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    <title>sz-magazin.de - Musik</title>
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    <title>Tanz den Matsoukas</title>
    <description>&lt;p&gt;Wenn Pop-Diven ihren Hintern sch&amp;uuml;tteln, dann, weil Melina Matsoukas es  so will. Von der Regisseurin lassen sich alle ihre Videos drehen:  Beyonc&amp;eacute;, Rihanna, Alicia Keys, Kylie Minogue, Christina Aguilera, Gwen  Stefani (und manchmal auch M&amp;auml;nner).&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;Sie l&amp;auml;sst die Puppen tanzen. Und zwar alle. Die Regisseurin Melina Matsoukas dreht Musikvideos. Anfangs f&amp;uuml;r Beyonc&amp;eacute;, inzwischen auch f&amp;uuml;r Lady Gaga, Rihanna, Jennifer Lopez, Katy Perry, Alicia Keys, Christina Aguilera, Lily Allen &amp;ndash; die gesamte erste Liga erfolgreicher K&amp;uuml;nstlerinnen beauftragt am liebsten Matsoukas. Aber warum?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Melina Matsoukas beantwortet die Frage so: &amp;raquo;Ich w&amp;uuml;rde niemals etwas abdrehen, was eine Frau entw&amp;uuml;rdigen k&amp;ouml;nnte.&amp;laquo; Das klingt eigentlich banal, nicht gerade nach einem geheimen Erfolgsrezept, das sonst niemand umsetzen kann. Aber innerhalb der Logik eines Popmusik-Videos ist es dann doch eine Herausforderung. Schlie&amp;szlig;lich konkurrieren die S&amp;auml;ngerinnen mit den Clips m&amp;auml;nnlicher Stars, in denen ganze Armeen namenloser Frauen in Bikinis antreten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sexy muss also sein, sexistisch soll es nicht werden. Und das geht, die Videos von Melina Matsoukas beweisen es. Im Clip zu &lt;em&gt;Kitty Kat &lt;/em&gt;zum Beispiel tut Beyonc&amp;eacute; so, als sei sie eine Katze &amp;ndash; in einem engen Leoprint-Catsuit kriecht sie auf allen Vieren herum, hebt und senkt ihr Becken, faucht und f&amp;auml;hrt ihre lackierten Krallen aus. Irgendwann aber &amp;ndash; und das ist typisch Melina Matsoukas &amp;ndash; bricht das Absurde in den Hochglanz-Zauber. W&amp;auml;hrend Beyonc&amp;eacute; gerade beflissen das b&amp;ouml;se K&amp;auml;tzchen spielt, wird sie von einer &amp;uuml;berdimensionierten echten Katze &amp;uuml;berrannt. Rihannas Video zu &lt;em&gt;We Found Love&lt;/em&gt;, die ersten vier Minuten lang ein einziger Liebesrausch, endet damit, dass Rihanna Luftschlangen kotzt &amp;ndash; weil einem bei so viel inszenierter Romantik eben auch mal spei&amp;uuml;bel werden kann. Und wenn Leona Lewis mit Leidensmiene in ihrem Video zu &lt;em&gt;Bleeding Love&lt;/em&gt; das Klischee vom gefrorenen Herzen besingt, friert Matsoukas einfach f&amp;uuml;r vier Sekunden die Szene ein. So macht Pathos Spa&amp;szlig;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist immer nur ein kleiner Augenblick, in dem die Ernsthaftigkeit ausgesetzt wird, um auf ihre Kosten einen Witz zu machen &amp;ndash; aber er ist da, dieser Matsoukas-Moment. Und er ist der Grund, warum alle weiblichen Stars von Katy Perry bis zu Kylie Minogue sich von der 32-J&amp;auml;hrigen inszenieren lassen. Die l&amp;auml;sst sie zwar genau so anz&amp;uuml;glich herumzappeln wie die T&amp;auml;nzerinnen in den M&amp;auml;nnervideos, aber sie gibt ihnen mit diesen Momenten auch Selbstironie und somit Souver&amp;auml;nit&amp;auml;t zur&amp;uuml;ck. So l&amp;auml;sst Matsoukas einmal drei Sekunden von Beyonc&amp;eacute;s erotischer Tanzeinlage an einer Pole-Dancing-Stange r&amp;uuml;ckw&amp;auml;rts ablaufen: Pl&amp;ouml;tzlich wirkt der souver&amp;auml;ne Weltstar wie eine zappelige Comicfigur und der Balztanz wie Slapstick. Sehr witzig. Zumal Beyonc&amp;eacute; am Ende dieser Sequenz in die Kamera zwinkert und selber lachen muss. Das ist die Pointe, die der Trockensex&amp;uuml;bung im Nachhinein etwas Selbstbewusstes gibt &amp;ndash; und dem &lt;br /&gt; Video eine Haltung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das wird nicht nur von den K&amp;uuml;nstlerinnen gew&amp;uuml;rdigt und von den Betrachterinnen der Videos, sondern auch in der Branche. F&amp;uuml;r ihre Inszenierung von Rihannas Hymne &lt;em&gt;We Found Love&lt;/em&gt; bekam Melina Matsoukas Mitte Februar einen Grammy verliehen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Portr&amp;auml;t: Lani Trock&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Tanz den Matsoukas</dc:subject>
    <dc:creator>Lara Fritzsche</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-11T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>»Auf Sand und Kies klingt's mies«</title>
    <description>&lt;p&gt;Nach 300 Zapfenstreichen gibt Volker W&amp;ouml;rrlein, der Dirigent des deutschen      Stabsmusikkorps, den Taktstock ab und geht in Rente. Ein paar      abschlie&amp;szlig;ende Einsichten zum richtigen Ton am roten Teppich.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Herr W&amp;ouml;rrlein, warum begr&amp;uuml;&amp;szlig;t eigentlich das Musikkorps der Bundeswehr ausl&amp;auml;ndische Staatsg&amp;auml;ste? Es k&amp;ouml;nnten doch auch die Berliner Philharmoniker spielen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div&gt;Volker W&amp;ouml;rrlein: Beim protokollarischen Ehrendienst ist nicht nur der Musiker gefordert. Die St&amp;uuml;cke, die wir spielen, sind nicht schwierig, aber die Truppe muss repr&amp;auml;sentativ ausschauen. Man muss ordentlich marschieren k&amp;ouml;nnen und gut und lange stehen k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beim Staatsempfang spielen Sie die Hymne des Gastlandes, dann das Deutschlandlied. Wie lange stehen Sie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bei der Kanzlerin langt&amp;rsquo;s, wenn wir p&amp;uuml;nktlich kommen. Aber beim Pr&amp;auml;sidenten ist das Protokoll besonders sensibel, da m&amp;uuml;ssen wir eine Stunde vorher da sein. Insgesamt stehen wir dann eineinhalb Stunden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und wenn sich der Staatsgast versp&amp;auml;tet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Am l&amp;auml;ngsten haben wir seinerzeit bei Breschnew gewartet. Der kam aus irgendwelchen Gr&amp;uuml;nden mit seinem Flugzeug nicht raus aus der Sowjetunion. Da standen wir summa summarum zwei Stunden auf einem Fleck.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Gibt es einen Trick, dass keiner umf&amp;auml;llt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Muskeln an den Beinen und am Po m&amp;uuml;ssen bewegt werden &amp;ndash; das lernt man, diesen Wechsel zwischen Kontraktion und Entspannung. Bisher ist mir noch keiner umgekippt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Spielt es sich im Freien anders als in einem Konzertsaal?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es gibt eine alte Kapellmeisterweisheit: Auf Sand und Kies klingt&amp;rsquo;s mies. Die gesch&amp;ouml;nte Akustik des geschlossenen Raums findet drau&amp;szlig;en nicht statt. Der Bonner Hofgarten war f&amp;uuml;rchterlich. Im Berliner Kanzleramt geht&amp;rsquo;s: Wir stehen auf Platten, haben vor und hinter uns eine Wand &amp;ndash; da wird jeder Ton zum Goldtreffer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was ist schlimmer, Hitze oder K&amp;auml;lte?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die K&amp;auml;lte bringt uns bei minus vier Grad ans Ende. Wenn Nordostwind um uns herumstreicht, kann es bei einem Grad unter null schon vorbei sein. Das empfindlichste Instrument ist die Posaune &amp;ndash; da friert der Zug ein. Als n&amp;auml;chstes f&amp;auml;llt die Tuba aus, da funktionieren bei der vielen kalten Luft die Ventile nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber wie k&amp;ouml;nnen Sie dann eine Nationalhymne spielen &amp;ndash; ohne Blechbl&amp;auml;ser?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Einmal, als Chirac kam, sind wir beim Anmarschweg schon eingefroren. Aber es war der Wille des Protokolls: Wir sollen uns hinstellen und die Optik geben. Die Trommeln, die k&amp;ouml;nnen ja spielen, und die Fl&amp;ouml;ten auch. Zu den leicht diffusen Kl&amp;auml;ngen des Spielmannszugs schreitet Chirac dann die Front ab. Wir marschieren raus, sind noch nicht bei unseren Bussen, da kommt schon der Bote des Protokolls: Heute Abend im Schloss Bellevue die Hymnen nachholen. Um sieben stehen wir dann im Vorzimmer &amp;ndash; Chirac begr&amp;uuml;&amp;szlig;t mich pers&amp;ouml;nlich, wir kennen uns ja, f&amp;uuml;r ihn habe ich schon &amp;ouml;fter gespielt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie sch&amp;uuml;tzen Sie sich gegen Regen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Da wird man nass, aber wir spielen. Den Helm setzen wir ja nur zum Gro&amp;szlig;en Zapfenstreich und beim Begr&amp;auml;bnis auf. Das ist auch gut so, denn der macht uns nicht sch&amp;ouml;ner. Normalerweise tragen wir ein gr&amp;uuml;nes Barett. Einmal hat&amp;rsquo;s im Schloss Bellevue f&amp;uuml;nf Minuten vor unserem Einsatz angefangen zu regnen &amp;ndash; regnen ist falsch, da hat&amp;rsquo;s zehn Minuten gesch&amp;uuml;ttet. Wir standen drau&amp;szlig;en, der Staatsgast aus Asien wartete drinnen. Als der Regen nachlie&amp;szlig;, hat man sich von Seiten des Protokolls entschlossen, die beiden Herrn doch auf den roten Teppich zu schicken. Zwei Helfer haben Schirme &amp;uuml;ber sie gehalten, auf dem Ehrenpodest war der Teppich schon leicht weggeschwommen. Wir also die beiden Nationalhymnen gespielt, die Herren wieder rein ins Trockene. Als ich in der Kaserne meine Uniform ausgezogen habe, konnte ich das Wasser im Schwall aus den Stiefeln sch&amp;uuml;tten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Deutschland empf&amp;auml;ngt nicht jeden Tag einen Staatsgast. Wie kriegt das Musikkorps die Woche rum?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir haben 250 Eins&amp;auml;tze im Jahr. Es kann sein, dass nur ein einzelner Trompeter angefordert wird, der bei einer Beerdigung spielen muss &amp;ndash; oder das ganze Musikkorps mit 107 Mann. Wir stehen sozusagen im Dauer-Stand-by.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Auf dem roten Teppich gibt es keinen Applaus. Wie ist das f&amp;uuml;r einen Musiker?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das L&amp;auml;cheln in den Augen der Zuh&amp;ouml;rer ist uns Lohn genug. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hat sich Angela Merkel schon mal bei Ihnen bedankt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn wir im Kanzleramt spielen, und einer meiner M&amp;auml;nner hat an diesem Tag Geburtstag, kommt sie vorher herunter und gratuliert. Das ist nett, man kennt sich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie haben schon verschiedene Kanzler erlebt. War einer besonders musikalisch?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Na ja, zum Abschied von Gerhard Schr&amp;ouml;der haben wir ja in Hannover den Gro&amp;szlig;en Zapfenstreich gespielt, da ist ihm eine Tr&amp;auml;ne entwichen. Aber durch gr&amp;ouml;&amp;szlig;eres musikalisches Verst&amp;auml;ndnis ist kein Kanzler aufgefallen. Bei den Pr&amp;auml;sidenten schon eher &amp;ndash; Richard von Weizs&amp;auml;cker hatte eine breitere Anschauung, der lie&amp;szlig; auch mal eine Bemerkung &amp;uuml;ber die Musik fallen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gab es mal Kritik von einem Staatsgast?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Als ich zweiter Mann war, kam Giscard d&amp;rsquo;Estaing zum Staatsbesuch. Vorher fragte mich der damalige Chef: Hat sich bei der franz&amp;ouml;sischen Hymne etwas ver&amp;auml;ndert? Ich sagte: Ich glaube, die haben die Marseillaise etwas verlangsamt. Da hielt der alte Oberstleutnant mir einen Vortrag: Undenkbar &amp;ndash; Enfants de la Patrie, diese Blut-und-Boden-Hymne! Angestachelt durch unsere kleine Diskussion, hat er sie noch knackiger dirigiert. Giscard schritt wie &amp;uuml;blich die Front ab, hinterher wurde der Oberstleutnant zum Protokollchef bestellt. Der gab den Unmut von Giscard weiter: Die franz&amp;ouml;sische Hymne sei verlangsamt worden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche Hymne ist die schwierigste?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hymnen sind keine besondere musikalische Herausforderung. Die afghanische ist allerdings speziell &amp;ndash; das ist ja nicht unsere Stilistik von Musik. Drei Tage vor dem ersten offiziellen Besuch von Hamid Karsai in Deutschland habe ich eine Kassette bekommen, die hab ich bestimmt 30 Mal angeh&amp;ouml;rt. Da hat eine Wimmerorgel die Hymne gespielt &amp;ndash; nach Geh&amp;ouml;r musste ich dann Noten schreiben f&amp;uuml;r meine M&amp;auml;nner.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie mal die Internationale gespielt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, die haben wir bisher nicht gespielt, die hat keinen Hymnenstatus. Musikalisch gesehen ist es ein nettes, dramatisches St&amp;uuml;ck.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Beim Zapfenstreich bin ich einsamer Rekordhalter&amp;laquo;&quot;]&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/53125.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;div&gt;&lt;strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;strong&gt;Wie gef&amp;auml;llt Ihnen die deutsche Hymne?&lt;/strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Hymne darf nicht zu kompliziert und keine gro&amp;szlig;e Kunst sein, deshalb gef&amp;auml;llt mir unsere gut. Die kompliziertesten Hymnen kommen aus S&amp;uuml;damerika: Die sind lang und haben Fermaten, also Ruhezeichen. Normalerweise spielen wir eine Hymne vor dem Auftritt einmal durch, dann haben wir sie drin &amp;ndash; aber die s&amp;uuml;damerikanischen m&amp;uuml;ssen wir f&amp;uuml;nfmal spielen, damit man sich daran gew&amp;ouml;hnt und keine Fermate verpasst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was sagen Sie Ihren Leuten: Wie sollen sie die deutsche Hymne spielen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Z&amp;uuml;gig. Es wird nicht sch&amp;ouml;ner, wenn ich etwas langsam spiele &amp;ndash; da darf man keine gro&amp;szlig;e Oper draus machen. Die Leute m&amp;uuml;ssen mitsingen k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hat sich die Haltung der Deutschen zu ihrer Hymne w&amp;auml;hrend Ihrer Amtszeit gewandelt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Seit der Fu&amp;szlig;ballweltmeisterschaft 2006 ist das Verh&amp;auml;ltnis entspannter. Die Diskussion, die wir nach der letzten Europameisterschaft hatten, weil ein paar deutsche Spieler nicht mitgesungen haben, ist v&amp;ouml;llig &amp;uuml;berdreht. Wer nicht mag, l&amp;auml;sst&amp;rsquo;s sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Spielen Sie auch f&amp;uuml;r die Nationalmannschaft?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bei L&amp;auml;nderspielen in Berlin sind wir im Stadion. Seit ein paar Jahren lass ich da meinen zweiten Mann dirigieren, weil der begeisterter Fu&amp;szlig;ballfan ist. Unsere Gage ist der Platz auf der Trib&amp;uuml;ne. Das Publikum ist erfreulich diszipliniert &amp;ndash; sobald der Stadionsprecher die Hymne ansagt, f&amp;auml;llt der Ger&amp;auml;uschpegel. Aber am Schluss m&amp;uuml;ssen Sie auf Zack sein: Mit dem Wegnehmen des letzten Akkords muss das Kommando kommen: links um. Wenn man nur eine Sekunde zu sp&amp;auml;t kommt, ist der L&amp;auml;rm wieder so massiv, dass keiner mehr das Kommando h&amp;ouml;rt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie oft haben Sie den Gro&amp;szlig;en Zapfenstreich aufgef&amp;uuml;hrt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beim Zapfenstreich bin ich einsamer Rekordhalter: Den habe ich mindestens 300 Mal gespielt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie stehen Sie zum Zapfenstreich?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich mache ihn. Gedanklich konzentriere ich mich ausschlie&amp;szlig;lich auf die korrekte musikalische Ausf&amp;uuml;hrung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Dieses Ritual geht auf die Zeit der Landsknechte zur&amp;uuml;ck. Ist es noch zeitgem&amp;auml;&amp;szlig;?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dar&amp;uuml;ber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Trotz aller Kritik ist der Gro&amp;szlig;e Zapfenstreich eines der letzten milit&amp;auml;rmusikalischen Highlights.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wird das nicht &amp;ouml;de &amp;ndash; 300 Mal Zapfenstreich?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Den besten Zapfenstreich haben wir zum Abschied von Roman Herzog gegeben. Ich mochte ihn pers&amp;ouml;nlich &amp;ndash; da wollte ich etwas Besonderes probieren und habe sechs Fanfaren auf dem Balkon von Schloss Bellevue postiert. Das war ein tolles Bild, aber akustisch nicht ganz einfach. Diese Bl&amp;auml;ser standen ja weiter weg vom Publikum als das Musikkorps. Deshalb habe ich den Fanfaren die milit&amp;auml;rische Anweisung gegeben, eine Sekunde fr&amp;uuml;her einzusetzen &amp;ndash; das haben wir ja in Physik gelernt, dass der Schall seine Zeit braucht, um eine Strecke zur&amp;uuml;ckzulegen. Es hat ganz gut geklappt, wir sind gleichzeitig fertig geworden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie empfanden Sie den Zapfenstreich zum Abschied von Christian Wulff?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der war nicht unumstritten. Es war seine Entscheidung, ihn anzunehmen. Die Demonstranten haben einen H&amp;ouml;llenl&amp;auml;rm gemacht &amp;ndash; der Krach war viel lauter, als das im Fernsehen r&amp;uuml;bergekommen ist. Das war w&amp;uuml;rdelos und grausam. Das war der Veranstaltung nicht angemessen und auch f&amp;uuml;r uns Musiker nicht sch&amp;ouml;n. Wir waren in der Vorbereitung sehr unter Zeitdruck und mussten auch noch von heute auf morgen ein Kirchenlied einstudieren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Man hat geh&amp;ouml;rt, dass das nicht zu Ihrem Standardrepertoire geh&amp;ouml;rt. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg mussten Sie Smoke on the Water spielen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich kannte das St&amp;uuml;ck gar nicht und hab zu meinen Leuten gesagt: Spielt mir das doch mal vor. Einer, der nebenher Tanzmusik macht, hatte es auf CD &amp;ndash; da hab ich gemerkt: Jawoll, das hab ich schon mal im Radio geh&amp;ouml;rt. Die n&amp;auml;chste Frage war: Gibt es dazu ein Arrangement? Ich hab einen Verlag zur Hand, den kann ich nachts anrufen, dann hab ich am n&amp;auml;chsten Tag die Noten. Innerhalb eines Tages haben wir das dann einstudiert. Hinterher hat uns ein Bild f&amp;uuml;r alle M&amp;uuml;hen belohnt: Das Foto, auf dem alle drei richtig fr&amp;ouml;hlich lachen &amp;ndash; der Generalinspekteur, der scheidende und der neue Minister.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sind Ihnen beim Dirigieren schon mal Tr&amp;auml;nen der R&amp;uuml;hrung gekommen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dazu bin ich zu lange im Job. F&amp;uuml;r uns ist das Arbeit, da kommt man nicht in so eine Gef&amp;uuml;hlswelle.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche Musik h&amp;ouml;ren Sie au&amp;szlig;er Dienst?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn der Tag mit Mozart anf&amp;auml;ngt, wird er gut. Aber ich h&amp;ouml;re auch Schlager. Nur mit Techno kann ich nichts anfangen. Und ich mag die Klassiker: Beethoven, Brahms, Bach. In Ansbach, wo ich aufgewachsen bin, habe ich bei den Bachwochen mitgesungen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was ist Ihr Lieblingsst&amp;uuml;ck von Bach?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Konzert f&amp;uuml;r zwei Klaviere, gespielt von den Pekinel-Schwestern aus der T&amp;uuml;rkei. Wenn ich den langsamen Satz h&amp;ouml;re, zerflie&amp;szlig;e ich und entspanne mich total &amp;ndash; das ist g&amp;ouml;ttliche Musik.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gab&amp;rsquo;s auch Staatsg&amp;auml;ste, f&amp;uuml;r die Sie nicht spielen wollten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir sind Profis. Da interessiert nicht: Wer, was, wann, wie oft? Wenn unsere Regierung sagt: Das ist unser Gast, dann spielen wir. Intern diskutieren wir nat&amp;uuml;rlich &amp;uuml;ber den einen oder anderen, aber im Endeffekt haben wir unseren Auftrag zu erf&amp;uuml;llen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mussten Sie manchmal einen inneren Widerwillen &amp;uuml;berwinden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Musiker sind einfacher zu handhaben als Menschen, die auf der politischen Ebene umeinander schweben. Nur als Erich Honecker von Kohl empfangen wurde, hat es gegrummelt. Da hie&amp;szlig; es im Musikkorps: F&amp;uuml;r den k&amp;ouml;nnen wir doch nicht spielen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mit postsowjetischen Pseudodemokraten haben Sie kein Problem?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich erinnere mich an einen Staatsgast, der sollte partout kein gro&amp;szlig;es Protokoll kriegen. Da hat man eine kleine L&amp;ouml;sung f&amp;uuml;r den Garten von Bellevue entwickelt &amp;ndash; nur mein Spielmannszug wurde eingesetzt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kontrollieren Sie vor dem Auftritt, ob die Ausr&amp;uuml;stung richtig sitzt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich. Wir vertreten die Bundesrepublik Deutschland, da sind Fernsehanstalten dabei, die jeden Atemzug filmen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie gef&amp;auml;llt Ihnen der Protokollanzug?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Im Vergleich zu anderen Nationen k&amp;ouml;nnte unsere Uniform farbenpr&amp;auml;chtiger und eleganter sein. Die Schlichtheit verdanken wir den Anf&amp;auml;ngen der Bundeswehr. Seitdem hat sich nicht viel ver&amp;auml;ndert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie sich f&amp;uuml;r den Ruhestand musikalische Projekte vorgenommen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, ich habe seit 25 Jahren Tinnitus, ich bin ein Opfer der Blasmusik. Mit meinem Abschied ist f&amp;uuml;r mich das aktive Musizieren gestorben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie bitte? Sie stehen seit Jahrzehnten mit Tinnitus vor Pauken und Trompeten? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Angenehm ist das nicht, aber als Soldat kann man sich ja zusammenrei&amp;szlig;en.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Werden Sie mit dem Zapfenstreich verabschiedet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der steht mir nicht zu, ich habe nicht die entsprechende Dienstgradh&amp;ouml;he.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was soll zu Ihrem Abschied gespielt werden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich darf zwei St&amp;uuml;cke selbst dirigieren. Eines wird mein Lieblingsmarsch sein, Army of the Nile, von dem englischen Komponisten Kenneth J. Alford. Und weil ich Jagdbeauftragter bin, muss ich nat&amp;uuml;rlich auch noch diese Karte ziehen. Der J&amp;auml;ger aus Kurpfalz wird mein letzter Ton als Milit&amp;auml;rmusiker sein. Dann ist meine Arbeit getan.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;/div&gt;</description>
    <dc:subject>»Auf Sand und Kies klingt's mies«</dc:subject>
    <dc:creator>Johannes Schweikle (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-11-12T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Der Unfassbare</title>
    <description>&lt;p&gt;Daniel Barenboim ist K&amp;uuml;nstler und Machtmensch, Israeli      und Pal&amp;auml;stinenser, Dirigent und Pianist. F&amp;uuml;r seine drei Orchester      ist er st&amp;auml;ndig auf Reisen, aber nie im Stress. Vor seinem 70. Geburtstag      haben wir ihn ein halbes Jahr quer durch Europa begleitet. Portr&amp;auml;t      eines in sich ruhenden Rastlosen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Adel dreht an seinen Siegelringen, Damen f&amp;auml;cheln sich Frischluft ins Gesicht, irgendwo spielt Musik &amp;ndash; bei den Salzburger Festspielen ist alles wie immer, nur dieser Junge f&amp;auml;llt aus der Reihe: Er tr&amp;auml;gt eine kurze wei&amp;szlig;e Hose und Klaviernoten unterm Arm. Neben ihm stehen die Eltern, zwei Musiklehrer aus Buenos Aires, die viel Geld bezahlt haben, damit ihr Sohn dem gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Dirigenten seiner Zeit vorspielen kann. Die n&amp;auml;chste Stunde, das ahnt er, k&amp;ouml;nnte den Rest seines Lebens bestimmen, k&amp;ouml;nnte es besonders und einzigartig machen. Dass er heute diesem Genie der klassischen Musik zeigen darf, was er kann, ist beides: Belohnung und B&amp;uuml;rde. Trotzdem ist er nicht angespannt, eher heiter, als w&amp;uuml;rde er sich darauf freuen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als der Maestro nickt, legt der Bub die H&amp;auml;nde auf die Tasten, atmet ein, atmet aus, beginnt. Er spielt Mozart, Bach, Beethoven, zum Schluss die zweite Klaviersonate von Prokofjew. Ein vertracktes St&amp;uuml;ck. Der Dirigent ist beeindruckt, zeigt es aber nicht. Am Ende wechselt er ein paar S&amp;auml;tze mit den Eltern, auf Englisch, der Junge versteht kein Wort. Ein paar Tage sp&amp;auml;ter reisen die drei ab, im Gep&amp;auml;ck ein Empfehlungsschreiben, das mit dem Satz&amp;nbsp; beginnt: &amp;raquo;Der elfj&amp;auml;hrige Barenboim ist ein Ph&amp;auml;nomen.&amp;laquo; Vier Monate sp&amp;auml;ter stirbt Wilhelm Furtw&amp;auml;ngler. Der Junge aber macht sich auf in ein Leben, das ihn zum Star und Jahrhundertmusiker machen, aber neben allem Triumph auch Verlust und Schmerz bereithalten wird. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;WIEN, 23. MAi 2012, 10 UHR MORGENS&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Daniel Barenboim lehnt an der Au&amp;szlig;enmauer des Wiener Musikvereins. Er sieht aus wie einer der M&amp;auml;nner, die in S&amp;uuml;dfrankreich Boule spielen, leichtes Leinensakko, unrasiert, erste Altersflecken, und hat eindeutig zu wenig Schlaf abbekommen. &amp;raquo;Ein Film&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;nach Mitternacht, mit Romy Schneider und Michel Piccoli&amp;laquo;, der Titel f&amp;auml;llt ihm nicht ein. Er wohnt, wie immer, wenn er in Wien ist, im &amp;raquo;Imperial&amp;laquo;. Wagner hat hier gewohnt, Rilke gefr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ckt, ein geeigneter Ort f&amp;uuml;r einen wie ihn. Und ein praktischer, am Morgen muss er nur aus der Hintert&amp;uuml;r stolpern; der Musikverein, eines der traditionsreichsten Konzerth&amp;auml;user der Welt, liegt direkt gegen&amp;uuml;ber. Gerade treffen die ersten Musiker ein, zu Fu&amp;szlig;, mit dem Rad, das Cello auf den R&amp;uuml;cken geschnallt. &lt;br /&gt; Daniel Barenboim hat in seinem Leben weit mehr als tausend Konzerte dirigiert, aber heute ist selbst f&amp;uuml;r ihn ein bedeutender Tag: Am Abend wird er mit den Wiener Philharmonikern zum ersten Mal in ihrer Geschichte das Sch&amp;ouml;nberg-Violinkonzert auff&amp;uuml;hren &amp;ndash; neben ihm, schr&amp;auml;g versetzt, wird der Sologeiger des Abends stehen, Michael Barenboim, 27 Jahre alt, sein Sohn, aber jetzt wird erst mal geraucht. Er zieht eine Havanna aus der Brusttasche, schneidet das Kopfende mit einem Cutter auf, sengt sie an, zehn, zwanzig Sekunden lang, mustert pr&amp;uuml;fend die Glut, zieht und nickt &amp;ndash; ja, das Monstrum brennt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist 10.30 Uhr, bis zum Konzert sind es noch zehn Stunden, also hat er ein paar Termine auf den Tag verteilt: Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck mit dem Besetzungschef der Mail&amp;auml;nder Scala, anschlie&amp;szlig;end ein Vorsingen, dr&amp;uuml;ben in der Staatsoper, die beiden suchen gerade junge S&amp;auml;nger f&amp;uuml;r eine neue &lt;em&gt;Cos&amp;igrave; fan tutte&lt;/em&gt;; danach eine letzte Probe mit dem Orchester und seinem Sohn; es geht um Details, Schl&amp;uuml;sselstellen, mal ein anderer Fingersatz bei den Celli, ein verz&amp;ouml;gertes Atemholen der Holzbl&amp;auml;ser. Selbst in der Generalprobe l&amp;auml;sst er die St&amp;uuml;cke nie ganz durchspielen, das hat er von Furtw&amp;auml;ngler. Und dann ist da noch diese Frau mit den Prada-Schuhen vom ZDF, die ihn seit Tagen belagert. Gut, im November wird er 70, da drehen, schreiben, produzieren sie alle was &amp;uuml;ber ihn, trotzdem muss er noch schlafen, ein, zwei Stunden; macht er immer vor dem Konzert. &amp;raquo;Danach bin ich frisch&amp;laquo;, sagt er. Noch frischer sei er nur nach dem Konzert, &amp;raquo;wenn die Energie der Musik in meinen K&amp;ouml;rper geflossen ist&amp;laquo;. Und deshalb kann er auch nicht verstehen, warum alle behaupten, er mache zu viel. Die &lt;em&gt;Financial Times&lt;/em&gt; hat ihn mal einen &amp;raquo;pathological overachiever&amp;laquo;, genannt, einen krankhaften Allesmacher. &amp;raquo;Stimmt nicht&amp;laquo;, sagt er. Was ihn anstrenge, seien Termine und Sitzungen. &amp;raquo;Dirigieren, Klavierspielen, eine Partitur lesen, das strengt mich nicht an, es macht mich gl&amp;uuml;cklich.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und weil Barenboim gern gl&amp;uuml;cklich ist &amp;ndash; er ist besessen, aber kein Neurotiker und schon gar keiner, der leiden muss, um zu empfinden &amp;ndash;, weil er also gern gl&amp;uuml;cklich ist, macht er Musik sooft und wo immer er dazu kommt. Mit der Staatskapelle Berlin und dem Orchester der Mail&amp;auml;nder Scala leitet er gleich zwei Orchester von Weltrang; ein drittes, das West-Eastern Divan Orchestra, hat er 1999 zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Edward Said gegr&amp;uuml;ndet; die 92 Mitglieder, Juden, Moslems und Christen aus dem Nahen Osten, viele davon aus Israel und Pal&amp;auml;stina, sind seine zweite Familie, seine Mini-Zwei-Staaten-L&amp;ouml;sung, sein Beweis, dass es geht, wenn man will. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dazu kommen Gastdirigate, Solo-Auftritte, Festivals, eine Stiftung f&amp;uuml;r seine Nahost-Projekte, zwei Musikkinderg&amp;auml;rten in Berlin und Ramallah und seine Barenboim-Akademie, eine Art Musikhochschule mit Universalbildungsanspruch, die gerade in Berlin gebaut wird, entworfen von seinem Freund, dem ber&amp;uuml;hmten Architekten Frank Gehry. &amp;raquo;Das Unm&amp;ouml;gliche ist leichter als das Schwierige&amp;laquo;, sagt Barenboim, &amp;raquo;denn an das Unm&amp;ouml;gliche sind keine Erwartungen gekn&amp;uuml;pft.&amp;laquo; Was soll man von so einem halten?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;MANN OHNE HEIMAT &amp;ndash; MANN OHNE MITTE?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Daniel Barenboim ist Spanier, Argentinier und &amp;ndash; als einziger Mensch auf der Welt &amp;ndash; Israeli und Pal&amp;auml;stinenser. Er hat vier Staatsb&amp;uuml;rgerschaften, die pal&amp;auml;stinensische wurde ihm 2007 nach dem Abschiedskonzert f&amp;uuml;r den UN-Generalsekret&amp;auml;r Kofi Annan vom pal&amp;auml;stinensischen Botschafter angeboten. Mit seiner Frau, der russischen Pianistin Jelena Baschkirowa, spricht er Englisch, mit seinen S&amp;ouml;hnen, die in Paris aufgewachsen sind, Franz&amp;ouml;sisch. Insgesamt beherrscht er sechs Sprachen flie&amp;szlig;end, ein paar andere holprig. Er hat in Buenos Aires, Tel Aviv, London, Paris, Chicago und Berlin gelebt, &lt;br /&gt; das Orchestre de Paris 14, das Chicago Symphony Orchestra 15 Jahre geleitet. Seit mehr als 60 Jahren rast er um den Erdball, um den Menschen Musik zu bringen: Musik, um zu vergessen. Musik, um sich zu erinnern. Musik, um zu verstehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Daniel Barenboim ist das letzte Genie der klassischen Musik&amp;laquo;, sagt der Kritiker Joachim Kaiser. &amp;raquo;Er ist der einzige Weltstar, den Berlin hat&amp;laquo;, sagt Klaus Wowereit. Und wirklich, l&amp;auml;sst man sich ein auf die Art, wie er Musik macht, &amp;uuml;ber sie spricht und in ihr lebt, schaut man zu, wie er mal still und bescheiden, ganz Diener der Musik, und zwei Sekunden sp&amp;auml;ter streng und unnachgiebig sein kann, dann sp&amp;uuml;rt man, dass die schon recht hatten, damals in Argentinien, die ganz sicher waren, so einer kommt nur alle paar Jahrzehnte auf die Welt, der kleine Barenboim ist ein Wunderkind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am 15. November wird der Bub mit der kurzen wei&amp;szlig;en Hose 70 Jahre alt. Vielleicht war er deswegen bereit, sich diesmal nicht nur zuh&amp;ouml;ren, sondern zuschauen zu lassen, sechs Monate lang, im Alltag, im Flugzeug, in seiner Garderobe, vor und nach dem Konzert, beim Nachdenklich-, Stolz- und W&amp;uuml;tendwerden. Er bestand auf einem Vorgespr&amp;auml;ch und ein paar Tagen Bedenkzeit, dann willigte er ein. Am Ende dieser sechs Monate wird er f&amp;uuml;nf davon nicht in seinem Bett in Berlin geschlafen und Konzerte in Wien, Dubrovnik, London, Prag gegeben haben, in M&amp;uuml;nchen, Mailand, Berlin, Salzburg, Sevilla, Genf, Dresden und Moskau; nur Asien und Amerika macht er nicht mehr so oft, sein Zugest&amp;auml;ndnis ans Alter. &amp;raquo;Er kann auch mal nichts machen&amp;laquo;, sagt sein Sohn Michael, &amp;raquo;er macht es nur nie.&amp;laquo; &amp;raquo;Fr&amp;uuml;her waren wir manchmal zusammen im Kino&amp;laquo;, sagt sein anderer Sohn David, &amp;raquo;ich habe nie erlebt, dass er nicht nach zehn Minuten eingeschlafen ist.&amp;laquo; Es gibt einen Film &amp;uuml;ber ihn aus dem Jahr 2002. Titel: Multiple Identities. Daniel Barenboim ist alles auf einmal: Dirigent und Pianist, Gesch&amp;auml;ftsmann, Netzwerker, Politiker und P&amp;auml;dagoge, aber auch Rebell, Machtmensch, Sch&amp;ouml;nheitssucher, Charmeur, Kettenraucher und Krimifan. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;Im Mittelpunkt&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52977.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; WIEN, 23. MAI 2012, 22.30 UHR&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Das kann man schlechter spielen&amp;laquo;, jubelt Daniel Barenboim, l&amp;auml;sst sich von seiner Frau den Frack abnehmen und wirft sich aufs Sofa in seiner Garderobe. Er sieht aus wie ein r&amp;ouml;mischer Kaiser, halb liegend, ein Arm auf der Lehne. Seine wenigen wei&amp;szlig;en Haare kleben ihm am Sch&amp;auml;del, sein Gesicht ist ger&amp;ouml;tet, die Augen geweitet vom Adrenalin, auch vom Stolz. Drau&amp;szlig;en klatschen sie immer noch. Sechsmal haben sie seinen Sohn und ihn auf die B&amp;uuml;hne zur&amp;uuml;ckgerufen. Die beiden dr&amp;uuml;cken sich. Eine herzliche, keine sentimentale Umarmung. Man ahnt, der Vater freut sich, er freut sich sehr, aber er hat auch erwartet, dass sein Sohn dieses Konzert genau so spielt, n&amp;auml;mlich perfekt. Es ist das erste Mal, dass man sp&amp;uuml;rt, wie fordernd dieser Mann sein kann. Dass es auch ein Kreuz ist mit der Begabung und dieser gespenstischen Schnelligkeit im Kopf, weil das Gegen&amp;uuml;ber fast immer langsamer, beh&amp;auml;biger, schlechter ist. Heute hat es funktioniert. Er ist begeistert, von seinem Sohn, und vom Orchester: &amp;raquo;Die haben das St&amp;uuml;ck in vier Stunden nicht nur kapiert, sondern absorbiert&amp;laquo;, schw&amp;auml;rmt er, &amp;raquo;das ist ein Unterschied.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er sitzt in Hosentr&amp;auml;gern da, sein wei&amp;szlig;es Hemd ist verschwitzt. &amp;raquo;D. B.&amp;laquo; steht darauf, diskret auf halber H&amp;ouml;he eingen&amp;auml;ht. &amp;raquo;Hab ich 20 St&amp;uuml;ck davon&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;Geschenk von einem Schneider in Mailand.&amp;laquo; Wer denkt, der Auftritt sei vorbei, nur weil der Dirigent die B&amp;uuml;hne verlassen hat, wird jetzt Zeuge eines Schauspiels, einer Prozession, von der die normalen Konzertbesucher nichts mitbekommen. Noch ist die T&amp;uuml;re geschlossen, noch ist Barenboim allein mit seiner Frau und seiner Referentin, seinem Sohn und dessen Frau, auch sie Konzertpianistin aus Russland. Noch scrollt er sich durch seine Kurznachrichten. Er macht das immer, in jeder Pause, nach jedem Konzert. Blackberry raus, SMS lesen, zur&amp;uuml;ck schreibt er selten. Heute hat der Regisseur Claus Guth geschrieben. Man m&amp;uuml;sse sich bald mal treffen, es sei nicht mehr lang hin zur Lohengrin-Premiere in Mailand. Barenboim bittet seine Referentin, einen Termin zu machen, steckt sich ein paar Trauben in den Mund. Es kann jetzt losgehen. Er ist bereit, nickt, jemand macht die T&amp;uuml;r auf, und es dr&amp;auml;ngen herein: die Intendanten des Musikvereins und der Wiener Staatsoper, der Klassik-Agent Jasper Parrot aus London, der &amp;ouml;sterreichische Ex-Kanzler Wolfgang Sch&amp;uuml;ssel, Arnold Sch&amp;ouml;nbergs Tochter, erst die Wichtigen und Freunde, dann 40, 50 Fans, die erst Ruhe geben, wenn sie den Meister gelobt, ber&amp;uuml;hrt und daran erinnert haben, wo man sich schon mal getroffen habe, ob er sich denn erinnern k&amp;ouml;nne?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Barenboim arbeitet einen nach dem anderen ab, sch&amp;uuml;ttelt H&amp;auml;nde, gibt K&amp;uuml;sschen, kritzelt seinen Namen auf Programmhefte, es dauert eine Stunde, bis er alle durch hat. Er springt von Hebr&amp;auml;isch zu Italienisch, vom Spanischen ins Englische und weiter ins Deutsche. Man k&amp;ouml;nnte jetzt auch Druck versp&amp;uuml;ren, so im Mittelpunkt, drum herum Menschen aus der ganzen Welt, die was Geistreiches oder Witziges h&amp;ouml;ren wollen. Er wirkt aber nicht gestresst. Es ist seine Belohnung. Sein zweiter Auftritt. Seine Audienz. Schlie&amp;szlig;lich haben ihn vorhin alle nur von hinten gesehen. Immer wieder tupft er sich mit einem Taschentuch den Schwei&amp;szlig; von der Stirn, vor ihm liegt das frische Hemd, gestreift, von Ferragamo.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Sie hatten wenigstens einen Sitzplatz&amp;laquo;, sagt er zu einer &amp;auml;lteren Dame. Sie lacht, ist dankbar, gl&amp;uuml;cklich &amp;ndash; er hat mit ihr gesprochen. Es ist sein Standardwitz. Er macht ihn regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig. Genau wie den mit seinen Initialen: &amp;raquo;D. B.&amp;laquo;, sagt er dann, &amp;raquo;wie Deutsche Bahn, ich k&amp;ouml;nnte als Schaffner arbeiten.&amp;laquo; Er hat ein riesiges Repertoire solcher Spr&amp;uuml;che. Geht mal einer daneben, lachen trotzdem alle. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Man muss ihm nur zuschauen und wei&amp;szlig;: Der Mann hat auf der B&amp;uuml;hne alles gegeben, aber noch mehr zur&amp;uuml;ckbekommen. Pl&amp;ouml;tzlich klingelt sein Handy. Ein neutraler Klingelton, keine Melodie. Es ist der Komponist Pierre Boulez aus Paris. Daf&amp;uuml;r zieht er sich zur&amp;uuml;ck. Seine Stimme wird leiser. Als er auflegt, ist es weit nach 23 Uhr. Die Meute ist weg, der Konzertsaal dunkel, das Restaurant reserviert. Familie Barenboim spaziert hinaus in die Fr&amp;uuml;hlingsnacht. &amp;raquo;Lust auf Oper am Wochenende?&amp;laquo;, fragt er seine Schwiegertochter beim Rausgehen, in Gedanken schon bei seinem n&amp;auml;chsten Verdi-Abend mit Pl&amp;aacute;cido Domingo. &amp;raquo;In welcher Stadt?&amp;laquo;, fragt sie zur&amp;uuml;ck. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; DAS WUNDERKIND &amp;ndash; TAGS&amp;Uuml;BER FUSSBALL, ABENDS KLAVIER&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Daniel Barenboim macht keinen Sport. Au&amp;szlig;er Dirigieren und ab und zu Pilates, aber das z&amp;auml;hlt nicht, findet er. Woher also nimmt er seine Energie? Wie schafft er es, in Bayreuth sechs Stunden lang Wagner zu dirigieren, ins Auto zu steigen und zur&amp;uuml;ck nach Berlin zu fahren? Was hat er f&amp;uuml;r ein Geheimnis, dass er unter heftigstem Druck vollkommene Gelassenheit, nein, eigentlich selbstvergessenes Gl&amp;uuml;ck ausstrahlt? &amp;raquo;Hat mit meiner Kindheit zu tun&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Ich habe fr&amp;uuml;h ein Doppelleben gef&amp;uuml;hrt, tags&amp;uuml;ber Fu&amp;szlig;ball, abends Klavier.&amp;laquo; Er spricht gern von fr&amp;uuml;her. Nicht wehm&amp;uuml;tig, eher analytisch. Seine Kindheit ist f&amp;uuml;r ihn der logische Ausgangspunkt f&amp;uuml;r das Leben, das er heute f&amp;uuml;hrt, auch f&amp;uuml;r die Art, wie er Musik macht &amp;ndash; nat&amp;uuml;rlich und unangestrengt. Es sieht immer m&amp;uuml;helos aus, wenn er Klavier spielt oder dirigiert. Ein Kritiker hat mal geschrieben: Wenn Barenboim Klavier spielt, riecht es nach Wohnzimmer und gro&amp;szlig;er, weiter Welt.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Daniel Barenboim w&amp;auml;chst im Buenos Aires der Vierzigerjahre auf. Seine Gro&amp;szlig;eltern, russische Juden, waren Anfang des 20. Jahrhunderts nach Argentinien ausgewandert. Antisemitismus gab es nicht, daf&amp;uuml;r j&amp;uuml;disches Leben, herzhaftes Essen, elegante Menschen, Salon- und Hauskonzerte; jeden Freitagabend spielt er Klavier bei den Rosenthals, einer &amp;ouml;sterreichisch-j&amp;uuml;dischen Intellektuellenfamilie, danach gibt es Apfelstrudel mit Vanillesauce. Noch heute ist Tango neben Klassik die einzige Musik, die er ertragen kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seine Eltern sind Klavierlehrer, herzliche, kluge Leute. &amp;raquo;Es hat lange gedauert&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;bis ich begriffen habe, dass es auch Menschen gibt, die nicht Klavier spielen.