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    <title>sz-magazin.de - Liebe &amp; Partnerschaft</title>
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    <title>Rita &amp; Artur</title>
    <description>&lt;p&gt;Der Schriftsteller Maxim Biller &amp;uuml;ber die Cousine seiner  Mutter, die in der Sowjetunion lebte und viele M&amp;auml;nner in ihrem Leben  traf - aber erst sp&amp;auml;t erkannte, welcher der richtige war: der Mann, der  so lang auf sie gewartet hatte.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59591.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Rita, die Cousine meiner Mutter, war keine besonders sch&amp;ouml;ne Frau. Trotzdem blieben die M&amp;auml;nner von Moskau und Baku oft wie erschrocken stehen, wenn sie ihnen auf dem Arbat oder auf dem Kirov-Boulevard entgegenkam, und manche trauten sich sogar &amp;ndash; meist ohne Erfolg &amp;ndash;, sie anzusprechen. Rita ging nicht schnell und nicht langsam. Ihre sch&amp;ouml;nen H&amp;uuml;ften schwankten leicht hin und her, ihre gro&amp;szlig;en Br&amp;uuml;ste auch. Sie l&amp;auml;chelte, ohne zu l&amp;auml;cheln, mit einem kleinen, dunkelrot geschminkten Mund, und ihre gezupften Augenbrauen sahen wie die Fl&amp;uuml;gel eines Raubvogels aus, der sich vielleicht bald auf sein Opfer st&amp;uuml;rzen wird.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als Rita noch zur Schule ging, war Artur, der Sohn des aserbaidschanischen Schauspielers Nakim Ismajilov, einer ihrer besten Freunde. Artur war gro&amp;szlig; und d&amp;uuml;nn, er war selbstsicher, aber zur&amp;uuml;ckhaltend, und er hatte dieses Sesam-&amp;ouml;ffne-dich-L&amp;auml;cheln, das die Natur noch seltener verschenkt als ein gro&amp;szlig;es Pianisten- oder Fu&amp;szlig;ballertalent. Im Winter 1937 &amp;ndash; Artur war vierzehn &amp;ndash; holten morgens um f&amp;uuml;nf ein paar m&amp;uuml;de NKWDM&amp;auml;nner Arturs Vater zu Hause ab. Angeblich hatte der bekannte Shakespeare-Schauspieler und Regisseur f&amp;uuml;r den iranischen Geheimdienst gearbeitet. In diesen Jahren lie&amp;szlig; Stalin Hunderttausende verhaften, wegbringen und t&amp;ouml;ten, und immer dachten sich seine Leute einen anderen verr&amp;uuml;ckten Vorwand aus, um das Leben eines Menschen und seiner Familie zu zerst&amp;ouml;ren. Einen Monat nach seiner Verhaftung wurde Arturs Vater zum Tode verurteilt und erschossen. Arturs L&amp;auml;cheln verschwand f&amp;uuml;r lange Zeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als die Filme von Arturs Vater noch gezeigt werden durften, hatten Artur und Rita sie sich immer zusammen im Nizami-Kino angeschaut. Nach der Vorstellung standen sie oft auf dem kleinen Platz vor dem Kino und unterhielten sich. &amp;Uuml;ber ihnen hingen &amp;ndash; statt schlecht gemalter, greller Filmplakate wie &amp;uuml;berall anderswo auf der Welt &amp;ndash; die sch&amp;ouml;nen, ernsten Portr&amp;auml;ts von Lenin und Stalin. Rita und Artur kauten Sonnenblumenkerne und tranken Kwas, und sie erz&amp;auml;hlte ihm, dass sie sp&amp;auml;ter aus dem spie&amp;szlig;igen Baku nach Moskau verschwinden w&amp;uuml;rde. Danach gingen sie langsam zur Strandpromenade, vorbei an den br&amp;ouml;ckelnden Jugendstilh&amp;auml;usern der Innenstadt, die feuchte Luft roch wie immer nach verbranntem Erd&amp;ouml;l und Meer, und die M&amp;auml;nner von Baku schauten der jungen, aufgedonnerten Rita hinterher. Ja, schon als Teenager wollte Rita, dass man sie will, nur mit Artur, dachte sie, sei es etwas anderes. Aber Artur wollte sie nat&amp;uuml;rlich auch. Er war, seit er denken konnte, verliebt in Rita &amp;ndash; weil sie so s&amp;uuml;&amp;szlig; und unfreundlich sein konnte, so verletzlich und verletzend, und weil alle anderen hinter ihr her waren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Geht es in der Liebe um guten Sex und tiefe Blicke, oder geht es um ein halbwegs angenehmes &amp;Uuml;berleben zu zweit? Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ihr erster Mann, den Rita als achtzehnj&amp;auml;hriges M&amp;auml;dchen heiratete, war zwanzig Jahre &amp;auml;lter als sie. Er war &amp;ndash; in einer erfundenen Geschichte h&amp;auml;tte er einen anderen Beruf &amp;ndash; nat&amp;uuml;rlich Schauspieler. Vadim Pachlavuni, unehelicher Sohn eines reichen Armeniers und einer franz&amp;ouml;sischen Kinderfrau, war nicht sehr gro&amp;szlig;, er hatte dichte, schwarze Haare, blaue, untreue Augen, und seine Nase wurde vom Alkohol allm&amp;auml;hlich rot. Als Rita sich in ihn verliebte, sah sie nicht, dass Vadim ein trauriger, harmloser Angeber war. Sie sah einen Mann, der ihr von der B&amp;uuml;hne des Russischen Theaters in Baku als Trofimow im &lt;em&gt;Kirschgarten&lt;/em&gt; vor der halben Stadt zuprostete. Er nahm sie in Restaurants und Caf&amp;eacute;s mit, die Ritas Freunde nur aus den Erz&amp;auml;hlungen ihrer Eltern kannten, und wenn sie zusammen im Bett waren, ber&amp;uuml;hrte er sie an Stellen, die Artur bei ihr nicht einmal vermutete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kurz bevor Rita und Vadim heirateten und nach Grosny gingen, wo Vadim in der von den Deutschen zerst&amp;ouml;rten Stadt das alte Theater wieder aufbauen sollte, fiel in einer gro&amp;szlig;en Zweizimmerwohnung in der Proletarskaja-Stra&amp;szlig;e in der Altstadt von Baku Artur vor Rita auf die Knie. Er nahm ihre Hand und sagte: &amp;raquo;Wenn du schon heiraten musst, Rita, dann heirate mich!&amp;laquo; Hinter der Glast&amp;uuml;r stand ihre Mutter Flora, die nat&amp;uuml;rlich f&amp;uuml;r Artur war und gegen Vadim, und h&amp;ouml;rte heimlich zu. Flora selbst, eine laute, harte, j&amp;uuml;dische Kleinb&amp;uuml;rgerin aus Wladikawkas, hatte &amp;ndash; weil ihr toter Vater ihr das damals in einem Traum befohlen hatte &amp;ndash; einen Mann geheiratet, den sie zuerst nicht wollte und sp&amp;auml;ter nicht liebte. Aber sie blieben bis zum Schluss zusammen und &amp;uuml;berstanden gemeinsam Krieg, Stalinismus und den ganzen anderen Stress, der Leben hei&amp;szlig;t. Als die Glast&amp;uuml;r aufging, zuckte die lauschende Flora keineswegs vor Schreck zusammen. &amp;raquo;Und?&amp;laquo;, fl&amp;uuml;sterte sie. Artur sch&amp;uuml;ttelte den Kopf. Aber wie ein Besiegter sah er trotzdem nicht aus.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Wer mit dir eine Familie gr&amp;uuml;ndet, endet bestimmt auch bald in einem NKWD-Keller!&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59593.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Rita und Artur, hier um 1960 in Baku, kannten sich fast ein ganzes Leben  lang, doch Artur musste lange warten und viel ertragen, bis seine Liebe  erh&amp;ouml;rt wurde.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Grosny blieb Rita nicht lange. Sie bekam dort ein Kind &amp;ndash; und verlor einen Ehemann. Vadim war die meiste Zeit im Theater. Dort konnte er so viel trinken, wie er wollte. Zu Hause schloss er sich oft in das kleine, dunkle Zimmer am Ende des Ganges ein, und als er mal wieder eine ganze Nacht nicht nach Hause kam, ging Rita, ihre schlafende Tochter Katia auf dem Arm, in das Zimmer hinein. &amp;Uuml;berall standen leere Wodka- und Weinflaschen, auf dem Boden, auf den St&amp;uuml;hlen, auf der Fensterbank. War das der Moment, als Rita aufh&amp;ouml;rte, den tollen Vadim zu lieben? Nein. Aber jetzt verstand sogar sie, dass er, egal wie ber&amp;uuml;hmt er war und wie tief er sich auf der B&amp;uuml;hne beim Applaus in ihre Richtung verbeugen konnte, kein Mann f&amp;uuml;rs Leben und f&amp;uuml;rs &amp;Uuml;berleben war. Auf Wiedersehen, mein Herz, es war sch&amp;ouml;n, aber es war nicht genug.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zur&amp;uuml;ck in Baku, wo sie jede Stra&amp;szlig;e und jedes Gesicht kannte, wohnte Rita mit dem Baby wieder bei den Eltern in der Proletarskaja. Artur, der inzwischen Jura studierte, kam fast jeden Abend vorbei. Sie a&amp;szlig;en alle zusammen, hinterher gingen Artur und Rita mit dem Kinderwagen raus. Meistens gingen sie zur Strandpromenade. Die Bohrt&amp;uuml;rme drau&amp;szlig;en im Meer traten immer weiter in die Abendd&amp;auml;mmerung zur&amp;uuml;ck, und Arturs Hoffnung, dass er nun endlich Rita &amp;uuml;berreden k&amp;ouml;nnte, seine Frau zu werden, verschwand genauso schnell.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Und jetzt?&amp;laquo;, sagte er zu ihr. &amp;raquo;Was hast du vor?&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Mama und Papa wollen, dass ich Medizin studiere.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Was wollen sie noch?&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Vielleicht, dass ich dich heirate &amp;ndash; aber sicher bin ich nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wo willst du studieren, in Baku oder in Moskau?&amp;laquo;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Was glaubst du?&amp;laquo;, sagte sie und lachte laut. Und dabei dachte sie: Schade, netter, lieber Artur, dass dein Vater als Verr&amp;auml;ter hingerichtet wurde. Wer mit dir eine Familie gr&amp;uuml;ndet, endet bestimmt auch bald in einem NKWD-Keller!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kurz nachdem Rita nach Baku zur&amp;uuml;ckgekehrt war, wurde Vadim verhaftet, weil er, um weiter trinken zu k&amp;ouml;nnen, Geld aus der Theaterkasse stahl, und im Gef&amp;auml;ngnis, wo Rita ihn ein paarmal mit dem Kind besucht hatte, starb er ganz pl&amp;ouml;tzlich an Leberversagen, so jung, so alt. Nat&amp;uuml;rlich f&amp;uuml;hlte sich Rita schuldig. Und nat&amp;uuml;rlich hatte sie erst mal von Baku und ihrem bisherigen Leben genug.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Moskau &amp;ndash; sie kam allein, ohne Katia, die in der Proletarskaja blieb &amp;ndash; wohnte Rita zuerst in einem einzigen Raum mit meiner Mutter und ihren Eltern. Das ging so &amp;uuml;ber ein Jahr. Dann zog sie zu Freunden, wo sie sich mit deren Sohn ein Zimmer teilte. Doch als sie eines Nachts seltsame kratzende Ger&amp;auml;usche h&amp;ouml;rte, die Augen aufmachte und den Jungen aufrecht in seinem Bett sitzen sah, den Blick auf den Ausschnitt ihres Nachthemds gerichtet, zog sie schnell weiter zu ihrem Bruder, der mit seiner Frau und deren Eltern in einer Kommunalwohnung in der Bolschaja Dmitrowka lebte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei ihrem Bruder bekam Rita ein Klappbett und eine Ecke im Wohnzimmer. Sie war die Letzte, die schlafen ging, und die Erste, die aufstand. Sie wusch sich schnell, schminkte sich und zog eins der sch&amp;ouml;nen, gut geschnittenen, deutschen Kleider an, die sie noch in Baku auf dem Flohmarkt gekauft hatte und die aus den Paketen stammten, die die sowjetischen Soldaten von der Front nach Hause geschickt hatten. So ging sie dann, sexy und w&amp;auml;hlerisch wie immer, in die Redaktion der &lt;em&gt;Gro&amp;szlig;en Sowjetischen Enzyklop&amp;auml;die&lt;/em&gt;, wo sie, statt Medizin zu studieren, als Sekret&amp;auml;rin arbeitete. Und so spazierte sie in der Mittagspause &amp;ndash; sich so unsichtbar in den H&amp;uuml;ften wiegend, dass man es kaum bemerkte &amp;ndash; &amp;uuml;ber die Gorki-Stra&amp;szlig;e und &amp;uuml;ber den Arbat. Und so erschien sie abends wieder in der Bolschaja Dmitrowka zu einem der Essen, die man dort immer h&amp;auml;ufiger f&amp;uuml;r sie organisierte, und jedesmal sa&amp;szlig; ein anderer unverheirateter Mann am Tisch, den sie zum F&amp;uuml;rchten fand.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Suchte Rita in Moskau einen Liebhaber, der auch ihr Ehemann sein w&amp;uuml;rde? Oder wollte sie einen Ehemann, der vielleicht irgendwann ihr Liebhaber werden w&amp;uuml;rde? Als ein Untergebener des Geheimdienstchefs Berija sie in der Post auf dem Arbat &amp;ndash; sie wollte ein Paket mit Kleidern und Schokolade f&amp;uuml;r Katia aufgeben &amp;ndash; fragte, ob sie gern eine der vielen Geliebten seines Vorgesetzten werden w&amp;uuml;rde, sagte sie nat&amp;uuml;rlich Nein, und vielleicht h&amp;auml;tte sie sogar Ja gesagt, wenn sie nicht wie alle in Moskau gewusst h&amp;auml;tte, dass die meisten Frauen und M&amp;auml;dchen, die bei Berijas Orgien auf seiner Datscha mitmachten, fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter sterben mussten. Als aber kurz darauf ein sympathischer, riesiger Panzeroffizier mit einem vernarbten Gesicht und einer freundlichen, weichen Stimme in der Bolschaja Dmitrowka am Esstisch sa&amp;szlig; und zwischen Rote-Beete-Salat, Borschtsch und Pelmeni erz&amp;auml;hlte, wie er bei der Schlacht von Kursk fast in seinem Panzer verbrannt w&amp;auml;re; als er dann sagte, die meisten seiner Verbrennungen habe er sich geholt, als er vor zwei Jahren seine beiden Kinder aus seinem brennenden Haus gerettet habe, nur f&amp;uuml;r seine Frau sei es zu sp&amp;auml;t gewesen &amp;ndash; da dachte Rita, dieser Soldat ist der Richtige f&amp;uuml;r mich, denn wer stark ist, wird bestimmt auch im Bett nichts Falsches machen. An Artur, den Sohn des Staatsfeinds Nakim Ismajilov, dachte sie in diesem Moment nicht. Es war Fr&amp;uuml;hling, Fr&amp;uuml;hling 1949, durch die offenen Fenster str&amp;ouml;mte frische, warme Abendluft ins Wohnzimmer, und der paranoide Massenm&amp;ouml;rder Stalin, der sein eigenes Volk jagte, lebte immer noch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und mit welchen Frauen traf sich der zarte, beharrliche, zur&amp;uuml;ckhaltende Artur, w&amp;auml;hrend Rita in Moskau war? Das wei&amp;szlig; keiner in der Familie so genau. Er studierte zu Ende, er ging viel ins Theater, er fing an, f&amp;uuml;r die staatlichen Eisenbahnen als Jurist zu arbeiten, und er kam fast jeden Tag in der Proletarskaja vorbei. Dort trank er mit der kleinen Katia und den Gro&amp;szlig;eltern Tee und a&amp;szlig; Hagebuttenkonfit&amp;uuml;re dazu, dann nahm er Katia auf den Spielplatz mit, und wenn er sich von ihr verabschiedete, k&amp;uuml;sste er sie wie sein eigenes Kind. Latifa, die Tochter, die er viele Jahre sp&amp;auml;ter mit Rita bekam, wei&amp;szlig; nur von einer einzigen Frau, mit der ihr Vater vor ihrer Geburt etwas gehabt hatte. Ihren Namen erw&amp;auml;hnte er nie. Sie war wie Rita J&amp;uuml;din, konnte auch sehr tyrannisch und sehr liebevoll sein. Geheiratet hat er sie trotzdem nicht, denn er hatte f&amp;uuml;r sein Leben einen anderen Plan.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Rita zahlte dem Professor nichts f&amp;uuml;r die Wohnung, aber sie schlief dort mit ihm.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59595.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Artur mit Latifa, der gemeinsamen Tochter mit Rita.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Rita und der Panzeroffizier waren nicht einmal zwei Jahre verheiratet. Sie lebten zusammen mit seinen Kindern &amp;ndash; aber ohne Katia &amp;ndash; in Tallinn, in einer fast schon verr&amp;uuml;ckt gro&amp;szlig;en, lichtdurchfluteten Wohnung mit lauter sch&amp;ouml;nen tschechischen M&amp;ouml;beln in der N&amp;auml;he der Kaserne. Der Offizier wurde irgendwann General und Divisionskommandeur, und irgendwann schliefen Rita und er miteinander. Einmal fuhren sie nach Baku, und nat&amp;uuml;rlich trafen sie gleich am ersten Tag Artur auf der Stra&amp;szlig;e, den Rita ihrem neuen Ehemann als alten Schulfreund vorstellte. Artur l&amp;auml;chelte noch hypnotischer und herzlicher als sonst &amp;ndash; und machte hinterher so lange einen Bogen um die Proletarskaja, bis Rita und der General wieder nach Estland abgereist waren. Kurz danach &amp;ndash; es war ein kalter, heller Morgen in Tallinn &amp;ndash; setzte sich der General in der Kaserne an seinen Schreibtisch, er nahm den Telefonh&amp;ouml;rer in die Hand, bat seinen Adjutanten, ihn mit seiner Frau zu verbinden, und kippte mit dem Kopf tot auf den Tisch. Rita, die erst seit Kurzem wusste, dass sie schwanger war, hatte seit diesem Tag keine Zweifel mehr, dass jeder Mann, den sie heiratete, sterben musste. Sie bekam das Kind nicht, sie fuhr wieder zur&amp;uuml;ck nach Moskau und besorgte sich dort eine Stelle als Sekret&amp;auml;rin im Geologischen Forschungsinstitut. Sie fand ein Zimmer zur Untermiete, das zwar mehr hoch als breit war, aber daf&amp;uuml;r eine T&amp;uuml;r hatte, die sie hinter sich zumachen konnte. Ein paar Monate sp&amp;auml;ter &amp;uuml;berlie&amp;szlig; ihr der Chef des Geologischen Forschungsinstituts die kleine Wohnung seiner verstorbenen Gro&amp;szlig;mutter, einer Komintern-K&amp;auml;mpferin der ersten Stunde, in einem gro&amp;szlig;en sechsst&amp;ouml;ckigen Haus in der Gorki-Stra&amp;szlig;e, wo auch der Schriftsteller Ilja Ehrenburg und die Kinder von Ministern und Politb&amp;uuml;ro-Mitgliedern wohnten. Rita zahlte dem Professor nichts f&amp;uuml;r die Wohnung, aber sie schlief dort mit ihm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Professor &amp;ndash; das blonde Haar etwas zu lang, gr&amp;uuml;ne, harte Augen und kurze Ringerarme &amp;ndash; sah nicht wie ein Professor aus, und es war von Anfang an klar, dass er nicht Ritas Ehemann werden kann. Er hatte eine Frau und zwei Kinder, die er nicht verlassen w&amp;uuml;rde, und Rita selbst wollte ihn auch nicht heiraten, daf&amp;uuml;r mochte sie ihn einfach zu sehr, und noch einen toten Ehemann h&amp;auml;tte sie nicht ausgehalten. Als eines Tages ein paar Geheimdienstleute die verliebte Rita in einer Wohnung beim Sokolniki-Park &amp;uuml;berreden wollten, den Professor zu bespitzeln, sagte sie, nun selbst in Gefahr, trotzdem Nein, so ergeben war sie ihm. Sp&amp;auml;ter freundete sie sich mit seiner Frau an, sie passte auf die Kinder auf, wenn das Ehepaar abends zu Empf&amp;auml;ngen ging oder Ferien machte, und wann immer eins von ihnen zu weinen begann, dachte sie an ihre eigene Tochter, die schon so lange ohne sie in Baku leben musste. Dann nahm sie das fremde, weinende Kind in den Arm und stellte sich vor, das sei ihre Katia. Geduld, mein Herz, dachte sie, Mama will nur ein bisschen gl&amp;uuml;cklich sein und ist bald wieder zur&amp;uuml;ck.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der Professor, den Rita wie keinen Mann davor liebte, hatte nicht nur mit Studenten zu tun, er war einer der wichtigsten Manager des Landes, er suchte neue Erdgas-Vorkommen und plante ihren Abbau, und er hatte mindestens einmal in der Woche einen Termin im Energie-Ministerium. Darum konnte er sich, als w&amp;auml;re Moskau nicht Moskau, sondern Paris oder New York, eine Geliebte mit einer Wohnung in einer der besten Stra&amp;szlig;en der Stadt halten. Und darum konnte er Rita ab und zu auf eine Dienstreise mitnehmen. Einmal fuhren die beiden zusammen nach Baku, wo sie nicht in der Proletarskaja, sondern in dem gro&amp;szlig;en, alten Intourist-Hotel am Strand wohnten, das viele f&amp;uuml;r das sch&amp;ouml;nste Geb&amp;auml;ude der Stadt hielten. Artur wusste, dass sie da waren, das hatte ihm Ritas Mutter Flora erz&amp;auml;hlt, und dabei hatte sie ihn so angewidert angeschaut wie einen Schw&amp;auml;chling und Tr&amp;auml;umer, der er nicht war. Am n&amp;auml;chsten Tag sah Artur das Paar von Weitem in der N&amp;auml;he des Hotels. Rita &amp;ndash; inzwischen ein bisschen breiter und schwerer, aber f&amp;uuml;r ihn immer noch die einzige Frau auf der Welt &amp;ndash; trug ein schwarz gepunktetes wei&amp;szlig;es Sommerkleid, hohe, bei jedem Schritt leicht schwankende Schuhe und einen gro&amp;szlig;en Strohhut mit einer Borte aus wei&amp;szlig;en Federn, die in dem Wind, der vom Kaspischen Meer her&amp;uuml;berwehte, flatterten. Ihr korpulenter, energisch dahinschreitender Begleiter hatte einen hellgrauen Anzug mit breiten Draufg&amp;auml;nger-Revers und teure braune Wildlederschuhe an, und er beachtete Rita, die die ganze Zeit redete, kaum. Artur schob die zu F&amp;auml;usten geballten H&amp;auml;nde in die Hosentaschen, er drehte sich um und ging weg.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Kurz danach &amp;ndash; Rita war inzwischen zur&amp;uuml;ck in Moskau &amp;ndash; bekam sie seit Langem wieder einen Brief von Artur. Obwohl sie ihm nicht antwortete, kam bald noch ein Brief, danach noch einer und noch einer. Zuerst wollte Artur wissen, wie es Rita ging. Dann schrieb er ihr, dass er inzwischen Staatsanwalt geworden war und auf der Warteliste f&amp;uuml;r eine der sch&amp;ouml;nen, neuen, hellen Wohnungen stand, die bald am Stadtrand von Baku gebaut werden sollten. Sp&amp;auml;ter philosophierte er ein bisschen herum, er machte sich Gedanken dar&amp;uuml;ber, ob die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau mehr sein k&amp;ouml;nnte als ein kurzes, b&amp;ouml;ses, leidenschaftliches Scharm&amp;uuml;tzel &amp;ndash; &amp;raquo;eine Freundschaft vielleicht, die immer h&amp;auml;lt?&amp;laquo; Und nun ging es auf einmal in seinen Briefen um seine Gef&amp;uuml;hle f&amp;uuml;r Rita, er fragte sie nach ihren Gef&amp;uuml;hlen f&amp;uuml;r ihn, und er verriet ihr, dass er, als er sie vor ein paar Monaten in Baku mit diesem Parteitypen auf dem Primorskij-Boulevard gesehen hatte, gedacht habe, sie verdiene mehr, als eine heimliche Geliebte zu sein, und das auch noch in den besten Jahren ihres Lebens. &amp;raquo;Von ihm wirst du kein Kind bekommen, Rita, rede dir nichts ein, und das Kind, das du schon hast, wirst du auch noch verlieren. Ich will aber ein Kind von dir, und deine Katia ist l&amp;auml;ngst wie meine Tochter.&amp;laquo; Als Rita diese Zeilen las, wurde sie sehr w&amp;uuml;tend. Ein paar Wochen sp&amp;auml;ter las sie Arturs Brief noch mal. Dabei sah sie pl&amp;ouml;tzlich sein langes, dunkles Gesicht und das st&amp;uuml;rmische, ehrliche Artur-L&amp;auml;cheln, und sie l&amp;auml;chelte auch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das n&amp;auml;chste Mal kam Rita ohne den Professor nach Baku. Kaum war sie da, traf sie sich mit Artur. Sie gingen wie fr&amp;uuml;her ins Kino, sie liefen stumm nebeneinander &amp;uuml;ber den Kirov-Boulevard, sie verirrten sich, obwohl sie hier eigentlich jede Stra&amp;szlig;e kannten, in der Altstadt, und als sie endlich vor Arturs Haus standen, z&amp;ouml;gerte Rita, aber Artur sah sie sehr ernst und entschlossen an. Er sagte: &amp;raquo;Rita, du musst keine Angst haben. Stalin ist tot, und die Partei hat l&amp;auml;ngst meinen Vater von jeder Schuld freigesprochen.&amp;laquo; Dann grinste er doch noch. &amp;raquo;Eigentlich schade, dass er nicht wirklich ein iranischer Spion gewesen ist. Das w&amp;auml;re ziemlich aufregend gewesen, oder?&amp;laquo; Sp&amp;auml;ter, als Artur neben ihr schlief, lag Rita wach da, sie sah ihn immer wieder verstohlen an und fragte sich, ob sie, zur&amp;uuml;ck in Moskau, dem Professor beichten m&amp;uuml;sste, dass sie ihn mit einem alten Schulfreund betrogen hatte. Nein, dachte sie, das wird nicht n&amp;ouml;tig sein, einmal ist keinmal, und ich kann ihn ja sowieso nicht heiraten, sonst ist er bald tot. Dann schlief sie ein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Liebste Rita&amp;laquo;, stand auf der R&amp;uuml;ckseite eines Fotos, das den jungen Artur leicht im Profil zeigte, so sch&amp;ouml;n und m&amp;auml;nnlich wie nie, &amp;raquo;in ein paar Stunden f&amp;auml;hrst du zur&amp;uuml;ck nach Moskau. Ich will dir nichts Trauriges schreiben, und etwas Lustiges f&amp;auml;llt mir nicht ein. Du sollst wissen, dass ich dich immer mehr als mein Leben geliebt habe und immer noch liebe, du bist alles f&amp;uuml;r mich, vergiss mich nicht. Pass auf dich auf und auf deine Gesundheit. Denk daran, dass Katia und ich hier auf dich warten. Bleib gesund, das ist das Wichtigste, und f&amp;uuml;r unser Gl&amp;uuml;ck werden wir dann schon selbst sorgen, du und ich. Ich bin sicher, dass es so sein wird.&amp;laquo; Das Foto fand Rita, als sie wieder in Moskau war, in dem alten Buch mit den Isaak-Babel-Geschichten, das Artur ihr in Baku zum Abschied geschenkt hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein Jahr sp&amp;auml;ter heirateten Rita und Artur. Sie lebten sechzehn Jahre lang zusammen, mal mehr, mal weniger gl&amp;uuml;cklich, die meiste Zeit in der sch&amp;ouml;nen, hellen Neubausiedlung am Stadtrand von Baku. Dann starb Artur pl&amp;ouml;tzlich, und Rita blieb die restlichen vierzig Jahre ihres Lebens allein.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Rita &amp; Artur</dc:subject>
