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    <title>sz-magazin.de - Literatur</title>
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    <title>Der Letzte seiner Art</title>
    <description>&lt;p&gt;Der Hanser-Chef Michael Kr&amp;uuml;ger hat in seiner jahrzehntelangen Karriere  viele Literaturnobelpreistr&amp;auml;ger verlegt und noch mehr Bestseller. Ende  des Jahres verabschiedet er sich in den Ruhestand. Jetzt erz&amp;auml;hlt er von  den ganz gro&amp;szlig;en Begegnungen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Michael Kr&amp;uuml;gers B&amp;uuml;ro im Hanser-Verlagsgeb&amp;auml;ude befindet sich im M&amp;uuml;nchner Villenviertel Bogenhausen. Vogelgezwitscher weht durch die offenen Fenster herein. Kein Verkehrsl&amp;auml;rm. Hier, inmitten Tausender B&amp;uuml;cher, leitet Michael Kr&amp;uuml;ger sein Imperium, einen der letzten von einem Konzern unabh&amp;auml;ngigen Verlage Deutschlands. Den mit den vielen Nobelpreistr&amp;auml;gern. Kr&amp;uuml;ger ist ein sehr unterhaltsamer Gespr&amp;auml;chspartner, wenn er in seinen Fotokisten kramt, aber nie ein lauter. Kr&amp;uuml;ger mag Gedichte. Computer und Handys sind ihm suspekt, er arbeitet am liebsten mit Papier. &lt;br /&gt; Irgendwann bringt ihm seine Assistentin ein Tablett mit einer Brause herein. &amp;raquo;Frau Zeller ist der Ansicht, dass ich Eisen brauche.&amp;laquo; Dazu steckt er sich eine Marlboro Lights an. Es wird nicht seine letzte sein. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin: Herr Kr&amp;uuml;ger, was begeistert Sie an Literatur?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Michael Kr&amp;uuml;ger:&lt;/strong&gt; Dass man mit 26 Buchstaben alles ausdr&amp;uuml;cken kann, was vorstellbar ist. Milliarden B&amp;uuml;cher f&amp;uuml;llen. Kein anderes System, kein anderes Spiel kann das. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben 14 Nobelpreistr&amp;auml;ger im Portfolio von Hanser. Woran erkennt man einen Nobelpreistr&amp;auml;ger?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ganz einfach: Man muss Dichter verlegen, die sehr gut sind, die aber kein anderer anfasst wegen der herrschenden Dichterphobie. Auf diese Weise haben wir z. B. Joseph Brodsky, Derek Walcott, Tomas Transtr&amp;ouml;mer im Programm. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum fasst die keiner an?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Weil sie Dichter sind. Aber Dichtung geh&amp;ouml;rt ja doch irgendwie zur Literatur, oder? Mich hat Dichtung immer interessiert, und dann habe ich die, die mich am meisten angesprochen haben, verlegt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie waren oft in Stockholm bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an einen Ihrer Autoren. Welche hat Sie am meisten ber&amp;uuml;hrt?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das war vielleicht bei Tomas Transtr&amp;ouml;mer 2011. Nach der Verleihung gibt es ein Essen, da sitzt in der Mitte an einem Tisch der traurige K&amp;ouml;nig mit seinen Kindern, den Staatstr&amp;auml;gern und Nobelpreistr&amp;auml;gern. Tomas sa&amp;szlig; neben der Ministerin f&amp;uuml;r Kultur, aber er kann sich ja nicht unterhalten. 1990 hatte er einen Schlaganfall und verlor die Sprache. Er schreibt nur noch wenig, mit einem ausgekl&amp;uuml;gelten Apparat. Aber er ist geistig voll da. Und er spielt Klavier, mit der linken Hand. Er hat eine ber&amp;uuml;hrende CD mit St&amp;uuml;cken f&amp;uuml;r die linke Hand aufgenommen. Ich sa&amp;szlig; hinter ihm, am Tisch des gemeinen Volkes, und habe ihn alle zwei Minuten am Hals gekrault. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kennen Sie sich schon l&amp;auml;nger?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Es muss in den Siebzigerjahren gewesen sein, beim Poetry International Festival in Rotterdam. Es gab ein Zimmer zu wenig. Man fragte mich, ob es mir was ausmachen w&amp;uuml;rde, in der ersten Nacht mit einem anderen Mann in einem Zimmer zu schlafen. Da wurde mir Tomas Transtr&amp;ouml;mer ins Bett gelegt. Ein schmaler, sehr gut aussehender, jungenhafter Mann. Kurze Zeit sp&amp;auml;ter habe ich ihn in einem Kolloquium noch mal in Berlin wiedergesehen und dann haben wir angefangen, ihn zu &amp;uuml;bersetzen. &amp;Uuml;brigens war Herta M&amp;uuml;ller die am besten angezogene Nobelpreistr&amp;auml;gerin. Sie hatte es insofern leicht, als die Preistr&amp;auml;gerin f&amp;uuml;r Wirtschaft in einer Art Sack erschien.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn Sie ein Manuskript lesen, gibt es dann einen Punkt, an dem Sie denken: Donnerwetter, wenn das mal kein Nobelpreis ist?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das sind meistens die, die keinen kriegen. Jahrelang haben wir gesagt, Jorge Luis Borges muss jetzt mal den Nobelpreis bekommen, der ist f&amp;auml;llig. Oder Italo Calvino. Borges ist fast neunzig geworden &amp;ndash; und der Anruf kam nie. Calvino ist vor der Zeit gestorben. Der h&amp;auml;tte ihn gekriegt, da bin ich hundertprozentig sicher. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber kalkulieren kann man das nicht?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Leider nicht. Allerdings gibt es vage Berechnungen. Zum Beispiel hat noch nie ein geb&amp;uuml;rtiger Israeli einen Nobelpreis gekriegt. Amos Oz, David Grossmann, wei&amp;szlig; Gott gro&amp;szlig;artige Autoren. Dann denkt man schon, der k&amp;ouml;nnte doch mal &amp;ndash; wenn Israel dran w&amp;auml;re. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Denkt die Akademie so quotenm&amp;auml;&amp;szlig;ig?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht landkartenm&amp;auml;&amp;szlig;ig. Es sind ja schon viele Pfunde beim Wettb&amp;uuml;ro Ladbrokes in London auf Philip Roth gewettet worden. Das w&amp;auml;re f&amp;uuml;r mich ein sehr sch&amp;ouml;ner Abschluss, wenn einer, der viele Romane geschrieben hat, ihn kriegen w&amp;uuml;rde. Denn mit Romanen verdient man Kies, sodass sich der Leihfrack lohnt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Beklagen sich Ihre Autoren auch manchmal bei Ihnen, dass sie den Preis nie bekommen haben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich glaube, Philip Roth hat sich damit abgefunden. Er sagt, er hat viel Gr&amp;ouml;&amp;szlig;eres erreicht, weil er mit acht oder neun B&amp;auml;nden in der Library of America vertreten ist, als einer der ganz wenigen lebenden Schriftsteller, neben den toten wie Faulkner oder Mark Twain.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Auch ein ewiger Anw&amp;auml;rter auf den Nobelpreis ist Umberto Eco. Mit ihm haben Sie mehr als vierzig B&amp;uuml;cher gemacht.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Und er bringt mir zu festlichen Anl&amp;auml;ssen immer gern eine Krawatte mit. Eco hat ein Landhaus bei San Marino in den Marken, ein aufgelassenes Kloster mit einer alten Kirche, und im Hochsommer sitzt er an seinen Computern, riesigen Computern, in der Kirche, um ihn herum die B&amp;uuml;hnenbilder aus &lt;em&gt;Der Name der Rose&lt;/em&gt;, und schreibt. In der Badehose &amp;ndash; ein nackter Priester des Wortes. Er war einer der Ersten, der vollkommen sicher war mit Computern. Eco ist immer besch&amp;auml;ftigt, immer &amp;uuml;berarbeitet. Aber abends haben wir uns im Fernsehen alte Kriminalfilme angeguckt. Dann liegt der schwere Mann mit seinem Bart im Sessel und will sich nicht mehr intelligent unterhalten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Von Ihnen hei&amp;szlig;t es, dass Sie fr&amp;uuml;her Ihre Termine mit &lt;em&gt;Derrick&lt;/em&gt;-Sendungen abgestimmt haben.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Autor Ludwig Harig und ich, wir wollten mal die sprachliche Struktur im &lt;em&gt;Derrick&lt;/em&gt; untersuchen. Wenn einer sagte: &amp;raquo;Da l&amp;auml;uft ein Hase!&amp;laquo;, dann kam garantiert die Frage: &amp;raquo;Ein Hase?&amp;laquo; Oder: &amp;raquo;Ein Mord!&amp;laquo; &amp;ndash; &amp;raquo;Ein Mord?&amp;laquo; Uns interessierte der Erfolg: dass ein ganzes Land auf so eine reduzierte sprachliche Form reagierte. Man konnte jeden Satz antizipieren. Haben wir auch gemacht. Da waren wir sehr weit. Ich gucke immer noch gerne alte Tat&amp;ouml;rter, alte deutsche Krimiserien im Dritten, meist nach elf. Einmal war ich mit Hans Magnus Enzensberger und Peter R&amp;uuml;hmkorf in Australien und mache im Hotel den Fernseher an: Was l&amp;auml;uft? Derrick!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Auf was sind Sie besonders stolz in Ihren 45 Jahren Hanser?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Aufs Durchhalten. Nicht jeder Autor schreibt ausschlie&amp;szlig;lich Meisterwerke. Man muss B&amp;uuml;cher drucken, von denen man wei&amp;szlig;, dass sie nur wenige Leser haben werden. Aber man wei&amp;szlig; auch, dieser Autor kann noch mehr, und irgendwann f&amp;uuml;gt sich alles zu einem Werk zusammen. Nicht alles, was Thomas Mann geschrieben hat, ist gro&amp;szlig;artig. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was war Ihre gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Niederlage als Verleger?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Wenn B&amp;uuml;cher, von denen ich denke, dass sie ganz hervorragend sind, nach zwei Jahren vergessen sind. Ich halte zum Beispiel Reinhard Lettau f&amp;uuml;r einen der bedeutendsten deutschsprachigen Erz&amp;auml;hler, ein l&amp;auml;chelnder Kafka. Vergessen. Und ich bin der Meinung, dass Botho Strau&amp;szlig; hunderttausend Leser mehr haben sollte.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Susan Sontag war sehr intelligent, schnell, herausfordernd, aber auch sehr kompliziert.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59815.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Daf&amp;uuml;r haben Sie Susan Sontag f&amp;uuml;r den deutschen Markt entdeckt.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die haben wir sehr gemocht, nicht zuletzt, weil sie sich f&amp;uuml;r europ&amp;auml;ische Schriftsteller interessierte: Emil Cioran, Elias Canetti, Robert Walser. Ihre Essays &amp;uuml;ber Krankheit als Metapher, &amp;uuml;ber Aids und Krebs werden bleiben, auch ihre &amp;Uuml;berlegungen zur Fotografie. Ihre Romane sind weniger gelungen. Sie war sehr intelligent, schnell, herausfordernd, aber auch sehr kompliziert. Sie lud einen in die besten Lokale ein, aber bezahlen musste immer ich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das stand oft auf Ihrem Terminplan, Essen mit Schriftstellern, oder?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Wenn ich in M&amp;uuml;nchen bin, esse ich immer im B&amp;uuml;ro, und wenn jemand kommt, wird das W&amp;uuml;rstchen geteilt. Das liegt an meiner kleinb&amp;uuml;rgerlichen Erziehung. Ich kann Verschwendung nicht leiden. Es gibt &amp;uuml;brigens auch Autoren, die wunderbar kochen k&amp;ouml;nnen. Die Pilzgerichte von Peter Handke sind weltber&amp;uuml;hmt, oder die Suppen von Grass. Man darf nur nicht fragen, was drin ist. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Mit G&amp;uuml;nter Grass waren Sie mal auf Lesereise im Jemen. Wie kam es dazu?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine deutsch-arabische Gesellschaft wollte demonstrieren, dass in Arabien nicht nur islamistische Verschw&amp;ouml;rer leben. Als wir eintrafen, empfing uns aber erst mal der bleiche deutsche Botschafter mit der Nachricht, dass am Vortag zwei englische Journalisten gek&amp;ouml;pft worden waren. Wir kamen auch nach Aden, das ber&amp;uuml;hmte Aden, das Paul Nizan beschrieben hat. Ich wollte unbedingt das Haus sehen, in dem Arthur Rimbaud gelebt hatte. Der Taxifahrer hielt vor einer Pension, da stand: &amp;raquo;Hotel Rambo&amp;laquo;. Und &amp;uuml;ber der Theke hing das sch&amp;ouml;ne Bild von Rimbaud mit den abstehenden Haaren und dem etwas verglasten Blick. Mein Freund, der Schriftsteller Najem Wali, hat einen Mann gefragt, ob das wirklich das Haus des ber&amp;uuml;hmten Dichters Rimbaud sei. Nat&amp;uuml;rlich, sagte der, er tat so, als sei Rimbaud gestern erst ausgezogen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben als junger Mann eine Ausbildung zum Buchh&amp;auml;ndler und -drucker gemacht und durften dann gleich im Londoner Nobelkaufhaus Harrods in der Abteilung f&amp;uuml;r fremdsprachige Literatur arbeiten. Wie kamen Sie an den Job?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Den hat mir ein englischer Freund aus Berlin verschafft, der heute emeritierter Professor f&amp;uuml;r mittelalterliche Mystik ist. Ich wusste nicht, was ich nach der Lehre tun sollte. Ich lebte noch zu Hause, wollte endlich mal weg, raus aus Berlin. Ich zog in ein winziges Zimmer in der Camden High Street, eine unglaubliche Bruchbude. Im Souterrain lebte ein griechischer Schneider, der acht Hosen in der Woche produzierte und mir anbot, sp&amp;auml;ter als sein Repr&amp;auml;sentant auf dem Kontinent zu arbeiten. Die Hauswirtin im ersten Stock habe ich nie anders als im Unterrock erlebt, Zigarette im Mundwinkel. Der zweite Stock geh&amp;ouml;rte den M&amp;auml;usen. Und unter dem Dach neben mir wohnte ein &amp;ouml;sterreichischer Bildhauer, der seine Miete in Form von Liebesdiensten f&amp;uuml;r die Wirtin abarbeitete. Zum Bildhauern ist er nicht viel gekommen. Bei Harrods verdiente ich neun Pfund die Woche, das Zimmer kostete f&amp;uuml;nf. Ich war sehr arm, aber gl&amp;uuml;cklich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Stimmt es, dass Sie der Queen ein Buchpaket zusammenstellen durften?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Als wir er&amp;ouml;ffneten, kam auch &amp;raquo;The Librarian of the Queen&amp;laquo;. Nelke im Knopfloch. Irre geschniegelt. Dem habe ich B&amp;uuml;cher empfohlen, G&amp;uuml;nter Grass, Uwe Johnson, Peter Weiss. Und ein Buch &amp;uuml;ber romanische Kirchen in Deutschland. Danach hat mir die ganze Abteilung gratuliert, denn normalerweise hat der nur B&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber Rosenzucht gekauft. Drei Tage sp&amp;auml;ter teilte mir mein Chef mit, dass alle B&amp;uuml;cher an die  Secondhand-Abteilung zur&amp;uuml;ckgegeben worden waren. Der Bibliothekar hatte &lt;em&gt;Katz und Maus&lt;/em&gt; von G&amp;uuml;nter Grass aufgeschlagen und die Szene gelesen, in der ein Bub sich das Eiserne Kreuz um ein bestimmtes K&amp;ouml;rperteil h&amp;auml;ngt. Das konnte er unm&amp;ouml;glich der Queen empfehlen. Das Buch &amp;uuml;ber die romanischen Kirchen hat die Queen noch heute. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie haben Sie das London der Sechzigerjahre empfunden?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;F&amp;uuml;r mich war es eine andere Welt. Ich kam aus dem kleinb&amp;uuml;rgerlichen Berlin und pl&amp;ouml;tzlich war ich in &lt;em&gt;the Heart of the Empire&lt;/em&gt;. Diese H&amp;auml;user, dieser Reichtum, diese Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e! Meine Freunde dort hatten Verwandte in Burma oder Indien. Diese Weltl&amp;auml;ufigkeit kannte ich nicht. Einmal war ich mit Elias Canetti am Piccadilly Circus, da standen 50 000 kreischende M&amp;auml;dchen und Jungs, um die Premiere eines Beatles-Films zu sehen. Irgendwann hatten wir uns zum Denkmal in der Mitte vorgek&amp;auml;mpft. Taschen und Schuhe flogen durch die Luft. Totale Hysterie. Da fuhr ein schwarzes Auto durch die Masse, hielt an. T&amp;uuml;ren flogen auf, vier Pilzk&amp;ouml;pfe st&amp;uuml;rmten raus und waren nicht mehr zu sehen. Das Ganze dauerte zwei Sekunden. Danach gab es einen markersch&amp;uuml;tternden kollektiven Schrei der Verzweiflung. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Erich Frieds Rat: Ganz einfach, du musst zu einer Wahrsagerin gehen, das kannst du ja nicht entscheiden..&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59817.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum sind Sie nicht in England geblieben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Meine Aufenthaltserlaubnis war abgelaufen. Die Polizei klopfte an und fragte nach Mr. Kr&amp;uuml;ger. Da hab ich gesagt: Der ist nicht da. Ich hab mein B&amp;uuml;ndel geschn&amp;uuml;rt und war noch einige Zeit illegal in London, als Barmann in einem Club in Soho. Es gab ein Problem: Ich hatte zwei M&amp;auml;dchen kennengelernt. Die eine ging nach Paris. Ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden sollte: bleiben oder gehen? Da habe ich dem Dichter Erich Fried mein Leid geklagt. Sein Rat: Ganz einfach, du musst zu einer Wahrsagerin gehen, das kannst du ja nicht entscheiden. Sie hat in die Glaskugel geguckt und gesagt: Verlasse das Land. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zur Zeit der Studentenrevolte waren Sie wieder in Deutschland.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, da hatte ich Gl&amp;uuml;ck. Das Programm des Suhrkamp-Verlags und &amp;rsquo;68 haben mich entscheidend gepr&amp;auml;gt. So viel wie damals habe ich nie wieder gelesen. Adorno, Walter Benjamin, Marcuse, Enzensberger, Ingeborg Bachmann. Klaus Wagenbach lud mich ein, den &lt;em&gt;Tintenfisch&lt;/em&gt;, ein Jahrbuch f&amp;uuml;r deutsche Gegenwartsliteratur, mit ihm herauszugeben, das haben wir fast zwanzig Jahre lang getan. Und ich fing an, auch selber zu schreiben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was denken Sie &amp;uuml;ber den Streit bei Suhrkamp?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich kann nur hoffen, dass sich bald ein reicher Mann findet, der den Herrn Barlach auszahlt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Erinnern Sie sich an diesen Satz aus dem Jahr 1992? &amp;raquo;Es ist ja ein unausrottbares Idiotenger&amp;uuml;cht, dass Literatur entsteht, indem &amp;rsaquo;schmerzhaft genau beschrieben&amp;lsaquo; wird. Das gibt im Resultat h&amp;ouml;chstens die klassische, sagen wir mal, Hanserverlagsleiterprosa, charakterlos sensibilistisch, kunstvoll, ganz wichtig. Interessiert aber keinen normalen Menschen.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das war der Irre. Also der, der &lt;em&gt;Irre&lt;/em&gt; geschrieben hat. Rainald Goetz, ja. Ich habe mich damals gefragt, wen er eigentlich mit den normalen Menschen meint. Wollte der kluge Goetz zu ihnen geh&amp;ouml;ren? Tats&amp;auml;chlich hat die Popliteratur in der Literatur fast keine Spuren hinterlassen. Aber unabh&amp;auml;ngig von solchen Sticheleien ist der Roman &lt;em&gt;Irre&lt;/em&gt; von Goetz immer noch hervorragend. Was den Verlag betrifft: Es gibt eine neue Generation von Lektoren auch bei uns; und mein Nachfolger ist zarte 44 Jahre alt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Geht Hanser die Bindung an die junge Generation ab?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sagen wir so: Es ist gut, wenn wir uns verj&amp;uuml;ngen. In meiner Anfangszeit war das anders, da war ich verlegerisch an anderen K&amp;uuml;nsten interessiert &amp;ndash; die moderne Musik, die Kunsttheorie, Film, Theater: Enno Patalas, Werner Herzog, Alexander Kluge, das Theater von Peter Stein. Da gab es von &amp;uuml;berallher Einfl&amp;uuml;sse. Der Verlag ist dann unter meiner Leitung sehr literarisch geworden, und ich habe nicht mehr geguckt, wo sind jetzt Tendenzen, Schwingungen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie steht es Ihrer Meinung nach um die deutsche Gegenwartsliteratur?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich finde sie im Moment sehr produktiv. Sie ist immer noch auf der Suche, wie die modernen Gesellschaften zu beschreiben sind. Es f&amp;auml;llt auf, wie viele B&amp;uuml;cher vergangene Dinge behandeln. Es bleibt die gro&amp;szlig;e Trag&amp;ouml;die der Moderne, dass die Menschen lieber dumme B&amp;uuml;cher lesen als gescheite.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was ist die wichtigste Funktion eines Verlegers?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Psychologe, Gesch&amp;auml;ftsmann, Lektor, Freund &amp;ndash; man muss alles sein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Welche Rolle f&amp;uuml;llt Sie am meisten aus?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Redigieren. An den Texten feilen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Schon mal ein Manuskript vor dem Papierkorb gerettet?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Oh ja. Horst Bienek zum Beispiel war, wenn er schrieb, in einer solchen erotischen Erregung, dass er wie ein Berserker auf seine Schreibmaschine gehackt hat, ohne auf Punkt oder Komma zu achten. Dann hat er mir ein B&amp;uuml;ndel von 500 Seiten auf den Tisch gehauen, tief Luft geholt und gesagt: Fertig! Ich sa&amp;szlig; dann in seinem Haus in Ottobrunn im Keller und habe neu geschrieben und die fertigen Seiten nach oben gebracht. Von oben h&amp;ouml;rte ich immer die Rufe: Du hast meine oberschlesische Seele zerst&amp;ouml;rt!&lt;strong&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gab es Termine, vor denen Sie Angst hatten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Walter Kempowski war so ein Fall. Mit dem war ich sehr befreundet. Aber er hatte eine vollst&amp;auml;ndige Meise: Er wollte a) weltber&amp;uuml;hmt werden, b) Mitglied von allen Akademien sein, c) alle Preise kriegen. Sein Buch &lt;em&gt;Tadell&amp;ouml;ser &amp;amp; Wolff&lt;/em&gt; habe ich bei ihm redigiert, oben in dem kleinen Ort, wo er Lehrer war. Der konnte ja nicht weg. Es wurde ein &lt;br /&gt; Riesenerfolg, und Erfolg macht gierig. Dann kamen immer die Briefe: Du musst, du musst, du musst. Wir sind schier verzweifelt hier im Verlag. Zum Schluss bin ich nicht mehr gern zu ihm gefahren. Immerhin steht in seinen Tageb&amp;uuml;chern: &amp;raquo;Vielleicht habe ich ihn doch zu sehr gequ&amp;auml;lt.&amp;laquo; Es gibt ja Leute, die gerne qu&amp;auml;len.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie h&amp;auml;lt man frustrierte Autoren bei Laune?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn man j&amp;uuml;nger ist und noch mehr vertr&amp;auml;gt, geht man einen trinken. Die Autoren haben fr&amp;uuml;her oft bei mir gewohnt. Ich war ber&amp;uuml;hmt f&amp;uuml;r mein Fremdenzimmer. Fr&amp;uuml;her waren Autoren auch &amp;auml;rmer. Die hatten ihre Manuskripte dabei und wir haben dagesessen und dran gearbeitet und sind in den Verlag gefahren und haben weitergearbeitet. Heute schicken Autoren ihre Romane per E-Mail. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Ich habe mein Leben lang Kafkas Tageb&amp;uuml;cher gelesen. Wenn ich nicht mehr ein noch aus wei&amp;szlig;, dann gibt es immer noch die.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/59819.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;strong&gt;MICHAEL KR&amp;Uuml;GER&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt; Vor mehr als vierzig Jahren fing Michael Kr&amp;uuml;ger als Lektor bei Hanser in  M&amp;uuml;nchen-Bogenhausen an, seit 1986 leitet er den Verlag - einen der  wenigen, die nicht zu einem gro&amp;szlig;en Konzern geh&amp;ouml;ren. Kr&amp;uuml;ger, Jahrgang  1943, wird Ende des Jahres als Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrer aus dem Verlag  ausscheiden und einen weiteren Roman schreiben. Drei Romane und  verschiedene Gedichtb&amp;auml;nde hat er bereits ver&amp;ouml;ffentlicht.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was sagt Ihnen der Satz: &amp;raquo;Die Gesellschaft eines Menschen, der noch nie ein Buch gelesen hat, ist nur mit Alkohol ertr&amp;auml;glich&amp;laquo;?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der stammt von mir. Aber Einstellungen k&amp;ouml;nnen sich &amp;auml;ndern. Fr&amp;uuml;her, zwischen Goethe und 1950, hat jeder Schriftsteller geraucht und getrunken. Heute haben wir das Ideal, dass man nicht raucht und nur m&amp;auml;&amp;szlig;ig trinkt. Den Schriftsteller, der sich nach Kalorientabellen richtete, gab es damals nicht. Wenn die Flasche halb leer war, wurde sie ausgetrunken. Das Trinken geh&amp;ouml;rte dazu. Vor allem in M&amp;uuml;nchen und in Berlin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Geh&amp;ouml;rten Drogen auch dazu?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;99 Prozent der Drogen sind an mir vorbeigegangen. Vor langer Zeit habe ich einmal ein Gramm Kokain gekauft. Das war in der Fassbinder-Zeit, als fast alle wei&amp;szlig;e Nasen hatten. Ein merkw&amp;uuml;rdiges Gef&amp;uuml;hl! Die allergr&amp;ouml;&amp;szlig;te Emanation. Nur war ich so bl&amp;ouml;d, dem Mann, dem ich&amp;rsquo;s abgekauft hatte, einen Scheck zu geben. Der Mann wurde gefasst, kam nach Stadelheim. Pl&amp;ouml;tzlich steht die Polizei vorm Verlag und fragt: Sind Sie drogenabh&amp;auml;ngig? Dann wurden die Verlagsleiter geholt. Eine Riesenaufregung. Gott sei Dank wurde ich finalmente nicht belangt. Dieses einmalige Erlebnis hat mich sofort und nachhaltig aus der Drogenszene katapultiert.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;K&amp;ouml;nnen B&amp;uuml;cher auch eine Droge sein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unbedingt. Ich habe mein Leben lang Kafkas Tageb&amp;uuml;cher gelesen. Wenn ich nicht mehr ein noch aus wei&amp;szlig;, dann gibt es immer noch die. Da reichen ein, zwei Seiten. Das ist wirklich wie eine Droge. Ich habe schon viele Ausgaben zerschlissen. Die gehen auch auf fast alle Reisen mit. Ist ja eine alte Frage, ob Lesen tr&amp;ouml;sten kann. Wenn man jung ist, sagt man eher: Sollen einen doch die Frauen tr&amp;ouml;sten. Oder was immer. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Manchmal tr&amp;ouml;sten auch die B&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber die Frauen hinweg.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auch das, mit Sicherheit. Die Frage aber ist: Ist Lesen nur ein Ersatz? Lebt man nicht, wenn man liest? Allerdings: Nur weil jemand ein Buch liest, wird er noch kein besserer Mensch! Oder kl&amp;uuml;ger. Das ist Quatsch, diese Lese-Ideologie. Entweder man liest, weil es einem das Leben ertr&amp;auml;glicher macht oder bereichert, oder man l&amp;auml;sst es.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie wappnet man sich gegen das Alter?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Man selbst nimmt das Altern ja gar nicht so wahr. Aber jeder, der mit einem arbeitet, wei&amp;szlig;, dass man siebzig ist. Diese Selbstt&amp;auml;uschung ist erstaunlich. Die Melancholien werden sicher kommen. Keine Ahnung, was man dagegen machen kann. Ignorieren ist ja auch nicht besonders klug.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Machen Sie noch Yoga?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nicht mehr, seit ich eine k&amp;uuml;nstliche H&amp;uuml;fte habe. Die rechte ist operiert und die linke ist schon neidisch und m&amp;ouml;chte auch Titan haben. Ich will aber nicht noch mal unter das Messer. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Es gibt viele Fotos von Ihnen beim Kopfstand. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich hatte herausgefunden, dass mir Kopfst&amp;auml;nde Spa&amp;szlig; machen. Weil die Welt auf dem Kopf steht. Ich konnte auf dem Tisch Kopfstand machen, zehn Minuten zum Ausruhen. Gerade wenn ich was getrunken hatte, habe ich eine Viertelstunde Kopfstand gemacht. Wo es mir gefiel, im Restaurant, auf der Leipziger Buchmesse, beim Abendessen, &amp;uuml;berall. Aufh&amp;ouml;ren musste ich dann, als ich dicker wurde. Der kleine Kopf hat die neunzig Kilo nicht mehr tragen wollen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Es ist das letzte Jahr bei Hanser f&amp;uuml;r Sie. Wie sieht Ihr erster freier Tag im Ruhestand aus?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Der findet erst im April 2017 statt, bis dahin bin ich voll mit Terminen. Aber dann m&amp;ouml;chte ich gerne mit dem Bus in die Stadt fahren, mich in ein Kaffeehaus setzen und nichts anderes tun als Menschen beobachten. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&amp;Uuml;berkommt Sie manchmal Wehmut, Ihr Lebenswerk hinter sich zu lassen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Doch, doch. Es ist ein langsames Abschiednehmen. K&amp;uuml;rzlich war ich in London und habe da so einen Lifetime-Dings bekommen. Da habe ich in meiner Dankesrede gesagt: Wahrscheinlich werde ich die meisten von Ihnen nie wiedersehen. Da gab es schon den einen oder anderen Schluchzer. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was haben Sie verpasst in Ihrem langen B&amp;uuml;roleben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die Frage stelle ich mir dauernd. Das Leben ist endlich. So lange bleibt einem ja nicht mehr ein klarer Kopf. Kann man in den zehn Jahren, die einem vielleicht noch bleiben, noch einmal das ideale Leben f&amp;uuml;hren? Ohne B&amp;uuml;ro und Aufpassen und Geld und Termine? Einen bewussteren Umgang mit dem Leben w&amp;uuml;nsche ich mir schon f&amp;uuml;r diese Zeit. Einerseits will man nicht loslassen, anderseits will man sich befreien. Wie macht man das? Ich wei&amp;szlig; es nicht. Als ich zuletzt in London war, dachte ich: Warum nicht noch mal in eine andere Stadt gehen? Jetzt, wo man den gro&amp;szlig;en Schwapp hinter sich gelassen hat. Einfach verschwinden. Vielleicht mache ich das. Nat&amp;uuml;rlich nicht ohne vorher meine Frau zu fragen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In einem Gedicht beschreiben Sie sich als den &amp;raquo;Mann mit dem Hasenherz, nicht mehr, eher weniger&amp;laquo;.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Ich war in meinem Leben nie besonders mutig. Musste ich auch nicht sein. Das empfinde ich durchaus als Malus. Ich hatte viele M&amp;ouml;glichkeiten und Angebote zur Ver&amp;auml;nderung. Auch aus dem Ausland. Ich bin aber geblieben. Ich bin ein sehr gen&amp;uuml;gsamer Mensch, brauche weder Mode, Auto noch Spielbank. Das B&amp;uuml;ro war wie ein gro&amp;szlig;es Gummiband. Man h&amp;uuml;pft hoch, aber dann sitzt man auch gleich wieder an seinem Schreibtisch. Das Hasenherz ist eine Maschine, die puckert, weil der Hase immer auf dem Sprung ist. Am liebsten ist der Hase aber in seiner H&amp;ouml;hle, sitzt da mit seinen langen Ohren und guckt nur raus. &lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;em&gt;&lt;br /&gt;Fotos: Andreas Nestl, Isolde Ohlbaum (4), Stefan Moses, Regina Schmeken, Helfried Strau&amp;szlig;, privat (4)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Der Letzte seiner Art</dc:subject>
    <dc:creator>Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-05-20T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>»Man kann nicht alles allein schaffen«</title>
    <description>&lt;p&gt;Warum tauchen in den B&amp;uuml;chern von  Cornelia Funke st&amp;auml;ndig Banden auf? Die Bestseller-Autorin &amp;uuml;ber  rebellische M&amp;auml;dchen und &amp;uuml;bersch&amp;auml;tzte Liebe.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57343.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Frau Funke, sind Sie Mitglied einer Bande?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Cornelia Funke:&lt;/strong&gt; Nein. Ich w&amp;uuml;rde nie in eine Bande gehen. Mir ist es suspekt, wenn man seine Freundschaften ritualisiert. Trotzdem sehe ich diese Sehnsucht bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen mit ihren Clubs und Vereinigungen. Es scheint ein gro&amp;szlig;er Trieb zu sein, sich eine kleine Welt zu bauen, die verl&amp;auml;ssliche menschliche Beziehungen hat, in der man sich aufgehoben und zu Hause f&amp;uuml;hlt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie funktioniert die kleine Welt der Bande?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Bande ist etwas, was sich ganz bewusst gegr&amp;uuml;ndet hat. In der Bande bekennen sich alle zu bestimmten Regeln und haben meist ein bestimmtes Ziel. Darin unterscheidet sie sich von einer Freundschaft, die kein Regelwerk braucht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist das Prinzip Bande m&amp;auml;nnlich?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja. Wobei ich mich frage, ob das die richtige Wahrnehmung ist. Ich glaube, dass Frauen in der Vergangenheit sogar selbstverst&amp;auml;ndlicher Gruppen gebildet haben als M&amp;auml;nner &amp;ndash; um auf Kinder aufzupassen, um so etwas wie Heimat und Zuhause zu erschaffen. Die aggressiveren Gruppen, die rausgehen, um bestimmte Ziele zu verfolgen, sind oft m&amp;auml;nnlich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum tauchen in Ihren Geschichten immer wieder Banden auf?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich glaube nicht an Einzelhelden. Ich habe in meinen B&amp;uuml;chern immer Gruppen und Freundeskreise, weil ich selber so lebe und mich durch meine Freunde definiere. Manchmal gebe ich ihnen die Form einer Bande wie in &lt;em&gt;Herr der Diebe&lt;/em&gt; und in den &lt;em&gt;Wilden H&amp;uuml;hnern&lt;/em&gt;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die M&amp;auml;dchen in &lt;em&gt;Die Wilden H&amp;uuml;hner&lt;/em&gt; gr&amp;uuml;nden eine Bande nach dem Vorbild der Pygm&amp;auml;en, einer Jungsbande &amp;hellip;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das stimmt nicht ganz. Sie gr&amp;uuml;nden eine Bande nach dem Vorbild einer Bande, die eben meistens m&amp;auml;nnlich ist in der Literatur. Aber ihr Bandenalltag ist sehr m&amp;auml;dchenorientiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum nehmen M&amp;auml;dchen das Bandentum selten mit ins Erwachsenenalter?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich f&amp;uuml;rchte, Frauen geben ihre Solidarit&amp;auml;t allzu schnell f&amp;uuml;r M&amp;auml;nner auf. Frauen nehmen die romantische Liebe zu wichtig. Die Verbindung mit einem Mann wird immer noch so zum Lebensinhalt gemacht, dass durch sie die Beziehungen zu Frauen korrumpiert werden. Wir kennen alle das Ph&amp;auml;nomen: Beste Freundinnen, Mann erscheint, gro&amp;szlig;e Liebe, Liebe sticht beste Freundin. Bei M&amp;auml;nnern ist es eher umgekehrt: Gro&amp;szlig;e Liebe sticht selten besten Freund. Nat&amp;uuml;rlich ist das so unwahr wie alle Verallgemeinerungen, aber etwas Wahrheit steckt wohl drin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber es gibt ja durchaus Frauen, die Freundschaften und Netzwerke pflegen &amp;hellip;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, ich glaube sogar, dass Frauen Freundschaften oft besser und engagierter pflegen. Schlie&amp;szlig;lich reden wir leichter miteinander &amp;uuml;ber Gef&amp;uuml;hle und Probleme, als M&amp;auml;nner das tun. Und ich kenne nat&amp;uuml;rlich auch Frauen, die fantastisch und dabei uneigenn&amp;uuml;tziger Netzwerke kn&amp;uuml;pfen als M&amp;auml;nner. Viele Wohlt&amp;auml;tigkeitsorganisationen und kulturelle Vereinigungen w&amp;auml;ren nicht denkbar ohne einflussreiche Frauen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&amp;Uuml;ber die M&amp;auml;dchenbande &lt;em&gt;Die Wilden H&amp;uuml;hner&lt;/em&gt; schreiben Sie: &amp;raquo;Sie waren pl&amp;ouml;tzlich Freundinnen geworden. Richtige Freudinnen&amp;laquo;. Was bindet die Mitglieder einer m&amp;auml;nnlichen Bande?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Leitwolf. Autorit&amp;auml;t spielt eine gro&amp;szlig;e Rolle in M&amp;auml;nnerbanden und M&amp;auml;nnernetzwerken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Anf&amp;uuml;hrerin der wilden H&amp;uuml;hner, Sprotte, ist viel allein. Sie hat eine raue Stimme und macht sich nichts aus M&amp;auml;dchenkram.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Was ja durchaus Anf&amp;uuml;hrerqualit&amp;auml;ten sind! Der Anf&amp;uuml;hrer will sich nicht unbedingt verbr&amp;uuml;dern oder verschwestern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Es sind Qualit&amp;auml;ten, die auch als m&amp;auml;nnlich gelten.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, aber sie geh&amp;ouml;ren zum Yin und Yang in uns. Warum definieren wir denn F&amp;uuml;hrerqualit&amp;auml;ten und St&amp;auml;rke als m&amp;auml;nnlich? Wir alle wissen, dass Frauen diese Qualit&amp;auml;ten haben k&amp;ouml;nnen &amp;ndash; warum werden die als m&amp;auml;nnlich bezeichnet? Diese Eigenschaften sind nicht unbedingt m&amp;auml;nnlich, sie werden uns von der Gesellschaft nur so vermittelt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bande benutzt Codew&amp;ouml;rter, Erkennungszeichen und hat einen Schwur, bei dem die M&amp;auml;dchen Spuckefinger aneinanderreiben. Woher kamen die Ideen zum Bandenalltag?