&amp;laquo; Er beginnt mit f&amp;uuml;nf, wird erst von seiner Mutter, dann von seinem Vater unterrichtet, bis heute hatte er keinen anderen Lehrer. &amp;raquo;Mein Vater lie&amp;szlig; mich immer nur so lange &amp;uuml;ben, wie meine Konzentration reichte&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt Barenboim. Eine, h&amp;ouml;chstens zwei Stunden am Tag. Alles andere sei mechanisches Wiederholen und damit das Gegenteil von Musik. &amp;raquo;Nur am Sonntag durfte ich spielen, so lange und was ich wollte. Ein gro&amp;szlig;artiges Konzept&amp;laquo;, findet er. Sein Feind ist noch heute das sture &amp;Uuml;ben, das geistlose Draufschaffen von irgendwas. &amp;raquo;Qualit&amp;auml;t kommt von Qual&amp;laquo;, den Spruch hat er mal in einem Film geh&amp;ouml;rt. &amp;raquo;Riesiger Unsinn&amp;laquo;, faucht er, &amp;raquo;Qualit&amp;auml;t kommt von Denken.&amp;laquo; Er meint es nicht nur auf Musik bezogen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nie habe er Tonleitern oder Akkordzerlegungen ge&amp;uuml;bt, immer nur St&amp;uuml;cke, Mozart, Liszt, Beethoven. Und geboxt hat er, sogar im Verein. &amp;raquo;Mein Vater hat alles daf&amp;uuml;r getan, damit ich mir ja nicht einbilde, meine H&amp;auml;nde seien was Besonderes.&amp;laquo; Mit sieben gibt er sein erstes Konzert. Das vergilbte Programmheft steht noch heute gerahmt im Musikzimmer seiner Berliner Villa. Mit zehn deb&amp;uuml;tiert er bei den Salzburger Festspielen, mit zw&amp;ouml;lf kommt er in die Dirigentenklasse &amp;ndash; seine Klassenkameraden sind weit &amp;uuml;ber 20 &amp;ndash;, mit 13 wird er j&amp;uuml;ngster Meisterkurs-Sch&amp;uuml;ler aller Zeiten an der Accademia di Santa Cecilia in Rom. 1954, kurz nach der Begegnung in Salzburg, l&amp;auml;dt Furtw&amp;auml;ngler Barenboim nach Berlin ein, er soll als Solist mit den Philharmonikern auftreten, aber sein Vater lehnt ab. Das Monster Hitler sei erst neun Jahre tot. Es sei noch zu fr&amp;uuml;h f&amp;uuml;r seinen Sohn, um in Deutschland Musik zu machen. &amp;raquo;Ich habe ihn verstanden&amp;laquo;, sagt Barenboim heute. Eine unglaubliche Aussage f&amp;uuml;r einen zw&amp;ouml;lfj&amp;auml;hrigen Jungen, der die Chance seines Lebens bekommt &amp;ndash; er muss geahnt haben, dass ihn nichts aufhalten kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit 13 spielt er Artur Rubinstein vor, von dem er in Tel Aviv &amp;ndash; wo die Barenboims inzwischen leben &amp;ndash; seine erste Zigarre in den Mund gesteckt bekommt. Es ist der Beginn einer r&amp;uuml;hrenden Freundschaft: der alte Rubinstein, das Kind Daniel Barenboim. Es folgen Konzertreisen durch Europa, Amerika, Australien. Ein Genie? &amp;raquo;Ich doch nicht&amp;laquo;, sagt Barenboim. &amp;raquo;Menuhin war ein Genie. Als Einstein ihn das erste Mal Geige hat spielen h&amp;ouml;ren, hat er gesagt: Jetzt wei&amp;szlig; ich, dass es einen Gott gibt.&amp;laquo; Es ist die Bescheidenheit eines Mannes, der begriffen hat, dass er noch mehr leuchtet, wenn er seine Strahlkraft gelegentlich dimmt, um sie f&amp;uuml;r die Mitwelt ertr&amp;auml;glicher zu machen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;Das System Barenboim&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52979.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;DAS SYSTEM BARENBOIM &amp;ndash; ORGANISIERTES CHAOS&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Im Grunde bin ich ein unorganisierter Mensch&amp;laquo;, sagt Daniel Barenboim. Es ist eine L&amp;uuml;ge &amp;ndash; aber nur eine halbe: Ja, dieser Mann funktioniert nur, weil es um ihn herum Dutzende Menschen gibt, die sich so mit ihm identifizieren, dass sie ihm ihr halbes Leben opfern. Es gibt ein System Barenboim, ein Netzwerk aus st&amp;auml;ndig an- und abrufbereiten Mitarbeitern, Referenten und Agenten, die jeden Tag mehrmals miteinander telefonieren, Termine koordinieren, Fl&amp;uuml;ge buchen, umbuchen, stornieren und mit Journalisten, Sponsoren, K&amp;uuml;nstlern, Politikern hin- und hermailen. Er reagiert auf Impulse, sein Stab organisiert das Chaos, das dabei entsteht. &amp;raquo;Sie k&amp;ouml;nnen sich nicht vorstellen, was bei mir jeden Tag reinkommt&amp;laquo;, sagt seine Staatsopern-Referentin: Schirmherrschaften, Interviewanfragen, Charity-Einladungen, von Hand geschriebene Briefe, in denen K&amp;uuml;nstler um Termine und Empfehlungsschreiben bitten; neulich fragte einer, ob Maestro nicht seine Miete &amp;uuml;bernehmen k&amp;ouml;nne. &amp;raquo;Und Preise&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;wie viele Preise er kriegen soll.&amp;laquo; Er lehnt fast alle ab. Keine Zeit. Gerade erst hat er den Klassik ECHO f&amp;uuml;r sein Lebenswerk bekommen. Am Festakt im Konzerthaus nahm er nicht teil, lieber dirigierte er ein paar hundert Meter weiter &lt;em&gt;Die Walk&amp;uuml;re.&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Daniel Barenboim hat keine E-Mail-Adresse, daf&amp;uuml;r einen Chauffeur, einen Vorstand f&amp;uuml;r seine Stiftung, eine Sekret&amp;auml;rin in Mailand (Scala), eine Referentin in Berlin (Staatsoper) und eine zweite, die wenig anderes tut, als zwischen Daniel Barenboim, Anna Netrebko und Rolando Villaz&amp;oacute;n hin- und herzufliegen. Sie k&amp;uuml;mmert sich um alle drei und noch ein paar andere. Im Gegensatz zu Barenboim merkt man ihr den Stress an. &amp;raquo;Manchmal komme ich auf 120 Stunden in der Woche&amp;laquo;, sagt sie. Sei aber ein Klacks im Vergleich zur Belohnung: Zeit mit solchen Ausnahmemenschen verbringen zu d&amp;uuml;rfen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Trotzdem kann Barenboim sein Wahnsinnsprogramm nur abspulen, weil er bis zur Schmerzgrenze diszipliniert und effizient ist. In fast jedem Artikel &amp;uuml;ber ihn steht: Barenboim macht alles gleichzeitig. Das Gegenteil ist richtig: Sein Leben ist eine Aneinanderreihung von Besch&amp;auml;ftigungen, die er nacheinander, nie nebeneinander, in gespenstischer Konzentration ausf&amp;uuml;hrt: Wenn er raucht, raucht er. Wenn er schl&amp;auml;ft, schl&amp;auml;ft er, egal wann, egal wo; er hat das trainiert, Einschlafen, Aufwachen, alles auf Knopfdruck, er braucht seine acht Stunden. Wenn er spricht, w&amp;auml;hlt er jedes Wort bewusst. Wenn er isst, nimmt er sich Zeit, er kaut auffallend langsam und lange. Wenn er spazieren geht, geht er spazieren, nie w&amp;uuml;rde er zwischendurch auf sein Handy schauen. Egal, was er tut, er vertieft sich darin, l&amp;auml;sst sich nicht unterbrechen, bringt es zu Ende und wendet sich der n&amp;auml;chsten Sache zu. M&amp;uuml;helos geht er in die Konzentration hinein und wieder heraus. Es kommt einem vor, als spaziere er durch ein Leben ohne Widerst&amp;auml;nde und &amp;Auml;ngste. W&amp;auml;re er nicht Musiker, Daniel Barenboim m&amp;uuml;sste Zeitmanagement-Seminare geben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es macht fast ein bisschen Angst, ihn zwei Stunden vor einem Auftritt, im Sommeranzug, den wei&amp;szlig;en Hut auf dem Kopf, durch eine Fu&amp;szlig;g&amp;auml;ngerzone flanieren zu sehen, oder dabei zu sein, wie er 20 Minuten vor Konzertbeginn mit seiner Agentin Termine f&amp;uuml;r 2013 durchgeht, w&amp;auml;hrend drau&amp;szlig;en 2000 Menschen warten, die viel Geld f&amp;uuml;r diesen Abend bezahlt haben. Das Signal ist der Espresso. Wenn der runtergest&amp;uuml;rzt ist, beginnt in seinem Kopf etwas Neues. Dann schaltet er um in den Konzertmodus. Er steht dann ruckartig auf und geht ohne ein weiteres Wort auf die B&amp;uuml;hne, mit schnellen, kurzen Schritten, verneigt sich, setzt sich an den Fl&amp;uuml;gel, spielt Schubert und l&amp;auml;sst das Andantino der &lt;em&gt;A-Dur-Sonate&lt;/em&gt; &amp;ndash; als h&amp;auml;tte er sich stundenlang in seine Tragik eingef&amp;uuml;hlt &amp;ndash; mit einem tiefen Sinn f&amp;uuml;r Verzweiflung ausklingen, absterben, erl&amp;ouml;schen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;M&amp;Uuml;NCHEN, 10. JULI 2012&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rauch, &amp;uuml;berall Tabakrauch. Barenboim sitzt in seiner Garderobe im M&amp;uuml;nchner Gasteig. Sie haben ihm eine Obstschale hingestellt, Himbeeren, Blaubeeren, Kiwis, Bananen. Er aber raucht lieber, heute eine kurze, dicke aus Kuba, mehr Zeit ist nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Sie rauchen Zigarre? Das ist schlecht&amp;laquo; &amp;ndash; eine Frau st&amp;uuml;rzt ins Zimmer, &amp;raquo;das ist sehr schlecht. Denn eigentlich darf man hier nicht rauchen.&amp;laquo; Der Rauchmelder. &amp;raquo;Wenn der losgeht, muss das ganze Haus evakuiert werden.&amp;laquo; Daniel Barenboim spricht seinen Satz zu Ende, dreht sich um: &amp;raquo;Oh, das tut mir leid&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;aber ich habe nirgendwo ein Verbotsschild gesehen&amp;laquo;, nimmt noch einen Zug, bl&amp;auml;st den Rauch in die Luft, l&amp;auml;chelt. Man kann dabei zusehen, wie die Frau an Elan verliert. Sie kommt nicht an gegen diese Autorit&amp;auml;t. &amp;raquo;Na gut&amp;laquo;, gibt sie sich geschlagen. Ob er denn wenigstens das Fenster &amp;ouml;ffnen k&amp;ouml;nne? &amp;raquo;Aber nat&amp;uuml;rlich.&amp;laquo; Macht er gern. Er sagt es so, dass man ihn danach nicht arrogant, sondern charmant findet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Daniel Barenboim ist ein Menschenf&amp;auml;nger. Und er kriegt, was er will: die h&amp;ouml;chsten Honorare, die besten Solisten, gottgleiche Verehrung. Verloren hat er eigentlich nur zweimal: Als ihm 1989 als Direktor der Pariser Bastille-Oper gek&amp;uuml;ndigt wurde. Der Spiegel ver&amp;ouml;ffentlichte damals seine Forderungen: 1,5 Millionen Mark Grundgehalt, entspricht bei 25 Pflichtdirigaten im Jahr 60 000 Mark Gage pro Abend. Und 2002, als er Chef der Berliner Philharmoniker werden wollte. Die Musiker haben sich damals gegen ihn entschieden. Er hat es l&amp;auml;ngst vergessen. Kr&amp;auml;nkung &amp;uuml;berwunden. Er w&amp;uuml;rde bestreiten, dass es je eine gegeben hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Restaurant schaut er nicht in die Karte, sondern bittet den Ober, ihm etwas zu empfehlen. Er sagt dann: Nein. Nein. Nein. Nein. Und irgendwann ja. Einmal, w&amp;auml;hrend seines Bruckner-Zyklus in Wien, muss er um 23 Uhr noch ein Interview nachbearbeiten. Er sitzt also drau&amp;szlig;en bei seinem Wiener Stammitaliener und kann nichts mehr lesen. Zu dunkel. Er k&amp;ouml;nnte reingehen, aber es dauert keine Minute, da bringt der Kellner eine kleine Lampe und klemmt sie ihm an den Tisch. Er ist dankbar f&amp;uuml;r so viel Aufmerksamkeit, aber er findet auch, dass er sie verdient hat. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck f&amp;uuml;r Macht als die T&amp;auml;tigkeit des Dirigenten&amp;laquo;, hei&amp;szlig;t es in &lt;em&gt;Masse und Macht &lt;/em&gt;von Elias Canetti. Der Dirigent steht allein und erh&amp;ouml;ht, alle anderen sitzen. Kommt er, klatschen alle. Geht er, klatschen auch alle. Und &amp;ndash; ganz wichtig &amp;ndash; die Menge sieht ihn nur von hinten. Er f&amp;uuml;hrt sie an. F&amp;uuml;r die Zeitspanne einer Auff&amp;uuml;hrung ist er der Herrscher der Welt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Berlin gibt es Restaurants, die machen die Musik aus, wenn Barenboim zur T&amp;uuml;r hereinkommt. Musik in Fahrst&amp;uuml;hlen, Flugh&amp;auml;fen, Restaurants empfindet er als &amp;raquo;physische Penetration&amp;laquo;. Er h&amp;ouml;rt ja nicht mal zu Hause welche. In seinem Musikzimmer stehen fast alle CDs, die er jemals aufgenommen hat, sicher 350. Fast alle sind noch eingeschwei&amp;szlig;t. Einmal hat er vor einem Konzert mit dem Pianisten Lang Lang den kompletten Fl&amp;uuml;gel wie ein IKEA-Regal auseinandergebaut, um dem verdutzten Chinesen die Mechanik seines Instruments zu erl&amp;auml;utern. Man spiele einfach besser, wenn man so ein Ding richtig verstanden hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Gleiche bei Interviews oder Fototerminen: Letzte Frage hei&amp;szlig;t letzte Frage. Noch ein Bild hei&amp;szlig;t ganz sicher kein zweites. Er ist nicht diplomatisch, aber auch nie unh&amp;ouml;flich, nur bestimmt. Und er muss ja auch so sein. Manchmal abweisend. Meistens distanziert. Ihm bleibt nichts anderes &amp;uuml;brig, als jeden Tag Menschen vor den Kopf zu sto&amp;szlig;en. &amp;raquo;Die ersten 30 Jahre&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;verbringt man damit, ber&amp;uuml;hmt zu werden, den Rest der Zeit versucht man es zu verbergen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Daniel Barenboim erinnert ein bisschen an Uli Hoene&amp;szlig;. Menschen, die er mag, gibt er alles, den anderen gar nichts. Um seine Divan-Mitglieder k&amp;uuml;mmert er sich r&amp;uuml;hrend wie ein Vater. Er kann unglaublich gro&amp;szlig;herzig sein und sehr b&amp;ouml;se werden. Sein F&amp;uuml;hrungsstil ist autorit&amp;auml;r, nicht moderierend. Und er ist nie kumpelhaft, wenn schon, dann ist er ein Freund. Sagen auch Kollegen. Der Dirigent Kent Nagano zum Beispiel: &amp;raquo;Vor meinem ersten Konzert in Tel Aviv war ich unsicher, also bat ich ihn um Rat und eine Einsch&amp;auml;tzung. Wissen Sie, wann er mich anrief? In der Pause seines Soloauftritts in der New Yorker Carnegie Hall.&amp;laquo; Als im Mai der Jahrhundertbariton Dietrich Fischer-Dieskau im Alter von 86 starb, schrieb er, obwohl er f&amp;uuml;r Konzerte in Wien war, einen Nachruf f&amp;uuml;r die FAZ. Er vergisst so was nicht. Die gemeinsame Zeit. Die vielen Konzerte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Daniel Barenboim interessiert sich nur f&amp;uuml;r zwei Arten von Musikern: die besten und die, die es werden k&amp;ouml;nnten. Die anderen nimmt er nicht mal wahr. Es m&amp;uuml;ssen schon hundertzehn Prozent sein. Deswegen ist er auch kein Komponist geworden. Er hat es versucht und wieder gelassen: &amp;raquo;Meine Sachen waren nicht originell&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;ich war nicht begabt.&amp;laquo; Intelligenz und Ehrgeiz k&amp;ouml;nnen sich auch als Verzicht tarnen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;Privatkonzert f&amp;uuml;r den Past&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52981.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;ROM, 11. JULI 2012, 18 UHR&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die ersten G&amp;auml;ste kommen durch das steinerne Portal in den Hof des Apostolischen Palastes, der italienische Staatspr&amp;auml;sident Giorgio Napolitano, das Ehepaar Oetker, Adel, Diplomaten, Industrielle, ein paar haben ihre Kinder mitgebracht, T&amp;ouml;chter in hohen Schuhen, streng gescheitelte S&amp;ouml;hne. Das Protokoll sieht es nicht vor, aber k&amp;ouml;nnte ja sein, dass er einem von ihnen die Hand gibt. Es ist schw&amp;uuml;l, 32 Grad. Lautlos schiebt sich ein wei&amp;szlig;es Stoffsegel &amp;uuml;ber den Hof. Die G&amp;auml;ste wedeln sich Luft zu, die Frauen mit F&amp;auml;chern, die M&amp;auml;nner mit zusammengerollten Programmheften. Es ist merkw&amp;uuml;rdig still. Pl&amp;ouml;tzlich taucht er auf, in roten Schuhen, l&amp;auml;chelt, deutet ein Winken an, schiebt sich Meter f&amp;uuml;r Meter in Richtung des goldenen Stuhls, den sie &amp;ndash; passend zum Anlass &amp;ndash; auf einen Perserteppich gestellt haben. Im Hintergrund leuchten die Albaner Berge. Es ist kurz vor sechs Uhr Abend. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es passiert nicht oft, dass Daniel Barenboim irgendwo hinkommt, wo die Menschen nicht auf ihn warten. Heute ist so ein Tag. Gemeinsam mit dem West-Eastern Divan Orchestra gibt er ein Privatkonzert in Castel Gandolfo, der Sommerresidenz des Papstes. Der Papst hat Namenstag. Deshalb. F&amp;uuml;r Barenboim eine Ehre, aber auch eine gute Gelegenheit, ein paar Sponsoren gl&amp;uuml;cklich zu machen. Er selbst hat erst vor vier Wochen in der Mail&amp;auml;nder Scala f&amp;uuml;r den Papst gespielt. F&amp;uuml;r Italien ein Riesending. F&amp;uuml;r ihn ein Termin. Er ist nicht religi&amp;ouml;s. Er f&amp;uuml;hlt sich j&amp;uuml;disch, er sp&amp;uuml;rt diese Mischung aus Tradition und Schicksal, aber regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig in die Synagoge geht er nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Eigentlich&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;gibt es nur zwei Dinge, die ich an Menschen bewundere: moralische Integrit&amp;auml;t und sch&amp;ouml;pferisches Genie.&amp;laquo; Seine Helden sind Richard von Weizs&amp;auml;cker, Joschka Fischer, Felipe Gonz&amp;aacute;lez, Frank Gehry, sein bester Freund ist der indische Dirigent Zubin Mehta. Eine Heldin ist nicht dabei. Der Papst auch nicht. Daf&amp;uuml;r ist seine Frau umso begeisterter. Sie ist ihm heute Morgen hinterhergeflogen, gestern hat sie selbst noch ein Konzert in D&amp;uuml;sseldorf gespielt. Jetzt scrollt sie sich durch die Fotos auf ihrem Mobiltelefon: Sie und ihr Mann, eingerahmt von zwei Schweizer Gardisten: &amp;raquo;Toll, oder?&amp;laquo;, schw&amp;auml;rmt sie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Divan-Orchester ist Barenboims Herzenssache und eine politische Dauerprovokation. Bei seiner Gr&amp;uuml;ndung hatten 60 Prozent der Musiker noch nie in einem Orchester gespielt, 40 hatten noch nicht mal eines geh&amp;ouml;rt. Heute ist der Divan ein Profiorchester, dessen Konzerte oft mehrfach mit Regierungsvertretern und der UNO abgestimmt werden. Trotzdem erinnert es an eine Klassenfahrt, wenn das West-Eastern Divan Orchestra auf Tournee geht, nat&amp;uuml;rlich eine mit zwei Kategorien: Barenboim leitet die Proben und Konzerte, sitzt in denselben Flugzeugen, die f&amp;uuml;r das Orchester gechartert werden, ist offen f&amp;uuml;r Fragen und Sorgen, trotzdem ist er kein Klassenlehrer, der mit der Schirmm&amp;uuml;tze vorneweg l&amp;auml;uft, er ist der Star, der in der Limousine vom Flughafen abgeholt wird und in jeder Stadt im besten Hotel wohnt. Ob im Konzertsaal oder am Flughafen, nie sieht man ihn kommen. Er taucht auf und verschwindet, wie ein Geist. Pl&amp;ouml;tzlich ist er da, im wei&amp;szlig;en Sommeranzug, die Prada-Sonnenbrille im Gesicht, und streichelt &amp;uuml;ber den entz&amp;uuml;ndeten Arm der pal&amp;auml;stinensischen Geigerin. Er wei&amp;szlig;, dass es auf Gesten ankommt: eine Partie Backgammon im Flugzeug, Rosen, die er nach dem &lt;br /&gt; Konzert aus seinem Strau&amp;szlig; zieht und einzeln an die Musiker verteilt. &amp;raquo;Der Mann ist ein Wunder&amp;laquo;, sagen die, &amp;raquo;er sieht es, nein, er h&amp;ouml;rt es, wenn einer von uns einen Ton mit dem Mittel- statt mit dem Ringfinger spielt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als der Papst einzieht, stehen alle auf, schauen ger&amp;uuml;hrt, halten Handys in die Luft, nur Barenboim bleibt relativ unbeteiligt in der letzten Reihe sitzen. Ist er gekr&amp;auml;nkt, weil es nicht um ihn geht? Ist er bescheiden? Oder einfach professionell? Er hat noch ein paar Telefonate erledigt, die Krawatte um den Hals gelegt. Gerade plaudert er im Fl&amp;uuml;sterton mit dem Chef der Salzburger Festspiele, Alexander Pereira. Es geht um ein Interview, das Barenboim dem Spiegel gegeben hat: &amp;raquo;In Israel&amp;laquo;, hat er da gesagt &amp;raquo;gibt es eine Politisierung der Erinnerung an den Holocaust.&amp;laquo; Ein Satz, der f&amp;uuml;r viel &amp;Auml;rger sorgen w&amp;uuml;rde, wenn ihn ein Nicht-Jude gesagt h&amp;auml;tte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als sich nacheinander der Papst und das Publikum setzen, springt Barenboim auf und schaut nach seinen Musikern, die aus verschiedenen T&amp;uuml;ren auf die B&amp;uuml;hne str&amp;ouml;men wie Ameisen aus einem Bau &amp;ndash; drei fehlen, sie haben es nicht aus Syrien rausgeschafft. Die riesige Statue des heiligen Petrus, die Kardin&amp;auml;le, der heilige Ernst dieses Ortes, die Bose-Boxen in den Fenstern &amp;ndash; beeindruckt ihn alles nicht. F&amp;uuml;r Folklore und R&amp;uuml;hrung hat er nichts &amp;uuml;brig, es ist die Botschaft, um die es ihm geht: Juden und Moslems, die f&amp;uuml;r den Papst Musik machen. Das gef&amp;auml;llt ihm. Und die Sp&amp;auml;tfolgen so einer Veranstaltung. Die Dankbarkeit der Sponsoren. Das Geld, mit dem weitere Konzerte m&amp;ouml;glich sind. Deswegen hat er ein paar dieser Leute in der Chartermaschine mitgenommen. &amp;Uuml;berhaupt trifft er regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig sehr reiche Menschen, Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck in Salzburg, sp&amp;auml;tes Abendessen in M&amp;uuml;nchen. Der Divan und Amerika &amp;ndash; das ist sein n&amp;auml;chstes gro&amp;szlig;es Ding. Jetzt aber ist der Papst an der Reihe. Und Beethoven. Am n&amp;auml;chsten Tag geht es weiter nach Versailles, dann nach Genf, Sevilla, London, vielleicht &amp;ndash; zwischendurch &amp;ndash; f&amp;uuml;r ein Konzert nach Ost-Jerusalem. Die UNO verhandelt noch. Eine Chartermaschine ist geblockt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;DER MUSIKER - MIT DEM KOPF F&amp;Uuml;HLEN; MIT DEM HERZEN DENKEN&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Daniel Barenboim hat keine K&amp;uuml;nstlerh&amp;auml;nde. Robust und kr&amp;auml;ftig sind sie. Mit kurzen, dicken Fingern. Es gibt St&amp;uuml;cke, die kann er nicht spielen, weil er die Spannweite nicht hinkriegt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nichts an Daniel Barenboim ist feingliedrig oder verz&amp;auml;rtelt. Nie kokettiert er damit, einen besonderen Draht zu letzten Wahrheiten zu haben. Er hat ihn, das reicht &amp;ndash; und gibt ihm die M&amp;ouml;glichkeit, abseits der Musik erstaunlich viril, irdisch, flapsig, normal zu sein. Er liebt deutschsprachige Krimis: &lt;em&gt;SOKO 5113, Ein Fall f&amp;uuml;r zwei, Kommissar Rex&lt;/em&gt;, sein ist Held ist Stephan Derrick. Als er in Paris die Windpocken hatte, hat er sich eine Folge nach der anderen reingezogen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Man sieht ihn selten ohne Zigarre. Er hat seine festen Sorten. Vier, f&amp;uuml;nf verschiedene, zu Hause in seiner Berliner Villa bewahrt er sie in einem Humidor auf. Er kauft sie in Berlin, Mailand und am Flughafen in Beirut: &amp;raquo;Ein Paradies. Riesige Auswahl und 30 Prozent g&amp;uuml;nstiger.&amp;laquo; Seine Lieblingszigarre ist eine Behike, Preis: 36 Euro. Er verraucht alle vier Wochen ein ziemlich ordentliches Monatsgehalt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er liebt ein saftiges Steak, einen guten Wein, eine Tischrunde kann er m&amp;uuml;helos durch einen lahmen Abend retten. Gern mit Witzen, auch &amp;uuml;ber den Papst, auch &amp;uuml;ber Juden: &amp;raquo;Was ist ein Antisemit? Einer, der Juden mehr hasst als unbedingt notwendig.&amp;laquo; Es ist faszinierend, ihm zuzusehen, wie er gleichzeitig tief empfinden und ziemlich derbe daherreden kann. Einmal, auf die Frage, ob er &amp;ndash; gemeint waren Zigarren &amp;ndash; morgens lieber dicke oder d&amp;uuml;nne m&amp;ouml;ge, sagt er: &amp;raquo;Also diese Frage m&amp;uuml;ssen Sie nun wirklich einer Frau stellen.&amp;laquo; Er lacht dann laut und kehlig, weil er es wieder mal geschafft hat, eine dumme Journalistenfrage so lustig zu kontern. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber man darf sich nicht t&amp;auml;uschen lassen: Musik ohne Leiden, das geht nicht. Und Daniel Barenboim wei&amp;szlig; das. Nat&amp;uuml;rlich hat er einen hohen Sinn f&amp;uuml;r das Tragische und Abgr&amp;uuml;ndige, f&amp;uuml;r Wagner, Nietzsche, Bayreuth, die Lust am Untergang und Vergehen, trotzdem ist er verliebt ins Gelingen. Und genauso macht er Musik. Er ist zutiefst mitleidsf&amp;auml;hig, man muss nur zuh&amp;ouml;ren, wie er den &lt;em&gt;Parsifal&lt;/em&gt; dirigiert, aber er instrumentalisiert diese Gabe nicht, um Sch&amp;ouml;nheit oder Pathos zu produzieren. &amp;raquo;Das Romantische ist das Kranke, das Klassische das Gesunde&amp;laquo;, hat Goethe behauptet. Barenboim ist kerngesund. In seinem Alltag wie in seiner Musik bringt er zwei Dinge zusammen, die nicht zusammenpassen: Disziplin und Leidenschaft. Neulich hat er sich nach seinem Bruckner-Konzert in Wien in einen Club fahren lassen, wo er sich zwischen 500 schwitzende, tanzende Hiphop-Fans gestellt hat. Auf der B&amp;uuml;hne stand KD-Supier, das ist der K&amp;uuml;nstlername seines Sohnes David, der als Hiphop-Produzent ziemlich erfolgreich ist. &amp;raquo;Ich war unglaublich stolz auf ihn&amp;laquo;, sagt Daniel Barenboim. &amp;raquo;Er versteht nicht so ganz, was ich eigentlich mache&amp;laquo;, sagt David Barenboim, &amp;raquo;aber er kommt und interessiert sich, das rechne ich ihm hoch an.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wenn mein Vater Musik macht&amp;laquo;, sagt der andere Sohn, der Geiger Michael, &amp;raquo;ist er gleichzeitig rational und emotional.&amp;laquo; Und er meine nicht nacheinander oder je nachdem, &amp;raquo;ich meine gleichzeitig.&amp;laquo; Barenboim selbst dr&amp;uuml;ckt es so aus: &amp;raquo;Ich f&amp;uuml;hle mit dem Kopf und denke mit dem Herzen.&amp;laquo; Und er weine auch beim &lt;em&gt;Lohengrin&lt;/em&gt;-Vorspiel, nur halt nicht physisch. &amp;raquo;Das soll jetzt nicht &amp;uuml;berheblich klingen&amp;laquo;, sagt er einmal und schickt den Konjunktiv voraus, weil er genau wei&amp;szlig;, dass das, was gleich kommt, ziemlich &amp;uuml;berheblich klingen wird. &amp;raquo;Wirklich&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;nicht arrogant gemeint, aber ich glaube, dass ich etwas anderes mache als meine Dirigentenkollegen.&amp;laquo; Musik, sagt er dann, ist erst mal ein physikalisches Ph&amp;auml;nomen, n&amp;auml;mlich klingende Luft. Sobald ein Klang aufh&amp;ouml;rt, verschwindet er, wird zur Stille und stirbt. Musik steht in einer unl&amp;ouml;sbaren Beziehung zur Stille und damit zum Tod. &amp;raquo;Wenn ich Musik mache&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;habe ich schon beim ersten Ton den letzten, das Ende, also den Tod im Blick.&amp;laquo; Musik als Spiegel des Lebens, als Reise ins Nichts. Als Versuch, gegen den Tod anzuk&amp;auml;mpfen, indem man den Klang nicht abrei&amp;szlig;en l&amp;auml;sst. Musik auch als M&amp;ouml;glichkeit, den eigenen Tod f&amp;uuml;hlend vorwegzunehmen. &amp;raquo;Musik bringt einen in Ber&amp;uuml;hrung mit Zeitlosigkeit&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;und damit Erl&amp;ouml;sung.&amp;laquo; Er meint es w&amp;ouml;rtlich und macht es vor, als Dirigent und Pianist, jeden Abend wieder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;Utopie statt schlechter Realit&amp;auml;t&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52983.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;SALZBURG, 20. JULI 2012&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die anderen kommen pro Sommer zwei- oder dreimal nach Salzburg zu den Festspielen, Daniel Barenboim kommt sechsmal: zweimal mit dem Divan-Orchester, dreimal f&amp;uuml;r seinen Schubert-Zyklus, einmal mit dem Orchester der Scala f&amp;uuml;r Verdis Requiem, das Abschlusskonzert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die meisten bleiben zwischen ihren Auftritten in der Stadt, manche nehmen sich sogar eine Wohnung, Barenboim fliegt jedes Mal hin und wieder weg. F&amp;uuml;r einen Klavierabend bleibt er 24 Stunden. Er kann und will die Festspielstimmung nicht genie&amp;szlig;en. Es muss sich was bewegen, sonst wird er unzufrieden. Also fliegt er nach Berlin, Rezitativproben f&amp;uuml;r &lt;em&gt;Siegfried&lt;/em&gt;, einmal l&amp;auml;sst er sich nach Dubrovnik fahren, ein Klavierabend, au&amp;szlig;erdem macht er Urlaub mit seiner Frau. Zehn Tage Spanien. Er hat ein Haus in der N&amp;auml;he von M&amp;aacute;laga. Danach werden sie sich eine Weile nicht sehen. Er muss weiter nach Mailand, Moskau, Sankt Petersburg. Sie nach Israel, ein Kammermusik-Festival.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt; Es ist Montagvormittag, Barenboim tritt aus dem &amp;raquo;Goldenen Hirschen&amp;laquo;, unter dem Arm zwei Notenb&amp;auml;nde mit Schubertsonaten. Was das f&amp;uuml;r ein Drama war, mit diesen Noten: Er hat seine n&amp;auml;mlich vergessen. Ein Band liegt in Berlin, einer in Spanien. Also mussten sie ihm die Noten organisieren &amp;ndash; am Sonntag, die Gesch&amp;auml;fte hatten zu und am n&amp;auml;chsten Abend Konzert. Er spielt nat&amp;uuml;rlich auswendig, trotzdem will er sich einlesen. Er muss die Noten nur anschauen, schon h&amp;ouml;rt er die Musik. Ein paar vertrackte Stellen will er auch noch mal durchspielen, der Rest ist da, Blackout unm&amp;ouml;glich. &amp;raquo;Er &amp;uuml;berblickt ein riesiges Repertoire&amp;laquo;, sagt der Konzertmeister der Berliner Staatskapelle, &amp;raquo;Hunderte von Symphonien, Opern und Klavierst&amp;uuml;cken kann er Note f&amp;uuml;r Note spontan abrufen&amp;laquo;, und was dazu kommt: &amp;raquo;Er kennt die technischen Gegebenheiten jedes Instruments, egal ob Querfl&amp;ouml;te, Horn oder Kontrabass&amp;laquo;, eigentlich k&amp;ouml;nne man nur von einem Genie sprechen. Auf die Frage, wie viele Partituren er denn nun wirklich auswendig kennt, schaut Barenboim nur irritiert, so dumm findet er sie. Zahlen, Rekorde, Superlative &amp;ndash; interessiert ihn nicht. Als ob es darauf ank&amp;auml;me. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Ende hat eine Mitarbeiterin noch einen Satz Schubert-Noten von einer &amp;auml;lteren Dame aufgetrieben. Es sei ihr eine Ehre, nur reinschreiben solle er halt was, bevor er wieder wegf&amp;auml;hrt. Macht er, aber jetzt will er ein bisschen proben. Er hat sich seinen 130 000-Euro-Steinway extra aus Berlin hertransportieren lassen. Man spielt besser, wenn man das Instrument kennt. Auf dem Programm steht Schubert: &lt;em&gt;Impromptus&lt;/em&gt; und die gro&amp;szlig;e &lt;em&gt;A-Dur-Sonate&lt;/em&gt;. Das Konzert, der ganze Zyklus sind ein riesiger Erfolg, trotzdem fallen die Kritiken mittelm&amp;auml;&amp;szlig;ig bis mies aus: &amp;raquo;Zu wenig Gestaltung&amp;laquo;, hei&amp;szlig;t es da, &amp;raquo;l&amp;uuml;ckenhafte L&amp;auml;ufe, technisch mangelhaft, stellenweise gef&amp;uuml;hllos.&amp;laquo; Hat er doch zu wenig geprobt? Sich zu sehr auf seine Erfahrung verlassen? Denn spielen kann er das, er hat es hundertmal bewiesen. Er antwortet mit einer Geschichte: &amp;raquo;Wissen Sie&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;am Tag nach meinem allerersten Orchesterkonzert in Buenos Aires sind zwei Rezensionen erschienen. In der einen hie&amp;szlig; es, seit Mozart h&amp;auml;tte man kein solches Genie erlebt. In der anderen stand, es sei kriminell, ein achtj&amp;auml;hriges Kind auftreten zu lassen, das keine Begabung habe.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Daniel Barenboim ist l&amp;auml;ngst mehr als ein Musiker. Er findet es nicht schlimm, und das Seltsame: Meistens ist es auch nicht schlimm, wenn er mal nicht perfekt durch eine Tongirlande durchkommt. Mit seinem eigenen Anspruch kann sowieso kein Kritiker mithalten. Sollen die sich also ruhig an Detailfragen abarbeiten, er macht sich nicht davon abh&amp;auml;ngig. Existenzielle Momente m&amp;ouml;chte er schaffen, f&amp;uuml;r sich und die Menschen, technische Perfektion kann da auch st&amp;ouml;ren, weil sie die Essenz &amp;uuml;berdeckt. Und deswegen st&amp;ouml;rt ihn auch so eine Kritik nicht. Der Weltstar Barenboim ist l&amp;auml;ngst ein Prinzip, eine Marke, die &amp;uuml;ber jeden Zweifel erhaben ist. Es ist l&amp;auml;ngst so, dass alle gut finden, was er macht, weil er es macht. F&amp;uuml;r einen K&amp;uuml;nstler kann das auch ein Problem sein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;DER POLITIKER - LIEBER EINE UTOPIE ALS EINE SCHLECHTE REALIT&amp;Auml;T&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Daniel Barenboim interessiert sich nicht f&amp;uuml;r Andrea Nahles oder Strompreise, trotzdem ist er ein hochpolitischer Mensch, &amp;raquo;politisch im Sinne Beethovens&amp;laquo;, sagt er. Und deswegen geht er auch nicht w&amp;auml;hlen: In Israel w&amp;uuml;sste er nicht, welche Partei. In Argentinien und Spanien kennt er sich zu wenig aus. In Pal&amp;auml;stina? Na ja.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Glauben Sie mir&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;es vergeht kein Tag, an dem ich nicht traurig werde wegen dieses Konflikts.&amp;laquo; Es ist sein Lebens-, auch sein Leidensthema. Weil er Teil davon ist. Weil es die Erinnerung an seine Kindheit in diesem Land, das er so liebt, verd&amp;uuml;stert. Und weil er dieses Mal machtlos ist. Es gibt kaum einen Konflikt, den er nicht aus der Welt schaffen kann, mit einem Blick, einem Spruch oder der geballten Macht seines Apparates, beim Thema Israel geht es ihm wie allen anderen: Warten, Diplomatie, Appelle. Die Angelegenheit stagniert. Und Stagnation mag er gar nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er hat w&amp;auml;hrend des Sechstagekriegs 1967 Konzerte in Israel gespielt. Er hat im gleichen Jahr seine erste gro&amp;szlig;e Liebe, die Cellistin Jacqueline du Pr&amp;eacute;, in Israel geheiratet, David Ben Gurion war unter den Hochzeitsg&amp;auml;sten. Noch heute hat er eine Wohnung in Jerusalem. Sie steht fast immer leer. Er wird nur traurig, wenn er da ist. Als er 2004 in der Knesset den Wolf-Preis &amp;uuml;berreicht bekommt, tr&amp;auml;gt er die israelische Unabh&amp;auml;ngigkeitserkl&amp;auml;rung vor, unter anderem das Gel&amp;ouml;bnis, dass Israel mit all seinen Nachbarn in Frieden leben wolle. Als eine Abgeordnete schimpft, wie er es wagen k&amp;ouml;nne, einen derart festlichen Anlass f&amp;uuml;r eine Attacke auf Israel zu instrumentalisieren, geht er ein zweites Mal ans Podium und antwortet: &amp;raquo;Ich habe Israel nicht attackiert. Ich habe lediglich seine Unabh&amp;auml;ngigkeitserkl&amp;auml;rung vorgelesen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein Einsatz f&amp;uuml;r die pal&amp;auml;stinensische Sache beginnt nach dem Sechstagekrieg 1967. Weil Israel auf einmal nichts Unschuldiges mehr hatte. Er kann es bis heute nicht fassen: Dass die Juden, die &amp;uuml;ber 2000 Jahre lang Minderheit waren, nur 19 Jahre nach Gr&amp;uuml;ndung ihres Staates selbst eine Minderheit unterdr&amp;uuml;cken. Seitdem fordert er einen Psychiater f&amp;uuml;r beide Staaten. Das Problem sei, dass beide V&amp;ouml;lker zutiefst davon &amp;uuml;berzeugt sind, dass der jeweils andere kein Recht hat, auf diesem St&amp;uuml;ck Land zu leben. Und das Schlimme: Beide haben recht. &amp;raquo;Es ist doch absurd&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;dass Woody Allen noch heute Abend nach Israel ziehen k&amp;ouml;nnte, eine pal&amp;auml;stinensische Familie, die tausend Jahre lang dort gelebt hat, aber nicht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seine Antwort ist der Divan. In diesem Orchester sitzt f&amp;uuml;r den Moment einer Symphonie ein Jude neben einem Pal&amp;auml;stinenser. Sie spielen den gleichen Ton, gleich laut, gleich lang. Das geht nur in der Musik. F&amp;uuml;r sein Engagement wird Barenboim von beiden Seiten kritisiert: den Israelis und den Pal&amp;auml;stinensern. F&amp;uuml;r ihn der Beweis, dass er etwas richtig macht. Gut m&amp;ouml;glich, dass er in den n&amp;auml;chsten Jahren den Friedensnobelpreis bekommt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein Ziel ist es, mit dem Divan in jedem Land gespielt zu haben, aus dem wenigstens ein Orchestermitglied kommt. Eine Utopie? &amp;raquo;Vielleicht&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;aber besser mit einer Utopie leben als mit einer schlechten Realit&amp;auml;t.&amp;laquo; Ende Juli wird das Konzert in Ost-Jerusalem wenige Tage vor dem Termin abgesagt. Zu heikel. Zu brisant. Pal&amp;auml;stinensische NGOs haben dagegen protestiert. &amp;raquo;Es wurde nicht abgesagt, es wurde verschoben&amp;laquo;, korrigiert Barenboim. Er mag es nicht, wenn die Realit&amp;auml;t gewinnt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;DER PRIVATMANN - EIN ABEND OHNE TERMINE&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Robert, wir fahren nach Hause&amp;laquo;, sagt Daniel Barenboim und lehnt sich in den beigefarbenen Ledersitz, in der Hand zwei T&amp;uuml;ten, eine von Prada, eine von Cartier. Er wirkt wie ein Politiker in diesem BMW 730. Er selbst besitzt einen Smart. Er braucht ihn nie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;nfzehn Minuten sp&amp;auml;ter ist er da: Stadtteil Dahlem, altes West-Berlin, eine Villa aus dem Jahr 1929, im Garten ein kleiner Pool. Er &amp;ouml;ffnet die schwere T&amp;uuml;r, niemand zu Hause. Der erste Eindruck ist warm und behaglich, Orient-Teppiche, orientalische Vasen, an den W&amp;auml;nden Karten des Heiligen Landes aus dem 19. Jahrhundert, im Musikzimmer der Fl&amp;uuml;gel von Artur Rubinstein. Es ist vollkommen still, vielleicht der richtige Moment, um &amp;uuml;ber das Thema zu sprechen, das bisher nie so richtig gepasst hat: den Verlust seiner ersten Frau, der britischen Jahrhundertcellistin Jacqueline du Pr&amp;eacute;. Er hustet, als er den Namen h&amp;ouml;rt, legt die Zigarre zur Seite, f&amp;auml;ngt sich, erz&amp;auml;hlt: &amp;raquo;Sie war die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te nat&amp;uuml;rliche Begabung, die ich je kennengelernt habe.&amp;laquo; Es folgt ein f&amp;uuml;nfmin&amp;uuml;tiger Monolog &amp;uuml;ber ihre Art zu spielen, &amp;uuml;berhaupt &amp;uuml;ber Streicher und wie wichtig sie f&amp;uuml;r ein Orchester seien, irgendwann hat er es geschafft, das Thema zu wechseln. Also noch ein Versuch. Denken Sie jeden Tag an sie? &amp;raquo;Nicht so bewusst&amp;laquo;, er z&amp;ouml;gert und erz&amp;auml;hlt weiter, wie er sich auf den ersten Blick in sie verliebt hat, Weihnachten 1966 bei Freunden in London, ein Hausmusikabend. &amp;raquo;Wir haben zusammen Musik gemacht, noch bevor wir miteinander gesprochen haben.&amp;laquo; Man muss sich diese Jahre vorstellen wie einen Rausch: das Musikerpaar, jung zu Weltruhm gekommen, reist durch die Welt, gibt gefeierte Konzerte, f&amp;uuml;llt die Klatschspalten, feiert mit den Beatles &amp;ndash; eine nicht enden wollende Zurschaustellung von Genie und Liebesgl&amp;uuml;ck &amp;ndash;, bis zur Diagnose im Oktober 1973: Sie hat multiple Sklerose. Es folgen die schwierigsten Jahre im Leben von Daniel Barenboim, zerrissen zwischen seiner Verantwortung und Liebe und dem Willen, auch seinem Recht, sein eigenes Leben weiterzuf&amp;uuml;hren. Er pendelt zwischen Paris und London, wo seine Frau immer schw&amp;auml;cher wird, ihr letztes Konzert spielt, im Rollstuhl landet und 1987 &amp;ndash; nach 14-j&amp;auml;hriger Leidenszeit &amp;ndash; stirbt. &amp;raquo;Sie begleitet mich jeden Tag, vor allem in der Musik&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;und ich habe das gro&amp;szlig;e Gl&amp;uuml;ck, dass meine Frau Jelena das alles wei&amp;szlig; und akzeptiert. Ich bewundere sie daf&amp;uuml;r.&amp;laquo;   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf einmal eine Stimme aus der Tiefe des Hauses: &amp;raquo;Kommt in die K&amp;uuml;che, ich habe was zu essen gemacht&amp;laquo; &amp;ndash; seine Frau muss heimgekommen sein: Jelena Baschkirowa, Pianistin, gro&amp;szlig;, elegant, herzlich; die ideale Partnerin f&amp;uuml;r einen wie ihn, weil sie beides ist: selbstbewusst und zur&amp;uuml;ckhaltend, auf Augenh&amp;ouml;he, aber keine Konkurrentin, und wenn es drauf ankommt: entsagend. Es ist nach 22 Uhr. Sie hat Borschtsch gemacht, dazu gibt es Schwarzbrot, Krabben, ein bisschen Fisch. An den W&amp;auml;nden h&amp;auml;ngen Pinnw&amp;auml;nde mit Familienfotos: die Barenboims am Strand, die Barenboims beim Winterspaziergang und &amp;ndash; an Karneval &amp;ndash; verkleidet. Ein Handy klingelt. Sie hebt ab, spricht Englisch. Er g&amp;auml;hnt. Isst seine Suppe. Man h&amp;ouml;rt nur noch das Klackern des L&amp;ouml;ffels. Ein langer Tag. Ein langer Sommer. In zwei Wochen wird Daniel Barenboim 70 Jahre alt. Es wird eine gro&amp;szlig;e Feier geben, die Einladungen sind raus in alle Welt. Los gehts um 22 Uhr. Vorher muss er dirigieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Daniel Barenboim&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;wird 1942 in Buenos Aires geboren und bald als Wunderkind      gefeiert. Mit sieben spielt er sein erstes Konzert, drei Jahre sp&amp;auml;ter      zieht er mit seinen Eltern nach Israel, von wo aus er eine Weltkarriere      als Pianist und Dirigent startet. Barenboim hat die argentinische,      spanische, israelische und pal&amp;auml;stinensische Staatsb&amp;uuml;rgerschaft, seit      Jahrzehnten setzt er sich f&amp;uuml;r einen Dialog im Nahost-Konflikt ein. Der      Kritiker Joachim Kaiser bezeichnet ihn als &amp;raquo;das letzte Genie der      klassischen Musik&amp;laquo;. Er lebt in Berlin-Dahlem. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der Unfassbare</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Haberl</dc:creator>
    <dc:date>2012-11-05T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

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    <title>Liebe, die ins Ohr geht</title>