    <dc:creator>Maxim Biller</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-15T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Ingrid &amp; Peter</title>
    <description>&lt;p&gt;Es war nur eine Nacht. Sie waren beide mit  anderen verheiratet. Aber sie verga&amp;szlig;en einander nie. Bis sie sich wieder  trafen, drei&amp;szlig;ig Jahre sp&amp;auml;ter. Heute gehen sie putzen, immer zusammen -  damit keiner von ihnen allein ist.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59581.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Er hatte es darauf angelegt. Sie war zwanzig, er 23. Sie kannten sich schon vorher. Hatten sich ein paar Mal mit ihren Ehepartnern zusammen gesehen. Und dann war seine Frau auf einmal im Urlaub. Und ihr Mann bei der Nachtschicht. Er besuchte sie. Musste keine Widerst&amp;auml;nde &amp;uuml;berwinden oder &amp;uuml;berzeugen. Atome, die sich anziehen, in gleicher Schwingung vereint. Es war so sch&amp;ouml;n. Es tat so gut.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Der Peter war eben ein richtiger Mann&amp;laquo;, sagt Ingrid Gieseler heute. Ihr eigener war es damals nicht. Auch Peter war mit seiner Ehe unzufrieden. Aber sie beide zusammen: ein loderndes Feuer. Doch sie legten keine neuen Scheite nach, sie sahen sich nur das eine Mal. Ihre Geschichte schien vorbei zu sein. Zukunftslos. Ein Sturm, der vor&amp;uuml;berzieht und ein paar zerbrochene Fenster hinterl&amp;auml;sst, die man reparieren kann. Keiner von beiden war an einer Fortsetzung interessiert. Beide hatten bekommen, was sie wollten. Sie ein bisschen mehr als er. Aber das wusste er noch nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Sex, was anderes war es nicht&amp;laquo;, sagt sie heute. &amp;raquo;Ja, ganz genau!&amp;laquo;, pflichtet er bei. Hand in Hand sitzen Ingrid und Peter Gieseler ein halbes Jahrhundert sp&amp;auml;ter auf ihrem Sofa und erinnern sich an jenes Rendezvous, das sie zusammenf&amp;uuml;hrte und zugleich trennte. Erst drei&amp;szlig;ig Jahre danach w&amp;uuml;rden sie sich wiedersehen.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei aller Beil&amp;auml;ufigkeit war ihre erste Begegnung ein nachhaltiges Treffen. Zumindest f&amp;uuml;r sie. Damals will sie nichts mehr von ihrem Mann wissen, den sie, minderj&amp;auml;hrig und nur mit Zustimmung des Jugendamtes, ohnehin nur geheiratet hat, um der gro&amp;szlig;elterlichen Obhut zu entfliehen. Und: Sie ist schwanger von Peter Gieseler. Ihm, ihrem Liebhaber, sagt sie nichts. Die Wahrheit bleibt bei ihr, denkt sie. Aber sie ist auch anderen bekannt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ihrem damaligen Mann zum Beispiel, der zeugungsunf&amp;auml;hig ist, ihr dies aber verschwiegen hat. Auch die Mutter ihres Liebhabers hat einen Verdacht. Als sie eines Tages den Kinderwagen sieht, sagt sie zu ihrem Sohn: &amp;raquo;Der ist von dir!&amp;laquo; Peter Gieseler selbst kann sich keinen Reim darauf machen. Weder seiner Mutter noch seiner damaligen Frau hat er von jenem Abend erz&amp;auml;hlt, &amp;raquo;aber irgendwie hat sie was geahnt&amp;laquo;. Weil Frauen ja meist etwas ahnen. Nach drei Jahren schlechten Gewissens gesteht er es. Aber ob dieses Kind, das tats&amp;auml;chlich ein bisschen aussieht wie seine anderen Kinder, wirklich von ihm ist, kann auch er nicht sagen. Denn wenn es so w&amp;auml;re, h&amp;auml;tte sich diese Frau doch sehr wahrscheinlich bei ihm gemeldet. Wieso h&amp;auml;tte sie auf seine Unterhaltszahlungen verzichten sollen? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Weil ich das Kind ja wollte&amp;laquo;, sagt Ingrid Gieseler. Warum h&amp;auml;tte sie diesen verheirateten Mann in die Pfanne hauen sollen? Ein Kind. Eine sch&amp;ouml;ne Erinnerung. Und eigentlich auch ein Versprechen. Wie es sein kann zwischen Mann und Frau. Nat&amp;uuml;rlich h&amp;auml;tte sie einen Vaterschaftstest erzwingen k&amp;ouml;nnen. Aber das will sie nicht. Dass das Kind nicht von ihrem Mann stammen kann, erf&amp;auml;hrt sie erst beim Scheidungstermin. Eigentlich h&amp;auml;tte sie es ganz gern fr&amp;uuml;her gewusst. Vermutlich h&amp;auml;tte sie keinen Mann geheiratet, mit dem sie keine Kinder bekommen kann. Kinder geh&amp;ouml;ren f&amp;uuml;r sie dazu. Jetzt hat sie eins. Aber keinen Mann. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Drei&amp;szlig;ig Jahre sp&amp;auml;ter, im August 1996, klingelt bei Peter Gieseler das Telefon. Ein junger Mann, der ihn gleich duzt und sagt, er w&amp;uuml;rde ihn gern mal kennenlernen. &amp;raquo;Du hast mit meiner Mutter mal irgendwann&amp;hellip;&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Ja, stimmt&amp;laquo;, sagt Gieseler, er wei&amp;szlig; sofort Bescheid. Sie treffen sich. Keine Vorw&amp;uuml;rfe, dass er sich nicht gek&amp;uuml;mmert habe. Nur unsicheres Interesse. Eine kleine Verlegenheit auf beiden Seiten. Am Ende l&amp;auml;sst er ausrichten, dass er die Mutter eigentlich auch gern wiedersehen w&amp;uuml;rde. Er sagt es absichtslos. Kein Gedanke an das, was passieren wird. Aber als er sie dann zwei Wochen sp&amp;auml;ter sieht, kann er verstehen, wieso er sie damals, an jenem Abend, besucht hat. Ihr L&amp;auml;cheln, das sich in ihn eingegraben hat. Ihr Mund, der immer noch reizvoll ist. Aber sie sind jetzt &amp;auml;lter. Er 56, sie 53. Da f&amp;auml;llt man nicht mehr einfach &amp;uuml;bereinander her. Aber erinnern darf man sich schon daran. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie erz&amp;auml;hlen sich ihr Leben. &lt;br /&gt; Sie von ihrer zweiten Ehe, die &amp;ndash; trotz der drei Kinder &amp;ndash; ein noch gr&amp;ouml;&amp;szlig;erer Fehler war als die erste. Wenn sie fr&amp;uuml;her die Kraft gefunden h&amp;auml;tte, h&amp;auml;tte sie sich diese 16 Jahre gespart. Ihr Mann s&amp;auml;uft, pr&amp;uuml;gelt andere krankenhausreif und schl&amp;auml;gt auch die Kinder. Sie versteckt die K&amp;uuml;chenmesser vor ihm. Er randaliert, dreht mitten in der Nacht die Musik ohrenbet&amp;auml;ubend laut auf, und sie sch&amp;auml;mt sich am n&amp;auml;chsten Tag, wenn sie den Nachbarn im Hausflur begegnet. Au&amp;szlig;erdem ist er Spieler, verzockt das gemeinsame Geld oder verschenkt es in der Kneipe. Sie muss es wieder einsammeln. Erst vor Kurzem hat sie die Rei&amp;szlig;leine gezogen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ihr Leben hat nun eine Freistelle. &lt;br /&gt; Seines noch nicht. Obwohl es sich bereits abzeichnet. Er hat drei Kinder mit seiner ersten Frau, hat noch einmal geheiratet, aber seit Langem verkehren sie, wie er sagt, &amp;raquo;nur noch wie Bruder und Schwester&amp;laquo;. Vor einer Woche erst hat sie diesen Satz in den Raum geworfen, der seltsam in ihm nachhallt: &amp;raquo;Dann k&amp;ouml;nnen wir uns ja scheiden lassen.&amp;laquo; Ein bisschen hat ihn der Satz ge&amp;auml;rgert, weil er so dahingesagt war. Weil er eine K&amp;uuml;hle in ihm gelesen hat, die ihm Angst machte. Und vielleicht auch, weil er ihn nicht selbst gesagt hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun trinkt er Kaffee mit einer Jugendaff&amp;auml;re, die sich vor vielen Jahren aus seinem Leben verabschiedet hat, und wird langsam nerv&amp;ouml;s.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Wir k&amp;ouml;nnen ja da weitermachen, wo wir letztes Mal angefangen haben &amp;hellip;&amp;laquo; &lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59583.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Drei&amp;szlig;ig Jahre lang wusste er nicht, dass sie ein Kind von ihm hat. Dann klingelte das Telefon.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Theoretisch, stellen sie fest, h&amp;auml;tten sie sich viel fr&amp;uuml;her kennenlernen k&amp;ouml;nnen. Ohne voneinander zu wissen, sind sie in derselben Stra&amp;szlig;e aufgewachsen. Friedbergstra&amp;szlig;e, Berlin-Charlottenburg, sie in der 12, er schr&amp;auml;g gegen&amp;uuml;ber in der 25. Aber sie laufen sich nicht &amp;uuml;ber den Weg. Sie lebt bei der Gro&amp;szlig;mutter und schaut nicht nach den M&amp;auml;nnern, weil es sich nicht geh&amp;ouml;rt. Und weil sie ein bisschen rundlich ist, denkt sie, war sie vielleicht nicht so interessant f&amp;uuml;r ihn. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dabei ist ja auch er nicht der professionelle Herzensbrecher, f&amp;uuml;r den man ihn leicht halten k&amp;ouml;nnte, wenn man ihn auf den alten Fotos mit seinen breiten Schultern und der Elvistolle sieht. Seine Mutter hat ihm mal gesagt: &amp;raquo;Wei&amp;szlig;t du, mein Junge, ich war f&amp;uuml;r deinen Vater die erste  Frau. Und dein Vater war f&amp;uuml;r mich der erste Mann.&amp;laquo; Was f&amp;uuml;r ein sch&amp;ouml;ner Satz, hat er sich gedacht und sich vorgenommen, ihn auch f&amp;uuml;r sich zu beherzigen. Mit 19 hat er zwar schon gek&amp;uuml;sst, aber weiter geht es erst, als er mit 21 seine erste Frau heiratet. Ingrid ist Nummer zwei. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am Ende ihres ersten Wiedersehens nach all den Jahren will er mit der U-Bahn zur&amp;uuml;ck, aber sie bietet ihm an, ihn nach Hause zu fahren. Irgendwann fragt sie: &amp;raquo;War es das nun?&amp;laquo; Er braucht eine Weile, bis die Frage bei ihm ankommt. Er sp&amp;uuml;rt, dass sie gern etwas von ihm h&amp;ouml;ren w&amp;uuml;rde. Aber er hat in seinem Leben immer gewartet, bis er sicher sein konnte. Weil er Gef&amp;uuml;hlen nie ganz traute &amp;ndash; mit Ausnahme jener Nacht vor drei&amp;szlig;ig Jahren. &amp;raquo;Ach, so meinst du das&amp;laquo;, sagt er, nachdem er eine Weile nachgedacht hat. Je l&amp;auml;nger sich ihr Satz in ihm setzt, desto klarer wird ihm, dass ihre gemeinsame Geschichte, die eigentlich kaum eine ist, vielleicht eine zweite Chance verdient. Und dann schiebt sie noch einen Satz hinterher, gegen den er sich nur schwer wehren kann: &amp;raquo;Wir k&amp;ouml;nnen ja da weitermachen, wo wir letztes Mal angefangen haben &amp;hellip;&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wie lange kann man von einer Erinnerung zehren? Wann muss man sie mit Wirklichkeit auff&amp;uuml;llen? Wissenschaftler k&amp;ouml;nnen relativ exakt bestimmen, wie lang radioaktive Isotope strahlen. Aber &amp;uuml;ber die Halbwertszeit von Gef&amp;uuml;hlen gibt es keine Daten. Man wei&amp;szlig;, wie ein Haus gebaut werden muss, damit es nicht zusammenbricht. Aber &amp;uuml;ber die Statik der Liebe ist wenig bekannt. Wie belastbar sie ist, was sie aush&amp;auml;lt, kann niemand sagen. Wie zwei Himmelsk&amp;ouml;rper haben sie einander umkreist, drei&amp;szlig;ig Jahre lang, jeder auf seiner Bahn, nun treffen sie erneut aufeinander. Und holen das nach, von dem sie denken, dass sie es viel zu lange vers&amp;auml;umt haben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; So wird eine Nacht, die sie zun&amp;auml;chst beide eher bereut haben, drei&amp;szlig;ig Jahre sp&amp;auml;ter zur Grundlage einer ganz anderen, viel gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren Geschichte: Sie entdecken die Liebe, die f&amp;uuml;r sie immer nur Sehnsucht war. Sie haben sie ja nie empfangen. Er nicht von seiner Mutter, die schwer arbeiten musste, um die Kinder durchzubringen. Nicht von seinem Vater, den er nie kennengelernt hatte, der trank und im Krieg blieb. Und wo h&amp;auml;tte sie die Liebe lernen sollen? Ihre Mutter hatte acht Kinder, drei davon gab sie weg, auch Ingrid, das uneheliche Kind. In ihren beiden Ehen gab es keine Liebe. Der erste Mann herzenskalt. Der zweite ein pr&amp;uuml;gelnder Trinker. Aber jetzt ist Peter da. Peter, der sich nie jemandem wirklich ge&amp;ouml;ffnet hatte, auch seiner ersten Frau nicht, der von sich selbst sagt, er sei &amp;raquo;kein Gef&amp;uuml;hlsmensch&amp;laquo;, wird in ihrer Gegenwart ganz weich. &amp;raquo;Wir haben die Liebe erst im Alter gelernt&amp;laquo;, sagt sie.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Vor 15 Jahren haben sie geheiratet. Jetzt sitzt Peter Gieseler auf dem blaugrauen Ledersofa, das sie, als der Sessel hin&amp;uuml;ber war, kurzerhand in zwei H&amp;auml;lften geteilt haben, und w&amp;uuml;nscht sich, dass er nach der Liebe seiner Frau mal wieder etwas anderes gewinnt. Vor vier Jahren war er ganz nah dran. Normalerweise setzt er einfach auf die Minuten, in denen bei Hertha die Tore fallen. Aber da war grad keine Bundesliga. &amp;raquo;Mensch, was machste?&amp;laquo;, hat sich Gieseler da gefragt. An einem 23sten haben sie sich kennengelernt, Ingrid und er, an einem 28sten war Hochzeitstag, er Jahrgang 40, sie 43, an einem elften und einem 16ten. Macht sechs Lottozahlen. &amp;raquo;War&amp;rsquo;n F&amp;uuml;nfer&amp;laquo;, sagt Gieseler und holt, damit die Sache sozusagen amtlich wird, die Gewinnbest&amp;auml;tigung von nebenan: 4026 Euro. Stellt man seine kleine Rente und die seiner Frau auf die eine Seite und ihre Schulden auf die andere, wird schnell klar: Eigentlich h&amp;auml;tten sie einen Sechser gebraucht.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dabei hat er ein gewisses H&amp;auml;ndchen daf&amp;uuml;r. Etwa zur gleichen Zeit, als er beim Fu&amp;szlig;balltoto einmal satte 77 000 Mark gewann, bekam Ingrid Gieseler von ihrer Gro&amp;szlig;tante ein Haus geschenkt. H&amp;auml;tte sie es schlau angestellt, w&amp;auml;re sie damit einigerma&amp;szlig;en &amp;uuml;ber den Berg gewesen. Aber sie machte Fehler. Verkaufte das Haus, spendierte ihren Kindern mehr, als n&amp;ouml;tig gewesen w&amp;auml;re. Und begann sich f&amp;uuml;r Autos zu interessieren. &amp;raquo;Hatte so einen kleinen Autofimmel.&amp;laquo; Alle drei Jahre einen Neuwagen. Und jedes Mal einen gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren. Immer nur die H&amp;auml;lfte der Kaufsumme gezahlt, weil die andere H&amp;auml;lfte ja durch den Wagen gedeckt wurde, den sie in Zahlung gab. Ein verf&amp;uuml;hrerisches Modell. Verst&amp;auml;ndlich nach einem Leben voller Entbehrungen. Aber wieder einmal die falsche Liebe: &amp;raquo;Das letzte Auto hat mir das Genick gebrochen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Wir haben gelebt.&amp;laquo; Wenigstens zwischendurch. &lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59585.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Ingrid und Peter Gieseler gehen zusammen putzen. Er k&amp;uuml;mmert sich ums Grobe, sie &amp;uuml;bernimmt die Feinarbeiten.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ein Honda Accord. &amp;raquo;Sch&amp;ouml;ner Wagen&amp;laquo;, sagt sie und f&amp;auml;hrt mit der Hand fast z&amp;auml;rtlich &amp;uuml;ber den Lack, der im letzten Licht der Abendsonne immer noch funkelt wie ein Versprechen. Dunkelblau metallic. Sonderausstattung. Navi, Einparksensoren, 201 PS, wie ein Brett auf der Stra&amp;szlig;e, &amp;raquo;auch bei 230 bleibt er ganz ruhig&amp;laquo;. Ihr Mann hat bis zuletzt gehofft, dass sie den Kredit nicht bekommt, aber er wusste auch, dass es keinen Sinn hatte, ihr die Sache auszureden. Verkaufen geht nicht, weil er finanziert ist. &amp;raquo;Die Suppe, die man sich einbrockt, muss man auch ausl&amp;ouml;ffeln&amp;laquo;, sagt Gieseler, der durch seine Arbeit &amp;ndash; 28 Jahre technischer Arbeiter in einer Nervenklinik &amp;ndash; gelernt hat, dass man Probleme am besten pragmatisch angeht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Deshalb gehen sie putzen. Rund neunzig Stunden jeden Monat. Etwa 800 Euro, die sie ihrem Traum, schuldenfrei zu sein, ein bisschen n&amp;auml;her bringen. Sie hat schon fr&amp;uuml;her geputzt, es ist kein Traumjob, das wissen beide, aber doch eine M&amp;ouml;glichkeit. Weil sie niemanden st&amp;ouml;ren wollen, und auch weil es besser ist, selbst ungest&amp;ouml;rt zu sein, richten sie es so ein, dass sie zu ihrer Arbeit kommen, wenn noch niemand da ist. Oder alle schon weg sind. Sehr fr&amp;uuml;h am Morgen oder nach Feierabend. &amp;raquo;Wir m&amp;ouml;chten nicht unangenehm auffallen&amp;laquo;, sagt Ingrid Gieseler. &amp;raquo;So ist unsere Art eigentlich&amp;laquo;, erg&amp;auml;nzt ihr Mann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist ein Liebesbeweis, dass er sie begleitet, was er, streng genommen, nat&amp;uuml;rlich nicht m&amp;uuml;sste. &amp;raquo;Ich kann doch nicht zu Hause rumsitzen, wenn meine Frau arbeitet&amp;laquo;, sagt er. Zusammen schaffen sie es in der H&amp;auml;lfte der Zeit. Er macht das Grobe, sie die Feinarbeiten. Sie schaut noch genauer hin als er. Bei den Tischplatten, anders als beim eigenen Leben, das man am besten mit etwas Abstand betrachtet, guckt sie immer aus der N&amp;auml;he, schr&amp;auml;g von der Seite. Weil man dann die Fettspuren am besten sieht. Wenn alles gut geht, ist der Wagen in vier Jahren bezahlt. Ingrid Gieseler wei&amp;szlig;, dass er ein Fehler war. Aber sie bereut ihn nicht: &amp;raquo;Wir haben gelebt.&amp;laquo; Wenigstens zwischendurch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Irgendwann, wenn ihre Liebe mal wieder mehr Zeit bekommt, w&amp;uuml;rden sie mit dem Wagen gern wie fr&amp;uuml;her nach &amp;Ouml;sterreich fahren. Wandern. Sie hofft, dass sie sehr alt werden. Dass Peter ihr lange erhalten bleibt, ihr sp&amp;auml;tes Gl&amp;uuml;ck. Sie m&amp;ouml;chte die Dinge stets genau so haben, wie sie es sich vorstellt; er nimmt sie lieber, wie sie kommen. Er habe keine Angst vor dem Tod, sagt er. Auf Sorgen, die ihm gelten, reagiert er eher ungehalten. Was sie ungerecht findet, weil Sorgen zwar niemandem nutzen, aber genau genommen doch Zeichen der Zuneigung sind. Wenn er sich nicht gut f&amp;uuml;hlt, beh&amp;auml;lt er es meist f&amp;uuml;r sich. Es gab zwei, drei Momente der Eifersucht, nicht mehr. Sie findet, dass er ihr beim Einparken manchmal etwas zu sehr dreinredet. Sonst h&amp;auml;lt er sich zur&amp;uuml;ck, h&amp;ouml;rt lieber zu, als selbst zu reden. &amp;raquo;Bringt doch n&amp;uuml;scht, wenn zweie quatschen.&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Sie erg&amp;auml;nzen sich. Er liest die Zeitung, sie schaut die Serien. Sie hat einen Computer, ihm sind sogar Handys nicht geheuer. &amp;raquo;Bin noch vom alten Zopf&amp;laquo;, sagt er. Wenn sie mal streiten, dann fast nie &amp;uuml;ber sich, meist &amp;uuml;ber andere. Ihren gemeinsamen Sohn zum Beispiel, der Maler ist, aber auch gut tischlern kann &amp;ndash; leider aber beides nicht tut. Oder seine Kinder, die den Kontakt abgebrochen haben, was vermutlich mit seiner Exfrau zu tun hat. Er w&amp;uuml;rde sich freuen, wenn sie eines Tages wieder vor ihm st&amp;uuml;nden. Aber er hat sein Pulver verschossen. Zweimal hat er versucht nachzuhaken, jetzt w&amp;auml;re es an ihnen, findet er.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zwischen den Arbeitszimmern des Labors, das Gieselers gerade vom Staub befreien, gibt es eine Art Durchreiche. W&amp;auml;hrend der Arbeit reden sie nur das N&amp;ouml;tigste, aber hin und wieder wirft Gieseler, mit einer ganzen Menge Restverliebtheit, einen Blick durch die Luke. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Wenn ich die Frau arbeiten seh, k&amp;ouml;nnt&amp;rsquo; ich meinen Hut ziehen&amp;laquo;, sagt Gieseler in aufrichtiger Verz&amp;uuml;ckung. Als er den Staubsauger schwenkt, sp&amp;uuml;rt er pl&amp;ouml;tzlich ein Stechen an seiner k&amp;uuml;nstliche H&amp;uuml;fte. Irgendwas bei der Operation ist schiefgelaufen. Beim Aufstehen muss er sich immer ein bisschen abst&amp;uuml;tzen, aber er kann damit leben, sagt er. &amp;raquo;Bewegung hat noch nie geschadet.&amp;laquo; An Tagen, wo sie vier oder f&amp;uuml;nf Jobs hintereinander haben, muss er eine Schmerztablette nehmen, weil die Narbe manchmal auf den Nerv dr&amp;uuml;ckt. Aber Gieseler ist hart im Nehmen. Nat&amp;uuml;rlich &lt;br /&gt; hat er sich seinen Ruhestand etwas anders vorgestellt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber sie sind zusammen, immerhin.&lt;br /&gt; Freitagabend, halb elf, nach einem langen Putztag g&amp;ouml;nnen sie sich vor dem Fernseher das einzige Hefeweizen der Woche. Ein paar Stunden Ruhestand, die Vorfreude auf den freien Tag. Am Sonntag m&amp;uuml;ssen sie wieder fr&amp;uuml;h raus. Sie leben bescheiden. Weil es nicht anders geht, aber auch, weil sie beide aus ihrer Vergangenheit wissen, wozu es f&amp;uuml;hrt, wenn man das Ma&amp;szlig; verliert. Das letzte Mal im Restaurant essen waren sie vor vier Jahren, beim Jugoslawen zum Hochzeitstag. Im Supermarkt kaufen sie nur Angebote und frieren sie ein. Mit Geschenken ist es weniger geworden, aber das w&amp;auml;re es vielleicht sowieso. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dabei hat sich der Fr&amp;uuml;hling bei ihnen &amp;ndash; &amp;uuml;ber alle Jahreszeiten hinweg &amp;ndash; gehalten. Nach so vielen Jahren m&amp;uuml;sse man sich nat&amp;uuml;rlich nicht mehr jeden Tag versichern, dass man sich liebt, sagt seine Frau. &amp;raquo;Wir wissen das!&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Ja, genau&amp;laquo;, sagt Gieseler und nickt. Und damit ist es sozusagen amtlich. Was sie am meisten aneinander sch&amp;auml;tzen? &amp;raquo;Seine Zuverl&amp;auml;ssigkeit&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;eigentlich den ganzen Mann.&amp;laquo; Der beste, den sie je hatte. Sie ist stolz auf ihn. Und nat&amp;uuml;rlich auch ein bisschen auf sich. Weil sie ihn noch einmal, wenn auch sehr sp&amp;auml;t, in ihr Leben gelassen hat. Er ist der letzte Sonnenstrahl ihres Beziehungslebens. Aber wenn man es genau nimmt, ja eigentlich auch der erste.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vielleicht liegt es daran, dass sie gerade vom Putzen kommen, auf jeden Fall hinkt ihr Mann bei diesem komplexen Thema noch ein wenig hinterher. Er sagt: &amp;raquo;Meine Frau ist eine saubere Frau, die ist sehr sauber, macht eher zu viel als zu wenig, so ist sie. Ja, mmh, eigentlich ist damit alles gesagt.&amp;laquo; Jedenfalls auf der Putzebene. Aber als er merkt, dass er den Kern des Ganzen damit noch nicht ganz getroffen hat, schwingt er sich noch zu einem Satz auf, der den Raum bis in alle Ecken f&amp;uuml;llt. &amp;raquo;Die Liebe&amp;laquo;, sagt er, &amp;raquo;das ist so ein Punkt: Die steht.&amp;laquo; Vielleicht merke man sie besonders dann, wenn der andere nicht da ist. Einmal musste seine Frau ins Krankenhaus, zwei oder drei Tage, und Gieseler war allein zu Hause: &amp;raquo;Da hab ich einen Weinkrampf bekommen, weil sie auf einmal weg war.&amp;laquo; Als h&amp;auml;tte jemand das vertraute Schlagen der Wanduhr abgestellt. Als w&amp;uuml;rden die V&amp;ouml;gel im Hof nicht mehr singen. Als g&amp;auml;be es nur noch dunkle Stille. Als er sie dann endlich besuchen durfte, sagte sie zu ihm: &amp;raquo;Ein Tag ohne dich ist ein verschenkter Tag.&amp;laquo; Jedenfalls was in der Art. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Flur ein selbst gemaltes Bild der Cousine, bei dem sich beide fragen, was es wohl zeigt: &amp;raquo;Soll &amp;rsquo;ne Frau sein&amp;laquo;, sagt Gieseler. Na, seine sieht zum Gl&amp;uuml;ck anders aus. Er findet sie immer noch sch&amp;ouml;n. Sie ist wie ein sp&amp;auml;tes Geschenk f&amp;uuml;r ihn. Und dann schaut er sie an und murmelt, dass sie eigentlich nur zusammen sind, weil sie damals einen Fehler gemacht haben. &amp;raquo;Aber im Nachhinein&amp;laquo;, sagt Gieseler, &amp;raquo;war es dann ja doch kein Fehler.&amp;laquo; So ist das manchmal im Leben.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Ingrid &amp; Peter</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Wenderoth</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-15T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39909</link>
