen, das gilt als normal &amp;ndash; und wenn das einer Frau nicht passt, dann kann sie ja gehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Osteurop&amp;auml;ische Frauen haben gelernt, ihre Probleme und ihr Leben allein zu meistern. Sie gehen arbeiten, sie bringen ihre Familie durch &amp;ndash; wenn es sein muss, auch allein. Diese Frauen sind es vor allem, die sich auf die Suche nach einem netten Mann machen, toll muss er gar nicht aussehen, es reicht, wenn er nett zu ihnen ist und ihnen das Gef&amp;uuml;hl gibt, nicht allein zu sein. Daf&amp;uuml;r bekommt ein deutscher Mann eine Menge: eine meist praktisch veranlagte Frau, die ihn sicher durch die Wirren des Alltags leitet, zu ihm steht, sich nicht zu schade ist, beim B&amp;auml;cker putzen zu gehen, um ihren Teil beizusteuern. Und sie ist auch noch dankbar. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf Frauen aus Osteuropa trifft noch etwas zu, was es in Deutschland so gut wie nicht gibt: Es macht ihnen nichts aus, von oben nach unten zu heiraten. Viele von ihnen haben in ihrem Heimatland studiert, heiraten hier M&amp;auml;nner, die keinen Hochschulabschluss haben, und sind bereit, einen Job anzunehmen, der ihrer Ausbildung nicht entspricht. Das imponiert deutschen M&amp;auml;nnern. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hier heiratet eine Krankenschwester zwar einen Oberarzt, eine Ober&amp;auml;rztin jedoch keinen Pfleger. Und weder Krankenschwester noch Ober&amp;auml;rztin w&amp;uuml;rden im Normalfall putzen gehen, damit die Leasing-Rate f&amp;uuml;rs Auto bezahlt werden kann.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Frauen als Verf&amp;uuml;gungsmasse?&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/35772.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Daniel mit seiner thail&amp;auml;ndischen Frau Yuphin und der gemeinsamen Tochter. Die Feste im M&amp;uuml;nchner Wat-Thai-Tempel feiert er gern mit.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Daniel ist gern beim Tempelfest. Manche Ehem&amp;auml;nner liefern ihre Frauen nur vor dem Wat-Thai-Tempel ab und fahren dann gleich weiter. Daniel nicht. Sooft es geht, hilft er seiner Frau Yuphin, die thail&amp;auml;ndischen Feste vorzubereiten. Der Wat-Thai-Tempel ist ein gro&amp;szlig;es Einfamilienhaus in M&amp;uuml;nchner Stadtteil Giesing mit schmiedeeiserner Eingangst&amp;uuml;r und Veloursteppichen, ein bisschen Neureichenchic aus den Siebzigerjahren. Im Wohnzimmer steht der goldene Buddha-Altar, brennende Kerzen drum herum, es duftet nach Orchideen. Im gro&amp;szlig;en Keller des Hauses proben Thail&amp;auml;nderinnen den Tanz f&amp;uuml;r das Fest zu Buddhas Geburtstag, barfu&amp;szlig; auf dem Veloursteppich. Junge und &amp;auml;ltere Thai-Frauen falten die H&amp;auml;nde &amp;uuml;ber dem Kopf, das sieht auf Anhieb anmutig aus. Daniel steht mittendrin. In Bermudas und Poloshirt sieht er aus wie ein Tourist, der sich in Bangkok verlaufen hat. Doch statt die Kamera vor dem Auge hat er das Handy am Ohr. Daniel ist Servicetechniker. Mit seinem Kollegen am Telefon muss er lauter sprechen wegen der Musik. Yuphin kommt erst sp&amp;auml;ter in den Tempel. Ihre Arbeit als Hauswirtschafterin in einem Altenheim hat sie aufgehalten.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt; Yuphin war schon mal mit einem Deutschen verheiratet, bevor sie Daniel traf. Sie sah in dieser Ehe damals die einzige M&amp;ouml;glichkeit, ihre beiden S&amp;ouml;hne zu versorgen, die in Thailand geblieben sind &amp;ndash; thail&amp;auml;ndische M&amp;auml;nner fallen sehr oft als Ern&amp;auml;hrer der Familie aus, sie k&amp;uuml;mmern sich nicht. Doch Yuphins erster deutscher Mann hielt sie wie im K&amp;auml;fig, terrorisierte sie mit seiner Eifersucht. Sie lie&amp;szlig; sich scheiden, lernte dann erst Deutsch und suchte sich einen Job, schickte regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig Geld zu ihrer Mutter und ihren inzwischen erwachsenen S&amp;ouml;hnen nach Thailand. In einer Karaoke-Bar lernte sie Daniel kennen, einen Freund ihrer Freundin. Seit sieben Jahren ist Yuphin Daniels Frau, sie haben eine Tochter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Yuphin hat all die Attribute, die deutsche M&amp;auml;nner an Thai-Frauen m&amp;ouml;gen: Sie ist klein, zierlich, die Augen sind dunkel, die schwarzen Haare gl&amp;auml;nzen. Yuphin ist 44, sieben Jahre &amp;auml;lter als ihr Daniel. Ihm macht das gar nichts aus. Er sagt, er war nicht auf der Suche nach einer, die jung ist und h&amp;uuml;bsch. Er wollte jemanden, f&amp;uuml;r den das Geld &amp;raquo;nicht immer an erster Stelle steht&amp;laquo;, wie bei seinen deutschen Exfreundinnen. F&amp;uuml;r Yuphin wagte er den Schritt in die Ehe, denn sie ist &amp;raquo;stabil und liebevoll zugleich&amp;laquo; &amp;ndash; bei seiner thail&amp;auml;ndischen Frau f&amp;uuml;hlt er sich &amp;raquo;geborgen&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn Yuphin Zeit hat, will sie &amp;raquo;auch etwas f&amp;uuml;r Daniel machen, ihm ein sch&amp;ouml;nes Essen kochen&amp;laquo;. Das sch&amp;auml;tzt Daniel sehr. Und Zhanna hat gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland die Gebrauchsanweisung aus Bernds unbenutztem Backofen geholt, seither b&amp;auml;ckt und br&amp;auml;t sie. Das wiederum sch&amp;auml;tzt Bernd.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Rolf Pohl ist Sozialpsychologe an der Universit&amp;auml;t in Hannover, sein Forschungsobjekt ist der Mann an sich. Der Wissenschaftler hat herausgefunden, dass der Mann in seiner Sexualit&amp;auml;t &amp;raquo;schwach und abh&amp;auml;ngig&amp;laquo; ist und die Sexualit&amp;auml;t der Frau &amp;raquo;als Bedrohung&amp;laquo; empfindet wegen des m&amp;ouml;glichen Potenzverlustes. Pohl wei&amp;szlig; es nicht genau, aber er vermutet, dass Frauen aus Osteuropa und Fernost die &amp;raquo;Wunschposition der M&amp;auml;nner&amp;laquo; respektieren, und die besteht in einem &amp;raquo;unkomplizierten sexuellen Verh&amp;auml;ltnis, das sich den Bedingungen des Mannes f&amp;uuml;gt&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nicht dass Daniel, Bernd oder Rolf mit ihren Frauen &amp;uuml;ber Sex reden w&amp;uuml;rden. Begriffe wie &amp;raquo;Illusion der Kontrolle&amp;laquo;, die der Sozialpsychologe Rolf Pohl als Motivation deutscher M&amp;auml;nner annimmt, sind f&amp;uuml;r sie b&amp;ouml;hmische D&amp;ouml;rfer. Vielleicht w&amp;uuml;rden sie stattdessen sagen, der Sex mit ihren Frauen sei herrlich unkompliziert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und was suchen deutsche Frauen? Nun, vor allem weiterhin deutsche M&amp;auml;nner; laut Statistischem Bundesamt haben zwischen 1991 und 2009 insgesamt weniger deutsche Frauen einen ausl&amp;auml;ndischen Mann geheiratet als umgekehrt, und wenn sie einen Nicht-Deutschen geheiratet haben, dann meist einen US-Amerikaner, also einen, der sehr &amp;auml;hnlich tickt wie der Deutsche. Partneragenturen, die mit der Vermittlung ausl&amp;auml;ndischer M&amp;auml;nner an deutsche Frauen Geld verdienen, sucht man vergebens. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wor&amp;uuml;ber man kurz vor Schluss noch nachdenken k&amp;ouml;nnte: In den letzten Jahren gingen immer weniger deutsch-deutsche Ehen in die Br&amp;uuml;che, daf&amp;uuml;r lie&amp;szlig;en sich  immer mehr Deutsche von einer Ausl&amp;auml;nderin scheiden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Denn nat&amp;uuml;rlich gibt es deutsche M&amp;auml;nner, die glauben, eine osteurop&amp;auml;ische oder thail&amp;auml;ndische Frau sei ihre pers&amp;ouml;nliche Verf&amp;uuml;gungsmasse &amp;ndash; und das geht in der Regel schief, sagt Svenja Gerhard. Die Juristin und Familientherapeutin arbeitet beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften. Nach ihrer Erfahrung &lt;br /&gt; scheitern diese Ehen, weil die Frauen in ihrer neuen Heimat selbstbewusster und schlie&amp;szlig;lich fl&amp;uuml;gge werden. Sie &amp;uuml;berlegen sich dann, &amp;raquo;was ihnen am Leben gef&amp;auml;llt oder nicht gef&amp;auml;llt&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die deutschen Ehem&amp;auml;nner k&amp;ouml;nnen in so einem Fall schnell umdisponieren: Wenn die Ehe innerhalb der ersten beiden Jahre scheitert, greift Paragraf 31 des Aufenthaltsgesetzes &amp;ndash; stammt die Frau aus einem Nicht-EU-Land, wird sie ausgewiesen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Anmerkung: Der einleitende Absatz dieses Artikels wurde am 19.07.2011 auf Wunsch der darin vorgestellten Personen gestrichen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Deutsche Frauen sagen nie das, was sie wirklich denken«</dc:subject>
    <dc:creator>Karoline Amon</dc:creator>
    <dc:date>2011-07-14T17:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/35790">
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    <title>Auf und davon</title>
    <description>&lt;p&gt;Egal, wie gro&amp;szlig; die Liebe ist, irgendwann ist es f&amp;uuml;r alle Eltern und Kinder      so weit: Die einen m&amp;uuml;ssen raus, ihren eigenen Weg gehen. Und die      anderen m&amp;uuml;ssen lernen loszulassen. Drei Hausbesuche im entscheidenden      Augenblick.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/34683.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Als Simon, 22, von zu Hause auszog, atmeten alle auf. Auch er. Mitgenommen hat er: Spiegel, Zimmerpalme, Fernseher, St&amp;ouml;vchen, Teekanne.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Simon setzt die Espressokanne auf den Herd, daneben einen Topf Milch. Die hei&amp;szlig;e Milch sch&amp;auml;umt er so cremig wie im Caf&amp;eacute;. Ist das die gute Schule von zu Hause? &amp;raquo;Nein, &lt;br /&gt; da gab es nur Kaffee zum Runterdr&amp;uuml;cken&amp;laquo;, sagt er. Er w&amp;auml;scht Erdbeeren und stellt sie seiner sch&amp;ouml;nen schwarzhaarigen Freundin hin. Es ist zwei Uhr mittags, die beiden fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;cken und sind noch &amp;raquo;ein bisschen indisponiert&amp;laquo;, denn sie sind erst fr&amp;uuml;hmorgens nach Hause gekommen. Der Mitbewohner im Zimmer nebenan schl&amp;auml;ft noch. Das Fenster zur Stra&amp;szlig;e ist weit ge&amp;ouml;ffnet, warme Fr&amp;uuml;hlingsluft str&amp;ouml;mt herein und mit ihr Stimmengewirr und Tellergeklapper von der Stra&amp;szlig;e. Es sieht, alles in allem, etwas rustikal, aber sehr anst&amp;auml;ndig aus in der kleinen Wohnung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als Simon nach dem Abitur noch ein Jahr bei seinen Eltern lebte, gab es st&amp;auml;ndig &amp;Auml;rger: Er schlurfte ungeduscht, in Boxershorts und mit verquollenen Augen durch den Flur, wenn sein j&amp;uuml;ngerer Bruder Lorenz nachmittags aus der Schule kam und seine Eltern einen halben oder dreiviertel Arbeitstag hinter sich hatten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seine Eltern sind locker, wie die meisten heute. Aber wenn einer immer bis zwei pennt, wenn sich das dreckige Geschirr tagt&amp;auml;glich in der K&amp;uuml;che stapelt, nicht eingekauft ist, das Zimmer aussieht wie eine M&amp;uuml;llhalde, flippt auch eine lockere Mutter mal aus: &amp;raquo;Das fand ich Wahnsinn! Dass ein Mensch, der den ganzen Tag nichts zu tun hat, so lebt. Solang sie zur Schule gehen, ist man noch erziehungsbefugt&amp;laquo;, sagt Simons Mutter Hilde Gerner, die 49 ist, blonde wilde Locken hat und ein unb&amp;auml;ndiges Lachen. &amp;raquo;Und wenn sie dann mit der Schule fertig sind, beh&amp;auml;lt man diese Haltung bei, so schnell kommt man da gar nicht raus. Aber dann sagte er v&amp;ouml;llig &amp;uuml;berraschend zu mir: &amp;rsaquo;Lass mich in Ruhe&amp;lsaquo;&amp;laquo;. Sein Ziehvater, mit dem seine Mutter und er seit Simons sechstem Lebensjahr zusammenleben, sagt, dass es vor allem schwierig wurde mit Lorenz, dem 14-j&amp;auml;hrigen Bruder, f&amp;uuml;r den er immer das Vorbild war. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Simon, knapp zwanzig, war stolz, das Abitur bestanden zu haben, und dachte, er habe es sich verdient, zu tun und zu lassen, was ihm gefiel. &amp;raquo;Er strahlte aus: Ich hab doch alles gemacht, was man in meinem Alter von mir erwarten kann&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt der Ziehvater. Nach 14 Jahren Schule um acht Uhr morgens genoss er das Gef&amp;uuml;hl, endlich frei von Zw&amp;auml;ngen zu sein. Im November wollte er mit einem Freund f&amp;uuml;r drei Monate nach S&amp;uuml;damerika fahren &amp;ndash; warum also sollte er vorher eine Wohnung suchen und Miete bezahlen, wenn sie anschlie&amp;szlig;end drei Monate leer gestanden h&amp;auml;tte? Au&amp;szlig;erdem: Die Beziehung besonders zu seiner Mutter, die ihn allein erzogen hatte, als er klein war, war eng und harmonisch. Er sa&amp;szlig; gern mit ihr abends am K&amp;uuml;chentisch, und sie erz&amp;auml;hlten sich was. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch dann kam die Zeit, in der Simon mit der Schule fertig war und noch zu Hause wohnte, sie sich aber nicht mehr so gut verstanden. Obwohl seine Mutter nicht einmal besonders hohe Erwartungen an ihn hatte. &amp;raquo;Ich war nicht entt&amp;auml;uscht, habe das nicht als b&amp;ouml;se Absicht empfunden&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;ich war einfach genervt. Aber es interessiert Jugendliche nicht, was ihre Eltern f&amp;uuml;r sie tun. Sie kriegen das gar nicht mit. Sie verkonsumieren einen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Ungleichgewicht zwischen Eltern und Kindern ist selbstverst&amp;auml;ndlich, wenn die Kinder klein sind; nur wenn Pflichten auf der einen und Rechte und Anspr&amp;uuml;che auf der anderen Seite auch dann nicht ins Lot kommen, wenn die Kinder gr&amp;ouml;&amp;szlig;er sind als man selbst, zwei starke Arme und einen gesunden R&amp;uuml;cken haben und vielleicht noch eine Freundin oder einen Freund &amp;ndash; sp&amp;auml;testens dann kippt das gemeinsame Leben ins Unertr&amp;auml;gliche. &amp;raquo;F&amp;uuml;r sich ist man mit gro&amp;szlig;en Kindern im Haus nie&amp;laquo;, sagt Hilde Gerner, &amp;raquo;sie sind sehr Raum einnehmend, rumpeln in dein Schlafzimmer, wann immer sie etwas wollen. Aber wenn es um ihr Zimmer geht, verstehen sie keinen Spa&amp;szlig;. Das ist tabu.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Simon wusste nicht, ob er studieren sollte, und wenn doch, was. Vielleicht war er darum so leicht reizbar. Jedenfalls reagierte er empfindlich, wenn sich die Eltern beklagten. Oder er sagte: &amp;raquo;Regt euch nicht auf, ich zieh doch eh bald aus.&amp;laquo; Das alles, sagt seine Mutter, &amp;raquo;bei Vollpension. Wenn ich mich etwas angestrengt habe, konnte ich aber auch seine Sicht der Dinge verstehen. Er dachte: Mit denen kann man es kaum noch aushalten, die wollen immer was von mir&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jetzt, in seiner zweiten eigenen Wohnung, st&amp;ouml;rt Simon pl&amp;ouml;tzlich zu gro&amp;szlig;es Chaos. Manchmal, wenn er sein Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck wieder beim B&amp;auml;cker kaufen muss, weil nichts im K&amp;uuml;hlschrank ist, wird ihm klar, dass zu Hause immer Brot und Milch da waren; dass die W&amp;auml;sche frisch gewaschen dalag; dass kaputte Gl&amp;uuml;hbirnen ausgewechselt wurden und die Arbeitsplatte in der K&amp;uuml;che immer sauber war.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es hat eine Weile gedauert, bis diese Erkenntnisse dazu f&amp;uuml;hrten, dass es bei Simon jetzt gesch&amp;auml;umte Milch und frische Erdbeeren gibt. Simon sagt &amp;uuml;ber die Unordnung in seinem fr&amp;uuml;heren Zimmer: &amp;raquo;Ich habe mich da selbst unwohl gef&amp;uuml;hlt. Aber ich stand halt jeden Tag vor der Frage: R&amp;auml;ume ich das jetzt auf, oder gehe ich lieber? Da bin ich lieber gegangen.&amp;laquo; Seine Freundin sagt, dass es in seiner ersten Wohnung, in der er nur drei Monate blieb, schlimm aussah. Simon grinst. &amp;raquo;Da hatte ich endlich diese Riesenfreiheit! Konnte mein Geschirr &amp;uuml;berall stehen lassen, ohne dass jemand das kommentierte. Konnte mir nachts was zu essen machen oder mit dreckigen Schuhen durch den Flur laufen. Da stand ja zu Hause die H&amp;ouml;chststrafe drauf.&amp;laquo; Heute stellt er fest, wie viel Arbeit es spart, dreckige Schuhe auszuziehen. Er macht eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, hat eine 40- bis 60-Stunden-Woche und merkt, was es hei&amp;szlig;t, voll zu arbeiten, einzukaufen, zu putzen, zu waschen. &amp;raquo;Und das nur f&amp;uuml;r mich. Zu Hause waren wir ja zu viert&amp;laquo;, sagt er, anerkennend. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jetzt ruft Simon seine Mutter an, wenn er in der N&amp;auml;he ist, und fragt: &amp;raquo;Gibt es was zu essen?&amp;laquo; Wobei es ihm nicht in erster Linie ums Essen geht, sondern darum, sich zu sehen, zusammen am K&amp;uuml;chentisch zu sitzen, sich was zu erz&amp;auml;hlen. Vor dem letzten Muttertag hat Simon eine SMS geschickt: &amp;raquo;Gibt&amp;rsquo;s irgendeine Action?&amp;laquo; Als er erfuhr, dass nichts geplant war, hat er seinen Bruder und die Oma zusammengetrommelt, und schlie&amp;szlig;lich gingen sie zusammen mit seiner Mutter essen und schenkten ihr Bl&amp;uuml;mchen. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Man muss sich an das System der Mutter halten&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/34681.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Ein Bett, ein Tisch, ein B&amp;uuml;cherregal &amp;ndash; was braucht der Mensch mehr? Diese M&amp;ouml;bel hat Mara, 23, von zu Hause mitgenommen in ihre WG in Rosenheim.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Kindergarten waren Mara und Nele die Ersten unter den Gleichaltrigen, die sich selbst ihre Schuhe zubinden konnten. Stefanie Sammet, 47, eine gro&amp;szlig;e, schmale, sportliche Frau mit knallrot gef&amp;auml;rbten Haaren, hat ihren T&amp;ouml;chtern von klein auf Aufgaben gegeben: Staub saugen, W&amp;auml;sche aufh&amp;auml;ngen, ihr Zimmer sauber und ordentlich halten. Nicht, weil es M&amp;auml;dchen waren, sondern weil sie wollte, dass sie selbstst&amp;auml;ndig werden und ein Auge f&amp;uuml;r die Dinge bekommen, die im Haushalt erledigt werden m&amp;uuml;ssen. Sie hat daf&amp;uuml;r gesorgt, dass die M&amp;auml;dchen fr&amp;uuml;h ein eigenes Konto hatten und Taschengeld bekamen, von dem sie ihre S&amp;uuml;&amp;szlig;igkeiten und Kinokarten, aber auch die Monatskarte f&amp;uuml;r die U-Bahn und das Kopiergeld in der Schule bezahlen mussten. Damit sie den Umgang mit Geld lernten. Holger, der Vater der beiden M&amp;auml;dchen, sah das alles immer etwas lockerer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Stefanie Sammet hatte neben ihrer Zwei-Drittel-Stelle als &amp;Auml;rztin keine Lust, sich zur Servicekraft ihrer Kinder zu machen. Lieber hat sie die Konflikte ausgetragen, die deshalb entstanden, und sich durchgesetzt; lieber hat sie sich in ihrem Tatendrang gez&amp;uuml;gelt, wenn die Kinder ihre Arbeiten langsam oder nicht so perfekt verrichteten, wie sie selbst sie verrichtet h&amp;auml;tte. Sie hatte das Gef&amp;uuml;hl, ihren Kindern so sehr deutlich gemacht zu haben, was ihr wichtig ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als Mara, die &amp;Auml;ltere der beiden, das Abitur bestanden hatte, wusste sie nicht recht, welchen Beruf sie ergreifen sollte. Sie tendierte in die k&amp;uuml;nstlerische Richtung, dachte an Grafikdesign. &amp;raquo;Mara wusste, dass sie f&amp;uuml;r eine Bewerbung eine Mappe mit eigenen Arbeiten brauchte&amp;laquo;, sagt ihre Mutter, &amp;raquo;aber sie machte keine Mappe.&amp;laquo; Mara fiel es schwer, damit anzufangen, weil davon so viel abhing. Der Druck l&amp;auml;hmte sie, das konnte ihre energiegeladene, entscheidungsfreudige Mutter kaum aushalten.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Stefanie sah also zu, wie ihre Tochter in den Tag hinein lebte. Und es machte sie rasend. Darum trieb sie sie an, st&amp;auml;ndig. &amp;raquo;Ich wollte endlich mal frei sein, nichts auf dem Zettel haben&amp;laquo;, sagt Mara, &amp;raquo;nicht immer diesen Druck bekommen.&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Wir alle hatten unseren Rhythmus&amp;laquo;, sagt Stefanie, &amp;raquo;Nele ist noch zur Schule gegangen, abends kamen wir kaputt nach Hause, und dann war kein Brot da. Alle S&amp;auml;fte ausgetrunken. Die W&amp;auml;sche lag nass in der Maschine. Ich war so entt&amp;auml;uscht! Ich h&amp;auml;tte heulen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo; Mara sagt: &amp;raquo;Kannst du dir nicht vorstellen, dass man mal keine Lust darauf hat, das zu machen? Und es auch nicht tut?&amp;laquo; Stefanie sch&amp;uuml;ttelt den Kopf. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Mara erkl&amp;auml;rt, dass die Mutter ihr System hatte, es war ja ihre Wohnung, und wer in dieser Wohnung lebte, musste sich an ihr System halten, sie lie&amp;szlig; nicht locker. &amp;Uuml;ber allem schwebte immer ein Vorwurf. Warum sie sich nicht so verhalten hat, dass sie kein schlechtes Gewissen haben musste? Mara zuckt die Achseln und l&amp;auml;chelt. &amp;raquo;Das war eben einfach so in dieser Zeit. Ab einem bestimmten Alter denkt man, dass die Eltern nerven.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Und ab einem bestimmten Alter der Kinder denkt man, dass die Kinder nerven&amp;laquo;, sagt Stefanie. Maras Freund hatte eine eigene Wohnung. Dort war sie oft, wollte aber nicht bei ihm einziehen, weil sie sich wieder an ein System h&amp;auml;tte anpassen m&amp;uuml;ssen. Aber ihre Mutter habe ziemlich Druck gemacht. &amp;raquo;Sie hat gesagt, ich soll auf eigenen F&amp;uuml;&amp;szlig;en stehen, am liebsten in einer anderen Stadt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann beschloss Stefanie, Mara kein Taschengeld mehr zu geben. Sie fand, sie k&amp;ouml;nnte sich einen Job suchen, wenn sie schon keine Bewerbungsmappe machte. Holger, ihr Mann, war entsetzt! &amp;raquo;Wie herzlos du bist&amp;laquo;! Ergebnis: Das Thema Geldverdienen f&amp;uuml;hrte bei Maras Eltern zu einer mittleren Ehekrise. Aber Stefanie setzte sich durch &amp;ndash; und Mara suchte sich einen Job als Redaktionsassistentin. Stand morgens auf, ging aus dem Haus. &amp;raquo;Von da an lief es viel besser&amp;laquo;, sagt Stefanie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit eineinhalb Jahren studiert Mara Innenarchitektur und lebt in Rosenheim in einer WG mit zwei anderen Studentinnen. &amp;raquo;Ich habe das Gef&amp;uuml;hl, dass ich von uns dreien die Selbstst&amp;auml;ndigste bin&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Ich warte nicht bis zum Wochenende, um meine W&amp;auml;sche nach Hause mitzunehmen. Ich habe mir eine Waschmaschine gekauft.&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Und ich hab ihr dazu geraten&amp;laquo;, sagt Stefanie. Die beiden lachen. Sie wirken fast wie Freundinnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Wochenende f&amp;auml;hrt Mara oft nach M&amp;uuml;nchen, denn das sonnt&amp;auml;gliche Familienfr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck mit lauter Musik von Gloria Estefan, frischen Semmeln und Gespr&amp;auml;chen, das fehlt ihr. &amp;raquo;Ich bin ein Familienmensch&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Und manchmal wird mir jetzt bewusst, dass ich nicht mehr ein selbstverst&amp;auml;ndlicher Teil der Familie bin, weil ich nicht mehr alles mitbekomme. Das finde ich schade.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Maras j&amp;uuml;ngere Schwester Nele hat gerade Abitur gemacht und ist auf Reisen; Ibiza, dann Thailand. Stefanie sagt: &amp;raquo;Es ist jetzt so ruhig bei uns. Fr&amp;uuml;her war immer was los. Da denkt man schon, dass man das gar nicht genug zu sch&amp;auml;tzen gewusst &amp;ndash; und nur die Schuhe gesehen hat, die st&amp;auml;ndig im Weg standen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Nicht mal Milch f&amp;uuml;r den Kaffee ist morgens da&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/34682.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt; Was man hier nicht sieht: Louisa, 19, ist im Grunde sehr ordentlich. Sie lebt noch bei ihrer Mutter. Aber wenn sie auszieht, nimmt sie sicher den grauen Spind mit.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Louisa, 19, kocht Kaffee in der gro&amp;szlig;en K&amp;uuml;che einer riesigen Altbauwohnung. Mit gesch&amp;auml;umter Milch. Sie f&amp;uuml;llt Leitungswasser in einen Krug und stellt ihn auf den Tisch. Auch eine aufmerksame Gastgeberin, darin sind diese gro&amp;szlig;en Kinder alle ganz gut. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Louisa hat seit einem Jahr Abitur, 2,1. Sie wollte nach Hamburg gehen, aber dann wurde ihr geraten, Jura in dem Bundesland zu studieren, in dem sie Abitur gemacht hat. Also Bayern. Sie blieb zu Hause wohnen, studierte ein Semester Jura und merkte, dass das nicht das Richtige war. &amp;raquo;Die Perspektive, mein Leben lang in diesem Rahmen zu denken, hat mich abgeschreckt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun wartet sie auf einen Studienplatz in Politik und Psychologie. So lang wohnt sie zu Hause. Es l&amp;auml;uft gut mit ihrer Mutter, sagt sie. Sie liebt ihre Mutter, und sie darf sozusagen alles. Au&amp;szlig;erdem liegt die Wohnung wunderbar, mitten im Glockenbachviertel. Fr&amp;uuml;her haben sie hier zu f&amp;uuml;nft gelebt, mit dem Vater und den zwei gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren Br&amp;uuml;dern, die 28 und 29 Jahre alt sind. Seit Jahren sind die Eltern getrennt und die Br&amp;uuml;der ausgezogen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Louisas Zimmer ist tipptopp aufger&amp;auml;umt. Sie hat es gern ordentlich, sonst f&amp;uuml;hlt sie sich nicht wohl. Manchmal allerdings, wenn sie viel unterwegs ist, bildet sich ein Haufen. Ein Kleid, eine Handtasche, wieder ein Kleid, wieder eine Handtasche und so weiter. Louisa arbeitet f&amp;uuml;nf Stunden am Tag in der Nachbarschaftshilfe, kauft f&amp;uuml;r alte Leute ein und macht ihnen den Haushalt. Am Wochenende geht sie nat&amp;uuml;rlich aus, die ganze Nacht, und zum Vorgl&amp;uuml;hen kommen die Freunde oft zu ihr, in die sch&amp;ouml;ne K&amp;uuml;che. Sie rauchen, weil man das in Kneipen ja nicht mehr darf, und trinken J&amp;auml;germeister, und wenn ihre Mutter in die K&amp;uuml;che kommt, kann sie sich einen bl&amp;ouml;den Spruch nicht verkneifen. &amp;raquo;Meine Mutter weigert sich zu begreifen, dass J&amp;auml;germeister kein Alkiges&amp;ouml;ff mehr ist. Ich nehme ihr das nicht &amp;uuml;bel, und wir verstehen uns super.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Louisa findet, sie sollte ausziehen. Ihre Freunde fragen: &amp;raquo;Warum? Bei dir w&amp;uuml;rde ich nie ausziehen, deine Mutter ist endchillig.&amp;laquo; Aber sie sagt, sie gew&amp;ouml;hne sich viel zu sehr daran, &amp;raquo;so gepampert zu werden. Ich muss mal ein h&amp;auml;rteres Leben kennenlernen.&amp;laquo; Sie kocht gern und wei&amp;szlig;, dass sie Zutaten benutzt, die sie sich von ihrem eigenen Geld niemals leisten k&amp;ouml;nnte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie z&amp;auml;hlt all die Vorteile auf, die sie genie&amp;szlig;t: Die Wohnung hat Parkett und einen Balkon. Louisa schmei&amp;szlig;t gedankenlos Sachen in die W&amp;auml;sche und zieht die Kleider ihrer Mutter an. &amp;raquo;Es ist halt immer alles da, und meine Mutter hat einen guten Geschmack.&amp;laquo; Ihre Mutter bringt frische Blumen mit, im Bad stehen Shampoo und Zitronenduschgel von Weleda, das Altglas wird entsorgt. Sie liebt es, wenn ihre Mutter sagt: Vergiss die Regenjacke nicht. Oder dass sie sie fragen kann, welche Schuhe am besten zum Kleid aussehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber wenn sie nach einer langen Nacht nach Hause kommt, ist ihre Mutter besorgt und fragt, ob sie viel geraucht und getrunken hat. Also schleicht Louisa zur Haust&amp;uuml;r rein und denkt: &amp;raquo;Ich w&amp;uuml;rde gern kommen k&amp;ouml;nnen, wann ich will, und keine Kommentare h&amp;ouml;ren.&amp;laquo; Manchmal steht ihre Mutter samstagsfr&amp;uuml;h um sieben Uhr auf, wenn Louisa gerade ins Bett gefallen ist, wirft die Saftmaschine an, irrsinnig laut, und macht Gem&amp;uuml;sesaft. Wenn sie dann noch in Louisas Zimmer schaut und fragt: &amp;raquo;M&amp;ouml;chtest du auch Saft?&amp;laquo;, denkt Louisa, sie geh&amp;ouml;rt nicht mehr in eine Wohnung mit ihrer Mutter. Sie kann sich nicht beklagen, sagt sie, und das ist vielleicht genau das Problem. Aus ihrer Sicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und ihre Mutter? Die ist 49, sieht aber mit ihren langen blonden Haaren und blitzenden Z&amp;auml;hnen j&amp;uuml;nger aus. Ihr erstes Kind hat sie mit 19 bekommen. Als die Jungs auszogen, hat sie P&amp;auml;dagogik studiert und unterrichtet nun an einer Berufsfachschule. Sie arbeitet viel, hat einen Haufen Freunde und ist gerade Gro&amp;szlig;mutter geworden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach den vielen Jahren mit der gro&amp;szlig;en Familie h&amp;auml;tte sie gern manchmal ihre Ruhe. Es w&amp;auml;re sch&amp;ouml;n, sagt sie, jederzeit im Nachthemd durch die Wohnung laufen zu k&amp;ouml;nnen, ohne fragen zu m&amp;uuml;ssen: Ist jemand da? Kommt noch jemand? Es w&amp;auml;re sch&amp;ouml;n, mal den bl&amp;ouml;den Krimi im Fernsehen gucken zu k&amp;ouml;nnen, ohne zu diskutieren, wie bl&amp;ouml;d er ist. Es w&amp;auml;re sch&amp;ouml;n, wenn morgens, nach dem Aufstehen, Milch f&amp;uuml;r den Kaffee da w&amp;auml;re und Louisa sie nicht mit Freunden zusammen ausgetrunken h&amp;auml;tte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Louisa ist nun das letzte Kind, das sie verabschieden wird, sie ist ge&amp;uuml;bt darin. &amp;raquo;Aber wenn ich jetzt gehe, ist meine Mutter zum ersten Mal im Leben allein&amp;laquo;, sagt Louisa. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Auf und davon</dc:subject>