    <description>&lt;p&gt;F&amp;uuml;r den Schlagers&amp;auml;nger Andy Borg w&amp;uuml;rde die Dresdnerin Karin Witt      alles tun. Denn keiner sonst versorgt sie so zuverl&amp;auml;ssig mit gro&amp;szlig;en      Tr&amp;auml;umen f&amp;uuml;r den kleinen Alltag.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die wichtigste Frage in diesen Tagen: Was schenkt man einem wie Andy Borg zum 30-j&amp;auml;hrigen B&amp;uuml;hnenjubil&amp;auml;um? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Also erst wollten wir ihm eine Palme kaufen, er ist ja auch so'n Gartenfreak, aber wie versteckt man die? Ins Auto krieg ich die, aber in die Halle? Machen Sie das mal, dass er die nicht gleich sieht, das ist gar nicht so einfach bei Herrn Borg, der Herr Borg kriegt alles mit, wenn man nicht aufpasst&amp;laquo;, sagt Karin Witt, 51, verheiratet, drei erwachsene Kinder, seit 30 Jahren Andy-Borg-Fan. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und jetzt? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Jetzt schenken wir ihm einen Gutschein f&amp;uuml;r ein Gartencenter in Passau, f&amp;uuml;r 60 Euro. Die machen das eigentlich nicht, aber ich hab da angerufen und gesagt: Sie kennen doch den Herrn Borg. Die Birgit hatte einen Paprikabusch vorgeschlagen, aber da w&amp;auml;chst ja nur einmal im Jahr was dran.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Karin Witt, die in ihrem Wohnzimmer auf einem cappuccinofarbenen Sofa sitzt, neben ihr ein Kissen mit einem aufgedruckten Foto von Andy Borg und ihr, redet gern schnell und viel und benutzt ein paar lustige Verben daf&amp;uuml;r: babbeln und quackeln und schnattern. &amp;raquo;Wenn ich zu viel babbel, sagen Sie Bescheid&amp;laquo;, meint sie. Ab und zu muss man nachfragen, um bei ihren Geschichten mitzukommen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer ist Birgit? &lt;br /&gt; &amp;raquo;Andys zweite Frau.&amp;laquo;&lt;br /&gt; Und warum ein Paprikabusch? &lt;br /&gt; &amp;raquo;Weil der Andy am liebsten gef&amp;uuml;llte Paprika isst.&amp;laquo;&lt;br /&gt; Woher wissen Sie das? &lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich hab ihn die essen sehen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Andy Borg ist 51, &amp;Ouml;sterreicher, geboren als Andreas Adolf Meyer. Er lebt heute in Passau und ist seit 30 Jahren Schlagers&amp;auml;nger. In Karin Witts Wohnzimmer kann man seine Karriere auf Fotos an der Wand zur&amp;uuml;ckverfolgen: Auf den alten, aus den Achtzigerjahren, sieht er mit seinen braunen zur&amp;uuml;ckgef&amp;ouml;hnten Locken ein bisschen aus wie David Hasselhoff. Auf den aktuelleren tr&amp;auml;gt er &amp;ouml;fter Trachtenjanker, seit 2006 moderiert er den &lt;em&gt;Musikantenstadl&lt;/em&gt; in der ARD, durchschnittlich mehr als f&amp;uuml;nf Millionen Zuschauer am Samstagabend, die meistens &amp;auml;lter sind. Andy Borg ist ein Star, aber nur in seiner Zielgruppe, und die Titel seiner Alben lassen vermuten, dass er genau wei&amp;szlig;, was seine Fans, vor allem die weiblichen, von ihm wollen: &lt;em&gt;Bleib bei mir heut Nacht&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Tr&amp;auml;umen erlaubt&lt;/em&gt;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Karin Witt, die als Putzfrau arbeitet, will ihm nun diesen Gartencenter-Gutschein schenken, bei einem Konzert in Hoyerswerda, und auf den ersten Blick macht sie den Eindruck, dass sie ganz sch&amp;ouml;n verschossen ist in Andy Borg. Ihr Wohnzimmer sieht aus, als w&amp;uuml;rde ein Teenager darin leben, &amp;uuml;berall grinst Andy Borg auf Fotos und Autogrammkarten, sie hat sogar Kaffeebecher mit seinem Gesicht darauf und ein Bild von ihm in ihrem Portemonnaie. Sie wei&amp;szlig;, dass er nicht nur gef&amp;uuml;llte Paprikaschoten mag, sondern auch K&amp;auml;sekuchen. Und bei Konzerten geht auch sie vor zur B&amp;uuml;hne, um ihm etwas in die Hand zu dr&amp;uuml;cken. Allerdings keine Blumen, wie die anderen Frauen, sondern eine Flasche Multivitaminsaft oder einen Korb mit Obst. &amp;raquo;Denn da wei&amp;szlig; ich, das kommt nicht weg, das isst er auf der Fahrt nach Hause&amp;laquo;, sagt sie und klingt dabei &amp;uuml;berraschend leidenschaftslos. Auch w&amp;uuml;rde sie ihn auf der B&amp;uuml;hne nicht &amp;raquo;abschmatzen, weil er das nicht mag&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Sendungen wie dem &lt;em&gt;Musikantenstadl&lt;/em&gt; sieht man solche Szenen immer wieder: Fans, die ihrem Star w&amp;auml;hrend des Auftritts um den Hals fallen und einen Kuss auf die Wange geben. In keinem anderen Musikgenre gibt es so etwas, wird so viel N&amp;auml;he von den K&amp;uuml;nstlern verlangt. Wer nur seine Musik anbietet, sich aber nicht anfassen l&amp;auml;sst, wird wohl weniger Erfolg haben. Oder gar keinen. Denn die Schlager- und Volksmusik verspricht ja vor allem eins: dass es die perfekte Welt, in diesem Fall den perfekten Mann, tats&amp;auml;chlich gibt &amp;ndash; einen, der h&amp;uuml;bsch und erfolgreich ist, aber trotzdem keine All&amp;uuml;ren hat, ein Star zum Anfassen eben; einer, dem nicht Fu&amp;szlig;ball oder Autos das Wichtigste sind, sondern die Liebe, und der seine Gef&amp;uuml;hle ausdr&amp;uuml;cken kann ohne rot zu werden oder zu stottern. Die Musiker scheinen s&amp;auml;mtliche dieser Tr&amp;auml;ume zu erf&amp;uuml;llen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Fragt man nun Karin Witt, was sie an Andy Borg besonders mag, sagt sie: seine sch&amp;ouml;ne Stimme. Und sicher ist: Damit fing es bei ihr an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das erste Mal hat sie diese sch&amp;ouml;ne Stimme 1982 geh&amp;ouml;rt, auf einer Faschingsfete in Dresden, wo Karin Witt geboren wurde und noch heute lebt. Sie war damals 21, frisch verheiratet und tanzte gerade mit ihrem Mann Lutz, als der &lt;em&gt;DJ Adios Amor&lt;/em&gt; spielte, Andy Borgs ersten und gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Hit. Karin Witt war begeistert, konnte aber die Platte in der DDR nicht kaufen, also setzte sie sich nachts, wenn der Empfang von Westsendern am besten war, vors Radio, um das Lied mit einem Tonbandger&amp;auml;t aufzunehmen. Erst zwei Jahre sp&amp;auml;ter sah sie dann Andy Borgs Gesicht: bei einem Gastauftritt in der DDR-Samstagabendshow &lt;em&gt;Ein Kessel Buntes&lt;/em&gt;. Und bis 1990 musste sie warten, um ihn bei einem Konzert in Dresden live zu erleben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Rauswurf aus dem Fanclub&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52013.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Karin Witt hat sich dann immer n&amp;auml;her herangek&amp;auml;mpft an ihren Andy Borg: Zuerst trat sie in einen Fanclub ein &amp;ndash; auch der Austausch zwischen K&amp;uuml;nstlern und Publikum ist in kaum einem Genre so gut organisiert wie in der Schlager- und Volksmusik. Die Fanclubs veranstalten private Autogrammstunden mit ihren Stars, und mit manchen K&amp;uuml;nstlern kann man sogar in den Urlaub fahren. Hansi Hinterseer zum Beispiel war mit seinen Fans im Fr&amp;uuml;hjahr f&amp;uuml;r eine Woche in einem Hotelclub an der t&amp;uuml;rkischen Mittelmeerk&amp;uuml;ste, Flug, Vollpension, ein Konzert und die Sicherheit, dass man ihn ab und an am Pool sieht, ab 999 Euro.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auch Karin Witt war mit Andy Borg schon auf Kreuzfahrt unterwegs, einmal auf dem Nil, &amp;raquo;da hat er abends mit uns Karten gespielt&amp;laquo;, und einmal von Rostock nach D&amp;auml;nemark, wo sie das erste Mal &amp;raquo;die Birgit&amp;laquo; traf, Andy Borgs zweite Frau. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r einen Schlagermusiker ist es eigentlich undenkbar, sich von seiner Frau zu trennen, weil damit der Traum, den er verk&amp;ouml;rpert, wie Trockeneisnebel verfliegt. Pl&amp;ouml;tzlich ist er genauso gew&amp;ouml;hnlich wie all die anderen M&amp;auml;nner. Andy Borg hat sich 1994 scheiden lassen, und seine neue Frau, &amp;raquo;die Birgit&amp;laquo;, sa&amp;szlig; nun auf diesem Schiff ganz allein an einem Tisch. &amp;raquo;Da bin ich zu ihr hingegangen und hab mit ihr geschnattert und am n&amp;auml;chsten Morgen wurde mir von der Chefin meines Fanclubs mitgeteilt, dass ich raus bin.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Warum? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Weil mit der Birgit niemand reden durfte. Die h&amp;auml;tte sich in das Leben vom Andy reingedr&amp;auml;ngelt, meinten die anderen, und seine Ehe kaputtgemacht. Aber ich sag immer: privat ist privat.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Karin Witt hat dann ihren eigenen Fanclub aufgemacht. 27 Mitglieder, darunter drei M&amp;auml;nner. Zu Weihnachten und Ostern schickt sie eine Liste mit 27 Namen an Andy Borg, der dann 27 Fotos von sich mit einem pers&amp;ouml;nlichen Gru&amp;szlig; signiert. Wenn er Geburtstag hat, sammelt sie Geld von ihren Mitgliedern und kauft ihm eine Swatch-Uhr. Vorher ruft sie Birgit an und fragt, welche er noch nicht hat. Auch der Gartencenter-Gutschein ist aus der Clubkasse finanziert. &amp;raquo;Aber das ist alles freiwillig, der Andy verlangt nichts&amp;laquo;, sagt Karin Witt, und je l&amp;auml;nger man ihr zuh&amp;ouml;rt, desto mehr bekommt man das Gef&amp;uuml;hl, dass sie nicht ihrer gro&amp;szlig;en Liebe hinterherjagt. Sie schw&amp;auml;rmt zwar von Andy Borgs Musik und seiner &amp;raquo;witzigen Art&amp;laquo; &amp;ndash; beim &lt;em&gt;Musikantenstadl&lt;/em&gt; setzt er sich schon mal eine l&amp;auml;cherliche Pudelm&amp;uuml;tze auf den Kopf &amp;ndash;, aber das Interesse an ihm ist wohl eher wie ein Spiel: Je mehr sie gibt, umso mehr bekommt sie zur&amp;uuml;ck. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach einem Konzert in Cottbus hat er sie in seinem Auto schon einmal nach Hause gefahren, und auf einem Foto in ihrem Wohnzimmer sieht man ihn auf ihrem cappuccinofarbenen Sofa sitzen, er war mit Birgit zum Kaffeetrinken da, Karin Witts sch&amp;ouml;nster Moment mit ihm bisher. Das Foto h&amp;auml;ngt nun wie eine Urkunde an der Wand. Ein Zeugnis ihres Engagements und der N&amp;auml;he, die sie daf&amp;uuml;r gewonnen hat. Und ein Beweis, dass sie in der Hierarchie der Fans ganz oben steht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; So weit, dass auch sie schon ein bisschen ber&amp;uuml;hmt geworden ist. Eine Klatschzeitschrift hat ihr einmal eine Aff&amp;auml;re mit Andy Borg angedichtet. &amp;raquo;Das hat mich so aufgeregt, ich sehe den Andy wirklich nur als K&amp;uuml;nstler. Mein Mann f&amp;auml;hrt mich sogar zu den Konzerten hin. Ich hab ja keinen F&amp;uuml;hrerschein.&amp;laquo; Mit rein geht er allerdings nicht. &amp;raquo;Der ist viel zu m&amp;uuml;de, der arbeitet auf dem Bau und schaut sich im  Auto lieber DVDs auf dem Navi an.&amp;laquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ist er nicht eifers&amp;uuml;chtig auf Andy Borg? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Nein, wir kennen uns 36 Jahre und sind gl&amp;uuml;cklich verheiratet.&amp;laquo; Auch Karin Witts Kinder st&amp;ouml;ren sich nicht an ihrer Begeisterung f&amp;uuml;r den Schlagers&amp;auml;nger, ihre Tochter Nicole, 24, ist selbst leidenschaftlicher Fan: von Pietro Lombardi, der 2011 &lt;em&gt;Deutschland sucht den Superstar&lt;/em&gt; gewonnen hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Karin Witts gr&amp;ouml;&amp;szlig;ter Traum: Einmal bei Andy Borg daheim auf dem Sofa zu sitzen. Das w&amp;auml;re dann ihre Fu&amp;szlig;ball-Weltmeisterschaft. &lt;br /&gt; Und was macht sie, wenn er seine Karriere irgendwann beendet?&lt;br /&gt; Karin Witt schweigt einen Moment und sagt dann: &amp;raquo;Das wei&amp;szlig; ich nicht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;nf Tage sp&amp;auml;ter, am 17. September, ruft Andy Borg sie wie immer zu ihrem Geburtstag an. Um 13.43 Uhr, das wird sie sich ganz genau merken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Liebe, die ins Ohr geht</dc:subject>
    <dc:creator>Christoph Cadenbach</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-15T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38561">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38561</link>
    <title>Melodie des Grauens</title>
    <description>&lt;p&gt;Wer ein Lied im Kopf hat und es nicht mehr loswird,      f&amp;uuml;hlt sich dem Wahnsinn nahe. Aber was passiert da in unserem      Hirn? Und was genau ist das &amp;uuml;berhaupt: ein Ohrwurm?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/51821.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;INTRO &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neulich war wieder so ein Tag. Irgendwann morgens, noch vor dem ersten Kaffee, tauchte auf einmal dieses Lied in meinem Kopf auf. Und blieb. Den ganzen Tag. &lt;em&gt;Live Is Life.&lt;/em&gt; Z&amp;auml;hneputzen &amp;ndash; &lt;em&gt;nanaaa nanana&lt;/em&gt;. U-Bahn fahren &amp;ndash; &lt;em&gt;nanaaa nanana.&lt;/em&gt; Eine Besprechung mit Kollegen, ich konnte mich kaum konzentrieren, weil: &lt;em&gt;nanaaa nanana&lt;/em&gt;. Anderen Menschen macht der Euro Sorgen oder das m&amp;uuml;de Getrete der deutschen Nationalmannschaft &amp;ndash; ich war besch&amp;auml;ftigt mit diesem doofen Lied. Aber wie kam es in meinen Kopf? Ich bin ganz sicher, ich habe es seit Jahren nirgends geh&amp;ouml;rt, weder im Radio noch im Fernsehen, und auf CD schon gar nicht. Auf einmal war es da. &lt;em&gt;Nanaaa nanana.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenigstens bin ich nicht allein. Ein Nachbar erz&amp;auml;hlte mir vor Kurzem, dass er tagelang &lt;em&gt;Believe&lt;/em&gt; von Cher im Ohr hatte. Der Komponist Robert Schumann litt unter Ohrw&amp;uuml;rmern. Der Pops&amp;auml;nger Neil Diamond auch. Eine Kollegin in der Redaktion wird immer wieder von dem Bon-Jovi-Kracher &lt;em&gt;Living On A Prayer&lt;/em&gt; heimgesucht. Der Chefredakteur klagte vor einiger Zeit, sein Sohn habe ihn mit &lt;em&gt;I Like To Move It, Move It &lt;/em&gt;infiziert. Praktisch jeder kennt das Gef&amp;uuml;hl, von einem Ohrwurm an den Rand des Wahnsinns getrieben zu werden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;OHRW&amp;Uuml;RMER IN ALLER WELT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Im Englischen spricht man gelegentlich auch vom &amp;raquo;earworm&amp;laquo;, g&amp;auml;ngiger ist aber der Begriff &amp;raquo;sticky song&amp;laquo;, klebriges Lied. Auch die Franzosen kennen den &amp;raquo;ver d&amp;rsquo;oreille&amp;laquo;, den w&amp;ouml;rtlich &amp;uuml;bersetzten Ohrwurm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Spanischen existiert der Ausdruck &amp;raquo;canci&amp;oacute;n pegadiza&amp;laquo;, das hei&amp;szlig;t so viel wie: ansteckendes Lied.&lt;/em&gt; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Hat ein Schwede einen Ohrwurm, kann er sagen: &amp;raquo;Jag har en l&amp;aring;t p&amp;aring; huvudet&amp;laquo;. W&amp;ouml;rtlich &amp;uuml;bersetzt: &amp;raquo;Ich habe ein Lied auf dem Kopf.&amp;laquo;&lt;/em&gt; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Italiener verwendet f&amp;uuml;r den Ohrwurm das Wort &amp;raquo;tormentone&amp;laquo;, das in anderem Kontext auch &amp;raquo;Werbeslogan&amp;laquo; oder &amp;raquo;Qu&amp;auml;ler&amp;laquo; hei&amp;szlig;en kann.&lt;/em&gt; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Russischen sagt man: &amp;raquo;        &amp;#1055;&amp;#1045;&amp;#1057;H&amp;#1071; &amp;#1055;P&amp;#1048;&amp;#1063;&amp;#1045;&amp;#1055;&amp;#1048;&amp;#1051;&amp;#1040;&amp;#1057;&amp;#1066;&amp;laquo; &amp;ndash; Das Lied klebt.&lt;/em&gt; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Neurologen benennen das Ph&amp;auml;nomen eher ernsthaft: &amp;raquo;Involuntary musical imagery&amp;laquo; &amp;ndash; also Musikbilder, die ungewollt entstehen.&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;DIE WISSENSCHAFT: EHER RATLOS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie kommt der Ohrwurm in den Kopf? Warum geht er nicht mehr weg? Wikipedia sagt, der Ohrwurm sei &amp;raquo;ein eing&amp;auml;ngiges und merkf&amp;auml;higes Musikst&amp;uuml;ck, das dem H&amp;ouml;rer f&amp;uuml;r einen l&amp;auml;ngeren Zeitraum in Erinnerung bleibt&amp;laquo;. Da fehlt: &amp;raquo;und das einen in den Wahnsinn treibt&amp;laquo;. Eigentlich m&amp;uuml;sste der Ohrwurm im &lt;em&gt;Pschyrembel&lt;/em&gt; stehen, dem medizinischen Fachw&amp;ouml;rterbuch. Aber es ist ja nicht mal richtig klar, welche Fachrichtung zust&amp;auml;ndig ist. Manche Menschen gehen zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, weil sie eine Melodie nicht mehr loswerden. Die Psychologen f&amp;uuml;hlen sich irgendwie zust&amp;auml;ndig &amp;ndash; Sigmund Freud fand, dass der Ohrwurm eine unbewusste Artikulation von W&amp;uuml;nschen sein muss, aber recht viel weiter kam er nicht. Andere setzen auf die Musikwissenschaftler: Die k&amp;ouml;nnten vielleicht erkl&amp;auml;ren, welche Melodien sich besonders gut im Kopf verhaken. Es finden Symposien statt, bei denen Forscher aus allen F&amp;auml;chern diskutieren, wie der Ohrwurm in unseren Kopf kommt. Die meisten enden mit kollektivem Schulterzucken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;DER MUSIKMEDIZINER &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eckart Altenm&amp;uuml;ller ist einer der wenigen Ohrwurm-Experten in Deutschland. Der Direktor des Instituts f&amp;uuml;r Musikphysiologie und Musikermedizin an der Musikhochschule Hannover hat viele Hundert Menschen befragt, die unter Ohrw&amp;uuml;rmern leiden. Also bitte:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Herr Altenm&amp;uuml;ller, wer leidet besonders unter Ohrw&amp;uuml;rmern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Eckart Altenm&amp;uuml;ller:&lt;/strong&gt; So viel wissen wir &amp;ndash; sie treten besonders bei Leuten auf, die starke Emotionen beim Musikh&amp;ouml;ren empfinden oder auch selber viel Musik machen. Diese Menschen haben ein geschultes auditives Ged&amp;auml;chtnis.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ist es denn nur eine Frage der Erinnerung? Es kommt einem doch vor, als w&amp;uuml;rde das Lied regelrecht im Kopf ablaufen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aus wissenschaftlicher Sicht sind Ohrw&amp;uuml;rmer am ehesten mit den wackligen Beinen nach einer Schiffsreise vergleichbar: Auf dem Festland meint man immer noch das Schwanken der Planken zu sp&amp;uuml;ren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was passiert da in unserem Kopf?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Studie hat ergeben: Der Teil des Gehirns, der beim H&amp;ouml;ren von Musik aktiv ist, ist es auch dann, wenn wir uns die Musik nur vorstellen. Forscher zeichneten die Gehirnt&amp;auml;tigkeit von Testpersonen auf, lie&amp;szlig;en Musik laufen und unterbrachen das St&amp;uuml;ck f&amp;uuml;r ein paar Sekunden: Wenn die Testpersonen das Lied einigerma&amp;szlig;en gut kannten, machte ihr Gehirn einfach weiter, als laufe die Musik immer noch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ich hatte vor ein paar Tagen stundenlang das &lt;em&gt;Lied der Schl&amp;uuml;mpfe&lt;/em&gt; im Kopf. Warum blo&amp;szlig;?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sie Armer. F&amp;uuml;r so etwas gen&amp;uuml;gen schon ganz nebens&amp;auml;chliche Assoziationen. Es k&amp;ouml;nnte zum Beispiel sein, das Sie etwas Schlumpfblaues gesehen haben. Oder dass in der Zeitung irgendwas &amp;uuml;ber Oberhausen stand und Sie von da auf Schlumpfhausen gekommen sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;LIEDER, DIE MAN NIE MEHR LOSWIRD, TEIL 1&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;You&amp;rsquo;re my heart, you&amp;rsquo;re my soul &lt;br /&gt; I&amp;rsquo;ll keep it shining everywhere I go &lt;br /&gt; You&amp;rsquo;re my heart, you&amp;rsquo;re my soul &lt;br /&gt; I&amp;rsquo;ll be holding you forever &lt;br /&gt; Stay with you together&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Modern Talking: &amp;raquo;You&amp;rsquo;re My Heart, You&amp;rsquo;re My Soul&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;WARUM EIGENTLICH AUSGERECHNET MUSIK?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;Musik ist sehr viel komplexer als die meisten anderen Reize. Vielschichtiger. Wir haben &amp;hellip; Melodie, Rhythmus, Text, verschiedene Instrumente, verschiedene Kl&amp;auml;nge, Dynamik von sehr laut bis ganz leise. Das bedeutet, es gibt f&amp;uuml;r ein Lied sehr viele verschiedene Haken, mit denen es sich im Gehirn verankern kann.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Andr&amp;eacute;ane McNally-Gagnon, Neurologin und Ohrwurm-Spezialistin, Kanada&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;UND WARUM SIND WIR SO HILFLOS?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der New Yorker Psychiater Oliver Sacks schreibt in seinem Buch &lt;em&gt;Der einarmige Pianist&lt;/em&gt; dar&amp;uuml;ber, wie unser Gehirn Musik wahrnimmt. Es geht da auch um den Unterschied zwischen der Wahrnehmung von Bildern und von Musik: &amp;raquo;Eine visuelle Szene kann auf hunderterlei Art konstruiert oder rekonstruiert werden, doch der Abruf eines Musikst&amp;uuml;cks aus dem Ged&amp;auml;chtnis muss sich eng an das Original halten.&amp;laquo; Sacks spricht von der &amp;raquo;widerstandslosen Aufzeichnung der Musik im Gehirn&amp;laquo;. Wenn wir uns der Musik aussetzen wollen, dann gibt es nichts Gro&amp;szlig;artigeres, als wenn sie komplett die Regie &amp;uuml;bernimmt. Auf Konzerten, im Club, beim Festival. Aber wenn wir gerade keine Musik brauchen k&amp;ouml;nnen, schon gar nicht Musik, die nicht mal vorhanden ist, sondern nur in unserem Kopf rumspukt &amp;ndash; dann ist der Spa&amp;szlig; vorbei.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und die Technik macht alles immer schlimmer. Zwar gehen Experten davon aus, dass es Ohrw&amp;uuml;rmer schon immer gegeben hat, vielleicht hatten unsere Vorfahren das Steineklopfen des H&amp;ouml;hlenbewohners nebenan im Ohr. Tatsache ist aber: Wer fr&amp;uuml;her Musik h&amp;ouml;ren wollte, musste daf&amp;uuml;r andere Menschen treffen. Erst seit Musik aufgezeichnet und unabh&amp;auml;ngig vom Musiker wiedergegeben werden kann, ist sie &amp;uuml;berall. Im Radio, im Fernsehen, auf dem iPod, im Handy. Oliver Sacks glaubt, genau das f&amp;uuml;hre zur &amp;raquo;Allgegenwart &amp;auml;rgerlich eing&amp;auml;ngiger Melodien, jener Hirnw&amp;uuml;rmer, die ungebeten kommen und uns erst wieder verlassen, wenn es ihnen passt&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Lieder, die h&amp;auml;ngen bleiben, m&amp;uuml;ssen also nicht gut sein oder auch nur unseren Geschmack treffen. In der Zeit berichtete mal eine Autorin, dass sie f&amp;uuml;r eine Forschungsarbeit wochenlang Neonazi-Musik h&amp;ouml;ren musste. &amp;raquo;Schlie&amp;szlig;lich ertappte ich mich dabei, unter der Dusche &lt;em&gt;Opa war Sturmf&amp;uuml;hrer bei der SS&lt;/em&gt; zu summen.&amp;laquo; Nicht zu beneiden.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;LIEDER, DIE MAN NIE MEHR LOSWIRD, TEIL 2&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Take me to the magic of the moment&lt;br /&gt; On a glory night&lt;br /&gt; Where the children of tomorrow dream away&lt;br /&gt; In the wind of change&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Scorpions: &amp;raquo;Wind Of Change&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;DAS IDEALE OHRWURMLIED?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Plattenproduzenten w&amp;auml;ren froh, wenn sie das genau vorhersagen k&amp;ouml;nnten. Musikwissenschaftler haben schon mal eine Reihe von Merkmalen gefunden:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;a) Einfachheit&lt;/strong&gt;. Kinderlieder werden eher zum Ohrwurm als Schostakowitsch-Sinfonien. Aber: Komplexe Musikst&amp;uuml;cke bergen die Gefahr, dass einzelne, ganz kurze Teile sich im Kopf festsetzen. Weil wir nicht einfach das ganze St&amp;uuml;ck vor uns hin singen k&amp;ouml;nnen, sondern immer an der gleichen pr&amp;auml;gnanten Stelle h&amp;auml;ngen bleiben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;b) Wiederholung.&lt;/strong&gt; Je h&amp;auml;ufiger im Lied eine einfache Phrase wiederholt wird, umso besser sind die Chancen, dass die sich im Kopf verhakt. Im Englischen wird die einfache, pr&amp;auml;gende Melodie eines Hits als &amp;raquo;Hookline&amp;laquo; bezeichnet &amp;ndash; sie bleibt wie ein Haken in unserem Kopf h&amp;auml;ngen. Typisches Beispiel: &lt;em&gt;Seven Nation Army&lt;/em&gt; von den White Stripes.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;c) &amp;Uuml;berraschung.&lt;/strong&gt; Manchmal kann gerade das Gegenteil von a) und b) zum Ohrwurm f&amp;uuml;hren. Eine Studie hat gezeigt, dass immer wieder auch St&amp;uuml;cke h&amp;auml;ngen bleiben, in denen besonders ungew&amp;ouml;hnliche Tonspr&amp;uuml;nge vorkommen oder rhythmische Stolperer. Versuchen Sie mal, &lt;em&gt;America&lt;/em&gt;&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;aus der &lt;em&gt;West Side Story &lt;/em&gt;nachzusingen. Sie werden es sehr wahrscheinlich nicht sauber hinkriegen &amp;ndash; aber es wird danach noch stundenlang in Ihrem Kopf rumgeistern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf a) und b) setzt die Popwelt fast ausschlie&amp;szlig;lich. Popmusik wird heute oft v&amp;ouml;llig anders produziert als fr&amp;uuml;her. Die Idee, dass es eine h&amp;uuml;bsche Strophe geben k&amp;ouml;nnte, dann einen &amp;Uuml;bergang, danach den starken Refrain &amp;ndash; v&amp;ouml;llig veraltet. Bei Hits von Rihanna oder Pink hat jeder einzelne Takt den sogenannten Ringtone-Charakter, das Element ist so pr&amp;auml;gnant, dass es auch als Handyklingelton funktionieren w&amp;uuml;rde. Daf&amp;uuml;r gibt es sogar eigene Spezialisten, Menschen, die keine Lieder schreiben, sondern erst ins Studio geholt werden, sobald die Begleitmusik fertig ist &amp;ndash; die denken sich dann kurze Phrasen aus, Einzeiler und Schlachtrufe, die sich im Radio sofort durchsetzen und jedem H&amp;ouml;rer ewig im Ohr bleiben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was auch gern gemacht wird: Songs &amp;uuml;berhaupt auf eine einzige Hookline reduzieren. Zum Beispiel Hits wie Eric Prydz&amp;rsquo; &lt;em&gt;Call On Me&lt;/em&gt; oder Armand Van Heldens &lt;em&gt;Barbra Streisand&lt;/em&gt;: Die Produzenten nehmen einzelne Takte aus &amp;auml;lteren St&amp;uuml;cken und lassen sie endlos in Schleife laufen. Strophen, Zwischenteile, Soli? Kann man alles wegschmei&amp;szlig;en. Wichtig ist nur der eine kurze Schnipsel, der schon f&amp;uuml;r das Original charakteristisch war. Als w&amp;uuml;rde man von Beethovens F&amp;uuml;nfter immer nur Dadadadaaa im Kreis spielen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;LIEDER, DIE MAN NIE MEHR LOSWIRD, TEIL 3&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;We are the champions &amp;ndash; my friends &lt;br /&gt; And we&amp;rsquo;ll keep on fighting &amp;ndash; till the end &lt;br /&gt; We are the champions&lt;br /&gt; We are the champions &lt;br /&gt; No time for losers &lt;br /&gt; Cause we are the champions &amp;ndash; of the world&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Queen: &amp;raquo;We Are The Champions&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;Was tun?&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/51823.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;DAS H&amp;Auml;LT MAN JA IM KOPF NICHT AUS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; IRRSINN&lt;br /&gt; In einer Folge der TV-Serie Star Trek: The Next Generation kommt ein Ohrwurm vor, der eingesetzt wird, um die besonders sensible Schiffspsychologin Deanna Troi an den Rand des Wahnsinns zu bringen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; GEHEIMNISKR&amp;Auml;MEREI&lt;br /&gt;The Demolished Man, ein Roman des Science-Fiction-Autors Alfred Bester, spielt in einer Welt, in der jeder Telepathie beherrscht. Ein Mann infiziert sich selbst mit einem besonders nervigen Ohrwurm, der seine Gedanken f&amp;uuml;r die anderen &amp;uuml;bert&amp;ouml;nen soll.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; WEHMUT&lt;br /&gt; In Marcel Prousts &lt;em&gt;Auf der Suche nach der verlorenen Zeit &lt;/em&gt;begegnet der Held Marcel einer sch&amp;ouml;nen Frau und h&amp;ouml;rt zugleich eine Sonate, die ihm sofort im Ged&amp;auml;chtnis bleibt. Der Ohrwurm untermalt von da an die Erinnerung an die Begegnung &amp;ndash; bis er die Frau endlich wiedertrifft.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;WENN ES RICHTIG ERNST WIRD&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der englische Extrembergsteiger Joe Simpson kletterte Mitte der 80er-Jahre mit einem Freund in den Anden. Er st&amp;uuml;rzte ab und wurde von seinem Kompagnon f&amp;uuml;r tot gehalten &amp;ndash; dabei hatte er &amp;uuml;berlebt. Zwar hatte er sich alle m&amp;ouml;glichen Knochen gebrochen und konnte sich kaum r&amp;uuml;hren, aber Joe Simpson begann, den Berg hinunterzurobben, Zentimeter f&amp;uuml;r Zentimeter, bis ins Basislager. Eine mehrt&amp;auml;gige Tortur, bei der ihn Hunger und Schmerz plagten, Fieber und Halluzinationen &amp;ndash; und ein Ohrwurm. Sp&amp;auml;ter berichtete Simpson, dass ihn der sanfte Singsang des alten Boney-M-Hits &lt;em&gt;Brown Girl In The Ring&lt;/em&gt; ununterbrochen begleitete. Fieber und Wahn und Shalalalala vermengten sich zu einem H&amp;ouml;llenohrwurm, der ihn den Berg hinuntertrieb, der Rettung entgegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Von da ist es nicht mehr weit zu den pathologischen Ohrw&amp;uuml;rmern: Manche Menschen leiden unter sogenannten akustischen Halluzinosen. Ich wei&amp;szlig;: Wenn mich die Schl&amp;uuml;mpfe plagen oder &lt;em&gt;Live Is Life&lt;/em&gt;, dann wird das irgendwann wieder vorbei sein. Nervig, aber nicht weiter be&amp;auml;ngstigend. Bei Menschen mit beginnender Demenz dagegen h&amp;ouml;rt das unter Umst&amp;auml;nden nicht mehr auf. Der Musikphysiologe Altenm&amp;uuml;ller sagt: &amp;raquo;Besonders schlimm kann es werden, wenn solche Menschen schlecht h&amp;ouml;ren. Da gibt es tats&amp;auml;chlich eine Verselbstst&amp;auml;ndigung von Ohrw&amp;uuml;rmern, weil nicht genug Input von au&amp;szlig;en kommt. Das Gehirn produziert f&amp;uuml;r sich selbst Musik, es bleibt auf den immer gleichen Liedern h&amp;auml;ngen. Eine Art Phantomschmerz.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;DIE GANZE WAHRHEIT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit dem einen Satz benennt der Musikmediziner Eckart Altenm&amp;uuml;ller m&amp;ouml;glicherweise das ganze gro&amp;szlig;e Geheimnis des Ohrwurms: Das Gehirn produziert f&amp;uuml;r sich selbst Musik. Altenm&amp;uuml;ller erkl&amp;auml;rt: &amp;raquo;Ein Ohrwurm ist eine Form von Dauerzyklus. Eine Erregungsschleife zwischen dem inneren H&amp;ouml;ren und dem inneren Singen.&amp;laquo; Dazu muss man wissen, wie das Gehirn aufgebaut ist: Einfach gesagt gibt es links das Gesangszentrum und rechts das akustische Ged&amp;auml;chtnis. Die Theorie des Neurologen besagt, dass die eine Hirnh&amp;auml;lfte der anderen etwas vorsingt. Und deren Reaktion regt sie wiederum zum Weitersingen an. Eine endlose R&amp;uuml;ckkopplung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Altenm&amp;uuml;ller ist zuversichtlich, dass da irgendwo auch die L&amp;ouml;sung steckt. &amp;raquo;Normalerweise lassen sich solche Schleifen am ehesten unterbrechen, indem wir uns auf etwas anderes konzentrieren. Und genau da k&amp;ouml;nnte man technisch eingreifen. Mithilfe der Magnetstimulation k&amp;ouml;nnte man diesen Loop unterbrechen.&amp;laquo; Das w&amp;uuml;rde bedeuten: Wer seit Tagen YMCA vor sich hin summt, geht einfach zum Arzt und setzt seinen Kopf ein paar starken Magnetfeldern aus, die das Gehirn so beeinflussen, dass es die Schleife unterbricht. Klingt gut, oder?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;GUT, VERSTANDEN. ABER WARUM LEIDEN WIR &amp;Uuml;BERHAUPT?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wenn die eine H&amp;auml;lfte meines Gehirns der anderen was vorsingt &amp;ndash; warum singt sie dann nicht einfach etwas, was ich mag? Ein Lied von den Specials? Ein Chopin-Pr&amp;eacute;lude? Ich h&amp;ouml;re so gut wie nie Radio, das Argument mit der H&amp;auml;ufigkeit haut also nicht ganz hin. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Dazu eine These aus der Neurologie:&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Musik, die wir nicht m&amp;ouml;gen, verhakt sich besser, weil sie unsere Aufmerksamkeit fordert. Lieder, die wir m&amp;ouml;gen, flie&amp;szlig;en einfach so angenehm durch uns durch. Aber Musik, die uns nervt, meldet sich aggressiv in unserem auditiven Ged&amp;auml;chtnis.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und eine aus der Kognitionspsychologie:&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unser Unterbewusstsein versucht, die Lieder gewisserma&amp;szlig;en fertigzusingen. Wir haben einen kurzen Schnipsel im Kopf und wollen das Lied vervollst&amp;auml;ndigen. Bei unseren Lieblingsliedern ist das kein Problem, einmal durchgesungen, fertig. Aber bei Liedern, die wir nicht so gut kennen, bleiben wir endlos an einer Zeile h&amp;auml;ngen &amp;ndash; weil wir nicht wissen, wie die n&amp;auml;chste geht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;LIEDER, DIE MAN NIE MEHR LOSWIRD, TEIL 4&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Sex bomb sex bomb &lt;br /&gt; you&amp;rsquo;re a sex bomb you can give it to me &lt;br /&gt; when I need to come along &lt;br /&gt; sex bomb sex bomb &lt;br /&gt; you&amp;rsquo;re my sex bomb and baby &lt;br /&gt; you can turn me on&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Tom Jones: &amp;raquo;Sex Bomb&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;WAS TUN?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die BBC hat im M&amp;auml;rz eine Umfrage durchgef&amp;uuml;hrt, um zu erfahren, wie Menschen ihre Ohrw&amp;uuml;rmer bek&amp;auml;mpfen. Hier die sch&amp;ouml;nsten Ergebnisse (garantiert nicht wissenschaftlich belegbar):&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich versuche mir das Lied als Platte auf einem Plattenspieler vorzustellen. Ich nehme im Geiste die Nadel von der Platte und drehe den Tonarm zur Seite. Meistens h&amp;ouml;rt dann der Song auf.&amp;laquo; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Robert Graeme, Wales&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich arbeite in Singapur und habe immer wieder Ohrw&amp;uuml;rmer, deren Text ich nicht mal verstehe. Mir hilft am besten: sehr komplizierte Rechenaufgaben im Kopf l&amp;ouml;sen.&amp;laquo; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Paula Robinson, Singapur&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;Schreiben Sie die W&amp;ouml;rter des Songtexts r&amp;uuml;ckw&amp;auml;rts auf und singen Sie sie. All My Loving von den Beatles wird dann &amp;rsaquo;lla ym gnivol I lliw evig ot ouy&amp;lsaquo;. Das bringt das Gehirn durcheinander und sofort herrscht Ruhe.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;William Van Duyn, Kanada&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich singe den Song so, als st&amp;uuml;nde ich auf einer B&amp;uuml;hne. Ich schmettere ein richtig pathetisches Ende &amp;ndash; und hoffe, dass es wirklich das Ende ist.&amp;laquo; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Judy Tiller, USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Ich praktiziere seit mehr als 20 Jahren Meditation. Wenn ich meine innere Stille&amp;nbsp;kultiviere, ist es ganz leicht, den Ohrwurm auszul&amp;ouml;schen.&amp;laquo; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Mike McGarry, USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;NEIN, JETZT MAL IM ERNST&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schon klar, die Tipps der BBC-Zuschauer f&amp;uuml;hren nicht weiter. Und man will ja auch nicht zweimal die Woche zur Magnettherapie rennen, weil einem gerade die Schl&amp;uuml;mpfe im Kopf rumspuken. Aber was k&amp;ouml;nnte  sonst noch helfen? Was r&amp;auml;t die Fachwelt?&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &amp;ndash; Es ist zwecklos, an etwas anderes zu denken. Einen Ohrwurm durch Konzentration loszuwerden, das funktioniert nat&amp;uuml;rlich nicht. Ein alter Spa&amp;szlig; unter Kognitionspsychologen geht so: Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten. Und? Eben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;ndash; Es gibt Fachleute, die auf Gegenohrw&amp;uuml;rmer schw&amp;ouml;ren. Der Vorteil: Wenn das Lied stark genug ist, kann es den Ohrwurm tats&amp;auml;chlich verdr&amp;auml;ngen. Nachteil: Sehr wahrscheinlich wird es einfach selbst zum Ohrwurm. Die Website &lt;a href=&quot;http://unhearit.com/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;unhearit.com&lt;/a&gt; bietet Geplagten an, sie nach genau diesem Prinzip von ihrem Leid zu erl&amp;ouml;sen. Ich empfehle aber: nicht anklicken (Ich habe den Fehler gerade gemacht. Seitdem: Time After Time von Cindy Lauper. Ununterbrochen!).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;ndash; Manche Experten empfehlen, das Lied einfach einmal konzentriert in der Originalaufnahme anzuh&amp;ouml;ren. Bis zum Schlussakkord. Immerhin besteht die Chance, dass dann die auditive Seite im Gehirn f&amp;uuml;rs Erste ges&amp;auml;ttigt ist. Aber was, wenn die verdammte linke Hirnh&amp;auml;lfte dann doch wieder von selbst anf&amp;auml;ngt, der rechten was vorzusingen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;ndash; Hilfreich k&amp;ouml;nnte der Tipp einer amerikanischen Psychologin sein, die empfiehlt, nach verborgenen Zusammenh&amp;auml;ngen zu suchen: Wenn der Ohrwurm tats&amp;auml;chlich, wie schon Freud fand, Ausdruck eines unterdr&amp;uuml;ckten Wunsches ist, dann m&amp;uuml;sste man vielleicht nur den Wunsch klar benennen &amp;ndash; und w&amp;auml;re den Ohrwurm los. Aber so ein Ohrwurm kann ja nicht immer f&amp;uuml;r irgendwas stehen. Ich habe zum Beispiel h&amp;auml;ufig einen, auf den ich mir gar keinen Reim machen kann: die Melodie der DDR-Hymne &amp;ndash; mit dem Text von Schillers Glocke. Probieren Sie es mal aus: Passt exakt aufeinander. &amp;raquo;Festgemauert in der Erden / steht die Form aus Leeeeehm gebrannt.&amp;laquo; Irgendwann, vor Monaten, hat sich das in meinem Kopf festgesetzt, aus heiterem Himmel, wie von Aliens eingepflanzt. Ich will nicht jammern, aber manchmal kommt man sich mit so einem Ohrwurm vor wie von fremden M&amp;auml;chten ferngesteuert. Zum Gl&amp;uuml;ck beruhigt mich der Musikphysiologe Altenm&amp;uuml;ller: Er sagt, die Text/Melodie-Mischung sei medizinisch gesehen v&amp;ouml;llig unbedenklich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;LIEDER, DIE MAN NIE MEHR LOSWIRD, TEIL 5&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;When we all give the power&lt;br /&gt; We all give the best&lt;br /&gt; Every minute of an hour&lt;br /&gt; Don&amp;rsquo;t think about the rest&lt;br /&gt; And you all get the power&lt;br /&gt; You all get the best&lt;br /&gt; When everyone gets everything&lt;br /&gt; And every song everybody sings&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Opus: &amp;raquo;Live Is Life&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SCHLUSSAKKORD&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Also: Gegen den Ohrwurm hilft im Grunde nichts. Keine Psychotricks, keine Gegenohrw&amp;uuml;rmer. Jahre der Forschung haben nicht sehr viel mehr gebracht als den guten Rat, sich abzulenken und zu hoffen, dass er verschwindet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Immerhin, ich habe rausgefunden, warum bei mir gerade &lt;em&gt;Live Is Life&lt;/em&gt; so oft zum Ohrwurm wird: Das Lied f&amp;auml;llt mir jedes Mal ein, wenn ich eine Tautologie h&amp;ouml;re. Gestern hat ein Kollege im B&amp;uuml;ro gesagt, &amp;raquo;Genug ist genug&amp;laquo;, ich habe im Geiste erg&amp;auml;nzt &amp;raquo;nanaaa nanana&amp;laquo;. Neulich meinte eine Freundin, &amp;raquo;Neu ist neu&amp;laquo; &amp;ndash; ich dachte, &amp;raquo;nanaaa nanana&amp;laquo;. Funktioniert jedes Mal. Leider. Macht mich wahn-sin-nig. Aber es beruhigt mich ein bisschen, dass ich wei&amp;szlig;, woher es kommt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Melodie des Grauens</dc:subject>
    <dc:creator>Max Fellmann</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-08T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37769">
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    <title>USA, 20.56 Uhr</title>