    <title>Zilla &amp; Max</title>
    <description>&lt;p&gt;Zwei Jahre lang nur Mails und Handy-Nachrichten. Dann  stehen sie einander endlich gegen&amp;uuml;ber. Da ist es l&amp;auml;ngst Liebe.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59669.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Der Mann ging zu einer Vernissage in einer Bar, die auch eine Galerie war. Die Mitbewohnerin des Mannes hatte ihn dort hinbestellt. Sie wollte ihm jemanden vorstellen, der gerade in der Stadt war: eine Frau, von der die Mitbewohnerin glaubte, sie k&amp;ouml;nnte ihm gefallen, sie w&amp;uuml;rde zu ihm passen, vielleicht. F&amp;uuml;r Frauen, die ihm vielleicht gefallen k&amp;ouml;nnten, war er immer zu haben. Die Mitbewohnerin aber war dann verhindert, sie kam nicht. Niemand wurde dem Mann vorgestellt. Er trank allein ein Bier und ging nach Hause. Ein, zwei Tage versuchte er sich vorzustellen, wie sie wohl ausgesehen h&amp;auml;tte, bald aber dachte er nicht mehr an sie. Das Leben ging weiter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eine Weile sp&amp;auml;ter stolperte er &amp;uuml;ber einen seltenen Vornamen. Ihren Vornamen. In einer E-Mail, die eine Einladung war f&amp;uuml;r eine Vernissage. Er schrieb ihr eine Mail, fragte sie, ob sie sie sei. Sie schrieb zur&amp;uuml;ck: Ja, sie sei die, die er meine, die Bekannte seiner Mitbewohnerin. Er schrieb ihr erneut. Sie antwortete. Er fand, sie hatte einen guten Humor. Er fand, sie schrieb sehr sch&amp;ouml;n. So ging es hin und her. Irgendwann fingen sie an zu chatten. Er schrieb ihr auch Briefe. Sie ihm ebenfalls. Er schickte ihr selbstgebrannte CDs mit seiner Lieblingsmusik und gab sich sehr viel M&amp;uuml;he bei der Gestaltung der Covers. Sie schickte ihm Zeichnungen von Haustieren, die sie nicht hatte. Er war viel unterwegs, und &amp;uuml;berall sah er Dinge, die er ihr schenken wollte: Er kaufte Turnschuhe in Tokio und brachte das Paket zur Post. In Chicago bei einem Juwelier zwei Ringe aus Silber mit jeweils einem Namen: ihrem, seinem. Er schickte ihr den Ring, der seinen Namen trug. Sie streifte ihn manchmal auf den Finger, heimlich. Sie war in einer festen Beziehung, seit Jahren. Es war kompliziert. Sie lebte in Berlin. Er in Basel. Er trug den Ring mit ihrem Namen st&amp;auml;ndig. Wenn jemand fragte, was dieser Name auf seinem Ring bedeutete, dann sagte er: Das ist der Name meiner Frau. Er fand, das klang gut: meine Frau.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nie sahen sie sich. Nie h&amp;ouml;rten sie ihre Stimmen. Irgendwann tauschten sie ihre Handynummern und fingen an, sich SMS zu schreiben, in einem Monat 848 St&amp;uuml;ck.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie gingen ins Kino. Sie in Berlin, er in Basel. Sie gingen in denselben Film. Der Film im Kino Berlin fing eine Viertelstunde fr&amp;uuml;her an. Sie sahen den Film und schrieben sich SMS. &amp;raquo;Achtung, das rote Auto kracht gleich in die Gem&amp;uuml;seauslage eines Ladens!&amp;laquo;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Einmal rief sie ihn an. Sie sagte nichts. Er sagte nichts. Er h&amp;ouml;rte, dass sie irgendwo drau&amp;szlig;en war, er h&amp;ouml;rte V&amp;ouml;gel zwitschern. Er wollte etwas sagen. Sie wollte etwas sagen. Beide wussten nicht, was sie sagen sollten. Also schwiegen sie. Es gen&amp;uuml;gte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; So ging es zwei Jahre. Briefe. Pakete. SMS. Dann hatte der Mann in Berlin zu tun. Er nahm ein Hotelzimmer am Alexanderplatz, mit Blick auf den Fernsehturm. Er schickte ihr eine SMS, nur mit der Zimmernummer: &amp;raquo;2310&amp;laquo;. Eine halbe Stunde sp&amp;auml;ter klopfte es an der T&amp;uuml;r. Er &amp;ouml;ffnete. Da stand sie. Was sollten sie tun? Sie schwiegen, hielten sich an den H&amp;auml;nden, mehr nicht. Er roch ihr Parfum. Er h&amp;ouml;rte ihren Atem. Sie waren wie gel&amp;auml;hmt. Irgendwann sagte er: &amp;raquo;Bitte geh wieder. Wir fangen noch mal an.&amp;laquo; Sie ging aus dem Zimmer. Er schloss die T&amp;uuml;r. Sie wartete einen Moment, vielleicht eine Minute. Eine Minute ist eine lange Zeit, manchmal. Dann klopfte sie, es klang genau wie zuvor. Er &amp;ouml;ffnete die T&amp;uuml;r. &amp;raquo;Komm herein&amp;laquo;, sagte er. Sie betrat das Zimmer, dann k&amp;uuml;ssten sie sich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das war vor 14 Jahren. Heute haben die beiden zwei Kinder und sie sind gl&amp;uuml;cklich. Der Mann bin ich. Die Frau ist meine Frau.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Zilla &amp; Max</dc:subject>
    <dc:creator>Max Küng</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-13T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Elisabeth &amp; Hans</title>
    <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;Um Gottes willen, jetzt geht das schon wieder  los!&amp;laquo; Ein Gespr&amp;auml;ch mit dem gro&amp;szlig;en Theaterpaar Elisabeth Trissenaar und  Hans Neuenfels &amp;uuml;ber die Grenzen der Liebe: Leidenschaft und  Selbstzerst&amp;ouml;rung.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59659.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Frau Trissenaar, Herr Neuenfels, Wie haben Sie sich kennengelernt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Elisabeth Trissenaar:&lt;/strong&gt; Mit 18 ging ich ans Max-Reinhardt-Seminar. Er war zwei Semester &amp;uuml;ber mir. Als er f&amp;uuml;r eine Regiepr&amp;uuml;fung Brechts&lt;em&gt; Baal &lt;/em&gt;inszenieren wollte, brauchte er eine Sophie. Bei den Proben lernten wir uns n&amp;auml;her kennen. Ich fand ihn sehr piefkinesisch, wie wir in Wien zu sagen pflegen, und er hielt mich f&amp;uuml;r ein kleines Wiener M&amp;auml;del.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hans Neuenfels: &lt;/strong&gt;Am Seminar gab es einen Club, der aus Ulrich Wildgruber, Martin Sperr, Franz Xaver Kroetz und mir bestand. Wenn wir zusammenkamen, beobachteten wir nat&amp;uuml;rlich die Damen. Ich fand dich schrecklich flei&amp;szlig;ig, aber als Sophie warst du sehr gut. Und dann sind wir irgendwann mal tanzen gegangen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar: Das hat aber ein halbes Jahr gedauert.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Nach der Abschlusspr&amp;uuml;fung sind wir beide in die Schweiz gegangen. Sie hatte mit 900 Franken im Monat das bessere Engagement in Bern, ich mit 550 Franken das schlechtere in Luzern. Dass ich weniger verdiente, verschwieg ich ihr vier Monate lang. Dann brach meine Eitelkeit &amp;uuml;ber meiner Zahlungsunf&amp;auml;higkeit zusammen. Daraufhin lieh sie mir ihr Erspartes.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie das Geld zur&amp;uuml;ckgezahlt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Nein, er war schon am Seminar ein Leihgenie. Wenn er kein Geld f&amp;uuml;r die Stra&amp;szlig;enbahn hatte, lie&amp;szlig; er sich mit der Taxe ins Seminar fahren. Wenn eine Taxe vorfuhr, hie&amp;szlig; es immer: &amp;raquo;Achtung, jetzt kommt der Neuenfels!&amp;laquo; Und weg waren wir. Wir wussten, er sucht ein Opfer, das ihn ausl&amp;ouml;st.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Das war eine &amp;Uuml;berlebenstechnik. Ich konnte ja nicht immer zu Fu&amp;szlig; gehen. Wien ist schlie&amp;szlig;lich eine gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Stadt.Trissenaar: Alle Reinhardt-Seminaristen a&amp;szlig;en im Gasthaus &amp;raquo;Tauber&amp;laquo;, weil es dort so billig war. Nur er sonderte sich ab und pflegte im Vorderraum besser zu tafeln. Doch statt zu bezahlen, lie&amp;szlig; er seinen Wintermantel h&amp;auml;ngen. Wenn dann seine Mutter zu Besuch kam, wurde der Mantel von ihr wieder ausgel&amp;ouml;st. Oder erz&amp;auml;hle ich das verkehrt?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Nein, nein, das stimmt schon. Mich mit der Organisation der Existenz zurechtzufinden finde ich auch heute noch &amp;auml;u&amp;szlig;erst schwierig. &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Er weigert sich zum Beispiel, den Computer zu ber&amp;uuml;hren.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Aber nicht, weil ich gegen Computer bin.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Nein, weil du zu faul bist. Die d&amp;uuml;mmsten Leute lernen das.Neuenfels:  Ja, aber bei mir wirkt ein Computer wie Mathematikunterricht in der Schule: Er st&amp;uuml;rzt mich in eine physische Verwirrung. Mir wird schwindlig und ich kriege Kreislaufst&amp;ouml;rungen und Schwei&amp;szlig;ausbr&amp;uuml;che.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Da muss man durch.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Zum Durchm&amp;uuml;ssen komme ich gar nicht, weil ich mich vorher mit anderen Dingen aus meiner Verwirrnis befreien muss, um wieder zu mir selbst zu finden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Na ja.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihr Mann war siebzig Mal Ihr Regisseur. Wie oft empfanden Sie es als zerst&amp;ouml;rerisch, Privatleben und Beruf zu vermischen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Nie! Da wir schon als Studenten miteinander gearbeitet haben, war das irgendwie selbstverst&amp;auml;ndlich f&amp;uuml;r uns.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sind seit f&amp;uuml;nfzig Jahren ein Paar. Wie haben Sie das geschafft?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ich finde es &amp;auml;u&amp;szlig;erst erstaunlich, dass wir immer noch zusammen sind. Es ist doch die h&amp;ouml;chste Unnatur und die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Absurdit&amp;auml;t, dass zwei Menschen ein halbes Jahrhundert lang Tag und Nacht miteinander verbringen. Dass wir nicht l&amp;auml;ngst auseinandergelaufen sind, liegt an unserer Zusammenarbeit. Das gemeinsame Fremdgehen im Theater hat uns Luft und Erweiterung gegeben. Die Auseinandersetzung mit den Figuren rei&amp;szlig;t Horizonte und Welten auf, die wir sonst nie kennengelernt h&amp;auml;tten. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar: &lt;/strong&gt;Wir sind uns &amp;uuml;ber Gedanken nahe gekommen. &amp;Uuml;ber sich selbst oder den Partner zu sprechen wird doch irgendwann total langweilig und &amp;ouml;de. Aber sich gemeinsam in der Sprache eines Dramas zurechtzufinden, ist f&amp;uuml;r uns Gl&amp;uuml;ck. Unser Bindeglied ist die Neugierde auf Texte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihr Mann sagt, er neige bei Proben zu Ausbr&amp;uuml;chen und zu an die &amp;raquo;Psychopathie reichenden Exzentrikerekstasen&amp;laquo;. Wie gehen Sie damit um, dass der eigene Mann bei der Arbeit zum Springteufel wird?&lt;br /&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Das ist mir v&amp;ouml;llig egal. Ich wei&amp;szlig; auch gar nicht, was &amp;raquo;mein Mann&amp;laquo; bedeuten soll. Ich lasse es nicht zu, zu denken, dass er mein Ehemann ist. Wir haben immer die Angewohnheit gehabt, uns beim Nachnamen zu nennen. Ich sage &amp;raquo;der Neuenfels&amp;laquo;, und er sagt &amp;raquo;die Trissenaar&amp;laquo;. Das hat sich gut bew&amp;auml;hrt. Es klingt schlicht, aber &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Nicht schlicht. Herb.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Sachlich. Ich mache mir da nichts vor.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Als Sie 1980 in Frankfurt Goethes &lt;em&gt;Iphigenie&lt;/em&gt; inszenierten, lagen Sie mit Ihrer Frau k&amp;uuml;nstlerisch &amp;uuml;ber Kreuz. Es folgte eine schwere Beziehungskrise.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ich fand, der Text schwang nicht in ihr. Es suppte. Es gibt nichts Schlimmeres, als nichts zu sp&amp;uuml;ren, wenn der geliebte Mensch auf der B&amp;uuml;hne spricht. Wir entfernten uns voneinander. Es tat physisch weh. Das lie&amp;szlig; mich fremd werden. Da stand mehr auf dem Spiel als das Gelingen einer Inszenierung. Wir haben damals gewisse Sachen &amp;uuml;ber Geb&amp;uuml;hr ernst genommen. Wir konnten nicht anders. Wenn man heute dr&amp;uuml;ber nachdenkt, war es l&amp;auml;cherlich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich hatte aber recht, die Rolle so zu spielen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ja, das war das Tolle. Dein Anteil bei&lt;em&gt; Iphigenie&lt;/em&gt; war gr&amp;ouml;&amp;szlig;er als meiner. Die &lt;br /&gt; Betrachtung des St&amp;uuml;cks und der Rhythmus der Inszenierung stammen von dir.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was macht man, wenn einen der Probenplan zwingt, trotz eines privaten Krachs zusammenzuarbeiten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Man umlauert einander, und nat&amp;uuml;rlich merken die Assistenten, was los ist. Wenn du dann den ersten Kr&amp;auml;chzer auf der B&amp;uuml;hne h&amp;ouml;rst, denkst du: Um Gottes willen, jetzt geht das schon wieder los! Die B&amp;uuml;hne hat uns aber auch objektiviert. Wenn wir nach einem schrecklichen Krach zur Probe kamen, mussten wir in den ersten zwanzig Minuten erst mal einen Ton finden, verdeckt, damit die Kollegen nicht merkten, dass wir kurz vor der Trennung standen. Nach 25 Minuten war der Streit dann weg. Die B&amp;uuml;hne hatte uns gereinigt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; &amp;raquo;Gereinigt&amp;laquo; klingt so metaphysisch. Auf der B&amp;uuml;hne geht es um einen Text, und der l&amp;auml;sst diesen ganzen Privatk&amp;auml;se pl&amp;ouml;tzlich v&amp;ouml;llig banal erscheinen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Kollegen sagen, auch Sie werden bei Proben zur Furie.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich wei&amp;szlig;, dass ich aufbrausend bin und manchmal dominant wirke. Wenn ich etwas nicht verstehe, reagiere ich mit Aggressivit&amp;auml;t. Damit verscheucht man zwar alle &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Das ist wahr.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; &amp;hellip; aber man gewinnt Zeit, um nachzudenken.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ihre Frau schrie Sie einmal bei einer Medea-Probe an: &amp;raquo;Nichts verstehst du, du Idiot! Mit einem Schwein bin ich verheiratet, mit einem Schwein!&amp;laquo; Was war passiert?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ich hatte ihr vorgeschlagen, dass die Medea einen ihrer beiden S&amp;ouml;hne dem Kreon zum V&amp;ouml;geln gibt. In Griechenland herrschte ja P&amp;auml;derastie. Da ist sie explodiert. Dieses Gel&amp;auml;nde mochte sie als Mutter nicht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich habe sofort losgeballert. Dass Medea ihren Buben zum V&amp;ouml;geln anbietet, war mir einfach zu hart &amp;ndash; aber nicht lange. Irgendwann habe ich begriffen, dass es richtig gut war, es so zu spielen. Du h&amp;auml;ttest als Regisseur sanftm&amp;uuml;tiger mit mir umgehen m&amp;uuml;ssen. Der Ton macht die Musik.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Jaja. Ich bin aber kein Stratege, der eine Schauspielerin beiseite nimmt und behutsam fragt: &amp;raquo;K&amp;ouml;nnen wir das aus den und den Gr&amp;uuml;nden vielleicht mal so machen?&amp;laquo; Es war nach 23 Uhr, und ich wusste nur eines: An dieser Stelle muss jetzt was Unerh&amp;ouml;rtes passieren!&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;&lt;/span&gt;Solange man liebt, ist es bequem, die Wahrheit zu sagen.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59661.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn Ihre Frau mit anderen Regisseuren arbeitete, schlichen Sie sich manchmal heimlich in die Proben. Warum?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ich wollte &amp;uuml;berpr&amp;uuml;fen, ob sie mich auch dann noch fasziniert, wenn sie mit anderen Regisseuren arbeitet. Die Frage war auch, ob sie gel&amp;ouml;ster und &amp;uuml;berraschender ist als bei mir. Ich stellte aber zufrieden fest, dass sie ihr Wesen nie ver&amp;auml;nderte.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Als er mir sp&amp;auml;ter seine heimlichen Visiten gestand, war ich eher belustigt. Es ist ja mein Beruf, dass man mir zuguckt. Umgekehrt war ich schon ein paar Mal eifers&amp;uuml;chtig, nicht auf Schauspielerinnen, mit denen er arbeitete, sondern auf seine Inszenierungen, die ohne mich stattfanden. Es war sentimentaler Quatsch, dass mich das geschmerzt hat, aber es war so.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Als Rainer Werner Fassbinder im Garten Ihres Hauses In einem Jahr mit 13 Monden drehte, sagte er Ihnen: &amp;raquo;Ich wette, Neuenfels steht am K&amp;uuml;chenfenster und beobachtet uns.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich habe gelacht, weil ich sicher war, dass es stimmte. Und es stimmte auch.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Nat&amp;uuml;rlich. Das Medium Film faszinierte dich, und ich hatte Angst, dass mir das wichtigste Wesen meiner Existenz von einer anderen Kunstform geraubt wird. Deshalb musste man im Auge behalten, was da lief. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vor 26 Jahren haben Sie Ihrer Frau eine Postkarte mit einem selbst verfassten Gedicht geschickt:&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;&amp;raquo;ELISABETH TRISSENAAR&lt;br /&gt; HANS NEUENFELS&lt;br /&gt; R&amp;uuml;cken an R&amp;uuml;cken&lt;br /&gt; Das Theater dazwischen&lt;br /&gt; Wenden wir uns zueinander&lt;br /&gt; Und sehen UNS&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;In welcher Situation haben Sie das Gedicht geschrieben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ich war irritiert, zweifelnd. Du warst in dieser Zeit unglaublich umtriebig und &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich war immer umtriebig &amp;ndash; in Haus und K&amp;uuml;che!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; &amp;hellip; du bist oft weggeflogen. Es war ein ewiges Hin und Her. Das Gedicht war ein Appell an unsere Bindung. Wir hatten ja fr&amp;uuml;h ein Kind, das ... &lt;em&gt;(unverst&amp;auml;ndlich).&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Hans, du nuschelst! Und was unseren Sohn angeht: Ein Kind kann keine Beziehung zusammenhalten. Im Gegenteil. Ich wusste immer, es muss zwischen uns etwas geben, was nur uns geh&amp;ouml;rt, unser Geheimnis gewisserma&amp;szlig;en. Ein Zustand, der ungreifbar und unsichtbar ist wie ein Astralleib. Da kriegst du Halsschmerzen, oder?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ja. Das klingt wie die letzten Briefe zwischen Heinrich von Kleist und Henriette Vogel.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein Lieblingssatz Ihres Mannes stammt aus Schnitzlers Das weite Land: Man m&amp;uuml;sse in der Liebe &amp;raquo;ehrlich bis zur Orgie&amp;laquo; sein.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Solange man liebt, ist es bequem, die Wahrheit zu sagen. Erst wenn man nicht mehr liebt, wird es unbequem.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Schnitzlers Satz meint doch auch, dass man zugeben soll, wenn man mit mehr als einer Frau schlafen will. Die Frage ist, ob ein Mensch, der lieben kann, seiner Natur nach der Liebe treu bleibt und nicht der Treue. Das ist ein sehr delikates Thema. Du w&amp;uuml;rdest Untreue nicht akzeptieren, weil sie gegen dein Ich ist.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; So, so. Ich bin ein Ehrlichkeitstrampel, aber diese Art Ehrlichkeit finde ich gar nicht so wichtig, solange es nur um ein Panscherl geht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kennt man den anderen immer weniger, je l&amp;auml;nger man mit ihm zusammen ist?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Am Ende des Lebens kommt es immer dazu, dass zwei Menschen sich im Blick treffen wollen und sich verfehlen. Im Grunde wei&amp;szlig; man gar nichts vom anderen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Man kennt sich immer genauer und wird sich immer fremder. Was mir auf die Nerven geht, ist das Allt&amp;auml;gliche mit dir. Es ist eine solche Wiederkehr des Gleichen, dass es richtig gemein vom Leben ist. Es w&amp;auml;re sch&amp;ouml;n, wenn man es komisch nehmen k&amp;ouml;nnte, aber da ist die Zahnb&amp;uuml;rste und das Handtuch und der Schuhstrecker &amp;ndash; und das nervt!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was ist Ihnen am anderen ein R&amp;auml;tsel?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Wir haben seit hundert Jahren die FAZ abonniert. Er hat sie selten ganz gelesen. Jetzt geht er ins Bibliothekszimmer, setzt sich auf den wei&amp;szlig;en Stuhl und liest diese Zeitung h&amp;ouml;chst genau. Man kommt zum Klischee des zeitunglesenden Mannes im Hause zur&amp;uuml;ck. Verbl&amp;uuml;ffend.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Du h&amp;auml;ltst an vielen Dingen fest, die ich l&amp;auml;ngst aufgegeben habe. Wenn ich keine Termine habe, lebe ich wie ein verbummelter Student. Man will sich kurz mit jemandem treffen, und dann wird es lang, und der Tag ist weg. Das w&amp;uuml;rde dir nicht passieren.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Weil ich wei&amp;szlig;, dass ich verkomme, wenn ich loslasse. Eigentlich w&amp;auml;re ich gerne faul.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Wirklich?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ja!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Nat&amp;uuml;rlich trage ich immer den Dreck raus &amp;ndash; aber zu meiner Zeit. Sie will es jetzt haben. Das ist mir ein R&amp;auml;tsel. Wir sind doch ungebunden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich w&amp;uuml;rde ihn gern jeden Morgen aus dem Bett rausjagen und sagen: &amp;raquo;Mach was! Geh meinetwegen um den Block.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Brechen wir das Thema ab.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Finde ich auch. Das ist ein Aggressionsthema von mir.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist zur Liebe nur f&amp;auml;hig, wer die eigene Einsamkeit akzeptiert?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich kann meine Einsamkeit sehr gut akzeptieren. Mich w&amp;uuml;rde es total hysterisch machen, so wie du dauernd mit Assistenten rumzusitzen, von denen man gar nicht so genau wei&amp;szlig;, warum sie einem &amp;uuml;berhaupt zuh&amp;ouml;ren.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Du bist ja auch Schauspielerin. Ich bin Regisseur und brauche meine Mitarbeiter wie trocken Brot.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Du musst immer reden. Das ist anstrengend.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Als ich meine Autobiografie geschrieben habe, sa&amp;szlig; ich wochenlang stumm und allein am Schreibtisch. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Du bist doch dauernd gekommen und hast mich alles m&amp;ouml;gliche gefragt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ich bin manchmal zu dir gegangen und habe gefragt, ob man Applaus mit einem oder zwei p schreibt.