    <dc:creator>Gabriela Herpell</dc:creator>
    <dc:date>2011-06-02T17:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Wir können unsere Biografien nicht umschreiben</title>
    <description>&lt;p&gt;Im Sommer 2010 reiste Andreas Wenderoth mit seinem Vater Horst zum fr&amp;uuml;heren Haus der Familie in Langebr&amp;uuml;ck bei Dresden. Dort trafen sie Gunter Strienz, der das Haus vor &amp;uuml;ber vierzig Jahren gekauft hatte. Mit dem Text, den Andreas Wenderoth f&amp;uuml;r unser Heft Nr. 37/2010 &amp;uuml;ber den Besuch schrieb, war Gunter Strienz allerdings nicht einverstanden. Lesen Sie hier seine ausf&amp;uuml;hrliche Replik.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Sommer des Jahres 2010 erhielt ich unerwarteten Besuch. Ich war gerade in unserem Garten, als Herr Horst Wenderoth, von dessen Mutter ich im Juli 1968 dieses Grundst&amp;uuml;ck gekauft habe, vor mir stand. An seiner Seite sein Sohn Andreas Wenderoth, der - so wurde er mir vorgestellt - das gro&amp;szlig;elterliche Grundst&amp;uuml;ck zum ersten Male sah. Er wolle seinem Sohn &amp;bdquo;nur mal zeigen, wo wir wohnten&quot;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Daraufhin machten wir einen Rundgang durch den Garten. Es ging im Wesentlichen um Erinnerungen, wie das Grundst&amp;uuml;ck einmal beschaffen war und darum, wie es jetzt beschaffen ist. So zeigte ich etwa die Reste des Wurzelstubben einer gro&amp;szlig;en Buche, die es im &amp;Uuml;brigen bereits nicht mehr gab, als ich das Grundst&amp;uuml;ck kaufte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Gespr&amp;auml;ch empfand ich als durchaus angenehm. Der Sohn Andreas Wenderoth&amp;nbsp; beteiligte sich kaum. Er h&amp;ouml;rte zu und schrieb statt dessen &amp;uuml;ber diesen Besuch im Magazin der renommierten &amp;bdquo;S&amp;uuml;ddeutschen Zeitung&amp;ldquo;, Nr. 37 vom 17. September 2010. Er reflektiert darin &amp;ndash; aus seiner Sicht &amp;ndash; auch &amp;uuml;ber den Zustand der inneren Einheit unseres Landes, und was er da &amp;uuml;ber mich schreibt, ist weniger angenehm. Er nennt mich in seinem Artikel Herr Fendrich. Das tut wenig zur Sache. Wo ich wohne ist klar, und damit auch wer damit gemeint ist. Schlie&amp;szlig;lich wird der Ort Langebr&amp;uuml;ck im Klartext genannt, und dass die Familie Wenderoth in unserem Haus wohnte, ist zumindest alteingesessenen Langebr&amp;uuml;ckern wohlbekannt. Und: Auch in Langebr&amp;uuml;ck liest man &amp;uuml;berregionale Zeitungen&amp;nbsp; .&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Autor Andreas Wenderoth f&amp;uuml;hrt mich nicht freundlich ein: &amp;bdquo;....Treffen wir auf Herrn Fendrich, der in eine Blechkanne Blaubeeren pfl&amp;uuml;ckt und &amp;uuml;ber eine schmale Brille den unangek&amp;uuml;ndigten Besuch mit deutlich ged&amp;auml;mpfter Begeisterung mustert (es waren &amp;uuml;brigens keine Blaubeeren, sondern schwarze Johannisbeeren; Blaubeeren wachsen nicht an gro&amp;szlig;en Str&amp;auml;uchern). Das kann ich gut ertragen, schlie&amp;szlig;lich will ich dem Autor die Freiheit lassen, wen er sympathisch findet und wen nicht. Doch es kommt schlimmer. Offenbar soll es wohl eine Hinf&amp;uuml;hrung zu dem Kernsatz sein, den er &amp;uuml;ber mich schreibt: &amp;bdquo;So m&amp;uuml;ssen wir ihn nachtr&amp;auml;glich bedauern, dabei ist er es ja, der uns das Haus nahm&amp;ldquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wahrlich starker Tobak! Dagegen wehre ich mich. Er relativiert diese b&amp;ouml;se Unterstellung gleich im n&amp;auml;chsten Satz: &amp;bdquo;Nun, vielleicht nicht er pers&amp;ouml;nlich, sondern eher das System DDR, das mein Vater sein ganzes Leben lang gehasst hat&amp;ldquo;. Doch es bleibt mindestens, ich sei der Erf&amp;uuml;llungsgehilfe des &amp;bdquo;Systems DDR&amp;ldquo; . Und das weise ich entschieden zur&amp;uuml;ck. Ich war kein Parteig&amp;auml;nger dieses Systems. Zu keiner Zeit war ich Mitglied der SED. Vielmehr war ich ein Kritiker dieses Systems und dies nicht nur heimlich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bei den Wahlen zur Volkskammer und bei den Kommunalwahlen ging ich stets in die Wahlkabine und stimmte gegen die Einheitsliste, die sozialistische Verfassung der DDR von 1968 habe ich ebenso abgelehnt (&amp;uuml;brigens wenige Wochen, bevor ich das Langebr&amp;uuml;cker Haus kaufte), den Dienst mit der Waffe in der Volksarmee habe ich verweigert, wir Eltern haben untersagt, dass unsere Kinder am Wehrkundeunterricht teilnehmen (und siehe da, die Schule hat das akzeptiert). Keines unserer vier Kinder hat an der Jugendweihe teilgenommen, teilweise als einziges Kind des Jahrgangs. Ich war engagiert in inoffiziellen Gespr&amp;auml;chsgruppen, habe in der Kirchentagsarbeit mitgewirkt, im Herbst 1989 war ich Teilnehmer an den Friedensgebeten in der Dresdener Kreuzkirche, geh&amp;ouml;rte zu den ersten Demonstranten, als sich die friedliche Revolution anbahnte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als in unserer Gemeinde Langebr&amp;uuml;ck im Jahre 1989 ein &amp;ouml;kologisch unsinniges Tanklager errichtet werden sollte, geh&amp;ouml;rte ich zu denen, die diesem Vorhaben widerstanden. Und ein sehr kleines Mosaiksteinchen habe ich auch dazu beigetragen, dass dieses Vorhaben fiel. Um die Ausbildungschancen unserer Kinder mussten wir bei den staatlichen Beh&amp;ouml;rden beharrlich k&amp;auml;mpfen, was uns schlie&amp;szlig;lich &amp;ndash; auch mit Hilfe der evangelischen Kirche &amp;ndash; gelang. Dennoch habe ich nie mit dem Gedanken gespielt, die DDR zu verlassen. Auch bin ich stolz darauf, dass keines unserer Kinder einen Ausreiseantrag gestellt hat. Vielmehr ging es darum, das Leben in der DDR ertr&amp;auml;glicher zu machen und der allt&amp;auml;glichen Verlogenheit zu widerstehen. &amp;bdquo;Suchet der Stadt Bestes&amp;ldquo;, dieses Wort aus dem Buch Jeremia des Alten Testaments war gleichsam ein Leitmotiv unseres Lebens in der DDR.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Autor meint, seinem Vater ein schlechtes Gewissen einreden zu m&amp;uuml;ssen, weil er &amp;bdquo;die Frist, in der er Restitutionsanspr&amp;uuml;che h&amp;auml;tte geltend machen k&amp;ouml;nnen, schlicht verschlafen&amp;ldquo; habe. In Wirklichkeit wollte er wohl damit mir ein schlechtes Gewissen machen. H&amp;auml;tte er damit recht, w&amp;auml;re das f&amp;uuml;r mich h&amp;ouml;chst unehrenhaft. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Doch dieser Gedanke einer Restitution ist schlicht absurd. Davon abgesehen: Es ist nicht glaubhaft, dass ein Mann, der Rundfunkredakteur war, also im &amp;ouml;ffentlichen Leben stand, einfach die Frist vers&amp;auml;umte. Nein, er wird es genau gewusst haben, f&amp;uuml;r eine Restitution gab es mitnichten eine wirkliche Begr&amp;uuml;ndung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Frau Wenderoth wollte das Haus verkaufen, sie musste es nicht. Sie wollte nach Westberlin umsiedeln, sie musste es nicht. Nat&amp;uuml;rlich war es ihr gutes Recht, zu ihrem Sohn nach Berlin zu ziehen (meine Mutter, einige Jahre sp&amp;auml;ter, hat sich auch daf&amp;uuml;r entschieden, in die Bundesrepublik umzusiedeln). Frau Wenderoth hat es mir selbst gesagt, sie sei von Freunden so beraten worden, das Haus zu verkaufen. Dann m&amp;uuml;sse sie keinen Verwalter einsetzen und habe keinen &amp;Auml;rger mit staatlichen Beh&amp;ouml;rden der DDR. Statt dessen h&amp;auml;tten ihre Freunde ihr empfohlen, eine Restkaufhypothek im Grundbuch eintragen zu lassen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So ist es auch geschehen. Und das war durchaus eine Vereinbarung zum gegenseitigen Vorteil. Dies hatte ich auch in unserem Gespr&amp;auml;ch erw&amp;auml;hnt. Dass die hohen Zinsen daf&amp;uuml;r eine starke Belastung f&amp;uuml;r meine bald gro&amp;szlig;e Familie waren, m&amp;ouml;ge der Autor verstehen (er erw&amp;auml;hnt diesen Punkt in seinem Artikel). Ich wei&amp;szlig; nicht, ob Herr Andreas Wenderoth eine realistische Vorstellung hat, wieviel ich als junger Diplom-Ingenieur in der DDR verdiente. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jedenfalls mussten wir streng haushalten. Das Haus zu verkaufen, war ausdr&amp;uuml;cklich keine Bedingung f&amp;uuml;r Frau Wenderoths Ausreise in den Westen. So hat sie es auch bei der Verkaufsverhandlung vor der Notarin erkl&amp;auml;rt. Und so steht es denn auch im Kaufvertrag vom 30. Juni 1968: &amp;ldquo;Ich will das Grundst&amp;uuml;ck verkaufen. Ich beabsichtige, sp&amp;auml;ter meinen Wohnsitz zu ver&amp;auml;ndern&amp;ldquo;. Dass dort Westberlin nicht erw&amp;auml;hnt ist, erkl&amp;auml;rt sich einfach aus der &amp;uuml;blichen Zensur &amp;ndash; und Selbstzensur. Im &amp;Uuml;brigen kaufte ich das Grundst&amp;uuml;ck durchaus nach einem &amp;uuml;blichen rechtsstaatlichen Verfahren: Ein zugelassener Makler hat den Kauf vermittelt, es lag eine g&amp;uuml;ltige Sch&amp;auml;tzurkunde eines Bausachverst&amp;auml;ndigen vor und der Kauf wurde von einer Notarin abgewickelt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als ich das Haus kaufte, wollte ich eine Familie gr&amp;uuml;nden ; wenige Tage nach dem Kauf heiratete ich denn auch. Nat&amp;uuml;rlich wollten wir recht bald eine eigene Wohnung haben. Wohnungen waren f&amp;uuml;r junge Familien Mangelware. Darauf musste man Jahre warten. Die bevorstehende Ausreise von Frau Wenderoth nach Westberlin war deshalb die entscheidende Voraussetzung f&amp;uuml;r den Kauf. Ich verband damit die Hoffnung, bald eine eigene Wohnung zu bekommen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es gab viele Freunde, die mich vor dem Kauf gewarnt haben. Einen solchen Kauf mache man in der DDR einfach nicht, so der Tenor. Mietgrundst&amp;uuml;cke &amp;ndash; und als solches z&amp;auml;hlte das Langebr&amp;uuml;cker Grundst&amp;uuml;ck &amp;ndash; unterstanden der staatlichen Wohnungsverwaltung. Sprich: der Staat bestimmte, wer darin wohnt. Au&amp;szlig;erdem k&amp;ouml;nne man bei der notorischen Mangelwirtschaft in der DDR, wo kaum Handwerker und zugeh&amp;ouml;riges Material zu erlangen waren, ein Grundst&amp;uuml;ck nur schwer erhalten, jedenfalls nicht kostendeckend. Mieten setzte der Staat fest, und sie waren au&amp;szlig;erordentlich niedrig. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Langebr&amp;uuml;cker Haus gab es zum Zeitpunkt des Kaufs au&amp;szlig;er der Wohnung der Eigent&amp;uuml;merin zwei Mietwohnungen, deren Mieter nat&amp;uuml;rlich meine Mieter wurden: Eine Wohnung, 93qm Mietpreis 70 M; die andere Wohnung, 60qm, Mietpreis 61M. Darin war ein Gro&amp;szlig;teil der Nebenkosten sogar eingeschlossen: Wasser (unabh&amp;auml;ngig vom Verbrauch), Schornsteinfeger, M&amp;uuml;llabfuhr, Grundsteueranteil. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wahrlich, davon konnte man kein Mietgrundst&amp;uuml;ck erhalten. Daraus erkl&amp;auml;rt sich auch, dass es f&amp;uuml;r Mietgrundst&amp;uuml;cke fast keinen Markt gab. Insofern galt im privaten Bereich auch in der DDR durchaus das Marktgesetz von Angebot und Nachfrage. W&amp;auml;hrend es f&amp;uuml;r Mietgrundst&amp;uuml;cke kaum Nachfrage gab, weil sie v&amp;ouml;llig unrentabel waren, wurden etwa f&amp;uuml;r alte und gebrauchte Autos Fantasiesummen gar &amp;uuml;ber dem Neupreis geboten &amp;ndash; und bezahlt. So gab es f&amp;uuml;r das Langebr&amp;uuml;cker Haus au&amp;szlig;er mir keinen weiteren Bewerber, jedenfalls kenne ich keinen, und das Haus stand schon l&amp;auml;nger zum Verkauf (die Sch&amp;auml;tzurkunde des Bausachverst&amp;auml;ndigen datiert vom Februar 1967).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Sachlage ist doch einfach und klar: Frau Wenderoth als Verk&amp;auml;uferin und ich als K&amp;auml;ufer hatten Priorit&amp;auml;ten gesetzt und wir haben daraufhin unter den obwaltenden Bedingungen Entscheidungen getroffen, die wir f&amp;uuml;r richtig hielten. Und wir haben daf&amp;uuml;r den geforderten Preis bezahlt; damit meine ich nicht nur, nicht mal zuv&amp;ouml;rderst, den monet&amp;auml;ren Aspekt. Was wir damals entschieden und f&amp;uuml;r richtig erachtet haben, dazu m&amp;uuml;ssen wir auch heute stehen. Wir k&amp;ouml;nnen unsere Biografien nicht umschreiben, nur weil sich die Verh&amp;auml;ltnisse ge&amp;auml;ndert haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Kritiker des Hauskaufs sollten &amp;uuml;brigens zun&amp;auml;chst recht behalten; an eine eigene Wohnung im eigenen Hause war lange nicht zu denken. Die Ausreise der Frau Wenderoth verz&amp;ouml;gerte sich. Nicht, dass sich die Bearbeitung ihres Antrages so lange hinzog &amp;ndash; die DDR lie&amp;szlig; Rentner, soweit sie nicht prominent waren, willf&amp;auml;hrig in den Westen ziehen, ersparte sie sich doch so die Rentenzahlung. Nein, sie hat, anders als zugesagt, gez&amp;ouml;gert, den Antrag zu stellen. Und als ein Jahr nach dem Hauskauf unsere erste Tochter geboren wurde, lebten wir immer noch in einem zwar gro&amp;szlig;en doch mit schweren M&amp;ouml;beln und ausgestopften Tieren der Frau Wenderoth vollgestellten Zimmer. K&amp;uuml;chenbenutzungszeiten teilte uns Frau Wenderoth zu (heute sehe ich es ihr freundlich nach; sie f&amp;uuml;hlte sich eben noch als Eigent&amp;uuml;merin). Also eine erhabene Zeit war das nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Endlich, im Oktober 1969, zog Frau Wenderoth nach Westberlin. Aber die Kritiker behielten noch lange recht. Bis 1980 mussten wir warten, bis uns die staatliche Wohnungsverwaltung die Zuweisung &amp;ndash; so der Terminus technicus &amp;ndash; erteilte. Der Schriftverkehr um mehr Wohnraum mit staatlichen Stellen &amp;uuml;ber all die Jahre f&amp;uuml;llt einen dicken Ordner. Gegen den Staat konnten wir nicht klagen; in der DDR gab es keine Verwaltungsgerichtsbarkeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dabei hatten wir seit 1978 vier kleine Kinder und lebten in zwei Zimmern, und das bei st&amp;auml;ndigen Bauma&amp;szlig;nahmen; die gesamte Haustechnik des betagten Hauses befand sich in einem desolaten Zustand. Wir mussten uns behelfen, richteten eine Veranda zu Wohn- und Schlafzwecken her, bauten eine Bodenkammer aus. In dieser Zeit waren au&amp;szlig;er Geld in besonderer Weise folgende Tugenden vonn&amp;ouml;ten und zwar &amp;ndash; in dieser Reihenfolge &amp;ndash; unabl&amp;auml;ssiger Flei&amp;szlig;, Improvisation wider die T&amp;uuml;cken der Planwirtschaft und handwerkliches Geschick. Verwandte und Freunde, auch Mieter des Hauses halfen uns in dieser schweren Zeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;An einer Stelle seines Beitrages schreibt der Autor , dass mir &amp;bdquo;wohl fast ein Millionenobjekt in den Scho&amp;szlig; fiel&amp;ldquo;. Das redet er sich sch&amp;ouml;n! Einen K&amp;auml;ufer, der fast eine Million EUR daf&amp;uuml;r bietet, den m&amp;ouml;ge er mir beibringen. Er hat wohl dabei auch nicht bedacht, dass es im Osten Deutschlands einen betr&amp;auml;chtlichen Wohnungsleerstand gibt und dies auch im Dresdener Umland, in dem es vergleichsweise wirtschaftlich gut bestellt ist. In den drei s&amp;auml;chsischen Bezirken (seit 1952 gab es in der DDR keine L&amp;auml;nder mehr) lebten 1968, also zum Zeitpunkt des Kaufes, ca. 5,4 Mill. Einwohner, heute leben noch ca. 4,5 Mill. in Sachsen. Und das wirkt sich bekanntlich wesentlich mindernd auf die Preise aus. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Was aber viel wichtiger ist: Was meint wohl der Autor, was das Grundst&amp;uuml;ck heute wert w&amp;auml;re ohne ein komplett neues denkmalgerechtes Schieferdach, ohne v&amp;ouml;llig erneuerter Fassade einschlie&amp;szlig;lich sanierter Sandsteingew&amp;auml;nde, ohne Abwasseranschluss an das &amp;ouml;ffentliche Netz, ohne komplett neue Elektro &amp;ndash;und Sanit&amp;auml;rinstallation, ohne vollst&amp;auml;ndig erneuerte denkmalgesch&amp;uuml;tzte Einfriedung des Grundst&amp;uuml;cks, ohne moderne Heizung, ohne neue Sanit&amp;auml;reinrichtungen, ohne neue Parkettfu&amp;szlig;b&amp;ouml;den in fast allen R&amp;auml;umen des Hauses, ohne sanierte Schornsteine, ohne W&amp;auml;rmed&amp;auml;mmung des Daches und der gesamten Kellergew&amp;ouml;lbe, ohne Solaranlage, Garage, Wintergarten und Terrasse, ohne liebevolle und behutsame Pflege erhaltenswerter Details? Hat der Autor das wirklich nicht bedacht? Und hat er bedacht, dass wir das Grundst&amp;uuml;ck zwar im eigenen Interesse, gleichwohl aber auch denkmalgesch&amp;uuml;tzten Wohnrum gepflegt und erhalten haben? &amp;bdquo;Eigentum verpflichtet&amp;ldquo;, so steht es im Artikel 14 des Grundgesetzes.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Autor erw&amp;auml;hnt noch, dass ich meinen Besuchern gern noch das Haus von innen gezeigt h&amp;auml;tte. Doch daf&amp;uuml;r habe&amp;nbsp; mir die Zeit gefehlt. &amp;bdquo;Beides glauben wir ihm nicht....&amp;ldquo; Ich hatte jedoch wenig Zeit, schlie&amp;szlig;lich war es ein nicht angek&amp;uuml;ndigter Besuch. Dennoch habe ich eine sp&amp;auml;tere Besichtigung des Hauses angeboten. Das wei&amp;szlig; ich genau, und ich habe es ehrlich gemeint.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein Letztes: Auf dem Covertext des Magazins&amp;nbsp; der &lt;em&gt;S&amp;uuml;ddeutschen&lt;/em&gt; lese ich &amp;bdquo;Deshalb haben wir unsere Autoren auf eine Reise mit ihren V&amp;auml;tern geschickt. Ein Heft &amp;uuml;ber ein ganz besonderes Verh&amp;auml;ltnis.&amp;ldquo; Es lag also offenbar von vornherein in der Absicht des Autors, von diesem Besuch &amp;ouml;ffentlich zu berichten. Ich meine, der Anstand h&amp;auml;tte es geboten, mir dies zu sagen. Es w&amp;auml;re wohl ein ganz anderes Gespr&amp;auml;ch geworden. Ein notwendiges Gespr&amp;auml;ch. Warum hat der Autor nicht die Dinge angesprochen, die er jetzt verbreitet? Wir sollten uns unsere Geschichten erz&amp;auml;hlen und gut aufeinander h&amp;ouml;ren. Auf dass wir unsere unterschiedlichen Beweggr&amp;uuml;nde kennenlernen und bedenken k&amp;ouml;nnen; Empathie tut not. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch ich habe ein solch notwendiges Gespr&amp;auml;ch letztlich vers&amp;auml;umt. Stattdessen beschreibt der Autor A. Wenderoth in einer der angesehensten Zeitungen Deutschlands &amp;uuml;ber diesen Besuch und bedient darin das Klischee des ostdeutschen Einheitsgewinners. Das zu tun, ist um kein Deut besser als das Klischee vom besserwisserischen und habgierigen Westdeutschen zu verbreiten. Dem Zusammenleben der Deutschen im neu vereinigten Deutschland, der inneren&amp;nbsp; Einheit, hat der Autor keinen guten Dienst erwiesen. Wir befinden uns, 20 Jahre nach Erringung der Einheit, immer noch in den &amp;ldquo;M&amp;uuml;hen der Ebene&amp;ldquo;. Es gibt noch viel zu tun.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Horst Wenderoths Anwort auf das Schreiben von Gunter Strienz&quot;]&lt;br /&gt;Sehr geehrter Herr Strienz,&lt;br /&gt;die &lt;em&gt;S&amp;uuml;ddeutsche Zeitung&lt;/em&gt; hat Ihren Brief an meinen Sohn weiter geleitet, der ihn mir aush&amp;auml;ndigte. Zun&amp;auml;chst einmal bedauere ich es nat&amp;uuml;rlich, dass der Artikel meines Sohnes Ihren Unwillen erregte. Sie haben sich Ihre Kritik wahrlich nicht leicht gemacht, indem Sie fast Ihre Autobiografie vorlegten. Es finden sich darin durchaus Passagen, die meine Zustimmung, meinen Beifall, ja meine Bewunderung ausl&amp;ouml;sen. Zum Beispiel Ihre Verweigerung des Dienstes in der Volksarmee mit der Waffe. Das erinnert mich stark an meinen gegl&amp;uuml;ckten Versuch in den 40er Jahren, mich der Einberufung zur Wehrmacht zu entziehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie erw&amp;auml;hnen eingangs unseren &amp;bdquo;unerwarteten Besuch&amp;ldquo;. Das war so nicht beabsichtigt. Ich habe vielmehr von Berlin aus mehrmals versucht, Sie anzurufen, um unseren Besuch anzuk&amp;uuml;ndigen. Das schlug leider fehl, weil die Telefon-Auskunft au&amp;szlig;erstande war, mir Ihre Nummer mitzuteilen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zur Sache: Die Bedingung des Staates f&amp;uuml;r seine Zustimmung der Ausreise meiner Mutter nach Westberlin, war ganz klar an den Verkauf des Hauses gekn&amp;uuml;pft. Man nennt das schlicht N&amp;ouml;tigung, deutlicher, Erpressung. Dieser hat sich meine Mutter beugen m&amp;uuml;ssen. Und zwar zu den Bedingungen des SED-Regimes, die nat&amp;uuml;rlich seinen Interessen und nicht irgendwelchen freien Marktgesetzen folgten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie erw&amp;auml;hnen einen Makler, die &amp;bdquo;g&amp;uuml;ltige Sch&amp;auml;tzurkunde&amp;ldquo; eines Bausachverst&amp;auml;ndigen und schlie&amp;szlig;lich eine Notarin, um damit Verkauf und Kauf des Hauses einen legitimen Anstrich zu geben. Welche wirkliche Bedeutung Makler, Bausachverst&amp;auml;ndige und Notare in der DDR in solchen F&amp;auml;llen spielten, ist wirklich hinl&amp;auml;nglich bekannt: Sie alle waren mehr oder minder willige oder auch insgeheim andersdenkende Erf&amp;uuml;llungsgehilfen des totalit&amp;auml;ren Regimes, das sie anleitete und zu dessen Bedingungen sie ihr Brot verdienen mu&amp;szlig;ten. In meinen Augen war dies alles Scheinlegalit&amp;auml;t. Man legte aus guten Gr&amp;uuml;nden ja bis zuletzt immer noch gro&amp;szlig;en Wert auf eine demokratische Fassade. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Selbstverst&amp;auml;ndlich haben Sie pers&amp;ouml;nlich am ganz offensichtlichen Betrug keinerlei Schuld. Niemand wird Ihnen wegen dieses Hauskaufs zu DDR-Konditionen Vorw&amp;uuml;rfe machen, nur weil diese Konditionen Ihre Kaufabsicht beg&amp;uuml;nstigten. Kurz: Ich h&amp;auml;tte in Ihrer Situation ebenso gehandelt. Fraglos sind Sie zu einem &amp;auml;u&amp;szlig;erst preiswerten, um nicht zu sagen, stark verbilligten Haus gekommen und zwar ganz &amp;bdquo;legal&amp;ldquo;.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Sie selbst schreiben ja v&amp;ouml;llig korrekt, dass Verk&amp;auml;uferin und K&amp;auml;ufer des Hauses ihre Entscheidungen unter den &amp;bdquo;obwaltenden Bedingungen&amp;ldquo; trafen. Sie waren und sind, ob gewollt oder nicht, nat&amp;uuml;rlich ein Nutznie&amp;szlig;er eben dieser &amp;bdquo;obwaltenden Bedingungen&amp;ldquo;.