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich verarbeite meine Ideen m&amp;ouml;glichst unbewusst und versuche beim Schreiben nicht zu merken, was ich tue. In den &lt;em&gt;Wilden H&amp;uuml;hnern&lt;/em&gt; stecken Erinnerungen an meine Kindheit und meine Zeit auf dem Bauspielplatz Tegelsbarg in Hamburg, wo ich als Sozialarbeiterin gearbeitet habe. Manche Kinder habe ich unver&amp;auml;ndert in meine B&amp;uuml;cher &amp;uuml;bernommen, andere habe ich erfunden. Die Anf&amp;uuml;hrerin Sprotte ist sicherlich am deutlichsten an mich angelehnt. Ich habe fr&amp;uuml;her in unserer Stra&amp;szlig;e die Kinder furchtbar rumkommandiert. Aber ich w&amp;auml;re unf&amp;auml;hig gewesen, in einer Bande zu sein. Ich war ein Einzelg&amp;auml;nger. Das hat sich ge&amp;auml;ndert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum sind Sie keine Einzelg&amp;auml;ngerin mehr?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe vor sieben Jahren meinen Mann verloren. Wenn man allein ist, dann f&amp;uuml;llt man das Leben nat&amp;uuml;rlich anders mit Freunden, als wenn man in einer Beziehung ist. Ich war verheiratet mit einem Mann, mit dem ich 24 Stunden rund um die Uhr verbracht habe. Wir haben alles zusammen gemacht. So schmerzhaft der Verlust war &amp;ndash; er hat mich gezwungen, mein Leben zu &amp;ouml;ffnen und die Hilfe anderer anzunehmen. Dass man nicht alles alleine schafft, war eine der wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe. Heute kann ich mir gar nicht vorstellen, ohne meine engen Freunde zu leben. Ich erlebe das als bereichernd, weil jeder dieser Menschen mir einen anderen Aspekt an mir klarmacht und mich als Mensch wachsen l&amp;auml;sst.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gilt das auch f&amp;uuml;r Ihre Figuren? Werden die erst rund durch den Blick anderer auf sie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja. Jeder gro&amp;szlig;e Mensch, ob K&amp;uuml;nstler, Politiker oder Wissenschaftler, erz&amp;auml;hlt einem von den Einfl&amp;uuml;ssen, die andere auf sein Leben genommen haben. Ihre Arbeit w&amp;uuml;rde sonst fruchtlos bleiben. Das Klischee des einsam kreierenden Genies ist einfach nicht wahr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was haben Kinderbanden und M&amp;auml;nnerb&amp;uuml;nde gemeinsam?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Absicht, mehr Einfluss zu gewinnen: Tue ich mich mit einem St&amp;auml;rkeren zusammen, auch wenn der mich rumkommandiert, habe ich meinen Vorteil davon. Die beste Beschreibung, die je von einer Kinderbande gemacht wurde, ist &lt;em&gt;Der Krieg der Kn&amp;ouml;pfe&lt;/em&gt;, ein franz&amp;ouml;sisches Kinderbuch von Louis Pergaud. Da wird gezeigt, wie sehr sich Kinder- und Erwachsenenbanden &amp;auml;hneln und wie schnell sie gewaltt&amp;auml;tig werden k&amp;ouml;nnen. Sie spielen durch, was sie im Erwachsenenalter k&amp;ouml;nnen m&amp;uuml;ssen. Als w&amp;uuml;rden Welpen miteinander spielen und k&amp;auml;mpfen, damit sie sp&amp;auml;ter das T&amp;ouml;ten gut beherrschen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gilt das auch f&amp;uuml;r M&amp;auml;dchenbanden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auch M&amp;auml;dchen spielen die Muster nach, die sie um sich herum beobachten. Und wir alle wissen, dass M&amp;auml;dchen selten Frauen in ihrem Leben sehen, die unabh&amp;auml;ngig sind, die beruflich erfolgreich sind, die die Familie ern&amp;auml;hren &amp;ndash; auch wenn es immer mehr werden. So kommt es, dass das einzige M&amp;auml;dchen in der Bande von &lt;em&gt;Herr der Diebe &lt;/em&gt;automatisch die Mutterrolle &amp;uuml;bernimmt. Das ist die Rolle, die die Jungs von dem M&amp;auml;dchen erwarten. Die wollen nicht, dass es einen weiteren Jungen spielt, sondern sie wollen das, was als weiblich definiert wird: das Umsorgen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;K&amp;ouml;nnte man diese Geschlechtermuster nicht gerade in der Fiktion aufbrechen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Wenn die Welt schon fantastisch ist, dann wirkt sie m&amp;auml;chtiger, wenn die Figuren so realistisch wie m&amp;ouml;glich sind. Ich stelle die Beziehungen so dar, wie sie im wirklichen Leben sind.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;Banden k&amp;ouml;nnen die Heldenhaftigkeit von Menschen auf wesentlich anr&amp;uuml;hrendere Weise zeigen als ein einzelner Held.&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57345.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Cornelia Funke wurde 2003 mit &amp;raquo;Tintenherz&amp;laquo; weltber&amp;uuml;hmt, hatte aber vorher  bereits die M&amp;auml;dchenbandenb&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber &amp;raquo;Die Wilden H&amp;uuml;hner&amp;laquo; und erste Fantasy-Romane wie &amp;raquo;Drachenreiter&amp;laquo; und &amp;raquo;Herr der Diebe&amp;laquo; geschrieben. Die  geb&amp;uuml;rtige Westf&amp;auml;lin lebt in Los Angeles. Weltweit liegt die Auflage  ihrer B&amp;uuml;cher bei mehr als 20 Millionen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum kann kein zweites M&amp;auml;dchen in der Diebesbande leben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, was w&amp;uuml;rde passieren? W&amp;uuml;rden sich die beiden M&amp;auml;dchen in denselben Jungen verlieben und konkurrieren? Nein, ich glaube, heute w&amp;uuml;rde ich mehr M&amp;auml;dchen vorkommen lassen, weil ich mehr &amp;uuml;ber Frauenfreundschaften wei&amp;szlig;. Ich glaube, dass wir Frauen uns des Wertes unserer Freundschaft zurzeit sehr bewusst sind &amp;ndash; da m&amp;uuml;ssen wir nur an Serien wie &lt;em&gt;Sex and the city&lt;/em&gt; denken. Nat&amp;uuml;rlich gilt das f&amp;uuml;r die Bedeutung von Freundschaft generell &amp;ndash; angesichts vieler Familien, die zerbrechen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum ist die Bande in &lt;em&gt;Herr der Diebe&lt;/em&gt; keine reine Jungsbande wie die Pygm&amp;auml;en in &lt;em&gt;Die Wilden H&amp;uuml;hner&lt;/em&gt;?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich gebe zu, dass ich mich hoffnungslos langweile, wenn ich nur &amp;uuml;ber Frauen schreibe. Oder nur &amp;uuml;ber M&amp;auml;nner. Deshalb habe ich die Bande in &lt;em&gt;Herr der Diebe &lt;/em&gt;gemischt, aber nicht gut, das haben mir &amp;uuml;brigens auch viele Leserinnen vorgeworfen. Sie schrieben, dass sie das Buch lieben w&amp;uuml;rden, aber warum nur ein M&amp;auml;dchen? Also habe ich ihnen versprochen: Das n&amp;auml;chste Buch hat eine weibliche Heldin. Das war dann Meggie in &lt;em&gt;Tintenherz&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kann die Bande den Helden ersetzen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja. Ich finde, Banden k&amp;ouml;nnen die Heldenhaftigkeit von Menschen auf wesentlich anr&amp;uuml;hrendere Weise zeigen als ein einzelner Held. Bei ihm wissen wir alle, wie schnell das gef&amp;auml;hrlich f&amp;uuml;r ihn werden kann und wie schnell wir ihn &amp;uuml;berfordern mit unseren Erwartungen, ihn verkl&amp;auml;ren. Wenn etwas Heldenhaftes durch eine Gemeinschaft vollbracht wird, kann das sehr beeindruckend sein, weil die Menschen einander erg&amp;auml;nzen und gr&amp;ouml;&amp;szlig;er machen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Oder auch kleiner.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auch das. Sie k&amp;ouml;nnen sich auch entsetzlicher machen, wie wir alle aus unser Geschichte wissen. Deswegen haben ja auch Deutsche so eine Panik vor Gemeinschaft: weil wir erlebt haben, wohin das f&amp;uuml;hren kann. Die Amerikaner haben in der Hinsicht ein ungebrochenes Selbstverst&amp;auml;ndnis, w&amp;auml;hrend wir aufgrund unser Faschismus-Erfahrung ein ganz anderes Bild von Gemeinschaft haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie es mal mit Banden zu tun bekommen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich habe gesehen, wie M&amp;auml;nner zusammenarbeiten, und mir manchmal gedacht: oh mein Gott. Denn gerade im Filmgesch&amp;auml;ft sind die Strukturen sehr machtorientiert und hierarchisch. Frauen, die darin bestehen wollen, m&amp;uuml;ssen ihren eigenen Weg finden &amp;ndash; was ein Vorteil sein kann. Ich bin mit einigen erfolgreichen Frauen befreundet, die Familie und Karriere auf beeindruckende Weise verbinden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mit wem sind Sie auf diese Weise befreundet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zum Beispiel mit einer norwegisch-englischen &amp;Auml;rztin. Wir haben gerade ein Auffanglager f&amp;uuml;r misshandelte Kinder gegr&amp;uuml;ndet. Die Freundschaft hat sich w&amp;auml;hrend unserer Zusammenarbeit entwickelt. Aber nat&amp;uuml;rlich wissen wir inzwischen &amp;uuml;ber unsere Familien Bescheid und haben kein Problem zuzugeben, wo in unserem Leben etwas falsch gelaufen ist, was wir gern noch erreichen w&amp;uuml;rden und wo wir verletzt wurden &amp;hellip; Frauen wissen meiner Meinung nach, dass sie durch so einen Austausch st&amp;auml;rker werden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Tauschen Sie sich auch mit J. K. Rowling aus?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich kenne sie nicht pers&amp;ouml;nlich. Ich war mal auf einer Lesung, die sie im Kodak Theatre gehalten hat. Nat&amp;uuml;rlich w&amp;uuml;rde ich gern mit ihr &amp;uuml;ber das Schreiben sprechen, wie es ist, als Geschichtenerz&amp;auml;hler in dieser Zeit zu arbeiten. Aber es ist nicht so, dass ich J. K. Rowling lieber treffen m&amp;ouml;chte als die Autoren Philip Pullman und Neil Gaiman, und ich hatte das Gl&amp;uuml;ck, sie beide schon zu treffen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In ihrer aktuellen Kinderbuch-Reihe &lt;em&gt;Reckless&lt;/em&gt; setzen Sie sich mit den Grimm&amp;rsquo;schen M&amp;auml;rchen auseinander, die Sie, wie Sie sagten, als antifeministisch wahrgenommen haben.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Antifeministisch? Wenn das irgendwo steht: Ich habe es nicht gesagt. Antifeministisch ist ein gef&amp;auml;hrliches Wort, weil man die Grimms auch aus ihrer Zeit heraus begreifen muss. Die Grimms haben Dinge geschrieben, die wir heute so interpretieren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Also waren die Frauenfiguren nicht der Anlass, die M&amp;auml;rchenmotive zu verfremden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Doch. Als Frau finde ich es nat&amp;uuml;rlich sehr interessant, mir die M&amp;auml;rchen daraufhin anzusehen. Es war eine meiner wichtigsten Erfahrungen, w&amp;auml;hrend meiner Arbeit an&lt;em&gt; Reckless&lt;/em&gt; festzustellen, dass b&amp;uuml;rgerliche Ideale ein bestimmtes Frauenbild mit sich bringen. Spannend ist auch, dass das Frauenbild im Mittelalter teilweise rebellischer und undogmatischer war. Wir denken, dass es &amp;uuml;ber die Jahre immer besser geworden ist. Ich f&amp;uuml;rchte, das ist nicht so.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Feenk&amp;ouml;nigin Potilla lassen Sie sagen: &amp;raquo;Der Zauber, den ich wirke, braucht Stille. Er ist zu m&amp;auml;chtig f&amp;uuml;r Worte.&amp;laquo; Sind weibliche Helden stiller als m&amp;auml;nnliche?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich glaube nicht. Stille hat eine gro&amp;szlig;e Qualit&amp;auml;t. Das ist meine Sehnsucht nach der Wortlosigkeit, weil ich den ganzen Tag in W&amp;ouml;rtern ertrinke. Deshalb fasziniert es mich, wenn mal keine W&amp;ouml;rter benutzt werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Foto: Jonas Jungblut/Labyrinth Kindermueseum Berlin&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Man kann nicht alles allein schaffen«</dc:subject>
    <dc:creator>Lisa Frieda Cossham (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-11T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/39593</link>
    <title>»Ich schreibe mit der Hand, ohne zu sehen, was ich schreibe«</title>
    <description>&lt;p&gt;Der Schriftsteller Ernst Augustin, ewiger Geheimtipp der deutschen  Literatur, ist 85 Jahre alt und erblindet. Arbeitet aber einfach weiter.  Ein Gespr&amp;auml;ch &amp;uuml;ber das Trotzdem.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;In einem seiner Romane hei&amp;szlig;t es, der Sinn des Lebens bestehe darin, sich wohnlich einzurichten. Betritt man das schmale Haus von Ernst Augustin in M&amp;uuml;nchen-Neuhausen, landet man in einer seltsamen Fantasiewelt. Der Schriftsteller und seine Frau haben die W&amp;auml;nde mit Scheinarchitektur und s&amp;uuml;dlichen Landschaften ausgemalt. In den Wohnr&amp;auml;umen stehen ein Wolkenkratzer aus Legosteinen und ein meterhohes Modell der Pariser Oper. Im Keller hat sich Augustin zu seinem 80. Geburtstag eine Disco einbauen lassen, mit verspiegelten W&amp;auml;nden, bl&amp;auml;ulich leuchtenden Plexiglass&amp;auml;ulen und flamingofarbenen Satinkissen. &amp;raquo;Mein Tanz ist der Salsa&amp;laquo;, sagt der 85-J&amp;auml;hrige, &amp;raquo;oder besser gesagt, er war es.&amp;laquo; Inge Augustin ist Malerin und illustriert auch die Buchcover ihres Mannes. Auf seinem j&amp;uuml;ngsten Roman hat sie ihn mit geschlossenen Augen gemalt. Ernst Augustin ist fast v&amp;ouml;llig blind. Er kann die Gem&amp;auml;lde seiner Frau nicht mehr sehen und seine B&amp;uuml;cher nicht mehr lesen. Aber er schreibt weiter.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Herr Augustin, seit wann k&amp;ouml;nnen Sie nicht mehr sehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ernst Augustin:&lt;/strong&gt; Vor drei Jahren merkte ich, dass in meinem Kopf etwas nicht stimmte. Es stellte sich heraus, dass ich drei gutartige Tumoren hatte. Bei der Operation machte der Arzt einen Fehler und durchtrennte meinen Sehnerv. Als ich aufwachte, war ewige Mitternacht. Im OP-Bericht hie&amp;szlig; es, ich h&amp;auml;tte eine &amp;raquo;diskrete Sehverminderung&amp;laquo;, also eine, die eigentlich gar nicht vorhanden ist. Mit anderen Worten: Man behauptete, ich sei ein Simulant. Der Operateur war ein Pfuscher, der seinen guten Ruf darauf aufbaute, alles zu leugnen, was ihm schiefging.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was sehen Sie noch?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nur Schemen und Schatten. Spaghetti auf einem wei&amp;szlig;en Teller erkenne ich nicht, Fleischkl&amp;ouml;&amp;szlig;e schon. Ich habe im Flur einen wei&amp;szlig;en Teppichl&amp;auml;ufer verlegen lassen. An das Ding halte ich mich, um in meiner Dunkelwelt den Weg zu finden. Riechen kann ich auch nicht mehr. Das Schlimmste ist aber, dass die mir meine Hypophyse zerst&amp;ouml;rt haben. Seither arbeitet meine Schilddr&amp;uuml;se nicht mehr. Das schafft eine unendliche Schw&amp;auml;che, ein Vernichtungsgef&amp;uuml;hl. Wenn das nicht w&amp;auml;re, k&amp;ouml;nnte ich trotz meiner Gehirnblindheit ganz gut leben. Aber so macht es keinen Spa&amp;szlig;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Spielt Ihnen Ihr Gehirn Streiche?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja. Im ersten Jahr nach der Operation habe ich immer wieder einen sehr sch&amp;ouml;n gestreiften Tiger gesehen. Er ging vor mir auf und ab und blickte mir in die Augen. Es war zwischen uns ein Sehen, ohne zu sehen, eine Art optischer Phantomschmerz. Wie ein Beinamputierter manchmal seinen verlorenen Fu&amp;szlig; sp&amp;uuml;rt, sehe ich meine verlorenen Bilder. Vor eineinhalb Jahren hatte ich dann noch eine ziemlich ausgedehnte Hirnblutung. Die hat mir eine halbseitige L&amp;auml;hmung eingebracht. Und jetzt habe ich einen f&amp;uuml;rchterlichen Bauchbruch. Deswegen trage ich diese St&amp;uuml;tze und kann mich nicht mehr vor die T&amp;uuml;r f&amp;uuml;hren lassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bei dem Schriftsteller Jorge Luis Borges fielen Erblindung und Ernennung zum Direktor der Nationalbibliothek in Buenos Aires zusammen. Er empfand es als k&amp;ouml;stliche Ironie, dass Gott ihm all diese B&amp;uuml;cher schenkte und gleichzeitig die Blindheit. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Man ist so eine Art Beethoven, der sich selbst nicht h&amp;ouml;ren kann. Ich besitze seit Langem vier B&amp;auml;nde einer bibliophilen Reisegeschichtensammlung, traumhaft sch&amp;ouml;ne schmiegsame Leinenb&amp;auml;ndchen. Ich habe immer bedauert, nicht mehr davon zu haben. Als vor einiger Zeit bei einer Auktion alle hundert B&amp;auml;nde dieser Edition angeboten wurden, dachte ich: Donnerwetter! Hier sind die ganzen Dinger, und jetzt kannst du sie nicht mehr lesen. Und was habe ich gemacht? Ich habe alle B&amp;auml;nde gekauft. Und Sie werden lachen, ich bin selig, dass ich sie habe. Diese neuen digitalen B&amp;uuml;cher sind der reine Quatsch. Ein Buch besitzt man. Man muss es nicht lesen. Sonst k&amp;ouml;nnte man es ja auch ausleihen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie f&amp;uuml;llen Sie den Tag?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Meine Frau ist sehr krank, fast bettl&amp;auml;gerig. Deshalb muss ich viel mit &amp;Auml;rzten telefonieren und Dinge arrangieren. Ich h&amp;ouml;re auch sehr viele B&amp;uuml;cher aus der Blindenbibliothek, im Augenblick Hedwig Courths-Maler. Das ist nat&amp;uuml;rlich f&amp;uuml;rchterlicher Sozialkitsch, aber die Frau hat Witz. Ich finde sie komisch. Aber wirklich positiv w&amp;auml;re mein Tag erst mit Schreiben. Zwei Stunden t&amp;auml;glich w&amp;uuml;rden mir gen&amp;uuml;gen, um mein Leben als produktiv zu empfinden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum benutzen Sie kein Diktierger&amp;auml;t?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das funktioniert nicht bei meiner Art zu schreiben, weil ich zu oft zur&amp;uuml;ckgreifen muss. Es h&amp;ouml;rt sich vielleicht zu hochgespannt an, aber ich schreibe an sich Lyrik. Das soll gar nicht erkennbar sein, aber der Rhythmus der ganzen Seite muss in sich klingen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hat Ihre Erblindung Ihren Schreibstil ver&amp;auml;ndert?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja. In &lt;em&gt;Robinsons blaues Haus&lt;/em&gt; ist mir alles sehr farbig geraten, von der Schilderung der S&amp;uuml;dsee bis zum Spiegelhaus hoch oben auf einem New Yorker Wolkenkratzer. Das ist die optische Sehnsucht des Blinden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie haben den Roman zweimal geschrieben, erst als Sehender, dann nahezu blind.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Manuskript war schon fast fertig, als ich operiert wurde. Das Ungl&amp;uuml;ck war, dass ich in einer winzig kleinen Schrift schreibe, die au&amp;szlig;er mir niemand entziffern kann. Damit war das Buch weg, f&amp;uuml;r immer verschwunden. Ich musste es noch einmal schreiben, mit einem dicken Filzstift in drei Zentimeter gro&amp;szlig;en Buchstaben. Das war schrecklich m&amp;uuml;hsam, aber wahrscheinlich ist die neue Version besser, weil sie knapper ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Tr&amp;auml;umen Sie schwarz-wei&amp;szlig; oder farbig?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich tr&amp;auml;ume in ungeheuer brillanten Farben &amp;ndash; und teilweise so sch&amp;ouml;n, dass ich in die Knie gehe, weil ich w&amp;auml;hrend des Traumes denke, ich kann wieder sehen. Da bauen sich St&amp;auml;dte von einer ungeheuerlichen Sch&amp;ouml;nheit auf. Ich habe solche sch&amp;ouml;nen St&amp;auml;dte nie in meinem Leben gesehen. Das in Sprache zu fassen, w&amp;uuml;rde ich gar nicht wollen. Es reicht mir, diese St&amp;auml;dte im Traum so deutlich gesehen zu haben, als h&amp;auml;tte ich lange in ihnen gewohnt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Schreiben Sie an einem neuen Buch?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich versuche es. Ich schreibe mit der Hand, ohne zu sehen, was ich schreibe. Aber ich habe mir jetzt ein Ger&amp;auml;t gekauft, das sehr raffiniert ist. Eine kleine Kamera nimmt auf, was ich aufgeschrieben habe, und ein Computer vergr&amp;ouml;&amp;szlig;ert es stark. So erkenne ich die einzelnen W&amp;ouml;rter, die ich in ein Diktierger&amp;auml;t spreche. Eine Dame schreibt das dann ab und liest es mir vor, sodass ich ein Gesp&amp;uuml;r f&amp;uuml;r den Fluss des Textes bekomme. Das ist zwar um drei Ecken rum, aber es ist die einzige M&amp;ouml;glichkeit. Es wird wahrscheinlich nie bis zur Ver&amp;ouml;ffentlichung kommen, weil ich zu langsam bin. F&amp;uuml;r einen 300-Seiten-Roman br&amp;auml;uchte ich zehn Jahre. Aber der Lohn liegt in der Arbeit selbst. Schreiben ist eine anstrengende Therapie. Aber der Nachgeschmack, der ist wunderbar.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;[seitenumbruch title=&quot;&lt;/span&gt;&amp;raquo;Wahn und Fantasie liegen eng beieinander.&amp;laquo;&lt;span&gt;&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57039.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was hat Sie zum Schreiben gebracht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe schon als Kind st&amp;auml;ndig Traumwelten in meinem Kopf entworfen. Einmal habe ich wochenlang ein riesiges unter-irdisches Labyrinth mit allen m&amp;ouml;glichen Schikanen zusammenfantasiert. Es gab Fallt&amp;uuml;ren und einen unterirdischen See mit Strand und Wasserfall. Ich war jeden Abend ganz verr&amp;uuml;ckt darauf, ins Bett zu kommen, um endlich weiterbauen zu k&amp;ouml;nnen. Am Ende habe ich einen pr&amp;auml;zisen Bauplan gezeichnet, mit allen Ecken und Kanten und der genauen Wanddicke. Eigentlich wollte ich Architekt werden, aber das haben mir meine Eltern ausgeredet. Sie sagten, du kannst dich nicht verkaufen. Du bist nicht der Typ, der sich gut anbietet. Das hat mir sofort eingeleuchtet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach dem Medizinstudium in Rostock wurden Sie Psychiater an der Ostberliner Charit&amp;eacute;, sp&amp;auml;ter arbeiteten Sie in einer Nervenklinik in M&amp;uuml;nchen. Was lie&amp;szlig; Sie Seelenarzt werden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mich reizte das existenzielle Drama der Patienten. Ein geplatzter Blinddarm h&amp;auml;tte mich nicht interessiert. Besonders fasziniert war ich von Menschen, die an Schizophrenie erkrankt waren. Mir imponierten die Fantasieakte, mit denen sie ihre ungeheuerlichen Wahngebilde aufbauten. Ich wollte verstehen, was in jemandem vor sich geht, der Stimmen h&amp;ouml;rt, die aus einer Steckdose zu ihm sprechen. Oder was mit einem Menschen passiert ist, der seinen Bauch mit Salzheringen einreibt, um sich vor Atomstrahlung zu sch&amp;uuml;tzen. Ich begann zu begreifen, dass jeder von uns den Schizophrenen in sich tr&amp;auml;gt. Ein gespaltenes Bewusstsein kann zu furchtbarer Panik f&amp;uuml;hren, aber es kann auch &amp;auml;u&amp;szlig;erst produktiv werden. Nehmen Sie die Ent-Ichung in tiefer Meditation. Da gelangen Menschen in eine andere Realit&amp;auml;t. Der entscheidende Unterschied ist: Sie kennen den Weg zur&amp;uuml;ck. Wahn und Fantasie liegen eng beieinander. Ob die T&amp;uuml;r zum Wahn verschlossen bleibt oder aufgesto&amp;szlig;en wird, ist allein eine Frage des Gl&amp;uuml;cks.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Verstehen Sie Schizophrene?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Schizophrenie ist eine uneinf&amp;uuml;hlbare Krankheit. In kleinen Ans&amp;auml;tzen kann man sie erleben, wenn man LSD nimmt. Bei dieser Droge kommt es ebenfalls zu Raum- und Zeitverschiebungen und einer Depersonalisierung. Pl&amp;ouml;tzlich glaubt man, der rechte Fu&amp;szlig; geh&amp;ouml;re nicht zum eigenen K&amp;ouml;rper, und ger&amp;auml;t in Panik, sobald er sich bewegt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In Ihrem Psychiatrie-Roman &lt;em&gt;Raumlicht: Der Fall Evelyne B&lt;/em&gt;. schrieben Sie: &amp;raquo;Ich spielte mit &amp;hellip; der Rekrutierung eines Heeres von Schizophrenen, die losgelassen die unerkl&amp;auml;rlichsten und anarchistischsten Gewalttaten begehen w&amp;uuml;rden. Furchtbarste Racheakte direkt ins Auge der Widersacher.&amp;laquo; War das gegen Ihre Kollegen gerichtet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein wenig schon. Die Herren hielten Abstand zu ihren Patienten und wollten nicht begreifen, dass eine Psychose auch eine Wahrheit ist. Statt mit den Patienten zu reden, f&amp;uuml;hrten sie sie mit gr&amp;ouml;&amp;szlig;ter Selbstverst&amp;auml;ndlichkeit zum Schocken. Wenn die Stromst&amp;ouml;&amp;szlig;e in die K&amp;ouml;rper fuhren, zuckten sie so heftig, dass das Bett klapperte. Das Gesicht wurde blau, die Augen verdrehten sich, die Wangen krampften. Bei Patienten, die &amp;uuml;ber l&amp;auml;ngere Zeit geschockt wurden, trat eine allm&amp;auml;hliche Verbl&amp;ouml;dung ein. Man nannte das &amp;raquo;Zusammenschocken&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Von 1958 bis 1961 leiteten Sie in Afghanistan ein Krankenhaus, das von einer amerikanischen Baufirma finanziert wurde. Wie haben Sie das Land erlebt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Spital hatte 30 Betten und lag 80 Kilometer au&amp;szlig;erhalb von Kandahar in der W&amp;uuml;ste. Afghanistan war damals ein biblisches Land, in dem noch jeder Nagel einzeln geschmiedet wurde. Es gab einen K&amp;ouml;nig, und man lebte eher im Altertum als im Mittelalter. R&amp;auml;uber hingen an Stricken, Ehebrecher wurden geh&amp;auml;utet. Als der K&amp;ouml;nig das Verh&amp;uuml;llungsgebot lockerte, wagte es eine afghanische Lehrerin, unverschleiert durch den Basar zu gehen. Die M&amp;auml;nner packten sie und schnitten ihr die Nase ab. Nur die intellektuelle Oberschicht gab sich modern. Eines Abends gab es in Kandahar eine gro&amp;szlig;e Party. Die Frauen kamen in Kleidern, die sie f&amp;uuml;r westliche Abendgarderobe hielten. Eine hatte sich aus Unkenntnis ein Nachthemd gekauft, dessen Material ziemlich enth&amp;uuml;llend war. Es entstand eine furchtbare Verlegenheit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In einem Ihrer Romane hei&amp;szlig;t es &amp;uuml;ber Ihre Zeit in Afghanistan: &amp;raquo;In einem See von Blut und Schmerz, abgemagert vor Angst und d&amp;uuml;nn vor Verantwortung, war ich trotzdem auf seltsam ferne Art gl&amp;uuml;cklich.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es kamen 30, 40 Afghanen am Tag, und ich war der einzige Arzt. Ich schwebte von einem Tag in den anderen. Das habe ich als Gl&amp;uuml;ck empfunden. Ein Patient klagte &amp;uuml;ber jahrelange Bauchschmerzen. Er hatte einen Blasenstein, der gr&amp;ouml;&amp;szlig;er als ein Apfel war, eine schneewei&amp;szlig;e Kugel, die in 30 Jahren gewachsen war. Diese medizinische Abnormit&amp;auml;t ersten Ranges steht heute bei mir zu Hause in einem Glas. Eine Frau, die zu mir kam, hatte drei Monate nach Einsetzen der Wehen noch immer nicht entbunden. Statt 30 sah sie aus wie 70.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben elf B&amp;uuml;cher geschrieben, sind bei Kritikern hoch gesch&amp;auml;tzt, und &lt;em&gt;Robinsons blaues Haus &lt;/em&gt;wurde vergangenes Jahr f&amp;uuml;r den Deutschen Buchpreis nominiert. Trotzdem kennen die wenigsten Ihren Namen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das m&amp;uuml;ssen Sie mir nicht sagen. Ich brauche keine Schriftstellerkarriere, denn Ber&amp;uuml;hmtheit lohnt sich nicht. Dieses Strebertum, etwas werden zu wollen, ist mir fremd. Mir kommt zugute, dass ich sehr bed&amp;uuml;rfnislos bin. Das ist das Erbe des Krieges und meiner Jahre in der fr&amp;uuml;hen DDR.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Als Sie 1966 an der legend&amp;auml;ren Tagung der Gruppe 47 in Princeton teilnahmen, galten Sie f&amp;uuml;r einen kurzen Moment als die neue Hoffnung der deutschen Literatur. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bei den Lesungen herrschte eine allgemeine Unlust. Fast jeder Text wurde negativ beurteilt. Ich kam am dritten Tag vor der Mittagspause dran. Mein Text machte gro&amp;szlig;en Eindruck und wurde ungeheuer gelobt, selbst vom m&amp;uuml;rrischen Reich-Ranicki. In der Mittagspause kamen alle bei mir an, und ich hielt sozusagen Hof. Pl&amp;ouml;tzlich war ich die gro&amp;szlig;e Entdeckung. Es war fantastisch &amp;ndash; bis zwei Uhr nachmittags. Dann kam Peter Handke. Er las einen schlechten Text vor und wurde missmutig beurteilt. Aber statt dann von der B&amp;uuml;hne zu gehen, blieb er einfach sitzen und fing an, die Kritiker zu beschimpfen &amp;ndash; und zwar so gestochen, dass mir klar war, dass er das vorbereitet hatte. Er hatte riesigen Erfolg. Dieses Masochistische war genau das, was die Leute im Saal wollten. Zum ersten Mal kriegten sie von oben so richtig eins rein. Das war eindeutig was Neues &amp;ndash; und ich war nach drei Stunden Ruhm sofort wieder vergessen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sind Psychiater. Wie erkl&amp;auml;ren Sie Handkes Verhalten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Er ist ein klassischer Hysteriker. Der Hysteriker hat ein Hauptziel, und das ist, vom Publikum beachtet zu werden. Er w&amp;uuml;rde sich umbringen, nur um beachtet zu werden. Eine gelungene Hysterie endet eigentlich mit dem Tode, denn irgendwann gibt es nichts mehr, womit Sie sich noch in Szene setzen k&amp;ouml;nnen. Um wirklich erfolgreich zu werden, m&amp;uuml;ssen Sie hysterisch sein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;G&amp;uuml;nter Grass ist demnach auch ein Hysteriker?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Er ist die Ausnahme, die die Regel best&amp;auml;tigt. Grass ist einfach ein grobf&amp;auml;diger Mensch. Und das rettet ihn. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was ist mit Martin Walser?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Martin Walser ist noch nicht mal ein Hysteriker. Der ist einfach ein Spie&amp;szlig;er, ein wirklicher Bodenseespie&amp;szlig;er. Er h&amp;auml;lt zu viel von sich. Nat&amp;uuml;rlich hat er seine sprachliche Begabung, aber die Inhalte interessieren mich nicht. Au&amp;szlig;erdem hat er meine Frau mal wahnsinnig beleidigt. Das war eine Unversch&amp;auml;mtheit. Seitdem nehme ich kein Blatt mehr vor den Mund, wenn ich &amp;uuml;ber Walser rede.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Womit hat er Ihre Frau beleidigt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das geh&amp;ouml;rt nicht in ein Interview.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In Ihren Romanen blitzt immer wieder eine umwerfende Komik auf. Hilft Ihnen der Humor, den k&amp;ouml;rperlichen Verfall zu ertragen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ganz ernst kann ich es nicht nehmen, dass ich fast blind bin. Sonst m&amp;uuml;sste ich aus dem Fenster springen. Bei uns beginnen M&amp;auml;rchen mit dem Satz: &amp;raquo;Es war einmal&amp;hellip;&amp;laquo; Dagegen beginnen die M&amp;auml;rchen Asiens mit dem Satz: &amp;raquo;Es war und es war nicht&amp;hellip;&amp;laquo; Das entspricht meiner Wahrnehmung. Die Samurai hatten keine Angst, weil sie glaubten, sie seien bereits gestorben. Das ist der Trick. Mein Grundgef&amp;uuml;hl ist, in einer gro&amp;szlig;en Traumblase zu leben. Das Leben ist ein Traum in einem Traum. Wir befinden uns in einer Lebensschleife, Anfang und Ende sind dasselbe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist das der Trost, den sich ein 85-J&amp;auml;hriger gibt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich bin in dem Alter, wo man nun wirklich bald mal sterben wird, aber ich glaube nicht an einen Tod. Der Tod ist eine Suche, eine Reise zur Wiedergeburt. Ich lebe, aber ich glaube, dass ich gleichzeitig auch tot bin. Der Tod tr&amp;auml;umt sich sozusagen ein Leben. Er wird sich auch wieder ein neues Leben tr&amp;auml;umen. Das hat nichts mit Behauptung zu tun. Ich f&amp;uuml;hle es so und bin dar&amp;uuml;ber nicht ungl&amp;uuml;cklich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben also keine Angst vor dem Tod?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Man kann noch nicht mal sagen, dass ich Neugierde habe, obwohl es wahrscheinlich ein unglaubliches Erlebnis ist, was man haben wird. So ungeheuerlich, wie wenn man in diese Welt hineinkommt. Das haben wir blo&amp;szlig; vergessen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;ERNST AUGUSTIN&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er gilt, wie er selbst immer wieder gern erz&amp;auml;hlt, als &amp;raquo;ewiger Geheimtipp&amp;laquo; unter den deutschen Schriftstellern. Doch davon kann l&amp;auml;ngst keine Rede mehr sein: F&amp;uuml;r seine von Fantasie &amp;uuml;bersch&amp;auml;umenden Romane hat der 1927 geborene Ernst Augustin zahlreiche Literaturpreise erhalten und wurde im vergangenen Jahr f&amp;uuml;r den Deutschen Buchpreis nominiert. Bis 1985 arbeitete er als psychiatrischer Gutachter, nebenbei schrieb er von der Kritik hochgelobte Romane wie &amp;raquo;Raumlicht: Der Fall Evelyne B.&amp;laquo; (1976) und &amp;raquo;Die Schule der Nackten&amp;laquo; (2003).&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Ich schreibe mit der Hand, ohne zu sehen, was ich schreibe«</dc:subject>
    <dc:creator>Malte Herwig und Sven Michaelsen (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-06T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Seitenwechsel</title>
    <description>&lt;p&gt;Der Suhrkamp-Verlag verkauft jetzt Notizb&amp;uuml;cher im Design  seiner ber&amp;uuml;hmten Buchreihen - aber notiert man deshalb kl&amp;uuml;gere Gedanken?&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/57103.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Literarische Notizb&amp;uuml;cher kommen gew&amp;ouml;hnlich erst dann zum Vorschein, wenn die Dichter bereits tot sind. Die ber&amp;uuml;hmtesten unter ihnen werden nachtr&amp;auml;glich mit Ausstellungen geehrt, in denen ihre Schreibmaterialien und Arbeitsrituale zum Thema gemacht werden. Bei lebenden Autoren hingegen muss schon etwas Au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnliches vorfallen, damit sich der Blick einmal auf die verborgene Innenseite ihrer literarischen Produktion richtet &amp;ndash; so wie bei Martin Walser, der im letzten Herbst ein Tagebuch im Zug liegen lie&amp;szlig; und f&amp;uuml;r das in rotes Leinen gebundene Heft einen Finderlohn von 3000 Euro ausrufen lie&amp;szlig;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nach allem, was man &amp;uuml;ber die Notizhefte von Schriftstellern wei&amp;szlig;, lassen sich zwei Prinzipien des Gebrauchs ermitteln. Zum einen hat ihre Beschaffenheit entscheidenden Anteil am Charakter der entstehenden Texte, wie etwa bei Franz Kafka, der f&amp;uuml;r seine Romanfragmente gro&amp;szlig;e Quarthefte, f&amp;uuml;r die Tagebucheintragungen und die Kurzprosa aber das Oktavformat benutzte. Und zum anderen, als ein unumst&amp;ouml;&amp;szlig;liches Gesetz bei der Wahl des Schreibmaterials: Die Hefte m&amp;uuml;ssen so unscheinbar und gebr&amp;auml;uchlich wie m&amp;ouml;glich sein. Ob Peter Handkes winzige Spiralbl&amp;ouml;cke, Robert Gernhardts Brunnen-Schreibhefte oder Kafkas ordin&amp;auml;res Schulmaterial &amp;ndash; es scheint kaum einen Dichter zu geben, der sich bei der Wahl seiner Notizb&amp;uuml;cher Extravaganzen geleistet h&amp;auml;tte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gerade vor diesem Hintergrund erstaunt eine neue Produktlinie, die der Suhrkamp-Verlag seit Kurzem herausgibt: Blanko-Notizhefte im Design der ber&amp;uuml;hmten Taschenbuchreihen. Vor ein paar Monaten erschien bereits ein wei&amp;szlig;es Bibliothek-Suhrkamp-Notizbuch, Mitte M&amp;auml;rz kommt ein dunkelblaues Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft und im April ein hellgr&amp;uuml;ner Edition-Suhrkamp-Band hinzu. Welches Publikum will der Verlag mit diesen Notizheften erreichen? Kann man sich einen ambitionierten jungen Dichter denken, der seine Gedanken und Entw&amp;uuml;rfe tats&amp;auml;chlich in B&amp;uuml;cher eintr&amp;auml;gt, deren Umschl&amp;auml;ge ihn an die wichtigsten Tagebuchschreiber der vergangenen Jahrzehnte erinnern? Welch bleischweres Gewicht der literarischen Tradition, die jede Notiz sofort in Konkurrenz zu Benjamin, Hohl, Handke oder &lt;br /&gt; Goetz stellt! Oder sind die Hefte eher f&amp;uuml;r Studenten und ihre Lekt&amp;uuml;reeindr&amp;uuml;cke gedacht? Dann tr&amp;auml;te die merkw&amp;uuml;rdige Verdoppelung ein, dass das Exzerpierbuch und die exzerpierten B&amp;uuml;cher von au&amp;szlig;en genau gleich aussehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es bleibt ohnehin die Frage, ob Literatur wirklich dort entstehen kann, wo bereits das Arbeitsmaterial diese Behauptung vollmundig aufstellt. Die Suhrkamp-Reihe ist nicht die erste, die diesen Versuch unternimmt. Vermutlich geb&amp;uuml;hrt den Produzenten der schwarzen Moleskine-Notizb&amp;uuml;cher die Ehre, eine Schar von Dichterdarstellern herangezogen zu haben, deren Mangel an Inspiration von dem wohligen Gef&amp;uuml;hl wettgemacht wird, Teil des literarischen Kanons zu sein. Moleskine, so die Selbstbeschreibung, &amp;raquo;ist das Erbe des legend&amp;auml;ren Notizbuches von K&amp;uuml;nstlern und Intellektuellen der vergangenen zwei Jahrhunderte, von Ernest Hemingway bis Bruce Chatwin. Ein treuer Reisegef&amp;auml;hrte in der Tasche f&amp;uuml;r Skizzen, Notizen, Geschichten und Impressionen&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun also besteht auch f&amp;uuml;r jedermann die M&amp;ouml;glichkeit, sich als Erbe der legend&amp;auml;ren Suhrkamp-Kultur zu empfinden. Man sollte die Notizb&amp;uuml;cher allenfalls dazu verwenden, um seine t&amp;auml;glichen Einkaufslisten aufzuschreiben. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;(Foto: Ben Kuhlmann; Illustrationen: Dirk Schmidt)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Seitenwechsel</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Bernard</dc:creator>