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;&lt;/span&gt;Der Alkohol dr&amp;uuml;ckt &amp;Auml;ngste weg und legt sich wie ein wohliger Mantel um einen.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59663.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Schauspieler Will Quadflieg sagte einmal: &amp;raquo;Alles, was in Kunst &amp;uuml;bersetzt ist, ber&amp;uuml;hrt mich mehr als mein privates Schicksal. &amp;Uuml;ber Figuren in Dramen kann ich weinen, aber den eigenen Gef&amp;uuml;hlen gegen&amp;uuml;ber bin ich seltsam distanziert. Meine Frau fragt manchmal: &amp;rsaquo;Warum lernst du mich nicht einmal auswendig?&amp;lsaquo;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Ein brillant formulierter Satz! Ich muss zugeben, dass mich Hamlet oder Medea oft mehr interessieren als meine privaten Wehwehchen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich bin mit den eigenen Gef&amp;uuml;hlen sehr aufwendig und verschleudere damit meine Kr&amp;auml;fte. Was das angeht, habe ich mich nie geschont, weder auf der B&amp;uuml;hne noch &lt;br /&gt; im Privatleben. Ich bin die Donau, und er ist der Rhein. Das sind tausend Kilometer Entfernung.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Deshalb verstehst du auch nicht, dass es ein Ritual des Rheinlandes ist, dass man mehrmals am Tag kurz in eine Kneipe verschwindet. Jedes Mal ein kleines K&amp;ouml;lsch, das ist Gesetz. Ihr Alkoholkonsum ist ber&amp;uuml;hmt-ber&amp;uuml;chtigt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels&lt;/strong&gt;: Ich bin ein Suchtmensch, aber man kann nicht sagen, dass meine Inszenierungen die eines Betrunkenen seien. Der Alkohol dr&amp;uuml;ckt &amp;Auml;ngste weg und legt sich wie ein wohliger Mantel um einen. Er hat eine bewusstseinserweiternde und begl&amp;uuml;ckende Wirkung. Die Flachversteher werden jetzt auflachen, aber ohne Alkohol h&amp;auml;tte ich viele H&amp;ouml;hepunkte nicht erlebt. Durch eine kalte Analyse kommst du nicht auf Dinge. Du musst dich anders aufrei&amp;szlig;en als &amp;uuml;ber den Intellekt, sonst bleibt es bei einem Beruf. Alkohol l&amp;auml;sst auch N&amp;auml;he entstehen zwischen Menschen und schafft eine h&amp;ouml;here Intimit&amp;auml;t der Gedanken. Gleichzeitig negiert er die Zeit. Und es ist sehr sch&amp;ouml;n, die Zeit zu vergessen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Ich trinke selbst. Ich bin keine feine Dame, die den ganzen Abend lang an einem Glas Champagner nippt. Ich kann schon ganz sch&amp;ouml;n trinken, aber nicht so viel wie er.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Du trinkst im Verh&amp;auml;ltnis zu mir zwei Drittel weniger.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar: &lt;/strong&gt;Ich muss ja Texte lernen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Manchmal ist das Trinken ein Tanz auf einer hei&amp;szlig;en Herdplatte.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Um wieder zur Liebe zu kommen: Ich finde es idiotisch, das Schicksal so auszureizen, dass man fr&amp;uuml;her im Krepier-Zustand ist. Wenn man sich fr&amp;uuml;hzeitig abschaffen will, braucht man nicht von Liebe zu s&amp;auml;useln. Dann liebt man den Alkohol mehr als die Liebe.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Sehr katholisch.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Du brauchst nicht immer Kritik zu &amp;uuml;ben, wenn du zu Hause bist. Hier bist du kein Regisseur.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gab es Trennungen?&lt;br /&gt;Neuenfels&lt;/strong&gt;: Ja. Die l&amp;auml;ngste dauerte fast ein dreiviertel Jahr. Das war ein ganz schwerwiegendes Ereignis, eine Fast-Zerst&amp;ouml;rung. Ich litt so entsetzlich, dass ich nicht essen konnte und immer d&amp;uuml;nner wurde. Wir waren beide ausgezogen, mit allem Drum und Dran, weil wir nicht weiterwussten. Sie hatte vornehmlich mich &amp;uuml;ber. Ist ja klar: Sie war 47, ich f&amp;uuml;nfzig.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar: Was genau meinst du damit?&lt;br /&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Der Grund der Trennung war, dass du dich gelangweilt hast und unsere &lt;br /&gt; Beziehung verbraucht fandest.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar: &lt;/strong&gt;Dieser Punkt war schon sehr gravierend, aber der Killer waren deine Jahre als Intendant der Freien Volksb&amp;uuml;hne in Berlin. Ich wollte nie eine Intendantengattin sein. Pl&amp;ouml;tzlich hatte ich den Stempel, ein machtheischendes Weib zu sein, eine Lady Macbeth. Wegen deiner &amp;Uuml;berforderung musste oft ein Notarzt gerufen werden. Ja, ich wollte weg! F&amp;uuml;r mich begannen dann gro&amp;szlig;e Lehrstunden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels:&lt;/strong&gt; Als wir uns wiederbegegneten, waren wir zwei ausgemergelte und verwundete Gespenster. Es begann die Knochenarbeit der Seelen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Trissenaar:&lt;/strong&gt; Gibst du bitte auf deine Asche acht! Sonst gibt es noch mehr Brandl&amp;ouml;cher im Teppich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Neuenfels&lt;/strong&gt;: Ich erstaune, dass es sich wieder zusammengef&amp;uuml;gt hat mit uns. Wir werden niemals wissen, ob wir f&amp;uuml;reinander der gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Fluch sind oder das gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Gl&amp;uuml;ck. Wir wissen aber, dass wir inoperabel verbunden sind wie siamesische Zwillinge. Wir wettern, dass wir zusammen sind, und wir sind selig, dass es bis heute so ist.&lt;br /&gt;Deutschland Pionierarbeit. Vor zehn Jahren gab es so etwas ja noch gar nicht.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;ELISABETH TRISSENARR&lt;/strong&gt; entstammt einer Wiener Familie, zu deren  Besitz der ber&amp;uuml;hmte Musik- verlag Doblinger geh&amp;ouml;rte. Ihre Mutter litt an  paranoider Schizophrenie und verbrachte den Gro&amp;szlig;teil ihres Lebens in  Nervenkliniken. Trissenaar, 69, spielte bis heute 160 Rollen in Theater,  Film und Oper, siebzig davon unter der Regie ihres Mannes. Der  gemeinsame Sohn Benedict ist ein preisgekr&amp;ouml;nter Kameramann und  Filmemacher. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;HANS NEUENFELS&lt;/strong&gt; wuchs als Sohn eines Oberregierungsrates in  Krefeld auf und ver&amp;ouml;ffentlichte mit 17 Jahren den Gedichtband &amp;raquo;Ovar und  Opium&amp;laquo;. Nachdem er ein Jahr Assistent bei dem Maler Max Ernst in Paris  war, wurde er Theater- und Opernregisseur und erwarb sich den Ruf eines  skandalumtosten Provokateurs. Der 71-J&amp;auml;hrige blickt auf knapp 150  Inszenierungen zur&amp;uuml;ck. Vor drei Jahren brachte er in Bayreuth Wagners  &amp;raquo;Lohengrin&amp;laquo; auf die B&amp;uuml;hne.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fotos: Felix Br&amp;uuml;ggemann c/o brigitta-horvath.com&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Elisabeth &amp; Hans</dc:subject>
    <dc:creator>Sven Michaelsen (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-13T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39921">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39921</link>
    <title>Jason &amp; Marylin</title>
    <description>&lt;p&gt;Sie war jung. Sie war sch&amp;ouml;n. Und eines Morgens machte  sie ihm ein Gest&amp;auml;ndnis: Die Frau, die unser Autor liebte, war eine  Killerin.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Vor mehr als zehn Jahren sa&amp;szlig; ich in dr&amp;uuml;ckender Hitze nackt auf dem Rand eines Bettes in einem billigen Hotel, irgendwo mitten in einer vom Krieg zerrissenen Region Kolumbiens, und h&amp;ouml;rte einer Frau zu. Ich hatte gerade mit ihr geschlafen. Jetzt erz&amp;auml;hlte sie mir ein Geheimnis.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich war nach Kolumbien gekommen, weil ich Fotojournalist werden wollte und damals fand, das ginge nur, indem ich mich mitten in einen Konflikt st&amp;uuml;rzte. Seit Jahrzehnten befand sich der kolumbianische Staat im Krieg mit Rebellengruppen, die ihre Truppen durch Entf&amp;uuml;hrungen und Drogenhandel finanzierten. Als Reaktion auf die Entf&amp;uuml;hrungen reicher Landbesitzer formierten sich Todesschwadronen, die einen schmutzigen Krieg gegen die Guerilla f&amp;uuml;hrten. Innerhalb von zwanzig Jahren waren in diesem Konflikt mehr als 70 000 Menschen ums Leben gekommen, zwischen drei und vier Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich begann, alle am Konflikt beteiligten Gruppen zu fotografieren, zun&amp;auml;chst die Rebellen. Ich verbrachte einige Zeit in einem ihrer Lager, dann begab ich mich auf die Suche nach der anderen Seite. Der S&amp;uuml;den Kolumbiens war eines der Zentren des Drogenhandels; eine Gegend, in der es immer wieder zu Gefechten zwischen Guerillas und &amp;raquo;Paras&amp;laquo; kam, den Paramilit&amp;auml;rs. Ich machte mich auf dorthin, nach Putumayo.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Auf der Reise, mehrere Tage in einem alten Bus, lernte ich eine junge Frau kennen, eine wundersch&amp;ouml;ne Kolumbianerin namens Marylin. Wir unterhielten uns lange, ich f&amp;uuml;hlte mich schnell zu ihr hingezogen. Als ich ihr von meinem Vorhaben erz&amp;auml;hlte, sagte sie, sie habe Freunde bei den Paras und k&amp;ouml;nne mir helfen. Sie lud mich ein, bei ihrer Familie zu wohnen, am Rand einer gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren Siedlung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich blieb ein paar Wochen, fotografierte Coca-Felder und traf mich mit Paramilit&amp;auml;rs. Marylin und ich verbrachten viele Nachmittage gemeinsam in einer H&amp;auml;ngematte. Wir k&amp;uuml;ssten uns, weiter gingen wir nicht. Als ich nach England abreiste, sagte sie mir, ich sei nun &amp;raquo;Teil der Familie&amp;laquo;. Ich versprach, so bald wie m&amp;ouml;glich wiederzukommen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als ich sechs Monate sp&amp;auml;ter zur&amp;uuml;ckkehrte, sagte mir Marylin, sie habe vor Kurzem gek&amp;auml;mpft, in einem Feuergefecht. Sie hatte sich den Paras angeschlossen. In dem Gefecht waren 25 Paramilit&amp;auml;rs und mindestens 15 Rebellen ums Leben gekommen, eine Freundin Marylins war an ihrer Seite erschossen worden. Nach den K&amp;auml;mpfen war die gesamte Bev&amp;ouml;lkerung des betroffenen Dorfes geflohen. Ich war nicht sonderlich geschockt. Immerhin war ich hier in einem Land, das von jeder Form von Gewalt zerrissen wurde. Lediglich Gl&amp;uuml;ck &amp;ndash; oder der Mangel daran &amp;ndash; bestimmte, auf welcher Seite man stand. Ich blieb bei ihr. Dann bekam ich den Auftrag, den Krieg im Irak zu fotografieren. Also verlie&amp;szlig; ich das Land wieder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei meinem n&amp;auml;chsten Besuch in Kolumbien bot mir ihr Vater ein kaltes Bier an, w&amp;auml;hrend ich auf Marylin wartete. Er sagte, sie sei auf einem Botengang. Sp&amp;auml;ter gingen Marylin und ich Hand in Hand zu einem Bach im Regenwald hinter dem Haus. Wir wateten gemeinsam hinaus in das kalte Wasser. Ich hatte das Gef&amp;uuml;hl, irgendetwas sei anders zwischen uns. Ich fragte sie, ob es besser w&amp;auml;re, wenn ich nicht bei ihrer Familie wohnte, sondern in einem Hotel. Sie sagte, ja, das w&amp;uuml;rde es einfacher machen. An diesem Abend kam sie, wir a&amp;szlig;en auf dem Balkon und tranken Wein. Sie blieb &amp;uuml;ber Nacht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mein Hotelzimmer war winzig und hei&amp;szlig;, eines mit Klimaanlage konnte ich mir nicht leisten. Von drau&amp;szlig;en drangen die Rufe der Stra&amp;szlig;enverk&amp;auml;ufer und das L&amp;auml;rmen des Verkehrs herein. Als der Morgen d&amp;auml;mmerte, erkl&amp;auml;rte Marylin, sie m&amp;uuml;sse mir etwas sagen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In jeder neuen Beziehung kommt der Punkt, an dem deine Freundin ein Geheimnis teilen will. Gew&amp;ouml;hnlich hat es mit Sex zu tun &amp;ndash; wie viele andere Partner sie hatte, solche Sachen. Oft ver&amp;auml;ndert dieses Geheimnis die Basis der Beziehung, Ehrlichkeit hat Konsequenzen. Marylins Gest&amp;auml;ndnis aber verwirrte mich v&amp;ouml;llig. Sie erkl&amp;auml;rte mir, dass ihre Aufgabe bei den Paras jetzt eine andere sei. Sie sei eine Killerin geworden. Ihr Job sei es, Informanten und Verr&amp;auml;ter umzubringen. Bis jetzt habe sie zehn Menschen get&amp;ouml;tet. Sie sah mich an und wartete auf eine Antwort. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich f&amp;uuml;hlte keine Abscheu. Die Monate, die ich in Kolumbien und im Irak verbracht hatte, inmitten all der Gewalt, hatten mich ver&amp;auml;ndert. Ich war nicht mehr so leicht zu schockieren. Der Unterschied zwischen Opfer und T&amp;auml;ter schien oft nur im Auge des Betrachters zu liegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Frau, mit der ich schlief, war eine Killerin; es lag jetzt immer eine Waffe auf dem Nachttisch. Wenn ich ihr zusah, wie sie die Pistole aus dem G&amp;uuml;rtel zog, ihre Jeans aufkn&amp;ouml;pfte und in mein Bett schl&amp;uuml;pfte, konnte ich die Frau in meinen Armen nicht mit den K&amp;ouml;rpern in Verbindung bringen, die ich im &amp;ouml;rtlichen Leichenschauhaus gesehen hatte &amp;ndash; Morde, die sie mir gestanden hatte. In der tropischen Hitze, high von Rum und Kokain, in den Armen einer wundersch&amp;ouml;nen 22-j&amp;auml;hrigen Frau, vermischten sich Fantasie und Wirklichkeit. Ich lie&amp;szlig; die Realit&amp;auml;t nicht an mich heran. Ich f&amp;uuml;hlte mich wie in einem Kinofilm.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eines Morgens erz&amp;auml;hlte mir Marylin, dass sie in der Nacht zuvor eine Frau umgebracht habe. Keine Verr&amp;auml;terin. Keine Informantin. Die Geliebte des Mannes einer Freundin. Sie beschrieb so genau, was passiert war, mit so wenig Regung, dass ich endlich zur Besinnung kam: Marylin war kein Teil eines B&amp;uuml;rgerkriegs mehr, sie war eine Auftragsm&amp;ouml;rderin. Obwohl ich mich immer noch zu ihr hingezogen f&amp;uuml;hlte, drangen endlich die Einsichten zu mir durch, die jeder andere viel fr&amp;uuml;her gehabt h&amp;auml;tte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Fotos, die ich von da an von ihr machte, konzentrierten sich auf die dunkle Seite ihres Lebens. Ich versuchte, sie von einer Geliebten zu einem Gegenstand meiner Arbeit zu machen, zu einem Thema. Sie erlaubte mir, ein Interview mit ihr aufzunehmen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Als ich zum ersten Mal t&amp;ouml;tete, hatte ich Angst. Mein erstes Opfer habe ich nur deshalb umgebracht, weil ich wissen wollte, ob ich es kann. Danach zitterte ich. Ich konnte nichts essen. Ich konnte mit niemandem sprechen. Das zweite Mal war nur ein bisschen einfacher. Jetzt t&amp;ouml;te ich, ohne dass etwas in mir vorgeht. Ich f&amp;uuml;hle mich normal. Ingesamt habe ich 23 Menschen get&amp;ouml;tet.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wir stritten. W&amp;uuml;tend sagte ich ihr, sie stehe f&amp;uuml;r alles, was in Kolumbien falsch l&amp;auml;uft. Ich verlie&amp;szlig; das Land wenig sp&amp;auml;ter erneut, um die Kriege im Irak und in Afghanistan zu fotografieren. Ein Jahr lang schickten wir uns E-Mails. Sie bat mich, sie nicht zu vergessen. Sie schrieb, dass die Worte, die ich ihr an den Kopf geworfen hatte, in ihr arbeiteten. Sie schrieb, sie wolle einen neuen Anfang wagen, aber die Paras lie&amp;szlig;en niemanden aufh&amp;ouml;ren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Pl&amp;ouml;tzlich bekam ich keine Mails mehr von Marylin. War ihr etwas passiert? Hatte sie den Absprung geschafft, hatte ihre Vergangenheit sie eingeholt? Ich fuhr noch einmal nach Kolumbien. Als ich an ihrem Haus ankam, empfing mich ihr Vater mit Tr&amp;auml;nen in den Augen: Sie sei entf&amp;uuml;hrt und zu Tode gesteinigt worden &amp;ndash; die Strafe der Paras f&amp;uuml;r einen &amp;raquo;sapo&amp;laquo;, eine Kr&amp;ouml;te, so nennen sie Spitzel. Ich brachte kein Wort heraus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich dachte an unseren Streit und die E-Mails, in denen sie schrieb, sie m&amp;uuml;sse dar&amp;uuml;ber reden, wie sie aus dem Chaos herauskomme. Ich erinnerte mich an unsere K&amp;uuml;sse in jener Zeit, bevor ich wusste, dass sie eine Killerin war. Am n&amp;auml;chsten Morgen besuchte ich ihr Grab. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wurde Marylin ermordet, weil sie eine Informantin war? Oder weil sie, wie sie in ihren E-Mails schrieb, wirklich aussteigen wollte? Das ist es, was ich glauben will. Ich will daran glauben, dass sie einen Sinneswandel durchgemacht hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber wem will ich etwas vormachen?&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Jason &amp; Marylin</dc:subject>
    <dc:creator> Jason P. Howe (Text und Fotos)</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-13T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Christine &amp; Jochen</title>
    <description>&lt;p&gt;Die Moderatorin Christine Westermann hat ihren  Traummann zweimal getroffen. Beim ersten Mal passierte nichts. Zwanzig  Jahre sp&amp;auml;ter stand er wieder vor ihr. Und blieb.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59687.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Ich habe den Mann, der sp&amp;auml;ter mein Ehemann werden sollte, Anfang der Achtziger kennengelernt. Er hat mir gefallen, und ich ihm auch. Aber die Zeit war noch nicht reif. Ich glaube an solche Dinge: dass manches erst passiert, wenn es passieren soll. Jedenfalls habe ich zwanzig Jahre nicht an ihn gedacht. Und als er 2001 vor mir stand, habe ich ihn nicht wiedererkannt. Drei Monate sp&amp;auml;ter habe ich ihn gefragt, ob er mich heiraten will.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber von vorne: Jochen und ich haben uns in Marl im Ruhrgebiet kennengelernt, ich sa&amp;szlig; in der Jury eines Wettbewerbs des Arbeitsministeriums. Er war f&amp;uuml;r die &amp;Ouml;ffentlichkeitsarbeit zust&amp;auml;ndig. Wir haben uns gut verstanden, wir mochten uns. Abends sind wir zusammen mit dem Zug gefahren. Er musste nach D&amp;uuml;sseldorf, ich nach K&amp;ouml;ln. Als der Zug in D&amp;uuml;sseldorf hielt, blieb er sitzen, damit wir noch ein bisschen Zeit zusammen hatten. In K&amp;ouml;ln haben wir uns verabschiedet &amp;ndash; und er hat den n&amp;auml;chsten Zug zur&amp;uuml;ck genommen. Ich dachte damals schon: Was f&amp;uuml;r ein guter Typ! Aber wir beide waren in festen Beziehungen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Heute wei&amp;szlig; ich, dass Jochen w&amp;auml;hrend der n&amp;auml;chsten zwanzig Jahre immer mal wieder an mich gedacht hat. Ich bekam jedes Jahr eine Weihnachtskarte von ihm, bis ich 1990 in die USA umzog. Dann gingen die Karten zur&amp;uuml;ck &amp;ndash; &amp;raquo;unbekannt verzogen&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Im Jahr 2001 habe ich ein Buch geschrieben und meine ersten Lesungen gemacht, eine davon in M&amp;uuml;nster. Nach der Lesung bin ich mit Buchh&amp;auml;ndlern noch in ein Lokal gegangen, es war September und ein sehr warmer Abend. Wir sitzen also drau&amp;szlig;en, an einem belebten Platz, und da sehe ich einen Mann auf einem cremefarbenen Fahrrad vorbeifahren, wei&amp;szlig;es Hemd, Jackett, und eine Krawatte, die ihm l&amp;auml;ssig um den Hals baumelt. Ich habe ihn angeguckt und sofort Wehmut gesp&amp;uuml;rt: Im n&amp;auml;chsten Leben, dachte ich, suchst du dir genau so einen Mann. Keine Aff&amp;auml;ren mehr, kein Herumirren, sondern einen wie ihn. Aber ich war sicher: Der hat sein Gl&amp;uuml;ck gefunden, ist verheiratet. Zwei Kinder, mindestens. Ich habe mich gezwungen, nicht mehr hinzugucken, weil es mich traurig gemacht hat. Und pl&amp;ouml;tzlich steht er an unserem Tisch, sieht mich an und sagt: &amp;raquo;Hier steckst du also.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Was ich nicht wusste: Jochen lebte mittlerweile in M&amp;uuml;nster und hatte das Plakat f&amp;uuml;r die Lesung gesehen, aber keine Karte bekommen. Abends hat er die Kneipen der Stadt abgesucht, eine nach der anderen, bis er mich gefunden hatte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er hat sich zu mir gesetzt. Und ich hatte minutenlang keine Ahnung, wer er war und woher ich ihn kannte. Er lie&amp;szlig; mich raten, und er hat das sichtlich genossen. &lt;br /&gt;Irgendwann d&amp;auml;mmerte es mir: War da etwas mit einem Zug? Vor vielen Jahren? Die Buchh&amp;auml;ndler sa&amp;szlig;en verdutzt da, die waren pl&amp;ouml;tzlich au&amp;szlig;en vor, und das haben sie auch begriffen und sind bald gegangen. Der Abend endete um f&amp;uuml;nf Uhr morgens vor meinem Hotel. Er hat mich nach Hause gebracht, aber es ist nichts passiert. Wir wollten einfach vorsichtig sein, uns Zeit lassen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zwei Wochen sp&amp;auml;ter haben wir uns wiedergetroffen, und als er seinen Arm um mich gelegt hat, war ich wieder 16. Das ist jetzt noch aufregend, wenn ich daran denke. Es ist oft schwer zu sagen, warum man einen Menschen liebt. Es sind viele Kleinigkeiten: Wie er seine Kaffeetasse h&amp;auml;lt. Wie er sich die Haare aus dem Gesicht streicht. Ich glaube, wenn ich Jochen heute ansehe, dann sehe ich immer noch den Mann mit der Krawatte auf dem cremefarbenen Fahrrad. Und dann sp&amp;uuml;re ich Liebe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Drei Monate nach dem Wiedersehen habe ich ihm einen Heiratsantrag gemacht. Wir waren in Italien, sa&amp;szlig;en zu zweit am K&amp;uuml;chentisch im Haus von Freunden, haben Scampi gegessen und eiskalten Wei&amp;szlig;wein getrunken. Auf dem Tisch lag Zeitungspapier f&amp;uuml;r die Schalen, die Gl&amp;auml;ser waren fettverschmiert, mein Gesicht wahrscheinlich auch, ich glaube nicht, dass ich noch besonders attraktiv aussah. Ich dachte: jetzt oder nie. Und habe gesagt: &amp;raquo;Ich muss dich was fragen, aber ich f&amp;uuml;hle mich wie im Schwimmbad auf dem Zehn-Meter-Brett, und ich wei&amp;szlig; nicht, ob Wasser im Becken ist.&amp;laquo; Er hat mich angeschaut und gesagt: &amp;raquo;Spring ruhig. Das Becken ist randvoll.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Protokoll: Wolfgang Luef)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Christine &amp; Jochen</dc:subject>
    <dc:creator>Christine Westermann</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-10T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39933">
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    <title>Elena &amp; Giacomo</title>