&lt;br /&gt;Was das Haus meiner Eltern Ende der 60er Jahre unter den Bedingungen eines wirklich freien, demokratischen Immobilienmarktes gekostet h&amp;auml;tte, steht dahin, aber ganz gewi&amp;szlig; viel mehr als Sie bezahlt haben und, ebenso gewi&amp;szlig;, viel weniger als es heute, auch dank Ihrer Investitionen, wert ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich erfuhr sp&amp;auml;ter, eher beil&amp;auml;ufig, dass die Bundesregierung in solchen F&amp;auml;llen finanzielle Ausgleichszahlungen gew&amp;auml;hrt. Als ich mich daraufhin zu einem Anwalt begab, er&amp;ouml;ffnete mir dieser, ich k&amp;auml;me leider zu sp&amp;auml;t, der Termin f&amp;uuml;r diese M&amp;ouml;glichkeit sei bereits verstrichen. Damals habe ich mich wegen meiner Fahrl&amp;auml;ssigkeit sehr ge&amp;auml;rgert. Aber damit hatte sich f&amp;uuml;r mich die Sache erledigt. &amp;Uuml;brigens habe ich nie mit dem Gedanken gespielt, irgendwie um die R&amp;uuml;ckgabe des Hauses zu k&amp;auml;mpfen. Diese h&amp;auml;tte au&amp;szlig;erhalb meiner finanziellen M&amp;ouml;glichkeiten gelegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie schreiben, Sie h&amp;auml;tten nie mit dem Gedanken gespielt, die DDR zu verlassen Sie seien stolz darauf, dass keines Ihrer Kinder einen Ausreiseantrag gestellt hat. Es sei Ihnen vielmehr darum gegangen, das Leben in der DDR ertr&amp;auml;glicher zu machen. Das haben damals viele geglaubt, zu viele, besonderes Mitglieder der Blockparteien.&lt;br /&gt;Es erwies sich leider immer deutlicher als Hirngespinst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich jedenfalls habe alles daran gesetzt, schon 1949 die sowjetische Besatzungszone zu verlassen, die ja im gleichen Jahr in DDR umbenannt wurde. Zu &amp;auml;hnlich fand ich die Bedingungen des Lebens unter den Nazis und den Kommunisten. Ich war 23 Jahre alt als ich die SBZ verlie&amp;szlig; und musste nicht erst Jahrzehnte &amp;auml;lter werden um zu begreifen, da&amp;szlig; die DDR nicht der Staat war, in dem ich mein Leben verbringen wollte. Ich stimme &amp;uuml;brigens voll mit der &amp;Uuml;berschrift Ihres Briefes &amp;uuml;berein: &amp;bdquo;Wir k&amp;ouml;nnen unsere Biografien nicht umschreiben&amp;ldquo;. Ich f&amp;uuml;ge hinzu: Und wir sollten es auch nicht versuchen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie haben viel in mein Elternhaus investiert: Geld, Zeit und jede Menge k&amp;ouml;rperliche und geistige Arbeit. Sie haben das alte Haus technisch aufger&amp;uuml;stet und auf den neuesten Stand gebracht. Dar&amp;uuml;ber freue ich mich und bin Ihnen dankbar. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Ihr langes Schreiben auch viele Hinweise enth&amp;auml;lt, dass Sie und Ihre Familie es verdienen, in so einem sch&amp;ouml;nen Haus zu leben.&lt;br /&gt;Mit freundlichen Gr&amp;uuml;&amp;szlig;en,&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Horst Wenderoth&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Die Antwort von Gunter Strienz auf den Brief Horst Wenderoths&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sehr geehrter Herr Wenderoth,&lt;br /&gt;Ihren freundlichen Brief habe ich erhalten, und ich bedanke mich daf&amp;uuml;r. &amp;Uuml;ber diesen pers&amp;ouml;nlichen Brief habe ich mich sehr gefreut. Sie bringen mir darin viel Verst&amp;auml;ndnis entgegen, und ich habe das gute Gef&amp;uuml;hl, wir treten nun doch noch miteinander in das notwendige Gespr&amp;auml;ch ein. Gemessen an der Ver&amp;ouml;ffentlichung Ihres Sohnes haben Sie f&amp;uuml;r mich doch einiges wieder zurecht ger&amp;uuml;ckt, und Sie haben das einf&amp;uuml;hlsam getan. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Als Dissens bleibt Ihre Aussage, Ihre Mutter habe als Bedingung f&amp;uuml;r ihre Ausreise nach Westberlin das Langebr&amp;uuml;cker Haus verkaufen m&amp;uuml;ssen. Dem kann ich nicht zustimmen. Lassen Sie mich die Gr&amp;uuml;nde daf&amp;uuml;r vorbringen. Was Ihre Mutter zu diesem Punkte mir gesagt hatte, dar&amp;uuml;ber schrieb ich ja bereits. Daran erinnere mich genau. Erinnerungen sind dann genau, wenn sie mit Bildern verbunden sind. Ich erinnere mich an dieses Gespr&amp;auml;ch, es fand in dem sch&amp;ouml;nen Wohnzimmer Ihrer Mutter statt - es ist auch heute unser Wohnzimmer -, als ich das Haus zum ersten Mal innen betrat. Mein Blick schweifte zur sch&amp;ouml;nen Veranda und zum Garten hinaus und genau w&amp;auml;hrend dieses Gespr&amp;auml;chs entschied ich f&amp;uuml;r mich, den Kauf dieses Hauses ernsthaft zu erw&amp;auml;gen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich hatte keinen Anla&amp;szlig;, an der Aussage Ihrer Mutter, sie wolle das Haus aus freiem Willen verkaufen, zu zweifeln. Auch kenne ich kein einziges Beispiel daf&amp;uuml;r, dass ein Rentner als Bedingung f&amp;uuml;r seine Ausreise sein Grundst&amp;uuml;ck verkaufen musste. Nat&amp;uuml;rlich wei&amp;szlig; ich von solchen N&amp;ouml;tigungen, aber in anders gelagerten F&amp;auml;llen. Sie betrafen etwa Personen, die in der Folge des Helsinki-Prozesses die Ausreise beantragten, indem sie sich auf die auch von der DDR unterschriebene Schlussakte beriefen, insbesondere auf den sogenannten Korb 3, der die Beachtung b&amp;uuml;rgerlicher Grundrechte enthielt; diese Schlussakte wurde 1975 unterzeichnet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch ergibt es keinen rechten Sinn, wenn die DDR einerseits zum Verkauf n&amp;ouml;tigt, aber andererseits - wie geschehen -&amp;nbsp; die Eintragung einer sehr wesentlichen Restkaufhypothek im Grundbuch toleriert. Eine Hypothek ist ja ihrem Sinne nach ein Grundpfandrecht, also ein Recht an einem Grundst&amp;uuml;ck. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schlie&amp;szlig;lich ist f&amp;uuml;r mich eine N&amp;ouml;tigung zum Verkauf deshalb unlogisch, weil Ihre Mutter die Ausreise deutlich nach dem Verkauf beantragt hat. Den genauen Termin kenne ich zwar nicht, es war aber erst im Jahre 1969, also zu einem Zeitpunkt, als der Kaufvertrag staatlicherseits l&amp;auml;ngst genehmigt war und die entsprechenden Eintr&amp;auml;ge im Grundbuch erledigt waren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich erw&amp;auml;hne diese Sachverhalte nur der Vollst&amp;auml;ndigkeit halber. Im Grunde sind sie mir nicht mehr so wichtig. Denn Sie haben mir glaubhaft erkl&amp;auml;rt, Ihnen habe nie der Sinn nach einer Restitution gestanden (was ja eine R&amp;uuml;ckf&amp;uuml;hrung der Eigentumsverh&amp;auml;ltnisse bedeutet h&amp;auml;tte), vielmehr h&amp;auml;tten Sie eine Entsch&amp;auml;digung von der Bundesregierung erwirken wollen - was ich Ihnen geg&amp;ouml;nnt h&amp;auml;tte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch ist in Ihrem Brief nicht mehr die Rede davon, dass ich Ihnen &amp;bdquo;das Grundst&amp;uuml;ck nahm&amp;ldquo;. Im Gegenteil: Sie schreiben, dass meine Familie und ich es verdienen, in so einem sch&amp;ouml;nen Haus zu leben. Genau darauf kam es mir an. F&amp;uuml;r diese Klarstellungen danke ich Ihnen nochmals ausdr&amp;uuml;cklich. Und ich r&amp;auml;ume gern ein: Dass Sie dar&amp;uuml;ber traurig sind, wie sich die Dinge entwickelt haben, das kann ich verstehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Geschichte dieses Hauses, in die Sie und ich verwoben sind, belegt exemplarisch: 20 Jahre nach der Einheit Deutschlands gibt es immer noch Verletzungen und Irritationen, es gibt aber gleichwohl wachsendes Verst&amp;auml;ndnis f&amp;uuml;reinander.&lt;br /&gt;Mit freundlichen Gr&amp;uuml;&amp;szlig;en&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gunter Strienz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Wir können unsere Biografien nicht umschreiben</dc:subject>
    <dc:creator>Gunter Strienz und Horst Wenderoth</dc:creator>
    <dc:date>2011-02-18T11:13:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34678">
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    <title>Als wir wieder auf die Straße treten, beschleicht ihn ein merkwürdiges Gefühl</title>
    <description>&lt;p&gt;Unterwegs in Sachsen: Andreas Wenderoth erlebt, wie sein Vater die Orte seiner Vergangenheit besucht - und lernt ein paar grundlegende Wahrheiten (nicht nur &amp;uuml;ber sein Leben)&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28276.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;Mein Vater ist f&amp;uuml;nfzig, noch bester Gesundheit, als er eines Abends mit Hang zur dramatischen Geste, in abgehackten Bewegungen, ungelenk wie ein Greis &amp;uuml;ber das Stabparkett des Wohnzimmers schlurft, uns mit aufgerissenen Augen anschaut und mit d&amp;uuml;nner Stimme sagt: &amp;raquo;Erschreckend, nicht wahr?&amp;laquo; Er will schon mal klarmachen, was auf uns zukommen wird, sp&amp;auml;ter. Wenn es so weit ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zum Gl&amp;uuml;ck kam es anders. 34 Jahre danach. Er sitzt im Auto und steuert auf seinen Heimatort Langebr&amp;uuml;ck im Norden Dresdens zu. Auf dem Sitz neben ihm, Beifahrer seines Lebens: ich. Er sagt: &amp;raquo;Dass wir dazu 45 Jahre brauchen w&amp;uuml;rden!&amp;laquo; Nat&amp;uuml;rlich sch&amp;auml;me ich mich ein bisschen, dass der Ansto&amp;szlig; f&amp;uuml;r diese Reise von au&amp;szlig;en kam. Dass ich mich der Heimat meines Vaters nicht eher mit geb&amp;uuml;hrendem Interesse gen&amp;auml;hert habe. Zugleich freue ich mich, dass dieser Ausflug in seine Vergangenheit eine sp&amp;auml;te Chance gibt, nachzuholen, was ich bisher vers&amp;auml;umt habe. Wir freuen uns beide. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Aber bitte keine Psychoanalyse!&amp;laquo;, sagt er. &amp;ndash; &amp;raquo;Du liest es ja sowieso&amp;laquo;, beruhige ich ihn. Er liest alle meine Manuskripte. Es wird schwer sein, ihm ausgerechnet dieses vorzuenthalten. Ich wei&amp;szlig; nicht, wer wem damit den gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren Gefallen tut, aber sicher ist, dass er es auch deshalb gern macht, weil er sich in diesen Momenten wieder als Journalist f&amp;uuml;hlen darf, der er seit seiner Pensionierung nicht mehr ist. Weil er seinem Sohn so auf bestimmte Weise noch n&amp;auml;her ist, sozusagen als Kollege. So haben wir beide etwas davon: ich seinen in der Regel immer noch scharfen Blick, er das Gef&amp;uuml;hl, gebraucht zu werden und den Nachhall eines Berufs, in dem er gl&amp;uuml;cklich war. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mein Vater tr&amp;auml;gt eine kakifarbene Weste, eine Hose ebensolcher Farbe und die wei&amp;szlig;en Haare sehr kurz. Das H&amp;ouml;rger&amp;auml;t ist justiert, er ist bester Laune, aufgekratzt wie immer, wenn er die Nebel seiner Jugenderinnerungen l&amp;uuml;ften darf. &amp;raquo;Jetzt f&amp;auml;llt mir wieder was ein!&amp;laquo; Je weiter die Geschichten zur&amp;uuml;ckliegen, desto treffsicherer wird er. Bringt er im aktuellen Leben schon mal etwas durcheinander, seinem Langzeitged&amp;auml;chtnis macht niemand was vor. Seitdem vier Byp&amp;auml;sse frisches Blut durch sein Herz pumpen, kann sich sein Sohn nicht daran erinnern, ihn &amp;uuml;berhaupt schon einmal g&amp;auml;hnen gesehen zu haben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umgekehrt ist das anders. Er hat nie ganz verstanden, wieso ich mir keine Geschichtsdaten merken kann. &amp;raquo;Du wei&amp;szlig;t nicht, wann die erste Schlacht bei Tannenberg war?&amp;laquo; Und so freut er sich auch heute wie ein kleines Kind, wenn er scheinbar Versch&amp;uuml;ttetes wieder aufdeckt. Eine Art R&amp;uuml;ckversicherung: Die Zahnr&amp;auml;der greifen, die Maschine l&amp;auml;uft noch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eigentlich fahre ich nicht so gern mit ihm Auto. Er sagt, als Autofahrer k&amp;ouml;nne man ihm nichts vormachen. Ich glaube, er &amp;uuml;bersch&amp;auml;tzt sich. Alle zaghaften Versuche, ihn &amp;uuml;ber meine Mutter zum Aufh&amp;ouml;ren zu bewegen, sind gescheitert. &amp;raquo;Das Auto lasse ich mir nicht nehmen&amp;laquo;, beharrt er. Nicht, dass er aggressiv fahren w&amp;uuml;rde, eher ist es so, dass er die anderen in die Aggressivit&amp;auml;t treibt. &amp;raquo;Also, ich fahr gem&amp;uuml;tlich, kein Rennen.&amp;laquo; In der Regel kommt es mir so vor, f&amp;auml;hrt er so langsam, dass er den Hintermann zu riskanten &amp;Uuml;berholman&amp;ouml;vern verleitet. Manchmal empfinde ich auch die Abst&amp;auml;nde zu den Seitenspiegeln als deutlich zu gering. Und, dass er es zuweilen nicht so genau mit der Spur nimmt. Ich habe den Eindruck, er f&amp;auml;hrt gern zwischen den Spuren. &amp;raquo;Was verstehst du vom Autofahren?&amp;laquo;, sagt er, wenn ich zu leiser Kritik anhebe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dagegen kann ich wenig einwenden: Ich habe das Autofahren vor etwa zehn Jahren aufgegeben &amp;ndash; aus Mangel an Talent und Routine. Das letzte Mal, als ich am Lenkrad sa&amp;szlig;, habe ich in Hamburg mit einem Leihwagen eine rote Fu&amp;szlig;g&amp;auml;ngerampel &amp;uuml;bersehen. Gut, ich hab noch abbremsen k&amp;ouml;nnen, aber etwa zwei Dutzend Menschen waren berechtigterweise aufgebracht und machten mit den H&amp;auml;nden allerlei Zeichen, die ich als eher unhanseatisch empfand. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er h&amp;auml;lt das Lenkrad fest in der Hand, als er sagt: &amp;raquo;Ich sehe keinerlei Probleme in unserer Beziehung.&amp;laquo; Mein Hang zur Unordnung, nun gut. &amp;raquo;Das hast du weder von mir noch von deiner Mutter!&amp;laquo; Bis heute notiert er sich, welche B&amp;uuml;cher oder CDs er mir wann geliehen hat. Hin und wieder treffen auch Mahnschreiben ein. &amp;raquo;Und, dass du immer noch keine Frau hast.&amp;laquo; Eigentlich will er sagen: er keine Enkel. Auf eine kleine Schw&amp;auml;che seines Sohnes anspielend: &amp;raquo;Ob dir deine Hi-Fi-Anlage auf Dauer gen&amp;uuml;gt &amp;hellip;&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich konfrontiere ihn mit einem Satz, der von ihm stammt, mich nachhaltig gepr&amp;auml;gt hat, und von dem er jetzt meint, er w&amp;uuml;rde ihn so nicht mehr aufrechterhalten. Als ich vielleicht zw&amp;ouml;lf Jahre alt war und noch wenig &amp;uuml;ber die Welt der Erwachsenen wusste, hatte er mich, wer wei&amp;szlig; in welcher Stimmung, beiseite genommen und gesagt: &amp;raquo;Junge, die Ehe ist keine zeitgem&amp;auml;&amp;szlig;e Institution!&amp;laquo; Das hat er nun davon. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Jetzt wollen wir zum Spa&amp;szlig; mal das Navi anwerfen.&amp;laquo; Das Toyota Navigationsger&amp;auml;t ist seit Langem die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te technische Herausforderung im Sp&amp;auml;therbst seines Lebens. Vier Jahre war es ungenutzt im Wagen, jeder Sichtkontakt eine Dem&amp;uuml;tigung, mein Vater mit der Bedienung heillos &amp;uuml;berfordert. Heute &amp;uuml;berraschend: &amp;raquo;Ich beherrsche das Navi jetzt!&amp;laquo; Die computerisierte Frauenstimme, von der er sich freilich immer noch nicht so recht erkl&amp;auml;ren kann, wie sie in das Ger&amp;auml;t kommt, weist an: &amp;raquo;Biegen Sie in 400 Metern rechts ab!&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Ich denke gar nicht daran!&amp;laquo;, beharrt mein Vater. &amp;raquo;Ich erlaube mir da selbstverst&amp;auml;ndlich Abweichungen.&amp;laquo; Die Stimme insistiert, mein Vater f&amp;auml;hrt trotzdem geradeaus. &amp;raquo;Das wei&amp;szlig; ich besser, Kindchen!&amp;laquo; Nun naht die Autobahnauffahrt, ein Umstand, der seine volle Konzentration verlangt. In solchen F&amp;auml;llen ermahnt er mich stets, das Gespr&amp;auml;ch auszusetzen. &amp;raquo;Gequatsche ist da nicht so gut!&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich bin sicher, dass mein Vater aufgrund seiner Belesenheit und eines sehr entwickelten freigeistigen Denkens das Zeug zum Weltb&amp;uuml;rger gehabt h&amp;auml;tte. Wenn er es nicht wurde, so liegt es mit hoher Wahrscheinlichkeit daran, dass ihn das Reisen nie besonders interessiert hat. &amp;raquo;Mir war die n&amp;auml;here Umgebung immer lieber.&amp;laquo; Vor vielen Jahren sein einziger gro&amp;szlig;er Trip durch Asien mit einem Containerschiff, der ihm als beschwerlich in Erinnerung blieb, vor allem wegen der Seekrankheit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch habe er in der Hitze jener tropischen N&amp;auml;chte oft jenes seltsame Gef&amp;uuml;hl gehabt, &amp;raquo;nicht mehr ich selbst zu sein&amp;laquo;.Seitdem machte er nur wenige nennenswerte Versuche, &amp;uuml;ber Franken oder den Bayerischen Wald hinaus seine Urlaube zu verbringen. Mein Vater bei&amp;szlig;t in die K&amp;auml;sestulle und sagt einen Satz, f&amp;uuml;r dessen Souver&amp;auml;nit&amp;auml;t ich ihn liebe: &amp;raquo;Man kann nur besch&amp;auml;mt feststellen, dass man eigentlich ein Provinzler ist.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie alle Moden ist ihm auch Sushi zuwider. Er sch&amp;auml;tzt helles bayerisches Bier und einfache Gasth&amp;ouml;fe, in denen man einen guten Schweinsbraten bekommt. Ich war mit meinen Eltern als Kind etwa zehnmal in Grafenau. Die Welt hat mir mein Vater nicht gezeigt, und eine Weile habe ich ihm dies, zumindest im Stillen, auch vorgeworfen. Das Reisen habe ich mir sp&amp;auml;ter angeeignet, als ich anfing, f&amp;uuml;r Reportagemagazine zu schreiben. Ein &amp;raquo;gro&amp;szlig;er Reisender&amp;laquo; bin ich deshalb wohl trotzdem nicht geworden. Grunds&amp;auml;tzlich lehne ich Auftr&amp;auml;ge in Krisengebiete, Malariazonen, L&amp;auml;nder, die mir zu hei&amp;szlig; oder zu kalt erscheinen oder solche, in denen man mich n&amp;ouml;tigt, in einem Zelt oder mit anderen in einem Raum zu schlafen, beherzt ab. Die Auswahl engt sich dadurch naturgem&amp;auml;&amp;szlig; etwas ein. &lt;br /&gt; Wir sind uns recht &amp;auml;hnlich, doch.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;Auml;hnlichkeiten&quot;]&lt;br /&gt; Frappierend die Gesichtsz&amp;uuml;ge auf &amp;auml;lteren Fotos. Die Liebe zum Schreiben. Zuweilen jene Art von Z&amp;ouml;gerlichkeit, die Menschen zwar sympathisch machen kann, aber k&amp;uuml;hne Lebensentw&amp;uuml;rfe eher verhindert. Der Hang zur Selbstironie. Die Verachtung karrieristischen Denkens, die in der Familie liegt. Mein Gro&amp;szlig;vater, der vor dem Krieg einen Dienstwagen mit Chauffeur ausschlug, weil er zwei Stunden eher h&amp;auml;tte aufstehen m&amp;uuml;ssen und ihm ein geregelter B&amp;uuml;roalltag zuwider war. Mein Vater, der nie die Abteilungsleitung anstrebte, weil er Konferenzen nicht mochte und mittags lieber schwimmen ging. Wir sind beide nicht stressresistent und haben einen gewissen Hang zur Hypochondrie. Wir h&amp;ouml;ren dieselbe Musik. Mein Vater hat mich zum Jazz gebracht. Und zur Klassik. Wenn auch mit einem Jazz-Argument: &amp;raquo;Bach swingt!&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Lange hat mein Vater die Besch&amp;auml;ftigung seines Sohnes mit spirituellen Dingen als eher befremdlich wahrgenommen. Seit seiner Herzoperation hat sich das ge&amp;auml;ndert, ein Foto des Chirurgen Professor Konertz steht als Ausdruck seiner Dankbarkeit im Regal seines Arbeitszimmers. Au&amp;szlig;erdem betet er wieder regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig. Ich selbst sitze seit einigen Jahren, um einer inneren Unordnung Herr zu werden, t&amp;auml;glich auf einem B&amp;auml;nkchen und schaue eine Weile auf eine wei&amp;szlig;e Wand. In der Zen-Meditation hei&amp;szlig;t es, dass das intentionale Handeln den Menschen begrenzt. Ich selbst habe nie irgendeine Stellung angestrebt, habe, zur Sorge meines Vaters, konsequent alle Redakteursposten, die man mir anbot, abgelehnt, und war, gelegentlichen Durststrecken zum Trotz, eigentlich dennoch immer ganz gut besch&amp;auml;ftigt. Mein Vater stammt aus einer anderen Generation der Arbeitswelt: wurde seinerzeit auf Lebenszeit beim RIAS eingestellt. Kannte weder Mobbing noch Konkurrenzdruck oder Angst um den Arbeitsplatz. Eine gesegnete Zeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Nachmittag kommen wir im einzigen Hotel Langebr&amp;uuml;cks an. &amp;raquo;Keine gro&amp;szlig;e K&amp;uuml;che&amp;laquo;, hatte mein Vater bereits vorgewarnt, aber deshalb sind wir ja auch nicht &lt;br /&gt; hier. Nach einer kleinen Mittagsruhe der erste Spaziergang. &amp;raquo;Wunderst du dich nicht, dass ich ohne Stock laufe?&amp;laquo; Es war mir nicht gleich aufgefallen. &amp;raquo;Ich gehe besser zurzeit, wei&amp;szlig; nicht, woran es liegt, soll mir aber recht sein &amp;hellip;&amp;laquo; Zur Sicherheit nimmt er den Stock trotzdem mit. Auch weil man damit so gut zeigen kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dort dr&amp;uuml;ben etwa auf die Mauer, &amp;uuml;ber die er einmal hatte springen m&amp;uuml;ssen, weil der Ehemann seiner Geliebten verfr&amp;uuml;ht erschienen war. Gegen&amp;uuml;ber von Dr. Ulrich, dem Hausarzt der Familie, damals ein ganzes Haus voller sch&amp;ouml;ner Schwestern, von denen bekannt war, dass einige als Prostituierte arbeiteten. Das alte Bahnhofshotel, seit Jahrzehnten leerstehend, in dem er zuweilen die Nachmittage mit seinen Freunden beim Billard verbrachte. Die Ecke, an der der betrunkene Postbote in der Weihnachtszeit einmal nach Gutd&amp;uuml;nken und ohne R&amp;uuml;cksicht auf die Adresse Westpakete verteilte &amp;ndash; und daf&amp;uuml;r gek&amp;uuml;ndigt wurde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mein Vater spricht die Kellnerin vom Fleischerimbiss an, weil er sich nicht erkl&amp;auml;ren kann, wieso nebenan, in seinem alten Blumenladen, jetzt ein Fahrradgesch&amp;auml;ft ist: &amp;raquo;Wissen Sie, da hab ich doch immer die Blumen f&amp;uuml;rs Grab der Eltern geholt. Kann ihnen ja schlecht &amp;rsquo;n Fahrrad da hinlegen &amp;hellip;&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Waldspaziergang in der Dresdner Heide. &amp;raquo;Nein, ich habe nicht viel an dir rumerzogen&amp;laquo;, sagt er. Sei ja den ganzen Tag nicht da gewesen. &amp;raquo;Zu 90 Prozent hat&amp;rsquo;s die Mama gemacht.&amp;laquo; Viel Unfug habe er mir beigebracht, das schon. In der Kirschzeit steckte er sich manchmal Kirschen ins Ohr, lenkte mich kurz ab, um dann den Kern aus dem Mund zu holen. Ich m&amp;uuml;hte mich Stunden ab und versuchte es ihm zur Emp&amp;ouml;rung meiner Mutter und mit rot getr&amp;auml;nkten Ohren gleichzutun. M&amp;auml;rchen wandelte mein Vater stets gern etwas ab, &amp;raquo;mit Vorstellungen ganz pers&amp;ouml;nlicher Art&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er habe nachgedacht und die wichtigsten Ereignisse in seinem Leben res&amp;uuml;miert, gibt er beim Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck am n&amp;auml;chsten Morgen bekannt. &amp;raquo;Bin da zu ganz b&amp;uuml;ndigen Resultaten gekommen: Erstens, alles aufzubieten, um nicht zur Wehrmacht eingezogen zu werden.&amp;laquo; Dreimal entgeht er dem, indem er vor der Musterung im Wehrbezirkskommando Dresden auf Anraten eines Freundes auf n&amp;uuml;chternen Magen eine Zigarre raucht und dann ein ganzes Fl&amp;auml;schchen Herztropfen &amp;raquo;Essentia aurea&amp;laquo; schluckt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zweitens. &amp;raquo;Die Entscheidung, Langebr&amp;uuml;ck zu verlassen.&amp;laquo; Sein Vater sagt ihm: &amp;raquo;Geh in den Westen, dort ist die Zukunft!&amp;laquo; Aber dort lauern auch R&amp;uuml;ckschl&amp;auml;ge: Als er an seiner Promotion &amp;uuml;ber Friedrich von Gentz sitzt, spricht ihn eines Tages der Bibliothekar an: &amp;raquo;Wissen Sie schon, dass zu Ihrem Promotionsthema ein neues Buch erschienen ist?&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;So, von wem denn?&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Golo Mann!&amp;laquo; Mein Vater liest das Buch in einem Zug durch, klappt entmutigt seine Promotionsarbeit zu und beginnt sie nie wieder. Er besitzt noch zwei Briefe von Mann, in dem dieser seine Entscheidung bedauert: &amp;raquo;Sie h&amp;auml;tten das sicher ganz anders gemacht!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Drittens. &amp;raquo;Dass ich deine Mutter kennengelernt habe.&amp;laquo; Auf dem Kurf&amp;uuml;rstendamm. Nachdem er die Dame im maisgelben Kost&amp;uuml;m, Fremdsprachensekret&amp;auml;rin und Mannequin, bereits eine ganze Weile verfolgt hat, will sie ihm entrinnen und versucht unvermittelt, die dicht befahrene Stra&amp;szlig;e zu &amp;uuml;berqueren. Es ist mein Vater, der herbeispringt und sie am Arm zur&amp;uuml;ckh&amp;auml;lt: &amp;raquo;Aber Madame, sie werden doch nicht ihr zartes junges Leben beenden wollen!&amp;laquo; Heute sind sie f&amp;uuml;nfzig Jahre verheiratet und haben das, was beide als &amp;raquo;innige Altersliebe&amp;laquo; bezeichnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mein Vater geht voraus und sucht jetzt die alte Rodelbahn hinter der Schule. &amp;raquo;Du kannst hier nicht laufen. Du bist grad im Gem&amp;uuml;segarten&amp;laquo;, sage ich. Er entgegnet: &amp;raquo;Das macht nichts, ich war hier schon, als es den noch gar nicht gab!&amp;laquo; Als er die Rodelbahn schlie&amp;szlig;lich findet, kommt sie ihm viel weniger steil als in seiner Erinnerung vor. Der hohe Holzgiebel des Hauses, das seine Mutter f&amp;uuml;r wenige Ostmark zwangsverkaufen musste, als sie nach West-Berlin &amp;uuml;bersiedelte, ist von hier zu erkennen. Die Mutter winkte immer mit dem Taschentuch, wenn er zum Essen heimkommen sollte.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie gro&amp;szlig; die Rhododendren unter der Veranda geworden sind! Die Blutbuche steht nicht mehr da, einige der alten Obstb&amp;auml;ume sind verschwunden und auch die Jauchegrube. Daf&amp;uuml;r gibt es jetzt eine Solaranlage auf dem Dach und an der Glasveranda einen neuen Anbau. Im sogenannten M&amp;auml;dchenzimmer im ersten Stock wohnten fr&amp;uuml;her die Dienstm&amp;auml;dchen, erkl&amp;auml;rt mein Vater, &amp;raquo;Else und Lisbeth und wie sie alle hie&amp;szlig;en&amp;laquo;. Die oberste Etage war stets vermietet, lange an eine pensionierte Lehrerin, die meinem Vater zuweilen Nachhilfe gab und zu Weihnachten, wie er sagt, &amp;raquo;stets ein sinnvolles Buch schenkte&amp;laquo;. Eine Eigenschaft, die er im Hinblick auf mich beibehalten hat.