    <dc:date>2013-03-04T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>Nachschlag</title>
    <description>&lt;p&gt;Kein Buch wurde dieses Jahr heftiger diskutiert als der      Sadomaso-Bestseller &lt;em&gt;Shades of Grey.&lt;/em&gt; Jetzt kommen die dreisten Kopien.      Eine &amp;Uuml;bersicht.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;</description>
    <dc:subject>Nachschlag</dc:subject>
    <dc:creator>Marlene Sørensen </dc:creator>
    <dc:date>2012-11-08T17:00:00+01:00</dc:date>
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    <title>»Ich wäre liebend gern ein Böser«</title>
    <description>&lt;p&gt;Peter Handke kann schon ziemlich schroff werden. Aber nur, wenn er sich in die Enge getrieben f&amp;uuml;hlt. Sonst ist er &amp;raquo;sch&amp;auml;ndlich vers&amp;ouml;hnlich&amp;laquo;, sagt er. Ein Gespr&amp;auml;ch &amp;uuml;ber Widerspr&amp;uuml;che.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52303.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin: Herr Handke, Sie waren 22, als Sie den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld kennenlernten. In den folgenden 35 Jahren f&amp;uuml;hrten Sie einen Briefwechsel mit ihm, der jetzt als Buch erscheint. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Treffen im September 1965?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;Peter Handke:&lt;/strong&gt; Ich bin ein Mensch, der furchtbar auf Einzelheiten abf&amp;auml;hrt. Ich wei&amp;szlig; ganz genau, dass er einen Furunkel auf der Nase hatte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Unseld fuhr eine Jaguar-Limousine mit dem Nummernschild F-SU 1 und trank Wei&amp;szlig;wein aus silbernen Bechern.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Entsetzlich. Das schmeckt &amp;uuml;berhaupt nicht. Ich habe es nicht erreicht, dass das nach seinem Tod ge&amp;auml;ndert wurde. Das war dann Piet&amp;auml;t oder was auch immer. Diese Becher stehen f&amp;uuml;r G&amp;auml;ste immer noch bedrohlich bereit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Unseld entstammte dem Kleinb&amp;uuml;rgermilieu. Kam Ihnen sein Nummernschild neureich vor?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ungeschickt eher. Siegfried, inzwischen darf ich ihn beim Vornamen nennen, war ein innerlich sehr scheuer Mensch, der eine eiserne Energie zeigen musste. Es war ein gro&amp;szlig;er Zwiespalt in ihm, den ich w&amp;uuml;rdigen konnte, als ich ihm n&amp;auml;her kam.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In der Villa Ihres Verlegers in der Frankfurter Klettenbergstra&amp;szlig;e hing ein Portr&amp;auml;t Unselds von Andy Warhol. Besuchern las er gern vor, was Warhol im November 1980 in sein Tagebuch notiert hatte: &amp;raquo;Traf Dr. Siegfried Unseld. Er ist der Verleger von Hermann Hesse und Goethe. Er sieht wirklich gut aus.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Er hat zeigen wollen, dass er angekommen ist, von einem Fluchtpunkt, der ganz weit weg war. Und jetzt steht er als Riese da. Alles um ihn musste das&amp;nbsp;Format des Riesigen haben. Das Warhol-Portr&amp;auml;t finde ich unertr&amp;auml;glich. Ich sage immer zu Ulla,  seiner Witwe und heutigen Verlags-Chefin, ich gehe nicht in die Klettenbergstra&amp;szlig;e, wenn ich diesen Warhol anschauen muss. Da braucht man ein Stillleben. Das w&amp;auml;re gut f&amp;uuml;r einen Verlag.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wird der Warhol abgeh&amp;auml;ngt, wenn Sie zu Besuch kommen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich schau da nicht hin und sage, wir gehen in einen anderen Raum.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;1981 kam es zum ersten gro&amp;szlig;en Krach mit Unseld, weil Sie ihm vorwarfen, mit Marcel Reich-Ranicki zu fraternisieren. Als Sie bei Ihrem Verleger einen Band mit Aufs&amp;auml;tzen des Kritikers entdeckten, schrieben Sie: &amp;raquo;Die Zeit der L&amp;uuml;gen muss ein Ende haben. Schon an jenem Tag, als ich am Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ckstisch in Frankfurt in dem Sammelwerk des &amp;uuml;belsten Monstrums, das die deutsche Literaturbetriebsgeschichte je durchkrochen hat, die Widmung an Dich, meinen Verleger, gelesen habe: &amp;rsaquo;In alter Verbundenheit&amp;lsaquo;, da h&amp;auml;tte ich die Pflicht vor mir und dem, was mir noch vorschwebt, gehabt, f&amp;uuml;r immer meine Arbeiten aus Deiner sogenannten Obhut zu nehmen. Unsere Wege trennen sich hiermit, unwiderruflich.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das war ein v&amp;ouml;llig sinnloser Amoklauf, aber er hat mich, so bl&amp;ouml;d dialektisch das klingt, auch befreit. Was Reich-Ranicki zu Langsame Heimkehr geschrieben hat, war nackter Vernichtungswille. Er wollte mich weghaben. Und am n&amp;auml;chsten Tag hat Siegfried Unseld ihn empfangen, ihn bewirtet. Ich f&amp;uuml;hlte mich verraten und musste einen Auslauf suchen aus mir. Da habe ich eben losgelegt. Ich bedaure das nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum haben Sie Ihre Ank&amp;uuml;ndigung, Suhrkamp zu verlassen, nie wahrgemacht? &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich habe ein paar Mal im Leben so Ewigkeitserkl&amp;auml;rungen gemacht, aber ich bin sch&amp;auml;ndlich vers&amp;ouml;hnlich. Ich w&amp;auml;re liebend gern ein B&amp;ouml;ser, aber es ist nicht der Fall.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach einem Krisengespr&amp;auml;ch mit Ihnen notierte Unseld: &amp;raquo;Er &amp;rsaquo;hasste&amp;lsaquo; meine &amp;rsaquo;verbr&amp;uuml;dernde, zersetzende, krebserregende&amp;lsaquo; Umarmung mit den Medienp&amp;auml;psten.&amp;laquo; War das so?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich habe damals nicht begriffen, dass er auch ein H&amp;auml;ndler und Kaufmann ist, eine Art Drehm&amp;auml;nnchen. Wie eine Karussellfigur musste er zu allem, was im Umkreis passierte, ein gutes Gesicht machen, oder zumindest ein kommunikatives.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sollen Unseld gezwungen haben, das von Reich-Ranicki signierte Buch vor Ihren Augen in den Papierkorb zu werfen. &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Jetzt wollen Sie auf dem Thema Reich-Ranicki drei Stunden herumgaloppieren, oder?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;1994 sagten Sie: &amp;raquo;Nie werde ich Reich-Ranicki auch nur das Kleinste verzeihen k&amp;ouml;nnen.&amp;laquo; Sind Sie heute milder gestimmt?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Wollen wir den jetzt seinen Lebensabend ruhig verbringen lassen? 15 Jahre meines Lebens hat mich das wirklich besch&amp;auml;ftigt. Auch Martin Walser war ja fast krank, besessen. Da bin ich noch ein harmloser Fall.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Reich-Ranicki hat in letzter Zeit versucht sich mit einigen Autoren zu vers&amp;ouml;hnen.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich habe es geh&amp;ouml;rt. Sogar mit Ulla Berk&amp;eacute;wicz. Die hat mir erz&amp;auml;hlt, er kam eines Tages in ihr Vorzimmer angekeucht, mit letzter Kraft, unangemeldet. Und dann sa&amp;szlig;en die einander gegen&amp;uuml;ber. Der eine hat gekeucht, die andere wahrscheinlich milde gel&amp;auml;chelt. Ich habe keine Lust, mir das vorzustellen. Es ist eine allgemeine Weltbewegung in dem armen alten Mann, was auch immer Vers&amp;ouml;hnen ist. Aber haben wir nicht andere Probleme? Er ist &amp;uuml;berhaupt kein Problem mehr f&amp;uuml;r mich. Es ist nichts zu vers&amp;ouml;hnen. Es ist vorbei. Ich bin der, der dies gemacht hat, und er ist der, der das zusammengeschustert hat. Ich glaube, das ist unsterblich, wie ich es in der Lehre der Sainte-Victoire geschrieben habe: Ein paar getrocknete Haufen liegen herum von dem Hund. Das wurde mir &amp;uuml;bel genommen als Antisemitismus, aber da konnte ich auch nur staunen dr&amp;uuml;ber. Er lebe in Frieden. Ich sage das ganz ernsthaft.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach einem Ihrer Wutbriefe schrieb Ihnen Unseld 1993: &amp;raquo;Lieber Peter, ab und an h&amp;auml;tte ich nicht &amp;uuml;bel Lust, dem einen oder anderen Autor einen Brief zu schreiben, derart, wie Du ihn mir geschrieben hast. Aber im Autor/Verleger-St&amp;uuml;ck braucht es ja wohl unbedingt das umgekehrte Rollenspiel, in dem es fettgedrucktes Gesetz ist, ausschlie&amp;szlig;lich nach Verletzung und Wahrheit des einen Protagonisten zu fragen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Dieses lateinische Periodensystem klingt so, als ob ein Ghostwriter ihm das geschrieben h&amp;auml;tte, vielleicht ein Lektor. Wenn er wusste, dass das nicht publiziert wird, konnte er auch unendlich verletzend sein. Das Manuskript von &lt;em&gt;Mein Jahr in der Niemandsbucht&lt;/em&gt; habe ich mit &amp;auml;u&amp;szlig;erster Sorgfalt mit Bleistift geschrieben. Da hat er mir eines Abends im Schlosshotel in Kronberg wirklich gesagt, das ist kein ablieferungsf&amp;auml;higes Manuskript, wenn es mit der Hand geschrieben ist. Da bin ich durchgedreht. Gehen Sie nach Kronberg ins Schlosshotel. Vielleicht ist das noch in der Luft, wie ich da gebr&amp;uuml;llt habe. Viele meiner Wutausbr&amp;uuml;che, es waren 63 im Laufe meiner Jahre, wenn nicht mehr, bedaure ich, aber dass ich da&amp;nbsp;losraketisiert habe, bedaure ich nicht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Ich bin auf keinen Fall ein Terrorist&amp;laquo;&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52311.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Als Unseld auf Ihre 530 handgeschriebenen Seiten nach drei Wochen immer noch nicht reagiert hatte, packte Sie abermals die Wut.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich war verw&amp;ouml;hnt. Er hatte immer sehr rasch reagiert. Deshalb war ich ver&amp;auml;ngstigt, dass ich einen Schei&amp;szlig; getrieben habe mit &lt;em&gt;Mein Jahr in der Niemandsbucht&lt;/em&gt;. Ich hatte noch nie so eine lange Geschichte geschrieben. Er h&amp;auml;tte mir doch irgendein Zeichen geben k&amp;ouml;nnen &amp;ndash; Bin auf Seite 143 &amp;ndash; aber es kam &amp;uuml;berhaupt nichts.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In seiner &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Sagen Sie mal was Nettes zu mir. Sie bl&amp;auml;ttern da wie Untersuchungsrichter in Ihren Aufzeichnungen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In seiner Verlags-Chronik bezeichnet Unseld Sie einmal als &amp;raquo;z&amp;auml;rtlichen Terroristen&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das ist ein Oxymoron, ein seltsames. Ich bin auf keinen Fall ein Terrorist, und z&amp;auml;rtlich bin ich h&amp;ouml;chstens zu Kindern. Zart ist was Sch&amp;ouml;nes, aber mit diesem z&amp;auml;rtlich k&amp;ouml;nnen Sie mich jagen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Einmal machten Unseld, Martin Walser, Rudolf Augstein und der Kritiker Reinhard Baumgart gemeinsam Urlaub auf Sylt. Der Walser-Biograf J&amp;ouml;rg Magenau schreibt &amp;uuml;ber diese Zusammenkunft: &amp;raquo;Als Unseld, auf Wasserskiern hinter Augsteins Boot geseilt, versuchte, sich auf die Wasseroberfl&amp;auml;che hochzuarbeiten, das nicht schaffte, aber auch nicht aufgeben wollte und angestrengt weiterk&amp;auml;mpfte, sagte Walser, der diesen Kampf vom Strand aus beobachtete, zu Baumgart: &amp;rsaquo;Da schau, deswegen ist er mein Verleger.&amp;lsaquo;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das ist auf Fabel getrimmt. Ich bin auf Siegfried Unseld angesprungen, als ich mit meiner kleinen Tochter in Kronberg gelebt habe. Er kam am Abend oft vorbei und hat mich nur schweigend angeschaut. Da habe ich gesehen, was er f&amp;uuml;r warme, leuchtend sch&amp;ouml;ne Augen hat. Da habe ich Vertrauen gehabt. Ich bin ja kein kommunikativer Mensch. Das ist ja absurd f&amp;uuml;r einen Schreiber, dass er offen sein muss.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Unseld schrieb Ihnen, Sie seien &amp;raquo;der wichtigste Autor&amp;laquo; seines Verlags. Glaubten Sie ihm das?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein. Mir selber h&amp;auml;tte ich es schon geglaubt, aber ihm nicht. Ich wusste, das ist Programmmusik. Ich bin schon eitel, aber meine Eitelkeit ist so verborgen, dass die nur zu unheiligen Zeiten herauskommt. Das ist die schlimmste Eitelkeit. Die wirklich eitlen Menschen wissen nicht, dass sie eitel sind. Deswegen sind sie so angenehm, so harmlos.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Leiden Sie unter Ihrer Eitelkeit?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja. Ich bin nat&amp;uuml;rlich dagegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie &amp;auml;u&amp;szlig;ert sich das?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Dass ich zu mir selber sage, mit Recht, ich bin ein Arschloch. Ich habe kein Recht, das und das von mir zu denken, also mich selber zu erh&amp;ouml;hen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie sagten mal: &amp;raquo;In mir ist von Kind an eine seltsame Bereitschaft zur Entzweiung. Es gibt keinen, den ich nicht in zehn Minuten bis an sein Lebensende gedem&amp;uuml;tigt h&amp;auml;tte.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das wird mir jetzt dauernd um die Ohren gehauen, aber ja, das war schon so. Dass ich manchmal so schroff werde, kommt aus einem inneren Stolz, den ich normal im Leben nicht zeige. Aber wenn ich aufs Spiel gesetzt werde, dann werde ich etwas anderes, als ich allt&amp;auml;glich bin. Dann verk&amp;ouml;rpere ich die Rolle, die ich bin: der Schriftsteller. Und ihr habt euch gef&amp;auml;lligst daran zu halten. Da kriege ich fast biblische Zust&amp;auml;nde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Dem FAZ-Journalisten Jochen Hieber sollen Sie einen Faustschlag versetzt haben.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Eine Ohrfeige war das. Ich wollte ihn mir vom Leibe halten. Es war ein Festabend, und er hat sich extra hinter mich gesetzt und mir dauernd Sticheleien ins Ohr gezischelt. Irgendwann habe ich mich umgedreht und ihm eine runtergehauen. Und dann hat er geweint und gesagt, er w&amp;uuml;rde mich doch so lieben. Der Richter w&amp;uuml;rde sagen, das war h&amp;ouml;here Gewalt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist Hieber der einzige Kollege von uns, den Sie geohrfeigt haben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ja. Das gen&amp;uuml;gt doch. Pars pro totis.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach einem Treffen mit Thomas Bernhard und Ihnen notierte Unseld: &amp;raquo;Das &amp;Uuml;berraschendste: Thomas Bernhard und Peter Handke, die ja nicht nur von der &amp;ouml;sterreichischen Umwelt immer mehr polarisiert werden, fanden Gefallen aneinander.&amp;laquo; Richtig?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Als ich jung war, habe ich Thomas Bernhard wirklich verehrt. Als ich Frost gelesen habe, dachte ich: Wenn ein &amp;Ouml;sterreicher so w&amp;uuml;st und kr&amp;auml;ftig und zugleich mit genauen Umrissen schreiben kann, kann man sich einfach freuen, in dem Land zu sein. Ich wollte ihn aber nicht besuchen. Unseld hat mich mitgeschleppt, und aus meiner schw&amp;auml;chlichen H&amp;ouml;flichkeit bin ich mitgegangen. Ich bin nicht einmal neugierig, und ich besuche auch gar nicht gern Schriftsteller, au&amp;szlig;er es geht um Fu&amp;szlig;ball oder man schaut in die Landschaft. Bernhard war ein reizbarer Mensch. Man hat unter dieser doch fast umg&amp;auml;nglichen Oberfl&amp;auml;che gesp&amp;uuml;rt, er k&amp;ouml;nnte denken: Was tue ich mit denen? Mir geht es genauso.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wann begann die Entfremdung zwischen Ihnen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Es geht nicht, wenn das, was der andere macht, nicht mehr dem eigenen Fernziel entspricht. Irgendwann haben wir gesp&amp;uuml;rt, dass wir nichts mehr miteinander zu schaffen haben, im Wortsinn. Ich habe mir gew&amp;uuml;nscht, so etwas lesen zu k&amp;ouml;nnen wie die Ausl&amp;ouml;schung. Ich bin sogar mit diesem dicken Buch fast demonstrativ durch Salzburg gegangen und habe das im Gehen gelesen, damit die Leute sehen, dass ich Thomas Bernhard lese. Aber dann kam ich an eine Stelle, wo Ingeborg Bachmann verwandelt vorkam in einem Traum, fast 30 Seiten lang. Das war ein derartiger Kitsch. Da war mein Demonstrationswille nicht mehr vorhanden. Es tut mir leid, nicht f&amp;uuml;r mich, sondern f&amp;uuml;r das Werk von Thomas Bernhard.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Unseld starb nach langer Krankheit im Oktober 2002. Wie verlief Ihre letzte Begegnung?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Als er krank war, kam ich in die Klettenbergstra&amp;szlig;e zu Besuch. Er hat sehr langsam gesprochen, aber die W&amp;ouml;rter wurden schon noch Worte. Er machte sich auf eine sanfte Weise &amp;uuml;ber sich und alles lustig. Ich fand das vorbildlich. Es gab Pflegerinnen, die ihn betreut haben. Eine war aus Bosnien. Er hat mich ihr vorgestellt: Das ist der Peter Handke. Sie m&amp;uuml;ssen wissen, der hat viel Erfolg bei Frauen. Dabei hat er mir zugezwinkert. Das war das Letzte, was ich in Erinnerung habe. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Denken Sie oft an ihn?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Siegfried Unseld, meine Mutter und Nicolas Born sind die drei Menschen, die mir nach ihrem Tod erschienen sind. Das ist etwas mystisch, aber das waren keine Tr&amp;auml;ume. Ich habe gedacht, die sind jetzt da und schauen mich an, ein Durch- und Durchgehen, wie wenn einer mit einem Schneidbrenner einem durch die Seele f&amp;auml;hrt. Alle drei hatten was Ermahnendes an sich, als ob man sich in einer gewaltigen Kathedrale bef&amp;auml;nde, und ich w&amp;uuml;rde von ihnen stumm mit den Augen zurechtgewiesen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wenn Sie bei Veranstaltungen auftreten, f&amp;uuml;hlen sich die Menschen von Ihnen eingesch&amp;uuml;chtert.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Hoffentlich!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und werden linkisch.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Dabei bin ich der Linkischste von allen. Wenn ich genug Selbstironie habe, kann ich &amp;ouml;ffentlich sein, aber das passt dann nicht zur &amp;Ouml;ffentlichkeit. Es ist ein Widerspruch, wenn die &amp;ouml;ffentliche Person sich selber &amp;uuml;ber ihre &amp;Ouml;ffentlichkeit lustig macht. Morgen zum Beispiel bin ich eingeladen beim &amp;ouml;sterreichischen Bundespr&amp;auml;sidenten. Da werden Kameras sein, und ein Schauspieler und ein Kind werden was von mir vorlesen. Ich bin jetzt schon bedr&amp;uuml;ckt, weil ich nicht wei&amp;szlig;, wie ich das spielen soll. Ich bin ein ganz guter Spieler, wenn ich mit mir allein bin, sonst kommt man ja nicht durch den Tag. Aber mit anderen in der &amp;Ouml;ffentlichkeit bin ich ein Falschspieler.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was werden Sie Ihrem Bundespr&amp;auml;sidenten sagen, wenn er Sie fragt, wann Sie endlich nach &amp;Ouml;sterreich heimkommen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das hat er sch&amp;ouml;n &amp;ouml;fter gefragt. Wenn er mir das Jagdschloss schenkt, das ihm als Sommerresidenz zusteht, w&amp;uuml;rde ich schon hingehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Geht&amp;rsquo;s auch drunter?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das Jagdschloss liegt ziemlich hoch in den Bergen. Da ginge auch noch was drunter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Die scheu&amp;szlig;lichsten W&amp;ouml;rter der Bundesrepublik kommen von Journalisten.&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52309.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;Sie leben seit 22 Jahren in Chaville bei Paris &amp;hellip;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&amp;hellip; seit 22 Jahren, sechs Monaten und 13 Tagen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kriegt Sie noch jemand hier weg?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich m&amp;ouml;chte nicht, dass irgend so ein Steuerberater oder Journalist in meinem Haus wohnt. Sonst w&amp;uuml;rde ich vielleicht weggehen.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben zwei erwachsene T&amp;ouml;chter, die Ihnen vermutlich nahelegen, endlich das Schreiben von E-Mails zu erlernen. Wann knicken Sie ein?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Wenn Sie das Wort einknicken noch mal verwenden, stelle ich Sie hinaus in den Regen. Einknicken, sich hinauslehnen, verschnarcht: Die scheu&amp;szlig;lichsten W&amp;ouml;rter der Bundesrepublik kommen von Journalisten.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie sind seit vielen Jahren mit dem Verleger Hubert Burda befreundet. Will er Ihnen E-Mails schreiben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Hubert Burda kann selber keine E-Mails schreiben. Der kann nicht einmal SMS schreiben. Das darf man ihm nicht &amp;uuml;bel nehmen. Das machen ja die anderen f&amp;uuml;r ihn.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hubert Burda ist Leiter einer allj&amp;auml;hrlichen Konferenz &amp;uuml;ber digitales Leben.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Diesen Widerspruch k&amp;ouml;nnen Sie ruhig durchgehen lassen. Das gibt Vertrauen, f&amp;uuml;r mich jedenfalls. Ich habe SMS erst dadurch gelernt, dass meine Tochter Leocadie ein Jahr in Berlin war. Das ist eine ganz andere Art sich auszudr&amp;uuml;cken. Ich meine nicht die Floskeln und die K&amp;uuml;rzel. Man muss anders denken. Es tut mir gut, diese SMS zu schreiben und mich zur Lakonie zu verj&amp;uuml;ngen. Ich fange sachlich an, aber ohne dass ich es will, kommt ein Bild dazu und ein Gef&amp;uuml;hl, was man halt Poesie nennt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie ein iPhone?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Was ist denn das? Ich wei&amp;szlig; nicht, was ich habe, so ein ganz zerkratztes. 264 Nachrichten habe ich geschickt im letzten Jahr, gut, nicht? Ich bin nicht sehr ge&amp;uuml;bt und kann nur staunen, wie die Leute in der Metro tupfen k&amp;ouml;nnen mit den Buchstaben. Wie die Derwische sind die mit den Fingern. Ich haue nach drei Buchstaben immer daneben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was macht ein Peter Handke aus 160 Zeichen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;(holt ein altes Nokia-Handy) Das habe ich zuletzt &amp;ndash; wie sagt man da?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gesimst.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Also gesimst: &amp;raquo;Seit Langem kein Wort von Dir. Sogar im Hause nehme ich jetzt zwei Stufen auf einmal und denke an Dich.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Liest Leocadie Ihre B&amp;uuml;cher?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das wei&amp;szlig; ich nicht. Ich w&amp;uuml;rde es schon wissen wollen, aber nur, wenn sie es erz&amp;auml;hlt. Ich scheue mich, sie zu fragen, und sie scheut sich auch. Das ist doch das Sch&amp;ouml;nste, die menschliche Scheu.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach einem Treffen mit Samuel Beckett sagten Sie: &amp;raquo;Da waren so richtige B&amp;uuml;cklingsmenschen um ihn herum, und ich dachte: Um Gottes willen, nur nicht so enden, dass mit 70 jeden Tag drei Universit&amp;auml;tsassistenten mich umlungern!&amp;laquo; Geht es Ihnen heute &amp;auml;hnlich?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Dieses Problem habe ich mir gr&amp;ouml;&amp;szlig;er vorgestellt. Leider umlungert mich niemand mehr. Manchmal kriege ich Abschlussarbeiten zugeschickt von Studenten. So was lese ich auch immer gerne. Das sind sch&amp;ouml;ne Lebensrufzeichen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie werden am 6. Dezember 70. Wird man sich selber im Alter mehr und mehr zur Farce?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Manchmal habe ich eine Zuversicht, es k&amp;ouml;nnten mir noch die Augen und Ohren nicht nur im Katastrophensinn aufgehen. Aber heute sind alle Filme, alle Zeitungen, alle dritten Seiten, alle siebten Seiten voll mit Geschichten &amp;uuml;ber das Siechtum des Alters. Das Wort dement kann ich schon nicht mehr h&amp;ouml;ren. Das sollte man einfach streichen. Oder inkontinent. Statt Kontinent liest man viel &amp;ouml;fter inkontinent. Statt Grenzen liest man nur von grenzenlosem Schei&amp;szlig;en. Der Sog ist schon stark. Sie entkommen dem Grauenmachen nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Beckett ist am Ende seines Lebens ins Altersheim gegangen.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich wei&amp;szlig;. Ich denke oft an ihn. Es kommt aufs Heim an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben &amp;Ouml;sterreich mal als gro&amp;szlig;es Altersheim bezeichnet.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein, nein, nein. Das war ein anderer Dichter. Ich bin Patriot.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gibt es, au&amp;szlig;er Seniorenerm&amp;auml;&amp;szlig;igungen, Vorteile des Altseins?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich hoffe, nein, ich bestehe drauf! Ich habe beschlossen, dass es mit mir nicht so wird wie auf Seite drei. Max Beckmann, der ja sehr herzkrank war und wusste, dass er relativ fr&amp;uuml;h sterben wird, hat mal gesagt: Ich beschlie&amp;szlig;e, mit h&amp;ouml;chster Energie mein Leben zu Ende zu leben. Energie hei&amp;szlig;t ja nicht, dass man das mit Geschrei oder mit Muskeln macht. Das kann auch eine sehr sanfte, sehr weitherzige Arbeitsenergie sein. Was man nicht schafft: dass das Herz immer weiter wird.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie alt sind Sie auf Ihrem inneren Passfoto?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ist das ein neuer Ausdruck im Feuilleton? Fr&amp;uuml;her habe ich noch Automatenfotos gemacht, aber schon lange bin ich nicht mehr im Stand der Gnade, dass ich &lt;br /&gt; ein Automatenfoto von mir anschauen will. Ich w&amp;auml;re gern schwerer, nicht k&amp;ouml;rperlich. Ich w&amp;uuml;nsche mir, die Schwere meiner Jahre zu verk&amp;ouml;rpern. Irgendwie bewege ich mich noch zu jung, finde ich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Max Frisch sagte mit 70: &amp;raquo;Man ist im Alter ungeheuer bedroht von Langeweile, Langeweile vor sich selbst.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Es langweilt mich schon, dass man sich immer dieselben Spr&amp;uuml;che macht. Langeweile ist etwas Furchtbares, eine Krankheit. Man trifft einen Menschen, den man nicht kennt, und nach zwei S&amp;auml;tzen denkt man: Das kenne ich doch schon, diese Figur habe ich schon tausendmal erlebt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Helfen Frauen gegen Langeweile?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Auch kein entscheidender Unterschied. Sie sind in der Regel ein bisschen weniger langweilig als M&amp;auml;nner, weil sie gef&amp;auml;hrlicher sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und einen auf Trab halten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Trab ist nicht das Wort. Wir sind nicht auf der Trabrennbahn.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Frau Sophie Semin lebt in Paris, Sie in Chaville. Wie ist Ihr Verh&amp;auml;ltnis?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Worum geht es denn jetzt pl&amp;ouml;tzlich? Jetzt ist es aber genug!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben sich ein Fahrrad gekauft.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Yes, Sir. Nach dem Tun habe ich ein Bed&amp;uuml;rfnis, aus der Beengung herauszukommen und an Theken herumzustehen. Fernsehen mag ich dann nicht, aber an der Bar zu stehen ist wirklich im Wortsinn eine L&amp;ouml;sung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Einen F&amp;uuml;hrerschein haben Sie immer noch nicht?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Haben Sie keine anderen Probleme mir nahezubringen? Mit Gottes Gnaden gehe ich immer noch mit Freuden zu Fu&amp;szlig;. Vor zwei Tagen bin ich 30 Kilometer quer durchs Land gegangen. Das ist manchmal ein bisschen langweilig, aber es ist eine Existenzform, mit Betonung auf Form.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie l&amp;auml;nge h&amp;auml;lt bei Ihnen ein Paar Stiefel?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das sind keine Stiefel. Es sind hohe Schn&amp;uuml;rschuhe. Die habe ich &amp;uuml;ber 20 Jahre. John Lobb. Sie kennen die Marke, oder?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;K&amp;ouml;nnen Sie sich vorstellen, dass Menschen in hundert Jahren Peter Handke lesen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;An dieser Stelle m&amp;uuml;ssen Sie im Interview in Klammern einf&amp;uuml;gen: zieht bel&amp;auml;mmert die Augenbrauen hoch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist das Leben eines Schriftstellers wie ein umgekehrter faustischer Pakt: Man will Unsterblichkeit erlangen und zahlt daf&amp;uuml;r den Preis eines miesen Lebens?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nachwelt gibt mir nichts. Manchmal denke ich, das und das von mir kann nicht vergehen, aber das ist Vanitas vanitatum. Dieses Barockgef&amp;uuml;hl habe ich zunehmend im Alter. Das ist alles nicht sinnlos, aber alles ist eitel Tand. Und trotzdem, in dem Moment, wo man ein Gef&amp;uuml;hl episch schweben l&amp;auml;sst, denkt man, jetzt bin ich ein bisschen gesch&amp;uuml;tzt vor der Verg&amp;auml;nglichkeit. Das ist dann nicht gerade wie beim Film f&amp;uuml;nf Minuten danach wieder vorbei, aber tags darauf ist es wieder fl&amp;ouml;ten gegangen. Kinder f&amp;uuml;hren weiter, immer noch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Mein Grabspruch ist: Bin hinten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Muss es nicht hei&amp;szlig;en: Bin unten?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein. So wie man bei jemandem an die Haust&amp;uuml;r kommt, der im Garten arbeitet und ein Schild an die T&amp;uuml;r geh&amp;auml;ngt hat: Bin hinten. Sie sind Materialisten, und ich bin ein Tr&amp;auml;umer. Die Tr&amp;auml;umer sind hinten, die Materialisten unten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Ich wäre liebend gern ein Böser«</dc:subject>
    <dc:creator>Malte Herwig und Sven Michaelsen (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-22T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

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    <title>Die Traumindustrie</title>