    <description>&lt;p&gt;Die beiden Italiener geh&amp;ouml;ren zu den bekanntesten  Messerwerfern der Zirkuswelt. Aber sie treten nicht nur seit 22 Jahren  zusammen auf, sondern sind auch genauso lang miteinander verheiratet.  Ein Gespr&amp;auml;ch &amp;uuml;ber die Frage aller Fragen: Wie geht das mit dem  Messerwerfen, wenn man sich gerade vorher gestritten hat?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin: Giacomo, wie oft haben Sie Ihre Frau schon mit Messern beworfen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Giacomo Sterza:&lt;/strong&gt; Ich werfe pro Auftritt rund hundert St&amp;uuml;ck und verschie&amp;szlig;e zehn Pfeile mit der Armbrust. Das Messerwerfen ist &amp;uuml;brigens echte Schwerstarbeit, ich musste mich schon mal wegen eines Tennisarms behandeln lassen. Jedenfalls treten wir zwei bis drei Mal pro Tag auf, Ruhetage sind selten, also sind wir bislang bei etwa 1,3 Millionen W&amp;uuml;rfen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Jeder davon potenziell lebensgef&amp;auml;hrlich. Elena, was hat Ihre Mutter gesagt, als Sie einen Messerwerfer heirateten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Elena Busnelli:&lt;/strong&gt; Alles ganz normal in der Zirkuswelt! Die Alternative w&amp;auml;re ja gewesen, dass er mich als Trapezk&amp;uuml;nstler in zwanzig Meter H&amp;ouml;he durch die Luft wirbelt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza:&lt;/strong&gt; Ich verrate Ihnen was: Wir mussten die Nummer erfinden! Um immer zusammen sein zu k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Busnelli:&lt;/strong&gt; Ansonsten sind wir ein ganz normales Paar. Au&amp;szlig;er dass bei uns eben Messer fliegen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza:&lt;/strong&gt; Wirklich! Wir stammen beide aus alten Zirkusfamilien, wie fast alle, die im Zirkus arbeiten. Wir sind ein eigenes kleines Volk. Unsere Gro&amp;szlig;v&amp;auml;ter waren bekannte Turner, doch damals bekamen Sportler kaum Geld. Deswegen mussten Athleten wie Turner oder Gewichtheber nebenbei im Zirkus arbeiten. So sind die gro&amp;szlig;en Zirkusfamilien entstanden. Auch ich habe am Trapez angefangen, dann als Clown gearbeitet und seit meinem 13. Lebensjahr mit Messern trainiert. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Busnelli:&lt;/strong&gt; Fr&amp;uuml;her musstest du beim Zirkus alles machen, vom Kartenabrei&amp;szlig;er &amp;uuml;ber die Hochseilnummer bis zum Clown. Heute hat sich alles st&amp;auml;rker spezialisiert.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza:&lt;/strong&gt; W&amp;auml;re ich im Trapez geblieben, dann h&amp;auml;tten wir nie zusammengearbeitet. Ich w&amp;auml;re mit Hochseilartisten durch die Welt gereist, Elena mit Jongleuren. Wir sind im Showbusiness: Der eine tritt in Paris auf, der andere in Berlin. Wie k&amp;ouml;nnte so eine &lt;br /&gt; Beziehung funktionieren? Also &amp;uuml;berlegten wir als frisch Verliebte, was wir gemeinsam tun k&amp;ouml;nnten. 1991, ein Jahr nach unserer Hochzeit, fand zum ersten Mal das Zirkusfestival von Verona statt. Das war unsere Chance, und so starteten wir dort als Messerwerfer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Elena, hatten Sie keine Angst?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Busnelli:&lt;/strong&gt; Keinen Augenblick! Ich bin zwar immer nerv&amp;ouml;s, auch heute noch, aber nur so wie Theaterleute vor ihrem Auftritt. Ich bin im Zirkus aufgewachsen, ich wei&amp;szlig;: Du darfst keine Angst haben, sonst hast du den falschen Job. Du machst es ja nicht nur einmal, sondern Tausende Male.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza:&lt;/strong&gt; Ich erz&amp;auml;hle jetzt mal etwas &amp;uuml;ber den Mut meiner Frau. Ich war vor einigen Jahren bei einer Fernsehshow in den Niederlanden eingeladen. Dort wollte eine Kandidatin, dass sich ihr Verlobter als Liebesbeweis einem Messerwerfer aussetzt. Der Bursche machte einen harten Eindruck, aber als er dann vor der Wand stand, war er fix und fertig. Er stellte sich hin wie ein Fu&amp;szlig;baller in der Freisto&amp;szlig;mauer, er schwitzte und zitterte am ganzen K&amp;ouml;rper. Was die Leute nicht verstehen: Die Messer sind schon beeindruckend genug. Aber selbst an der Wand zu stehen und die Messer neben sich einschlagen zu h&amp;ouml;ren, das ist noch mal etwas ganz anderes.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ehepaare streiten sich auch mal. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza: &lt;/strong&gt;Nat&amp;uuml;rlich streiten wir. Oft &amp;uuml;brigens direkt vor dem Auftritt!&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Busnelli:&lt;/strong&gt; Ja, irgendetwas stimmt mit seinem Kost&amp;uuml;m nicht, und ich &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza:&lt;/strong&gt; &amp;hellip; dann zupft sie an mir herum, und das macht mich ganz verr&amp;uuml;ckt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was machen Sie, wenn Sie nach einem gewaltigen Krach auf die B&amp;uuml;hne m&amp;uuml;ssen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Busnelli:&lt;/strong&gt; Zum Gl&amp;uuml;ck sind wir Profis. Der Auftritt ist der Auftritt und nichts sonst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Woher kommt dieses Vertrauen? Immerhin riskieren Sie Ihr Leben.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Busnelli: &lt;/strong&gt;Wir Zirkusleute kennen einander. Wir wissen, was wir k&amp;ouml;nnen und was nicht. Bei Giacomo sp&amp;uuml;re ich einfach, dass nichts passieren kann. Letztes Jahr hat uns ein franz&amp;ouml;sischer Fotograf ein paar Tage lang begleitet. Er knipste uns bei unseren Auftritten, direkt in der Manege. Er wollte unbedingt die Angst in meinen Augen festhalten &amp;ndash; genau in dem Moment, wenn die Messer oder die Pfeile einschlagen. Es ist ihm nicht gelungen. Weil es sie nicht gibt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Jetzt mal ehrlich: Gibt es einen Trick?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza:&lt;/strong&gt; Nein, keinen Trick. Ich h&amp;ouml;re zum Beispiel immer diesen Quatsch mit angeblich ausbalancierten Messern, die automatisch mit der Spitze ins Ziel einschlagen. Unsinn. Die Messer drehen sich, und wenn man falsch kalkuliert, knallen sie eben mit dem Griff gegen die Wand und fallen runter. Die richtige Kalkulation ist Talent und Erfahrung. Wenn man es richtig anstellt, kann man auch einen Schraubenzieher zum Messerwerfen verwenden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Haben Sie Angst, dass irgendwann doch etwas passiert?&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sterza:&lt;/strong&gt; Na ja, es ist wie mit dem Autofahren: Je mehr Kilometer du f&amp;auml;hrst, desto wahrscheinlicher wird es, dass du doch mal einen Unfall baust. Egal, wie vorsichtig du bist. Aber ich tue alles, um das Risiko zu minimieren. Meine Armbrust zum Beispiel darf niemand anr&amp;uuml;hren. Wirklich niemand. Sie lagert an einem sicheren Ort bei m&amp;ouml;glichst gleichbleibender Temperatur. Auch wenn mein Modell modern ist: Der grundlegende Mechanismus ist 800 Jahre alt und ziemlich st&amp;ouml;ranf&amp;auml;llig. Da braucht es viel Pflege.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie trainieren Sie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza: &lt;/strong&gt;Unser Wohnwagen ist zw&amp;ouml;lfeinhalb Meter lang, und das ist gut, denn in der Manege schie&amp;szlig;e ich meine Armbrust aus etwa zehn bis zw&amp;ouml;lf Metern auf Elena ab. Unterwegs trainiere ich, indem ich vom Wohnzimmer quer durch den Wagen auf den Schlafzimmerschrank ziele. Meine Armbrust ist ein launisches Ding und nie so zuverl&amp;auml;ssig, wie ein Gewehr sein k&amp;ouml;nnte. Messer werfe ich immer drau&amp;szlig;en. Vor allem trainiere ich den Kreisel, auf den ich in der Show Elena spanne. Beim &amp;Uuml;ben spanne ich tats&amp;auml;chlich Kleidung auf einen Kreisel. Und ich stelle die Musik an, die bei unseren Nummern l&amp;auml;uft. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die schwierigste Nummer Ihres Auftritts?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza&lt;/strong&gt;: Der Tell-Schuss mit der Armbrust auf den Apfel. Nicht so sehr wegen des Schusses selbst, sondern weil er am Ende unserer Nummer kommt, wo du schon echt kaputt bist. Der Schwei&amp;szlig; flie&amp;szlig;t und das Herz rast. &amp;Uuml;brigens: Die wenigen Konkurrenten, die sich an diese Nummer herantrauen, tricksen oft ein bisschen. Da hat die Assistentin dann gern eine m&amp;auml;chtig auftoupierte Frisur, auf die der Apfel platziert wird. Bei mir und Elena sind zwischen Stirn und Apfel keine f&amp;uuml;nf Zentimeter Platz.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie mal &amp;uuml;ber einen Rollentausch nachgedacht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Busnelli:&lt;/strong&gt; Ach, mit der Armbrust bin ich ganz gut. Aber es passt nicht zu unserer Nummer. Es ist nicht mein Charakter, und ich finde es einfach nicht feminin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie lange wollen Sie Ihre Nummer noch machen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sterza:&lt;/strong&gt; Wir Zirkusmenschen denken nicht in Kategorien wie &amp;raquo;Arbeit&amp;laquo; und &amp;raquo;Rente&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Busnelli:&lt;/strong&gt; Wir machen so lang weiter, wie wir k&amp;ouml;nnen. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Elena &amp; Giacomo</dc:subject>
    <dc:creator>Stefan Maiwald (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-10T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Gabi &amp; Heiner</title>
    <description>&lt;p&gt;Klingt wie &lt;em&gt;Sex and the City&lt;/em&gt;, ist aber das echte Leben:  Als die Frau einen richtig harten Anwalt braucht, um sich von ihrem Mann  zu trennen, verliebt sie sich. In den Anwalt.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59695.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Als ich meinem zuk&amp;uuml;nftigen Ehemann Heiner zum ersten Mal begegnete, hatte ich einen derartigen Hass auf M&amp;auml;nner, dass ich sein B&amp;uuml;ro mit den Worten &amp;raquo;Ich will, dass Blut spritzt&amp;laquo; betrat. Sp&amp;auml;ter hat er mir erz&amp;auml;hlt, dass er sich bei &amp;raquo;spritzt&amp;laquo; bereits in mich verliebt hat. Weil ich n&amp;auml;mlich leider ein bisschen lispele und mir deshalb bei einem Wort wie &amp;raquo;spritzt&amp;laquo; meine Zunge ins Gehege kommt. S&amp;uuml;&amp;szlig;, diese w&amp;uuml;tende Frau, hat er gedacht, schade, dass sie eine Mandantin ist. Ich dagegen sah einen kleinen, bebrillten Dicken und dachte: &amp;raquo;Na, hoffentlich ist er als Scheidungsanwalt nicht so harmlos, wie er als Mann aussieht.&amp;laquo; Denn Harmlosigkeit war das Allerletzte, was ich damals gebrauchen konnte. Sondern einen Pitbull, der meinem treulosen Mann das Fell &amp;uuml;ber die Ohren ziehen w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich war 47 und hatte die letzten 17 Jahre mit einem Mann verbracht, der hinter meinem R&amp;uuml;cken alles Weibliche angegraben hatte, was nicht bei eins auf den B&amp;auml;umen war. Meine kleine Schwester, meine beste Freundin, meine Nachbarin. Aus R&amp;uuml;cksicht auf mich hatten alle geschwiegen. Wir waren beide Lehrer, hatten keine Kinder, aber viele Freunde, ein solides, &amp;uuml;berschaubares Gl&amp;uuml;ck, das ich nicht eine Sekunde in Frage stellte. Bis eines Morgens, er war unter der Dusche, sein Handy fiepte, weil eine SMS angekommen war. Und da ich noch verschlafen war und wir beide dasselbe Modell hatten, las ich: &amp;raquo;Du hart, ich feucht, was f&amp;uuml;r eine Kombi! Wenn ich nur dran denke, komme ich.&amp;laquo; Es war eine Referendarin aus seiner Schule. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich war so w&amp;uuml;tend, dass ich eine Woche sp&amp;auml;ter die Scheidung einreichte. Zumal ich inzwischen wusste, dass die Referendarin nicht die Einzige war.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;raquo;Schon mal an einen einseitig fehlgeschlagenen Doppelselbstmord gedacht?&amp;laquo;, scherzte mein Scheidungsanwalt bei unserem ersten Gespr&amp;auml;ch und erkl&amp;auml;rte mir, dass dies ein juristischer Ausdruck f&amp;uuml;r den Versuch ist, seinen Ehepartner dadurch loszuwerden, dass man einen gemeinsam geplanten Selbstmord als Einziger &amp;uuml;berlebt. &amp;raquo;Reizvoll, aber zu riskant&amp;laquo;, sagte ich. Er lachte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich glaube, dass ich mich schon in diesem Moment ein bisschen in Heiner verliebt habe. Weil der Termin bei ihm, vor dem ich mich so gef&amp;uuml;rchtet hatte, ganz unerwartet entspannt war. Und seine Antwort auf meine ersten Worte &amp;ndash; &amp;raquo;Sie wollen Blut? Daf&amp;uuml;r bin ich da&amp;laquo; &amp;ndash; genau die richtige war. Er h&amp;ouml;rte zu, als ich ihm mein Eheelend auf den Schreibtisch kippte, machte sich Notizen, war Balsam f&amp;uuml;r mein wundes Herz. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am n&amp;auml;chsten Tag rief er mich an, ein paar Fragen seien noch offen. Waren sie gar nicht, wie er mir sp&amp;auml;ter gestand. Dann hatte ich ein &amp;raquo;Problem&amp;laquo;, kurz darauf war er zuf&amp;auml;llig in der N&amp;auml;he und brachte mir ein paar Unterlagen pers&amp;ouml;nlich vorbei. Keiner von uns sprach es aus, aber es war ganz offensichtlich, dass wir beide st&amp;auml;ndig Vorw&amp;auml;nde suchten, um einander zu sehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Alles rein beruflich, redete ich mir ein, denn Heiner passt optisch &amp;uuml;berhaupt nicht in mein Beuteschema. Daf&amp;uuml;r ist er ein Spitzenanwalt, ich hatte tats&amp;auml;chlich den besten erwischt. Die Schrifts&amp;auml;tze an die Anw&amp;auml;ltin meines Mannes waren so ausgefeilt und s&amp;uuml;ffisant, dass er die Gegenseite damit aufs Erfreulichste verunsicherte und ich die H&amp;auml;lfte unseres Hauses bekam, obwohl ich nicht im Grundbuch stand. Und so wurde die eigentlich schlimmste Zeit meines Lebens zu einer unerwartet aufregenden. Obwohl nichts passierte und ich auch mit niemandem dar&amp;uuml;ber redete, dass ich nachts von meinem Anwalt tr&amp;auml;umte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Am dritten Tag nach meinem Scheidungstermin ging es mir bei dem Gedanken, diesen Mann nie wiederzusehen, so schlecht, dass mir alles egal war. Ich rief ihn an. &amp;raquo;Ich wollte mich nur noch einmal f&amp;uuml;r eine sehr angenehme Scheidung bedanken&amp;laquo;, sagte ich und hielt den Atem an. &amp;raquo;Kennen Sie Klaus Lage?&amp;laquo;, fragte er. Ich wusste sofort, was er meinte. &lt;em&gt;Tausendmal ber&amp;uuml;hrt &amp;hellip;&lt;/em&gt; abends, beim Italiener, k&amp;uuml;ssten wir uns noch vor dem Du. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit drei Jahren sind wir verheiratet. Und da ich wei&amp;szlig;, was f&amp;uuml;r ein Pitbull er als Anwalt ist, kann ich mich nie von ihm scheiden lassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Protokoll: Daphne Welsand)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Gabi &amp; Heiner</dc:subject>
    <dc:creator>Gabi F.</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-09T16:45:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39879">
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    <title>»Als wäre es das letzte Geheimnis zwischen den Menschen«</title>
    <description>&lt;p&gt;Warum k&amp;uuml;ssen wir uns eigentlich? Der Philosoph Alexandre  Lacroix &amp;uuml;ber die Faszination einer Geste, die biologisch keinen Sinn  ergibt.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59413.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Monsieur Lacroix, Sie haben sich mit dem K&amp;uuml;ssen so intensiv auseinandergesetzt, weil Ihre Frau sich beklagt hat: Sie haben sie zu selten gek&amp;uuml;sst. Was ist denn in Ihrer Ehe los? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Alexandre Lacroix:&lt;/strong&gt; Ich habe nicht so viel Wert auf das K&amp;uuml;ssen gelegt. Meine Frau schon. Sie warf mir vor, gef&amp;uuml;hllos zu sein. Aber das war es nicht. F&amp;uuml;r sie schien das K&amp;uuml;ssen eine Art Liebesbarometer zu sein. Da habe ich mich gefragt, warum ich das K&amp;uuml;ssen nicht so wichtig fand.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe einsehen m&amp;uuml;ssen, dass es der Anfang vom Ende einer Beziehung ist, wenn man das K&amp;uuml;ssen vergisst. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Hat Sie das &amp;uuml;berrascht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein bisschen schon. Noch mehr allerdings hat mich etwas anderes &amp;uuml;berrascht: Ich dachte, wie vielleicht die meisten Menschen, dass K&amp;uuml;ssen etwas Zeitloses und Universelles sei. Und dass die Menschen, die sich lieben, sich seit jeher auf den Mund k&amp;uuml;ssen. Aber der Kuss als Zeichen der Liebe ist erst mit den gro&amp;szlig;en Liebesfilmen wie &lt;em&gt;Vom Winde verweht&lt;/em&gt; um die Welt gegangen, also ungef&amp;auml;hr vor siebzig Jahren. Er hat sich &amp;auml;hnlich schnell verbreitet wie die Pizza, die heute auch auf der ganzen Welt gegessen wird. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie war es vorher?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Da gab es gro&amp;szlig;e regionale Unterschiede. In den meisten afrikanischen Staaten waren die Menschen schockiert und angeekelt, wenn sie Wei&amp;szlig;e sahen, die sich auf den Mund k&amp;uuml;ssten. In den gro&amp;szlig;en St&amp;auml;dten kann man sich dort mittlerweile k&amp;uuml;ssen, aber auf dem Land kommt es so gut wie &amp;uuml;berhaupt nicht vor. In der Geschichte Asiens l&amp;auml;sst sich das K&amp;uuml;ssen sehr weit zur&amp;uuml;ckverfolgen, aber es war keine Geste der Zuneigung. Man k&amp;uuml;sste sich nicht, wenn man heiratete, sondern im Bett. Es war eine Sexualpraktik, die manche anwandten, andere nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist das heute anders? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eigentlich nicht. Sie k&amp;uuml;ssen sich dort auch nicht innerhalb von Familien. In den n&amp;ouml;rdlichen L&amp;auml;ndern wie Sibirien und Lappland wieder hat man sich mit dem Riechkuss begr&amp;uuml;&amp;szlig;t: Man legt seine Nase auf die Wange des anderen und atmet tief ein. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Und &amp;uuml;berpr&amp;uuml;ft, ob man sich gut riechen kann?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das ist Ihre Interpretation! Ich w&amp;auml;re da vorsichtig. Wir haben die Tendenz, die Sitten anderer nach unserem Weltverst&amp;auml;ndnis auszulegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bleiben wir also bei den Fakten. Die Franzosen sollen Weltrekordler sein im K&amp;uuml;ssen. Korrekt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn man den Studien glaubt, k&amp;uuml;sst sich ein Paar in Frankreich und in Italien ungef&amp;auml;hr siebenmal am Tag, in China und Japan nur einmal alle zwei Tage. Darunter fallen bei uns nat&amp;uuml;rlich auch der Gutenmorgenkuss und der Gutenachtkuss. Also wieder die K&amp;uuml;sse, die Zuneigung bedeuten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Woher kommt diese Koppelung vom Kuss an die Zuneigung bei uns?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Kuss war in allen monotheistischen Zivilisationen die Geste, die Gef&amp;uuml;hle am st&amp;auml;rksten ausdr&amp;uuml;ckte. Bei den R&amp;ouml;mern gab es noch drei Worte f&amp;uuml;r den Kuss: Der Kuss innerhalb von Familien, der die Verbundenheit ausdr&amp;uuml;ckte, hie&amp;szlig; Basium. Das Osculum ist ein &amp;auml;hnlich unschuldiger Kuss: ein Zeichen der Anerkennung unter Gleichgesinnten. Das Suavium war der Kuss der Liebenden. Aber im alten Rom spielten vor allem das Osculum und das Basium eine gro&amp;szlig;e Rolle. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum nicht das Suavium?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es ging um Respekt: Der andere ist mein Alter Ego, er befindet sich mit mir auf Augenh&amp;ouml;he, denn er ist Teil meiner Familie oder meiner sozialen Klasse. Es w&amp;auml;re also niemals vorgekommen, dass ein r&amp;ouml;mischer B&amp;uuml;rger eine Prostituierte oder einen Sklaven auf den Mund gek&amp;uuml;sst h&amp;auml;tte. Und ich glaube, dass uns davon einiges geblieben ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Heute verweigern die Prostituierten ihren Kunden den Kuss.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Das ist die typische Gegenreaktion. So wie die schwarzen Rapper sich selbst Nigger nennen. Ich meinte, uns ist geblieben, dass man den, den man k&amp;uuml;sst, achten muss. Die Katholiken haben sich bis ins 13. Jahrhundert hinein auf den Mund gek&amp;uuml;sst, die orthodoxen Christen tun das bis heute. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum haben die Katholiken damit aufgeh&amp;ouml;rt? &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Man geht davon aus, dass da Einiges aus dem Ruder lief und Papst Innozenz III. den Kuss verboten hat. Auch wenn die Christen nicht mehr k&amp;uuml;ssen durften, hatten sie dem Kuss bereits eine weitere Dimension hinzugef&amp;uuml;gt: Man ist nicht nur auf Augenh&amp;ouml;he, sondern auch durch etwas H&amp;ouml;heres, den Glauben, verbunden. Bei einem Paar ist es &amp;auml;hnlich: Die Liebe zwischen zwei Menschen ist gr&amp;ouml;&amp;szlig;er als sie selbst. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Finden wir es darum schwieriger, jemanden zu k&amp;uuml;ssen, den wir nicht lieben, als mit ihm oder ihr Sex zu haben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nat&amp;uuml;rlich. Wir sagen, dass der Kuss intimer ist als Sex. Das ist ja absoluter Bl&amp;ouml;dsinn. Sex ist viel intimer. Aber beim Geschlechtsakt geht es nicht darum, einander ebenb&amp;uuml;rtig zu sein, eher im Gegenteil. Und niemand kommt dabei auf die Idee, dass einen etwas H&amp;ouml;heres, G&amp;ouml;ttliches verbindet.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn man einmal aufgeh&amp;ouml;rt hat, jemanden zu lieben, f&amp;uuml;hlt es sich besonders falsch an, ihn zu k&amp;uuml;ssen. &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt; Vielleicht, weil man sich wie ein Verr&amp;auml;ter vorkommt. &amp;Uuml;brigens: Beim Kuss &amp;ndash; und das ist fast modern &amp;ndash; dominiert keiner den anderen. Nicht der Mann die Frau oder umgekehrt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kommt das nicht ein bisschen darauf an? Im &lt;em&gt;Film Vom Winde verweht&lt;/em&gt; zwingt Clark Gable Vivien Leigh in seine starken Arme und k&amp;uuml;sst sie. Dann mag sie es, nat&amp;uuml;rlich. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clark Gable bem&amp;auml;chtigt sich ihrer, stimmt. Aber denken Sie an Burt Lancaster und Deborah Kerr in &lt;em&gt;Verdammt in alle Ewigkeit&lt;/em&gt;: Sie verf&amp;uuml;hrt ihn. Oder Greta Garbo in &lt;em&gt;Die Kameliendame&lt;/em&gt;: Sie bedeckt das Gesicht ihres Partners mit K&amp;uuml;ssen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie erkl&amp;auml;ren Sie sich eigentlich die bahnbrechende Wirkung des Filmkusses?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Kuss war im Hollywoodfilm der Vierziger- und F&amp;uuml;nfzigerjahre gleichbedeutend mit der Liebe in all ihren Dimensionen, denn mehr Erotik durften amerikanische Regisseure nach dem Hays Code, einer Art Selbstzensur der gro&amp;szlig;en Studios, nicht zeigen. Es hatte viel &amp;Auml;rger gegeben um Orgien, Aff&amp;auml;ren und die Freiz&amp;uuml;gigkeit in der &amp;Auml;ra des Stummfilms. Der Hays Code verbot, den Ehebruch positiv darzustellen, au&amp;szlig;erdem zweideutige T&amp;auml;nze, sich entkleidende Schauspieler, Bett- und Schlafzimmerszenen. Es gab nur noch den Kuss &amp;ndash; und auch der war ja nicht echt. Allerdings sah er sagenhaft gut aus. Viel besser als die sp&amp;auml;teren Filmk&amp;uuml;sse, in denen sich die Schauspieler echt mit der Zunge k&amp;uuml;ssten. Unvergesslich, wie Ingrid Bergman Humphrey Bogart in Casablanca bittet, sie zu k&amp;uuml;ssen: als w&amp;auml;re es das letzte Mal.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche Bedeutung hat der Filmkuss jetzt?