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Bomben auf Dresden&quot;]&lt;br /&gt;Wir klingeln an der T&amp;uuml;r. Als niemand &amp;ouml;ffnet, treten wir ein. Hinten im Garten treffen wir auf Herrn Fendrich (Name ge&amp;auml;ndert), der in eine Blechkanne Blaubeeren pfl&amp;uuml;ckt und &amp;uuml;ber eine schmale Brille den unangek&amp;uuml;ndigten Besuch mit deutlich ged&amp;auml;mpfter Begeisterung mustert. &amp;raquo;Wollt meinem Sohn nur mal zeigen, wo wir wohnten&amp;laquo;, sagt mein Vater und schafft es immerhin, Herrn Fendrich zu einem Gartenrundgang zu bewegen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Sommer 1943 hat mein Vater hier oft im Liegestuhl gelegen und in weiter Ferne studiert, was ihm wie silberne Fischchen vorkam &amp;ndash; amerikanische B-17-Bomber in gro&amp;szlig;er H&amp;ouml;he. Er hat ihren &amp;auml;sthetischen Anblick wahrgenommen, nicht das Todbringende an ihnen. Es war eine gl&amp;uuml;ckliche F&amp;uuml;gung, dass seine Zeit als Flakhelfer l&amp;auml;ngst zu Ende war, als Dresden bombardiert wurde. Als tiefes Grollen wie ferner Gewitterdonner die Luft erf&amp;uuml;llte, rieselte hier, zw&amp;ouml;lf Kilometer entfernt, der Deckenputz auf die M&amp;ouml;bel. &amp;raquo;Jetzt geht die Stadt unter&amp;laquo;, hat sein Vater damals gesagt. Und das tat sie ja dann auch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist ein merkw&amp;uuml;rdiges Gespr&amp;auml;ch. Herr Fendrich, dem, vom Schicksal meiner Gro&amp;szlig;mutter beg&amp;uuml;nstigt, eine Villa in den Scho&amp;szlig; fiel, die heute wohl fast ein Millionenobjekt ist, redet allgemein &amp;uuml;ber den Garten, notwendige Ver&amp;auml;nderungen in ihm und seine pers&amp;ouml;nlichen Verdienste daran, f&amp;uuml;r die er, wie es scheint, gelobt werden m&amp;ouml;chte. Mein Vater tut ihm den Gefallen, scheinbar, und sagt, obwohl er davon &amp;uuml;berzeugt ist, der Garten habe sich zu seinem Nachteil ver&amp;auml;ndert, mit feiner Ironie: &amp;raquo;Na, Sie sind ja &amp;rsquo;n Tausendsassa!&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Herr Fendrich, der einen nie anschaut, wenn er mit einem redet, sagt, dass er uns das Haus gern auch von innen gezeigt h&amp;auml;tte, aber leider fehle ihm daf&amp;uuml;r jetzt die Zeit. Beides glauben wir ihm nicht ganz, aber das spielt nat&amp;uuml;rlich keine Rolle. Dann erw&amp;auml;hnt er noch eine Resthypothek, auf die er damals vergleichsweise hohe Zinsen habe zahlen m&amp;uuml;ssen. So als m&amp;uuml;ssten wir ihn nachtr&amp;auml;glich bedauern, dabei ist er es ja, der uns das Haus nahm. Nun, vielleicht nicht er pers&amp;ouml;nlich, sondern eher das System DDR, das mein Vater sein ganzes Leben lang gehasst hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Den kollektiven Schei&amp;szlig;dreck&amp;laquo;, der ihm schon bei den Nazis verhasst war, die Uniformen, das Verordnete. Hitler hatte seinem Vater, dem Kaffeeh&amp;auml;ndler, durch den Krieg die Existenz zerst&amp;ouml;rt, die DDR verhinderte, dass er wieder auf die Beine kam. Dass sich einige DDR-Bekannte meines Vaters (und sogar Verwandte) als Stasi-Mitarbeiter erwiesen, hat seine Abneigung nicht gerade vermindert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als wir wieder auf die Stra&amp;szlig;e treten, beschleicht ihn ein merkw&amp;uuml;rdiges Gef&amp;uuml;hl: &amp;raquo;Dem geh&amp;ouml;rt jetzt meine Vergangenheit, gewisserma&amp;szlig;en.&amp;laquo; Es h&amp;auml;tte anders kommen k&amp;ouml;nnen: Mein Vater hat die Frist, in der er Restitutionsanspr&amp;uuml;che h&amp;auml;tte geltend machen k&amp;ouml;nnen, schlicht verschlafen. Weil er deshalb ein schlechtes Gewissen hat, m&amp;ouml;chte er eigentlich nicht daran erinnert werden. Da ich selbst weder mit Geld noch mit Fristen besonders gut umgehen kann, f&amp;auml;llt es mir schwer, ihm daraus einen Vorwurf zu machen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hier also hat mein Vater seine gl&amp;uuml;ckliche Kindheit verbracht, aber auch seinen krebskranken Vater erlebt. Nachts die gellenden Schreie, &amp;raquo;eine traumatische Erinnerung&amp;laquo;, wie er sagt, die ihn vielleicht auch zu dem z&amp;ouml;gerlichen, mitunter etwas &amp;auml;ngstlichen Menschen werden lie&amp;szlig;, der er wurde. Er habe keine Angst vor dem Tod als solchem, wird er sp&amp;auml;ter im Hotelrestaurant sagen, nur vor dessen Art: &amp;raquo;Er kann sanft und f&amp;uuml;rchterlich holen.&amp;laquo; Er hoffe auf Milde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am n&amp;auml;chsten Morgen ins Waldschwimmbad. Tiefe Stille. Holzkabinen von 1912, das Wasser ungechlort, au&amp;szlig;er uns sieben G&amp;auml;ste, ein Bademeister, der Lust auf ein Pl&amp;auml;uschchen hat. &amp;raquo;Das sch&amp;auml;tz ich am Sachsen&amp;laquo;, sagt mein Vater am Beckenrand. Ob er im R&amp;uuml;ckblick zufrieden mit seinem Leben sei? &amp;raquo;Mehr als das, ich kann es nur preisen. Es war eine gl&amp;uuml;ckliche Zeit.&amp;laquo; Nat&amp;uuml;rlich, sagt er, neigt man dazu, die Realit&amp;auml;t in der Erinnerung zu vergolden. &amp;raquo;Aber das ist ja nicht schlecht.&amp;laquo; Wir fahren zur&amp;uuml;ck. Beschwingt. Erfreut. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Nach Erscheinen dieses Textes meldete sich Herr &quot;Fendrich&quot; beim SZ-Magazin; tats&amp;auml;chlich hei&amp;szlig;t er Gunter Strienz. Mit einigen Passagen der Reportage war er nicht einverstanden, lesen Sie &lt;a href=&quot;/texte/anzeigen/35371&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;hier&lt;/a&gt; seine ausf&amp;uuml;hrliche Replik. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Als wir wieder auf die Straße treten, beschleicht ihn ein merkwürdiges Gefühl</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Wenderoth</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34680">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34680</link>
    <title>Jahrelang sprachen wir kaum miteinander</title>
    <description>&lt;p&gt;Aber als er mit seinem Vater in Freiburg unterwegs war, merkte Jens Petersen, wie jung der geblieben ist - und er selbst kam sich pl&amp;ouml;tzlich ziemlich alt vor.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28275.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;W&amp;auml;hrend ich &amp;auml;lter werde, wird mein Vater j&amp;uuml;nger. Er ist ein rastloser Mann geworden, immer unterwegs. Am Sylter Ellenbogen Sandk&amp;ouml;rner aus den Ohren pulen; auf Parkpl&amp;auml;tzen schlafen, wenn gerade kein Hotelzimmer frei ist; in einen Bergsee springen &amp;ndash; nackt, auf dem Kopf nur einen Hut: Das ist mein Vater. Er setzt sich am Morgen ins Auto und f&amp;auml;hrt los, im Fu&amp;szlig;raum vor der R&amp;uuml;ckbank Friedrich A. von Hayeks &lt;em&gt;Der Weg zur Knechtschaft&lt;/em&gt;, die zerfledderte Bild-Zeitung und ein Paar Turnschuhe &amp;hellip; Nun stehen wir in Freiburg am M&amp;uuml;nsterplatz. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Letzte Woche&amp;laquo;, sagt er zu mir. &amp;raquo;Am Skagerrak. Das war einmalig.&amp;laquo; &lt;br /&gt; Er sieht mich lange an. Mein Vater wirkt wie ein Student: Der Anorak passt nicht zum Hemd; das Gr&amp;uuml;n der Schuhe bei&amp;szlig;t sich mit dem hellen Blau seiner Jeans. Er schneidet sich die Haare selbst &amp;ndash; wie ich, als ich 14 war: Ich hatte in der Bunten gelesen, dass Keanu Reeves das tat &amp;hellip;&amp;nbsp; &amp;raquo;Fahr auch mal wieder weg&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Arbeite nicht so viel.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zwanzig Jahre zuvor hatte ich das Gleiche zu ihm gesagt, hatte mich dar&amp;uuml;ber gewundert, wie er am Tisch sa&amp;szlig;, den Kopf gesenkt, und m&amp;uuml;de und gierig sein Mittagessen verschlang. Zu dieser Zeit hatte ich ein Foto von ihm gemacht: Im Vordergrund sah man den oberen Teil des K&amp;uuml;hlers seines Wagens; mein Vater stand im Hintergrund, im Anzug und mit Schlips, den Blick in die Ferne gerichtet, die Brust herausgestreckt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er hat jeden Tag einen Anzug getragen und Budapester Schuhe. Wir a&amp;szlig;en selten daheim &amp;ndash; ich erinnere mich an Szenen, als wir vor zwanzig Jahren in Freiburg im &amp;raquo;Colombi&amp;laquo; vor zwei Filets Mignon sa&amp;szlig;en und er versuchte, mir seine Deutung &lt;br /&gt; des Konflikts zwischen Friedrich von Hayek und John Keynes darzulegen. Damals war ich &amp;uuml;berzeugt, dass es mir niemals etwas bedeuten w&amp;uuml;rde, ob das Fleisch auf meinem Teller &lt;em&gt;bien cuit&lt;/em&gt; w&amp;auml;re oder &lt;em&gt;bleu&lt;/em&gt;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun f&amp;uuml;hrt er mich zum W&amp;uuml;rstchenstand. &amp;Uuml;ber uns wirft der Turm des Freiburger M&amp;uuml;nsters seinen Schatten in die Mittagshitze. Mein Vater verspeist eine Bratwurst, w&amp;auml;hrend ich selbst ein stilles Mineralwasser aus der Flasche trinke. &lt;br /&gt; &amp;raquo;Auch ein St&amp;uuml;ck?&amp;laquo; Er h&amp;auml;lt mir die Wurst hin. &amp;raquo;Danke, nein&amp;laquo;, sage ich. &amp;raquo;Komm&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Ich zeig dir was.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir gehen durch die Stadt: die Fachwerkh&amp;auml;user, der Dreisam-Fluss; die ganze heile Welt, in die, seit ich Kind war und wir hier Urlaub gemacht haben, Billigm&amp;auml;rkte und ein bisschen Plastik gedrungen sind. Am Holzmarktplatz hat er gewohnt. In der Oper hat er meine Mutter kennengelernt. In jenem Vorgarten hat er gen&amp;auml;chtigt, als er betrunken war. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eigentlich wollte mein Vater Mineraloge werden; er entschied sich dann f&amp;uuml;r einen Beruf, der &amp;raquo;etabliert&amp;laquo; schien. Ich habe ihn so in Erinnerung: mit Akten vorm Fernseher sitzend; zu Sitzungen fahrend, von Sitzungen kommend. Mein Vater in seinem B&amp;uuml;ro, hinter sich ein Bild, das meine Mutter gemalt hatte. Jahrelang sprachen wir kaum miteinander. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wenn ich aus M&amp;uuml;nchen kam, holte er mich vom Bahnhof ab; dann sa&amp;szlig; ich neben ihm in dem Wagen, mit dem ich ihn fotografiert hatte &amp;ndash; er in seinem Wintermantel, einen Hut auf dem Kopf; ich erst plappernd und schlie&amp;szlig;lich in sein Schweigen einstimmend. Sobald wir zu Hause waren, setzte er sich in seinen Sessel am Wohnzimmerfenster und schlug die Zeitung auf. Sein Sch&amp;auml;del, in der Zeitung versunken; das &amp;raquo;Mmh&amp;laquo;, mit dem er die meisten meiner Fragen beantwortete; sein Schlafzimmer, das wirkte, als habe w&amp;auml;hrend der letzten Jahre niemand Zeit zum Aufr&amp;auml;umen gefunden &amp;hellip; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein Schweigen war raumgreifend, fast bedrohlich; ich glaube, er verstand eine Familie nicht als Quid pro quo, sondern als Horde, obwohl die Gesinnung durch den Wandel der Zeit nicht so ausgepr&amp;auml;gt war wie bei seinen Vorfahren, die sich im J&amp;auml;hzorn die Hemden, statt zu kn&amp;ouml;pfen, auch mal aufgerissen hatten. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Du bist eben langweilig!&quot;]&lt;br /&gt; &amp;raquo;Was macht eigentlich dein neuer Roman?&amp;laquo; Ich beginne zu erz&amp;auml;hlen. &amp;raquo;Ich w&amp;uuml;rde die Handlung ans Skagerrak verlegen&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Fahr mal hin und guck dir das an. Ich gebe dir eine Adresse.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Einige Wochen zuvor hatte ich an ihn denken m&amp;uuml;ssen, als meine Neffen zu Besuch waren. Ich hatte alles geplant und wollte ihnen ein sch&amp;ouml;nes Wochenende bereiten: bei &amp;raquo;Massimo&amp;laquo; essen gehen, am Samstag zur Via Mala fahren, gepflegte Konversation f&amp;uuml;hren &amp;uuml;ber dies und das. Hatten sie schon Freundinnen? Was erwarteten sie vom Leben? Ich holte meine Neffen vom Flughafen ab. Sie waren reserviert, so, wie ich selbst mit 14 Jahren reserviert gewesen war. Bei &amp;raquo;Massimo&amp;laquo; sa&amp;szlig;en die beiden am Tisch; w&amp;auml;hrend der ersten Minuten antworteten sie auf meine Fragen, wir brave Jungen es taten. Dann begannen sie, stundenlang mit ihren iPods zu spielen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als sie im Bett lagen, war ich ein bisschen konsterniert. Meine Freundin sagte: &amp;raquo;Du bist eben langweilig.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Warum?&amp;laquo;, sagte ich. &lt;br /&gt;&amp;raquo;Solche Jungs wollen Onkel, die den Mount Everest besteigen. Sie wollen Onkel, die zu Fu&amp;szlig; die Sahara durchqueren. Und was machst du? Du schreibst! Die Eltern finden das toll. So ein schlauer Onkel! Aber die Jungs k&amp;ouml;nnen kaum die Augen offen halten, wenn du davon erz&amp;auml;hlst.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Woher willst du das wissen?&amp;laquo; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich hatte selbst mal einen Freund, Maurice. Immer unterwegs. Er kam mit dem Flugzeug irgendwo an und war sofort integriert. Die Berber in Marokko haben ihm eine Welle gezeigt, auf der man im Mondschein surfen kann. Maurice war ganz allein. Die Welle kam nur zweimal im Jahr; er hat sie abgeritten. Seine Neffen haben ihn daf&amp;uuml;r geliebt &amp;hellip;&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir hatten dann den schlimmsten Streit, den wir jemals hatten. Ich musste an meinen Vater denken, an das Unverst&amp;auml;ndnis, mit dem ich ihm zugeh&amp;ouml;rt hatte, wenn er in Restaurants &amp;uuml;ber Konjunkturzyklen sprach.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bevor er nach Freiburg kam, hatte mein Vater bei Hamburg gelebt. Seine Familie hatte eine Gie&amp;szlig;erei besessen; er war der erste Junge seines Dorfes, der das Abitur machte, und der Erste aus seiner Familie, der studierte. &amp;raquo;Ich wollte weit weg.&amp;laquo; Erst studierte er dies und das, schlie&amp;szlig;lich &amp;Ouml;konomie. Er hatte ein Wohnhaus an der Kieler Stra&amp;szlig;e geerbt, in das beim Luftangriff von 43 die einzige Bombe weit und breit eingeschlagen war. Mit dem Verkauf des Grundst&amp;uuml;cks konnte er sein Studium finanzieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In Freiburg, das mir heute vorkommt wie ein s&amp;uuml;&amp;szlig;licher Aufguss vergangener Zeiten &amp;ndash; Menschen, die in T-Shirts vor Weinstuben sitzen, Schoppen trinken und dazu Gebratenes verschlingen &amp;ndash;, war die &amp;ouml;konomische Weltelite daheim: Von Hayek, bei dem mein Vater seine Diplomarbeit schrieb, focht f&amp;uuml;r den Liberalismus und sollte daf&amp;uuml;r 1974 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden. Die Verfassung der Freiheit stand in meinem B&amp;uuml;cherregal, bevor dort Hermann Hesse und Bret Easton Ellis ihre Pl&amp;auml;tze fanden. Es ist eines der wenigen B&amp;uuml;cher in meinem fr&amp;uuml;heren Zimmer im Haus meiner Eltern, das ich nicht gelesen habe &amp;ndash; ich glaubte, es sei meine Freiheit, dem Lehrplan des &amp;raquo;&amp;Uuml;ber-Ich&amp;laquo;, wie ich meinen Vater damals nannte, widerstehen zu k&amp;ouml;nnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ja&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;eigentlich wollte ich Mineraloge werden.&amp;laquo; Er ist zum Gestein zur&amp;uuml;ckgekehrt, das er vor all den Jahren, als er Student war, aus den Voralpen gehauen hat. Er hat den Vorgarten seines Hauses damit gepflastert, ist jeden Tag in die L&amp;uuml;neburger Heide gefahren und hat den Kofferraum seines Wagens mit Feldsteinen gef&amp;uuml;llt. Ein bisschen hat mich das an meinen ersten Umzug erinnert: Ich bin hundertmal mit der U-Bahn gefahren und habe mein Hab und Gut in Plastikt&amp;uuml;ten vom Norden M&amp;uuml;nchens in den S&amp;uuml;den geschafft. Ich war damals fast noch ein Kind; mittlerweile w&amp;uuml;rde ich f&amp;uuml;r einen Umzug einen M&amp;ouml;beltransport engagieren &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er lacht mich aus. &lt;br /&gt;&amp;raquo;Du f&amp;auml;hrst doch mit deiner Freundin am Wochenende immer weg. Was macht ihr denn dann?&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Essen gehen.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich hab auch ein paar Freunde&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;deren Lebensinhalt darin besteht, essen zu gehen und sich dar&amp;uuml;ber zu unterhalten. Sie lesen B&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber das Essen. Ernsthaft!&amp;laquo;&lt;br /&gt; Pl&amp;ouml;tzlich m&amp;uuml;ssen wir beide lachen. Am Himmel steht der Mond; ich &amp;uuml;berlege, wie lange er noch um die Erde kreisen wird.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich finde es kritisch, dass du in der Schweiz lebst&amp;laquo;, sagte er.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Warum?&amp;laquo;, sage ich. &lt;br /&gt; &amp;raquo;Ist zu weit ab. Wir reden zu selten.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Jahrelang sprachen wir kaum miteinander</dc:subject>
    <dc:creator>Jens Petersen</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34681">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34681</link>
    <title>Mein Vater fragt sich jeden Tag, ob er in den Westen gehen soll</title>
    <description>&lt;p&gt;Auf langen Autofahrten durch die DDR und Polen lernte Jochen Schmidt schon als Kind, dass er sein Leben lang Beifahrer bleiben wird.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28277.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;Im Auto erz&amp;auml;hlt mir mein Vater, dass er dieses Jahr endlich in einem polnischen Waldst&amp;uuml;ck das Feriengrundst&amp;uuml;ck seiner Eltern suchen will. Bei Google Earth liege die Stelle leider unter Wolken. Vor dem Einschlafen stellt er sich immer vor, er w&amp;auml;re f&amp;uuml;nf Jahre alt und wieder dort, in der Stille eines endlosen Sommernachmittags. Ich soll mitkommen, weil einer am Auto warten muss, das er in Polen nicht unbewacht stehen lassen will. Wir sind unterwegs ins Oderbruch, wo wir wie jedes Jahr zusammen Ferien machen. Die St&amp;auml;dte an der Strecke haben jetzt Umgehungsstra&amp;szlig;en, man fragt sich, wo sie denn bleiben, da ist man schon vorbei. Nat&amp;uuml;rlich werden wir das Grundst&amp;uuml;ck in Polen auch diesmal nicht suchen, es reicht ja, davon zu tr&amp;auml;umen. Diesen Charakterzug habe ich vermutlich geerbt. Jeden Tag freue ich mich aufs Einschlafen, denn dann sehe ich uns im Auto unterwegs ins Oderbruch, &amp;uuml;ber uns das Gr&amp;uuml;n der Chausseeb&amp;auml;ume und vor uns der Sommer:&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Um das Auto ist mein Vater immer besorgt, er sagt dann: &amp;raquo;Ich muss heute noch tanken.&amp;laquo; Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich sp&amp;auml;ter einmal alleine tanken soll, es gibt so viele Benzinsorten, und man muss Datum, Kilometerstand, Benzinpreis pro Liter, Gesamtsumme und die seit dem letzten Tanken gefahrene Strecke in einem zerfledderten Fahrtenbuch notieren. Ich atme im Auto nur durch den Mund, weil mir vom Benzingeruch schlecht wird. Als ich einmal im Bus zum Tierpark brechen muss, h&amp;auml;lt mein Vater schnell die H&amp;auml;nde auf.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Auto hat jeder seinen Platz. Mein Bruder will auf die Seite vom Lenkrad, ich will ans Fenster, und meine Schwester kommt in die Mitte, weil es ihr nicht so wichtig ist. Wenn meine Oma mitf&amp;auml;hrt, muss sie sich zwischen uns auf die R&amp;uuml;ckbank quetschen. Beim Einparken m&amp;uuml;ssen sich alle so tief wie m&amp;ouml;glich ducken. An Kreuzungen beugt sich der Beifahrer vor, schaut nach rechts und sagt: &amp;raquo;Rechts ist frei&amp;laquo;, oder: &amp;raquo;Rechts kommt was.&amp;laquo; Dann sagt mein Vater: &amp;raquo;Danke, ich seh schon.&amp;laquo; In der Schule sage ich stolz: &amp;raquo;Mein Vater hatte schon mal ein Loch im Kopf&amp;laquo;, denn mein Vater hat sich einmal mit dem Auto &amp;uuml;berschlagen. An der Stelle fahren wir jedes Mal langsamer und gucken raus, man sieht aber nichts mehr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit Taschen zwischen den Beinen und einer Schaumgummimatratze auf dem Scho&amp;szlig; sitzen wir im Auto, w&amp;auml;hrend unser Vater versucht, das Gep&amp;auml;ck so zu verstauen, dass ein Spalt der R&amp;uuml;ckscheibe frei bleibt. Wir m&amp;uuml;ssen ganz still sein, damit er uns nicht an einen Baum f&amp;auml;hrt. Vor dem Urlaub ist er immer gereizt. Den neuen Batteriedeckel, der so schwer zu besorgen gewesen war, zerschmei&amp;szlig;t er vor Wut auf dem Boden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dass meine Eltern sich schon kannten, bevor wir geboren waren, kann ich gar nicht begreifen. Damals haben sie in der Schulpause Tango ge&amp;uuml;bt und gesungen: &amp;raquo;Wenn bei Capri die rote Flotte im Meer versinkt&amp;hellip;&amp;laquo; Sp&amp;auml;ter kamen die Kinder, und seitdem klebten die T&amp;uuml;rklinken von unseren Fingern. Bei Waldspazierg&amp;auml;ngen konnte mein Vater jetzt keine Tiere mehr beobachten, weil wir sie mit unserem Geschrei verscheuchten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Hat wer Hunger?&amp;laquo;, fragt meine Mutter und reicht aus dem Essenskorb zwischen ihren Beinen einen Apfel nach hinten. Mein Vater bekommt einen Keks in den Mund geschoben, damit er das Lenkrad nicht loslassen muss. Wenn wir nichts mehr zu trinken haben, gibt es ausnahmsweise einen Schluck Wasser aus der kleinen Flasche, die meine Mutter f&amp;uuml;r ihre Migr&amp;auml;ne-Tabletten hat. Die n&amp;auml;chsten drei Kilometer sollen wir nach Rehen Ausschau halten. So lange f&amp;uuml;hlen wir uns in Lebensgefahr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor Seelow bewundern wir immer &amp;raquo;unser Traumhaus&amp;laquo;. Ein moderner Flachbau, mit gro&amp;szlig;en Fenstern zum Garten. Wer da wohl wohnt? Mein Vater h&amp;auml;tte gern ein einsames Haus mit Garten, aber wir haben keine Beziehungen, und meine Mutter h&amp;auml;lt es f&amp;uuml;r Spinnerei. Au&amp;szlig;erdem haben wir doch gar nicht das Geld. &amp;raquo;Ich brauche nur Brot, Butter und Salz!&amp;laquo;, sagt mein Vater dann. Abends kocht er Mehlsuppe, wie es sie nach dem Krieg gab. Das Fett von den Plastemilcht&amp;uuml;ten, die immer auf dem Weg von der Kaufhalle nach Hause aufplatzen, kratzt er mit dem L&amp;ouml;ffel aus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An M&amp;uuml;llkippen halten wir an und streifen &amp;uuml;ber das Gel&amp;auml;nde. Mein Vater sucht nach Flaschen mit Porzellanverschluss. Eine verrostete Waage kommt mit, so eine hatten sie im Haus seiner Mutter, das damals so &amp;uuml;berhastet verkauft worden war. Was da auf dem M&amp;uuml;ll gelandet ist! Der Steinbaukasten! Auf Flohm&amp;auml;rkten kauft er es sich wieder zusammen. Zu Besuch bei anderen guckt mein Vater immer unter die Teller, woher das Porzellan kommt. &amp;raquo;Ich m&amp;ouml;chte von sch&amp;ouml;nen Dingen umgeben sein.&amp;laquo; Er sammelt Spazierst&amp;ouml;cke, Kohle-B&amp;uuml;geleisen, Poesiealbumspr&amp;uuml;che, Weihnachtspyramiden, von Klaus Ensikat illustrierte B&amp;uuml;cher, alte K&amp;uuml;chenger&amp;auml;te, Briefmarken, sch&amp;ouml;ne Kn&amp;ouml;pfe, und au&amp;szlig;erdem pflegt er seine Kakteen, einer stammt noch von seinem Gro&amp;szlig;vater. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jeden Abend bringt er B&amp;uuml;cher nach Hause, manche kauft er nur, weil das Papier gut ist, was in der DDR selten vorkommt. Holzvorr&amp;auml;te aus dem Wald lagern auf dem Balkon, falls er einmal etwas schnitzen will. Aus Fahnenstangen bastelt er uns Stelzen, aus einem Jahrgang vom ND Pappmascheek&amp;ouml;pfe, ein Vorschlaghammerstiel wird zum Stullenbrettchenhalter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meine Exponate f&amp;uuml;r die j&amp;auml;hrliche &amp;raquo;Galerie der Freundschaft&amp;laquo; in der Schule stammen in Wirklichkeit von meinem Vater. Mit einem Fesselballon aus Zeitungen, Kronkorken und einem Wischlappen gewinne ich den &amp;raquo;Preis des Direktors&amp;laquo;. Einen Nagel hat er daf&amp;uuml;r in der Gasflamme rot gl&amp;uuml;hend erhitzt, und damit L&amp;ouml;cher in ein Plastesch&amp;auml;lchen gebohrt. Meine Mutter h&amp;auml;tte lieber, dass er endlich unsere Spielkiste streicht, wie zu meiner Geburt versprochen.&lt;br /&gt; Wochenlang beobachten wir den Tachometerstand und fiebern dem Moment entgegen, wenn sich die vier letzten Ziffern gleichzeitig drehen werden. &amp;raquo;Jetzt sind wir einmal um die Erde&amp;laquo;, sagt mein Vater, als die 40 000 erscheint. Er f&amp;auml;hrt etwas langsamer, damit wir die Zahl m&amp;ouml;glichst lange bewundern k&amp;ouml;nnen. W&amp;uuml;rden wir das Auto am Stra&amp;szlig;enrand abstellen, um diesen vollkommenen Anblick nicht zu zerst&amp;ouml;ren, ich w&amp;uuml;rde ohne zu murren zu Fu&amp;szlig; weitergehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Der Fahrer des wei&amp;szlig;en Trabants mit dem Kennzeichen IX 62-27 &amp;hellip;&amp;laquo; Die Ansage kam aus einem Polizeiauto, beim dritten Mal merkt mein Vater, dass er gemeint ist. Wir halten auf einem Feldweg. Ein Polizist beugt sich herab. Unser Nummernschild sei verdreckt. Mein Vater muss seine Fahrerlaubnis vorzeigen. Wird er einen Stempel bekommen? Einen hat er schon, weil am Bahnhof Friedrichstra&amp;szlig;e eine widerspr&amp;uuml;chliche Parksituation bestanden hatte. Er schreibt an die Polizei, und ein Verkehrsschild wird aufgestellt, es ist &amp;raquo;unser&amp;laquo; Verkehrsschild. Zur Wendezeit schreibt er an die Regierung, dass die Sohlen seiner neuen Halbschuhe sich im Regen abl&amp;ouml;sen. Der Minister schreibt zur&amp;uuml;ck. Er ist aber nicht mehr lange genug im Amt, um in der Sache etwas zu bewirken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mein Vater zeigt uns, wie sie es machen, dass ein Kinnhaken im Film echt wirkt. Er malt uns ein M&amp;auml;ander-Muster auf. Wir lernen, dass sich die S&amp;auml;ulen am Alten Museum nach oben verj&amp;uuml;ngen, und er &amp;uuml;bersetzt uns den lateinischen Spruch im Giebel. Die Lebensdaten von Goethe und Schiller m&amp;uuml;sse man kennen. Aus Protest wei&amp;szlig; er sogar Stalins Geburtstag. Er versucht, uns den Ekel abzugew&amp;ouml;hnen, wir sollen die Flasche vor dem Trinken nicht abwischen, sonst w&amp;uuml;rden sich sp&amp;auml;ter die anderen bei der Armee &amp;uuml;ber uns lustig machen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ob ich wie alle in die FDJ eintrete, soll ich selbst entscheiden. Aber den schrecklichen Gang zum Hausmeister muss ich tun, wenn ich in der Schule meine M&amp;uuml;tze verloren habe. Man m&amp;uuml;sse lernen, sich zu trauen. Sein Vater hatte meinem Vater gesagt, er m&amp;uuml;sse sich selbst beim Direktor abmelden, wenn er nicht zur Kinderlandverschickung wolle. Kurz vor Kriegsende traf ihn in der N&amp;auml;he seines Hauses eine deutsche Granate und meine Oma stand mit f&amp;uuml;nf Kindern alleine da. Die St&amp;auml;rkefabrik, f&amp;uuml;r die er gearbeitet hatte, wollte einen Pudding ohne Pelle entwickeln. Der Krieg hatte es verhindert. Wo ich doch Pelle hasste!