    <description>&lt;p&gt;Der englische Verlag Mills &amp;amp; Boon produziert die erfolgreichsten      Liebesromane der Welt &amp;ndash; und entwirft seit 100 Jahren ein merkw&amp;uuml;rdig devotes Bild von weiblicher Sehnsucht.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es geht immer gleich los, manchmal schon auf der ersten Seite. Ohne langes Vorgepl&amp;auml;nkel ist der Ritter da. Bewahrt eine Unbekannte vor dem Ertrinken im wilden Ozean, befreit sie aus einer peinlichen Situation auf einer Cocktailparty, saugt in letzter Sekunde Schlangengift aus einem blassen Schenkel. Und sehr bald schon wird gehechelt und gekeucht, gezittert und gebebt. Oft alles gleichzeitig. Immer lodert irgendwo ein Kamin, in einer Suite, auf einer Yacht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Sie: Porzellanteint, seidiges Haar, sehr schlank. Er: sehr muskul&amp;ouml;s, mit kantigem Kinn und ausgepr&amp;auml;gten Wangenknochen, je nach Profession kommt ein Dreitagebart dazu. Er ist Pilot, Scheich, W&amp;uuml;stenarzt, lenkt Staaten und Unternehmen, ein einsamer Wolf, die Schl&amp;auml;fen leicht grau. Die Rede ist vom Mills-&amp;amp;-Boon- Mann, im Folgenden MBM. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mills &amp;amp; Boon ist ein britischer Verlag, gegr&amp;uuml;ndet im Jahr 1908, der zun&amp;auml;chst alles M&amp;ouml;gliche produzierte, vom Krimi bis zum Reiseroman. Bis die Gr&amp;uuml;nder in den Drei&amp;szlig;igerjahren merkten, das, womit sie richtig Geld verdienten, waren die unerf&amp;uuml;llten Fantasien ihrer Leserinnen. Darauf setzten sie fortan ausschlie&amp;szlig;lich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Der MBM ist einer, der wei&amp;szlig;, wo es langgeht, und zwar immer. Hindernisse? R&amp;auml;umt er zur Seite. Er fragt nicht, er nimmt. Im Konferenzsaal wie in der Liebe. Ein Blick zur Sonne, und er kennt die Uhrzeit, die Himmelsrichtung sowieso. Er ist gro&amp;szlig;, fast immer dunkelhaarig. Mit Millionen auf dem Konto, besser Milliarden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; MBM sind M&amp;auml;nner, die normales physisches Funktionieren au&amp;szlig;er Kraft setzen. Die Frauen, denen sie begegnen, kriegen oft schon beim ersten Anblick weiche Knie, japsen nach Luft, das Hirn ein einziger Wattebausch. Wie man halt so reagiert angesichts einer Naturgewalt. Der MBM ist sich seiner Wirkung nat&amp;uuml;rlich bewusst und l&amp;auml;chelt am&amp;uuml;siert und siegesgewiss. Meistens aber ist er br&amp;uuml;sk und arrogant. Er ist der Mann, an dem man im normalen Leben verzweifelt und von dem einen jede gute Freundin fernh&amp;auml;lt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Oft tr&amp;auml;gt der MBM ein Geheimnis in sich, wurde fr&amp;uuml;h von der Mutter weggegeben oder wuchs in gro&amp;szlig;er Armut auf, aber das wei&amp;szlig; niemand. Bis irgendwann, und nat&amp;uuml;rlich nur im Roman, sie kommt: die einzig Richtige, die Auserw&amp;auml;hlte. Der es endlich gelingt, seine harte Schale zu durchbrechen, ihn aus der Einsamkeit zu erl&amp;ouml;sen, ihn zu z&amp;auml;hmen. Nur ihr zeigt er sein wahres Gesicht, macht sich auch mal klein, gibt zu, dass er immer nur Angst hatte, sein Herz zu &amp;ouml;ffnen. Zwischen der ersten und der letzten Seite eines Mills-&amp;amp;-Boon-Dramas liegen viele H&amp;uuml;rden und Missverst&amp;auml;ndnisse, aber verl&amp;auml;sslich steht am Schluss das Happy End. Die Liebe f&amp;uuml;r immer, Schw&amp;uuml;re im Mondschein, gottgleiche Nachkommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Gef&amp;uuml;hrt wird die Traumfabrik aus einem schmucklosen B&amp;uuml;rogeb&amp;auml;ude in Richmond, einem Vorort von London. Es ist ein Bau, der von au&amp;szlig;en nach Arbeitsamt aussieht, so gar nicht nach Sehnsuchtsquelle. Immerhin steht er am passenden Ort: der Paradise Road. Mills &amp;amp; Boon ist so englisch wie Scones und Pimm&amp;rsquo;s. Der Name ist jedem Briten ein Begriff, im &lt;em&gt;Oxford English Dictionary&lt;/em&gt; steht er als Synonym f&amp;uuml;r popul&amp;auml;re Liebesromane. Es ist ein Name, der nicht nur f&amp;uuml;r ein h&amp;ouml;chst profitables Unternehmen steht, sondern f&amp;uuml;r Millionen Seufzer auf Sofas, in Badewannen, in U-Bahnen. Ein oder zwei B&amp;uuml;cher sind an einem Abend gut zu schaffen. Dann kommt der Ehemann aus dem Pub zur&amp;uuml;ck.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Als die BBC im Jahr 1982 ihr 60-j&amp;auml;hriges Bestehen feierte, wurde mit geb&amp;uuml;hrendem Ernst eine Zeitkapsel vergraben, die 2000 Jahre sp&amp;auml;ter ge&amp;ouml;ffnet werden soll. Unter den ausgew&amp;auml;hlten Kulturg&amp;uuml;tern, die die Nachwelt finden wird: ein Mills-&amp;amp;-Boon-Roman.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Man mag das f&amp;uuml;r absurd halten &amp;ndash; aber angesichts der Verkaufszahlen ist es nur passend: Mills &amp;amp; Boon ist n&amp;auml;mlich eine Gelddruckmaschine, besonders seit der Verlag 1971 vom kanadischen Romantik-Unternehmen Harlequin gekauft wurde, das bereits im Begriff war, den nordamerikanischen Buchmarkt zu erobern. Gemeinsam nahm man sich nun die Welt vor: Mitte der Achtzigerjahre verkauften sie 250 Millionen B&amp;uuml;cher, heute sind es j&amp;auml;hrlich noch 130 Millionen. &amp;Uuml;bersetzt in 26 Sprachen, erh&amp;auml;ltlich in &amp;uuml;ber &lt;br /&gt; hundert L&amp;auml;ndern. Warum sich die Verkaufszahlen, auch wenn sie immer noch beachtlich sind, fast halbiert haben, beantwortet niemand bei Mills &amp;amp; Boon in London. So wie sie auch auf alle anderen Fragen, die man durchaus noch gehabt h&amp;auml;tte, beharrlich nicht reagieren, sondern auf ihre Internetseiten verweisen.   &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Vom Geschichtsroman bis zu Pornos&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/52201.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Nun gut. Allein in Gro&amp;szlig;britannien geht alle paar Sekunden ein Mills-&amp;amp;-Boon-Roman &amp;uuml;ber den Ladentisch. Seit es E-Books gibt, m&amp;uuml;ssen sie auch nicht mehr ganz hinten im Schrank versteckt werden. Die B&amp;uuml;cher haben eine kurze Lebensdauer &amp;ndash; wenn sie nach drei Monaten nicht verkauft sind, l&amp;auml;sst der Verlag sie schreddern. Jeden Monat kommen siebzig neue Titel nach.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; In Deutschland, &amp;Ouml;sterreich und der Schweiz werden die &amp;uuml;bersetzten Schm&amp;ouml;ker seit 35 Jahren &amp;uuml;ber eine Tochter vertrieben, den Hamburger Cora-Verlag. Als Taschenb&amp;uuml;cher und besonders als preisg&amp;uuml;nstige Minidramen in Heftreihen wie &amp;raquo;Julia&amp;laquo; oder &amp;raquo;Bianca&amp;laquo;, die nur im Zeitschriftenhandel verkauft werden. J&amp;auml;hrliche Gesamtauflage dieser Kiosk-Romane, bei denen Cora mit 94 Prozent Marktanteil unangefochtener Platzhirsch ist: 15 Millionen. 1989, als die Mauer fiel, standen die cleveren Gesch&amp;auml;ftsleute von Harlequin Mills &amp;amp; Boon parat &amp;ndash; sie verteilten mehr als 700 000 Romane an potenzielle Fans aus Ost-Berlin.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;Uuml;ber 1200 Autoren aus aller Welt schreiben f&amp;uuml;r die Sehnsuchts-Produzenten, eine Gro&amp;szlig;zahl unter Pseudonym. Manche verfassen viele Dutzend Geschichten, eine vor Kurzem verstorbene Britin brachte es auf 130. Diese Vielschreiber haben nat&amp;uuml;rlich eine treue Fangemeinde, die meisten Autorennamen aber sind nebens&amp;auml;chlich, Leserinnen kaufen die Marke Mills &amp;amp; Boon &amp;ndash; und bekommen in Variationen immer das verl&amp;auml;sslich Gleiche.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Seit den F&amp;uuml;nfzigerjahren wurden die B&amp;uuml;cher immer expliziter, heute sind die Grenzen zum Porno flie&amp;szlig;end. Am Kern des Alpha-Helden hat sich wenig ge&amp;auml;ndert, nur dass er sich heute an exotischeren Orten aufh&amp;auml;lt als einst. Um den romantischen Einheitsbrei ein wenig zu w&amp;uuml;rzen, hat Mills &amp;amp; Boon einen breiten Katalog zielgruppengenauer Sub-Genres entwickelt, hier findet jede ihre Nische: Medizin (das gute alte Doktorspiel, gern auch im Dschungel-Lazarett), Geschichte (edle Ritter und Burgfr&amp;auml;ulein), Nocturne (Vampire und Werw&amp;ouml;lfe), Blaze (das englische Wort f&amp;uuml;r Feuersbrunst, es geht um Sex, und zwar sehr eindeutig, auf den Covern schwei&amp;szlig;nasse Waschbrettb&amp;auml;uche), Spice (ebenso, nur zus&amp;auml;tzlich Fesselspiele), Moderne Romanze (Oligarchen auf Superyachten). Wenn man sich eine Weile in diesem Universum aufgehalten hat, beginnt man, sich zu wundern. &amp;Uuml;ber die Frauen. Und &amp;uuml;ber die M&amp;auml;nner. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;Uuml;ber die Frauen, die sich im wahren Leben an verkopfte Verstehm&amp;auml;nner binden &amp;ndash; die aber trotz aller Emanzipation offenbar nur davon tr&amp;auml;umen, sich zu unterwerfen und keine Entscheidungen treffen zu m&amp;uuml;ssen. Gegen ihren Willen aufs Bett geschmissen zu werden, zum Schweigen verdonnert, erniedrigt und bedroht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &amp;Uuml;ber die M&amp;auml;nner, weil die sich die Augenbrauen zupfen und ihre Mousse au Chocolat verfeinern und gar nicht verstehen, dass sie sich immer weiter von dem entfernen, was ihre Gef&amp;auml;hrtinnen zwischen Buchdeckeln suchen. Den H&amp;ouml;hlenmann. Tarzan. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Bei Mills &amp;amp; Boon wird nicht gek&amp;uuml;sst, sondern Lippen &amp;raquo;werden besessen&amp;laquo;. Eine inzwischen verstorbene Autorin des Verlages, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren einen Bestseller nach dem andern produzierte, beschrieb ihre Helden bereits damals als M&amp;auml;nner, die &amp;raquo;Angst einfl&amp;ouml;&amp;szlig;en und faszinieren&amp;laquo;. &amp;raquo;Es ist die Art Mann, die in der Lage ist, zu vergewaltigen. M&amp;auml;nner, mit denen man nicht allein in einem Raum sein sollte.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Daran hat sich so viel nicht ge&amp;auml;ndert, auch wenn die Frauen bei Mills &amp;amp; Boon heute nicht mehr nur keusche Jungfrauen sind &amp;ndash; wobei es auch die noch gibt &amp;ndash;, sondern oft Karrierefrauen, die Ziele verfolgen. Deren gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Herausforderung aber pl&amp;ouml;tzlich darin liegt, den Helden zu b&amp;auml;ndigen. Etwa die Umweltaktivistin, die sich an den Schreibtisch des Immobilienhais gekettet hat. Sie ist nat&amp;uuml;rlich rasend attraktiv, deshalb auch sein &amp;raquo;Impuls, sie zu verschlingen, w&amp;auml;hrend sie in Ketten lag. Als sie sich vorbeugte, um die Fesseln zu l&amp;ouml;sen, und er ein St&amp;uuml;ck schwarzer Spitze in ihrem Dekollet&amp;eacute; sah, musste er seine F&amp;auml;uste ballen, um sich zu beherrschen.&amp;laquo; Der Herr kippt erst mal einen doppelten Whiskey. Am Ende wird nat&amp;uuml;rlich alles gut, er baut ihr ein &amp;ouml;kologisch musterg&amp;uuml;ltiges Meeres-Schutzgebiet und in ihren Augen glitzern die Tr&amp;auml;nen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Mills &amp;amp; Boon hat f&amp;uuml;r zuk&amp;uuml;nftige Autoren ein paar Hinweise auf seine Webseite gestellt, wie der Alpha-Mann zu erschaffen sei. Da liest sich das so: &amp;raquo;Beachten Sie, dass er der ultimative Ern&amp;auml;hrer ist. Bauen Sie seinen Charakter darauf auf. Er hat das Wohlbefinden anderer im Sinn und erkennt den guten Kern der Heldin.&amp;laquo; Sie bek&amp;auml;men viele Manuskripte, schreiben die Lektoren weiter. Sie alle h&amp;auml;tten die gleiche Schw&amp;auml;che. Der Held sei &amp;raquo;einfach nicht Alpha genug&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Es ist eine interessante Spirale &amp;ndash; je selbstst&amp;auml;ndiger die Frauen bei Mills &amp;amp; Boon werden, desto dominanter tritt der MBM auf. Das Wort &amp;raquo;Gefangene&amp;laquo; ist ein sehr beliebter Teil des Titels, es gibt unz&amp;auml;hlige Varianten: Gefangene des Wikingers, des W&amp;uuml;stenk&amp;ouml;nigs, des Milliard&amp;auml;rs &amp;ndash; oder ganz schlicht &amp;raquo;Gefangene in seinem Bett&amp;laquo;. Aber auch wenn der Titel &lt;em&gt;Mediterranean Tycoons&lt;/em&gt; hei&amp;szlig;t, geht es doch allein ums Thema Unterwerfung: &amp;raquo;Er war nicht ihr Typ. Er war zu viel von allem. Zu gro&amp;szlig;, zu dunkel, zu sexy, zu attraktiv &amp;ndash; zu cool und zu r&amp;auml;tselhaft.&amp;laquo; Sie einen halben Kopf kleiner als er, auf Augenh&amp;ouml;he &amp;raquo;mit seinem gemei&amp;szlig;elten Kinn&amp;laquo;. Er erpresst sie schlie&amp;szlig;lich, es geht um die Ehre ihrer Familie, und zwingt sie, ihn zu heiraten. Ein Ehebett geh&amp;ouml;rt mit zum Arrangement &amp;ndash; und es dauert nicht lange, bis sie sich atemlos eingesteht: &amp;raquo;Verf&amp;uuml;hrung &amp;hellip; ich wurde gerade komplett, wunderbar, gr&amp;uuml;ndlich und r&amp;uuml;cksichtslos verf&amp;uuml;hrt.&amp;laquo; Bald wispert sie: Ich will dein Baby. &amp;raquo;Da wurden seine goldenen Augen pl&amp;ouml;tzlich schwarz, die Kraft des L&amp;ouml;wen in ihm wurde mit einem einzigen Adrenalinschub geweckt und er griff nach dem Rei&amp;szlig;verschluss ihres Kleides.&amp;laquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Meine Damen, meine Herren, irgendetwas l&amp;auml;uft hier falsch. Im Leben oder auf dem Papier.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die Traumindustrie</dc:subject>
    <dc:creator>Steffi Kammerer</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-17T12:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38577">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38577</link>
    <title>»Ich habe einen romantischen Blick«</title>
    <description>&lt;p&gt;Folter im Internat,      Freundschaft mit Ulrike Meinhof, Grabenk&amp;auml;mpfe im deutschen      Feuilleton: Der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer hat ein      bewegtes Leben hinter sich. Ein Res&amp;uuml;mee.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/51811.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Herr Bohrer, warum deb&amp;uuml;tiert ein Professor f&amp;uuml;r Literaturwissenschaft mit achtzig Jahren als Literat?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Karl Heinz Bohrer:&lt;/strong&gt; Meine Knabenzeit in Krieg und Internat kam mir auf einmal sehr exotisch und abenteuerlich vor. Diese Epoche wollte ich bewahren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Gro&amp;szlig;mutter setzte sich mit einem grauen &amp;Uuml;berkleid in die Badewanne, weil sie es f&amp;uuml;r s&amp;uuml;ndig hielt, den eigenen K&amp;ouml;rper zu betrachten. Ihr Gro&amp;szlig;vater trug morgens eine Ledermaske, um seinen Bart zu festigen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Meine Gro&amp;szlig;mutter war eine f&amp;uuml;r immer fromme Frau, die jeden Morgen ganz in Schwarz in die Fr&amp;uuml;hmesse ging. Meine Mutter war das glatte Gegenteil: ein mond&amp;auml;nes junges Weib im Nerz mit blutrotem Lippenstift, das von einer Filmkarriere tr&amp;auml;umte, seit eine Freundin ihr gesagt hatte, sie sehe aus wie Greta Garbo. Als mein Vater sie kennenlernte, war sie 16 und Verk&amp;auml;uferin in einem gro&amp;szlig;en Warenhaus. Drei Jahre sp&amp;auml;ter kam ich zur Welt. Mein Vater war zwar v&amp;ouml;llig unversnobt, kam aber aus einer wohlgebildeten b&amp;uuml;rgerlichen Familie. Diese Ehe konnte nicht funktionieren und wurde dann auch bald geschieden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie kamen 1943 ins legendenumwobene Internat Birklehof in Hinterzarten, das elf Jahre zuvor als Schwesterschule von Schloss Salem gegr&amp;uuml;ndet wurde. Im Birklehof, schreiben Sie, &amp;raquo;geh&amp;ouml;rte es damals zum Bestand feiner Erziehungstradition, dass &amp;auml;ltere Sch&amp;uuml;ler j&amp;uuml;ngere qu&amp;auml;len&amp;laquo;.&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Mitten in der Nacht wurde Sextanern Klebstoff in die Nase geschmiert, oder man schleppte sie in die Duschr&amp;auml;ume im Keller und setzte sie an einen Stuhl gefesselt unter eine kalte Dusche. Je brutaler diese n&amp;auml;chtlichen Folterungen waren, desto mehr entsprachen sie einem snobistischen H&amp;auml;rte-Ideal. Das hing zum einen mit der au&amp;szlig;erordentlich sadistischen Erziehung in der Hitlerjugend zusammen, zum anderen geh&amp;ouml;rte es zu einer bestimmten Upperclass-Tradition, dass Jungens sich solchen Widerw&amp;auml;rtigkeiten lakonisch aussetzten und das durchstanden. Mein ansonsten sehr liberaler Vater hat ja auch nicht einen Finger ger&amp;uuml;hrt, als er davon h&amp;ouml;rte. Seine Haltung war: Das soll der Junge mal selber klarmachen. Meine resolute Mutter dagegen fuhr in die Schule und r&amp;auml;umte mit diesen Qu&amp;auml;lern auf. Weil sie das Fass aufmachte und einen Skandal ausl&amp;ouml;ste, wurden mehrere Jungens aus bekannten Familien &amp;ouml;ffentlich zu Ehrenstrafen verurteilt oder von der Schule geschmissen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sind in den Siebzigerjahren nach London gezogen. &amp;Uuml;ber englische Internate wird &amp;Auml;hnliches berichtet.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auf den Elite-Internaten geh&amp;ouml;rte es zum Ritual, dass &amp;auml;ltere Sch&amp;uuml;ler j&amp;uuml;ngere auspeitschten oder mit dem Stock schlugen. Die einschl&amp;auml;gigen psychopathologischen Konsequenzen kann man an der Oberschicht bis heute beobachten. In diesem Land gibt es noch immer das Ideal der &lt;em&gt;stiff upper lip&lt;/em&gt;. Es besagt: Sei kein Weichei, denn nur wer Schmerzen ertr&amp;auml;gt, ohne zur Mami zu laufen, wird ein &lt;em&gt;empire builder&lt;/em&gt;. Der ber&amp;uuml;hmte Satz, wonach auf den Sportpl&amp;auml;tzen von Eaton die zuk&amp;uuml;nftigen M&amp;auml;nner des Empire ausgebildet werden, ist charakteristisch f&amp;uuml;r dieses H&amp;auml;rte-Ideal.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Filmproduzent Peter Berling schreibt in seinen Memoiren: &amp;raquo;Mit 14 kam ich ins Internat Birklehof. Zu meinen Stubenkameraden z&amp;auml;hlte Karl Heinz Bohrer, den alle nur &amp;rsaquo;B&amp;ouml;rrie&amp;lsaquo; nannten. Er trug eine L&amp;ouml;wenm&amp;auml;hne und hatte eine gro&amp;szlig;e, knollige Nase, aus deren N&amp;uuml;stern sich schwarze Haare kringelten. Mit Stentor-Stimme warf er mit philosophischen Weisheiten von Hegel und H&amp;ouml;lderlin um sich.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Seine Wahrnehmung meiner Erscheinung ist ihm zuzugestehen, aber in einem Punkt irrt er: Von H&amp;ouml;lderlin hatte ich noch keine Ahnung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihr bestimmendes Bildungserlebnis hatten Sie als Elfj&amp;auml;hriger, als Sie eine Sch&amp;uuml;lerauff&amp;uuml;hrung von Aischylos&amp;rsquo; &lt;em&gt;Agamemnon&lt;/em&gt; sahen.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Auff&amp;uuml;hrung fand im Sommer 1944 statt, wenige Wochen nach dem Attentat auf Hitler. Der Mordgeruch im Haus der Atriden vermischte sich f&amp;uuml;r mich mit den Gemetzeln der Nazis. Ein holl&amp;auml;ndischer Klassenkamerad hatte mir wenige Wochen zuvor unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit erz&amp;auml;hlt, dass es Lager g&amp;auml;be, in denen Menschen zu Tode gequ&amp;auml;lt w&amp;uuml;rden. Damals setzte mein lebenslanges Nachdenken &amp;uuml;ber die Trag&amp;ouml;die ein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zu den Bizarrerien des Birklehofs in der Nachkriegszeit geh&amp;ouml;rte ein junger Philosophielehrer mit Kinnbart und Holzf&amp;auml;llerhemd, der Assistent bei Martin Heidegger war und dessen Buch &lt;em&gt;Holzwege&lt;/em&gt; ins Franz&amp;ouml;sische &amp;uuml;bersetzt hatte.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dieser hoch gescheite und vor Gel&amp;auml;chter spr&amp;uuml;hende Mann meinte, wir m&amp;uuml;ssten das Leben leben lernen. Er erkl&amp;auml;rte uns nicht nur mit Feuer und Leidenschaft, was Sartres Existentialismus bedeutet, sondern erz&amp;auml;hlte auch, wie ihn einmal eine junge Pariser Prostituierte in einer Stra&amp;szlig;e am Genital hinter sich hergezogen hatte. Eines Tages lud er einen Mitsch&amp;uuml;ler und mich in seine Wohnung ein, um weiter &amp;uuml;ber Sartre zu reden. Als wir in die unverschlossene Wohnung kamen, sa&amp;szlig; er mit zwei nackten Frauen im Bett. Unbekleidet wie er war, sprach er &amp;uuml;ber Heidegger und die Schwierigkeiten, ihn ins Franz&amp;ouml;sische zu &amp;uuml;bersetzen. Einige Zeit sp&amp;auml;ter verschwand er pl&amp;ouml;tzlich von der Schule. Ich vermute, dass der Direktor ihm aufgrund von Ger&amp;uuml;chten untersagt hatte, weiter zu unterrichten. Vor ein paar Jahren habe ich erfahren, dass er als &amp;auml;lterer Mann in einer Schilfh&amp;uuml;tte am Bodensee existiert hat.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In den mit Marmork&amp;ouml;pfen griechischer und r&amp;ouml;mischer Denker dekorierten S&amp;auml;uleng&amp;auml;ngen des Birklehofs drehten 13-J&amp;auml;hrige an ihren Siegelringen, lasen Balzac auf Franz&amp;ouml;sisch, trugen eine gro&amp;szlig;e silberne Kette um den Hals, die sie als J&amp;uuml;nger des Dichters Stefan George auswies, und begehrten M&amp;auml;dchen, die Feodora hie&amp;szlig;en. Sie geh&amp;ouml;rten zu den wenigen, die sich auch f&amp;uuml;r Hockey interessierten.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In Salem f&amp;uuml;hrte Sport zu Prestigegewinn, im Birklehof wurde er als geistfern geringgesch&amp;auml;tzt. Die Salem-Sch&amp;uuml;ler spielten Hockey im Schulanzug und mit nackten F&amp;uuml;&amp;szlig;en, um von vorneherein ihre &amp;Uuml;berlegenheit anzuk&amp;uuml;ndigen. Bei einem Turnier kriegten wir die Hucke voll und verloren eins zu f&amp;uuml;nf, begleitet vom Hohngesang der Zuschauer. Was die Dem&amp;uuml;tigung noch j&amp;auml;mmerlicher machte, war ein Zuschauer im blauen Jackett und grauer Hose, der die Gegenseite anfeuerte. Es war Prinz Philip, der Ehemann der englischen Kronprinzessin, der einmal Sch&amp;uuml;ler in Salem gewesen war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach Ihrem Studium der Germanistik und Geschichte wurden Sie Jungredakteur bei der &lt;em&gt;Welt &lt;/em&gt;und gingen 1966 zur &lt;em&gt;FAZ&lt;/em&gt;. Als Sie dort zwei Jahre sp&amp;auml;ter Literaturchef wurden, begannen die dramatischsten Jahre der deutschen Nachkriegskultur.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es war die Hochzeit marxistischer Literaturdiagnostik, eine gro&amp;szlig;artige Epoche der Theorie. Trotz aller L&amp;auml;cherlichkeiten und Fanatismen war nichts langweilig, nichts banal. Ob &lt;em&gt;Frankfurter Rundschau&lt;/em&gt;, Suhrkamp Verlag oder Frankfurter Universit&amp;auml;t: &amp;Uuml;berall flammten Hunderte rote Fl&amp;auml;mmchen. Auch enge Freunde von mir wurden fanatische Marxisten. Es gab damals keinen angesehenen Kulturjournalisten in der Stadt, der nicht an die Weltrevolution glaubte. In meinem Ressort gab es zwei sehr begabte Redakteure, die &amp;uuml;berzeugt waren, wir st&amp;uuml;nden kurz davor, einen neuen Staat zu gr&amp;uuml;nden. Daran glaubte ich als Nicht-Utopiker nun &amp;uuml;berhaupt nicht, aber mit Mirabeau gesagt: So muss man gelebt haben, wenn man wissen will, was Leben ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;Partys mit Ulrike Meinhof&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/51813.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was macht ein Literaturchef, wenn die tonangebenden Intellektuellen den Tod der Literatur verk&amp;uuml;nden?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich versuchte mein ungeheures Erschrecken durch intellektuelle Ma&amp;szlig;nahmen unter Kontrolle zu halten. Um die These vom Tod der Literatur theoretisch zu widerlegen, schrieb ich mein erstes Buch: &lt;em&gt;Die gef&amp;auml;hrdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror&lt;/em&gt;. Der Begriff &amp;raquo;gef&amp;auml;hrdete Phantasie&amp;laquo; war meine Antwort auf den Versuch, die Welt der Imagination im Namen einer neuen Praxis ad acta zu legen. Damals schrieb Theodor Adorno einen Brief an die Herausgeber der &lt;em&gt;FAZ&lt;/em&gt;, in dem er fragte, wer ich sei. Das gab mir eine gewisse Sicherheit, dass meine theoretische Abwehr des radikalen Pragmatismus richtig sei.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie behaupten, &amp;raquo;Achtundsechzig begann mit den Partyn&amp;auml;chten von 1964, am fr&amp;uuml;hesten in Hamburg&amp;laquo;. &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das Zentrum kulturrevolution&amp;auml;rer Stimmung waren die ausschweifenden Intellektuellen-Partys im Hause des Hamburger Lyrikers Peter R&amp;uuml;hmkorf, ein Mann von gro&amp;szlig;em Prestige und ein ganz gro&amp;szlig;er Unterhalter. Er war eng befreundet mit dem &lt;em&gt;konkret&lt;/em&gt;-Herausgeber Klaus Rainer R&amp;ouml;hl und dessen Frau Ulrike Meinhof. Die Partymusik kam von den Beatles und galt als revolution&amp;auml;r. Deshalb erschienen die Songtexte in r&amp;uuml;hrender deutscher &amp;Uuml;bersetzung in &lt;em&gt;konkret&lt;/em&gt;. Das Lied &lt;em&gt;Michelle&lt;/em&gt; war das Startsignal, die Institution Ehe aufzuk&amp;uuml;ndigen und auf Frauenraub zu gehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie waren mit Ulrike Meinhof befreundet. Wie verhielt sie sich auf diesen Partys?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die meiste Zeit war sie in Gespr&amp;auml;che vertieft, umgeben von einem Flor aus Ernsthaftigkeit, Melancholie und Konzentration. Aber wenn sie tanzte, tanzte sie wie eine anmutige Frau. Von einer spr&amp;ouml;den, nur vom Gehirn kontrollierten Intellektuellen konnte keine Rede sein. Sie hatte eine durchaus sinnliche und warmherzige Ausstrahlung und war nicht unattraktiv. Nichtsdestotrotz waren die Unterhaltungen mit ihr frei von allen Anz&amp;uuml;glichkeiten, erotischen Zweideutigkeiten und Ungesagtheiten. Mit mir hat sie sich vielleicht auch deshalb so gern unterhalten, weil ich gegen&amp;uuml;ber dem Marxismus eine so radikal abwertende Haltung hatte und gleichzeitig in ihren Augen so etwas wie ein Revolution&amp;auml;r war. Einmal sagte sie: &amp;raquo;Es w&amp;auml;re so schade, wenn du der Revolution verloren gehen w&amp;uuml;rdest.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum hat Ulrike Meinhof die st&amp;auml;ndigen Bosheiten und Aff&amp;auml;ren ihres Mannes still geduldet?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich vermute wegen einer Mischung aus Stolz und Puritanismus. Einerseits war Ulrike keine Frau, die sich an ihrem Mann r&amp;auml;cht, indem sie selbst ebenfalls fremdgeht. Andererseits lag in ihrem stoischen Ertragen seiner Aff&amp;auml;ren ein Versuch, ihre Ehe zu retten. Je mehr sie versuchte, R&amp;ouml;hls M&amp;auml;tzchen und All&amp;uuml;ren zu &amp;uuml;bersehen, desto st&amp;auml;rker hoffte sie als Mutter der beiden gemeinsamen Kinder, dass seine Kaspereien ein Ende nehmen. Dass sie sich darin get&amp;auml;uscht hat, hat sich ja dann herausgestellt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Zwei Wochen vor der gewaltsamen Befreiung von Andreas Baader aus einem Berliner Gef&amp;auml;ngnis hatte ich noch ein langes Gespr&amp;auml;ch mit ihr. Sie sa&amp;szlig; auf dem Boden, rauchte unz&amp;auml;hlige Zigaretten und schien am Ende ihrer Kr&amp;auml;fte. Sie appellierte an etwas, das sie &amp;raquo;die Notwendigkeit zu handeln&amp;laquo; nannte &amp;ndash; ohne dass mir klar wurde, was genau sie damit meinte.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ihre Freundschaft mit Ulrike Meinhof f&amp;uuml;hrte bei der &lt;em&gt;FAZ&lt;/em&gt; zu einem Eklat.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Der Anlass war ein Artikel in &lt;em&gt;konkret&lt;/em&gt;. Unter der Schlagzeile &amp;raquo;Dahinter steckt immer ein kluger Kopf&amp;laquo; wurde ich als Anarchist und Hintermann der Baader-Meinhof-Aktivit&amp;auml;ten im Frankfurter Raum dargestellt. Am n&amp;auml;chsten Morgen musste ich dem versammelten Herausgebergremium Rede und Antwort stehen. Erich Welter, der alte Primus der Runde, schob angewidert das &lt;em&gt;konkret&lt;/em&gt;-Heft von sich und stellte im preu&amp;szlig;ischen Kasino-Ton nur eine Frage: &amp;raquo;Was ist da dran?&amp;laquo; Meine Antwort fiel ebenso knapp aus: &amp;raquo;Nichts.&amp;laquo; Daraufhin liquidierte Welter die Angelegenheit dergestalt, dass er mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und sagte: &amp;raquo;Das war&amp;rsquo;s denn, meine Herren! Wir k&amp;ouml;nnen wieder auseinandergehen.&amp;laquo; Zack, aus, kein langes Gerede. Schwieriger war der Nachmittag, als mein Literatur-Seminar an der Universit&amp;auml;t anstand. Statt zwanzig Studenten sa&amp;szlig;en da zweihundert, und man begr&amp;uuml;&amp;szlig;te mich mit leicht beif&amp;auml;lligem Klatschen. Einige kommissarhaft auftretende J&amp;uuml;nglinge in schwarzen Lederjacken versuchten mich in einer Art Schauprozess vorzuf&amp;uuml;hren: Ich solle hier jetzt endlich mal meine b&amp;uuml;rgerliche Identit&amp;auml;t kl&amp;auml;ren! Das wies ich k&amp;uuml;hl ab und schmiss drei dieser gro&amp;szlig;spurig auftretenden Jakobiner mit dem Satz raus, jetzt w&amp;uuml;rden Texte analysiert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Viele Linksintellektuelle waren f&amp;uuml;r Sie theoretisch unbeschlagene &amp;raquo;Gro&amp;szlig;m&amp;auml;uler, die eigentlich nicht bis drei z&amp;auml;hlen konnten&amp;laquo; und &amp;raquo;jeden, der nicht mit von der Partie war, verbal zum Abschuss freigaben&amp;laquo;.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Fatal und fl&amp;auml;chendeckend opportunistisch wurde die Sache erst, als aus diesen ehrgeizigen Typen Hochschulprofessoren wurden, die ihre Seminare nach Gewerkschaftsmuster einrichteten und alle in Reih und Glied mit der gleichen Meinung abrufbar waren. Ich habe den sardonischen Verdacht, dass nicht wenige dieser Leute 35 Jahre vorher Nazis geworden w&amp;auml;ren. Sollte es stimmen, dass unter den prominenten Progressiven von heute viele potenzielle Nazis stecken, ist das, was sie &amp;uuml;ber die Nazis sagen, ironisch und komisch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&amp;Uuml;ber die &lt;em&gt;FAZ&lt;/em&gt; dieser Jahre sagen Sie: &amp;raquo;Man hat inzwischen vergessen, zu welch auratischer Provokation diese Zeitung auf dem H&amp;ouml;hepunkt ihrer altr&amp;ouml;mischen Selbstgewissheit &amp;agrave; la &amp;rsaquo;M&amp;ouml;gen sie uns hassen, wenn sie uns nur f&amp;uuml;rchten&amp;lsaquo; imstande war.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nehmen Sie eine Gestalt wie den Herausgeber und politischen Kommentator J&amp;uuml;rgen Tern. Er schrieb Ende der Sechzigerjahre arrogante, vernichtende Polemiken gegen die heilige Figur Willy Brandt und dessen Ostpolitik und wurde zur Symbolfigur f&amp;uuml;r eine skandalmachende, illiberale, nationalkonservative Politik. Die Macht der Zeitung beruhte auf ihrem Verbund mit der Gro&amp;szlig;industrie und ihrer Reputation in den Universit&amp;auml;ten und gro&amp;szlig;en Akademien. Wenn man in linken Abendgesellschaften war, konnte man sicher sein, dass es eine ausufernde Emp&amp;ouml;rungsphase geben w&amp;uuml;rde. Und wogegen emp&amp;ouml;rte man sich? Immer gegen den letzten Leitartikel in der &lt;em&gt;FAZ&lt;/em&gt; und den j&amp;uuml;ngsten Ausspruch von Franz Josef Strau&amp;szlig;. Da beide als faschistoid galten, sonnte man sich im Glanz antifaschistischer Opferbereitschaft. Man h&amp;auml;tte glauben k&amp;ouml;nnen, verfolgte Urchristen h&amp;auml;tten sich in einer Katakombe getroffen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt; &lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;[seitenumbruch title=&quot;Als Literaturchef gefeuert.&quot;]&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/51815.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum wurden Sie 1973 als Literaturchef gefeuert?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Joachim Fest sollte neuer Herausgeber werden und machte es zur Bedingung, dass sein Freund Marcel Reich-Ranicki meinen Posten bekommt. Dessen am traditionellen Realismus orientierten Literaturvorstellungen lagen Fest sehr viel n&amp;auml;her als meine. Ob meine intellektuellen Schrillheiten und politischen Zweideutigkeiten &amp;ndash; siehe Baader-Meinhof &amp;ndash; eine Rolle spielten, m&amp;ouml;chte ich nicht kommentieren. Namhafte Leute von Enzensberger bis Habermas protestierten in &amp;ouml;ffentlichen Telegrammen gegen Reich-Ranicki, aber ich sah, dass er es schaffen w&amp;uuml;rde, die FAZ zu dem Organ des b&amp;uuml;rgerlichen Buchlesers zu machen. Das habe ich nie gewollt. Kurz bevor ich f&amp;uuml;r die Zeitung nach London ging, habe ich ihm in der gro&amp;szlig;en Konferenz gesagt: &amp;raquo;Reich-Ranicki, Sie sind die Rache von Jud S&amp;uuml;&amp;szlig; am deutschen B&amp;uuml;rgertum.&amp;laquo; Ich vermute, dass er diesen Satz nicht als Kompliment empfunden hat, obwohl er so gemeint war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie wurde Ihnen Ihre Absetzung beigebracht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das war eine dramatische Situation. Ich schrieb am Steinhuder Meer vorahnungslos an meiner Habilitation. W&amp;auml;hrend ich gedankenvoll am Ufer spazieren ging, merkte ich pl&amp;ouml;tzlich, dass ein Mercedes langsam hinter mir herfuhr. Aus dem Wagen stieg der Herausgeber Bruno Dechamps und wirkte sehr irritiert. Ich fragte ihn, was er denn hier treibe. Wolle er Aale angeln? Als er sagte, er wolle mich sprechen, dachte ich: Um Gottes Willen, meine Redaktion hat wieder etwas Linksradikales angerichtet, und jetzt will man mir eine Szene machen wegen meines F&amp;uuml;hrungsstils! Dechamps schlug vor, sich abends in irgendeinem Fischerhuus zu treffen, um mir eine gewisse Angelegenheit zu erl&amp;auml;utern. Als ich br&amp;uuml;sk ablehnte, sagte er mit s&amp;uuml;&amp;szlig;licher Stimme und gedehntem Hin und Her, dass die Zeitung meinen Vorschlag, irgendwann mal nach England zu gehen, f&amp;uuml;r einen sehr guten Einfall hielte.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie sagen, Ihnen seien Emp&amp;ouml;rungsgesten zuwider, &amp;raquo;da sie sich nicht mit der Haltung des Stolzes vertragen&amp;laquo;. Ein seltsamer Elitismus.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wer sich emp&amp;ouml;rt, gibt seine Unterlegenheit zu und meint, er k&amp;ouml;nne sie moralisch wettmachen. Ich finde, dass man eine Dem&amp;uuml;tigung nicht noch dadurch &amp;ouml;ffentlich machen sollte, indem man sie moralisch auszugleichen versucht. Mein Stolz verbietet mir, jede Art von Dem&amp;uuml;tigung zu akzeptieren. Sie k&amp;ouml;nnen das mit einem soldatischen oder aristokratischen Kodex vergleichen. Auf salbadernde Auslegungen meiner Gef&amp;uuml;hle habe ich mich ebenfalls nie eingelassen. Wenn so etwas notwendig ist, geht man als Katholik beichten. Ansonsten bekennt man nicht. Der Gestus der Selbster&amp;ouml;ffnung ist ja heute gang und g&amp;auml;be und pr&amp;auml;gt alle gro&amp;szlig;en Medienereignisse. Die Mehrheit des Publikums ist genau an solchen Intimit&amp;auml;ten interessiert. Das alles wird durch das Prinzip des Stolzes verboten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vertrauen Sie sich engen Freunden an?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ich glaube, dass ich sehr gute Ohren f&amp;uuml;r Freunde in psychischer Not habe, aber ich selber habe ein solches Geh&amp;ouml;r kaum gesucht &amp;ndash; obwohl es manchmal vielleicht hilfreich gewesen w&amp;auml;re.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sind Sie ein einsamer Mensch?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Einsamkeit klingt so pathetisch. Faktisch hat es damit zu tun, dass ich seit 39 Jahren keinen Wohnsitz in Deutschland habe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Von 1984 bis Anfang dieses Jahres waren Sie Herausgeber und Autor des &lt;em&gt;Merkur&lt;/em&gt; und stritten mit polemischem Furor gegen die geistigen Verh&amp;auml;ltnisse. In einer ber&amp;uuml;hmt gewordenen Serie portr&amp;auml;tierten Sie Deutschland unter dem ewigen Kanzler Kohl als vulg&amp;auml;re &amp;raquo;Fu&amp;szlig;g&amp;auml;ngerzone des Geistes&amp;laquo;, in der &amp;raquo;die Differenz zwischen Sektvertretern und Staatsvertretern&amp;laquo; verloren gegangen sei. Eine Ihrer Diagnosen lautete: &amp;raquo;Es gibt eine Misere in Deutschland, die kann man nicht abw&amp;auml;hlen. Und es gibt ein Unverm&amp;ouml;gen, das kann kein Bruttosozialprodukt ausgleichen. Dieses Unverm&amp;ouml;gen ist die Unf&amp;auml;higkeit zu Stilbewusstsein.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ein Soziologe w&amp;uuml;rde sagen, dass Verh&amp;auml;sslichung und Vulgarisierung nun mal Sachverhalte jeder modernen Massendemokratie seien. Ich dagegen habe einen romantischen Blick, wie Menschen sein sollten, wie Kultur sein sollte. &amp;Auml;sthetik und Politik geh&amp;ouml;ren f&amp;uuml;r mich zusammen. Nehmen Sie die bisslose Harmlosigkeit politischer Karikaturen selbst in besseren Zeitungen, die Einfallslosigkeit der Reklame oder die psychologische Einfalt von Serienfilmen: eine Welt ohne formale Sophistication.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Von Kohl zu Merkel: Sind die Dinge besser oder schlechter geworden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das von Kohl Akkumulierte und von Schr&amp;ouml;der in einer gewissen Banalit&amp;auml;t Weitergef&amp;uuml;hrte ist bei unserer jetzigen Kanzlerin zur endg&amp;uuml;ltigen Banalfigur Mensch geworden. Frau Merkel ist zweifellos sehr intelligent und besitzt ein anziehendes L&amp;auml;cheln, aber sie hat nicht das geringste Gef&amp;uuml;hl f&amp;uuml;r kulturelle und psychologische Differenzen in Europa. Ihre Emp&amp;ouml;rung &amp;uuml;ber das frivole Verhalten der S&amp;uuml;dl&amp;auml;nder zeigt, dass sie in ihrem kleinb&amp;uuml;rgerlich-protestantischen Katechismus kein Verst&amp;auml;ndnis f&amp;uuml;r romanische Kulturen hat. Das ist ein Verfall der Kriterien und Distinktionsf&amp;auml;higkeiten. Die Sprache unserer Kanzlerin ist extrem banal und wird von einer Dr&amp;ouml;gigkeit der schieren Faktizit&amp;auml;t beherrscht, die nur sagen kann: Die Griechen stehlen! Dass die Griechen einen Anspruch darauf haben, eine andere Kultur zu leben, k&amp;auml;me ihr nie in den Sinn. Die Kanzlerin glaubt, es w&amp;auml;re etwas Tolles und Gro&amp;szlig;artiges, dass ein Land gut verwaltet wird und gute Gesch&amp;auml;fte macht. Aber was ist so gro&amp;szlig;artig daran, viele Autos zu verkaufen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;J&amp;uuml;rgen Habermas sagte &amp;uuml;ber Ihre kulturkritischen Diagnosen mal, es sei &amp;raquo;doch besser, langweilig zu sein als faschistisch&amp;laquo;. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine falsche Alternative, aber nat&amp;uuml;rlich hat eine bestimmte Sorte Stillosigkeit auch ihre Vorteile. Statt angema&amp;szlig;tem Stil sind mir echter Schrot und Korn und gewisse Schwerf&amp;auml;lligkeiten lieber. Bei diesen exquisiten Abendunterhaltungen mit Engl&amp;auml;ndern und Franzosen sehnt man sich pl&amp;ouml;tzlich danach, mit einem deutschen Schwarzbrot-Intellektuellen ein richtiges deutsches Gespr&amp;auml;ch zu haben. Das hat &amp;auml;u&amp;szlig;erlich durchaus Form- und Distanzlosigkeiten, aber es bringt Ehrlichkeiten hervor, die die verkniffenen feinen Engl&amp;auml;nder weniger zustande bringen &amp;ndash; zu deren eigenem Bedauern &amp;uuml;brigens. Was mich aufbringt, ist dieses Sich-Gehenlassen im Privaten, das in dem ber&amp;uuml;hmten deutschen Satz zum Ausdruck kommt: Ich f&amp;uuml;hle mich s&amp;auml;uisch wohl!&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Reut es Sie, nicht mehr &lt;em&gt;Merkur-&lt;/em&gt;Chef zu sein?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Nein, denn meine Lebensliebe ist die Universit&amp;auml;t. Als Student in G&amp;ouml;ttingen habe ich die ereignislosen Samstage und Sonntage manchmal kaum ertragen. Wenn Menschen nicht arbeiten und keine Genies sind, werden sie banal. Gegen&amp;uuml;ber diesem existentiellen Kummer habe ich die Universit&amp;auml;t als erhabene Existenz empfunden. Es gibt keinen st&amp;auml;rkeren Schutz gegen die Banalit&amp;auml;t des Daseins als theoretisches Denken oder Dichten. Im H&amp;ouml;rsaal Studenten zu erkl&amp;auml;ren, was die Kunst an der Kunst ist, war und ist f&amp;uuml;r mich ein Lebenselixier.