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;An James Bond kann man die Entwicklung gut erkennen: In Dr. No von 1962 zittern die Lider und die Lippen der Frau, als Sean Connery sie k&amp;uuml;sst. Musik, starke Szene, Schnitt, den Sex muss man sich denken. In &lt;em&gt;Stirb an einem anderen Tag&lt;/em&gt; aus dem Jahr 2002 schlafen Halle Berry und Pierce Brosnan miteinander, dabei k&amp;uuml;ssen sie sich von Zeit und Zeit. Der Kuss hat kaum mehr Bedeutung, die Szene dient eher dazu, dass alle mal Pause machen k&amp;ouml;nnen, bevor die Action weitergeht, die viel wichtiger ist als die Erotik. Man kann eigentlich mittlerweile aufs Klo gehen, wenn zwei sich im Film k&amp;uuml;ssen. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Die Waschmaschinentrommel-Technik  &lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59417.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;ALEXANDRE LACROIX Philosoph&lt;/strong&gt; Geboren 1975. Nach dem Studium der  Wirtschaftswissenschaften und Philosophie arbeitete er kurze Zeit f&amp;uuml;r  eine Werbeagentur in Paris. Dann machte er einen radikalen Schnitt, zog  in ein Dorf im Burgund und schrieb ununterbrochen: Romane, Essays und  andere Zeitungstexte. 2006 gr&amp;uuml;ndete er das &amp;raquo;Philosophie Magazine&amp;laquo;, das  er seitdem als Chefredakteur leitet. Daf&amp;uuml;r kehrte er nach Paris zur&amp;uuml;ck.  Lacroix ist mit einer Italienerin verheiratet und hat drei Kinder. Sein  Buch &amp;raquo;Kleiner Versuch &amp;uuml;ber das K&amp;uuml;ssen&amp;laquo; erschien 2011 in Frankreich und  jetzt bei Matthes &amp;amp; Seitz auch auf Deutsch.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist der Kuss banal geworden?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich hoffe nicht. Aber jeder kann Pornos auf seinem Handy gucken. In der Pornografie geht es immer um H&amp;auml;rte, Aggression, Tempo, in der Erotik um Langsamkeit, um das Auskosten, daf&amp;uuml;r ist vielleicht gerade keine Zeit. Im letzten James Bond, &lt;em&gt;Skyfall&lt;/em&gt;, gibt es jedenfalls keine romantische Kussszene mehr. Das hat mich schon best&amp;uuml;rzt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r Jugendliche geht das Liebesleben aber nach wie vor mit dem K&amp;uuml;ssen los, oder? Zumindest tauschen sie sich rege im Internet &amp;uuml;ber Kusstechniken aus. In diesen &amp;raquo;How to kiss&amp;laquo;-Videos bin ich auf vier Kussarten aufmerksam geworden. Und auf die absoluten No-Gos nat&amp;uuml;rlich auch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was geht gar nicht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sabbern. Und die Z&amp;auml;hne d&amp;uuml;rfen nicht aufeinanderschlagen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Und die vier Techniken?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die meisten jungen Leute empfehlen sich gegenseitig das, was ich die Waschmaschinentrommel-Technik nenne: Die Zungen kreisen st&amp;auml;ndig und mechanisch umeinander. Etwas elaborierter ist die Pinsel-Technik, bei der die Zungen sich weniger erwartbar verhalten, sondern herumtanzen, hier und da aufeinandertreffen. Bei der Endoskop-Technik untersucht der eine den Mund des anderen richtiggehend. Und die vierte Technik ist schon fast Sex: Der eine penetriert den Mund des anderen mit der Zunge. Weil es keine B&amp;uuml;cher gibt dar&amp;uuml;ber, keine Anleitungen, suchen sich die Jugendlichen im Netz Rat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie denn auch herausgefunden, warum M&amp;auml;nner eigentlich das K&amp;uuml;ssen unwichtiger finden als Frauen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich mag diese Beschw&amp;ouml;rungen der Unterschiede zwischen M&amp;auml;nnern und Frauen nicht. Ich glaube vor allem, dass der Kuss dann wichtig wird, wenn er einem verweigert wird &amp;ndash; was sehr kr&amp;auml;nkend sein kann. Und vielleicht ist was dran, dass M&amp;auml;nner den Kuss peinlicher oder schwieriger finden als Frauen. Weil sie ihn als etwas Feminines betrachten. So jedenfalls sieht es Freud.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie wirken aber skeptisch.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich denke, dass es eine gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Bandbreite im Verhalten von M&amp;auml;nnern und Frauen gibt als in Freuds Vorstellung. F&amp;uuml;r ihn geht ja jedes orale Bed&amp;uuml;rfnis auf die Erfahrung des S&amp;auml;uglings zur&amp;uuml;ck, der an der Mutterbrust gen&amp;auml;hrt wird. Danach sucht man sich Ersatz, erst den Daumen, dann den Mund des anderen. Und f&amp;uuml;r die Frau ist es nicht weiter problematisch, sich &amp;uuml;ber das K&amp;uuml;ssen einen Ersatz f&amp;uuml;r die Mutterbrust zu suchen, f&amp;uuml;r den Mann allerdings sehr, denn ihm ist die Verbindung zum K&amp;ouml;rper der Mutter verboten. Und so kommt er in seiner Lust oder Begierde vollkommen durcheinander. Das kostet ihn, im Extremfall, seine M&amp;auml;nnlichkeit. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Helen Fisher, eine amerikanische Evolutionsbiologin, sagt: M&amp;auml;nner m&amp;ouml;chten mit dem Kuss die Lust der Frau entfachen, Frauen die M&amp;auml;nner auf ihre Tauglichkeit testen. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich glaube nicht, dass es f&amp;uuml;r den Kuss verhaltensbiologische Erkl&amp;auml;rungen gibt. Dann w&amp;uuml;rde ja die ganze Menschheit k&amp;uuml;ssen. Tut sie aber nicht. Bis 1950 hat nur der Okzident gek&amp;uuml;sst. Ich halte meine kulturgeschichtlichen Erkl&amp;auml;rungen f&amp;uuml;r viel einleuchtender als den Austausch von Pheromonen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Es ist unm&amp;ouml;glich zu sprechen, wenn man k&amp;uuml;sst. K&amp;ouml;nnte das nicht ein Grund f&amp;uuml;r die M&amp;auml;nner sein, dem K&amp;uuml;ssen mehr abzugewinnen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Wieder so ein Klischee. Und wieder finde ich einen anderen Aspekt interessant daran: Im Unterschied zum Geschlechtsakt, wo man ja st&amp;ouml;hnt und spricht und schreit, ist der Moment, in dem man sich k&amp;uuml;sst, still. Viele schlie&amp;szlig;en die Augen, konzentrieren sich. Und so wenig, wie man w&amp;auml;hrend des K&amp;uuml;ssens redet, redet man auch dar&amp;uuml;ber. Als g&amp;auml;be es ein vereinbartes Stillschweigen &amp;uuml;ber das K&amp;uuml;ssen. Man findet regalweise B&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber Sexualpraktiken, Pornografie, Fetischismus, Sadomasochismus &amp;ndash; und fast nichts &amp;uuml;ber das K&amp;uuml;ssen. Als w&amp;auml;re das K&amp;uuml;ssen das letzte Geheimnis zwischen den Menschen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gibt es, neben Papst Innozenz III., ber&amp;uuml;hmte Kussgegner oder Kussskeptiker?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Voltaire! Er hielt das K&amp;uuml;ssen f&amp;uuml;r eine theatralische, gek&amp;uuml;nstelte, verlogene Geste der Aristokraten. Das hat ihn abgesto&amp;szlig;en. Aber Voltaire war auch, wenn ich das mal so sagen darf, quasi asexuell. Sein Liebesleben nicht existent. Rousseau hingegen sah im Kuss eine romantische, authentische Geste &amp;ndash; und sein Kuss-Verst&amp;auml;ndnis hat uns, zumindest die Franzosen, nachhaltig gepr&amp;auml;gt. Sein Briefroman &lt;em&gt;Julie oder die neue H&amp;eacute;lo&amp;iuml;se&lt;/em&gt;, ein Pl&amp;auml;doyer f&amp;uuml;r die Liebesehe, war der Bestseller des 18. Jahrhunderts in ganz Europa. &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch in Deutschland?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Absolut. Goethe hat ihn nat&amp;uuml;rlich gelesen und verinnerlicht. 13 Jahre sp&amp;auml;ter bezieht er sich in &lt;em&gt;Die Leiden des jungen Werthers&lt;/em&gt; ganz offensichtlich auf Rousseaus &lt;em&gt;H&amp;eacute;lo&amp;iuml;se&lt;/em&gt;. Die wichtigste Szene darin ist eine Kussszene in der Natur, mitten im Wald. Heute finden wir das vielleicht kitschig, aber das hat es vorher noch nicht gegeben. Diese Szene hat den romantischen Kuss, so wie wir ihn verstehen, erfunden: die Manifestation eines durch und durch ehrlichen Gef&amp;uuml;hls. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Haben Sie sich auf die franz&amp;ouml;sische Literatur konzentriert, weil Sie Franzose sind?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. In der franz&amp;ouml;sischen Literatur spielt der Kuss nur zum ersten Mal eine solch wichtige Rolle. Im &lt;em&gt;Werther&lt;/em&gt; gibt es noch keine Kussszene, und auch in Kierkegaards &lt;em&gt;Tagebuch des Verf&amp;uuml;hrers&lt;/em&gt; wird die Beschreibung des Kusses vermieden. Aber bei Stendhal wird gek&amp;uuml;sst, bei Rousseau, Flaubert. In Frankreich hat der Kuss die Kunst angeregt, von Rodin bis hin zum ber&amp;uuml;hmten Kussbild von Robert Doisneau. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und heute?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ist es nicht mehr so. Jede Kunstform hat sich nur phasenweise dem Kuss gewidmet, die italienische Dichtung in der Renaissance zum Beispiel, um das 16. Jahrhundert herum, und der franz&amp;ouml;sische Roman im 18. Jahrhundert. Um 1900 herum malte Gustav Klimt sein fast ber&amp;uuml;hmtestes Bild, &lt;em&gt;Der Kuss&lt;/em&gt;, um dieselbe Zeit entstand auch Edvard Munchs &lt;em&gt;Der Kuss&lt;/em&gt;. In den Zwangziger- und Drei&amp;szlig;igerjahren machte der Kuss im Kino Karriere. Der Kuss ist ja eine Geste von ganz eigener Sch&amp;ouml;nheit und &amp;Auml;sthetik. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche ist Ihre Lieblingskussszene in der Literatur?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht die von Martin Amis in &lt;em&gt;Das Rachel-Tagebuch&lt;/em&gt;. Der ganz junge Martin Amis beschreibt, wie sich Jugendliche ausgiebig k&amp;uuml;ssen &amp;ndash; und all ihre &amp;Auml;ngste dabei. Und ich bin ein gro&amp;szlig;er Fan der Gedichte von Johannes Secundus, einem unglaublich gut aussehenden, unglaublich begabten und viel zu unbekannten Flamen, der im 16. Jahrhundert lebte und in lateinischer Sprache Oden an den Kuss schrieb. Die Frau, die er anhimmelte, war ihm eher &amp;uuml;berlegen als unterlegen, sie war kaprizi&amp;ouml;s, stark, temperamentvoll. Das war und ist sehr modern. Er ist nur 24 Jahre alt geworden. Aber er hat viele franz&amp;ouml;sische Dichter der Klassik und Romantik stark beeinflusst. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W&amp;uuml;rden Sie sich jetzt, nach so eingehender Besch&amp;auml;ftigung mit dem Thema, als Sympathisant des Kusses bezeichnen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich habe tats&amp;auml;chlich eine andere Perspektive auf das K&amp;uuml;ssen gewonnen. Weil es zutiefst freiwillig ist, der reine Liebesbeweis. Es gibt f&amp;uuml;r den Kuss &amp;uuml;berhaupt keine biologische Notwendigkeit. &amp;Auml;u&amp;szlig;erlich w&amp;uuml;rde sich am Leben eines Paares nichts &amp;auml;ndern, wenn es sich nicht k&amp;uuml;ssen w&amp;uuml;rde. Aber der Kuss ist das Erste, was wegf&amp;auml;llt, wenn die Beziehung den Bach runtergeht. Als das Buch erschien, wurde ich zu einem Sexologen-Kongress eingeladen und habe erfahren: Wenn ein Paar mit Problemen zu einem Sexologen kommt, fragt er als Erstes, wie oft und wie innig sie sich k&amp;uuml;ssen. Es gibt zwar keine Studie oder Erhebung dar&amp;uuml;ber, dennoch sind sich die Therapeuten einig, dass das Kussverhalten eines Paares widerspiegelt, in welchem Zustand sich die Beziehung befindet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;War das Buch eine Therapie f&amp;uuml;r Sie selbst? &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nat&amp;uuml;rlich. Auch weil ich festgestellt habe, dass es die ersten K&amp;uuml;sse der eigenen Liebesgeschichten sind, an die man sich ein Leben lang erinnert. In der Jugend ist der Kuss oft ein Hinhalteman&amp;ouml;ver, um alles weitere hinauszuz&amp;ouml;gern. Sp&amp;auml;ter ist es genau umgekehrt: Wenn man es schafft, eine Frau zu k&amp;uuml;ssen, und zwar richtig zu k&amp;uuml;ssen, wei&amp;szlig; man: Jetzt wirds ernst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Foto: Arnaud F&amp;eacute;vrier/&amp;Eacute;ditions Flammarion)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>»Als wäre es das letzte Geheimnis zwischen den Menschen«</dc:subject>
    <dc:creator>Gabriela Herpell</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-03T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Wenn Gefühle einfach fehlen</title>
    <description>&lt;p&gt;Sie ist eine Frau, 35, gut      aussehend, freundlich. Eine Frau, an der schon viele M&amp;auml;nner Interesse      hatten. Aber sie war noch nie verliebt. In ihrem ganzen Leben nicht.      Bis jetzt.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/54105.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Alle denken, dass jeder Liebe erlebt hat. Mich nervt die Selbstverst&amp;auml;ndlichkeit, mit der die Leute davon ausgehen, dass man st&amp;auml;ndig Beziehungen hat, oder eine Beziehung. Immer geht es um Liebe, &amp;uuml;berall, in Liedern und Filmen und B&amp;uuml;chern. Man kommt, als jemand, der noch nie eine Beziehung hatte, nicht vor auf dieser Welt. Man steht daneben und denkt: Bin ich vielleicht kein normaler Mensch? Dann sucht man nach Gr&amp;uuml;nden: Warum kriegen alle das auf die Reihe, nur ich nicht?&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;So erz&amp;auml;hlt es Katharina Engel*, sie ist 35 Jahre alt und hat etwas Schneewittchenhaftes, weil sie schmal ist und ein kleines, blasses Gesicht hat, umrahmt von dunklen Locken. Ihr L&amp;auml;cheln ist verhalten, beinahe sch&amp;uuml;chtern, und in ihren Augen glaubt man Wehmut zu erkennen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ehrlich: Das Treffen mit Katharina Engel birgt eine &amp;Uuml;berraschung. Nat&amp;uuml;rlich muss eine Frau, die noch nie eine Liebesbeziehung hatte, nicht aussehen wie ein Pfannkuchen. Aber dass sie so h&amp;uuml;bsch sein w&amp;uuml;rde, h&amp;auml;tte man nicht gedacht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Zu unserer Begegnung kam es so: Katharina Engel hatte eine w&amp;uuml;tende Mail ans &lt;em&gt;SZ-Magazin&lt;/em&gt; geschrieben, weil in einer Ausgabe, die nur von der Liebe handelte, niemand vorkam, der noch nie verliebt war. Ob uns eigentlich klar sei, schrieb sie, dass es Leute gebe, &amp;raquo;Mitte drei&amp;szlig;ig, nicht dumm, nicht h&amp;auml;sslich, nicht sozial inkompetent, die nicht mitreden k&amp;ouml;nnen, wenn alle Welt ganz selbstverst&amp;auml;ndlich von der Liebe spricht?&amp;laquo; Und dass es ihnen vielleicht helfen w&amp;uuml;rde zu erfahren, dass sie nicht ganz allein dastehen mit ihrem Problem. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Denn es ist ein Problem, noch nie verliebt gewesen zu sein, und das wird gr&amp;ouml;&amp;szlig;er, je mehr Zeit vergeht. Man entwickelt sich immer weiter weg von dem, was als normal angesehen wird. Irgendwann ist man so verspannt, dass gar nichts mehr geht. Wer die Worte &amp;raquo;noch nie verliebt&amp;laquo; im Internet eingibt, st&amp;ouml;&amp;szlig;t auf S&amp;auml;tze wie: &amp;raquo;Ist das unnormal? Ich bin zw&amp;ouml;lf und war noch nie verliebt.&amp;laquo; 18-J&amp;auml;hrige verzweifeln dar&amp;uuml;ber, noch Jungfrau zu sein. Oder Zwanzigj&amp;auml;hrige dar&amp;uuml;ber, immer nur kurze Beziehungen gehabt zu haben. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Heute ist jeder selbst verantwortlich f&amp;uuml;r sein Ungl&amp;uuml;ck. Oder verpflichtet zum Gl&amp;uuml;ck. &amp;raquo;Wenn fr&amp;uuml;her jemand keinen Partner gefunden hat, war das Schicksal, so sah man es selbst und die Umwelt auch&amp;laquo;, sagt der Paartherapeut Michael Mary. &amp;raquo;Heute versagt man im Lebens- oder Liebesmanagement.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dabei fing bei Katharina alles genauso an, wie es meistens beginnt: Als Teenager verknallte sie sich ein paar Mal, war aber zu sch&amp;uuml;chtern, den ersten Schritt zu tun. Also merkte niemand etwas, geschah nichts, litt sie still vor sich hin. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dann gab es einen Jungen, der wurde so etwas wie ihr Freund, vier oder sechs Wochen lang, genau kann sie das nicht sagen, es gab keine richtige Beziehung und somit auch kein richtiges Beziehungsende. Darum findet Katharina, &amp;raquo;das z&amp;auml;hlt nicht&amp;laquo;. Auch wenn die Art von undefinierter Beziehung eigentlich normal ist unter 16-J&amp;auml;hrigen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte in dieser Phase, mit diesem Jungen. Sie war unsicher. Die Angst, etwas falsch zu machen, blockierte sie. Bald war der Junge mit einem anderen M&amp;auml;dchen zusammen. Sie blieb zur&amp;uuml;ck, noch versch&amp;uuml;chterter. Die Schuld f&amp;uuml;r dieses erste Scheitern suchte sie bei sich und tr&amp;auml;gt sie seitdem mit sich herum. Dann passierte nichts mehr. Sie verlie&amp;szlig; die s&amp;uuml;ddeutsche Kleinstadt, aus der sie stammt, machte eine Ausbildung zur Buchh&amp;auml;ndlerin, lebte in M&amp;uuml;nchen und lebte in Hamburg, sie sang im Chor und ging in Sportclubs, paddelte zu zweit im Kajak und spielte Volleyball, fuhr Fahrrad in einer Gruppe. Sie lernte viele Leute kennen, auch sp&amp;auml;ter bei der Arbeit im Buchverlag, und es verliebten sich M&amp;auml;nner in sie. Aber sie, sie verliebte sich nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Es gab keine Umarmungen zu Hause.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mit drei&amp;szlig;ig wurde ich rappelig. Auf jede verdammte Hochzeit musste ich allein gehen, das ist echt anstrengend. Vor dem Brautstrau&amp;szlig; bin ich jedes Mal davongelaufen. Vielleicht h&amp;auml;tte ich mal was &amp;auml;ndern sollen. Aber ich kann mit dem ganzen Hochzeitsthema nichts anfangen, ich wei&amp;szlig; ja nicht mal, was eine Beziehung ist. Irgendwann verkrampft sich das Verh&amp;auml;ltnis zu allen M&amp;auml;nnern. Wenn man bei jedem anf&amp;auml;ngt nachzudenken, w&amp;auml;re das jetzt einer oder nicht? Das ist ja totaler Quatsch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mir ist klar, dass ich nicht schlecht aussehe. Doch gutes Aussehen hilft nichts. Man braucht Mut. Damit meine ich mich selbst. Und die Hemmschwelle, mit jemandem zusammenzukommen, wenn man noch nie mit einem Mann zusammen war, wird immer gr&amp;ouml;&amp;szlig;er. Ich habe Freundinnen, die gehen abends in einen Club und rei&amp;szlig;en irgendwelche Typen auf. Das geht f&amp;uuml;r mich nicht. Ich h&amp;auml;tte Angst davor. Ich habe nie den Mut aufgebracht zu spielen, zu flirten. Ist doch komisch, wenn man noch nie mit jemandem zusammen war. Wann soll man dem Typen erz&amp;auml;hlen, dass man sexuell unerfahren ist? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Sie erz&amp;auml;hlt stockend. Ist ja auch kein angenehmes Thema. Au&amp;szlig;erdem hat sie nicht gerade &amp;Uuml;bung darin, &amp;uuml;ber solche Dinge zu reden. Ihre Eltern fragen nicht und haben auch nie gefragt, was denn so los ist bei ihr, privat. H&amp;ouml;chstens an Geschichten aus ihrem Berufsalltag waren sie interessiert. Es gab keine Umarmungen zu Hause, nichts &amp;Uuml;berschw&amp;auml;ngliches, keine Gef&amp;uuml;hle.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Eine ihrer beiden viel &amp;auml;lteren Schwestern ist ewiger Single wie sie, beruflich ausgelastet, immer viel um die Ohren. Sie wohnt in einer WG und hat das Thema Liebe f&amp;uuml;r sich abgeschlossen. Aber sie hat, &amp;raquo;wenigstens&amp;laquo;, sagt Katharina, ein paar gescheiterte Beziehungen hinter sich. Die andere Schwester ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ihr sagt Katharina manchmal, dass sie nicht gl&amp;uuml;cklich ist. Diese Schwester meint, das sei ja alles kein Wunder, so wie es bei ihnen zu Hause war. Wie die Eltern mit Gef&amp;uuml;hlsdingen umgegangen sind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Katharinas beste Freundin seit der ersten Klasse, verheiratet, ein Kind, ist eine der wenigen, mit denen sie offen &amp;uuml;ber ihr Problem spricht. Sie tr&amp;ouml;stet sie dann: &amp;raquo;Irgendwann findest du schon jemanden.&amp;laquo; Katharina denkt in so einem Moment, aufgebracht inzwischen: Oder eben auch nicht!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Wenn sie eingeladen wird, f&amp;uuml;rchtet sie sich vor der Frage, ob sie jemanden mitbringen m&amp;ouml;chte. Sie antwortet so etwas wie: &amp;raquo;Ich glaube, mein Freund hat da frei.&amp;laquo; Und lacht. Die anderen wissen, dass das gelogen ist. Aber das Thema ist damit abgehakt f&amp;uuml;r den Abend. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mit ihren Freunden, die in Beziehungen leben und Kinder haben, ist ein Zusamensein oft schwierig. Vor allem, wenn sie sich beklagen. Oder sich streiten. Oder sich dar&amp;uuml;ber beklagen, dass sie oft streiten. Katharina findet, sie sollten froh sein, sich zu haben. Sie wei&amp;szlig;, dass Streit zur Liebe oder zur Partnerschaft geh&amp;ouml;rt. Aber sie glaubt, dass die Leute nicht zu sch&amp;auml;tzen wissen, wie es ist, jemanden zu haben, mit dem man das Leben teilt. Und dass das keine Selbstverst&amp;auml;ndlichkeit ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Druck, den andere ihr machen, das Gef&amp;uuml;hl, nicht zu passen, ist oft schlimmer f&amp;uuml;r sie als ihre Sehnsucht. Allerdings, meint der Paarberater Michael Mary, &amp;raquo;ist der innere Konflikt eigentlich immer da, das Au&amp;szlig;en st&amp;ouml;&amp;szlig;t einen nur darauf. Denn auch wenn man jahrelang allein klarkommt und ein gutes Leben f&amp;uuml;hrt, wird der Zustand irgendwann zum Problem. Weil man nur &amp;uuml;ber die Best&amp;auml;tigung eines anderen das Gef&amp;uuml;hl bekommt, als Mensch liebenswert und einzigartig zu sein.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Den Rat, dass sie einfach nicht mehr suchen, sondern locker lassen soll, hat sie nat&amp;uuml;rlich auch geh&amp;ouml;rt. Nur wie das gehen soll, hat ihr keiner verraten. Sie hat versucht, die Hoffnung aufzugeben. &amp;raquo;Denn hoffen hei&amp;szlig;t warten&amp;laquo;, sagt sie. Es ist ihr nicht gelungen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der n&amp;auml;chste Schritt: an den eigenen Erwartungen etwas &amp;auml;ndern. Katharina hat sich, wie wahrscheinlich fast alle, gew&amp;uuml;nscht, dass die Liebe einfach so passiert. Dass man sich beim B&amp;auml;cker gegen&amp;uuml;ber steht und die Erde bebt. Oder so. Um sich davon zu l&amp;ouml;sen, hat sie die Online-Partnervermittlung Parship ausprobiert. Drei Wochen lang hat sie im Netz jeden Abend Partnervorschl&amp;auml;ge gelesen, aussortiert, beantwortet, zehn M&amp;auml;nner getroffen. Nichts. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bei Parship war es auch so: Sie haben verschiedene Ratgeberthemen, aber darin beziehen sie sich auf Leute, die schon Beziehungen hatten und auf ihren Erfahrungsschatz zur&amp;uuml;ckgreifen k&amp;ouml;nnen. Ich habe deshalb an Parship geschrieben, jetzt haben sie einen Ratgeber f&amp;uuml;r Leute in ihr Programm genommen, die noch nie eine Beziehung hatten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Man ist ein Alien. Und denkt eines Tages: Die anderen sehen mich auch so. Wenn das erst mal eingetreten ist, kriegt jeder anz&amp;uuml;gliche Spruch wie &amp;raquo;lange nicht gefickt, oder?&amp;laquo;, von dem man ja wei&amp;szlig;, dass er nur so dahingesagt ist, eine Bedeutung. Nat&amp;uuml;rlich lache ich mit &amp;ndash; obwohl ich gar nicht wirklich wei&amp;szlig;, was gemeint ist. Man sieht es auch in Filmen, liest dar&amp;uuml;ber in B&amp;uuml;chern, ist ja nicht wirklich so, als k&amp;auml;me man von einem anderen Planeten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Auf dem Oktoberfest hat einer mich mal angemacht, und als ich mich nicht drauf eingelassen habe, hat er gesagt, &amp;raquo;die hat ja wohl noch nie&amp;laquo;. Das war, als w&amp;auml;re ich ertappt worden. Ich habe mich total erschrocken. Und mich gefragt: Sieht man das? &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Seit Kurzem hat Katharina nun doch einen Freund. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, sie haben sich nicht beim B&amp;auml;cker gesehen, die Erde hat nicht gebebt. Sie haben sich, wenn man so will, klassisch kennengelernt: &amp;uuml;ber Freunde. Und sich einander langsam angen&amp;auml;hert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Er ist &amp;auml;hnlich unerfahren wie sie, also das Gegenteil eines Draufg&amp;auml;ngers. Aber wenn sie coolen Typen gegen&amp;uuml;berstand, dachte sie ohnehin immer: Das ist so ein cooler Typ, das kann nichts werden. Mit ihrem Freund hat sie das Gef&amp;uuml;hl, als gingen zwei Vorsichtige zusammen aufs Glatteis. Tr&amp;ouml;stlich. Nicht bedrohlich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vor Kurzem war sie bei ihren Eltern zu Besuch und hat ihnen Bilder gezeigt, da sa&amp;szlig; ihr Freund auf ihrem Bett. Ein Mann, den die Eltern noch nie gesehen hatten. Sie reagierten nicht. Als es um die Geburtstagsfeier des Vaters ging, sagte sie, Sven kommt mit, okay? Die Eltern fragten nicht, wer ist denn Sven? Beim Essen taten alle so, als h&amp;auml;tte es Sven immer schon gegeben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dann machte sie es offiziell und stellte ihren ersten Freund ihren Eltern vor, etwas, was andere zwanzig Jahre fr&amp;uuml;her machen. &amp;raquo;Ich glaube, wir sind jetzt so ungef&amp;auml;hr bei Alter 17 oder 18 angekommen&amp;laquo;, sagt sie. In ihren Augen ist keine Wehmut mehr zu sehen, sondern ein Funkeln. Sie schl&amp;uuml;pft in ihren Dufflecoat und beeilt sich, denn sie hat ein Date. Mit ihrem ersten Freund.&lt;br /&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Wenn Gefühle einfach fehlen</dc:subject>