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Obwohl ich nur durch den Mund geatmet habe, ist mir wieder schlecht geworden. In Westautos ist es am schlimmsten, wegen der ungewohnt sanften Federung. &amp;raquo;Jochen ist ganz gr&amp;uuml;n&amp;laquo;, sagt meine Schwester und studiert neugierig mein Gesicht. Ich halte meine rote Kotzsch&amp;uuml;ssel fest. Am n&amp;auml;chsten Rastplatz gehe ich ein paar Schritte in den Kiefernwald, meine Sch&amp;uuml;ssel wird mit lauwarmem Wasser aus dem Kanister ausgewaschen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meine Eltern haben dieselbe Arbeitsstelle, das kommt mir ganz nat&amp;uuml;rlich vor. &amp;raquo;Diplom-Philologe&amp;laquo; klingt immer sch&amp;ouml;n geheimnisvoll, wenn ich in der Schule nach ihrem Beruf gefragt werde. Nach der Wende zeigt unser Vater uns im Mikrofiche-Katalog der Westberliner Staatsbibliothek seine Doktorarbeit. Sein Name hier, das war noch besser als ein Loch im Kopf.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein einziges Mal sehen wir das rote L&amp;auml;mpchen unterm Tachometer aufleuchten. Mein Vater hat rechtzeitig einen neuen Keilriemen besorgt, aber man muss den Motor ausbauen, und die Schrauben sitzen fest. Wir verhalten uns still, weil wir meinen Vater nicht st&amp;ouml;ren wollen, der unsere einzige Hoffnung ist, von hier wegzukommen. Mehr als im Dunkeln die Taschenlampe zu halten, wenn er angespannt in das unheimliche Ambiente unter der Motorhaube starrt, k&amp;ouml;nnen wir nicht tun.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich m&amp;ouml;chte auch eine Winkehand in der R&amp;uuml;ckscheibe, aber mein Vater sagt, das w&amp;uuml;rde den Fahrer hinter uns irritieren. Wir haben kein Radio, obwohl man die Stelle sehen kann, die in der Armatur daf&amp;uuml;r vorgesehen ist. Wir haben keinen auf der Stra&amp;szlig;e schleifenden Blitzableiterstreifen, an den wir nicht glauben. In einem Westauto haben wir schon mal Rollgurte gesehen, die sich an den K&amp;ouml;rper schmiegen und bei ruckartigen Bewegungen wie durch ein Wunder Widerstand bieten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Westen ist ein Reich der Bequemlichkeit, deshalb wirken die Menschen von dort immer so entspannt, wenn sie aus ihren Autos steigen, obwohl sie viel weiter gefahren sind. Mein Vater fragt sich jeden Tag, ob er in den Westen gehen soll. &amp;raquo;Das kannst du unserer Mutter nicht antun&amp;laquo;, hatte sein Bruder nach dem Mauerbau gesagt. Es konnten doch nicht alle r&amp;uuml;bergehen. Im Theater, wenn der Applaus der Zuschauer sich unweigerlich in ein rhythmisches Klatschen verwandelt, klatschen wir immer dagegen an, weil wir das &amp;raquo;Parteitagsklatschen&amp;laquo; ablehnen. Ich soll auch nicht &amp;raquo;Fakt ist&amp;laquo; sagen, das sei Ulbricht-Sprache.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir halten immer vor derselben Bahnschranke, die mein Vater &amp;raquo;die Schikane&amp;laquo; nennt. Die Schranke ist immer unten, und der Zug kommt nach einer halben Stunde, wir z&amp;auml;hlen die Waggons. Dann warten wir noch einmal zwanzig Minuten, bis aus der Gegenrichtung ein Zug kommt, wieder z&amp;auml;hlen wir die Waggons. Einmal klopft ein russischer Soldat an unsere Scheibe und will uns eine goldene Uhr verkaufen. Als er weg ist, ist mein Vater erleichtert. Seine Mutter hatte wegen der Russen einen Schlagring im Nachtschr&amp;auml;nkchen. &amp;raquo;Guckt mal, ein Storch!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn der Motor endlich verstummt, bedankt sich meine Mutter immer in unserem Namen bei meinem Vater: &amp;raquo;Hat uns Papa doch wieder sch&amp;ouml;n gefahren!&amp;laquo; Man sp&amp;uuml;rt, wie erleichtert sie ist, weil wir noch einmal Gl&amp;uuml;ck gehabt haben und nicht an einen Baum gefahren sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Inzwischen ist unser Trabant l&amp;auml;ngst verschrottet, und ich habe seit zwanzig Jahren kein eigenes Auto, obwohl ich einmal dachte, zehn Jahre seien eine lange Wartezeit. Irgendwann muss es doch so viele Autos geben, dass auch eins f&amp;uuml;r mich &amp;uuml;brig ist, denke ich immer. Manchmal borge ich mir eines und fahre los. Ich bin jetzt selbst der Papa und sitze vorne. Meine Tochter sitzt hinter mir, sie hat sogar schon mal gekotzt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Jeder Laden, an dem wir halten, ist ein Intershop. Ich habe ein Radio und einen Rollgurt, der sich an mich anschmiegt, wenn ich mich nach vorn beuge. In der Armatur gibt es viel mehr als ein rotes L&amp;auml;mpchen, ich wei&amp;szlig; aber nicht, was sie mir sagen wollen. Meistens flackern sie nur kurz, und ich versuche sie nicht zu beachten. Ich bin der Papa, und Papa f&amp;auml;hrt. Eines Tages wird meine Tochter vorne sitzen, und ich wieder hinten, bei den Enkelkindern. Es kann immer nur einer fahren. Unsere Zukunft k&amp;ouml;nnen wir nicht kennen, aber wohin es auch geht, es wird immer jemand hinter dem Lenkrad sitzen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Mein Vater fragt sich jeden Tag, ob er in den Westen gehen soll</dc:subject>
    <dc:creator>Jochen Schmidt</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34685">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34685</link>
    <title>Ich bekam zum ersten Mal Angst vor seinem Tod und beschloss, für ihn da zu sein</title>
    <description>&lt;p&gt;Jahrelang konnte Johannes Waechter nichts mit dem Hobby seines Vaters anfangen. Jetzt fuhr er mit ihm nach Helgoland - aber nicht nur, um V&amp;ouml;gel zu beobachten.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28281.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;Beim Ausbooten habe ich pl&amp;ouml;tzlich Angst um ihn. Unser Schiff ist gerade vor Helgoland angekommen, jetzt m&amp;uuml;ssen die Passagiere auf kleine Boote klettern, die sich in der D&amp;uuml;nung heben und senken. Mein Vater steht an der Ausstiegsluke, er ist 74 Jahre alt, und weil er trotz dicker Brillengl&amp;auml;ser den Boden vor seinen F&amp;uuml;&amp;szlig;en nicht mehr gut erkennen kann, hat er sich einen tastenden Gang angew&amp;ouml;hnt. Vorsichtig streckt er einen Fu&amp;szlig; nach vorn, als ihn zwei Matrosen unter den Achseln packen und ihm aufs Boot helfen. Da steht er dann und schwankt etwas.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich bin zum ersten Mal auf der Insel, er zum dritten Mal. Sein erster Besuch fand im Oktober 1959 statt, da war er 23 und hatte nach zwei Semestern Jura gemerkt, dass er etwas anderes studieren wollte als sein Vater. Er schrieb sich f&amp;uuml;r Wirtschaftsp&amp;auml;dagogik ein und fuhr kurz vor Beginn des neuen Semesters f&amp;uuml;r zwei Wochen nach Helgoland, allein, zum Vogelbeobachten. Eine Postkarte ist erhalten, die er an seinen Bruder schrieb: &amp;raquo;Lieber Dieter, ich bin hier sehr zufrieden, sonnig, steifer Wind. Viele V&amp;ouml;gel, auch seltene Arten. Dein J&amp;uuml;rgen&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Fahrt nach Helgoland ist die zweite Reise, die wir in diesem Jahr zusammen unternehmen; im April waren wir in Danzig und Umgebung, auf den Spuren unserer Vorfahren. Ich wei&amp;szlig; daher, was mich erwartet, einige Spleens gilt es zu akzeptieren. Mein Vater geht zeitig zu Bett, liest gern Zeitungsartikel, Speisekarten und Stra&amp;szlig;enschilder vor und kocht sich morgens, wenn er die Gelegenheit dazu hat, einen Topf Hirsebrei, in den er Leinsamen, Weizenkeime und Haferkleie r&amp;uuml;hrt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich ziehe ihn damit auf, er l&amp;auml;sst es an sich abperlen, mit der Gelassenheit eines Mannes, der seinen Platz im Leben gefunden hat. So haben wir uns gut verstanden in Polen, haben viel gelacht und viel geredet. Dort erz&amp;auml;hlte er mir alles, was er &amp;uuml;ber unsere Vorfahren und die Zeit vor der Flucht im Januar 1945 wei&amp;szlig;, nun m&amp;ouml;chte ich m&amp;ouml;glichst viel &amp;uuml;ber die Jahre nach dem Krieg erfahren, als er erwachsen wurde. Was hat ihn damals besch&amp;auml;ftigt? Warum hat er sich unter den ganzen Hobbys, f&amp;uuml;r die man sich begeistern kann, ausgerechnet das Vogelbeobachten ausgesucht? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; B&amp;ouml;iger Wind treibt Regenwolken auf Helgoland zu, drei&amp;szlig;ig Meter unter uns branden die Wellen ans Kliff. Wir sitzen auf einer feuchten Bank und kauern uns zu zweit unter einen Regenschirm. Genauso habe ich mir das Vogelbeobachten vorgestellt &amp;ndash; ungem&amp;uuml;tlich und ergebnislos, denn au&amp;szlig;er ein paar M&amp;ouml;wen ist weit und breit kein Vogel in Sicht. Das war damals anders. Mein Vater holt die Liste der V&amp;ouml;gel heraus, die er 1959 gesehen hat, 63 Arten stehen auf dem leicht vergilbten Blatt. Alles ist mit Schreibmaschine getippt, sehr ordentlich. Viele der Vogelnamen habe ich noch nie geh&amp;ouml;rt. Spornammer? Sanderling? Stein-w&amp;auml;lzer? Basst&amp;ouml;lpel? Das sei doch jemand, der schlecht Bass spielt, witzle ich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mein Vater geht gn&amp;auml;dig &amp;uuml;ber den Kalauer hinweg und erkl&amp;auml;rt, dass der Basst&amp;ouml;lpel ein gro&amp;szlig;er Meeresvogel ist, den man leicht an seinen schwarzen Fl&amp;uuml;gelspitzen erkennen kann. &amp;raquo;Den habe ich gesehen, als ich schon auf dem R&amp;uuml;ckweg war. &amp;rsaquo;Da fliegt ein Basst&amp;ouml;lpel&amp;lsaquo;, rief jemand. Pl&amp;ouml;tzlich tauchte er neben dem Schiff auf.&amp;laquo;&lt;br /&gt; So kenne ich meinen Vater, einen ehemaligen Lehrer und Schuldirektor: Nach 51 Jahren erinnert er sich daran, wie ein Vogel ein paar Sekunden lang in seinem Blickfeld auftauchte. Der Felsenkleiber damals in Delphi, der Baumpieper, den er bei seinem Sch&amp;uuml;lerjob im Moor h&amp;ouml;rte &amp;ndash; oft hat er von diesen H&amp;ouml;hepunkten seines Ornithologenlebens erz&amp;auml;hlt. Vielleicht zu oft, denn auch gute Geschichten werden langweilig, wenn man sie immer wieder h&amp;ouml;ren muss. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Was kann die Natur, was die Popkultur nicht kann?&quot;]&lt;br /&gt;Irgendwann stand seine Liebe zur Natur f&amp;uuml;r mich im Gegensatz zu meiner Begeisterung f&amp;uuml;r die Popkultur. Ich konnte nicht verstehen, was an Vogelgezwitscher so toll sein sollte, nahm ihm sein Desinteresse an Pop sogar ein bisschen &amp;uuml;bel: Vom Oktober 1966 bis zum Juli 1967 lebte mein Vater in London, in diesen entscheidenden Monaten, als Jimi Hendrix den Durchbruch schaffte und die Beatles Sgt. Pepper herausbrachten. Was h&amp;auml;tte er dort alles erleben k&amp;ouml;nnen! Doch statt ins Swinging London einzutauchen, lauschte er in der Royal Festival Hall den Londoner Philharmonikern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ja, ich gestehe: Ich fand ihn ein bisschen peinlich. Seine Ordentlichkeit, sein Ruhebed&amp;uuml;rfnis, das v&amp;ouml;llige Fehlen einer exzessiven Ader. Aber dass Kinder ihre Eltern peinlich finden, ist, glaube ich, normal und in meinem Fall zum Gl&amp;uuml;ck lange her. Nach dem Ende der Pubert&amp;auml;t habe ich erkannt, wie gut ich es mit meinen Eltern getroffen habe und was f&amp;uuml;r ein liebenswerter Mensch mein Vater ist. In seiner Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und F&amp;uuml;rsorglichkeit ist er mir zum Vorbild geworden, und ich kann seine Eigent&amp;uuml;mlichkeiten schon deshalb nicht mehr peinlich finden, weil ich mich dann selbst peinlich finden m&amp;uuml;sste, so &amp;auml;hnlich bin ich ihm inzwischen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir tragen beide die gleiche Frisur und gehen unseren Frauen bisweilen mit unserer peniblen Art auf die Nerven. Wir sind keine tiefen Denker, keine Hitzk&amp;ouml;pfe, die mit dem Lauf der Dinge hadern, sondern leidlich ausgeglichene Menschen, die das Leben mit Humor nehmen und das Gl&amp;uuml;ck eher in der Normalit&amp;auml;t suchen als in den Extremen. Zuletzt vererbte er mir seine Vorliebe f&amp;uuml;r die Gartenarbeit und gab mir Tipps zur Einrichtung eines Komposthaufens. Wenn jetzt noch die V&amp;ouml;gel dazuk&amp;auml;men &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit dem Fernglas suche ich nach Spornammer und Steinw&amp;auml;lzer, aber Helgoland ist gerade ziemlich vogelfrei. Das ist, zugegeben, unsere eigene Schuld, wir sind zur falschen Zeit hier. Die Zugv&amp;ouml;gel machen im Fr&amp;uuml;hjahr und im Herbst Station, im August sind nicht mal mehr die Trottellummen da, deren Felssprung allj&amp;auml;hrlich die Touristen begeistert. Sehns&amp;uuml;chtig schauen wir herum und entdecken immerhin einen gro&amp;szlig;en schwarzen Vogel, der mit hoch aufgerecktem Hals auf dem Meer schwimmt. Mein Vater sp&amp;auml;ht mit dem Fernglas hinab. &amp;raquo;Ein Kormoran&amp;laquo;, sagt er und reicht mir das Glas. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Erst sehe ich gar nichts, dann bin ich &amp;uuml;berrascht, wie gro&amp;szlig; der Kormoran durch die Linse erscheint. Mein Vater ist ein sparsamer Mensch, Luxus ist ihm verd&amp;auml;chtig, nur seine Ferngl&amp;auml;ser haben Spitzenqualit&amp;auml;t. Sein jetziges hat vor zw&amp;ouml;lf Jahren fast 2000 Mark gekostet, f&amp;uuml;r sein erstes, ein gebrauchtes Zeiss-Glas, bezahlte er 1956 200 Mark &amp;ndash; mehr als das Doppelte seines damaligen Monatslohns als Banklehrling. Auch das ist eine Geschichte, die ich oft geh&amp;ouml;rt habe, aber bis heute habe ich nicht dar&amp;uuml;ber nachgedacht, wie viel sie &amp;uuml;ber ihn sagt. Als mein Vater nun aus seiner Jugend erz&amp;auml;hlt, kommen mir die alten Geschichten auf einmal viel interessanter vor als fr&amp;uuml;her.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wir waren freier als die Kinder heute&amp;laquo;, sagt er gleich als Erstes. Nach der Flucht aus Danzig, eine Woche im Schiff &amp;uuml;ber die Ostsee, kam die Familie im Haus einer Tante in Oldenburg unter. Drei Familien mit elf Kindern lebten dort, viel Spielzeug gab es nicht, Fernsehen oder Kino erst recht nicht, und so entdeckten mein Vater und sein Bruder die Natur. Sie streiften durch die W&amp;auml;lder und Wiesen in der Umgebung, beobachteten Schmetterlinge und hielten Fr&amp;ouml;sche in selbst gebauten Terrarien.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit zehn bekam mein Vater sein erstes Vogelbuch, ein Zigarettenbilderalbum mit dem Titel Aus Deutschlands Vogelwelt. Die V&amp;ouml;gel, das verstehe ich langsam, waren f&amp;uuml;r ihn dasselbe wie f&amp;uuml;r mich die Platten: Sie halfen ihm, seine Identit&amp;auml;t zu finden. &amp;Uuml;ber 400 Vogelarten gibt es in Deutschland, nach und nach lernte mein Vater, etliche davon zu unterscheiden. Er fand Anschluss an eine Gruppe, die regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig Vogelwanderungen machte, auch seine erste Freundin, Brunhild hie&amp;szlig; sie, ging auf diese Wanderungen mit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wor&amp;uuml;ber hast du dich mit deinen Eltern gestritten?&amp;laquo;, frage ich. Er denkt lange nach, aber es f&amp;auml;llt ihm wenig ein. Er strengte sich in der Schule an und trug ohne zu murren den gr&amp;auml;sslichen Plastikmantel, den die Eltern f&amp;uuml;r ihn ausgesucht hatten. Fr&amp;uuml;her hielt ich ihn deshalb f&amp;uuml;r brav und angepasst. Jetzt sagt mein Vater: &amp;raquo;Meine Eltern haben mich nicht festgehalten. So wie wir euch hoffentlich auch nicht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit 15 trampte er mit seinem Bruder von Oldenburg nach M&amp;uuml;nchen, mit 16 machte er eine dreiw&amp;ouml;chige Radtour durch Holland, seinen 18. Geburtstag feierte er irgendwo im Schwarzwald, auch wieder auf einer Rad- und Tramptour. 1958 ging er nach Berlin, die Studenten wohnten noch nicht in WGs, sondern bei einer Wirtin zur Untermiete, aber schon damals war Berlin ein Anziehungspunkt f&amp;uuml;r alle, die etwas freier leben wollten. Mein Vater sah Willy Brandt und Pr&amp;auml;sident Kennedy und tat kurz nach dem Mauerbau das Mutigste, was jemals jemand in unserer Familie getan hat: Mit einem gef&amp;auml;lschten Ausweis schmuggelte er den Bruder seiner damaligen Freundin Regine aus Ost-Berlin in den Westen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Regen hat aufgeh&amp;ouml;rt und ich folge meinem Vater den Klippenrundweg entlang. Mir f&amp;auml;llt ein, wie traurig und verwirrt ich war, als ich bei unserer Polen-Reise zum ersten Mal den tastenden Gang bemerkte, den er sich wegen seiner schlechten Augen angew&amp;ouml;hnt hat. Mein Vater war immer gesund und kr&amp;auml;ftig, nun war da diese Alterserscheinung. Ich bekam zum ersten Mal Angst vor seinem Tod und beschloss, f&amp;uuml;r ihn da zu sein, so wie er es f&amp;uuml;r mich war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Lummenfelsen sehen wir eine gro&amp;szlig;e Kolonie von wei&amp;szlig;en V&amp;ouml;geln, die in den Spalten und Simsen der Felswand sitzen. Trottellummen k&amp;ouml;nnen es nicht sein, die sind ja schon weg. M&amp;ouml;wen? Mein Vater gibt mir das Fernglas. Ich beobachte, wie einer der V&amp;ouml;gel aufsteigt. Als er die Fl&amp;uuml;gel ausbreitet, erkenne ich die schwarzen Spitzen. &amp;raquo;Das muss ein Basst&amp;ouml;lpel sein&amp;laquo;, sage ich stolz. &amp;raquo;Donnerwetter&amp;laquo;, sagt mein Vater. Er gibt mir seinen Bleistift, damit ich meine eigene Liste anfangen kann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Ich bekam zum ersten Mal Angst vor seinem Tod und beschloss, für ihn da zu sein</dc:subject>
    <dc:creator>Johannes Waechter</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Es kam mir vor, als würdest du nach etwas suchen</title>
    <description>&lt;p&gt;Ein Nachmittag in Thessaloniki: Alexandros Stefanidis begibt sich mit seinem Vater auf die Spuren von dessen Jugend - und erf&amp;auml;hrt, welches Gef&amp;uuml;hl ihn sein Leben lang bewegt hat.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28278.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;Ich gehe ein paar Schritte zur&amp;uuml;ck in die enge Seitenstra&amp;szlig;e, aus der ich gerade auf den Platz gebogen bin, und verstecke mich. Einem pl&amp;ouml;tzlichen, diffusen Impuls folgend, habe ich beschlossen, ihn noch ein paar Augenblicke aus der Ferne zu beobachten. Wir sind verabredet f&amp;uuml;r vormittags um elf an der Hafenpromenade auf dem Aristotelous-Platz in Thessaloniki. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist Ende August, die Sonne strahlt, 34 Grad Celsius. Einige Leute tragen Einkaufstaschen spazieren, ein junges P&amp;auml;rchen knutscht auf einer Sitzbank, gut ein Dutzend Menschen wartet an der Haltestelle auf den Bus, manche blasen die Backen auf, andere f&amp;auml;cheln sich Luft zu. Mein Blick fokussiert sich auf den Mann hinter den bunten Luftballons eines mobilen Plastikspielzeugverk&amp;auml;ufers: Dort, in der Mitte des Platzes, steht mein Vater, regungslos wie eine Statue, und blickt hinaus aufs Meer. Am Telefon hat er gesagt, dass wir gemeinsam auf eine Reise gehen werden. &amp;raquo;Eine Zeitreise&amp;laquo;, hat er l&amp;auml;chelnd hinzugef&amp;uuml;gt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mein Vater wurde 1939 in einem kleinen Dorf namens Megalokampos in Nordgriechenland geboren. Als er zwei war, wurde sein Vater von Soldaten der Waffen-SS vor den Augen der Familie erschossen, seine Mutter verstummte daraufhin f&amp;uuml;r immer. Meine Eltern lernten sich 1956 in Thessaloniki kennen, 1963 sind sie nach Deutschland ausgewandert. Sie fanden beide einen Job bei Bosch in Stuttgart, 1970 er&amp;ouml;ffneten sie ein griechisches Restaurant namens &amp;raquo;Der Grieche&amp;laquo; in Karlsruhe. Vierzig Jahre arbeitete meine Mutter in der K&amp;uuml;che, mein Vater am Tresen. Meine zwei &amp;auml;lteren Br&amp;uuml;der, meine j&amp;uuml;ngere Schwester und ich sind im &amp;raquo;Griechen&amp;laquo; aufgewachsen. &amp;raquo;Der Grieche&amp;laquo; war unser Wohnzimmer. Vergangenes Jahr haben meine Eltern ihr Restaurant verkauft. &amp;raquo;Der Grieche&amp;laquo; ist jetzt ein D&amp;ouml;ner-Imbiss.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pl&amp;ouml;tzlich dreht sich mein Vater in meine Richtung und in einer hektischen, f&amp;uuml;r zuf&amp;auml;llige Beobachter sicher l&amp;auml;cherlichen Bewegung lehne ich mich schnell mit dem R&amp;uuml;cken gegen die Hausmauer, um nicht von ihm entdeckt zu werden. Ein paar Sekunden sp&amp;auml;ter riskiere ich wieder einen Blick. Er schaut wieder aufs Meer, als w&amp;uuml;rde er weitab vom Trubel nach etwas suchen. Fast f&amp;uuml;nfzig Jahre seines Lebens hat er in Deutschland verbracht, denke ich. Das ist der erste Sommer, in dem er mehr als ein oder zwei Urlaubswochen in Griechenland verbringt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kommt ihm seine einstige Heimat mittlerweile vielleicht ein bisschen fremd vor? Sieht er sich noch als Grieche? Oder vielleicht doch eher als Deutscher? Wenige Stunden sp&amp;auml;ter wird er mir auf diese Frage eine Antwort geben.&lt;br /&gt; Nach dem Krieg kam mein Vater in das ber&amp;uuml;hmteste Waisenhaus Griechenlands: das &amp;raquo;Papafi&amp;laquo;. Um die Jahrhundertwende von Ioannis Papafis gegr&amp;uuml;ndet, einem zu Reichtum gekommenen Unternehmer, der all sein Verm&amp;ouml;gen in diese Schule gesteckt hatte. Papafi war einst selbst ein Waisenkind gewesen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das klassizistische Geb&amp;auml;ude in U-Form steht noch heute im Zentrum Thessalonikis, nicht weit weg vom Aristotelous-Platz: Ein Park mit hochgewachsenen Zypressen geh&amp;ouml;rt zum Anwesen, eine kleine orthodoxe Kirche, ein Basketball- und ein Fu&amp;szlig;ballfeld. Fr&amp;uuml;her muss es hier wundersch&amp;ouml;n gewesen sein. Mein Vater und ich werden das Papafi am Nachmittag dieses hei&amp;szlig;en Augusttages besuchen, wir d&amp;uuml;rfen eigentlich nicht hinein. &amp;raquo;Ist verboten&amp;laquo;, sagt uns der Mann an der Pforte. Aber wir schleichen uns dennoch hinein, steigen durch ein Loch im Zaun. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Da liegen Scherben auf dem Basketballfeld, zerbrochene Fenster im Erdgeschoss, ein Abfallcontainer voll ausgenommener Wasch- und N&amp;auml;hmaschinen von Miele oder Pfaff aus den Sechzigerjahren. Ein Bild des Jammers. Im Blick meines Vaters aber strahlt noch die Erinnerung an eine Zeit, in der es hier f&amp;uuml;r einen kleinen Jungen nach dem Paradies aussah. Er zeigt auf verschiedene Fenster im ersten und zweiten Stock, &amp;raquo;dort war unser Schlafraum, da war die K&amp;uuml;che, wo ich Kartoffeln sch&amp;auml;len musste, da war die Bibliothek, ein wundersch&amp;ouml;nes Zimmer: in der Mitte schwere Holztische mit gebogenen Tischbeinen, verschn&amp;ouml;rkelt, mit Verzierungen, und in den dunklen Regalen Tausende B&amp;uuml;cher. Von Comics bis zu den Schriften des Aristoteles. Mein Lieblingsraum. Lass uns mal reingehen und sehen, wie es innen aussieht.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Aber Papa, wir d&amp;uuml;rfen da nicht rein&amp;laquo;, sage ich.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wir d&amp;uuml;rften auch nicht hier stehen und trotzdem stehen wir hier, oder? Sei nicht immer so &amp;auml;ngstlich und korrekt, das ist ja grauenhaft! Wir gehen jetzt da rein!&amp;laquo;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Ein Wiedersehen&quot;]&lt;br /&gt; Eine T&amp;uuml;r steht offen. Mein Vater geht auf sie zu und verschwindet im Dunkeln. Ich stehe da wie angewurzelt und frage mich gerade, ob ich wirklich so ein &amp;auml;ngstlicher Pedant bin, als mein Vater wieder im T&amp;uuml;rrahmen auftaucht: &amp;raquo;Was ist? Kommst du jetzt, oder was?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir gehen durch einen Raum, der aussieht wie eine alte Werkstatt, in der seit Jahren nicht mehr gearbeitet wurde. Auf einer S&amp;auml;gemaschine liegt millimeterdicker Staub, auf einem Tisch sehe ich das Muster eines Hammers, der erst vor Kurzem entwendet wurde. &amp;raquo;Das ist die Werkstatt, in der ich meinen Beruf erlernt habe&amp;laquo;, sagt mein Vater. &amp;raquo;Deinen Beruf?&amp;laquo;, frage ich verwundert. Ich sehe nirgends eine Theke. Aber bevor ich meine Frage aussprechen kann, sagt er im Vorbeigehen: &amp;raquo;Ich bin Zimmermann. Hast du das vergessen?&amp;laquo; In der Tat. Ich habe meinen Vater mein Leben lang hinter der Theke oder beim Servieren im &amp;raquo;Griechen&amp;laquo; gesehen. Dass er fr&amp;uuml;her Kinosessel baute, habe ich v&amp;ouml;llig vergessen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir gelangen auf den Flur. Von den W&amp;auml;nden bl&amp;auml;ttert der gelbliche Putz, alle sechs, sieben Meter h&amp;auml;ngen vergoldete Holzrahmen mit Portr&amp;auml;ts von griechischen Philosophen, Heerf&amp;uuml;hrern, Architekten und Politikern. Ich stelle mir gerade vor, wie erhaben diese Bilder fr&amp;uuml;her auf meinen Vater gewirkt haben m&amp;uuml;ssen, als wir auf einmal eine laute und feste Frauenstimme h&amp;ouml;ren, die uns in strengem Ton fragt, was wir hier suchen w&amp;uuml;rden. Mein Vater dreht sich zu der Frau, die ihr graues Haar straff nach hinten geb&amp;uuml;rstet hat, wo es in einem Knoten geb&amp;uuml;ndelt ist, &amp;auml;hnlich dem Knoten in meinem Magen, der sich noch dicker anf&amp;uuml;hlt, als hinter ihr ein breitschultriger Mann in einer Uniform auftaucht, der Sicherheitsdienst. Toll, denke ich, jetzt kriegen wir &amp;Auml;rger.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber mein Vater geht strahlend auf die Frau zu, sagt seinen Namen und eine Nummer: &amp;raquo;Christoforos Stefanidis, 28101940.&amp;laquo; Die alte Frau erschrickt. Jede Sch&amp;uuml;lerakte hatte fr&amp;uuml;her eine Nummer, und wenn der Direktor einen ermahnte, zum Beispiel, weil sich die Jungs auf dem Hof gepr&amp;uuml;gelt hatten, mussten sie sich mit vollem Namen und Nummer bei ihm melden. &amp;raquo;Ach du lieber Himmel!