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie waren mit der Schriftstellerin Undine Gruenter verheiratet. Was lernt ein Literaturtheoretiker, wenn er mit einer Literatin zusammenlebt?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die unausgesprochene Vereinbarung war, dass wir nicht &amp;uuml;ber unsere Arbeit reden. Meine stille Bewunderung galt dem Lakonismus ihrer Wahrnehmung und ihrer F&amp;auml;higkeit, Sachverhalte brutal zu benennen. Undine hatte eine tiefe Skepsis gegen&amp;uuml;ber&amp;nbsp;meinen Wissenschaftskollegen. Auch den typischen gedankenvollen, kulturkritischen Aufsatz im &lt;em&gt;Merkur&lt;/em&gt; fasste sie wenn &amp;uuml;berhaupt nur mit spitzen Fingern an. Im Namen von etwas f&amp;uuml;r etwas zu sein, fand sie unertr&amp;auml;glich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gottfried Benn unterhielt mit Undine Gruenters Mutter eine erotisch eingef&amp;auml;rbte Brieffreundschaft. Mit 68 Jahren schrieb er ihr: &amp;raquo;Zu Ihrem neulich gesandten Bild: mich st&amp;ouml;rt der S&amp;auml;ugling auf Ihrem Arm, sieht so bl&amp;ouml;d aus.&amp;laquo; Der S&amp;auml;ugling war Ihre Frau, die in einem Waisenhaus landete.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bitte vermerken Sie mein Z&amp;ouml;gern, Ihnen &amp;uuml;ber diese traumatischen Familienverh&amp;auml;ltnisse Auskunft zu geben. Als Undine geboren wurde, war ihr Vater, der Germanist Rainer Gruenter, Habilitant, die Mutter, Astrid Gehlhoff, schrieb an ihrer Promotion &amp;uuml;ber Gottfried Benn und wollte Schriftstellerin werden &amp;ndash; was ihr dann ja auch gelungen ist. Zu den Geldn&amp;ouml;ten der beiden kam die Schande der unehelichen Geburt, wie das damals hie&amp;szlig;. Der Vater konnte seine Tochter nicht annehmen, da er noch mit einer anderen Frau verheiratet war. Das h&amp;auml;tte seine Professorenkarriere gef&amp;auml;hrdet. So ist der Skandalfall zu erkl&amp;auml;ren, dass Undine f&amp;uuml;r eineinhalb Jahre in ein Heim kam. Anschlie&amp;szlig;end lebte sie f&amp;uuml;nf Jahre bei ihren Gro&amp;szlig;eltern. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ihre Frau, zwanzig Jahre j&amp;uuml;nger als Sie, starb mit f&amp;uuml;nfzig. Nach ihrem Tod erschien ihr Buch &lt;em&gt;Der verschlossene Garten&lt;/em&gt;, ein zarter, traurig-sch&amp;ouml;ner Roman &amp;uuml;ber die Liebe und die Zerbrechlichkeit des Gl&amp;uuml;cks. Das Buch soll in einem Wettlauf gegen den Tod entstanden sein.&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Meine Frau hatte Amyotrophe Lateralsklerose, eine fortschreitende L&amp;auml;hmung der Muskeln, die nach drei Jahren zum Tod f&amp;uuml;hrt. Als Undine dieses Buch erfand, war sie nicht mehr in der Lage zu schreiben. Sie war auch nicht mehr in der Lage, eine Seite umzubl&amp;auml;ttern. Sie hat mir dieses Buch im Jahr ihres Todes ohne jede Unterlage aus dem Kopf diktiert, morgens eine Dreiviertelstunde und nachmittags eine Dreiviertelstunde. Mehr Kraft hatte sie nicht. Wenn sie in die Luft starrend einen Satz sprach, schrieb ich ihn auf. Danach haben wir das Geschriebene gemeinsam korrigiert. Die letzte &amp;Uuml;berarbeitung endete am 10. August 2002. Am 5. Oktober starb sie. Kurz nach ihrem Tod habe ich das Manuskript auf Tonband gesprochen und die B&amp;auml;nder an den Hanser Verlag geschickt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hilft es, eine Koryph&amp;auml;e f&amp;uuml;r Trag&amp;ouml;dien zu sein, wenn einem eine Trag&amp;ouml;die widerf&amp;auml;hrt?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ohne jetzt albern auf theoretischen Differenzen zu bestehen: Undines schrecklicher Tod war eine Katastrophe, keine Trag&amp;ouml;die im klassischen Definitionssinn. Ich kann es heute im R&amp;uuml;ckblick gar nicht mehr richtig verstehen, dass die Jahre ihrer Krankheit nicht schrecklich waren. Obwohl wir wussten, dass sie sterben w&amp;uuml;rde, war es eine zum Teil sehr erhebende Zeit &amp;ndash; sie konnte ja sprechen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Frau sa&amp;szlig; im Rollstuhl. Haben Sie sie allein versorgt?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ja, und wir wollen nicht erl&amp;auml;utern, was das implizierte. Was mir Jahre nach ihrem Tod das Leben wieder ersehnbar machte, war die Wiederentdeckung der Preu&amp;szlig;en-Girls. Durch sie entdeckte ich die Welt meiner Jugend wieder.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wer sind diese Preu&amp;szlig;en-Girls?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die T&amp;ouml;chter von Charlotte von der Schulenburg, der Witwe des in den 20. Juli verwickelten Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, der am 10. August 1944 in Berlin-Pl&amp;ouml;tzensee hingerichtet wurde. Die Mutter unterrichtete seit 1950 im Birklehof und leitete die Theaterauff&amp;uuml;hrungen, in denen ich begeistert mitwirkte. Dass zwei ihrer f&amp;uuml;nf T&amp;ouml;chter ebenfalls im Birklehof waren, nahm ich nicht wahr, weil sie viel j&amp;uuml;nger waren. Das geschah erst zwanzig Jahre sp&amp;auml;ter. Heute ist eine von ihnen, Angela, meine Frau.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Karl Heinz Bohrer&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sein Lebensmotto stammt von Albert Camus: &amp;raquo;Kein      Volk kann au&amp;szlig;erhalb der Sch&amp;ouml;nheit leben.&amp;laquo; Seit 40 Jahren streitet Karl      Heinz Bohrer f&amp;uuml;r Stil, Eleganz und Pathos und gilt heute vielen als      kl&amp;uuml;gste Stimme der konservativen Intelligenz. Nach seinen Jahren      als Literaturchef der FAZ lehrte er an Universit&amp;auml;ten und wurde 1984 Herausgeber      der Zeitschrift Merkur, dem angesehensten Periodikum deutschen Geisteslebens.      Mit seiner autobiografischen Erz&amp;auml;hlung &amp;raquo;Granatsplitter&amp;laquo; (Hanser Verlag)      deb&amp;uuml;tiert er jetzt als Belletrist. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style=&quot;float: left;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Ich habe einen romantischen Blick«</dc:subject>
    <dc:creator>Sven Michaelsen (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-10-10T12:00:00+01:00</dc:date>
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    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38429</link>
    <title>»Ich bin erst mit Mitte 70 ein wirklicher Mensch geworden«</title>
    <description>&lt;p&gt;Seit ihr Mann Ernst Jandl gestorben ist, lebt die Schriftstellerin      Friederike Mayr&amp;ouml;cker fast nur noch in der Welt ihrer Texte. Ein Gespr&amp;auml;ch      &amp;uuml;ber das Weitermachen.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/305345/50999.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;/strong&gt;Friederike Mayr&amp;ouml;cker wartet im &amp;raquo;Hotel Imperial&amp;laquo; in Wien. Ende August, es      ist hei&amp;szlig;, trotzdem sitzt sie nicht wie die anderen auf der Terrasse,      sondern drinnen im Caf&amp;eacute;, ganz still und ins Abseits gekauert, mehr Wesen      als Mensch. Wie immer ist sie bis auf die wei&amp;szlig;en Romika-Schuhe ganz in      Schwarz gekleidet, selbst die Augen hat sie dick mit Kajal eingerahmt.      &amp;raquo;Gr&amp;uuml;&amp;szlig; Gott&amp;laquo;, sagt sie leise, schaut auf und l&amp;auml;chelt. Ein Blick in diese 87      Jahre alten Augen gen&amp;uuml;gt, und man wei&amp;szlig;: Das hier wird kein Interview,      sondern eine - sie wird es am Ende selbst so nennen - seelische Sitzung.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin:      Es gibt einen Dokumentarfilm &amp;uuml;ber Sie mit dem Titel Das &lt;em&gt;Schreiben und das      Schweigen.&lt;/em&gt; Sie reden nicht gern, stimmt&amp;rsquo;s?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Friederike Mayr&amp;ouml;cker:&lt;/strong&gt; Ja, ich f&amp;uuml;hle mich nur am Leben, wenn ich schreibe. Seit ich 15 bin,      explodiert es jeden Tag in mir. Mein Kopf ist so voll, und alles muss      raus, ich kann nicht anders.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie k&amp;ouml;nnten auch mit einer guten Freundin      sprechen. &lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Schon, aber ich spreche auch nicht so gut. Meine      Mutter war eine stille Person, mein Vater auch. &amp;raquo;Kind, wie &amp;nbsp;geht&amp;rsquo;s dir,      erz&amp;auml;hl doch mal&amp;laquo;, das war bei uns nicht &amp;uuml;blich. Also habe ich auch wenig      gesprochen, eigentlich fast gar nichts. In der Schule war ich scheu, nur      ganz selten habe ich mich getraut, den Finger zu heben.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was st&amp;ouml;rt Sie      am Sprechen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dass ich nicht genug Zeit zum &amp;Uuml;berlegen habe. Zu Hause am      Schreibtisch w&amp;uuml;rde ich die Dinge ganz anders formulieren. Au&amp;szlig;erdem stimmt      das doch alles gar nicht, was man den ganzen Tag so spricht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Warum      haben Sie sich dann auf dieses Gespr&amp;auml;ch eingelassen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil die      Journalisten, die zu mir kommen, oft ganz nett sind. Und manchmal gelingt      es ihnen sogar, die Dinge, die ich sage, so anzuordnen, dass sie stimmen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie      werden im Dezember 88 Jahre alt. F&amp;auml;llt Ihnen das Leben schwerer als noch      vor zehn Jahren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, mit 77 war ich noch ziemlich frisch. Im Moment      habe ich eine Arthrose an den F&amp;uuml;&amp;szlig;en. Ich kann nicht mehr rasch gehen.      Dicke B&amp;uuml;cher schaffe ich auch nicht mehr. Ich bin langsam geworden. Gott      sei Dank nicht beim Denken und Schreiben. Ich arbeite jeden Morgen, bis      ich sp&amp;uuml;re, dass ich aufh&amp;ouml;ren muss, weil der Blutdruck auf 200 ist.&lt;br /&gt;&amp;raquo;K&amp;ouml;rperruine&amp;laquo;,      &amp;raquo;Monster im Spiegel&amp;laquo; - kommt alles in Ihren Texten vor. So      nehme ich mich nun mal wahr und es gef&amp;auml;llt mir nicht. Trotzdem bin ich nur      &amp;auml;u&amp;szlig;erlich das alte Weib, das durch die Stra&amp;szlig;en humpelt, innerlich bin ich      immer noch das 17-j&amp;auml;hrige M&amp;auml;dchen, das in Deinzendorf barfu&amp;szlig; &amp;uuml;ber die      Wiese l&amp;auml;uft. Ich glaube, ich habe eine Kinderseele. Kann man das so sagen?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;St&amp;ouml;rt      Sie das Altwerden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, man sieht es mir nicht an, aber ich bin      furchtbar eitel. Wenn ich vor zwanzig Jahren einen Preis bekommen habe,      bin ich sofort in die Stadt und habe mir was H&amp;uuml;bsches gekauft. Ich war      verr&amp;uuml;ckt nach Mode. Aber heute? Eine fast 100-J&amp;auml;hrige, die sich Mode      kauft, das w&amp;auml;re obsz&amp;ouml;n. Glauben Sie mir, &amp;Auml;lterwerden ist furchtbar. M&amp;auml;nner      haben es nicht so schwer. Denken Sie mal an Samuel Beckett. W&amp;uuml;rden Sie den      auch fragen, wie alt er ist und ob er ein Problem damit hat? Eher nicht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Warum      nicht? &amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil alte M&amp;auml;nner, vor allem K&amp;uuml;nstler, mehr W&amp;uuml;rde haben      als wir Frauen. Haben Sie Becketts Gesicht vor Augen? Was hat dieser Mann      f&amp;uuml;r eine W&amp;uuml;rde besessen. Er hatte das Gl&amp;uuml;ck, gut zu altern. Und      welche K&amp;uuml;nstlerin ist gut gealtert? Mir f&amp;auml;llt keine ein. Und ich selbst      schaffe es auch nicht. Sie wissen, dass ich 50 Jahre mit dem      Schriftsteller Ernst Jandl zusammengelebt habe? Er war in den letzten      Jahren sehr von Alter und Krankheit gezeichnet, aber es war ihm egal, er      hat sogar Scherze dar&amp;uuml;ber gemacht. &amp;raquo;Schau mal, wie ich ausschaue&amp;laquo;, hat er      immer gesagt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein paar Jahre nach seinem Tod im Jahr 2000 sagten Sie:      &amp;raquo;Die L&amp;uuml;cke schlie&amp;szlig;t sich nicht.&amp;laquo; Hat sie sich inzwischen geschlossen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sagen      wir so, das Gef&amp;uuml;hl ist milder geworden. Kurz nach seinem Tod war ich davon      &amp;uuml;berzeugt, nie mehr schreiben zu k&amp;ouml;nnen, so ausgeleert war ich. Heute ist      er punktuell sogar bei mir. Er kommt, wann er will, oft f&amp;uuml;r eine halbe      Stunde, dann ist er ganz da, so dass ich ihn sp&amp;uuml;ren kann. Wissen Sie, kurz      bevor er gestorben ist, habe ich ein paar ganz gute Gedichte geschrieben      und hatte keine Ahnung, dass er zwei Tage sp&amp;auml;ter nicht mehr da sein w&amp;uuml;rde.      Was f&amp;uuml;r eine Gef&amp;uuml;hllosigkeit, oder? Das kann man nur Gef&amp;uuml;hllosigkeit      nennen. Ich war so innig mit ihm und habe nicht gesp&amp;uuml;rt, dass es seine      letzten Tage sind.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kommt es vor, dass Sie ihn um Hilfe bitten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja,      wenn ich was nicht finde, eine Tasse oder Schere, dann sage ich: &amp;raquo;Ernst,      wenn du noch irgendwo bist, mach, dass ich dieses Ding finde.&amp;laquo; Ich kann      mich noch gut an einen Sommerabend erinnern, wenige Wochen nach seinem      Tod. Ich war zu Hause und hatte alle Fenster offen, als eine riesige      Libelle zum Fenster hereingeflogen kam. Sie flog durch den Raum,      versteckte sich in einer Ecke und blieb da, bis sie zu einer Mumie      geworden und vertrocknet ist. Damals habe ich geglaubt, dass er das ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vermissen      Sie ihn?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich, ich habe eine riesige Sehnsucht nach Liebe, ich      verliebe mich auch st&amp;auml;ndig. Als Ernst noch gelebt hat, hat er das      aufgefangen. Heute kommt die Liebe ganz pl&amp;ouml;tzlich, meistens &amp;uuml;ber      die Augen, &amp;uuml;ber den Blick. Ich verliebe mich in Menschen und Tiere, ganz      egal ob sie mich widerlieben. Das macht mir nichts aus. Ich will ja gar      nichts von denen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kommt es vor, dass Sie mit 87 Jahren Dinge auf einmal      ganz anders sehen als Ihr ganzes Leben zuvor?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich glaube, dass ich      heute mehr vom Leben und den Menschen verstehe. Ich bin erst mit Mitte 70      ein wirklicher Mensch geworden. Vorher war ich egoistisch, ohne Mitgef&amp;uuml;hl      f&amp;uuml;r meine Mitmenschen, vor allem f&amp;uuml;r meine Mutter, die ich hei&amp;szlig; geliebt      habe. Trotzdem, wenn ich bei ihr war und sie mich gebeten hat, noch ein      bisserl zu bleiben, bin ich nach Hause, um zu schreiben. Kurz vor ihrem      Tod hat sie gesagt: &amp;raquo;Wei&amp;szlig;t du, Friederike, eigentlich habe ich nur f&amp;uuml;r      dich gelebt.&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie deswegen ein schlechtes Gewissen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja,      weil ich gemerkt habe, dass es die Wahrheit ist. Trotzdem konnte ich      meinen Schreibdrang nicht abstellen. Oft musste ich einen Absatz unbedingt      zu Ende bringen, dabei h&amp;auml;tte sie sich so gefreut. Drei&amp;szlig;ig Minuten h&amp;auml;tten      gereicht. Nur ein bisserl sitzen bleiben. Ich habe es nicht geschafft.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie      waren besessen vom Schreiben. &amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich bin es immer noch, aber fr&amp;uuml;her      war ich egoistisch, und je weiter ich zur&amp;uuml;ckdenke, desto r&amp;uuml;cksichtsloser      sehe ich mich. Heute habe ich keine Familie mehr. Alle sind gestorben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;F&amp;uuml;hlen      Sie sich einsam?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In manchen Stunden ja, vor allem am Wochenende, wenn      die Gesch&amp;auml;fte geschlossen haben und keine Post kommt. Dann kann es      arg sein. Ich kriege so gern Post. An solchen Tagen werde ich mir meiner      Einsamkeit bewusst. Dann schreibe ich Briefe oder gehe spazieren. Manchmal      versuche ich, jemanden anzurufen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum versuchen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil ich gehemmt      bin. Eigentlich will ich niemanden belasten. Kann doch niemand was daf&amp;uuml;r,      dass es mir elend geht. Wissen Sie, manchmal bin ich eine Raunzerin. Dann      jammere ich, wie alt ich bin und dass es sicher bald aus sein wird. Ich      werde dann von einer Sentimentalit&amp;auml;t &amp;uuml;berfallen, dass ich mich sofort      hinsetzen und schreiben muss, um dieses Gef&amp;uuml;hl wegzudr&amp;uuml;cken.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sind      Sie traurig, dass Sie keine Kinder haben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich w&amp;auml;re es sch&amp;ouml;n,      jetzt einen Sohn oder eine Tochter zu haben, aber ich bereue nichts, weil      ich sonst mein Schreiben bereuen m&amp;uuml;sste, und das tue ich nicht, weil ich      ohne Schreiben nicht leben kann, aber warten Sie, ich glaube, ich muss      mich messen, es ist wieder so weit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Es dauert eine Weile, bis sie ihr      Blutdruckmessger&amp;auml;t gefunden hat, so viel Zeug hat sie dabei: eine      Handtasche, eine Plastikt&amp;uuml;te, einen kleinen Rucksack, au&amp;szlig;erdem einen      Schirm, einen gro&amp;szlig;en Notizblock und ihr letztes Buch - &amp;raquo;weil ich schon      nicht mehr wei&amp;szlig;, was drinsteht.&amp;laquo; Dann hat sie es. Schnallt sich die      Manschette um, misst, wartet: 160 zu 90. &amp;raquo;Das geht noch&amp;laquo;, sagt sie.      &amp;raquo;Ich versuche noch 30 Minuten, ja?&amp;laquo;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;In Ihrem Buch &lt;em&gt;Br&amp;uuml;tt      oder die seufzenden G&amp;auml;rten&lt;/em&gt; hei&amp;szlig;t es: &amp;raquo;Ich habe alles verloren, vertan,      vers&amp;auml;umt &amp;hellip;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nat&amp;uuml;rlich hat man alles vers&amp;auml;umt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was      zum Beispiel?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe mich immer versteckt. Wenn ich an andere Autoren      denke, die mischen sich ein in gesellschaftliche und politische Fragen.      Ich interessiere mich nicht so f&amp;uuml;r die Au&amp;szlig;enwelt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lesen Sie      auch nicht Zeitung?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Manchmal &lt;em&gt;Die Zeit&lt;/em&gt;, wenn ich im Kaffeehaus bin, aber      nur das Feuilleton.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krieg in Syrien, Euro-Krise, das kriegen Sie alles      gar nicht mit?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich nehme es wahr, lese die &amp;Uuml;berschriften, die ersten      Zeilen, aber ich bleibe nicht dabei. Nat&amp;uuml;rlich denke ich mir, wie      entsetzlich das alles ist, aber im Grunde geht es mich nichts an. Da ist      schon noch ein gro&amp;szlig;es St&amp;uuml;ck Egoismus in mir. Daf&amp;uuml;r gehen mir      Einzelschicksale umso n&amp;auml;her.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zum Beispiel?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gesichter auf der      Stra&amp;szlig;e. Ich schaue sie an und versuche zu ahnen, was in den Menschen      vorgeht. Oft sp&amp;uuml;rt man schon am Gang, wie es einem Menschen geht. Bei mir      im Haus lebt eine Frau, die nenne ich die kleine heilige Frau. Sie kommt      aus dem Kosovo, ist eine ganz stille Person und haust in einer winzigen      Wohnung. Wenn wir uns begegnen, umarmt sie mich immer. Der stecke ich ab      und an ein wenig Geld zu, vor allem im Winter, wenn sie heizen muss. Ich      konnte ja selbst nie vom Schreiben leben, kann es heute noch nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber      Sie z&amp;auml;hlen zu den ganz gro&amp;szlig;en Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, 2004      wurden Sie als Favoritin f&amp;uuml;r den Literatur-Nobelpreis gehandelt.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aber      meine B&amp;uuml;cher hatten immer kleine Auflagen. Ein paar Tausend pro Buch      vielleicht. Genau wei&amp;szlig; ich es nicht. Die gro&amp;szlig;en Herren bei Suhrkamp nehmen      mich nicht so wahr, der Enzensberger kennt mich, glaube ich, gar nicht.      Und gelebt habe ich vor allem von den Preisgeldern. Ich habe viele      Preise bekommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ist es nicht kr&amp;auml;nkend, wenn man als hochgelobte      Schriftstellerin seinen Lebensunterhalt nicht mit dem Schreiben bestreiten      kann?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe es immer hingenommen. Viele andere Autoren k&amp;ouml;nnen vom      Schreiben leben, auch mittelm&amp;auml;&amp;szlig;ige. Die Leute sagen, mein Werk sei      schwierig, ich frage mich, was sie meinen, ich verstehe jeden Satz.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Es      ist schon so, dass Ihre Prosa gro&amp;szlig;e Konzentration erfordert. Sie      erschlie&amp;szlig;t sich nicht auf Anhieb, sabotiert die Erwartungen des Lesers.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das      ist mir gar nicht bewusst, aber ich ahne, was Sie meinen. Und es ist ja      nicht so, dass ich nicht verstanden werden m&amp;ouml;chte. Es gibt sogar Momente,      in denen ich dar&amp;uuml;ber nachdenke, was wohl die Leser zu einem bestimmten      Satz sagen werden. Trotzdem w&amp;uuml;rde ich ihn nie deswegen &amp;auml;ndern. Er kann nur      so lauten, wie er da steht. Mir geht es immer nur um die Sprache. Um ihre      Funktionsweise, vor allem ihre Sch&amp;ouml;nheit. Handlung, Botschaft,      interessiert mich alles nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Titel auf der Toilette und Schreibrausch im Bett&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/305345/50995.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihr letztes Buch tr&amp;auml;gt den Titel &lt;em&gt;Ich      sitze nur grausam da&lt;/em&gt;. Wie kommt man auf so was?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es ist l&amp;auml;cherlich, aber      dieser Titel kam mir in den Sinn, als ich aus der Toilette gekommen bin.      Auf einmal sehe ich diese W&amp;ouml;rter vor mir, h&amp;ouml;re ihren Klang und wei&amp;szlig;, das      ist der Titel. Das muss gar keinen Sinn ergeben.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Aber dann verkommt die      Sprache doch zu einem sinnlosen Spiel.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sie ist kein Spiel, sondern      bitterer Ernst. Es geht um die Wahrheit. Um die Wahrheit der Sprache. Und      wehe, ich mache einen Fehltritt und weiche von ihr ab, das ist furchtbar.      Zum Gl&amp;uuml;ck passiert es mir kaum noch.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was kann so einen      Fehltritt ausl&amp;ouml;sen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn ich einen guten Schriftsteller intensiv      lese, denke ich oft, der kann mehr als ich, und versuche, seinen Stil zu      kopieren. Bei Derrida geht es mir oft so.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Auch bei Ernst Jandl?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein.      Ernst hat ja vor allem Gedichte geschrieben. Er hat mir oft vorgelesen,      was er geschrieben hat, und gesagt: &amp;raquo;So, jetzt musst du kritisieren. Ist      es gut? Soll ich was &amp;auml;ndern?&amp;laquo; Mir hat fast immer gefallen, was er      geschrieben hat, aber er hat mir nicht geglaubt und meinte, dass ich ihn      nur tr&amp;ouml;sten will.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Was war das Faszinierende an ihm?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Er war      intellektuell, konnte aber trotzdem seine Gef&amp;uuml;hle ganz offen zeigen. Ich      mochte immer gescheite M&amp;auml;nner. Wenn wir G&amp;auml;ste hatten, hat fast immer nur      er gesprochen, und ich konnte mich zur&amp;uuml;ckziehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben 23      Jahre als Englischlehrerin gearbeitet, sich aber mit 45 vom Dienst      befreien lassen. Warum?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil ich den Kindern nicht sagen wollte, was      sie zu schreiben und denken haben. Ich glaube, dass mich einige von      ihnen ganz gern hatten, aber den Beruf mochte ich nie. Am schlimmsten fand      ich, dass ich vormittags arbeiten musste. Das ist meine beste Zeit, da      will ich schreiben - und musste doch jeden Tag mit der Tram nach Simmering      rausfahren. Ich sa&amp;szlig; in dieser Bahn und hatte nur einen Gedanken: was ich      in diesem Moment alles schreiben k&amp;ouml;nnte.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie sieht ein normaler      Dienstag im Leben von Friederike Mayr&amp;ouml;cker aus?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es gibt      verschiedene Varianten: Manchmal bin ich schon um f&amp;uuml;nf Uhr wach. Dann      fange ich an, im Bett mit der Hand zu schreiben. Nach einer Stunde bin ich      so kaputt, dass ich noch mal schlafen muss, bevor ich weiterarbeite.      Manchmal habe ich beim Aufwachen Magenschmerzen und so hohen Blutdruck,      dass ich nicht arbeiten kann. Dann wei&amp;szlig; ich, der Tag ist verloren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum      so fr&amp;uuml;h? &amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Meine Zeit ist der Vormittag, da ist der Traum der      Nacht noch in mir. Ich tr&amp;auml;ume in W&amp;ouml;rtern und S&amp;auml;tzen, dann wache ich auf      und muss alles aufschreiben. Damit nichts verloren geht, liegen Stift und      Zettel neben mir auf dem Nachtkasterl, das sind riesige Zeichenbl&amp;auml;tter,      die nehme ich quer und schmiere drauflos.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Klingt wie ein Rausch&lt;/strong&gt;.&lt;br /&gt;Das      kann man schon so sagen. Ich bin beim Schreiben total von der Au&amp;szlig;enwelt      abgeriegelt, fast high, als ob ich mich in tiefes Wasser begebe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sind      Sie gl&amp;uuml;cklich, wenn Sie schreiben? &amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;Uuml;bergl&amp;uuml;cklich. Schreiben      ist reflektiertes Leben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie lange arbeiten Sie pro Tag?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Drei bis      vier Stunden, aber nur am Vormittag. Ins Bad gehe ich erst, wenn ich      fertig bin, also gegen Mittag. Wenn mich jemand um halb zw&amp;ouml;lf anruft und      denkt, ich bin gewaschen und angezogen, dann ist er falsch beraten. Erst      wird geschrieben.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Gibt es kein Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ck?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das l&amp;auml;uft      nebenher. Ein Tee, ein Br&amp;ouml;ckerl Kuchen. Ich schreibe, w&amp;auml;hrend ich esse.      Bei mir l&amp;auml;uft auch immer die gleiche Musik, Bach, Satie, John Dowland,      mehr CDs habe ich nicht. Am Nachmittag suche ich mir dann was zu essen,      und weil ich nicht kochen kann, gehe ich in ein Beisl. Mit dem Taxi hin,      zu Fu&amp;szlig; zur&amp;uuml;ck, damit ich ein bisserl Bewegung habe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben      mal gesagt: &amp;raquo;Ich komme beim Schreiben so nah an die Wirklichkeit heran,      dass es mir den Atem verschl&amp;auml;gt.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn ich schreibe, kommt      mir das, was ich beschreiben will, so nahe, als ob es mir gegen&amp;uuml;bersitzt.      Oft heule ich beim Schreiben, weil ich mich so gut in alles hineinversetzen kann. Menschen, Tiere, ganz egal, mit allem, was mir nahe      ist, kann ich mich v&amp;ouml;llig identifizieren. Ich bin dann dieses Ding.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;So      viel Empathie kann auch belasten.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich kann nicht sagen, dass es mir      Freude macht, aber es befriedigt mich. Wenn ich durch die Stra&amp;szlig;en gehe,      schauen mich alle Hunde an. Und jeder dieser Hunde ist mein Hund, ja      eigentlich bin ich es selbst, der da traurig aus dem Fell rausschaut. Ich      kann sehen, wenn Hunde weinen, egal ob Mensch, Tier oder Ding, alles      spricht zu mir.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Auch die Natur?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja. Gestern habe ich einen riesigen      Baum im Volksgarten gesehen, der war so majest&amp;auml;tisch und &amp;uuml;berw&amp;auml;ltigend,      dass ich fast heulen musste. Ich habe dr&amp;uuml;ber nachgedacht, was zwischen      diesen Zweigen alles lebt: die V&amp;ouml;gel, die K&amp;auml;fer. Ich habe den Baum eine      halbe Stunde angeschaut. Weil dieser Baum - der bin ich ja auch.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was      w&amp;uuml;rde passieren, wenn Sie eines Tages nicht mehr schreiben k&amp;ouml;nnen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich      w&amp;uuml;rde depressiv werden. Ich bete jeden Tag, dass ich weiterschreiben kann.      Ich arbeite seit Monaten an einem Buch, das ich einfach nicht abschlie&amp;szlig;en      kann. Es ist fertig, glaube ich, aber ich traue mich nicht. Ich bin au&amp;szlig;er      Stande, mir vorzustellen, was danach kommt.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wovor haben Sie      Angst?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vor dem Tod.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Weil Sie nicht mehr da sind oder nicht mehr      schreiben k&amp;ouml;nnen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beides. Wir wissen nicht, was nach dem Leben      geschieht, aber wahrscheinlich kann man nicht das machen, was man gerne      macht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Woran h&amp;auml;ngen Sie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;An der Natur. Sie ist etwas, in das      ich mich hineinsteigern kann, weil sie so uneitel ist. B&amp;auml;ume und Tiere      sind so uneitel.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Au&amp;szlig;er dem Pfau.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der ist auch uneitel. Es liegt      in seiner Natur, ein Rad zu schlagen. Wirklich, ich bin verliebt in die      Natur, vor allem in die Abfolge der Jahreszeiten. Immer wieder kommt      ein Fr&amp;uuml;hling, und noch ein Fr&amp;uuml;hling, und noch ein Fr&amp;uuml;hling und noch ein      Sommer und noch ein Herbst. Ich lebe so gern. Der Abschied wird mir      schwerfallen.     &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/305345/50997.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;Friederike Mayr&amp;ouml;cker&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;z&amp;auml;hlt zu den bedeutendsten      Schriftstellerinnen unserer Zeit. Von 1954 bis 2000 hat sie mit dem Schriftsteller Ernst Jandl zusammengelebt, ihrem &amp;raquo;Hand- und      Herzgef&amp;auml;hrten&amp;laquo;. Sie ist 87 Jahre alt und hat ihr ganzes Leben in Wien      verbracht. Ihre beiden letzten B&amp;uuml;cher hei&amp;szlig;en &amp;raquo;Von den Umarmungen&amp;laquo; und &amp;raquo;Ich      sitze nur grausam da&amp;laquo;. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Ich bin erst mit Mitte 70 ein wirklicher Mensch geworden«</dc:subject>
    <dc:creator>Tobias Haberl (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-09-19T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38425">
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    <title>»Die Leute mögen sich über Gewaltszenen in meinen Büchern aufregen, ich sage ihnen: Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer«</title>