    <description>&lt;p&gt;In vier Minuten startet eine der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Shows der j&amp;uuml;ngeren      Popgeschichte. Zehntausend Amerikaner werden mit Rammstein singen: &amp;raquo;Alle      warten auf &amp;nbsp;das Licht / F&amp;uuml;rchtet euch / F&amp;uuml;rchtet euch nicht.&amp;laquo; Das      SZ-Magazin begleitete die Band durch die Tage und N&amp;auml;chte in Kanada und      den Vereinigten Staaten. Willkommen zu einer Reise, die Narben      hinterl&amp;auml;sst&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Rammstein, &lt;em&gt;Ein Lied:&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&amp;raquo;Wer Gutes tut, dem wird vergeben / So seid recht gut auf allen Wegen / Dann bekommt ihr bald Besuch / Wir kommen mit dem Liederbuch.&lt;em&gt;&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Thilo &amp;raquo;Baby&amp;laquo; Goos, Veranstaltungstechnik, Denver Coliseum:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;Das, mein Lieber, ist eine der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten B&amp;uuml;hnen, die momentan unterwegs sind. 24 Meter breit, 15 Meter hoch, eine reine Stahlkonstruktion. Hier werden 100 Lautsprecherboxen und viel Licht ans Hallendach geh&amp;auml;ngt, die Crew zieht 50 Tonnen Equipment an 120 Motoren hoch. Die Anlage hat 380 000 Watt. Es muss dengeln. Es ist Rammstein. Zwei der 24 Trucks hat die US Trucking Company alleine f&amp;uuml;r die beiden mitreisenden Kraftwerke dabei. Das sind zwei Megawatt-Aggregate, und die ziehen rund 1000 Liter Diesel pro Show ausm Tank. Die Kraftwerke braucht man, damit in den St&amp;auml;dten nicht das Licht ausgeht, wenn&amp;rsquo;s bei Rammstein angeht. &amp;Ouml;ko ist das nicht. Man muss sich entscheiden: Hei&amp;szlig;e alte Konzertlampen statt kaltes Licht? Brauchst du Strom. Die meisten Produktionen sehen heute aus wie Fernsehstudios. Auch die Rockkonzerte. Eiskalt. So geht&amp;rsquo;s auch. Aber nicht bei Rammstein.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Brauchst du Strom. Von unten, aus dem Keller der B&amp;uuml;hne, pfeifen Rauchfont&amp;auml;nen durch den Gitterboden, bis weit hoch an die Decke. Von unten schie&amp;szlig;en Flammen durch den Gitterboden. Von unten strahlt das Licht durch den Gitterboden. Auf dem Gitterboden steht Rammstein-S&amp;auml;nger Till Lindemann. Er sieht ein bisschen traurig aus, wie einer, der aus der Unterwelt vorbeischaut. Dazu diese Stimme: wie sehr schlechtes Wetter. H&amp;ouml;rt er wom&amp;ouml;glich selbst Stimmen? Man denkt an den &amp;raquo;ehemaligen Zement- und Transportarbeiter&amp;laquo; Franz Biberkopf aus D&amp;ouml;blins &lt;em&gt;Berlin Alexanderplatz&lt;/em&gt;. Die Freiheit? Ein Panoptikum. Die St&amp;auml;dte? Ein Exzess. Das Leben? Man muss ihm entgegentreten, dem Leben, mit Wucht. Lindemann ruft &amp;raquo;Links, zwo, drei, vier&amp;laquo; und marschiert, als h&amp;auml;tte er unter jeder Arschbacke eine Batterie, er fragt dann diese vielen Amerikaner Abend f&amp;uuml;r Abend: &amp;raquo;K&amp;ouml;nnen Herzen singen? Kann ein Herz zerspringen? K&amp;ouml;nnen Herzen rein sein? Kann ein Herz aus Stein sein?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Menschen in den Konzerthallen hier in Amerika singen jede einzelne dieser Fragen mit. Sie weichen zur&amp;uuml;ck vor dem Feuer. Sie schwitzen in der Hitze. Sie schlie&amp;szlig;en die Augen vor dem Licht. Irgendwann, nach diesen Wochen auf Konzertreise hier in Nordamerika, kurz vorm Abflug am fr&amp;uuml;hen Morgen auf dem Bett des Zimmers 1023 im &amp;raquo;Zaza Hotel&amp;laquo; in Houston liegend, die finale Gewissheit: So hell ist das, so laut, so hei&amp;szlig;, wenn ein Planet entsteht. Rechts eingelassen in die Eisenb&amp;uuml;hne steht ein Bunker f&amp;uuml;r die Pyrotechniker. Wer w&amp;auml;hrend der Show durch diesen Bunker schleicht, bewegt sich durch die Eingeweide einer gigantischen Maschine aus Kabeln, D&amp;uuml;sen, Schl&amp;auml;uchen, Sauerstoffflaschen. Zum Beispiel steht Gitarrist Paul Landers in dem Lied &lt;em&gt;Asche zu Asche&lt;/em&gt; an seinem brennenden Mikrofonst&amp;auml;nder auf dem Gitterdach dieses Bunkers, die Sohlen seiner Stiefel nur Millimeter &amp;uuml;ber den K&amp;ouml;pfen der Techniker, und durch schmale Sehschlitze schaut man, w&amp;auml;hrend Landers &amp;uuml;ber einem steht, hinaus auf eine Show, die eine traurige und komische Geschichte erz&amp;auml;hlt. Sie handelt von der Dunkelheit und davon, auf welche Art und Weise das Licht in die Dunkelheit tritt. Das Licht bei Rammstein, das ist zum Beispiel ein an Lindemanns Brust geheftetes rotes Herz, pochend in der stockfinstren Halle: Minimal Art in einem Lied, das mit dem Gewicht einer Planierraupe um die Ecke biegt, &lt;em&gt;Mein Herz brennt&lt;/em&gt;. Oder es sind bei &lt;em&gt;Engel &lt;/em&gt;Lindemanns Fl&amp;uuml;gel aus Stahl, f&amp;uuml;nfzig Kilo tr&amp;auml;gt er da, und am Ende der Show werden diese Fl&amp;uuml;gel Flammen spucken. Oder es sind die Feuerst&amp;ouml;&amp;szlig;e, mit denen Lindemann als H&amp;ouml;llenkasper den Keyboarder und wei&amp;szlig; gekalkten Riesenkomiker Flake Lorenz in einem &lt;br /&gt; Eisentopf zubereitet, bis der heraush&amp;uuml;pft und mit rauchender Hose &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne rast.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Flake Lorenz, Autofahrt von San Antonio nach Houston:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;Alles, was aus Anstrengung entsteht, ist Schei&amp;szlig;e. H&amp;ouml;r dir die Musik im Radio an. Leiernder, wehleidiger, stumpfer Dreck. Entstanden aus Anstrengung. Gemacht von Leuten, die H&amp;auml;user abbezahlen m&amp;uuml;ssen. Stumpf anmoderiert von Leuten, die H&amp;auml;user abbezahlen m&amp;uuml;ssen. Kapitalismus macht stumpf. Ich habe mich noch keine f&amp;uuml;nf Minuten im Leben angestrengt. Man muss sich entscheiden. Gute Kunst entsteht nicht aus Anstrengung. Sondern absichtslos. Aus Lust.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Von Amerika selbst werden nach dieser Reise Eindr&amp;uuml;cke nur wie Fetzen zur&amp;uuml;ckbleiben. Das gr&amp;uuml;ne Denver und der Red Rock State Park zum Beispiel, hier der Park Ranger, der warnt, als man Richard Kruspe nackt in die Felsen stellt, um ihn abzulichten: &amp;raquo;Freunde, wenn die Sheriffs kommen, hei&amp;szlig;t das f&amp;uuml;r jeden von euch: mindestens 180 Tage Gef&amp;auml;ngnis.&amp;laquo; Die Mockingbird Lane in Dallas, der &amp;raquo;Rockfish Diner&amp;laquo; und das Mittagessen mit Lindemann in br&amp;uuml;tender Hitze. Lindemanns Erinnerungen an die DDR und seinen Brieffreund Dschenja aus Kasachstan, der eines Tages leibhaftig anr&amp;uuml;ckte und als Gastgeschenk bunte Teller aus der Heimat mitbrachte zu den Jugendweltfestspielen: &amp;raquo;Komsomolzen hier, FDJ dort. Die Jugendweltfestspiele wurden organisiert, damit die jungen Sozialisten sich vermehren. Das war ein einziges Gepoppe.&amp;laquo; Der kleine Till, ein sensibler, eigensinniger Junge. Am 19. M&amp;auml;rz 1970 sieht er im Westfernsehen Willy Brandt zu Besuch in Erfurt, dort ans Fenster des &amp;raquo;Erfurter Hofs&amp;laquo; tretend. Stundenlang br&amp;uuml;llt das Kind durchs Haus: &amp;raquo;Willy Brandt ans Fenster! Willy Brandt ans Fenster!&amp;laquo; Seine Bautischlerlehre im &amp;raquo;Betriebsteil 5&amp;laquo;, Rostock-Schmarl: &amp;raquo;Ein Holzstamm, nu mach ein Fenster draus, Lindemann! Ich mach dir heute noch aus einem Stamm ein Fenster.&amp;laquo; Ein anderer Reisefetzen: der Spaziergang mit Flake Lorenz durch Huntington Beach. Flakes Entsetzen &amp;uuml;ber die puebloartigen Bauherrentotgeburten unter kalifornischer Sonne, bewacht wie das Pentagon. Flake fluchend: &amp;raquo;Wer lebt hier? Wer will hier leben? Wahnsinn. Stumpf.&amp;laquo; Wie er in das Pazifik-Suburbia pl&amp;ouml;tzlich sagt: &amp;raquo;Ich wohnte mal auf der Fehrbelliner Stra&amp;szlig;e 7.&amp;laquo; Und? &amp;raquo;Nu halt dich fest: Im selben Haus wohnten Frau Fett und Herr Fleischfresser.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Will er einen verarschen? &lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich schw&amp;ouml;r&amp;rsquo;s. Astrid Fett in der einen Wohnung. Wolfgang Fleischfresser in der anderen. Ich hab auch Zeugen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber die Show. Aber das Licht. Aber das Feuer. Alles ist in jeder Millisekunde an seinem Platz. Cirque du Soleil minus Eskapismus. &amp;raquo;Berghain&amp;laquo; plus Lyrik. Till Lindemann erwirbt alle paar Jahre in einem Crashkurs im Berliner Velodrom den sogenannten Pyro-Schein. Was er dann in seinen gro&amp;szlig;en, vernarbten H&amp;auml;nden h&amp;auml;lt, ist etwas doppeldeutig Herrliches, n&amp;auml;mlich das hier: &amp;raquo;Erlaubnis und Bef&amp;auml;higung zum Abbrand pyrotechnischer S&amp;auml;tze.&amp;laquo; Krachen tut es heute schnell mal auch woanders. Rammstein aber wissen, wann es brennen muss und wann nicht, wann die Show ein Traum und wann sie ein Albtraum sein sollte. Sie ist in den K&amp;ouml;pfen von Geschichtenerz&amp;auml;hlern entstanden, diese Show, nicht in den K&amp;ouml;pfen von Eventhanseln. Zum Beispiel: Schlagzeuger Christoph Schneider. Der Vater ist Opernregisseur, und schon der junge Schneider h&amp;ouml;rte von mystischen Konzerten im Westen, von fliegenden Schweinen und gigantischen Mauern. So entstand in Schneiders Kopf fr&amp;uuml;h die Vorstellung von einem H&amp;ouml;llenzirkus, einem Schwarzen Theater. Keyboarder Christian Lorenz ist der Anti-Epiker, sein Spitzname Flake verweist auf die hoch st&amp;ouml;rrischen wie auch liebensw&amp;uuml;rdigen &lt;em&gt;Wickie&lt;/em&gt;-Figuren aus dem gleichnamigen Dorf in der TV-Serie. Flake ist &amp;ndash; eigentlich &amp;ndash; eine versp&amp;auml;tete Fluxus-Geburt, dazu ein Spazierg&amp;auml;nger wie au&amp;szlig;er ihm h&amp;ouml;chstens noch Robert Walser. Und als solcher also: ein Radikaler. Einer seiner lapidaren, umwerfenden S&amp;auml;tze zum Leben, mal eben so hingeworfen beim Weg aus der Halle zur&amp;uuml;ck ins Hotel: &amp;raquo;Man fickt. Oder man fickt nicht. &amp;rsquo;N bisschen ficken geht nicht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Till Lindemann tr&amp;auml;gt etliche Narben am K&amp;ouml;rper und auch im Gesicht, da er zum Beispiel jeden Abend mit der Stirn den schweren Mikrofonst&amp;auml;nder wegk&amp;ouml;pft. Kommt man dieser Show nahe, muss man sagen: Sie ist tats&amp;auml;chlich richtig gef&amp;auml;hrlich. Man tr&amp;auml;gt Narben davon von umherfliegenden Funken, Augenreizungen von Licht und Rauch, Verbrennungen von den Feuerst&amp;ouml;&amp;szlig;en. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Dunkelheit ist das eine, das Licht das andere. Die Lautst&amp;auml;rke ist das eine, das Fl&amp;uuml;stern das andere. Die Trauer ist das eine, die Komik ist das andere. Man wird Rammstein nicht verstehen, wenn man sich mit Widerspr&amp;uuml;chen nicht abfinden mag. Das geht schon damit los, dass diese monstergro&amp;szlig;e Sonderbotschaft der deutschen Sprache nicht in den Riesent&amp;ouml;pfen der Kultursubventionierung zusammengebraut wurde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Goethe-Institut? Tja, am Arsch.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Die Wut von Bildungsb&amp;uuml;rgerkindern&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48219.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Oliver Riedel, Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck, Huntington Beach:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;Gutes entsteht aus Freundschaft, B&amp;ouml;ses entsteht aus Fanatismus. Die Band war immer ein Ding unter Freunden, nur so sind wir durch alle Krisen. Wir sind etwas extrem und widerspr&amp;uuml;chlich. Jeder tut&amp;rsquo;s auf seine Weise. Narziss und Goldmund. Meine Mutter schenkt mir immer noch jedes Jahr einen Hesse. Mein Lieblingsautor? Murakami.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Mich interessiert kein Gleichgewicht / Mir scheint die Sonne ins Gesicht&amp;laquo;: Wenn viele tausend junge Menschen in aller Welt diese deutsche Lyrik mitsingen, so liegt das an einem vom Staat nicht subventionierten, daf&amp;uuml;r aber immer wieder mal zensierten Kunstprojekt. Das Projekt Rammstein entstand in den fr&amp;uuml;hen Neunzigern in einem Probenkeller am Prenzlauer Berg, ein sonderbares Baby war das, gegr&amp;uuml;ndet von einer Horde Jungs, die die gro&amp;szlig;e Oper und den Konzeptrock mochten, die im Jazz, im Blues und in der Klassik geschult waren, die aber eine solche Wut hatten, dass westdeutscher Punk dagegen so gef&amp;auml;hrlich r&amp;uuml;berkam wie, sagen wir, ein nicht gut besuchter Ostermarsch bei feinem Regen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Paul Landers, Autofahrt nach dem Konzert in Anaheim, zur&amp;uuml;ck ins Hotel nach Huntington Beach:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;&amp;Auml;rger, Hass, das sind prima Motoren. Nat&amp;uuml;rlich stand ich damals in Berlin im Haus der Jungen Talente herum. Jazz. Dietmar Diesner, Volker Schlott, herrlich. Klar bedeutet Jazz eigentlich &amp;Auml;rger. Aufstand. Furor. Den Jazz haben die Heulsusen vom Feuilleton aufm Gewissen, das ist nat&amp;uuml;rlich eigentlich keine Cordhosenmusik. Im Grunde kennen wir sechs uns seit drei&amp;szlig;ig Jahren. Und wir sind als Band seit bald zwanzig Jahren gar nicht vorstellbar ohne: Wut. Das hatte mit der DDR eigentlich nix zu tun. Oder nur wenig. Man konnte sich auflehnen, sich sto&amp;szlig;en. Aber w&amp;uuml;tend bist du, oder du bist es eben nicht. Im Kapitalismus gibt&amp;rsquo;s ja nun erwiesenerma&amp;szlig;en kein Arschloch weniger als im Sozialismus. Der Widerstand im Osten war eckiger, im Westen ist er &amp;ouml;liger. Wir standen vorm Haus der Jungen Talente in Ostberlin. Und hatten eine Wut. Und Fehlfarben, nehme ich an, standen in D&amp;uuml;sseldorf vorm &amp;rsaquo;Ratinger Hof&amp;lsaquo;. Und hatten eine Wut. Oder?&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es handelt sich &amp;ndash; und man muss nicht die Lippen sch&amp;uuml;rzen, um diese delikate Wahrheit auszusprechen &amp;ndash; um die Wut von Bildungsb&amp;uuml;rgerkindern. Nur zum Beispiel: Till Lindemann als Sohn des DDR-Kinderbuchautors Werner Lindemann und der Kulturjournalistin Gitta Lindemann. Schlagzeuger Christoph Schneider als Sohn des Opernregisseurs Martin Schneider, der heute noch als Professor an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin lehrt. Gitarrist Paul Landers als Sohn des Philosophen und Slawisten Anton Hiersche. 78-j&amp;auml;hrig sa&amp;szlig; der Vater im Dezember in einem der Rammstein-Konzerte in der Berliner O2-Arena. Dann mailte er seinem Sohn Paul: &amp;raquo;Indem ihr die Dinge bis &amp;uuml;ber das Extrem hinaustreibt, nehmt ihr ihnen das Anst&amp;ouml;&amp;szlig;ige. Doch hinter der Groteske geht die Ahnung von etwas sehr Ernstem, Wesentlichem nicht verloren. Ihr seid nicht doppel-, sondern dreib&amp;ouml;dig. Im Russischen gibt es in Bezug auf solche Kunst den schwer &amp;uuml;bersetzbaren Terminus &lt;em&gt;S&amp;aacute;-um&lt;/em&gt;, w&amp;ouml;rtlich: Hintersinn. Man muss die Darbietung mitdenken, um &amp;rsaquo;hinter den Sinn&amp;lsaquo; zu kommen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kein Pathos ohne Hintersinn. Das Lied &lt;em&gt;Engel&lt;/em&gt;, eine kinderliedhafte Hymne dar&amp;uuml;ber, wie man als vernunftbegabter Mensch vom Glauben abf&amp;auml;llt. 10 000 Amerikaner, die jede Zeile mitsingen, in erstaunlich sicherem Deutsch: &amp;raquo;Wer zu Lebzeit gut auf Erden / Wird nach dem Tod ein Engel werden / Den Blick gen Himmel fragst du dann / Warum man sie nicht sehen kann.&amp;laquo; Der Chor der Engel: &amp;raquo;Erst wenn die Wolken schlafen gehn / Kann man uns am Himmel sehn / Wir haben Angst und sind allein.&amp;laquo; Und Lindemann und all diese vollkommen verr&amp;uuml;ckt gewordenen Texaner: &amp;raquo;Gott wei&amp;szlig;, ich will kein Engel sein.&amp;laquo; Hier nun die s&amp;auml;gende Schleife der Gitarristen Kruspe und Landers, ein euphorisierter Beat, gest&amp;uuml;tzt durch irgendwie so was wie Peitschenhiebe aus der Rhythmusgruppe, der uhrwerkhaft Schl&amp;auml;ge wie t&amp;uuml;ckische Synkopen setzende Christoph Schneider am Schlagzeug und der Sandberg-Bass Oliver Riedels, der sich schlank und gro&amp;szlig; &amp;uuml;ber sein Instrument beugt wie eine fleischfressende Pflanze &amp;uuml;ber die Beute. Kann tonnenschwere Rockmusik das haben, was sich nicht &amp;uuml;bersetzen l&amp;auml;sst: einen Groove? Komisch, dass das geht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Richard Kruspe, Fahrt vom Flughafen in Denver zum Red Rock State Park:&lt;/strong&gt; &amp;raquo;Amerika war immer der Traum. Amerika ist auch immer mein pers&amp;ouml;nlicher Traum gewesen. Ich f&amp;uuml;hle mich in New York wohler als in Berlin. Berlin zieht mich runter, New York zieht mich rauf. Als die Nummer losging in der Presse, wir seien irgendwie rechts, weil Till das R rollt und wir archaisch aussehen, das war bitter. Rammstein haben keine rechte, sondern eine linke Geschichte. Wir haben uns von den Skinheads die Fresse polieren lassen &amp;ndash; im Gegensatz zu all den Herrschaften, die in den Zeitungen bequem &lt;br /&gt; diesen hohen moralischen Ton f&amp;uuml;hrten und eigentlich ja ihre &amp;Auml;rsche nicht ausm B&amp;uuml;rosessel kriegten.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kruspe, der schon fr&amp;uuml;h davon tr&amp;auml;umte, Rockstar zu werden, der den Pink-Floyd-Gitarristen David Gilmour verehrt, Kruspe, der strahlt und die Interaktion mit den Menschen in der Halle genie&amp;szlig;t &amp;ndash; der eine tiefe, fragende Seele mit sich herumtr&amp;auml;gt. M&amp;ouml;glich, dass dem einen oder anderen Rammsteinfan &lt;em&gt;Mutter&lt;/em&gt; zu sentimental ist, das Lied, in dem Kruspe live ungew&amp;ouml;hnlich sehnsuchtsgeladen die Saiten dehnt. Aber was w&amp;auml;ren Rammstein ohne &lt;em&gt;Mutter&lt;/em&gt;? Und was w&amp;auml;ren Rammstein, wenn sie dann auch diese Elegie nicht wieder brechen w&amp;uuml;rden? Till Lindemann formuliert auf der B&amp;uuml;hne in Dallas eine seiner ber&amp;uuml;hmtesten Liedzeilen um. Statt von der Mutter ist pl&amp;ouml;tzlich von wem die Rede? Von der Mutti. &amp;raquo;Werf in die Luft die nasse Kette / Und w&amp;uuml;nsch mir, dass ich eine Mutti h&amp;auml;tte.&amp;laquo; Hat er sie noch alle, der Biberkopf?&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Michael Slade, Bestsellerautor, mailt nach dem Konzert in Vancouver an  Paul Landers in Anlehnung an H.  G. Wells: &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;Ich habe sie alle gesehen,  Paul, ich war sogar Zeuge von Presleys Auftritt in der Ed Sullivan Show.  Dann die Beatles, dann Pink Floyd, die Rolling Stones, The Clash, The  Cramps. Aber was seid ihr blo&amp;szlig;? Ihr seid etwas anderes. Europe has  arrived. F&amp;uuml;r mich war dieser Abend wie mein erster Opernabend damals, als ich per Anhalter quer durch Europa nach Wien gefahren bin.  Ihr seid eine kristallklare, wirklich &amp;uuml;berw&amp;auml;ltigende Erfahrung: Unten  ihr f&amp;uuml;nf, die finsteren Morlocks. Und oben Flake: der Eloi!&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wom&amp;ouml;glich  ist Till Lindemann, der nur einer von sechs ist bei Rammstein, als  Widerspruch-in-Sich immerhin schon ein sch&amp;ouml;ner Hinweis. Auf der B&amp;uuml;hne  eine Kreatur. Und aber auch ein Mann, der leise und wie geschrumpft im  Schatten einer Poolbar eines Hotels in Phoenix sitzt, &amp;uuml;ber seinen  Texten, &amp;uuml;ber seinen Zeichnungen, und man trinkt da also gegen diese  sagenhafte Hitze h&amp;uuml;bsch Budweiser, und zwar nicht eins, sondern eins  nach dem anderen. Sein Blick f&amp;auml;llt pl&amp;ouml;tzlich auf einen schmal gebauten  Raben, der auf dem Nebentisch in einen Brotkorb schaut. Er kommt nicht  mehr los von dem Vogel, starrt, sagt: &amp;raquo;Kuck. Sch&amp;ouml;n. Ein ganz schlanker  Vogel. Die sind hier &amp;uuml;berall. Kluge, schlanke Tiere.&amp;laquo; Zeichnungen auf  B&amp;uuml;ttenpapier hat er dabei, in Tee getaucht, mit feiner Tinte darauf  Drachen und pustende Wolken. Dazu Gedichte. Teils ist das Lyrik f&amp;uuml;r  seinen Enkel, den kleinen Fritz. Teils ist es auch Lyrik f&amp;uuml;r keinen kleinen Fritz dieser Welt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber immer ist dies Lyrik ohne jedes Parfum, glasklares, bitteres,  dreistes, sensibles Zeug. Mal werden Lieder f&amp;uuml;r Rammstein draus, mal  nicht. Mal sind es regelrechte Kurzgeschichten. Mal stehen da nur zwei  Zeilen, alleine auf einem Blatt, und schon klingt das wie die  Gesamtausgabe Rainer Werner Fassbinders. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;In stillen N&amp;auml;chten weint ein Mann / Weil er sich erinnern kann.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nicht auszudenken, oder? Fassbinder und Lindemann! Gemeinsam  marschierend! Lustigste, traurigste Aufs&amp;auml;ssigkeit! Bef&amp;auml;higt zum Abbrand  pyrotechnischer S&amp;auml;tze und Bilder in dieser elenden, feigen, wehleidigen, verbl&amp;ouml;deten, zu Tode subventionierten deutschen  Formatradio-, Kino- und Fernsehwelt des Jahres 2012.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Die sind besessen davon,  dass es gut ist&lt;em&gt;.&lt;/em&gt;&amp;laquo;&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48225.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Till Lindemann,  &amp;raquo;Rockfish Diner&amp;laquo;, Mockingbird Lane, Dallas:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;Alles Gute in meinem Kopf  entsteht auf dem Land. Ich hab eine Wohnung in Berlin, aber manchmal  zieht Berlin mich runter. Also lebe ich viel in meinem Dorf, oben,  zwischen Schwerin und Wismar. Viele meiner Freunde, die mit uns hier auf  Tour sind, leben auch dort. Mein Vater ist schon lange tot. Aber meine  Mutter lebt da. Meine Tochter Nele mit ihrem Sohn, dem kleinen Fritz,  ist oft da. Wir sind eine gro&amp;szlig;e Familie. Ich angle. Ich jage. Ich starre  auf den See. Ich schlafe nachts im Wald und horche. Ich h&amp;ouml;re in die Natur. Sagenhaft,  was du nachts im Wald h&amp;ouml;rst. Das ist unbeschreiblich sch&amp;ouml;n. Ich hasse  L&amp;auml;rm. Ich hasse Geschw&amp;auml;tz. Ich setze mich dem aus, das ist dann der  reine Masochismus. Und dann muss ich mich davor sch&amp;uuml;tzen. L&amp;auml;rm macht  irre. Man kommt darin um.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Leonard Cohen singt in &lt;em&gt;Anthem&lt;/em&gt;: &amp;raquo;There is a  crack in everything / That&amp;rsquo;s how the light gets in.&amp;laquo; Rammstein erz&amp;auml;hlen  von diesem Riss, und so ist das im Theater: Wenn man Gl&amp;uuml;ck hat und man  hat einen gro&amp;szlig;en Theaterabend gesehen, dann wird einen dieser Riss noch  lange besch&amp;auml;ftigen. Dazu braucht es zuerst Inspiration. Man braucht die  ruhige Sprache, die Lindemann auf dem Land findet. Man braucht, wie Paul  Landers sagt: &amp;raquo;Wut.&amp;laquo; Dann, wie Richard Kruspe sagt: &amp;raquo;Das Team. Nimm  einen bei uns raus, und du hast die Band nicht mehr.&amp;laquo; Das alles  zusammen: der gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Kulturexport deutscher Sprache. Katharina Wagner  w&amp;uuml;rde die Band gerne f&amp;uuml;r Bayreuth gewinnen. Und Oliver Riedel sagt nur:  &amp;raquo;Es m&amp;uuml;sste auch dort bruzzeln, knistern, es m&amp;uuml;ssten auch im  Festspielhaus die Funken fliegen. Wir k&amp;ouml;nnen ja nicht nach Bayreuth und  da Classic Rock abseiern.&amp;laquo; Und dann kommen, Abend f&amp;uuml;r Abend, die Zahlen  zum Gem&amp;uuml;t, die Formeln zur Seele, also die Produktion zur  Intuition.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nicolai Sabottka, Tour- und Produktionsmanager, AT&amp;amp;T  Center, San Antonio:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;F&amp;uuml;r Tills brennende Fl&amp;uuml;gel und all das Feuer  verwenden wir Lycopodium. Das sind gemahlene B&amp;auml;rlappsporen. Ein  Naturprodukt. Elf Tonnen war die Jahresernte in China. Davon haben wir  vier Tonnen aufgekauft. Die sind nach dem letzten Konzert, morgen in  Houston also, weg. Wenn Till das Lycopodium durch eine Flamme schie&amp;szlig;t,  und wir blasen von unten durchs Gitter Luft dazu, da brennts dir die  Hosenbeine weg. Ich sag immer: Lyco ist f&amp;uuml;r alle da! Die Band k&amp;ouml;nnte das  billiger machen. Aber die Band will das nicht. Die sind besessen davon,  dass es gut ist. Und das sage ich nicht, weil ich f&amp;uuml;r die  arbeite.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Diese Produktion kostet insgesamt rund eine halbe Million Euro  pro Abend. Sabottka ist daf&amp;uuml;r verantwortlich, dass die B&amp;uuml;hne in Flammen  steht, nicht die Halle. F&amp;uuml;r so etwas eignet sich besser als jeder  andere: ein Westfale. Sabottka ist freundlich, er redet nur das N&amp;ouml;tigste, dies aber, wie man gleich sehen wird, mit  Bedacht. T&amp;auml;glich schl&amp;auml;gt seine Stunde nicht um 21 Uhr, wenn die Show  beginnt. Sondern um 16 Uhr. Es ist dies immer wieder der heikelste Moment des Tages. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es erscheinen um Punkt 16 Uhr, in jeder Stadt, in jeder Halle, sechs  Marshalls der &amp;ouml;rtlichen Feuerwehr. Sie bekommen in der leeren Halle die  pyrotechnischen Effekte vorgef&amp;uuml;hrt. Sie haben schon viel gesehen im  Leben und sind trotzdem etwas fassungslos. In Anaheim gibt es schlechte  Stimmung bei den Fire Marshalls. Sie beraten sich. Einer sagt leise zu  seinem Kollegen: &amp;raquo;That&amp;rsquo;s fuckin&amp;rsquo; weird.&amp;laquo; Eine Frage stellen sich bei  Rammstein amerikanische Feuerwehrleute wie deutsche Feuilletonisten im  Akkord: D&amp;uuml;rfen die das? In Anaheim beratschlagen f&amp;uuml;nf Feuerwehrm&amp;auml;nner,  denen eine Feuerwehrfrau vorsteht. Vor allem die Chefin ist  ausgesprochen humorlos. Es gibt endlose Diskussionen. Am Ende trollt  sich die Feuerwehr. Und Sabottka erz&amp;auml;hlt unger&amp;uuml;hrt, mit der Miene eines  notlandungserprobten 747-Piloten: &amp;raquo;Mein Job jetzt gerade war es, der  Feuerwehr zu erkl&amp;auml;ren, dass wir alle Antr&amp;auml;ge ordnungsgem&amp;auml;&amp;szlig; eingereicht  haben. Auf dieser Basis und auf der Basis der Vorf&amp;uuml;hrung gerade seien  wir entschlossen, alle Raketen heute ab 21 Uhr abzufeuern. Gerade eben  gab es ein psychologisches Extraproblem: einen weiblichen Fire Marshall.  Die Frau war die Chefin der f&amp;uuml;nf m&amp;auml;nnlichen Fire Marshalls. Keinesfalls  durfte sie von mir vor den Kerlen vorgef&amp;uuml;hrt werden. Also musste ich  ihr das Gef&amp;uuml;hl geben, dass sie mit jedem Zweifel im Recht ist, und dass  wir diese Zweifel aber schon pr&amp;auml;ventiv ausger&amp;auml;umt haben. Da es mir  gelungen ist, ihr das verst&amp;auml;ndlich zu machen, wird die Show heute mit  allen pyrotechnischen Begleitelementen von 21 Uhr an &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne  gehen.&amp;laquo; Pause. Dann: &amp;raquo;Dies ist grunds&amp;auml;tzlich mal erfreulich.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Unglaublicher Sabottka. Supersabottka. Griechenland retten? Achmadinedschad Bescheid geben? Wir haben seine Nummer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;nf Wochen tourten Rammstein so durch Kanada und die USA, und diese  f&amp;uuml;nf Wochen, sie waren wiederum nur das Finale einer Konzertreise, die bis jetzt eigentlich drei Jahre dauerte. Zwei Programme. Von 2009 an die  finstere und von einem Index der verr&amp;uuml;ckten Bundespr&amp;uuml;fstelle f&amp;uuml;r  jugendgef&amp;auml;hrdendes Dingsbums &amp;uuml;berschattete &lt;em&gt;Liebe ist f&amp;uuml;r alle  da&lt;/em&gt;-Tournee. Seit 2011 dann die &lt;em&gt;Best Of&lt;/em&gt;-Tournee. Europa mit Konzerten zum  Beispiel in London und Moskau, die beiden denkw&amp;uuml;rdigen Abende in Paris  im Fr&amp;uuml;hling: Zweimal 17 000 Menschen im legend&amp;auml;ren Bercy, die Halle  kn&amp;uuml;ppelvoll mit jungen Menschen unten in der Arena und klassisch  christine-lagardehaft kost&amp;uuml;mierten Damen und grau melierten Herren oben  auf den R&amp;auml;ngen: Kulturvolk, im Programm bl&amp;auml;tternd, wie in der  Com&amp;eacute;die-Fran&amp;ccedil;aise. Davor Russland, Skandinavien, England, Deutschland.  Davor S&amp;uuml;damerika, Mexico City, Monterrey, Massen von Menschen, von denen  viele Wochen vorher neben den Stadien ihre Zelte aufschlugen: Rammstein  sind ein universales Ph&amp;auml;nomen, und anders als ein K&amp;uuml;nstler wie Gerhard  Richter, anders als ein Regisseur wie Wolfgang Petersen m&amp;uuml;ssen sie dabei  wesentlich nicht nur auf Bilder und T&amp;ouml;ne vertrauen, sondern auch auf die Emotionalit&amp;auml;t einer in Bilder und T&amp;ouml;ne kongenial eingewebten deutschen Sprache. Das merken die Leute offenbar, dass es  hinter der brachialen Fassade der Musik eine oft erstaunlich leise  Lyrik ist, die sie da mitsingen: &amp;raquo;Doch der Abend wirft ein Tuch aufs  Land / Und auf die Wege hinterm Waldesrand.&amp;laquo; &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Vor allem die letzten beiden Wochen durch den S&amp;uuml;den der USA sind dann  eine heikle Choreografie des Alltags: Die Show l&amp;auml;uft seit Monaten wie  geschmiert. Sie ist f&amp;uuml;r Musiker und Techniker zur blanken Gewohnheit  geworden. Flake Lorenz sagt, da sitzt man mit ihm wegen  Flugzeug&amp;uuml;berdruss in einem Chevrolet Malibu und f&amp;auml;hrt vier Stunden von  San Antonio nach Houston: &amp;raquo;Ich habe Heimweh. Tour ist stumpf. Tour ist  nicht Produktion. Tour ist Reproduktion.&amp;laquo; Heimweh wonach? &amp;raquo;Nach der Jenny. Meiner Frau. Nach den Kindern. Nach meinem Dorf in Brandenburg.  So ne Sachen.&amp;laquo; Was man in diesen Tagen auch lernt, rund um diese  explosiven Konzerte: So sicher diese Band einen Berg von R&amp;uuml;hrung  ausl&amp;ouml;st, so wenig k&amp;ouml;nnen die, die diese R&amp;uuml;hrung ausl&amp;ouml;sen, mit der B&amp;uuml;rde leben, diese R&amp;uuml;hrung ausgel&amp;ouml;st zu  haben. Steht ein Fan pl&amp;ouml;tzlich auf der Stra&amp;szlig;e, im Restaurant, vorm Hotel  und starrt einen an: Was tun? Wie soll man, die Zimmerkarte schon in  der Hand, vor einem Hotel in Kalifornien, Arizona oder Texas einl&amp;ouml;sen,  was man vor Jahren in einem Lied versprochen hat? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Musiker zappeln dazu t&amp;auml;glich im Transit: Abflug mit der neunsitzigen Falcon, Ankunft am Flughafen, rein in den Van, raus ausm Van, rein ins Hotel, raus ausm Hotel, rein in die Halle, Show, Aftershowparty, raus aus der Halle. Paul Landers: &amp;raquo;Der Mensch braucht zwei bis drei Tage, bis er sich an einen Ort gew&amp;ouml;hnt hat. Wenn du diese Tage nie hast, wirst du  irre. Der K&amp;ouml;rper reist immer der Seele voraus.&amp;laquo; Flake, der erz&amp;auml;hlt, dass  er mal eine Strichliste gef&amp;uuml;hrt hat, mit Komplimenten amerikanischer Fans vor Hotels. Ganz vorne: &amp;raquo;You are awesome.&amp;laquo; Zweiter  Platz: &amp;raquo;You are fuckin&amp;rsquo; awesome.&amp;laquo; In San Antonio wetzt Landers drau&amp;szlig;en vom River Walk ins &amp;raquo;Mokara Hotel&amp;laquo; zur&amp;uuml;ck, aus einem Supermarkt kommend. Man will wissen, was in seiner Papiert&amp;uuml;te ist. &amp;raquo;Warte&amp;laquo;, ruft Landers und verschwindet im  Aufzug. Er schickt aus seinem Zimmer dann eine Mail mit Foto. Zu sehen: Rotwein, Knoblauch, Schwarzbrot, Salami. &lt;br /&gt; Er schreibt: &amp;raquo;Nichts Gekochtes, nichts Gebratenes, kein Kellner, keine Menschen. Herrlich. Gru&amp;szlig;, Paul.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Oliver Riedel, &amp;raquo;Shorebreak Hotel&amp;laquo;, Huntington  Beach:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;Was ich vermisse? Ruhe. Ich setze mich vor den Konzerten  backstage in diese Gro&amp;szlig;raumduschen mit der Akustischen und spiele  Flamenco. Gute Akustik. Dabei sammle ich mich selbst ein, sozusagen. Am  schlimmsten sind die Hotels und Restaurants. &amp;Uuml;berall Drum &amp;rsquo;n&amp;rsquo; Bass,  House, ein einziges Geploppe, Gesirre, Gezwitscher, Geloope. Du kannst durch diese Hotels durchtanzen, vom Zimmer durch den  Flur durch den Aufzug durch den Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ckssaal und dann raus durch die  Rezeption bis auf die Stra&amp;szlig;e. Dich im Kreis drehen, mit dem Kopf wackeln, in die H&amp;auml;nde klatschen, rausgrooven. Das ist Terror.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Show in San Antonio, es ist die vorletzte, man hockt  hinter der B&amp;uuml;hne schon wieder in diesem Salat aus Eisen, Kabeln und  Requisiten, und pl&amp;ouml;tzlich findet man all dies weniger beeindruckend als  vielmehr: r&amp;uuml;hrend. Was die rumschleppen. Rein in die Halle. Raus aus der  Halle. Kann es die M&amp;ouml;glichkeit sein, dass sechs Deutsche in ihren  Vierzigern Abend f&amp;uuml;r Abend diesen Eisenkochtopf auf die B&amp;uuml;hne rollen, um  den d&amp;uuml;nnen Mann mit der Hornbrille zuzubereiten? Albern, von hinten  betrachtet, diese Requisiten. Die dann ab 21 Uhr aber auf der B&amp;uuml;hne im  Netz der Inszenierung erstrahlen. Als &lt;br /&gt; h&amp;auml;tte jemand den Dingen eine Seele eingehaucht. Es dauert an jedem Abend  immer nur ein paar Minuten, und man zappelt im Netz dieses Theaters der  Lieder. Und dazu geh&amp;ouml;rt eben auch das Lied mit dem Topf. Kannibalismus  in Rotenburg, nicht ganz unkomisch, darin dann diese bittergro&amp;szlig;en  Zeilen: &amp;raquo;Ein Schrei wird zum Himmel fahren / Schneidet sich durch  Engelsscharen / Vom Wolkendach f&amp;auml;llt Federfleisch / Auf meine Kindheit  mit Gekreisch.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Wahn &amp;ndash; Verh&amp;ouml;hnung des Wahns &amp;ndash; Verabschiedung&amp;laquo;&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48229.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Christoph Schneider, &amp;raquo;Palomar Hotel&amp;laquo;, Dallas:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;Wir haben  das mit den Interviews und den deutschen Journalisten irgendwann  gelassen. Deutsche Journalisten wollen Musiker, die mit ihrer Musik und  ihren Texten identisch sind. Deswegen sehen die meisten deutschen  Musikjournalisten auch aus wie die Bands, die sie verehren, und die  verehrten Bands sehen aus wie die sie verehrenden Musikjournalisten. Das  ist eine &amp;Uuml;bereinkunft und sicher irgendwie gem&amp;uuml;tlich. Rammstein aber  war immer ein Rollenspiel. Wer sieht schon aus wie Till auf der B&amp;uuml;hne?  Wir haben jetzt in der Show diesen Einmarsch &amp;uuml;ber die K&amp;ouml;pfe der Leute  hinweg, mit den Flaggen, mit den Fackeln. Als gepr&amp;uuml;gelte Hunde kriechen  wir in der Mitte der Show wieder &amp;uuml;ber die Br&amp;uuml;cke zur Hallenmitte zur&amp;uuml;ck.  Schlie&amp;szlig;lich, am Ende, verabschieden wir uns von dieser Br&amp;uuml;cke aus vom  Publikum. Ein Dreischritt: Wahn &amp;ndash; Verh&amp;ouml;hnung des Wahns &amp;ndash; Verabschiedung.  Deutsche Kritiker sehen da nur: Flaggen und Fackeln. Schon toben die  wie die Hausmeister. Das fanden wir irgendwann nat&amp;uuml;rlich auch  lustig.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rammsteins letzte Zugabe: Sextourismus, ausgebreitet in dem  katapult&amp;ouml;sen Kracher Pussy, und hier in dem Schlachtruf eines verwahrlosten Deutschen (&amp;raquo;I can&amp;rsquo;t get laid in Germany&amp;laquo;) auf dem Weg ins Liebesparadies: &amp;raquo;Schnaps im Kopf / Du holde Braut / Steck Bratwurst in Dein Sauerkraut.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bitte? &lt;br /&gt; H&amp;ouml;rt man recht? &lt;br /&gt; Sind die bescheuert? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wer auch hier das russische &lt;em&gt;S&amp;aacute;-um&lt;/em&gt;, den Hintersinn, nicht bedenkt, der  hat allerdings wom&amp;ouml;glich schon wieder was verpasst, und sei es halt  mitten in Texas. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Alma, 23&lt;/strong&gt;, geboren in Mexiko, sitzt mit ihrem Mann John,  geboren in Texas, auf der Terrasse der Bar &amp;raquo;Rita&amp;rsquo;s on the River&amp;laquo; in San  Antonio. Sie ist auffallend h&amp;uuml;bsch, trinkt ein Budweiser Light und  tr&amp;auml;gt ein Rammstein-T-Shirt: &lt;em&gt;&amp;raquo;Ich werde dir nicht meinen echten Namen  sagen und auch nicht, wie lange wir gefahren sind, John und ich, um das  Konzert heute zu besuchen. Ich bin vor einigen Jahren illegal von Mexiko  nach Texas. Sie behandelten mich hier wie Dreck. Andererseits hast du  hier eine Chance. Kennst du T. C. Boyles &amp;rsaquo;Am&amp;eacute;rica&amp;lsaquo;? Alles darin ist  wahr. Rammstein machen, glaube ich, Musik f&amp;uuml;r Leute, die sich an ihre  eigenen Gesetze halten, f&amp;uuml;r Leute, die k&amp;auml;mpfen. In Mexiko sind sie so  beliebt wie keine zweite Band. Ich liebe es, wenn Till &amp;rsaquo;Amerika&amp;lsaquo; singt.  Es ist da viel Wut und auch viel Komik dabei, oder? Wenn er singt: &amp;rsaquo;Wir  bilden einen lieben Reigen / Die Freiheit spielt auf allen Geigen.&amp;lsaquo;  Heute Abend werde ich das Lied besonders laut mitsingen. Mein Dad ist  jetzt auch hier. Ich habe ihn jahrelang nicht gesehen. Das hat mir das  Herz zerrissen. Wir werden heute Abend alle zusammen zum Konzert gehen.  Ich glaube, es wird der sch&amp;ouml;nste Abend meines Lebens. Leider kommen mir  jetzt die Tr&amp;auml;nen. Wir chicas aus Mexiko sind etwas sentimental.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die  Crew, das sind &amp;uuml;ber sechzig Leute, dazu kommen f&amp;uuml;r jeden Auf- und Abbau  150 Menschen aus der jeweiligen Stadt, die Locals. Jedes Konzert endet  gegen 23 Uhr, dann fallen die Locals wie die Eisenfresser &amp;uuml;ber dieses  Metropolis her. Schaut man um 0.30 Uhr in die Halle, ist sie leer. Man  denkt an Marion Braschs &lt;em&gt;Ab jetzt ist Ruhe&lt;/em&gt;, den Roman &amp;uuml;ber ihre j&amp;uuml;dische  Emigrantenfamilie in der DDR. Es ist eines der ratlosesten und auch  deshalb sch&amp;ouml;nsten B&amp;uuml;cher seit Langem, ein Ostblues, bitter, komisch,  wirklich ziemlich grandios. Christoph Schneider liest es am Pool und ist  dabei weit weg. Flake Lorenz hat es zuvor gelesen, &amp;raquo;wie gefesselt&amp;laquo;. In  dem Buch ein Dialog zwischen Marion Braschs Bruder, dem Schriftsteller  Thomas Brasch, und Heiner M&amp;uuml;ller. Heiner M&amp;uuml;ller also, der den Exilanten  Thomas Brasch fragt, wie es sich denn jetzt so im Westen lebe. Und der  antwortet: &amp;raquo;Im Osten waren die W&amp;auml;nde aus Beton, im Westen sind sie aus Gummi.&amp;laquo; Man denkt an Paul  Landers und seine Worte &amp;uuml;ber den Osten und den Westen: Damals war alles  eckig, jetzt ist alles &amp;ouml;lig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Paulo San Martin, Band- und  Produktionsassistent, backstage, Denver Coliseum: &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;Die DDR war  solidarisch mit uns Chilenen. Meine Eltern sind mit mir im September  1973 aus Santiago in die DDR geflohen. Da war ich sieben. Pinochet hatte  geputscht. Einige aus meiner Familie wurden verschleppt, andere wurden  direkt umgebracht. 1978 kam ich in Prenzlauer Berg in die 5. Klasse. Da  sa&amp;szlig; ich pl&amp;ouml;tzlich neben dem Flake. Ich kenne den also seit 34 Jahren.  Zusammen hingen wir eigentlich immer in denselben L&amp;auml;den ab: im  &amp;rsaquo;Tacheles&amp;lsaquo; auf der Oranienburger, im &amp;rsaquo;Eimer&amp;lsaquo; auf der Rosenthaler,  nat&amp;uuml;rlich im &amp;rsaquo;Sch&amp;ouml;nhauser 5&amp;lsaquo;. Ich liebe den Flake, das ist der feinste  Freund, den du haben kannst. Ich mach den Job hier nur f&amp;uuml;r Rammstein.  Ich w&amp;uuml;rde das f&amp;uuml;r keine andere Band machen. Es ist ein Familiending.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am  Ende, nach der Ballade &lt;em&gt;Ohne Dich&lt;/em&gt;, stehen die Musiker vor diesen  aufgew&amp;uuml;hlten Texanern im Toyota Center von Houston. Till Lindemann, der bisher nicht zum Publikum  gesprochen hat, er sagt, nach all den N&amp;auml;chten hier in Amerika, nur das  hier: &amp;raquo;Ladies and gentlemen: Rammstein. Thank you.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Heike Kr&amp;auml;mer,  Band-Tourmanagerin, backstage, Toyota Center, Houston:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;&amp;raquo;Ich war mit  vielen Bands unterwegs. Sind Rammstein etwas Besonderes? Absolut. Ich  sag dazu aber nix. Nur das hier: Die halten einer Frau die T&amp;uuml;r auf.  Alles klar?&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Till Lindemann steht nach der letzten Show in seinem  schwarzen Bademantel in den Katakomben herum, ihm gegen&amp;uuml;ber Richard  Kruspe, Lindemann mit einem Bier, Kruspe mit einer Zigarette. Die rechte  Hand Lindemanns ist stark geschwollen, die Stirn blutet, das Kajal  l&amp;auml;uft die Wangen runter. Morgen Mittag geht es zur&amp;uuml;ck nach Berlin.  Einige aus der Band werden sogleich an die Ostsee fahren. Kinder.  Frauen. Ruhe. Was plant Flake? &amp;raquo;N&amp;uuml;schte.&amp;laquo; Kruspe? Sonnenblumen sind  pr&amp;auml;chtig, sie drehen sich immer zum Licht: Kruspe plant schon wieder  Richtung Amerika. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Lindemann wird daheim als Erstes das Buch f&amp;uuml;r den Enkel zusammenbasteln,  er ist wie besessen von dem Ding. Kurz vor Redaktionsschluss schickt er  aus Berlin eine Mail mit einem Bild. Darauf, selbst fertig gebunden,  ein gro&amp;szlig;es dunkelblaues Bilderbuch, vorne drauf seine Zeichnung vom Kind  mit dem Drachen, daneben eine Maus, darunter der Titel des Gro&amp;szlig;vaters  Till Lindemann f&amp;uuml;r den Enkel: &amp;raquo;Lieber Fritz, nimm meine Hand.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei D&amp;ouml;blin gibt es zu Franz Biberkopf diese Zeilen hier, und sie geh&amp;ouml;ren  sicher zum Besten, was je in deutscher Sprache geschrieben wurde: &amp;raquo;Wir  sehen am Schlu&amp;szlig; den Mann wieder am Alexanderplatz stehen, sehr ver&amp;auml;ndert, ramponiert, aber doch zurechtgebogen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ab jetzt ist Ruhe. &lt;br /&gt; Was bleibt? &lt;br /&gt; Ein fadenfeiner Duft nach Schwefel.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Rammstein &amp;ndash; Die Band&amp;laquo;&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48233.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;S&amp;auml;nger&lt;/strong&gt; und Texter Till Lindemann: Schmerzensberserker, D&amp;ouml;blinfigur, b&amp;ouml;ser      Wolf? Hinter Masken und Wunden ein leise sprechender Mann und brillanter      Erz&amp;auml;hler, der vor Fans nahezu panisch Rei&amp;szlig;aus nimmt &amp;ndash; und in      Ruhe an Gedichten und Liedtexten feilt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48239.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bassist&lt;/strong&gt; Oliver Riedel: Die Diskrepanz zwischen Maskerade und Mensch      k&amp;ouml;nnte gr&amp;ouml;&amp;szlig;er nicht sein. Er sucht und findet R&amp;uuml;ckzugsorte      &amp;uuml;berall: das Meer zum Surfen, das Flugzeug zum Lesen, die Garderobe zum      Spielen auf der Akustischen. Auf der B&amp;uuml;hne? Eine Art fleischfressende      Pflanze.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48241.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Gitarrist&lt;/strong&gt; Paul Landers: &amp;raquo;Die Motivation war immer wesentlich: &amp;Auml;rger      machen. Das ist so, und das bleibt so. Rammstein &amp;auml;ndert sich nicht. Das      Wetter am Berg &amp;auml;ndert sich &amp;ndash; aber der Berg &amp;auml;ndert sich nicht.&amp;laquo;&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48243.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Gitarrist&lt;/strong&gt; Richard Kruspe: Der Rockstar &amp;ndash; der lange in New York lebte und      &amp;uuml;berlegt, wieder in die USA zu ziehen: &amp;raquo;Ich wei&amp;szlig;, was alles falsch l&amp;auml;uft      in Amerika. Aber ich liebe diesen sagenhaften Pioniergeist hier. Einfach      mal machen, nicht immer dieses kalte deutsche Phlegma.&amp;laquo;   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48245.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Schlagzeuger&lt;/strong&gt; Christoph Schneider ermutigte Till Lindemann Anfang der      Neunziger, nicht mehr Englisch zu singen: &amp;raquo;Ich h&amp;ouml;rte, dass er Gedichte      schreibt. Und sagte: Alter, sing mal auf Deutsch!&amp;laquo;   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48247.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Phoenix &lt;/strong&gt;Flake Lorenz nach der Show. Es ist 23.15 Uhr. Der Aktionsk&amp;uuml;nstler      wird nun duschen, die Damen der Aftershowparty mit hochgezogenen      Augenbrauen links liegen lassen, ins Hotel fahren und dort bis zum      Einschlafen lesen.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;---&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Artisten unter der Zirkuskuppel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rammstein formierten sich 1994 in      Berlin-Prenzlauer Berg. Die Musiker spielten zuvor teils in der      legend&amp;auml;ren DDR-Band &lt;em&gt;Feeling B&lt;/em&gt;. Schnell provozierten Rammstein, zu deren      Vorbildern die slowenische Kunstgruppe &lt;em&gt;Laibach&lt;/em&gt; z&amp;auml;hlte, deutsche Beh&amp;ouml;rden      und Kritiker mit brachialem Sound und einer martialischen      B&amp;uuml;hnenperformance aus Feuer und Licht. Anerkennung und Ruhm kamen &amp;uuml;ber das      Ausland: US-Regisseur David Lynch untermalte mit der Band 1996 seinen      Psychothriller &lt;em&gt;Lost Highway&lt;/em&gt;. Der linke Philosoph Slavoj Žižek sagte in      einem Interview der &lt;em&gt;taz&lt;/em&gt; im Jahr 2010: &amp;raquo;So wie Charlie Chaplin in &lt;em&gt;Der      gro&amp;szlig;e Diktator&lt;/em&gt; Hitler zwischen Gebrabbel nur &amp;rsaquo;Apfelstrudel&amp;lsaquo; und &amp;rsaquo;Wiener      Schnitzel&amp;lsaquo; sagen l&amp;auml;sst, so sabotiert Rammstein auf obsz&amp;ouml;ne      Weise die faschistische Utopie.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rammstein sind: S&amp;auml;nger und Texter Till      Lindemann, (49), Gitarrist Paul Landers, (47), Gitarrist Richard Kruspe,      (45), Bassist Oliver Riedel, (41), Schlagzeuger Christoph Schneider, (46),      und Keyboarder Christian Flake Lorenz, (45).   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Mit Journalisten reden die      Musiker ungern oder gar nicht. Der Fotograf Andreas M&amp;uuml;he, (32), und der      Leiter der Seite Drei der S&amp;uuml;ddeutschen Zeitung, Alexander Gorkow, (45), kennen die Band seit Jahren. Erstmals gew&amp;auml;hrten die Musiker jetzt einen      tiefen Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit: M&amp;uuml;he und Gorkow      begleiteten Rammstein mehrere Wochen lang auf ihrer Tournee durch die      Arenen Kanadas und der USA. Gorkow erinnert sich an &amp;raquo;viele, viele      Stunden mit nachdenklichen, musikalischen und im Kern total aufs&amp;auml;ssigen      Anarchisten&amp;laquo;.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48253.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Gorkow in Anaheim&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48251.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;M&amp;uuml;he in der W&amp;uuml;ste von Arizona.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>USA, 20.56 Uhr</dc:subject>