&amp;laquo;, ruft sie, und der Hall im Flur ist noch lauter. Ihre ernsten Gesichtsz&amp;uuml;ge werden weicher, die zuvor zugespitzten schmalen Lippen weichen einem unscheinbaren L&amp;auml;cheln, wie das von Gro&amp;szlig;m&amp;uuml;ttern, wenn sie ihren Enkeln beim Spielen zusehen, den Kopf zur Seite geneigt. &amp;raquo;Christo?&amp;laquo;, fragt sie mit zitternder Stimme. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und in diesem Moment, ich blicke gerade in seine Richtung, entf&amp;auml;hrt dem Gesicht meines Vaters alle Muskelkraft, als h&amp;auml;tte er einen Geist gesehen, wird sein Gesicht fahl und blass. Er fasst sich mit der rechten Hand an den Mund, putzt sich den Schreck weg, und fragt zur&amp;uuml;ck: &amp;raquo;Kyria Mandraki?&amp;laquo; Sie breitet ihre Arme aus, l&amp;auml;uft auf ihn zu und dr&amp;uuml;ckt meinen Vater wie einen kleinen Jungen an ihre Brust. Tr&amp;auml;nen stehen ihr in den Augen, die meines Vaters kann ich nicht sehen. 1956 verlie&amp;szlig; mein Vater als 16-J&amp;auml;hriger das Papafi, es war Mandrakis erstes Jahr als Erzieherin, 53 Jahre liegen zwischen dieser und der letzten Umarmung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die beiden verbringen den ganzen Nachmittag zusammen. Ich mache in der Zwischenzeit ein paar Fotos vom Haus. Mit offizieller Genehmigung, denn Kyria Mandraki ist nun die Direktorin. Als ich wieder zur&amp;uuml;ckkomme, sitzen die beiden in der Bibliothek, zumindest scheint das der Raum zu sein, von dem mir mein Vater zuvor erz&amp;auml;hlt hat: dunkle Regale aus Massivholz, hohe Fenster, der Tisch mit den verschn&amp;ouml;rkelten Tischbeinen. Nur: Die Regale stehen nicht voller B&amp;uuml;cher, es ist eher so, als ob sich hier und da ein Buch dorthin verirrt h&amp;auml;tte. Zerfleddert. Oder mit abgerissenem Buchr&amp;uuml;cken, bekritzelt mit Filzstiften liegen viele angeschlagen und einsam zwischen dem Holz. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch in Kyria Mandrakis Erz&amp;auml;hlungen spiegelt sich der Niedergang des Hauses wieder. Immer weniger Gelder, immer weniger Personal, immer weniger Sch&amp;uuml;ler. &amp;raquo;Nachts steigen die Obdachlosen durch die Fenster im Erdgeschoss, weil sie einen Schlafplatz suchen&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Ich habe keine Mittel, um einen Sicher-heitsdienst zu engagieren. Deshalb hilft mir mein Neffe Pavlos.&amp;laquo; Sie zeigt auf den breitschultrigen Mann in Uniform. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie viele andere Sozialprojekte auch suchte das Papafi lange nach neuen Geldgebern, stie&amp;szlig; aber nicht auf die erhoffte Quelle. Sinnbildlich steht in der Bibliothek ein Commodore 128D mit Floppy-Laufwerk. So einen hatte ich Ende der Achtzigerjahre nach langem Betteln von meinen Eltern geschenkt bekommen, heute ist das ein Museumsst&amp;uuml;ck, die Firma Commodore existiert seit fast zwanzig Jahren nicht mehr. Floppy-Disketten auch nicht. Aber das Treffen zwischen meinem Vater und Kyria Mandraki katapultiert die beiden in Sekundenbruchteilen in eine andere Zeit, und als sie sich wieder auf dem R&amp;uuml;ckweg ins Jetzt befinden, wird ihnen die grausame Museumsgegenwart so sehr bewusst, dass sie sich zum Abschied nur noch die Hand geben. Zwar herzlich und mit einem dankbaren Blick f&amp;uuml;r die sch&amp;ouml;nen Erinnerungen, aber eben auch mit den &amp;uuml;blichen Floskeln: &amp;raquo;Bis bald&amp;laquo;, sagt Kyria Mandraki. &amp;raquo;Bis bald&amp;laquo;, sagt mein Vater. Aber beiden ist klar, dass ein &amp;raquo;Lebewohl&amp;laquo; angemessener w&amp;auml;re. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Der letzte Tag des &quot;Griechen&quot;&quot;]&lt;br /&gt; Acht Stunden zuvor. Es ist Vormittag, der Besuch im Papafi liegt noch vor uns. Pl&amp;ouml;tzlich tippt mir jemand auf die Brust. Mein Vater steht neben mir auf dem Aristotelous-Platz. Ich muss mehrere Augenblicke wie in einem Tagtraum an der H&amp;auml;userecke gestanden haben. &amp;raquo;Sag mal, tr&amp;auml;umst du, Junge?&amp;laquo;, h&amp;ouml;re ich ihn fragen. &amp;raquo;Was machst du hier?&amp;laquo; Ich zucke mit den Schultern. Er mustert mich f&amp;uuml;r einen Moment. &amp;raquo;Siehst aus, als br&amp;auml;uchtest du einen Frapp&amp;eacute;&amp;laquo;, sagt er. Ich nicke.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich habe dich vorhin von der Ecke aus beobachtet&amp;laquo;, erkl&amp;auml;re ich leise, nachdem uns die Kellnerin zwei Frapp&amp;eacute; auf den Tisch gestellt hat. &amp;raquo;Keine Ahnung, warum, aber es kam mir so vor, als w&amp;uuml;rdest du nach etwas suchen. Ich habe mich gefragt, ob du dir hier nach all den Jahren in Deutschland vielleicht fremd vorkommst.&amp;laquo; &amp;Uuml;berrascht sieht mich mein Vater an. &amp;raquo;Erinnerst du dich an den letzten Tag des &amp;rsaquo;Griechen&amp;lsaquo;&amp;laquo;?, fragt er. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am 20. Mai 2009, einem Mittwoch vor gut einem Jahr, war der letzte Tag des &amp;raquo;Griechen&amp;laquo;. Ich erinnere mich: Viele Stammg&amp;auml;ste, die sich von fr&amp;uuml;her kannten, trafen sich wieder, sprachen &amp;uuml;ber die gute, alte Zeit, die Siebziger, die Achtziger. Reinfried und Brigitte, Freunde meiner Eltern, schenkten ihnen einen verwackelten Videofilm, den sie in den Siebzigern bei sich im Garten gedreht hatten: Er zeigt meinen Vater, jung und mit dunklem Schnurrbart, meine Mutter mit aufgestecktem Haar, uns Kinder, die Ball spielen und jede Menge lachende Gesichter beim Grillen. Wehmut kam auf. Reinfried und Brigitte verlangten lautstark eine Rede. Andere G&amp;auml;ste stimmten mit ein: &amp;raquo;Rede! Rede!&amp;laquo; Am Ende war es ein ganzer Chor. Mein Vater stand hinter der Theke und strich sich &amp;uuml;ber den Mund. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Liebe Freunde&amp;laquo;, sagte er l&amp;auml;chelnd, &amp;raquo;was soll ich noch gro&amp;szlig;e Reden halten? Ihr wisst doch schon alles &amp;uuml;ber mich.&amp;laquo; Es schien, als w&amp;uuml;rde er kurz &amp;uuml;berlegen. &amp;raquo;Einige von euch haben mich gefragt, ob ich nach all der Zeit in Deutschland &amp;uuml;berhaupt noch Grieche bin.&amp;laquo; Er machte eine lange Pause. &amp;raquo;Wisst ihr, ich habe mich nie als Xenos, also als Fremder, in Deutschland gef&amp;uuml;hlt. Warum? Weil ich schon als Kind &amp;uuml;berall der Xenos, der Fremde, war.&amp;laquo; Mein Vater schaute auf meine Mutter, die neben ihm stand. Sie nickte. &amp;raquo;Im Waisenhaus war ich fremd, in Thessaloniki war ich fremd, in Deutschland war ich auch fremd. Das Fremdsein steckte schon immer in mir drin, ich habe das nie anders gekannt. Aber trotz all der Widrigkeiten, die mir in Deutschland begegnet sind: rassistische Vermieter, unfreundliche Sachbearbeiter auf den Beh&amp;ouml;rden, trotz der Tatsache, dass deutsche Truppen meinen Vater t&amp;ouml;teten: Muss ich heute all das nicht hintanstellen, zum Ende meines Lebens einen Strich, wie man so sch&amp;ouml;n sagt, mal Bilanz ziehen?&amp;laquo; &amp;ndash; er machte wieder eine Pause und schaute in die Runde. &lt;br /&gt;Als ob er in den Gesichtern seiner G&amp;auml;ste, seiner Freunde und seiner Familie nach der Antwort suchte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;47 Jahre meines Lebens habe ich in diesem Land verbracht, vier Kinder in die Welt gesetzt, die in Deutschland aufgewachsen sind, hier leben.&amp;laquo; Meine Geschwister und ich standen da wie aufgereiht, als er auf uns zeigte. Wir schauten uns gegenseitig an und mussten grinsen. &amp;raquo;Deutschland ist unsere Heimat. Ich verdanke diesem Land mein Leben.&amp;laquo; Applaus brandete auf. &lt;br /&gt; Als mein Vater am Nachmittag wieder aus dem Papafi heraustritt und die Sonne auf sein Gesicht f&amp;auml;llt, sieht er um Jahre gealtert aus. Es hat den Anschein, als h&amp;auml;tte eine Zeitmaschine den 16-j&amp;auml;hrigen Christoforos geschluckt und den fast 71-j&amp;auml;hrigen wieder ausgespuckt. Er zieht eine Zigarettenschachtel aus der Brusttasche, steckt sich eine Zigarette in den Mund. Er wirkt traurig. Ich gebe ihm Feuer. Er zieht den Rauch tief in die Lungen, st&amp;ouml;&amp;szlig;t ihn aus der Nase &amp;ndash; und sagt f&amp;uuml;r Sekunden, die wie Minuten wirken, kein Wort. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich m&amp;ouml;chte ihn in den Arm nehmen, aber er kommt mir zuvor, legt seinen Arm um meine Schultern, als w&amp;auml;re ich ein alter Schulfreund, und fragt mich mit einem L&amp;auml;cheln: &amp;raquo;Und, Kleiner, wie hat dir unsere Zeitreise gefallen?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und das ist so verdammt typisch f&amp;uuml;r ihn! Da hat man in einem Moment Angst, er f&amp;auml;llt gleich auseinander, und im n&amp;auml;chsten Augenblick sp&amp;uuml;lt er mit einem L&amp;auml;cheln all die Gedanken um zerbrochene Fenster, leere B&amp;uuml;cherregale, Kyria Mandraki, Museumscomputer und f&amp;uuml;nfzig Jahre Deutschland einfach weg &amp;ndash; als w&amp;auml;re das ganze Leben nur ein Spiel, bei dem man gar nicht verlieren kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wenn etwas typisch griechisch an meinem Vater ist, dann ist es nicht sein Aussehen, nicht die dunklen Augen, nicht die vielen Muttermale in seinem Gesicht. Es ist diese Eigenschaft, auch den traurigsten Momenten etwas Gutes abzugewinnen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wei&amp;szlig;t du&amp;laquo;, hat er mir mal erz&amp;auml;hlt, als wir vor Jahren am Grab seiner Eltern standen, &amp;raquo;die meisten Menschen sterben nicht am Tag ihres Todes. Die meisten Menschen sterben am Tag, an dem sie ihre Hoffnungen und Tr&amp;auml;ume aufgeben. Ich war immer voller Hoffnung, immer voller Tr&amp;auml;ume.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Es kam mir vor, als würdest du nach etwas suchen</dc:subject>
    <dc:creator>Alexandros Stefanidis</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34691">
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    <title>Ich habe ihn nie tanzen sehen</title>
    <description>&lt;p&gt;Thomas B&amp;auml;rnthaler war ein Scheidungskind. Jetzt ist er mit seinem Vater in dessen Heimatdorf nach &amp;Ouml;sterreich gefahren. Und hat dort eine ganz neue Seite an ihm entdeckt.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28279.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;Es sind nur 450 Kilometer von M&amp;uuml;nchen, knapp &amp;uuml;ber vier Stunden, und doch f&amp;uuml;hrt die Reise, die mein Vater und ich unternehmen, viel weiter. Wir fahren nach Mureck, ein &amp;ouml;sterreichisches Dorf an der slowenischen Grenze, das Dorf, in dem mein Vater gro&amp;szlig; wurde. Als wir dort das letzte Mal gemeinsam waren, hatte mein Vater einen roten Ford Taunus und der Bundeskanzler hie&amp;szlig; Helmut Schmidt. Vor allem waren wir noch eine Familie. Mehr als drei&amp;szlig;ig Jahre ist das her.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist nicht so, dass es seitdem keine Gelegenheit gegeben h&amp;auml;tte. Mein Vater wollte oft mit mir Skifahren gehen, sp&amp;auml;ter, als ich kein Kind mehr war und bei meiner Mutter lebte. Wir haben es nie geschafft. Vielleicht war mir diese pl&amp;ouml;tzliche N&amp;auml;he suspekt, vielleicht war ich auch einfach nur jung und mit meinem eigenen Leben besch&amp;auml;ftigt. Nun ist mein Vater 71. Und auch wenn ihn die meisten auf Ende f&amp;uuml;nfzig sch&amp;auml;tzen, bleibt uns nicht mehr ewig Zeit. Ich musste ihn keine Sekunde &amp;uuml;berreden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kurz vor Graz wird das Land weit. Zur slowenischen Grenze ist es noch ein St&amp;uuml;ck, doch der Balkan hat schon begonnen. Die s&amp;uuml;d&amp;ouml;stliche Steiermark ist eine Welt, die von der Zeit zur&amp;uuml;ckgelassen wurde. Es gibt hier viele Schilder an den Fassaden, in den Fenstern, auf denen steht: &amp;raquo;Zu verkaufen&amp;laquo;. Der Mais steht hoch, die H&amp;auml;user leuchten in Pastellrot und Gelb. Es ist eine Heimatfilmkulisse, doch in den herausgeputzten D&amp;ouml;rfern sind kaum Menschen zu sehen. Eines dieser D&amp;ouml;rfer ist Mureck. Ein Ort, der klingt wie ein Roman von Thomas Bernhard. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mein Vater wurde hineingeboren in eine Zeit, als der Staub des Krieges sich langsam legte und die Welt noch mal von vorn anfing. In Mureck f&amp;uuml;hrte er sein erstes Leben, bevor er sein zweites in M&amp;uuml;nchen anfing. Auch ich war sp&amp;auml;ter als Kind oft dort, in den gro&amp;szlig;en Ferien mit meinem Bruder, bei Tante Helli, der Schwester meines Vaters, die immer schon um zehn Uhr morgens anfing, Schnitzel zu panieren. F&amp;uuml;r mich war Mureck ein Ort, an dem nichts drohte. Die Erinnerung ist vage, aber noch wach: die endlosen von der Augustsonne gegerbten Maisfelder, die selbst gebauten Steinschleudern, mit denen wir die V&amp;ouml;gel von den B&amp;auml;umen holten, und die ersten Zigaretten, die wir im Schutz der Auw&amp;auml;lder rauchten. Die Tage flossen dahin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Noch bevor wir richtig angekommen sind, hat die Vergangenheit meinen Vater eingeholt. Ein Einheimischer sitzt in der Gaststube unserer Pension und gr&amp;uuml;&amp;szlig;t. Der Mann sieht aus wie der sp&amp;auml;te John Wayne, nur feister: &amp;raquo;Wir kennen uns von fr&amp;uuml;her, du bist der Rudi, stimmt&amp;rsquo;s?&amp;laquo; Mein Vater lacht unsicher und gr&amp;uuml;&amp;szlig;t zur&amp;uuml;ck. Oben im Zimmer sagt er: &amp;raquo;Das war der Hansi. Der war bei der Fremdenlegion und hat in Indochina gek&amp;auml;mpft.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer hier lebt, ist entweder zur&amp;uuml;ckgekommen oder nie weggegangen. So wie die Helli. W&amp;auml;hrend ihre drei Geschwister ihr Gl&amp;uuml;ck weitab von Mureck fanden, darunter mein Vater, hat sie fr&amp;uuml;h geheiratet und ein Haus gebaut. Wir sitzen in ihrer K&amp;uuml;che und essen Schmalzbrote. Sp&amp;auml;ter gehen wir zum Dorffriedhof. Dort ist Irmgard begraben, die andere Schwester meines Vaters, die vor Kurzem gestorben ist. &amp;raquo;Woran denkst du, wenn du an Heimat denkst?&amp;laquo;, frage ich. Er sagt: &amp;raquo;Es ist sch&amp;ouml;n, hier zu sein, doch ich bin auch immer froh, wenn ich wieder weg bin.&amp;laquo; Eines Tages aber wird er f&amp;uuml;r immer heimkehren. Im Familiengrab ist ein Platz f&amp;uuml;r ihn reserviert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich habe meinen Vater nur einmal weinen sehen. Das war, als er seine zweite Frau zu Grabe trug, die mit 48 an Krebs gestorben war. Er ist ein Mensch, der nur ungern tief blicken l&amp;auml;sst. Darin sind wir uns sehr &amp;auml;hnlich. Er ist eher ein pragmatischer Typ. Als ich ihm einmal erz&amp;auml;hlte, meine Freundin habe mich f&amp;uuml;r einen anderen verlassen, sagte er nur: &amp;raquo;Reisende soll man nicht aufhalten.&amp;laquo; Damals fand ich diesen Satz zu l&amp;auml;ppisch f&amp;uuml;r meinen Schmerz, heute wei&amp;szlig; ich, dass er recht hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir gehen den halben Kilometer durchs Dorf zur Br&amp;uuml;cke, sie ist immer noch da. Eine Eisenkonstruktion, vielleicht hundert Meter lang. Sie verbindet &amp;Ouml;sterreich mit Slowenien. Darunter, entlang der Grenze, rauscht die Mur. Als Kind stand ich oft hier mit meinen Cousins und schaute r&amp;uuml;ber nach Jugoslawien, das damals noch sozialistisch war. Heute ist der Grenzposten verlassen und nichts zeugt davon, dass hier einmal ein wichtiger Br&amp;uuml;ckenkopf des Deutschen Reichs war. Au&amp;szlig;er der sanft geschwungene Graben, der sich durch die angrenzenden Maisfelder zieht. &amp;raquo;Das war der Panzergraben&amp;laquo;, sagt mein Vater, &amp;raquo;aber der konnte die Russen auch nicht aufhalten.&amp;laquo; Wir sind hier, weil es ohne diese Br&amp;uuml;cke wohl weder meinen Vater noch mich heute geben w&amp;uuml;rde. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Ein Tag im April 1945&quot;]&lt;br /&gt;Es war ein Tag im April 1945. Die Russen sa&amp;szlig;en bereits in Mureck. Mein Vater war f&amp;uuml;nf. Er lebte mit seiner Mutter und zwei kleinen Schwestern auf der anderen Seite der Mur, in Sichtweite der Br&amp;uuml;cke, die jetzt, nachdem die letzte deutsche Nachhut das Weite gesucht hatte und die Tito-Partisanen zu Rachefeldz&amp;uuml;gen anr&amp;uuml;ckten, die falsche Seite war. Sie mussten hin&amp;uuml;ber, doch die Deutschen hatten die Br&amp;uuml;cke gesprengt. Nur ein paar verkeilte Eisenstreben f&amp;uuml;hrten noch &amp;uuml;bers Wasser. Mein Vater ging vor, danach seine Mutter, eine Tochter an der Hand, die andere mit einem Tuch an den K&amp;ouml;rper gebunden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So hangelten sie sich hin&amp;uuml;ber, vorbei an den angeschwemmten Leichen, &amp;uuml;ber den rei&amp;szlig;enden Fluss. Mein Vater hat mir zuvor nie davon erz&amp;auml;hlt, nur von den jungen Burschen, angebliche Deserteure, die am Hauptplatz in Mureck am Galgen hingen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es ist, inmitten von Schutt und Leid und Tod ein Kind zu sein. Doch mein Vater sagt nur: &amp;raquo;Wir haben in den Ruinen gespielt. Wir haben Patronen gesammelt, die &amp;uuml;berall herumlagen, und daraus B&amp;ouml;ller gebastelt. Wir hatten unseren Spa&amp;szlig;.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sp&amp;auml;ter fahren wir ins benachbarte Radkersburg, das heute ein Kurst&amp;auml;dtchen ist, wo die Gasth&amp;ouml;fe noch &amp;raquo;T&amp;uuml;rkenloch&amp;laquo; hei&amp;szlig;en. Wir stehen auf einer Wiese vor einem mittelalterlichen Festungsturm. Hier war die Mutter meines Vaters mit den Kindern nach dem Krieg untergekommen. Und mein Vater f&amp;auml;ngt an zu erz&amp;auml;hlen: von den Ritterr&amp;uuml;stungen, die im Keller lagen, von den Sommern, die sie arbeitend auf den umliegenden Bauernh&amp;ouml;fen verbrachten, gegen Kost und Logis. Und von seinem Vater, den er kaum je zu Gesicht bekommen hatte, der im Krieg als vermisst galt, aber wiederkam und trotzdem nicht blieb.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nach kurzer Gefangenschaft fand er Arbeit in Salzburg und lernte eine andere kennen. Die Mutter hoffte noch lange. &amp;raquo;Sie erwartete das dritte Kind von ihm.&amp;laquo; Doch irgendwann warf sie den Ehering einfach aus dem Fenster. &amp;raquo;Er muss hier noch irgendwo liegen&amp;laquo;, sagt mein Vater ganz ohne Ironie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn mein Vater von seinem Vater spricht, ist da keine Z&amp;auml;rtlichkeit, nur das Gef&amp;uuml;hl, im Stich gelassen worden zu sein. Er wollte es besser machen, doch auch die besten Vors&amp;auml;tze k&amp;ouml;nnen eine kaputte Ehe nicht retten: Als ich sieben war, lie&amp;szlig;en sich meine Eltern scheiden. &amp;raquo;Es ist mir nicht leicht gefallen zu gehen&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;das kannst du mir glauben.&amp;laquo; Heute wei&amp;szlig; ich, es war besser so. Er heiratete wieder, bekam noch eine Tochter. Unsere Wege trennten sich, doch er stahl sich nicht aus meinem Leben davon. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich habe meinen Vater nie tanzen sehen, aber er muss ein guter T&amp;auml;nzer sein. Es gibt Fotos von ihm als junger Mann, wie er mit h&amp;uuml;bschen M&amp;auml;dchen im Arm &amp;uuml;ber den Tanzboden fliegt. Auch heute geht er jede Woche tanzen: Paso Doble, Rumba, Samba, Mambo. Er fing damit wieder an, nach dem Tod seiner zweiten Frau. Es war seine Art, die gro&amp;szlig;e Leere danach wieder mit Leben zu f&amp;uuml;llen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anfangs brachte ich das Bild meines tanzenden Vaters nicht mit dem zusammen, das ich von ihm hatte: ein Mann, der immer eingespannt war, der viel arbeitete und nie &amp;uuml;ber die Str&amp;auml;nge schl&amp;auml;gt. Doch dann kam der Ruhestand, seine Tochter wurde erwachsen und pl&amp;ouml;tzlich gab es nichts mehr, das ihn davon abhielt, wieder der zu sein, der er mal war, bevor er Mureck verlie&amp;szlig;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir klingeln bei Karl Petz, der fr&amp;uuml;her nur der Karli war. Er empf&amp;auml;ngt uns in Unterhemd und Pantoffeln &amp;ndash; ein alter Mann verglichen mit meinem Vater, obwohl sie fast gleich alt sind. Karlis Tanzdiele war die Attraktion in Mureck. Damals, als der Rock &amp;rsquo;n&amp;rsquo; Roll den Foxtrott abl&amp;ouml;ste und von einer neuen Zeit k&amp;uuml;ndete. Heute ist die Tanzdiele Petz ein gro&amp;szlig;es Wohnzimmer mit Einbauk&amp;uuml;che. Der Karli hat sie bald dichtgemacht, als alle seine Freunde weggingen, um ihr Gl&amp;uuml;ck woanders zu finden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er ist geblieben. Ja, ja der Rudi hat immer die neuesten Platten mitgebracht aus Graz. Den Elvis und den Calypso. Es war die Musik, die sp&amp;auml;ter auch bei uns zu Hause lief, als mein Vater nicht mehr tanzen gehen konnte, weil er Frau und zwei Kinder zu versorgen hatte. Der Banana Boat Song von Harry Belafonte geh&amp;ouml;rt zu meinen ersten musikalischen Erinnerungen. Gut m&amp;ouml;glich, dass ich als Dreij&amp;auml;hriger dazu getanzt habe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es waren drei gute Tage in Mureck. Ich wei&amp;szlig; nicht, was besser war: zu sehen, mit welchem Stolz mich mein Vater zu den Stationen seiner Kindheit f&amp;uuml;hrte. Oder die Abende, in denen wir einfach auf unserem Hotelbett Fu&amp;szlig;ball schauten, bis einer einschlief. Auf der Fahrt zur&amp;uuml;ck halten wir noch mal in Graz. Mein Vater will sehen, ob der Druckereibetrieb noch steht, in dem er als junger Mann Anfang der Sechzigerjahre seine Ausbildung gemacht hat. Graz ist eine gro&amp;szlig;e Stadt im Vergleich zu Mureck. Warum ist er nicht hier geblieben? &amp;raquo;Eines Tages kaufte ich mir eine S&amp;uuml;ddeutsche am Grazer Hauptbahnhof. Darin war eine Stellenanzeige in M&amp;uuml;nchen. Ich schrieb hin. Die haben mich sofort eingeladen, haben Zug und Hotel gezahlt.&amp;laquo; Er bekam die Stelle. Er fand ein Zimmer, drau&amp;szlig;en vor der Stadt. Er verliebte sich in die Tochter seiner Vermieterin: meine Mutter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Ich habe ihn nie tanzen sehen</dc:subject>
    <dc:creator>Thomas Bärnthaler</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34694">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34694</link>
    <title>Mein Vater und ich, wir gehen also Strümpfe kaufen</title>