    <description>&lt;p&gt;Krimiautor Don Winslow &amp;uuml;ber Sex, Drugs und Oliver Stone.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/305345/50973.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;SZ-Magazin: Herr Winslow, Hollywood macht Sie diesen Herbst ber&amp;uuml;hmt, aber      Sie geben Interviews am liebsten am Telefon. W&amp;uuml;rden Sie gern unbekannt      bleiben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Don Winslow:&lt;/strong&gt; Ich bin gerade bei meiner Mutter zu Besuch, in      Rhode Island, deswegen telefoniere ich lieber.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie      schreiben Bestseller-Krimis, einen hat Oliver Stone gerade verfilmt. Er      erz&amp;auml;hlt oft, wie schwierig es war, einen Verleih f&amp;uuml;r &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt; zu      finden, der in den USA nicht jugendfrei zu sehen ist. Zeigt der Kinofilm      f&amp;uuml;r Jugendliche zu viel Gewalt oder zu viel Sex?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Drei Themen      haben fast automatisch f&amp;uuml;r die Altersbeschr&amp;auml;nkung gesorgt: Drogenhandel      und einige Gewalt- und Sexszenen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Fangen wir mit dem Thema Gewalt      an.&lt;em&gt; Savages&lt;/em&gt; erz&amp;auml;hlt die Geschichte von drei jungen Leuten aus der      kalifornischen Surferszene, die Gras im Keller anbauen, bis ein      mexikanisches Drogenkartell ihr kleines Gesch&amp;auml;ft &amp;uuml;bernehmen will. Warum      sind Buch und Film so brutal?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das wirklich Erschreckende an diesem      Buch ist, dass es der Wirklichkeit sehr nahe kommt. Die Enthauptungsszene      von einigen Dealern zu Beginn des Kinofilms wie des Romans - ich habe so      ein Video tats&amp;auml;chlich gesehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie bitte? Das      Kettens&amp;auml;genmassaker wurde auf Youtube ver&amp;ouml;ffentlicht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Man      hat es mir als E-Mail geschickt, wahrscheinlich stand es irgendwann auch      auf Youtube. Die Kartelle nutzen nat&amp;uuml;rlich auch soziale Medien, um die      Menschen einzusch&amp;uuml;chtern. Und das war beileibe nicht der grausamste      Videoclip, auf den ich bei meiner Recherche gesto&amp;szlig;en bin, ich will das      jetzt gar nicht vertiefen. Die Leute m&amp;ouml;gen sich &amp;uuml;ber die Gewaltszenen in &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt; aufregen,      ich muss ihnen leider entgegnen: Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Thema      zwei in &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt;: die Drogen. Wie lange haben Sie f&amp;uuml;r Ihre      Surfersaga &amp;uuml;ber den Marihuana-Handel recherchiert?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nicht mehr      so lang, ich konnte ja viel Recherchematerial wiederverwenden aus meinem      Buch &lt;em&gt;Tage der Toten&lt;/em&gt;, das ich &amp;uuml;ber den Kokainhandel geschrieben      habe, daran hatte ich f&amp;uuml;nf Jahre lang gearbeitet. Ich musste nur einiges      &amp;uuml;ber die Biologie von Marihuana lernen, wie man es anpflanzt. Die ganzen      Surfergeschichten kannte ich schon, ich wusste, wer die Leute sind, die      Marihuana rauchen, ich habe lange genug in S&amp;uuml;dkalifornien gelebt. Generell      war es eher so, dass ich mein Wissen nur auffrischen musste, und das war      deprimierend: Ich habe wirklich geglaubt, in &lt;em&gt;Tage der Toten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;das      Schlimmste schon verarbeitet zu haben. Doch seitdem sind die Dinge noch      viel schlimmer geworden, schon allein wenn man an die Drogengewalt in      Mexiko denkt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie mit Dealern gesprochen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht      einer Hand voll.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mit mexikanischen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Auch, in der Zeit, als      ich an &lt;em&gt;Tage der Toten&lt;/em&gt; arbeitete.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gab es tats&amp;auml;chlich ein      Kartell, das von einer Frau geleitet wird?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das gibt es immer noch.      Und es ist genauso, wie ich es in &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt; beschrieben habe: Sie hat      als Witwe die Gesch&amp;auml;fte ihres ermordeten Mannes &amp;uuml;bernommen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Machen      Sie immer noch in Mexiko Urlaub?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aus Angst oder      Wut?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mehr aus Wut, aber ich h&amp;auml;tte sicherlich auch einige Bedenken,      heute noch nach Mexiko zu fahren. Die Recherche zu &lt;em&gt;Tage der Toten&lt;/em&gt; hat      mein ganzes Leben ver&amp;auml;ndert. Aber eines muss ich klarstellen: Wir      sprechen immer vom mexikanischen Drogenproblem - das ist nat&amp;uuml;rlich eine      irrige Bezeichnung: Es handelt sich um ein amerikanisches Drogenproblem.      Wir sind diejenigen, die Drogen kaufen, wir finanzieren die Gewalt. Ich      m&amp;ouml;chte wirklich nicht mit dem Finger Richtung S&amp;uuml;den zeigen und Mexiko      als b&amp;ouml;se beschimpfen. Der S&amp;uuml;den h&amp;auml;tte allen Grund, auf uns zu zeigen.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Oliver      Stone sagt, er rauche ab und an einen Joint. Sie auch?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht      ein, zwei Mal als Jugendlicher. Aber ich rauche nicht und trinke nicht.      Meine einzige Droge hei&amp;szlig;t Kaffee.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Warum waren Sie nie anf&amp;auml;llig?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die      Wirklichkeit ist schon erschreckend genug. Ich wei&amp;szlig; es nicht. Es ist      einfach nicht mein Ding, ich mag es nicht. Manchmal begleite ich meine      Frau in eine Bar auf ein Glas Wein.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Oliver Stone ist ein      Bef&amp;uuml;rworter der Legalisierung von weichen Drogen. Wie stehen Sie dazu?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Man      sollte lieber die gesundheitssch&amp;auml;dlichen Aspekte herausstellen statt alle      Drogen zu kriminalisieren. Meine Gr&amp;uuml;nde daf&amp;uuml;r sind eher pragmatisch: Die      amerikanische Drogenpolitik funktioniert nicht. Der Krieg gegen Drogen      wurde vor beinahe 40 Jahren erkl&amp;auml;rt. Man hat Milliarden von Dollars      ausgegeben, und damit Soziopathen aus den mexikanischen Kartellen      Starthilfe geleistet, ohne dass sich der Konsum einen Deut verringert      h&amp;auml;tte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Thema drei in &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt;: der Sex. In allen Ihren      B&amp;uuml;chern fallen Sexpassagen generell recht deutlich aus.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Im      Vergleich mit anderen Krimischriftstellern bewege ich mich da      wahrscheinlich eher in einem Randbereich, aber beileibe nicht am      &amp;auml;u&amp;szlig;ersten.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wie muss eine gelungene Sexszene geschrieben      sein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich halte Sexszenen f&amp;uuml;r genauso schwierig wie Actionszenen:      Beide sind am besten, wenn sie etwas &amp;uuml;ber den Charakter der Figuren      aussagen, wenn man etwas &amp;uuml;ber sie erf&amp;auml;hrt, wenn die Szene aus mehr als nur      aus Verben besteht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Schwester Kristine Rolofson schreibt      romantische Liebesromane. Was sagt sie zu den einschl&amp;auml;gigen Stellen im      Film oder in Ihren Romanen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich kann mich nicht erinnern, dass wir      je dar&amp;uuml;ber gesprochen h&amp;auml;tten. Das w&amp;auml;re wohl auch eine ziemlich      ungew&amp;ouml;hnliche Unterhaltung mit der eigenen Schwester. Sie schreibt      Liebesromane, ich Krimis, beide bedienen wir Genres, allerdings ziemlich      unterschiedliche. Sie schreibt auch &amp;uuml;ber Sex, nur etwas anders als ich.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie      meinen, Ihre Schwester schreibt nicht so viel wie Sie &amp;uuml;ber Sex auf Marihuana oder Sex auf Kokain?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beides kenne ich auch nur vom      H&amp;ouml;rensagen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nehmen die Charaktere in Ihren B&amp;uuml;chern Drogen, um      ihr Sexleben zu verbessern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ben, Chon und Ophelia aus &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt; waren      die Einzigen bisher. Normalerweise tun meine Figuren das nicht.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Zerst&amp;ouml;ren      die Drogen Ihre drei Helden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nicht der Drogenkonsum, auch nicht der      Sex zerst&amp;ouml;rt sie, sondern all das, was mit dem Handel von Drogen      einhergeht. Meine Figuren glauben ganz naiv und wohl auch etwas arrogant,      sie &amp;nbsp;k&amp;ouml;nnten in diesem Gesch&amp;auml;ft mitmischen, ohne sich die H&amp;auml;nde schmutzig      zu machen. Sie m&amp;uuml;ssen lernen, dass sie in dieser Welt nicht ohne Gewalt      auskommen, die Gewalt zerst&amp;ouml;rt sie, nicht allein der Konsum.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre      Dreierbeziehung scheitert nicht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Alle drei Charaktere kommen aus      kaputten Familienverh&amp;auml;ltnissen und bilden ihre eigene Ersatzfamilie. Sie      sind ehrlich genug, damit das funktionieren kann. Niemand muss sich aus      Verzweiflung mit dem Auto in einem See ertr&amp;auml;nken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben      also den Film &lt;em&gt;Jules und Jim&lt;/em&gt; gesehen, Truffauts Version einer      M&amp;eacute;nage-&amp;agrave;-trois?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wer &amp;uuml;ber eine Dreierbeziehung schreibt,      w&amp;auml;re ganz sch&amp;ouml;n dumm, sich &lt;em&gt;Jules und Jim&lt;/em&gt; nicht anzusehen.      Ich habe viel von Truffaut und Godard gesehen, als ich &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt; schrieb.      Das mag sich jetzt etwas hochtrabend anh&amp;ouml;ren, aber ich wollte mit meinem      Buch die Grenzen des Krimigenres sprengen, allein deswegen interessierten      mich die Filme der Nouvelle Vague, die das schon einmal f&amp;uuml;r den Film      vorgemacht hatten. Ich suchte nach Ideen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie verletzen gern      Genreregeln.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Krimigenre hat in den letzten Jahren eine Reihe von      Unterteilungen entwickelt, die Grenzen werden dabei immer enger. Eine      Regel lautet: Man darf die Perspektive nicht innerhalb eines Kapitels      &amp;auml;ndern. Warum denn nicht? Ich &amp;auml;ndere die Perspektive mitten im Satz, wenn      ich das Gef&amp;uuml;hl habe, die Kurve zu kriegen. Wenn es funktioniert, dann      funktioniert es. Gl&amp;uuml;cklich ist, wer f&amp;uuml;nf B&amp;auml;lle jonglieren kann. Man muss      manchmal die Ellenbogen ausfahren, um sich ein wenig Platz zu machen. Wie      ein Fu&amp;szlig;ballspieler, wenn er zu eng gedeckt wird. Ein anderes Beispiel, das      mir gerade heute fr&amp;uuml;h durch den Kopf ging: Im Thriller muss der Held auf      Seite eins in t&amp;ouml;dliche Gefahr geraten - oder das Buch ist kein Thriller.      Aber wer hat die Regel eigentlich aufgestellt? Ich habe keinen Moses mit      den Regeln in der Hand vom Berg herabsteigen sehen. In&lt;em&gt; Frankie Machine&lt;/em&gt;,      einem &amp;auml;lteren Krimi von mir, passiert 60 Seiten lang erst mal      nichts. Ich lasse Frank mit seiner Tochter essen gehen und bei seiner      Ex-Frau die Sp&amp;uuml;lung reparieren. Mein Gef&amp;uuml;hl sagte mir: Man muss den Kerl      erst mal kennenlernen, bevor er in Gefahr ger&amp;auml;t, sonst bleibt er dem Leser      egal.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kein Lektor hat versucht, Ihnen bei &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt; irgendetwas      auszureden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es gab eine kleine Diskussion um Kapitel eins, das nur aus      zwei W&amp;ouml;rtern besteht. Den W&amp;ouml;rtern &amp;raquo;Fuck you&amp;laquo;. Die      ersten 14 Seiten habe ich in einem Rutsch geschrieben, ich wusste nicht,      ob der Beginn gut oder v&amp;ouml;llig verr&amp;uuml;ckt ist. Aber ich habe sie meinem      Freund Shane gezeigt, der meinte, ich solle alles stehen und liegen lassen      und weiterschreiben, solange mein Gehirn auf dieser Wellenl&amp;auml;nge funkt.      Nat&amp;uuml;rlich war ich sp&amp;auml;ter dann in Sorge, wie das Buch aufgenommen werden      w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nach &lt;em&gt;Savages&lt;/em&gt; schrieben Sie eine Art Vorgeschichte mit den      gleichen Helden: &lt;em&gt;Kings of Cool&lt;/em&gt; erscheint in K&amp;uuml;rze in Deutschland. Waren      Sie bei dem Buch &amp;auml;hnlich nerv&amp;ouml;s? &amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weniger. Wer einen      ersten Band nach dem zweiten schreibt, wei&amp;szlig;, dass er um den Verriss      f&amp;ouml;rmlich bettelt. Man ahnt, was die Leute einem unterstellen wollen: Der      will nur den Erfolg ausschlachten. Aber ich wusste, welches Buch ich      schreiben, welche Geschichte ich erz&amp;auml;hlen wollte und welche Form der      Stoff haben sollte.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kamen Sie nicht durcheinander, als Sie den ersten      Teil Ihrer kalifornischen Surfersaga nach dem zweiten schrieben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nicht      sehr. Die erz&amp;auml;hlte Handlung von &lt;em&gt;Savages &lt;/em&gt;ereignet sich innerhalb weniger Wochen. Dennoch war mir der Hintergrund meiner Personen immer pr&amp;auml;sent. Der      Stoff w&amp;uuml;rde mehr hergegeben, das wusste ich. Ich wollte gern die Umst&amp;auml;nde      schildern, in denen der Drogenhandel in Kalifornien irgendwann Ende der      Sechzigerjahre entstanden ist, ich wollte amerikanische Zeitgeschichte      beschreiben, erz&amp;auml;hlen, was das f&amp;uuml;r Konsequenzen f&amp;uuml;r viele betroffene      Hippiefamilien hatte, wie die kommunistischen Ideale in der      Eigentumswohnung landeten. Ich beschreibe gern, wie die Reise angefangen      hat und warum es dann so gekommen ist. Ich habe den zweiten Teil gro&amp;szlig;teils      vergessen, als ich am ersten schrieb.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie Teil drei auch schon      im Kopf?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich habe die letzten drei Jahre mit diesen Charakteren      zugebracht, wir brauchen jetzt alle etwas Abstand voneinander.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Vom Privatdetektiv zum Krimiautor&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/305345/50971.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
Sie      waren fr&amp;uuml;her einmal Privatdetektiv. Haben Sie eigentlich auch an      Drogenf&amp;auml;llen gearbeitet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eher nicht. Am Anfang habe ich in New      Yorker Kinos nach Taschendieben Ausschau gehalten. Sp&amp;auml;ter wurde ich auf      vermisste Personen angesetzt - alles nichts Dramatisches, ich war ein      kleiner Hund, dem man zurief: Such, fass! Man muss bei solchen Jobs eine      Menge Zeit totschlagen, wenn man im Zug oder irgendeinem Motelzimmer      sitzt. Ich habe damals jede Menge Krimis gelesen. Zuletzt habe ich in      Kalifornien an einigen F&amp;auml;lle von Versicherungsbetrug, Brandstiftung,      Industriespionage oder Mord gearbeitet.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Hatten Sie eine Waffe?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gelegentlich.      Ich habe sie aber nie benutzt. Gott sei Dank. Einmal hat jemand auf mich      gezielt, das war gruselig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum haben Sie mit dem Schreiben erst so      sp&amp;auml;t angefangen? Sie gingen schon auf die 40 zu, als Ihr erster Roman      ver&amp;ouml;ffentlicht wurde.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich k&amp;ouml;nnte jetzt sagen, dass ich ja damit      besch&amp;auml;ftigt war, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, und ich musste      wirklich hart f&amp;uuml;r meine Miete arbeiten. Aber nat&amp;uuml;rlich habe ich auch      Angst vor dem Scheitern gehabt. Versagensangst h&amp;auml;lt viele Menschen davon      ab, das zu tun, was man sich am meisten w&amp;uuml;nscht. Geschrieben habe ich ja,      seit ich sechs war, nur nicht ver&amp;ouml;ffentlicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Kinder-Krimis?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kleine      Westernst&amp;uuml;cke, die Kinder aus der Nachbarschaft auff&amp;uuml;hrten: &lt;em&gt;Daniel Boone      und Texas John ziehen mordend in den Westen, um mehr Platz f&amp;uuml;r ihre      Ellenbogen zu finden&lt;/em&gt;. Der Titel war fast l&amp;auml;nger als das ganze St&amp;uuml;ck.      Immerhin zahlten mir die anderen Kinder meine erste Gage: 25 Cent.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wann      haben Sie das n&amp;auml;chste Mal mit dem Schreiben Geld verdient?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Irgendwann      vor etwa 25 Jahren. Da war ich gerade in Afrika und habe Fotosafaris in      Kenia geleitet. Ich habe ja einen Universit&amp;auml;tsabschluss in      Afrikanischer Geschichte, mit dem ich mich als schwer vermittelbarer      Arbeitsloser qualifizierte, da nimmt man jeden Job an.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Inzwischen      lobt James Ellroy Ihre B&amp;uuml;cher. Welche Krimischriftsteller haben Sie in      Ihrer Zeit als Privatdetektiv gelesen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich erstelle ungern eine Liste      der Leute, die mich beeinflusst haben, weil ich f&amp;uuml;rchte, jemanden dabei zu      vergessen. Aber sch&amp;ouml;n: Elmore Leonard war sehr wichtig. Raymond Chandlers      &lt;em&gt;Der lange Abschied&lt;/em&gt; lese ich gerade zum f&amp;uuml;nften Mal. James Ellroy, T.      Jefferson Parker, mit dem ich inzwischen befreundet bin. Viele mehr. Und      es sind ja nicht nur Krimischriftsteller, die uns pr&amp;auml;gen: &lt;em&gt;Henry IV &lt;/em&gt;von      Shakespeare ist die grundlegende Mafiapaten-Geschichte. Charles Dickens      ist genauso wichtig f&amp;uuml;r die Krimigeschichte, habe ich nat&amp;uuml;rlich auch viel      gelesen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Surfen Sie noch jeden Tag?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich sitze jeden Morgen um halb      sechs mit einer Tasse Kaffee am Computer. Vier Stunden lang, danach renne      ich vier bis sechs Meilen oder ich gehe ins Wasser, je nachdem, wo meine      Frau und ich gerade sind. Ich mache inzwischen &amp;ouml;fter Bodysurfing, das ist      einfacher als Surfen, man ist nicht auf so hohe Wellen angewiesen, kann an      einsamere Str&amp;auml;nde gehen und braucht nur einen Anzug, mit dem man sich ins      Wasser schmei&amp;szlig;t. Und um vier, f&amp;uuml;nf setze ich mich wieder an die      Arbeit. Wenn ich meinen Romanrhythmus erreiche, wenn ich an einem      schwierigen Kapitel sitze, arbeite ich mehr und surfe weniger.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Wo      genau leben Sie eigentlich in Kalifornien?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In einem winzigen Nest      namens Julian, eine Stunde mit dem Auto von San Diego. Am Wochenende sind      wir oft in Dana Point, 40 Minuten n&amp;ouml;rdlich von San Diego, am Meer. Und      zwischendurch fahren wir oft nach Rhode Island, meine Mutter besuchen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie      fahren mit dem Auto? Haben Sie Flugangst?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe keine Flugangst, ich      hasse es nur. Ich hasse Flugh&amp;auml;fen, ich hasse es, meine Schuhe auszuziehen,      die H&amp;auml;lfte aller Fl&amp;uuml;ge hat Versp&amp;auml;tung, und man langweilt sich. Und Fahren      ist gro&amp;szlig;artig, ich liebe es. Man sieht Ecken des Landes, in die man sonst      nie gelangen w&amp;uuml;rde. Wunderbare Lokale.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre letzten Romane spielen      alle in Laguna Beach. &lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Ich liebe Kalifornien. Ich werde nicht      satt davon. Einige Orte habe ich tausend Mal gesehen, aber sie erregen      mich immer wieder und machen mich jedes Mal gl&amp;uuml;cklich. Ich bin &amp;uuml;berhaupt      ein sehr gl&amp;uuml;cklicher Mensch. Wirklich. Ich bin sehr dankbar, dass ich vom      Schreiben leben kann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Don Winslow&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;ist 58 Jahre alt und lebt in der N&amp;auml;he von San      Diego. Sein Roman &amp;raquo;Kings of Cool&amp;laquo; erscheint am 17. September auf Deutsch      im Suhrkamp Verlag. Der Film &amp;raquo;Savages&amp;laquo;, der nach dem gleichnamigen Roman      Winslows von Oliver Stone gedreht wurde, l&amp;auml;uft am 11. Oktober in      Deutschland an. Unter anderen spielen darin Salma Hayek, John Travolta      und Benicio Del Toro. Der Roman &amp;raquo;Savages&amp;laquo; erschien unter dem deutschen      Titel &amp;raquo;Zeit des Zorns&amp;laquo;. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Die Leute mögen sich über Gewaltszenen in meinen Büchern aufregen, ich sage ihnen: Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer«</dc:subject>
    <dc:creator>Lars Reichardt (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-09-17T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38005">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/38005</link>
    <title>»Gefoltert zu werden verändert einen Menschen für immer. Dein altes Selbst bekommst du nie wieder zurück«</title>
    <description>&lt;p&gt;Ein      Gespr&amp;auml;ch mit dem brasilianischen Bestseller-Autor Paulo Coelho. &amp;Uuml;ber sein Leben als Drogenabh&amp;auml;ngiger, Folteropfer, Satanist, Psychiatrieinsasse, Buchautor und vieles mehr.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49735.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;&lt;br /&gt;Kritiker bezeichnen Paulo Coelho gern als &amp;raquo;Schriftstellersimulation&amp;laquo;, doch      es gibt auf der ganzen Welt nur neun Autoren, die mehr B&amp;uuml;cher      verkauft haben als er. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin: Herr Coelho, kein lebender Schriftsteller hat eine kurvenreichere Biografie als Sie. Journalist, Theaterregisseur, Buchverleger, Plattenmanager, Songtexter, LSD- und Kokainjunkie, Folteropfer, Satanistenj&amp;uuml;nger, Psychiatrieinsasse, Autor von B&amp;uuml;chern, die sich 135 Millionen Mal verkauft haben: Was empfinden Sie, wenn Sie auf Ihre Vita zur&amp;uuml;ckblicken?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Paulo Coelho:&lt;/strong&gt; Zuerst Verbl&amp;uuml;ffung &amp;ndash; und dann gro&amp;szlig;e Fremdheit. Wenn ich im Internet auf einen Lebenslauf von mir sto&amp;szlig;e, denke ich: Was, diese Person sollst du sein? Beim Wiederlesen meiner B&amp;uuml;cher sage ich manchmal laut vor mich hin: &amp;raquo;Mein Gott, dieser Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela, das warst ja du!&amp;laquo; Der Mensch, dem ich da begegne, ist mir heute genauso fern wie der Paulo Coelho, der mal zwei Jahre lang Kommunist war.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In den Augen Ihrer Eltern waren Sie ein Problemkind. Mit 16 schickte man Sie zum Psychiater, mit 19 lie&amp;szlig; Ihr Vater Sie in einer Zwangsjacke in eine psychiatrische Anstalt bringen, wo Sie mehrere Wochen lang mit Psychopharmaka und Elektroschocks behandelt wurden. In Ihrer Krankenakte hie&amp;szlig; es: &amp;raquo;Patient mit schizoider Pers&amp;ouml;nlichkeit, sozialen und affektiven Kontakten gegen&amp;uuml;ber abweisend. Ist unf&amp;auml;hig, Gef&amp;uuml;hle auszudr&amp;uuml;cken und Freude zu empfinden.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich war ein Schulversager, der unter Einsamkeit, Schwermut und Verzweiflung litt &amp;ndash; aber ich war nicht geisteskrank! Konfusion, Verhaltensunsicherheit und Orientierungslosigkeit geh&amp;ouml;ren doch zur Definition von Jugend.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Hassten Sie Ihre Eltern wegen der Einweisung in die Psychiatrie?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Ich hatte eher Mitleid mit ihnen. Es muss traurig f&amp;uuml;r sie gewesen sein, einen Sohn wie mich zu haben. Die Eltern anzuklagen f&amp;uuml;hrt zu nichts. Sigmund Freud hat wichtige Entdeckungen gemacht, aber er war auch ein gro&amp;szlig;er Unheilsbringer. Er hat das blame game erfunden. Statt sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, bohrt man in der Vergangenheit herum und schiebt seine Malaisen auf Vater und Mutter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mit 14 entwickelten Sie die fixe Idee, ein hochgeachteter, in allen Erdteilen gelesener Schriftsteller zu werden.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich war ein asthmatischer Junge, der keine Muskeln hatte, nicht Fu&amp;szlig;ball spielen konnte und sich h&amp;auml;sslich f&amp;uuml;hlte. Die M&amp;auml;dchen schauten durch mich hindurch. Mich mit dem Schreiben von B&amp;uuml;chern aus dieser Schmach zu befreien wuchs sich zu einer Obsession aus. Mit jedem Tag, an dem ich wieder nichts geschrieben hatte, wurde meine &amp;Uuml;berzeugung st&amp;auml;rker, ein Schriftsteller zu sein. Auch als ich mich der Hippie-Bewegung anschloss und alle m&amp;ouml;glichen Drogen nahm, wusste ich in jeder Sekunde, dass ich einmal die B&amp;uuml;cher schreiben werde, die ich heute schreibe. Wer wei&amp;szlig;, vielleicht war mein Traum vom Weltruhm eine sich selbst erf&amp;uuml;llende Prophezeiung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In einem Ihrer fast 200 Tagebuchhefte aus dieser Zeit hei&amp;szlig;t es: &amp;raquo;Mein gro&amp;szlig;es Ideal: derjenige zu sein, der DAS Buch des Jahrhunderts geschrieben hat, DIE Gedanken des Jahrtausends, DIE Geschichte der Menschheit.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das klingt ziemlich megaloman, oder? Ich glaube aber, dass Selbst&amp;uuml;bersch&amp;auml;tzung und eine Dosis Gr&amp;ouml;&amp;szlig;enwahn notwendige Voraussetzungen f&amp;uuml;r Erfolg sind. Man l&amp;auml;dt mich gelegentlich zu Veranstaltungen ein wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Da h&amp;ouml;re ich Reden, in denen ber&amp;uuml;hmte Unternehmer und Spitzenmanager endlos &amp;uuml;ber Werte sprechen. Ich sage dann: &amp;raquo;Werte sind wichtig, aber vergesst euer gro&amp;szlig;es Ego nicht. Ihm habt ihr es doch haupts&amp;auml;chlich zu verdanken, dass ihr hier sitzt. H&amp;auml;ttet ihr ein kleines Ego, w&amp;auml;ret ihr bereits am ersten Hindernis gescheitert.&amp;laquo; Ein gro&amp;szlig;es Ego zu haben ist f&amp;uuml;r mich nur dann eine S&amp;uuml;nde, wenn man nicht wei&amp;szlig;, wie und wof&amp;uuml;r man es ben&amp;uuml;tzen soll.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Mit 27 wurden Sie in Ihrer Heimatstadt Rio de Janeiro auf offener Stra&amp;szlig;e von einem Kommando des Geheimdienstes DOI-CODI gekidnappt und in eine Kaserne verschleppt. Aus welchem Grund?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In Brasilien herrschte zu Beginn der Siebzigerjahre eine brutale Milit&amp;auml;rdiktatur. Ich geh&amp;ouml;rte zur Gegenkultur und schrieb Songtexte f&amp;uuml;r den brasilianischen Popstar Raul Seixas. Die Geheimdienstleute wurden offenbar aus meinen Texten nicht schlau, und was sie nicht kapierten, hielten sie automatisch f&amp;uuml;r gef&amp;auml;hrlich. Das Taxi, in dem ich mit meiner damaligen Frau sa&amp;szlig;, wurde von mehreren Zivilfahrzeugen gestoppt. Man pr&amp;uuml;gelte uns aus dem Auto heraus und zog uns schwarze Kapuzen &amp;uuml;ber die K&amp;ouml;pfe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie lange hielt man Sie gefangen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das wei&amp;szlig; ich nicht. Ich habe in meiner Zelle jedes Zeitgef&amp;uuml;hl verloren. Meine Eltern sagen, ich sei eine Woche verschwunden gewesen. Die M&amp;auml;nner, die mich folterten, bekam ich nie zu Gesicht. Bevor man mich in den Verh&amp;ouml;rraum f&amp;uuml;hrte, wurde mir jedesmal eine Kapuze &amp;uuml;ber den Kopf gezogen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie wurden Sie gefoltert?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe zwei Arten von Folter erlebt. Die eine war physischer Natur. Ich musste mich nackt ausziehen und bekam Schl&amp;auml;ge und Elektroschocks. Das war die Erfahrung reiner Grausamkeit, aber um vieles schlimmer war die psychische Folter. Ich wurde nackt in etwas gesperrt, was &amp;raquo;der K&amp;uuml;hlschrank&amp;laquo; genannt wurde: eine lichtlose, zwei Mal zwei Meter gro&amp;szlig;e Zelle, in der es eiskalt war. Ab und zu wurde &amp;uuml;ber meinem Kopf eine Sirene eingeschaltet. Ich &amp;ouml;ffnete und schloss meine Augen und sah immer dasselbe: Schw&amp;auml;rze. Die Dunkelheit und das Frieren rauben dir den Verstand. Man ger&amp;auml;t an den Rand der Verr&amp;uuml;cktheit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie unter der Folter Ihre Selbstachtung verloren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Oh ja. Erniedrigung z&amp;auml;hlt zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Ich habe meine Selbstachtung aber wiedergefunden. Die einzig wirksame Therapie, die ich kenne, ist Zeit. Bei mir hat es drei Jahre gedauert, das Gef&amp;uuml;hl loszuwerden, immer noch in meiner Zelle gefangen zu sein. In den ersten Wochen nach meiner Freilassung traute ich mich nicht aus dem Haus. Ich hatte Paranoia und bildete mir ein, dass ich verfolgt werde und mein Telefon verwanzt ist. Dieser Wahnzustand f&amp;uuml;hrte zu einem seelischen Zusammenbruch. Meine Freunde verschwanden aus meinem Leben, weil sie Angst hatten, das Gleiche zu erleben wie ich. Pl&amp;ouml;tzlich war ich ein Auss&amp;auml;tziger. Es tauchten dann aber Menschen auf, die mir das Gef&amp;uuml;hl gaben, nicht allein zu sein. Ihrer Hilfe verdanke ich es, dass ich mir nicht das Leben genommen habe oder in Bitterkeit und Rachsucht versunken bin. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre damalige Frau Gisa wurde ebenfalls gefoltert. Warum hat sie nach ihrer Freilassung den Kontakt zu Ihnen abgebrochen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil ich durch mein Verhalten im Gef&amp;auml;ngnis ihren Respekt verloren habe. Einmal wurde ich mit einer Kapuze &amp;uuml;ber dem Kopf zur Toilette gef&amp;uuml;hrt. Ich h&amp;ouml;rte, wie meine Frau weinend rief: &amp;raquo;Paulo, Liebling, bist du hier? Wenn ja, sag etwas zu mir!&amp;laquo; Wir hatten Sprechverbot, und aus Angst, wieder nackt in den &amp;raquo;K&amp;uuml;hlschrank&amp;laquo; gesperrt zu werden, blieb ich stumm. Ich bin nie wieder so feige gewesen wie in diesen Sekunden. Nach ihrer Freilassung sagte sie: &amp;raquo;Ich will nie mehr mit dir reden. Und ich will nicht, dass du jemals wieder meinen Namen aussprichst.&amp;laquo; Wenn ich in den Jahren danach &amp;uuml;ber sie sprach, habe ich sie immer &amp;raquo;meine Frau ohne Namen&amp;laquo; genannt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; [seitenumbruch title=&quot;Okkultismus, Satanismus und Hexerei&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49737.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Seine Wohnung in Genf: W&amp;auml;hrend Coelho auf dem Hometrainer f&amp;uuml;r die Fitness      radelt, schaut er mit dem iPad fern oder checkt E-Mails. Das Bild im      Hintergrund ist ein Werk seiner Frau, der Malerin Christina Oiticica. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Zehn Jahre sp&amp;auml;ter haben Sie Gisa wiedergetroffen. &amp;Uuml;ber diese Begegnung sagten Sie: &amp;raquo;Sie ist immer noch im Gef&amp;auml;ngnis, ich nicht. Ein Mensch, der Rache &amp;uuml;ben will, ist verloren, denn er verletzt sich dabei selbst.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Meine Exfrau ist 2007 gestorben, ich m&amp;ouml;chte nicht &amp;uuml;ber sie urteilen. Weil ich ihr gegen&amp;uuml;ber so feige war, habe ich mich immer wieder selbst angeklagt. Aber die Kernbotschaft von Jesus Christus ist Vergebung. Irgendwann konnte ich zu mir sagen: &amp;raquo;Ich habe einen sehr schlimmen Fehler gemacht, aber ich vergebe mir, weil ich nicht perfekt bin.&amp;laquo; Vor ein paar Jahren stand ich in einer Bar und stellte mir die Frage, ob ich in Frieden sterben k&amp;ouml;nnte, wenn heute der letzte Tag meines Lebens w&amp;auml;re. Die Antwort war nein, denn daf&amp;uuml;r hatte ich zu viele Menschen verletzt. Das Problem war, dass diese Menschen nicht mehr Teil meines Lebens waren und inzwischen &amp;uuml;ber den ganzen Globus verstreut lebten. Es kostete mich zwei Jahre, jeden von ihnen ausfindig zu machen und mich f&amp;uuml;r meine Fehler zu entschuldigen. Seither entschuldige ich mich bei Menschen immer innerhalb von drei Tagen. Das macht das Leben einfacher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2003 sagten Sie in einem Interview: &amp;raquo;Vor ein paar Tagen a&amp;szlig; ich abends in einer Brasserie. Als ich auf der Toilette war, fiel der Strom aus. Alles war pl&amp;ouml;tzlich schwarz. Da hatte ich einen Flashback und sa&amp;szlig; wieder in der Zelle.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Diese Flashbacks sind selten geworden, aber gefoltert zu werden ver&amp;auml;ndert einen Menschen f&amp;uuml;r immer. Dein altes Selbst bekommst du nie wieder zur&amp;uuml;ck. Kurz nach Ende des B&amp;uuml;rgerkriegs im Libanon wollte ich nach Beirut reisen. In der Nacht vor meiner Abreise litt ich H&amp;ouml;llenqualen. Es gab damals sehr viele Entf&amp;uuml;hrungen im Libanon, und ich wollte nicht ein zweites Mal gekidnappt werden. Morgens um drei fand ich eine L&amp;ouml;sung f&amp;uuml;r meine Angst. Ich sagte zu mir: &amp;raquo;Wenn man versucht, dich zu entf&amp;uuml;hren, wirst du dich so lange wehren, bis sie dich t&amp;ouml;ten. Besser dieses Ende, als deiner Angst nachzugeben.&amp;laquo; Es ist dumme Zeitverschwendung, sich vor dem Tod zu f&amp;uuml;rchten. Man muss ihn als Freund sehen, der in jedem Moment neben einem sitzt und sagt: &amp;raquo;Fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter werde ich dich ohnehin k&amp;uuml;ssen.&amp;laquo; Ich frage meinen Freund dann immer: &amp;raquo;Kannst du damit bitte noch etwas warten?&amp;laquo;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Die bizarrste Phase Ihres Lebens begann 1969. Sie besch&amp;auml;ftigten sich mit Okkultismus, Hexerei und Satanismus und verschlangen dicke B&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber Ufos, Vampire, Drudenf&amp;uuml;&amp;szlig;e und astrologische Systeme. In Ihr Tagebuch schrieben Sie: &amp;raquo;In die schwarze Magie einzutauchen ist f&amp;uuml;r mich der letzte Ausweg aus Verzweiflung und Depression.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich erinnere mich, diesen Satz geschrieben zu haben, aber ich bin nicht mehr die Person, die diesen Satz geschrieben hat. Die Gr&amp;uuml;nde, die mich zur schwarzen Magie gebracht haben, sind in meiner Vergangenheit eingekapselt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;1972 traten Sie unter dem Namen Luz Eterna in die Satanssekte O.T.O. ein, den Orden der Tempelritter des Orients, dessen Cheftheoretiker der Brite Aleister Crowley war. Zu den J&amp;uuml;ngern des &amp;raquo;Gro&amp;szlig;en Tieres&amp;laquo;, wie er sich nennen lie&amp;szlig;, geh&amp;ouml;rte Charles Manson, der 1969 im Haus von Roman Polanski vier Menschen mit Sch&amp;uuml;ssen, Messerstichen und Kn&amp;uuml;ppelhieben ermorden lie&amp;szlig;.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Maximen dieser Organisation grenzen an spirituellen Faschismus. Es geht darum, die Erfahrung der Macht bis zur &amp;auml;u&amp;szlig;ersten Grenze zu treiben. Wer zu den wenigen Auserw&amp;auml;hlten geh&amp;ouml;rt, ist von allen ethischen Normen befreit und darf tun, was er will &amp;ndash; auch ein Monster werden. Als ich begriff, dass der O.T.O. mich in den Abgrund f&amp;uuml;hrt, habe ich mich losgesagt und jeden Kontakt abgebrochen. Spirituell war ich so gut wie&amp;nbsp; tot, aber ich hatte begriffen, dass man eine Ethik braucht, um zu leben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sagen, der O.T.O. sei &amp;raquo;schlimmer als Satanismus&amp;laquo;. Welche Praktiken k&amp;ouml;nnen Sie bezeugen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich mag das Wort Satanismus nicht. Es klingt in meinen Ohren nach einem billigen Gruselfilm aus Hollywood. Im O.T.O. wurden keine Babys geopfert, aber wir praktizierten schwarze Magie und arbeiteten mit Kr&amp;auml;ften, die ich Ihnen nicht beschreiben werde. Ich habe kein Interesse daran, Menschen auf diese Organisation neugierig zu machen, weil das als Werbung missverstanden werden kann. Aus diesem Grund habe ich mich auch viele Jahre lang geweigert, den Namen O.T.O. in der &amp;Ouml;ffentlichkeit auszusprechen und immer nur die erfundene Bezeichnung &amp;raquo;Gesellschaft zur Er&amp;ouml;ffnung der Apokalypse&amp;laquo; benutzt.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ihrem Biografen Fernando Morais haben Sie erz&amp;auml;hlt, dass Ihnen sechs Tage nach Ihrem Eintritt in den O.T.O. Satan begegnet sei. Morais schreibt: &amp;raquo;Coelho bemerkte, dass sich in seiner Wohnung Totengeruch ausbreitete und dunkler Nebel, als w&amp;auml;re die Sonne pl&amp;ouml;tzlich untergegangen.&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;H&amp;ouml;ren Sie auf! Ich m&amp;ouml;chte &amp;uuml;ber dieses Thema nicht l&amp;auml;nger sprechen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sollen &amp;uuml;ber Ihre Erlebnisse ein 600 Seiten dickes Manuskript geschrieben haben.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das stimmt, aber meine heutige Frau riet mir, es zu vernichten, und das habe ich getan. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Als Sie 1982 das Konzentrationslager Dachau besichtigten, glaubten Sie eine Erscheinung zu haben. Daraufhin schlossen Sie sich dem katholischen Geheimorden Regnum Agnus Mundi an, dem Sie bis heute angeh&amp;ouml;ren. Ihr Mentor wurde ein Franzose, den Sie in Ihren B&amp;uuml;chern &amp;raquo;Meister&amp;laquo;, &amp;raquo;Jean&amp;laquo; oder &amp;raquo;J.&amp;laquo; nennen. Als Sie ihm zum ersten Mal begegneten, sagte er: &amp;raquo;Wenn Sie sich f&amp;uuml;r uns entscheiden, m&amp;uuml;ssen Sie alles, was ich Ihnen sage, widerspruchslos befolgen.&amp;laquo; Steckt in Ihnen eine geheime Sehnsucht nach blindem Gehorsam und totaler Unterwerfung?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Dieser Mann hat mich in die spirituelle Tradition des Ordens eingef&amp;uuml;hrt, aber sein Verh&amp;auml;ltnis zu mir hat nichts Totalit&amp;auml;res. Wir haben eine Meister-Sch&amp;uuml;ler-Beziehung, und die verlangt von mir Disziplin. Das hei&amp;szlig;t aber nicht, dass ich meinen freien Willen aufgeben muss. Mir steht es jederzeit frei, zu &amp;Uuml;bungen und Ritualen nein zu sagen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zu den Exerzitien, die Ihnen Jean auferlegte, geh&amp;ouml;rte es, 1986 den 700 Kilometer langen Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela zu Fu&amp;szlig; zur&amp;uuml;ckzulegen. Das Buch, das Sie in 21 Tagen &amp;uuml;ber Ihre Erlebnisse als Pilger schrieben, wurde unter dem Titel &lt;em&gt;Auf dem Jakobsweg&lt;/em&gt; ein weltweiter Bestseller. Ist der Geheimorden Regnum Agnus Mundi f&amp;uuml;r Ihre Karriere verantwortlich?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wenn Sie das so sehen wollen, werde ich Ihnen nicht widersprechen, aber f&amp;uuml;r mich hatte sich der Traum des angeblich geisteskranken 14-j&amp;auml;hrigen Jungen erf&amp;uuml;llt: Ich hatte mein erstes Buch geschrieben und war gleich ein &amp;uuml;ber die Ma&amp;szlig;en erfolgreicher Schriftsteller.