    <dc:creator>Alexander Gorkow</dc:creator>
    <dc:date>2012-08-14T09:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Stell dir vor, du hättest den Hintern von Montserrat Caballé</title>
    <description>&lt;p&gt;Gesangsstunden?      Fand unsere Autorin v&amp;ouml;llig abwegig. Bis sie selbst welche nahm.      Ein Lob in den h&amp;ouml;chsten T&amp;ouml;nen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48433.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Im Grunde besteht das einzige Gl&amp;uuml;ck des &amp;Auml;lterwerdens darin, in sich selbst immer weitere S&amp;uuml;mpfe von Dummheit zu entdecken und, wenn m&amp;ouml;glich, trockenzulegen. Mein Verh&amp;auml;ltnis zur Musik war ein solcher Sumpf. Nicht zur Musik an sich, nur zur selbst gemachten. Ich war eine engstirnige Verfechterin des klassischen deutschen Geniekults. Auf der einen Seite die Sterne am Firmament: Dirigenten, Pianisten, Geiger, S&amp;auml;nger, denen gottgleiche Anbetung geb&amp;uuml;hrt. Auf der anderen Seite die Scharen fr&amp;ouml;hlicher Dilettanten, die, wenn sie schon nicht anders k&amp;ouml;nnen als selber zu singen oder auf Instrumenten herumzust&amp;uuml;mpern, dies bitte in schalldichten Bunkern tun m&amp;ouml;gen, ohne die empfindlichen Ohren der Gesellschaft damit zu bel&amp;auml;stigen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An diesen hochfahrenden Anspr&amp;uuml;chen ist auch mein Klavierspiel gescheitert. Da es mir nicht gelang, im formbaren Kindesalter ein Niveau zu erreichen, das mir akzeptabel schien, lie&amp;szlig; ich es lieber ganz. Ich beschuldige bis heute meine Mutter, das Klavier zu sp&amp;auml;t angeschafft zu haben. Es ist ja immer bequem, andere Gr&amp;uuml;nde zu finden als die eigene Talentlosigkeit. Aber inzwischen finde ich beides feige, die S&amp;uuml;ndenbock-Konstruktion genauso wie die wehleidige Selbsterm&amp;auml;chtigung, aufzuh&amp;ouml;ren, nur weil aus mir nicht nur kein Lipatti, sondern nicht einmal eine mittelm&amp;auml;&amp;szlig;ige Bar-Pianistin werden konnte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Denn dass das eine mit dem anderen, die begnadeten G&amp;ouml;tter mit dem laienhaft musizierenden Volk etwas zu tun haben k&amp;ouml;nnten, ist mir erstaunlich sp&amp;auml;t aufgegangen, und zwar in einem etwas skurrilen Selbstversuch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Denn eines Tages fand ich mich in einer fremden Sch&amp;ouml;neberger Wohnung mit der Nasenspitze dicht vor einer wei&amp;szlig;en Wand &amp;raquo;uuoouuh&amp;laquo; machen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;In meinem R&amp;uuml;cken sa&amp;szlig; eine Frau am Klavier und schlug gelegentlich eine Taste an, ich glaube, es war ein F. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Pling! - Uuoouuh! &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Viel weniger Luft&amp;laquo;, sagte die freundliche Stimme hinter mir, &amp;raquo;stell dir vor, die Wand singt dir den Ton zu, nicht umgekehrt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Pling! - Uuuuoooouuuh! &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Genau! Hast du das geh&amp;ouml;rt?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich drehe mich um, hochrot, und sage voller ehrlichem Selbsthass: &amp;raquo;Nein.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Irgendetwas Erfreuliches ist passiert, aber ich habe es gar nicht geh&amp;ouml;rt. Ich singe, wie ein Blinder malt. Ist ja wieder typisch. Eine Szene wie aus einem Albtraum. Wie bin ich hierher gekommen? Was ist in mich gefahren? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es gibt, aber das wurde mir erst sp&amp;auml;ter klar, eine Zwillingsszene dazu. Ich bin zw&amp;ouml;lf, ich singe seit zwei Jahren im Schulchor, der jedes Jahr im Fr&amp;uuml;hling am Wiener Chorwettbewerb &amp;raquo;Jugendsingen&amp;laquo; teilnimmt und dort so erfolgreich ist wie der 1. FC Kaiserslautern in der vergangenen Saison. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber im Jahr 1982 wurde unser Musiklehrer, den wir hier Professor Koranda nennen wollen, unversehens von Ehrgeiz durchpulst. Er muss davon getr&amp;auml;umt haben, wenigstens ein einziges Mal nur Vorletzter zu werden, oder sogar Drittletzter. Er lie&amp;szlig; die Kinder einzeln vorsingen. Und da stehe ich &amp;auml;ngstlich vorne neben dem Fl&amp;uuml;gel, schr&amp;auml;g hinter mir die auf Versagen lauernde Meute. Korandas Zeigefinger hackt auf eine schwarze Taste ein, ich glaube, es war das Gis. Hier lag offenbar der Fehler in der Liedzeile, die ich gerade gesungen habe. Ich versuche es noch einmal, saftlos wie ein tuberkul&amp;ouml;ser Spatz. Koranda hebt beide H&amp;auml;nde, als w&amp;uuml;rde er mit aller Kraft ein unsichtbares Tablett vor seinem Gesicht hochstemmen. &amp;raquo;Giiiis!&amp;laquo;, ruft er in Gis. Ich hebe sein Tablett offenbar nicht hoch genug. Er schlie&amp;szlig;t die Augen, wie im Schmerz, dann sch&amp;uuml;ttelt er langsam den Kopf. Ich bin drau&amp;szlig;en. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Warum ist Gesang eigentlich mit so besonders viel Peinlichkeit verbunden? Zumindest bei Kindern l&amp;auml;cheln wir nachsichtig, wenn sie am Klavier danebenhauen, wir zucken vielleicht, wenn sie eine Geige maltr&amp;auml;tieren und dieses Ger&amp;auml;usch erzeugen, das man sonst nur aus der metallverarbeitenden Industrie kennt. Aber jemand, der sich hinstellt und falsch, oder nicht ganz richtig, oder auch nur nicht besonders gut singt, der ruft k&amp;ouml;rperlich messbare, aggressive Verachtung hervor. Deshalb wird Troubadix auch jedes Mal gefesselt, geknebelt und auf den Baum gezogen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Davon leben die Castingshows. Deren gelungenste Momente sind ja immer die, wo das johlende Fremdsch&amp;auml;men bruchlos in den Gottesdienst am Klangwunder &amp;uuml;bergeht, wie damals, als die unansehnliche schottische Arbeitslose Susan Boyle in einer Art goldenen Wursthaut auf die B&amp;uuml;hne von &lt;em&gt;Britain&amp;rsquo;s Got Talent&lt;/em&gt; gestapft kam und die gr&amp;auml;ssliche Kitschnummer&lt;em&gt; I Dreamed a Dream&lt;/em&gt; derart herzergreifend sang, dass den Konfektionsgr&amp;ouml;&amp;szlig;e-Null-Tussis im Publikum vor R&amp;uuml;hrung die falschen Wimpern abfielen. Millionen Klicks auf Youtube, ein Plattenvertrag und eine Kosmetikerin, die Susans buschige Augenbrauen zupfte - &lt;em&gt;a star was born&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;Vom &amp;raquo;Singen im Sterntaler-Stil&amp;laquo;&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48435.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; Der Hass auf den schlechten S&amp;auml;nger ist wohl vergleichbar mit dem auf den falschen Propheten. Denn umgekehrt vermag uns nichts so tief anzur&amp;uuml;hren wie die Sch&amp;ouml;nheit einer menschlichen Stimme, kein Instrument, das der Mensch zu ihrer Nachahmung oder Begleitung gebaut hat: kein Klavier mit seinem riesigen Tonumfang und keine Orgel, auch wenn sie die Wucht von Gottes Atem nachahmt. Und die innigsten Stellen in der Orches-termusik sind oft jene, wo die &amp;raquo;singenden&amp;laquo; Instrumente dominieren, Celli, Oboen oder Klarinetten, die ja wirklich klingen k&amp;ouml;nnen wie lachende oder schwatzende Menschen. Aber dennoch geht nichts &amp;uuml;ber den Moment, wo eine Stimme einsetzt. Die Komplement&amp;auml;rfigur zum zappelnden Troubadix ist deshalb Odysseus, der den &amp;uuml;bermenschlich sch&amp;ouml;nen Gesang der Sirenen h&amp;ouml;ren wollte, ohne daran, wie alle seine Vorg&amp;auml;nger, zu sterben. Offenen Ohres lie&amp;szlig; er sich am Mast festbinden und seine Matrosen, Wachs in den Geh&amp;ouml;rg&amp;auml;ngen, steuerten ihn am Sirenenfelsen vorbei. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Jahr, in dem ich vierzig wurde, war aus verschiedenen Gr&amp;uuml;nden kompliziert und schmerzhaft. Nur deshalb, aus einer Art existentiellem Trotz, tat ich etwas, was mir gleichzeitig v&amp;ouml;llig abwegig schien: Ich vereinbarte eine Gesangsstunde. Die Lehrerin gefiel mir, weil sie auf ihrer Webseite vom &amp;raquo;Singen im Sterntaler-Stil&amp;laquo; schrieb: &amp;raquo;Man &amp;ouml;ffnet die Arme und es regnet Klang.&amp;laquo; Das klang ganz anders als alles, was ich bisher mit Musikunterricht verbunden hatte, n&amp;auml;mlich Peinlichkeit und harte Arbeit. Es klang verlockend niederschwellig, aber es klang auch, f&amp;uuml;r eine Geniekult-Anh&amp;auml;ngerin, ein wenig anr&amp;uuml;chig: nach der Wohlf&amp;uuml;hlnummer f&amp;uuml;r st&amp;uuml;mpernde mittelalte Frauen. &lt;br /&gt; Na gut, aber schlie&amp;szlig;lich bin ich genau das. &amp;raquo;Andere in meinem Alter gehen aquarellieren, t&amp;ouml;pfern oder zum Yoga&amp;laquo;, erkl&amp;auml;rte ich grimmig meinen Freunden, &amp;raquo;ich lerne jetzt halt ein bisschen singen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Inzwischen kann ich sagen: Ich habe in den letzten zwei Jahren unglaublich viel gelernt, durchaus auch singen, aber vor allem, dass es in jedem Alter m&amp;ouml;glich ist, etwas ganz Neues &amp;uuml;ber sich selbst zu erfahren. Ich habe mich in fast jeder Hinsicht zum Trottel gemacht und dabei mehr Spa&amp;szlig; gehabt als je zuvor - jedenfalls bei etwas, das &amp;raquo;Unterricht&amp;laquo; hei&amp;szlig;t. Ich habe mit meiner Lehrerin, der gro&amp;szlig;artigen Veronika B&amp;ouml;hle, einen zuf&amp;auml;lligen Volltreffer gelandet und mich ihr, aus Sympathie und Vertrauen, v&amp;ouml;llig ausgeliefert. Wenn sie mich auffordert, mich beim Singen blond zu f&amp;uuml;hlen, so blond und hysterisch, wie ich nur kann, dann komme ich ihrem Wunsch so gut es geht nach. Wenn sie sagt, ich solle durch das Zimmer gehen und dabei so tun, als w&amp;auml;re mein Hintern gr&amp;ouml;&amp;szlig;er als der von Montserrat Caball&amp;eacute; und Jessye Norman zusammen, bem&amp;uuml;he ich mich redlich. Sie spricht vom Innenraum meines Sch&amp;auml;dels: Ich solle mir vorstellen, dass von den Ohren blanke Dr&amp;auml;hte abgingen. Wenn sie sich in der Mitte ber&amp;uuml;hren, spr&amp;uuml;hen Funken. Sie sollen sich st&amp;auml;ndig ber&amp;uuml;hren, es sollte in meinem Kopf also britzeln wie in einem Umspannwerk. Und pl&amp;ouml;tzlich h&amp;ouml;rte ich, dass der Ton, den ich mit diesem Bild im Kopf sang, anders klang, gef&amp;auml;hrlicher. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als ich mich wie ein st&amp;ouml;rrisches Kind weigerte, bestimmte hohe T&amp;ouml;ne zu versuchen (&amp;raquo;Das ist mir viel zu hoch! Meine Stimme ist daf&amp;uuml;r nicht gemacht!&amp;laquo;), lachte sie nur, denn sie h&amp;ouml;rte besser als ich, wof&amp;uuml;r meine Stimme theoretisch gemacht ist. Sie lie&amp;szlig; mich r&amp;uuml;ckw&amp;auml;rts gehen, singend, mit geschlossenen Augen, und bei der bestimmten Stelle (es war &amp;raquo;nur&amp;laquo; ein hohes E), musste ich mich auf ihr Sofa fallen lassen. Beim dritten Versuch stand es da, das hohe E, wie ein silberner Strahl mitten im Raum, denn beim blinden Fallen hatte ich vergessen, mich darauf zu konzentrieren, was ich angeblich ganz bestimmt nicht konnte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Metall&amp;laquo;, ruft sie inzwischen nur noch, w&amp;auml;hrend sie mich am Klavier begleitet, denn sie hat mich abgerichtet wie einen Hund, &amp;raquo;Ingwer und empfindliche Zahnh&amp;auml;lse!&amp;laquo; Ich lache und singe, und ich h&amp;ouml;re die Unterschiede l&amp;auml;ngst, die wispernden Obert&amp;ouml;ne, die Zacken, die Schlacken, die sanft gewellten Ebenen, die Engstellen. Stimmen sind wie Landschaften, man muss sie umgraben und  kann sie gestalten. Die Stimmgabel, das Ma&amp;szlig;band meines Mi&amp;szlig;trauens, brauche ich beim &amp;Uuml;ben nur noch selten, obwohl die das Tablett stemmenden H&amp;auml;nde immer noch gelegentlich im meinem Kopf herumgeistern. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;Der proskynetische Glaube an die Unfehlbarkeit&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48437.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Vor Kurzem habe ich im Konzert eines sehr bekannten S&amp;auml;ngers geh&amp;ouml;rt, dass seine ersten hohen T&amp;ouml;ne durchaus ein paar Koranda-Millimeter gebraucht h&amp;auml;tten. &amp;raquo;Normale Anfangsunsicherheit&amp;laquo;, befand in der Pause eine Frau, die, wie sich herausstellte, immerhin Klavierprofessorin am Mozarteum ist. Ihre Gelassenheit war ein weiterer Beweis daf&amp;uuml;r, dass der proskynetische Glaube an die Unfehlbarkeit der Meister einfach nur dumm ist und direkt in Rache und Fundamentalismus f&amp;uuml;hrt - w&amp;auml;hrend der m&amp;uuml;ndige Liebhaber h&amp;ouml;rt, schweigt und verzeiht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Stimme und Geh&amp;ouml;r sind eben nicht nur angeborene Geschenke, Auszeichnungen des Schicksals oder des Genmaterials. Weniges im Leben ist ganz unver&amp;auml;nderlich. Zumindest kann man das Singen und H&amp;ouml;ren &amp;uuml;ben wie andere Dinge auch, wie Vokabeln, Kochen oder K&amp;uuml;ssen. Der eine hat halt ein bisschen mehr Talent dazu, der andere weniger.  Oft hat der mit dem kleineren Talent mehr Biss, weil ihn die Unvollkommenheit antreibt. Meine Schulfreundin C. zum Beispiel hatte nach Meinung aller, die sie je singen geh&amp;ouml;rt haben, eine Riesenstimme. Bei Professor Koranda musste sie nicht einmal vorsingen, sie war eine der St&amp;uuml;tzen des Chores. Zehn C.s, und wir h&amp;auml;tten das Jugendsingen gewonnen. Aber hat ihre Stimme, ihre stupende Musikalit&amp;auml;t sie selbst je interessiert? Nicht die Bohne. Sie raucht seit f&amp;uuml;nfundzwanzig Jahren Kette, hat einen ganz anderen Beruf ergriffen und singt wahrscheinlich nicht einmal in der Dusche. Also k&amp;ouml;nnte der Neid doch langsam aufh&amp;ouml;ren, mich zu fressen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich bl&amp;auml;ttere durch meine Noten und Notizen: &amp;raquo;Geb&amp;auml;rkurs, leiernd&amp;laquo; steht &amp;uuml;ber der langsamen Passage einer Arie, &amp;raquo;mechanische Spieldosen-Figur, endg&amp;uuml;ltig &amp;uuml;bergeschnappt&amp;laquo; &amp;uuml;ber jener dritten Wiederholung in Glucks Orpheus-Arie, die er dann gnadenhalber mit einer Verzierung ausstattet - die Verzierung des vor Schmerz wahnsinnig Gewordenen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Warum, zum Teufel, schreibt er das in C-Dur&amp;laquo;, frage ich emp&amp;ouml;rt, &amp;raquo;wie soll man in C-Dur verzweifelt sein?&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Das ist eben die Herausforderung&amp;laquo;, sagt Veronika, die, wie jede gute P&amp;auml;dagogin, eine Instinkt-Psychologin ist, und grinst: &amp;raquo;Wenn man das sogar in C-Dur schafft, ist man wirklich verzweifelt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eine H&amp;auml;ndel-Arie habe ich gelernt, indem ich mir vorstellen musste, bei eiskaltem Wind auf einer Klippe am Meer zu stehen. &amp;raquo;Alle starren dich an, und beim letzten Ton springt du&amp;laquo;, schlug Veronika vor und kicherte. Leider findet sie oft, dass ich f&amp;uuml;r H&amp;auml;ndel &amp;raquo;zu gesund&amp;laquo; singe. &amp;raquo;Das ist nicht Verdi&amp;laquo;, mahnt sie, &amp;raquo;es ist H&amp;auml;ndel. Deine milchwei&amp;szlig;e Haut ist so empfindlich, dass sogar ein Badeschwamm eine Zumutung ist.&amp;laquo; So schraubt sie mit Sprachbildern wie mit Werkzeugen an mir herum. Sie stimmt mich, mit W&amp;ouml;rtern. F&amp;uuml;r jemanden, der von dieser speziellen Funktion der Sprache noch nichts wusste, war das eine elektrisierende Erfahrung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Denn bisher kannte ich es nur andersherum: Schriftsteller sprechen oft von Rhythmen, Kl&amp;auml;ngen, Melodien im Kopf, wenn sie zu beschreiben versuchen, wie sie schreiben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und so sitze ich neuerdings in der Oper und sehe die Welt neu, veronikalogisch. Da leuchtet es v&amp;ouml;llig ein, dass der Perserk&amp;ouml;nig und sein Bruder in Stefan Herheims sensationeller Berliner Inszenierung von H&amp;auml;ndels Xerxes vierh&amp;auml;ndig an Romilda herumgrapschen, w&amp;auml;hrend sie singt - wie anders k&amp;ouml;nnte man solche Koloraturen denn singen als bedr&amp;auml;ngt und gekitzelt?  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und das ist es wohl, was mich an der Sache so besonders fasziniert: der pulsierende Zusammenhang  zwischen Sprache und Musik. Nat&amp;uuml;rlich arbeiten auch Dirigenten mit Metaphern, nat&amp;uuml;rlich haben auch die Musiker Bilder im Kopf, w&amp;auml;hrend sie musizieren. Und im besten Fall sitzt dann ein feinf&amp;uuml;hliger Kritiker im Konzert und vermag dem, was er h&amp;ouml;rt, wieder passende Worte anzuschmiegen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das ist nat&amp;uuml;rlich kein &amp;Uuml;bersetzen wie von einer Sprache in die andere. Eher ist es ein wundersames Verwandeln von einem Aggregatszustand in den n&amp;auml;chsten, von der elas-&lt;br /&gt; tischen, aber dennoch festen Haut der Sprache in das blutvolle Flie&amp;szlig;en der Musik und wieder weiter, in ein anderes Festes, das sich aufs Neue verfl&amp;uuml;ssigt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Komplexit&amp;auml;t von klassischer Musik muss uns also, ebenso wie die eines guten Romans, genau das Gegenteil dessen lehren, was der Geniekult behauptet: nicht eingesch&amp;uuml;chterte Demut, sondern vertrauensvolles Vergn&amp;uuml;gen. Es sind Millionen einzelner T&amp;ouml;ne (oder eben W&amp;ouml;rter), die das Ganze ergeben. Und wie sie es bilden, warum und mit welchem Effekt, das ist so kompliziert, dass es von niemandem vollst&amp;auml;ndig analysiert werden kann. Es gibt keinen Masterplan f&amp;uuml;r das Gegl&amp;uuml;ckte, es bleibt ein St&amp;uuml;ck Magie. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und deshalb werden kein einzelner missgl&amp;uuml;ckter Ton oder keine &amp;raquo;durchgegangene Metapher&amp;laquo; (Doderer) jemals die Macht haben, das Ganze zu zerst&amp;ouml;ren, nicht einmal: zu st&amp;ouml;ren, genausowenig wie eine partielle Geistesabwesenheit des dritten Geigers infolge von Eheproblemen oder ein zu langer innerer Monolog. Misstrauen Sie dem Literaturkritiker, der wegen eines Adjektivs so theatralisch wie rhetorisch nach dem Lektor ruft, misstrauen Sie dem Musikkritiker, der auf die Beschreibung von &amp;raquo;nicht ganz sauberen H&amp;ouml;hen&amp;laquo; einen ganzen m&amp;uuml;rrischen Absatz verwendet. Denken Sie an die Koranda-Millimeter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Gesangsunterricht hat mich jedenfalls gelehrt, mir endlich das eigene Scheitern zu verzeihen. Derzeit grillt mich das hohe F, bekanntlich nur einen Halbton h&amp;ouml;her als das E, aber schier unerreichbar. Jedenfalls in dieser Vivaldi-Arie, wo man es fast zwei Takte lang halten muss. Mein F ist schrill, wie festgebacken, es schwingt nicht. Kein Vibrato ist aufzufinden, in keinem Neben- oder Stirnh&amp;ouml;hlenresonanzraum. Der Trick mit dem Sofa funktioniert nicht, denn ich &amp;raquo;kriege&amp;laquo; den Ton ja, aber ich kann ihn nicht flie&amp;szlig;en lassen. Ich piepse, ich quietsche, ich frage mich schamesrot, wie Gesangslehrer ihre Sch&amp;uuml;ler Tag ein, Tag aus ertragen. Aber ich mache weiter, Veronika sei Dank. Gelassen sagt sie: &amp;raquo;Das braucht halt Zeit.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht wird mich das F trotzdem besiegen. Aber es gibt noch andere Arien, &amp;auml;tsch, Antonio. Ich werde mir die Niederlage jedenfalls nicht mehr, wie fr&amp;uuml;her, egozentrisch zum Charakterfehler aufblasen. Und genau das sollte man sp&amp;auml;testens in der Lebensmitte gelernt haben. Ob das beim Yoga genauso gelungen w&amp;auml;re? Beim T&amp;ouml;pfern, da bin ich mir sicher, nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Stell dir vor, du hättest den Hintern von Montserrat Caballé</dc:subject>
    <dc:creator>Eva Menasse</dc:creator>
    <dc:date>2012-07-12T17:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Feuer, Wut und feine Lyrik</title>
    <description>&lt;p&gt;Erstmals hat die Band &lt;em&gt;Rammstein&lt;/em&gt; Journalisten einen tiefen Einblick in ihr Leben  und ihre Arbeit gestattet. F&amp;uuml;r die morgige Ausgabe des SZ-Magazins begleiteten der SZ-Journalist Alexander Gorkow und der Fotograf Andreas M&amp;uuml;he die Musiker mehrere Wochen  lang auf ihrer Tournee durch Kanada und die USA. Ein Auszug.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/48379.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&amp;raquo;Wer Gutes tut, dem wird vergeben / So seid recht gut auf allen Wegen / Dann bekommt ihr bald Besuch / Wir kommen mit dem Liederbuch.&amp;laquo; &lt;br /&gt;(Rammstein, &lt;em&gt;Ein Lied&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Rammstein sind Deutschlands gr&amp;ouml;&amp;szlig;tes Missverst&amp;auml;ndnis - zugleich sind sie Deutschlands gr&amp;ouml;&amp;szlig;ter Kulturexport. Mit Journalisten reden die Musiker ungern oder gar nicht. Der Leiter der Seite Drei der S&amp;uuml;ddeutschen Zeitung, Alexander Gorkow, (45), und der Fotograf Andreas M&amp;uuml;he, (32), kennen die Band seit Jahren. Erstmals gew&amp;auml;hrten die Musiker jetzt einen tiefen Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit: Gorkow erinnert sich an &amp;raquo;viele, viele Stunden mit nachdenklichen, musikalischen und im Kern total aufs&amp;auml;ssigen Anarchisten&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rammstein formierten sich 1994 in Berlin-Prenzlauer Berg. Schnell provozierten Rammstein, zu deren Vorbildern die slowenische Kunstgruppe Laibach z&amp;auml;hlte, deutsche Beh&amp;ouml;rden und Kritiker mit brachialem Sound und einer martialischen B&amp;uuml;hnenperformance aus Feuer und Licht. Anerkennung und Ruhm kamen &amp;uuml;ber das Ausland: US-Regisseur David Lynch untermalte mit der Band 1996 seinen Psychothriller Lost Highway. Der linke Philosoph Slavoj Žižek sagte in einem Interview der taz im Jahr 2010: &amp;raquo;So wie Charlie Chaplin in Der gro&amp;szlig;e Diktator Hitler zwischen Gebrabbel nur &amp;rsaquo;Apfelstrudel&amp;lsaquo; und &amp;rsaquo;Wiener Schnitzel&amp;lsaquo; sagen l&amp;auml;sst, so sabotiert Rammstein auf obsz&amp;ouml;ne Weise die faschistische Utopie.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;Hinter der brachialen Fassade der Musik und einer pro Abend rund eine halbe Million Euro teuren Show erklingt dann oft eine erstaunlich leise Lyrik: &amp;raquo;Doch der Abend wirft ein Tuch aufs Land / Und auf die Wege hinterm Waldesrand.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und so beschreibt Alexander Gorkow in dem 30-seitigen Portr&amp;auml;t etwa Till Lindemann, den S&amp;auml;nger, als Widerspruch-in-Sich: Auf der B&amp;uuml;hne eine Kreatur. Und aber auch ein Mann, der leise und wie geschrumpft im Schatten einer Poolbar eines Hotels in Phoenix sitzt, &amp;uuml;ber seinen Texten, &amp;uuml;ber seinen Zeichnungen. Teils ist das Lyrik f&amp;uuml;r seinen Enkel, den kleinen Fritz. Teils ist es auch Lyrik f&amp;uuml;r keinen kleinen Fritz dieser Welt. Mal werden Lieder f&amp;uuml;r Rammstein draus, mal nicht. Mal sind es regelrechte Kurzgeschichten. Mal stehen da nur zwei Zeilen, alleine auf einem Blatt, und schon klingt das wie die Gesamtausgabe Rainer Werner Fassbinders: &amp;raquo;In stillen N&amp;auml;chten weint ein Mann / Weil er sich erinnern kann.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Thilo &amp;raquo;Baby&amp;laquo; Goos, zust&amp;auml;ndig f&amp;uuml;r die Veranstaltungstechnik, sagt &amp;uuml;ber die Tournee: &amp;raquo;Das, mein Lieber, ist eine der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten B&amp;uuml;hnen, die momentan unterwegs sind. 24 Meter breit, 15 Meter hoch, eine reine Stahlkonstruktion. Hier werden 100 Lautsprecherboxen und viel Licht ans Hallendach geh&amp;auml;ngt, die Crew zieht 50 Tonnen Equipment an 120 Motoren hoch. Die Anlage hat 380 000 Watt. Es muss dengeln. Es ist Rammstein. Die meisten Produktionen sehen heute aus wie Fernsehstudios. Auch die Rockkonzerte. Eiskalt. So geht's auch. Aber nicht bei Rammstein.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Im SZ-Magazin zeigen Alexander Gorkow und Andreas M&amp;uuml;he die Band in vielen privaten, mitunter intimen Momenten hinter der B&amp;uuml;hne. Morgen im SZ-Magazin: ein ganzes Heft auf Tour mit Rammstein.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Feuer, Wut und feine Lyrik</dc:subject>
    <dc:creator></dc:creator>
    <dc:date>2012-07-05T14:10:00+01:00</dc:date>
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    <title>Heavy im Abgang</title>
    <description>&lt;p&gt;Wer heute als Hard-Rock-Band etwas auf sich h&amp;auml;lt, bringt      einen eigenen Wein auf den Markt. Pr&amp;ouml;st!&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/46791.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Das Etikett&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;SLAYER&amp;nbsp; &amp;raquo;REIGN IN BLOOD RED&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Angaben zum Hersteller&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Slayers Platte      &lt;em&gt;Reign in Blood&lt;/em&gt; gilt als eines der schnellsten  und h&amp;auml;rtesten Metal-Alben      aller Zeiten - die Lieder handeln von  Serienmord oder Satanismus. Dazu      macht sich der Fan nun einen  sch&amp;ouml;nen Rotwein auf.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Rebsorte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;2010er      Cabernet Sauvignon, der nach Beeren und Eichennoten schmeckt, mit      einer Spur von frischen Fr&amp;uuml;chten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das sagt der H&amp;auml;ndler&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;So kompromisslos und hart      wie die Band!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das sagt der      Kenner&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Unglaublich! Ein Cabernet Sauvignon! Ich      dachte, dass Slayer eher die Typen f&amp;uuml;r einen Shiraz sind &amp;hellip;&amp;laquo;      (Puddinpops auf &lt;a href=&quot;http://www.huffingtonpost.com/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;huffingtonpost.com&lt;/a&gt;)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zugabe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Band bedauert, dass      Einzelverkauf nicht m&amp;ouml;glich ist. Es werden nur Gebinde &amp;agrave; sechs Flaschen      abgegeben.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Zin Fire von Kiss&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/46793.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Etikett&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;KISS &amp;raquo;ZIN FIRE&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Angaben zum Hersteller&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Rausgestreckte Zungen, geschminkte      Gesichter - so sind Kiss zu  einer der erfolgreichsten Hard-Rock-Gruppen      geworden. Die Band  verkaufte schon Kiss-Kondome und Kiss-S&amp;auml;rge als      Fan-Artikel - und  nun: Rotwein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Rebsorte&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Zinfandel Jahrgang 2010, schmeckt      wagemutig, fruchtig und nach schwarzen Beeren und Pfeffer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Das sagt der H&amp;auml;ndler&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&amp;raquo;Das      Zeug wird deine Geschmacksknospen in Brand setzen!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Das sagt der      Kenner&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&amp;raquo;Nichts      ist romantischer als eine Flasche Kiss-Wein und Kiss-Kondome&amp;laquo; (User Intlecktual auf &lt;a href=&quot;http://blabbermouth.net/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;blabbermouth.net&lt;/a&gt;).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Zugabe &lt;/strong&gt; &lt;br /&gt; Empfindlicher Esstisch?      Kaufen Sie die stilechten Kiss-Untersetzer!   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Eddie&amp;acute;s Evil Brew von Iron Maiden&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/46795.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Etikett&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;IRON MAIDEN &amp;raquo;EDDIE`S EVIL BREW&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Angaben zum Hersteller&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;Ein axtschwingendes      Monster namens Eddie ist das Maskottchen der  Band Iron Maiden: Seit &amp;uuml;ber      35 Jahren d&amp;uuml;rstet es nach Blut - jetzt  ist Rotwein dran.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Rebsorte&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;Wegen      der gro&amp;szlig;en Nachfrage gibt es &amp;raquo;Eddie&amp;rsquo;s Evil Brew&amp;laquo; schon in vierter Auflage      - diesmal als Cabernet Sauvignon.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Das sagt der H&amp;auml;ndler&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;&amp;raquo;Ein furchterregend blutroter      Wein mit jeder Menge K&amp;ouml;rpern!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Das sagt der      Kenner&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;&amp;raquo;Ich habe gestern      gesoffen, ich will so was zurzeit nicht sehen&amp;laquo; (Iron-Markus im      Iron-Maiden-Forum).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Zugabe &lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Jede Flasche kommt in einer      formsch&amp;ouml;nen Holzschachtel.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Black in Black Shiraz von AC/DC&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/46797.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Etikett&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;AC/DC &amp;raquo;BACK IN BLACK SHIRAZ&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Angaben zum Hersteller&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;In &lt;em&gt;Have A Drink On Me&lt;/em&gt; besingen AC/DC die Qualit&amp;auml;ten von  Brandy und billigem Wein. W&amp;auml;hlerischer      war die Band bei ihren  eigenen Weinen: Sie arbeitete mit dem gro&amp;szlig;en      australischen Weingut &lt;a href=&quot;http://www.warburnestate.com.au/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt; Warburn Estate&lt;/a&gt; zusammen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Rebsorte&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;Shiraz aus dem Jahr      2010, volles Aroma von Gew&amp;uuml;rzen und schwarzen Beeren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Das sagt der H&amp;auml;ndler&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;&amp;raquo;Passt      am besten zu einer aufgedrehten Stereoanlage!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Das sagt der      Kenner&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt; &amp;raquo;Endlich kann ich mich die ganze Nacht zulaufen lassen, w&amp;auml;hrend ich AC/DC      h&amp;ouml;re und ihren Alk trink!&amp;laquo; (Mark auf &lt;a href=&quot;http://www.acdcfans.net/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;acdcfans.net&lt;/a&gt;).   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Zugabe &lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Auch im Angebot:      &amp;raquo;Highway to Hell Cabernet Sauvignon&amp;laquo;, &amp;raquo;Hells Bells Sauvignon Blanc&amp;laquo;, &amp;raquo;You      Shook me all Night Long Moscato&amp;laquo;.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Mot&amp;ouml;rhead Shiraz von Mot&amp;ouml;rhead&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/46799.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Etikett&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;MOT&amp;Ouml;RHEAD &amp;raquo;MOT&amp;Ouml;RHEAD SHIRAZ&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Angaben zum Hersteller&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;Lemmy      Kilmister, der S&amp;auml;nger von Mot&amp;ouml;rhead, ist bekennender  Whisky-Trinker: eine Flasche am Tag. Aber auch Wein geht in Ordnung,  findet er: &amp;raquo;Man gurgelt      sich durch die Anbaugebiete.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Rebsorte&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;Shiraz Jahrgang 2009,      schmeckt tiefgr&amp;uuml;ndig, beerig und nach Holznoten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Das sagt der H&amp;auml;ndler&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;&amp;raquo;Ein      fetter, r&amp;ouml;hriger Wein, so wie ein bassbeladener Rocksound!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Das sagt der      Kenner&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;&amp;raquo;Da      sollte man ein Fass von haben :-)&amp;laquo; (Andreas im Forum des      Heavy-Metal-Versands EMP).&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; Zugabe &lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Passend dazu: Weingl&amp;auml;ser mit      dem Mot&amp;ouml;rhead-Logo.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Heavy im Abgang</dc:subject>
    <dc:creator>Christoph Gurk</dc:creator>
    <dc:date>2012-05-31T17:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Ein Punk wird 50</title>