    <description>&lt;p&gt;Auf dem Weg durch Bad Hersfeld erfuhr David Wagner, wie sch&amp;ouml;n es sein kann, die Banalit&amp;auml;ten des ganz normalen Lebens zu teilen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28286.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;Mein Vater holt mich ab, er steht oben auf dem Bahnsteig. Wir treffen uns auf neutralem Gebiet, auf halber Strecke, nachmittags in Bad Hersfeld, einer Stadt, in der wir beide nie zuvor gewesen sind. Mein Vater ist mit dem Auto &amp;uuml;ber Bad Homburg aus Bonn hierher gefahren, ich komme aus Berlin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Hotel muss er dann, obwohl er eben schon einmal dort war, wieder mit dem Navigationsger&amp;auml;t suchen. Seine Scheibenwischer quietschen und er &amp;uuml;berf&amp;auml;hrt eine rote Ampel, w&amp;auml;hrend er von seiner Mutter erz&amp;auml;hlt. Mit Ende sechzig habe die angefangen, immer mehr zu vergessen, ihr Kurzzeitged&amp;auml;chtnis habe nicht mehr funktioniert, st&amp;auml;ndig habe sie ihre Handtasche suchen m&amp;uuml;ssen, bald habe sie gar nichts mehr gewusst, dann sei sie schnell gestorben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Kleinere Ausfallserscheinungen habe ich bei mir auch schon festgestellt&amp;laquo;, sagt mein Vater. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Hotel stelle ich nur die Tasche ab, wir wollen gleich die gro&amp;szlig;e Ruine sehen. Die gro&amp;szlig;e Ruine, fr&amp;uuml;her Stiftskirche der Reichsabtei Hersfeld, soll einmal der gr&amp;ouml;&amp;szlig;te romanische Kirchenbaus Europas gewesen sein. Wir bestaunen die stehengebliebenen Mauern, spazieren in Schleifen durchs St&amp;auml;dtchen, bewundern Fachwerkh&amp;auml;user und stolpern von Denkmal zu Denkmal. Eine Tafel erinnert an die deportierten Sinti und Roma, auf einer anderen stehen die Namen aller ermordeten Juden der Stadt, angebracht ebendort, wo bis 1938 die Synagoge stand.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Da hat mein Vater nicht mitgemacht&amp;laquo;, sagt mein Vater. Ja, ich wei&amp;szlig;. In der Reichskristallnacht sei er zu Hause geblieben, hei&amp;szlig;t es. So erz&amp;auml;hlen es meine Tanten. Ansonsten aber war er immer dabei. Ja, Opa war ein Nazi. Ich besitze ein paar Fotos, auf denen er auf dem Reichsparteitag in N&amp;uuml;rnberg neben dem F&amp;uuml;hrer die Reihen abschreitet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auf Umwegen finden wir in den &amp;raquo;Ratskeller&amp;laquo; im Alten Rathaus. Wir bestellen, uns geht es gut, marinierten Lammr&amp;uuml;cken auf Toskanagem&amp;uuml;se. W&amp;auml;hrend des Essens f&amp;auml;llt meinem Vater auf, dass ich seine alte Armbanduhr trage. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Sechzig Mark hat die gekostet, 1957.&amp;laquo; Vor ein paar Jahren, ich lag mal wieder im Krankenhaus, hat er sie mir geschenkt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nach dem Essen bemerken wir in der N&amp;auml;he der Kirche regen Publikumsverkehr, Besucher str&amp;ouml;men beladen mit Decken und M&amp;auml;nteln Richtung Ruine. Ach ja, die Bad Hersfelder Opernfestspiele. Gleich gibt es &lt;em&gt;Nabucco&lt;/em&gt;. Wir &amp;uuml;berlegen kurz, verzichten dann aber darauf, Karten zu kaufen. Wir suchen uns eine Bank im Park, wischen sie trocken, setzen uns und lauschen der Ouvert&amp;uuml;re. Wagnerianer, die wir sind, machen wir uns ein wenig &amp;uuml;ber Verdi lustig. &amp;raquo;Italo-Pop des 19. Jahrhunderts&amp;laquo;, sagt mein Vater, wir erinnern uns dann aber, dass wir einmal eine &lt;em&gt;Aida&lt;/em&gt; in der Arena von Verona geh&amp;ouml;rt haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Das muss 1986 gewesen sein, das Endspiel der WM, die Niederlage gegen Argentinien, haben wir auch in Italien gesehen.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Lange her&amp;laquo;, meint mein Vater. Und dann f&amp;auml;llt ihm ein, dass er im Abiturjahr einen Aufsatz mit dem Thema &amp;raquo;Gedanken zur verrinnenden Zeit&amp;laquo; schreiben sollte.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Willst du in deiner Geschichte wieder die Sache mit den Hundehaufen erz&amp;auml;hlen?&amp;laquo;, fragt mein Vater nach einer Pause, in der wir die Zeit haben verrinnen h&amp;ouml;ren. Der Gefangenenchor singt, wir sitzen noch auf der Bank, langsam wird es dunkel.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hundehaufen? Er meint die Vaterfigur in meinem ersten Roman &lt;em&gt;Meine nachtblaue Hose&lt;/em&gt;. In einer Szene sieht der Sohn da seinem Vater, einem Bonner Ministerialbeamten, bei der Gartenarbeit zu, f&amp;uuml;r die der sich seinen alten Bundeswehrparka angezogen hat. Mit dem will er, den Stahlhelm im Rucksack oder auf dem Kopf, auf allen gro&amp;szlig;en Demonstrationen der sp&amp;auml;ten Sechzigerjahre gewesen sein. Die Gartenarbeit besteht darin, bewaffnet mit Zinkeimer in der linken und dem gardenablauen Sch&amp;auml;ufelchen in der rechten Hand, Hundehaufen von der Wiese des eigenen Gartens zu kratzen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Papa, das warst doch nicht du, das war eine Romanfigur. Du hast dich da nur wiedererkennen wollen&amp;laquo;, rede ich mich jetzt heraus. Trotzdem stelle ich fest, seinen Parka hat er nicht mehr an. Er trug ihn oft samstags, wenn wir Rollschuhlaufen gingen, Rollerskaten hie&amp;szlig; das damals, wir fuhren zusammen in die Stadt, zum Einkaufen, das war um das Jahr 1980 herum, und nicht wenige Menschen waren einigerma&amp;szlig;en irritiert, einen erwachsenen Mann auf Rollschuhen durch die Rheinanlagen rollen zu sehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Heute hat er seine Golfjacke an, sehr leicht und sehr angenehm zu tragen, meint er. Er hat schon &amp;ouml;fter versucht, mich von den Vorteilen solcher Funktionskleidung zu &amp;uuml;berzeugen. Ich aber habe mir, vielleicht aus Sentimentalit&amp;auml;t &amp;ndash; vor allem aber, weil es auf den zugigen, aus der Sicht meiner linksrheinischen Eltern in Vorsibirien liegenden Spielpl&amp;auml;tzen des Prenzlauer Berges sehr kalt sein kann &amp;ndash; vor ein paar Jahren auch mal einen Parka gekauft. Allerdings war es, aber das passt ins Bild, ein im Schlussverkauf erstandenes, nachgeschneidertes Modell der Marke Hugo. Ein ironischer Parka also, f&amp;uuml;r den ich mich nun ein wenig sch&amp;auml;me.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Ich bin halt manchmal furchtbar w&amp;uuml;tend auf ihn.&quot;]&lt;br /&gt; Es ist k&amp;uuml;hl geworden auf der Bank, Flederm&amp;auml;use flattern um uns herum und f&amp;uuml;hren erstaunliche Flugman&amp;ouml;ver vor. Wir gehen zur&amp;uuml;ck ins Hotel, und ich wundere mich, dass ich heute so sanftm&amp;uuml;tig bin. Sei nett zu deinem Vater, wurde mir vor meiner Abreise eingesch&amp;auml;rft, meine Ausf&amp;auml;lle sind bekannt. Ich bin auch schon gemein gewesen zu meinem Vater, ich bin halt manchmal furchtbar w&amp;uuml;tend auf ihn. Gr&amp;uuml;nde gibt es. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er war nur zwei Jahre &amp;auml;lter, als ich es jetzt bin, da starb meine Mutter. Der junge Witwer stand mit seinen Kindern da. Das Kind, das ich damals war, h&amp;auml;tte gern im Mausoleum der Erinnerung an seine Mutter weitergelebt &amp;ndash; mein Vater aber hat wieder geheiratet, eine Freundin meiner Mutter, die Mutter meines besten Freundes. Muss ich mich dar&amp;uuml;ber heute noch aufregen? Hin und wieder passiert es. Dabei habe ich l&amp;auml;ngst meine eigenen Leichen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am n&amp;auml;chsten Morgen kommt mein Vater sehr fr&amp;ouml;hlich zum Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck, er hat sein iPhone wiedergefunden. Vier Wochen hat er danach gesucht, nun ist es, oh Wunder, in einem Seitenfach seiner Reisetasche aufgetaucht. Er hatte sich schon wieder an sein altes Telefon gew&amp;ouml;hnt. Vater und Sohn spazieren dann durch den Kurpark, sie schauen sich die Pflanzen an. &amp;raquo;Diese gelben Dingsda&amp;laquo; &amp;ndash; Rudbeckia fulgida oder Goldsturm lese ich auf dem Erkl&amp;auml;rschildchen &amp;ndash; &amp;raquo;habe ich auch im Garten.&amp;laquo; Von der Arbeit im Garten f&amp;auml;ngt er immer an, wenn ich ihn am Telefon frage, ob er sich denn genug bewege &amp;ndash; vermittelt dabei allerdings nie den Eindruck, seinen Garten wirklich zu lieben. Er macht das halt, denke ich jetzt, da bleibt er auf einmal stehen, um eine rot-wei&amp;szlig; gesprenkelte Hortensiendolde zu fotografieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir probieren das Heilwasser der Lullusquelle im Trinkbrunnen und spucken es wieder aus. Schmeckt f&amp;uuml;rchterlich. Brackig-salzig und nach Eisen. Lieber doch nicht gesund werden, wir sind uns einig. So gesund wie die beiden Nordic-Walkerinnen, die in diesem Augenblick mit ihren klackernden Armverl&amp;auml;ngerungen an uns vorbeiziehen, k&amp;ouml;nnen wir sowieso nie werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Wie angestrengt, ja ernsthaft die versuchen, in ihre Jugend zur&amp;uuml;ckzumarschieren&amp;laquo;, staunt mein Vater. Das w&amp;uuml;rde ihm nicht einfallen.&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich denke gar nicht oft an meine Jugend&amp;laquo;, meint er nach einer Pause. Er denke mehr an seine Jahre mit Anfang vierzig, die Zeit seiner unglaublichen Liebesgeschichte, die nicht lange nach dem Tod meiner Mutter begann. Er hat damals sein W&amp;auml;lsungendrama erlebt, seine Variante, mit heimlich angemieteter Wohnung, Scheidung und einem kleinen Skandal. Sein W&amp;auml;lsungendrama ging gut aus, die beiden sind seit bald 25 Jahren verheiratet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach dem Rundgang durch das Stadtmuseum, wir wissen jetzt fast alles &amp;uuml;ber die Reichsabtei, verraten wir uns, dass wir beide Sockenprobleme haben. Mein Vater hat gar keine an, weil die d&amp;uuml;nnen, die er dabeihat, in seinen braunen Schuhen rutschen. Und meine linke Socke hat ein gro&amp;szlig;es Loch. Mein Vater und ich, wir gehen also Str&amp;uuml;mpfe kaufen. Wir kaufen gleich auch die Zeitungen und setzen uns in die Sonne, trinken Kaffee und teilen uns ein St&amp;uuml;ck Kuchen, er will ja nicht mehr so viel essen. Wir bl&amp;auml;ttern durch die Wochenendausgaben und erz&amp;auml;hlen uns, was wir lesen, bis mein Vater die FAZ &amp;ndash; eigentlich ist das gar nicht seine Zeitung, sonst liest er die SZ, fr&amp;uuml;her allerdings, bis Mitte der Neunzigerjahre die Frankfurter Rundschau &amp;ndash; v&amp;ouml;llig zerpfl&amp;uuml;ckt hat. Das hat mich schon gest&amp;ouml;rt, als ich noch zu Hause wohnte, seine Angewohnheit, die Zeitungsb&amp;uuml;cher zu zerfleddern und die umgeschlagenen Doppelseiten nie zur&amp;uuml;ckzufalten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir beschlie&amp;szlig;en, noch einen Ausflug zu machen. Kaum auf der Autobahn, kommen wir an einem gigantischen, &amp;raquo;amazon.de&amp;laquo; beschrifteten Kasten vorbei. Ach, daher ist mir Bad Hersfeld ein Begriff, jetzt erst f&amp;auml;llt es mir ein: Von hier werden ja alle meine Buchpakete und all das Zeug, das ich sonst so bestelle, versandt. Wir m&amp;uuml;ssen wirklich in der Mitte Deutschlands sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vor zwanzig Jahren, die Gegend hie&amp;szlig; noch Zonenrandgebiet, sind wir hier schon einmal durchgefahren, im Fr&amp;uuml;hsommer 1990. Ich hatte die m&amp;uuml;ndliche Abiturpr&amp;uuml;fung hinter mir und begleitete meinen Vater auf einer Dienstreise, kurz vor Unterzeichnung des Einigungsvertrages. Er hatte damals viel mit der DDR-Wirtschaft zu tun und war unterwegs, irgendwelche Details zu kl&amp;auml;ren. Die Jahre danach, ich wohnte schon dort, kam er sehr oft nach Berlin. Umgezogen aber ist er nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Noch ein paar Kilometer, und wir sind da, wo fr&amp;uuml;her das andere Deutschland war. Heute merken wir an der glatten, breiteren Autobahn, dass wir dr&amp;uuml;ben sind. Wir verfahren uns, weil das Navigationsger&amp;auml;t meines Vaters eine der neuen Stra&amp;szlig;en um Eisenach herum nicht kennt, ganz herk&amp;ouml;mmliche Schilder leiten uns dann bis auf den Parkplatz unterhalb der Wartburg. W&amp;auml;hrend des Aufstiegs, Papa keucht, ein gro&amp;szlig;er Sportler war er nie, f&amp;auml;llt ihm ein, dass er schon einmal hier war. &amp;raquo;Mit deiner Mutter, das muss 1979 gewesen sein. Die DDR kam ihr damals vor wie das Rheinland kurz nach dem Krieg, wir haben beide gedacht, wir w&amp;auml;ren in unsere Kindheit zur&amp;uuml;ckgefahren.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir verzichten darauf, uns den ber&amp;uuml;hmten Tintenklecks und die zugeh&amp;ouml;rige Kemenate anzusehen, in der Junker J&amp;ouml;rg Martin Luther die deutsche Sprache erfunden hat. &amp;Uuml;berhaupt, die Wartburg ist uns viel zu gepflegt. Zu viel Historismus. &amp;raquo;Sieht halt aus, als h&amp;auml;tte Wolfgang Wagner Tannh&amp;auml;user inszeniert&amp;laquo;, wei&amp;szlig; mein Vater zu spotten und beginnt die Ouvert&amp;uuml;re zu pfeifen, da stehen wir vor der Aussicht und schauen in das tiefe Gr&amp;uuml;n des Th&amp;uuml;ringer Waldes. Er f&amp;auml;ngt auch noch an zu singen, aber den S&amp;auml;ngerkrieg auf der Wartburg h&amp;auml;tte er nicht gewonnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Was f&amp;uuml;r ein deutsches Wochenende&amp;laquo;, meint mein Vater, da sitzen wir wieder im Wagen. &amp;raquo;Deutsch-deutsche Grenze, Luther, Wartburg, Richard Wagner und neue Autobahnen.&amp;laquo; &lt;br /&gt; &amp;raquo;Und Konrad Duden sind wir im Stadtmuseum auch schon begegnet.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich sitze jetzt am Steuer, weil ich mich auf der Hinfahrt &amp;uuml;ber seine Fahrweise aufgeregt habe. Dabei d&amp;uuml;rfte ich gar nichts sagen, er ist es, der seit Jahrzehnten unfallfrei f&amp;auml;hrt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Wurde am Bahnhof von Bad Hersfeld nicht dieser Terrorist erschossen?&amp;laquo;, fragt mein Vater, als ich kurz hinter Amazon die Ausfahrt nehme.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wolfgang Grams? Nein, das war in Bad Kleinen&amp;laquo;, sage ich und warte schon auf die Geschichte, die er sonst immer erz&amp;auml;hlt, wenn es um eine Anekdote zum Terrorismus der Siebzigerjahre geht. Sein St&amp;uuml;ck RAF-Folklore handelt davon, wie er bei einer Personenkontrolle in Bonn beinah erschossen worden w&amp;auml;re. Warum? Nur weil er der Polizei dummerweise einen zuvor als gestohlen gemeldeten Ausweis zeigte. &amp;raquo;Die Maschinenpistole war entsichert, ich hatte den Lauf in den Rippen&amp;laquo;, h&amp;ouml;re ich ihn sagen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Abends essen wir wieder im Alten Rathaus, Prachtbau der Weserrenaissance, meint mein Vater, sitzen diesmal aber drau&amp;szlig;en, gleich neben dem Lullusbrunnen. Und wie gestern schon freut mein Vater sich, dass er nach dem Espresso sagen kann: &amp;raquo;Das war sehr gut und w&amp;auml;re in Bonn viel teurer gewesen.&amp;laquo; In Bonn, einen Steinwurf entfernt vom alten Bundeskanzleramt, hat er sein gesamtes Berufsleben verbracht. Und wo meine Eltern wohnen und essen gehen, m&amp;uuml;ssen sie noch immer Beamten- und Diplomatenzuschlag zahlen. Behaupten sie zumindest. Dabei m&amp;uuml;sste mein Vater nicht klagen, aber das wei&amp;szlig; er selbst. Die fetten Jahre haben ihn versorgt, vorhin hat er mir die H&amp;ouml;he seiner Pension verraten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit dem, was er hatte, ist er immer sehr gro&amp;szlig;z&amp;uuml;gig gewesen, Geld wurde ausgegeben. Als Kind habe ich nie gedacht, wir sind reich, heute wei&amp;szlig; ich, dass wir es waren. Ein gro&amp;szlig;es Haus, Autos, drei Urlaube im Jahr, vier Kinder, Musikunterricht und -instrumente f&amp;uuml;r alle und ein Segelboot (keine Yacht, es war eine Jolle, ein 420er) f&amp;uuml;r meinen Bruder und mich. Und das alles, ohne gro&amp;szlig; geerbt zu haben. Der Sohn im Halbprekariat der Berliner &amp;Ouml;konomie kann von solchen Verh&amp;auml;ltnissen nur tr&amp;auml;umen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir bewegen uns wieder durchs St&amp;auml;dtchen, sehen die Schule, in der Konrad Duden unterrichtet hat, und setzen uns, wir sind Gewohnheitstiere, wieder auf unsere Parkbank. Heute h&amp;ouml;ren wir die Zauberfl&amp;ouml;te aus der Ruine, die uns viel besser gef&amp;auml;llt als die Wartburg.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;N&amp;auml;chste Woche bin ich &amp;uuml;brigens in Bayreuth&amp;laquo;, f&amp;auml;llt meinem Vater jetzt ein, er hat Festspielkarten, f&amp;uuml;r den Ring. Er hatte noch eine &amp;uuml;brig, die aber schon meiner &amp;auml;ltesten Schwester versprochen ist. Ein wenig habe ich nun das Gef&amp;uuml;hl, als habe er sich bisher nicht getraut, mir das zu sagen. Ich versuche nicht neidisch zu sein. Nein. H&amp;ouml;ren wir halt heute Mozart, die Flederm&amp;auml;use sind bald wieder da.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Sonntagmorgen riecht es im Kurpark schon leicht nach Herbst. Beim Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck spricht mein Vater, er isst wie immer zu schnell, von seinem anstehenden f&amp;uuml;nfzigj&amp;auml;hrigen Abiturtreffen. Vor ein paar Tagen hat er mit einem alten Schulkollegen telefoniert. Seit der letzten Zusammenkunft haben die Reihen sich gelichtet.&lt;br /&gt; &amp;raquo;Die Einschl&amp;auml;ge kommen n&amp;auml;her, das hast du doch schon vor 25 Jahren gesagt.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Jetzt aber stehe ich ganz vorn im Feuer, in der Hauptkampflinie&amp;laquo;, antwortet mein Vater, merkt dann aber an, dass so ein Dasein sich doch eher anf&amp;uuml;hle, als st&amp;uuml;nde man auf einem langen R&amp;uuml;ttel-F&amp;ouml;rderband, das einen unbarmherzig immer weitertransportiere, w&amp;auml;hrend um einen herum einer nach dem anderen herunterfalle. &amp;raquo;Und einmal, man wei&amp;szlig; nur nicht wann, f&amp;auml;llt man selbst hinunter.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Aber f&amp;uuml;r jeden, der hinten runterkullert, kommt vorne einer hinzu, wenn dich das tr&amp;ouml;stet&amp;laquo;, sage ich und bestelle Gr&amp;uuml;&amp;szlig;e vom Enkelkind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir verabschieden uns auf dem Bahnhofsvorplatz, vor einem B&amp;uuml;rogeb&amp;auml;ude der Nachkriegszeit, das mein Vater furchtbar h&amp;auml;sslich findet. Mir gef&amp;auml;llt es eigentlich ganz gut, ich glaube, er beklagt sich blo&amp;szlig;, weil er sein halbes Leben in solchen Geb&amp;auml;uden verbracht hat. Allein auf dem Bahnsteig f&amp;uuml;hle ich auf meinem Gesicht dann einen Ausdruck, wie ich ihn sonst oft in seinem sehe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Mein Vater und ich, wir gehen also Strümpfe kaufen</dc:subject>
    <dc:creator>David Wagner</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34697">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34697</link>
    <title>Der Schädel meines Vaters</title>
    <description>&lt;p&gt;Eines Tages bekam unser Autor einen merkw&amp;uuml;rdigen Anruf. Seitdem hat er einen Totenkopf in seinem Regal stehen. Die Zusammenh&amp;auml;nge soll er Ihnen am besten selbst erkl&amp;auml;ren.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28280.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;Der Sch&amp;auml;del meines Vaters schimmelt. Ein wenig nur, an der Seite, aber er schimmelt. Vielleicht war er zu lange auf dem Speicher meiner Mutter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich habe den Sch&amp;auml;del erst seit Kurzem wieder, seit ich meine Umzugskartons abgeholt habe, die ich 1999 nicht mit nach Afrika nehmen wollte. Schon damals fragte ich mich, was ich mit dem Ding eigentlich machen sollte. Nat&amp;uuml;rlich habe ich niemanden umgebracht, auch meinen Vater nicht, und ich habe auch kein Grab gepl&amp;uuml;ndert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es war so: Im Fr&amp;uuml;hjahr 1995, damals arbeitete ich im Medienressort dieser Zeitung, klingelte das Telefon. Ein Mitarbeiter der Anthropologischen Staatssammlung in M&amp;uuml;nchen bat mich, zu ihm ins B&amp;uuml;ro zu kommen, er habe etwas f&amp;uuml;r mich. Am Telefon k&amp;ouml;nne er nicht dar&amp;uuml;ber reden. Und ich solle mich bitte beeilen, die Sache m&amp;uuml;sse schnell gekl&amp;auml;rt werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Von der Redaktion, die damals noch in der Innenstadt lag, waren es nur wenige Trambahnstationen bis zur Staatssammlung. Und was dort gesammelt wird, wurde mir im B&amp;uuml;ro des Anthropologen klar, als ich zun&amp;auml;chst seine skeptischen Blicke sah und dann den Pappkarton aus Jordanien auf seinem Schreibtisch. In der braunen Kiste der Amman Food Industries Company waren einst 72 Portionen Sandwichsauce der Marke Afico verpackt gewesen. Der Wissenschaftler &amp;ouml;ffnete den Deckel und zog den Totenkopf heraus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es war nicht der erste Sch&amp;auml;del eines Toten, den ich in meinem Leben sah, aber der Anblick hatte etwas Verst&amp;ouml;rendes, vor allem, weil der Kopf nun mir geh&amp;ouml;ren sollte: &amp;raquo;Sie sind Michael Bitala, oder?&amp;laquo;, fragte der Mann, der mich angerufen hatte, und erz&amp;auml;hlte folgende Geschichte: Ein Biologie-Professor und Direktor eines naturgeschichtlichen Museums im Irak habe ihm den Sch&amp;auml;del geschickt. Da die Versorgungslage durch das UN-Embargo so schlecht sei, m&amp;uuml;sse der Mann die Exponate seines Hauses verkaufen. Es handle sich hier um den 1400 bis 1800 Jahre alten Sch&amp;auml;del eines m&amp;auml;nnlichen Sassaniden, einem Volk in Persien, zum Todeszeitpunkt sch&amp;auml;tzungsweise f&amp;uuml;nfzig bis sechzig Jahre alt. Der Professor h&amp;auml;tte gern 2000 Mark daf&amp;uuml;r, und das Geld solle das anthropologische Institut seinem &amp;raquo;Freund&amp;laquo; Michael Bitala &amp;uuml;bergeben. Der w&amp;uuml;rde es ihm dann in den Irak schicken. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Mann, der mich als &amp;raquo;Freund&amp;laquo; bezeichnete, war mein Vater. Er ist Iraker, und ich hatte seit vielen Jahren nichts von ihm geh&amp;ouml;rt. Dass er mich jetzt als Freund und nicht als seinen Sohn bezeichnete, war mir sehr recht, denn offensichtlich handelte es sich um eine Straftat. Darauf wies mich auch der Anthropologe hin: Er k&amp;ouml;nne den Sch&amp;auml;del nicht kaufen, das versto&amp;szlig;e gegen internationales Recht. Auch wenn er ihn noch so gern h&amp;auml;tte, schlie&amp;szlig;lich sei es ein seltenes Exemplar. Aber gestohlene Kunst- und Kulturg&amp;uuml;ter d&amp;uuml;rfe sein Institut nicht erwerben. Deshalb solle ich den Sch&amp;auml;del jetzt mitnehmen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Was soll ich denn mit dem Sch&amp;auml;del?&amp;laquo;, fragte ich. &amp;raquo;Sie k&amp;ouml;nnen ihn auf dem Schwarzmarkt verkaufen&amp;laquo;, antwortete der Wissenschaftler. &amp;raquo;Gibt es einen Schwarzmarkt f&amp;uuml;r Sassanidensch&amp;auml;del?&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Ja, den gibt es&amp;laquo;, sagte der Mann und nannte ein Viertel in Schwabing. &amp;raquo;Aber ich stelle mich doch nicht mit einem Sch&amp;auml;del im Karton auf die Stra&amp;szlig;e und warte auf Interessenten.&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Nehmen Sie den Sch&amp;auml;del einfach mit. Und dann vergessen wir die Sache.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf der R&amp;uuml;ckfahrt sa&amp;szlig; ich wieder in der Trambahn. Nur dass ich diesmal einen Karton mit einem Sch&amp;auml;del auf dem Scho&amp;szlig; hatte, was dazu gef&amp;uuml;hrt hat, dass ich mich seitdem in &amp;ouml;ffentlichen Verkehrsmitteln oft frage, was die Menschen so alles mit sich herumtragen. Zu Hause schob ich den Totenkopf samt Karton unter mein Bett. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich schickte meinem Vater 2000 Mark, weil er ja offensichtlich aufgrund des Embargos bed&amp;uuml;rftig war, und schrieb dazu, dass ich seinen Sch&amp;auml;del nicht verkaufen w&amp;uuml;rde. Was dazu f&amp;uuml;hrte, dass er mehr Geld wollte, ich k&amp;ouml;nnte den Sch&amp;auml;del ja noch verkaufen. Dieser Briefwechsel hat unseren zuvor schon sp&amp;auml;rlichen Kontakt nicht eben verst&amp;auml;rkt.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Sch&amp;auml;del blieb vier Jahre lang unter dem Bett, dann kam er f&amp;uuml;r elf Jahre auf den Speicher meiner Mutter. Jetzt aber, wo ich ihn wiederhabe, ruht er in meinem B&amp;uuml;cherregal, wo ich ihn jeden Morgen betrachte und mich frage, wie der Sassanide wohl zu Lebzeiten seine Tage verbracht hat. Und wie er es f&amp;auml;nde, dass sein Kopf ein paar Tausend Jahre sp&amp;auml;ter in einer M&amp;uuml;nchner Wohnung herumliegt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber was mache ich mit ihm? Jetzt, da er schimmelt, ist er mir noch unheimlicher als zuvor. Sind die Schimmelsporen des Sassaniden gef&amp;auml;hrlicher als zum Beispiel Schimmel in Kaffeemaschinen? W&amp;auml;re es &amp;ndash; allein aus hygienischen Gr&amp;uuml;nden &amp;ndash; nicht sinnvoll, ihn einfach in die M&amp;uuml;lltonne zu werfen? &lt;br /&gt; An anderen Tagen &amp;uuml;berlege ich mir, ob ich ihn an ein anderes anthropologisches Institut schicken sollte. Ohne Anschreiben nat&amp;uuml;rlich, immerhin steht in dem Brief, der die Herkunft des Sch&amp;auml;dels kl&amp;auml;rt, auch mein Name und der meines Vaters. Ohne ein erl&amp;auml;uterndes Schreiben aber ist der Totenkopf wissenschaftlich gesehen nicht viel wert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Oder soll ich, wie es mir der M&amp;uuml;nchner Krimiautor Friedrich Ani &amp;raquo;zwecks guter Geschichte&amp;laquo; empfohlen hat, den Sch&amp;auml;del nachts am Isarufer ablegen? Das w&amp;uuml;rde, so Ani, &amp;raquo;eine sch&amp;ouml;ne Mordermittlung&amp;laquo; geben. Ich solle ihm jedenfalls Bescheid geben, wenn es so weit ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber ein Gedanke schl&amp;auml;gt alle anderen: Der Sassanide muss eine Bestimmung haben. Der Sch&amp;auml;del liegt nicht 1400 bis 1800 Jahre irgendwo herum, damit ich ihn einfach wegwerfe oder sonstwie entsorge. Ich werde ihn in Zukunft mit Respekt behandeln. Ich werde ihm mit einem Schwamm und etwas Sp&amp;uuml;lmittel den Schimmel vom Knochen waschen und abwarten. Ein Totenkopf, der solch einen Weg hinter sich hat, kann noch nicht am Ziel seiner Reise sein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der Schädel meines Vaters</dc:subject>
    <dc:creator>Michael Bitala</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/34700">
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    <title>Die Männer unseres Lebens</title>