    <dc:creator>Gabriela Herpell</dc:creator>
    <dc:date>2012-11-23T11:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Küssen verboten</title>
    <description>&lt;p&gt;&amp;Ouml;ffentliche Liebesbezeugungen macht nur der,      der sie n&amp;ouml;tig hat. Eine Erkenntnis von Isabella Rossellini.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52253.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Wenn der Vater Filmregisseur war, liegt es nahe, dass die Tochter Filmregisseure mag. Jedenfalls war es so bei Isabella Rossellini, Schauspielerin und Tochter von Roberto Rossellini. David Lynch (Regisseur), mit dem man sie auf dem Foto im Jahr 1986 sieht, war ihre gro&amp;szlig;e Liebe. Nach vier Jahren verlie&amp;szlig; er sie f&amp;uuml;r eine andere Frau. Sie rief ihren Ex-Mann Martin Scorsese (Regisseur) an, um sich tr&amp;ouml;sten zu lassen. In ihrer Autobiografie verr&amp;auml;t sie, was dann kam. Scorsese sagte: &amp;raquo;Ich hab&amp;rsquo;s geahnt!&amp;laquo; Sie fragte: &amp;raquo;Wieso hast du es geahnt? Keiner hat es geahnt.&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Ich hab&amp;rsquo;s geahnt&amp;laquo;, sagte er, &amp;raquo;als ich dich und David in den Nachrichten sah beim Filmfestival in Cannes. Als David die Goldene Palme f&amp;uuml;r &lt;em&gt;Wild at Heart&lt;/em&gt; bekam, k&amp;uuml;sste er dich vor der gesamten Presse auf die Lippen. Ihr wart beide so ungeheuer diskret, was eure Beziehung betraf, selbst als alle l&amp;auml;ngst wussten, dass ihr zusammen wart. Wenn David nach f&amp;uuml;nf Jahren urpl&amp;ouml;tzlich seine Liebe zu dir vor der Presse demonstrierte, hatte er offensichtlich was zu verbergen.&amp;laquo; Diese scharfe Beobachtungsgabe, sagt Isabella Rossellini, macht einen guten Regisseur aus. Wir sagen: Die F&amp;auml;higkeit, N&amp;auml;he ohne demonstrative Gesten herzustellen, macht einen guten Mann aus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Küssen verboten</dc:subject>
    <dc:creator>Gabriela Herpell</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-17T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38611</link>
    <title>Er trägt mich</title>
    <description>&lt;p&gt;Von welchen M&amp;auml;nnern tr&amp;auml;umen Teenager? F&amp;uuml;r Zoe, 17, kommt nur einer infrage, der ihr den R&amp;uuml;cken freih&amp;auml;lt. Die      Rollenverteilungen der Vergangenheit interessieren sie nicht.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine Sache w&amp;uuml;rde mich umhauen: Wenn ein Typ was Verr&amp;uuml;cktes f&amp;uuml;r mich machen w&amp;uuml;rde. Wie in dem Song von den Plain White T&amp;rsquo;s, &lt;em&gt;Hey There Delilah&lt;/em&gt;. Der S&amp;auml;nger hat ihn f&amp;uuml;r seine Freundin geschrieben: Sie lebt in New York, er weit weg. In einer Strophe singt er: &amp;raquo;A thousand miles seems pretty far / But they&amp;rsquo;ve got planes and trains and cars / I&amp;rsquo;d walk to you if I had no other way.&amp;laquo; Selbst wenn es keine Flugzeuge und Autos und Z&amp;uuml;ge g&amp;auml;be &amp;ndash; er w&amp;uuml;rde zu Fu&amp;szlig; zu ihr kommen. Tausend Meilen w&amp;uuml;rde er gehen f&amp;uuml;r sie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine richtige Beziehung hatte ich noch nie, aber ich war schon verliebt. Verliebt sein ist wie Schweben &amp;uuml;ber einem Abgrund: Wenn du in seiner N&amp;auml;he bist, lachst du viel, daf&amp;uuml;r weinst du zu Hause mehr. Ich bin vertr&amp;auml;umt und sensibel, aber ich glaube, ich wirke auf andere selbstbewusst. Kann sein, dass Jungs das einsch&amp;uuml;chtert. Dabei &amp;ndash; so viel will ich gar nicht. Nur d&amp;uuml;rfte er auf keinen Fall von mir verlangen, dass ich ihm den R&amp;uuml;cken freihalte und er nicht mir. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Meine Oma ist mein Vorbild. Sie war die erste Kriminalbeamtin in Deutschland. Damals war das schon ungew&amp;ouml;hnlich f&amp;uuml;r eine Frau, nicht nur, dass sie gearbeitet hat. Sie war auch die allererste Frau, die Leute festgenommen hat. Und mein Opa stand ihr nicht im Weg; er hat sie immer unterst&amp;uuml;tzt. Nein, anders: Sie haben sich gegenseitig unterst&amp;uuml;tzt. Er hatte ja auch seinen Job. Der Mann an meiner Seite sollte Respekt vor dem haben, was ich tue, so wie ich auch respektieren w&amp;uuml;rde, dass er sein Ding macht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Meine Mutter ist erfolgreicher als mein Vater. Beide sind Filmregisseure, aber sie ist bekannter und verdient mehr Geld. Meine Eltern sind zwar geschieden, aber mein Vater hatte, glaube ich, nie ein Problem damit, dass meine Mutter im Rampenlicht steht. Und mein Stiefvater, der jetzt mit ihr zusammenlebt, hat das noch weniger. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Dabei ist gerade der Job f&amp;uuml;r alle, die etwas anderes machen, schwer nachzuvollziehen. Meine Eltern haben keinen Platz im Kopf f&amp;uuml;r andere Themen, wenn sie gerade an einem Film arbeiten. Das m&amp;uuml;sste mein Traummann aushalten k&amp;ouml;nnen, dass mein Job meine ganze Aufmerksamkeit bekommt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Aber ich wei&amp;szlig;, dass nicht alle M&amp;auml;nner gut damit umgehen k&amp;ouml;nnen, wenn ihre Frau erfolgreich ist oder sogar mehr verdient. In den Familien meiner Freundinnen l&amp;auml;uft es meistens so, dass die M&amp;uuml;tter sich haupts&amp;auml;chlich um die Kinder k&amp;uuml;mmern und die V&amp;auml;ter zur Arbeit gehen. F&amp;uuml;r uns M&amp;auml;dels ist das noch kein so gro&amp;szlig;es Thema, und meine Freundinnen diskutieren dar&amp;uuml;ber kaum mit ihren Typen, sie wohnen ja noch nicht mit ihnen zusammen. Allerdings hatte eine Freundin von mir mal Probleme mit ihrem Freund, weil sie in einer Bar gearbeitet hat, wo Leute in unserem Alter hingehen, manche sehen auch top aus. Er wollte ihr das verbieten. Deshalb hat sie sich von ihm getrennt, nach dreieinhalb Jahren.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich kann mir schwer vorstellen, dass mal ein Mann zu mir sagt, ich soll warmes Essen auf den Tisch stellen, wenn er abends heimkommt. Au&amp;szlig;erdem finde ich es sch&amp;ouml;n, wenn auch M&amp;auml;nner den Haushalt machen. Das ist so gem&amp;uuml;tlich. Ich glaube nicht, dass wir in meiner Generation einmal in der alten Rollenverteilung leben, sodass nur einer im Beruf zur&amp;uuml;ckstecken muss und einkauft, kocht, w&amp;auml;scht, die Kinder erzieht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich m&amp;ouml;chte mal unabh&amp;auml;ngig sein und mein Geld selbst verdienen mit dem, was mir Spa&amp;szlig; macht, als Psychologin zum Beispiel. Oder als Regisseurin. Mein Traummann m&amp;uuml;sste sich nicht unbedingt daf&amp;uuml;r interessieren, was ich mache, nur sollte er mich nicht darin hindern. Und ich will ihn auch nicht behindern.     &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Und das Aussehen? Na ja, es hei&amp;szlig;t, &amp;uuml;ber das Aussehen zu reden sei oberfl&amp;auml;chlich. Stimmt schon. Aber wenn man jemanden nicht sch&amp;ouml;n findet, dann verliebt man sich auch nicht, oder? Ich bin gro&amp;szlig;, deshalb m&amp;uuml;sste auch er gro&amp;szlig; sein. Und stark. Keine &amp;Uuml;bermuckis aus dem Fitnessstudio, aber Kraft sollte er haben. Ich mag markante Wangenknochen, und den meisten Typen steht ein Dreitagebart; sie bekommen etwas Geheimnisvolles, so wie Ryan Gosling. Eingebildet und auf sich fixiert sein d&amp;uuml;rfte er nicht. Aber ich wei&amp;szlig;: Alles bekommt man bestimmt nicht in einem Mann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Er trägt mich</dc:subject>
    <dc:creator>Carolin Pirich (Protokoll)</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-17T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38631">
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    <title>»Wir sind immer einer Meinung«</title>
    <description>&lt;p&gt;Gibt es sie, die vollkommene Harmonie? Die Beziehung, in der zwei      Menschen so sehr eins miteinander sind, dass alles ganz leicht, ganz      klar wird? Doch: ja. Thorunn Ashkenazy &amp;uuml;ber das Geheimnis einer      starken Verbindung.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52077.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Frau Ashkenazy, Menschen, die Sie und Ihren Mann gemeinsam erlebt haben, sprechen von einem Traumpaar. K&amp;ouml;nnen Sie das verstehen?&lt;br /&gt;Thorunn Ashkenazy: &lt;/strong&gt;Du meine G&amp;uuml;te! Wir haben von Anfang an die gro&amp;szlig;e Liebe zur Musik geteilt, und das verbindet uns stark, vielleicht sp&amp;uuml;rt man das. Ich f&amp;uuml;hle mich als Teil meines Mannes und seiner Musik. Seit 51 Jahren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie begleiten Ihren Mann auf jedes Konzert. Haben Sie Angst, sich sonst einsam zu f&amp;uuml;hlen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ehrlich, ich wei&amp;szlig; es nicht: Seit wir uns kennen, waren wir nie l&amp;auml;nger als drei Tage getrennt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wann haben Sie Ihren Mann das erste Mal gesehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Genau genommen erinnere ich mich nur, wann ich ihn das erste Mal geh&amp;ouml;rt habe: Ich bin 1946 mit meiner Familie von Island nach London gezogen. Dort spielte mir mein Klavierlehrer 1955 die Aufnahme eines Wettbewerbs vor, es war der Chopin-Wettbewerb in Warschau. Mein Lehrer war in der Jury und regte sich auf, weil er fand, dass der Zweitplatzierte den ersten Preis verdient h&amp;auml;tte. Es ging um Vladimir, meinen sp&amp;auml;teren Mann. Ich war 15 und Vladimir 17. Ich habe bewundert, wie er Klavier gespielt hat. Er war einer meiner Helden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie haben Sie sich dann pers&amp;ouml;nlich kennengelernt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nachdem ich an der Royal Academy in London Klavier studiert hatte, bekam ich 1961 ein Stipendium in Moskau. Es war Zufall, ich h&amp;auml;tte auch in Wien oder in Deutschland landen k&amp;ouml;nnen. Mein Mann kommt aus Russland, und in Moskau haben wir beim gleichen Lehrer studiert. Ich war erst 22 Jahre alt und auch politisch sehr naiv. Das sowjetische System hat mich wie ein Schlag getroffen. Vladimir und ich haben ein paar Monate lang viel Zeit miteinander verbracht und dann sehr schnell geheiratet. H&amp;auml;tten wir uns im Westen kennengelernt, h&amp;auml;tten wir vielleicht noch gewartet, aber ich als Ausl&amp;auml;nderin h&amp;auml;tte nach einer gewissen Zeit das Land verlassen m&amp;uuml;ssen. Auch wenn alles sehr schnell ging, wir sind immer noch gern zusammen. Nach 51 Jahren Ehe, f&amp;uuml;nf Kindern und acht Enkelkindern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie sieht ein perfekter gemeinsamer Tag aus? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir beide auf unserem Boot in einer griechischen Bucht, wir wachen auf und springen ins Meer und machen den ganzen Tag nichts. Wir leben seit &amp;uuml;ber drei&amp;szlig;ig Jahren in der Schweiz, aber wir hatten zwanzig Jahre lang ein Haus in Griechenland. Jetzt haben wir ein Segelboot, das ist leichter aus der Ferne zu unterhalten. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie spielen Klavier, seit Sie zwei Jahre alt sind, haben aber keine B&amp;uuml;hne mehr betreten, seit Sie Kinder haben. Fehlt Ihnen das?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;Uuml;berhaupt nicht. Ich war so eine Art Wunderkind und habe schon mit drei Konzerte gegeben. Mein Leben bestand nur aus Musik. Ich kann mich gar nicht an etwas anderes erinnern. Und ich bin fr&amp;uuml;h in den Ruhestand gegangen, mit Mitte zwanzig. Aber mein Leben ist immer noch voll von Musik, dank meines Mannes. Bei allem, was er macht, bin ich dabei: bei jeder Plattenaufnahme, bei jedem Konzert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W&amp;uuml;rden Sie Ihren T&amp;ouml;chtern heute, 50 Jahre sp&amp;auml;ter, empfehlen, die Karriere f&amp;uuml;r die Kinder und den Mann aufzugeben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich m&amp;ouml;chte kein Ratgeber f&amp;uuml;r Beziehungen sein. Ich kann nur f&amp;uuml;r mich sprechen: Ich wollte mit einem Konzertpianisten zusammensein und ich wollte eine Familie haben. Das zu verbinden war schwierig genug. Wenn ich auch noch Erfolg im Beruf h&amp;auml;tte haben wollen, als Lehrerin oder auf der B&amp;uuml;hne &amp;ndash; es w&amp;auml;re schlicht unm&amp;ouml;glich gewesen. Man kann nicht an drei Orten gleichzeitig sein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Viel gereist sind Sie dennoch. War das nicht manchmal sehr anstrengend?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir sind da ganz pragmatisch. Man kann nicht Konzertpianist sein und an einem Fleck sitzen bleiben. Wenn also Reisen das ist, was man als Pianist oder Dirigent tun muss, dann ist das einfach so. Andere Leute m&amp;uuml;ssen jahrzehntelang im gleichen B&amp;uuml;ro sitzen. Ich werde oft gefragt, ob ich das Reisen nicht manchmal satt habe. Aber wissen Sie, jeder hat irgendwann irgendetwas satt. Wir haben viel von der Welt gesehen und sind sehr privilegiert. Mein erstes Kind ist 1961 in Moskau geboren, mein zweites in London, das dritte in New York, das vierte in Reykjav&amp;iacute;k und mein letztes 1979 in New York.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was macht Ihren Mann f&amp;uuml;r Sie zu einem guten Partner?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir sind meist zu hundert Prozent derselben Meinung, musikalisch und auch sonst im Leben. Er ist ein g&amp;uuml;tiger Mensch, das macht das Leben an seiner Seite sch&amp;ouml;n. Und er ist dem&amp;uuml;tig. Glauben Sie mir: Nicht viele seiner Kollegen sind so. Die meisten haben ein riesiges Ego. Besonders die Dirigenten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum sind Sie eine gute Partnerin f&amp;uuml;r ihn? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In den n&amp;auml;chsten Tagen hat mein Mann CD-Aufnahmen in England. Nat&amp;uuml;rlich k&amp;ouml;nnte ich neben dem Fl&amp;uuml;gel stehen und die Notenbl&amp;auml;tter wenden, aber ich werde im Studio sitzen und genau zuh&amp;ouml;ren. Ich habe ein gutes Ged&amp;auml;chtnis und lerne automatisch jedes St&amp;uuml;ck, das er einstudiert. Und im Abh&amp;ouml;rraum wei&amp;szlig; ich genau, ob es gut war oder nicht. Ich bin sein zus&amp;auml;tzliches Paar Ohren, dem er vertraut.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Und abgesehen von der Musik? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich bin gut organisiert. Um die Sachen, die ihn nicht interessieren, k&amp;uuml;mmere ich mich: Dinge im Haushalt, seine Anziehsachen. Ich kaufe ihm seine Schuhe, weil er es nicht mag einzukaufen. Er geht auch nicht gern zum Haareschneiden, also schneide ich ihm die Haare. Er war 1962 das letzte Mal beim Friseur, in San Francisco.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was verbindet zwei Menschen eher miteinander, die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir kommen aus zwei sehr unterschiedlichen Kulturen. Mein Mann wurde streng russisch-orthodox erzogen. Alles v&amp;ouml;llig anders als das, was ich aus Island kannte: Ich bin evangelisch getauft. Bei uns hat es funktioniert. Aber vor allem muss man immer sein Bestes geben, jeder: mit den Kindern, mit dem Mann, mit der Frau. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Haben Sie mal etwas erlebt, was Ihre Beziehung belastet hat? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vor 33 Jahren hatte unser Sohn einen Bootsunfall, er war sehr schwer verletzt und es war nicht klar, ob er wieder laufen w&amp;uuml;rde. Uns hat diese Erfahrung dann aber n&amp;auml;her zusammengebracht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Viele Familien zerbrechen an Schicksalsschl&amp;auml;gen. Warum war es bei Ihnen anders?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht, weil wir immer &amp;uuml;ber alles geredet haben. Wenn man verstummt, aus Sorge oder Verzweiflung, entfremdet man sich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben immer &amp;uuml;ber alles geredet? Glauben Sie nicht, dass es gut tut, Geheimnisse voreinander zu haben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sicher nicht. Ich habe keine Geheimnisse vor meinem Mann. Damals in der Sowjetunion habe ich gesehen, wie es ist, wenn die Menschen einander nicht sagen k&amp;ouml;nnen, was sie denken. Wie schrecklich es ist, wenn man dem anderen nicht vertrauen kann. Au&amp;szlig;erdem bin ich sehr direkt, manchmal vielleicht zu direkt. Ich kann nichts f&amp;uuml;r mich behalten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Feiern Sie Ihren Hochzeitstag?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich. Wir gehen in ein gutes Restaurant und trinken ein Glas Champagner. Mehr nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Wir sind immer einer Meinung«</dc:subject>
    <dc:creator>Julia Decker (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-12T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37125">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37125</link>
    <title>Willst du? Willst du? Willst du? Willst du? Willst du?</title>
    <description>&lt;p&gt;M&amp;auml;nner &amp;uuml;berbieten sich mit immer aufdringlicheren und      ausgefalleneren Heiratsantr&amp;auml;gen. Kann der Quatsch bitte mal aufh&amp;ouml;ren?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/43019.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;Mein bester Freund hat seine Freundin im Herbst mit zwei Flugtickets nach Stockholm &amp;uuml;berrascht. Dort ist er mit ihr in ein Ruderboot gestiegen, und an einer besonders sch&amp;ouml;nen Stelle des Kanals hat er angehalten, erst das Boot und dann um ihre Hand. Der kleine Kahn hat bei jeder Bewegung gewackelt, aber mein Freund ist trotzdem vor ihr auf die Knie gegangen. Genau in dem Moment, als er ihre Hand nahm und die f&amp;uuml;nf entscheidenden Worte sagen wollte, hat ein Hausmeister am Ufer seinen Laubbl&amp;auml;ser angestellt. Mein Freund musste &amp;raquo;Willst du meine Frau werden?&amp;laquo; schreien. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dann versuchte er ihr den Verlobungsring &amp;uuml;ber den Finger zu streifen; er h&amp;auml;tte das vorher &amp;uuml;ben sollen. Der Ring ist eine Art Kette, die man zweimal gekonnt um den Finger wickeln muss, richtig angelegt sieht er sehr elegant aus. Mein Freund hat es nicht hinbekommen, der Ring hing lasch am Finger der Freundin, so als ob er die falsche Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e gekauft h&amp;auml;tte. So sa&amp;szlig;en sie im Zweimannboot: im Laubbl&amp;auml;ser-L&amp;auml;rm, mit einem verkehrt angezogenen Ring, trotzdem gl&amp;uuml;cklich verlobt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist nicht einfach, einen gelungenen Heiratsantrag zu machen. Ich erz&amp;auml;hle davon, weil ich finde, dass beim Thema Heiratsantrag gerade etwas falsch l&amp;auml;uft. Das Problem sind M&amp;auml;nner wie Justin Davis, der zweite Mann, von dessen Heiratsantrag ich kurz berichten m&amp;ouml;chte. Justin Davis kenne ich nur von Youtube. Sein Heiratsantrag hei&amp;szlig;t auf dem Videoportal &amp;raquo;The best proposal ever!!&amp;laquo; (&amp;raquo;Der beste Antrag aller Zeiten!!&amp;laquo;) und wurde f&amp;uuml;nfeinhalb Millionen Mal angesehen. Ich habe es dreimal probiert, aber ich kann mir den Film, der 14 Minuten dauert, nicht bis zum Ende ansehen, ohne vorzuspulen. Er ist mir peinlich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Justins Idee: Inszeniert vom US-Fernsehsender Fox, &amp;uuml;berrascht er seine Freundin. Erst kommt eine Schauspielerin an den Tisch und sch&amp;uuml;ttet ihm Wasser ins Gesicht, weil er angeblich eine Aff&amp;auml;re mit ihr hatte. Justins Freundin weint. Dann kommen zwei falsche Polizisten und f&amp;uuml;hren ihn ab. Justins Freundin weint noch mehr. Dann beginnen pl&amp;ouml;tzlich um sie herum alle zu tanzen, Musik ert&amp;ouml;nt, die v&amp;ouml;llig verwirrte Freundin wird vor einen Brunnen gef&amp;uuml;hrt, immer mehr Leute tanzen, ihr Freund kommt im Anzug, h&amp;auml;lt um ihre Hand an, im Brunnen geht eine Wasserfont&amp;auml;ne hoch, alle klatschen, sie weint wieder und sagt Ja. Dann sagt Justin, dass er jetzt gleich und hier heiraten will, sie weint wieder, ein Brautkleid wird herangeschafft. Zwischendurch zeigt die Kamera immer wieder eine Art Kontrollraum, in der ein ernst und gestresst wirkender Regisseur allen Beteiligten Anweisungen gibt: &amp;raquo;Jetzt die T&amp;auml;nzer! Jetzt die Polizisten!&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Ich glaube, wenn M&amp;auml;nner von Romantik &amp;uuml;berfordert sind, dann planen sie Heiratsantr&amp;auml;ge wie Justin: mit festgelegtem Zeitplan (18.45 Uhr: Freundin weint; 18.46 Uhr: T&amp;auml;nzer treten auf), mit Walkie-Talkies und m&amp;ouml;glichst vielen &amp;Uuml;berraschungen auf einmal. Blo&amp;szlig; keine Sekunde Pause. Das alles soll Fantasie beweisen, aber das Ergebnis sieht aus wie ein Actionfilm. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Ein Mann t&amp;auml;uscht vor, von einem vierst&amp;ouml;ckigen Haus zu fallen&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Das Internet ist voll von solchen gefilmten Antr&amp;auml;gen: Ein Mann t&amp;auml;uscht vor, von einem vierst&amp;ouml;ckigen Haus zu fallen; als die Freundin hinabsieht, liegt er in einem gro&amp;szlig;en Luftkissen und h&amp;auml;lt ein &amp;raquo;Willst du mich heiraten?&amp;laquo;-Schild hoch (6,5 Millionen Mal angeklickt). Ein anderer hat mit einem ganzen U-Bahn-Abteil ein Lied einstudiert (1,5 Millionen Mal aufgerufen). In den USA sind &amp;ouml;ffentliche Antr&amp;auml;ge in Football-, Basketball- oder Eishockeystadien so popul&amp;auml;r, dass man sie f&amp;uuml;r ein paar Hundert Dollar ganz einfach kaufen kann, dann kriegt man in der Spielpause ein Mikrofon in die Hand gedr&amp;uuml;ckt. Man muss nur im Zeitungsarchiv suchen, dann findet man auch bei uns in Deutschland solche Antr&amp;auml;ge: in Fu&amp;szlig;ballstadien, in der S-Bahn (per Durchsage), beim Fallschirmspringen (mit dem Schriftzug &amp;raquo;Heiraten??&amp;laquo; auf dem Helm).  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seiner Freundin zu sagen, dass man den Rest seines Lebens mit ihr verbringen m&amp;ouml;chte, die wichtigste Frage im Leben zweier (nicht von zwei Millionen) Menschen, verkommt zu einem Jungs-Wettbewerb: Wer macht den gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten, verr&amp;uuml;cktesten, gewagtesten, &amp;uuml;berraschendsten Antrag? Die Frauen tun mir leid, wie sie ihr Gl&amp;uuml;ck auf Gro&amp;szlig;leinw&amp;auml;nden teilen m&amp;uuml;ssen, wie sie auf gro&amp;szlig;e B&amp;uuml;hnen gezerrt werden, und immer ist eine Kamera dabei, die ihre Tr&amp;auml;nen filmt und dabei doch vor allem eins festhalten soll: was f&amp;uuml;r ein toller Typ ihr Freund ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Die Fortsetzung gibt es inzwischen auch im Netz zu sehen: Sie hei&amp;szlig;t &amp;raquo;Crazy wedding dance&amp;laquo; oder &amp;raquo;Greatest father and daughter wedding dance ever&amp;laquo;, unglaublich aufwendig einstudierte T&amp;auml;nze, beides millionenfach geklickt. Wer der Freundin eben noch im ausverkauften Stadion das &amp;raquo;Ja&amp;laquo; aufgezwungen hat, der f&amp;auml;ngt am besten gleich am n&amp;auml;chsten Morgen mit dem Einstudieren des &amp;raquo;besten Hochzeitstanzes aller Zeiten!!&amp;laquo; an. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Vielleicht schalten wir M&amp;auml;nner wieder einen Gang zur&amp;uuml;ck? Ein Heiratsantrag muss nicht wahnsinnig romantisch sein, um unvergesslich zu sein, romantisch reicht schon. Daf&amp;uuml;r gen&amp;uuml;gt ein Laubbl&amp;auml;ser.&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Willst du? Willst du? Willst du? Willst du? Willst du?</dc:subject>