    <description>&lt;p&gt;&amp;hellip; und feiert die erste Geburtstagsparty seines      Lebens. Ein Gespr&amp;auml;ch mit Campino &amp;uuml;ber rare Gl&amp;uuml;cksmomente, seinen Sohn und      Minigolf.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/45731.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;(Die Toten Hosen&lt;em&gt; in der Besetzung der fr&amp;uuml;hen 80er-Jahre: v.l. Breiti; Andi; Trini; Kuddel; Campino. Foto: Interfoto/Archiv Friedrich.)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Sie werden in wenigen Wochen 50 Jahre alt. Nerv&amp;ouml;s? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Campino:&lt;/strong&gt; Nein, ich habe den Vorteil, dass ich mich schon lange wie 50 f&amp;uuml;hle. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Jetzt kokettieren Sie. &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein. Meine Midlife-Crisis hat begonnen, als ich in der 7. Klasse zum zweiten Mal sitzen geblieben bin. St&amp;auml;ndig bekam ich gesagt: &amp;raquo;Andreas Frege, Sie sind hier der &amp;Auml;lteste, Sie sollten es doch besser wissen.&amp;laquo; Mit 50 komme ich also endlich da an, wo man mich schon immer verortet hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein Punk wird 50 - k&amp;ouml;nnte ein schwieriger Tag werden.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Keine Sorge, Sie erwischen mich nicht beim Jammern, das w&amp;auml;re doch armselig. Ich f&amp;uuml;hle mich wie die Figur aus einem Computerspiel. Es gibt Leute, die fliegen bei Level 20 oder 30 raus, ich hab&amp;rsquo;s bis Level 50 geschafft und noch ein bisschen Energie &amp;uuml;brig. Klar habe ich Beulen abbekommen, aber wenn ich was im Leben gelernt habe, dann, dass man an so einem Tag Haltung bewahren muss.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Werden Sie feiern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir spielen am Abend davor und danach ein Konzert, aber ein paar Wochen sp&amp;auml;ter mache ich mit zwei Freunden ein gro&amp;szlig;es Fest. Zelten am See. Viele Leute. Viel trinken. Laute Musik. Wer keine Lust auf Zelten hat, braucht nicht zu kommen. Das wird meine erste und letzte richtige Party. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ihr ganzes Leben war eine Party.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Aber ich war immer nur Gast. Ich hatte immer ein gest&amp;ouml;rtes Verh&amp;auml;ltnis zu meinen Geburtstagen. Ich wusste nicht, was es da zu feiern geben soll, und organisierte Fr&amp;ouml;hlichkeit mag ich nicht. Vielleicht weil meine Mutter mich zum 19. Geburtstag mit einer Party &amp;uuml;berrascht hat. Ich wei&amp;szlig; noch, wie froh ich war, weil ich dachte, keiner hat meinen Geburtstag mitbekommen, und dann standen auf einmal alle auf der Matte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum tun Sie sich dann die Feier an? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil jeder einmal im Leben da durch muss: Einladungskarten schreiben, den Diener machen, Gastgeber sein. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ihr Sohn ist acht Jahre alt. Darf er mit oder ist er noch zu jung?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich ist er dabei. Er muss ja nicht durchmachen, darf aber gern ein paar Eier zum Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck braten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was machen Sie heute, wof&amp;uuml;r Sie sich 1982 verachtet h&amp;auml;tten?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Da f&amp;auml;llt mir nicht viel ein. Vielleicht, dass ich heute t&amp;auml;glich dusche und ab und zu Parfum benutze. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vielleicht Rotwein trinken? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rotwein war nie ein Problem. Wir haben doch alles zu uns genommen, was genug Umdrehungen hatte. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/45727.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Campino heute. Foto: Robert Eikelpoth)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gibt es Dinge, die Sie bereuen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Jede Menge. &amp;raquo;No regrets&amp;laquo; ist das d&amp;uuml;mmste Statement der Welt. Nichts zu bereuen ist tragisch. Das f&amp;auml;ngt bei mir schon mit den Namen an: Campino, &lt;em&gt;Die Toten Hosen&lt;/em&gt;. Wenn ich geahnt h&amp;auml;tte, was die Zukunft bringt, h&amp;auml;tte ich mir damit mehr M&amp;uuml;he gegeben. Oder dass ich mit 20 Jahren sturzbetrunken nach Konzerten in die Kaserne gefahren bin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie waren bei der Bundeswehr?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nur ein paar Monate, bis meine Verweigerung durch war. Oft war ich so voll, dass ich auf der Autobahn anhalten musste, um die Schilder zu lesen. Es gab eine Zeit, da habe ich immer wieder Kontrollverlust und Exzess gesucht. In mir steckte eine gewisse Selbstzerst&amp;ouml;rungswut. Ich glaube nicht, dass die noch existiert. Hoffentlich ist mein Sohn da anders. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Punk, der zum autorit&amp;auml;ren Vater wird - ganz sch&amp;ouml;n gemein.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ich will nur verhindern, dass er die Erfahrungen macht, die ich mir herausgenommen habe. Ich habe Angst um ihn, genau wie mein Vater Angst um mich hatte. Meine Eltern waren eine autorit&amp;auml;re Institution, aber nicht die Personen meines Vertrauens. In einer Gro&amp;szlig;familie mit sechs Kindern ist das oft so. F&amp;uuml;r ernste Gespr&amp;auml;che habe ich mir &lt;br /&gt; lieber den gro&amp;szlig;en Bruder genommen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was an Ihnen ist auch mit fast 50 noch nicht b&amp;uuml;rgerlich?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich habe nie versucht, nicht b&amp;uuml;rgerlich zu sein. Ich wei&amp;szlig; nicht, was falsch daran sein soll. Kleines Haus, sch&amp;ouml;nes Auto, zwei Kinder, alles wunderbar. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trotzdem haben Sie sich f&amp;uuml;r einen anderen Weg entschieden.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ich habe viel weniger entschieden, als Sie denken. Ich bin in dieses Leben reingeraten und zahle einen Preis daf&amp;uuml;r, genau wie man f&amp;uuml;r jedes andere Leben einen Preis zahlt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Jetzt jammern Sie doch.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein, ein Musikerleben hat auch Nachteile. Zum Beispiel ist es eine riesige Belastung f&amp;uuml;r den Partner. Man kommt schwerer in eine Tiefe, die andere Paare erreichen, die mehr und intensiver Zeit miteinander verbringen k&amp;ouml;nnen. Abgesehen davon, dass ich als Junge lange ein einsamer Bauarbeiter werden wollte, weil die ihr Bier aus Flaschen trinken d&amp;uuml;rfen, w&amp;auml;re ein richtiges Familienleben eine Alternative gewesen. Aber die hat sich f&amp;uuml;r mich nun mal nicht geboten. Bekannte aus D&amp;uuml;sseldorf haben vor Kurzem das zw&amp;ouml;lfte Kind bekommen, das ist Punkrock in Reinkultur. Besser geht&amp;rsquo;s nicht. &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auf dem neuen Album besingen Sie die Magie des Aufbruchs, den Moment, in dem man alles hinter sich l&amp;auml;sst. Traurig, dass das nicht mehr m&amp;ouml;glich ist?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ich verstehe nicht, was Sie meinen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Das gr&amp;ouml;&amp;szlig;te aller Gef&amp;uuml;hle.&quot;] &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/45729.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Campino gibt immer alles: Auch daf&amp;uuml;r werden &lt;/em&gt;Die Toten Hosen&lt;em&gt;, hier 2001 in Buenos Aires, von ihren Fans verg&amp;ouml;ttert. Foto: Slavica.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Die Toten Hosen&lt;/em&gt; sind ein perfekt organisiertes Unternehmen, das am Laufen gehalten werden muss. &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&amp;Uuml;bertreiben Sie mal nicht. In unseren Liedern steckt oft Sehnsucht, und die h&amp;ouml;rt nie auf, nicht mit 50 und nicht als Vater. Sehnsucht hat in meinem Leben immer eine gro&amp;szlig;e Rolle gespielt. Meistens r&amp;uuml;hrt sie sich, wenn alles zu passen scheint. Dann denke ich: Es ist sch&amp;ouml;n, aber ich geh&amp;ouml;re nicht hierher. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zum Beispiel?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Im Urlaub. In einem tollen Hotel, der Himmel ist blau, irgendwo zwitschert ein Vogel, alles ist perfekt, aber es reicht nicht. Ich sto&amp;szlig;e Sachen gern um, bin unruhig. Sie kennen doch das Lied von Hannes Wader: &amp;raquo;Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort.&amp;laquo; Das meine ich. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Nur k&amp;ouml;nnen Sie nicht mehr fortlaufen.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Umso mehr muss man die gro&amp;szlig;en und sch&amp;ouml;nen Momente zelebrieren. Wenn sich einer einstellt, sei es ein rauschendes Fest oder ein intensives Gespr&amp;auml;ch, sollte man nicht einfach dr&amp;uuml;ber weggehen und sagen: Tut mir leid, ich muss morgen fr&amp;uuml;h raus. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Werden solche Gl&amp;uuml;cksmomente weniger?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die sind in jedem Alter selten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;K&amp;ouml;nnen Sie sich an Ihren letzten erinnern? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Champions-League-Finale 2005. Als Liverpool gegen AC Mailand nach einem 0:3 innerhalb von sechs Minuten auf 3:3 aufgeholt hat. Es gibt aber auch die kleinen Augenblicke, zum Beispiel gestern, als ich mit meinem Jungen im Kino war: &lt;em&gt;Krieg der Kn&amp;ouml;pfe.&lt;/em&gt; Darin fragt ein 14-J&amp;auml;hriger ein s&amp;uuml;&amp;szlig;es M&amp;auml;dchen: &amp;raquo;Kann ich meinen Kumpels sagen, dass wir verlobt sind?&amp;laquo; Das M&amp;auml;dchen sagt: &amp;raquo;Okay.&amp;laquo; Da h&amp;ouml;re ich meinen Sohn fl&amp;uuml;stern: &amp;raquo;Die haben sich ja gar nicht gek&amp;uuml;sst, das gilt nicht.&amp;laquo; Eine halbe Stunde sp&amp;auml;ter k&amp;uuml;ssen sie sich. Und mein Sohn murmelt and&amp;auml;chtig in der Dunkelheit: &amp;raquo;Jetzt sind sie verlobt.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Deprimiert es Sie, dass die Optionen in Ihrem Leben weniger werden?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Sie werden nicht weniger. Ich konnte schon fr&amp;uuml;her an jeder Kreuzung nur in die eine oder andere Richtung abbiegen. Okay, vielleicht waren diese Richtungen abenteuerlicher oder schienen zumindest so. Daf&amp;uuml;r war mein Spielraum begrenzter. Heute kann ich mich in ein Flugzeug setzen und nach Australien oder Amerika fliegen, vor 30 Jahren musste ich mich nur zwischen zwei Kneipen entscheiden. Also: Null deprimiert, im Gegenteil, die sch&amp;ouml;nsten Dinge habe ich in den letzten zehn Jahren erlebt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche waren das?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Zum Beispiel der Film Palermo Shooting mit Wim Wenders, die &lt;em&gt;Dreigroschenoper &lt;/em&gt;mit Klaus Maria Brandauer. Ich wei&amp;szlig; nicht, warum einem jeder einreden will, dass alles schlechter wird. In mir stecken nach wie vor Abenteuerlust und Leidenschaft. Aber ich habe erkannt, dass &lt;em&gt;Die Toten Hosen&lt;/em&gt; das Ding meines Lebens sind. Etwas Besseres wird kaum noch kommen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trotzdem waren der Film und das Theaterst&amp;uuml;ck die besten Momente in zehn Jahren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe mich doch nur getraut, Mackie Messer in der &lt;em&gt;Dreigroschenoper&lt;/em&gt; zu spielen, weil ich Campino von den &lt;em&gt;Toten Hosen&lt;/em&gt; bin und seit &amp;uuml;ber 30 Jahren auf der B&amp;uuml;hne stehe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was verstehen eigentlich die Menschen nicht, die Sie als Ewig-Punk bel&amp;auml;cheln?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Keine Ahnung. Punk war schon tot, als wir uns 1982 in D&amp;uuml;sseldorf gegr&amp;uuml;ndet haben. Schon 1979 stand in riesiger Schrift an der Wand im &amp;raquo;Ratinger Hof&amp;laquo;: Sid ist tot. Wir wollten trotzdem ein bisschen weitermachen. Im Grunde waren &lt;em&gt;Die Toten Hosen&lt;/em&gt; immerhintendran. Wenn Sie das tragisch finden, bitte sch&amp;ouml;n. Immerhin habe ich es 30 Jahre lang geschafft, einen ordentlichen Beruf zu umgehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie machen immer das Gleiche, trotzdem gilt Ihre Band mal als cool, mal als uncool.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Gegen den Zeitgeist ist man machtlos. Wir halten es mit AC/DC. Die waren lange angesagt, bis irgendwann alle dachten: Mein Gott, wie langweilig, immer das Gleiche. Aber die haben einfach weitergemacht. Inzwischen sind sie wieder Kult. Das letzte Album wurde als Geniestreich gefeiert, obwohl es immer noch die gleiche Musik ist. Man geht den Leuten eben mal mehr und mal weniger auf die Nerven. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In den Neunzigern sind Sie den Leuten ziemlich auf die Nerven gegangen. &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Sehe ich heute auch so. Ich habe st&amp;auml;ndig meinen Mund aufgemacht. Aber wenn du heute &amp;uuml;ber den Castor sprichst und morgen &amp;uuml;ber Afrika, verlierst du schnell an Schlagkraft und wirkst unglaubw&amp;uuml;rdig. Da kann die Sache, f&amp;uuml;r die du dich einsetzt, noch so gut sein.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gibt es eine Eigenschaft, die Sie erst in den letzten Jahren an sich entdeckt haben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Heute bewerte ich das Leben nach anderen Kriterien. Fr&amp;uuml;her habe ich gedacht, ich kriege fast alles hin. Heute muss ich mir eingestehen, dass dem bei Weitem nicht so ist. Es gibt Dinge, die &amp;uuml;berrollen einen. Ungerechtigkeiten, gegen die man machtlos ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zum Beispiel?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich kann nur sagen, dass man einen anderen Menschen nicht ein Leben lang besch&amp;uuml;tzen kann, nicht einmal sich selbst. Da passt man einmal nicht auf, und alles entgleitet einem, bis hin zur Riesenkatastrophe. Und dann denkt man: Das ist nicht fair! Aber es passiert. Ich habe gelernt, dass man manches schlucken muss, Ungl&amp;uuml;cke, Todesf&amp;auml;lle. Ich denke, das muss ich nicht n&amp;auml;her erkl&amp;auml;ren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie Vors&amp;auml;tze gefasst, so mit fast 50?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sie wollen doch jetzt nicht von mir h&amp;ouml;ren, dass ich mir ein Motorrad kaufe oder so was Lahmarschiges?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vielleicht fangen wir mit Golf an?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Habe ich probiert. Gar nicht schlecht. Hat Spa&amp;szlig; gemacht. Ich bin gro&amp;szlig;er Minigolf- und Krocket-Fan, ich mag alles, was in einem Kleingarten stattfinden kann. Und wenn man mit dem Schl&amp;auml;ger in den Rasen haut und der Rasen weiter fliegt als der Ball, das ist schon meine Art Humor. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Arbeiten Sie an einem Weinkeller?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich mag&amp;rsquo;s gern, wenn es glatt die Kehle runtergeht und nicht gro&amp;szlig; interpretiert wird. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das gr&amp;ouml;&amp;szlig;te aller Gef&amp;uuml;hle?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Immer wieder Istanbul 2005. Sie wissen schon, Liverpool gegen AC Milan. Sorry, das ist mir selbst peinlich. Ich hatte mir den Tag monatelang geblockt und zwei R&amp;uuml;ckfl&amp;uuml;ge gebucht, einen nach Deutschland, falls die Jungs verlieren, und einen nach England, falls sie gewinnen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Sieg im Fu&amp;szlig;ball ist gr&amp;ouml;&amp;szlig;er als die Geburt Ihres Sohnes?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Unsinn! Aber eine Geburt ist ja eher stressig. Diese Sorge, dass alles gut geht, die Ohnmacht, danebenzustehen und sein Team nicht mal anfeuern zu k&amp;ouml;nnen. Verstehen Sie mich nicht falsch, eine Geburt ist unglaublich, aber das Sch&amp;ouml;ne ist das Ergebnis, nicht der Moment. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche Spuren hinterlassen 30 Jahre Punkmusik?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Schlechtes Geh&amp;ouml;r. Schwei&amp;szlig;f&amp;uuml;&amp;szlig;e. Berufskrankheiten. Auf Tour f&amp;uuml;hle ich mich immer noch, als w&amp;auml;re ich im Schullandheim. Wenn du unterwegs bist, sind die Probleme zu Hause weit weg. Das ist fast ein drogen&amp;auml;hnlicher Zustand. Die Sorgen oder eine Rechnung, die zu Hause liegt, ber&amp;uuml;hren dich &amp;uuml;berhaupt nicht. Du kennst deine Wege, deine Aufgaben, wirst morgens geweckt, abends um neun ist der Auftritt, das Leben scheint so einfach wie ein st&amp;auml;ndiger Standby-Modus.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;Die Toten Hosen in Zahlen.&quot;]&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Toten Hosen&lt;/em&gt; in Zahlen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;17&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;Personen&lt;/strong&gt; haben Platz im      Gemeinschaftsgrab auf dem D&amp;uuml;sseldorfer S&amp;uuml;dfriedhof, das &lt;em&gt;Die      Toten Hosen&lt;/em&gt; angemietet haben - laut Campino f&amp;uuml;r die Band, Roadies und      weitere Familienmitglieder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;30 Jahre &lt;/strong&gt;gibt es &lt;em&gt;Die Toten Hosen&lt;/em&gt;. Die      Band hat sich 1982 in D&amp;uuml;sseldorf gegr&amp;uuml;ndet und wurde bei      ihrem ersten Konzert im Bremer Schlachthof versehentlich als &amp;raquo;Die      Toten Hasen&amp;laquo; angek&amp;uuml;ndigt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;500      000 &lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Fans &lt;/strong&gt;hat die Band auf Facebook. Zum Vergleich: Herbert Gr&amp;ouml;nemeyer hat      175 000, Rammstein 5,5 Millionen und Justin Bieber 42,5 Millionen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;15      000 000 &lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Tontr&amp;auml;ger &lt;/strong&gt;haben &lt;em&gt;Die Toten Hosen&lt;/em&gt; seit ihrer Gr&amp;uuml;ndung      verkauft. Insgesamt haben sie 15 Studio-Alben ver&amp;ouml;ffentlicht. Ihre      erfolgreichste Single ist &lt;em&gt;Zehn kleine J&amp;auml;germeister.&lt;/em&gt; Das Lied stand 1996      f&amp;uuml;nf Wochen auf Platz 1 der deutschen Charts.   &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt; &lt;span&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Ein Punk wird 50</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Haberl und Gabriela Herpell</dc:creator>
    <dc:date>2012-05-09T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37063">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37063</link>
    <title>Mick laust der Affe!</title>
    <description>&lt;p&gt;Seit 1962 gibt es die Rolling Stones: 50 unglaubliche Geschichten aus 50      Jahren.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42603.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 1. Herzlich willkommen! Bei ihrem ersten Fernsehauftritt in den USA macht sich Gastgeber Dean Martin &amp;uuml;ber die Stones lustig: &amp;raquo;Die sind hinter der B&amp;uuml;hne und suchen sich gegenseitig nach Fl&amp;ouml;hen ab.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;2. Mick Jagger heiratet Jerry Hall 1990 auf Bali im Rahmen einer Hindu-Zeremonie, bei der er sie unter anderem mit H&amp;uuml;hnerblut bespritzt und ihr eine Banane auf den Kopf haut. Als sich das Paar neun Jahre sp&amp;auml;ter trennt, wird die Verbindung von englischen Gerichten nicht als Ehe anerkannt &amp;ndash; was die Scheidung f&amp;uuml;r Jagger erheblich billiger macht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;3. W&amp;auml;hrend der Sessions zu dem Album &lt;em&gt;Steel Wheels&lt;/em&gt; wagt es ein Musikmanager, einen Song zu kritisieren. Keith Richards z&amp;uuml;ckt ein Messer und schleudert es dem Mann zwischen die Beine, wo es im Boden stecken bleibt. &amp;raquo;H&amp;ouml;r zu, Junge&amp;laquo;, sagt Richards, &amp;raquo;ich habe schon Songs geschrieben, als du noch nicht mal ein Glitzern am Schwanz deines Vaters warst. Also erz&amp;auml;hl mir nichts &amp;uuml;ber Songwriting.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Charlie Watts: &amp;raquo;Ich hatte kein Interesse daran, ein Pop-Idol zu sein. F&amp;uuml;r kreischende M&amp;auml;dchen zu spielen, das ist nicht meine Welt. Ich finde es immer noch albern.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42607.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;5. &amp;raquo;Bitte, Mick, die nicht. Ich glaube, ich bin verliebt&amp;laquo;, sagt Eric Clapton, als er Mick Jagger 1989 seine neue Freundin Carla Bruni vorstellt. Vergeblich: Nur wenige Tage sp&amp;auml;ter beginnen Jagger und Bruni eine Aff&amp;auml;re.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;6. Drei Drogenverstecke von Keith Richards, die nie aufgeflogen sind: a) ein Geheimfach in seinem teuren F&amp;uuml;ller, b) ein Hohlraum in seinem Bettpfosten, c) die K&amp;ouml;pfe der Actionfiguren, mit denen sein Sohn Marlon spielte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;7. Und dann auch noch auf Franz&amp;ouml;sisch: Zum Verdruss von Mick Jagger stammt der gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Solo-Hit, den ein Rolling Stone je hatte, vom bel&amp;auml;chelten Bassisten Bill Wyman: &lt;em&gt;(Si, Si) Je Suis Un Rock Star&lt;/em&gt; schafft es 1981 in etlichen L&amp;auml;ndern in die Charts.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;8. Beim Stones-Konzert in Hamburg im September 1965 geht die Polizei brutal gegen die Fans vor. Keith Richards&amp;rsquo; Reaktion: Er pinkelt in eine halb volle Whiskey-Flasche, die er den erfreuten Polizisten &amp;uuml;berreicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;9. Zum Gedenken an den kurz zuvor verstorbenen Brian Jones lassen die Stones bei ihrem Konzert im Hyde Park im Juli 1969 einige Hundert Schmetterlinge fliegen. Allerdings sind die Tiere vom Transport in Kisten so benommen, dass viele schon nach wenigen Metern auf die K&amp;ouml;pfe der Zuschauer herabfallen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;10. Im Juli 2008 verl&amp;auml;sst Ron Wood, 61, seine Frau Jo f&amp;uuml;r die 19-j&amp;auml;hrige Russin Katia Ivanova. Nach dem Ende der Beziehung nennt Ivanova Wood einen &amp;raquo;b&amp;ouml;sen Kobold-K&amp;ouml;nig&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;11. Ungewollter Erfolg: Nach einer Drogenrazzia werden Richards und Jagger 1967 angeklagt, obwohl die Fahnder kaum etwas bei ihnen gefunden haben. Der Fotograf David Bailey sagt &amp;uuml;ber die Aktion: &amp;raquo;Mick festzunehmen war die beste Werbung f&amp;uuml;r Drogen, die es je gab.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42595.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;12. 1982 k&amp;uuml;ndigt Mick Jagger an, seine Memoiren zu schreiben, und kassiert von einem Verlag eine Million Pfund Vorschuss. Dummerweise plagen ihn erhebliche Erinnerungsl&amp;uuml;cken. Also bittet er Bill Wyman um Hilfe &amp;ndash; doch der sitzt bereits an seinem eigenen Stones-Buch und antwortet Jagger nur: &amp;raquo;Leck mich.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;13. Hobbys (1) Mick Jagger ist gro&amp;szlig;er Cricket-Fan. Als er 1997 feststellt, dass er wegen einer Stones-Tour ein wichtiges Cricket-Spiel verpasst, gr&amp;uuml;ndet er eine Firma, die Cricket-Spiele online &amp;uuml;bertr&amp;auml;gt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;14. Nach einem Streit droht Brian Jones, sich umzubringen, und st&amp;uuml;rzt sich theatralisch in den Wassergraben von Keith Richards&amp;rsquo; Haus. Mick Jagger springt hinterher, stellt dabei aber fest, dass der Graben nur 1,20 Meter tief ist und Jones auf dem Grund kniet, um wie ein Ertrinkender zu wirken. Jagger zieht Jones aus dem Wasser und schreit: &amp;raquo;Du bl&amp;ouml;der Idiot! Du hast meine Samthosen ruiniert!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;15. Schlager der Woche: Bei einem Bandtreffen in Amsterdam im Herbst 1984 nennt Mick Jagger Charlie Watts &amp;raquo;my drummer&amp;laquo;. Watts verpasst ihm darauf einen Kinnhaken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;16. Auf dem Song &lt;em&gt;Street Fighting Man&lt;/em&gt; spielt Charlie Watts ein Kinderschlagzeug aus den Drei&amp;szlig;igern, das er beim Tr&amp;ouml;dler gefunden hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;17. Nach einem Konzert in Rotterdam geht Keith Richards mit Uschi Obermaier ins Bett, beim Sex rei&amp;szlig;t sie ihm den Ohrring raus &amp;ndash; bis heute ist die Verletzung an seinem rechten Ohrl&amp;auml;ppchen sichtbar. &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42613.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Satisfaction&amp;laquo; komponiert Keith Richards im Schlaf&quot;]&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42605.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;18. Bill Wyman: &amp;raquo;Ich wei&amp;szlig; nicht, ob ich gut im Bett bin, aber beschwert hat sich noch keine. Und ich hatte mehr M&amp;auml;dchen als die anderen Stones &amp;ndash; wahrscheinlich mehr als sie alle zusammen.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;19. Gute Nacht: Seinen ber&amp;uuml;hmtesten Song komponiert Keith Richards im Schlaf. Auf einem Kassettenrekorder neben seinem Bett findet er eines Morgens das Riff von &lt;em&gt;Satisfaction&lt;/em&gt; &amp;ndash; ohne Erinnerung, es aufgenommen zu haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;20. Drei Spitznamen der anderen Stones f&amp;uuml;r Mick Jagger: Her Majesty, Madam, Brenda. Sie d&amp;uuml;rften ihn nat&amp;uuml;rlich auch &amp;raquo;Sir Mick&amp;laquo; nennen. Macht aber keiner.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;21. Als ein englischer Musikjournalist auf Keith Richards&amp;rsquo; Akneproblem anspielt, dringt der Stones-Manager Andrew Oldham ins B&amp;uuml;ro des Schreibers ein und droht ihm Gewalt an &amp;ndash; weil solche Berichte Keiths Mutter sehr verletzen w&amp;uuml;rden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;22. Hobbys (2) Charlie Watts sammelt Waffen und Erinnerungsst&amp;uuml;cke aus dem amerikanischen B&amp;uuml;rgerkrieg. Er soll auch Gewehrkugeln besitzen, die bei der Schlacht am Little Bighorn abgefeuert wurden, in der der Indianerh&amp;auml;uptling Crazy Horse die US-Armee besiegte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;23. F&amp;uuml;r f&amp;uuml;nf Millionen Dollar geben die Rolling Stones 1997 ein Privatkonzert f&amp;uuml;r die F&amp;uuml;hrungsriege ihres Toursponsors Pepsi-Cola. &amp;raquo;We used to do coke (= Coca-Cola, aber auch Kokain)&amp;laquo;, witzelt Mick Jagger. &amp;raquo;Now we do Pepsi.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;24. Noch ein St&amp;uuml;ck, Bill? Weil ihnen Bill Wyman zu spie&amp;szlig;ig ist, servieren ihm die anderen Stones 1969 zum Geburtstag einen Haschkuchen. Den Rest des Abends verbringt er auf dem Klo, sein Gesicht mit kaltem Wasser benetzend.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;25. W&amp;auml;hrend der Sessions f&amp;uuml;r das Album &lt;em&gt;Emotional Rescue&lt;/em&gt; verl&amp;auml;sst Ron Wood sp&amp;auml;tnachts das Studio und geht zu Hause ins Bett. Das missf&amp;auml;llt Richards, der das Motto ausgegeben hat: &amp;raquo;Keiner schl&amp;auml;ft, solange ich wach bin.&amp;laquo; Er f&amp;auml;hrt zu Wood nach Hause, klettert &amp;uuml;ber den Zaun, bricht die T&amp;uuml;r auf und zerrt den Kollegen zur&amp;uuml;ck ins Studio.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42593.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;26. In den Siebzigern ist es in den USA schwierig, an Heroinspritzen zu kommen. Richards bringt die Nadel durch den Zoll, indem er mit ihr eine Feder an seinem Hut befestigt, die Spritze selbst besorgt er sich im Spielzeugladen, als Teil eines Arztk&amp;ouml;fferchens f&amp;uuml;r Kinder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;27. Bei Mick Jaggers Jetset-Hochzeit mit Bianca de Macias gelingt es seinen eigenen Eltern nicht, zu ihrem Sohn vorzudringen. Als sie die Party verlassen, halten sie immer noch ihr Geschenk in den H&amp;auml;nden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;28. Keith Richards: &amp;raquo;Mick ist meine Ehefrau. Aber wir k&amp;ouml;nnen uns nicht scheiden lassen.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;29. Als bl&amp;ouml;deste Showeinlage bei einem Stones-Konzert gilt unter Fans der Teufel auf Stelzen &amp;ndash; komplett mit H&amp;ouml;rnern, Schwanz und erigiertem Penis &amp;ndash;, mit dem Mick Jagger 1994 w&amp;auml;hrend des St&amp;uuml;cks &lt;em&gt;Monkey Man&lt;/em&gt; k&amp;auml;mpfen muss.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;30. Im Herbst 1969 verbreitet sich in der DDR das Ger&amp;uuml;cht, die Stones w&amp;uuml;rden ein Konzert auf dem Dach des Springer-Hochhauses geben, das in Westberlin direkt an der Mauer liegt. Obwohl alles nur der Scherz eines Radiomoderators ist, kommen Tausende Rockfans aus der ganzen DDR nach Ostberlin &amp;ndash; wo Stasi und Volkspolizei schon auf sie warten. 383 Stones-Fans werden verhaftet, etliche angeklagt und ins Gef&amp;auml;ngnis gesteckt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;31. Im September 1970 trifft Jagger auf einer Party den Plattenmanager Eddie Barclay. &amp;raquo;Hi Mick&amp;laquo;, sagt der, &amp;raquo;ich m&amp;ouml;chte dir Bianca vorstellen. Wir werden bald heiraten.&amp;laquo; Kurz darauf l&amp;auml;sst Bianca ihren Verlobten auf der Party sitzen und verduftet mit Mick. Acht Monate sp&amp;auml;ter heiraten die beiden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;32.  Als Brian Jones 1969 stirbt, hinterl&amp;auml;sst er sechs uneheliche Kinder von sechs verschiedenen Frauen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;33. Das Schlagzeug stellen wir ins Schlafzimmer, okay? Da Keith Richards w&amp;auml;hrend seiner Heroinjahre notorisch unp&amp;uuml;nktlich ist, gehen die Stones dazu &amp;uuml;ber, ihre Platten bei ihm zu Hause aufzunehmen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42609.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;34. Mach doch mal Pause: Ab 1975 befinden sich hinter den B&amp;uuml;hnenlautsprechern kleine Verstecke, wo Wood und Richards zwischen den St&amp;uuml;cken Kokain schnupfen. Ihre Regel: Nicht mehr als eine Line pro Song.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;35. Politische Interessen: 1977 wird gemunkelt, Jagger habe eine Aff&amp;auml;re mit Margaret Trudeau, der Frau des kanadischen Premierministers. Aber es war Ron Wood, der die Politikergattin verf&amp;uuml;hrte. In seiner Autobiografie schreibt er: &amp;raquo;Ich h&amp;auml;tte mir eigentlich denken k&amp;ouml;nnen, dass sie wichtig ist, weil ihr st&amp;auml;ndig Leibw&amp;auml;chter von der Royal Canadian Mounted Police folgten.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;36. Im Mai 1995 lassen die Stones eine Clubshow in Amsterdam f&amp;uuml;r einen Konzertfilm aufnehmen. Vorher verteilen Mitarbeiter auf den Stra&amp;szlig;en Freikarten an h&amp;uuml;bsche M&amp;auml;dchen &amp;ndash; damit nicht nur alte Rockfans in der ersten Reihe stehen. &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42597.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Rasputin, Ratbag, Syphilis &amp;ndash; sind Namen von Keith Richards Hunden&quot;] &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42601.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;37. 1986 kommt raus, dass Bill Wymans Freundin Mandy Smith erst 16 ist &amp;ndash; und dass die beiden schon &amp;uuml;ber zwei Jahre zusammen sind. Im Juni 1989 heiraten Wyman und Smith, die Ehe h&amp;auml;lt aber nicht lang. Die Pointe: Vier Jahre sp&amp;auml;ter heiratet Wymans erwachsener Sohn Stephen die Mutter von Mandy, wodurch Wyman der Schwiegersohn seines eigenen Sohnes wird.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;38. Tag, ich bin &amp;uuml;brigens Rockstar von Beruf: Als Keith Richards den Eltern seiner neuen Freundin Patti Hansen vorgestellt wird, zerschl&amp;auml;gt er eine Gitarre auf deren Esstisch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;39. Ronnie Wood: &amp;raquo;Ich vermisse Bill Wyman als Sparringspartner. Auf der B&amp;uuml;hne hat er den M&amp;auml;dchen immer auf die Titten geguckt, &amp;rsaquo;Hey Woody, hast du die da dr&amp;uuml;ben gesehen?&amp;lsaquo; &amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42599.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;40. Hobbys (3) Seit er mit 18 drei Wochen lang als Busschaffner gearbeitet hatte, war Brian Jones ein gro&amp;szlig;er Busliebhaber. Zweimal kaufte er sich sogar Doppeldecker &amp;ndash; was vom Stones-Management schnell wieder r&amp;uuml;ckg&amp;auml;ngig gemacht wurde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;41. Mitte der Siebziger erf&amp;auml;hrt Keith Richards, dass ein blindes M&amp;auml;dchen namens Rita den Stones zu Konzerten hinterhertrampt. Er arrangiert, dass sie von der Crew mitgenommen und verpflegt wird. Diese gute Tat zahlt sich aus, als er 1978 nach einer Drogenrazzia vor Gericht steht. Rita erz&amp;auml;hlt dem Richter ihre Geschichte, als Beweis daf&amp;uuml;r, dass Richards kein schlechter Mensch sei. Das salomonische Urteil: Richards muss nicht ins Gef&amp;auml;ngnis, sondern ein Konzert f&amp;uuml;r Blinde spielen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;42. In jeder Hinsicht unangenehm: Als Brian Jones seiner Freundin Anita Pallenberg w&amp;auml;hrend eines Urlaubs einen Faustschlag versetzen will, trifft er den Fensterrahmen und bricht sich den Arm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;43. Hobbys (4) Bill Wyman ist gro&amp;szlig;er Hobby-Arch&amp;auml;ologe und hat einen eigenen Metalldetektor auf den Markt gebracht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;44. 1975 werden Richards und Wood in Arkansas festgenommen. Die Polizei findet nur eine kleine Menge Drogen im Auto. Sp&amp;auml;ter verr&amp;auml;t Richards, die Polizei habe nicht gr&amp;uuml;ndlich genug gesucht: &amp;raquo;Das Auto bestand mehr aus Drogen als aus Auto.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;45. Freunde f&amp;uuml;rs Leben &amp;ndash; drei Namen von Hunden, die Keith Richards besessen hat: Rasputin, Ratbag, Syphilis.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42611.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;46. Gute Zeiten, schlechte Zeiten: In den Achtzigern bezeichnet Mick Jagger die Band als &amp;raquo;M&amp;uuml;hlstein an meinem Hals&amp;laquo; und &amp;raquo;einen Haufen Rentner&amp;laquo;. Keith Richards droht: Wenn Mick es wagen sollte, auf Solotour zu gehen, dann &amp;raquo;schlitze ich ihm die Kehle auf&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;47. In seiner Autobiografie vergleicht Keith Richards Mick Jaggers Soloalbum &lt;em&gt;She&amp;rsquo;s The Boss&lt;/em&gt; mit Adolf Hitlers &lt;em&gt;Mein Kampf&lt;/em&gt;. &amp;raquo;Jeder hat es gehabt, aber keiner hat es geh&amp;ouml;rt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;48. W&amp;auml;hrend der Aufnahmen f&amp;uuml;r das Album &lt;em&gt;Voodoo Lounge&lt;/em&gt; im Jahr 1994 sprechen Mick Jagger und Keith Richards praktisch kein Wort mehr miteinander. Einmal aber verw&amp;auml;hlt sich Richards auf dem Hoteltelefon und ruft bei Jagger an, um sich Eisw&amp;uuml;rfel bringen zu lassen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;49. Hobbys (5) Um im Wassergraben seines Landhauses herumfahren zu k&amp;ouml;nnen, bestellt sich Keith Richards ein Luftkissenboot. Als das Boot da ist, muss er feststellen, dass das Ufer des Grabens zu steil ist, um das Boot zu Wasser zu lassen. Also f&amp;auml;hrt er damit ein paarmal die Stra&amp;szlig;e rauf und runter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;50. Mick Jagger: &amp;raquo;Es ist mir ziemlich egal, was man &amp;uuml;ber unsere Geschichte sagt, ich finde es n&amp;auml;mlich nicht besonders wichtig, dass alles fehlerfrei nacherz&amp;auml;hlt wird. Wichtig ist doch, dass es interessant ist &amp;hellip; und dass es Spa&amp;szlig; macht.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Mick laust der Affe!</dc:subject>
    <dc:creator>Johannes Waechter</dc:creator>
    <dc:date>2012-03-05T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36875">
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    <title>Unter Freunden</title>
    <description>&lt;p&gt;19 Tage Asien: Die Berliner Philharmoniker treffen auf ihre gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Fans. Eine      Grenzerfahrung.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Schlange kriecht, aber kriecht ohne Koffer. Schuppiges Monster, das sich tr&amp;auml;ge und lautlos durch die Halle windet, deren klimatisierte Endlosigkeit, Staublosigkeit, Ortlosigkeit schmerzhaft ist. Wo sind wir? In Rio. New York. In Moskau? Peking? In &amp;Uuml;berall sind wir. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dieses &amp;Uuml;berall hier ist Peking. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Erster Satz, schattenhaft. China.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schwefliger Morgen &amp;uuml;ber der Stadt ohne Ufer. Aus der Luft gesehen, war der erste Eindruck: gelblich. Gelbliches Licht, Schornsteine und Baracken, in geradlinigen Mustern gebaut. &amp;Uuml;ber Nowosibirsk hatte es Tiroler Speck gegeben, schwarzes Brot dazu. Die meisten verschliefen den Speck. &amp;Uuml;ber Ulan Bator: ein Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck, fast alle wach. &amp;Uuml;ber Peking: die Kissenschlacht. Jedes Mal wenn sie landen, gibt es eine Kissenschlacht, hinten, in der Economy, als sei die Orchestertournee nichts als eine lustige Klassenfahrt. Jetzt ist es kurz vor acht, G&amp;aacute;bor Tark&amp;ouml;vi steht am Gep&amp;auml;ckband, das seit f&amp;uuml;nfzig Minuten keinen Koffer bringt. Auf Koffer warten ist tote Zeit. Tark&amp;ouml;vi hat die H&amp;auml;nde in den Hosentaschen, m&amp;uuml;de im Fr&amp;ouml;steln.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er sagt: &amp;raquo;Das machen die mit Absicht. Lassen uns warten, sagen nicht, warum. Es gibt Armani, Gucci, guck mal, da dr&amp;uuml;ben, aber es ist genau wie fr&amp;uuml;her, im Kommunismus. Keiner sagt dir, warum du wo wartest.&amp;laquo; Er schaut sich um, als h&amp;ouml;rte jemand zu, ein unsichtbares Ohr. &amp;raquo;Ich bin nicht gern hier. Alles original Schei&amp;szlig;e.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; G&amp;aacute;bor Tark&amp;ouml;vi, der Ungar, die Trompete. Die Trompete, die im dritten Satz von Gustav Mahlers 9. Symphonie, in diesem H&amp;ouml;llenritt der Verzweiflung, der erl&amp;ouml;senden Vision schon die T&amp;ouml;ne zuteilt. Rein und klar, direkt aus dem Himmel, so strahlend spielt dieser Mann, dass jeder Mensch versteht, worum es geht, auch wenn er den Namen Gustav Mahler noch nie geh&amp;ouml;rt hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; G&amp;aacute;bor Tark&amp;ouml;vi ist in der N&amp;auml;he von Budapest geboren, gro&amp;szlig; geworden in der Diktatur. F&amp;uuml;r einen wie ihn kann Peking zum Problem werden. Denn &amp;uuml;berall wird er Kameras sehen, wird sie nachz&amp;auml;hlen, immer neun Kameras, das glaubst du nicht, montiert an den m&amp;auml;chtigen Kandelabern auf dem Platz des Himmlischen Friedens, und diktatorische Lautsprecher. Die wird er bellen h&amp;ouml;ren, auch wenn sie schweigen. Ihm kann ja hier gar nichts geschehen, aber ihm geschieht die eigene Geschichte, das reicht. Er steht am Band und wartet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Berliner Philharmoniker, 128 m&amp;uuml;de Musiker aus 25 Nationen, ihr Chefdirigent Simon Rattle, dazu Orchesterwarte, der Intendant, die Pressesprecherin, der Arzt, omnipr&amp;auml;sent mit seinem schwarzen K&amp;ouml;fferchen, sie alle stehen am Gep&amp;auml;ckband des Pekinger Flughafens und warten. Von Berlin-Tegel sind sie gekommen. Peking ist die erste Station der Asientournee des Orchesters. F&amp;uuml;nf St&amp;auml;dte werden sie in 19 Tagen besuchen, zehn Konzerte spielen, Mahlers 9. Symphonie, Anton Bruckners 9., Maurice Ravel und Toshio Hosokawa, den Japaner, der ein Hornkonzert f&amp;uuml;r das Orchester komponiert hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Von Peking wird es nach Shanghai gehen, von da nach Seoul, nach Taipeh und am Ende, knapp drei Wochen sp&amp;auml;ter, nach Tokio.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und w&amp;auml;hrend sie warten, kriechen Arbeiter in den Bauch des Lufthansa-Jumbos &amp;raquo;Duisburg&amp;laquo;, der gechartert ist, um das Orchester auf dieser Reise zu fliegen. Der Bauch war warm, den ganzen Flug &amp;uuml;ber geheizt auf 23 Grad, 8500 Kilometer lang, damit die Instrumente nicht leiden, damit der Leim der Celli nicht aufquillt, der Kontrab&amp;auml;sse und Bratschen. Ein Verm&amp;ouml;gen sind sie wert, diese 162 Kisten mit &amp;raquo;gebrauchten Instrumenten&amp;laquo;, wie es in den Frachtpapieren steht. Sie werden auf Paletten geladen und mit Lastwagen in die Konzerts&amp;auml;le Asiens gefahren, die sie f&amp;uuml;llen sollen mit dem Klang, f&amp;uuml;r den das Orchester in der Welt das beste der Welt genannt wird.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Busse stehen vorm Flughafen bereit. Drinnen riecht es nach Desinfektionsmittel &amp;ndash; so wie fr&amp;uuml;her die Sitzpolster der Z&amp;uuml;ge im Ostblock. Langsam, im Stau der Autos, stottern die Busse sich Richtung Innenstadt, zum Hotel. G&amp;aacute;bor Tark&amp;ouml;vi sitzt am Fenster, schaut ins Diesige, schaut auf den 918er-Bus, der dicht neben ihm f&amp;auml;hrt, der zur&amp;uuml;ckf&amp;auml;llt und wieder gleichzieht auf der mehrspurigen Bahn. Der Arbeiter zur Arbeit bringt, M&amp;auml;nner mit Pergamentgesichtern, die d&amp;ouml;sen, die um Sekunden die Nacht verl&amp;auml;ngern, im Takt, den der Stau vorgibt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Welche Musik passt zu dieser Stadt?&amp;laquo;, fragt Tark&amp;ouml;vi. &amp;raquo;Mahler nicht, Bruckner auch nicht. Angeblich hat jeder den Hals voll von den Chinesen, aber es geht gar nicht mehr ohne sie. &lt;em&gt;Drei Chinesen mit dem Kontrabass&lt;/em&gt; &amp;ndash; das ist doch ein total politisches Lied.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Tark&amp;ouml;vi l&amp;auml;chelt. Er ist kein trauriger Mensch, ein Draufg&amp;auml;nger eher. Es muss die M&amp;uuml;digkeit sein, die ihn dr&amp;uuml;ckt, die gelbliche Stadt und dass noch alles vor ihm liegt. F&amp;uuml;nf klimatisierte Hotelzimmer, sechs Konzerts&amp;auml;le, zehn Mal die Anspannung am Abend, Tausende Kilometer Flug.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Orchester f&amp;auml;hrt seit Jahrzehnten nach Asien, zum dritten Mal ist es in China. China, so hei&amp;szlig;t es, ist der Markt der Zukunft, auch f&amp;uuml;r die klassische Musik. Alle gro&amp;szlig;en Marken sind hier vertreten und k&amp;auml;mpfen um Boden in Chinas Sozialismus, der l&amp;auml;ngst ein gieriger Kapitalismus ist. Die Berliner Philharmoniker sind eine gro&amp;szlig;e Marke. Man kann das nat&amp;uuml;rlich an Zahlen zeigen, man kann das aber auch sehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; An den Tr&amp;auml;nen von Kiyoko Sugiya in einem kleinen Caf&amp;eacute; in Tokio. Oder an Jae-Won Oh in Seoul, der aussieht, als sei er mit den letzten T&amp;ouml;nen von Mahlers 9. Symphonie selbst in einen Zustand des Erl&amp;ouml;stseins gekommen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber jetzt: Peking. Im &amp;raquo;Grand Hyatt&amp;laquo;, das nahe dem Platz des Himmlischen Friedens liegt, werden die Zimmer bezogen. Nicht lange, und man sieht auf den Fluren, wie Putzfrauen stehen bleiben, kurz nur, weil das fremd ist f&amp;uuml;r sie: Aus jedem Zimmer dringen andere T&amp;ouml;ne, ged&amp;auml;mpft durch stoffbezogene W&amp;auml;nde und dicke Teppiche. Ein Horn, eine Klarinette, das Cello. Mit Ehrfurcht begegnen sie diesen Menschen, die das machen k&amp;ouml;nnen, was in der Vorstellung vieler Chinesen Ausdruck westlichen Lebensstils ist: klassische Musik. In Asien ist jedes einzelne Orchestermitglied ein Star, die wenigsten benehmen sich so.