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; [seitenumbruch title=&quot;Sieben Monate ohne Sex&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/49739.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ende der Achtzigerjahre gab Jean Ihnen die Aufgabe, sieben Monate ohne Sex zu leben, auch Selbstbefriedigung war Ihnen untersagt. Was lernten Sie dabei?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es w&amp;auml;re leicht f&amp;uuml;r mich, auf diese Frage irgendetwas zu antworten, aber diese Antwort&amp;nbsp; w&amp;auml;re nicht wahrhaftig. Solche &amp;Uuml;bungen sind keine Schulstunde, an deren Ende man sagen kann, man habe dieses und jenes gelernt. Die sieben Monate ohne Sex haben meinen Geist beeinflusst und mich ver&amp;auml;ndert. Wie, kann ich Ihnen mit Worten nicht beschreiben. Spirituelle Erfahrungen lassen sich ebenso wenig in Sprache fassen wie ein Orgasmus, das B&amp;uuml;cherschreiben oder die Geburt eines Babys.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Stimmt es, dass Sie selber Novizen in den Orden eingef&amp;uuml;hrt haben?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Ja. Es ist Teil der Verpflichtung, dass man das empfangene Wissen an vier Novizen weitergibt, und das habe ich gemacht. Seither habe ich keine Sch&amp;uuml;ler mehr, denn f&amp;uuml;r einen Mentor bin ich viel zu ungeduldig. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie mussten einmal drei Monate lang t&amp;auml;glich eine Stunde barfu&amp;szlig; durch dorniges Unterholz laufen. Haben Sie Ihren Novizen auch solche Selbstkasteiungsrituale verordnet?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sie haben ein falsches Bild. Als Mentor ist man kein autorit&amp;auml;rer Vorgesetzter, der seinen Untergebenen Befehle erteilt, was sie zu tun haben. Es sind freiwillige &amp;Uuml;bungen, und was Sie bei deren Ausf&amp;uuml;hrung entdecken, liegt ganz an Ihnen selbst. Sie k&amp;ouml;nnen einen tausend Seiten dicken Roman &amp;uuml;ber die Liebe lesen, aber wenn Sie nie geliebt haben, werden Sie auf Seite tausend immer noch nicht wissen, was Liebe ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihrem j&amp;uuml;ngsten Buch haben Sie den omin&amp;ouml;sen Titel &lt;em&gt;Aleph&lt;/em&gt; gegeben. Ist &lt;em&gt;Aleph&lt;/em&gt; ein Roman, wie auf dem Cover steht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Das Buch ist keine Fiktion, sondern fast zu hundert Prozent autobiografisch. 2006 hatte ich meinen inneren Frieden verloren und zweifelte an meinem Glauben. Es gelang mir immer seltener, in die magisch-spirituelle Realit&amp;auml;t einzutauchen, die uns als zweite Wirklichkeit umgibt. Um wieder mit mir ins Reine zu kommen, bin ich mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostock gefahren. Die Erfahrungen, die ich auf dieser Reise im Aleph gemacht habe, f&amp;uuml;hrten zu einem Wendepunkt in meinem Leben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was bedeutet Aleph?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich versuche eine Ann&amp;auml;herung: Aleph ist der Punkt, der alle Punkte enth&amp;auml;lt, das Atom, das alle Atome enth&amp;auml;lt, die Zahl, die alle Zahlen enth&amp;auml;lt. Im Aleph befindet sich alles zur selben Zeit an derselben Stelle. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind aufgehoben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie schildern in Ihrem Buch Parallelwelten und Reinkarnationen. Seit wann glauben Sie, mehrere Leben gelebt zu haben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich wei&amp;szlig;, dass Journalisten diesen geringsch&amp;auml;tzigen, zynischen Blick bekommen, wenn ich &amp;uuml;ber diese Dinge spreche, aber ich werde Ihnen dennoch antworten: Das erste konkrete Erlebnis dieser Art hatte ich 1987.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie viele Inkarnationen liegen hinter Ihnen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich sp&amp;uuml;re, dass es viele sind, aber genaue Erinnerungen habe ich nur an zwei. In der einen Inkarnation war ich ein franz&amp;ouml;sischer Schriftsteller in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der anderen ein junger Dominikaner-Priester in Spanien w&amp;auml;hrend der Inquisition, dessen Eltern an der Pest starben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie schildern in &lt;em&gt;Aleph&lt;/em&gt;, dass Sie glauben, in Ihrem Vorleben als Priester nicht verhindert zu haben, dass Ihre Jugendfreundin auf dem Streckbrett gefoltert und anschlie&amp;szlig;end &amp;ouml;ffentlich verbrannt wurde.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, ich war feige und bin deshalb mit einem Fluch belegt worden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meinen Sie, verantwortlich zu sein f&amp;uuml;r das, was Sie damals taten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein. Wir haften in unserem jetzigen Leben nicht f&amp;uuml;r die Schuld, die wir in einem fr&amp;uuml;heren Leben auf uns geladen haben. Aber vielleicht habe ich wegen meiner Fehler viele Jahre lang mein eigenes Leben durch Drogen und schwarze Magie sabotiert.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Hilft es Ihnen in der Gegenwart, Ihre fr&amp;uuml;heren Leben zu kennen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, &amp;uuml;berhaupt nicht. Es ist vielmehr so, als w&amp;uuml;rde ich ein Loch in den Boden graben, auf dem ich stehe. Ich rate jedem, seine Vergangenheit zu vergessen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Im Nachwort zu &lt;em&gt;Aleph&lt;/em&gt; schreiben Sie: &amp;raquo;Schlie&amp;szlig;lich m&amp;ouml;chte ich vor dem Exerzitium mit dem Ring aus Licht warnen. Wie ich bereits erw&amp;auml;hnte, kann eine R&amp;uuml;ckkehr in die Vergangenheit ohne Kenntnis des Verfahrens dramatische und unheilvolle Konsequenzen haben.&amp;laquo; Wie funktioniert das Exerzitium mit dem Ring aus Licht?&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Sie legen sich auf den Boden und stellen sich einen Ring aus Licht vor, der sich immer schneller um Ihren K&amp;ouml;rper bewegt. In den ersten Wochen denken Sie, dass nichts passiert, und sind frustriert. Aber dann passiert es pl&amp;ouml;tzlich: Sie sind in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort oder in einer anderen Dimension. Glauben Sie mir, es macht das Leben interessant, an Wunder zu glauben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;-----&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;PAULO COELHO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mit 135 Millionen verkauften B&amp;uuml;chern ist der 1947 in      Rio de Janeiro geborene Paulo Coelho einer der erfolgreichsten Autoren der      Literaturgeschichte. Allein von seinem in 14 Tagen niedergeschriebenen      Sinnsucherroman &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Der Alchimist wurden 65 Millionen Exemplare verkauft. Der      Brasilianer ist seit 1980 in f&amp;uuml;nfter Ehe mit der Malerin Christina      Oiticica verheiratet. Das kinderlose Paar lebt in Rio, Genf, Paris und      Saint-Martin, einem 300-Seelen-Dorf nahe dem Wallfahrtsort Lourdes. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Gefoltert zu werden verändert einen Menschen für immer. Dein altes Selbst bekommst du nie wieder zurück«</dc:subject>
    <dc:creator>Sven Michaelsen (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-08-20T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

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    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37713</link>
    <title>»Die Krise ist für die Gesellschaft der moralische Testfall«</title>
    <description>&lt;p&gt;Ein Gespr&amp;auml;ch mit dem Staatsrechtler und Bestsellerautor Bernhard Schlink &amp;uuml;ber das wankende Europa und typisch deutsche Untergangsfantasien.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/47697.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Bernhard&lt;/em&gt; &lt;em&gt;Schlink zweifelt, ob die finanziellen und internationalen Krisen mit den bisherigen Methoden in den Griff zu kriegen sind. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;SZ-Magazin: Herr Schlink, die Europ&amp;auml;ische Union hat massive Probleme, alles droht auseinanderzubrechen. Einerseits steht die deutsche Wirtschaft noch ganz gut da. Zugleich sprechen Skeptiker von baldiger Inflation, Chaos, Armut. Tanzen wir auf dem Vulkan?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bernhard Schlink:&lt;/strong&gt; Wir wissen nur nicht, wann der Vulkan ausbricht. Von jedem Experten, mit dem ich rede, h&amp;ouml;re ich, dass die &amp;ouml;konomische Krise durch das, was die Staaten tun, nicht bew&amp;auml;ltigt wird. Und was wird, wenn Israel tats&amp;auml;chlich den Iran angreift? Was, wenn die anderen Spannungen im Nahen Osten zu einem Krieg f&amp;uuml;hren? Es gibt derzeit vieles, das nicht stimmt &amp;ndash; und es kann passieren, dass alles zusammen eskaliert.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Apokalypse?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, ein Vulkanausbruch. Die Apokalypse w&amp;auml;re das Ende, nach dem Vulkanausbruch geht es weiter. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die meisten Menschen, die heute in Deutschland leben, haben nie Krieg oder echte Not erlebt. W&amp;auml;ren wir in der Lage, mit einer richtigen Krise umzugehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bis jetzt hat jede Generation die Krisen bestanden, die sie bestehen musste.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber vielleicht sind wir weniger vorbereitet als die Generationen vor uns. Es gab noch nie eine so lange Phase des Friedens und des Wohlstands wie jetzt. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die letzte vergleichbar lange Phase lag vor dem Ersten Weltkrieg. Zun&amp;auml;chst begeistert begr&amp;uuml;&amp;szlig;t, ersch&amp;uuml;tterte er die Menschen st&amp;auml;rker als sp&amp;auml;ter der Zweite, der von Anfang an als bedr&amp;uuml;ckend erlebt wurde. Aber die Generation ist mit der Ersch&amp;uuml;tterung fertiggeworden, mit den Sch&amp;uuml;tzengr&amp;auml;ben, dem Sterben, der Inflation und der Armut. Fertig wird man mit Krisen immer. Die Frage ist nur, was in der Krise noch h&amp;auml;lt. K&amp;auml;mpft jeder gegen jeden? Was bleibt an Verantwortung? Was an Solidarit&amp;auml;t? Die Krise ist f&amp;uuml;r die Gesellschaft der moralische Testfall. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Die Deutschen scheinen einen Hang zur Apokalypse zu haben. Warum spielen wir so gern mit Untergangsfantasien?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unser Ursprungsmythos ist das &lt;em&gt;Nibelungenlied&lt;/em&gt;, eine Heroisierung von Niederlage und Untergang. Der Historiker Ian Kershaw hat in seinem Buch &lt;em&gt;Das Ende&lt;/em&gt; gefragt, warum die Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs noch so lange weitergek&amp;auml;mpft haben. Ich meine, die pr&amp;auml;gende Kraft unseres Ursprungsmythos ist ein wichtiger Teil der Antwort.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Deutschen haben immer ein Schreckensszenario, auf das sich alle einigen k&amp;ouml;nnen. Das war lange Zeit die atomare Bedrohung, der Kalte Krieg. Dann Umweltthemen, der saure Regen. Heute ist es die Finanzkrise. Warum ist das so?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Schreckensszenario schafft Gemeinschaft. Und vielleicht gibt es eine Angst vor der Rache des Schicksals daf&amp;uuml;r, dass es uns so gut geht, historisch betrachtet wie auch im weltweiten Vergleich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Im Zuge der Euro-Krise wird in anderen L&amp;auml;ndern gelegentlich behauptet, die Deutschen w&amp;uuml;rden jetzt mit wirtschaftlichem Druck den Allmachtsanspruch in Europa durchsetzen, den sie vor 70 Jahren mit kriegerischen Mitteln nicht erf&amp;uuml;llen konnten. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Erinnerung an das Dritte Reich ist nun mal ein Ansatz f&amp;uuml;r Polemik gegen Deutschland, der billig zu haben ist. Auch ein entsetzliches St&amp;uuml;ck Geschichte kann zum Versatzst&amp;uuml;ck verkommen, das man spielerisch, karikierend hervorzieht &amp;ndash; Prinz Harry als SS-Mann verkleidet auf einem Fest. Das hei&amp;szlig;t nicht, dass wir nicht Behutsamkeit schuldeten, wenn wir mit anderen europ&amp;auml;ischen L&amp;auml;ndern umgehen. Mir erz&amp;auml;hlte ein Freund aus dem diplomatischen Dienst, wie es bis Kohl oder sogar Schr&amp;ouml;der war: Wenn die Deutschen in Europa etwas durchsetzen wollten, haben sie es andere vorschlagen lassen und nur unterst&amp;uuml;tzt. Was f&amp;uuml;r eine kluge Art, mit dem Erbe des Dritten Reichs umzugehen! Man verh&amp;auml;lt sich so, dass der Eindruck von Gro&amp;szlig;mannsgehabe gar nicht erst auftreten kann.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In griechischen Medien wird Angela Merkel dennoch gern mit Hakenkreuzkleid dargestellt.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das ist wieder das Dritte Reich als Versatzst&amp;uuml;ck. Zugleich macht die Erinnerung an das Dritte Reich und den Holocaust uns immer noch fassungslos. Das Thema beh&amp;auml;lt traumatisierende Bedeutung &amp;ndash; und legitimierende; f&amp;uuml;r den Stand des ethnisch-religi&amp;ouml;s definierten Staats Israel unter den Demokratien des Westens bleibt die Erinnerung wesentlich.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Politik bew&amp;auml;ltigt nur das, was nicht unbew&amp;auml;ltigt gelassen werden kann&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/47695.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Immerhin ein Grund zur Gelassenheit: Auch wenn die Zeiten h&amp;auml;rter werden sollten &amp;ndash; das politische System Deutschlands findet Schlink vertrauensw&amp;uuml;rdig.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was dachten Sie, als G&amp;uuml;nter Grass sein Gedicht &amp;uuml;ber Israel ver&amp;ouml;ffentlichte?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich fand es schade. Eine Gesellschaft braucht Menschen mit moralischer Autorit&amp;auml;t, die sagen k&amp;ouml;nnen, was sonst niemand sagen mag, und Grass geh&amp;ouml;rte zu ihnen. Wir haben ihn als moralische Autorit&amp;auml;t verloren, nicht durch seine SS-Zugeh&amp;ouml;rigkeit, aber weil er von anderen Offenheit im Umgang mit ihrer Vergangenheit forderte und seine eigene lange verschwieg &amp;ndash; und jetzt durch sein realit&amp;auml;tsfernes, realit&amp;auml;tsblindes Einschlagen auf Israel. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie beurteilen Sie es, dass wir mit Merkel und Gauck zwei Menschen aus Ostdeutschland an der Spitze des Staats haben? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich freue mich dar&amp;uuml;ber, es geh&amp;ouml;rt zur Vollendung der Wiedervereinigung. Nat&amp;uuml;rlich bringen beide ihre ostdeutschen Pr&amp;auml;gungen mit. Mir scheint, dass Angela Merkel kein wirkliches Verh&amp;auml;ltnis zu Amerika hat &amp;ndash; unserem wichtigsten Verb&amp;uuml;ndeten. Mir scheint auch die Ausschlie&amp;szlig;lichkeit, mit der sie bei den Krisenl&amp;auml;ndern aufs Sparen setzt, damit zu tun zu haben, dass die protestantische Pastorentochter, in der preu&amp;szlig;isch-sozialistischen DDR aufgewachsen, eine Aversion dagegen hat, dass man ausgibt, was man nicht hat oder bald erwirtschaften wird. Auch der kleine Kreis von Beratern und Vertrauten, mit dem sie sich umgibt, ist DDR-Erbe.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wer fl&amp;ouml;&amp;szlig;t Ihnen in der aktuellen Politik Vertrauen ein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unser politisches System selbst. Wenn ich Deutschland mit anderen L&amp;auml;ndern vergleiche, denke ich immer wieder, dass es alles in allem verl&amp;auml;sslich, sachlich, unideologisch und unkorrupt funktioniert. Die Akteure wollen wirklich tun, was es braucht, damit es dem Land gut oder besser geht. Ich muss keine Angst haben, dass das Gemeininteresse &amp;uuml;ber den Konflikten und K&amp;auml;mpfen der Partikularinteressen aus dem Blick kommt. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Daf&amp;uuml;r ist es nicht leicht, hier Politiker zu finden, denen man auch viel zutrauen w&amp;uuml;rde.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das ist leider richtig. Mein Eindruck nach all den Jahren der Beobachtung &amp;ndash; gelegentlich auch der beratenden Begleitung &amp;ndash; von Politik ist, dass Politik nur das bew&amp;auml;ltigt, was schlechterdings nicht unbew&amp;auml;ltigt gelassen werden kann. Sie tut das jeweils N&amp;ouml;tigste, das jeweils N&amp;auml;chste. Dar&amp;uuml;ber hinaus geht es nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gilt das nur f&amp;uuml;r Deutschland?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, f&amp;uuml;r ganz Europa.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zerbricht Europa gerade? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Da bricht nichts, was wirklich zusammengewachsen w&amp;auml;re. Wo die L&amp;auml;nder Europas gemeinsame Interessen haben, kooperieren sie und werden es weiterhin tun. Dar&amp;uuml;ber hinaus hatte die Konstruktion Europas immer etwas Luftiges und darum ja auch B&amp;uuml;rgerfernes, und wenn da etwas bricht, zerbricht doch nicht Europa.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie leben abwechselnd in Berlin und New York. Mit dem Blick der Distanz: Gibt es &amp;uuml;berhaupt so etwas wie einen europ&amp;auml;ischen Gedanken?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verglichen mit den Amerikanern sind wir Europ&amp;auml;er alle Sozialdemokraten. In Europa ist der Staat &amp;auml;lter als seine freiheitliche Verfassung, in den USA geht die Freiheit dem Staat voraus. Hier versteht sich, dass der Staat Verantwortung f&amp;uuml;r den Einzelnen tr&amp;auml;gt, f&amp;uuml;r Ausbildungs- und Arbeitspl&amp;auml;tze, Krankheit und Alter, Wissenschaft und Kultur. In den USA wird der verantwortliche Staat leicht als Bedrohung der Freiheit wahrgenommen &amp;ndash; deshalb die Gegnerschaft gegen Obamas Gesundheitsreform. Ein anderer Teil des europ&amp;auml;ischen Gedankens sind S&amp;auml;kularisation und Aufkl&amp;auml;rung. Die Ausbr&amp;uuml;che von Religiosit&amp;auml;t, Rigorismus und Fundamentalismus, die in den USA immer wieder in die Politik dr&amp;auml;ngen, haben wir in keinem europ&amp;auml;ischen Land.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Haben Sie das Gef&amp;uuml;hl, dass wir im Moment in einer geschichtlich bedeutenden Phase leben?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja, ich glaube, dass die Welt dabei ist, eine neue Ordnung zu finden. Das geht von den Gewichten der M&amp;auml;chte und ihrem Verh&amp;auml;ltnis zueinander bis zu den politischen Strukturen, den politischen Ideen. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Deutschland hat st&amp;auml;ndig Moraldebatten&amp;laquo;&quot;]&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/47703.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Bernhard Schlink ist ein erfolgreicher Jurist. Einst vertrat er sogar die Bundesregierung von Gerhard Schr&amp;ouml;der.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie verschieben sich die Machtverh&amp;auml;ltnisse konkret?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;China wird st&amp;auml;rker, Russland und Europa werden schw&amp;auml;cher, die Bedeutung der L&amp;auml;nder S&amp;uuml;damerikas und Asiens f&amp;uuml;r die Weltwirtschaft w&amp;auml;chst, der pazifische Raum wird wichtiger als der atlantische, die Konflikte zwischen China und den USA nehmen zu &amp;ndash; aus alldem entsteht eine neue Ordnung. Vielleicht wird es eine st&amp;auml;ndig g&amp;auml;rende und labile Ordnung &amp;ndash; so stabil wie zur Zeit des Kalten Kriegs wird es jedenfalls nicht mehr zugehen. Und meinten wir nach dem Ende des Kalten Kriegs nicht alle, jetzt h&amp;auml;tten unsere mehr oder weniger demokratischen, mehr oder weniger freiheitlichen Ideen und Strukturen gewonnen und w&amp;uuml;rden sich, Kontinent um Kontinent, Land um Land, durchsetzen? Heute wissen wir, dass das ein Irrtum war. Es gibt alte und neue autorit&amp;auml;re, auch religi&amp;ouml;se politische Ordnungen, neue Nationalismen, neue Ideologien. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was f&amp;uuml;r Ideologien zum Beispiel?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In Ungarn begegnet uns ein neuer Nationalismus, im Nahen Osten haben wir den islamischen Fundamentalismus, China scheint gerade dabei zu sein, aus Nationalismus, Kapitalismus und Etatismus eine neue Ideologie zu formen, die den Kommunismus abl&amp;ouml;sen soll und die &amp;uuml;ber China hinaus attraktiv werden mag. Und auch der Kapitalismus ist zur Ideologie geworden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Inwiefern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;W&amp;auml;hrend des Kalten Kriegs, in der Konkurrenz der Systeme, musste er zeigen, dass das Soziale und Kulturelle bei ihm besser aufgehoben war als im Sozialismus, dass er f&amp;uuml;r alle mehr Wohlstand erzeugte, dass er gerechter funktionierte. Mit dem Ende des Kalten Kriegs ist die Notwendigkeit weggefallen, den Kapitalismus entsprechend zu balancieren. Globalisierung, Privatisierung, Deregulierung &amp;ndash; das ist Kapitalismus ohne Balance. Die schlichte Idee des Markts, ohne R&amp;uuml;cksicht auf die Bed&amp;uuml;rfnisse der Betroffenen, ist eine Ideologie.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Kapitalismus muss sich also ver&amp;auml;ndern. Wie k&amp;ouml;nnte diese Ver&amp;auml;nderung aussehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es wird wieder mehr Regulierungen geben, Privatisierungen werden zur&amp;uuml;ckgenommen, die Globalisierung wird zur&amp;uuml;ckgefahren werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben mal geschrieben: &amp;raquo;Die gegenw&amp;auml;rtige Entwicklung, die oft als zwangsl&amp;auml;ufig und unaufhaltsam beschrieben und erlebt wird, ist auch nur eine historische Entwicklung, die enden und beendet werden kann.&amp;laquo; Tun wir genug, um die gegenw&amp;auml;rtige Entwicklung zu beenden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, wir tun nicht genug. Und deshalb, das schlie&amp;szlig;t an den Anfang unseres Gespr&amp;auml;chs an, m&amp;uuml;ssen wir den Ausbruch des Vulkans f&amp;uuml;rchten. Was immer drau&amp;szlig;en in der Welt passiert, wird auch uns erreichen. Deutschland wird keine zweite Schweiz werden, keine Insel des Friedens in einer Welt der Krisen und Konflikte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie haben sich als Autor und Jurist viel mit Fragen der Moral befasst. Braucht Deutschland eine Moraldebatte? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutschland hat st&amp;auml;ndig Moraldebatten. Die nationalsozialistischen Seilschaften im Ausw&amp;auml;rtigen Amt der F&amp;uuml;nfziger- und Sechzigerjahre, Kontakte zur Staatssicherheit der DDR, Sarrazins &amp;Auml;u&amp;szlig;erungen &amp;uuml;ber Muslime, Wulffs Eigenheimfinanzierung &amp;ndash; alles ist Anlass zur Moraldebatte. Dem investigativen Journalismus in Deutschland, der sich aufs Moralische verlegt hat, sind auch missbrauchte Bonusmeilen und erm&amp;auml;&amp;szlig;igte Zinsen nicht zu gering, um eine Moraldebatte anzusto&amp;szlig;en. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber so etwas muss ja auch diskutiert werden. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bei politischer Moral geht es eigentlich in erster Linie um Inhalte gegenw&amp;auml;rtiger Politik und erst in zweiter um Vergangenheit und den Lebensstil von Politikern. Was die Politik an Regulierung der Banken schuldet, wie mit der Armut bei uns umzugehen ist, wie die sich wandelnde Arbeitswelt zu gestalten ist &amp;ndash; dies und mehr hat neben seiner utilitaristischen auch eine moralische Dimension, die mehr diskutiert zu werden verdiente, als es geschieht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Bernhard Schlink,&lt;/strong&gt; 67, ist ein erfolgreicher Jurist. Er war Professor in Bonn und Frankfurt und bis 2006 Richter am Verfassungsgericht in Nordrhein-Westfalen. Bis 2009 hielt er den Lehrstuhl f&amp;uuml;r &amp;Ouml;ffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Berliner Humboldt-Universit&amp;auml;t. 2005 vertrat er die Bundesregierung von Gerhard Schr&amp;ouml;der vor dem Bundesverfassungsgericht, als die Rechtm&amp;auml;&amp;szlig;igkeit der Aufl&amp;ouml;sung des Bundestages verhandelt wurde. Noch erfolgreicher ist Schlink als Autor: Er schrieb mehrere Romane,&lt;/em&gt; Der Vorleser&lt;em&gt; wurde zum internationalen Bestseller und mit Hollywood-Star Kate Winslet verfilmt. Der geb&amp;uuml;rtige Bielefelder Schlink lebt heute in New York und Berlin.&lt;/em&gt;</description>
    <dc:subject>»Die Krise ist für die Gesellschaft der moralische Testfall«</dc:subject>
    <dc:creator>Max Fellmann und Nico Hofmann (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-06-22T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37101">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/37101</link>
    <title>Die 50-jährige Alissa Walser</title>
    <description>&lt;p&gt;Tochter von. Kein leichter Job. Und dann auch noch:      Schriftstellerin. Ein Gespr&amp;auml;ch &amp;uuml;ber das Trotzdem.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42819.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;SZ-Magazin: Wann versteht man als Tochter den Beruf des Vaters, der keine Aktentasche, kein B&amp;uuml;ro in der Stadt, keine Insignien des Arbeitslebens hat? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Alissa Walser:&lt;/strong&gt; Wie bei allem &amp;ndash; man versteht erst, wenn man etwas selber tut. Vorher entwickelt man Vorstellungen, aber das sind nur Anschauungen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie machen es seit ann&amp;auml;hernd 20 Jahren selber. Kennen Sie diese &amp;ndash; wie der Schriftsteller David Sedaris es mal beschrieb &amp;ndash; Sehnsucht nach Angestelltendasein, Regelm&amp;auml;&amp;szlig;igkeit? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Phasenweise, ja. Ich habe mal mit einer &amp;Auml;rztin zusammengewohnt, die sehr fr&amp;uuml;h aufstehen musste, weil in der Praxis jemand wartete, und manchmal habe ich sie darum beneidet; um diese Struktur, die der Beruf ihr vorgab. Ich habe damals erkannt, wie wichtig es ist, f&amp;uuml;r sich selber ein solches Ger&amp;uuml;st zu schaffen. Das ist mitunter hart durchzuziehen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und wie macht man das? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich glaube nicht, dass es ein Rezept ist, aber ich h&amp;ouml;re abends an dem Punkt auf zu schreiben, an dem ich wei&amp;szlig;, wie ich am n&amp;auml;chsten Morgen weitermachen m&amp;ouml;chte. Damit ich mich schon drauf freue und m&amp;uuml;helos wieder einsteigen kann, statt das Gef&amp;uuml;hl zu haben: Oh je, jetzt musst du ohne alles ins Arbeitszimmer. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Weil es dann auch so ist, als w&amp;uuml;rde etwas warten? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Genau, weil mich dann etwas lockt, dorthin zieht. Wenn sich das mit der Zeit wiederholt, dann habe ich das Gef&amp;uuml;hl, es entsteht eine Struktur. Davon abgesehen schreibe ich eigentlich in einem banalen Rhythmus, ich fange morgens an, mache Mittagspause, arbeite bis abends und gehe zwischendurch mit dem Hund. Dann wird das Wochenende belanglos und jeder Urlaub nur eine Belastung &amp;ndash; das Grauen, sich auf Knopfdruck wohlf&amp;uuml;hlen zu sollen! &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was brauchen Sie noch zum Arbeiten? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich brauche sehr viele Orte zum Schreiben. Mein Schreibtisch ist &amp;uuml;berladen, aber meinen sch&amp;ouml;nen kleinen Computer kann ich wegtragen, aufs Sofa oder in die K&amp;uuml;che. Bewegung, Laufen, wenn ich mich k&amp;ouml;rperlich bet&amp;auml;tige, bet&amp;auml;tigt sich auch mein Kopf. Ich w&amp;auml;re als Kind bestimmt fernsehs&amp;uuml;chtig geworden, wenn mein K&amp;ouml;rper sich dabei nicht so mies gef&amp;uuml;hlt h&amp;auml;tte. Der K&amp;ouml;rper spielt f&amp;uuml;r mich beim Schreiben eine gro&amp;szlig;e Rolle. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Auch in Ihren Geschichten ist er sehr wichtig. Sie haben die F&amp;auml;higkeit, &amp;uuml;ber Sex, oder besser gesagt, sich anbahnenden Sex so zu schreiben, dass es einem beim Lesen nicht peinlich ist. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Danke. Aber das h&amp;auml;ngt einfach nur damit zusammen, dass ich mir, wenn ich sp&amp;auml;ter oder auch viel sp&amp;auml;ter mal einen eigenen Text lese, nicht als Voyeurin begegnen will. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihre Protagonisten sind h&amp;auml;ufig in Beziehungen, driften aber auseinander, bevor es zu so etwas wie tiefer Liebe kommt. Warum? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weil es mich interessiert, wie Leute an genau dieser Stelle miteinander umgehen. Ich finde das Duell im Duett spannender als umgekehrt. Und zus&amp;auml;tzlich gibt es ja die Meta-Erz&amp;auml;hlungen unserer Kultur, die immer mit in unseren K&amp;ouml;pfen sind: Vorstellungen und das von den Eltern Tradierte, wie man sich in solchen Situationen zu benehmen habe. So viele Erwartungshaltungen, die ich noch kennengelernt habe, existieren nicht mehr, jedenfalls nicht offiziell. Heute sto&amp;szlig;en zwei sich v&amp;ouml;llig fremde Begriffe von Freiheit aufeinander. Das hat jetzt nichts mehr mit Frau und Mann, aber sehr viel mit Jung und Alt zu tun. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ihr erster Auftritt in der literarischen Welt war spektakul&amp;auml;r: Sie haben 1992 in Klagenfurt die Geschichte &lt;em&gt;Geschenkt&lt;/em&gt; vorgelesen. Und gleich den Ingeborg-Bachmann-Preis geholt. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Es war nicht mein Einstieg, ich hatte zwei Jahre zuvor bei Suhrkamp das Buch &lt;em&gt;Traumhochzeit&lt;/em&gt; ver&amp;ouml;ffentlicht, mit Texten und Bildern von mir &amp;ndash; allerdings unter dem Namen Fanny Gold. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wieso nicht unter Ihrem eigenen Namen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; F&amp;uuml;r mich war damals nicht ganz klar, wie das alles weitergeht: Einerseits war ich Malerin, andererseits schrieb ich. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Der Filzstift hat mich vom Malen zum Schreiben gebracht&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42821.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Von klein auf liebte Alissa Walser Hunde. Auf dem Bild spielt sie im Winter 1966 mit ihrem Hund Florian&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;Was f&amp;uuml;r eine Art Malerin waren Sie? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Nicht fig&amp;uuml;rlich und sehr materialorientiert. Zum Beispiel habe ich alle Farben selber hergestellt, nach alten Rezepten, mit Leim aus Hasenhaut und Gips. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich hatte das Gef&amp;uuml;hl, dass ich bestimmte Qualit&amp;auml;ten nur mit bestimmten Materialien herstellen k&amp;ouml;nnte. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sah man das im Resultat? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Laien wahrscheinlich nicht. Aber es war Teil des k&amp;uuml;nstlerischen Prozesses. Jedenfalls &amp;ndash; es gab eine Zeit, in der ich nicht mehr mit meinen Materialien gearbeitet habe, ich wollte nicht mehr ins Atelier gehen, schon der Geruch von &amp;Ouml;lfarbe widerte mich an. Ich wollte leichter werden und reduzierte mich so lange, bis ich bei Filzstift auf Papier landete. Pl&amp;ouml;tzlich wurde meine Malerei fig&amp;uuml;rlich, erz&amp;auml;hlte Geschichten, und das, obwohl ich mit Text gar nichts zu tun haben wollte. So, glaube ich, bin ich zum Schreiben gekommen. Doch ich wollte das zun&amp;auml;chst getrennt halten von meiner malerischen Arbeit. Daher das Pseudonym. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sie sind dann in Klagenfurt als Schriftstellerin an die &amp;Ouml;ffentlichkeit getreten. Und haben das thematisiert, was im Raum stand: eine Vater-Tochter-Beziehung. Nur dass die in Ihrem Text angedeutet inzestu&amp;ouml;s war. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jeder liest seinen eigenen Text. F&amp;uuml;r mich gab es bis zu dem Punkt meines Schreibens keinen Zweifel daran, dass ein Text nicht biografisch gelesen wird. Das war eine kurze Zeit der Naivit&amp;auml;t. Ich hatte mir mein Selbstverst&amp;auml;ndnis aus der bildenden Kunst in die Literatur mitgebracht. Ich meinte, da gibt es nichts zu &amp;uuml;bersetzen, schon gar nicht in mich. Und schon gar nicht von Journalisten. Bis ich begriff, dass Journalisten, vor allem, wenn sie &amp;uuml;ber Literatur schreiben, zerrissene Leser sind. Damals dachte ich, es geht um menschliche Verh&amp;auml;ltnisse, nicht um gesellschaftliche Skand&amp;auml;lchen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das haben Sie wirklich gedacht? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Leute das abstrahieren w&amp;uuml;rden. Stimmte ja auch: Kein Juror hat es biografisch gelesen. Nur hinterher mancher Journalist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Studiert haben Sie in den Achtzigerjahren in New York. Sie m&amp;uuml;ssen die Ausl&amp;auml;ufer der Warhol-&amp;Auml;ra mitbekommen haben. War das aufregend f&amp;uuml;r Sie, als Malerin?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Es war lebendig, bewusstseinserweiternd, man konnte wochenlang durch Galerien streifen und hatte trotzdem erst einen Bruchteil gesehen. Ich habe bei Lehrerinnen studiert, die geh&amp;ouml;rten zur Generation, die noch auf die Stra&amp;szlig;e ging, um gegen den Bau der Twin Towers zu demonstrieren, und sie dann als Realit&amp;auml;t geliebt hat. Ich habe in Brooklyn, Park Slope, in der N&amp;auml;he des Prospect Park gelebt, heute ist die Gegend unerschwinglich. Vieles, was damals d&amp;uuml;ster war &amp;ndash; U-Bahnen, Pl&amp;auml;tze &amp;ndash;, ist heute wunderbar ausgeleuchtet. Trotzdem ist etwas verschwunden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum sind Sie damals weg aus New York? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich habe gemerkt, dass mein Deutsch sich verfl&amp;uuml;chtigt. Das hat mich wahnsinnig erschreckt. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was w&amp;auml;re so schlimm daran gewesen, f&amp;uuml;r Sie als Malerin?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r mich w&amp;auml;chst die Sprache mit der Wahrnehmung. Und da habe ich gedacht, dass das alles jetzt bei null beginnen m&amp;uuml;sste. Aber das ging nicht. Die Art meiner Wahrnehmung war zu sehr mit meiner Sprache verzahnt. Und in diesem Sprachgemisch, das dann unwillk&amp;uuml;rlich aus meinem Mund kam, hinkte das eine dem jeweils anderen mehr und mehr hinterher. Ich habe gedacht, dass ich nicht mehr frei denken kann. Schreckliches Gef&amp;uuml;hl. Ich wollte dann nur f&amp;uuml;r ein Jahr zur&amp;uuml;ckgehen. Bin aber irgendwie h&amp;auml;ngen geblieben. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Ich vermisse es nicht, mir selbst als Teenager zu begegnen&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42823.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;1992 gewann sie als 31-J&amp;auml;hrige in Klagenfurt den  Bachmann-Preis mit einer Geeschichte &amp;uuml;ber eine 31-J&amp;auml;hrige, deren  Verh&amp;auml;ltnis zum Vater von inzestu&amp;ouml;sen Leidenschaften gepr&amp;auml;gt ist.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wann war das?&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt; 1987. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In, ausgerechnet, Frankfurt.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;H&amp;auml;tte Berlin nicht n&amp;auml;hergelegen? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Vielleicht. Aber ich hatte ja bereits in einer Stadt mit wahnsinniger Energie gelebt. Ich war nicht auf der Suche nach einem neuen Lebensanfang, auch nicht nach einer Stadt, die all das Erlebte noch &amp;uuml;berbieten k&amp;ouml;nnte. Also kam ich nach Frankfurt: nicht aufregend und nicht h&amp;uuml;bsch, aber gut gelegen und nicht so kalt. Und letztlich sitze ich hier wie dort in meinem kleinen Zimmer, an meinem kleinen Schreibtisch, und mache meine Arbeit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In Ihren Geschichten beleuchten Sie Beziehungen in verschiedenen Konstellationen: Freundin und Freundin, Eltern und Kinder, Mann und Frau. Igeln Sie sich ein, wenn Sie sie aufschreiben, oder suchen Sie Gesellschaft? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich gehe gern mit Menschen um, bin niemand, der sich abschottet. Eine Weile lang bin ich sogar regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig zu Massenveranstaltungen oder &amp;uuml;berf&amp;uuml;llten Orten gegangen, auf die Frankfurter Zeil etwa oder in die Kaufh&amp;auml;user, weil ich dachte, ich muss mich dieser vereinnahmenden Realit&amp;auml;t stellen, weil ich dahinter immer noch irgendetwas vermutete. Das tue ich jetzt nicht mehr. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Ist es Ihnen wichtig, mit vielen Generationen in Kontakt zu sein? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eigentlich schon. Mit der mir direkt folgenden Generation bin ich es, weil ich keine Kinder habe, eher auf eine permanent hinterfragende Art. Ein bisschen schade. Andererseits kann ich mich gut erinnern, wie ich auf die Eltern losgegangen bin. Ich vermisse es nicht, mir selbst als Teenager zu begegnen, eher der heutigen, r&amp;uuml;cksichtsvolleren Variante. Es gibt Situationen, in denen man sich Kinder w&amp;uuml;nscht, und andere, in denen man erleichtert ist, dass es ist, wie es ist. Ich denke, es w&amp;auml;re schwer, in meinem Leben alles unter einen Hut zu bringen. Ein Kind ist f&amp;uuml;r mich etwas sehr Ausschlie&amp;szlig;liches. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sie sind als zweitj&amp;uuml;ngste von vier Schwestern aufgewachsen &amp;ndash; Johanna und Theresia, die auch schreiben, sowie die Schauspielerin Franziska. Wie hat Sie das gepr&amp;auml;gt? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Von Anfang an war klar: Ich bin nicht allein auf der Welt &amp;ndash; im Guten wie im Schlechten. Man liebt und hasst, und auf jeden Fall lernt man viel voneinander. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W&amp;auml;ren Sie heute gern Kind?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich wei&amp;szlig; nicht. Es prasselt sehr viel auf die Kinder ein. Die wunderbarsten Momente meiner Kindheit waren die, als ich mit unserem Cockerspaniel im staubigen Kies im Hof lag, da war nichts sonst, und das war sch&amp;ouml;n. Ich durfte mir noch die F&amp;uuml;&amp;szlig;e verbrennen auf dem hei&amp;szlig;en Teer. Ich habe das Gef&amp;uuml;hl, dass die Eltern ihren Kindern heute weniger gestatten, sich von allein zu entwickeln, sie sollen st&amp;auml;ndig optimiert und strukturiert werden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Besch&amp;auml;ftigen Sie sich mit dem &amp;Auml;lterwerden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es besch&amp;auml;ftigt sich eher mit mir. Ich habe es nicht als mein zentrales Thema auserkoren. Mich interessiert die Zeit, die Verg&amp;auml;nglichkeit, aber mehr noch der Augenblick. Der Augenblick, den man beim Schreiben so unendlich ausweiten kann.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Weil genau das verhindert, dass man zu viel &amp;uuml;ber Dinge wie Alter nachgr&amp;uuml;belt? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Wenn die Spanne, die man vor sich hat, schrumpft, und die, die man hinter sich hat, w&amp;auml;chst, versucht man, das nachzuempfinden, und denkt: Jetzt bin ich hier. Die Wahrnehmung im Jetzt, dieses Fl&amp;uuml;chtige, nicht Greifbare: sich das zu vergegenw&amp;auml;rtigen, das hat schon in meinen fr&amp;uuml;heren Texten eine Rolle gespielt. Und diese Vorstellung, dass das Jetzt existieren k&amp;ouml;nnte, turnt mich an, auch wenn ich wei&amp;szlig;, dass es nur eine Illusion ist. Aber ich habe Illusionen gern. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;Ich dachte fr&amp;uuml;her immer, ich brauche das Meer&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/42825.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Vater und Tochter Walser stellen 2007 in einer M&amp;uuml;nchner  Galerie Zeichnungen vor, die Alissa Walser f&amp;uuml;r den ersten Gedichtband  ihres Vaters, Das geschundene Tier, angefertigt hat. Die Gedichte  erschienen zu Martin Walsers 80. Geburtstag&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;Sie arbeiten auch als &amp;Uuml;bersetzerin, haben zum Beispiel die lebensverzweifelte Sylvia Plath ins Deutsche &amp;uuml;bersetzt. In Ihren eigenen Texten schneiden Sie Trauriges an &amp;ndash; aber es wird nie schlimm. Stimmt das Gef&amp;uuml;hl: Es schreibt ein gl&amp;uuml;cklicher Mensch? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Die Abscheulichkeiten des Lebens interessieren und treffen mich nicht weniger intensiv als das Gl&amp;uuml;ck. F&amp;uuml;r mich ist es aber lebensnotwendig, entschieden zu haben, dass der erste Impuls zu einem Text ein klares Ja ist. Man begegnet, wie Sylvia Plath sagen w&amp;uuml;rde, w&amp;auml;hrend des Schreibens immer auch seinen eigenen D&amp;auml;monen, und es gibt keinen, der einem sagt, wie man damit umgehen soll. Das muss man rausfinden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und, wie machen Sie das? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich finde immer Punkte, wo ich Kraft herbekomme. Ich gucke auf das Fell meines Hundes, seine h&amp;uuml;bsche gefleckte Schnauze und freue mich. Kleine Sachen, die ich wichtig nehme, die sehr viel bewirken und verschieben k&amp;ouml;nnen in meiner Wahrnehmung. Ich dachte fr&amp;uuml;her immer, ich brauche das Meer. Inzwischen finde ich das Sch&amp;ouml;ne auch in Hotellobbys, im Zug, im Regenwald &amp;ndash; das Leben hat immer solche Hebelwirkungen f&amp;uuml;r mich bereit. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Da Sie auch einen anderen kennen &amp;ndash; was ist das Beste an diesem Beruf? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Das Sch&amp;ouml;ne ist, dass man etwas herstellen kann, ohne diesen riesigen Aufwand an Material, bei dem bei mir, noch bevor das Werk fertig ist, das schlechte Verbrauchergewissen angesprungen ist. Wenn mir fr&amp;uuml;her als Kind langweilig war und es war ein toller Winter, bin ich raus und habe ein Schneepferd gebaut. So hoch, dass ich draufsitzen konnte. Am Hals war es schwierig, der brach manchmal ab, aber es gab Schneeverh&amp;auml;ltnisse, in denen es gelang. Und dann stand es da, und ich konnte draufklettern und von oben runterschauen. Ein erhebendes Gef&amp;uuml;hl. Beim Schreiben geht es mir &amp;auml;hnlich. Das ist vielleicht ein nicht ungef&amp;auml;hrliches Bild; aber ich habe das Gef&amp;uuml;hl, meine Welt w&amp;uuml;rde dadurch weiter und sch&amp;ouml;ner.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;---&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bio:&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Alissa Walser&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;* 24. Januar 1961&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Alissa Walser schultert ihr etwas      kompliziertes Erbe &amp;ndash; schriftstellernde Tochter eines Superschriftstellers      zu sein &amp;ndash; erfolgreich, ziemlich anmutig und sehr diskret. Sie kam am      Bodensee zur Welt, als Tochter von Martin und K&amp;auml;the Walser, studierte      Malerei in Wien und New York. Sie hat drei Schwestern und, wie seit      2009 offiziell, einen Halbbruder, den Journalisten Jakob Augstein. Ihre      Geschichten haben einen intimen, leise humorvollen Ton und wurden von der      Kritik hoch gelobt. 2010 erschien ihr erster Roman &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Am_Anfang_war_die_Nacht_Musik+Alissa_Walser/5466081.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Am Anfang war die Nacht      Musik&lt;/a&gt;, 2011 ihr Kurzgeschichtenband &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Immer_ich+Alissa_Walser/7420865.do&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Immer Ich&lt;/a&gt; (bei Piper). Alissa Walser      ist mit dem Lyriker Sascha Anderson verheiratet. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Die 50-jährige Alissa Walser</dc:subject>
    <dc:creator>Rebecca Casati (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2012-03-09T12:00:00+01:00</dc:date>
  </item>

  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36811">
    <link>http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36811</link>
    <title>Eine kurze Geschichte der kurzen Geschichte</title>
    <description>&lt;p&gt;Am 8. Januar wird Stephen Hawking 70. Sein Hauptwerk &lt;em&gt;Eine kurze Geschichte der Zeit&lt;/em&gt; wurde zu einem Bestseller. Und zur Inspiration f&amp;uuml;r Sachb&amp;uuml;cher      aller Art. Eine kurze &amp;Uuml;bersicht.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39825.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt; Stephen Hawking ist Astrophysiker und seit &amp;uuml;ber 50 Jahren den Bausteinen des Universums auf der Spur.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Erde &amp;ndash; von Tieren und Menschen, ihren Taten und Daten&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Gert Hermani&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;von fast allem&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Bill Bryson&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Kosmos&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Ken Wilber&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Buddhismus&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Edward Conze&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Spekulation&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von John Kenneth Galbraith&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Philosophie&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Robert C. Solomon und Kathleen M. Higgins&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte&amp;nbsp;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;der Erde &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;von J. D. Macdougall&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Klimas&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Karl-Heinz Ludwig&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Cahiers&lt;/strong&gt; &lt;strong&gt;du Cin&amp;eacute;ma&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Emilie Bickerton&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Sprachen&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Tore Janson&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Unendlichkeit&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Paolo Zellini&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Musik&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Christiane Tewinkel.&lt;/em&gt; Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Mythos&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Karen Armstrong&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Abendlandes in 12 Bauwerken&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Edward Hollis&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Demokratie&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Luciano Canfora&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;von Gott&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Walter-J&amp;ouml;rg Langbein&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der mittelalterlichen Philosophie&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Jos Decorte&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Fortschritts&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Ronald Wright&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Geldes&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von S&amp;ouml;ren Wolff&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Unterrichts&lt;/strong&gt; v&lt;em&gt;on Siegfried Protz und Detlef Z&amp;ouml;llner.&lt;/em&gt; Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der allt&amp;auml;glichen Dinge&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Bill Bryson&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der integralen Spiritualit&amp;auml;t&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Ken Wilber&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der Zukunft&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Stephen Clarke&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Ersten Weltkriegs&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Michael Howard&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der B&amp;auml;ren&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Bernd Brunner&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Universums&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von K. C. Cole&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;der &amp;ouml;konomischen Unvernunft&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Bernd Ziesemer&lt;/em&gt;. Eine kurze Geschichte &lt;strong&gt;des Wanderns&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;von Dirk Sch&amp;uuml;mer.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hawkings Buch &lt;em&gt;Eine kurze Geschichte der Zeit &lt;/em&gt;finden Sie &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/search/SimpleSearchRH.do;jsessionid=ED36EE6041E45D2D1E8B406039CE1765.rilke:9009?save=true&amp;amp;searchTerm=Eine+kurze+Geschichte+der+Zeit&amp;amp;x=6&amp;amp;y=14&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;hier&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>Eine kurze Geschichte der kurzen Geschichte</dc:subject>
    <dc:creator></dc:creator>
    <dc:date>2012-01-04T17:00:00+01:00</dc:date>
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  <item rdf:about="http://sz-magazin.sueddeutsche.de//texte/anzeigen/36725">
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    <title>»Auf meinen Namen war ich immer stolz«</title>
    <description>&lt;p&gt;Wie f&amp;uuml;hlt es sich an, wenn man hei&amp;szlig;t wie eine ber&amp;uuml;hmte Figur der      Literaturgeschichte? Ein Treffen mit Felix Krull, Wilhelm Meister und      Katharina Blum.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39345.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Drei Helden unter einem Dach: Felix Krull muss sich unter ungekl&amp;auml;rten Umst&amp;auml;nden das Penthouse gesichert haben.&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Frau Blum, Herr Krull, Herr Meister: K&amp;ouml;nnen Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie bemerkt haben, dass Sie einen besonderen Namen tragen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix Krull:&lt;/strong&gt; F&amp;uuml;r mich war der Name lange Zeit nichts Besonderes. Mein Vater hie&amp;szlig; auch Felix Krull, und der wurde 1894 geboren, lange bevor Thomas Mann den Roman geschrieben hat. Aber in der Schule fiel ich auf. Ich muss 13 oder 14 Jahre gewesen sein, als mich mein Deutschlehrer angesprochen hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was hat er gesagt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; &amp;raquo;Du bist also Felix Krull, da m&amp;uuml;ssen wir aber aufpassen, dass alles mit rechten Dingen zugeht.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Katharina Blum:&lt;/strong&gt; Bei mir war es so, dass ein Klassenkamerad das Buch in der Schulbibliothek entdeckt, das Cover kopiert und im Flur aufgeh&amp;auml;ngt hat, allerdings mit einer leichten &amp;Auml;nderung: Statt &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/search/SimpleSearchRH.do;jsessionid=14480EB8712A0B617F2E957F917A3CDB.kafka:9009?save=true&amp;amp;searchTerm=Die+verlorene+Ehre+der+Katharina+Blum&amp;amp;x=0&amp;amp;y=0&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Die verlorene Ehre der Katharina Blum&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; stand da &lt;em&gt;Der verlorene Erich der Katharina Blum&lt;/em&gt;. Erich war ein Klassenkamerad, der sich in mich verliebt hatte. Sp&amp;auml;ter haben wir das Buch dann im Unterricht gelesen. Es war f&amp;uuml;r die meisten Pflichtlekt&amp;uuml;re.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wilhelm Meister:&lt;/strong&gt; Ich war in der f&amp;uuml;nften Klasse, als mein Musiklehrer zu mir sagte: &amp;raquo;Wilhelm, wei&amp;szlig;t du eigentlich, dass es von Goethe ein Buch gibt, das deinen  Namen im Titel hat?&amp;laquo; Ich hatte noch nie davon geh&amp;ouml;rt, meine Eltern auch nicht. Ich glaube, dass die wenigsten das Buch kennen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Haben Sie es inzwischen gelesen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Ehrlich gesagt, nein, ich bin keine gro&amp;szlig;e Leseratte. Mein letztes Buch ist zwei Jahre her, aber ich habe mir vor unserem Gespr&amp;auml;ch die Zusammenfassung bei Wikipedia angeschaut und ein bisschen reingelesen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und?&lt;br /&gt; Meister:&lt;/strong&gt; Ich habe mich schwer getan mit dem altert&amp;uuml;mlichen Deutsch, manche W&amp;ouml;rter habe ich gar nicht verstanden. Und d&amp;uuml;nn ist das Buch auch nicht gerade, es hat bestimmt 400 Seiten, oder? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Eher 700. Und das sind nur &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/search/SimpleSearchRH.do?save=true&amp;amp;searchTerm=Wilhelm+Meisters+Lehrjahre&amp;amp;x=0&amp;amp;y=0&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Wilhelm Meisters Lehrjahre&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, es gibt auch noch die &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/search/SimpleSearchRH.do?save=true&amp;amp;searchTerm=Wilhelm+Meisters+Wanderjahre&amp;amp;x=0&amp;amp;y=0&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Wanderjahre&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;. &lt;br /&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Trotzdem stehen die B&amp;uuml;cher ab jetzt auf meiner To-do-Liste, es gibt n&amp;auml;mlich durchaus Parallelen: Felix, Wilhelms Sohn, ist drei Jahre alt, meine Tochter auch. Und Wilhelm war viel unterwegs. Ich reise auch dauernd. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Ich habe 1957 zuerst den Film gesehen, &lt;a href=&quot;http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/search/SimpleSearchRH.do?save=true&amp;amp;searchTerm=Bekenntnisse+des+Hochstaplers+Felix+Krull&amp;amp;x=0&amp;amp;y=0&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, mit Horst Buchholz und Liselotte Pulver. Ich war 15, der Film aber erst ab 16, also bin ich mit meinem Vater ins Kino gegangen. Und als die erotischen Szenen kamen, habe ich mir schon gedacht: Das muss ich mal im Original nachlesen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Felix Krull ist ein charmanter Blender. Wollten Sie nach der Lekt&amp;uuml;re so werden wie die Romanfigur? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Die Lebensweise von Felix Krull ist nicht die korrekte, aber eine von vielen. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, mich nicht so durchzuschl&amp;auml;ngeln, sondern aufrecht durchs Leben zu gehen. Ich wollte nie d&amp;uuml;nne Bretter bohren, sondern durch Leistung &amp;uuml;berzeugen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39346.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Wilhelm Meister, geboren 1985, lebt in D&amp;uuml;sseldorf und studiert Kommunikations- und Multimediamanagement. Wie sein literarischer Namensvetter ist er viel gereist, unter anderem quer durch Australien und Afrika. Goethes &amp;raquo;Wilhelm Meisters Lehrjahre&amp;laquo;, 1795 erschienen, gilt als erster gro&amp;szlig;er Bildungsroman der Literaturgeschichte. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Im Zuge der Plagiatsaff&amp;auml;re wurde Karl-Theodor zu Guttenberg mehrfach mit Felix Krull verglichen. &amp;raquo;Die Bundeswehr darf nicht mehr von einem Felix Krull kommandiert werden&amp;laquo;, forderte J&amp;uuml;rgen Trittin im Bundestag.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Beide Helden &amp;auml;hneln sich, da sie sich selbst &amp;uuml;bersch&amp;auml;tzen und ihre Mitmenschen untersch&amp;auml;tzen. Bei Guttenberg ist das wohl teilweise Ausdruck eines immanenten Standesd&amp;uuml;nkels. Beide vertrauen auf ihre Beredsamkeit und ihr Charisma, sind aber oberfl&amp;auml;chliche Blender mit wenig Tiefgang.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Heinrich B&amp;ouml;lls Roman kam 1974 heraus. Sie, Frau Blum, sind 1984 geboren. Kannten Ihre Eltern das Buch?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Ja, aber das muss nichts hei&amp;szlig;en, Katharina war damals ein Modename. Obwohl &amp;ndash; meine Eltern haben gegen Atomkraft demonstriert, waren bei der Demo gegen den Nato-Doppelbeschluss 1981 in Bonn dabei &amp;ndash; mein Vater erz&amp;auml;hlt noch heute, wie begeistert er von B&amp;ouml;lls Rede war. Mein Vater trug damals lange Haare und Vollbart, bei Kontrollen wurde er regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig rausgezogen. Schon m&amp;ouml;glich, dass er das Buch im Kopf hatte, als es darum ging, einen Namen f&amp;uuml;r mich zu finden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Tochter als Waffe gegen das Establishment?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Die Frage habe ich ihm vor ein paar Tagen auch gestellt. Er meinte, deshalb habe er mich nicht Katharina genannt, aber reiner Zufall war es wohl auch nicht.&lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Diese zweifelhaften M&amp;auml;nnerbekanntschaften, das w&amp;auml;re nicht mein Ding&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39344.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Felix Krull, 1942 in S&amp;uuml;dostpreu&amp;szlig;en geboren, war bis 2008 Professor f&amp;uuml;r Mechatronik (Feinmechanik) in Kiel. Thomas Manns &amp;raquo;Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull&amp;laquo; ist eine Parodie auf den klassischen Bildungsroman. Ber&amp;uuml;hmt wurde auch die Verfilmung mit Horst Buchholz und Liselotte Pulver.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&amp;raquo;Die Gewalt von Worten kann schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen&amp;laquo;, sagt B&amp;ouml;ll, der mit &lt;em&gt;Die verlorene Ehre der Katharina Blum&lt;/em&gt; eine Kampfschrift gegen die Methoden der &lt;em&gt;Bild&lt;/em&gt;-Zeitung verfasst hat. Sie sind selbst Sportjournalistin. Haben Sie schon mal &amp;uuml;berlegt, sich bei der &lt;em&gt;Bild &lt;/em&gt;zu bewerben? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Bisher nicht, aber vielleicht ja in ein paar Monaten, wenn mein Volontariat vorbei ist. Nat&amp;uuml;rlich finde ich nicht alles gut an &lt;em&gt;Bild&lt;/em&gt;, es gibt aber auch Dinge, die ich bewundere, zum Beispiel die Kreativit&amp;auml;t der Leute dort; aber Zitate f&amp;auml;lschen, wie der Journalist im Roman, das w&amp;uuml;rde ich nie im Leben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Glauben Sie, dass Sie eine Chance h&amp;auml;tten, f&amp;uuml;r den Springer-Verlag zu arbeiten? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Die Frage ist, wie bekannt der Name dort ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Sehr bekannt. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum: &lt;/strong&gt;Aber bei wie vielen Lesern w&amp;uuml;rde er wirklich eine Erinnerung ausl&amp;ouml;sen? Das Buch kennen doch von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen. Pflichtlekt&amp;uuml;re ist es auch nicht mehr.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Es k&amp;ouml;nnte also schon der Fall eintreten, dass Sie in K&amp;uuml;rze ein Schreiben aufsetzen: &amp;raquo;Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Katharina Blum, ich w&amp;uuml;rde gern f&amp;uuml;r die &lt;em&gt;Bild&lt;/em&gt;-Zeitung arbeiten&amp;hellip;&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Wenn ich kein anderes Angebot kriege, vielleicht. Ich wei&amp;szlig; aber noch nicht, wie ich es meinem Vater sagen w&amp;uuml;rde. Er r&amp;uuml;hrt die &lt;em&gt;Bild&lt;/em&gt; bis heute nicht an. Eine Bewerbung bei der &lt;em&gt;Sport-Bild&lt;/em&gt; w&amp;uuml;rde er aber akzeptieren. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Haben Sie Ihre Namen bislang eher als Hypothek oder als Vorteil empfunden? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Er hat auf jeden Fall immer eine Rolle gespielt. Auch an der Hochschule wurde ich manchmal der Schummelei bezichtigt, aus Spa&amp;szlig; nat&amp;uuml;rlich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Und als Sie selbst Professor f&amp;uuml;r Mechatronik waren &amp;hellip;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;hellip; wollte sich der eine oder andere Student mit Anspielungen durch die Pr&amp;uuml;fung schl&amp;auml;ngeln. Die haben dann augenzwinkernd Sachen gesagt wie: &amp;raquo;Aber Herr Krull, jetzt mal ehrlich, Sie haben sich Ihre Dissertation doch auch erschlichen.&amp;laquo; &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Mich hat neulich ein Dozent angesprochen, der ehemalige Gesch&amp;auml;ftsf&amp;uuml;hrer des D&amp;uuml;sseldorfer Industrie-Clubs: &amp;raquo;Wilhelm Meister&amp;laquo;, sagte er, &amp;raquo;das ist aber ein toller Name.&amp;laquo; Der fand mich gleich sympathisch. Geholfen hat es nicht. Durch die Klausur bin ich trotzdem gerasselt.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Ich habe f&amp;uuml;r die Zeitung mal ein Interview mit einem Mentalcoach f&amp;uuml;r Prominente angefragt. Zuerst hat er abgesagt, aber dann fand er meinen Namen so interessant, dass er doch mitgemacht hat. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Ich versuche meinen Namen gerade als Marke aufzubauen &amp;ndash; das hat vielleicht damit zu tun, dass ich Kommunikations- und Multimediamanagement studiere. Zum Beispiel versuche ich, bei Google m&amp;ouml;glichst weit vorn zu stehen, wenn man nach &amp;raquo;Wilhelm Meister&amp;laquo; sucht. &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Stimmt, schon der dritte Link f&amp;uuml;hrt auf Ihre Homepage. Beeindruckend, wenn man &amp;uuml;berlegt, dass Sie mit einem der wichtigsten Romane der Weltliteratur konkurrieren.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Ja, man muss es schaffen, dass m&amp;ouml;glichst viele relevante Websites auf die eigene Homepage verweisen. Da gibt es ein paar Tricks, zum Beispiel kann man Links einkaufen. Ich war mal f&amp;uuml;r 48 Stunden auf Platz eins. Dann wurde ich von Goethe wieder &amp;uuml;berholt.  &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Sind Sie stolz, nach einer ber&amp;uuml;hmten literarischen Figur benannt zu sein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Auf meinen Namen war ich immer sehr stolz, weil ich Thomas Mann au&amp;szlig;erordentlich sch&amp;auml;tze. Ich habe meinen Sohn auch so genannt, und der seinen Sohn ebenfalls. Wir hei&amp;szlig;en jetzt in der vierten Generation &amp;raquo;Felix Krull&amp;laquo;. Meister: Fr&amp;uuml;her habe ich mich f&amp;uuml;r meinen altert&amp;uuml;mlichen Namen gesch&amp;auml;mt, in der Schule wurde ich sogar geh&amp;auml;nselt, inzwischen bin ich stolz auf meinen Namen, er ist etwas Besonderes. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Finden Sie Ihre Namensvettern aus den B&amp;uuml;chern sympathisch? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Ich finde es beeindruckend, wie hartn&amp;auml;ckig Katharina um ihr Recht k&amp;auml;mpft, aber diese zweifelhaften M&amp;auml;nnerbekanntschaften, das w&amp;auml;re nicht mein Ding.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull: &lt;/strong&gt;Also mir ist Felix sehr sympathisch. Wie er die Schw&amp;auml;chen der anderen erkennt und ausn&amp;uuml;tzt, das ist schon faszinierend. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vorhin haben Sie gesagt, dass Sie ihn als abschreckendes Beispiel empfunden haben. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Das eine schlie&amp;szlig;t das andere ja nicht aus. Ich finde es interessant, dass es Menschen gibt, die mit so einer Leichtigkeit durchs Leben gehen k&amp;ouml;nnen. Ich kann das nicht. Ich habe es mir immer schwer gemacht und drei&amp;szlig;ig Jahre lang oft achtzig Stunden pro Woche gearbeitet. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Eine der ber&amp;uuml;hmtesten Szenen im Roman ist der gespielte Epilepsieanfall Krulls vor der Milit&amp;auml;rkommission, der zur Ausmusterung f&amp;uuml;hrt. Waren Sie bei der Bundeswehr?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Nein, war ich nicht. Ich war nicht tauglich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Warum?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Nicht, was Sie jetzt denken. Der Jahrgang 1942 war stark besetzt, da wurde man schnell ausgemustert. Ich hatte wegen einer Verbrennung Narben auf der Brust, das hat gereicht. &lt;br /&gt;[seitenumbruch title=&quot;&amp;raquo;Die verlorene Ehre der Katharina Gnatzig&amp;laquo;&quot;]&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://sz-magazin.sueddeutsche.de/upl/images/user/8059/39343.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
 &lt;em&gt;Katharina Blum, geboren 1984 in Hannover, ist Journalistin und macht  derzeit ein Volontariat beim &amp;raquo;M&amp;uuml;nchner Merkur&amp;laquo;. Heinrich B&amp;ouml;lls Erz&amp;auml;hlung  &amp;raquo;Die verlorene Ehre der Katharina Blum&amp;laquo; aus dem Jahr 1974 ist ein  Pamphlet gegen die menschenverachtende Berichterstattung der  Springer-Presse. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Herr Meister, ein ber&amp;uuml;hmtes Zitat aus &lt;em&gt;Wilhelm Meisters Lehrjahre&lt;/em&gt; lautet: &amp;raquo;Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch.&amp;laquo; &lt;br /&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Das ist auch mein Motto. Sachen packen und los, das ist das beste Studium, das es gibt. Ich bin mit 22 f&amp;uuml;r ein Jahr nach Australien. Dort habe ich im Internet ein Video von einem Typen entdeckt, der sich in Afrika ein Auto kauft und quer durch den Kontinent f&amp;auml;hrt. Also bin ich nach Kapstadt geflogen, habe mir einen Wagen besorgt und bin Richtung Norden gefahren, ohne Ziel und ohne Plan.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Eigentlich eine zeitgem&amp;auml;&amp;szlig;e Form der Bildungsreise. Wie hat Sie diese Zeit ver&amp;auml;ndert?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Ich habe entdeckt, was auf dieser Welt alles m&amp;ouml;glich ist, und wenn es nur eine Gesch&amp;auml;ftsidee ist &amp;ndash; dass da einer an der Ecke steht und Waffeln verkauft. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Noch ein Zitat aus dem Roman: &amp;raquo;Bekanntschaften, wenn sie sich auch gleichg&amp;uuml;ltig ank&amp;uuml;ndigen, haben oft die wichtigsten Folgen.&amp;laquo; Haben Sie unterwegs Menschen kennengelernt, die Sie gepr&amp;auml;gt haben? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Gerade &amp;uuml;bernachte ich bei einem Freund, den ich aus Australien kenne. Der dreht auch Videos, gestern haben wir was zusammen gemacht, und so hat die Sache auch einen finanziellen Vorteil f&amp;uuml;r mich. Und Frauenbekanntschaften &amp;ndash; na ja, der Wilhelm aus dem Roman war ein ziemlicher Womanizer, oder?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Felix Krull &amp;uuml;brigens auch.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Ich habe mich zur&amp;uuml;ckgehalten. Ich bin seit acht Jahren mit meiner Freundin zusammen, wir haben eine gemeinsame Tochter.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; St&amp;ouml;rt es Ihre Freundin nicht, Herr Meister, dass Sie nicht verheiratet sind? Sie sehen blendend aus, sicher sind Sie ein Frauenschwarm.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Sie hat schon mal angedeutet, dass sie ganz gern heiraten w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; W&amp;uuml;rden Sie dann Ihren sch&amp;ouml;nen Namen abgeben und den Ihrer Freundin annehmen?&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Sicher nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Was w&amp;uuml;rden Sie tun, Frau Blum, wenn Ihr Freund Sie um Ihre Hand bitten w&amp;uuml;rde?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Schwierig, irgendwie h&amp;auml;nge ich doch an meinem Namen. Leider ist der Vater meines Freundes Ahnenforscher, ich glaube, der w&amp;uuml;rde es nicht ertragen, wenn mein Freund meinen Namen annehmen w&amp;uuml;rde.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie hei&amp;szlig;t Ihr Freund mit Nachnamen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Gnatzig.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gnatzig?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Ich wei&amp;szlig;. Nicht so sch&amp;ouml;n.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die verlorene Ehre der Katharina Gnatzig. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Fr&amp;uuml;her hat mich mein Name genervt, wegen der vielen Fragen, &amp;raquo;Kennst du das Buch?&amp;laquo; und so weiter. Ich konnte auch lange keine E-Mail-Adresse finden. Alles mit &amp;raquo;Katharina Blum&amp;laquo; war schon weg. Ich bin dann bei Arcor gelandet, da war noch was frei.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wilhelm Meister, welche Mailadresse haben Sie? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; mail@wilhelmmeister.de. Ist leicht zu merken. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Adresse war noch frei? &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Meister: &lt;/strong&gt;Das hat mich auch gewundert, www.wilhelmmeister.com gab es auch noch, ich habe mir beide Adressen gesichert. Die geh&amp;ouml;ren jetzt mir. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Ich hatte nie ein Problem mit der E-Mail-Adresse. Aber soweit ich wei&amp;szlig;, sind wir auch die einzigen Felix Krulls in Deutschland. Es gibt zwar noch einen Rapper, der sich Felix Krull nennt, aber das ist sicher ein K&amp;uuml;nstlername.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;Frau Blum, haben Sie auch so einen Hang zu kriminellen Abenteurern wie B&amp;ouml;lls Katharina?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Weniger. Mein Freund hat Maschinenbau studiert und promoviert gerade.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W&amp;uuml;rden Sie wie B&amp;ouml;lls Katharina Blum aus Liebe eine Straftat begehen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Das kann ich mir schon vorstellen, aber bis zum Mord w&amp;uuml;rde ich nicht gehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Aber bis zur Beherbergung und Beihilfe zur Flucht?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das glaube ich schon. Wenn die Liebe sehr gro&amp;szlig; ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Also, wenn Herr Gnatzig pl&amp;ouml;tzlich fliehen m&amp;uuml;sste, weil er seine Promotion durch Betrug erworben h&amp;auml;tte &amp;hellip; &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Das w&amp;uuml;rde er nie tun. Das passt nicht zu ihm. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gibt es eigentlich eine literarische Figur, nach der Sie lieber benannt w&amp;auml;ren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Krull:&lt;/strong&gt; Also, ich bin mit meinem Namen zufrieden.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Meister:&lt;/strong&gt; Lucky Luke. Habe ich als Kind immer gelesen. Ein cooler Typ, au&amp;szlig;erdem hat er die gleiche Tolle wie ich. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Blum:&lt;/strong&gt; Pippi Langstrumpf vielleicht. Die hat auch viele Abenteuer erlebt, aber wenigstens lustige.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:subject>»Auf meinen Namen war ich immer stolz«</dc:subject>
    <dc:creator>Andreas Bernard und Tobias Haberl (Interview)</dc:creator>
    <dc:date>2011-12-14T12:00:00+01:00</dc:date>
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