    <dc:creator>Marc Baumann</dc:creator>
    <dc:date>2012-03-21T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36726">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36726</link>
    <title>Grauer Wolf sucht Haselmaus</title>
    <description>&lt;p&gt;Unerf&amp;uuml;llte Leidenschaft, verheulte N&amp;auml;chte - gibt es das nur bei Teenagern?      Nein, auch Menschen &amp;uuml;ber sechzig kennen Liebeskummer in all seiner      Grausamkeit. Nur gilt er dann als Tabu - Senioren sollen aus dem Alter der      gro&amp;szlig;en Gef&amp;uuml;hle raus sein. Warum? &amp;nbsp;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39333.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt; Hat er ihr Rendezvous vergessen? Oder kommt er absichtlich nicht? &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Schmetterlinge im Bauch l&amp;ouml;sen sich irgendwann auf. Es gibt sie offenbar nur in den K&amp;ouml;rpern j&amp;uuml;ngerer Menschen. Liebeskummer, verstanden als die Qual unerwiderter Liebe, nicht als Trennungsschmerz nach dem Ende einer langen Beziehung, ist ein Gef&amp;uuml;hl, das mit einem bestimmten Alter &amp;ndash; in den sp&amp;auml;ten F&amp;uuml;nfzigern? In den Sechzigern? &amp;ndash; zu verschwinden scheint. In der &amp;Ouml;ffentlichkeit kommen liebeskranke Senioren, die ihre Umwelt wie Teenager wochen- und monatelang mit ihrer Leidensgeschichte strapazieren, nicht vor. Die Darstellung von Sex im Alter ist zwar sp&amp;auml;testens seit Andreas Dresens Film &lt;a href=&quot;http://www.wolke9.de/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Wolke 9&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; kein Tabuthema mehr - der Liebeskummer von Menschen &amp;uuml;ber sechzig schon. &amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber stimmt die &amp;ouml;ffentliche Absenz dieses Gef&amp;uuml;hls wirklich mit den realen Gegebenheiten &amp;uuml;berein? Bringen die stark anwachsenden Scheidungsraten, Trennungen nach jahrzehntelanger Ehe oder auch die M&amp;ouml;glichkeiten, im Internet einen Partner zu finden, nicht eine Vielzahl von Rentnern und Gro&amp;szlig;eltern hervor, die sich noch einmal ungl&amp;uuml;cklich verlieben? Die das ganze Drama aus Hoffnung, kurzzeitiger Erf&amp;uuml;llung und Abweisung durchleiden m&amp;uuml;ssen wie ihre 14-j&amp;auml;hrigen Enkel? Man muss nur die Internetforen der Frauenzeitschriften oder die Kommentare auf den Online-Dating-Seiten ansehen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie verbreitet diese Geschichten tats&amp;auml;chlich sind. Von Menschen wie Karin, 63, einer ehemaligen Altenpflegerin aus einer Kleinstadt bei Hannover, zweifache Gro&amp;szlig;mutter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sie sitzt in ihrer Wohnung in einem Zweifamilienhaus, und die r&amp;ouml;tlichen Haare leuchten ein wenig in dem von der Herbstsonne nur schwach erhellten Zimmer; es ist dieses Rot mit einem Stich ins Ros&amp;eacute;, das beim F&amp;auml;rben grauer oder wei&amp;szlig;er Haare entsteht. Eigentlich freut sich Karin jedes Jahr auf den Herbst, sie mag die Farben: Ihr Sofa im Wohnzimmer ist mit einem dunkelroten &amp;Uuml;berwurf dekoriert, die beiden kleinen Teppichl&amp;auml;ufer sind orange-rot gestreift, auf dem Couchtisch steht eine Vase mit gelben Astern. Doch in diesem Jahr hat sie keinen Blick f&amp;uuml;r die Sch&amp;ouml;nheiten der Jahreszeit. Sie kann nicht aufh&amp;ouml;ren, an diesen einen Tag im August zu denken, als sie ihn an der Haltestelle der Regionalbahn zum ersten Mal traf. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39335.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Sie hat n&amp;auml;chtelang geweint, weil der Mann, den sie &amp;uuml;ber das Internet kennengelernt hatte, nach zwei Treffen nichts mehr von sich h&amp;ouml;ren lie&amp;szlig;. Karin, eine 63-j&amp;auml;hrige ehemalige Altenpflegerin und zweifache Gro&amp;szlig;mutter, leidet unter Liebeskummer &amp;ndash; ein Gef&amp;uuml;hl, von dem viele glauben, dass es bei Menschen ihres Alters nicht mehr vorkommt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist die erste Begegnung mit einem Mann, den Karin &amp;uuml;ber die Internet-Community 50plus-Treff kennengelernt hat. Als sie ihn die Rolltreppe heraufkommen sah, erz&amp;auml;hlt sie, &amp;raquo;traf es mich wie ein Schlag&amp;laquo;. Die beiden gehen ins n&amp;auml;chstbeste Caf&amp;eacute;. Sie nimmt seine Hand, sagt: &amp;raquo;Sp&amp;uuml;rst du, wie ich zittere?&amp;laquo; Er sagt, ihm gehe es genauso, es sei Wahnsinn, was da gerade passiere. Doch die Wirkung dieses magischen Moments h&amp;auml;lt nur eine halbe Stunde lang an. Denn als Karin erw&amp;auml;hnt, dass sie bald wieder nach Hause fahren m&amp;uuml;sse, weil ihre beiden Enkels&amp;ouml;hne warten, f&amp;uuml;r die sie vor&amp;uuml;bergehend die Pflegschaft &amp;uuml;bernommen hat, erkaltet sein Interesse deutlich. Sie verabreden sich noch ein-, zweimal, beim letzten Telefonat sagt er: &amp;raquo;Mach dir keine Sorgen&amp;laquo;, aber sie h&amp;ouml;rt nichts mehr von ihm. Seitdem kreisen Karins Gedanken, kreist sie selbst nur noch um ihr Handy, stundenlang, Abend f&amp;uuml;r Abend. Kein Anruf, keine SMS. &amp;raquo;Er sagte doch bei unserem ersten Treffen: Ich verzehre mich nach dir&amp;laquo;, erinnert sich Karin. Den Beweis blieb er ihr schuldig. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Karin leidet unter Liebeskummer. Sie hat zwar zwei Scheidungen hinter sich, eine schwere Krebserkrankung, ist Mutter zweier erwachsener Kinder, aber dennoch ist sie seit diesem letzten Telefonat, wie sie sagt, &amp;raquo;total neben der Spur, wie erschlagen&amp;laquo;. Sie kann mit niemandem reden, weint n&amp;auml;chtelang. Sie betrauert nicht unbedingt den Mann selbst, sondern den Verlust dieses &amp;raquo;intensiven Gef&amp;uuml;hls&amp;laquo;. In der Vorstellung vieler Menschen sind solche Gef&amp;uuml;hle schwer mit einer Generation von Frauen in Verbindung zu bringen, die man noch bis vor Kurzem als gesetzte, erotisch neutrale Gro&amp;szlig;m&amp;uuml;tter wahrgenommen hat, die mit den Enkeln spazieren gehen und am Sonntag einen Kuchen backen. Liebeskummer ist ein Gef&amp;uuml;hl, das den Jungen und Wankelm&amp;uuml;tigen geh&amp;ouml;rt, und ein Blick in die einschl&amp;auml;gigen Ratgeber f&amp;uuml;r ungl&amp;uuml;cklich verliebte Teenager verr&amp;auml;t, warum sich diese Anschauung so hartn&amp;auml;ckig h&amp;auml;lt. Denn der Tumult der Empfindungen wird hier an die Unfertigkeit des K&amp;ouml;rpers gekoppelt. &amp;raquo;In der Pubert&amp;auml;t spielen die Hormone verr&amp;uuml;ckt&amp;laquo;, schreibt Silvia Fauck, eine bekannte Liebeskummer-Expertin, in ihrem Buch &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/search/SimpleSearchRH.do?save=true&amp;amp;searchTerm=SOS+Herzschmerz&amp;amp;x=21&amp;amp;y=6&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;SOS Herzschmerz&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, &amp;raquo;und dieser bunte Cocktail l&amp;auml;sst die eigenen Gef&amp;uuml;hle noch st&amp;auml;rker kochen.&amp;laquo; Das Drama um den unerreichbaren Schwarm aus der Parallelklasse ist also nur das Vehikel oder der Verst&amp;auml;rker f&amp;uuml;r ein Chaos, das sich ohnehin gerade im Innenleben abspielt. Genau diese Verschr&amp;auml;nkung von Biochemie und Biografie aber macht den Liebeskummer im Alter zu einem prek&amp;auml;ren, fast peinlichen Gef&amp;uuml;hl. Denn die K&amp;ouml;rper der Rentner und Gro&amp;szlig;eltern sollten sich hormonell nicht nur l&amp;auml;ngst konsolidiert haben, sondern bereits in eine Art Abwicklungsphase &amp;uuml;bergegangen sein. Was ist von einer &amp;raquo;Achterbahn der Gef&amp;uuml;hle&amp;laquo; zu halten, wenn die eigenen Emotionen eher dem Takt einer Krinoline folgen sollen? &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Die Begrenzung der verbleibenden Lebenszeit macht den Kummer radikaler.&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39336.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Auch Dorothee, 63, hat das Drama der unerf&amp;uuml;llten Liebe noch einmal durchlitten, in einem Lebensabschnitt, der in der Vorstellung J&amp;uuml;ngerer damit verbunden ist, dass man die Enkel vom Kindergarten abholt und mit ihnen spazieren geht. Sie fuhr, gleich nach den ersten Mails im Onlineforum, quer durch Deutschland zu einem Mann, doch das Wochenende wurde zum Fiasko.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Psychologen in den immer beliebter werdenden &amp;raquo;Liebeskummerpraxen&amp;laquo; der Gro&amp;szlig;st&amp;auml;dte machen allerdings ganz andere Erfahrungen. Sie behandeln auch zahlreiche &amp;auml;ltere Patienten und haben festgestellt, dass Menschen &amp;uuml;ber sechzig ihren Liebeskummer besonders verzweifelt erleben, weil sie keine Zeit mehr daf&amp;uuml;r haben, ihre Trauer langfristig zu zelebrieren. Die Begrenzung der verbleibenden Lebenszeit macht den Kummer radikaler. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Karin z&amp;uuml;ckt auf dem Sofa ihres Wohnzimmers irgendwann eine Kamera. Sie ist pink. Auf dem gro&amp;szlig;en Display ist &amp;raquo;er&amp;laquo; zu sehen, ein gut aussehender Mann mit grauem Topf-Haarschnitt, eine deutsche Ausgabe von James Coburn. Er tr&amp;auml;gt das blau-rot karierte Holzf&amp;auml;llerhemd, in dem Karin bei der ersten Begegnung ihren Kopf versteckte und dessen Geruch sie immer noch in der Nase hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Also, mein Typ ist er ja nicht&amp;laquo;, sagt ihre beste Freundin Dorothee, die heute ebenfalls zu Besuch gekommen ist. Sie l&amp;auml;chelt ihre Freundin an. Es ist ein nachsichtiges L&amp;auml;cheln, schlie&amp;szlig;lich stand auch Dorothee schon einmal vor einer &amp;auml;hnlichen Situation. Das war vor sieben Jahren. Schon bei den ersten S&amp;auml;tzen, die der Mann ihr in einem Internetforum bei AOL schrieb, wusste die bald 64-J&amp;auml;hrige: &amp;raquo;Das ist er!&amp;laquo; Sie verbrachte ein Wochenende bei ihm in Th&amp;uuml;ringen. Alles lief perfekt, Dorothee verliebte sich &amp;uuml;ber beide Ohren - bis sie am Sonntagabend merkte, dass die Stimmung kippte. Pl&amp;ouml;tzlich wurde er abweisend und er&amp;ouml;ffnete ihr, dass er schlechte Erfahrungen mit Fernbeziehungen habe. &amp;raquo;Ich liebe dich, aber das wird nix&amp;laquo;, sagte er noch. Verzweifelt fuhr Dorothee wieder zur&amp;uuml;ck nach Bremen. Konnte sie nicht diejenige sein, die dazu auserw&amp;auml;hlt war, seine Beziehungsangst zu knacken? Sie wartete. Und nach einer Weile schrieb er ihr wieder E-Mails. &amp;raquo;Es war gleich so wie am Anfang&amp;laquo;, sagt sie, &amp;raquo;die gleiche Wellenl&amp;auml;nge.&amp;laquo; Nach einem halben Jahr dann das n&amp;auml;chste Treffen, das Dorothees Hoffnung auf ein Happy End endg&amp;uuml;ltig zunichte machte. Sie verbrachte die halbe Nacht auf seinem Schreibtischstuhl im Wohnzimmer, er hatte sich im Schlafzimmer eingeschlossen. Am n&amp;auml;chsten Tag wollte er sie nach G&amp;ouml;ttingen zum Bahnhof bringen, fuhr sie aber bis nach Hause - so lange dauerte es, bis sie aufh&amp;ouml;ren konnte zu weinen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Auch Dorothee hat viele Schicksalsschl&amp;auml;ge in ihrem Leben durchgemacht; sie war schwer krank und leidet an den Folgen eines Schlaganfalls. Zur&amp;uuml;ck zu Hause versucht sie, sich den Liebeskummer richtiggehend auszutreiben. Sie l&amp;auml;dt das Foto des Mannes aus dem Forum, vergr&amp;ouml;&amp;szlig;ert es auf die Fl&amp;auml;che des Bildschirms, stellt Peter Maffay auf volle Lautst&amp;auml;rke und setzt sich stundenlang vor den Computer, bis sie das Gesicht nicht mehr sehen kann. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Karins junger James Coburn hat sein Profil auf 50plus-Treff inzwischen gel&amp;ouml;scht. Sie selbst ist seit Jahren bei der Internet-Community registriert. 150 000 Mitglieder z&amp;auml;hlt diese Seite; das erforderliche Mindestalter liegt bei 45 Jahren. Bei der Anmeldung muss man nicht allzu viel von sich preisgeben; obligatorisch sind aber Geschlecht und Alter. Unter der Rubrik &amp;raquo;Freundschaft&amp;laquo; hat Karin damals das Feld &amp;raquo;egal&amp;laquo; angekreuzt. Sie will einfach nur Kontakte kn&amp;uuml;pfen, auch zu Frauen, mit denen sie sich austauschen kann. Aber nat&amp;uuml;rlich klicken auch M&amp;auml;nner auf ihr Profil. &amp;raquo;Traumfee&amp;laquo; hei&amp;szlig;t Karin beim 50plus-Treff. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Soziologin Eva Illouz hat sich in ihrem gefeierten Buch &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/search/SimpleSearchRH.do?save=true&amp;amp;searchTerm=Warum+Liebe+weh+tut&amp;amp;x=0&amp;amp;y=0&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Warum Liebe weh tut&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; gerade mit dem Wandel der Partnerfindung in Zeiten des Internets besch&amp;auml;ftigt. Wo seit dem Siegeszug der romantischen Liebe vor zweihundert Jahren stets das Moment der Intuition die Menschen geleitet hat, das Vertrauen, den &amp;raquo;Richtigen&amp;laquo; in den Str&amp;ouml;men der Bekannten und Passanten zu finden, haben die Singleb&amp;ouml;rsen im Internet diese Wahl vollst&amp;auml;ndig rationalisiert. Infrage kommende Partner werden durch Raster von K&amp;ouml;rpermerkmalen, Interessen und Charakterz&amp;uuml;gen so lange eingekreist, bis sich der Traummann oder die Traumfrau von selbst herausfiltert. Was Illouz in ihren Analysen erstaunlicherweise nicht zum Thema macht, ist aber die Konsequenz, die dieser neue, inzwischen gel&amp;auml;ufigste Weg der Partnerfindung f&amp;uuml;r &amp;auml;ltere Menschen bedeutet. Denn gerade jener Generation, der nach dem Ende des Arbeitslebens weniger soziale Kontakte bleiben, bietet das Internet eine verhei&amp;szlig;ungsvolle Quelle neuer Begegnungen.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Der &amp;raquo;Graue_Wolf57&amp;laquo; hat nach 35 Jahren seine Jugendliebe getroffen&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39334.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;Karin und Dorothee sind nur zwei Vertreterinnen einer Bev&amp;ouml;lkerungsgruppe, der die gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Partnerb&amp;ouml;rsen aufwendige Analysen widmen. Die &amp;raquo;Parship Single und Partner Studie&amp;laquo; von 2008 etwa hat ermittelt, dass 43 Prozent der &amp;raquo;Silver Surfer&amp;laquo;, also der &amp;auml;lteren Nutzer des Internets, online einen Partner suchen. Dieses amour&amp;ouml;se Roulette im Internet fordert seine Opfer, wie vor allem die Liebeskummer-Psychologen wissen. Daniela van Santen, die in Hamburg eine solche Praxis betreibt, erz&amp;auml;hlt von einer etwa 70-j&amp;auml;hrigen Klientin, die zu einer Sitzung neulich ihren Computer mit in den Raum schleppte und sie bat, ihn zu vernichten. &amp;raquo;Irgendwie muss er da noch drin sein&amp;laquo;, sagte die Frau. Ihre gro&amp;szlig;e Liebe hat sie pers&amp;ouml;nlich nie kennengelernt, sie existiert nur im Netz. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r ein Interview hat Daniela van Santen eigentlich keine Zeit. Denn auch au&amp;szlig;erhalb ihrer Sprechzeiten sitzt sie an Telefon und Computer und beantwortet Fragen ihrer Klienten; Beziehungen werden auffallend oft am Freitag- oder Samstagabend beendet. Daniela van Santens genaue Berufsbezeichnung lautet &amp;raquo;Systemischer Coach&amp;laquo;. Sie ist eine Dienstleisterin f&amp;uuml;r Menschen, die &amp;uuml;ber das Internet Liebe gefunden und wieder verloren haben. Es ist meistens die Frau, sagt sie, die sich verliebt, wenn ein Mann ihr liebevolle Worte schreibt, ihr Komplimente macht. Rei&amp;szlig;t der Kontakt dann pl&amp;ouml;tzlich ab, ist bei &amp;auml;lteren Frauen die &amp;raquo;Resignation immens gro&amp;szlig;&amp;laquo;. Und sie sch&amp;auml;men sich. Nur ganz wenige Frauen reden deshalb so unbefangen &amp;uuml;ber ihre Erfahrungen wie Karin oder Dorothee. Van Santens Klientinnen w&amp;uuml;rden am liebsten eine Tarnkappe aufsetzen, wenn sie zu ihr in die Praxis kommen. Sie r&amp;auml;t den Frauen dann immer, nicht zu sehr auf die Hilfe gleichaltriger Freundinnen zu setzen, es sei denn, diese haben &amp;auml;hnliche Erfahrungen im Internet gemacht. Hilfreicher kann die eigene Tochter sein, &amp;uuml;berhaupt eine j&amp;uuml;ngere Frau, f&amp;uuml;r die Liebeskummer noch kein Makel ist. Und obwohl der Ursprung des Leids oft dem Internet entstammt, sollten die Frauen auf keinen Fall den Computer rigoros meiden, denn dieses Medium ist f&amp;uuml;r viele der einzige Kontakt zur Au&amp;szlig;enwelt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Und wie ist es mit den M&amp;auml;nnern? Ist Liebeskummer im Alter eine rein weibliche Angelegenheit? Leiden M&amp;auml;nner weniger, oder haben sie einfach das Gl&amp;uuml;ck, wesentlich leichter eine neue, h&amp;auml;ufig auch j&amp;uuml;ngere Partnerin zu finden? Tats&amp;auml;chlich sind Beitr&amp;auml;ge von M&amp;auml;nnern in den Internetforen eher selten. Aber manche gibt es, die &amp;raquo;sich vorkommen wie ein Ertrinkender im Meer, wie ein Fallender mit flehendem Blick, am Felsen seine Hand bettelnd nach ihr ausstreckend&amp;laquo;. Diese poetisch ambitionierten Zeilen stammen von einem Mann, der im 50plus-Treff unter dem Namen &amp;raquo;Grauer_Wolf57&amp;laquo; schreibt. Er hat nach 35 Jahren seine Jugendliebe getroffen und sich sofort wieder verliebt, unerwidert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wer der &amp;raquo;Graue_Wolf57&amp;laquo; ist, der mit seiner Geschichte die Forumsmitglieder tief ber&amp;uuml;hrt hat, ist leider nicht zu ermitteln. Vielleicht h&amp;auml;tte er einer Frau im 50plus-Treff Trost spenden k&amp;ouml;nnen, die sich &amp;raquo;Haselmaus&amp;laquo; nennt, 58 Jahre alt ist und ihren echten Namen nicht verraten will. Vor eineinhalb Jahren lernte sie einen Mann im Internet kennen, der sie gleich zu Hause besuchte, in einem kleinen Ort an der Ostsee. Liebe: sofort. Auch bei ihm hat es gleich gefunkt, das wei&amp;szlig; sie sicher. Sie war allein, ihr Mann an Krebs gestorben, und in der vertrauten Umgebung f&amp;uuml;hlte sie sich mittlerweile so einsam, dass sie mit Sack und Pack zu dem Mann ins Rheinland zog. Doch es funktionierte nicht. Heute lebt sie wieder in ihrem Heimatort an der Ostsee, f&amp;uuml;hrt dort ein Gesch&amp;auml;ft f&amp;uuml;r Brautmoden. Die ungl&amp;uuml;cklich Verliebte hilft Kunden bei der Verwirklichung ihres Gl&amp;uuml;cks. Sie sitzt vor ihrem Laden an der Hauptstra&amp;szlig;e, eine disziplinierte Gesch&amp;auml;ftsfrau, die aber ihre Tr&amp;auml;nen nur schwer zur&amp;uuml;ckhalten kann, wenn die Sprache auf ihre verlorene Liebe aus dem Internet kommt. Noch heute sitzt sie abendelang am Telefon, kontrolliert st&amp;auml;ndig ihre SMS. Und wenn sie seine Nummer auf dem Display sehen w&amp;uuml;rde, k&amp;ouml;nnten sie noch so viele Freundinnen nicht davon abhalten, dranzugehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;raquo;Haselmaus&amp;laquo;, &amp;raquo;Traumfee&amp;laquo; und Zehntausende weitere Menschen mit romantischen Profilnamen, die an vergangene Zeiten erinnern. Sie sind verwitwet, frisch geschieden, zu jung, um ihr Leben als Gro&amp;szlig;eltern einfach ausklingen zu lassen. Der Liebeskummer im Alter, das machen ihre Geschichten klar, wird nicht mehr besonders lange ungeh&amp;ouml;rt bleiben. In der &amp;Ouml;ffentlichkeit ist er vermutlich deshalb so konsequent unterdr&amp;uuml;ckt worden, weil er Gef&amp;uuml;hle von Leidenschaft und Sehnsucht an Paare kn&amp;uuml;pft, die sich nicht mehr fortpflanzen k&amp;ouml;nnen. Eine ungl&amp;uuml;cklich verliebte Frau wirkt auf ihre Umgebung offenbar dann ein wenig sonderbar oder &amp;uuml;bertrieben, wenn sie das Alter erreicht hat, in dem ihre F&amp;auml;higkeit erlischt, Kinder zu geb&amp;auml;ren. Andererseits blendet dieser Eindruck aus, dass Senioren und Teenager in Fragen der Liebe wom&amp;ouml;glich genauso viel vereint wie trennt: F&amp;uuml;r beide Altersgruppen spielt Familiengr&amp;uuml;ndung keine Rolle, beide haben viel Freizeit, um sich in ihr Leid zu vertiefen, kein Berufsleben, das &amp;uuml;ber den Tag zur Ablenkung beitragen w&amp;uuml;rde. Und wenn die besondere Wucht des ersten Liebeskummers darin besteht, dass man noch nicht wissen kann, ob man ihn &amp;uuml;berlebt, kehrt diese Angst im Alter mit ganz realistischem Hintergrund wieder zur&amp;uuml;ck: Es k&amp;ouml;nnte das letzte Mal sein!&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Grauer Wolf sucht Haselmaus</dc:subject>
    <dc:creator>Karoline Amon und Andreas Bernard</dc:creator>
    <dc:date>2011-12-12T12:00:00+01:00</dc:date>
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