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Chefdirigent schon gar nicht. Pressekonferenz im NCPA, dem National Centre for the Performing Arts, einem Kultur-Ufo gigantischen Ausma&amp;szlig;es, das der franz&amp;ouml;sische Architekt Paul Andreu im Zentrum Pekings gebaut hat. Sieben Fernsehkameras und zwei Dutzend Fotografen warten im Pressesaal auf Simon Rattle. &amp;raquo;Die Berliner Philharmoniker hatten so viele bedeutende Dirigenten, und jeder hat das Orchester gepr&amp;auml;gt&amp;laquo;, sagt ein Mann vom &lt;em&gt;Musik-Journal&lt;/em&gt;, &amp;raquo;welchen speziellen Stil haben Sie entwickelt?&amp;laquo; [seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Habt ihr den Pups geh&amp;ouml;rt?&amp;laquo;, fragt Dominik Wollenweber seine Kollegen.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/40673.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bei Philharmonikern, Fans und Medien gleicherma&amp;szlig;en beliebt: Dirigent Simon Rattle.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Tja, welchen? Rattle &amp;uuml;berlegt kurz, sagt: &amp;raquo;Man steht immer auf den Schultern bedeutender Menschen, und ich bin der Letzte, der sagen k&amp;ouml;nnte, was ich geformt habe in den letzten Jahren. Sie haben ja Ohren, es zu h&amp;ouml;ren.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Olga Galperowitsch, eine kleine rundliche Ukrainerin, zust&amp;auml;ndig f&amp;uuml;r die Sendung &lt;em&gt;Treffpunkt Kultur&lt;/em&gt; bei China International Radio, sagt sp&amp;auml;ter: &amp;raquo;Was f&amp;uuml;r ein unkomplizierter Mensch der Simon Rattle doch ist, ich bin total &amp;uuml;berrascht. Die Chinesen haben gar kein Wort daf&amp;uuml;r, also f&amp;uuml;r diese Unkompliziertheit, deshalb sagen alle nur: He&amp;rsquo;s so beautiful!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Olga Galperowitsch w&amp;auml;re gern in eines der beiden Konzerte gegangen. Umgerechnet 400 Euro h&amp;auml;tte sie bezahlen m&amp;uuml;ssen. Auch f&amp;uuml;r 500 Euro gab es noch Karten. Sie sagt: &amp;raquo;Ist doch Wahnsinn, davon kann ich mir f&amp;uuml;r Wochen was zu essen kaufen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als die Musiker das Kultur-Ufo zum ersten Mal betreten, verlaufen sich einige in den unterirdischen G&amp;auml;ngen des Geb&amp;auml;udes, geistern umher zwischen Frackkisten und Toilettenr&amp;auml;umen, laufen schlie&amp;szlig;lich dem Klang nach, dahin, wo Kollegen sich einspielen, da muss es zur B&amp;uuml;hne gehen. 1700 Menschen arbeiten im Kultur-Ufo, tausend Vorstellungen in vier S&amp;auml;len laufen im Jahr, alles unter einem Dach. Selbst auf den Toiletten h&amp;auml;ngen Flachbildschirme, die die wichtigsten Auff&amp;uuml;hrungen des Hauses zeigen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor vierzig Jahren musste, wer Beethoven oder Mozart spielte in diesem Land, noch f&amp;uuml;rchten, dass Maos Kulturk&amp;auml;mpfer ihm wom&amp;ouml;glich die Finger brechen. Das Einzige, was hier an diese Zeit erinnert, was fast archaisch wirkt, sind die langen Bambuszangen, mit denen die Klofrauen den Abfall aus den Eimern angeln. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie sagte der General Manager des NCPA-Orchesters in seinem B&amp;uuml;ro? &amp;raquo;Wir wollen uns gern New York und London angleichen.&amp;laquo; Was das hei&amp;szlig;t? Peking soll einen Namen haben in der ersten Reihe der Kulturmetropolen der Welt. Der Besuch der Berliner Philharmoniker macht sich da nat&amp;uuml;rlich gut. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und was antwortete Martin Campbell-White, Chef der Agentur, die diese Tour mit geplant hat, auf die Frage nach den Gagen, die die Berliner auf so einer Reise bekommen? &amp;raquo;Ich kann Ihnen versichern, dass es weltweit keine h&amp;ouml;heren Gagen gibt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Geld ist das eine. Die Sponsorenempf&amp;auml;nge f&amp;uuml;r Mister Kao, Mister Lin, Mister Tseng und Mister Chang. Das Business. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das andere ist die Unsicherheit des Einzelnen, das Ringen um jeden Ton. Die Hingabe. Spielen, als ginge es um Leben und Tod, balancieren an den R&amp;auml;ndern des Daseins. So soll es sein bei Mahler, bei Bruckner. Solche Musiker braucht das Orchester, denn das ist seine Tradition. Madeleine Carruzzo, die erste Frau, die ins Orchester kam, wird erz&amp;auml;hlen, wie Herbert von Karajans Ohr ihr und anderen Neuen auf fordernde Weise nachsp&amp;uuml;rte, um herauszukriegen, ob sie genau das hat: die Bereitschaft, f&amp;uuml;r die Musik an die Grenze zu gehen. Sie wird l&amp;auml;cheln &amp;uuml;ber sich, weil es pathetisch klingt, was sie erz&amp;auml;hlt. Dabei hatte sie Angst, damals. Jahre ist das her. Hingabe entzieht sich den Kategorien von Markt und Geld. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Saal im NCPA klingt kalt wie eine Eishalle, kalt und trocken. Man fragt sich, ob das auch an den Saaldamen liegt. An ihrer hochgeschlossenen grauen Kleidung, am verknoteten Haar. Kaum ein L&amp;auml;cheln im Gesicht, und sobald jemand sein Mobiltelefon herausholt, um ein Foto zu machen, was nat&amp;uuml;rlich verboten ist, trifft ihn hart ein roter Laserstrahl. Jede der Damen hat so ein Laserschwert in der Hand, einen Pointer, und weil viele im Publikum ein Foto machen, huschen w&amp;auml;hrend des Konzerts rote Blitze durch den Raum. Ravel und Hosokawa vor der Pause, ein freundliches Klatschen f&amp;uuml;r den japanischen Komponisten, danach Anton Bruckners 9. Symphonie. Am Tag darauf Mahler.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als das Orchester 1979 mit Herbert von Karajan zum ersten Mal nach China kam, gab es noch gar keinen geeigneten Konzertsaal in Peking, auch kaum Autos auf der Stra&amp;szlig;e, nur Fahrr&amp;auml;der, erz&amp;auml;hlen diejenigen, die damals dabei waren. Sie spielten also in einer Sporthalle. Es war drei Jahre nach Maos Tod, die Menschen hatten keine Erfahrung mit klassischer Musik, redeten und a&amp;szlig;en und r&amp;uuml;lpsten w&amp;auml;hrend des Konzertes, sodass Karajan drohte, in der Generalprobe schon, abzubrechen, die Halle r&amp;auml;umen zu lassen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist nun alles sehr diszipliniert, auch der Laserdamen wegen, und doch gab es beim zweiten Konzert, ausgerechnet in die Stille des vierten Mahler-Satzes hinein, einen sich dehnenden flattrigen Pups, irgendwo im oberen Rang. Ein Pups kann zur Katastrophe werden. Einen Pups kann man nicht weglasern. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Habt ihr den Pups geh&amp;ouml;rt?&amp;laquo;, fragt Dominik Wollenweber seine Kollegen nach dem Konzert. &amp;raquo;Das war heute eigentlich unsere gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Leistung, dass wir da nicht losgebr&amp;uuml;llt haben vor Lachen.&amp;laquo; [seitenumbruch title=&quot;Wenn du Schmerzen nicht aushalten kannst, bist du in diesem Hochleistungsmusikertum verkehrt.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/40571.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Dominik Wollenweber will den asiatischen Studenten die Seele der Musik einhauchen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt; Dominik Wollenweber, Oboe, das Englischhorn. Er sitzt in einem Caf&amp;eacute; in der N&amp;auml;he des Hotels. Gerade war er auf einem Markt, auf dem M&amp;auml;nner in klebrigen Buden lebende Skorpione frittieren, immer drei zappelnde Tiere, wie Schaschlik aufgespie&amp;szlig;t an ihren Halskr&amp;auml;gelchen, in der s&amp;auml;migen Farbe von Tapetenleim, und er hat das gekauft und gegessen, vor der laufenden Kamera seines Kollegen. Solche Bilder sind f&amp;uuml;r Wollenweber von besonderem Wert, kann er sie doch seinen Kindern zeigen, zu Hause. Er hat f&amp;uuml;nf. Er hat &amp;raquo;Entzug&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Pl&amp;ouml;tzlich bist du raus aus dem t&amp;auml;glichen Chaos der Familie und kommst dir total nutzlos vor. Wenn du anf&amp;auml;ngst, die Freiheit zu genie&amp;szlig;en, ist die Reise vorbei.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als er selber Kind war, hat er gestottert. Manchmal hat er kein Wort herausgebracht, und manchmal h&amp;ouml;rt man sie noch, diese leichte Unsicherheit, wenn er nicht weich hineinrutscht in ein Wort. Er hat dann begonnen, Fl&amp;ouml;te zu spielen. &amp;raquo;Als Therapie&amp;laquo;, sagt er. &amp;raquo;Da floss alles so sch&amp;ouml;n.&amp;laquo; Vierzehn war er, als er zur Oboe wechselte, dem Instrument, mit dem er aufgewachsen war, denn auch sein Vater war Oboist. &amp;raquo;Im Grunde&amp;laquo;, sagt Dominik Wollenweber, &amp;raquo;lebe ich auch meine masochistische Ader aus, das Ehrgeizige, das Selbstqu&amp;auml;lerische. Wenn du Schmerzen nicht aushalten kannst, bist du in diesem Hochleistungsmusikertum verkehrt. &amp;Uuml;ber die Grenze des Schmerzes hinauszugehen, dazu muss man bereit sein.&amp;laquo; Er sagt: &amp;raquo;Und ich war dann schon froh, dass ich auf einen Beruf zuging, in dem ich im Allgemeinen nicht reden muss.&amp;laquo; Nun soll er reden. In der Musikhochschule in Peking, einem Hochhaus, in dem, wie einer der Dozenten dort nicht ohne Stolz sagt, in jedem Raum ein Steinway steht. Wir haben Power, hei&amp;szlig;t das, wir haben Geld. 1600 Studenten sind hier eingeschrieben, und jetzt, wo die Berliner Philharmoniker in der Stadt sind, muss es nat&amp;uuml;rlich Meisterkurse geben. Einen davon soll Wollenweber halten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Raum 1304 warten Studenten, f&amp;uuml;r die Wollenweber ein Star ist. Er sieht nicht aus, als genie&amp;szlig;e er das. Xie Yihin ist 18 Jahre alt, sch&amp;uuml;chtern wirkt er, und verhalten klingt auch, was er aus seinem Instrument an T&amp;ouml;nen herausholt. Bach will er spielen, er war noch nie in Europa. &amp;raquo;Spiel, als w&amp;uuml;rdest du achtzig Kilo mehr wiegen&amp;laquo;, sagt Wollenweber, &amp;raquo;mit deinem ganzen K&amp;ouml;rper, sonst wird man gar keine Notiz von dir nehmen.&amp;laquo; Xie Yihin ist sehr d&amp;uuml;nn, aber er versucht es. &amp;raquo;Wir geh&amp;ouml;ren doch zu denen, die die Menschen zum Weinen bringen&amp;laquo;, sagt Wollenweber. Er nimmt das Instrument des Sch&amp;uuml;lers und spielt. Spielt, dass man weinen m&amp;ouml;chte. Xie Yihin staunt, was da aus seinem Instrument herauskommt. Es geht um die Seele der Musik. Doch wie haucht man einem Sch&amp;uuml;ler in Peking die Seele der Musik ein?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Shanghai, allm&amp;auml;hlich in Tempo II (Walzer) &amp;uuml;bergehen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aber Shanghai hat nicht diese Schwere. So kosmopolitisch ist die Stadt, ein Wimmelbild, das immer schon Menschen geschluckt und sich an dem, was sie mitbrachten, bereichert hat. Hier f&amp;uuml;hlt man sich nicht ausgesetzt wie in Peking. Flughafen, Pudong. Tote Zeit am Gep&amp;auml;ckband. Martin Stegner, Bratsche, steht da mit seinem Rucksack, in Turnschuhen und Strickjacke und redet pl&amp;ouml;tzlich &amp;uuml;ber Gustav Mahler. Er sagt, er liebe Mahlers Lieder viel mehr als seine Symphonien, &amp;raquo;wo er allen Mist auf die Menschheit gekippt hat&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Martin Stegner ist seit 1996 im Orchester. &amp;raquo;Ein Haifischbecken sind wir&amp;laquo;, sagt er und lacht, &amp;raquo;aber das h&amp;auml;lt das Niveau.&amp;laquo; Wenn etwas schlecht klingt, &amp;raquo;denke ich nat&amp;uuml;rlich immer gleich, es liegt an mir. Ich muss ja mit zw&amp;ouml;lf Leuten absolut synchron spielen. Ich beziehe den Applaus auch nicht auf mich.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sein Koffer kommt, aber Stegner bleibt stehen. Er sagt, dass er sich manchmal &lt;em&gt;Das Parfum&lt;/em&gt; anschaut, den Film, weil er das verstehen kann: dass jemand sein Leben lang auf der Suche ist nach dem Duft, dem alle hinterherlaufen. Der Koffer f&amp;auml;hrt zum zweiten Mal vorbei. So wie Jean-Baptiste Grenouille nach dem Duft, sagt Stegner, so sei er immer auf der Suche nach dem Ton. Den Ton treffen, &amp;raquo;der die Menschen zu Tr&amp;auml;nen r&amp;uuml;hrt, das m&amp;ouml;chte ich einmal im Leben schaffen&amp;laquo;. Er zieht den Koffer vom Band. &amp;raquo;Emmanuel kann das&amp;laquo;, sagt Martin Stegner und schaut r&amp;uuml;ber zu seinem Kollegen Emmanuel Pahud, Querfl&amp;ouml;te, dessen Koffer noch keine Runde gedreht hat. Dabei kann er genau das doch auch, diesen Ton treffen, der mittenrein geht. Er, Stegner.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Shanghai wollen alle zum Fake-Markt. &amp;raquo;Hancity Fashion &amp;amp; Accessories Plaza&amp;laquo; ist vom &amp;raquo;Marriott&amp;laquo;-Hotelturm zu Fu&amp;szlig; in zehn Minuten zu erreichen. Mit Martin Stegner durch die Etagen zu laufen ist urkomisch, weil er die buntesten Dschungelhemden, die steifsten Jacken anprobiert und am Ende fast nichts kauft. Jede internationale Marke ist hier gef&amp;auml;lscht zu haben, jeder Verk&amp;auml;ufer versucht dich hineinzuziehen in seinen Verschlag, deckenhohe Regale werden angesto&amp;szlig;en wie Geheimt&amp;uuml;ren, damit man vordringt zu noch mehr Taschen, noch mehr Schuhen und noch mehr Uhren. Stegner l&amp;auml;sst sich ziehen, schaut. &amp;raquo;Das Gute ist&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;uns k&amp;ouml;nnen sie nicht nachmachen, ich meine, unser Orchester, deshalb k&amp;ouml;nnen wir hier ja noch auftreten.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie treten auf im Grand Theatre, einem luftig wirkenden Palast an der Huang-Pi-Stra&amp;szlig;e. Und weil das Konzert live auf den Jahrhundertplatz &amp;uuml;bertragen wird, ist man nat&amp;uuml;rlich dort, mitten im br&amp;uuml;llenden Konsum, im irrsinnigen Gew&amp;uuml;hl von Menschen, die sich hetzen lassen vom Stakkato der Reklameblitze, in der feuchten Luft, die mit dem Fluss kommt, dem Huangpu mit seinen schlafenden Schiffen, dessen Tr&amp;auml;gheit das einzig Bremsende in dieser Stadt zu sein scheint.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Langsam sammelt sich das Stra&amp;szlig;enpublikum vor dem gro&amp;szlig;en Bildschirm, an dessen Rand auch Wu Yaoliang nach einem wei&amp;szlig;en Plastestuhl sucht. Wu ist Rentner. Ein kleiner Mann im offenen grauen Mantel, der sommerlich wirkt. Ein Thermometer, acht Stockwerke eines Wolkenkratzers hoch, zeigt 16 Grad. Eine Stunde ist er mit der U-Bahn gefahren, um die Berliner Philharmoniker zu erleben. Er kennt sie nur aus dem Radio. Von Anton Bruckner hat er noch nie etwas geh&amp;ouml;rt. Gustav Mahler? Doch, doch, Mahler, ja. Er sagt: &amp;raquo;Ich kenne mich mit Musik gar nicht so gut aus, wissen Sie, aber so wie diese Deutschen spielen, das gibt es nur einmal auf der Welt, da trag ich doch das Gl&amp;uuml;ck nach Hause.&amp;laquo; Er l&amp;auml;chelt. Wie meinen Sie das? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Zu Hause&amp;laquo;, erz&amp;auml;hlt er, &amp;raquo;habe ich ein Klavier.&amp;laquo; Gebraucht gekauft f&amp;uuml;r 10 000 Yuan, japanisches Fabrikat. Manchmal spiele er so vor sich hin, Unterricht habe er nie gehabt. Er sagt: &amp;raquo;Aber wenn ich mich morgen ransetze, dann wird es anders klingen. Das ist das Gl&amp;uuml;ck.&amp;laquo;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Wann kommt Simon Rattle?&amp;laquo;, kreischen sehr junge Frauen.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/40681.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Autogrammstunde: Die Berliner Philharmoniker sind in Asien Popstars.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;F&amp;uuml;r so einen Satz lohnt sich die ganze Reise&amp;laquo;, sagt Martin Stegner, wenn man ihm von dem Alten auf dem Jahrhundertplatz erz&amp;auml;hlt, wie er dastand, in seinem Mantel. Stegner steht kurz nach dem Konzert vorm Hotel, da, wo die Taxis vorfahren. &amp;raquo;Wann kommt Simon Rattle?&amp;laquo;, kreischen sehr junge Frauen, als sie Stegner sehen, und: &amp;raquo;Sie sind doch auch ein Philharmoniker?&amp;laquo; Die Frauen haben Programmhefte dabei, Fotoapparate. Stegner muss mit drei Chinesinnen posieren, muss Autogramme geben, in seiner melierten Strickjacke. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Manfred Preis, Bassklarinette, hat die Zimmernummer 5218, und beim Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck erz&amp;auml;hlt er, dass in der 5219 ein Jazztrompeter wohnt, ein toller Typ m&amp;uuml;sse das sein, herrlich dreckiger Ton. Wahnsinn! Hat den noch jemand geh&amp;ouml;rt?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Na, klopf doch mal, und schau, wer es ist, sagt ein Kollege. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Also klopft er. Und G&amp;aacute;bor Tark&amp;ouml;vi &amp;ouml;ffnet die T&amp;uuml;r. &amp;raquo;Mensch, G&amp;aacute;bor, du bist das?&amp;laquo;, ruft Manfred Preis. &amp;raquo;Du kannst so spielen? Ich kenne doch immer nur diesen strahlenden Orchesterton von dir.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann liegen die beiden M&amp;auml;nner sich lachend in den Armen. &amp;raquo;Ich w&amp;uuml;rde verbl&amp;ouml;den, wenn ich immer nur Klassik spielen m&amp;uuml;sste&amp;laquo;, sagt Tark&amp;ouml;vi, &amp;raquo;vorn steht der Inspirator, der sagt: Spiel laut. Spiel leise. Nicht zu hoch, nicht zu tief. Nicht zu fr&amp;uuml;h, nicht zu sp&amp;auml;t.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie verabreden sich f&amp;uuml;r den Nachmittag. Ein Zimmerkonzert. Auf den Betten liegen die Noten. Tark&amp;ouml;vi hat eine kleine Anlage dabei, Jamey Aebersold, der amerikanische Jazzsaxofonist, kann also Bass, Klavier und Schlagzeug dazu liefern, aus der Konserve, und so wird die 5219 des wolkenhohen &amp;raquo;Marriott&amp;laquo;-Turmes in Shanghai f&amp;uuml;r eine Stunde zum Jazzkeller. Es hat was von Austoben und Loslassen, wie sie beide da spielen, sich hineinsteigern ins Improvisieren, in die Freiheit, wie sie sich anfeuern, mit den Augen nur. Orchestermusiker sind letztlich Diener, die &amp;raquo;buckeln&amp;laquo; m&amp;uuml;ssen, hatte Dominik Wollenweber gesagt, hier aber sind sie ihre eigenen Herren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zweiter Satz, noch etwas frischer. S&amp;uuml;dkorea.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es sind tausend Kilometer von Shanghai nach Seoul, ein Flug &amp;uuml;bers Gelbe Meer. Die Crew der &amp;raquo;Duisburg&amp;laquo;, zwanzig Frauen und M&amp;auml;nner, die die Tournee begleiten, serviert Rindfleischpastrami, einen K&amp;auml;seteller und Champagner nat&amp;uuml;rlich, gleich wenn die Musiker die Maschine betreten. Wer wo sitzen darf, das entscheidet Nikolaus R&amp;ouml;misch, Cello. Er hat das Amt des Reiseleiters. Grob gesagt, geht es nach Alter. Die Jungen fliegen Economy, die &amp;Auml;lteren Business und Erste Klasse. Das Essen aber ist f&amp;uuml;r alle gleich, und alle d&amp;uuml;rfen ins Cockpit, um den Piloten zuzuschauen, Fotos zu machen f&amp;uuml;r die Kinder zu Hause. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Wir sind doch wahnsinnig privilegiert&amp;laquo;, sagt Simon Rattle. &amp;raquo;Manche m&amp;ouml;gen sich entwurzelt f&amp;uuml;hlen auf so einer Reise, kann schon sein, aber ich danke Gott, dass es Skype gibt, und alles, was wir hier in Asien erleben, das geht doch ein in unser Spiel, das ist ein solcher Reichtum. Jeder Geruch, jedes Ger&amp;auml;usch, alles geht ein.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seoul ist laut, aber auf den ersten Blick nur eine W&amp;uuml;ste aus Beton. Die kleinen Caf&amp;eacute;s sind voll mit jungen Menschen. Hier ist das Leben, f&amp;uuml;nfzig Kilometer weiter ist Nordkorea, die Bedrohung, Raketentests, Hunger. Ein Land wie ein schwarzer Fleck. Wenn man auf dem Fernsehturm steht, liegt die Stadt da, ausgebreitet wie ein lichtgewebter Teppich. Man k&amp;ouml;nnte bis zur Grenze sehen, wenn es klar w&amp;auml;re.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mahlers 9. Symphonie spielen sie im Kulturzentrum von Seoul. Nach dem Konzert f&amp;auml;llt einem ein Mann auf, der wie abwesend durch die Halle l&amp;auml;uft, sodass man kaum wagt, ihn anzusprechen, schon gar nicht mit einer Frage, die einem banal erscheint angesichts der Entr&amp;uuml;cktheit, die sich auf seinem Gesicht ausgebreitet hat wie ein schimmernder Puder. Verzeihen Sie die Frage, aber wie hat es Ihnen gefallen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jae-Won Oh, ein Arzt, erschrickt fast und sagt dann, dass er dankbar sei, wie die Leute die Stille am Ende des vierten Satzes so gut ertragen konnten. Dass sie nicht gleich geklatscht haben. Es endet im Nichts. &amp;raquo;Ich liebe die Tiefe dieser Musik&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;und ich nehme sie mit in meinem Herzen, da bewegt sie sich wie ein sch&amp;ouml;ner Vogel.&amp;laquo;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Wenn am Anfang etwas schiefgeht, dann hat das eine Wirkung, wie wenn ein Kartenhaus zusammenf&amp;auml;llt.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/40573.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 	           &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Public-Listening: Die Konzerte der Philharmoniker werden in vielen St&amp;auml;dten auf Leinw&amp;auml;nden &amp;uuml;bertragen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Tiefe. Madeleine Carruzzo, Geige, sagt: &amp;raquo;Die Musik muss von innen beleuchtet sein, sonst ist sie fade.&amp;laquo; Als Dirigent k&amp;ouml;nne man das nicht lernen, wie Musik von innen beleuchtet werde. Ein Dirigent m&amp;uuml;sse das ausstrahlen mit seiner ganzen Pers&amp;ouml;nlichkeit. &amp;raquo;Jede seiner Schwingungen &amp;uuml;bertr&amp;auml;gt sich auf die Musiker&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;jede Verkrampfung auch, das ist das Problem.&amp;laquo; Sie sitzt in ihrem Zimmer, hat Tee gekocht, sie sagt, sie liebe die Einsamkeit ihrer Hotelzimmer auf solchen Reisen. Sie war die erste Frau, die ins Orchester kam. Im September 1982 fing sie an, mit 26, eine Exotin in der Welt der M&amp;auml;nner. Das Durchschnittsalter der Musiker war damals 57 Jahre. Nach der ersten Probe, staunend &amp;uuml;ber die Junge an der Geige, kam Herbert von Karajan zu ihr und sagte: &amp;raquo;Wie haben Sie das geschafft?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Abend des Ostersonntags 1983, das Orchester war zu den Festspielen in Salzburg, setzte Karajan pl&amp;ouml;tzlich, wie auch bei anderen Neuen im Orchester, ein Vorspiel an. Er wollte Madeleine Carruzzo noch einmal testen, allein. Tags darauf schon sollte es sein. Carruzzo sagt, dass Karajan einerseits dem Orchester habe zeigen wollen: Ich bin der Chef. Andererseits habe ihn genau das ausgezeichnet, diese unbedingte Forderung, nur Menschen ins Orchester zu holen, die bereit sind, Kopf und Kragen f&amp;uuml;r die Musik zu riskieren, eben &amp;raquo;&amp;uuml;ber die Schmerzgrenze hinaus&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Also hat sie gespielt. Erst Brahms, dann aus der Ouvert&amp;uuml;re des &lt;em&gt;Fliegenden Holl&amp;auml;nder&lt;/em&gt;. Karajan bl&amp;auml;tterte sich durch die Partitur, dirigierte sie, gab ihr zigmal den Einsatz. &amp;raquo;Ich hatte den Eindruck, mein Kopf ist in einem anderen Raum&amp;laquo;, sagt Carruzzo. Diese Spannung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jetzt sind 18 Frauen im Orchester. Das Durchschnittsalter aller Musiker ist 38. Mit Simon Rattle haben sie sich einen der demokratischsten Dirigenten &amp;uuml;berhaupt gew&amp;auml;hlt, auch einen der umtriebigsten. Einen, den man duzt und dessen T&amp;uuml;r immer offen ist, einer, der lernen will und motivieren kann. Das hat auch Vorteile.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Dritter Satz, mit gro&amp;szlig;er Empfindung. Taiwan.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Und wann, Herr Rattle, ist f&amp;uuml;r Sie ein Konzert gelungen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Simon Rattle sitzt vorn, in der First Class, 81 K, gleich hinterm Cockpit, auf dem Flug nach Taipeh, und sagt: &amp;raquo;Man kann die Frage kaum beantworten, denn es geht um ein Gef&amp;uuml;hl: Wenn wir f&amp;uuml;hlen, wir haben an diesem Abend alle zusammen alles gegeben, dann ist es gelungen. Und ich muss den Raum daf&amp;uuml;r schaffen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber wenn es nicht gelingt?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Also manchmal geht es einfach nicht, auch wenn du alles tust. Wenn zum Beispiel am Anfang etwas schiefgeht, dann hat das eine Wirkung, wie wenn ein Kartenhaus zusammenf&amp;auml;llt, und jeder denkt: O mein Gott, wir m&amp;uuml;ssen das Konzert retten. Es kann passieren, dass die Musik den Raum verl&amp;auml;sst, und du bist total aufgeschmissen und zu kraftlos, sie zur&amp;uuml;ckzuholen. Das kann passieren. Und wir k&amp;ouml;nnen nichts wiederholen. Es ist dann vorbei.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Taipeh gelingt alles. Und auf Taipeh haben sie sich am meisten gefreut. In Taiwan werden die Berliner nicht nur verehrt, sie werden geliebt f&amp;uuml;r das, was sie k&amp;ouml;nnen. 2006 haben sie das zu sp&amp;uuml;ren bekommen, als sie nach ihrem Konzert von Zehntausenden bejubelt wurden, die die Musik live beim Public Viewing hinter der Nationalen Konzerthalle geh&amp;ouml;rt hatten. Diesmal, wegen des Regens, werden die Konzerte in vier St&amp;auml;dte der Insel &amp;uuml;bertragen &amp;ndash; und in die &amp;uuml;berdachte Taipeh Arena, die 12 192 Menschen aufnimmt. Fast 30 000 Menschen, die an einem Abend Gustav Mahler h&amp;ouml;ren, 30 000, die am anderen Abend Bruckners Musik aufsaugen wie ein Schwamm das Wasser. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Von Regen zu sprechen ist untertrieben. Es sch&amp;uuml;ttet aus milchigem Himmel. Wenn es aufh&amp;ouml;rt, h&amp;uuml;llt Nebel die Hochh&amp;auml;user ein, und Dunst quillt durch die Stra&amp;szlig;en, mischt sich mit dem Duft von R&amp;auml;ucherwerk aus dunklen, ebenerdigen Wohnzimmertempeln, in denen Tische sich biegen unter der Last der Opfergaben: Mehl und Kekse, Reis, Bananen, Fett und Papaya. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kauf eine Kerze, und gib sie Xiahai, dem Stadtgott, oder Matsu, dass sie dich sch&amp;uuml;tzen, oder bes&amp;auml;nftige die Geister der Ahnen. Geh in den Longshan-Tempel, geh auf die Knie, und wirf die roten Halbmonde aus Holz, so werden die Geister dir sagen: Tu dies, jenes aber lass sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; 128 Musiker in Taipeh. Alles, was sie sehen, riechen, so hat Simon Rattle gesagt, geht ein in die Musik. Die Stadt &amp;uuml;berfordert die Sinne fast. In Taiwan werden unz&amp;auml;hlige G&amp;ouml;tter und Geister verehrt. Daoisten, Buddhisten, Muslime, Christen und Juden d&amp;uuml;rfen frei ihren Glauben leben, so schreibt es die Verfassung fest. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gustav Mahler in Taipeh wird zum Wunder. Warum hier? Vielleicht drei Minuten des ersten Satzes sind gespielt, dann: Der Auftakt einer Viertelnote, wie ein langer Seufzer nach sehr tiefem Einatmen. Er l&amp;ouml;st pl&amp;ouml;tzlich die Begrenzung der Zeit auf, und jeder Ausdruck nimmt sich von nun an wie von selbst die Zeit, die er braucht. Wehmutsvolles Todeslied. Simon Rattle gelingt es, loszulassen und Raum zu geben und: ES spielt. Durch alle vier S&amp;auml;tze hindurch spielen sie, als balancierten sie auf schmalem Grat, immer kurz vor dem Sturz ins Bodenlose. [seitenumbruch title=&quot;Janne Saksala: Kontrabass, Haare so lang wie ein finnischer M&amp;auml;rchentroll.&quot;] &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/40577.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Alles, was sie auf der Reise riechen und sehen, so hatte Simon Rattle     gesagt, wird eingehen in ihre Musik - vielleicht auch die Erinnerung an dieses Bild: Alexander von Puttkamer mit Tuba, gespiegelt im Foyer des Konzertsaals in Peking. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Man schaut aufs Orchester, sieht in die Gesichter. Es muss gef&amp;auml;hrlich sein, da jetzt zu sitzen, denkt man, in dieser Energie, die fast ersch&amp;uuml;tternd ist. B&amp;auml;ume st&amp;uuml;rzen um, Br&amp;uuml;cken krachen in Str&amp;ouml;me, Fr&amp;ouml;hlichkeit kippt in den Wahnsinn. Und dann das Schluss-Adagio, das ins Nichts geht, das die Aufl&amp;ouml;sung aller irdischen Bindungen so z&amp;auml;rtlich vorwegnimmt, dass der Tod einem nichts anhaben kann. Stille.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dass dieses Wunder nicht nur im Konzertsaal, sondern auch in der Arena geschieht, liegt nicht nur an der Qualit&amp;auml;t der &amp;Uuml;bertragung, sondern daran, dass die Menschen hier offenbar f&amp;auml;hig sind zu gro&amp;szlig;er Konzentration. 12 192, auch Kinder, h&amp;ouml;ren 90 Minuten lang Mahlers 9. Symphonie. Niemand redet, knistert, isst oder trinkt oder hustet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eskortiert von der Polizei wird ein Bus mit den Musikern gleich nach Ende des Konzerts in die Arena gefahren. Und da feiern sie ihre Helden mit Sprechch&amp;ouml;ren, rufen: &amp;raquo;Bravo, bravo, wir lieben euch! Taipeh liebt euch!&amp;laquo; Sp&amp;auml;ter, im Bus zum Hotel, sagt Dominik Wollenweber: &amp;raquo;Ich wei&amp;szlig; auch nicht, was die hier haben mit uns, aber irgendwie zehre ich von solchen Momenten.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Martin Stegner sagt: &amp;raquo;Ist doch verr&amp;uuml;ckt, wir spielen oft vor Leuten, die das Konzert kaputt husten und aus Statusgr&amp;uuml;nden hingehen. Leben aber musst du vom Feedback derer, die du normalerweise gar nicht siehst.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vierter Satz, gro&amp;szlig;er Ton, &lt;em&gt;molto adagio&lt;/em&gt;. Japan.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es hei&amp;szlig;t, Tokio sei dunkler geworden, aber wenn man oben steht und schaut, in der Bar des &amp;raquo;Park Hyatt&amp;laquo;, 52. Etage, auf das Meer der nerv&amp;ouml;sen Lichter, da wo Scarlett Johansson und Bill Murray sich &lt;em&gt;Lost in Translation&lt;/em&gt; fanden, wenn man da steht, in der Nacht, mit Janne Saksala, Kontrabass, Haare so lang wie ein finnischer M&amp;auml;rchentroll, dann denkt man: Heller geht&amp;rsquo;s doch nun wirklich nicht. Dann denkt man an die t&amp;auml;gliche B&amp;ouml;rsenpredigt: Die M&amp;auml;rkte in Asien tendieren so und so, schw&amp;auml;cher oder st&amp;auml;rker, heller oder dunkler tendieren sie. Aha. Das hier also, was unter einem so rumzuckt, das m&amp;uuml;ssen sie sein, die M&amp;auml;rkte in Asien. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Janne Saksala liebt diese Bar, weil er den Film liebt, und er will hier fotografieren, weil das sein Hobby ist. Er bestellt Caipirinha. &amp;raquo;Im Grunde ist das Gratiswerbung f&amp;uuml;r Deutschland, wenn wir reisen&amp;laquo;, sagt er in den Rauch seiner Zigarette hinein, &amp;raquo;gerade hier in Japan, wo so viele Orchester abgesagt haben nach Fukushima. Aber Musik darf eigentlich nichts mit Business zu tun haben.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Viele haben abgesagt, und den Dank daf&amp;uuml;r, dass sie trotz allem angereist sind, bekommen die Berliner in Japan &amp;uuml;berall zu sp&amp;uuml;ren, im Hotel, beim Signieren nach den Konzerten in der Suntory-Halle, und in Sendai, wo das Philharmonische Bl&amp;auml;serquintett vor Kindern spielt, deren Eltern die Flutwelle mit sich riss. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Stadt ist dunkler geworden, sagen diejenigen, die Tokio kennen, wie es vor dem Ungl&amp;uuml;ck von Fukushima war, vor dem Tsunami. Und tats&amp;auml;chlich ist es so, dass die Regierung die Unternehmen aufgefordert hat, 15 Prozent Strom einzusparen. Aber sie sparen das Doppelte. Es ist ja trotzdem hell. Kurz vor der Landung hatte Martin Hoffmann, der Intendant, eine Durchsage gemacht: Tee solle man nicht trinken, Algen und Pilze meiden, sonst alles unbedenklich, nur n&amp;ouml;rdlich von Tokio gebe es erh&amp;ouml;hte Radioaktivit&amp;auml;t. Fukushima ist 240 Kilometer entfernt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In der Suntory-Halle spielen sie drei Abende, und hier wird Toshio Hosokawa f&amp;uuml;r sein Hornkonzert nat&amp;uuml;rlich bejubelt. An der Garderobent&amp;uuml;r des Solisten Stefan Dohr steht &amp;raquo;Stefan Dohl&amp;laquo;, und jemand hat dann versucht, mit einem Bleistift das &amp;raquo;l&amp;laquo; noch in ein &amp;raquo;r&amp;laquo; zu verwandeln. Die Karten jedenfalls waren im Nu verkauft. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kiyoko Sugiya, eine schmale Frau um die f&amp;uuml;nfzig, hat zwei Stunden am Telefon in der Warteschleife gehangen, erz&amp;auml;hlt sie, und als endlich jemand abnahm, denken Sie nur, da war ausverkauft. Kiyoko Sugiya steht im &amp;raquo;ancaf&amp;eacute;&amp;laquo;, einer Konditorei, winziger Raum voller Torten, im Stadtteil Okusawa. Dominik Wollenweber, das Englischhorn, der die Schwester der Besitzerin kennt, war gefragt worden, ob er nicht dort spielen k&amp;ouml;nne. Ein oder zwei Musiker, ein kleines Konzert. Honorare k&amp;ouml;nne man nicht zahlen, daf&amp;uuml;r Kuchen als Lohn, der beste in Tokio. Und so stehen sie da: Wollenweber und Manfred Preis. Sie spielen Johann Sebastian Bach. Wollenweber, der zwei Meter vier misst, st&amp;ouml;&amp;szlig;t an die Lampe des gekalkten Raumes. Der Ton, der zu gro&amp;szlig; ist, st&amp;ouml;&amp;szlig;t gegen die W&amp;auml;nde, weicht aus auf die Stra&amp;szlig;e, wo auch noch Menschen stehen, zwanzig vielleicht. In Anz&amp;uuml;gen kommen sie, mit Krawatten, die Frauen in feinen Kost&amp;uuml;men. Stehen da, aufrecht, mit tonlosem Weinen. Als br&amp;auml;che er hier alles wieder auf, dieser Deutsche aus Th&amp;uuml;ringen, dieser Bach, in seiner Klarheit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Ich hatte so eine wahnsinnige Angst bei dem Beben&amp;laquo;, sagt Jo Komatsu und h&amp;auml;lt sich an seiner Aktentasche fest. Er ist selbst Klarinettist. &amp;raquo;In den Wochen danach war ich nicht f&amp;auml;hig, Musik zu machen. Nichts ist gut, nichts geheilt, aber wir leben einfach so weiter.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Schlange kriecht ohne Koffer, aber weil Berlin-Tegel baukastenklein ist, kommt das Gep&amp;auml;ck so schnell, wie es in Peking, selbst bei gutem Willen, nie h&amp;auml;tte kommen k&amp;ouml;nnen. 128 Philharmoniker und Simon Rattle stehen am Band und warten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der letzte Abend, Mahler in Tokio, war entr&amp;uuml;ckend. Bei der Abschlussparty, nach dem Konzert, hat Rattle sich bei den Musikern bedankt. &amp;raquo;Manchmal stehe ich vorn und kann nicht glauben, was ich da h&amp;ouml;re.&amp;laquo; Das hat er gesagt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Koffer kommen, sind schwerer als auf dem Hinflug. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dominik Wollenweber hat ein gut handhabbares Schwei&amp;szlig;ger&amp;auml;t f&amp;uuml;r K&amp;uuml;chenfolien gekauft, Manfred Preis eine kleine solarbetriebene Gebetsm&amp;uuml;hle. Martin Stegner fand eine H&amp;uuml;lle f&amp;uuml;r sein iPad, Simon Rattle Magnete f&amp;uuml;r den K&amp;uuml;hlschrank seiner Schwiegermutter. Daniele Damiano, Fagott, wuchtet eine Klobrille vom Band, beheizbar und mit Bidet-D&amp;uuml;sen, die auf Knopfdruck ausfahren wie die Arme eines zarten, aber verl&amp;auml;sslichen Roboters. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was sie sonst mitgebracht haben, wird man h&amp;ouml;ren.&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Unter Freunden</dc:subject>
    <dc:creator>Renate Meinhof</dc:creator>
    <dc:date>2012-01-23T11:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36635">
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    <title>»Sechs Häuser – das reicht«</title>