    <description>&lt;p&gt;Zwei Freunde, ein gemeinsames Buch: In &lt;em&gt;Wof&amp;uuml;r stehst Du?&lt;/em&gt; erz&amp;auml;hlen Giovanni di Lorenzo und Axel Hacke davon, was in ihrem Leben wichtig ist - und welchen Menschen sie alles verdanken. &lt;em&gt;Ein Vorabdruck&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/28285.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;1&lt;br /&gt;Giovanni di Lorenzo:&lt;/strong&gt; Als ich klein war, protestierten fast &amp;uuml;berall in Europa die Studenten auf den Stra&amp;szlig;en, und in Vietnam f&amp;uuml;hrten die Amerikaner Krieg. Meine Eltern diskutierten bei jeder Gelegenheit &amp;uuml;ber diese Themen, es waren aufregende Zeiten, zu aufregend f&amp;uuml;r einen Neunj&amp;auml;hrigen, wie sie fanden. Sie erlaubten nicht, dass ich Zeitung las; ein Fernseher wurde gar nicht erst angeschafft.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das machte das Weltgeschehen f&amp;uuml;r mich nat&amp;uuml;rlich noch interessanter, als es ohnehin schon war. Und ich fand einen Weg, fast jeden Tag Zeitung zu lesen, schon als Drittkl&amp;auml;ssler.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mein Vater kaufte, als wir in Rimini lebten, ein Blatt namens &lt;em&gt;Il Resto del Carlino&lt;/em&gt;. (Der Name stammt aus einer anderen Zeit: Der &lt;em&gt;carlino&lt;/em&gt; war einst eine M&amp;uuml;nze, die niemand mehr kennt, il &lt;em&gt;resto &lt;/em&gt;war der Rest dieser M&amp;uuml;nze. Das Blatt kostete also urspr&amp;uuml;nglich offenbar nicht mehr als das Wechselgeld.) Das Mietshaus, in dem wir damals wohnten, war das letzte an einer l&amp;auml;ngeren Stra&amp;szlig;e, die direkt zum Strand f&amp;uuml;hrte. Der Blick von meinem Zimmer im vierten Stock war unverbaut, ich lag oft viele Stunden am Tag oben auf einem Etagenbett und schaute aufs Meer, ein Blick, der mich zugleich beruhigte und langweilte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zum Zeitungsladen waren es vielleicht zweihundert Meter stadteinw&amp;auml;rts, und mein Trick, doch irgendwie zum Zeitunglesen zu kommen, bestand darin, dem Vater anzubieten, ihm morgens den &lt;em&gt;Resto del Carlino&lt;/em&gt; vom Kiosk zu holen, wie das in Italien &amp;uuml;blich ist: Jeder kauft sich dort seine Zeitung am Kiosk, weil die Post oder jedes andere Zustellverfahren viel zu unzuverl&amp;auml;ssig w&amp;auml;ren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Manchmal, wenn der Wind das zulie&amp;szlig; und es nicht zu hei&amp;szlig; war, setzte ich mich zur Lekt&amp;uuml;re gleich auf das M&amp;auml;uerchen an der Strandpromenade. Meistens jedoch las ich im Wohnzimmer, w&amp;auml;hrend mein Vater im Bad mit der Rasur und schier endlosen morgendlichen Waschungen besch&amp;auml;ftigt war. Trat er dann aus dem Bad, legte ich die Zeitung rasch sorgf&amp;auml;ltig wieder zusammen. Er sollte ja das Gef&amp;uuml;hl haben, ein noch ungelesenes Blatt zur Hand zu nehmen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Meine gro&amp;szlig;e Sorge als kleiner Junge war, dass die Amerikaner in Vietnam verlieren k&amp;ouml;nnten. Ich hielt zu den Amerikanern, wie man zu einer Fu&amp;szlig;ballmannschaft h&amp;auml;lt, und z&amp;auml;hlte Tag f&amp;uuml;r Tag aufgrund der Angaben im &lt;em&gt;Resto del Carlino&lt;/em&gt; die Opfer beider Seiten zusammen, was mir zun&amp;auml;chst das Gef&amp;uuml;hl gab, dass S&amp;uuml;dvietnamesen und Amerikaner die Oberhand behielten. Ein tr&amp;uuml;gerisches Gef&amp;uuml;hl, wie sich herausstellen sollte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2&lt;br /&gt;Axel Hacke:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Der erste Politiker, den ich kennenlernte, war mein Gro&amp;szlig;vater, der in einem Dorf in der N&amp;auml;he von Braunschweig lebte. Er war Handelsvertreter von Beruf, sp&amp;auml;ter besa&amp;szlig; er ein M&amp;ouml;belgesch&amp;auml;ft. Weil er viel unterwegs sein musste, hatte er schon sehr fr&amp;uuml;h ein Auto. Eines Tages hatte er mit diesem Auto einen Unfall, bei dem er sich das Knie schwer verletzte. Seitdem ging er am Stock.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nach dem Krieg baute mein Gro&amp;szlig;vater ein Haus, in dem ich w&amp;auml;hrend meiner ersten Lebensjahre zusammen mit meinen Eltern lebte. Viele Jahre lang war er dann B&amp;uuml;rgermeister dieses Dorfes, als Sozialdemokrat, weshalb f&amp;uuml;r mich, da auch mein Vater nie etwas anderes als SPD w&amp;auml;hlte, als Kind keine andere Partei als die SPD akzeptabel erschien.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nachmittags spazierte mein Gro&amp;szlig;vater mit einem Dackel namens Waldmann an der Leine durch den Ort. Er war eine Erscheinung von gro&amp;szlig;er Autorit&amp;auml;t: immer in einem grauen Anzug mit Weste, Krawatte und goldener Uhrkette, das Haar straff zur&amp;uuml;ckgek&amp;auml;mmt und schlohwei&amp;szlig; wie der Schnauzbart, w&amp;uuml;rdevoll wie alle seine Br&amp;uuml;der, meine Gro&amp;szlig;onkel. Kaum je sah ich meinen Gro&amp;szlig;onkel Willi, der Schlosser war und Mitglied der IG Metall, meinen Gro&amp;szlig;onkel Otto, der den Krieg als Holzf&amp;auml;ller in Finnland &amp;uuml;berlebt hatte, meinen Gro&amp;szlig;onkel Walter, meinen Gro&amp;szlig;onkel Kurt oder einen anderen aus der un&amp;uuml;bersehbar gro&amp;szlig;en Gro&amp;szlig;onkelmenge anders als in Anz&amp;uuml;gen mit Weste und Krawatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn ich als kleiner Junge gemeinsam mit dem Sohn des B&amp;auml;ckers und dem des Feuerwehr-Kommandanten das Wasser im Dorfgraben aufstaute, um Schiffchen fahren zu lassen, zeigte der Gro&amp;szlig;vater mit seinem Gehstock auf den Staudamm und sagte, das m&amp;uuml;ssten wir nachher aber wieder wegmachen. Wir gehorchten. Nicht zu tun, was er angeordnet hatte, kam nicht in Frage. Jedenfalls nicht f&amp;uuml;r uns Kinder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Andere widersetzten sich ihm sehr wohl. Der Gro&amp;szlig;vater besa&amp;szlig; einen Kirschbaum, direkt vor seinem Haus. Und in jedem Winter tr&amp;auml;umte er davon, im Sommer Kirschen von diesem Baum zu essen, er schw&amp;auml;rmte von den Fr&amp;uuml;chten dieses Baumes, von frischen Kirschen, von Kirschkuchen mit Schlagsahne und eingelegten Kirschen im Glas.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und in jedem Sommer, wenn sich die ersten Kirschen am Baum r&amp;ouml;teten, erschien am Himmel ein Schwarm von Staren, lie&amp;szlig; sich auf den &amp;Auml;sten nieder und fra&amp;szlig;, was der Baum hergab. &amp;raquo;Die verdammten Stare! Die Stare!&amp;laquo;, schrie mein Gro&amp;szlig;vater, rannte ins Haus, holte sein Gewehr und schoss in den Baum, w&amp;auml;hrend die Gro&amp;szlig;mutter uns Kinder eilig beiseitezog und die Stare halb h&amp;ouml;hnisch, halb erschreckt kreischend aufflatterten, den Baum leer und den Gro&amp;szlig;vater in ohnm&amp;auml;chtigem Zorn zur&amp;uuml;cklassend.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er war ein cholerischer, kraftvoller, energischer, autorit&amp;auml;rer Mann, mein Gro&amp;szlig;vater, aber er war mir auch fern, ganz anders als meine Gro&amp;szlig;mutter, die mich behandelte, als sei ich ein sp&amp;auml;t geborener Ersatz f&amp;uuml;r ihren &amp;auml;ltesten Sohn, meinen Onkel, der gegen Ende des Krieges in einem Krankenhaus unserer Heimatstadt gestorben war. Irgendwie muss sie immer Angst gehabt haben, auch ich k&amp;ouml;nnte verschwinden. Deshalb m&amp;auml;stete sie mich regelrecht. Jedes Mal, wenn ich sie besuchte, machte die Gro&amp;szlig;mutter mir sofort etwas zu essen, egal, was ich sagte, auch wenn ich gerade vom Essen kam &amp;ndash; ich musste essen bei ihr, und ich tat es, ihr zuliebe.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;em&gt; Noch viel mehr als &amp;uuml;ber die Kirschendiebe erregte sich mein Gro&amp;szlig;vater indes &amp;uuml;ber den Oppositionsf&amp;uuml;hrer im Gemeinderat, er hie&amp;szlig; Schubmann und geh&amp;ouml;rte der CDU an. Oft h&amp;ouml;rte ich ihn, wenn er von einer Sitzung zur&amp;uuml;ckkehrte, laut und w&amp;uuml;tend &amp;raquo;dieser Schubmann!&amp;laquo; rufen und meiner Gro&amp;szlig;mutter Vortr&amp;auml;ge halten, welchen Unsinn &amp;raquo;dieser Schubmann!&amp;laquo; wieder einmal geredet habe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eines Tages fiel mein Gro&amp;szlig;vater auf dem Heimweg vom Gemeinderat vor dem Haus tot um. Nicht auszuschlie&amp;szlig;en, dass seine letzten Worte mit Schubmann zu tun hatten.&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;[seitenumbruch title=&quot;3 bis 6&quot;]&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht identifizierte ich mich damals mehr mit meinem italienischen Gro&amp;szlig;vater als mit meinem Vater. Der Gro&amp;szlig;vater war Wollfabrikant und ein Patriarch wie aus dem vorvorletzten Jahrhundert: Brillantine im rabenschwarzen Haar, schwarzer Nadelstreifenanzug,schwarz-wei&amp;szlig;e Schuhe, aufbrausend, aber mit einem Herz so gro&amp;szlig; wie der Eingang zum &amp;raquo;Grand H&amp;ocirc;tel&amp;laquo; von Rimini, das in der N&amp;auml;he seiner kleinen Fabrik lag.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schon zu Lebzeiten umrankten ihn Mythen, wie die Geschichte vom sagenhaft azurblauen Bugatti, den Gro&amp;szlig;vater bis zum Ausbruch des Krieges fuhr. Es war ein besonders seltenes Modell, von dem es in Italien nur sechs bis zehn St&amp;uuml;ck gegeben haben soll. Als die von Verb&amp;uuml;ndeten zu Kriegsgegnern gewordenen Deutschen in Richtung Rimini vorr&amp;uuml;ckten, lie&amp;szlig; mein Gro&amp;szlig;vater das gute St&amp;uuml;ck im Haus eines Bauern einmauern. Doch die Deutschen entdeckten das Auto, vielleicht hatte auch jemand gepetzt. Mein Gro&amp;szlig;vater jedenfalls sah den Bugatti nie wieder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r ihn gab es nichts Sch&amp;ouml;neres, als seine Familie und Freunde zum Essen einzuladen. Er lie&amp;szlig; es sich selten nehmen, pers&amp;ouml;nlich den Einkauf zu erledigen, und kaufte riesige Mengen an Obst, Fleisch oder Fisch. Die reichten damals, als noch kein Mensch irgendeine Di&amp;auml;t kannte, gerade f&amp;uuml;r ein gr&amp;ouml;&amp;szlig;eres Abendessen. Wenn alles verspeist war, ging mein dicker Opa manchmal noch fr&amp;ouml;hlich in die K&amp;uuml;che und kochte f&amp;uuml;r alle Spaghetti aglio, olio e peperoncino.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Gro&amp;szlig;vater hatte eine Sekret&amp;auml;rin namens Natalia, die ihm eines Tages aufgew&amp;uuml;hlt von ihrem Freund erz&amp;auml;hlte. Ich belauschte das Gespr&amp;auml;ch vom Verkaufsraum seines Wollgesch&amp;auml;ftes aus: Der Freund studierte in Rom und hatte offenbar &amp;Auml;rger bekommen mit dem Rektorat, der Polizei oder der Justiz &amp;ndash; oder mit allen dreien. Jedenfalls brachte mein Opa sein Unverst&amp;auml;ndnis gegen&amp;uuml;ber diesem Protestler zum Ausdruck, w&amp;auml;hrend Natalia versuchte, sein Verst&amp;auml;ndnis zu wecken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Protestler war &amp;raquo;links&amp;laquo;, wom&amp;ouml;glich Kommunist, mein Opa war Fabrikbesitzer und f&amp;uuml;hlte sich von ihm bedroht, die Gegner der Amerikaner in Vietnam waren ebenfalls Kommunisten. So verliefen die Fronten, so sah die Welt f&amp;uuml;r mich als Kind aus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und f&amp;uuml;r einen Moment geriet diese Welt f&amp;uuml;r mich aus den Fugen. Selbst mein Gro&amp;szlig;vater schien schon in Gefahr zu sein! Ich ging zu meiner Mutter und sagte traurig (die Lage in Vietnam hatte sich nun auch in meiner Wahrnehmung ver&amp;auml;ndert): &amp;raquo;&amp;Uuml;berall gewinnen die Linken.&amp;laquo; Doch meine Mutter lachte nur und sagte: &amp;raquo;Jeder intelligente Mensch ist doch heute links!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vielleicht wirkte Gro&amp;szlig;vaters Gespr&amp;auml;ch mit seiner Sekret&amp;auml;rin auf mich auch deshalb so bedrohlich, weil ich damals schon eine andere Gro&amp;szlig;vatergeschichte kannte, die mein Vater gut zwanzig Jahre vorher erlebt hatte, auch er als Kind.&lt;br /&gt; Es war das Jahr 1948. Das vom Faschismus befreite Italien w&amp;auml;hlte sein erstes Parlament, und es schien m&amp;ouml;glich, dass die Volksfront siegen k&amp;ouml;nnte. Mein Vater war damals seinerseits Zeuge eines Gespr&amp;auml;chs, n&amp;auml;mlich zwischen einer Verk&amp;auml;uferin und einem Fabrikarbeiter meines Gro&amp;szlig;vaters. Er wurde vor Angst ganz starr, denn der Arbeiter sagte: &amp;raquo;Wenn wir morgen die Wahlen gewinnen, dann rechnen wir hier mit dem padrone ab.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber es triumphierten die Christdemokraten. Als ihnen nach einer &lt;br /&gt; halben Ewigkeit schlie&amp;szlig;lich die Macht entwunden wurde, war Gro&amp;szlig;vater l&amp;auml;ngst gestorben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch ich werde nie den Satz vergessen, den er am Ende jenes Gespr&amp;auml;ches zu seiner Sekret&amp;auml;rin Natalia sagte und der meine zersprungene Welt wieder ein wenig kittete, weil ich eine Ahnung davon bekam, dass es etwas gab, was &amp;uuml;ber der Politik stand und wichtiger war als sie. Der Gro&amp;szlig;vater sagte: &amp;raquo;H&amp;ouml;ren Sie, wenn Sie etwas brauchen&amp;laquo;, und es war klar, dass in dieses Angebot auch ihr linker, so bedrohlicher Freund in Rom eingeschlossen war, &amp;raquo;dann lassen Sie es mich wissen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wenn ich an meinen Vater denke, sehe ich oft sein rechtes Auge vor mir. Es war ein Auge aus Glas. Er hatte sein richtiges Auge im Krieg verloren, seltsamerweise rettete ihm das sein Leben, denn er kam nach dieser Verletzung zu sp&amp;auml;t aus dem Lazarett, um in den Kessel von Stalingrad noch hineinzugelangen; so starb er dort nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Glasauge f&amp;uuml;llte die rote, offene H&amp;ouml;hle, in der sich einmal sein richtiges Auge befunden hatte, es war kaum von einem echten Auge zu unterscheiden. Aber abends, wenn mein Vater schlafen ging, nahm er das Glasauge heraus und legte es im Badezimmer in eine Schale mit Borwasser. Und wenn ich nachts noch einmal ins Bad ging, traf mich der Blick dieses toten Auges, ich konnte ihm nicht entgehen, es war nicht einmal unheimlich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er war mir ganz selbstverst&amp;auml;ndlich, dieser Blick aus der Borwasserschale, meine ganze Kindheit lang.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch konnte mein Vater das Lid &amp;uuml;ber dem Glasauge nicht schlie&amp;szlig;en. Oft, wenn es Sonntag war, schlief er nachmittags im Wohnzimmersessel ein. Er schloss dann das gesunde Auge, aber das Glasauge blieb offen, es starrte mich aus dem schlafenden Vatergesicht heraus an, wenn ich das Wohnzimmer betrat, und obwohl ich das so viele Jahre lang immer wieder sah, war es, als w&amp;uuml;rde mich der Vater, selbst wenn er schlief, nicht aus dem Auge lassen. Und als tr&amp;auml;fe mich, mitten aus dem Gesicht meines Vaters heraus, ein Blick aus einer fremden, kalten, toten Welt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ich kannte meinen Vater als einen, der bisweilen &amp;uuml;ber seine physischen Verletzungen klagte, der aber &amp;uuml;ber sein Inneres nie redete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Immer wieder, wenn seine Freunde zu Besuch kamen, wenn jene da waren, die ihn vor dem Krieg gekannt hatten, wenn sich die Wohnzimmert&amp;uuml;r f&amp;uuml;r uns Kinder schloss und dann bis in die Nacht hinein &amp;uuml;berbordendes Gel&amp;auml;chter nach au&amp;szlig;en drang, bekam ich eine Ahnung davon, dass mein Vater ein Mensch war, den ich nie wirklich kennen w&amp;uuml;rde.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ich wuchs damals in einer Stra&amp;szlig;e auf, in der die meisten M&amp;auml;nner in irgendeiner Weise kriegsverletzt waren. Allein drei Blinde lebten hier, einer wurde morgens von seinem Sohn zum Bus gef&amp;uuml;hrt und zur Arbeit gebracht. Ein anderer Mann hatte eine tiefe Beule im kahlen Sch&amp;auml;del, ein weiterer besa&amp;szlig; nur einen Arm, einem Dritten fehlte das Bein, meinem Vater eben ein Auge.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber diese physischen Verletzungen waren, so seltsam das klingen mag, nicht einmal das Schlimmste, jedenfalls nicht f&amp;uuml;r uns, die Kinder. Furchtbarer war das ewige Schweigen vieler dieser M&amp;auml;nner, das sich am absurdesten bei jenem Vater &amp;auml;u&amp;szlig;erte, der in seinem Haus ein Zimmer mit einer Funkstation einrichtete, von dem aus er mit Hobbyfunkern auf dem ganzen Globus in Verbindung trat &amp;ndash; nur mit seiner eigenen Familie wechselte er an manchen Tagen kaum ein Wort. Stattdessen kaufte er bisweilen s&amp;auml;ckeweise Reis, weil er den n&amp;auml;chsten Krieg und eine damit verbundene Hungersnot f&amp;uuml;rchtete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Erst sp&amp;auml;t verstand ich, dass diese M&amp;auml;nner nicht nur &amp;auml;u&amp;szlig;erlich krank, ja, innerlich oft nahezu tot waren nach sieben Jahren Krieg. Liest man nicht heute, dass Soldaten, die in Afghanistan waren, sich traumatisiert in die Behandlung geschulter Psychologen begeben m&amp;uuml;ssen? Wer h&amp;auml;tte je dringender einer solchen Behandlung bedurft als unsere V&amp;auml;ter?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich provozierte, seit ich etwa 15 geworden war, meinen Vater Tag f&amp;uuml;r Tag. Ich trug die Haare lang, ich stand sp&amp;auml;t auf, ich wurde von einem Jahr aufs andere vom Klassenbesten zu einem Versetzungsgef&amp;auml;hrdeten &amp;ndash; und ich tat das alles nicht, weil ich ihn hasste, sondern weil ich irgendeine Reaktion von ihm verlangte. Weil ich wollte, dass er mich sah. Und weil ich nicht wollte, dass er schwieg.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;7 bis 11&quot;]&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Aber es gab ein Thema, bei dem mein Vater stets quicklebendig wurde: die Politik. Er interessierte sich sehr daf&amp;uuml;r, las jeden Tag gr&amp;uuml;ndlich die Zeitung, dazu w&amp;ouml;chentlich ausf&amp;uuml;hrlich die &amp;raquo;Zeit&amp;laquo; und den &amp;raquo;Spiegel&amp;laquo;, und nachdem wir endlich nach vielen Jahren einen Fernseher gekauft hatten, sa&amp;szlig; er jeden Sonntagmorgen um zw&amp;ouml;lf vor dem Apparat, um den &amp;raquo;Internationalen Fr&amp;uuml;hschoppen&amp;laquo; zu sehen, eine Sendung, in der ein Moderator namens Werner H&amp;ouml;fer mit f&amp;uuml;nf G&amp;auml;sten, Journalisten aus verschiedenen L&amp;auml;ndern, Weltprobleme aller Art debattierte. Selten habe ich meinen Vater leidenschaftlicher begeistert gesehen als bei dieser Sendung, in der stets heftig gestritten wurde, sei es &amp;uuml;ber das Pal&amp;auml;stina-Problem, sei es &amp;uuml;ber die Ostvertr&amp;auml;ge. Noch beim Mittagessen berichtete er uns m&amp;auml;&amp;szlig;ig interessierten Kindern und seiner diesen Fragen nur am Rande zug&amp;auml;nglichen Frau, worum es in der Sendung gegangen war und wer welche Positionen in welcher Art vertreten hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Warum war er so? Warum erreichte auch die Cholerik des Gro&amp;szlig;vaters ihren H&amp;ouml;hepunkt, wenn es um Politik ging? Warum war &amp;uuml;berhaupt in jenen Jahren mein Bild von der Politik bestimmt von laut streitenden, schreienden M&amp;auml;nnern, die Wehner hie&amp;szlig;en oder Strau&amp;szlig;?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; War ihre Leidenschaft in dieser Hinsicht der einerseits hilflose, andererseits notwendige Versuch, nach der deutschen Katastrophe etwas durch und durch Gutes aufzubauen? Und war mein Vater nicht genau das, was in unserem Staat heute oft zu fehlen scheint: ein m&amp;uuml;ndiger, interessierter, informierter B&amp;uuml;rger?&lt;br /&gt; Oder war die Politik nur das Ausweichfeld, auf dem sich diese M&amp;auml;nner &amp;uuml;berhaupt Gef&amp;uuml;hle gestatten konnten, eine Welt wirklich gro&amp;szlig;er Emotionen, wie es sie (f&amp;uuml;r die meisten M&amp;auml;nner damals) ansonsten nur noch auf dem Fu&amp;szlig;ballplatz gab? Wie oft habe ich erlebt, dass meine Mutter abends, wenn es schon dunkel war, weinend aus dem Haus lief, nachdem sie gerufen hatte, sie ertrage dieses Schweigen des Mannes, den sie liebte, nicht mehr, diese Ber&amp;uuml;hrungslosigkeit? Wie oft habe ich oben auf dem Treppenabsatz gesessen und auf ihre R&amp;uuml;ckkehr gewartet?&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;8&lt;br /&gt;Ich hielt weiter zu den Fabrikbesitzern, bis ich w&amp;auml;hrend der Sommerferien einmal nach Deutschland fuhr, um meine Gro&amp;szlig;mutter zu besuchen, auch meinen Onkel Stefan, der damals Mitte zwanzig war, Student an der Werkkunstschule in Hannover und ein sehr feinsinniger, in seiner Sensibilit&amp;auml;t auch gef&amp;auml;hrdeter Mann. Das muss Ende der Sechzigerjahre gewesen sein, jedenfalls gab mein Onkel in Gro&amp;szlig;mutters Wohnung eine Party, von der ich allerdings nur die Vorbereitungen mitbekam. Als es richtig losging, wurde ich ins Bett geschickt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Durch die Schiebet&amp;uuml;r des G&amp;auml;stezimmers h&amp;ouml;rte ich Onkel Stefan und seine K&amp;uuml;nstlerfreunde feiern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Welch eine Verhei&amp;szlig;ung das war! Die Musik, die rote Gl&amp;uuml;hbirne, die jemand eingeschraubt hatte, der Rauch, die Gespr&amp;auml;che, die sich auch um Politik drehten &amp;ndash; all das lie&amp;szlig; in mir die sch&amp;ouml;ne Illusion wachsen, dass alles, was im Leben aufregend ist, irgendwie links ist. Denn nat&amp;uuml;rlich hielt ich Onkel Stefan f&amp;uuml;r einen Linken, der damals haupts&amp;auml;chlich damit besch&amp;auml;ftigt war, politische Happenings mit seinen Kommilitonen zu veranstalten. Aber er war nicht links, nicht im Geringsten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er habe, erz&amp;auml;hlte er mir sehr viel sp&amp;auml;ter, ein so schlechtes Verh&amp;auml;ltnis zu seinem Vater gehabt, einem recht bekannten Sozialdemokraten, dass er von Politik nichts, aber auch wirklich nichts wissen wollte. Nur waren damals eben &amp;raquo;links&amp;laquo; und emotionale Rebellion kaum auseinanderzuhalten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Onkel Stefan f&amp;uuml;r sein Teil war jedenfalls ganz und gar unpolitisch. Was mir von jenem Abend blieb, war die Ahnung, dass es noch eine andere Welt gab als die meiner Eltern und Gro&amp;szlig;eltern, eine Welt, die viel aufregender und eben auch j&amp;uuml;nger war. Ich w&amp;uuml;nschte mir einen Freund wie Onkel Stefan. Und vielleicht sp&amp;uuml;rte ich damals auch die Sehnsucht nach Zugeh&amp;ouml;rigkeit zu einer Gruppe. Ich hatte unter Gleichaltrigen wenig Vertraute, was vor allem daran lag, dass meine Eltern die komische Angewohnheit hatten, alle paar Jahre das Land, die Stadt oder das Wohnviertel zu wechseln. Jahre sp&amp;auml;ter h&amp;auml;tte ich das, was ich empfand, als ich hinter der Schiebet&amp;uuml;r stand und die Party meines Onkels belauschte, wom&amp;ouml;glich als eine geheimnisvolle Macht aus Rebellion, Liebe und Ausbruch beschreiben k&amp;ouml;nnen. Aber so weit war ich noch lange nicht. Das Discolicht, das durch den T&amp;uuml;rspalt str&amp;ouml;mte, kam mir nur vor wie das Morgenrot.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;9&lt;br /&gt;Sp&amp;auml;ter, am Gymnasium, sahen wir uns nicht selten teils l&amp;auml;cherlichen, teils dummen, teils unbelehrbaren Figuren gegen&amp;uuml;ber, einer Spezies von Paukern, die (vielleicht schon zerm&amp;uuml;rbt von etlichen aufm&amp;uuml;pfigen Sch&amp;uuml;lerjahrg&amp;auml;ngen) in jedem Sch&amp;uuml;ler mit l&amp;auml;ngerem Haar, der im Unterricht provokante Fragen stellte, einen kleinen Staatsfeind sahen &amp;ndash; obwohl mangelhafte Haarpflege und Sticheleien doch meistens nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit oder einfach Spa&amp;szlig; an der Freude waren. Jener Griechischlehrer, der in der Klasse &amp;raquo;Lange Haare, kurzer Verstand&amp;laquo; verk&amp;uuml;ndete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Oberstudienrat, der t&amp;ouml;nte: &amp;raquo;Einen Panzer lassen sie mich nicht mehr fahren, aber eine Panzerfaust k&amp;ouml;nnte ich immer noch halten.&amp;laquo; Sein Sohn, der sanftm&amp;uuml;tig war und halblange Haare trug, war dann sp&amp;auml;ter mein Mathe-Nachhilfelehrer.&lt;br /&gt; Der Oberstudiendirektor, der verlangte, dass man aufstand, wenn er den Klassenraum betrat, und der meiner Mutter einmal er&amp;ouml;ffnete, ich h&amp;auml;tte alle Anlagen f&amp;uuml;r eine kriminelle Karriere. Als Beweis dienten ihm einige Eintr&amp;auml;ge ins Klassenbuch, die ich wegen kleinerer disziplinarischer Vergehen bekommen hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;10&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bei uns gab es den Direktor, der im Krieg ein Auge verloren hatte, den Spitznamen &amp;raquo;Geier&amp;laquo; trug und eine Eisesk&amp;auml;lte verstr&amp;ouml;mte, dass ich schauderte, wenn ich ihn nur auf einem Gang irgendwo vorbeigehen sah.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Andererseits denke ich auch an den Deutschlehrer, mit dem wir &amp;uuml;ber B&amp;ouml;ll und Grass diskutierten, oder den Studienrat in, wie es damals hie&amp;szlig;, &amp;raquo;Gemeinschaftskunde&amp;laquo;, der sich geduldig in jeder Stunde meine scharfe Kritik an seinem Unterricht anh&amp;ouml;rte und dessen Wortgefechte mit mir dem ganzen Rest der Klasse zur Unterhaltung dienten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich fand so meine Rolle unter den Mitsch&amp;uuml;lern: als jener allseits respektierte, andererseits auch bel&amp;auml;chelte Politfreak, der schon mit 15 den &amp;raquo;Spiegel&amp;laquo; las und die &amp;raquo;Zeit&amp;laquo;, in den rororo-B&amp;auml;nden das Grundsatzprogramm der Jungsozialisten studierte und sich mit dem Buch &amp;raquo;Sprache und soziale Herkunft&amp;laquo; des Soziolinguisten Ulrich Oevermann herumschlug &amp;ndash; w&amp;auml;hrend die anderen Jungs in der Klasse sich keinen Deut darum scherten und lieber ihren Spa&amp;szlig; mit den M&amp;auml;dchen hatten.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;11&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verf&amp;uuml;hrerisch war f&amp;uuml;r uns nat&amp;uuml;rlich die neue Generation von Lehrern, deren Vorboten die Referendare waren. Sie sahen aus wie wir, nur dass sie etwas &amp;auml;lter waren, sie luden uns zu den &amp;raquo;Feten&amp;laquo; ein, die sie bei sich zu Hause veranstalteten, entpuppten sich aber doch ziemlich schnell als Entt&amp;auml;uschung. Denn von einem Lehrer, der einem so sehr &amp;auml;hnelt, kann man eben nicht besonders viel f&amp;uuml;r sein eigenes Leben lernen. Sie hatten etwas anbiedernd Unerwachsenes. Es war furchtbar, den Gemeinschaftskunde-Referendar dabei zu beobachten, wie er sich in unserer Gegenwart eine Selbstgedrehte ansteckte, in der &amp;ndash; auch f&amp;uuml;r Nichtraucher schnell zu begreifen &amp;ndash; Gras war. Noch verheerender war der Studienrat, der mit dem sch&amp;ouml;nsten M&amp;auml;dchen meiner Jahrgangsstufe knutschte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erst recht irritierte diese Verschiebung der Lebensphasen, wenn man sie an den eigenen Eltern beobachten konnte. Mein Vater w&amp;auml;re in den Siebzigerjahren eigentlich ein Grund daf&amp;uuml;r gewesen, sich sofort mindestens der Sch&amp;uuml;lerunion, besser noch einer schlagenden Verbindung oder einer Organisation katholischer Fundamentalisten anzuschlie&amp;szlig;en. Seine Familie hatte ihn in ihrer wirtschaftlich besten Zeit in ein Schweizer Internat geschickt, als Teenager trug er ma&amp;szlig;geschneiderte Hemden mit Initial, und zu Hause in Rimini leistete man sich zeitweilig eine Lehrerin, die mit ihm nur Franz&amp;ouml;sisch sprach. In den Siebzigern f&amp;uuml;hrte er pl&amp;ouml;tzlich das Leben eines Bohemiens, in dem f&amp;uuml;r Kinder kaum Platz war. Daf&amp;uuml;r stand in seinem r&amp;ouml;mischen Dachgarten eine gro&amp;szlig; gewachsene und gut gepflegte Marihuana-Pflanze.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Giovanni Di Lorenzo, 51, Zeit-Chefredakteur und Moderator der Talkshow &lt;em&gt;3nach9&lt;/em&gt;, und unser Kolumnist Axel Hacke, 54, sind seit 25 Jahren Freunde. Obwohl sie in dieser Zeit vieles besprochen haben, Trennungen, Erfolge, &amp;Auml;ngste, Kinderw&amp;uuml;nsche, Todesf&amp;auml;lle in der Familie, fiel ihnen eines Tages auf, dass sie eine Frage sorgsam ausgespart hatten: Welche Werte ihnen eigentlich im Leben wichtig sind. Mit dieser Frage haben sich die beiden dann ein Jahr lang besch&amp;auml;ftigt, sich wochenweise in Hotels eingeschlossen, um zu diskutieren, ungez&amp;auml;hlte Texte zwischen Hamburg und M&amp;uuml;nchen hin- und hergeschickt, bis daraus ein Buch entstand: kein Handbuch der Alltagsmoral, sondern Geschichten &amp;uuml;ber das eigene Leben, &amp;uuml;ber Themen wie Politik, Fremdheit, Apokalypse, Familie, Gerechtigkeit und Depression. Wof&amp;uuml;r stehst Du? erscheint &lt;br /&gt; in der kommenden Woche im Verlag Kiepenheuer &amp;amp; Witsch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die Männer unseres Lebens</dc:subject>
    <dc:creator>Giovanni di Lorenzo, Axel Hacke</dc:creator>
    <dc:date>2010-09-16T17:00:00+01:00</dc:date>
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