    <description>&lt;p&gt;Ein Gespr&amp;auml;ch mit dem begeisterten Immobilienbesitzer Sting.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39054.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interessant: Noch vor en paar Jahren war Stings Bart wei&amp;szlig;grau. Heute ist er braun. Liegt's an der gesunden Arbeit im eigenen Weinberg?&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin: Sie feiern gerade 25 Jahre Solokarriere. Angenehmer Effekt einer so langen Laufbahn: Da kommt ordentlich Geld in die Kasse.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sting:&lt;/strong&gt; Ich kann nicht klagen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ihr Verm&amp;ouml;gen soll um die 200 Millionen Euro betragen. Wie legen Sie das Geld an?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In H&amp;auml;usern. Wie die meisten Leute aus der Arbeiterklasse, die zu Geld kommen, misstraue ich Aktien und Anleihen und Fonds und all diesen Anlagen, die die Finanzindustrie anbietet. Also investiere ich mein Geld in etwas, was ich anfassen kann. In Steine.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber Sie setzen nicht auf Investorenprojekte, sondern kaufen Wohnh&amp;auml;user, in denen Sie mit Ihrer Familie leben.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, das erscheint mir sinnvoller. Leider habe ich nicht genug Zeit, alle H&amp;auml;user regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig zu besuchen. Momentan halte ich mich meistens in meiner Wohnung in New York auf. Seltener in Malibu oder in der Karibik.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Reihe nach: Wo stehen Ihre H&amp;auml;user?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mir geh&amp;ouml;ren ein Landsitz in der Toskana, ein weiterer Landsitz westlich von London in Wiltshire, ein Apartment in New York, ein Stadthaus in London, ein Strandhaus in Malibu und eine Villa in der Dominikanischen Republik. Sechs H&amp;auml;user &amp;ndash; das reicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und da kommen garantiert keine neuen mehr dazu?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ach, die meisten habe ich seit mehr als zwanzig Jahren. Ich h&amp;auml;nge an ihnen, ich bin kein Spekulant. Viele H&amp;auml;user befinden sich an Orten, wo ich mich zum Arbeiten aufhalte: Los Angeles, New York, London. Ich verbringe genug Zeit in Hotels und bin gl&amp;uuml;cklich &amp;uuml;ber jeden Abend, den ich in einem Zuhause mit meinen B&amp;uuml;chern und mit meiner Kunst und mit einem meiner Hunde verbringen kann. Dann f&amp;uuml;hle ich mich, als w&amp;uuml;rde ich ein normales Leben f&amp;uuml;hren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum leben Sie die meiste Zeit in New York?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mein j&amp;uuml;ngster Sohn geht da zur Schule, also wollen wir noch zwei Jahre unseren Lebensmittelpunkt in New York haben. Sobald er das Haus verl&amp;auml;sst, werden meine Frau und ich in Ruhe &amp;uuml;berlegen, wo wir die n&amp;auml;chste Zeit verbringen wollen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche Eigenschaften muss eine Immobilie besitzen, damit Sting sich darin zu Hause f&amp;uuml;hlt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sie muss gro&amp;szlig; sein, ich habe gern Auslauf. Am besten muss sie aus verschiedenen Fl&amp;uuml;geln bestehen, die &amp;uuml;ber lange Flure miteinander verbunden sind. Wir empfangen h&amp;auml;ufig G&amp;auml;ste, auch meine sechs Kinder kommen mit ihren Partnern zu Besuch. Ideal ist ein gro&amp;szlig;er Garten, in dem ich mich aufhalten kann, ohne mich wie ein Prominenter benehmen zu m&amp;uuml;ssen. Privatsph&amp;auml;re ist mir wichtig, und die kann ich nur haben, wenn ich sicher bin, dass kein Fotograf sein Objektiv auf mich richtet. Wenn ein Haus so ruhig ist wie ein Sanatorium, kann ich darin entspannen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Au&amp;szlig;erdem brauchen Sie ein Schachbrett und ein Tonstudio, hei&amp;szlig;t es.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, Schachbretter stehen &amp;uuml;berall herum, in der Toskana habe ich eines in den Boden der Terrasse einarbeiten lassen. Tonstudios haben nur die Toskana und Wiltshire.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie entdecken Sie Ihre H&amp;auml;user? Beauftragen Sie Makler, oder suchen Sie selbst?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jedes Haus hat seine eigene Geschichte: In Malibu suchte ein Makler, das ging schnell und unkompliziert. In der Toskana wollte ich etwas kaufen, seit ich dort 1990 das Album &lt;em&gt;The Soul Cages&lt;/em&gt; aufgenommen hatte. Meine Frau Trudie und ich suchten jahrelang. Im Sommer 1997 wollten wir gerade abreisen, als wir von Il Palagio in der N&amp;auml;he von Florenz h&amp;ouml;rten. Trudie wollte gar nicht mehr hin, sie war m&amp;uuml;de, aber ich habe sie &amp;uuml;berredet. Die Familie, die dort seit Jahrhunderten ans&amp;auml;ssig war, wollte verkaufen. Wir konnten kaum glauben, wie sch&amp;ouml;n es dort ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die meisten Leute sind mit einer Immobilie ausgelastet. St&amp;auml;ndig geht was kaputt. Wie halten Sie es mit sechs H&amp;auml;usern aus?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Meine Angestellten erledigen alles. Jedes Haus hat G&amp;auml;rtner, Techniker, Putzfrauen. Das ist nicht billig, aber nat&amp;uuml;rlich geht es nicht anders. Ich helfe auf diese Weise der Wirtschaft.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Gegen schlechte Kritiken bin ich immun, ich habe zu viele davon gelesen&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Arbeitet in jedem Haus ein Koch?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, unser Koch Joe Sponzo reist immer mit uns. Seit 1992. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie viele Leute arbeiten denn insgesamt f&amp;uuml;r Sie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die genaue Zahl kenne ich nicht. Ich gebe eine Menge Geld daf&amp;uuml;r aus, meine H&amp;auml;user in Schuss zu halten. Aber ich bin der Ansicht, dass Geld daf&amp;uuml;r da ist, ausgegeben zu werden. Einen anderen Zweck hat es nicht. Ich sehe keinen Sinn darin, Geld zu horten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Es kommt ja st&amp;auml;ndig neues Geld rein. Allein mit den Tantiemen f&amp;uuml;r  den Song &lt;em&gt;Message In A Bottle&lt;/em&gt; sollen Sie t&amp;auml;glich tausend Dollar einnehmen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auch diese Zahlen kenne ich nicht genau.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie viele Anrufe kriegen Sie pro Woche, bei denen es um Probleme in Ihren H&amp;auml;usern geht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;So gut wie keine.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn in der Toskana die Heizung im Pool ausf&amp;auml;llt oder in der Dominikanischen Republik ein Sturm die Ziegel vom Dach bl&amp;auml;st, bekommen Sie davon nichts mit?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In allen H&amp;auml;usern habe ich Leute, die exzellente Arbeit machen. Ich behandle meine Angestellten gut, und deswegen m&amp;ouml;chten sie ihre Jobs behalten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kommen Sie &amp;uuml;berall gut mit den Nachbarn aus? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In Gro&amp;szlig;st&amp;auml;dten muss man sich weniger darum sorgen, aber in einem kleinen Dorf in der Toskana ist es entscheidend, ein gutes Verh&amp;auml;ltnis zu den Menschen im Ort zu pflegen. Wir laden mehrmals im Jahr zu gro&amp;szlig;en Festen ein, wo Freunde von mir auftreten und das ganze Dorf in den Genuss eines Privatkonzerts kommt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Madonna schaut angeblich ab und zu zum Yoga vorbei.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sagen wir so: Meine Frau betreibt eine Yoga-Schule auf dem Anwesen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach welcher Philosophie geht der Innenarchitekt Sting vor, wenn er ein Haus einrichtet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich halte mich zur&amp;uuml;ck und orientiere mich an dem, was schon da ist. Ich mag es einfach und durchdacht, jedes Haus soll seinen Charakter behalten. Malibu ist nat&amp;uuml;rlich moderner eingerichtet als das Lake House in Wiltshire, das im elisabethanischen Stil erbaut ist und auf der Liste der wertvollsten Baudenkm&amp;auml;ler Englands steht. Das Haus in Italien, in Figline Valdarno, ist ein Bauernhof, dessen Fundament aus dem 16. Jahrhundert stammt. Die Familie, der das Haus einst geh&amp;ouml;rte, k&amp;uuml;mmert sich jetzt immer noch darum, in meinem Auftrag. Die Leute sind so verwurzelt mit dem Hof, dass sie ihn behandeln, als geh&amp;ouml;re er ihnen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zu den Anwesen in Wiltshire und Italien geh&amp;ouml;ren auch L&amp;auml;ndereien.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In der Toskana bewirtschaften wir etwa 370 Hektar. Wir bauen unseren eigenen Wein an und z&amp;uuml;chten Tiere. Wir produzieren Fleisch und K&amp;auml;se, Honig, Gem&amp;uuml;se und Oliven.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;K&amp;ouml;nnen Sie Wein keltern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe Experten auf dem Hof, von denen ich schon viel lernen durfte. Wir schlagen uns sehr gut. 2007 haben wir unseren ersten Jahrgang produziert, &lt;em&gt;Sister Moon&lt;/em&gt;, f&amp;uuml;nfzig Prozent Sangiovese, verschnitten mit je einem Viertel Merlot und Cabernet. Im vergangenen Jahr bekamen wir daf&amp;uuml;r vom amerikanischen Magazin &lt;em&gt;Wine Spectator&lt;/em&gt; 96 Punkte, vom &lt;em&gt;Wine Advocate&lt;/em&gt; 92. Das ist, als h&amp;auml;ttest du im Zeugnis nur Einser. Der andere Wein ist ein sortenreiner Sangiovese. Bisschen einfacher, aber auch lecker.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Sister Moon&lt;/em&gt;, Sie benennen Ihre Weine nach Ihren eigenen Liedern &amp;ndash; ganz sch&amp;ouml;n eitel, oder?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ach was. In diesem Fall hat der Name eine andere Bedeutung. Wir bauen biodynamisch an, nach den Regeln Rudolf Steiners. Klingt wie Voodoo, funktioniert aber. Wir haben das Land 1997 gekauft und zehn Jahre lang den Mutterboden gereinigt, wir haben Kuhh&amp;ouml;rner vergraben und orientieren uns an den Mondphasen. Jede Traube bekommt die perfekte Menge Sonne, Wind und Wasser, dann pfl&amp;uuml;cken wir sie quasi einzeln per Hand. Das ist nicht billig, lohnt sich aber.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vor einigen Jahren haben Sie Journalisten in Ihre Villa in Highgate eingeladen, denen befrackte Diener Tee servierten. Das brachte Ihnen jede Menge H&amp;auml;me ein.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gegen schlechte Kritiken bin ich immun, ich habe zu viele davon gelesen. Ich entdecke aber auch ab und zu positive Meinungen &amp;uuml;ber mich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Frau Trudie tritt als Aktivistin gegen die &amp;Ouml;lindustrie an, Sie sind ein gro&amp;szlig;er K&amp;auml;mpfer f&amp;uuml;r den Regenwald. Passt Ihr Lebensstil zu diesen Hobbys?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir kaufen alte H&amp;auml;user und pflegen sie, wir kaufen Land, um die Qualit&amp;auml;t der Erde zu verbessern, und alles, was wir mit dem Boden tun, steht im Einklang mit der Natur. Mir egal, falls jemand was dagegen hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Sechs Häuser – das reicht«</dc:subject>
    <dc:creator>Lars Jensen (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2011-11-30T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

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    <title>Nicht immer nur das alte Lied</title>
    <description>&lt;p&gt;Die Sopranistin Christine Sch&amp;auml;fer w&amp;uuml;rde die Klassikwelt gern umkrempeln &amp;ndash;      mehr Pop, mehr Experiment, mehr Vielfalt. Sagen wir so: Es gibt      leichtere Aufgaben.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39034.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Inszenierung einer Operndiva: Die Sopranistin Christine Sch&amp;auml;fer hat ein Album mit Opernarien aufgenommen und zeigt sich auf den Fotos f&amp;uuml;r ihre Verh&amp;auml;ltnisse ungew&amp;ouml;hnlich aufgedonnert.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Singen &amp;ouml;ffnet das Herz. Und wenn jemand so unb&amp;auml;ndig anr&amp;uuml;hrend singt vom Sturm, vom Schnee und den gefrorenen Tr&amp;auml;nen wie Christine Sch&amp;auml;fer in Franz Schuberts &lt;em&gt;Winterreise&lt;/em&gt;, muss man aufpassen, dass es einen nicht zerrei&amp;szlig;t. Auch wenn man bis dahin kein Liebhaber des klassischen Liedes war. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Christine Sch&amp;auml;fers Stimme ist leicht, zart, voller Spannung. Und ihre Erscheinung passt zur Stimme. Sie ist klein, lebendig, ungeschminkt, und sie wirkt viel j&amp;uuml;nger als 46. Es ist Mittagszeit, sie hat eine kleine Tagesbar in Berlin-Mitte f&amp;uuml;r ein Treffen vorgeschlagen, schr&amp;auml;g gegen&amp;uuml;ber ihrer Wohnung. Sie kommt in herbstlicher Weste und hohen Stiefeln, tr&amp;auml;gt Beige, was man als Statement betrachten k&amp;ouml;nnte. Denn auch wenn Christine Sch&amp;auml;fer zu den weltbesten Sopranistinnen z&amp;auml;hlt, ist es nicht ihr Stil aufzufallen. Sie ist das Gegenteil einer Operndiva.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Tats&amp;auml;chlich ist sie, jenseits der Klassikszene, nahezu unbekannt, im Gegensatz beispielsweise zu einer Sopranistin wie Anna Netrebko. Doch die Kritiker machten Sch&amp;auml;fer 2006 zur &amp;raquo;S&amp;auml;ngerin des Jahres&amp;laquo;, nachdem sie mit Netrebko in Mozarts Oper &lt;em&gt;Die Hochzeit des Figaro&lt;/em&gt; gesungen hatte, Christine Sch&amp;auml;fer den Cherubino, Netrebko die Susanna. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun hat sie eine CD mit Opernarien aufgenommen, singt zurzeit in Berlin die Violetta in &lt;em&gt;La Traviata&lt;/em&gt;, wird seit zwanzig Jahren an die gro&amp;szlig;en, die internationalen Opernb&amp;uuml;hnen geholt, arbeitet mit Dirigenten wie Claudio Abbado, Pierre Boulez, Nikolaus Harnoncourt, Sir Simon Rattle, James Levine &amp;ndash; und so oft schon ist sie im Sommer in Salzburg aufgetreten, dass die Festspiele ohne sie gar nicht denkbar w&amp;auml;ren.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber Christine Sch&amp;auml;fer vertr&amp;auml;gt den Rummel nicht, nach einer Vorstellung will sie Ruhe haben, eine Stunde, bis sie wieder ansprechbar ist. &amp;Uuml;ber ihr Privatleben schweigt sie und erz&amp;auml;hlt viel lieber, dass es ihr Traum w&amp;auml;re, mit der intellektuellen Alternative-Rock-Band Radiohead Musik zu machen: &amp;raquo;Pop und Klassik m&amp;uuml;ssten viel mehr verschmelzen&amp;laquo; sagt sie, &amp;raquo;aber die Welt der Klassik ist leider nicht offen, auf der Seite des Pop passiert da mehr.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie bestellt ein Sandwich, scharfe Salami und Rucola, sie ist ausgehungert, &amp;raquo;ich habe beide Essensschienen verpasst heute&amp;laquo;. Das Lachen kommt aus der Kehle, ein vertontes Schmunzeln. Weiche Stimme, flie&amp;szlig;ende Bewegungen, fester Blick aus dem kleinen, kecken Gesicht, &amp;uuml;ber das manchmal ein halb ironisches L&amp;auml;cheln fliegt. F&amp;uuml;r ihre ostentative Hinwendung zur Pop- und Subkultur ist sie von der Kritik schon hart abgestraft worden: Sie tummle sich da in einer Kunstecke, die auch zur Zelle werden k&amp;ouml;nnte &amp;ndash; ob sie da wohl noch den Weg zur&amp;uuml;ckfinde?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Doch es gibt keinen Weg zur&amp;uuml;ck f&amp;uuml;r sie. Christine Sch&amp;auml;fer hat eine Mission: Sie tritt ein f&amp;uuml;r Freiheit und Vielfalt im Gesang. Die Orchester spielen so laut heute, sagt sie, dass man sich als S&amp;auml;ngerin an die Rampe stellen und br&amp;uuml;llen und ziemlich auf die Tube dr&amp;uuml;cken muss, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Also tritt sie ein f&amp;uuml;r eine leisere Welt, so sagt sie es, in der auch weniger opulente, leichte Stimmen geh&amp;ouml;rt werden. Und sie tritt ein f&amp;uuml;r die strenge Textinterpretation, die ihr mehr bedeutet als die gro&amp;szlig;en Gef&amp;uuml;hle. &amp;raquo;Wenn man die Augen schlie&amp;szlig;t und zuh&amp;ouml;rt und versteht, ist mir das lieber, als wenn einer vorn die Arme ausbreitet, die hohen T&amp;ouml;ne rausschmettert, und alles klingt gleich.&amp;laquo; Auch diese Haltung ist ihr schon ver&amp;uuml;belt worden, &amp;raquo;K&amp;uuml;hlschrank&amp;laquo; hat man sie genannt. &amp;raquo;Es kommt nicht bei allen gut an, dass ich auf der B&amp;uuml;hne nicht den gro&amp;szlig;en Rabatz mache&amp;laquo;, sagt sie. &amp;raquo;Aber es gibt ja auch Leute, die auf Hansi Hinterseer stehen und nicht auf Radiohead.&amp;laquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Christine Sch&amp;auml;fer wurde 1965 in Frankfurt geboren, Ihre Familie waren alteingesessene Metzger. Ihre Mutter war S&amp;auml;ngerin im Chor, sie selbst interessierte sich schon in ihrer Jugend f&amp;uuml;r moderne Opernkompositionen, lernte Cello und Klavier, war zu faul, um mit einem Instrument richtig gut zu werden. Aber die Musik sollte es sein. Vor dem Abitur brach sie die Schule ab und ging nach Berlin, um Gesang zu studieren. 1988 gab sie mit der Urauff&amp;uuml;hrung von Aribert Reimanns &lt;em&gt;Nacht-R&amp;auml;ume&lt;/em&gt; bei den Berliner Festwochen ihr Deb&amp;uuml;t, den internationalen Durchbruch hatte sie 1995 bei den Salzburger Festspielen mit Alban Bergs &lt;em&gt;Lulu&lt;/em&gt;.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Album &lt;em&gt;Arias&lt;/em&gt;, das in diesen Tagen erscheint, ist nun ein Querschnitt dessen, was sie bisher an der Oper gemacht hat, und ein bisschen mehr: &amp;raquo;Ich singe auch Arien, die ich auf der B&amp;uuml;hne nie singen w&amp;uuml;rde, wie die der Desdemona im &lt;em&gt;Otello&lt;/em&gt;.&amp;laquo; Die Idee dazu, ihre Lieblingsarien aufzunehmen, hatte sie schon lange, fand es aber ohne Plattenfirma schwierig, alles auf die Beine zu stellen: einen Dirigenten, ein ganzes Orchester, den Aufnahmesaal. Ihre alte Plattenfirma, die Deutsche Grammophon, hatte sie vor ein paar Jahren kurzerhand verlassen &amp;ndash; man wollte sie auf Linie bringen und erwartete PR-Auftritte. Danach produzierte Christine Sch&amp;auml;fer Alben wie &lt;em&gt;Winterreise&lt;/em&gt; selbst, das war aufwendig und riskant, aber wenigstens konnte sie machen, was sie wollte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor Kurzem dann signalisierte Sony Interesse. Und die Plattenfirma lie&amp;szlig; sie gew&amp;auml;hren, sodass sie nun ein Album produziert hat, wie sonst Popbands Platten machen: Sie hat ihr Ding durchgezogen, wieder in ihrem Lieblingsstudio in Berlin, in dem sie sich unter 15 alten R&amp;ouml;hrenmikrofonen das passende aussuchen kann, &amp;raquo;das finde ich wichtig&amp;laquo;. Und nat&amp;uuml;rlich singt sie die Arien auf ihre Art: zur&amp;uuml;ckgenommen, nicht nach au&amp;szlig;en gekehrt. &amp;raquo;Gerade im italienischen Fach steht mir der S&amp;auml;nger zu sehr im Vordergrund, es z&amp;auml;hlt nicht das, was wirklich in den Noten steht. Da bin ich relativ puristisch, das wollte ich ein bisschen von meiner Seite aus beleuchten&amp;laquo;, sagt sie, und da ist es wieder, das leise, ironische L&amp;auml;cheln. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie sie die Dinge beleuchtet, kann man auch sehr gut beim Unterricht in ihrer Meisterklasse beobachten, die sie in diesem Jahr zum ersten Mal an der Hochschule f&amp;uuml;r Musik in Berlin leitet. Zehn junge S&amp;auml;nger und S&amp;auml;ngerinnen sind hier, am Gendarmenmarkt, zusammengekommen, um alte Lieder zu singen, Brahms, Schubert, Schumann, Mendelssohn. Und es ist beinahe unglaublich, wie anders ein Lied klingt, nachdem Sch&amp;auml;fer ihre zwei, drei Anmerkungen zu den S&amp;auml;ngern gemacht hat: Was leise und was laut gesungen werden soll, wo mehr Tempo reinmuss, wo weniger Stimme, wo der Gesang trockener, wo er neckischer sein soll. &amp;raquo;Sie m&amp;uuml;ssen f&amp;uuml;hlen, dass der Fr&amp;uuml;hling kommt&amp;laquo;, sagt sie. Oder: &amp;raquo;Den Schnee und den Wind ruhig angeberischer singen, dann klingt es bedrohlicher.&amp;laquo; &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Die Musik hat mich getragen&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39035.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;In natura sieht Christine Sch&amp;auml;fer so aus wie auf diesem Bild. Sie singt gern morgens unter der Dusche, aber niemals im Auto &amp;ndash; da stimmt die Akustik nicht.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Sch&amp;uuml;ler sollen sich die Geschichten erz&amp;auml;hlen, die Grammatik der Texte verstehen, die Dramatik der gerollten R voll ausnutzen, die Stimme vor der Brust tragen, &amp;raquo;dann hat sie viel mehr Glanz&amp;laquo;. Der S&amp;auml;nger muss entscheiden, welche Gef&amp;uuml;hle ein Lied im H&amp;ouml;rer wecken soll, sagt sie. &amp;raquo;Sie m&amp;uuml;ssen eine Haltung dem Lied gegen&amp;uuml;ber haben, sonst geht der Zuschauer nicht mit.&amp;laquo; Sie verr&amp;auml;t Tricks: &amp;raquo;Wenn Sie etwas nicht k&amp;ouml;nnen, versuchen Sie es nicht! Wenn Sie spannend leise singen, denkt jeder, Sie k&amp;ouml;nnen laut singen, wollen aber nicht.&amp;laquo; Und immer wieder predigt sie ihr Mantra: Weg mit Bausch und Schn&amp;ouml;rkel, sauber, pr&amp;auml;zise, ehrlich singen, dann kommen die traurigen oder lustigen oder dramatischen Stellen besser raus. Und man versteht die Texte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Christine Sch&amp;auml;fer, eine leichte Brille auf der Nase, wieder in Beige und ungeschminkt, sitzt mit geradem R&amp;uuml;cken auf dem Stuhl, hochkonzentriert. Sie lobt, baut freundlich und warm Kritik ein, ist witzig, schnell, unterhaltsam. &amp;raquo;Wie unterschiedlich die Begabungen verteilt sind&amp;laquo;, sagt sie sp&amp;auml;ter. &amp;raquo;Da hat einer eine wundersch&amp;ouml;ne Stimme, aber sonst passiert nichts. Dann steht eine da, und alle schmelzen dahin, aber man ertr&amp;auml;gt kaum, wie sie singt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Den Sch&amp;uuml;lern legt sie ans Herz, jetzt viel zu &amp;uuml;ben. Wenn man fr&amp;uuml;h im Leben viel trainiere, habe man eine gute Basis und k&amp;ouml;nne sp&amp;auml;ter l&amp;auml;ssiger sein. Sie selbst singt, wenn sie nicht gerade eine Partitur neu lernt, eine Stunde am Tag, mehr nicht. Und wenn sie, wie jetzt, die Violetta singt, macht sie keinen Pieps zwischendurch, denn die Stimme, im Unterschied zum Instrument, nutzt sich ab. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Christine Sch&amp;auml;fer sagt, sie selbst verbessere sich heute immer noch. Doch sie muss feststellen, dass j&amp;uuml;ngere S&amp;auml;nger jetzt begehrter sind an der Oper. &amp;raquo;Man muss etwas Besonderes machen in meinem Alter. Das, was ich jetzt zu sagen habe, muss sich unterscheiden von dem, was ich fr&amp;uuml;her zu sagen hatte. Daran arbeite ich gerade. Denn die Zeit zwischen 35 und 50 ist f&amp;uuml;r eine S&amp;auml;ngerin die schwierigste. Wenn ich mich jetzt zur&amp;uuml;ckziehen w&amp;uuml;rde, k&amp;auml;me ich nie wieder hoch.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mit ihrem inzwischen verstorbenen Lebensgef&amp;auml;hrten, dem Filmregisseur Oliver Herrmann, hat sie um die Jahrtausendwende etwas Besonderes gemacht: experimentelle, leicht surreale Musikfilme. Die &lt;em&gt;Dichterliebe&lt;/em&gt; nach Robert Schumann zum Beispiel. Im Film sieht man, wie Christine Sch&amp;auml;fer in einer Bar steht und die Lieder aus dem Zyklus singt, die wie die &lt;em&gt;Winterreise&lt;/em&gt; auch die Sicht eines Mannes schildern. Zuerst wirkt sie sehr androgyn dabei, dann wird sie immer sehns&amp;uuml;chtiger und lasziver. Dazwischengeschnitten ist ein Making-of, die Filmcrew isst, redet und dreht, es geht um Liebe und Eifersucht, die Ebenen flie&amp;szlig;en ineinander. Da sieht man ihn, den Mann, und man sieht, was zwischen ihnen beiden ist. Die Chemie, die stimmt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eigentlich guckt sie sich den Film nicht an, doch neulich hat sie ihn mal den beiden gemeinsamen T&amp;ouml;chtern gezeigt. Sie fanden ihn sturzlangweilig. Mit dem Vater und seinem Tod gehen sie alle mittlerweile gelassen um. &amp;raquo;Die Bude steht nicht voll mit Fotos. Ist nicht so, dass wir jeden Abend beten f&amp;uuml;r ihn.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Tag, als Oliver Herrmann 2003 &amp;uuml;berraschend an einem Zuckerschock starb, war Christine Sch&amp;auml;fer unterwegs, gab einen Liederabend in einer anderen Stadt und hatte die beiden Kinder dabei. Sie hat dann drei Monate Pause gemacht, getrauert, konnte keine Musik h&amp;ouml;ren, nur selbst singen ging gut. &amp;raquo;Da habe ich wahnsinnig viel gesungen. Die Musik hat mich getragen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Christine Sch&amp;auml;fer ist nun allein erziehende Mutter. Neun und elf sind die T&amp;ouml;chter, die eine ist ganz gro&amp;szlig;, die andere ganz klein, lange dunkle Haare haben beide und auf den ersten Blick nicht so viel &amp;Auml;hnlichkeit mit der Mutter, mehr mit dem Vater. Bis sie in die Schule kamen, hat sie sie oft mitgenommen, zum Beispiel nach Paris, als sie mit Gerard Mortier an der Pariser Oper arbeitete. Jetzt sind die M&amp;auml;dchen auf einer internationalen Schule in Berlin, betreut vom Kinderm&amp;auml;dchen, das eine volle Stelle hat bei Christine Sch&amp;auml;fer und sie praktischerweise auf dem Laufenden h&amp;auml;lt, was Popmusik betrifft. Die englische Band Psapp findet sie gut. Mit ihren T&amp;ouml;chtern muss sie sehr viel Lady Gaga und Katy Perry h&amp;ouml;ren, &amp;raquo;Rihanna finde ich ja noch ganz gut&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Jedes Wochenende fliegt die Mutter heim, wenn sie in einer anderen Stadt singt, um bei ihren Kindern zu sein, bei den Hausaufgaben zu helfen, das Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck zu machen, Normalit&amp;auml;t zu leben. Das w&amp;auml;re nat&amp;uuml;rlich nicht so, wenn die T&amp;ouml;chter mit einem Vater zu Hause w&amp;auml;ren. Am liebsten ist es ihr daher, in Berlin zu singen. Oder f&amp;uuml;r ein, zwei Liederabende irgendwo hinzufliegen. Wochenlange Opern-Engagements sagt sie h&amp;auml;ufig ab, seit die Kinder in der Schule sind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gerade war Christine Sch&amp;auml;fer ein paar Wochen mit den beiden am St&amp;uuml;ck zu Hause, endlich Alltag, Ruhe. In der Zeit kam zwar kein Geld rein, aber das Konto wurde auch nicht leerer, wie sonst wegen der vielen Wochenendfl&amp;uuml;ge. Finanziell geht es ihr am besten, wenn sie selten auftritt, l&amp;auml;chelt sie. &amp;raquo;Ich kann gut leben von meinem Gesang, aber es kostet mich viel zu arbeiten. Ich &amp;auml;rgere mich schon manchmal &amp;uuml;ber Gesetze wie das Ehegattensplitting, wenn ich diese enorm hohen Steuern bezahle.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn es geht, f&amp;auml;hrt sie am Wochenende mit den T&amp;ouml;chtern in ein Haus aufs Land, nach Brandenburg. Der Unterschied zwischen dem Morgen und dem Abend, dem Sommer und dem Winter, wann man welche Tiere sieht, all das hat ihren Horizont extrem erweitert, sagt sie. Und jetzt, mit der F&amp;auml;rbung der Bl&amp;auml;tter und B&amp;auml;ume, sp&amp;uuml;rt sie eine wohltuende N&amp;auml;he zu den klassischen Liedern mit ihren Naturbeschreibungen: &amp;raquo;Wie k&amp;ouml;nnen Leute sagen, diese alten Lieder haben keinen Bezug mehr zu heute?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Abschlusskonzert der Meisterklasse. Die jungen S&amp;auml;nger haben sich in Schale geworfen und zeigen dem Publikum, wie vielf&amp;auml;ltig Gesang sein kann. Unfassbar traurig das &lt;em&gt;Winterlied&lt;/em&gt; von Felix Mendelssohn Bartholdy, in dem die Mutter vergeblich auf die R&amp;uuml;ckkehr des Sohnes wartet. Unfassbar gut gelaunt das Brahmslied &lt;em&gt;Wir Schwestern zwei, wir Sch&amp;ouml;nen&lt;/em&gt;, das eine dunkelhaarige franz&amp;ouml;sische Sopranistin und eine fast wei&amp;szlig;blonde Finnin mit Altstimme im Duett singen. Unfassbar aber auch, wie zeitlos und poetisch die alten Lieder sind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Nicht immer nur das alte Lied</dc:subject>
    <dc:creator>Gabriela Herpell</dc:creator>
    <dc:date>2011-11-30T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>»Legen Sie sich nie mit dem Gitarristen an!«</title>
    <description>&lt;p&gt;Kaum eine Partnerschaft im Pop ist erfolgreicher als die der U2-Musiker Bono und The Edge. Aber deswegen gleich Freunde sein? Ein offenes Gespr&amp;auml;ch.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/38300.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bono und The Edge sitzen im Separee eines Restaurants in Toronto und studieren mit Kennermiene die Weinkarte. Am Vorabend hat das Toronto Film Festival mit &amp;raquo;From The Sky Down&amp;laquo; begonnen, einer melodramatischen Dokumentation &amp;uuml;ber die Entstehung des Albums &amp;raquo;Achtung Baby&amp;laquo; 1991 in Berlin. U2 standen damals kurz vor der Aufl&amp;ouml;sung, im Film ist nun zu sehen, wie sich die vier M&amp;auml;nner wieder zusammenrauften. Dem Regisseur Davis Guggenheim wurde Zugang zum kompletten Archiv der Band gew&amp;auml;hrt, so entstand ein &amp;uuml;berraschend offenherziger Film &amp;uuml;ber versiegende Kreativit&amp;auml;t und die Eitelkeiten junger M&amp;auml;nner, die zu schnell zu viel erreichten. Bono und The Edge, bei der Premiere anwesend, bekamen vom Publikum stehende Ovationen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was noch wichtig ist: Im Sommer ging ihre zweij&amp;auml;hrige &amp;raquo;360&amp;deg;&amp;laquo;-Tour zu Ende, es war wieder einmal die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te aller Zeiten, mit 7,1 Millionen Zuschauern und Einnahmen von &amp;uuml;ber 500 Millionen Euro. Der Wein wird eingeschenkt, Bono und The Edge riechen an ihren Gl&amp;auml;sern und warten grinsend auf die Fragen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin:&lt;/strong&gt; Gute Laune, die Herren?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Immer wenn wir eine Tour hinter uns haben, freue ich mich meines Lebens.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Publikum war gestern begeistert von dem Film &lt;em&gt;From The Sky Down&lt;/em&gt;. Gef&amp;auml;llt er Ihnen auch?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Sagen wir so: Der Film hat uns &amp;uuml;berrascht. Der Regisseur Davis Guggenheim hat das Dilemma, in dem wir damals gesteckt haben, zu einer allgemeing&amp;uuml;ltigen Geschichte verarbeitet. Wir hatten ihm w&amp;auml;hrend des Schnitts ein paar Ideen und Vorschl&amp;auml;ge geschickt &amp;ndash; er ignorierte sie. Jetzt ist es ein Davis-Guggenheim-Film, kein U2-Film. Umso besser.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; F&amp;uuml;r mich war es schmerzhaft, im Kino zu sitzen. Ich hasse es, mich zu erinnern. Ich h&amp;ouml;re unsere alten Alben nie und blicke nicht zur&amp;uuml;ck, weil ich immer zusammenzucke, so schlecht finde ich unsere Musik.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Das meint er ernst. Er hasst fast alle Lieder von U2.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Aber jetzt haben wir die unver&amp;ouml;ffentlichten St&amp;uuml;cke und Versionen von &lt;em&gt;Achtung Baby&lt;/em&gt; f&amp;uuml;r eine Jubil&amp;auml;umsedition des Albums gesammelt, und einige Songs gefallen mir geradezu. &lt;em&gt;Heaven And Hell, Blow Your House Down&lt;/em&gt;. Sogar &lt;em&gt;Who&amp;rsquo;s Gonna Ride Your Wild Horses&lt;/em&gt; klang besser, als ich es in Erinnerung hatte. K&amp;ouml;nnte man heute ver&amp;ouml;ffentlichen, und jeder w&amp;uuml;rde es f&amp;uuml;r einen Song von 2011 halten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach 35 Jahren gemeinsamer Arbeit gefallen Ihnen drei Lieder?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Wir schlie&amp;szlig;en unsere Lieder nicht ab, wir ver&amp;ouml;ffentlichen sie irgendwann. Bono h&amp;ouml;rt nur die Pannen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Miss Sarajevo&lt;/em&gt; ist einer der wenigen Songs, bei denen ich nicht zusammenzucke. &lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Am schlimmsten ist es, wenn in der Disco &lt;em&gt;Sunday,&lt;/em&gt; &lt;em&gt;Bloody Sunday&lt;/em&gt; kommt und sich schlagartig die Tanzfl&amp;auml;che leert. Habe ich ein paarmal miterlebt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ich glaube, ich verstehe U2 besser, seit ich neulich in Dublin mit meiner anderthalbj&amp;auml;hrigen Tochter auf einen Spielplatz gegangen bin. Sie hat einen Jungen gekniffen, darauf hat dessen Mutter geschrien: &amp;raquo;N&amp;auml;chstes Mal haust du der Schlampe eine rein!&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Die Geschichte glaube ich sofort. Wir sind in Dublin die l&amp;auml;ngste Zeit unserer Karriere gepr&amp;uuml;gelt worden, bis wir am Boden lagen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Dublin war schon immer ein Ort des Faustrechts. Man muss aufpassen, was man sagt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Meine G&amp;uuml;te, habe ich oft auf die Fresse bekommen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Weil Sie eine gro&amp;szlig;e Klappe haben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Ja, ein paarmal habe ich einfach meinen Mund nicht halten k&amp;ouml;nnen. In Irland gibt es &amp;uuml;berall diese Aggressionen, die sich dort aufstauen, wo du eine verfallende Arbeiterkultur hast. Schauen Sie sich John Lennon an oder die Gallagher-Br&amp;uuml;der von Oasis, deren Vorfahren kommen aus Irland, also sind die im Grunde auch alle irisch. Das geht so: &amp;raquo;Was hast du gesagt?&amp;laquo; Und wumms, hast du eine sitzen. Ich bin in einer Stra&amp;szlig;e aufgewachsen, die gar nicht so heruntergekommen war. Aber sie lag zwischen zwei gef&amp;auml;hrlichen Vierteln. Extreme Wut, &amp;uuml;berall, jederzeit.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ist das der Grund f&amp;uuml;r Ihre eigenen Aggressionen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Er hat seine Aggressionen noch nie gerechtfertigt. Wenn er ausrastet, bringen wir uns einfach in Sicherheit und warten, bis er abk&amp;uuml;hlt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wer sorgt in der Band f&amp;uuml;r den Ausgleich?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Das bin ich. Aber auch meine Geduld hat Grenzen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono: &lt;/strong&gt;Das ist doch die Idee von Rock &amp;rsquo;n&amp;rsquo; Roll: Wut und Zorn in eine Melodie umzuwandeln! The Who waren w&amp;uuml;tend, The Clash ebenso. Die Beatles bestehen nur aus Zorn: &amp;raquo;I saw her standing there &amp;ndash; FUCK OFF!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie f&amp;uuml;hlten sich fr&amp;uuml;her genauso?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Ende der Achtziger war ich extrem undiszipliniert. Der Erfolg stieg mir zu Kopf. Es ging so weit, dass man f&amp;uuml;r mich hinter der B&amp;uuml;hne einen Sandsack aufh&amp;auml;ngte, den ich nach Konzerten verpr&amp;uuml;gelte; Energie schoss durch meinen K&amp;ouml;rper, als w&amp;uuml;rde ich mit den H&amp;auml;nden in einer Steckdose stecken. Ein M&amp;auml;dchen arbeitete in unserer Garderobe, sie hat versucht, meine verschwitzten Haare zu trocknen, w&amp;auml;hrend ich auf dem Stuhl zappelte wie ein Idiot. Da nahm sie den F&amp;ouml;hn und schlug ihn mir &amp;uuml;ber den Hinterkopf.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Hat das geholfen?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Sie tat, als w&amp;auml;re nichts passiert, und f&amp;ouml;hnte einfach weiter. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Von null bis zehn: Wie hoch war damals die Wahrscheinlichkeit, dass U2 sich trennen w&amp;uuml;rden?&amp;laquo; &amp;raquo;Neun.&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/38299.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Film macht Ihre Wut nun sichtbar. Eine Szene zeigt, wie Sie sich bei einem Konzert von Ihren drei Kollegen im Stich gelassen f&amp;uuml;hlen und zu br&amp;uuml;llen anfangen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Was Sie im Film sehen, ist total harmlos.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wirklich? Wie sieht denn dann ein echter Wutausbruch von Bono aus?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Er kann sehr laut werden. So, dass wir den Raum verlassen m&amp;uuml;ssen. Zehn Minuten sp&amp;auml;ter entschuldigt er sich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Solche Anf&amp;auml;lle hatte ich seit Jahren nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Das stimmt. Wir werden &amp;auml;lter und sanfter.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wann haben Sie beide sich zum letzten Mal gepr&amp;uuml;gelt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Lange her.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wer hat gewonnen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Ich sage nur: Legen Sie sich nie mit Gitarristen an. Die haben eine perfekte Auge-Hand-Koordination. Seine Rechte ist wirklich hart. Glauben Sie mir, ich habe Bekanntschaft mit vielen Rechten gemacht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Schade, dass solche Szenen nicht auch in Ihrem Film zu sehen sind.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Wir haben Davis unser Archivmaterial aus den sp&amp;auml;ten Achtzigern und fr&amp;uuml;hen Neunzigern &amp;uuml;berlassen, darunter vieles, das wir selber noch nie gesichtet hatten. Keine Ahnung, was da noch f&amp;uuml;r Sch&amp;auml;tze versteckt sind.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge: &lt;/strong&gt;Wir m&amp;uuml;ssen ein paar Geheimnisse bewahren, wir sind schlie&amp;szlig;lich keine Peepshow. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wann begann die Krise von U2?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Als wir Mitte der Achtziger gigantischen Erfolg in Amerika hatten mit unserer &lt;em&gt;Joshua Tree&lt;/em&gt;-Tour. Die Organisatoren zwangen uns, von Hallen in die gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Stadien umzuziehen. Das hat uns &amp;uuml;berfordert. Wir hatten keine Technik, kein Team, keine Erfahrung. Wir waren vier Jungs aus Dublin, eine Club-Band, die pl&amp;ouml;tzlich jeden Abend vor 80 000 Leuten auftrat. Wir haben gesp&amp;uuml;rt, wie es uns zerriss.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Warum haben Sie dann nicht weiter in Clubs gespielt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge: &lt;/strong&gt;Weil die Nachfrage so gro&amp;szlig; war, dass Karten f&amp;uuml;r Konzerte in kleineren Hallen auf dem Schwarzmarkt schon mehrere tausend Dollar kosteten.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Pl&amp;ouml;tzlich waren wir Superstars in Amerika. Das Schlimmste, was einem in der maoistischen britischen Musikszene passieren konnte. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was hat denn die britische Musikszene mit dem maoistischen China zu tun?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dass Ideologien eine gro&amp;szlig;e Rolle spielten. Mao hatte Farbe verboten, V&amp;ouml;gel, Blumen, Musik. Die britische Musikszene kannte ein Verbot: nach Amerika zu gehen. Und dann kam Prince. Auf einer lila Honda. Boom! Da waren die Musik-Maoisten ratlos, denn Prince war auf eine coole Art amerikanisch.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Wir haben uns von allen Ideologien gel&amp;ouml;st. Was Vorteile und Nachteile hat. Auf &lt;em&gt;Rattle And Hum&lt;/em&gt; haben wir versucht, uns Blues und Folk zu eigen zu machen. Wir haben keine Verbrechen begangen, aber es war ein wenig geschmacklos. Dieses Album h&amp;auml;tten wir lieber nicht ver&amp;ouml;ffentlicht. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Die Fans waren von uns genervt, und wir waren voneinander genervt. Wir waren Kumpels seit unserer Kindheit, hatten uns aber nichts mehr zu sagen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Von null bis zehn: Wie hoch war damals die Wahrscheinlichkeit, dass U2 sich trennen w&amp;uuml;rden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Neun.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Wir h&amp;auml;tten uns aber nicht mit einem Knall getrennt, sondern uns langsam aus den Augen verloren.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Wir waren ratlos, uns fiel nichts ein. The Edge trennte sich von seiner Frau, die Teil unserer Band-Familie war. Er sa&amp;szlig; stumm  in der Ecke und daddelte auf der Gitarre. Es war klar, wir brauchen einen Tapetenwechsel. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Warum Berlin?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warum nicht? Die Stadt war nach dem Fall der Mauer die Hauptstadt des Wandels.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie haben Sie dort Ihre Konflikte gel&amp;ouml;st? Alkohol? Boxtraining? Gruppentherapie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Bono: &lt;/strong&gt;Die Musik hat uns gerettet. Wir wollten ein Album machen, das elektronisch klingt und nach den Einst&amp;uuml;rzenden Neubauten. Dann kam die Musik zu uns, ich muss es so esoterisch sagen, und hat uns erl&amp;ouml;st. Als wir &lt;em&gt;One&lt;/em&gt; aufgenommen hatten, wussten wir, dass es mit U2 weitergehen w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Die beiden anderen, Larry und Adam, beschweren sich manchmal, dass sie nicht genug Anerkennung f&amp;uuml;r &lt;em&gt;Achtung Baby&lt;/em&gt; bekommen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Sie haben damals gen&amp;ouml;rgelt, unsere Songs seien nicht gut genug.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Die Jungs lagen falsch.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;U2 leben und arbeiten seit 1976 miteinander. W&amp;uuml;rden Sie heiraten, wenn eine Ehe zwischen vier M&amp;auml;nnern in Irland erlaubt w&amp;auml;re?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Unsere Beziehung hat nichts von einer Ehe, wir treffen uns nur im Studio oder auf der B&amp;uuml;hne.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Gut, aber Ihre Tourneen dauern bis zu drei Jahren, und eine Platte aufzunehmen braucht auch mindestens sechs Monate. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Wir haben ein normales m&amp;auml;nnliches Problem: Je &amp;auml;lter M&amp;auml;nner werden, desto weniger Raum lassen sie den Argumenten anderer M&amp;auml;nner. Besonders wenn alle diese M&amp;auml;nner glauben, etwas erreicht zu haben.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Es soll hier aber nicht der Eindruck entstehen, dass wir uns st&amp;auml;ndig pr&amp;uuml;geln oder an den Haaren ziehen. Wir hatten ein paar Streits, aber wenn man es klug anstellt, lernt man aus jedem Konflikt. Heute kann bei U2 jeder jedem alles sagen. Bono, was nervt Sie an The Edge?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Sein Perfektionismus. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Ich versuche perfekt zu sein, aber es gelingt mir noch nicht ganz.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;The Edge, Sie d&amp;uuml;rfte an Bono wahrscheinlich seine N&amp;auml;he zu Typen wie George W. Bush nerven.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Er wei&amp;szlig;, dass das nicht gut ankommt. Es stimmt aber nicht, dass die Band unter Bonos humanit&amp;auml;rer Arbeit leidet. Jeder kann tun, was er will, solange er voll bei der Sache ist, wenn wir arbeiten.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Bush und ich waren nie Freunde. Wir brauchten seine Hilfe bei unserer Arbeit f&amp;uuml;r den Schuldenerlass in Afrika &amp;ndash; und er hat uns geholfen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Aber als der Microsoft-Milliard&amp;auml;r Paul Allen einmal mit seiner Feierabendband im Studio vorbeischaute, war die Band sauer.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt; Stimmt, wenn Bono seine prominenten Freunde zu den Proben einl&amp;auml;dt, am&amp;uuml;siert uns das nicht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Gehen Sie noch ab und zu zusammen einen trinken?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;The Edge:&lt;/strong&gt;Wir haben zusammen  eine Villa in S&amp;uuml;dfrankreich. Da trinken wir auch mal ein Fl&amp;auml;schchen Rotwein.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Welchen Fehler werden Sie nicht noch mal machen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;The Edge: &lt;/strong&gt;Wir haben nur Erfolg, wenn wir Risiken eingehen. Auf Nummer sicher zu gehen bringt uns um. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono:&lt;/strong&gt; Heute sind wir eine bessere Band als fr&amp;uuml;her &amp;ndash; darin liegt eine Gefahr. Es besteht ein riesiger Unterschied zwischen sehr gut und brillant. Momentan tendieren wir dahin, sehr gut zu sein. Fr&amp;uuml;her waren wir M&amp;uuml;ll. Oder wir waren brillant. Sehr gut waren wir selten. Was daran lag, dass wir Dinge getan haben, die wir nicht verstanden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie wollen wieder mehr riskieren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bono: &lt;/strong&gt;U2 k&amp;auml;mpfen seit zwanzig Jahren gegen die Irrelevanz. Wir haben uns vor ihr weggeduckt, ihr ins Gesicht geschlagen, ihr ein Bein gestellt. Trotzdem sind wir jetzt kurz davor, irrelevant zu werden. Wir k&amp;ouml;nnten jeden Tag irgendwo auf der Welt ein Stadion f&amp;uuml;llen. Aber f&amp;auml;llt uns noch Musik ein, die den Menschen wirklich etwas bedeutet? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Geschichte dieser ber&amp;uuml;hmten Band begann mit einem Zettel, den Larry Mullen Jr. 1976 am Schwarzen Brett seiner Schule in Dublin aush&amp;auml;ngte. Unter den Jungs, die sich meldeten, waren Bono (eigentlich Paul Hewson), der Gitarrist The Edge (eigentlich David Evans) und der Bassist Adam Clayton. Inzwischen haben U2 150 Millionen Platten verkauft und mit ihrem Breitwand-Rock viele Millionen Konzertbesucher begeistert. Ihre 360&amp;deg;-Tour, gerade zu Ende gegangen, brach alle Rekorde, ihr letztes Album &amp;raquo;No Line On The Horizon&amp;laquo; (2009) blieb kommerziell allerdings hinter den Erwartungen zur&amp;uuml;ck.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Legen Sie sich nie mit dem Gitarristen an!«</dc:subject>
    <dc:creator>Lars Jensen (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2011-11-07T12:00:00+01:00</dc:date>
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